Lebenslinien: Mein Herz und der Triathlon (BR, Montag, 1. Juni 2026, 22.00 Uhr)

Zeitnah

zum Challenge Roth am 5. Juli sendet der BR unter redaktioneller Obhut von Sonja Hachenberger diese Werbesendung für den Triathlon von Roth, einem privaten Unternehmen.

Die Lebenslinien von Maike Conway können sich deshalb nicht entscheiden, was sie sein wollen. So direkt dürfen sie ja nicht Werbesendung für ein privates Unternehmen sein. Einen klaren Einblick in das Familienunternehmen bieten sie aber auch nicht, schon gar keinen Hinweis auf Rechtsform, Besitzverhältnisse, Geschäftsvolumen und Gewinn. Lediglich der Werbebegriff des „weltgrößten Langdistanz Triathlons“ kommt vor. Die Protagonistin wird nicht eindeutig als Unternehmerin gewürdigt. Ist sie CEO, ist sie Inhaberin? Immerhin ist zu erfahren, dass diese und ihr Bruder fulltime ins Unternehmen involviert sind.

Diese Lebenslinien ziehen sich teils das Mäntelchen eines Gesundheitsfilmes an, im Sinne der Apotheken Umschau und deren Publikumswirksamkeit als, wie es einst hieß, auflagenstärkstem Printmedium. Es geht umd die vererbliche Herzkrankheit der Protagonistin als auch von deren Mutter und auch der Tochter.

Die Info über die Herzerkrankung bleibt ungenau. Man erfährt, dass die Betroffenen sich damit arrangieren (Kommentar). Es gibt ärztliche Beratungesgespräche, die hier öffentlich werden. Aber die bleiben für eine Gesundheitssendung zu bruchstückshaft. Es gibt keinerlei Hinweise auf die hohe Entwicklung der Herzmedizin; bis auf die Äußerung der Protagonistin, dass sie im Gegensatz zu ihrer Mutter dank jener noch am Leben sei. Aber auch das bleibt diffus.

Um die Diffusität (oder den Nebel, der den Werbecharakter einhüllen soll) noch zu erhöhen, gibt es Brösel aus dem Familienalbum, Super-8-Clips; Bilder aus dem privaten Familienleben; dann diese unsäglichen redaktionellen Voice-Over-Texte mit – immerhin – einer Stimme, die hervorragend auch zur Apotheken Umschau passen würde.

Sicher, jeder Unternehmer muss entscheiden, wie er für sich Werbung machen will. Werbung im redaktionellen Teil von Medien unterzubringen, das ist der Clou für Werbetreibende. Wenn Swatch es schafft, dass über Warterituale, gar Schlägereien, im Zusammenhang mit einem neuen Produkt auf den Redaktionsseiten berichtet wird, so drehen die Werbefritzen schier durch. Und wenn ein privat und kommerziell organisierter Triathlon es schafft, eine Dreiviertel Fernsehstunde gratis zu platzieren …

Spannender als diese Lebenslinien selbst wäre, zu erfahren, wie es dazu gekommen ist, wie und von welcher Seite aus der Erstkontakt stattgefunden hat, wie sich dieses Geschäft angebahnt hat, mit welcher Begründung der Auftrag zur Produktion redaktionsintern abgesegnet worden ist, wie es zu diesem Sendetermin so kurz vor dem entscheidenden Tag im Familienunternehmen gekommen ist.

Aber wir sind ja so unmündige Bürger und Rundfunkfinanzierer, solche Dinge zu erfahren, das würde uns bestimmt überfordern, wir nennen den Rundfunk ja auch nur öffentlich, dabei passiert dort so vieles im Verborgenen; wobei es in Zeiten des Internets kein Problem wäre, auch solche Dinge publik zu machen. Ein kleiner Vermerk bei den Titeln oder im Abspann: diese Sendung kam auf Initiative/Ersuchen des Protagonisten zustande.

In diesem speziellen Fall müsste geklärt werden, ob es der Redaktion darum gegangen ist, jemanden mit einem erblichen Herzfehler zu finden. Da es davon bestimmt Hundertausende im Lande gibt, wäre wohl die erste Anfrage an die Herzmedizin gegangen. Und dann schauen, ob da spannend zu erzählende Lebensläufe zu finden sind, vielleicht eindrücklichere, solche, bei denen zu den üblichen Problemen in einem Menschenleben wie Geburt von jüngeren Zwillinggeschwistern oder Todesfällen in der Familie noch weitere, schwer oder kaum zu bewältigende Lebenskonflikte hinzukommen.

Hier wirkt es eher so, dass ein Push von Seiten der Protagonistin der Erstanstoß war. Denn das Bemühen, den Werbefaktor zu verstecken, das prägt die Sendung, darum ist sie so nicht Fisch nicht Fleisch, nicht recht Werbesendung, nicht recht Unternehmensgeschichte, nicht recht Krankheitsgeschichte, nicht recht Familiengeschichte, nicht recht Biopic, nicht recht Triathlon-Organisationsgeschichte, schon gar nicht Liebesgeschichte, nicht recht Roth-Lokalgeschichte, weil es nur Vorwand ist, um Sendezeit für das bevorstehende Event zu krallen.

Da auch das Spekulation bleibt, schlagen wir vor: künftig sollen die Protagonisten für solche offensichtlichen Werbesendungen bezahlen, immerhin eine dreiviertel Stunde TV-Zeit auf einem festen Sendeplatz, das darf man nicht unterschätzen. Das könnte die Beitragszahler entlasten.

Und wieviele Freikarten für das Stadion am Eventtag sind aus Roth an die BR-Redaktion gegangen?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die regelmäßig zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Kommentar zu den Reviews vom 28. Mai 2026

CARPE CINEM! Pack das Kino, so lange es noch da ist, es ist ein flüchtig Ding; kaum sind die Bilder auf der Leinwand, sind sie a scho wieder weg, kaum sind die Filme im Kino, sind die meisten auch schon wieder weg und die meisten davon für immer, irgendwo in einer Cloud schwimmen sie herum, im Meer von DVDs, in den unendlichen Streams, schwer auffindbar, wenn überhaupt, da es ja immer mehr Filme gibt. Kino ist im Moment, wo es da ist, auch schon wieder vorbei. Man muss also aufpassen wie ein Häftlimacher, das es einem nicht zwischen den Händen oder den Augen zerrinnt.

Diese Woche begibt sich das Kino in ein Grenzgebiet in Afrika zwischen steigendem Meeresspiegel, Klimawandel, Tradition, Moderne und postkolonialen Wehen. Es begibt sich nach England in die verrückte, unberechenbar tabulose Welt eines Syndroms. Es begibt sich kinderfantastisch in Seeräuber- und Wissenswelten. Es konfrontiert sich mit der schweren Last von Dingen aus der Jugend, die nicht wiedergutzumachen sind. Es versucht sich festzuhalten, in dieser schwer griffigen Welt zwischen wissenschaftlichem Interesse und Verliebtheit. Es zeigt einem Franzosen, dass es so viel Lebenswerteres gibt als eine letzte Reise in die Schweiz. Es benutzt den Ukrainekrieg, um was eigentlich zu demonstrieren? Auf DVD gibt es eine fernöstlich umformende Shakespeare-Begeisterung, es berichtet packend vom bockig-koreanischen Umgang mit Ausweglosigkeit, es lässt Mädels schnell zur Sache kommen und es exerziert einen 50-Jahre-Zeitspagat. Das Öffentlich-Rechtliche füllt einmal überhaupt nicht befriedigend und einmal höchst mäßig befriedigend seine Überfülle an Sendezeit.

Kino
I ONLY REST IN THE STORM
Ausgiebig in Guinea-Bissau

VERFLUCHT NORMAL
Wenn nur der Tick nicht wäre.

AISHA UND DAS VERLORENE BUCH
Die gerät richtig in Abenteuer hinein.

TOD MEINER JUGEND
Versaute Kindheit

FINDING EMILY
Wissenschaftliches Interesse an Liebesneurose inklusive Verwicklung.

TICKET INS LEBEN
Der Titel ist der Spoiler.

IN CASE WE NEVER MEET AGAIN
Sich eines Krieges als Filmsubstrat bedienen

DVD
SCARLET
Shakespeare fantasievoll in Japan ummodelliert

NO OTHER CHOICE
Mit so einem Titel kann Gewalt begründet werden.

SMALLTOWN GIRL
Wen fickt sie als nächstes?

DIE PROGRESSIVEN NOSTALGIKER
Das sind diejenigen, die plötzlich mit einem Bein in den 50er Jahren des letzten Jahrhundert, mit dem anderen im Heute stehen; Zeitspagat.

TV
ANIMAL TAKEOFF – LUCHS IM ANFLUG
Über Diensthunde ein paar nette Bildchen zu schießen, ist deutlich bequemer, als sich ernsthaft mit Tiertransport im Flugzeug zu beschäftigen.

HIRSCHHAUSEN WILL ZUM PAPST
Klimagelaber in Weihrauchwolke und mit Reiseemissionen

In Case We Never Meet Again

Warploitation

Noaz Deshe ist ein rumänischer, in Berlin lebender Filmemacher. Er ist bei uns schon mit Xoftex in Erscheinung getreten. Dort hat er sich als filmisches Substrat ein griechisches Flüchtlingslager vorgenommen für eine Dokumentation mit starkem Regiezugriff. Die Flüchtlingslager waren zu der Zeit ein Schlagzeilen-Thema.

Heute ist der Ukrainekrieg ein Thema (was zwar aktuell vom Irankrieg resp. dem aktuellen Stillstand in der Straße von Hormus beiseite geschoben wird), aber immer noch ein Schmerzthema. Dessen hat sich der Filmemacher, diesmal mit dem Amerikaner Beau Willimon, angenommen.

In die Regie mitineinbezogen haben die beiden Pyotr Verzilov, einen russisch-kanadischen Künstler, der als inoffizieller Sprecher von Pussy Riot galt.

Es sind also keine Ukrainer, die diesen ukrainischen Kriegsfilm mit deutlich inszenatorischem Zugriff produzierten.

Die Protagonisten sind die Mitglieder der Familie Koliada. Vater Zenith ist Soldat und an der Front. Mutter Tania hat sich mit den beiden Kindern Daryii und Stefania nach Kanada in Sicherheit gebracht. Das Ehepaar steht für die Liebesgeschichte im Film, für die Ehegeschichte. Eine Ehe, die durch den Krieg auf die Probe gestellt wird. Sie sagt an einer Stelle, dass sie sich von ihm getrennt habe. Sie besucht ihn dann aber. Da gibt es Family-Glück und eine zentrale Stelle, sehr inszeniert, im Film, ist ein langes Gespräche des Ehepaares über Liebe und Sex. Er meint, der Mensch brauche Sex und wenn er ihn nicht haben könne, dann hätte das negative Folgen.

Es fällt aber auch der Satz, im Krieg sei der Anus des Kameraden die beste Vagina. Zenith ist ein supergut, supermännlich aussehender Typ. Er gibt was her für die Kamera. Seine Frau und seine Kinder nicht weniger. Filmisch ist es ergiebig, wenn Kinder Krieg spielen, das tun sie ausgiebig, erst recht, wenn noch Raketeneinschläge zu hören sind und Explosionen und Feuerbälle taugen eh was für die Leinwand.

Es gibt häusliche Szenen, auch bei anderen Familien, die sind mit aufgeregter Handkamera gedreht, die spüren lässt, dass sie in den beengten Verhältnissen kaum weiß, wo sie sich hinstellen oder bewegen soll. Das erzeugt Intimität.

Es gibt Clips von einem Youtuber-Punk, von Gefechtsfeldern, von zerstörten Häusern und Aufräumarbeiten und auch von einer Beerdigungen eines im Krieg gestorbenen Soldaten.

Die Poesie darf nicht fehlen. Ein präpubertäres Mädchen sagt lyrische Sätze, was sie in einem gewissen Alter getan habe. Gegengewichtig zum Kriegsgeschehen erzählen Menschen von Träumen; es können aber auch Angstträume sein.

Finding Emily

Temporäre Psychose

Sigmund Freud, das Zitat von ihm stellt Alicia MacDonald ihrem Film nach dem Drehbuch von Rachel Hirons voran, beschreibt mit dem Begriff der temporären Psychose den Zustand, mit dem wir Liebe meinen. Wobei nach Sichtung des Filmes Verliebtheit gemeint sein muss, denn Liebe im tieferen Sinne gilt doch mehr für längerfristige bis lang anhaltende Beziehungen.

Tontechniker Owen (Spike Fearn) wird auf einer Party beim Anblick von Amy (Emily Ash) wie vom Blitz getroffen. Kurz vorm ersten Kuss wird sie von ihren Leuten zum Aufbruch gedrängt. Es reicht gerade noch, die Telefonnummern auszutauschen. Er versteht ihren Namen als Emily, sie geht ihm nicht mehr aus den Kopf, er ist in jenem Zustand aus dem Freud-Zitat am Anfang des Filmes.

Owen versucht, Amy anzurufen. Es fehlt eine Ziffer. Das weiß er noch von ihr, dass sie an der Uni studiert; der Film spielt im drögen Manchester und so sind die Leute auch gekleidet.

Owen ist liebestoll; das kommt beim Schauspieler Spike Fearn großartig zur Geltung mit seinen wie unkontrolliert wirkenden Bewegungen, seiner energischen Spontaneität, seinem Gestus, der keine Berechenbarkeit zulässt; etwas kindlich Getriebenes fasziniert an ihm.

Owen begibt sich zur Uni, um Emily zu finden. Er gerät an eine Emily (Angourie Rice). Die ist zwar nicht seine, aber sie verspricht ihm, bei der Suche zu helfen, ein nicht einfaches Unterfangen, da an der Uni über dreihundert Emilies eingeschrieben sind.

Emily ist hinterlistig und nicht ehrlich. Sie ist gerade dabei, eine Doktorarbeit zu schreiben, die von der selbstzerstörerischen Eigenschaft von Verliebtheit oder Liebe handelt; sie will Owen als Forschungs-Objekt benutzen.

Zwei inkommensurable Welten treffen aufeinander: jene der Amour Fou und jene der Wissenschaft. Die vertragen sich wie Feuer und Wasser und es ist abzusehen, dass, was der Film bald auch schon vermuten lässt, nämlich, dass Emily sich in Owen verliebt und – noch absurder – er sich statt in seine Emily in sie verlieben soll, nicht aufgeht, nicht funktionieren wird.

So wird neben Owen redlich geschauspielert und ab und an versucht der Film, wenn er es ernst meint mit der Liebe und weit entfernt vom Freud-Zitat mit Süßmusik drauf aufmerksam zu machen.

Ticket ins Leben

Berge von Zuckerwatte

türmt Jean-Pierre Améris, der mit Marion Michau auch das Drehbuch geschrieben hat, auf, um sein ernstes Thema des begleiteten Suizides in der Schweiz schmackhaft zu machen, resp. ok, das ist ja nun schon wegen dem Titel kein Spoiler, den Protagonisten davon abzuhalten.

Auch mit der pikanten Tonspur gibt der Filmermacher zu verstehen, dass es ihm um eine ganz ungewöhnliche Mission geht. Das erweckt den Eindruck, dass der Film ein Sterbehilfeabraterfilm sein soll, weil das Leben so viel zu bieten habe.

Mit dem Ticket aus der deutschen Variante des Titels ist die Fahrkarte im TGV von Paris nach Genf gemeint. Ohne Rückfahrt. Die eine Person, das ist der berühmte Sänger Antoine Toussaint (Gérard Darmon). Er hat ein Jahr zuvor bei einem Auftritt mit seinem berühmten „Mambo“-Lied einen Schlaganfall erlitten und ist seither nicht mehr aufgetreten. Den Vorfall schildert der Film mit einer wild sich drehenden Kamera, dass auch der letzte merkt, dass dem Künstler schwindlig geworden ist. Er möchte den Zuschauer in die Emotion involvieren.

Der Sänger reist allein, ohne Gepäck. Sein Manager Claude (Patrick Timsit) hatte zwei Fahrkarten besorgt, lässt aber seinen Klienten auf dessen Wunsch allein gehen. Der Platz ihm gegenüber ist frei. Der wird in letzter Sekunde von Victoire (Valérie Lemercier), ganz außer Atem, besetzt. Sie ist so schwatzhaft wie übergriffig, erst recht, wie sie entdeckt, wer der Mann ihr gegenüber ist.

Victoire erzählt ganz offen, dass sie auf Knasturlaub ist, weil ihre Tochter in Genf heiratet. Er kann sich ihrer kaum erwehren und schenkt ihr zum Abschied nicht nur die erbetene Autogrammkarte, sondern auch die teure Ledermappe mit den Karten darin, sein einziges Gepäckstück.

Spätestens da dürfte dem letzten im Saal klar geworden sein, wie endgültig seine Reise sein soll, aber auch, dass das Leben in der Person von Victoire diese Endgültigkeit wieder in Frage stellen wird.

Diesen Prozess zu illustrieren und erzählen, lässt der Film den Protagonisten seinen Pass, den dieser beim Sterbehilfeinstitut bräuchte, in der schwarzen Mappe vergessen, bringt die Hochzeit von Tochter Constance (Alice Lencquesaing) am Ufer des Genfer Sees, lässt Constance in einem billigen Motel vor den Toren Genfs absteigen und was einem sonst noch so einfallen kann, um Antoine von seinem Vorhaben abzubringen.

Da sein Manager von den Eskapaden seines Klienten nichts mitbekommt, glaubt er, der habe sein Vorhaben erfolgreich beendet und gibt die Mitteilung an die Medien heraus. Mit Staatstrauer ist das, was sie auslöst, nicht gebührend gewürdigt; der Film suhlt sich auf seiner Endstrecke ausgiebig in der Schilderung der Lust an der Nachricht vom eigenen Tod und der Reaktion der Umwelt darauf.

Eine andere Kalibrierung in punkto Ernst und Humor zum selben Thema hatte der wunderbare, ebenfalls französische Film Bon Voyage, Marie, der Anfang dieses Jahres bei uns in die Kinos gekommen ist.

Tod meiner Jugend

Harte Kost Kindsmissbrauch

Aus der Perspektive des Opfers fädelt Tim Jacobs, der mit Sophie Reyer und Daniel Jaro auch das Drehbuch nach einer wahren Geschichte geschrieben hat, wie ein Fallbeispiel, eine Biographie auf, die durch Missbrauch in der Kindheit geprägt ist.

Dieses Opfer heißt Kai Peter. Er wird in drei Lebensphasen dargestellt. Ausgangspunkt ist das Erwachsenenleben von Kai (Timo Jacobs). Er arbeitet als Hausmeister, ist verheiratet mit Melanie (Nadesha Brennicke) und hat den 15-jährigen Sohn Silas (Silas Peter), der Kickboxen trainiert und mal ein großer Kämpfer und Star werden will. Der Vater liebt ihn heiß und innig. Er reagiert höchst empfindlich auf das Wort „Asi“, weil er selber als solcher immer gehänselt worden ist.

Eine Begegnung in einem Baumarkt mit Klaus (Joscha Baltha) spült die Erinnerungen an Kais Kindheit hervor. Auch ein Wehwehchen am Anus mit blutigen Folgen tut das. Mit diesem geht er zum Arzt (Detlev Buck); wie der die manuelle Untersuchung starten will, rastet Kai aus.

Kai wird als blonder Bub von etwa 8 Jahren gespielt von Milo Eisenblätter. Der wächst bei einer verlotterten Mutter (Sarah Bauerett) auf. Diese überlässt den Buben gegen Geld ihren Freiern.

In der Jugendphase, in der Kai im Kinderheim ist, wird er gespielt von Wonneproppen Oliver Szerkus. Der hat als Lehrling schlechte Erlebnisse mit seinem Kollegen Klaus. Weil das alles in ihm aufstößt, recherchiert Kai im Internet, informiert sich darüber, dass manche Dinge schon verjährt sind.

Kais anderes Mittel zur Verarbeitung der Tragödie ist die Comedy. Er nimmt Kurse; diese erklären, wie Comedy zu funktionieren hat und dass das eine ernste Angelegenheit sei. Comedy als Therapie, das ist kürzlich erst verhandelt worden in Is This Thing On?.

Hervorrangend ist die Auswahl der Schauspieler und ihre Führung durch die Regie; sie schaffen eine große Glaubwürdigkeit; wodurch das Thema nur noch härter rüberkommt. So ein Kindsmissbrauch hängt einem ein Leben lang nach. Es gibt vermutlich nur die Möglichkeit eines Arrangements. Die leichte emotionale Angreifbarkeit dürfte für immer bestehen bleiben.

Verflucht normal

Tourette Syndrom

Der Film von Kirk Jones ist beides: ein Themenfilm zum Tourette Syndrom und gleichzeitig der Abriss eines Biopics von John Davidson (Robert Aramayo, mit 13: Scott Ellis Watson).

Der Film erzählt, wie das Syndrom mit etwa 13 bei dem jungen Mann sich bemerkbar macht. Bis dahin war er beim Fußball in der Schule ein Vorzeige-Torhüter, doch genau in dem Moment, wie ein Talent-Scout ihn anschauen will, versagt er.

Der Grund ist im doppelten Sinne das Syndrom. In der Schule bekommt er vom Direktor Schläge auf die Hand wegen schlechten Benimms: eine Syndrom-Äußerung, die von der Umwelt als Affront taxiert und nicht verstanden wird mangels Info.

Auch John selbst weiß darüber bislang nichts, leidet nur darunter. Nach der Diagnose wird er medikamentös behandelt. Die Krankheit selbst wird als nicht heilbar dargestellt; er müsse also für den Rest des Lebens Medikamente nehmen.

Der Film macht einen Sprung über 13 Jahre, John ist 26 Jahre alt, gilt als arbeitsunfähig. Er lebt zuhause, die Mutter ist überfordert, der Vater hat die Familie verlassen. Er trifft den früheren Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) wieder, der eine Abenteurerauszeit in Australien hinter sich hat. Dieser lädt ihn zu sich nach Hause ein. John will kneifen. Da befiehlt ihm, das ist sehr schön inszeniert, die Stimme seiner Mutter Dottie (Maxine Peake), reinzukommen.

Hier beginnt die Heilsgeschichte. Dottie ist Psychiatrie-Krankenschwester, erkennt die Krankheit, hat Verständnis. Als erstes gewöhnt sie John ab, sich zu entschuldigen für die krankheitsbedingten Ausfälle, auch zu verstehen, dass es sich um eine Krankheit und nicht um eine Behinderung handle. Als nächstes setzt Dottie behutsam die Medikamente ab. Sie lässt John zu ihrer Familie ziehen.

Der Film pickt sich als weitere wichtige Punkte in Johns Biographie heraus, dass er arbeiten kann als Assistent des Hausmeisters Tommy (Peter Mullan) im Gemeindesaal. Auch Tommy hat einen klugen Umgang mit dem Syndrom von John.

Eine Rolle spielt ein Prozess. Eine Frau, die er als Schlampe bezeichnet hat, zerrt ihn vor Gericht. Schließlich wird das weite Feld seiner Aktivitäten im Sinne der Selbsthilfe und Aufklärung zum Syndrom gestreift, die dazu führen, damit fängt der Film an und öffnet die Klammer seiner Erzählung, dass er von der Queen geehrt wird.

Im Abspann kommt mit einem Original-Clip von dieser Ehrung eine weitere Realitätsebene hinzu und weil man den Film gesehen und das Syndrom kennengelernt hat, befürchtet man kurz, wie er vor der zarten, hochbetagten echten Queen steht, es könnte ihm seine Linke zu einem gnadenlosen Punch ausrutschen.

Aisha und das verlorene Buch

Thriller um Wissen und Verrat

Die Animationsfiguren in diesem Film von Shadi Adib nach dem Drehbuch von Xavi Romero und Llorence Espanol Nolla sind stilisiert designed in der Art von holzgeschnitzten Kasperlfiguren mit glatter Oberfläche. Die Handlung ist komplexer und emanzipatorischer als in den Räubergeschichten eines Hotzenplotz.

Aisha ist ein vifes Mädchen. Sie ist die Tochter des Gelehrten am Hofe des orientalischen Kalifen Habib. Sie kommt mit dem Wissen des Vaters in Kontakt und experimentiert mit Pyrotechnik. Anlässlich des Feuerwerkes zum Geburtstag des jugendlichen Kalifen, den sein Job langweilt, trägt sie den Höhepunkt bei.

Per Schiff kommt ein anderer Gelehrter in der Stadt an. Er ist scharf auf das Geheimwissen, das der Vater von Aisha in einem gut und raffiniert gesicherten Buch aufbewahrt. Besonders eine Formel juckt ihn. Er bringt Aisha dazu, das Buch gegen eine äußerlich identische Kopie auszutauschen, so dass es am Hofe von Habib nicht auffallen soll.

Der Tausch gelingt, der Oberhofschranze aber bekommt es mit. Doch der fremde Gelehrte ist mit dem Buch und seinem Schiff schon losgesegelt.

Für die quirlige Aisha, man lernt sie kennen, wie sie leichten Fußes von Hausdach zu Hausdach springt, beginnt das Abenteuer. Sie schleicht sich auf ein Piratenschiff und nimmt die Verfolgungsjagd auf. Dort spielt sie erst einen Jungen. Die Handlung wird dann etwas komplexer als bei Hotzenplotz. Es kommen noch weitere Player ins Spiel und eine seelenlose mechanische Erfindung wird eine Rolle spielen, gegen die die Pyrotechnik von Aisha erst machtlos scheint. Doch dann schafft der Film es, mit schnell skizzierten Wendungen, zu einem guten Abschluss zu kommen.

Go ahead, make my day.