John erweckt sofort Empathie. Er ist ein Mittvierziger, unattraktiv, leicht verlottert, sicher ein herzensguter Mensch und die Aussicht, dass er noch eine Frau kennen lernen wird, die tendiert gegen Null. Das kann natürlich nicht so bleiben. Seine Ex-Frau überredet ihn, aus seiner Höhle sich rauszubewegen und an einer Party teilzunehmen. Bei einer für die meisten Menschen peinlichen Pinkelsituation im Garten, da funkts mit einer, die ihr Wasser auch lieber im Freien als auf der Gästetoilette lässt. Die Liebe verändert John, er wird verblüffend schnell wieder zum Normalo. Gerät aber nun zwischen die Fronten seiner neuen Liebe und deren Sohn. Dieser heisst Cyrus, ist ein komplexes, halb-erwachsenes Söhnchen und sieht das Verhältnis zu seiner Mutter durch den Eindringling gefährdet.
Habermann
Didaktisch gewissenhaft aufbereitetes Kino für das Schulfernsehen, den Schulunterricht oder zum Schließen einer eventuellen Wissenslücke über die Nazizeit.
Der Film spielt im Tschechien des zweiten Weltkrieges und in der ersten Nachkriegszeit. Der deutschstämmige Sägewerksbetreiber Habermann wahrt während der Besatzung Tschechiens Distanz zu den Nazis und wird nach dem Krieg wegen eines Gerüchtes, welches aufgrund einer ungenauen Beobachtung einer Bediensteten entstanden ist und das sein couragiertes Einstehen für seine tschechischen Mitbürger in Verrat ummünzt, von aufgebrachten Dorfbewohnern ans Mühlrad gebunden und ertränkt. Brutal.
Auch die Schauspieler erledigen ordentlich ihre Pflicht, das Drehbuch liefert dem Stoff und allfälliger Telegenität angemessen keine Vorlage für Glanzrollen.
Suicide Club
Nach etwa einer Stunde gibt es eine ulkige Situation, wenn der von den verhinderten Selbstmord-Kandidaten gekidnappte und geknebelte Chef einer Hairstyling-Kette hinterm Duschvorhang unsichtbarer Zeuge davon wird, wie seine ahnungslose Freundin auf dem Klo sitzt und mit dem Höschen spielend liebesbetrügerisch mit einem anderen telefoniert. Da entwickeln sich im Kopf des Zuschauers Spannungsmomente. Nur hat die Szene mit dem Filmthema nichts zu tun.
Im übrigen aber wird hier Kino verstanden als ein Bild plus das nächste Bild und dann wieder eines, also Aneinanderreihung von durchaus liebevoll gestalteten Bildern bis die sehr lange Laufzeit von 96 Minuten voll ist; nie davon gehört, dass Kino irgendwas mit 24 mal die Wahrheit pro Sekunde undsoweiter. Das scheint bis Kassel nicht vorgedrungen zu sein, so schön es ist, einen Film aus Kassel zu sehen, auf hohem Hochhausdach und die Wilhelmshöhe im Hintergrund. So unwirtlich die Gegend gezeigt wird, macht sie immerhin plausibel, dass die Menschen sich en masse vom Dach stürzen wollen.
Gegen diesen depressiven Befund wird akustisch-penetrant eine Art Bayern-3-Gedudel gesetzt, damit auch der Deppertste merkt, dass es sich nur um eine nicht weiter ernst zu nehmende Erfindung handelt.
Ein etwas anderer Pixar-Film
Im Blog von Harry Knowles habe ich It gets better gefunden, einen sehr aufbauenden Kurzfilm der Schwulen und Lesben unter den Pixar-Mitarbeitern.
Wenn ich so zurückdenke, habe ich auch schon einige Coming Outs miterlebt, im privaten Umfeld ebenso wie im beruflichen. Und ich muss sagen, ich bewundere den Mut, den diese Menschen aufbringen, um sich ihren Freunden, Kollegen und ihrer Familie gegenüber als homosexuell zu outen. Die Angst, von den Freunden nicht mehr akzeptiert zu werden, das Urvertrauen der Eltern zu verlieren oder von der ganzen Gesellschaft abgewiesen zu werden, muss unglaublich groß sein. Ich habe tiefsten Respekt vor allen, die diesen Schritt dereinst wagten und nun ihr wahres Ich ohne Hemmungen leben können.
Deshalb poste ich auch diesen Film hier im Blog, denn viele haben ihr Coming Out ja noch vor sich. Ich kann dazu nur ermuntern, denn ich erinnere mich an keinen einzigen Fall, in dem das mit dem Coming Out ernsthaft schiefging. Wobei ich natürlich nicht in die Familienverhältnisse der Betroffenen gucken kann, auch klar. Die Pixar-Mitarbeiter gehen jedenfalls mit gutem Beispiel voran und sprechen Mut zu. Und das nicht nur den Schwulen und Lesben, sondern auch allen anderen, deren Situation im Moment einfach nicht optimal ist:
Das It gets better-Projekt bietet zum Thema noch jede Menge weiterer Hilfen und Motivationen an.
Meine Top 5 des (bisherigen) Kinojahres
Ich wurde gebeten, meine Top 5 des Kinojahres 2010 zu benennen. Ganz schamlos nehme ich die Herausforderung an und stelle Euch meine persönlichen Top 5 vor, durchsetzt mit dem ein oder anderen Weihnachtstipp:
Mein persönlicher Favorit in Sachen „Filme, bei denen es einem eiskalt den Rücken hinunter läuft“, ist The Ghostwriter von Roman Polanski. Das neblige Setting auf Martha’s Vineyard (gedreht auf Sylt, Rømø und in Peenemünde) trägt stark zur Gesamtstimmung des bedrückenden Werkes bei. Die Geschichte des Ghostwriters, der die Memoiren des britischen Premierministers (zwischen den Zeilen deutlich erkennbar: Tony Blair) formulieren soll und dabei auf gewaltige Ungereimtheiten stößt, stammt aus der Feder von Robert Harris, der mit seinen Romanen in allen Epochen zu fesseln weiß. Als Geschenktipp für Weihnachten sei an dieser Stelle daher Pompeji (dt./engl.) angepriesen, aber auch Imperium, Teil Eins der Trilogie über einen geissen Marcus Tullius Cicero (dt./engl.). Meine Alternative in dieser Kategorie war übrigens Inception, der optisch weit mehr hergab, dafür aber weit weniger interessant war, wenn man’s recht bedenkt.
Unter den animierten Spielfilmen habe ich mich für Drachenzähmen leicht gemacht entschieden, und zwar aus mehreren Gründen: Mir gefiel die comichafte Überzeichnung der Wikingersiedlung im hohen Norden, die Geschichte selbst war schön rund und regte das Kind in einem an, aber viel wichtiger: Ich hatte vor vielen Jahren ein sehr angenehmes Interview mit den beiden Regisseuren, die nämlich 2002 Lilo & Stitch gemacht hatten. Wir sprachen auch über zukünftige Projekte, von denen sie natürlich nichts sagen durften, aber zu sehen, dass acht Jahre später so ein klasse Film herausspringt, hat mich dann doch über die Maßen gefreut. Doch den Ausschlag für meine Stimme für diesen Film gab schlicht und einfach die Tatsache, dass ich selbst früher zwei Katzen hatte und daher bestätigen kann, wie schwierig aber doch lohnend es sein kann, seinen persönlichen „Drachen“ zu zähmen. In dieser Kategorie hätte ich noch Megamind, Despicable Me und Toy Story 3 zu melden, die mir auch ausnehmend gut gefielen in diesem Jahr.
In der Kategorie „Buddy-Komödie“ habe ich mich für Die etwas anderen Cops entschieden, und zwar allein wegen dieser Szene. Der Rest des Films amüsiert natürlich auch gewaltig und findet starke Konkurrenz in Das A Team und From Paris with Love. Schade, dass The Hangover noch in das letzte Jahr fällt, der ist für mich sowas wie ein moderner Leoparden küsst man nicht, ein Verrückt nach Mary oder auch fast ein Is‘ was, Doc?, ein großer Klassiker. – Nachtrag: Völlig vergessen hatte ich The Expendables, Asche auf mein Haupt.
Beim Fantastischen Film küre ich Monsters zu meinem diesjährigen Liebling. Eine Produktion, aus der mit so gut wie keinem Geld das absolute Maximum rausgekitzelt wurde, verdient absoluten Respekt. Und da das Endergebnis noch dazu zu einem wundervollen, geradezu poetischen und vor allem völlig anderen Blick auf eine Alien-Invasion geriet, ist dies auch absolut gerechtfertigt. In Konkurrenz standen The Crazies (ich hab halt ein Faible für Zombiefilme) und Black Death (ich hab auch ein Faible für die Themen Endzeit und Mittelalter, und die Pest habe ich in meinem Leben bisher nicht nur einer Person gewünscht), beide sehr empfehlenswert, das Wunder vom letzten Jahr war District 9.
Absolutes Must-See für mich dieses Jahr war der leider eher unbekannt gebliebener Historienfilm Agora – Die Säulen des Himmels. Für weitere Informationen empfehle ich meine Kritik zum Film.
Natürlich gibt es noch eine große Menge absolut empfehlenswerter Filme, die in so einer kurzen Liste auch keinen Platz finden würden. Ich persönlich freue mich sehr über die vielen tollen Komödien, die aus Frankreich zu uns herüberschwappen, seien dies der bereits aus dem letzten Jahr bekannte Willkommen bei den Sch’tis, die noch ins Kino kommenden Fasten auf Italienisch, und Der Auftragslover oder auch der – was niemand für möglich gehalten hätte – herzerwärmend herzlich inszenierte Der Kleine Nick.
Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass diese Aktion von Gutschein-Codes.de angeregt wurde, eine Webseite, die Gutscheine für Online-Shops gebündelt vorhält – praktisch, wenn man sowieso schon weiß, was man wo einkaufen möchte. Es ist sicher nicht falsch, sich dort einmal umzusehen, denn immerhin haben wir in wenigen Tagen schon den 1. Advent. Ich selbst bekomme übrigens auch einen Gutschein für diesen kleinen Artikel, aber ich habe nicht die geringsten Skrupel, ihn anzunehmen. Denn da ich mit dem Blog sonst überhaupt nichts einnehme, dürfte der ein oder andere bezahlte Content ja wohl in Ordnung gehen. Und meine Meinung war völlig unbeeinflusst, was ja das wichtigste überhaupt ist.
Mount St. Elias
„Wann er di holen will, dann holt er di“, das ist das Credo dieser österreichischen Extremsportler, die mit dem Mount St. Elias in Alaska einen Berg gefunden haben, von dem mit Skiern abzufahren ein heutzutage hoffentlich auch über das Kino vermarktbares, bisher nicht gelungenes Abenteuer bieten würde. Denn der Gletscher reicht vom Gipfel mit 5489 Metern bis hinab zum Meer. Diese Abfahrt habe noch keiner vor ihnen erfolgreich bewältigt. Um zu belegen, wie gefährlich das ist, werden immer wieder sensationshascherisch Bilder mit dem Absturz eines Bergsteigers der misslungenen Expedition von 2002 eingeblendet.
Trotzdem: für Extremsportfans garantiert ein Muss.
Wie sieht es für den Cineasten aus? Hält der Film dem Vergleich mit Arnold Fanck stand, der mit seinen Bergfilmen in der Filmgeschichte nach wie vor als einsamer Solitär dastehen dürfte? Auf jeden Fall hinsichtlich atemberaubender Szenen von Lawinenabgängen, Steinschlag, Abstieg im Nebel, Abfahrten über steilste, eisharte Gletschertäler oder Freischaufeln einer Nothöhle im Schnee gegen den Schneesturm, einem Kampf auf Leben und Tod, braucht sich dieser Film nicht zu verstecken. Dagegen verblassen neuere Bergfilme wie Nordwand oder Nanga Parbat ganz schnell.
Was aber fehlt, ist eine Geschichte, die diese Abfahrt auch noch in einen spannenden Zusammenhang stellt. Hier scheint die einzige Story-Line die der Dokumentierung und damit der Vermarktung des riskanten Unternehmens zu sein; das belegt schon ein Konsumartikelname im Vorspann.
Die Behauptung des eines Bergsteigers aber, „das ist echt, das ist ned Hollywood, da bist Du allein, des is Wilderness“ steht in merkwürdigem Gegensatz zur Allpräsenz der Dokumentationsmaschinerie von Kameras und Mikros, von Flugzeugen, die mit Kameras um den Berg kreisen, von Funkverkehr und immer wieder dazwischen geschnittenen Interviews aus der behaglichen Basis und lässt dieses Gefühl des einsamen Kampfes nur bedingt nachvollziehbar entstehen. Dazu hätte es wohl doch einer Prise mehr Hollywood im Sinne des Story-Telling bedurft.
Miral
Das Unglück der Palästinenser ist furchtbar. Nicht nur von Israel werden sie brutal unterdrückt, auch ihre arabischen Brüder, die Amerikaner und die Europäer benutzen sie primär für ihre eigenen Machtinteressen. Niemand hat ein reales Interesse an einem weiteren, vollwertigen Staat in der eh schon labilen Nahost-Region. Die Palästinenser sind ein illegitimes Volk geworden, das keiner will, seit Jahrzehnten ein Spielball der Weltpolitik. Sichtlich ergriffen von diesem Schicksal, aus dem ein Ausweg nirgends zu sehen ist, wie der gerade erneut im Scheitern begriffene Friedensprozess in trauriger Routine einmal mehr beweist, drehte Julian Schnabel ganz engagiert dieses eher impressionistische Biopic über die Palästinenserin Miral. Vor lauter Hingabe und Mitgefühl scheint ihm jedoch das Narrative, was einen Film fesselnd macht und im günstigen Falle auch eine eindrückliche Message senden kann, abhanden gekommen zu sein. So helfen denn die zweifellos empathisch-sinnlichen Bilder dem Zuschauer und damit der Sache wenig bis gar nichts.
Cowboys & Aliens – Teaser
Sehr geil. Sehr, sehr geil. Freu mich schon!
Blubberella – Trailer
Somewhere
Sicher, die Filme von Sofia Coppola, die kann man anschauen. Die haben schon was Persönliches, wie soll ich sagen, fast was unbekümmert Persönliches. Wenn es ihr gefällt, so lässt sie einen schwarzen Lamborghini Runde um Runde auf einer Teerbahn in einer Wüstenei drehen. Eins, zwei, drei, ad libitum. Das ist subjektiv, das ist kindisch-kindlich, das ist irgendwie radikal. Das vergisst man auch nicht so schnell. Ah, das war doch der Film mit dem Lamborghini, der in der Wüste wie verrückt im Kreis gefahren ist.
Es gibt auch Szenen, die sind weniger originell, wenn der Protagonist des Filmes, ein erfolgreicher TV-Star, sich Go-go-Girls ins Hotelzimmer bestellt, die dann an einer Stange grässlich abtörnende Tänze vollführen. Und weitere Szenen aus einem gelangweilten Starleben. Tiefe hat das nicht.
Tiefe hat vielleicht das Leben hors classe, welches das natürliche, geburtsbedingte Biotop von Sofia Coppola ist, sowieso nicht (ihr Vater war der berühmte, ja, ja, Francis, ja ja, Ford Coppola, also Weltprominenz). Und vielleicht erkennt sie das. Und dann dreht sie ganz ungeniert ohne Tiefe. Und vielleicht macht gerade das die Filme für die Kritiker – und auch für ein gar nicht so kleines Publikum, wie LOST IN TRANSLATION bewiesen hat – so überaus faszinierend, diese Zwanglosigkeit, dieses sich an kein Gesetz gebunden fühlen, diese Spontaneität, dieses dem Einfall folgen; einfach diese Freiheit, die sie hat und die sie sich nehmen kann – und sich auch nimmt(!), wie sie sonst beim Film vor lauter Produktionszwängen kaum mehr zu finden ist, erst recht nicht beim deutschen Film, der immer schlimmer im Prokrustes-Bett des Fernsehens deformiert wird – dagegen muss einem Sofia Coppolas Film wie eine Erlösung vorkommen.