What a Man

Matthias Schweighöfer, Autor, Regisseur und Protagonist dieses Filmes, versucht sich vom Bild des Traumes aller Schwiegermütter zu befreien und engt dieses Bild nur noch mehr ein gemäß dem Slogan und der Moral dieses Filmes, man müsse sich nur so annehmen wie man sei, dann sei man ein echter Mann. Ein echter Traum aller Schwiegermütter.

Die Handlung: zwischen Schweighöfer als Alex und seiner Freundin Carolin, gespielt von Mavie Hörbiger, knirschts und kriselts. Sie schmeißt ihn raus. Er kommt bei Nele, Sibel Kekilli, unter. Die beiden sind für einander geschaffen. Aber wenn sie das sofort begreifen täten, wäre der Film schon nach 20 Minuten aus. Bis die beiden also im Flieger nach Peking sitzen zur Rettung der Pandas müssen noch einige Verwirrungen passieren. Okke gespielt von Elyas M’Barek muss ihm einige Ratschläge geben, wie man ein Mann wird und der Lockvogel Laura, den Sibel auf ihn ansetzt, muss die Verwirrung der Gefühle noch steigern.

So weit so theoretisch so gut. Ich würde nicht sagen, dass die intendierten Gefühlsbewegungen sehr genau analysiert und inszeniert sind; die werden mehr naturalistisch, schauspielerisch-intuitiv-naiv weggespielt und da Matthias Schweighöfer selbst die Regie führt, geschieht dies auch recht nonchalant, aber auch recht überraschungsfrei, eher mit Kichergarantie für seine potentiellen Schwiegermütter.

Wie eng die geistige Welt unseres Filmstars Schweighöfer ist (als solcher setzt er sich ganz schön ins Licht und in Szene), zeigt die Spannbreite der kühnsten männlichen Taten, die im Film vorkommen: das ist das Fällen eines Baumes mit der Axt, das sind erotische Spiele mit Schlagsahne auf dem Bauch der dicken Laura, und dann kommt noch igitt igitt als Nonplusultra verwegener Mannwerdung: das Schmatzen. Das muss gleich zweimal im Film vorkommen. Das erste Mal beschwichtigt Schweighöfer seine Freundin Carolin noch. Wie sie später, das ist eine der Komplikationen, die das Filmende nach hinten verschieben, plötzlich wieder reuig vor der Wohnung auf der Treppe hockt und ein Versöhnungsgespräch will, da gehen sie zum Japaner essen und eine ältere Dame einer japanischen Reisegruppe schmatzt laut. Da rastet Carolin total aus. Das ist ihre Nicht-Entwicklung in diesem Film. Schweighöfer beschwichtigt jetzt nicht mehr, er schlürft und schmatzt nun ebenfalls, was das Zeugs hält, das ist seine Entwicklung im Film, seine Mannwerdung. Er tut es. Er schmatzt.

Das ist nicht seine einzige „Entwicklung“. Er hat noch ein größeres Problem, was nun aber genau nicht ein typisch männliches Problem ist, er hat Flugangst. Da gibt’s ganz am Anfang des Filmes eine Alptraumsequenz, wie das Flugzeug, in dem er sitzt, anfängt zu ruckeln dass es nicht mehr schön ist und er schier zugrunde geht. Und aus Liebe – wie gesagt, theoretisch postulierter, im Spiel jedoch nicht erkennbarer – Liebe, fliegt er dann der Pandaschützerin Kekilli hinterher nach Peking und zu allem Zufall hat sie den Flieger verpasst und sitzt dann in der gleichen Reihe. Ein Lebenshilfefilm zur Überwindung der Flugangst.

Andere spießige Elemente in diesem Film: der zu laute Nachbar über der gemeinsamen Wohnung von Alex und Carolin, die Frage in der Schule an das jugendliche Alter Ego von Alex, den blonden Bengel Frank: was ist in der Wurst.
Na ja, das ist auch sehr Klischee, der Freund von Kekilli, der Franzose Etienne, der allein nach Peking fahren will. Witzchen, Witzchen, Bonne Chance.
Oder wie Schweighöfer Nele sucht und weiß, dass sie im Panda-Kostüm rumläuft und dann sind da plötzlich Dutzende von Aktions-Pandas und einer weiß, dass Nele schon auf dem Weg zum Flughafen ist, das ist so wenig originell, nichts gegen verbrauchte Ideen, aber müssen sie dann auch noch so uninspiriert vorgetragen werden?

Text gegen Flugangst: „Fliegen ist super, man kommt so schnell von A nach B.“

Nachdem er Kekilli das erste Mal kurz geküsst hat, steht sie da und sagt „Kuck, nix passiert“.

Die Handschrift von Schweighöfer scheint mir schon was Persönliches zu haben, aber es ist die Handschrift des Traumschwiegersohnes: nett und niemandem weh tun und immer schön lächeln und in jedem Moment schön fotogen bleiben und keinen Makel haben. Der Hang zur unmenschlichen Perfektheit von Form und Oberfläche. Ideal für Rasierwasserwerbung. Oder Hautcreme.

Es gibt ein paar schöne Aufnahmen von Frankfurt, dem Main, den Brücken, den Hochhäusern, by night und von einem schönen alten Botanischen Garten.

Ein etwas aufwändigeres Selbstdarstellungsfilmchens eines wohl im deutschen subventionierten Film bereits vertrockneten Talentes.

Vielleicht haben die Förderer dieses Filmes noch nie ein anderes Drehbuch gelesen. Oder sie gehören selbst zur Gruppe der angepeilten Schwiegermütter-Klientel.

Fliegende Fische müssen ins Meer

Aus dem Bilder-, Dialog- und Szenenkompilat lässt sich in etwa folgende Storyline ablesen: eine Mutter, Meret Becker als Roberta, die Reiseleiterin im Grenzgebiet zwischen Deutschland und der Schweiz ist, bumst lieber wild mit ihren Touristen rum als sich um ihre drei halbwüchsigen Kids, davon zwei Mädels, zu kümmern. Die wachsen verwahrlost auf. Diese kaputte Familie heißt Meiringer. Die Hauptfigur ist ihre älteste Tochter, Nana, gespielt von der hochbegabten Elisa Schott, die hier 15 ist und ihr Leben erbärmlich findet. Sie hat den Traum, als Kapitänin zur See zu fahren. Sie und ihre Schwester werden außerdem im Laufe des Filmes versuchen, ihrer Mutter einen anständigen Mann zu verschaffen, um damit ein geregeltes Familienleben zu bekommen. Eine widersprüchliche Ausgangslage: der Traum von der Flucht aus der Familie bei gleichzeitigem Versuch der Reparatur der Familie. Diese Widersprüchlichkeit scheint von der Autorin, die auch die Regie besorgte, Güzin Kar, keineswegs reflektiert worden zu sein. Hätte aber durchaus als Konflikt gesehen ein dramaturgisches Drehmoment erzeugen können.

Verkomplizierung der Widersprüchlichkeit: der Traum von der Familie wird im Film ziemlich negativ vorgestellt am Beispiel der Familie Gilbert. Die sind alle immer in Gelb gekleidet und oh Symbolik, wer gelb ist, ist in diesem Film spießig und wer rot ist, hat wohl das Leben gepachtet und die Sauerei und darf auch ziemlich kaputt sein. Meret Becker trägt als Reiseführerin ein enges rotes Kleid und macht in einer witzig-zweideutig intendierten Anmerkung, die sie bei einer Rheinfahrt im Touristen-Weidling macht, darauf aufmerksam, dass die Grenzlinie zwischen Deutschland und der Schweiz in diesem Moment genau längelang durch die Mitte des Bootes gehe, der Grenzstrich eben; die Herren links sind in der Schweiz und die Herren rechts in Deutschland. Und die Dame in der Mitte auf dem Strich. Interessanterweise sind bei diesen Geschäftsausflügen immer nur Herren beteiligt.

Meret Becker darf also die Schlampe raushängen lassen und sie tut es schamlos. Sie macht, obwohl sie brav werden will, im Grunde genommen im Film keine Entwicklung. Es gibt zwar das Beratungs-Gespräch mit der Sozialarbeiterin, die wie in einem Bilderbuch für Dreijährige steif stilisiert und steril dargestellt wird; Roberta erzählt der Sozialarbeiterin, sie gehe jetzt zu den Chorproben und kochen könne sie auch schon fast. Auf dem Wege, ihr Leben in Griff zu kriegen und ein ordentlicher Mensch zu werden.

Details aus dieser kunterbunten Anhäufung verschiedener Szenen um die Familie Meiringer, die immer zwischen Kinderfilm und Erwachsenenfilm hin und her schwappt: Nana glaubt, sie habe die Arschkarte unter den Müttern gezogen.
Die Provinz wird als düster bezeichnet. Der einzige Spaß seien die Selbstmorde, die sich im Frühjahr häuften; dann springen die Lebensenttäuschten vom Stau-Wehr. Und den grössten Spaß, nämlich ihre Abschiedsparty, verpassen sie. Was ist mit den Selbstmorden in den Städten?
Es werden Tiere erwähnt, die hören mit den Beinen und schmecken mit den Füssen.
Einmal geht Meret Becker baden, sie verliert ihr rotes Top im Wasser. Dann rennt sie nackt mit den Armen vor ihrer Brust verschränkt durch die Stadt. Anderntags verspotten die Jungs ihre Tochter. Die geilen Möpse. Grade noch Kinderfilm?

Ein Gespräch auf dem Sozialamt soll filmische Spannung erzeugen, das passiert nach viel zu langem Vorgeplänkel. Roberta wird eine Deadline von drei Monaten gesetzt, um ihre Familie ordentlich zu organisieren, sonst werden ihr die Kinder weggenommen.
Sie will sich aber von dieser verkrusteten Tante mit der hässlichen Frisur nic ht vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben zu gestalten habe. Emanzipation oder bloss Störrigkeit? Erwachsenenfilm.

Ein Versuch ein ordentliches Leben zu führen wird illustriert mit einem Bild, wie Roberta und ihre drei Kinder schön brav in einer Reihe auf dem Sofa sitzen, alle die Beine parallel und auf den Oberschenkeln haben sie je einen Teller mit zwei Klößen und essen. Naive Malerei.

In der Nähe der Ortschaft gibt es eine Marienfigur. Mit der unterhält Roberta sich. Die muss Karl, ein Angestellter der Stadt, von der Taubenkacke säubern. Karl ist aber nicht nur im örtlichen Reinigungsdienst, er ist auch der Chorleiter. Tagsüber kämpft er mit der Taubenkacke, abends mit dem Dirigentenstab. Das ist direkt eine lustig-dadaistische Kinderfantasiefigur aus Absurdistan, eine groteske Figur, wenn man das recht bedenkt, deren Potential hier vollkommen verschenkt wird. Karl ist sozusagen das Wettermännchen, das anzeigt, was angesagt ist (diese Wetterfigürchen, die sich je nach Wetter blau oder rot verfärben). Er trägt nämlich, wie es „in“ ist, plötzlich rot.

Die Farbspiele scheinen überhaupt der widersprüchliche moralische Zeigefinger in diesem Film zu sein. Rot ist gut und lebendig, wenn auch verwahrlost und bumsfreudig, gelb ist hässlich, geizig, spiessig, engherzig. Farbenmoral. Rot ist erstrebenswert. Beim Abschlusskonzert, dem lange vorbereiteten dramaturgischen Höhepunkt in diesem eher träge wie der Rhein gegen das Meer hinfliessenden Film, tragen plötzlich alle Rot, selbst die gelbhässlichen Gilberts sind jetzt farbbekehrt. So besehen ein Kinderfilm, der sich aber nicht richtig traut, einer zu sein.

Zum Kirchenkonzert erscheint Roberta zu spät, weil sie noch den jungen Arzt nach Afrika verabschieden musste. Eduardo heisst er im Film. In Eduardo ist auch die Tochter von Roberta verliebt. Das passt Roberta gar nicht. Sie droht dem Arzt an, ihm die Eier abzureißen, wenn er sich in ihre Tochter verliebe. Immerhin Klartext. Und, ja, kein Kinderfilm.

Dieser Arzt, der vermutlich zum Schutze seiner Eier, nach Afrika auswandern will, der wird am Wehr, wo Angeln verboten ist, als Angler eingeführt. Nana ist Lehrtochter beim Wehr und als solche macht sie ihn auf das Verbot aufmerksam. Dann treffen sie sich im Laden, er hat sich gleich belehren lassen und kauft also Fisch statt ihn zu angeln.

Der erste Versuch der beiden Töchter, für ihr Mutter Roberta Männer zu suchen, besteht in der Beobachtung eines Badestrandes per Feldstecher: lauter hässliche Männerkörper in teils zu engen Badehosen, Kommentar: Männer sind wie Schweine. Kein Kinderfilm.

Die Kinder wollen also ihrer Mutter Roberta einen Mann verschaffen.
Männercasting zu Hause auf dem Sofa, da sitzen sie witzlos verklemmt und alles keine Helden; Datingshow im Kinderfilm, der kein Kinderfilm sein kann.

Einsichten.
Einen Mann zu finden ist schwieriger als einen Marsmenschen.
Wir Frauen haben alle Freiheiten und suchen einen Mann als Erlöser. Kein Kinderfilm.
Roberta zur Sozialarbeiterin: Heiraten Sie einen afrikanischen Buschkönig und schreiben Sie ein Buch darüber.
Männer, die nett sind, sind pervers. Kein Kinderfilm.
Frauen beim Arzt. Wir wären alle nicht hier, wenn Johnny Depp zuhause auf uns warten würde.
Mütter denken viel weiter als Du glaubst.
Tochter über die Mutter: Weil Dich immer alle verarscht haben, muss es bei mir nicht auch so sein.

Nana beim Arzt:
Sind Sie Arzt?
Nein, Schlachter.
Wo ist Dr. Merkel?
Er ist in der Tiefkühltruhe, ich habe ihn vorhin zerstückelt.
Sind Sie verheiratet?

Dann noch ein Exkurs über den Namen Nana, sumerische Göttin der Liebe aber auch des Krieges. Drehbuchschreiben heisst Googeln und Kompilieren. Da kann Nana Mouskuri nicht ausbleiben.

Güzin Kar traut sich nicht, eine Idee konsequent weiterzuführen, sie kann sich nicht klar für eine Erzähsicht- und Schiene entscheiden, offenbar hat sie Angst vor Festlegungen und den radikalen Konsequenzen ihrer Einfälle, Misstrauen vor den eigenen Ideen und gefährdet so ihr eigene Arbeit.

Ein unfertiges, unentschiedenes Genre-Mix-Produkt mit lustigen chaotisch-anarchischen Ansätzen.

OFF 2011

Mit einem wohlig-warmen Gefühl blicke ich zurück auf letztes Jahr, als ich zum OFF-Kurzfilmfestival ins dänische Odense gereist bin. Eine Stadt, die ich schnell ins Herz geschlossen habe. Menschen, mit denen ich noch heute in Kontakt stehe. Eine geradezu elektrisierende Atmosphäre, und tolle, tolle Kurzfilme aus aller Welt.

Dieses Jahr bin ich nicht dabei, es ist sich nicht ausgegangen. Schade, denn Odense war großartig. Und ich bin überzeugt, dass dieses Jahr ebenso fantastisch wird!

Ab heute ist es wieder soweit: Das OFF 2011, also das Odense Internationale Filmfestival 2011, wird die 167.000-Einwohner-Stadt auf der Insel Fünen mit einem fünftägigen Filmmarathon und kostenlosem Eintritt auf den Beinen halten. Vom 22. August bis 27. August laufen jede Menge kurzer Meisterwerke, Filme, die man sonst nicht so ohne weiteres zu sehen bekommen. Doch genau diese Filme öffnen den großen Regisseuren von morgen heute die Türen. Die knisternde Atmosphäre in der Brandts Klædefabrik gibt’s nicht überall, soviel ist klar.

Wer meine Erlebnisse (nebst Videos) vom letzten Jahr nachlesen will, oben bei den Tags einfach auf das Filmfestival klicken, schon habt Ihr alle Blogposts dazu. Und den Dänen möchte ich mit Googles Hilfe noch zurufen:

Kære arrangører og de ansatte i Odense Internationale Film Festival, jeg ønsker dig alt det bedste til dette års filmfestival! Held og lykke, god film, men først og fremmest masser af sjov! Toi toi toi!

Sommer in Orange

Viel Lebendigkeit ist in diesem Film. Zwei nicht vereinbare Welten werden aufeinander losgelassen, so wie Tal und Bichl, Tal und Hügel sich ausschliessende Begriffe sind, so dürften Sannyasins und bayerische Dörfler sich ausschliessende Welten sein (was zwar noch der genaueren Untersuchung bedürfte, vielleicht sind die gar nicht so verschieden). Wenn die nun in nächster Nachbarschaft zusammen leben müssen, weil einige Bhagwan-Anhäger von Berlin ins oberbayerische Talbichl ziehen, so dürfte für Konfliktstoff gesorgt sein. Das müsste beim Zuschauer das Interesse wecken, das sich einstellt, wenn der Lehrer im Chemieunterricht zwei unverträgliche Elemente in einem Gefäss zusammen und zur Reaktion bringt. Nun, die chemischen Elemente gehorchen streng naturwissenschaftlichen Gesetzen und deslhalb verfolgt der Zuschauer ganz gebannt einen solchen Vorgang, weil er sich davon überzeugen will, ob das vom Menschen behauptete Gesetz auch stimmt und die erwartbare Reaktion sich einstellt.

Das Kino nun, das Marcus H. Rosenmüller macht, ist natürlich kein naturwissenschaftliches. Es will von Menschen berichten, von unterschiedlichen Lebensentwürfen und will diese miteinander konfrontieren. Allerdings versucht Rosenmüller gar nicht erst den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, sei es Natur- oder Humanwissenschaft, zu erwecken. Er gibt gar nicht erst vor, mit scharf beobachtendem und analytischem Blick an sein Thema heranzugehen. Und damit erweckt er auch nicht die Hoffnung, Tiefschürfendes oder Überraschendes an den Tag zu bringen.

Zur Verteidigung von Rosenmüller muss hier allerdings angeführt werden, dass er für die Dramaturgie gar nicht zuständig ist, er ist hier in der bequemen Lage, dass er ein Buch von Ursula Gruber verfilmen kann.

Es stellt sich also die Frage, wo setzt man an, wenn man die Eindrücke dieses Filmes ordnen und formulieren möchte.

Für die Dramaturgie, also für das Konstrukt, was für die Spannung und geistige Erhellung, die ein Film liefern soll, zuständig ist, muss Verdienst und Verantwortung Frau Gruber zugewiesen werden. Rosenmüller war lediglich am Set vor Ort verantwortlich dafür, dass zum einen der Drehplan eingehalten, das Drehpensum erfüllt wird und zum anderen, dass die Schauspieler die vorgegebenen Texte und Dialoge mit viel Lebendigkeit, wie eingangs konstatiert, vortragen.

Der Grund dafür, warum ich trotz aller schauspielerischer Lebendigkeit das Kino unbefriedigt verlassen habe, dürfte also viel mehr darin zu suchen sein, wie uns dieses Experiment der Konfrontation von bayerischen Dörflern und Bhagwan-Anhängern erzählt wird.

Mein Eindruck ist der, dass Frau Gruber sich nicht genügend darum gekümmert hat, wie ein solche Geschichte spannend erzählt werden kann. Mein Eindruck ist viel eher der, dass sie die beiden Welten fast wie auf einem Flohmarkttisch einigermassen beliebig, wenn auch nett arrangiert, nebeneinander präsentiert hat, durch welche Nachbarschaft sich ein ganze Menge von Pointen und Witzen herstellen liess, aber zu echter Komik, zu einer universellen Erzählung, die dann auf der ganzen Welt weitherum verkauft werden könnte, reicht die Struktur nicht aus, da ist sie einfach zu beliebig, zu gefällig, zu nettig, vielleicht einfach auch zu unbedarft.

Das alte Übel: da es an einem zwingenden Handlungsfaden fehlt, muss ersatzweise viel diskutiert und die Lebensentwürfe informativ geschildert werden. Im fiktionalen Kino sind bekanntermaßen Erklärungen und Sach-Informationen der Tod der Spannung.

Einschub zum Handlungsfaden: dieser besteht hier lediglich darin, dass Berliner Sannyasins in ein bayerisches Dorf umsiedeln und dadurch in Kontakt und Konflikt mit der Dorfbevölkerung geraten: im Lebensmittelladen, in der Schule, in der Kirche, beim Dorffest und mit der Lokalbehörde wegen eines nicht genehmigten Umbaus. Das ist im Grunde genommen keine Geschichte, sondern nur eine Grundsituation. Darüber lassen sich nun beliebig viele Szenen erfinden, denen aber wie hier, immer die unangenehme Unschärfe der Beliebigkeit anhaftet.

Der Mangel an Handlungsfaden muss also kompensiert werden. Dazu bedient man sich der „Einfälle“. Oder die Wirklichkeit wird komischer dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist, aber eben leider nicht abgrundtief komisch durch ganz genaue Beobachtung, sondern nur halbkomisch mit dem Ziele, dem Zuschauer einen Lacher abzugewinnen.

Flohmärkte sind meist erfolgreich, meist jedoch nur lokal oder maximal regional von Bedeutung. Man könnte auch von Flohmarkt-Dramaturgie der Frau Gruber sprechen.

Ein schönes Beispiel für diese Art von kompensatorischen Erfindungen ist die Figur der Frau Hase. Die prototypisch und klischeehaft neugierige Nachbarin und Tratsche. Klischee um des Klischees willen. Vermutlich inspiriert durch viele solcher Bauerntheater- und Bauernkabarett-Schenkelklopffiguren, die immer leicht dümmlich sind. Hier wird sie zu einem tragikomischen Höhepunkt getrieben, wenn sie vor lauter Neugier über den Balkonrand zu Tode stürzt. Leider vernichtet der Pfarrer bei ihrer Beerdigung die ganze Figur durch entlarvend sein wollende Erklärungen. Das ist, würde ich mir erlauben zu sagen, Autorendilettantismus pur und Rosenmüllers Regie-Zugriff war nicht stark genug, zu retten.

FERNSEHBEHAGLICHE INSZENIERUNG UND FERNSEHBEHAGLICHES DREHBUCH. Es wird keine Spannung erzeugt, die es unmöglich machen würde, zwischendrin nicht mal zum Pieseln zu gehen oder Crackers zu holen, man verpasst das eine oder andere Witzchen, von Bonmots zu sprechen verbietet sich. Seichtes TV-Unterhaltungsgetue, es ist doch so billig, sich über Sannyassins und erstarrte Bayern lustig zu machen.

Man gibt vor, die Geschichte aus der Sicht von Lili zu erzählen, denn es fängt mit einem Voice-Over von Lili an „Das bin ich Lili am 12. Geburtstag in Berlin“ Dann gibt’s ein paar geschilderte Informationen über das Leben, die glückliche Zeit, dass Mama sich selbst retten wollte in Kreuzberg, Berlin 1980, das war die schönste Zeit, meint Lili, aber dann hatte die Mama die Idee, in den bayerischen Bergen ein Thearpiezentrum zu errrichten; es folgt noch ein Wust an Informationen, wer die Mitglieder der Kommune sind anhand von Fotos, die alle ganz klein auf der Leinwand erscheinen. Wer sich das alles merken kann, Hut ab!

Also bis jetzt wissen wir kaum mehr, als wer in diesem Film mitspielen wird, mindestens auf der Seite der Sannyasins, von Konflikten, die die Handlung vorwärtstreiben, nicht die Spur, theoretisch wissen wir zwar, dass das Mädchen die schönste Zeit jetzt hinter sich lässt, aber was für Erwartungen sie hat, auch was genau sie hinter sich lässt, welch emotionale Bindungen, welche Kinderfreundschaften, welche Lieblingsplätze, nichts davon. Insofern gibt es im Moment auch keine Erwartungshaltung, kein Absehen von Unglück, dieses Stadtkind auf dem Land, denn es ist uns praktisch noch gar nicht vorgestellt worden.

Schon sitzt die Familie im Citroen in Richtung Berge. Es gibt eine Diskussion wegen Bayern. Irgendwie muss so eine Autofahrt gefüllt werden.

Überigens der GRUND für die ganze Chose und den ganzen Umzug scheint einzig der zu sein, dass die einen Hof in Talbichl geerbt haben. Von der vorgeblichen Hauptfigur Lili her gibt es also überhaupt keinen Grund, von Berlin wegzuziehen, sie müsste wohl schon den ganzen Weg protestieren, denn sie sagt ja, Berlin war die schönste Zeit, da kann was nicht stimmen, sie hat gar nicht besonders gelitten in Bayern, aber das scheint eh ein Problem der Erzählperspektive zu sein. Um eine Filmhandlung spannend zu machen muss es einen Grund geben. Zum Beispiel Konflikte in der Gruppe in Berlin, so dass ein Teil froh ist, ausweichen zu können und zu glauben, sie können mit dem Umzug den Konflikten ausweichen. Um dann beispielsweise zu erzählen, dass man vor seinen Konflikten nicht weglaufen kann. Dazu aber müsste der Erzähler erst mal eine genaue Konfliktanalyse vornehmen. Diese Aufgabe scheint hier nicht gemacht worden zu sein (ob sich das aufs Honorar auswirkt? ). Was zum einem Abfall von Spannung führt, resp. gar nicht erst eine richtige Spannung aufbauen kann.

Für mich kam das erste Mal Spannung auf, wie die Mutter wirklich in Konflikt gerät, mit Prem nach Colorado zu gehen und ihre Kinder Lili und Fabian hinter sich zu lassen oder sich für die Kinder zu entscheiden. Das war Konflikt. Aber wie gesagt, eine Viertel Stunde vor Schluss reichlich spät. Vor allem war es dann der Konflikt der Mutter. Das Mädchen ist aber als Hauptperson eingeführt worden. Immer wieder fetzige Musik kann das nicht vertuschen.

Auch der Jubel der ankommenden Sanyassins ist wenig verständlich; wenn sie jetzt eine Leidenszeit hinter sich hätten und endlich ihr Paradies gefunden, aber Lili fand ja Berlin die schönste Zeit, das müsste also Lili ziemlich verstören, dieser Jubel, tut es aber nicht. Schlecht durchdacht das Ganze. Die Geschichte wird nicht kinoprofessionell erzählt. Denn das Kino erzählt in einer zeitlichen Reihenfolge. Es muss also sehr genau achten, welche Grundsteine es legt, auf welche es den Zuschauer stellt, damit der mitkommt und nicht irgendwann in die Bredouille gerät.

Darum ist Lilis Eintritt in die SCHULE auch so vorhersehbar. Der bayerische Bub Max ist allerdings beim ersten Schwenk über die Klasse sofort als pfiffiger lustiger Knabe zu erkennen. Der Rest der Reaktionen sind schnell hingedrehtes Klischee (wie man kinomässig eine Schulklasse aufregend drehen kann, hat eben der Japaner Tetsuya Nakashima mit CONFESSIONS gezeigt). Mag fürs Fernsehen genügen. Die Lehrerin erklärt ihre Regeln, das ist eine schöne Szene, zum Beleg, wie in diesem Film gearbeitet wird, und dann erklärt Lili ihre Regeln der anitautoritären Autonomie. Die sind so und die anderen sind anders. (Das ist das Prinzip, worin sich auch Alamanya verlustierte). „Unser Opa, war Guru, der hat Kräfte wie Obelix.“
Lili sucht auf der Landkarte Oregon. (weil die Mutter mit Prem ins grosse Zentrum ziehen will, was die Sannyassins dort bauen).

Auch die erste Szene im LEBENSMITTELGESCHÄFT, die ist ohne weitere Hintergründe sehr oberflächlich, die ausgestellten Dorfratschen sind billigstes Klischee – ich hatte bei mehreren Szenen den Eindruck, dass Rosenmüller irgendwie müde sei oder einfach in der Aufmerksamkeit nachgelassen hat. Sorry, diese ersten Begegnungen von Zuoagroasten und Einheimischen, ich finde, die sind nicht sorgfältig gearbeitet. Die haben sichs ein bisschen leicht gemacht. Das sind halt die erwartbaren Missverständnisse, das sind Kabarettsituationen bestenfalls, oder immerhin.

Parallel üben die Sannyassins den URSCHREI.
Es folgt ein Gottesdienst in der Kirche, auch nicht besonders inspiriert.
Es geht halt um die Erzeugung von Lachern übers Anderssein.

Die Mama geht zu einem Workshop nach München mit dem Guru Prem.
Frage: was passiert mit den Kindern. Erziehungsfragen, die diskutiert werden. Das ist vielleicht ein Problem für die anderen, nicht aber für Lili, die Hauptfigur, für deren Probleme wir uns eigentlich interessieren sollten. Also dramaturgisch wackelig, nur Vorzeigefilm, schaut mal, die machens so, anders als wir. Das ist aber nicht die Perspektive von Lilli. Dass die anderen ein Problem damit haben, wäre für Lili und die Lili-Perspektive nur von Interesse, wenn es sie in einen Konflikt stürzen würde; tut es aber nicht, sie hat die fixe Antwort parat.

DRAMATURGISCHE ANKÜNDIGUNGEN. Das war jetzt an der Zeit, weil bis jetzt noch kein Ziel für Lili erkennbar war, wenigstens die dramaturgische Ankündigung der 350-Jahr-Feier von Talbichl (es sind bereits 20 Filmminuten vorbei und man weiß immer noch nicht so recht, wohin das alles driften soll).
Eine weitere Ankündigung ist  der Bau der Buddha-Halle. In vier Wochen sei es so weit (hier kommt dann statt dessen die Polizei, die den unangemeldeten Schwarzbau mit einem Traktor, ziemlich läppisch muss ich sagen, abreißen soll). Vielleicht interessiert Rosenmüller gar nicht die Glaubwürdigkeit der Story. Es soll halt lustig sein.
Die dritte dramaturgische Ankündigung, die die nichtvorhandene Spannung aufpeppen soll, ist die Geburtstagseinladung, die Lili an ihre Mitschüler auspricht, vor allem an Max.

Die INHOMOGENITÄT der Sannyassin-Gruppe. Wenn Menschen länger in einer Gruppe zusammenleben – und diese Sannyassin-Gruppe besteht zum Teil schon seit über zehn Jahren, nämlich bestimmt so lange wie Lili schon auf der Welt ist, gleichen sie sich in Habitus und der Sprache einander an. Bis auf die Schwäbin, die ein Neuzugang ist, da passt es, dass sie vollkommen rausfällt. Aber Oliver Korittke als der Vater, der dieses heimatlose Fernsehhochdeutsch spricht und das noch sehr hackig, passt allein von daher überhaupt nicht in die Gruppe, die mir soviewo merkwürdig unpassend zusammengecastet vorkommt. Auch die Mutter von Lili und Fabian, die blonde Amrita, die spielt mir zwar überzeugend die Bhagwan-Anhängerin, aber in der Gruppe kommt sie mir auch isoliert vor. Korittkes Sprache und Stimme sind einfach zu hart, so als ob er ignoriere, dass er Teil einer Gruppe ist; das ist aber weiter nicht bewusst als Eigenart von seiner Figuranlage her charakterisiert. Oder das Gruppenmitglied mit dem dreckigen österreichischen Dialekt.

Es wird noch VIELE DISKUSSIONEN geben, die immer Bremsklötze für eine spannende Handlung sind, oder die vielleicht erst ein ausgewiesener Drehuchautor zu vermeiden versteht. Es gibt Diskussionen über Demos und das Leben, ideologische Diskussionen.
Diskuission mit dem Briefträger darüber, was normal sei.
Diskussionen über Energie.
Dass Lili ein ganze besonderes Mädel mit einer ganz besonderen Energie sei.
(alles keine handlungsförderlichen Texte).
Diskussion über den Stein, den verschwundenen Stein.
Dann Diskussion mit dem Bürgermeister über die Genehmigungspflicht von Anbauten, wie der Buddha-Halle der Sannyassin, Bauordnungsdiskussion – habe wir hier ein Gemeinderatsprotokoll zugrunde liegen, wir dachten doch, wir seien im Kino, dort würde scharf an den Dialogen geschliffen, damit sie kurz und aussagekräftig seien, wir sind doch nicht auf einer Amststube und kümmern uns um Papierkram.
Stubendiskussion über die Liebe. Multipler Orgasmus. Ja, zum Lustigmachen vielleicht ok.
„Jetzt beginnt der spirituelle Verfall, jetzt wo der grosse Prem kommt“.
Beim Dorffest dann die Mutter-Tochter-Diskussion.
Diskussion über die Polizeirazzia bei den Sannyassins. Lili entschuldigt sich.

Ein INHOMOGENES WERK mit deutlichen Qualitätsunterschieden in den verschiedenen Departments. Hervorragend scheinen mir die Bilder, die Musikuntermalung und der Schnitt. Regie, Buch, Buch, Buch, Casting, fallen dagegen für mich ab. Dialogregie praktisch nicht vorhanden. Muss auch nicht. Aber dann sollten die Dialoge wenigsten filmprofessionell geschrieben sein.
Sowas kann vorkommen in Talbichl, da geht auch nichts zusammen, aber da bin ich mir nicht so sicher, insofern vielleicht doch lebensnah realistisch, aber eben nicht unbedingt gekonntes Filmemachen. Gelebte bayerisch-filmische Anarchie?

ÜBERFLÜSSIGE SZENEN, die nur illustrieren und die Handlung keinesfalls vorwärts bringen. Das Hören der Stimme Bhagwans. Vollkommen überflüssig, falls die Geschichte wirklich aus der Perspektive von Lili erzählt werden soll, sind die Seminarszenen mit dem Guru in München. Die sind dann wirklich nur als „Sannyassin-Ploitation“-Szenen gedacht, damit das werte Kabarett-Publikum was zum Lachen bekommt, das Kinopbulikum fragt sich, wozu. (wenn sie dann wenigstens besonders ungewöhnlich geschrieben, inszeniert und gefilmt worden wären, sind sie aber nicht). Es wird der Versuch gemacht, das irgendwie exzessiv zu übertreiben.
Die Suche nach dem verschwundenen Stein mit der Wünschelrute. Mei, sieht lustig aus, wieso ist er verschwunden, was hat das mit dem vermutlich anvisierten Grundkoflikt von Sannyassins mit den Bayern zu tun?

Der Schulabwart mit seinem eigenartigen Akzent. „Keine Ahnung, alles Scheiße. Musst du kennen lernen die Leute, sonst weiss Du nicht, ob alles Scheiße“ und Lili wird den Satz später als den von einem Guru zitieren. Wozu?

Gut, so ein Stein der Erleuchtung, das könnte ein Requisit sein, um das herum sich Geschichten synthetisieren lassen, wird hier lediglich für illustrierende und parodierende Sannyassin-Szenen benutzt, ohne der Geschichte vorwärts zu helfen.
Die Sache mit dem schiefen Empfangsbanner WILLKOMMEN PREM. Grosse Aktion, das Banner gerade zu spannen. So ein Banner zu spannen erfordert Geschick. Will erzählen: Sannyassins sind ungeschickt. Was hat das mit der Problematik von Lili zu tun?

Erfundene Szenen, mei welche Erfindung, dass Lili über die Wiese zu den Nachbarn und das sind genau Bürgermeisters, laufen muss, um Butter und dann auch noch Brot auszuleihen. „Mama muss ihre Kindheit aufarbeiten, das dauert“. Papa ist Oekoaktivist auf der Rainbowarrior. Diese Erklärungen von Lilli kommen auch merkwürdig einstudiert daher, so, als seien die Sätze für ein sich belustigen sollendes Publikum gedacht; die Lili-Figur nicht ernst genommen.

Eine Beispielssezne: Max und Franz besuchen Lili in ihrem Zimmer. Da ist mir der Film “Mischgebiet“ in den Sinn gekommen, bei dem mir zwar die Geschichte zu sehr abwesend war, aber wie sorgfältig der Regisseur an den Dialogen gearbeitet hat, wie sorgfältig er die Figuren besetzt hat und wie sorgfältig er mit ihnen gearbeitet hat. Da war das, was vorhanden war eine Freude, hier ist es eher ein Plage bis eben auf die lacherorientierten Witze und Sich-Lustig-Machereien. Kino mehr als Pointensammlung, als Witzbuch verstanden
.
Und immer noch ist Lili nicht als Protagonistin etabliert oder vom Buch als Hauptcharakter ernst genommen. (wenn ich mich recht erinnere, Wer früher stirb ist länger tot, da war die Besetzung des Buben, also der Hauptfigur, einer der stärksten Punkte des Filmes vom Buch her schon).

Lili soll den Bayerischen Buben ihren Busen zeigen. Das setzt von Seiten Lilis eine so heftie Ohrfeige, dass man denkt, da versucht einer Karatefilme zu toppen, aber bittschön was hat das mit der Grundsituation von Lili zu tun, nichts in ihrem Charakter war bisher andeutet, was eine solche Ohrfeige rechtfertigte, wird doch gerade in ihrer Grossfamilie recht grosszügig mit Sex und Nacktheit umgegangen. Unverständlich. Da reagiert sie ja prüder als ein bayerische Mädel vom Lande. Wurde aber auch in keiner Weise eingeführt. Vielleicht hat sich das Drehteam kaputt gelacht bei der Szene.

Dramatisch für die zuagroasten Kinder KEIN VEREIN WILL UNS.
Bevor das Konfliktpotential dieser Situation für den Film urbar gemacht würde, erbarmt sich der Postbote und will die Kinder in den Musikverein aufnehmen.

Soll lustig sein. Prem geht auf die Bühne des Dorffestes. „love to you“ stimmt Song an. Dann kommt es zu einer durch den bisherigen Verlauf der Geschichte schwer nachvollziehbaren Auseinandersetzung zwischen Lili und ihrer Mutter, und weil die ganze Voraussetzung dafür fehlt, denn die Mutter wurde immer so charakterisiert, dass sie sich nicht allzu sehr um Lili kümmert, sonder mehr mit sich und ihrem Seelenheil beschäftigt war, so ist es vollkommen unlogisch, dass sie wie eine spiessige Hausfrau ihr Töchterchen anschreit, das jetzt plötzlich in bayerischer Tracht in der Menge des Dorffestes auftaucht. Das entbehrt jeder Logik. Vielleicht wird es darum zu laut geschrieen.

Und dann die Fernsehfrage „Lili, was macht ihr hier?“, „Was soll das“. Da komme noch einer mit. Ein so gut wie nicht angelegter Mutter-Tochter-Konflikt, der im Film keine Basis hat, bricht aus, noch dazu in aller Öffentlichkeit (wobei ja nur die Mutter den Konflikt hat, die Tochter hat ihn blendend mit dem Kostümwechsel umgangen),.

Lili haut ab. Sie ist auf der Strasse. Die Frau des Bürgermeisters fährt im Auto vorbei. Fragt sie die typische Fernsehfrage „Du Lili, was machst denn du hier“ (Die Darstellerin spricht sehr schön fernsehdeutlich, alles gut gelernt).
Lili sagt, sie fahre nach Hamburg zu ihrem Vater, sie wolle weg.
Dass es bei Bürgermeisters zum Krach kommt, weil die Frau Lili von der Strasse mitbringt hat, das ist so absehbar wie das Amen in der Kirche. Lili will nicht mehr heim. Die sind doch alle kriminell. Da wird der Bürgermeister hellhörig und alarmiert die Polizei, die eine Razzia durchführt.
Dann sind die Sannyassins wieder frei. Im Haus ist alles drunter und drüber gestellt worden. Wo ist Lili.

Therapiesituation. Konfuse Drehbuchsituation. Prem: Ich bin jetzt deine Mutter, ich fühle nix, gar nichts. Diese Therapie der Mutter von Lili, die ist wieder spannend. Denn die Mutter scheint einen Konflikt zu haben, obwohl das Buch doch die Geschichte von Lili erzählen will. Jetzt behandeln Prem und die Gruppe sie mit hartem psychologischem und physischem Zugriff. Das ist spannend, aber es sind bereits neunzig von etwa 110 Filmminuten vorbei. Immerhin eine geschulte Therapeutenszene scheint das, „Ungewolltes Kind“. Jetzt fängt man zum ersten Mal an, mit einer Figur mitzufühlen; es ist jedoch nicht die Hauptfigur. Ob das gut ankommt im Kino. Kabarett gibt’s überall.

Und kaum haben wir uns nach etwa 90 von 110 Filmminuten entschieden, uns doch für die Mutter als Hauptfigur zu interessieren, wegen ihres Konfliktes Kinder oder Guru, da kommt schon die lang ersehnte Abspann-Voice-over – von Lili. Die erzählt, was aus allen geworden ist.

Midnight in Paris

Woody Allen rettet uns das alte Europa. Nun, nicht jenes alte Europa, das der damalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld so verächtlich abgetan hat, als die Europäer sich weigerten in den sinnlosen Irakkrieg einzutreten. Nein, Woody Allen rettet uns jenes Europa und bereitet es uns auf zu einem wahren Hochgenuss, zu einer Sause im künstlerischen Salon, das wir zu Bildungszeiten auch sehr gemocht haben, dasjenige vom Paris der Belle Epoque. Woody Allen rettet uns das Post- und Kunstkartenparis.

Hier ist alles vom Feinsten, vom Erlesensten, so kostbar wie Fayencenmalerei, ein Kunststück von der Art, wenns denn kein Film wäre, das auf Auktionen sicher einen guten Preis erzielen würde. Die Auswahl der Schauspieler, die Regie, die Settings der Belle Epoque, Schnitt und Ton und Kamera, die Dialoge alles geführt von meisterlich-stilistisch sicherer Hand.

Woody Allen schwimmt in seinem Kunstbiotop wie der Fisch im Wasser. Sein Kunstbiotop ist das einer begüterten, gebildeten bürgerlichen Schicht, die die Künstler der Belle Epoque verehrt, Bücher und Bildbände von ihnen zuhause hat, die die Museen besucht.

Gil ist unser Protagonist und Zeitreisender. Er verbringt einige Tage mit seiner Verlobten in Paris. Auch deren Eltern, vermögende Geschäftsleute, halten sich hier auf. Er ist fasziniert von Paris und gerät, wie er es auf eigene Faust erkundet und sich müde auf einer Treppenstufe niederhockt, mittels Peugot-Luxus-Zeitsprung-Limousine in die Belle Epoque. Die fröhlichen Herrschaften in der Limousine nehmen ihn mit und führen ihn in die besten Kreise der Belle Epoque ein. Hier trifft er auf Ernest Hemingway, auf Getrude Stein, Cole Porter und Joséphine Baker, F. Scott Fitzgerald, T.S. Eliot, Henri Matisse, Henri de Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso, Salvador Dali, Luis Bunuel, Man Ray, Edgar Degas, Paul Gaugin.

So ein Ausflug in eine andere, traumhafte Zeit, will wiederholt werden. Das führt zu Spannungen zwischen ihm und seiner Braut, vor allem mit deren Eltern. Gil gibt vor, Schriftsteller zu sein. Er hat auch ein Manuskript in Arbeit. Er geht also jeden Abend los und um genau Mitternacht erscheint bei jener Treppe der Peugeot. So verbringt er die Abende im illustren Kreis der verblichenen Künstler. Der Schwiegervater wird misstrauisch und schickt ihm einen Detektiv hinterher. Der verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Time-Channel. Der Schwiegervater weiss nicht wo. Aber der Zuschauer wird aufgeklärt, der Detektiv landet in den Intimräumen des französischen Königs. Dieser schreit: qu’on lui coupe la tête!

Der Film fängt an mit minutenlangen Impressionen aus dem heutigen Paris, wobei aber nur architektonische Bestandteile gezeigt werden, die heute noch Zeugen aus dem Paris der Belle Epoque sind. Ein richtig schöner Reiseführer über jener Zeit, die noch im heutigen Paris zu besichtigen ist. Die Impressionen fangen am Morgen an und gehen über den ganzen Tag hinweg bis zum Abend, bis zur Nacht. Dazu wird eine passende Jazzmusik aufgelegt.

Die ersten Auftritte von Gil mit seiner Braut und den Brauteltern sind von einer umwerfenden inszenatorischen Leichtigkeit. Dieses gehobene Milieu, das ist die Welt von Woody Allen, da kennt er sich aus. Es gibt schnelle Wortabtäusche und einige Pointen, die ich mir aber nicht merken konnte, die auch eine gewisse Distanz zum Milieu, immerhin eine beobachtende Distanz erkennen lassen. Es geht um die Rede von James Joyce und Sauerkraut und dass man Versailles besichtigen möchte. Man kommt am Denker von Rodin vorbei, man hat einen weiblichen Tourist-Guide und man schaut die Seerosen, die meditativen, von Monet im Musée de l’Orangerie an. Bildungstouristen in Paris.

Auch Samll talk durchaus mit Esprit zu schreiben und zu inszenieren, eben den der bestimmten Gesellschaftsklasse, das beherrscht Woody Allen aus dem Effeff. Gils Freundin heisst Carol, deren Eltern John und Helen. Carol ist bildhübsch und ein schieres Wunder auf der Leinwand, so leicht.

Woody Allen beschwört die Geister der Belle Epoque von Paris, lässt sie oszillieren wie auf einer Seifenblase, die am Ende des Filmes einfach platzt. Ein Amerikaner in Paris.

Woody Allen macht einen grandiosen Trip in Nostalgie. Gil würde gern einen solchen Laden aufmachen. Nostalgia Shop. Woody Allen wird zum europäischen Hofmaler.
Amerikanische Sehnsucht nach europäischer Kultur kongenial verfilmt.

Party in der Belle Epoque in einem Raum mit ausgestopften Tieren.
Das Maxim mit Can-Can Nummern darf auch nicht fehlen. Wenn das nicht mal ein Tropfen zuviel ist.
Die Goldene Zeit.
Welches ist die Goldene Zeit. Auch die Frage wird gestellt. Ob man nicht die eigene Zeit auch als eine Goldene Zeit wahrnehmen könne, ob es sich also bei der Schwärmerei für die Belle Epoque nicht um eine reine Schwärmerei handelt, das quasi als Absicherung.

Woody Allen als Kulturpublikumsseelenschmeichler.

Gil ist ein Schauspieler, der ein bisschen einen Klotz darstellt, vermutlich eine gezielte Besetzung, nicht der smarte Kulturmensch. Er redet immer, wie wenn er eine unsichtbare Kugel im Munde hätte. Der Repräsentant eines weniger kultivierten Amerikas. Wäre noch zu vertiefen der Gedanke.

Im Amerika ist der Film ein überraschend grosser Erfolg geworden. Die Magie der fernen Kultur des fernen Europa? Ob die Europäer das auch so sehen? Immerhin, spannend wäre eine Fortsetzung: unsere heutige Zeit, die vor lauter Jammern über Währungen und Schulden und Rettungsschirme und Angst um Besitzverlust und davor, mit dem Rest der Welt teilen zu müssen, vollkommen übersieht, was wir an Kunst und Schönheit geschaffen und zur Verfügung haben. Das „Belle“ an unserer Epoque zu sehen.

Swansong – Story of Occi Byrne

Dieser Schwanengesang ist ein traurig-schöner Gesang insofern, als der Protagonist, der seine Figur wunderbar natürlich und normal spielt, federleicht wie ein Ball springt, und weder die Betroffenheit durch das Bastard-Schicksal noch das Heldische der Figur heraushebt. Er erzählt seine Story den Schwänen; das hat er von seiner Mutter gelernt. Einer heißt Agnes, so fängt der Film an und so hört er auch auf.

Der Schwanengesang ist die Rahmenhandlung, nicht so sehr Gesang. Die Geschichte ist die eines Bastards. Seine Mutter ist eine Schlampe, die es mit allen treibt, auch mit dem Pfarrer.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter mit dem Sohn nach Irland zieht. Der Junge heisst Austin, Occi wird er gerufen, und kann kein Irisch. Das führt dazu, dass die Schulkameraden in ihm ihr Opfer für Grausamkeiten sehen. Das Schlüsselerlebnis ist, wie sie ihn in einem roten Fass über die Dünen runterrollen lassen, was mit einem Trauma für ihn endet.

Ab jetzt muss er zum Psychiater, denn ähnliche Situationen könnten das Erlebnis neu beleben, lösen in seinem Kopf ein rollendes Donnern mit folgender unkontrollierter Gewalttätigkeit aus.

In schneller Abfolge werden solche Erlebnisse aneinandergereiht. Es wird nicht tiefsinning analysiert. Es wird mit grosser Frische und Begeisterung, die gelegentlich an jene der Filmpioniere erinnert, erzählt und im grausamsten Moment wird einfach Schwarz eingeblendet. Wenn Occi beispielsweise in der Irrenanstalt blindwütig und wie eine Rakete losgeht und auf die Vergewaltiger seiner angebeten Mary eindrischt und dann mit einem Feuerlöscher kampfunfähig gemacht werden soll, im Moment wo der niederdonnert auf ihn, wird die Brutalität nicht grausam zu Ende ausgebreitet, genau da kommt einfach Schwarz.

Auch die psychiatrische Unterbringung, die schildert Conor McDermottroe nicht weniger begeistert als es in „Einer flog übers Kuckucksnest“ gemacht worden ist.

Taugliches europäisches Kino. Kino als ein Mittel, Erlebnisse persönlich und engagiert zu erzählen. Die befreiendste Sequenz ist diejenige, wo Occi mit dem Fischer zur See fährt und bei einem Zwischenstopp mit dem Kollegen auf die verlassene Insel geht, wie sie begeistert und hoffnungsvoll losrennen, Energie, Männlichkeit, Temperament, Freude, Sinn und Sinnlichkeit spürend und ausdrückend; wie die beiden dann wie richtige Freude nackt im Gras liegen und Occi zum Himmel hinaufträumt, das ist vielleicht der schönste Moment in seinem Leben, da fehlen ihm nur noch Mary und seine Mutter.

See und Insel sind immer gut für Kino. Und wenn von einem Strauch noch das Federchen grüsst, was im Münchner Filmfesttrailer (von 2010) so sanft landet, dann ist für einen Moment auch richtiges Kinoglück, auch wenn das Kino nicht gleichzeitig noch als Reflexion übers Kino eingesetzt wird.

Es geht dann zurück zum Fischkutter. Die Nacht bricht herein. Der Freund hat gesehen, dass Occi Tabletten nehmen muss, beschimpft ihn als Bastard, es kommt zum Kampf. Die alten Mechanismen. Occi drückt seinen Freund über Bord (weil die Kräfte und die Wut wieder mit ihm durchgegangen sind). Der Ausflug ins Glück war kurz.

Zum Schluss zu kommen ist allerdings nicht nur für Anfänger im Film schwierig. Hier entsteht der Eindruck, der Autor und Macher könne sich nur schwer von seinem Stoff trennen, er müsse alle Figuren noch mal erscheinen lassen, nochmal rückblenden, und auch den Kriminalfall nicht vergessen lassen, also muss der Polizist nochmal auftreten und die Frage nach dem Vater von Occhi soll auch noch gelöst werden und dass Mary geheilt wurde und verlobt ist muss auch noch erzählt werden, kurz, das wirkt dann eher fernsehkonform, das wird auch nicht mehr mit der Begeisterung getan, wie der übrige Teil, das kommt mir gleichzeitig zelebriert als auch abgehandelt vor. Schade für den sonst in seinem Fortlauf immer mehr gewinnenden Streifen.

Crazy, Stupid, Love

Hier soll dem Publikum etwas geboten werden. Erstklassige Konfektionsware von erstklassigen Herstellern mit erstklassigen Zutaten. Mit so einem Film will man weder nach Cannes noch nach Venedig. Mit so einem Film möchte man das Publikum ins Kino locken. Und es zum Lachen bringen. Allerdings nicht auf Teufel komm raus, sondern wie es der Verlauf der Dinge ergibt und wie er es hergibt, wenn auch streng kalkuliert, aber eben an den Massstäben die zur Sache gehören.

Ein bisschen Moral wird auch mitgelierfert, aber höchst subtil dosiert: die Liebe soll bittschön dort verweilen, wo sie hinfällt, womöglich gleich beim ersten „soul mate“ für immer und ewig, so wie es bei Cal und Emily, gespielt von Steve Carrell und Julianne Moore, der Fall war, der Fall schien, bis Emily nach 25 Jahren Ehe plötzlich statt einer Gerichtes aus einer Menükarte die Scheidung wünscht. Ein Hammer.

Aber ohne diesen Hammer, wenn es die Ausflüge aus der ewigen Liebe und die Sucherei nicht gäbe, gäbe es nichts zu erzählen, gäbe es keine Überraschungen, die hier keinesfalls verraten werden sollen, gäbe es keine Pointen weil sonst ja die Menschen nicht fortlaufend in die Irre meinen und in die Irre laufen täten.

Eine Komödie nicht der sensiblen Töne, eher der robusteren Art, bei der auch beinah rituelle Ohrfeigen immer wieder für einen Lacher im Saal gut sind, weil sie eine Art Mechnanik der Hilflosigkeit im Umgang mit dem ever aktuellen Thema Liebe ausdrücken. Und weil eine Ohrfeige vielleicht immer auch erzählt, hey, Mann, wach auf, schau, was Du hast, schau, was Du tust, schau was Du bist. Das erzählt dem rausgeschiedenen Ehemann ein selbsternannter Weltverbesserer und Trainer, ein Weiberer der Sonderart.

Die Liebe fängt schon früh an ihr Ziel auszumachen. Der 13 jährige Sohn des Hauses, der hat sich längst in die 17 jährige Jessica, die gelegentlich zum Hüten kommt, verguckt.

Das einzige was fehlt, ist die Grosselterngeneration. Die haben die Kalkulierer dieses Filmes wohl nicht im Visier gehabt, obwohl die vielleicht eine noch tiefere Komik bis Tragikomik zum Thema hätten beisteuern können, aber als Zielpublikum wurden so wohl für irrelevant gehalten.

Der Film fängt neckisch an, zeigt dass er auf der Anbandelebene spielt. Spiele mit Schuhen unter Tischen, Füsse, die sich nach anderen Füssen und Knöchelchen strecken. Nur unser Protagonistenpaar, die sitzen sinnierend hinter ihren Menükarten, haben die Beine dicht aneinander gepresst und die Schuhspitzen weisen nach hinten direkt auf die Stelle unter dem Po.

Eine schöne Pointe: Cal muss in der Firma, in der er arbeitet aufs Clo gegangen sein und vernehmlich gestöhnt haben. Kommt ein Kollege an seinen Arbeitstisch will ihn aumuntern, indem er von seinen guten Zahlen schwärmt und ihm gratuliert. Cal glaubt, die wissen alle, was los ist mit ihm, ob ihm das jemand erzählt habe; nein man habe ihn nur stöhnen gehört, ob er denn Krebs habe? Ernste, schwierige Frage. Nein, divorce. Allgemeine Erleichterung im Großraumbüro.

Der Name des Bürochefs von Cal, David Lindhagen, der wird allein musikalisch möchte man sagen, zum Running Gag, weil Emily angeblich mit ihm einen Seitensprung hatte. David Lindhagen. So möchte man am liebsten den Film betiteln. Dieser Name erzählt einfach alles über eheliche Treue und Seitensprünge. Auf so einen Namen muss man erst mal kommen. Und auch innerhalb vom Personal, das gut industriell besetzt wurde, spricht sich der Name rum und wird bald zum geflügelten Wort. David Lindhagen.

Natürlich gibt es Ansätze zu ernsthaften Diskussionen über Midlife-Crisis oder wie man zu sich selbst finden könne, aber die Autoren waren klug genug, von solchem nur geringe Prisen reinzustreuen, die Themen mehr zur Gedankenanregung ansprechend denn sie Magenbeschwerden verursachend auszuwalzen.

Aber wie es sich für ein schickes Produkt gehört, das man durchaus auch in Hochglanzmagazinen anpreisen könnte, nicht jeder Film eignet sich dazu, gibt es auch kleine Lektionen in Styling für den chronisch beturnschuhten Cal.

Der Film könnte am Reissbrettt designt worden sein, aber eben kundenfreundlich, mit einer breiten Palette von alltäglichen Nebenthemen, die geschickt eingestreut oder eingebaut werden. Midlifecrisis mit 44, Styling, Literatur.

Es gibt eine komische Elternbesprechung mit der Literaturlehrerin; denn der Junge von Cal und Emily, der hat zur hohen Literatur parktisch nur ein Wort übrig: ASSHOLE.

Auch Witzchen gehören zu so einem Film wie die Petersilie zum Salat; Witzchen also der leichteren Art, die ich immer gleich vergesse, die aber davor bewahren, die Sache auf die allzu schwere Schulter zu nehmen, obowohl das Thema ja nicht leicht ist, die ewige, die einzige Liebe.

Vor lauter Bemühung um Kundenfreundlichkeit ihres Produktes gibt es durchaus auch Stellen, bevor man sich mal Leere zutraute, die wirken wie routiniert runtergehackte TV-Comedy; da amerikanisch aber immer noch passabel.

Ein kleine Raffinesse oder Finesse der Kamera ist mir noch aufgefallen. Sie liebt es, Trennwände ins Bild zu schieben, oder sich hinter solche zu verziehen, um auf diese Weise eine Figur aus dem Bild zu schummeln, eine Figur von der anderen zu trennen, einmal ist es sogar ein kleiner LKW, der wie eine Schiebewand ins Bild gerückt wird. Ein Spiel, das durchaus Sympathie für die Haltung der Macher erweckt, dass sie für sowas Subtiles zu haben sind. Denn Trennung und Liebe sind doch untrennbar miteinander verbunden.

Dass es hier vor allem um die Beziehungsmechanik geht, macht es möglich oder lässt es zu, dass die Schauspieler auch nicht extra figurindividuell spielen, sondern dieses oft mit Grimassen und nervösen Gesten begleitete amerikanische Acting betreiben, was aber nicht weiter stört, das es ja um ein Thema geht, das noch dazu gut gebürstet daher kommt.

Auch die Bestzung, vom reinen Konfektionssschauspieler wie dem Jacob bis zur ziemlich schrägen weiblichen Besetzung der Jessica mit Rossgebiss im nymphenhaften Alter von 17, mit den etwas linkischen Bewegungen und die auch gerne so tut, als habe sie eine Sprechhemmung und dann noch diese geschwollenen Lippen.

Ein reelles Produkt mit guten Unterhaltungsqualitäten.

I’m Still Here

Befreiung aus dem schauspielerischen Untertanentum eines Hollywood-Industrieschauspielers verstanden als „die Sau raus lassen“. Ein eher beschränkter Freiheitsbegriff, der hier demonstriert wird. Aber ein ehrenwerter Versuch des Aufstandes und der Befreiung.

Auch ein bisschen ein Hollywood-Insider Promi- und Promo-Auftritt. Was fasziniert den Schauspieler Joaquin Phoenix, der das mitgeschrieben und die Hauptrolle gespielt hat, so an diesem in Fake-Doku-Manier präsentierten negativen Typen, den er hier spielt, diesem abgefuckten Mann, der tut als ob er Koks nehme. Was fasziniert ihn an der Darstellung des kaputten Schauspielers, der von Hollywood und vom Drehen die Nase voll hat und der jetzt eine Hip-Hop-Karriere hinlegen will. Irgendwie scheint Phoenix aus den Fängen Hollywoods nicht so richtig rauszukommen. Die Fänge Hollywoods, das sind die Träume aller dieser Darsteller, in die grossen Shows zu kommen, in die Schlagzeilen, auf die roten Teppiche, vor die Fotografenmeuten, zu den Interviews mit den bekanntesten Magazinen und Zeitungen, Einladungen in die berühmtesten Shows. Der Show-Master übrigens, der hat seinen Fake-Show-Auftritt in diesem Film wirklich cool hingelegt.

Der Scherz war nicht übel, wie Phoenix zu besagtem Showmaster sagte, er bereite sich gerade auf eine Hip-Hop-Geschichte vor und der Showmaster antwortete, das könne er sich nicht vorstellen, oder das würde man ihm nicht geben.

Ich verstehe nicht, was Phoenix an diesem kaputten Typen so fasziniert, der manchmal so undeutlich spricht, dass Untertitel nötig werden, soll wohl Persiflage sein. Vor allem, was will er uns damit erzählen. Denn die Voraussetzung für das Need im Movie ist denkbar schlecht. Er behauptet einfach er sei „fucked up“ mit dem Drehbetrieb. Frustriert zu sein ist nicht unbedingt die beste Motivation. Es sei zwar noch ein Film mit Gwyneth Paltrow im Kasten und für den solle er noch auf Promo-Tour gehen, wozu er jedenfalls keine Lust habe.

Der Film fängt an mit Kindheits-Homevideos aus Panama, wie der kleine Phoenix an einem Wassserfall die Felsen hochsteigt und nach langem Zögern runterspringt. Er dürfte zu dem Zeitpunkt, es war 1981, 7 Jahre alt gewesen sein.

Dann ist die Familie in die USA gezogen. Es gibt ein kurzes Homevideo von der Phoenix-Family, wie sie Strassenmusik machen und die Kids wie wild rumhopsen. Ganz am Ende des Filmes fliegt er mit dem Privatjet nach Panama zurück. Er watet im Fluss mit langer Hose und nacktem Oberkörper in Richtung Wasserfall. Eine sehr lange Einstellung, die den Eindruck einer Gedankenfülle erwecken soll, die so im Film kaum eruierbar war.

Schöne illustrierende Symbolhandlung: die Befreiung eines Vogels aus einer Garage. Phoenix hat die Nase voll vom Untertanentum eines Schauspielerstars, der genau auf Position zu gehen oder zu stehen hat, der einen fixen vorgelernten Text sagen muss. Er möchte eigenen Text bringen, den eigenen Film machen. Doch ist im Film leider kaum Inhalt zu finden, als dass er nach wie vor massiv in den Fängen der Hollywoodschen Scheinwelt gefangen ist, nur dass er sie anpisst, so wie sein Freund und Assistent sich einmal im Bett über ihn hockt und so tut, als scheisse er auf ihn. Vermutlich hat er nur gefurzt. Und dann spielt Phoenix wieder einen viel zu übertriebenen Ausbruch. Alles Scheiße finden ist eben nicht sehr viel. Das wäre vielleicht ein Anfang. Und der Hip-Hop, den er von sich gibt, ist auch nicht gerade berauschend, nicht berauschend für den schwarzen Studioboss, der schnell abwinkt. Er solle lieber was anderes machen.

Anfangs trägt Phoenix einen Pullover mit der Inschrift DEFIANT BULLDOGGS.
Er wolle keine fucking puppet mehr in Hollywood sein, kein Doll.
Aber was tut er stattdessen? Er treibt Kindereien mit seinem Partner, lässt Blondinen vor ihm und sich defilieren. Oder sein Partner ist nackt und sie machen Kinderspiele, der eine versucht den anderen zu hauen und zu foppen. Nichts gegen Kindereien. Mir ist es jedoch etwas überambitioniert, das schon als die Befreiung aus dem Hollywoodschen Untertanentum auszugeben.

Die Sau rauslassen mag zwar als Ventilfunktion taugen, aber zu einer Veränderung der Verhältnisse, zu einem Abbau des Untertanentums reicht es nie und nimmer, wenn es denn überhaupt ein erster Schritt dazu ist. Die Sau raus lassen ist ja für die Untertanen in vielen Kulturen sogar institutionalisiert, Raunächte und Fasching sind solche Beispiele. Der Fasching des Joaquin Phoenix. Diese Ventilbräuche dienen letztlich aber nur der Zementierung der vorhandenen Herrschaftsverhältnissel, gegen die Phoenix sich angeblich auflehnen möchte.

Sie blödeln also oft, hocken in Hotelzimmern rum. Es scheinen Menschen zu sein, denen viel zufliegt, die aber überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Wahrscheinlich wollen sie mit diesem Negativ-Film Erfolg haben. Mehr als einen bescheidenen Festivalerfolg kann ich mir nicht vorstellen. Da gibt es auf Youtube viel geilere Fakes und Selbstbefreiungs- und Selbstdarstellungsfilmchens, wenn auch nicht unbedingt von Schauspielern. Hier humpelt, möchte man sagen, Hollywood Youtube hinterher.

Dramaturgisch besehen ist die Situation des beeing fucked-off ohne Spannkraft. Es gibt keinerlei Hindernisse, an denen er sich abarbeiten muss, er muss nicht vorsprechen, er ist schon berühmt und seiner Ansicht nach so berühmt, dass egal, was er macht, die Medien sich auf ihn stürzen. Drum lässt er jede Menge Promis, die immer nur die Selbt-Promo im Auge haben, mit Cameo-Auftritten erscheinen. Auch die machen das nicht alle so richtig gut, spannend ist bei einigen einzig, wie unwohl sie sich fühlen, in so einer Fake-Geschichte mitzumachen. Aber der Promo-Trieb ist stärker als das Ehrgefühl.

Bericht über ein unausgefülltes Leben mit viel Brancheninsidergewäsch. Zwischen Verscheißern und Kritik ist ein gravierender Unterschied.

Aus der Prämisse to feel beeing mediocre und something special sein zu wollen ist, wie der Film beweist, keine richtige Spannung zu erzeugen.

Geradezu rührend naiv wirkt der Versuch, politisch zu werden, wenn Phoenix ein Kinderbilderbuch durchblättert und Kriegsbilder mit Soldaten dazwischen schneidet. Der Film eher als ein Beweis für die Unfähigkeit eines Hollywoodstars sich zu befreien und ein politisches Statement abzugeben. Haben sie ja auch nie gelernt.

Immerhin scheint der Film die Sehnsucht nach einem nicht nur künstlerisch sondern auch politisch selbstbewussten Schauspieler- und Startum zu formulieren. Vielleicht wird er somit zu einem Stein des Anstoßes für eine Veränderung der Verhältnisse, die zur Zeit nur und krass vom Geld bestimmt werden.

Die anonymen Romantiker

Die deutsche Übersetzung krankt – mal wieder. Der Originaltitel heisst „les émotifs anonymes“, was vielleicht besser übesetzt würde mit „die anonymen Fühligen“; bei den Romantikern denkt der Deutsche doch sehr an Novalis, an die Blaue Blume, an tiefe reine Gefühle oder Sehnsüchte; darum geht es hier aber nicht; es geht um Sensibilität, um die leichte Erregbarkeit und den schwierigen Umgang mit ihr.

Es geht zwar auch um Sehnsucht nach Liebe; es sind jedoch die beiden Protagonisten, die eher unter Hemmungen leiden, unter Störungen, ihre Gefühle mitteilen zu können, zu artikulieren.

Die erste der beiden Hauptfigurn, der wir begegnen, ist Angélique Delange. Sie kennt sich aus mit Pralinenherstellung und sucht eine neue Stelle. Gegen ihre Unsicherheiten geht sie in die Gruppe der „anonymen Emotifs“, die sich gruppenthearpiemässsig in Gesprächssitzungen in einer alten Villa über ihr Gefühlsleben austauschen und sich Mut zusprechen. Um Selbstvertrauen aufzubauen. Denn Bitterkeit ist kein Erfolgsrezept. Stärke entsteht durch Herz und Selbstvertrauen.

Die zweite Hauptperson ist Jean-René Van Den Hugde. Jean-René und nicht Jean-Pierre bitte, wie er mechanistisch zu ergänzen pflegt. Er ist Pralinenfabrikant. Sein Betrieb mit zwei etwas älteren Frauen und zwei jüngeren Männern ist am Rande der Pleite. Außerdem haben seine Pralinen keinen guten Ruf. Van den Hugde hat regelmässig Gespräche mit seinem Psychiater, der ihm Aufgaben stellt und ihm das Gefühl vermitteln will, in ihm brodle ein Vulkan.

Zwei Figuren mit Beziehungsschwierigkeiten und mit einem Näschen für Pralinen, die, so verlangt es das gute Geschichtenerzählen, früher oder später aufeinanderstoßen müssen.

Die Story ist so ausgelegt, dass die beiden sich nach Komplikationen finden werden. Denn Pralinen sollen ja süss sein, obwohl es auch eine Diskussion gibt, dass gerade das Bittere in der Schokolade eine Besonderheit sein könne. Van der Hugde hat an sich kein Problem mit den Frauen, wenn er nicht der Meinung wäre, sie terrorisierten ihn.

Angélique bewirbt sich bei der Manufaktur von Van der Hugde und die beiden Mitarbeiterinnen, die sie gleich reinlassen, wundern sich doch sehr, dass ihr Chef die junge Frau sofort engagiert, ohne sie weiter zu testen und ohne weitere Bewerberinnen anzuschauen. Tja, die Fühligkeit der Fühligen eben!

Vom Handlungsablauf her verläuft die Geschichte so, dass Angélique bei Van Den Hugde nicht in die Herstellung kommt, sondern in den Vertrieb, was gar nicht ihr Gebiet ist. Dadurch aber erfährt sie, dass ihr früherer Arbeitgeber Mercie gestorben ist, der mit von den besten Pralinen hergestellt hat. Dabei war sie es, die als geheimnisvoller „Eremit“, den niemand kannte, die Rezepturen bestimmt hat.

Da Van Den Hugde am Rande der Pleite steht und auch niemand mehr diese mindere Qualität bestellen möchte, schlägt sie vor, neue Rezepte auszuprobieren. Sie vollführt einen eher durchsichtigen Trick mit dem Laptop und dem Earphone und behauptet, sie habe eine Verbindung zum Eremiten und könne diesem die Rezepte entlocken. Nach diesen stellen die Mitarbeiter neue herrliche Pralinen her. Die werden auf eine Confiserie-Messe den ersten Preis gewinnen.

Das ist jedoch nur der Vorwand, um Angélique in der Firma zu belassen und die Annäherung zu ihrem Chef in Gang zu halten. Was alles höchst kompliziert geschieht. Die emotionale Hilflosigkeit der beiden wird dabei eher mehr als weniger deutlich ausgestellt, immer am Rande des Satirischen, des Kabarettistischen, es erreicht nicht ganz die Qualität des Tragikomischen.

Das Hotelzimmer bei der Messe treibt diese Annäherung weiter voran.

Bis dahin gab es folgende Aufgabenstellungen des Psychiaters für Van den Hugde: zuerst eine Berührung mit einer Frau zu versuchen. So drückt er Angélique einfach die Hand und dann kommt der Kuss und er kann nicht mehr loslassen. Beide sind von den Socken und selbst überrumpelt und können ihr Glück nicht fassen und glauben, das sei alles ein Irrtum.

Die nächste Aufgabe war, jemanden zum Essen einzuladen. Er lädt Angélique ein. Auch das geht schief. Er glaubt, es sei alles aus, er geht ständig aufs Clo, um Hemden zu wechseln und schliesslich um einfach abzuhauen; während sie ihre Glückformeln repetiert.

Dann die Messe in Rouanne und das Hotel mit dem einen Bett drin. Das endet mit ihrer spontanen Abreise, weil er plötzlich in den Park wegrennt. Bei der Messe gibt’s einen Auftritt von ihm in einer Bar, wo er ein Lied singt: otschi tschornje, noch bevor sie abreist.

Wie er nach der Rückkehr von der Messe seiner versammelten Mannschaft verkündet, dass sie abgereist sei und nicht mehr mitarbeiten werde, da klingelt das Telefon und er erhält die Mitteilung vom Pralinen-Sieg auf der Messe.

Man könnte den Film mit einem einfacheren, gut gemachten Petit-Four vergleichen, das vielleicht etwas schwerer ist als die allerfeinsten, etwas zu viel Kalorien, nicht mit allerhöchster Rafinesse hergestellt, aber zum Genuss in einer etwas altmodischen Konditorei à la 50er Jahre und mit Personal mit weißen Schürzchen alleweil bestens zu empfehlen.

Ein Film, der mit jedem Take klar macht, dass er anrührend sein will, dass er keine Abgründe aufreißen will, dass er seine Zuschauer weder foltern noch auf die Folter spannen möchte. Ein Film, der mit jedem Take zeigt, dass er verständnisvolles Mitleid mit seinen Figuren hat und dass er sie zu einem glücklichen Ende zusammenführen will.

Die Vaterlosen

Was zweifellos vorhanden ist: ein starker inszenatorischer Zugriff auf die Schauspieler, sie spielen jedenfalls auffallend ernst, ernsthaft und konzentriert. Ferner ist vorhanden die Grundidee eines Plots, eher das Setting eines Plots: Kinder aus einer Kommune kommen zu Beerdigung des Oberhirsches dieser Grossfamilie, Hans, zum Teil nach Jahrzehnten das erste Mal wieder zusammen und dabei wird unter dem Vorwand der Vergangenheitsbewältigung viel Weisheitsstroh über Familie und Beziehung und Erziehung und menschliche Anerkennung mit der Mine grossen Wahrheitsgehaltes gedroschen.

Was die Regisseurin sicher auch gelernt hat, das ist das Sich-Zeit-Lassen. Sätze wirken lassen. Den Menschen auch inneren Monolog lassen.

Woran es mangelt hinsichtlich eines spannenden Kinofilmes: das Thema zu einer spannenden Geschichte zu bürsten und eventuell auch auszudünnen oder auf eine Hauptperson zu fokussieren: Deshalb kommt das Setting, die Story, die die Regisseurin wohl im Hinterkopf hat, eher daher wie das Produkt eines schönen, sommerlichen Schauspielerworkshops in und um ein einsames Gehöft in idyllischer österreichischer Landschaft. Fast wie ein Fremdkörper wirkt die Beerdigung ganz am Schluss: plötzlich ist da ein sehr bevölkerter Friedhof in einer gut besiedelten Gegend. Dabei ist den ganzen Film über der Eindruck erweckt worden, die Szenerie spiele in einer Location fernab jeglicher Zivilisation.

Was der Glaubwürdigkeit der Story einen weiteren Tiefschlag versetzt – und ich finde, beim Kino sollte man auf ein Minimum an Glaubwürdigkeit achten, besonders wenn es sich um eine Familiengeschichte handelt – das ist der Sprachensalat: ein, zwei Figuren, die lassen sehr viel österreichisch zu, andere weniger, der Sohn Nick, der schon früh nach München ging, dort Arzt studiert hat und auch praktiziert, der spricht preußisch. Also auf die Sprache scheint die Regisseurin überhaupt keinen Wert gelegt zu haben, wobei doch die gleiche Zunge eines der identitätsstifdendsten Merkmale unter Menschen überhaupt ist, ob Kommune oder Kleinfamilie. So wie aber hier mit der Sprache umgegangen worden ist, wird praktisch schon qua Besetzung behauptet, dass die Figuren herzlich wenig miteinander zu tun haben. Das könnte als Hinweis darauf genommen werden, dass die Regisseurin mehr für die Arbeit innerhalb einer laborähnlichen Situation interessiert war, denn an der Glaubwürdigkeit des Story.

Ein weiteres Indiz für diese Behauptung ist die szenische Aufdröselung der Geschichte. Diese wirkt ständig so, als kämen die Akteure zusammen, um ein Familienleben vorzuspielen. Ein Get-together im Sommergehöft um verschiedene mögliche Szenen einer solchen Grossfamilie durchzusimulieren. Äusserer Anlass ist Sterben und Tod des Oberbockes der Familie, Hans.

Ich halte das für vollkommen unrealistisch. Auch passiert die Annäherung ohne jede Hemmung. Insofern bleibt das für mich alles ein, wenn auch stellenweise sehr schönes Spiel im theoretischen Wolkenkuckucksheim einer weltfremden Regisseurin, die Kunst machen will, die den unbändigen Willen zur Kunst und Schauspielerführung überzeugend demonstriert, am liebsten als Glucke immer alle um sich versammelt. Ein bisschen brechtischer Zugriff vielleicht.

Solche Arbeiten bleiben durch ihre Anlage notgedrungen insiderisch. Sie ergeben eher sowas wie Einblick in eine mögliche – und vielleicht angenehme – Art von Arbeit mit Schauspielern. Sie ermöglichen allerdings dem nicht-insiderischen Zuschauer, den nicht primär der Blick in die Werkstatt interssiert, nur sehr bedingt anzudocken. Weil die Figuren hier, auch das ist entfernt brechtisch, zu Thesenträgern mutieren und nicht in einem Zusammenhang die Story vorwärtstreibendere Konflikte stehen, der wohl am ehesten Kinospannung zu erzeugen imstande ist. Denn die Hauptfrage ist nicht die, wie geht Figur X oder Y, eine positionierte Hauptfigur, mit einem Grundkonflikt um, der dann ganz nebenbei das intendierte Thema, zum Beispiel Vaterlosigkeit, spannend umreißen und vermitteln könnte.

Frau Kreutzer entwickelt ein Modell. Da mag man über diesen und jenen Satz schmunzeln, ihn als Gedankenanregung nehmen; aber in der Beliebigkeit können sie genauso gut in der Kirche oder in einer Talkshow vorkommen; das ist nicht kinospezifisch; oder man könnte sagen, Frau Kreutzer hat für ein Kinoprojekt das Spezifische des Mediums Kino viel zu wenig genutzt. Effektvoller wäre vermutlich sogar, die Thesen-Szenen als Theater aufzuführen.
So aber bleibt es meines Erachtens ein abgehobenes Experiment mit Kunstanspruch.

Übrigens erzählt sie aus dem Heute und schneidet immer wieder Rückblenden auf die grosse Zeit der Kommune vor 23 Jahren. Immerhin lässt sie die Rückblenden – das ist nun wirklich konsumentenfreundlich – mit bleichenden Rot- oder Gelbfiltern und in meist schönen Farben verklärt erscheinen. Was zwar inhaltich einigermaßen widersprüchlich ist zu dem eher problematischen Umgang der Geschwister miteinander, zu der Entfremdung, denn die muss ja ihren Grund gehabt haben.

Am schönsten fand ich übrigens die Zeichnungen aus dem Tagebuch von Hans, wenn ich das richtig gesehen haben, da war nun wirklich ein Ansatz zu einer Geschichte und sogar zu einer künstlerischen. Diese Bildfolgen waren aber erst dem Abspann beigefügt.

Hier noch einzelne Sätze, Beobachtungen und Eindrücke.

Das Motto für den Film dürfte der erste Text sein. Er kommt aus dem Auto-Radio, ist sehr gedehnt gesprochen. Der Zuhörer innerhalb des Filmes ist Nick, der Sohn, der Arzt ist in München, und jetzt zum sterbenskranken Vater nach Österreich fährt. Bei der Annäherung an den Hof heißt es: DIE WILDE SEELE KOMMT LANGSAM ZUR RUHE, beschwingt ihre Flügel … der Geist, der bereit ist … dann folgt ein Rezeptionsproblem meinerseits.
Aus der Distanz besehen wirkt es absurd, wenn ein Radiosprecher einen Satz sagt, der dem Sterbenden gilt, den der Hörer gerade besuchen will und der sein Vater ist. Das wird mir im Nachhinein klar. Aber im Moment des Hörens glaubt man, das sei so eine Überschrift über den Film.

Vater liegt im Sterben. Ein Dialog zwischen Vater und dem Sohn, der Arzt ist: Bist ein Deutscher geworden, ein deutscher Fleischhacker. Nick: ein Sammelalbum.

Hättest Du mich auch aufgeschnitten – bist Du ein guter Arzt?
(die Dialoge sind schon sehr sehr gekünstelt, sehr bühnenhaft)
Du bist feige.
Wenn man es allen recht machen will, da macht man Fehler.
(alles schöne Sätze, die aber keine Geschichte erzählen oder in Gang setzen).

Durch diese Befremdlichkeit der Texte und den Überernst, mit welchem sie vorgetragen werden, transportieren sie als Untertext vor allem den: wir sind Schauspieler (und zwar gute!).

Schönes Stimmungsbild vom Weiher mit Schilf, in der Wasserfläche halb herausragend ein roter Holzklappsessel; künstlerische Installation.

Wenn die Familie so zerrüttet war, wie behauptet wird, so ist es schwer verständlich, dass jetzt anlässlich des Todes alle Familienmitglieder unisono und urplötzlich die eigene Geschichte aufarbeiten wollen. Woher der Impuls und die Bereitschaft?

Es gibt keine Frösche mehr (auch so ein schön literarirscher Satz, der für die Story keinerlei Bedeutung hat, der das Kino nicht zur Spannung bringt, sondern zur Andachtskapelle umfunktioniert).
Gespräch über den alten Wipperl, der Hund, das tote Tier, das tote Tiere immer zur Tür gebracht hat.

Man diskutiert die Stadt-Land-Problematik. Auf dem Land hat man die Türen offen. (das beeindruckt Städter immer, wird aber nicht in Zusammenhang mit der Familienproblematik gesetzt).

Die Regisseurin betreibt mit ihrer Methode auch ganz schön Menschenklitterung. Das sind nicht Menschen aus Fleisch und Blut und mit Widersprüchen, das sind angepasste Darsteller, die ohne Körpergeruch und Akzent eine Riesenmenge an Allgemeinplätzen schön rezitieren und dabei vorgeben, eine Geschichte zu erzählen, was sie aber gar nicht tun.
Im Gegenteil, mit dieser Methode der Aufarbeitungsbereitschaft, verhindert die Regisseurin und Autorin das Ausbrechen von Konflikten, die kokeln.

Alles ist bedeutungsvoll, das Überreichen einer Bierdose.

Kiara, das ist die Tochter, die ganz früh nach Hamburg abgehauen ist. Sie hat wohl einen Schaden, denn ihr Bruder, der heutige Arzt, hat ihr, als er noch ein Bub war und sie hüten musste, zu lange die Luft abgeschnürt.

Wie eine weltfremde Predigt.

Es wird auch über Besitzverhältnisse diskutiert und über Alimente.

Mizzi will vielleicht in die Politik.

Eine Erinnerungsszene. Ein Nachbar liefert die beiden Brüder am Schlawittchen ihrem Häuptling Hans mit Indianerschmuck ab.

Das ist das Problem, dass die Regisseurin sich nicht für eine Hauptfigur entscheiden kann; die Frauen interessieren sie mehr als die Männer, die kommen auch differenzierter rüber. Aber die Figur, die alles auslöst ist Hans, der im Sterben liegt. Aber sie kann sich auch nicht für ihn als die durch den Film führende und Empathie schaffende Figur entscheiden.

Das Kollektiv, wie sie die Kommune nennen, übt die 7 Tibeter. (sorry, solche Gruppen- und Gymnastikübungen sind zu Zeit leider so inflationär in vielen bemühten Filmen zu sehen, dass ihre Anwendungshäufigkeit für mich inzwischen zu einem sicheren Gradmesser für Themenunklarheit eines Filmemachers geworden ist ).

Wie war Euer Vater?
Cool, er hat sie nix gschissen, er wollt immer, dass wir stark werden,
ein bisschen hat er uns gewzungen, dass wir frei sind.

Was machst Du? (das sind diese Fragen, die Fernsehdialoge initiieren).
Ich such mein altes Taschenmesser.

Eine späte Beichte: ich war nicht zur Fortbildung.
Warst bei einem anderen?
Ich war in der Abtreibungsklinik.

Einmal wird eine Hausgeburt eingeblendet, wie der Hans die Schwangere von hinten hält.

Was ist das mit Deiner Haut?
Sauerstoffunterversorgung im Kindsalter.

Durchgängig humorlose und beklemmende Atmosphäre, wobei aber nicht klar wird, welche Geschichte nun erzählt werden soll. Und woher die Beklemmung stammt. Geschichten sollten was Befreiendes haben..

Eine der Töcher bandelt mit dem Milchbauern an, der die Milch bringt.

Zweiergespräche in wechselnden Kombinationen.

Der Vater hat Ärzte nicht gemocht, solange er gesund war.

Dann wird Tango getanzt. Wieso? Weils halt schön ist und man diesen schönen Workshop irgendwie auch auflockern muss.

Weisheitssatz: die urbane Kapitalismusgesellschaft frisst uns auf.

Sie wollen das Richtige (die Eltern)
Man kann alles reparieren.
Du kannst eine Vase kitten.
Aber nie mehr Wassser hineintun.
Der Töpfer war ein Trottel.

Mir kommt es vor, als sei die Regisseurin eine Tapetenfrau, sie beklebt die Wand mit einer Tapete mit lauter schönen Szenen und Dialogen drauf. Alles schöne gearbeitet, Sätze mit lockerer Hand verteilt auf die Akteure ohne Rücksicht auf den Fortgang der Handlung.

Mama, mein Name ist Maria und draussen in der Welt werde ich gesiezt.

Dann wieder der rote Klappstuhl im Wasser. Der wird später nochmal kommen, dann sitzt eine der Töchter drin und liest.

So langsam erschliesst sich mir die Problematik so einer Lebensform.
Du bist ein Schwätzer und ein Poser, mit so einem will ich kein Kind.

Ob das Publikum mit so einem Film 104 Minuten im Kino verbringen will, das wird sich ab heute zeigen.

Go ahead, make my day.