Die Schule der magischen Tiere

Subventioniertes Sekundärkino

Und ja, es ist Kino, aber es stolpert und holpert sich so zusammen.

Es müssen Routinehandwerker sein, die in nützlicher Frist ein Drehbuch schreiben (John Chambers nach dem Roman von Margrit Auer) und die in immer knapper bemessener Drehtagezahl als Regisseur (Gregor Schnitzler) genügend Material bereitstellen, dass daraus ein TV-kompatibler 90-Minüter wird mit verlässlichen Subventionsstars wie Milan Peschel, Justus von Dohnányi, Sophie Rois, die alle an langer Leine irgendwie lustig und kinderfreundlich sein sollende Schul- und Autoritätsfiguren spielen.

Auch Handlungsstränge wirken ‚irgendwie‘ zusammengestöpselt. Da ist ein Mädchen, das neu ist an der Schule und von vier Besserwiss-Gören blöd angemacht wird. Das könnte ein Ansatz zu einer Coming-of-Age-Geschichte sein, die aber nicht weitererzählt wird.

Da ist die titelgebende Schule der magischen Tiere. Der Herr der magischen Tier zuckelt mit einem romantischen Bus durch die Gegend. In der Schule beglückt er zwei Kinder mit magischen Tieren.

Ein Junge bekommt eine Schildkröte und das neue Mädchen einen mäßig animierten Fuchs. Die Tiere können fabelgerecht sprechen. Sie üben einen helfenden, positiven Einfluss auf die Kids aus und haben die Eigenschaft, in Gefahrenmomenten zu Stofftieren zu gefrieren.

Vielleicht würde man mehr über Sinn und Zweck dieser Tiere erfahren, wenn man die Originalbücher von Margrit Auer konsultierte.

Dann gibt’s noch einen hübschen, etwas größer gewachsenen Boy, für den das neue Mädchen sich in Ansätzen erwärmt. Die Eltern des Buben aber führen eine zerstrittene Ehe und haben wenig Zeit für ihn. Als Handlungsstrang muss eine Diebesgeschichte geklärt werden. Aber auch diese Geschichte rutscht wie zufällig in den Film und scheint auch nicht die Hauptstory zu sein.

Eine weitere kleine Geschichte ist das Referat über Piraten. Wie aus der Luft gegriffen. Zwischendrin gibt es Gesangs- und Tanznummern (über das Alleinsein), die innerhalb eines benotenden Schulbetriebes es auch auf kein „Genügend“ bringen würden.

Die Erwachsenen stottern und versprechen sich oft (bewusst) in ihren Texten, in der Hoffnung, im Kino ein paar Lacher zu ernten. Es ist mehr Möchtegern als Kino, zur Geschmacksprägung der Kinder nicht geeignet. Und am Schluss die abgelutschte Moral, dass Zusammenstehen eine Lösung sein kann. Deutsche Hausmacher-Kinosubventionskost, die allenfalls andeutet, was ihr eigentlich für ein Kino vorschwebe.

Irgendwie rennt hier spürbar hechelnd das deutsche Kino dem internationalen Kino hinterher. Mir ist unklar, was der Film soll; wer ernsthaft sich mit dem Thema Schule, Lehrer beschäftigen möchte und anregend dazu, der sollte den Dokumentarfilm Herr Bachmann und seine Klasse schauen. Dagegen wirkt dieses Movie wie ein abgestandenes Relikt aus autoritären Zeiten und in keiner Weise förderungswürdig.

Auf alles, was uns glücklich macht

Es gibt nur eine Liebe im Leben,

auf diese These könnte man, wenn auch nicht als einzige und zwingende, dieses neue Meisterwerk von Gabriele Muccino (Zuhause ist es am schönsten, Väter und Töchter – ein ganzes Leben), der mit Paolo Costella sowohl Idee als auch Drehbuch zu verantworten hat, als Quintessenz zusammenfassen und dass es sich dabei um die erste Liebe handelt und alles andere nur Ersatz ist, Triebbefriedigung, Vorspielen von Familie, Überbrücken der Einsamkeit, Verliebtheit aus Langeweile in erstarrter Beziehung.

Es ist die Chronologie einer Jugendfreundschaft, die mit vier 16-Jährigen 1982 beginnt und bis heute geht. Es sind dies Giulio (Teen: Francesco Centorame; erwachsen: Pierfrancesco Favino), Gemma (Teen: Alma Noce, erwachsen: Micaela Ramazzotti), Paolo (Teen: Andrea Pittorino, erwachsen: Kim Rossi Stuart) und Riccardo (Teen: Matteo de Buono, erwachsen: Claudia Santamaria).

Wie ein Jetstream der Italianità lässt Muccino die heiße Zeit der drängenden Liebesgefühl mit großartigen Jungdarstellern über die Leinwand fegen; erst mit den Jahrzehnten beruhigt es sich, wenn die Herrschaften älter geworden sind, wenn Erfahrung und Reflektion einsetzen.

Das Wunderbare am Drehbuch ist, dass es ohne pausenlose Dialoge und Erklärungen auskommt, wodurch die Fassung mit den deutschen Untertiteln auch für Untertitelverächter attraktiv sein dürfte, denn der Hang zum Dialekt der Darsteller generiert feinstes Ohrenschmalz.

Der Film spielt primär an der sinnlichen, der erotischen Oberfläche ohne jedoch dumm, dümmlich oder einfältig zu sein. Man muss über Lebens- und Liebsentscheidungen nicht jedes Mal, wie gerne im deutschen Kino, eine halbe Seminararbeit drüber schreiben oder die Unfähigkeit zur Beziehung thematisieren.

Dies hier ist ein Menschenfilm und kein Themenfilm. Ja, und er kommt erstaunlich salopp daher, das macht ihn nur humaner. Der Blick von Muccino ist ein Gesamtblick auf die Menschen, auf ihre Sehnsüchte, ihre Entscheidungen, ihre Festlegungen beruflich wie privat.

In der Jugend wollen sie die Welt verändern. An einer Demo lernen sie Riccardo kennen, der angeschossen worden ist. Sie nennen ihn von da an den Supravissuto, der überlebt hat, der auch im Leben mehr Künstler und Träumer denn erfolgreicher Journalist ist.

Die Geschichte spielt im akademisch-intellektuellen Milieu. Giulio will Anwalt werden und arbeitet anfänglich idealistisch als Pflichtanwalt, gerät in den Erfolgsstrudel und muss schauen wie er damit zurechtkommt. Paolo will Lehrer an einer höheren Schule werden, Griechisch, Latein; aber lange Zeit bekommt er nur Aushilfsstellen; das wirkt sich finanziell ungüngstig für eine Familiengründung und aufs Liebesleben aus.

Nur Gemma ist von Anfang an wild auf Liebe aus, so ein verführerisches Kinosexsymbol auf der Leinwand gibt’s nicht alle Tage; ihre erste Liebe gilt Paolo. Und umgekehrt. Eine unglaubliche Initationsliebe mit Kanarienvogel im Hintergrund, der dann vielleicht etwas allzu symbolisch gegen ein Fenster fliegt; es wird später im Film noch eine hochkulturelle Referenz dazu geben.

Geliefert (ARD, Mittwoch, 13. Oktober 2021, 20.15 Uhr)

Herrn Mädels Wadentraining

Jetzt haben wir den luxuriösest ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Welt, dem eben vom Bundesverfassungsgericht eine Erhöhung des unfairen Rundfunkhaushaltbeitrages gestattet worden ist, wodurch dessen Finanzierung sozial noch unausgewogener wird, und dann gebiert diese Matrone unter den Treuhänderinnnen Anke Ferlemann und Monika Lobkowicz einen so schwachen Film über prekäre Verhältnisse, offenbar für ahnungslose Zwangsgebührenzahler, als hätten die beiden Redakteurinnen noch nie ewas von einem Ken Loach gehört.

Dabei hat das Bundesverfassungsgericht dem Rundfunk die volle Unabhängigkeit als Begründung für die Preiserhöhung zugesprochen und garantiert keine Provinzialität vorgeschrieben. Als gäbe es nicht den Film Sorry, we missed you von Loach, wo es um haargenau dasselbe Thema geht; aber hier im vorliegenden Film ist nicht mal die Art des Vertrages spezifiziert; ungenaue Drehbucharbeit.

Unter welchem Druck so ein Paketauslieferer steht, kommt bei Loach brillant zur Geltung und das ganze soziale Umfeld und die rechtliche Situation. Dort geht es dezidiert um Scheinselbständigkeit.; das fasziniert und wird prima nachvollziehbar dank exzellent recherchierter und konkret-präziser Drehbucharbeit. Hier in good old Germany schreibt ein Jan Fehse das Buch, führt auch noch die Regie, als hätte er nie im Leben einen wahren Menschen und schon gar nicht einen Paketauslieferer beobachtet; es geht beim deutschen Luxusfernsehen nur so pauschal um ausbeuterischen Stress.

Bjarne Mädel, der ihn spielt, keucht auch noch nach einem Jahr, so lange soll er den Job schon machen, übermäßig, wenn er die Treppen mit überschweren Paketen rauf und oft auch wieder runtersteigt. Das scheint das einzig belastbare Produkt dieser Dreharbeiten zu sein, dass die Waderl von Mädel zugelegt haben dürften.

So wie Mädel die Rolle anlegt, wäre er – bei Loach zumindest – schon nach zwei Tagen seinen Job losgeworden. Stattdessen triefen er und der Film schmalzig vor lauter Sozio-Melodram.

Zehn Minuten vor Schluss werden alle Darsteller melancholisch und der Protagonist, der eine eindeutige Fehlbesetzung ist – aber das sehen die Mädels von der Redaktion natürlich anders – bekennt weinend, dass er gestohlen habe; „Ich habe Geld gestohlen.- Ich trau mir selbst nicht mehr“. Vielleicht ist er einfach zu dumm für den Job.

Da Mädel finanziell in der Klemme steckt, lässt er sich von einem Kollegen überreden, parallel zum Ausliefern der Pakete noch Rauchmelder zu installieren – ein theoretisches Konstrukt zum Haarölsaufen. Da wechselt er dann noch ständig die Arbeitsjacken. Und hat offenbar keine Ahnung, dass seine Fahrten getrackt werden. Als ob die Firma ihm das nicht gesagt hätte, damit er Bescheid weiß, dass er kontrolliert wird.

Höflichkeitshalber wollen wir die Namen der übrigen Darsteller nicht erwähnen, um ihnen die Peinlichkeit zu ersparen, in so einem weltfremden, schlecht gearbeiteten Film mitgespielt zu haben.

Es gibt noch eine Conny. Die ist Polizistin. Es wird unklar, in welcher Beziehung sie zum Protagonisten steht. Einmal gehen sie gemeinsam an ein Grab und Mädel sagt bedröppelt „Es ging so schnell, kein halbes Jahr nach der Diagnose“.

Der Film wirkt wie das Produkt eines Wochenend-Drehbuchworkshops für Laien. Der Protagonist kommentiert gerne die Situationen mit Mund- und Schluckbewegungen. Er ist in Finanznöten nach der Trennung von seiner Frau. Er lebt mit dem Sohn, der gerade 16 sei, zusammen. Dieser hat Probleme in der Schule.

Der Protagonist ist ein Paketausträger, der ein persönliches Verhältniss zu einer alten Frau entwickelt – wenn der Paketbote zweimal klingelt -, er repariert Schäden bei den Sicherungen, macht die alte Frau, die nicht mehr gut hört, darauf aufmerksam, dass sie nicht den Föhn im Bad laufen lassen soll, wenn sie noch ein anderes elektrisches Gerät benutzt, irgend so halt.

Mädel kommt zur Erkenntnis, dass alleinerziehender Vater und Gepäckbote nicht zusammenpasse. Sohn will auf Klassenfahrt nach Mallorca. Aber Papa hat das Geld nicht. Dann spielt er eine miserable Fuß-Verstauch-Szene, worauf er im Krankenhaus landet. Daraus entwickelt Fehse den Handlungsbogen, dass Mädel gekündigt wird und eine gute Seele meint zu ihm, er solle sich dagegen wehren. Der Anwalt einer Gewerkschaft berät ihn und schickt der Paketfirma den Zoll auf den Hals.

Man kann sich nur an den Kopf langen, jetzt haben die beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so viele Milliarden und schaffen nur so ein unsolide gearbeitetes, teils schlecht gespieltes und kaum durchdachtes Werkchen und senden das auch noch zur Hauptsendezeit.

Es darf gewettet werden, wieviele Paketzusteller überhaupt zuschauen, oft sind die nämlich um die Zeit noch unterwegs, und ob es dann auch nur einen gibt, der sich deshalb gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehrt.

Die Begründung für den Job liefert Mädel so: „ Da ich als Briefträger für die Post gearbeitet hab, hab ich gedacht, Paketdienst wäre ne gute Idee“. Er ist ein Gutmensch ohne Grenzen, er kümmert sich nach dem Tod der alten Frau um deren Katze, klaut ihr aber auch Bargeld und bestattet die Urne höchstpersönlich im Grab des ihr vorangegangenen Gatten. Was ist das für ein Kitschmenschenbild, was Ferlemann und Lobkowicz hier dem bemitleidenswerten Zwangszuschauer unterjubeln wollen.

Mädel übt auch Krankenhauskritik: „Und Ihr glaubt wirklich, dass man bei dem Essen wieder gesund werden kann?“.

Es kommen einem berechtigte Zweifel ob die Damen Ferlemann und Lobkowicz das ihnen vorgelegte Drehbuch überhaupt gelesen haben. Glauben die Damen nicht, dass es auch intelligente Leute unter den Zuschauern gibt?

Irgendwie muss der Brei zu einem glücklichen Ende zusammengemantscht werden. Merke: „Und wenn du stiehlst, verlierst du am Ende nur den Glauben an Dich selbst – Die Waschmaschine ist auch kaputt“.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Kommentar zu den Reviews vom 7. Oktober 2021

Heute wird die Leinwand ganz unterschiedlich strapaziert, wild, heiß und wütend in Frankreich, mit leisem Horror in einem Fjord, mit Außenseitertum an gefährlich-steilen Bergabhängen in Südtirol, grob-brutal posttraumatisch in Wien, mit der Verwechslung vom Wunschkind mit einem Möbelstück in Britannien, multi-trash-kultig zwischen Berlin und Balkan, mit konsequenter Branding-Verweigerung in den USA, familiengründlerisch von Deutschland über Italien nach Griechenland und mit schier unfassbaren Naturwundern kitzeln gleich drei Filme die Leinwand: um deutschen Urwald geht es, um die sensationelle Pracht der Unterwasserwelt der Riffe und um das Arbeiterleben im Bienenstaat.

TITANE
Die Wutkraft dieser Regisseurin ist mit Vulkan nicht untertrieben beschrieben.

DAS HAUS
Mit so einem Haus verliert der Traum von der einsamen Insel seine Traumhaftigkeit.

HOCHWALD
Nicht nur der Jäger im Schießstand hat den Wald und das Dorf im Visier.

HINTERLAND
Kriegsheimkehrer-Geschichte zwischen Trash und Expressionismus

NOWHERE SPECIAL
Zeigt, dass Adoption nicht ist, wie im Supermarkt ein Möbelstück besorgen.

HERE WE MOVE HERE WE GROOVE
Angeschwemmt zum heißen Multi-Kulti-Rap

THE SPARKS BROTHERS
Zwei hochbegabte Brüder, die sich konsequent dem Branding entziehen.

TÖCHTER
Wer von den Töchtern spricht, hat die Väter im Visier.

DER WILDE WALD
Nur Diversität ist nachhaltig!

WONDERS OF THE SEA 3D
Es steht schlecht bestellt um die Korallenriffe.

TAGEBUCH EINER BIENE
Ein Winterbiene und eine Sommerbiene berichten und Superkameras liefern eine imposante Fotostrecke.

Hochwald

Alles verkantet

Wenn in der sorgfältig gepflegten Hypokriten-Welt einer kleinen menschlichen Einheit, hier eines Bergdorfes in Südtirol, ein Lügenstein aus diesem Gebäude herausgebrochen wird, so droht die ganze Chose einzustürzen.

Der Film von Evi Romen erzählt in Stimmungsbildern und in angenehm knappen Dialogen einen Ausschnitt aus der Geschichte von Mario (Thomas Prenn). Der ist hier aufgewachsen, seine Mutter betreibt mit dem Stiefvater eine Metzgerei. Der leibliche Vater hat grade einen Job als Hausmeister bei der Schule. Es ist Weihnachtszeit. Die Jugend, die auswärts arbeitet oder studiert, kehrt zu den Familien zurück.

Mario wird vorgestellt mit einer Szene wild ekstatischen Tanzes in der Turnhalle mit Theatersaal. Auch sein Jugendfreund Lenz (Noah Saavedra), der Schauspieler in Wien ist und nach Rom möchte, ist im Dorf. Alte, sensible Gefühle werden wach, die im Bergdorf nichts zu suchen haben. Sehnsüchte und Träume melden sich.

Mario möchte als Tänzer auftreten, aber er hat keine Ausbildung, er hat lediglich eine Lehre als Konditor. Er hat aber auch ein Drogenproblem. Er treibt sich oft am Bahnhof von Bozen rum.

Rauf – runter. Immer wieder findet sich der Film in der Bergbahn, die das Dorf mit dem Tal verbindet. Der Fahrer der Seilbahn gibt seine Kommentare ab. Sie sprechen für das intakte Lügengebäude der Berggemeinschaft, die klar in Gut und Böse zu unterscheiden weiß; die das Böse selber treibt, aber unter dem Deckel hält. So ein Dorf kann nicht umgehen mit einem, der offen seine Verzweiflung am Wahnsinn der Welt demonstriert.

Lenz nimmt Mario mit auf eine Spritztour nach Rom in eine bunte Disco. Mario lernt auch den Agenten von Lenz kennen, der ihn mustert und ihm seine Visitenkarte gibt.

Es wird jetzt zu einem verstörenden Ereignis kommen, das den Film weitertreiben wird in eine Richtung, die den Einblick in die Berggemeinschaft gnadenloser macht durch Probleme, mit denen umzugehen sie weder vorbereitet noch irgendwie fähig ist. Allerdings sollte jetzt nicht weiterlesen, wer den Film nicht gesehen hat und wer die Geschichte nicht verraten haben möchte.

Es passiert in Rom etwas, was zum Glück nicht allzu viele Menschen erleben. Muslimische Terroristen richten ein Blutbad an in der Disco. Mario überlebt. Lenz nicht. Das stellt die Dorfgemeinschaft vor eine Prüfung, der sie nicht gewachsen ist und Mario noch weniger; labile, empfindsame Menschen mit Außenseiterstatus, drogenabhängig dazu, können mit solchen Schicksalsschlägen noch weniger umgehen; warum gerade Lenz und warum nicht Mario? Für Mario ist das Erlebnis nicht dazu angetan, von den Drogen loszukommen.

Aber Evi Romen gibt dem Film einen verrückteren Drall. Mario kommt am Bahnhof von Bozen mit missionierenden Muslimen in Kontakt. Er kennt Nadim (Josef Mohamed) von seiner Konditorlehre her. Die Muslimgemeinschaft nimmt ihn auf. Hier hört er die Geschichte von den großen Herzen. Hier lernt er einen humanen Islam kennen, der nichts mit dem IS zu tun haban will und der Mario verständnisvoller begegnet als die gestresste Dorfgemeinschaft.

Die Dorfgemeinschaft wird noch mehr herausgefordert, wie Mario als Muslim gekleidet beim Dorffest auftaucht. Maximale Überforderung, maximaler Tabubruch.

Evi Romen erliegt gar nicht erst der Versuchung eines irgendwie hingezurrten Happy Endes, sie setzt auf Marios wilden Tanz vom Anfang des Filmes noch eins drauf, auf dieses packende Soziodram im einzigartigen Südtiroler Dialekt.

Her We Move Here We Groove

Wie Robert Soko, der Protagonist dieses Filmes von Sergej Kreso, Balkan-Musik und Rock-Pop zum Balkanrock zusammenmixt, so mixt und montiert der Dokumentarist aus seinem Material ein fesselndes Biopic mit einem irren Flow sowohl auf der Bild- als auch auf der Tonspur. Ein vielschichtiges Porträt über diesen DJ, der inzwischen mehr ist als das.

Als Taxifahrer fängt Soko nach seiner Migration aus Bosnien nach Berlin an. Das Taxi ist sein Tonstudio, in dem er die Bänder mischt; seine Fahrgäste sind sein Testpublikum. Der Film ist ein Footage-Wirbel, der von Berlin aus zurück zum Balkan geht, Familiengeschichte von Kreso einbringt, vor allem im Gespräch mit dessen Mutter, die wiederum Einblicke in die Folgen des Balkankrieges gibt.

Kreso folgt den Flüchtingen, sie säumen die Straßen. Der berühmte Berg zwischen Bosnien und Kroatien kommt vor, das „Game“ von dem die Flüchtlinge als letzter Hürde vor dem Erreichen des EU-Bodens sprechen, wie schon im Film Shadow Game, wo der Begriff sogar im Titel erscheint.

Der Wirbel im Film weitet sich aus. Um 2010 sei seine beste Zeit als DJ gewesen; aber es habe angefangen, ihn zu langweilen. Kreso braucht Inspiration; aber er muss auch seine Frau und sein Töchterchen ernähren. Hier gibt es familiäre Einblicke, ein Sprachenproblem zwischen seiner algerienstämmigen Frau, die mit dem Töchterchen nur arabisch sprich, fünf Sprachen kommen in dem Haushalt vor.

Der Wirbel weitet sich aus nach Marseille ins Migrantenmilieu und von der Balkanroute wieder nach Berlin. Kreso sammelt Talente auf und wenn sie das Game geschafft haben, werden sie bei ihm kreativ. Nicht jeder ist bereit, in einer neuen Produktion das Wort Alkohol als Running Gag in einen Song einzubauen.

Der Film gibt einen verführerischen Einblick in eine Multikulti-Musikszene, in der jeder einzelne Musiker von einem ganz besonderen Schicksal zu berichten hat mit je ganz eigenem kulturellen Hintergrund, alle aber mit Verlust der Heimat und dabei, mit diesem kulturellen Recycling durch Robert Soko, neue Heimat zu schaffen, neuen, lebenswerten Raum.

Aber auch hier muss Abgrenzung sein; das zeigt symbolisch ein gemeinsames Cous-Cous-Essen, bei dem alle aus der einen großen Platte essen – schön säuberlich lassen sie kleine Grenzwälle stehen, damit keiner des anderen Essen berührt.

Wonders of the Sea 3D

Abtauchkino

im wörtlichen Sinne, mit Tauchern, die mit Spitzenunterwasserkameras ausgestattet sind, in die Welt der Riffs der Weltmeere und im übertragenen Sinne Abtauchen in die Untiefen des Seins, in dieses mulmige Gefühl für uns Landfüßler, dass wenige Meter unter der Meeresoberfläche sensationell faszinierende Welten sich befinden, die unmittelbaren Einfluss auf unsere Lebenswelt haben und die, das ist nicht von der Hand zu weisen, durch menschliche Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit (Müll, CO2-Ausstoß, Verschmutzung, industrielle Fischerei) extrem gefährdet ist, ein Fünftel der Riffs sei notleidend, heißt es in diesem Film von Jean-Michel Cousteau und Jean-Jacques Mantello, die mit David Chocron auch das Drehbuch geschrieben haben.

Hier ist nicht wie im Film des Vaters von Jean-Michel Cousteau, ‚Die Welt des Schweigens‘ den jener 1956 mit Louis Malle gedreht hat, mehr das Abenteuer und die Action des Tauchens im Vordergrund, hier wird auch nicht so tief getaucht; hier sind Taucher ruhig unterwegs; es sind Fotojäger, Bilderjäger.

Umwerfend sind diese Korallenwelten wie eine magische Zaubershow, die endlos zu betören vermag; welche Leuchtkraft der Lebewesen, welche Anpassungskraft, welche Schutzmechanismen sie entwickelt haben, welche Symbiosen und welch Zuschnappschnelligkeit bei aller Langsamkeit und Beschaulichkeit um die Riffs herum.

Das Plankton hat eine fundamentale Funktion für alles Leben auf dem Planeten.

Putzgarnele, Clownfisch, Plattwurm, Oktopus (der Taucher sogar unter der Maske unterscheiden könne und dessen Haut denke und ein Schlangenkünstler sei er, wenn es darum gehe, sich in schmalen Riffspalten zu verstecken), Weihnachtbaumwurm, Nacktkieme, Scherengarnele, Rotfeuerfisch.

Arnold Schwarzenegger hat den Film mitproduziert und spricht, ein Novum in seiner Karriere, wie er stolz sagt, einen Eingangskommentar. Ein Jammer ist es, dass er diese Sätze nicht selbst auf Deutsch nachsynchronisiert hat; das hätte ihm das deutsche Publikum wert sein müssen. Er sieht den Film auch als einen Aufruf zum Schutz der Meere und zur Ausweisung von noch mehr Regionen als Meereschutzräumen. Und: ein idealer Film für 3D.

Töchter

Oder Väter

Wo es Töchter gibt, gibt es Väter (selbstverständlich auch Mütter, aber die spielen hier keine Rolle).

Im Roman von Lucy Tanja Fricke, die mit Regisseurin Nana Neul auch das Drehbuch geschrieben hat, scheint es vor allem um die Befindlichkeit von zwei Töchtern zu gehen, die zu ihren Vätern ein Nicht-Verhältnis haben.

Zumindest sind es ungeklärte Verhältnisse, dunkle Verhältnisse, die Frage wird gestellt „Wer braucht schon Licht?“. Das Kino braucht das Licht, um Gegenstände, Situationen sichtbar zu machen. Bei einem Roman ist das vielleicht etwas anders. Der braucht kein Glühlampen, der kann sich in der Beschreibung von Gefühlen suhlen und trotzdem spannend wirken und die Leser(innnen) ansprechen.

Möglicherweise war sich die Regisseurin dieses Drehbuchproblems durchaus bewusst. So hat sie es jedenfalls clever mit einem topnotch Cast gelöst. Sie konnte eine Garde der exzellentesten deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler für den Dreh zwischen Dortmund, Genua und einer griechischen Insel gewinnen, die selbst, wenn sie sich am Hintern kratzen, überzeugend wirken. Gekonnt auf höchstem Niveau.

Das wird augenfällig gleich bei der ersten Szene. Birgit Minichmayr taucht als Betty in Rom aus der Grotte einer Kirche auf. Sie macht ein paar Schritte durch das Kirchenschiff und landet bei einem Seitenaltar. Sie steigt auf den Altar und will die Füße des nicht allzu mageren Jesus am Kreuz berühren. Da klingelt das Handy.

Bei diesem Auftritt ist bereits klar, dass es sich um einen hochprofessionellen Schauspielerinnenauftritt handelt, die genau weiß, was sie tut, die jeden Schritt setzt. Das kann man begutachten, aber irgendwas fehlt auch, was einen fesseln würde. Frau Minichmayr geht gekonnt durch eine Kirchenschiff.

Betty kann zu ihrem Vater kein Verhältnis haben, da er als tot gilt; die Urne befindet sich in einer Urnenmauer. Betty ist befreundet mit Alexandra Maria Lara als Martha. Was das genau für ein Verhältnis ist, bleibt in der Schwebe.

Martha, von ihrem Vater Kurt (Josef Bierbichler) Schnurri genannt, soll diesen von Dortmund in dessen alter Schrottkarre in die Schweiz zu einer Exit-Station begleiten. Letzte Fahrt. Die Freundin soll sie begleiten. Diese siezt ihren Vater und vice-versa.

Damit setzt sich das Roadmovie in Schrottkarre und mit ungeklärten menschlichen Verhältnissen in Gang. Erster Detour führt vor dem Exit ins Tessin. Dort will der Vater eine Verehrerin das letzte Mal sehen.

Die beiden Freundinnen, respektive Töchter, fahren weiter nach Italien. Betty sucht dort das Grab ihres Vaters. Dann glaubt sie plötzlich, dass er noch lebt und in Griechenland sich aufhalte. Grad detailliert wird die Verknüpfung der Vermutungen nicht als dramaturgischer Faden eingewoben. Vorher noch hatte Martha, die doch wieder Auto fahren wollte, die Schrottkiste auf einer Mauer aufgesetzt; nicht mehr zu gebrauchen.

Dann ist Betty erst mal allein auf einer griechischen Insel. Dort gibt es junge Männer und alte Männer. Später erscheinen auch Kurt und Martha. Irgendwann nach zwei Stunden ist der Film plötzlich zu Ende, die beiden großartigen Protagonistinnen dürfen im griechischen Meer auf dem Rücken sich vom Wasser tragen lassen und Beine und Arme spreitzen.

Nebst Töchterbefindlichkeit (worüber man in welchem Lebensalter gesprochen hat, das Problem, Tabletten oder Kaffee zu beschaffen oder dass man keine zwölf mehr sei; auch, dass man medizinisch aus dem Gleichgewicht sei oder dass zurückzufahren nicht gut sei oder wann genau sich eine als Monster fühlte – lauter Dinge, die nicht unbedingt dazu angetan sind, einen intellektuellen Kitzel auszulösen) sind Lebensweisheiten in die Dialoge eingebaut sowie Querverweise auf Hemingway oder auf eine TV-Talkshow-Größe; Zeitungen liegen in Pensionen und Hotels auf. Kurz gefasst, ein höchst glaubwürdiges Familienkäckerchen.

Titane

Nicht Blei im Blut,

das ist geradezu harmlos gegen das Titan, was Alexia im Schädel hat.

Spießbürgerlich fängt der Film von Julia Ducournau an. Papa ist im Auto unterwegs mit Töchterchen Alexia auf dem Rücksitz. Töchterchen stampft mit den Füßen unentwegt gegen die Rücklehne von Papa. Dann schaut sie noch hintenraus, ärgert Papa so sehr, dass er die Kontrolle über das Fahrzeug verliert.

Alexia landet im Krankenhaus, erhält im Schädel hinter dem einen Ohr eine Titanplatte eingebaut. Das ergibt eine leinwandfaszinöse Narbe, erinnert an Masken von Außerirdischen.

Jetzt macht der Film einen Sprung zur erwachsenen Alexia (Agathe Rousselle), einer atemberaubend sexy Blondine, die bei einem Automobilsalon aufreizende Posen auf einer Kühlerhaube macht; das abgelutschte Weibchen-Auto-Promotionsschema.

Damit beginnt die knüppelharte Performance eines Parforce-Rittes durch die Grenzbereiche menschlicher Selbstdefinition qua Geschlecht, Sexploitation, Begehren und Tod. Im Grenzgebiet zwischen Blei im Blut und Titan im Hirn und dem Mut des Feuerwehrmannes. Antifamiliärer geht nicht. Es ist die Retourkutsche auf die anfängliche Szene im Familienauto, in der das Unglück des Exzesses seinen Anfang nimmt.

Gegen dieses Familär-Bürgerliche zündelt der Film unentwegt, gegen dessen bequemen und konventionellen Geschlechts-, Identitäts-, Verhaltens- und Rollenmuster, die sich in der Feurwehrmännerkameraderie oder im Fantum eines Automobilmessebesuchers zeigen und die niemand geschäftlich extremer ausbeutet als die Automobilindustrie mit ihren Kühlerhaubenladies.

Es ist ein rebellischer Wumms, den Julia Ducournau auf die Leinwand schleudert als eine Kunstperformance der Sonderklasse in der Nachfolge der Wiener Aktionisten.

Die Wut und das Aufbegehren müssen tief sitzen, wie die masochistische Verzweiflung einerseits und der Überlebenshunger andererseits. Da bleibt kein Millimeter Leinwand frei für Idylle, Romantik, Liebesgesülze, Hochzeitsträume, Liebeshoffen oder Suche nach Lebenssinn. Hier ist radikale, unerbittliche Kunst – titanverstärkt.

Die Morde mit der Haarnadel passieren schnell und unvermittelt, ebenso die Flucht von Alexia in die Rolle des vermissten Adrian, den sein Vater Vincent, der Feuerwehrhauptmann, gerne und unbesehen als verlorenen Sohn aufnimmt.

Kunst: Es gibt Fotomomente, die an Helmut Newton denken lassen.

Zur atemberaubenden Wirkung des Filmes trägt die Kamera insofern bei, als sie überwiegend wie bei den Dardenne-Brüdern dicht an der Protagonistin dran bleibt, auf Atem- und Hautkontakt.

Der Film rüttelt wie Tropensturm Ida an den bequemen Gewissheiten und Gewohnheiten bürgerlichen Lebens; insofern liefert er eine furiose Katharsis. Dabei glaubt auch jenes, seinen Exzess zu haben, wie der wilde Tanz der Feuerwehrmänner inmitten ihrer Feuerwehrautos zeigt – da könnte sich so mancher Film bei den ach so unvermeidlichen Discoszenen inspirieren lassen.

The Sparks Brothers

Für Fachleute und Fans

ist dieser Film von Edgar Wright, der so wirkt, als wolle er das gesamte musikalische Werk der beiden Brüder Fon und Russell Mael auf die Leinwand zitieren. Sie sind bekannt geworden als „Sparks“, vorher als „The Spark Brothers“. Sie sind Brüder, müssen meist erklären, dass sie nicht Briten sind. Das hat mit ihrem Humor zu tun.

Der Ältere ist derjenige, der mit dem starren Komiker-Blick, der keine Regung zeigt, am Piano steht, während der Jüngere der Sänger und Spelastiker ist, wobei von Bewegungsreichtum nicht die Rede sein kann, es sind mehr eine Art Körperausschläge, die auf Rhythmus beruhen. Auch der andere kommt ab und an in Bewegung, das ist wie eine Art Schlittschuhlaufen am Ort.

Die Brüder stammen aus einer Künstler-Familie. Der Vater war Maler. Er hat die Buben früh mit ins Kino mitgenommen. Hollywood hat sie geprägt. Der frühe Tod des Vaters war für die beiden Jungs ein einschneidendes Erlebnis.

Später haben die Spark Brothers sich von der Nouvelle Vague, Godard, inspirieren lassen. Bemerkenswert ist, dass sie einst ein Filmprojekt mit Jaques Tati angefangen haben; was aber nie zur Durchführung kam.

Der Film von Edgar Wright hat eine spezielle Art der Montage, im Gleichschritt wechselt er ab zwischen Talking Heads aus der Branche und auch den beiden Protagonisten, die sind immer schwarz-weiß vor neutralem Hintergrund, ab und an werden die Namen der Stars, überwiegend Musikstars, eingeblendet; es sind viele Rockopas dabei.

Die anderen Zwischenschnitte sind ein Collagenkino aus Archivmaterial, Bühnenauftritten, Zeitungsauschnitten, Showauftritten, Covers und schön chronologischen Zwischeninfos zu den Songs. Die werden immer nur angerissen.

Der Film ist eine reich und schnell bebilderte Enzypkolpädie über die beiden. Das Private bleibt weitgehend außen vor. Es ist ein Stenogramm ihrer Karriere, ein Inhaltsverzeichnis. Es gibt keinen Enblick in den Probenprozess, es gibt keinen Einblick in künstlerisches Leiden. Es wird zwar eine Phase von 6 Jahren erwähnt, in denen das Geschäft nicht so lief.

Überhaupt scheinen sie ihren künstlerischen Prozess über alles gestellt zu haben ohne Rücksicht auf den kommerziellen Erfolg, den sie oft mehr in Europa und speziell in Deutschland gehabt hatten.
Für den Nichtfan und den Nichtfachmann führt dieses lexikologische Prinzip zu einer gewissen Ermüdung. Vor allem gegen Ende hin fragt man sich, muss jetzt der Titel und der Titel auch noch angeführt werden. Ein weiteres Filmprojekt mit Ingmar Bergman (?) ist gescheitert. Es gibt aber Aufnahmen von einem Set bei Leo Carax, von dem demnächst mal wieder ein Film fällig wäre.

Go ahead, make my day.