Kleiner Sarg als große Weltbühne. Calderón unplugged. Ein gewagtes Unternehmen, eine ganze Spielfilmlänge lang einen einzigen Menschen, einen schönen Mann allerdings, in einem Sarg zu filmen, ohne zu wissen, ob und wie er da je wieder rauskommen soll. Aber Rodrigo Cortés erledigt die selbstgestellte, knifflig-systematische Aufgabe mit Bravour und mit furios spanischem Maler-Aplomb!
Orly
Das ist ein richtig nettes Gebastel und in jeder Sekunde als Gebastel erkennbar. Für diese Erkennbarkeit sorgen die realen Menschen auf dem Flughafen oder auf den Straßen von Paris.
„Mich faszinieren Menschen am Flughafen und das Gewusel. Da ich mit Marseille einen Treffer gelandet habe und jetzt Filmemacherin bin, muss ich wohl weiter Filme machen und mir was einfallen lassen. Jetzt habe ich auch Zugang zu den Fördertöpfen. Die Flughafenatmosphäre, die den Menschen anonymisisert, die beschäftigt mich. Denn ich bin jetzt oft mit dem Flugzeug unterwegs. Ich bin eine wache Beobachterin. Ich möchte mit meinem Film zeigen, dass hinter jedem Menschen ein Individuum steckt.“ In etwa so oder ähnlich dürfte die Regisseurin, die auch Schauspielerin ist, gedacht haben; ihr Familiennamen prangt jetzt ganz gross wie CHANEL oder CHANNEL nämlich SCHANELEC und ohne Vornamen im Vorspann. Neues Markenzeichen. Aber wofür steht dieses?
Im vorliegenden Falle für folgenden Vorgang. Die S. stellt einen Cast zusammen oder lässt ihn sich zusammen stellen (darüber wäre bestimmt ein spannenderer Film zu machen). Dann gibt sie diesen Darstellern einige Biographiepunkte zu den Figuren, die sie spielen sollen und probt in einem Probenraum die Szenen, in erster Linie Wartesituationen und Begegnungen am Flughafen. Der Dreh selbst findet dann unter Realbedingungen am titelgebenden Flughafen OR LY statt, d.h. ohne Absperrungen, ohne Lichtsetzungen, mit Mikroports statt Tonangel, mit quasi versteckter Kamera und bei laufendem Flughafen-Betrieb. Diese Ton- und Bildstrecke bildet das Rohmaterial für die Montage.
Wobei hinzuzufügen ist, dass Recherche und Begründung der Biographien der Figuren, den Eindruck erweckt jedenfalls der Film, sehr oberflächlich und wenig fundiert passiert sind. Denn schon die erste Begegnung einer der Hauptschaupielerinnen mit einer Passantin beim Überqueren eines Zebrastreifens in Paris zeigt den gewaltigen Unterschied zwischen Schauspielerei, der das nötige Need fehlt, und einer realen Figur, einer älteren Frau, die sich verwundert umdreht nach diesem Fremdkörper von Person, die spielt, dass sie einen Zebrastreifen überquert. Das ist auch noch im Film drin gelassen worden. Schwer vorstellbar, dass es inszeniert war.
Dasselbe passiert dann andauernd auf dem Flughafen, wenn die Darsteller mitten im Normalbetrieb ihre eingeübten Dialoge mit sichtbarer Kunstanstrengung vortragen und des Zuschauers Auge sich viel mehr von den Passanten im Hintergrund faszinieren lässt, weil dort ein jeder ein Stück Weges in einem oft brenzligen Lebens-Zusammenhang geht (Trennung von lieben Mitmenschen, Ortsveränderung, Angst vorm Flug oder vorm möglichen Verpassen desselben), während im Vordergrund in Spielszenen ein Lebenszusammenhang vorgeführt wird, der vermutlich das Leben spiegeln sollte, dies aber, wie der Hintergrund beweist, nicht mal in Ansätzen zu leisten vermag, weil der Lebenszusammenhang der einzelnen Figuren nicht plausibel genug studiert worden ist. Es wird aber auch nicht klar, was in der Kunst möglich und erlaubt wäre, was statt dessen erzählt werden soll. Die Grundaussage, Frau Schanelec ist jetzt eine große Filmemacherin?
So bleibt der Film ein wenig aussagekräftiges, steifes Come-Together at the Airport und nicht halb so lustig wie ein Flash-Mob. Korrekterweise sollte der staatliche Zuschuss zu dieser Bemühung allerdings unter „Beschäftigungstherapie“ und nicht unter „Filmförderung“ verbucht werden.
Ein weiterer Beitrag zur Pathologie des deutschen Filmes.
(Wie ein spannendes Kino mit hochmotiviertem Erzähldruck aussehen kann, zeigt Olivier Assayas im gleichzeitig anlaufenden CARLOS, der zum Teil auch in Paris spielt).
Die kommenden Tage
Diffuses zu pointieren und zusammenzufassen ist nicht leicht.
Vielleicht können notierte Auffälligkeiten und Auszüge aus Dialogpassagen einen Hinweis dazu geben, was es mit diesem Film auf sich haben könnte.
Am schönsten sind die Bilder von der mit Transportzeppelinen überfüllten Luftautobahn am Anfang – wenn wir’s bei Luc Besson nicht schon schöner gesehen hätten.
Im Zentrum des Films steht die Familie Kuper. Papa ist gut situierter Anwalt. Die Mama wird von Susanne Lothar gespielt. Dann sind da noch zwei Töchter und ein Sohn.
Daniel Brühl und August Diehl stehen auf je eine der beiden Töchter Kuper.
August Diehl durchlächelt seine Rolle degetohaft.
Daniel Brühl findet dort, wo der Film den Elan zum Endschwung nehmen sollte, alle Zeit der Welt, eine Volière mit Greif- und Nachtvögeln wie im Naturkundeunterricht zu erklären; das ist dann wohl ein modernes Verständnis von Suspense. Er hat eine Augenkrankheit. Seine Liebe zur einen der Kuper-Töchter ist gezeichnet von der Rarität eines medizinischen Falles, dass Kinder, die sie zusammen zeugen, schon im Mutterleibe sterben. Dieser Fall wird im Film wie in einer Fernseh-Ratgeber-Sendung genau erklärt. Die Augenkrankheit ebenfalls.
Vincent Redetzki spielt den Sohn der Kuper-Familie. Er heisst im Film Philipp und will zum Militär; er spielt die Rolle mit einer dringlicheren Ernsthaftigkeit als die anderen Darsteller und ohne jedes Degeto-Lächeln, ähnlich wie Tobey Maguire den Sam Cahill in „Brothers“ – und fällt dadurch aus dem Rahmen. Weil Philipp zum Militär will, gibt er dem Filmemacher Kraume die Chance, eine Gelöbnisfeier der Bundeswehr zu zeigen. Philipp aber will nur zum Militär, weil er Astronaut werden möchte.
Hüttendialog
„Die Heidi und der Geissenpeter“ …
„Ich will in der Stadt leben, ich will promovieren“ …
„es tut mir leid, äh… dafür bin ich charmant und sportlich, gutaussehend“.
„und eitel … drum pflanz ich Dir eine Kartoffel“
„Laura, ich freue mich wahnsinnig auf unser Kind .. ich will dass Dein Leben fest wird“.
Hochzeit in einsamer Kapelle. Das Brautkleid wird im Lendenbereich von innen rot. Klinik.
„Ihre Frau hat den Eingriff gut überstanden, aber für Ihr Kind kam unsere Hilfe leider zu spät“
— „Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie“
Dann edelkitischiger Abschied von totgeborenen Kind.
Das Paar, das keine lebenden Kinder kriegen kann, liebt sich heftig.
„beschissen finde ich, dass Du nicht dazu stehen kannst“
„wenn ich mit dem Menschen, den ich liebe, keine Kinder kriegen kann…“.
Es kommen noch vor: Terroristen-Cyber-Angriff, Schwarze Stürme, Menschen auf der Flucht, Geburt, Verfassungsschutzbesuch bei Kupers, Begegnung in der Bibliothek, Gespräch über Veränderung und Evolution, gewalttätige Demos, eine europäische Hochsicherheitszone, ein Satz wie „Ich habe den Quatsch von Konstantin und Du hast das Kind von Konstantin“, Frauenhysterie, Streichermusik (bedeutungsvoll), Schächten einer Ziege und als Zugabe gibt’s eine flambierte Alphütte mit totem Geier und abgeschlachteten Menschen.
Gegen Ende sagt Laura, das ist die eine der beiden Kuper-Töchter, „Konsequenz führt immer in den Terror; das Chaos, das Kuddelmudel ist das Leben“. Vielleicht stellt der Film den Versuch dar, diese merkwürdige Verkürzung des Begriffes Konsequenz zu illustrieren oder es handelt sich hier, wie schon vorige Woche beim Vampir-Film „Wir sind die Nacht“ um ein grundsätzliches Missverständnis darüber, was großes Kino sei.
Draußen am See
95 Minuten lang wird in plotloser Prosaik das Leben dieser Familie aus Vater, Mutter und zwei Töchtern geschildert, dann gibt’s den ersten und einzigen spannenden Konflikt, nämlich dass die beiden Töchter von zuhause ausziehen wollen. Das ist zu spät.
Die plotlose Prosaik bis dahin besteht aus einer Aneinanderreihung mitunter quälender Familienszenen (Vater trägt Cowboyhut, spielt Gitarre und ist arbeitslos geworden), Selbstmordversuchen der Tochter und Texten aus dem Tagebuch der Tochter über den Ruf der Wale, den Urknall, über Tränenmengen, Liftabsturz, Unerforschtheit der Meere.
Das ist vielleicht einfach zu ambitioniert, das Universum u n d die Familie erfassen zu wollen.
Das Recht am eigenen Stil
Die Kollegen werden es kennen: Man gibt einen wohldurchdachten Text ab, mit dem man selbst zufrieden ist, stellt die Rechnung und legt das Thema geistig zu den Akten. Wochen später erhält man das Rezensionsexemplar, blättert nach seinem Text – und erkennt diesen nicht wieder. Unter dem eigenen Namen wurde gekürzt, umformuliert, umgestellt und verschlimmbessert, vom Vernichten kleiner Wortspiele bis zur Unkenntlichmachung einst gefühlvoll aufgebauter zweiter und dritter Bedeutungsebenen.
Natürlich passiert das nicht immer in einem schockierenden Ausmaß, doch so ziemlich jeder Journalist dürfte schon dem einen oder anderen überambitionierten Textchef oder Schlussredakteur begegnet sein.
Nun hat ein Gericht festgestellt, dass der Autor sehr wohl gewisse Rechte daran hat, seine Texte unverändert drucken zu lassen, zumal ja unter dem Murks eines anderen auch noch der eigene Name steht. Die Frage ist natürlich, ob man das als kleiner Freier einfach so einfordern kann und sollte, denn unersetzlich dürften die wenigsten von uns sein. Mehr bei Stefan Niggemeier.
Rare Exports Trailer
Ich muss sagen, der Trailer zu Rare Exports, einem Finnischen Horrorfilm, kann sich sehen lassen und macht Lust auf mehr:
Wir sind die Nacht
Was bleibt von diesem Film nach Abzug all der visuellen Effekte, die einen schier schwindlig werden lassen (die Kamera möchte wohl einen Lichtnebel-Film machen, eine Stilübung in Flash-Fotografie) und nach all den Orchester-Schallwellen, die uns um die Ohren schwappen?
Der Eindruck,
dass die Geschichte, die ziemlich im Dunkeln bleibt, vor allem die ist, uns zu erzählen, dass hier großes Kino gemacht werden soll,
dass es ein Vampirfilm sein soll mit selbstbewussten Frauen, eine blond, eine rot-, zwei schwarzhaarig, die im Sinne der Objekt- und Werbefotografie samt luxuriöser Wagen der Extraklasse präsentiert werden,
dass vielleicht eine Art B-Movie versucht werden soll mit öfters ins Kraut schießendem Kunstwillen,
dass noch der Anschein einer Criminal-Story gewahrt werden soll (dass aber der Stilwille immer wenn die Polizei ins Spiel kommt, merkwürdig klamm wird und nur mühsam das Bieder-TV kaschieren kann),
dass der Rhythums des Filmes, der vor allem von der den Zuschauer überrollenden Action-Dynamik bestimmt wird, bei den spärlichen Szenen mit den weither gezauberten Dialogen, abrupt zum Stillstand kommt,
dass vielleicht vollkommen vergessen worden ist, dass der Zuschauer im Kino doch in erster Linie an Geschichten interessiert sein dürfte und nicht primär daran, einen Katalog verschiedener Möglichkeiten moderner Filmfotografie und ungewöhnlicher Locations vorgesetzt zu bekommen.
Großes Kino, das dürfte die Einsicht aus diesem Film sein, entsteht nicht primär durch Effekte, Styling und Locations, sondern durch die Größe der Geschichte; davon kommen hier allerdings nur Fragmente an den Tag.
Am Anfang war das Licht
Diese Dokumentation über Menschen, die von sich behaupten, sich von nichts als von Licht zu ernähren, schwingt sich nach längerem Plantschen in den Seichtgebieten von Talk-Show, Pseudowissenschaft und offensichtlichen Lügen hinauf bis zu ernsthaften Fragen über die Macht und Kraft des Geistes, über das Bewusstsein und das Field of Possibilities. Der Film als Prolog zu noch zu Erforschendem.
R. E. D. – Älter, härter, besser
Älteren Herrschaften (Willis, Freeman, Dreyfuss, Borgnine, Mirren, Malkovich), die im Leben so ungefähr alles erreicht haben, was zu erreichen ist (Geld und Status und Starruhm und luxuriöses Leben), dabei zuzuschauen, wie sie auf erprobten Gleisen (die Story vom Agenten im Ruhestand) noch etwas Geld hinzu verdienen, kann, wie dieses Movie beweist, mitunter ganz vergnüglich sein, denn der deutsche Regisseur Schwentke überfordert uns mit seinem gemächlichen aber genüsslich-genauen Erzähl-Stil beileibe nicht. Spät grünt der Avocadokern.
Der grosse Kater
Ein wolkiges Gebilde, das einen immerhin so beschäftigt, dass wenn man aus dem Kino hinaustritt, ganz verwundert ist, wo man sich denn befinde. Die Dichte der Atmosphäre oder das „Beklemmende“, wie eine Zuschauerin meinte, dürfte im Wesentlichen auf drei Säulen beruhen. Die eine ist die voluminöse Filmmusik, die noch bei jedweder Szene versucht, sie gegen Ende zum Abheben zu bringen, die andere ist die fast gehauchte Voice-Over von Bruno Ganz, die so ganz vertraulich wirkt und die Ohren ohne jede Härte oder Aggressivität zu vereinnahmen versucht und die Dritte dürfte der durch die Abkunft des Autors des Romans, der dieser Verfilmung zugrunde liegt (Thomas Hürlimanns Vater war Bundesrat, also Regierungsmitglied in der Schweiz), vorgeblich exklusiv-intime Blick durchs Schlüsselloch sein, der Bericht aus dem Nähkästchen über den alltäglichen, fast königlichen Prunk – wie auch die dazu gehörigen Niederungen (wie in Romanheften – und zum Glück gehts gut aus!) – des innersten Zirkels der Macht in der helvetischen Alpenrepublik.
Wer geglaubt hat, die Schweizer könnten nur Löcher durch die Alpen bohren, wird hier eines Besseren belehrt, dass die Schweizer nämlich auch nur menscheln, selbst wenn deutsche Schauspieler sie aus Koproduktionsgründen spielen, wodurch die Swissness zur Analogswissness mutiert, aber vielleicht steckt das Kalkül dahinter, dass die Deutschen im Kino unbedingt deutsche Schauspieler Schweizer spielen sehen wollen.