Diamanti

Kunst der Verkleidung

Im Theater gibt es Anekdoten von Regisseuren, die mit ihren Darstellern bei Proben unzufrieden sind, wie sie dastehen, wie sie sich bewegen, worauf die Kritisierten zurückmaulen, man solle Geduld haben, bis die Kostüme da seien. Und siehe da.

Das ist wie eine Bebilderung des Satzes von den Kleidern, die Leute machen. Und so ist es beim Theater, beim Film erst recht. Im Theater gibt es noch das arme Theater, das Körpertheater, das versucht, so weit wie möglich auf das Kostüm zu verzichten, im Extremfall nackt, wie bei Kantor.

Vom opulenten Gegenteil handelt der Film von türkisch-italienischen Altmeister Ferzan Ozpetek, der mit Carlotta Corradi und Elisa Casseri auch das Drehbuch geschrieben hat. Er schildert in liebevoller Wimmelbildmanier und in Zuneigung zur darstellenden, speziell der Kostümkunst, das quirlige und volle Leben im bei Theater und Fernsehen bekannten Schneideratelier der beiden Schwestern Alberta (Luisa Ranieri) und Gabriella (Jasmine Trinca) in Rom.

Alberta ist diejenige, die alles im Griff hat, aber wenn es sein muss, das Herz auch auf der rechten Stelle. Gabriella hat mit Absenzen zu kämpfen. Für die Kostüme einer Filmproduktion ist die berühmte, oscarpreisgekrönte Kostümbildnerin Bianca Verga (Vanessa Scalera) angereist. Vor ihr steht alles stramm. Sie führt sich entsprechend auf.

Es geht um ein besonderes Kostüm aus dem 17. Jahrhundert, ein auslandendes Damenkostüm mit Reifrock.

Zur Stimmungsschilderung gibt es Blicke ins Gewusel des Ateliers, wenn adonishafte, hübsche junge Männer in Slips auf den Podesten für die Anprobe stehen. Es gibt Flirtereien zwischen den Näherinnen und den jungen Männern.

Der Film schaut bei einigen Privatverhältnissen vorbei. Ein Ehepaar, dessen Sohn grad in der größten Krise seiner Pubertät steckt und sich in seinem Zimmer einschließt. Es gibt den gewalttätigen Ehemann und die Näherin, die am nächsten Morgen ihre blauen Flecken mit Lügen erklärt. Sie erfährt Solidarität und Hilfsbereitschaft von den Kolleginnen.

Da ist Silvana (Mara Venier), die für die gute Küche, das Catering und das Essen beim Fest für die Angestellten sorgt. Sie hat selber eine Karriere als Tänzerin hinter sich.

Bei Alberta meldet sich ein Leonardo Cavani (Carmine Recano) als interessierter Investor. Das ist ein Vorwand. Die beiden haben eine Geschichte hinter sich. Wie beim bitteren Fest von Almodovar zeigt der Regisseur ein tiefes menschliches Interesse an dieser, seiner Umgebung, sieht ihre Leiden, Fehlerhaftigkeiten, ihr Unglück und ihr Glück, ihre Menschlichkeit. In solchen Moment kennt der Film keine Zügel mehr und bricht in Gesang aus.

Papamobil – Ein Papst on Tour (DVD)

Schweizer Gardistengeflüster

Die saloppe Klerikalkomödie von Sylain Estibal, der mit Myriam Tekaia auch das Drehbuch geschrieben hat, gibt sich aus als eine Geschichte, die Schweizer Gardisten im Vatikan kolportieren, mit dem Zusatz, so genau wisse keiner, ob sie auch stimme und ob sie sich so zugetragen habe.

Realistisch ist die bankrotte Situation der Kirche und dass sie dringend Geld braucht. Hier ist der Vatikan sogar pleite. Ein neuer Papst ist gewählt. Kad Merad spielt ihn anfänglich mit deutlich ausgestelltem Kleriker-Habitus. Zu seinen Ehren ist ein neues Papstmobil angeschafft worden. Es ist mit allerlei Kirchenritualbrimboriumsfirlefanz ausgestattet.

Das neue Kirchenoberhaupt wird mit dem ernsten Problem der desaströsen Finanzlage konfrontiert, wie er als erstes eine Reise nach Lateinamerika unternehmen möchte. Wenn sich kein Sponsor findet, wird nix daraus.

In Mexiko wird die Kirche fündig bei der Kommandantin Francoise (Myriam Tekaia). Sie ist die Chefin eines der größten Drogenkartelle des Landes und stellt ihre Bedingungen für eine Spende. Schon vor Ankunft des Papstes sind überall Plakate zu sehen mit ihr und dem Papst. Als Gegenleistung des Vatikans verlangt sie ein Konto bei diesem, weil sie es für sicher hält. Wieviel? Sie antwortet mit Tonnen, nicht mit Währungseinheiten.

Der Papst absolviert seinen Besuch – das Drehbuch macht teils kühne Sprünge – und ist schon wieder auf dem Weg zum Flughafen, ohne die großzügige Spenderin getroffen zu haben. Diese hat inzwischen mit der ihr vom Vatikan geschickten Kreditkarte eine negative Erfahrung gemacht. Sie will den Papst unbedingt treffen. Und kommt er nicht freiwillig, so benutzt die Kartellchefin Gewalt. Mariacchis stellen sich dem Papamobil in den Weg, ein Junge spendet dem Papst einen Hut. Wie er ihn aufsetzt, ist das das Zeichen für ein Gemetzel.

Die Musiker sind verkleidete Killer von Francoise. Sie entführen den Papst. Der Film hat allerdings für den Begriff des Papamobils noch eine zweite Deutung bereit und die führt zu zusätzlichen Irritationen, Aktionen und Aktionismus, ist Anlass für eine Verwechslungskomödie, die die Werte der Kirche, so wie es sich für Schweizer Gardistengeflüster gehören mag, auf den Kopf stellt, die auch schöne Pointen bereit hält, wenn der Papst eine Generalerneuerung der Kirche vorschlägt, sich in einer Situation sieht, wie einsten Jesus, ganz am Anfang.

Der Film ist vielleicht nicht ganz so plump wie Das Nonnenrennen, trotzdem empfiehlt es sich, dazu einen Weihrauchschnaps zu genehmigen, falls so ein Getränk existieren sollte. Konklave dagegen ist ein deutlich anderes Kaliber von Film zum Thema Kirche.

Kommentar zu den Reviews vom 27. August 2026

Heute viele deutsche Filme bei den Kinoneustarts. Sie sind vielseitig interessiert. Dass der Staat und der Rechtsextremismus verschwurbelt sind, das geht ja gar nicht. Eine Inselgemeinschaft tut sich extrem schwer mit einem, der anders ist als die anderen. Ein Junge ist noch im Schoß der Familie und fühlt sich zu anderem hingezogen. Eine Deutsche gerät durch die Liebe in einen kulturellen Zwiespalt. Junge Deutsche träumen romantisierend und in Italien von ursprünglichem Filmemachen. Die Amis wollen mit solider Containerschiffaction Geld verdienen und sie glauben, ein Ventil gegen die neue Prüdheit gefunden zu haben. Die Franzosen scheinen unter Hitze und Dürre zu leiden und walzen einen mürben Teig breit aus. Auf VoD ist zu erleben, wie unverschämt und gut die Chinesen Kunst fälschen. Und auf DVD gibt es eine köstliche Soloshow aus dem Weltall.

Kino
Deutsche Filme

STAATSSCHUTZ
Wenn die Justiz mit dem Rechtsextremismus verbandelt ist.

DER HEIMATLOSE
Eine Heimkehrergeschichte

STRANGE RIVER
Vision vom Freund

BECOMING KIM
Die Koreanerin in sich finden

FÜR IMMER 16
Stangenberg, Brezel Göring, Cactus

Kino
Internationale Filme

DAS ENDE DER STERNE
Pessimistisch gefragt: das Ende der Hollywoodsterne oder der Sterne von Stars und Stripes?

MUTINY
Verlässlichkeit eines Action-Stars

ONE NIGHT ONLY
Freificknacht

OH LA LA 2 – NEUE TESTS, NEUES CHAOS
Erfolgsrezept in einer Fortsetzung breitgewalzt

VoD
MANCHE MÖGEN’S FALSCH
Versierte Profifälscher/-nachahmer aus China

DVD
DER ASTRONAUT
Alleinunterhalter im Weltall

Das Ende der Sterne

Two Mike Mike Delta Whisky

ist die Kennzeichnung der Cessna, mit der Hig (Jacob Elordi) sich in einem dystopischen Amerika auf die Suche nach dem American Dream macht. Das steht nicht so im Drehbuch von Peter Heller, Mark L. Smith und Christopher Wilkinson, das Ridley Scott mit gewohnt souveräner Kinematographie (die immerhin hat die Apokalypse überlebt) umgesetzt hat, das ist die Interpretation des Schreiberlings.

Es ist 2035, ein Virus hat die Welt kaputt gemacht. Es gibt einzelne Rückzugsorte und es gibt, wie Zombies, allüberall Reapers. Hig hat sich mit seinem Hund Jasper und mit Bangley (Josh Brolin; auch der liefert souveräne Starroutine ab) auf einem einsamen Flugplatz in der Nähe von Denver zurückgezogen. Mit gelegentlichen Flügen nach Denver versorgt Hig sich und Bangley mit dem Nötigsten, die Stadt ist wie ausgestorben, sie muss fluchtartig verlassen worden sein.

Hig weiß, wie er aus einem Tank Treibstoff zapfen kann und auch wo er andere lebensnotwendige Güter findet. Irgendwie muss auch ein dystopischer Film plausibel machen, wie die Überlebenden mit gewissen minimalen Industriegesellschaftsstandards weiterexistierend können.

Auf dem kleinen Flugplatz, auf dem eine Menge Kleinflugzeuge deutlich unbrauchbar rumstehen, müssen die beiden Bewohner abwechselnd Wache halten. Wenn Reapers auftauchen, werden sie abgeknallt und verbrannt.

In Denver fällt einem der Satz ein: treffen sich zwei Amerikaner in einer leeren Stadt, was tun sie? Richtig, sie schießen erst aufeinander, bevor sie sich kundig machen, wer der andere ist. Hier überlebt Hig, denn sonst wäre der Film schon zu Ende, bevor er richtig angefangen hat.

Die Suche nach dem amerikanischen Traum geht weiter. Ridley Scott ist nicht der einzige amerikanische Filmemacher, der sich damit beschäftigt angesichts der desaströsen Politik des jetzigen Präsidenten, der wohl in Iran den dümmsten aller dummen amerikanischen Kriege der letzten Jahrzehnte angezettelt hat. Da stellen sich Grundsatzfragen zu Amerika, wie es sich mit dem Westernheroismus und dem damit propagierten Gefühl von Freiheit, zu dem unabdingbar der Besitz einer Waffe zählt, noch identifizieren kann; dies überprüfen muss.

Hig kennt auch eine kleine überlebende Mormonen-Gemeinde. Da gibt es viele Kinder. Die bekommen Dinge aus der Stadt. Higs Wunsch nach Kindern wurde mit dem Tod seiner schwangeren Frau nicht mehr erfüllt. Er selbst, das erzählt er in einem besinnlichen Moment, habe die entsprechenden Apparaturen abgestellt, um ihr noch mehr Leiden zu ersparen. So viel Sentiment sei einem modernen Helden, der dem amerikanischen Traum nachjagt, zugeschrieben.

Der Film ventiliert weitere Ideen zu dem Thema.

Über einen Absturz in dicht bewaldetem Gebiet stößt Hig auf die junge Frau Cima (Magaret Qualley), oh, da keimt sie schon im Zuschauerhirn, die Hoffnung, dass doch noch etwa weitergehen könnte.

Cima lebt mit ihrem Vater Pops (Guy Pearce) ein einsames Siedlerleben, einen ursprünglichen amerikanischen Traum. Sie müssen ständig auf der Hut sein vor den Reapers und sind höchst misstrauisch dem Gast gegenüber, der in der Nähe notgelandet ist. Hier entwickelt sich der Ansatz eines ursprünglichen Siedlertraums.

Eine Funkverbindung gibt es immer wieder zu einem Flughafen namens Grand Junction. Diesen benutzen die Drehbuchautoren für die Erinnerung an ein hochgezüchtetes Amerika. Das wirkt wie ein weiterer, verzweifelter Versuch, irgendwie die Idee vom amerikanischen Traum noch zu retten.

Allein, wir würden dem Film eine tief pessimistische Grundhaltung zuschreiben, dass da nichts mehr zu retten sei. Da man den Zuschauer aber mit so einer Einsicht nicht aus dem Kino entlassen kann, haben sich die Autoren kurzerhand eines bewährten Mittels, zum Ende zu kommen, bedient, grad tröstlich ist das nicht, es wirkt wie ein rein formales Amen in der Kirche.

Funny ist die Produktwerbung für Sprite und Cola: in dystopischer Umgebung kommen die so hoffnungsfroh rüber wie nichts sonst, sie bieten sich direkt als Weltenretter an. Unbezahlbar.

Mutiny

Verlässlichkeit –
„Matteo, Sie gehen auf die Brücke und pusten der Schlampe das Licht aus.“

Das sind robuste Sätze, die keine Zweideutigkeiten zulassen, die den soliden, handicrafted Actionstreifen von Jean-Francois Richet nach dem Drehbuch von J. P. Davis und Lindsay Michel charakterisieren und ihn vorwärtsbringen.

Man ist trotzdem ein Mensch und fragt Menschen in Not, ob man ihnen helfen könne oder „Wir müssen hier raus“, ein Satz, der klar die nächsten Handlungen vorgibt, aber auch erschwerend „Wir können keinem vertrauen“.

Die Brücke im eingangs zitierten Satz gibt zu verstehen, dass wir uns im Hauptteil des Filmes auf einem Frachtschiff befinden, irgendwo im asiatischen Meer; die ‚Admiral‘ ist gerade aus dem Hafen von Bangkok ausgelaufen. Und niemanden würde es wundern, wenn nicht alles sauber wär mit der Fracht.

Verlässlichkeit ist gegeben, dank Jason Statham als Cole Reed und unter falschem Namen an Bord. Verlässlichkeit, weil man bei diesem Schauspieler immer auf der richtigen Seite sich befindet. Seine Biographie muss mit ein paar Schatten bekleckert sein, sonst wäre er nicht auf den Job als Bodyguard beim Besitzer von KMG gekommen. Der ist ihm unendlich dankbar, weil er ihm vor fünf Jahren das Leben gerettet hat. Die Beziehung ist familiär. Der Chef will die Firma verkaufen, damit der Sohn nicht belastet ist mit dem Lebenswerk des Vaters und mit dem Geld sein eigen Ding machen kann.

Der Film dröselt seine Erzählung anders auf. Er fängt mit einem klassichen Autocrash mitten im nächtlichen Bangkok an und erzählt dann, wie es dazu gekommen ist.

Auf den Chef von Reed wird nach der Feier, bei der der Verkauf der Firma zelebriert wird, ein Anschlag verübt. Reed überlebt. Das wird die Startrampe für seine Action, nach der er sich immer noch aus den Zeiten als Polizist sehnt und wovon er beim gemütlichen Job für den superreichen Boss zu wenig hat.

Reed will klären, wer hinter dem Tod seines Chefs steckt. Die Spur führt zur ‚Admiral‘. Auf dem Containerschiff wird über solides Hide, Hit and Run sich alles weitere ergeben. In letzter Minute vor dem Auslaufen stößt Annabelle Wallis (auch sie ist bei IMDb ohne Rollenname aufgeführt) zur Schiffsmannschaft. Die Kommunikation nach außen ist notleidend. Immerhin gibt es minmalen Kontakt zu einem Patrouillenboot der guten Amis mit einem eindrücklichen Kapitän. Es findet sich auch nicht deklarierte ‚Fracht‘ an Bord.

Oha la la 2 – Neue Tests, neues Chaos

Diese DNA-Analysen

können ganz schön unerwartete Wahrheiten an den Tag bringen über die Zusammensetzung des eigenen Blutes und allerlei Fremdeinflüsse.

Daraufhin spitzte sich im Vorgängerfilm Oh la la – Wer ahnt denn sowas der Aufeinanderprall von Vorurteilen zwischen zwei Familien zu angesichts der bevorstehenden Hochzeit.

Der Clou war, dass sich im Blut von Fréderic Bouvier Sauvage (Christian Clavier), dem stolzen Bordeaux-Fabrikanten aus der Gironde, fünf Prozent Chirokee-Anteile fanden. Das muss man natürlich wissen, wenn man jetzt diesen Folgefilm vor Augen hat.

Das ist das Problem, dass dieser zweite Teil nahtlos anknüpft an den ersten und wer diesen nur noch vage präsent hat, der kommt hier ganz schnell ins Schleudern vor lauter Sortierversuchen, vor allem wer ist der Weinbauer, wer der Autohändler, wer hat die nationalistischen Vorurteile.

Gérard Martin (Didier Bourdon; der sich diesmal noch mehr einen Gag draus macht, anstatt zu sprechen mehr vernehmlich, aber undeutlich zu brummeln) ist Peugeot-Händler und reagiert allergisch insbesondere auf deutsche Autos, obwohl er selbst teils deutscher Abstammung ist.

Das ist erinnerlich, bei der ersten Ankunft im Protzschloss der Bouvier Sauvages erzürnt es ihn, lauter deutsche Luxuslimousinen davor geparkt zu sehen. Wer das im Hinterkopf hat, kann den Gag, wie er seinen bulligen Peugeot als Merces tarnt, gouttieren.

Die Hochzeit der beiden Kinder steht immer noch bevor. Die Eltern versprechen sich, dass sie diese ohne Probleme über die Bühne bringen wollen. Aber da ist dieses Restfitzelchen an Storyteig, der vom letzten Mal noch übrig geblieben ist, und so scheint es, den will Julien Hervé, Autor und Regisseur, jetzt bis zum letzten Körnchen auswalzen mit der Thematik des Nationalismus und der nationalistischen Vorurteile und der Komposition der Gene. Das kommt bemüht daher, es fehlt die Story dazu.

Bouvier Sauvage erfährt etwas von einem Cousin aus der Türkei und dann muss dem Autor auch für Martin was einfallen, das ist eine Cousine aus Algerien. Wenn die beiden Darsteller dann als ihr Cousin und Martin als Travestie-Cousine auf der Hochzeit tanzen, kann man sich gut vorstellen, dass die Schauspieler sich zuflüstern, Gottseidank haben wir das hinter uns gebracht.

One Night Only

Purge mit umgekehrten Vorzeichen

Die Reihe mit den Purge-Filmen hat Furore gemacht. Für eine Nacht werden alle moralischen Regeln in den USA ausgesetzt. Es gilt dann das oberste Gebot der Selbjustiz. Jeder darf, der irgendwie kann, wen er nicht mag, töten oder was auch immer, ohne dass er dafür zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Autor Travis Braun hat das Prinzip umgekehrt. In den USA – unter diesem Präsidenten, der längst zum Kriegspräsidenten mutiert ist und der von den Evangelikalen unterstützt wird, gelten strenge moralische Regeln für das Sexleben außerhalb der Ehe. Das ist strengstens verboten.

Aber, jetzt kommt die positive Ausnahme, der positive Purge, eine Nacht im Jahr ist Freisex-Nacht. Jeder darf mit jeder oder jede mit jedem. Homosexuelle Beziehen spielen keine Rolle, eine Lesbe meint, das Sexverbot habe für sie keine Geltung. Schönes heterosexuelles Amerika.

Der Film kommt wie ein One-Night-Stand daher; er ist gemacht wie ein Kondom: zur einmaligen Benutzung. Keine Beziehung, keine Tiefe. Er führt, in der Regie von Will Gluck, zwei Hauptfiguren ein.

Owen (Callum Turner) und Allie (Monica Barbaro). Beide stehen am Beginn der Nacht ohne Partner da. Das Schicksal führt sie nach dem ersten Zusammenprall immer wieder einander über den Weg. Es ist ein Film, der maximal konstruiert wirkt. Es ist ein Anbandelfilm.

Dazwischen gibt es ein Potpourri unterschiedlicher Anbandelmethoden. Die Intention ist bestimmt eine witzige. In der Nacht geht es turbulent zu und her. Die Konstruktion hat Methode.

Dem Film fällt immer wieder was ein, warum aus einer Anbandelung dann doch nichts wird und warum die beiden Protagonisten sich nochmal und nochmal und nochmal über den Weg laufen und sich wieder aus den Augen verlieren. Bis schließlich auch sie, fünf vor Ende der Nacht, den Wink des Schicksals kapieren.

Bemerkenswert an Alli: sie ist eine schüchterne Sängerin, die nur im Studio arbeitet. Dort ist sie zu erleben beim Einsingen einer Textschlaufe, die von Schuppenflechte handelt. Drogerie- oder Pharmawerbung.

Becoming Kim

Ein attraktiver Mann,

das ist Jeo No Rae, der Koreaner, blendend aussehend wie ein Filmstar, das ist ein enormes Pfund gerade für einen Dokumentarfilm, er ist initiativ, immer fällt ihm was ein, er hat Humor, ein verschmitztes Lächeln. Kein Wunder, dass die Filmemeacherin Susanne, wie sie ihn in Damaskus kennenlernt, sich verliebt. Sie war dort, weil ihr Vater für die DDR in Syrien Getreidemühlen baute. Er war dort, weil er die besten Rezepte für Falafel kennenlernen wollte. Sie heiraten, Tochter Hannah kommt bald. Aber er bleibt nicht bei der Familie. Jahre ist er unterwegs, macht diesen Job da, jenen Job dort.

Susanne bringt sich und ihre Tochter durch, arbeitet neben dem Filmemachen her, Concierge. Zu Beginn der Dreharbeiten ist Hannah 14, bildhübsch nicht minder als der Papa, schon der zweite starke Punkt für den Film.

Jeo No Rae ist zu der Zeit gerade in Korea, hat dort einen Hähnchengrill-Imbiss eröffnet, lebt bei seiner Mutter Sunja. Mutter und Tochter besuchen den abtrünnigen Vater in Korea. Koreanisch sprechen sie nicht; man verständigt sich auf Englisch oder mit Übersetzer.

Um nicht einen allzu ernsten Film zu machen, buntet die Regisseurin ihn mit Performance-Auftritten in absurd fleischlichen Kostümen auf. Auf die Frage, als welches Tier ihr Mann sie sehe, meint er ein Hippo, und schont füllt Susanne die Leinwand als Hippo (erinnert an die Ausstattung des neuen Jelinek-Stückes in Salzburg). Oder sie tanzt als gerupftes Huhn durch die grünen Felder Koreas oder mit Megaphon durch eine Markthalle mit Frauenforderungen.

Die Tochter ist nicht glücklich über diese Art von Familienleben. Sie könnte den Vater wohl gebrauchen, hätte ihn gebrauchen können, aber der war jahrelang weg. Er sieht die Probleme, er sieht den Wunsch seiner Frau, ihn in die Familie einzubauen. Aber er kann nicht, meint er. Und schon gar nicht in Deutschland leben. Dort sei er ein „invisible man“.

Nach dem Besuch von Frau und Kind in Korea gibt es tatsächlich einen Gegenbesuch des Vaters mit seiner Mutter in Deutschland. Auch Schloss Neuschwanstein wird besucht. Dort ist Jeo No Rae fasziniert von einem Souvenir-Automaten, der für drei Euro einen Null-Euro-Schein mit dem Bild von Neuschwanstein ausspukt.

Niemand ist glücklich über diese familiäre Konstellation, nicht die Elterngeneration, nicht die Beteiligten. So kommt Jeo No Rae nach Deutschland mit der guten Absicht, für seine Familie dazusein. Er nimmt einen Job an, was halt möglich ist, in einer Hühnerfabrik Kücken aussortieren.

In Deutschland starten die beiden einen paarthearpeutischen Versuch, in dem er zu verstehen gibt, dass es ihm schwer fällt, Gefühle auszudrücken. In Korea wurde offenbar, dass zwei seiner Brüder schon als Kinder gestorben sind; Vater war Alkoholiker und ist auch verstorben. Am Schluss des Filmes ist die Familie zusammen, aber es entsteht nicht der Eindruck, dass Jeo No Rae das lange durchziehen wird.

In diesem Film werden nicht nur prinzipielle Gräben des Themas Culture Clash sichtbar, auch die Rissigkeit des Gebildes Familie zeigt sich krass.

Go ahead, make my day.