Das Labyrinth der Wörter

Gérard Depardieu spielt Germain Chazes, den Idioten, den Dorftrottel in der blauen Latzhose, denjenigen, der als zurückgeblieben gilt, der keinen Zugang zu den Wörtern hat, der in der Stammkneipe rumhängt, der aber ein Gärtchen bei seinem Wohnwagen mit grünem Daumen pflegt, dessen Freundin Busfahrerin ist, der verkannt ist und sich verkannt fühlt, denn wie käme er sonst auf die Idee, immer wieder zu versuchen, seinen Namen zu den Helden auf dem Ehrenmal des Provinznestes hinzuzuschreiben. Neben dem Ehrenmal ist eine kleine Parkanlage. Da gibt es 19 Tauben. Die kennt Germain alle und hat jeder einen Namen gegeben. Über die Tauben lernt er Margueritte, eine gebildete ältere Dame kennen, die auch gerne auf der Parkbank sitzt und liest und die auch die Tauben alle kennt und jeder einen Namen gegeben hat. Über die Tauben kommen die beiden ins Gespräch, fällt das Bildungsgefälle auf, wird der brachliegende Kopf (so der französische Titel des Filmes) beackert mit Literatur von Camus, die Pest, oder mit dem Guide Maupassant, wie Germain Guy de Maupassant anfänglich missversteht und mit dem Petit Robert, der französischen Variante des Dudens, aus dem Germain dann in seinem Wohnwagen seiner Katze vorliest, und in welchem er den Ursprung seines Namens zu erkunden sucht, der Teutone, der Vandale, wo er die Begriffe aus dem Argot, seiner Umgangssprache, jedoch nicht findet. Es gibt noch eine kleine illustrierende Geschichte am Rande, der Junge aus prekären Verhältnissen, der davon träumt, ein Kirchenfenstermaler zu werden. Aber wie schon die Geschichte von Germain zeigt: den Schichtunterschied zu überwinden, vom Analphabeten zum Leser und Vorleser zu werden, erfordert viel, viel Geduld und Einsatz und Mühe.

Howl

Biopic verstanden als ehrliche, hochanständige, sanfte, künstlerisch schön und respektvoll ausgestaltete Agit-Prop für Toleranz der Homosexualität gegenüber.

Wobei das Biopic sich reduziert auf die Phase im Leben von Allen Ginsberg, die sich mit Publizierung, Verbot und Gerichtsverhandlung um das Gedicht Howl beschäftigt, was für Ginsberg damals den Durchbruch bedeutete.

Das Gedicht Howl war von Moralisten angegriffen worden, weil darin mit Wörtern wie Schwanz und Möse und deren Mehrzahl locker umgegangen wird.

Der Film besteht aus drei ineinander geschnittenen Strängen. Ein Darsteller, der äußerlich dem originalen Ginsberg sehr nahe kommt, rezitiert das Corpus Deliciti, das Gedicht Howl, das ausserdem illustriert wird mit kafkaesk anmutenden Animationen von Epstein und Friedman. Im zweiten Strang gibt es nachgespielte biographische Situationen aus dem Leben von Ginsberg (zum Beispiel aufregend-erotisch im Bett mit dem Frauenhelden Neal Cassady) und ein fiktionales Interview aus Zitaten, dabei sitzt der Ginsberg-Darsteller an der Schreibmaschine. Im dritten Strang wird die Gerichtsverhandlung über das Gedicht Howl nachinszeniert, wobei der moralinsaure Kläger mit seinen Einwänden dem Begriffsdifferenzierungsvermögen der Richter – gottseidank! – nicht gewachsen ist.

Ein sehenswerter Einblick in ein Stück schwuler Emanzipationsgeschichte.

Burlesque

Rekapitulation einer Variante des amerikanischen Traumes: Mädchen aus der Provinz schafft es auf die Tanz-Musik-Bühne Burlesque in L.A., hat ihren Durchbruch und kann sogar das Theater vor dem Zusammenbruch retten.

In einer Zeit grassierender Chancenungleichheit (die uns privilegiert gebildete Promis wie Guttenberg und Donnersmarck beschert), in einer Zeit hoch-technologisch-wirtschaftlicher Entwicklung, in der es längst nicht für alle Menschen eine menschenwürdige Beschäftigung oder auch nur eine Chance gibt, in einer Zeit, in der sich die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen geradezu aufdrängt, ist es allerdings fraglich, ob man an diesen, hier zudem distanzlos-naiv präsentierten amerikanischen Traum noch glauben mag.

Ein Begriff spielt eine überraschende Rolle, der der Lufthoheit. Allerdings ist er beschränkt aufs Baurecht und die damit zusammenhängende Rettung des Theaters.

Preis der deutschen Filmkritik 2010 – die Nominierungen

Der Filmkritkerverband VDFK hat die Nominierungen für den Preis der deutschen Filmkritik 2010 bekanntgegeben.

Sieben Nominierungen insgesamt für das Drama zum Thema Familienehre und Zwangsehe Die Fremde von Feo Aladag. Tom Tykwers Drei folgt mit fünf Nominierungen, danach Die kommenden Tage von Lars Kraume. Dennis Gansels Vampirfilm Wir sind die Nacht erhielt drei Nominierungen, je zwei Nominierungen entfallen auf Boxhagener Platz, Schwerkraft, Parkour und Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.

Alle Nominierungen könnt Ihr diesem PDF entnehmen.

Perpetuation of Plan, Change of Pace & Attitude

Ganz ehrlich: Für mich lief 2010 nicht so besonders. Es läuft ganz allgemein nicht so besonders in den letzten Jahren, aber nun weiß ich endlich und eindeutig, warum: Ich bin zu gutmütig, zu nett, zu zuvorkommend, zu entgegenkommend und im Geschäftsleben zu preiswert.

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Rare Exports

Die Seeleute spinnen ihr Seemannsgarn; die Nordländer in langen Winternächten ihr Nikolausgarn. Dies wird dann in Holzkisten für den Export nach Tansania fertig gemacht, Stempel drauf „from the Land of the original Santa Claus“. Nicht immer ist, was aus den Industrieländern in die heißen Zonen exportiert wird, lupenrein.

Was Jalmari Helander in seinem Film über den Santa Claus fantasiert, das ist unterhaltsam, allein schon durch die Texte, die er seine Figuren sprechen lässst. Die sind immer knapp und spröde. Sie erinnern an Sprechblasentexte aus Comics. Sie künden etwas an („Heute ist der Zusammentrieb“), kommentieren eine Sache und stellen eine Behauptung auf („Ich habe genug gesehen. Der richtige Weihnachtsmann war ganz anders. Der Coca-Cola-Weihnachtsmann war ein Schwindel. Der echte macht aus den Kindern Kleinholz.“), geben eine Handlungsanweisung („Zerstört die Heizungen!“), stellen etwas fest („Der Alte ist zäh. Der atmet noch. Was macht er da? Er wittert etwas.“), sie argumentieren („Von wegen Seismograph, die Kerle haben irgend etwas ausgebuddelt.“) oder sie kalkulieren („Aber wir haben doch eine Versicherung. 433 Kadaver, wieviel kostet einer? 88 Tausend, plus 22% Mehrwertsteuer“).

Kurz vor Weihnachten steht in Finnland als großes Ereignis der Zusammentrieb an. Aber die beiden Buben Juuso und Pietari haben sich durch den Grenzzaun nach Russland geschlichen und werden auf dem kahlen Kegelberg dahinter Zeuge, wie Mineure eine Tiefenbohrung vorantreiben und in 400 Metern Tiefe auf eine 20 Meter dicke Schicht von Sägespänen stoßen. Das hat natürlich seinen Grund, das wissen die beiden Buben ganz genau. So löst denn die Bohrung eine Kette von Ereignissen aus, die uns tabulos darüber aufklären, was es mit dem Weihnachtsmann für eine schreckliche Bewandtnis hat.

Vergissmichnicht

Eine anregende Collage über eine Lebensstrecke von 33 Jahren, bei der sich ganz entspannt darüber nachdenken lässt, ob die menschliche Identität eine Einbahnstraße sei ins Irgendwohin oder ob sie zirkulär verlaufe, sich hochschraube von der Bewunderung für große Vorbilder (das siebenjährige Mädchen träumt von Mutter Teresa nicht weniger als von Margaret Thatcher, von Greta Garbo über Meryl Streep bis Coco Chanel) zu eigener, in der Jugend angelegter und geträumter Größe, von Marguerite zu Margaret.

Die Frage stellt sich unserer bewunderswerten Hauptdarstellerin Sophie Marceau, die die erwachsene Margaret, eine Karrierefrau, spielt und die an sich selbst als siebenjähriges Mädchen Post zum 40. Geburtstag versandt hatte, die diese Identitätsfragen aktuell machen soll und die ihr pünktlich zu diesem Datum der nun schon greise Advokat Mérignac auftragsgemäß und auftragsgetreu überreicht.

Zuerst will sie von ihrer Vergangenheit nichts wissen, so ist sie gefangen in den Schlingen der Prozente – ihre Hauptaktivität an führender Geschäftsposition ist das internationale Feilschen um lächerliche Prozente, 3, 3,3, 3,5 3,8 oder gar 4 – mehr wird über die Art des Geschäftes kaum bekannt gegeben, ist auch gar nicht nötig.

Wichtiger scheint das ganze Getue um den lächerlichen Vorgang, die Herren, die ständig um sie rumtanzen, Chauffeure, Assistenten, der riesige begehbare Schrank mit Unmengen von Klamotten, der Fakt, dass sie sich wie große Politiker auf Wahlkampf mehrmals täglich im Auto umziehen muss, die Diskussion über das Décolleté und dessen Einfluss auf die „Verhandlung“. Sie hat ihre Kindheit, ihre Herkunft, ihre Identitätsprägung vollkommen vergessen.

Sie weiß bei der Begegnung mit dem Advokaten, der sich fast mit Gewalt Zugang zu ihr verschaffen muss, überhaupt nicht mehr, wer er ist, sie weiss auch gar nicht mehr, wer Marguerite war. Sie hat sich in ihren Nicht-Träumen, also in ihrer Karriere verlaufen. Da dürfte sich so mancher Zuschauer, manche Zuschauerin, wiedererkennen, wenn er/sie es denn zulässt.

Sie hat damit ihr Ziel aus den Augen verloren. Das zu rekonstruieren ist nun der Prozess, der über die Begegnung mit den Briefen, die sie an sich selber geschickt hat, mit ihrem Bruder, mit dem Buddelkastenfreund in Gang kommt und das Gros des Filmes füllt.

Ein schönes Bild für die Entfremdung von ihrem Ursprung ist die Ehe mit Malcolm, mit dem sie meist englisch spricht. Es gibt dann im Laufe des Widererstarkens ihrer Marguerite-Persönlichkeit einen schönen Ehekrach zwischen UASC-Schiffscontainern inklusive Tellern, die durch die Gegend fliegen.

Die Phase der Kinder zwischen etwa 7 und 10 Jahren heisst auf französisch „l’age de raison“ (so der intelligentere, französische Titel des Filmes), das Alter der Vernunft; der Prozess im Film führt dazu, dass Marguerite mit 40 die Vernunft realisieren kann, die sie mit 7 – weitsichtig, hellsichtig, mit einem Blick, der nicht von Karriere-Erfordernissen verstellt war – schon hatte.

Drei

In einem gepflegt philosophisch-szientistisch-cineastischen Gewirke zeichnet Tom Tykwer geschmack- und stilvoll den Weg zu einer ganz ordinären Ménage à trois in intellektuell sich gebendem Milieu im geistigen Spannungsbogen von Chimärenforschung über Zahlenmystik bis zu Spinoza mit modischen Begleiterscheinungen wie Bauchspeicheldrüsen- und Hodenkrebs, Patientenverfügung und Körperwelten, das Ganze kulturell verfeinert mit Spuren von Robert Wilson, William Shakespeare, Hermann Hesse. Aber die Seele, die findet Tykwer nicht.

17 verloren geglaubte Minuten zu „2001“ aufgetaucht

Eine großartige Meldung kommt aus einer Salzmine in Kansas: 17 verloren geglaubte Minuten aus 2001 sind dort aufgetaucht. Wie Slashfilm so richtig andeutet, ist es fraglich, ob man das Material je im Film zu sehen bekommen wird, denn der Film ist einfach perfekt, wie er ist.

Nun fragt sich natürlich, was noch so alles auftauchen wird in verstaubten Kino-Hinterzimmern, alten Safes und so weiter. Die Spider Pit-Szene aus dem 1933er-King Kong zum Beispiel? Man darf gespannt sein.

Go ahead, make my day.