Posts Tagged “Odense Internationale Film Festival”

Mit einem wohlig-warmen Gefühl blicke ich zurück auf letztes Jahr, als ich zum OFF-Kurzfilmfestival ins dänische Odense gereist bin. Eine Stadt, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Menschen, mit denen ich noch heute in Kontakt stehe. Eine geradezu elektrisierende Atmosphäre, und tolle, tolle Kurzfilme aus aller Welt.

Dieses Jahr bin ich nicht dabei, es ist sich nicht ausgegangen. Schade, denn Odense war großartig. Und ich bin überzeugt, dass dieses Jahr ebenso fantastisch wird!

Ab heute ist es wieder soweit: Das OFF 2011, also das Odense Internationale Filmfestival 2011, wird die 167.000-Einwohner-Stadt auf der Insel Fünen mit einem fünftägigen Filmmarathon und kostenlosem Eintritt auf den Beinen halten. Vom 22. August bis 27. August laufen jede Menge kurzer Meisterwerke, Filme, die man sonst nicht so ohne weiteres zu sehen bekommen. Doch genau diese Filme öffnen den großen Regisseuren von morgen heute die Türen. Die knisternde Atmosphäre in der Brandts Klædefabrik gibt’s nicht überall, soviel ist klar.

Wer meine Erlebnisse (nebst Videos) vom letzten Jahr nachlesen will, oben bei den Tags einfach auf das Filmfestival klicken, schon habt Ihr alle Blogposts dazu. Und den Dänen möchte ich mit Googles Hilfe noch zurufen:

Kære arrangører og de ansatte i Odense Internationale Film Festival, jeg ønsker dig alt det bedste til dette års filmfestival! Held og lykke, god film, men først og fremmest masser af sjov! Toi toi toi!

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Ein schönes Video ist da vom Odense Filmfestival zusammengekommen, ein paar hübsche Eindrücke von der Woche im Sommer, die ich dort verbracht habe. Zum Glück bin ich nicht drauf zu sehen…

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Der Samstag hat eigentlich nichts mehr mit dem Festival zu tun. Ich hatte meinen Koffer schon vor der gestrigen Gala so weit wie möglich gepackt, weil die Volunteers mich mehrfach dazu verpflichtet hatten, dass wir nochmal so feiern gehen würden wie am Mittwoch. Daher war mir klar, dass ich nicht viel Schlaf bekommen würde.

Nach der Gala jedoch waren von den Volunteers, die mir eigentlich Bescheid geben wollten, nur noch zwei vor Ort gewesen, die anderen angeblich schon in Den Smagløse vorgegangen. Also hatte ich meine Abschiedsrunde begonnen, meine letzten Karten in treue Hände gegeben, Nummer und Mailadresse auf Zettel geschrieben, wann immer jemand das wünschte. Schließlich wollte mich einer der jungen Männer vom Festival mit zur Kneipe nehmen. Er hatte zwischenzeitlich noch zwei junge Schwedinnen zum Mitgehen eingeladen, die als Regie-Duo einen Film im Festival gehabt hatten, der jedoch leer ausgegangen war. Zu viert waren wir dann schwatzend und witzelnd durch die kalte, dunkle Stadt marschiert, die zum Wochenende jedoch plötzlich ein völlig anderes Bild bot: Anstatt leergefegt und starr durch die Nacht zu gleiten, pulsierten die Straßen und Gassen mit Nachtleben. Trauben von Menschen bewegten sich von Kneipen in andere Kneipen (der sprichwörtliche Pub Crawl) oder tranken ihr Øl gleich auf der Straße. Es wurde Gitarre gespielt, geknutscht oder auch einfach nur Fangsti unter Angetrunkenen gespielt. Alles friedlich, alles sympathisch, es war nur leider einen Tick zu kalt im Freien für meinen Geschmack.

Der junge Volunteer hatte erklärt, dass Den Smagløse nun schon zu hätte, und wir uns nun direkt zum Boogie’s begeben würden, woraufhin die eine Schwedin erklärte, dass sie nun doch lieber ins Hotel gehen würde, denn es sei schon fast drei. Ich hatte beschlossen, doch noch auf maximal ein Bier mitzugehen, aber keinesfalls mehr (mit diesem Vorsatz fangen manch großartige Nächte an). Vor dem Club waren nun zwei Türsteher gestanden, und es hätte auch noch 40DKK Eintritt gekostet, was mir zuviel gewesen war. Auch hätte ich dann noch nach Rauch gestunken, da ich keine andere saubere Hose mehr übrig hatte. Also waren der Begleiter und die verbleibende Schwedin eben zu zweit in den Club gegangen, mit der Auflage, die anderen kurz rauszuschicken, damit ich mich verabschieden könne.

Während die beiden sich also in den Club vorarbeiteten, hatte ich vor der Tür gestanden und gewartet. Dort stand noch ein völlig betrunkener Däne, der plötzlich das Gespräch mit mir suchte, dabei aber so langsam war, dass ich das, was er mir sagen wollte, schon minutenlang im Voraus wusste, bevor er endlich zum Punkt kam. Ein sehr seltsames Gespräch, und für mich eher langweilig, obwohl der arme Däne natürlich nichts dafür konnte, dass meine Denkmaschine nicht so eingebremst war wie seine. (Ich hab halt über 20 Jahre Wiesn-Training – oder er hatte einfach dermaßen viel getrunken, dass er eigentlich nicht mehr hätte stehen können dürfen…)

Schließlich war der Volunteer wieder rausgekommen und hatte mir mitgeteilt, dass keiner der anderen da sei, er wüßte auch nicht, wo die alle hin seien. Ich hatte ihn daraufhin gebeten, entsprechend herzliche Grüße von mir an alle auszurichten, es war eine tolle Zeit und so weiter, und mich von ihm in Vertretung für alle verabschiedet. Ich würde ihn (und die anderen) aller Wahrscheinlichkeit nie wiedersehen, daher war das ein sehr emotionaler Moment für uns beide.

Am nächsten Morgen traf ich ihn dann doch wieder, und zwar beim Frühstück im Hotel, nebst peinlich berührter Schwedin. Uns allen fehlten irgendwie die Worte, also machte ich es kurz und verabschiedete mich einfach nochmal.

Mit dem Zug ging es nach Kopenhagen (Direktverbindung zum Flughafen, ein wesentlich coolerer Anschluss als die schreckliche Münchner S-Bahn, das wäre nur vom Transrapid zu toppen gewesen), doch ab hier ging mein Tag erstmal abwärts.

Am Flughafen quetschte mich der Einchek-Computer auf einen beliebigen Sitzplatz, ich gab das Gepäck auf (wobei sich zweimal Leute vor mich drängelten, eines der Pärchen besaß die Frechheit, sich dann auch noch mit „es geht auch ganz schnell, versprochen“ zu entschuldigen), und ich ging zum Security Check, um noch gemütlich eine Kleinigkeit zu essen und einen Cappuccino zu schlürfen (circa 5 Euro pro Tasse ist in Dänemark normal, nicht nur am Flughafen), doch dann begegnete ich dem Leibhaftigen. Ich bin nun ein anderer Mensch.

Es fing ganz unschuldig an, wie immer eigentlich. Der Security Check befindet sich in einer langen Halle, mindestens so groß wie die Dreifach-Turnhalle einer Schule. Durch die Mitte der Halle, entlang der Länge, ist eine Trennung gezogen, bestehend aus einzelnen Garagentoren. Es befinden sich ungefähr 16 solcher Garagentore nebeneinander in der Halle. Jedes der Tore kann geöffnet oder geschlossen werden, jedes der Tore ist ein Security Checkpoint.

Man betritt die Halle an einem Ende und wird entlang eines Absperrbandes zur Hallenmitte geführt. Dort entscheidet man sich, ob man nach links oder nach rechts anstehen möchte, also sozusagen für die Tore 1-8 oder 9-16.

Ich entschied mich für links, wo die Tore 1, 2, 3 und 5 geöffnet waren. Mit einem Blick sah ich, dass die Schlange für Tor Nummer 5 (also die Schlange ganz rechts), die kürzeste war. Also wählte ich diese Schlange und stellte mich an.

Leider waren die Schlangen nicht voneinander durch Absperrbänder getrennt. Da die meisten anderen Reisenden nach wenigen Minuten auch realisierten, dass die Spuren kürzer wurden, je weiter rechts sie lagen, drängelten sie sich bald ao unauffällig wie möglich nach rechts. Wer schlau war, blieb ganz links, also in der längsten Schlange, und war nach 20 Minuten durch die Kontrolle. Wer ich war, schlug sich rund anderthalb Stunden mit Unzahlen von drängelnden Touristen herum, die ständig von hinten links an einem vorbeischulterten – all dies vollzog sich in extremer Zeitlupe – und dabei sämtliche Register der Unschuld zogen. Kinder wurden als Rammböcke benutzt, um sie wie einen Keil zwischen die rechtmäßigen Mitglieder der rechten, kurzen Schlange zu treiben. Chinesische Omas, die sich sonst mit solchen Menschenmengen in hundertfach größerer Proportion herumschlagen mussten, blickten unverwandt in die Gegend und arbeiteten sich so in stoischer Gelassenheit von einer Position zehn Meter links hinter mir und zwei Schlangen weiter bis zu ihrer neuen Position fünf Meter vor mir in meiner eigenen Schlange vor. Immer wieder zog mitten in der Menge einer ostentativ seinen Boarding Pass und bedeutete den mit ihm Wartenden, wie nett das Warten doch mit all ihnen gewesen wäre, er müsse jetzt aber leider gehen, seine Boarding Time sei gekommen und daher müsse man ihn nun wohl oder übel vorlassen, und begann, sich nach vorne zu pumpen.

Hätte man eine Kamera unter der Hallendecke befestigt und zwei Stunden Film auf eine Minute zusammengerafft, hätte man garantiert auf einen Blick erkannt, dass rund 70% der Anstehenden sich letztlich um den nächstliegenden Checkpoint (Nr. 5) drängeln, während die restlichen Fluggäste sich die drei anderen Checkpoints teilen und uns dabei alle überholten. Leider war ich während des Anstehens selbst nicht sicher, ob das auch wirklich stimmte, und traute mich nicht, aus der Schlange (mittlerweile eine Menschentraube, stets frisch gefüttert mit neuen Zugladungen Reisender) auszuscheren und mich einfach neu in der linken Schlange anzustellen.

Ich war ziemlich geladen und stinksauer. Nicht nur wegen meines Schlafmangels, der Aussicht auf einen Sitzplatz ohne Beinfreiheit und der drängelnden Dänen beim Koffer-Aufgeben, sondern auch wegen der unglaublich beschämenden Organisation dieses Security Checks. Ich wollte schreien, bald Drängler aus dem Weg schubsen, chinesische Omas, die nur halb so groß wie ich waren, in Grund und Boden brüllen, diesen ganzen falschen Fuffzigern, die mit billigen Tricks versuchten, sich vorzudrängeln, die Meinung geigen. Die ganze Woche war so perfekt gewesen, und jetzt musste alles auseinanderfallen! Doch ich beherrschte mich, ich bin ja gut erzogen.

Schließlich bemerkte ich, wie sich von weiter hinten aus der Schlange ein Mann löste und von der falschen Seite aus zum Förderband trat, auf das man seine Sachen legen musste. Er fragte einen der Security-Leute etwas, dieser bedeutete ihm dann, doch schnell zu ihm herumzukommen. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bereits zum Ende des Förderbandes vorgearbeitet, wo ich nur noch rund 20 Leute vor mir hatte, die sich in einer Traube um die Stelle drängelten, wo die Körbe für Jacken und Taschen aus einem Schacht kamen. Alle Galanz war vergessen, hier ging es um Korb oder Leben. Von hinten kämpfte sich der Mann vor, seine Frau im Schlepptau, und drängelte sich völlig schamlos an den Leuten vorbei. Als er zu mir kam, bat er mich, ihn durchzulassen, er hätte gleich Boarding Time. Und da ich so geladen war wie selten, sagte ich „No way, forget it“. Er meinte wohl, dass ich ihn falsch verstanden hätte und wiederholte seine Anfrage, aber mir war alles egal, ich hätte mich auch auf ein Duell eingelassen. Ich erklärte, dass ich ebenfalls schon ewig warte, dass Hinz und Kunz schon seit Stunden aus anderen Schlangen herüberdrängeln (hierbei deutete ich auch gleich schamlos auf Leute, die sich vorgedrängt hatten, und die das Wortgefecht beobachteten, inklusive der chinesischen Omas) und dass er von mir aus seinen Flug gerne verpassen könne, denn meinen werde ich wegen ihm sicher nicht auch noch freiwillig verpassen. Er wurde ungehalten und fuchtelte mit seinem Boarding Pass, auf dem die Boarding Time von 14:15 Uhr stand (es war mittlerweile 14 Uhr). Ich konterte, dass ich ebenfalls um exakt 14:15 meine Boarding Time hätte und daher aber auch wirklich nicht einen Grund sehe, ihn vorzulassen. Der Mann hatte keine Argumente mehr und sagte dann, na gut, dann werde er eben hinter mir warten. Ich bat ihn, das doch bitte mit dem Herrn auszumachen, der selbst bereits seit anderthalb Stunden hinter mir wartet, der wird sich sicher auch sehr freuen. Dann drehte ich mich wieder um und blickte kein einziges Mal mehr nach hinten, inständiglich hoffend, dass weder er noch seine Frau im selben Flieger, womöglich noch neben mir, sitzen würden.

Für mich war das etwas ganz besonderes, denn ich weiß nicht, ob ich je zuvor zu jemandem Nein gesagt hätte, ohne einen triftigen Grund außer meiner Unlust dafür zu haben. Normalerweise hätte ich ihn vorgelassen, allein schon, weil er gefragt hatte. Aber nach diesen 90 Minuten in einer Schlange von etwa 20 Metern Länge konnte der Mann im Grunde froh sein, dass ich ihn nicht niedergestreckt habe.

Natürlich hatte ich keine Zeit mehr, etwas zu Essen zu kaufen oder gar einen Kaffee, doch das hoffte ich an Bord zu bekommen, wie auf dem Hinflug auch. Leider war der Rückflug nur mit kostenpflichtiger Verpflegung, und 6 Euro wollte ich nicht für ein lasches Ciabattabrötchen mit einem bleichen Rad Kochschinken hinlegen. Der Kaffee dahingegen kostete nur 3 Euro, schmeckte dafür aber so bitter, dass es einem die Zehennägel aufstellte. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen, auch im Stehen kaum, so klein war das Flugzeug – siehe Foto.

Wieder in München, resümierte ich: Anreise und Filmfest so gut wie perfekt, Rückreise hat noch Kapazitäten in puncto positiver Erfahrungen frei. Dennoch würde ich sowas sofort wieder machen. Dieser Tage werde ich noch ein paar private Betrachtungen zu Dänemark bloggen.

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Notiz am Abend: Ich habe mich gerade frischgemacht und für die große Preisverleihung umgezogen. Der Koffer ist so weit wie möglich gepackt, denn nach der Gala gibt es sicher noch ein Festli und ich will morgen nicht den Zug oder den Flug verpassen, egal wie gut es mir hier in Dänemark gefällt. Daher werde ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst morgen nach meiner Heimreise, oder übermorgen, nach meiner ersten Nacht im eigenen Bett berichten können.

Da die Preise schon per Pressemitteilung bekanntgegeben wurden, veröffentliche ich diesen Artikel ferngesteuert um 19 Uhr, wenn die Gala gerade startet. Hoffentlich guckt keiner auf sein iPhone. Ich veröffentliche besser um 20 Uhr. Hier also die Gewinner: [PDF]

Mein letzter voller Tag in Odense fängt gut an: Das moldawische Zimmermädchen lobt meine Sauberkeit. Ich frage, ob andere Hotelgäste sich in ihren Zimmern etwa nicht so reinlich verhalten wie zuhause. Hart trifft mich die Erkenntnis, dass manche Menschen sich offenbar bewusst danebenbenehmen, nur weil sie wissen, dass jemand am Schluss kommt, um das ganze in Ordnung zu bringen. Allerdings wollte das Zimmermädchen nicht weiter ins Detail gehen, daher kann ich hierzu auch nichts weiter sagen.

Das nächste nennenswerte Ereignis war der brennende Toaster beim Frühstück. Auch ich gehörte zu denjenigen, die sekundenlang versonnen beobachteten, wie die Rauchschwaden über die verschiedenen Ecken und Kanten des Frühstücksraums zogen, anstatt aktiv zu werden und wenigstens den Stecker zu ziehen. Obwohl ich selbst jahrelang bei der Freiwilligen Feuerwehr war, kann ich mich im Nachhinein nur darauf herausreden, dass ich von meinem Platz den Toaster selbst gar nicht sehen konnte und eine ganze Weile dachte, es wäre Dampf von dem Würstchen-und-Speck-Behälter, der da so voluminös und irgendwie doch verdächtig schwarz aufstieg. Doch es entstand kein Schaden – zum Glück, denn das Hotel ist wunderschön – und eine resolute Küchenkraft steckte das Gerät einfach ab und nahm es mit.

Ich hatte mir den Vormittag zum Einkaufen von Mitbringseln vorgenommen, auf dem Weg jedoch gab ich die zuerst die ganzen leeren Wasser- und Limoflaschen ab, die sich in meinem Zimmer gesammelt hatten (1 Krone Pfand pro Einwegflasche). Das Geld gab ich einem Bettler, von denen es doch einige gibt in Odense. Zu Anfang der Woche hatte ich sie noch nicht bemerkt, aber nach einigen Tagen fallen einem die vielleicht vier oder fünf stark Hilfebedürftigen (oder zumindest so wirkenden) schon auf. Der Mann bedankte sich freundlich, und ich zog weiter.

Meine Geschenke erstand ich im Kramboden in der Nedergade, einem seit über 400 Jahren bestehenden Krämerladen, dessen Sortiment sich über die Jahrhunderte auch nur geringfügig gewandelt hat. Ein dermaßen beeindruckendes Erlebnis, dass ich über 100 Fotos allein im Laden geschossen habe – das eine wirklich sympathische Bild mit dem Besitzer und dem alten, pfeiferauchenden Stammkunden ist allerdings unscharf geworden, was mich unglaublich ärgert.

Auf dem Weg zum Hotel (Geschenke ablegen) und weiter zum Festival fallen mir eine Menge junger Leute auf, die in Gruppen durch die Stadt ziehen, wobei die einzelnen Gruppen nach verschiedenen Themen verkleidet sind. So gibt es Schweine, Weihnachtsmänner oder auch den Batman-Joker (nach Ledger-Lesart). Sie liefern sich Gesangsduelle oder rennen wild schreiend durch die Gassen. Ich halte so ein Gespann kurz auf und frage nach: Sie alle sind Studienanfänger der Psychologie, das neue Semester startet am Montag. Die Verkleiderei und das Gerenne durch die Stadt sind eine Tradition, um sich untereinander und auch die Stadt ein wenig kennenzulernen. Find ich ganz lustig! Allerdings dürfte es da schon bereits eine Menge zu anaylsieren geben.

Auf dem Festival gucke ich dann auch noch meine letzte Kurzfilmrolle; diesmal ist es ein Programm aus ultrakurzen Kurzfilmen des Berliner Going Underground-Festivals, das ab 2011 übrigens auch in München Fuß fassen wird. Die Zuschauer sind begeistert, auch wenn einige der Filme ohne Ton sind. (In Berlin sind sie übrigens alle ohne Ton, weil sie auf den Werbemonitoren der U-Bahnen funktionieren müssen, bisweilen gibt es Untertitel) Leider endet das Programm nach gut drei Vierteln mit einem Serverausfall, und ich gehe ins Hotel, mich frischmachen.

Die Abschlussgala mit Preisverleihung ist das Event schlechthin des ganzen Festivals. Birgitte Weinberger und Mikkel Munch-Fals, sie die Leiterin, er der Artistic Director des Festivals, sahen ihren letzten offiziellen Pflichten vor der lange nötigen und hart verdienten Ruhepause gelassen entgegen. Die Gala fand statt im Momentum Theaterhuset, wo bereits Pitch Me Baby am Mittwoch stattgefunden hatte. Diesmal waren die Tische aber aufs Festlichste eingedeckt, mit Kerzen romantisch beleuchtet. Am Platz stand sogar schon die Vorspeise bereit, eine Thunfischcreme mit feiner Zitronennote, mit Lachskaviar und Dill verfeinert, es war eine ziemliche Überwindung, nicht sofort über das leckere Essen herzufallen.

Der Saal füllt sich pünktlich und bis auf den letzten Platz, es gibt Begrüßungen und Dankesreden, natürlich hauptsächlich auf Dänisch und diesmal – wohl am ehesten wegen der Erleichterung über ein gelungenes Festival – eher selten mit vorbereiteten Untertiteln auf Englisch, und streckenweise auch eher aus dem Stegreif. Die erste Viertelstunde der Veranstaltung war zwar mit dirigiertem Applaus und sekundengenauem Ablauf sehr straff organisiert, doch als die Liveübertragung ins Nationale Fernsehen beendet ist, entspannt sich der gesamte Saal sichtlich. Die Preisverleihung (Preise siehe oben in der Einleitung) ist in zwei Teile geteilt, dazwischen liegt der Hauptgang (ein reiches Buffet mit Kalb, Huhn, Gemüsen und Salaten). Der Gewinner des Pitch Me Baby-Preises, Oliver Zahlke, sitzt bei uns am Tisch, und ist sichtlich gerührt, als sein Projekt Elephant gekürt wird. Die Freude über den Preis war ihm den Rest des Abends anzumerken.

Während des Festes entwickelten sich zwei Running Gags: Der eine war die wiederholte Entgegennahme von Preisen durch die Kultur-Assistentin des französischen Botschafters für nicht anwesende französische Filmemacher (unter anderem Logorama war gut angekommen), der andere schien eine Art Wettbewerb zu sein, der sich unter denen, die Dankesreden hielten, zu entspannen begann. Nachdem Jurymitglied Michael Noer sich in einer Rede froh zeigte, nun nach dem Ende der Live-Übertragung ins dänische TV endlich ungestraft Kraftausdrücke verwenden zu können und dies auch gleich in Angriff nahm, sahen es nicht wenige der nachfolgenden Redner als eine Art Ehrensache, ihrerseits auch einige deftigen Ausdrücke in ihre Reden einzuflechten, was das weitgehend volljährige Publikum sehr amüsierte.

Besonders bemerkenswert auch der für Nicht-Muttersprachler anrührende Dank an Ulrich Breuning, „the grand old man of Danish film“, der in einer langen Standing Ovation für ihn mündet.

Die Freude über ein gelungenes Filmfest und die geballten Emotionen des gesamten Abends schlagen auf uns alle über, denn wir alle fühlen uns als Teil eines großen Abenteuers, einer großen Familie sozusagen. Als im Foyer die Bar öffnet und die Reihen der Besucher sich langsam lichten, beginnen DJs im Saal mit dem Auflegen von Partymusik, die Leute verteilen sich, unterhalten sich in Grüppchen und rauchen draußen.

Noch am Montag war ich ein völlig Fremder mit löchrigen Schuhen und nassen Socken in einer mir völlig unbekannten Stadt (die vom Straßenlayout her noch dazu auf den Prinzipien von M. C. Escher zu basieren schien) und schon am Freitag Abend grüßte ich reihum die neugewonnenen Bekannten, tanzte und feierte mit den Volunteers, schwatzte mit Kollegen aus Dänemark, Finnland, Estland und der Schweiz sowie einem Jurymitglied aus San Diego, war nun mit Studiobetreibern, Fotografen und nicht wenigen anderen Medienmenschen aus Odense bekannt, mit der Festivalleitung auf Du und Du und hatte einen Stein im Brett der Küchenbesatzung der Kulturmaskinen. Ich war sogar schon auf der Straße erkannt und gegrüßt worden, und trinken kann man offenbar mit jedem Dänen ganz prächtig. Skål!

Ich denke, mein Besuch des OFF, des Odense Filmfestival 2010, war ein voller Erfolg.

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Das Frühstück hab ich nach dieser Nacht natürlich mal wieder verpasst, auch zeigen sich langsam erste Ausfallerscheinungen: Meine Füße tun weh (was muss ich jemandem auch den Moonwalk beibringen wollen), das Fach mit der Schmutzwäsche im Hotelzimmer ist voller als das mit dem Vorrat frischer Wäsche. Doch der Festivalgeist ist ungebrochen, die Leute strömen auch weiterhin in die verschiedenen Filmprogramme (die meist je zweimal gezeigt werden). Auch sind gestern eine Menge weiterer Kollegen eingetroffen, die alle kennengelernt werden wollen.

Das Sympathische am Odense Filmfestival ist, dass alle Veranstaltungsorte (mit ganz wenigen Ausnahmen) sich auf einen Ort konzentrieren, nämlich die schon oft erwähnte Brandts Klædefabrik – wie bei einer Uni mit einem ordentlichen Campus. Das Festival steht am Übergang von einem kleinen zu einem größeren Filmfest, diese Zunahmen an Bekanntheit bringt unter anderen mit sich, dass die Festivalkinos langsam zu klein werden: Immer wieder stehen Leute vor veschlossenen Türen.

Noch gehört das Kribbeln der Unsicherheit, ob man an einer Vorführung teilnehmen kann oder zu spät war, zum Charme dieses „kleinen“ Festivals, aber sollte das OFF weiter wachsen (wonach es derzeit deutlich  aussieht), muss dem Rechnung getragen werden. Auch ist es eher unüblich, dass akkreditierte Gäste sich mit den normalen Zuschauern eine halbe Stunde anstellen müssen. Oftmals haben diese gar nicht so viel Zeit, weil sie zuvor noch in einem anderen Programm saßen oder ähnliches. Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, wäre zum Beispiel, ein bis zwei Sitzreihen pauschal für Akkreditierte zu reservieren und fünf Minuten vor Start die letzten verbleibenden freien Sitze für die regulären Zuschauer freizugeben. Nicht, dass ich mich nicht gern anstelle, schon vorgestern habe ich mich so eine ganze Weile angeregt mit zwei jungen Französinnen unterhalten, aber akkreditierte Gäste haben oft mehr Termine auf so einem Festival als die Besucher.

Heute jedoch gab es eine geführte Tour rund um die größten Söhne der Stadt: St. Knud, dessen Gebeine in der gleichnamigen Kirche aufbewahrt werden, die angeblich auch über eine der bekanntesten Orgeln des Planeten verfügt und natürlich Hans Christian Andersen. Der Vater von Märchenklassikern wie Die Prinzessin auf der Erbse, Däumelinchen, Der standhafte Zinnsoldat, Das hässliche Entlein und Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern wurde in Odense geboren und wuchs dort auf, bis er 14 Jahren nach Kopenhagen ging.

Das Haus, das als sein Geburtshaus gilt, wurde samt umgebender Armensiedlung erhalten und beinhaltet nun ein Museum, das sich ausschließlich dem Leben und Werk des großen Dichters verschrieben hat. Das Museum wirkt streckenweise ein wenig einseitig, findet man auch Dinge wie Andersens Taschentuch, Andersens Aderlassbesteck, Andersens Dritte sowie das 9-Meter-Seil, das der Dichter auf Reisen immer dabeihatte, um sich aus brennenden Hotels abseilen zu können (was nie nötig war). Doch natürlich ist genau dieses Museum der richtige Platz, um all diese eigenwilligen Memorabilia aufzubewahren.

Besonders beeindruckend ist ein Raum mit zehntausenden von Andersen-Ausgaben aus der ganzen Welt (in einer Unzahl von Sprachen) und aus allen Zeiten. Hier findet ein jeder sicher auch das Buch, aus dem einem als Kind vorgelesen wurde, ein Moment, der ganz besondere Emotionen weckt.

Später nahm ich die Videobar des OFF in Augenschein, wo man sich sämtliche Festivalfilme, in bequemen Aufblasmöbeln flezend, auf nagelneuen iPads und mit Kopfhörer anschauen kann. Da der Raum aus offensichtlichen Gründen stockdunkel gehalten wurde, gibt es hiervon nur ein schwer verwendbares Foto.

Ich halte die Videobar für die maximal innovative Möglichkeit, an einem Filmfest teilnehmen zu können – endlich mal keine DVDs oder Kassetten und Kabinen, sondern eine ordnetliche Lounge. Verpasst man ein Programm oder möchte sich gezielt einzelne Filme anschauen, kein Problem. Ich habe hier gleich mehrere Filme angeschaut, man klickt sie in einem Menü einfach an. Ich denke, mit soviel Ideenreichtum und Drive hat das Odense Filmfestival gute Aussichten, ein sehr bekanntes internationales Kurzfilmfestival zu werden.

Im Hotel habe ich übrigens aufgegeben, zu versuchen, den roten Leuchtknopf vom Lift, der „in Bewegung“ bzw. „kommt“ anzeigt, zu fotografieren. Schade, denn eine rote Warnleuchte unter „Elevator“, auf der „Fart“ steht, käme beim Failblog sicher gut an. Leider ist der Lift so schnell, dass die Kamera nicht schnell genug scharfstellen kann, und das Lämpchen geht wieder aus, noch bevor ein ordentliches Foto gemacht ist.

Morgen ist der große Tag: Am Abend verleihen die Jurys die Preise auf einer Gala, meine Eintrittskarte liegt schon bereit. Ob es wieder fünf Uhr morgens wird? Ich hoffe nicht, denn ich muss am Samstag meinen Flieger erwischen. So schnell naht auch schon wieder das Ende meiner Reise. Leider.

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Ganz ehrlich: Wer am dritten Abend eines Festivals noch bloggen kann, macht etwas grundlegend falsch. Ich melde mich morgen, gegen Nachmittag.

Also. Der gestrige Festivaltag bot etwas ganz besonderes: Dänemarks ersten Pitching Contest. Zehn aufstrebende Filmemacher bekamen die Gelegenheit, vor einem Podium von vier Funktionären der dänischen Filmbranche zu sprechen und ihr Projekt vorzustellen. Das ganze Fand im Momentum Theater auf der Bühne statt, das Publikum bestand aus geladenen Festivalbesuchern.

Nach strengen fünf Minuten würde jeder nicht vollendete Pitch nötigenfalls zwangsweise abgebrochen, dann durfte das Podium zehn Minuten lang nachfragen, bohren und abklopfen. In Folge hatte dann auch das Publikum die Gelegenheit, fünf Minuten lang Fragen zu stellen, was gerne genutzt wurde. War einer der Autoren mit dem Pitch nicht fertig geworden, lautete die erste Frage sowieso stets, wie der Film ausgeht, was bei einem Pitch ja sowieso immer dazuerklärt werden muss, denn vor einer eventuell teuren Filmproduktion muss natürlich jeder Twist klar sein. Ein Pitch ist also kein romantisches Geschichtenerzählen am Lagerfeuer. (Video)

Der Gewinner wird 50.000 DKK gewinnen (€6.600), um sein Drehbuch ausarbeiten zu können und wird bei der Preisverleihung am Freitag bekanntgegeben.

Ich verließ den Pitching Contest zur Halbzeitpause, denn ich wollte mir ein Fahrrad mieten. Der Preis von 100 DKK am Tag ist sehr günstig, doch leider hatte das Geschäft auch nur bis 13 Uhr offen. Ich ärgerte mich über die verpassten Pitches und mein schlechtes (nicht vorhandenes) Dänisch, und begab mich wieder aufs Filmfest. Hier wurde ich eingeladen, an einer kleinen Bootsfahrt in Richtung Meer teilzunehmen.

Die Networking Cruise sollte dazu dienen, die Kulturmacher der Insel Fünen und deren Geldgeber an einen Tisch zu bringen, um mittelfristig effektiver und sicherer Kultur machen zu können. So fand ich mich bald mit Theaterleitern, Regisseuren, Produzenten, Finanziers und einigen Kisten Bier auf einem Ausflugsboot wieder und schipperte auf dem Odense-Kanal Richtung Ostsee.

Auf Höhe Klintebjerg stand ein dicker Mann am Kai und brüllte das Schiff mit sich überschlagender Stimme durch ein Megafon an, winkte heftig und wiederholte alsbald seine Bemühungen, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich war das ein geplanter Stunt, es handelte sich um Banjo von Banjos Hotdogwerken, eine lokale Koryphäe in der Herstellung besonders leckerer Hotdogs. (Video) Wir legten an, und jeder musste mindestens zwei essen. Wer dem Standl zu nahe kam, bekam ungefragt einen weiteren Hotdog in die Hand gedrückt, ich war nicht der einzige, der schließlich mit drei der Würsteln im Bauch über den Kai wankte. (Zumal ich, gänzlich in Unkenntnis des nahenden Hotdog-Ausfluges, einige Stunden zuvor bereits einen Hotdog der Konkurrenz gesnackt hatte.) Die Heimreise entlang des Kanals (ursprünglich sollte die Fahrt tatsächlich aufs Meer gehen, doch der Seegang war zu stark, um die Angelegenheit noch als gemütlich empfinden zu können) verlief in großer Zufriedenheit, sämtliche Teilnehmer waren hotdogbeseelt und bierbeglückt, und das Networking unter den Dänen schien zu flutschen. Nicht unerwähnt sollte werden, dass das Schiff nochmal anlegen musste, um drei vergessene Passagiere (inkl. mir) aufzunehmen. Wir waren einen Steg entlangspaziert und hatten die ganzen Boote dort angeschaut.

Sebastian, ein Vertreter des Kurzfilmfeststs von Winterthur, und ich ließen uns vom Shuttlebus am Hotel absetzen, so dass wir uns frisch machen konnten. Es war schon acht, und ab neun würde es Livemusik im Club OFF geben. Ich wechselte mein Hemd und machte mich wieder auf den Weg. In den Club wäre ich fast nicht reingekommen, da mein Badge noch im anderen Hemd steckte und von den Leuten, die mich mittlerweile kannten, keiner in Sicht war. Es wäre keine Katastrophe gewesen, dann hätte ich halt einfach Eintritt gezahlt, doch einer der OFF-Helfer eilte mir schließlich zu Hilfe.

Es spielte Black Horse, eine junge Band mit eigenwilligen Klängen, und wir tranken weiter das wirklich leckere Odense-Bier von Albani. Im Anschluss setzten Sebastian und ich uns zusammen, ein paar der OFF-Mitarbeiter kamen hinzu. Und hier endet mein Bericht, auch wenn ich noch folgende Stichworte fallen lassen möchte: Bier, alternative Bar Den Smagløse (der Name bedeutet „geschmacklos“), Bier, Fernet Branca, schließt irgendwie schon um drei, Boogies Club, Bier, tanzen, OFF-Mitarbeiter und Filmfestgäste gießen sich gemeinsam einen auf die Lampe, jemand hat eine Flasche Rum gekauft, gibt aber nichts ab, Bier, volles Bier fallenlassen, schließt irgendwie schon um halb fünf, torkeln zum Hotel unter der gelallten Wegbeschreibung der Mittrinker, sich-als-Gast-identifizieren gegenüber der eher resoluten Nachportierin, Morgendämmerung, Bett. Was für ein Fest! Das nenn‘ ich Networking!

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Ich muss gestern wohl fertiger gewesen sein, als ich dachte. Geweckt wurde ich nämlich erst vom Klopfen der Kammermaid, der ich schlaftrunken gegem zehn öffnete. Eine Schrecksekunde später einigten wir uns hektisch darauf, mir noch ein Stündchen Zeit zu geben, und so schlupfte ich erstmal unter die Dusche.

Nachdem ich das angeblich legendäre Dänische Frühstück des Festivals, eine Tradition, ohnehin schon verpasst hatte, suchte ich mir zuerst mal einen Skomanger, der mir meine Sohlen reparieren sollte. Mit nassen Füßen ist es wahrlich kein Vergnügen, an irgendwas teilzunehmen. Der erste Schuster ließ mich eiskalt auflaufen: Obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich nur dieses eine Paar dabei hätte, behauptete er, keine Zeit zu haben, aber ich könne die Schuhe morgen bringen und am Freitag wieder abholen. Außerdem empfahl er mir Jomos-Schuhe aus Deutschland, die wären angeblich großartig. Plan B war der Kauf neuer Schuhe, doch in ganz Dänemark scheint es keine Leute mit Füßen größer als 47 zu geben. Wenigstens wusste eine Verkäuferin eine zweite Schuhmacherei, und so latschte ich mit quietschenden Sohlen zur Albanigade 49, wo mir für 185 DKK endlich geholfen wurde.

Mit trockenen (trocknenden) Füßen begab ich mich sogleich aufs Festival, wo ich den ersten Bissen des Tages zu mir nahm. Ich wählte das Festivaltagesgericht, italienische Meatballs. Interessant, denn scheinbar glaubt die halbe Welt, dass Fleischpflanzerl in Tomatensauce das absolut typisch italienische Gericht schlechthin sind. Meines Wissens handelt es sich um ein regionales Rezept aus Sizilien, das wegen dem verhältnismäßig hohen Anteil an Auswanderern in die Neue Welt dazu geführt hat, dass Spaghetti with Meatballs sich als besagtes Kultgericht etablieren konnte. Das war mir aber völlig egal, denn die OFF-Küche hatte alles gegeben und ein richtig geniales Gericht gezaubert, das sich ganz wunderbar mit dem urigen Vollkorn-Pain Boulot vertrug, das als Beilage gereicht wurde.

Nun wollte ich endlich ein Kurzfilmprogramm sehen. Ich hatte mir The Peculiarities of Being ausgesucht, eine Kurzfilmrolle von 67 Minuten, bestehend aus sechs Filmen, doch war ich wegen der Entfernung vom Schuster und dem Mittagessen zehn Minuten zu spät. Ich wurde nicht mehr eingelassen, denn die Vorstellung sei voll. Schade. Ich unterließ es, mit meiner Akkreditierung zu wedeln (die ich normalerweise nicht um den Hals trage, weil diese Lanyards üblicherweise zu kurz sind, um von Männern meiner Größe bequem getragen werden zu können), und trank stattdessen einen gemütlichen Cappuccino im Café Biografen.

Das Café Biografen liegt direkt im Erdgeschoss des Kulturkomplexes, den Brandts Klædefabrik nun abgibt. Was früher eine Art Halle war, die zum Hof hin offen war, ist nun ein urgemütliches Café-Restaurant mit gläsernen Wintergärten, die es einem Teil der Gäste erlauben, im Freien zu sitzen und doch vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Ach ja, heute ist das Wetter schon wesentlich besser, ich brauche keine Jacke, und die vereinzelten Regenschauer zwischen den sonnigen Perioden erinnern mich an Irland. Es windet auch ganz ordentlich, was Odense und seinen Bäumen, Masten und Fahnen das Flair einer atlantischen Schiffspassage gibt.

Nach dem Cappuccino unternahm ich einen weiteren kleinen Spaziergang (da ich mittlerweile die wichtigsten Festivallocations in mein iPhone-TomTom programmiert hatte, würde ich nun im Ernstfall immer wieder zurückfinden können), und entdeckte den Odense River. Ich hatte ihn zwar schon auf dem Weg zum Schuster überquert, doch die Stelle mit der Kahnfahrt am Filosofgangen war viel malerischer als die Brücke zuvor. Hier kann man sogar in großen Schwanbooten fahren, sofern man unter 1,80 und zudem schwer verliebt ist. Wer normale Boote vorzieht, dem kann geholfen werden, rote Tretboote oder hölzerne Ruderboote liegen bereit, ebenso gibt es zwei Ausflugskähne für Gruppen.

Wieder zurück im Café Biografen plante ich nun, an der Kurzfilmrolle Flesh and Blood teilzunehmen (70 Min., 7 Filme), und kam auch einige Minuten vor Beginn zum Kino. Doch wieder nix: Kino voll, nix zu machen. Diesmal hatte ich das Badge um, doch dass wegen mir ein Platz geräumt würde, würde ich nicht im Traum zulassen (außerdem stand das sowieso nicht zur Frage). Stattdessen informierte ich mich im Hauptquartier, wo man mir sagte, dass das Warten eine halbe Stunde vor Programmbeginn schon angemessen sei (der Eintritt für das gesamte Festival ist frei, so dass eine Menge Odenser natürlich gern ins Kino strömen), oder dass ich die Filme in der Videobar des Festivals einzeln anschauen kann, hierfür lägen iPads bereit (die man aber nicht behalten darf, leider).

Nach einer Pause im Hotel klappte es dann doch, ich guckte Sweet Youth (71 Min., 6 Filme) und Dads On The Loose (51 Min., 4 Filme). Dabei bekam das komplette Publikum mit, dass das OFF dieses Jahr zum ersten Mal digital statt auf klassischen Film projiziert wird. Die systemimmanenten Vor- und Nachteile zeigten sich bei diesen beiden Programmen. Sah man bei Sweet Youth noch den Mauszeiger, der zu Beginn der Vorführung eine Playlist auf einem Mediaserver anklickte, funktionierte das bei Dads On The Loose nicht mehr, eine klassische Kinderkrankheit nebst umgekehrtem Vorführeffekt. Also sprang ein OFF-Mitarbeiter eilig ins Archiv und holte die benötigten DVDs, die daraufhin einzeln vorgeführt wurden, so richtig am DVD-Player, wie unschwer am Menü auf der Leinwand zu erkennen war. Die Zuschauer machten sich einen Spaß daraus, die Menüoptionen schneller zu erkennen als der Vorführer und zeigten teilweise an die Stelle, wo er hinzuklicken hätte. Keine Fage, das Filmfest von Odense verfügt über eine besonders charmante Atmosphäre. Keine Spur von Unmut, es wäre ja langweilig, wenn immer alles klappt. Sowas sollte der NASA und den Atomkraftwerken vorbehalten bleiben.

Der zweite Heimweg zum Hotel brachte ein Aha-Erlebnis: Ich folgte auf gut Glück einer Gruppe von Zuschauern durch eine Gasse, die mich an eine Stelle brachte, von der aus ich das China-Restaurant neben dem Hotel sehen konnte. Der Portier (ein netter Kerl, ich grüßte mit „Honey, I’m ho-ome!“, worauf er „I missed you!“ zurückgab, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern) hatte mir zwar genau diesen Weg erklärt, doch hatte ich seine Zählung der Einmündungen wörtlich genommen und war bisher immer zwei Straßen weiter um den Block gelaufen (die Krux war, ob man Fußpassagen mitzählt oder nur Fahrstraßen – er hat nur Fußwege gezählt). Mein Weg zwischen Hotel und Brandts Klædefabrik hat sich nun de facto halbiert. (Für Twitter-User: #facepalm)

Mein Abend endet nun im Hotel, ein bisschen bloggen, ein bisschen Fernsehen, und wenn sich die Aufregung des ersten Tages etwas gelegt hat, fange ich Das Finstere Tal von Thomas Willmann an. Oder hänge im Geiste noch ein wenig der Kapelle nach, die neben dem Dritten Mann auch Indiana Jones und weitere Hollywood-Klassiker drauf hat.

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Niemand wird überrascht sein, wenn ich schreibe, dass die Ankunft in einem fremden Land etwas Gewöhnungsbedürftiges ist. So ging es auch mir, obwohl ich mir auf die Fahnen schreibe, ein weltoffener und belastbarer Tourist zu sein, der nicht sofort von einem Reiseleiter an die Hand genommen werden braucht.

Doch wenn man erstmals nach Jahren wieder in ein Land mit einer anderen Währung als dem Euro kommt, noch dazu in eines, bei dem man den Wechselkurs nicht einmal ansatzweise im Kopf hat; wenn man zudem auch noch die Sprache bis auf „Hej“ (Hallo) und „Tak“ (danke) nicht versteht, dann sieht man sich vor Hürden, deren Existenz man längst vergessen hatte.

Die Anreise an sich verlief im Grunde ereignislos und so glatt, wie man sich das nur wünschen möchte. Sämtliche Leute, auf die ich getroffen bin, waren überaus freundlich und entgegenkommend. Dabei begann der Tag mit einem Verbrechen: Da ich keine Münzen für den Fahrkartenautomaten im Bus hatte, fuhr ich bis zur U-Bahn schwarz. Dort erstand ich besagte Tageskarte und verkaufte sie am Flughafen (mein zweites Verbrechen) an einen frisch gelandeten Geschäftsmann, der wahrscheinlich noch immer damit in München herumgurkt.

Dem Flug folgte der Umstieg in die Bahn in Kopenhagen, dann zwei Stunden durchs Land, unter anderem auf der beeindruckenden Brücke über den Großen Belt – wobei der Zug die östliche, beeindruckendere Hälfte der Strecke in einem Unterseetunnel zurücklegt und erst auf einem kleinen Eiland zur Autobahn stößt. Kaum hat man die Insel Fünen erreicht, hält der Zug auch bald in Odense. Ein kleiner Spaziergang durch einen Park brachte mich in mein Hotel, und nach dem Einchecken erkundete ich die Stadt, insbesondere natürlich die Stätten rund ums Filmfest.

Das Praktische am strömenden Regen ist, dass man sicher erfährt, ob man eine undichte Schuhsohle hat. Ich habe sogar deren zwei, durfte ich feststellen. Dann dauerte es auch eine Weile, bis ich das Filmfestbüro auf dem weitläufigen Gelände der Brandts Klædefabrik gefunden hatte, ehemals Kleiderfabrik, nun Kulturzentrum mitten in der Stadt. Es kann halt nicht alles klappen. Doch ich wurde wärmstens empfangen, und mit den üblichen Pressematerialien versorgt.

Der erste offizielle Akt des Filmfests war die Eröffnungsgala am Abend, passenderweise auch gleich Kick-OFF genannt. Verschiedene Funktionäre begrüßten den zum Bersten gefüllten Saal, insbesondere Artistic Director Mikkel Munch-Fals hatte die Lacher auf seiner Seite. Selbst Filmemacher, hatte er den Spagat zwischen der Ablehnung seiner früheren Werke zu ebendiesem Filmfest und der Aufgabe, nun selbst am längsten Hebel zu sitzen, zu schlagen. Seine mit ordentlich Selbstironie geführte Rede strotze vor vergangenen Kapiteln hart erkämpfter, bitterer Lebensweisheiten und war dennoch mit Güte, Einsicht und Weisheit abgerundet.

Zwischen den einzelnen Rednern wurden ausgewählte Kurzfilme gezeigt, die bereits das breite Spektrum der zu erwartenden Filme abdeckten. Besonders beeindruckend war Babel von Hendrick Dussolier, der die Zerrissenheit der Chinesen zwischen Tradition und Moderne (und insbesondere dem schnellen Geld ohne Rücksicht auf Verluste) zeigt. Auch Synesthesia vom Duo Terri Timely riss vom Hocker, denn die geradezu hypnotische Kombination aus verschiedenen (einfachen) Spezialeffekten und skurrilen Handlungssträngen in einer kleinen Wohnung, alles zum Takt einer fremdartigen Musik, fesselten die Zuschauer in Nullkommanichts. Außerdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass drei lokale Gesangsgrößen eine Festivalhymne komponiert hatten und zum Besten gaben.

Das obligatorische Get-Together im Anschluss brachte die Besucher und Macher des Festivals im Foyer (mit Bar) in gelassener Atmosphäre zusammen und führte teilweise zu stundenlangen Gesprächen über Gott, Film und die Welt. Ein guter Auftakt zu einem sicherlich gelungenen Festival!

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In wenigen Stunden geht mein Flieger. Ich fahre nämlich morgen für knapp eine Woche nach Dänemark, zum 25. Filmfestival von Odense in Dänemark.

Ich freu mich riesig, denn das ist der ideale Urlaub für einen Filmjournalisten: Eine fremde Stadt in einem interessanten Land in aller Ruhe kennenlernen, dazu ein schönes Filmfest besuchen (im Wettbewerb ausschließlich Kurzfilme, auf die ich mich auch sehr freue, denn hier zeigen sich oft die Spielbergs von morgen) und ein paar Tage die Seele baumeln lassen. Und natürlich die regionale Küche verkosten, es gibt ja sicher mehr als „nur“ Smørrebrød.

Doch ich werde bloggen (und twittern), vom OFF, dem Odense Filmfestival, und es wird sicher einiges Interessante zu berichten geben. Aber auch die Stadt (Heimatstadt von Hans Christian Andersen) möchte ich mir anschauen, und vielleicht in den Zoo gehen oder ans Meer. Mal schauen, wie’s wird, das kleine Blog-Experiment!

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