Kommentar zu den Reviews vom 22. September 2022

Herbstbeginn auch im Kino, bunte Blätter, eine eigenwillige Hommage eines Franzosen an einen Deutschen, ein Sprung aus dem deutschen Akademikertum in die Provinzgeschichte, eine virtuelle-Welt-Story aus Amerika, was macht einen heutigen deutschen Dichter aus und Beeindrucktheit durch Chorgesang. Eine DVD entführt uns in eine originelle russische Stadtrandwelt und eine andere versucht, einem Auslandseinsätze der deutschen Armee schmackhaft zu machen.

Kino

PETER VON KANT
Ozons lustíge Hommage an RWF

MITTAGSSTUNDE
Feddersens vom Gasthof Brinkebüll

DONT WORRY DARLING
Dem 50-er Jahre Dekor erlegen

VERABREDUNG MIT EINEM DICHTER – MICHAEL KRÜGER
Porträt eines deutschen Dichters und Verlegers

UNSERE HERZEN- EIN KLANG
Der Reiz eines Chores besteht darin, dass viele unpräzise Stimmen ein Ganzes ergeben.

DVD

GARAGENVOLK
Aus leerstehenden Garagen eine Tugend machen.

IM FEUER – ZWEI SCHWESTERN
Auslandseinsätze der deuschen Armee dem Zuschauer schmackhaft machen.

Peter von Kant

Fassbinder – verehrer, versteher, -erklärer, -dramatisierer oder -bezwinger?

Was macht Francois Ozon, der ausgehend von Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ das Lesbische zum Schwulen umgeschrieben hat?

Im Fassbinderfilm gelangt Margit Carstensen als die Modegeschäftsfrau Petra von Kant zur Erkenntnis, dass sie ihre Geliebte Karin nur besitzen wollte.

Bei Ozon gelangt der als tuntig angelegte Rainer Werner Fassbinder Peter von Kant (Denis Ménochet) zur Erkenntnis, dass er seinen Geliebten Amir (Khalil Ben Gharbia) nur besitzen wollte.

Die bitteren Tränen aus dem deutschen Titel hat Ozon in seinem Titel nicht übernommen. Umsomehr dürfen die Schauspieler bei ihm am Schluss weinen, wenn noch Peter von Kants Mutter, Hanna Schygulla, zu Besuch kommt.

Hier scheint es, als drehe Ozon Fassbinder durch den Melowolf. Voher war der Eindruck mehr der eine gepflegten Lecture, einer akademischen Abhandlung, statt wie bei Fassbinder, werden die Gefühle und die Emotionsentwicklungen zwischen den Figuren nicht analytisch scharf beobachtet und – mit dieser ganz sperrig-trockenen Sprachregie – filmisch plausibel gemacht. Hier wird alles nur im Dialog mehr erläutert. Der hauptsächliche Drehort ist eine Wohnung in Köln anno 1972. Peter von Kant hält sich als Bediensteten und eine Art Haussklave, Karl (Stefan Crepon). Auch bei ihm wird er im Zuge der Läuterung erkennen, dass er ihn ungerecht behandelt hat; aber diese Reue bringt ihm wenig.

Hat also Ozon Fassbinder bezwungen? Hat er ihm eine würdige Hommage hingelegt? Oder versucht er gar, ihn aufs Melodramatische, aufs Tuntige zu reduzieren? Oder den tieferen Fassbinder, den Seelengründler, auf akademische Erklär-Dialoge zu reduzieren? Rein inszenatorisch allerdings, kann er verglichen mit Petra von Kant Fassbinder mit diesem Werk von 85 Minuten nicht das Wasser reichen; oder versucht er gar, Fassbinder zu bezwingen, indem er ihn als bemitleidenswertes, despotisches Würmchen zeichnet? Oder: Will Ozon klar machen, dass er nicht der besserer Fassbinder ist?

Mittagsstunde

Feddersens vom Gasthof Brinkebüll

Seit Generationen bewirten die Feddersen den Gasthof im deutschen Flachland, wo man Plattdeutsch spricht.

Einzig Sohn Ingwer (als Erwachsener gespielt von Charly Hübner) bricht aus, studiert in Kiel, wird Professor. 2012 lernen wir ihn bei einer Vorlesung kennen. Er lebt mit Ragnhild (Julia Jenkins) zusammen. Wie aus heiterem Himmel verabschiedet er sich von ihr, er müsse jetzt für mindestens ein Jahr seine Eltern auf dem Gasthof pflegen.

Keine Bange, es wird kein deutscher Themenfilm zum Thema Pflege, obwohl eine typische Szene vorkommt, wie Ingwer seiner Mutter (Hildegard Schmahl) auf der Toilette behilflich ist. Sowieso leidet sie an Demenz, reißt immer wieder aus. Das ist die Heute-Ebene des Film von Lars Jessen nach dem Drehbuch von Catharina Junk nach dem Bestseller von Dörte Hansen.

Die Schilderung geht über zwei Generationen, wirft einen kurzen Blick auf 1965, springt dann gleich nach 1976 und zur Vorlesung von 2012 an der Uni. Ab da hupft er zwischen den Zeitebenen hin und her.

Eine Generationengeschichte mit Rückblenden in die Jugend von Ingwer, die 70er Jahre. Es gab noch eine Schwester Marret (Gro Swantje Kohlhof). Die war gemartert von Weltuntergangsvisionen. Die erhalten Nahrung durch einen Auftritt der Zeugen Jehovas, durch Militärflugzeuge am Himmel oder dadurch, dass in einem Jahr die Störche nicht im Dorf nisten.

Der Roman scheint episch zu schildern, wie sich die moderne Zeit auf so ein Dorf auswirkt. Das Thema der Flurbereinigung spielt eine Rolle, es gab ein Hügelgrab oder Straßen werden geteert.

In der Heutezeit beschäftigt die Eltern von Ingwer, vor allem den Vater, das Thema der Gnadenhochzeit, das 70-jährige Ehejubiläum. Die Ehe scheint lange kinderlos gewesen zu sein. Eine späte Szene auf dem fein gepflegten Friedhof zwischen Mutter und Sohn wird unverhoffte Einblicke gewähren.

Sympathisch am Film ist, dass viel Plattdeutsch gesprochen wird und für uns Bayern extra mit Untertiteln versehen. Es wird aber auch eine hochdeutsche Variante geben, die eigens gedreht worden ist.

Und doch fremdle ich als inzwischen eingefleischter Bayer mit dem Film. Wohl weniger mit dem Plattdeutschen, obzwar mit dem auch, weil mir das extrem ausgestellt scheint. Aber auch die Hauptfigur, die mir auf dem Plakat etwas unglücklich dargestellt scheint mit den anderen Protagonisten auf den Bauch fotomontiert, wobei jeder in eine eigene Richtungs schaut, also überhaupt kein Bezug der Figuren untereinander abzulesen ist, außer dass Ingwer als Akademiker in gewisser Weise ein Fremdkörper ist. Aber auch der bleibt mir in der Darstellung von Charly Hübner unzugänglich. Er legt ihn an als der unauffällige Alkoholiker, oft mit diesem irren Blick, mit diesen ruhig gesetzten Bewegungen, die über allfällige Bewegungsunsicherheiten hinwegtäuschen sollen. Kein Wunder bei der Herkunft, wo alle paar Augenblick ein Kurzer getrunken wird.

Ein Problem könnte auch das Drehbuch sein, das Szenen aus dem Roman für den Film umgeschrieben hat, was ein Element des Kinos aber völlig außer Acht lässt, die Wahrnehmung des Zuschauers, die anders ist als die eines Lesers. So werden sie für Kenner des Romans vermutlich plastisch, vertraut, für den Nichtkenner aber wird es mühsam, sich die Geschichte zusammenzuklamüsern.

Don’t worry Darling

Heile Dekorwelt,

schier wie in einer virtuellen 50-erJahre-Visionen-Welt leben Alice (Florence Pugh) und Jack (Harry Styles). Die Siedlung „Victory“: toputopistisch für die damalige Zeit entworfen in einer ariden Wüstengegend im Süden der USA, Mustersiedlungen, Musterlebensrhythmus.

Alle Männer verlassen zur gleichen Zeit das Haus. Die Gattinnen und Hausfrauen begleiten sie vor die Tür, winken, wenn die Kolonne der individuellen Wagen losfährt. Sie sind Ingenieure und arbeiten in der Zentrale von Victory-Land.

Der Chef von allem, wie ein Missionar, könnte ein Bill Graham sein, ist Frank (Chris Pine), vor allem ein musterschöner Mann, wäre gut für jede Bekleidungswerbung. Er ist für den Spirit der Mustergemeinde verantwortlich, er scheint sie entworfen zu haben.

Es fällt auf, dass diese Welt nicht nur dekorativ ist, sondern selber fast wie Dekor wirkt, dass aber auch Regisseurin Olivia Wilde (Bocksbart) nach dem Drehbuch von Katie Silberman, Carey Van Dyke und ShaneVan Dyke fast wie verliebt ins Dekorative ist und dahinter den tieferen Gehalt, die tieferen Geheimnisse vergisst.

Olivia Wilde mag Übergänge von einem von oben aufgenommenen Ballettkreis zum Kreis der Iris, das kommt gleich mehrfach vor ohne Anspruch auf tiefere Bedeutung – Tapetenkino.

Das Rollenbild der Frau ist, konservativer geht nicht: die 50-Jahre-Frauen machen den Haushalt, sie kochen für ihre Männer, damit die stark genug sind für die Herausforderung im geheimen Projekt.

Es sieht auch so aus, wenn man das Ehepaar Alice und Jack näher betrachtet, dass der Mann nach der Arbeit ausgehungert ist, primär nach Sex, und sich nicht genug und gierig in den Schoß seiner Frau vertieft, die doch den feinen Braten servieren möchte.

Außer dem Ballett frönen die Frauen während der arbeitsbedingten Abwesenheit der Männer hemmungslos der Schönheit, dem Alkohol und dem Tratsch.

Die einzig Schwarze in dieser weißen Siedlung ist Margaret (KiKi Layne). Die scheint verstört/gestört zu sein. Sie traut dem Frieden der Dekorsiedlung nicht. Sie hat Alpträume. Auch Alice bekommt Zweifel.

Irgendwann sehr spät im Film kommt eine tiefere Ebene hinzu, es gibt noch ein Alterantivleben dieser Paare, dieses schaut deutlich armseliger aus, heutiger, und dann liegen sie plötzlich auf einem Bett mit einer Apparatur am Kopf, die sie wohl wie bei Virtual Reality in die Victory-Welt einführt.

Ok, das Böse, das Abgründige ist irgendwie da, darf aber nicht ans Tageslicht kommen. Die Wahrheit ist eine Differenz zur Dekorwelt, die auch als Lügenwelt gesehen werden kann, mit ihrem Programm zur Entfaltung des menschlichen Potentzials – wer dem wiederspricht, gilt als paranoid oder psychopathisch. Wird aber alles nicht allzu tief und allzu detailliert ergründet. Es dominiert die Freude der Macherin am tapetenhaften Dekor – und es gibt ja auch was her fürs Auge, diese schniecke virtuelle Zukunftswelt, die den Menschen offenbar die Frage nach dem Lebenssinn abnimmt. Ein Lifestyle als Leben aber der Stange eines feinen Herstellers.

Kommentar zu den Reviews vom 15. September 2022

Nachruf auf Jean-Luc Godard.

Womit kitzelt uns das Kino diese Woche? Mit der Ekstase eines britischen Künstler-Genies. Mit der Wurzelsuche deutschen Akademikertums. Mit einer kämpferischen deutschen Intellektuellen. Mit einem amerikanischen Selbstjustizler, dessen Frau eine Auszeit braucht. Mit der Quasi-Auferstehung einer berühmten deutschen Choreographin. Mit dem Hörrohr am Puls eines Gletschers. Mit dem Überlebenskampf rumänischer Roma in Hamburg. Mit französisch-kulinarischem Gutmenschentum. Mit Halbwissen über Holzdübel aus Kuba. Auf DVD geht es um eine Eckkneipe mit Ohren und Augen in Berlin und um eine deutsche Filmregisseurin in einer Schaffenskrise. Das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen macht ein paar ungelenke Schritte im Katastrophengenre.

Kino

MOONAGE DAYDREAM
Vor dieser Bilder- und Musikflut gibt es kein Wegducken.

ALLE REDEN ÜBERS WETTER,
deutsche Akademiker eher nicht.

ALICE SCHWARZER
Eloquent, kämpferisch, intellektuell, deutsch.

CHASE – NICHTS HÄLT IHN AUF
Gerhard Butler schluckt schwer daran, dass seine Frau eine Auszeit will und kommt nicht umhin, den Selbstjustizler zu geben.

DANCING PINA
Reenactment auf zwei Kontinenten

INTO THE ICE
Wehe, wehe, wir hören die Botschaft der Gletscher nicht!

EUROPA PASSAGE
Die sind nicht arbeitsfaul, die Roma aus Rumänien.

TICKET INS PARADIES
Wer andern ein trojanisches Pferd unterjubeln will.

DIE KÜCHENBRIGADE
Es gibt Mittel gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten!

LA CLAVE – DAS GEHEIMNIS DER KUBANISCHEN MUSIK
Ansatz zum Versuch einer Enzyklopädie

DVD
NEBENAN,
da sitzt Dein Beobachter am Stammtisch.

VATERSLAND
das ‚S‘ nach Vater macht die Differenz.

TV
ALLES FINSTER – Folge 1
Hier gibt’s zwar Stromausfall, aber noch
ist nicht klar, dass das wohl das Thema der
Serie sein soll.

ALLES FINSTER – Folge 2
Jetzt wird das Thema klar und klar auch, dass
es mit offensichtlich bescheidenen Mitteln umgesetzt wird.

Ticket ins Paradies

Boulevardstück mit Glamour

Mit Boulevardstück ist hier ein Film oder ein Theaterstück gemeint, das den Widerspruch ausbeutet, der dem bürgerlichen Ehebegriff innewohnt: der nämlich glaubt, mit der Heirat sei das Glück für den Rest des Lebens zementiert, der eine Hochzeit als das Glückssiegel schlechthin interpretiert.

Der Titel ist allerdings doppeldeutig, er meint einerseits das Ticket zur Hochzeit, aber er meint auch das Ticket zur Trauminsel Bali. Hier will Lily (Kaitlyn Dever) kurzentschlossen den einheimischen Algenzüchter (Maxime Bouttier) heiraten, was ihre in Aussicht genommene Anwaltskarriere in den USA in Frage stellt.

Die Regie führte Ol Parker, der mit Daniel Pipski auch das Drehbuch geschrieben hat.

Lily hat eben die Uni beendet. Die Diplomübergabe kommt im Film vor. Hier liefern sich ihre längst getrennt lebenden Eltern einen Liebeserklärungswettbewerb vom Balkon aus. Es sind dies die beiden Actors, die der nicht extrem zündenden Komödie mit dem Glamour ihres Weltstarruhms wie mit Zuckerguss eine Glasur verleihen.

Eigentlich sind die beiden Elternteile miteinander fertig, nicht mal mehr sogenannte gute Freunde sind sie geblieben. Wobei die Magie von Bali zeigen wird, dass wohl der Liebesfunke noch nicht erloschen ist. Aber bei der Uni-Feier kommen sie nebeneinander zu sitzen, im Flugzeug nach Bali ebenfalls. Das nutzt der Fim für diverse nicht vollkommen junge Gags und Pointen. Und auch im Hotel werden sie in benachbarten Suiten untergebracht.

Der Bräutigam und seine bunte Tradition bestimmen das Zeremoniell. Es gibt vor der Hochzeit noch einen Ausflug, der auf einer Insel ohne Boot endet, weil Clooney das Schiff an einem losen Baumstamm befestigt hat.

Ansonsten grinst Clooney viel, ist stets gut gelaunt und sieht immer noch verdammt gut aus und Julia Roberts sieht selbstverständlich besser aus als ein attraktives Pferd, um eine Pointe aus dem Stück hier auszuplaudern.

Die Grandezza der Stars, die kann kein Boulevardstück umbringen. Es ist ein Dialogstück, das von den erwähnten Widersprüchen zwischen menschlichem Besitzstand qua Ehe und dem erträumten menschlichen Glück vorwärts getrieben wird. Ach ja, und eigentlich reisen die getrennten Eltern nur zur Hochzeit, um diese in der Art eines trojanischen Pferdes zu sabotieren. Haben sie gedacht. Und einen Verehrer hat Julia Roberts auch noch.

Moonage Daydream

Die volle Dröhnung

Kino, das wie Starkregen auf einen einprasselt.

David Bowie und garantiert keine Wickipedia-Vollständigkeit oder Trockenheit des Chronologisch-Summarischen.

Was Brett Morgan (Cobain – Montage of Heck, Jane) aus Archivmaterial bearbeitet und zusammenmontiert hat, ist ein Event zu nennen, pausenlos, atemlos, nur ganz kurz mal Schwarzbild in wenigen Momenten, aber die sind mit Nachhall gefüllt.

Ein Vollwaschgang mit dem eklektisch-generalistischen Künstler, Bowie war auch Maler, Schreiber, Performer und nicht nur Sänger, so dass man sich nach über zwei Stunden Ereignis im Kinosaal der großartigen Arri-Astor-Lounge wie befreit vorkommt, wenn man die ruhige Straße eines Sommerabens an der Kunstakademie vorbei in Richtung U-Bahn flaniert. Das ist genau das Gegengefühl gegen das Leben von David Bowie: Musse. Die kommt im Film nicht vor; der ist rauschhaft.

Bowie meint, er müsse das Leben in jedem Moment ausloten. Er hält es für einen Erfolg, mit wenig Schlaf auszukommen. Sein Ruhm gründet in den frühen 70ern. Da hat er diese Atmosphäre vermutlich einzigartig historischer Offenheit sensibel gespürt, aufgesaugt und formuliert oder reproduziert . Nicht diejenige in seinem tristen englischen Provinznest. Diejenige, die ihm sein älterer Halbbruder eröffnet mit Kerouac, Coltrane. Die Lebensfragen philosophisch reflektiert.

Es ist das Feeling, dass alles kulturell Bisherige ‚Rubbish‘ gewesen sei, dass sich mit Rubbish aber trefflich spielen lasse. Und schon gar nicht die Festlegung auf eine eindeutige Sexualität. Bi? Kein Problem und niemand regt sich auf darüber.

Ein atemberaubend, atemloses Leben, nie hat er sich niedergelassen, erkundet die Welt auch in dunklen Ecken und will andererseits gar keine Kunst machen, folgt simplen Impulsen, will mehr, dass die Leute sich für das interessieren, was er macht, statt das zu machen, was er glaubte, dass die Leute erwarten. Mit den simplen Impulsen wurde er definitiv zum Superstar, der riesige Arenen – und nicht nur einmal! – füllte. Lets dance!

La Clave – Das Geheimnis der kubanischen Musik

Der Schiffsnagel

Schiffsnägel aus Holz ergeben einen weithin hörbaren Klang, wenn sie in die hohle Hand genommen und angeschlagen werden.

Diese Schiffsnägel wurden in Havanna für Schiffsreparaturen verwendet. Sie entwickelten sich zu Musikinstrumenten im Sinne des Rhythmus. Der wieder unterscheidet die kubanische Musik grundlegend von der europäischen. In Kuba entstand diese typisch kubanische Musik, die inzwischen vielerorts Kult ist: aus dem Zusammentreffen europäischer und afrikanischer Elemente.

Spätestens zum westlichen Kult geworden ist diese Musik durch den Buena Vista Social Club, auch den Film von Wim Wenders. Auf diesen bezieht sich die vorliegende Dokumentation von Kurt Hartel und will zu verstehen geben, dass kubanische Musik viel mehr sei als nur das.

Hartels Doku schlingert allerdings plankenlos zwischen zwei Absichten.

Einerseits möchte sein Film diese Stimmung, dieses Feeling, dieses Lebensgefühl von Rumba und Samba vermitteln, möchte sicherlich auf dieser Welle reiten, fängt auch mit einem schönen Stimmungspotpourri an.

Andererseits erhebt Hartel enzyklopädisch-informativen Anspruch. Er lässt unter den vielen Talking Heads auch Musikwissenschaftler sprechen, die über Geschichte und Instrumente informieren. Im Hintergrund läuft die kubanische Soundspur weiter. Die besteht überwiegend aus einer Verzopfung von Performances kubanischer Bands; auch Mitglieder von denen gehören zur großen Reihe der Talking Heads. Wer also einen Feelgood-Mix-Sound aus kubanischen Klängen mag, der hat einen etwa anderthalbstündigen durchgehenen Musikscore.

Go ahead, make my day.