Porfirio (Filmfest MÜnchen)

Für diesen Film von Alejandro Landes sollte man Festivallaune, Schaulust und viel Zeit mitbringen. Dann wird man reich belohnt.

Alejandro Landes hatte in der Zeitung von einem merkwürdigen Flugzeugentführungsversuch in Kolumbien gelesen. Ein beingelähmter Mann und inkontinent hatte auf einem Inlandflug aus einem entlegenen Teil Kolumbiens in die Hauptstadt Bogota versucht, das Flugzeug in seine Gewalt zu bringen. Er hatte zwei Handgranaten in seinen Windeln in die Kabine schmuggeln können. Damit wollte er auf seine verzweifetle Lage aufmerksam machen, denn der Staat liess ihm nicht die Unterstützung zukommen, die ihm nach Schuss-Verletzungen aus einer Polizeiwaffe zustand und die zu seiner Lähmung und Inkontinenz geführt hatten.

Was hat Alejandro Landes nun gemacht? Er hat einige Monate nach der Tat Kontakt zu Porfirio aufgenommen. Porfirio ist der Hauptakteur dieses Entführungsfalles und auch des Filmes. Wie es dem Regisseur nun gelungen ist, diesen Film zu machen, mit dem anfänglich sehr verschlossenen Porfirio, das dürfte sein Geheimnis sein. Jedenfalls hat er mit Porfirio, das ist der Hauptteil des Filmes, die Vorbereitungen zur Entführung minutiös nachgezeichnet.

Kein Geheimnis ist auch, dass er ein reines Kunst- und Schauwerk geschaffen hat. Wieder einer jener Filme, die heute offenbar am hartnäckigsten die Nahtstelle von Leben und Kunst, von Fiktion und Dokumentation suchen. Hier ist ein Mensch mit äusserster Bewegungsbehinderung in seinem vollen Leben zu sehen. Ohne Scham wird der Zuschauer Zeuge intimster Momente, die jedoch nie privatistisch-peinlich werden, selbst wenn Porfirio nackt in seinem Rollstuhl sitzt und sein Sohn ihn wäscht und ein Stück Kacke auf den Boden fällt, es ist reine Kunst, reine Erzählung. Das ist schon Kunst.

Der ganze Film kommt mir auch vor, wie eine Ballettstunde: ein langes, langes Warmup, das geht mit solcher Behinderung ganz langsam, und dann ganz am Schluss gibt’s als Höhepunkt ein paar Sprünge, oder wie hier: eine Flugzeugentführung. Vorher aber müssen geduldig alle Muskeln aufgewärmt werden. Sein Sohn Lissing ist ihm dabei behilflich. Und nicht zu vergessen, die exakte Planung und Vorbereitung der Entführung.

I Am Slave (Filmfest München)

Ein eindrücklich, rührend-anrührender Appellativfilm, der auf die moderne Form von Sklaverei mit afrikanischen Dienstmädchen speziell in London aufmerksam machen will. Allein in der britischen Hauptstadt sollen 5000 junge Afrikanerinnen ein modernes Sklavinnendasein fristen, so wie Malia, die Hauptperson dieses Filmes von Jeremy Brock (Buch), Gabriel Range (Regie), Robbie Ryan (grandiose Kamera).

Bei Unruhen in ihrem Heimatland ist Malia verschleppt und auf einer Art Sklaven-Markt in Khartoum an feine Londoner Pinkels verschachert worden. Mit denen verliess sie offenbar vollkomen legal das Land, wurde nach London gebracht. Dort nahm ihr die Lady gleich den Pass ab, mit dem Hausherrn durfte sie nicht sprechen, sowieso zu niemandem in London oder ausserhalb Kontakt aufnehmen. Sie hatte den Haushalt zu machen, dabei kam sie aus dem selbstbewussten Stamm der Nubier aus adligem Geschlecht, war dort eine Prinzessin, die auch prima Englisch gelernt hatte; aber der Schock dieses Schicksals hatte ihr erst mal die Sprache verschlagen.

Der Film berichtet eindrücklich von ihren Alpträumen und wie sie langsam Fluchtfantsien entwickelt, die sie schliesslich mit Hilfe von mitfühlenden Menschen auch umsetzen kann.

Was die Intensität dieses Dramas erhöht, ist die Bildgestaltung, die in den aufregendsten Momenten an Goya erinnert, zum Beispiel, wie sie mit ihrer Herrin in Khartoum sich in einem Geschäft befindet und durch das Fenster ihren Vater bei der Müllabfuhr arbeiten sieht, sich ihm aber nicht bemerkbar machen kann, und wie sie ruft und schreit und dabei von Sicherheitsleuten überwältigt wird.

Ein aufregendes Filmgemälde, was einen nicht kalt lassen kann.

Crowdfunding: Cicada Princess

Ein weiteres vielversprechendes Crowdfunding-Projekt ist Cicada Princess von Mauricio Baiocchi, einem ehemaligen ILM-Mitarbeiter. Bei diesem Beispiel sehr schön: Der Teaser, der Investoren aller Größe anlocken soll:

Cicada Princess from Mauricio Baiocchi on Vimeo.

Schlafkrankheit

Afrika ist für die Westler, genauer: für die Europäer, nach wie vor ein harter Brocken. Das belegt auch der Film von Ulrich Köhler. Und nicht nur muss der Weiße aufpassen, dass er sich am Schwarzen Kontinent nicht übernimmt, auch vor Nilfpferden sollte er sich tunlichst in Acht nehmen.

Mit diesen einleitenden Sätzen habe ich nicht nur versucht, die Quintessenz aus dem Film zu formulieren, sondern auch die mich faszinierende Haltung, die Ulrich Köhler mit seinem Afrika-Film an den Tag legt, zu treffen. Das ist mir jedoch erst im letzten Bild schlagartig bewusst geworden und hat den Film in ein für einen Afrika-Film ziemlich ungewöhnliches Licht getaucht.

Es geht darin um zwei Phasen im Leben von Ebbo Velten, einem europäischen Arzt, der gleichermaßen gut deutsch und französisch spricht, und der sich seit 20 Jahren in verschiedenen afrikanischen Ländern einem Schlafkrankheitsprojekt widmet. Seine Frau lebt zu Anfang des Filmes noch bei ihm.

Die erste dieser Phasen im Film schildert einen Besuch der Tochter, die in Deutschland studiert. Dann fliegen Mutter und Tochter zurück nach Europa. Für seine Frau gab das Leben in Afrika wenig mehr Inhalt her. Ab hier ist Ebbo Velten allein.

Die zweite Phas des Filmes setzt drei Jahre später ein. Sie handelt davon, dass eine schwarze Bettgenossin von Velten hochschwanger ist und vor einer schweren Geburt steht. Zweitens bekommt Velten Besuch eines von der WHO abgeordneten schwarzen Arztes, der Franzose ist, Dr. Nzila. Der soll einen Bericht über die Verwendung der Gelder, die seit Jahren in Dr. Veltens Schlafkrankheitsprojekt gesteckt werden, anfertigen. Damit wird dem Film ein dramaturgtisches Spannungselement beigefügt.

In der ersten Phase werden ausgiebig die Verhältnisse in Afrika geschildert, so rückständig, wie wir sie in Europa gerne sehen; das ist nicht in jedem Moment spannungserzeugend, aber es erweckt einen realistischen Eindruck, resp. bestätigt unser voreingenommenes Bild der Rückständigkeit des Kontinents.

Der Film fängt an mit einem Blick aus dem Fond eines Autos auf einer nächtliche Straße mit nach hinten sausenden Mittelstreifen und Lastern auf der Gegenfahrbahn. Eine umständliche Straßen-Sperre der Polizei unterbricht die Fahrt. Dabei ist zu erfahren, dass es die Veltens sind, die dieses Auto fahren und dass sie eben ihre Tochter vom Flughafen abgeholt haben. Dummerweise hat sie keinen Pass dabei (allerdings fragte ich mich im ersten Moment, das müssten doch die afrikaerprobten Eltern gleich bemerkt haben) es gibt also in nächtlichem Schummerlicht von Autoscheinwerfen und Polizeitaschenlampen ein längeres Hin und Her und Beratungen, was zu machen sei und wie das Problem zu lösen sei. Bestechung kommt nicht in Frage, in dieser Hinsicht ist Velten prinzipientreu. Ob er den einen Polizisten ein Stück mitnehmen könne. Kommt auch nicht in Frage. Der Arzt besteht auf seiner Neutralität: keine Uniformen, keine Waffen im Wagen. Wenn der Polizist sich aber auszöge. Kurzer Scherz, ob er nackt mitfahren möchte. Der war zu erwarten. Nein, in Zivil. In der Tasche hat er dann doch die Pistole. Auch die muss raus. Sie sei nicht geladen, behauptet er. So stellen wir uns Afrika vor. Und auch so, wie der Wächter im Haus von Dr. Velten reagiert, wie das Auto sich nähert. Nämlich gar nicht. Erst nach heftigem Pochen ans Tor kommt er schlaftrunken daher. Velten moniert in einem Ton wie Hundehalter ihn ihrem Tier gegenüber anzuwenden pflegen, wenn es nicht gleich pariert, er habe ihn zum Wachen angestellt, kein Wachen, kein Geld. Der Wächter lügt, er sei im Garten gewesen. Genau so stellen wir uns afrikanisches Personal vor. Schläfrig und verlogen. Aber Dr. Velten ist eben schon 20 Jahre in Afrika und hat seinen Modus Vivendi gefunden.

Es gibt weitere Schilderungen dieses Arztlebens, Budgetbesprechungen in der Klinik, Probleme beim Parkplatz, eine zwielichtige Gestalt möchte ihm seinen Wagen abkaufen und die taucht später unangemeldet und bei ihm zuhause auf und behauptet dem Wächter gegenüber, er habe den Wagen gekauft. Dr. Velten hört sich das aus dem Hintergrund an, wo er auch feige bleibt. Irgendwie haben wir uns Menschenfreunde – und Ärzte, die in Afrika helfen, die gehören in diese Kategorie – anders vorgestellt.

Sein Freund Gaspard möchte ihn zum Plantagenkauf überreden, das sei doch viel interessanter. Gaspard glaubt an die afrikanische Frau und umgibt sich mit jugendlichen, schwarzen Schönheiten, die garantiert keine Nutten seien. Gaspard lebt das süße Leben des Weißen in Afrika wie wir es uns in Kolonialzeiten vorgestellt haben. Das vermittelt der Darsteller Hippolyte Girardot als Gaspard überzeugend mit seinen wenigen Auftritten. Gut gecastet und gespielt. Das Kompliment kann auf die anderen Darsteller ausgedehnt werden. Die eine der jungen Damen möchte in Deutschland studieren. Inzwischen sind übrigens Mutter und Tochter von Velten bereits nach Deutschland zurückgeflogen. Seine Frau befindet sich jetzt in Wetzlar

Bis hierher würde ich von additivem Kino sprechen, was die Szenen ohne großen Handlungsfaden aneinander reiht und zwischenzeitlich den Eindruck bestärkt, aha, hier hat einer ein Thema gesucht und das will er jetzt illustrieren; ein Fehlschluss, wie sich herausstellen wird.

Drei Jahre später.
Eine Konferenz über Entwicklungshilfe. Hier spricht ein Schwarzer darüber, dass 500 Milliarden Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten Afrika gar nichts gebracht hätten, dass sich nichts geändert habe; im Gegenteil, diese Hilfe habe sich als obstacle majeur pour le developpement herausgestellt, als ein schweres Entwicklungshindernis; Handelsmöglichkeiten, die nämlich würden die Impulse geben.

Es gibt ein Medizinergespräch über ein Mittel gegen die Malaria, das Depression als Nebenwirkung habe. Hier entsteht kurz der Eindruck eines Aufklärungsfilmes.

Jetzt kommt Dr. Alex Nzila an, ein Abgeordneter der Weltgesundheitsorganisation, der prüfen soll, was mit den ganzen Geldern für das Schlafkranhkeitsprojekt von Dr. Velten geschieht. Die Recherche von Dr. Nzila gestaltet sich von Anfang an nicht leicht. Schon mit dem Fahrer, den ihm die Krankenstation geschickt hat, ist er nicht zufrieden, ja er weigert sich mit dieser Kiste 500 Kilometer über afrikanische Piste zu fahren und fordert seinen Koffer wieder raus. So kommt er vom Regen in die Traufe. Transport und Übernachtung gestalten sich abenteuerlich, zum Beispiel die Szene mit dem Nachtquartier, wo der „Portier“ ihn mit einer Taschenlampe in den stockfinsteren Wald hinausführt, sich von ihm verabschiedet mit den Worten, jetzt müsse er nur noch wenige Meter gehen in der Dunkelheit und dann sei er da. Was Dr. Nzila dann findet spottet jeder Beschreibung. Es gibt immerhin Sicherheitsschlösser vor den Holzverschlägen.

Die weitere Handlung besteht nun in der Recherche von Dr. Nzila, der an einer Stelle bemerkt, er sei schwul. Und an anderer, er sei Franzose (er wird gefragt, warum ein Schwarzer diese Inspektion durchführen soll) auch sein Vater sei schon in Frankreich geboren, aber die Vorfahren stammten aus dem Kongo. Auf seine Art eine einsame Figur in Afrika.

Zwischendrin muss Dr. Nzila, der längst kein praktizierender Arzt mehr ist, der von Dr. Velten Geschwängerten mittels Kaiserschnitt, wozu er die Anleitung übers Handy erhält, zur Geburt des Kindes verhelfen. Nachdem Dr. Velten endlich auftaucht, verabredet man sich zu einem nächtlichen Jagdausflug. Das ist der Moment, an den Humor eines Curt Goetz zu denken, bei dem Jagdausflüge eine reizvolle Funktion im zwischenmenschlichen Gemenge einnehmen und gelegentlich tödlich enden.

Ein Afrika-Film der ungewöhnlicheren Sorte.

Die Frau die singt – Incendies

Vielleicht ist das der Grund für ein paar Jahreszahlen- und Altersprobleme, dass dem Film ein Theaterstück zugrunde liegt, bei dem sowas womöglich weniger ins Gewicht fällt. Wann hat die Hauptfigur ihr erstes Kind gekriegt und dergleichen. Da aber Denis Villeneuve, Autor und Regisseur des Filmes, wie ein Spürhund an seinem Thema dranbleibt, spielt das keine große Rolle, lenkt den kalkulierenden und gerne mit Zahlen und zahlenmässigen Wahrscheinlichkeiten jonglierenden Mitteleuropäer nur in kurzen Moment ab. Der Film ist die Spurensuche einer Vergangenheit im Nahen Osten.

Jeanne und Simon Marwan, zwei junge Menschen und Zwillinge zugleich, die im französischsprachigen Kanada leben, erhalten von einem befreundeten Anwalt die letzten Verfügungen ihrer Mutter erklärt und zum Teil ausgehändigt. Er übergibt ihnen Umschläge. In denen steht aber nur, was sie zu tun hätten, es ist also wie bei einem Brettspiel, damit sie am Ende auch noch die restlichen Umschläge erhalten. Rücke in den Libanon vor. Die Mutter hat posthum eine Spur zu ihrer Geschichte, die sie zu Lebzeiten niemandem anzuvertrauen wagte, gelegt.

Damit fängt eine aufregende Geschichte an, die auch einen Teil des Libanonkrieges erhellt, von grausamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, von Ermordungen von wichtigen Persönlichkeiten, Folter und Vergewaltigung, nie anprangernd oder moralisierend, sondern immer als Teil eines Puzzles, das die Zwillinge schließlich auch auf die Spur ihres Vaters führt.

Für uns orientierungssüchtige Europäer wären hin und wieder Wegmarken, Jahresangaben, ob jetzt 1970, 71 oder 95 oder 2006 hilfreich, um der Geschichte noch konzentrierter folgen zu können oder auch gelegentlich Ortsangaben, die über den Namen von einem Gefängnis oder einer kleinen Ortschaft hinausgehen.

Nichtsdestotrotz erlebte ich schier atemberaubende zwei Stunden im Kino, die so viel erzählen, wie eigentlich kaum reingeht, was auch an Menschlichkeit alles möglich ist, aber eben auch an Unmenschlichkeit.

Immer wird orginal gesprochen, Französisch, Englisch oder Arabisch und auch  nicht alles untertitelt, wenn es nicht unbedingt nötig ist,  oder wenn die vielen Frauen in einem Raum sind, muss eine übersetzen von Arabisch auf Englisch.

Eine außerordentliche Geschichte, die hier den Weg auf die Leinwand gefunden hat.

Der Mandant

NTGUILTY ist der Text auf dem Nummernschild des Lincoln, in dem Mick Haller, gespielt von Matthew McConaughey, sich statt eines Büros eingerichtet hat und von Gerichtstermin zu Gerichtstermin kutschieren lässt. Er ist smart und schafft für jeden seiner Klienten ein „not guilty“, er ist ein Meister des Deals und hat rund ums Gericht jede Menge von Netzwerken und Zuarbeitern. Sein System funktioniert wunderbar. Es ist ein System zum Austricksen des Rechtssystems. Er ist ein strahlender Routinier seines geschäftig geschickten Erfolges. Er kennt alle Tricks und Finessen des Gerichtsbetriebes und setzt sie zu seinen Gunsten ein. Er hat die Lage immer im Griff, reagiert schnell, präzise, ohne sich bei unnötigen Details aufzuhalten. Er mag keine Warteschlangen. Es muss flutschen; das tut es auch. Er ist ein Ausbeuter gerichtlicher Formalismen, ein meisterlicher Surfer auf den Regeln gerichtlich-menschlicher Laschheiten; nicht Gerechtigkeit interssiert ihn, Recht zu bekommen ist sein Ziel und das erreicht er stets. Erfolgreiche Pervertierung des Rechtssystems.

Über sein Privatleben erfährt man nicht viel. Außer dass er mit seiner geschiedenen Frau ein Töchterchen hat.

Er ist raffiniert darin, seinen Preis festzusetzen, wenn er merkt, der Kunde braucht ihn auf jeden Fall, ein Beispiel dafür liefert die Verhandlung über ein Engagement, in dem er flugs einen Experten in New York erfindet, der kurz nach L.A. oder San Francisco fliegen müsse, natürlich erster Klasse und mit einem standesgemässen Hotel. Und wie sein Verhandlungspartner weg ist, bemerkt er zu seinem Bekannten, dass er den Experten in New York nur erfunden habe, dass das auch ein hiesiger machen könne. Aber das Geld für den teuren Flug hat er bereits eingesteckt.

Wir haben hier eine erstklassige Produktion in einer langen Tradition von amerikanischen Gerichtsfilmen vorliegen, Buch, Besetzung, Regie. Aber das Tüpfelchen auf dem i ist meiner Meinung nach die Besetzung der Hauptfigur mit McConaughey. Er passt absolut glaubwürdig in diese Anwaltsrolle, 100 Prozent. Oder die Rolle passt wie angegossen zu ihm. Ein Typ, der ohne Gewissen seinen Job tut, einer der mehr ein Spieler ist und sich die Regeln des Games erfolgreich zu Nutzen macht; er ist für jede seiner Handlungen abgesichert, dank seiner Kenntnis und seiner Cleverness, er vermeidet jedes Anecken. Er kennt keine Rückschläge, keinen Tiefpunkt. Das ist durchaus ein Teil seiner schillernden Oberfläche.

Der Film begleitet ihn und seinen Lincoln mit Chauffeur schnell in seinem unruhig rasenden Leben durch die Gerichte oder auch mal an eine etwas entlegenere Ecke, wenn er dem bestellten TV-Fotografen sein Geld wieder abknöpft, das er einem neuen Klienten zuvor aus der Tasche gezogen hat, um den unwillkommenen Pressemenschen wieder loszuwerden (was erwartest Du für Deine Aufnahmen, wie teuer glaubst Du sie verkaufen zu können? Der meint so 700, 750. Haller gibt ihm aus der Tasche des Klienten 800 und bekommt den Film. Nachmittags dann in der abgelegenen Ecke macht der Lincoln mitten auf der Strasse eine Spitzkehre, hält bei besagtem Fotografen, gibt den Film zurück und erhält von den 800 Dollar 600 zurück, 200 bleiben dem Fotografen für den Auftritt; gut organisiert kann man nur sagen.).

Haller ist ein Gschaftler und Wusler, einer von den Typen, die das ganze Gerichtswesen in Verruf bringen, die den Deal lieben, der auch bei uns ein nicht unumstrittenes Verfahren ist; der Film erhellt ganz nebenbei und unterhaltsam ein aktuelles Problem, was auch uns angeht; wieviel Strafe bleibt übrig nach einem Schuldanerkenntnis, wie manipulierbar ist das Gericht durch seine eigenen Regularien und menschlichen Schwächen – denn Wahrheitssuche, Gerechtigkeitsfindung kann ein anstrengender Prozess für alle Beteiligten sein.

Hier dürfte das grösste Kompliment dem Caster gebühren, denn der Schauspieler scheint von sich aus jene gewisse Schauspielerroutine mitzubringen, die für diese Rolle unabdingbar ist, die ihr die nötige Schmiere verleiht.

Damit sichs lohnt die Geschichte über diesen Anwalt zu erzählen, muss selbstverständlich ein besonders krasser Fall her. Es geht um Verstümmelung von Frauen. Speziell einer Nutte, die überlebt hat. Es gibt Videoaufnahmen aus einer Anbandeldisco, wie die Nutte dem erhofften Freier auf einer Serviette ihren Namen, Nummer und den Preis nennt. Angeklagt ist in diesem Fall ein Muttersöhnchen aus feinstem Hause.

Haller muss gleich klar stellen, dass die Mutter bei den Gesprächen nicht dabei sein kann, weil sie sonst als Mitwisserin Probleme kriegen könnte. Sie schluckt diese Anweisung höchst ungern. Das Problem bei diesem Fall wird sein, auf Details kann verzichtet werden, dass Haller im Laufe der Ermittlungen (er hat in Frank Levin eine originelle Figur von Ermittler) in Konflikt zu einem von ihm früher erfolgreich vertretenen Fall gerät.

Wobei der Begriff „erfolgreich“ der Präzisierung bedarf: der Klient, der wie sich jetzt herausstellt, vollkommen unschuldig war, entging dank Haller dem Strang oder der Giftspritze, bekam dank Hallers Deal nur lebenslänglich auf St. Quentin. Deshalb gerät Haller nun in einen Gewissenkonflikt. Er hat erfolgreich einen Unschuldigen zu lebenslanger Haft verdonnern lassen. Ab diesem Erkenntnismoment bekomme ich mit der bis dahin so brilliant angelegten Hauptfigur allerdings Probleme. Der Gewissenkonflikt bedeutet einen Bruch in dem glatten Duktus. Vor allem: nachher spielt er seine Rolle weiter, als ob nichts gewesen wäre. Dieser kleine Schönheitsfehler scheint mir schon im Drehbuch angelegt. Dass der gewissenlose Haller plötzlich einen, und dazu noch höchst emotional dargestellten Gewissenkonflikt durchlebt, das nimmt man ihm schwer ab. Das ist ein Bruch in der Figur.

So wie die Figur angelegt ist, wäre doch Ärger angebracht gewesen, er müsste sich massiv ärgern, dass ihm das passiert ist, weil das sein reibungsloses Geschäft stört oder gar ruinieren kann. Und überhaupt mag er keine Probleme, schon gar nicht in der Region des gut verschlossenen Gewissens. Ärger, Aufregung wäre meines Erachtens die figurkonsequente Reaktion gewesen. Denn er wird nicht zum Gutmenschen durch den Konflikt. Er macht genau so weiter wie bisher. Er versucht dann lediglich mit seinen Mitteln den ihm anvertrauten Fall erfolgreich zu beenden.

Erstklassig gemachter Gerichtsfilm mit einem heftigen Wackler in der Figur des Protagonisten, doch mehr als ein Schönheitsfehler, leider.

The Bang Bang Club

Spielfilm über ein Pressefotografenquartett in den letzten Tagen der Apartheid in Südafrika.

Sie wurden BANG BANG CLUB genannt, sammelten Pulitzer-Preise ein und dürften mit ihren weltweit abgedruckten Fotos zum Ende der Aparatheid mit beigetragen haben. Es scheint aber auch der Versuch, mit diesem Film die Fotografengruppe, die nicht alle die Apartheid überlebten, auf ein Podest zu erheben.

Der Film ist angenehm geniessbar, in schönen Bildern gemacht, gut besetzt und gut gespielt und trotzdem werden die Massen wohl seinetwegen die Kinos nicht stürmen. Wieso?

Mir scheint das ein Problem der dramaturgischen Zubereitung des Stoffes und vielleicht auch der Absichten dahinter.

Die eine Absicht habe ich schon erwähnt, die ist sicher gut gemeint, aber bloss weil Leute gut dargestellt werden sollen, schier zu Helden gemacht, deswegen geht noch keiner ins Kino.

Das grössere Problem scheint mir die Übergewichtung der Gewissensproblematik zu sein, dies vielleicht als Folge des Versuches, diese Fotografen als gute, fast idealistische Menschen darzustellen, die aus diesem Grunde über Leichen gehen müssen. Ihr Geschäft ist nun mal die Bereitstellung von Fotomaterial über grausame, mörderische, menschenverachtende Ereignisse. Nur so können diese in die Öffentlichkeit getragen werden und zur Bewusstseinsbildung beitragen.

Mich würden vielmehr die Motive interessieren, warum einer sich so in Gefahr begibt – dass sie das tun, das wird ausgiebig geschildert bis sie selbst vor den Lauf von Heckenschützen geraten und einen der ihren verlieren.

Allerdings wage ich zu behaupten: kein Mench auf der Welt interessiert sich für allfällige Gewissensbisse eines Kriegsfotografen. Insofern dürfte die Regie falsche Akzente gesetzt haben, wenn sie die Fotografen anlässlich von Greueltaten ein leidendes Gesicht aufsetzen lässt. Denn der Fotograf ist in diesem Moment Jäger und darauf aus, das wichtige Bild aufzuspüren und zu schiessen.

Der Konflikt wird angesprochen, wie Kevin, der als zweiter der Gruppe den Pullitzerpreis erhält, im Interview gefragt wird, was denn aus dem Kind im Sudan, hinter dem schon der Geier wartet, dem Preisbild, geworden sei und Kevin keine Antwort hat. Auch die Reaktionen auf das Bild in der Redaktion sind ziemlich kitschig dargestellt, als reine Sentimentalität, die mit den spannenden Vorgängen um die Kriegsfotografie wenig zu tun haben.

Manche Filmemacher glauben, sie müssen immer eine Liebesgeschichte mitliefern, so auch Steven Silver, Autor und Regisseur dieses Filmes; die kommt meist sehr stereotyp daher, weil sie zum Vornherein nur als schmückendes Beiwerk gedacht war, was einer Liebesgeschichte selten bekommt; so auch hier: der Pullitzerpreisträger mit dem Bild eines vom Mob angezündeten Schwarzen, der entflammt herumtorkelt, fängt ein Verhältnis mit seiner Bildredakteurin an. Das hat, so billig wie das hier eingebaut wird, nichts mit der extremen Thematik der Kriegsfotografie zu tun, der allein der Autor/Regisseur offenbar misstraut. Und dann noch Aktfotografie von der Freundin. Ätsch.

Solche erfundenen Liebesnebengeschichten, und es ist nicht die einzige, verharmlosen vor allem die Geschichte, verwässsern sie, schaden dem eigentlichen Topos des Filmes; denn über die Hintergründe, warum diese Männer diesen Job machen, erfährt man nichts.

Gemauso billig der Versuch, die beginnende Prominenz der Gruppe nachzuzeichnen. Scheinheilige Auseinandersetzung mit dem Startum. Aber eben auch nicht richtig thematisiert, sondern billig- und massenblattmässig. Dürfte im Kino jedoch nicht verfangen. Der ganze Papparazzi-Shit. Statt dessen: Aussparung von Konflikten. Anschleimen an die Oberflächlichkeit – und vielleicht ans Publikum.

Honey 2

Tanz als Faktor zur Stabilisierung der Persönlichkeit und der gesellschaftlichen Stellung, um aus der Gosse und der Perspektivlosigkeit hinauszukommen. Ein bekanntes Sujet. Hier ist die Hauptfigur, und die hat ganz schön Pep und Power, Katerina Graham, die Maria Ramirez spielt und die es schaffen muss. Dazu die üblichen Spielchen mit Männern, dem Latino, dem sie eine Absage erteilt, weil sie ihn von früher kennt und den prototypisch weißen Nordamerikaner, schon recht langweilig, aber gut beherrscht in der Darstellungskunst, und so einen brauchen sie wohl auch fürs potentere weiße Publikum, also diese Überlegung scheint sehr laut in den Film hineinzuregieren, denn irgendwie nimmt man diese weiß-dunkle Liaison nicht so ganz ab, sowieso, was hat der junge Mann, der hier Brandon und nicht Romeo heisst, in dieser abgefuckten Gruppierung von verwahrlosten Kids zu suchen, die dann in der grossen Fernsehshow Dance-Battle, nach den üblichen Irrungen und Wirrungen und Widerständen und Verzweiflungen, auftreten und schliesslich siegen werden gegen die Gruppe, in der der Latino der Boss ist und die jahrelang auf die Siegerposition abonniert schienen. Das ist alles so absehbar, dass es also solches nicht spannend ist. Und was die Gruppe HD, wie sie sich nennt, allmählich aus dem Nichts an Show und Kostümen bringt, tja, das ist reine Operette und sowas von unwahrscheinlich, wie auch die ganzen Charaktere topfeben flach bleiben. Es scheint sich hier um ein nach Schnellrezept zusammengeschustertes Stück Film zu handeln, in welchem es vor allem darum geht, einem engen Focus an potentiellem Teenie-Publikum eine nahrungsarmes Häppchen an Tanzbedarf und schönen Körpern und zugegeben einigen lustigen Tanznummern zu zeigen. Besonders negativ wirkt die Verknüpfung mit der Fensehshow. Bei  Sendungen wie DSDS, da fiebern Massen mit, weil der Ausgang ungewiss ist, während er bei  einem Film 100% voraussehbar ist, wenn der live-Effekt wegfällt, so spannend wie eine tote Fliege. Die hätten wirklich lieber mehr Zeit und Sorgfalt auf die Story um Marie verwendet, weil die ist anfangs noch  der soziale Fall, der bei einer Betreuerin unterkommt und  einen Job kriegt, denn sie will ja ihr Leben in Griff kriegen. Ferner ist abgelutscht, wie ihre Bezugspersonen bei der Show mitfiebern. Da ist nicht mal richtig was zu Faden geschlagen. Es scheint als sei hier die Kalkulation gewesen, 80 Prozent des Filmes muss Musik und Tanz sein, das kann auch mal ein Tango mit Besenstiel oder mit dem Ladenbesitzer auf der Strasse vor dem Laden sein, oder Proben und den Rest müssen wir mit eiligen Dialogen, die ein Minimum an Geschichte suggerieren, füllen. Vor dem Finale gibt’s ein retardierendes Moment mit dem Versuch eines ernsthaften Gespräches von Maria, was nur noch als Bremsklotz wirkt, vielleicht, um den Film  nicht noch länger als unendliche zwei Stunden lang werden zu lassen.

The Tree of Life

Terence Malick konfrontiert uns mit einem Kino biblischen Ausmaßes, was die Grundfesten unseres Handelns und unserer Liebe auf den Prüfstand stellt.

In Cannes sollen Kritiker Buh geschrien haben; waren sie überfordert von dieser geballten Ladung Kino und Menschen- und Schicksalsforschung, die mehr Substanz enthält als ein ganzer Jahrgang des subventionierten deutschen Kinos?

Jack zu sein, das ist der Traum eines jeden Menschen: Wunschkind, alles stimmt beim Wunschkind. Das Wunschkind von O’Brain und seiner Frau heisst Jack. O’Brian wird gespielt von Brad Pitt und Frau O’Brain von Jessica Chastain. Der in dieses auf soliden Grundpfeilern aufgebaute Gefäss von einer Familie hineingeboren und hineingeborgen wird und darin aufwächst, dieser Jack, der ein hübscher Junge war, der wird, wenn er gross geworden ist, gespielt von Sean Penn. Und er sieht nicht mehr gut aus. Man würde ihm das Wunschkind nicht mehr unbedingt geben, wenn man ihn sieht im Gewirr der Hochhäuser in diesem modernen Wolkenkratzerlabyrinth mit rasenden Liften und geometrischen Gängen und nichts als Wolkenkratzerfronten um sich rum. Und ein ins Auge stechener Vogelschwarm, wie dressiert zur Irritation. Etwas muss da gründlich schief gelaufen sein. Oder der biblische Gott war kurz weg, hat nicht ganz aufgepasst.

Hiob 38, 4, 7, diese Bibelworte setzt Malick seinem Kino-Gottesdienst voran.
4 WO WARST DU ALS ICH DEN GRUND DER ERDE LEGTE?
7 ALS DIE MORGENSTERNE MITEINANDER JAUCHZTEN UND ALLE SÖHNE GOTTES JUBELTEN? Der Gott muss kurz weg gewesen sein. Er muss das Wunschkind Jack für einen Moment aus den Augen gelassen haben. Natur und Gnade: gibt es da eine Entscheidung, muss sich der Mensch dazwischen entscheiden? Natur dient nur sich selbst, herrscht durch den Willen. Geist und Natur gehen schon beim Einläuten des Malickschen Gottesdienstes eine heftige cineastische Symbiose ein. Der biblische Gott ist ungerecht. Er belohnt den Rechtschaffenen nicht oder nur nach Lust und Laune. Der biblische Gott ist launisch wie die Naturgewalten. Der biblische Gott ist furchtbar, ihn schert die menschliche Rechtschaffenheit nicht. Er mag zwar das Universum geschaffen haben, aber für Gerechtigkeit unter den Menschen, da hatte er keine Zeit. Da kann dem Menschen zum Hadern zumute werden. Aber die Gnade, die müsste doch für ein gutes Ende stehen.

WUNSCHKIND UND FAMILIE

Geburt des Erstgeborenen, Geborgenheit, die Taufe, Wiege in traumhaftem Lichte: ein Brüderchen ist da; Jacks erste Schritte, die Mutter liest Geschichten vor, Bilder von Trautheit und Vertrauen, die Kids spielen und balgen sich oder das glückliche Bild vom Filmplakat: Vater mit den zwei Buben dabei, Steine über die Wasserobfläche so zu werfen, dass sie hüpfen, flitschen; Impressionen einer glücklichen Kindheit in dem Häuschenviertel mit den breiten Strasssen und viel Platz; Buben, die spielen, werfen, kicken, Schlingel, die Blödsinn machen, rumtoben, Klassisches Orchester dazu. Seifenblasen. Spielen mit Holzfigürchen: Nashorn, 2 Krokodile, Känguruh, das hüpft. Kuchen: das ist mein Stück. Mit Vater einen Baum gepflanzt. Buben springen im Dampf hinter Strassenkehrmaschine her, auf der DDT steht. Eine trautes häusliches Wäscheaufhängebild. Dad ist auf Reisen. Nach der Chinareise geht die Familie italiensch essen, Vater: AL DENTE. Friede und Glück von Mutter mit Kindern zuhause. Wundversorgung. Die Knaben toben sich aus, mit Blechbüchsen oder mit Holz gegen Blechwand, schmeissen Scheiben ein in verlassenem Gebäude, zünden eine Rakete mit Frosch, hanging around. Lernen und Experimentieren. Das thematisiert der Vater auch.

JACK und die Linie, die er nicht überschreiten soll.

Halloween. Hexengeschichte, Masken.

In das ruhige Leben platzt ein Brief hinein, der den Tod eines 19jährigen verkündet. Oh Gott, warum hast du mich verlassen, Mutter ist unglücklich, my son, my son. Er ist nun in Gottes Hand; er war es immer. Jack entdeckt eine leere, dunkle Treppe, die in ein unbewohntes Zimmer unterm Dach führt. Er erlebt den Tod; er nimmt sehr sensibel die Grimassenöffnung einer Ruine als Signal von Negativem wahr. Gelegentlich hört man auch Vater oder Mutter ganz leise mit Gott hadern. Hiob. Hiob. Wie hat Mutter das ertragen.
Widerspruch zwischen Natur und Gnade anhand der Differenz des väterlichen und des mütterlichen Prinzipes. Macherprinzip gegen Dulderprinzip.

 

DER VATER

Die Natur. Das Herrschen. Das Prinzip des Willens, des Durchsetzens, des Erreichens. Vater steht aber auch für die Kultur. Er erzählt von Brahms. Er spielt Klavier. Er spielt Orgel. Das Tischgebet gehört zum Essen. Von der Chinareise bringt Vater den drei Buben Geschenke und Toilettentücher aus dem Hotel und Erzählungen (Trophäen?). Aber auch Vater hat Fehler gemacht, er wollte ein grosser Musiker werden – und ist dann in einem Industriebetrieb gelandet. Vaterprinzip: Something Big: einmal erzählt Vater über Frank Johan, der Frisör war, aber he built something big, er hatte dann Immobilien. Vater, der die Kunst des Möglichen, des Herrschens lehrt, Brutalität, keine Demut.

Die Prinzipien des Vaters und das Verhältnis zum Sohn : Liebst du Deinen Vater?
Reach me my lighter. Herrschen: der Sohn muss auf Sätze vom Vater immer mit „Sir“ antworten. Jack betet für sich, er wolle nicht mehr frech zu seinem Vater sein, nicht mehr die Hunde aufhetzen, wolle dankbar sein, nicht lügen. Die Welt ist eine Gaunerei.
Siehst Du mir zu (Gott). Wo bist Du. Ich will sehen was Du siehst. Vater spielt Orgel. Jack steht daneben: schon halbwüchsig. Jack muss 50 mal leise die Tür zu machen, weil er sie geknallt hat. Harte Erziehungsprinzipien, um die Welt in Griff zu kriegen. Vater gibt Jack Anweisungen, wie er zu boxen haben, er solle ihn schlagen. Hit me Jack!

Toscanini. Hat bei einer Aufnahme 65 mal aufgenommen und nachher gemeint, er könne es noch besser. (Naturbeherrschung und Perfektionismus). Vater: Das Schicksal liegt in Deiner Hand. No interruptions please. Vater in einen Repräsentationsgebäude alter Art, wie das Kapitol mit Kuppeln.

Papa spielt Klavier.

Gib dem Vater einen Kuss. Beim Sitzen auf dem Stuhl soll man ganz vorne sitzen, das ist besser für die Haltung. Vater zur Mutter: Du hetzt meine Kinder gegen mich auf!
Gewalt mit seiner Frau, er nimmt sie in Würgegriff. Vater kauert vorm Gemüsebett. Sohne kauert sich daneben. Ein Ansatz von vorsichtig vertraulichem Nebeneinander. Auch der Vater wollte geliebt werden, wie er gross war. Er fühlt sich als ein Nichts. Missachtet.
A foolish Man. Vater schlägt sich selbst ins Gesicht. Closing the Plant. Sein Betrieb macht dicht. Choice: no job oder einer, den keiner will. Vater liegt zwecks Reparatur unterm Auto. Sohn schleicht drum herum. Man kann seine Gedanken lesen; ein Schubs an den Wagenheber…
Dann spricht Jack halblaut für sich (etwas überdeutlich scheint mir), bitte Gott, bring ihn um.
Vaters Selbstmitleid, wie gut er war, nie krank, hat regelmässig was in die Sonntagskollekte getan, vielleicht war er zu streng zu Jack. Jack fühlt sich ihm ähnlich.
Die Jungs sind jetzt noch sein Lebenswerk, alles was er hat. Vater zu Jack: Unterbrich mich nicht. Jack: Du tust es auch. Es ist Dein Haus. Du kannst mich jederzeit rauswerfen.
Vater-Sohn-Konflikt heizt sich auf. Vater rastet aus und sitzt dann ganz allein am Tisch.

MACHERPRINZIP GEGEN DULDERPRINZIP

Jack schreit Vater an: sie liebt nur mich (gemeint die Mutter).

DIE MUTTER UND DAS PRINZIP DER GNADE

Was sie alles erleidet, erduldet, hinnimmt, ihr Mitgefühl, ihre Liebe. Mutter ist wohltätig. Unendliche Liebe der Mutter, die alles verzeiht und sich nicht gegen den Mann resp. den Vater von Jack wehren kann. Mutter ist naiv, man braucht Willen. Mutter. Liebe, tue Gutes, hoffe.

JACK UND DIE MUTTER

Warum wurde er (den Vater meint Jack) geboren? Das fragt er die Mutter

JACK UND DIE BRÜDER

Jack mit seinem Bruder im Wald. Sie schiessen. Ins Wasser. Dann schiesst er seinem Bruder in den Finger. Mit dem Flaubert-Gewehr. Dann eine versöhnliche Bruderliebe-Szene der beiden. Was ich machte, das darf ich nicht. Verlassene Hütte. Jack schmiegt sich an seinen Bruder.

SCHICKSAL.

Hiob und das Schicksal. Gibt es Dinge, die der Mensch nicht in der Hand hat? „Kann das jedem passieren“ fragt Jack, wie er einem armen Kerl in Ketten begegnet und ihm was zu trinken gibt. Jack allein zuhause. Eine festlich gedeckte Tafel. Und wieder die einsame Treppe auf den Dachboden. Ein Windspiel. Später schlägt er einen Ast gegen einen Baumstamm. Energie will raus. Aufgestautes. Wut vielleicht, die sich nicht in Bösem äussern will?

Konfirmationspredigt des Pfarrers. Bub allein auf der Strasse, versunken. Er ist nachdenklich mit einem Gesichtsausdruck: schau mich nicht an. Ein Zelt im Garten. Jack ist allein im Haus. Er ist fortan öfter allein zu sehen. Im Versuch, klare Gedanken zu bekommen zwischen all den Eindrücken, allein auf der Strasse, er geht durch Räume, nichts besonderes suchend, sich nicht materiell ablenkend. Er entdeckt in einer Schublade Frauenkleidung und Schmuck. Er hält ein weibliches Dessous vor sich. Er vergräbt es unter einem Brett. Es schwimmt im Wasser. Fantasien vielleicht. Brüche bei Jack. Später wird Jack dann die Holzfigürchen wegschmeissen, NO. Die Knaben beim Schwimmen, einer taucht nicht mehr auf. Beerdigung. All das sieht Jack sehr wach und fragt sich, ob es ihn auch treffen könne. Jack wieder allein auf der Strassse.

DER ALTE JACK

Penn in symbolischen Gegenden, Wüste, Rahmen, Türrahmen, Fenster, Fensterrahmen, Hightechbüros. Denkt täglich an den Vater. Wie leben mit diesem Unglück. Was ist aus dem Wunschkind geworden? Kerzen, Chöre, Natur, Begegnung im Walde mit seinem jüngeren Selbst, der geht voraus. Türsymbolik. Ist die Geschichte der Schlüssel zum Glück?
Meer. Hochhaus, Lift, Penn verwirrt dazwischen

Die Kirche, in der Malick seinen Gottesdienst feiert, in der er seine Hiob-Auslegung ausbreitet, ist ein barockes Gotteshaus über und über bemalt, in schier unerträglicher Fülle der Bilder, pathetischen, urweltlichen, mikro- und makrokosmischen, Farben, die ineinanderfliessen, Kerzenlicht, viel lyrische Malerei drum herum. Die Filmmalerei als Flash- und Experimentiermethode, unglaubliche Aufnahmen von Natur- und Allgewalt, Vulkane, Geysire, Wolken und Getöse. Aber durch das vorangegangene Kanzelwort, ist der Geist des Zuschauers auf eine ganz bestimmte Bahn gebracht, um dieser Bilderreizflut zu begegnen, um sich deren Sog entgegenstemmen zu können. Gedanken um die Endlichkeit des Menschen, die Existenz des Menschen, die in der reinen Schöpfergewalt doch nichts sei, oder vielleicht grade wie eine Blüte auf einem schnell fliessenden Bach. Und was dem Menschen bleibe, das Problem vor das sich Jacks Vater in dem Moment gestellt sieht, wo er den Job verliert. Da bleiben ihm nur noch die Familie, die Söhne.

Auch eine barocke Liturgie: Lichtspiele zu Sopran, extrem amerikanisch religiös.We crie to you, my soul, my son, hear us. My life, my search for you My child – Chorgesang. Merkwürdig, Hiob 38, 7, “miteinander jubilierten”…

Neubarocke Kinoleinwandbildmalerei:

Naturaufnahmen, Bäume, Wiesen, Gras, Unterwasseraufnahmen, Wind, Wolken, Boden, Geysir, Vulkan, Brandung, Glut, Feuer, Tropfen von Nah, Melange von Materialien. Strukturen, Blitze. Konvulsionen. Unterwasser. Quallen. Eruptionen. Urwald. Bächlein, Ungeheuer, animiert, Urzeitengetier. Eines erzieht das andere mit der Pfote, mit der es des anderen Kopf zu Boden drückt. Gewalt. Bilder, die an naturgeschichtliche Bilder-Bücher aus den 50er Jahren erinnern.

AUSKLANG

Unglück trifft auch die Guten. Wir sind nur Wolke, wie Baum. Gibt es etwas Unvergängliches? Ist jemand gefreit gegen Zerstörung? Unglück findet Euch überall. Rückblende: Wann hast du mein Herz zum ersten Mal berührt.

Symbolische Menschen, viele Menschen wie stilisiert auf einer sandigen Ebene am Rande des Meeres, eben von Wasser zugedeckt. Wüstenlandschaft. Aus der Wüste kam das Wort. Feierliche Chöre. Menschen auf Wasser und Sand. Mutter in grünem Kleid auf den alten Jack zu. Umarmung. Alles sehr symbolisch. Der Chor singt requiescet in coeli.
Sonnenuntergangsymbolik. Alte, faltige Hand berührt Mutter; Schnitt: jetzt ist die Hand jung. Sonne, Meer, Wolken, dunkle Gestalten, herabschwebende Maske, symbolisch, Haus am Strand, der Blick nach draussen,

Ich gebe ihn Dir. Ich gebe Dir meinen Sohn.

Brücke im Gegenlicht.  (mir fällt der Begriff „Brückentechnologie“ ein).

 

Yuki & Nina

Wie ein Stenogramm mit angehängter wunderschöner japanischer Landschaftsmalerei kommt mir dieser Film vor. Wobei sich der Begriff Stenogramm nicht auf die Machart bezieht, sondern auf das Buch, was sozusagen in Kurzschrift versucht zu erinnern, wie es zu der Entwicklung kam, um die es im Film geht; wobei es dem Betrachter überlassen bleibt, zu entscheiden, ob er eher einen Culture Clash oder doch nur eine traurige Scheidungsgeschichte von zwei Menschen, zwischen denen die Liebe erloschen ist, sehen möchte und den Folgen für die Kinder. Der erste Teil ist der stenogrammmässige, rationale französische Teil und spielt in Paris.

Das Vorspiel ist in gewissem Sinne bereits ein Entwurf über die Struktur der Thematik des Filmes; der Opa erzählt den Mädchen die Geschichte vom Fuchs und der Nachtigall, dass er sie einerseits gerne frisst, ihr aber genau so gerne zuhört. Auch ein Culture Clash, zumindest ein Widerspruch für den Fuchs, der ihm Probleme verschaffen könnte.

Die Hauptpersonen sind, wie der Titel sagt, Yuki und Nina, zwei neunjährige Mädchen. Nina ist Französin und lebt mit ihrer geschiedenen Mutter zusammen, Yuki ist Japanerin und lebt mit Vater und Mutter in Paris. Yuki und Nina kennen sich von der Schule.

Der steongraphische Teil des Filmes besteht aus einer Abfolge von Gesprächen über Dinge, die zu tun sind. Zwischen den Freundinnen, zwischen den Mädchen und den Müttern. Diese Gespräche werden absolut ernsthaft geführt, sehr sachlich, was vielleicht auch den Protokolleindruck vom Film verstärkt, was gleichzeitig eine ziemliche Distanz schafft, aus welcher man mit ungehindertem Interesse zuschauen kann und nichts verpasst; dadurch wirken die Kinder und auch die Erwachsenen sehr überzeugend.

Es geht um die Ferienplanung. Die Mutter gibt sie Nina bekannt. Nina fragt, was denn mit ihrer Freundin sein, ob die mitkommen dürfe. Von der Mutter aus schon. Aber da müsse man die Mutter von Yuki fragen. Die kommt bald bei Ninas vorbei um Yuki abzuholen. Jetzt wird das diskutiert. Yukis Mutter ist einverstanden, aber sie muss zuerst noch mit ihrem Mann reden und sie würde wohl nach Japan reisen.

Bevor Yuki mit ihrer Mutter zuhause ist, erklärt ihr diese, dass sie sich scheiden lassen werde und dass sie mit Yuki nach Japan zurückkehren würde. So ein Satz ist eine Bombe für jedes Leben, wie die Reaktion darauf gespielt wird, die Sprachlosigkeit von Yuki, das ist grandios. Und kein Gefühlsausbruch.

Die Mutter erklärt Yuki, dass das das Ende der Liebe sei, also dass man eben nicht mehr liebe. Und dass sie damit auch Yuki davor bewahren möchte, immer den Streit zwischen Vater und Mutter erleben zu müssen. Für Yuki ist das ein Problem. Denn die Mutter ist ja auch unglücklich darüber, dass sie sich trennt. Aber andernfalls ist sie auch unglücklich; ein unlösbares Problem, das möglicherweise mit eskapistischen Fantasien gelöst werden kann, der Culture Clash als Hilfsmittel?

Die beiden Mädchen sitzen auf einem Schränkchen in einer Wäscherei, lassen die Beine baumeln und auch die Gedanken und kommen auf die Idee, einen Liebesbrief an die Mutter zu schreiben. Dann schreiben sie. Nina hat eine Art Schmetterlingsflügel auf dem Rücken aus durchsichtigem Voile, Yuki hat ein Tuch in der Art eines Kimonos umgebunden. Für die Kinder ist es ein Problem, ob Mama wieder einen so guten Mann finden wird.

Umzugsvorbereitungen nach Japan bei Yukis.

Die Mädchen schreiben der Liebesfee einen Brief. Sie verstehen nicht, warum die Eltern sich trennen. Sie wollen kitten. Wieso trennen die sich, wenn es sie unglücklich macht. Irgendwie wollen sie nicht verstehen, dass man auch zusammen unglücklich sein kann. Mutter weint, es sei eben schwierig zusammen zu bleiben. Yuki liegt auf der Matratze im halbausgeräumten Zimmer. J’irai pas au Japon, tut sie der Mutter kund.

Jetzt hilft nur noch Weglaufen mit Nina. Yuki taucht mit Rucksack bei Nina auf, es muss alles schnell gehen. Nina kurz entschlossen, wir fahren zum Vater. Scheisse, sie stehen vor der U-Bahn, da kommt der Vater von Nina daher. Aber die beiden Mädchen können sich verstecken. Sie sind sehr selbständig und zielbewusst in der Metro unterwegs. In Richtung Land. Abhaugeschichte. Die Realität in ihrer widersprüchlichen Liebeslogik ist nicht mehr zu ertragen

Nina kennt sich aus. Findet die Schlüssel zu dem ländlichen Haus. Erst den zum Tor. Dann den zur Wohnung. Dort gucken sie sich um. Sie stellen im Kaminzimmer das Zelt auf. Auch das passiert alles hochvernünftig, très raisonnable. Im Zelt spinnen sie Märchengarn, sprechen von Werwölfen, über Feen und Trolle. Doch jetzt kommt die Nachbarin, die was gehört und einen Schlüssel hat. Sie kommt in das dämmrige Zimmer rein. Das Zelt ist umgekippt. Die Mädchen haben sich hinterm Kamin versteckt. Aber die Nachbarin merkt nichts. Alarm. Hier ist kein Bleiben.

Die beiden Mädchen gehen in den Wald. In den mystischen Wald selbstverständlich. Der ist so schön, mit Farnen und Moosen; sie kommen an der Monsterkröte vorbei. Auf einer schönen Lichtung machen sie das Pfandspiel, Handflächen aufeinander schlagen, dann das Augen-zu-Spiel UN, DEUX, TROIS, SOLEIL. Sorglosigkeit. Dann liegen sie im Gras, man sieht nur das Gras, auf die Wolken projizieren sie bekannte und unbekannte Figuren und Fratzen. Ein dumpfer Knall. Das schreckt sie auf. Sie laufen von der Wiese in den Wald. Jetzt fängt der Teil des Filmes an, der die japanische Tusch-Malerei der wunderschönsten Wald-Bilder erinnert, wie sie das Kino so dezent selten sieht (Trier, Godard, die haben neuerdings eine Schlagseite zu Rousseau bei ihren Waldbildern, die Japaner nicht).

Yuki läuft plötzlich weg, murmelt einen inneren Monolog, der als Indiz für die Culture-Clash-These herhalten könnte, sie entschuldigt sich bei Nina, dass sie wegläuft, dass sie sie allein lässt,
Derweil hat Nina aus Ästen einen hüttenähnlichen Unterstand gebaut

Hier im Wald scheinen mir die Mädchen sehr aufgeräumt, sie werden von der Regie offenbar angehalten dazu, leicht und fast überheblich zu spielen (der Wald ist auch eine Befreiungsaktion oder gar Initiation, um das blöde Wort zu bemühen) und auf keinen Fall realistische Ermüdung, gar Erschöpfung vom langen Gehen. Je länger sie gehen, desto leichter werden sie, desto frischer erscheinen sie.
Der Wald ist die Transformation – aber wohin…

Idylle am Wald, Yuki ist durch einen kleinen dunklen Spalt einer dichten Waldwand an den Rand einer Wiese getreten, wunderschönes Bild. Sie ist jetzt in Japan. Sie geht über die Reisfelder in Richtung einiger Häuser. Kinder auf Fahrrädern überholen sie, rufen ihr zu, Yuki. Dann sind sie bei der Oma, sie streiten sich um die Sitzpolster, richtig ausgelassen, ein bisschen overacted würde ich sagen; kaum anzunehmen, dass das zufällig ist; vielleicht ist der Traum von Yuki schrill und laut.

Die anderen Kinder werden von ihren Eltern abgeholt. Yuki bleibt zurück. Oma fragt, ob sie allein nach Hause könne. Sie geht zurück in den Wald, dort trifft sie den kauernden Papa. Dann sind alle versammelt vor der Hütte von Nina.

Jetzt kommt noch eine Art privates Homevideo mit Wackelkamera der beiden Freundinnen, sie haben Blumen gefunden. Und eine Videobotschaft aus Japan. Nina muss japanisch lernen.
Yuki ist im Auto unterwegs in Japan mit der Mutter. Yuki bittet Mutter plötzlich links ranzufahren. Sie finden das verlassene Haus der Grossmutter. Die Mutter erzählt, dass sie hier oft hergekommen ist zum Spielen. Yuki fragt die Mutter, was aus ihren Freundinnen geworden sei.
Romantische Landschaftsmalerei, ich würde sagen wirklich die deutsche Romantik gemeint, aber auf japanisch.
Im Abspann wird ein japanisches Lied gesungen: Die Fadenpflanze färbt Deine Finger, die Worte Deiner Eltern das Herz, das Schiff orientiert sich an den Sternen, die Eltern orientieren sich am Kind.

Go ahead, make my day.