Es sieht nach einem einfachen Rezept aus, nach dem Jörn Röver und Henry M. Mix ihre Produktion da geköchelt haben: Geld besorgen, durch die Weltgeschichte reisen und ein paar Naturaufnahmen in HD mitnehmen. Das Ganze auf Kinolänge zusammenschneiden, von einem schnittigen Sprecher vertonen lassen und schon ist der Doku-Hit fertig.
So einfach ist es natürlich nicht, auch wenn die rekordverdächtige Produktion danach anmutet. Bereits die Einladung zur Pressevorführung warb mit „3,5 Jahre Produktionszeit, 1.200 Drehtage, mehr als 100.000 Reisekilometer und über 600 Stunden Rohmaterial – Russland bietet nicht nur Superlative, sondern verlangt auch dasselbe von den Filmemachern und Kameramännern, die sich ihm nähern möchten„.
Mit entsprechend gemischten Gefühlen geht der Filmkritiker ins Kino, nicht wissend, ob seine Emotionen schon in wenigen Minuten vom Überlebenskampf tapsiger Bärenbabies in kalten Wintern oder auch vom Ausbleiben der Lorbeer-Ernte, der einzigen Geldquelle für irgendein gottverlassenes Kaff im Nirgendwo, gefordert sein werden.
Der Laie assoziiert mit Russland gemeinhin eine ausgehöhlte, korrupte Ex-Supermacht, Territorialkonflikte um wegbrechende Republiken, radioaktiv verseuchte Staatsgeheimnisse unter freiem Himmel, Kälte, Wodka und den Soundtrack von Red October. Sicher, man weiß um die weite Natur (läuft unter „Sibirien“ und So weit die Füße tragen), und wer was auf sich hält, hat schonmal von der Transsib gehört, hat eine Meinung zu den Oligarchen, die die Rohstoffe ihres Landes ausschlachten und ist Leser des absolut faszinierenden English Russia-Fotoblogs. Das war’s dann aber auch.
Dass Russland aber auch gewaltige, ach was, gewaltigste Naturschauspiele zu bieten hat, gänzlich unberührte Natur und mit Kamtschatka (der Risiko-Spieler erinnert sich) eine auf der Landkarte eher unscheinbare Halbinsel – allerdings von der Größe Deutschlands und voller aktiver Vulkane – das ahnte dann doch kaum einer.
Und so ist erweist es sich als schön, dass Jörn Röver und Henry Mix sich die Arbeit gemacht haben, zumindest den Versuch zu starten, dem westlichen Kinobesucher in 91 Minuten nahezubringen, was der mit eigenen Augen wohl niemals sehen wird. Und das ist beeindruckend, wahrlich. Man schämt sich seiner eigenen Vorurteile bereits nach wenigen Filmminuten.
Der Film selbst verbleibt dramaturgisch eher im Mittelfeld, doch die optischen und akustischen Eindrücke vom anderen Ende dieses – unseres, wohlgemerkt – Kontinents bleiben dem Zuschauer noch lange in Erinnerung. Wirklich sehenswert, insbesondere mit der Familie.
Allein der Trailer dürfte überzeugen: