Friedas Fall

Als die Männer noch die Herren der Schöpfung waren.

Dieses spannend erzählte Justizdrama beruft sich auf eine wahre Begebenheit.

Die Frage ist nicht, wer der Täter ist bei einem Kindsmord 1904 in einem Wäldchen bei St. Gallen in der Schweiz. Die Frage ist, wie geht die Gesellschaft damit um, dass eine Frau ihr eigenes Kind tötet.

Zum selben Thema gab es jüngst den viel beachteten französischen Film Saint Omer.

Auch der Film von Maria Brandle, die beim Drehbuch von Michèle Minelli und Ko-Autor Robert Buchschwenter mitgearbeitet hat, kann sich sehen lassen. Er besticht, beginnend mit dem Drehbuch, durch die immense Sorgfalt, mit der die Geschichte herausgearbeitet wurde.

Nach der Entdeckung der Knabenleiche stößt die Polizei schnell auf dessen Mutter, Frieda Keller (Julia Buchmann). Sie gibt die Tötung sogleich zu, kommt in Untersuchungshaft. Sie stammt selbst aus schwierigen Familienverhältnissen. Sie ist alleinstehend, ledig, arbeitet als Schneiderin, leidet unter häufigem Kopfweh (dagegen nimmt sie Weidenrinde) und lebt im Haushalt ihrer Schwester Bertha (Lilian Amuat). Dafür zahlt sie gutes Kostgeld.

Frieda schuldet dem Heim Geld, in welchem sie ihren Buben untergebracht hat. Das Heim schmeißt den Buben raus. Da sie ihn vor ihrer Umgebung versteckt hält, weiß sie nicht mehr ein noch aus.

Stefan Merki als Staatsanwalt Walter Gmür ist der Hauptrepräsentant für das damalige erzreaktionäre Weltbild der Männer; vielleicht etwas schwer zu spielen, da uns diese Haltung doch ziemlich platt vorkommt; er fordert ohne weitere Untersuchung die Todesstrafe und verbindet den erwarteten Prozess mit seiner Kandidatur für den Großrat.

Gmürs Frau Erna (Rachel Braunschweig) ist herzlicher, fortschrittlicher, mitfühlend, humaner. Sie besucht die Täterin im Gefängnis, ja sie lässt sogar den Anwalt Arnold Janggen (Maximilian Simonischek) heimlich zu ihm; ein Recht, was ihr Mann dem Anwalt verweigert.

Dadurch, dass Janggen Frieda dazu bringen kann, ihr Leben aufzuschreiben und Details dank dem Prozess an die Öffentlichkeit geraten, wird diese aufgewühlt, sie fordert die Abschaffung der Todesstrafe. Auch das Thema des „schandhaften Fräuleins“ sickert in das Bewusstsein der Menschen ein, dass nicht immer nur die Geschwängerte die Schuld dafür trägt.

Night Stage

Die Welt ist eine Bühne

Sie legt Dinge offen, gleichzeitig versteckt sie welche. Die Nacht-Bühne, so wie der Titel dieses Fimes von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher auf deutsch übersetzt heißt, ist eine zwielichtige, ist ein Cruising Park in Porto Alegre in Brasilien.

Hier lieben sich nachts in aller Öffentlichkeit die Männer. Zwei davon stehen auch sonst in der Öffentlichkeit. Matias (Gabriel Faryas) ist Schauspieler; er kommt aus einer entlegenen Provinz. Er ist gerade in einem Theaterengagement und lebt mit Rafael (Cirillo Luna) zusammen; noch nicht lange. Sie proben ein körperbetontes Stück mit der Gruppe Tremor. Der Name dürfte nicht nur im Hinblick auf die Theaterarbeit gemeint sein; er dürfte auch einen Hinweis auf den Inhalt des Filmes geben.

Über eine App lernt Matias Fabio (Henrique Barreira) kennen. Der kandidiert gerade für die Bürgermeisterwahl. Sein öffentliches Image ist das eines Heteros. Umso spannender findet er riskante, nächtliche Liebesszenen mit Matias; vielleicht auch eine Art Tremor.

In Porto Alegre soll eine neue Fernsehserie gedreht werden. Für die Hauptrolle wird ein unverbrauchtes Gesicht gesucht. Rafael ist von der Casterin Pamela (Kaya Rodrigues) für die engere Wahl ausgesucht worden. Ein Kampf mit allen Mitteln entbrennt um diese Rolle zwischen Matias, der sie auch möchte, und Rafael.

Im Theaterstück haben die beiden Geliebten die Schlussszene. Einer muss nach einer Zitterpartie von Gerangel den anderen von einem schmalen Sims in den Abgrund stoßen. Wer es tut, ist offen. Der oben bleibt, wird den eindringlichen Schlussmonolog sprechen.

In einer Vorstellung sitzt die Filmregisseurin Sofia Alcantara (Gabriela Grecco) im Publikum. Matias wittert seine Chance, nutzt sie und schnappt die Rolle seinem Freund weg. Er muss einen Vertrag unterschreiben, der genau vorschreibt, was er über sein Privatleben veröffentlichen darf und welches Image er zu pflegen hat: das eines Heteros.

So manövriert sich der Film geschickt in eine Lage mit dramatischem Konfliktpotential, was er, auch mit Hilfe von Camillo (Ivo Müller), dem Assistenten von Fabio, zu befrieden versucht. Der Film steht auf erotische Farbgebung.

Marty Supreme

Verstaubt und anpasserisch

Nach der Pressevorführung in München waren die Kritiker, so weit vernehmbar, unisono begeistert von dem Film von Josh Safdie, der mit Ronald Bronstein auch das Drehbuch geschrieben hat, mit Thimothée Chalamet in der Hauptrolle des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Mauser.

Stefe wird hier darlegen, weshalb er anderer Meinung ist und womit das zusammenhängt.

Ok, stefe mag eine gewisse Allergie gegen Tischtennis-Filme haben (Ping Pong Paradise). Das ist es aber nicht. Es war eine fette Zeile in den Anfangscredits, die ihn auf diese etwas andere Perspektive lotste: Timothée Chalamet steht da groß als einer der Produzenten des Filmes.

Produzenten bestimmen mit, so die Annahme von stefe, und wenn ein Weltstar von Schauspieler, der Thimothée Chalamet inzwischen ist, sich auch als Produzent einbringt, so wird es ihm darum gehen, für sich eine besonders gute Rolle zu erhaschen, womöglich eine, in der er sich anders präsentiert als bisher oder mit einer Rolle, mit welcher er endlich sich einen Oscar verdienen kann. Dieser Verdacht hat sich im Laufe des Nachdenkens über den Film massiv erhärtet.

Der Star hat sich für Josh Safdie als Regisseur entschieden. Der arbeitet wie in Good Time. Damit outet sich Chalamet für stefe als – fast wäre er versucht zu sagen: exzentrische DramaQueen, als einer der das Drama und das Dramatische liebt, der das Gefühl hat, die Musik muss immer auf dem lautesten Level spielen, damit die Bedeutsamkeit von Szenen – und damit jene des Actors – auch richtig zur Geltung kommt. Als möchte er in alle Welt hinausschreien, Leute, merkt ihr nicht, was für ein toller Hecht, was für ein unersetzlicher Schauspieler ich bin! (Ganz scheint dem nicht so zu sein; gerade diese Rolle scheint doch recht austauschbar gestaltet).

Nicht nur das, es ist ein Starkino der abgestandenen Sorte: kein Schauspieler, ja auch keine Schauspielerin, darf an Schönheit, an Attraktivität dem Star irgendwas wegnehmen. Als Bruder (oder Cousin?) Dion (Luke Manley) muss ein ganz Dicker her, als ein Buddy einer mit einer extrem auffälligen Nase.

Auch Konkurrent Kletzki (Géza Röhrig) ist ein Typ, der Marty in keiner Weise die Show stehlen könnte, schon gar nicht der japanische Herausforderer Koto Endo (Koto Kawaguchi). Und auch Rachel (Odessa A’zion) ist für den auf jungen, smarten Hirsch drapierten Protagonisten – und wie knuddelig er erst mit Brille ausschaut! – kein Blickstehler und auch nicht sein Onkel, ein aus der Form gegangener Typ.

Mauser ist ein begabter Tischtennis-Spieler und vor allem ein absolut von sich selbst überzeugter Typ. Er steckt meist in finanziellen Schwierigkeiten und verspricht jedem, er würde Geld zurückzahlen, sobald er in London die Tischtennis-WM gewonnen habe. Nach London zu fliegen kostet Geld. Er arbeitet als Schuhverkäufer für seinen Onkel.

Im Zuge des Zwanges zur Geldbeschaffung betätigt er sich als Kleinkrimineller. Davon wimmelt das amerikanische Kino, ist keine Neuerfindung. Mauser ist dreist im Anbaggern von Leuten. Auch das ist ziemlich abgelutscht. Er macht sich an die Gattin eines Stiftfabrikanten ran, logiert sich in einer Luxussuite ein. Ach, das ist alles so abgestanden, so wie es hier mit Schielen auf den Applaus der Oscar-Jury vorgetragen wird.

Der Film widmet viel Zeit den kleinkriminellen Aktivitäten in New York, mit denen Mauser den Flug zur Meisterschaft in Tokio finanzieren will. Ein weiterer Strang ist Rachel und ihre Schwangerschaft. Mauser behauptet steif und fest, er hätte rechtzeitig einen Rückzieher gemacht, er könne nicht der Vater sein.

Ein weiteres Element ist das Judentum. Auch dieses wird in hollywoodgängiger Manier eingesetzt.

Der nächste Strang ist die Beziehung zum Stiftfabrikanten und ein Deal mit diesem über einen getürkten Werbeauftritt in Tokio gegen den Weltmeister.

Vielleicht wollen hier ein paar Leute auf Nummer sicher gehen und nur Kinoelemente verwenden, die schon mal erfolgreich waren. Am Schluss, wie eine Verbeugung vor der Oscar-Jury, darf Chalamet noch einen rührend tränenreichen Vati-Auftritt hinlegen; wenn das nicht der entscheidende Kick für die Oscar-Jury ist, dann wissen wir auch nicht mehr, wo Rom steht. Mit sowas ist allerdings kein Neuland zu gewinnen und ein heutiges Publikum, was sich direkt angesprochen fühlen möchte, erst recht nicht. Vielleicht reichts aber für einen Oscar als Staubfänger.

Ein fast perfekter Antrag

Ein Würzburgfilm

Würzburg kommt gut in diesem Film von Marc Rothemund nach dem Drehbuch von Richard Kropf.

Besonders die Uni hat es den Filmemachern angetan, architektonisch gewürzt mit der Story über den Architekten, der irrtümlich die Pläne für ein Parkhaus eingereicht habe – das schlachtet die Kamera von Ahmet Tan weidlich aus.

Hier hat Iris Berben als Alice eine zeitlich befristete Professur für Kunstgeschichte inne. Aber nicht nur Würzburg und die Uni und Iris Berben kommen gut. Heiner Lauterbach brilliert in seiner Rolle als streitsüchtiger, penetranter Klugscheißer, Perfektionist und Internet-Wertungen-Verteiler Walter Adler, ehemaliger Ingenieur mit Hund. Er brilliert schauspielerisch so sehr, dass das Drehbuch wie nicht so ganz mithalten kann. Obwohl selbst dieses sehr ordentlich, allerdings etwas zu vernünftelnd, geschrieben ist; immerhin verzichtet es auf die häufig zu erlebenden TV-Realität simulierenden Sätze, wie, ob noch Milch im Kühlschrank sei, obwohl weder die Milch noch der Kühlschrank eine Rolle in der Geschichte spielen.

Man schaut gerne zu, auch dem übrigen, prima ausgewählten und eingesetzten Ensemble, das ist schon was in einem deutschen Film. Auch den Chor, also die Komparsen, hat Regisseur Marc Rothemund im Griff, nie störend, nie ablenkend, immer aber pulsierendes Leben simulierend.

Die Geschichte, eine Liebesgeschichte mit Komödieneinschlag, ist vielleicht etwas gradlinig. Sie wird kurz mit der Vorgeschichte vor 40 Jahren eingeführt. Walter Adler als junger Mann (Julius Forster) macht Alice als junger Frau (Raffaela Kraus) mit einer in Studenfilmen beliebten Kettenreaktionsinstallation, die aus dem Ruder läuft, einen Heiratsantrag. Abgelehnt. Die beiden verlieren sich aus den Augen.

Im Würzburg von heute laufen sie sich über den Weg. Walters Liebe flammt erneut auf. Er setzt alles daran, mit der abweisenden Alice in Kontakt zu kommen. Dafür schreibt er sich an der Uni als Gasthörer in Kunstgeschichte ein. Das schafft schöne Momente der Generationenbegegnung, speziell mit Zero (Jonathan Perleth).

Walter macht eine Exkursion nach Wien mit, soll dort vor dem Gemälde Olympia von Manet einen zehnminütigen, freien Vortrag halten. Dieser Geschichtsfaden gibt genügend Raum für Bemerkungen zu Kunst, zum Genderthema, zu Kunstbetrachtung und -beschreibung, zum Verhältnis Mann, Frau und auch zum Impressionismus in der Malerei.

Wenn man allerdings einen Film wie Sentimental Value zum Vergleich beizieht, gilt es festzustellen, dass dort das Menschenbild ein deutlich differenziertes, komplexeres und, ja, auch humaneres ist; es sind Menschen, die eine Geschichte haben, denen Transgenerationentraumata zu schaffen machen: nichts davon in diesem deutschen Film: diese Menschen haben keine Geschichte, haben nichts Verdrängtes; für sie stellt sich nur die Frage, ob sie einen bestimmten Menschen haben können oder nicht; ziemlich platt; es sind Menschen, die in einer geschichtslosen Situation leben; denen mithin das Elementarste zum Menschlichen fehlt; denn seine Geschichte macht einen Menschen aus und nicht, ob er etwas haben kann oder nicht.

So bleiben die Figuren letztlich im Geschlechterspiel ge- und befangen; sie wirken im Vergleich zum skandinaivschen Film eindimensional, werden zu Bannerträgern von zeitaktuellen Sätzen über Geschlechterwelt, Liebe und Egoismus. Die Musik versucht mit einem Griff in die Feelgoodkiste darüber hinwegzubluffen.

Twenty One Pilots: More Than We Ever Imagined

Außergewöhnliche, künstlerische Freundschaft

Der Film von Mark C. Eshleman ist in erster Linie ein Konzertfilm, wie sie zur Zeit gehäuft auf die Kinoleinwände drängen. Er ragt unter diesen hervor. Vielleicht nicht nur, weil der Regisseur die Band und ihre Konzerte offenbar lange und gut kennt, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Konstellation von zwei Musikkünstlern, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der eine, Josh Dun, der ist ein Typ wie ein Bodybuilder, muskulös, Drummer, hat den Schalk in den Augen. Er ginge gut als Personenschützer von Tyler Joseph durch. Der ist der Sänger, der Protagonist des Duos, wohl auch das Mastermind. Seine Musik scheint Millionen zu bewegen.

Das Stadion in Mexiko („Vivir es increible“) jedenfalls kann all seine Songs mitsingen. Wie Twenty One Pilots auf ihrer Welttournee hier Station machen, wird die Dokumentation aufgenommen.

Es sind interaktive Konzerte, teils singt nur das Stadion; Tyler dirigiert, Tyler gibt vor. Er ist einerseits ein Sänger, der auch leise, besinnliche Töne zulassen kann, zarte direkt, der andererseits ein lässiger, geschickter Massenmanipulator ist. Er ist mit seinem federnden Gang, seinen jugendlichen Bewegungen ein Blickfang; einmal steht er mausbeinallein hoch auf einem Dach.

Der Film lässt die beiden vor dem Konzert in den leeren Rängen sitzen, über ihre Anfänge nachdenken, erstaunt feststellen, dass ein Traum wahrgeworden ist. Solche Backgroundclips bringt der Film in Schwarz-Weiß, in distinguiertem Schwarz-Weiß und mit exquisit ausgewählten Bildausschnitten. Auch Fahrten in Limousinen, Garderobeaufnahmen.

Im Konzert legen die beiden teils große Strecken zurück durchs Publikum. Sie treten auch mitten in der Menge auf; einmal steht Josh sogar auf einem Podest, das die Zuschauer mit ihren ausgestreckten Armen in die Höhe heben. Ein ander Mal darf ein Mädchen aus dem Publikum zu Tyler auf die Hebe-Bühne und ein Lied anstimmen. Es vergeht ungläubig schier vor Glück.

Gigantisch ist inzwischen, was solche Shows an Licht-, Sound- und Feuereffekten herstellen und teils auf meterhohen Bildschirmen projizieren; das ist alleweil was für das Auge. Das Publikum wird mit ihren Handys Teil der Lichtshow, es soll bei bestimmten Worten die Lichter in die Höhe strecken; wie bei einem Kanon, wird es dazu in Gruppen eingeteilt. Da gibt es eine Schnittmenge zu den Fischer Chören, die auch Massenereignisse waren. Das sind solche Konzerte immer und es ist konsequente Massenmanipulation. Das wollen die Besucher, eintauchen in den Fancorpus, Teil davon sein, etwas von ihren Idolen erhaschen.

Musikalisch ist das Duo auch für den Laien und Nicht-Aficionado erkennbar differenziert zugange, ganz im Gegenteil zur koreanischen Boygroup Stray Kids. Das Klavier auf der Bühne erinnert unmissverständlich an Zeiten, als das Duo noch in Clubs und Kellern aufgetreten sind; außer, dass jetzt unten ein Bündel an Kabeln rausschaut.

Scarlet

Fantasievoll fantastische Behandlung des Rachethemas

Es ist faszinierend zu sehen, wie unbefangen eklektisch Mamoru Hosoda, der mit Todd Haberkorn auch das Drehbuch geschrieben hat, bei kulturellen Topoi vor allem abendländischer Provenienz sich bedient, um in einer bestechend schönen Animation das Thema der Rache zu behandeln und dabei noch eine Liebesgeschichte einzubauen und das grundsätzliche Thema, was es heiße, ein Mensch zu sein, zu ventilieren.

Ausgangspunkt ist der Hamlet von Shakespeare, wird aber Amleth geschrieben, man ist so frei. Und Hamlet selbst ist hier der rechtmäßige König von Dänemark, residiert, korrekt, in Helsingör. Er wird aber von seinem Bruder Claudius des Verrates bezichtigt, getötet und der Usurpator besteigt den Thron.

Inhaltlich verkörpert die Hamletfigur die Tochter von Amleth, Scarlet. Ein Name, der wieder einen vollkommen anderen Assoziationsbereich abdeckt. Sie ist die Heldin. Sie will Rache üben am Tod ihres Vaters. Dumm nur, dass sie bereits der Welt der Lebend-Toten angehört, wer immer auch will, darf hierbei an Zombie-Zwischenreiche denken.

Scarlet landet im Bereich der Welten von Dantes „Göttlicher Komödie“. Hier heißen sie nicht Paradies, Purgatorio und Inferno. Das Paradies wird in der deutschen Untertitelung als „nimmerendendes Land“ bezeichnet. Scarlet landet in der Zwischenwelt, die dem Purgatorio, unserem Fegefeuer, entspricht. Hier trifft sie auf einen Sanitäter, mit dem sie die endlosen Weiten dieser Zwischenwelt durchstreift auf der Suche nach ihrem Vater und immer getrieben vom Rachegedanken.

Scarlet hat Kämpfe gegen Banditen zu bestehen und gegen die Hofschranzen von Helsingör, Ritterkämpfe, Schwertkämpfe und Mann gegen Frau. Sie trifft auf Karawanen, findet Gastfreundschaft in einer Oase. Sie kommt an Ruinenlandschaften vorbei, die an Ruinen aus dem Altertum erinnern, inspiriert möglicherweise von Orten wie Baalbek und Palmyra.

Die christlichen Themen von Vergebung, Reue und Versöhnung finden Eingang in die Geschichte. Traumhaft steigt Scarlet die Himmelsleiter hinan. Es ist ein Film, der sich wundert darüber, warum die Menschen nicht in Frieden leben können, warum sie immer wieder Kriege führen. Es ist ein Film, der von einer Einheit der Dinge ausgeht, von einem Tiegel, in dem die Zeit verschmelzt, der nicht versteht, warum der Hass bei manchen Menschen so groß sein kann, dass er bis in den Tod fortwirkt. Stattdessen sollten die Menschen doch von der Liebe erzählen, wie der Abspannssong meint.

Kommentar zu den Reviews vom 19. Februar 2026

Unwirtliche Gegenden mit umso mehr Platz für Phantasie dominieren die hier besprochenen Kinoneustarts. Unwirtlich sind zwar New Yorker Wohngefilde nicht, aber für ein Mädchen, was sich seines letztendlichen Alleinseins auf dieser Welt bewusst wird, sind sie eine Wüste, die mit Megaphantasien angereichert wird. Genau so ist es mit der Sportwelt; da ist zwar viel Remmidemmi und Getue, aber ein kleines Zicklein ist so herrgottseelenallein, dass es diese mentale Wüste mit höchsten Karriereambitionen anfüllen muss. Und nochmal Amerika, das mit dem Demokratiezerstörer; da begibt sich eine Frau weit weg von allen Menschen – und trifft auf die Übelsten. Unwirtlicher als die rumänische Covid-Probinz geht gar nicht. Paris wiederum ist mehr als nur unwirtlich, wenn ein Mensch ohne Papiere sich darin durchchlagen muss. Und nochmal das Land ennet dem Atlantik, dem wir einsten so verbunden waren: den apokalyptischen Thriller beherrschen sie nach wie vor – schade, dass das auf die Politik abgefärbt hat. So richtig unwirtlich ist die Natur nicht zu bezeichnen, die in Frankreich von respektvollen Beobachtern aufgesucht wird. Recht unwirtlich wiederum kommt die Entouragenwelt um ein britisches Popsternchen rüber; kaum Luft zum Atmen, so eng ist die Blase um sie rum, erst recht keine Luft zum gscheit spielen. Unwirtlich wiederum die malerisch in Schwarz-Weiß drapierte Messilandschaft eines Verwahrlosten in der Schweiz. Und wenn im Öffentlich-Rechtlichen einfach um des Themas willen etwas mit Frauen gemacht werden muss, so ist unwirtlich als Gütesiegel nicht ganz daneben.

Kino
DUSTY BUNNY
Wie aus einem Flus ein Monster wird.

G. O. A. T.: BOCK AUF GROSSE SPRÜNGE
Keine Ziege zu klein, um Korbball zu spielen.

DEAD OF WINTER – EISIGE STILLE
Der Kälte, der Stille und bösen Menschen ausgeliefert

MADE IN EU
Auf den reaktionären Erzkommunismus folgt ein erzreaktionärer Spätkapitalismus.

SOULEYMANS GESCHICHTE
Selbst diese, seine eigene Geschichte, muss er auswendig lernen.

COLD STORAGE
Action nach Erfolgsmuster gestrickt

DAS FLÜSTERN DER WÄLDER
Der Auerhahn in freier Natur ist die Sensation.

THE MOMENT
Popstar tut sich schwer, sich selber zu spielen.

SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK
Sozialarbeiterin mit Literturmethode kontra Systemsprenger

TV
DAMEN
Es muss irgendwas mit Frauen sein.

The Moment

Sich selber spielen,

das ist vielleicht nicht leicht. Darauf lässt sich Charli XCX ein.

Der Kritiker, der das nicht wusste zu Beginn der Filmvorführung, fand, dass das keine besonders gute Darstellerin sei, die hier den Star mimen müsse. Oh, welche Überraschung beim Nachschauen nach der Vorführung: sie spielt sich selbst.

Vermutlich ist das einer dieser Musikfilme, die für Fans und Kenner sind. Für den Unbedarften bleibt schleierhaft; ob der Film von Aidan Zamiri eine Hommage an die Sängerin ist oder einen kritischen Blick in das Showbusiness werfen soll.

Schon bei den Titeln arbeitet der Regisseur mit extremer Schnitt- und Collagehektik, dann mit nervöser Handkamera und immer extrem nah an der Protagonistin und deren Entourage. Es entsteht so das Gefühl, mitten im Auge des Starsturms zu sein. Das macht aber auch besonders deutlich, wenn zwischen Sein und Spiel der Akteure eine Differenz zu spüren ist.

Der grobe Faden ist derjenige, dass Charli XCX eine Tournee vorbereitet. Viel Volk tanzt um sie herum, Manager, Techniker, Berater und Beraterinnen. Mitten in den Proben nimmt sich Charli XCX eine Auszeit in einem Spa-Hotel auf Ibiza. Es setzt dann noch einen Skandal mit einem Werbepartner und Alexander Skarsgard ist ständig aufdringlich, weil er spielen muss, dass er eine Doku über diese Tournee und die Proben filmen soll.

Die Notwendigkeit des Filmes erschließt sich mir nicht, da er ja auch nicht wie ein Hochglanz-Werbeprodukt für den Star rüberkommt. Der Film kann sich nicht aus der selbst entschiedenen Verstrickung mitten in der Star-Blase befreien. Sollte Charli XCX wirklich eine Sängerin sein, so ist davon kaum was zu hören.

G. O. A. T.: Bock auf große Sprünge

Animal Farm

Eine Welt der Tiere, die nur allzu menschlich ist. Es geht um Sport und darum, beim Korbball den großen Cup zu gewinnen. Es geht um Erniedrigung, sich Kleinfühlen, die Sehnsucht nach Größe und Anerkennung, den Glauben einer Mutter an ihr Kind.

Ein Sport- und ein Tierfilm, der direkt aus der Menschenwelt stammen könnte, diese in einem speziellen Licht zeigt. Es ist nicht primär die Fabel, in der den Tieren unterschiedliche menschliche Eigenschaften nachgesagt werden. Es ist hier vielmehr der Zusammenhalt der unterschiedlichsten Tiere, die in einer Mannschaft spielen.

Die Hauptfigur ist eine Ziege, die von den größeren Tieren nicht ernst genommen wird, erst recht nicht, wenn sie wie Will Harris davon träumt, mit dem berühmten Basketballstar, der Katze Jett Fillmore, in einem Spitzenteam mitzutun. Will ist besessen von der Idee und unterstützt wird er von seiner Mutter, die traut ihm das zu.

Wichtig in dieser Animationswelt in der Regie von Tyree Dillihay und Adam Rosette nach dem Drehbuch von Aaron Buchsbaum, Teddy Riley und Christ Tougas sind, wie im richtigen Leben der heutigen Jugend, die sozialen Medien. Diese katapultieren Will, nachdem er sich bei einer öffentlichen Veranstaltung mit einem berühmten Pferd achtbar geschlagen hat, voll in die virale Welt, und damit auch ins Bewusstsein von Schweinchen Florence, der Besitzerin des Clubs von Jett.

Der Club, die Thorns, scheint angeschlagen, Katze Will ist nach Meinung von Florence ausgelaugt, längst nicht mehr in der Form, die sie berühmt gemacht hat. Florence sucht nach Blutauffrischung; die Art von Will amüsiert sie und gefällt ihr. Sie nimmt ihn unter Vertrag.

Zum Spielen kommt Will trotz Flügen im Privatjet und Unterbringung im Luxushotel nicht. Nun ja, bis sich die berühmte Gelegenheit ergibt.

Der Film arbeitet sich in rasendem Tempo durch seine Story, verliert diese, die auch das Teamwork unter Ungleichen wichtig und erzählenswert findet, nie aus den Augen, zeigt Hintergründe der Welt von Will, der aus seiner Unterkunft rausgeschmissen wird, weil er nicht bezahlen kann. Der Film blickt in seine Stammkneipe, den Jett-Fanclub.

Ein Höhepunkt, ganz normal für die meisten Sportfilme, ist der Cup. Auf den hin arbeitet ein erneuertes Team der Thorns, dabei ein Vogel Strauß (Olivia; deutscher Synchronjoke: „gib mir den Olivienzweig“), eine Echse, ein Nashorn, eine Giraffe; eine moderne Mischung unterschiedlicher Ethnien. Sie sind ein aussichtsloses Team. Aber, wie hat schon Achterbusch gesagt: Du hast keine Chance, also nutze sie.

Erschwerend bei den Runden zum Finale kommt hinzu, dass der Boden der Arena extrem gefährlich ist, einmal gucken überall pilonenhafte Dornen aus dem Boden, ein andermal ist er eine brüchige Eisfläche und ein weiteres Mal sind überall Ritzen mit Feuer und auch noch eine Art Steinsblockgebilde.

Die Kinder zwischen 7 und 12 Jahren, die den Schreiberling in der Pressevorstellung begleiten durften, scheinen mit dem rasanten Tempo der Gags, mit der nicht immer gut verständlichen deutschen Synchro und der allgemeinen Erzählhektik mit nervösen Schnitten und Kamerabewegungen kein Problem zu haben; ihnen hat sich die Message vom Zusammenhalten einwandfrei erschlossen und das finden sie schön.

Go ahead, make my day.