René (DOK.fest)

Autonomie eines Autors auf der falschen Seite des Gesetzes

Es gibt Momente, da erinnert René um die Augen herum an Fassbinder. Das Verbindende: diese Unbestechlichkeit des Blickes, vermutlich aus tief verletzter Seele, Voraussetzung für radikale Autonomie. 

Ein Blick der einerseits wach, andererseits auch von einem tiefen Misstrauen den Menschen gegenüber geprägt ist (plausibel macht das Misstrauen der kaputte familiäre Hintergrund von René). 

Der Blick muss die tschechische Filmerin Helena Trestikova, der das DOK.fest München 2021 eine Hommage widmet, 1989 noch vor dem Fall der Mauer angezogen haben. Er ist ein jugendlicher Gefängnisinsasse. Über ihn macht sie einen Dokumentarfilm. Sie baut über einen Briefwechsel ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf. Der jungendliche Delinquent sollte sich für sie als Filmemacherin als Glücksgriff erweisen. Auch das ist Thema in dem Film von früh an, ob er nur ein Objekt sei für sie, für ihre Karriere; andererseits gibt es den Hinweis, dass auch er wiederum davon profitiert haben könnte, indem ihm die Protagonistenexistenz auch Lebenssinn gegeben haben kann. 

Die Autonomie von Renés Denken und Handeln äußert sich zuerst in wirtschaftlicher Hinsicht. Er sieht es nicht ein, einen Deppenjob zu machen, bloß um sich seinen Lebensunterhalt und kleinere Annehmlichkeiten leisten zu können. Das heißt nicht, dass er das ganz große Rad drehen muss. Aber mit Diebstählen, Wohnungs- und Autoeinbrüchen ist das Leben leichter zu bewältigen. 

So beginnt eine zukunftsträchtige Knastkarriere und für Trestikova ein Projekt über fast 20 Jahre. Diese Knastkarriere wiederum steht durchaus auch, so viel lässt René durchblicken, in Wechselwirkung zur Dokumentation. 

Im Knast liest René viel, fängt an zu schreiben, wird zum Autor; aber ein Leben als freier, selbstverantwortlicher Bürger kann er da nicht lernen, wie denn auch; er sieht sich nicht als nützliches Mitglied der Gemeinschaft; ein Gedanke, mit dem er hohe Gemeinschaftskompetenz zu verstehen gibt, wohl höher als von vielen nützlichen Idioten in der Gesellschaft. Womit der Film die Frage aufwirft, wie weit denn Gefängnisstrafen hilfreich sind, sowohl für die Straftäter als auch für das Gemeinwesen. 

Die Geschichte der Tschechoslowakei und die Aufteilung in Tschechien und die Slowakei nach der Wende wird in immer neuen Vereidigungen von Staatspräsidenten übers Fernsehen eingespielt.

Skies above Hebron (DOK.fest)

Unruheherd Naher Osten 

Explosive Region. Und mitten drin Israel und Palästina ineinander verkeilt wie zwei Ringer im Stillstand, wobei die Palästinenser im eisernen Griff der Israelis wie in einem Gefängnis fixiert sind. 

Korrupte Regierungen allerorten, in Israel, in Palästina. Innenansicht aus diesem Gefängnis, aus Hebron. Überall hochgerüstete israelische Soldaten auf der einen Seite der stacheldrahtbewehrten Grenze, Buben und junge Männer, die Steine werfen auf der anderen Seite und hier ein Kamermann, der offenbar ungeschoren davonkommt, der sogar möglicherweise aggressionsmildernd auf das israelische Militär wirkt, wie ein Bub zu verstehen gibt. 

Eingekreist von völkerrechtswidrig errichteten Siedlungen, die sich breit machen, ein Bruchteil der Einwohnerzahl von Hebron. Buben werden früh zu Kämpfern, züchten Tauben, geben den israelischen Soldaten Kontra oder filmen alles, was sie vor die Kamera bekommen, um Beweise zu sammeln. 

Ein merkwürdig intimes Verhältnis, was sich zwischen den Buben und dem Feind entwickelt. Einschüchtern lassen sie sich nicht. Den Tod lernen sie früh kennen, haben keine Angst davor. Was ist so ein ärmliches Leben schon wert. Fasching bei den Siedlern. Den filmt dann wiederum der Bub vom benachbarten Dach aus. 

Palästinenser und Israelis sind sich in so einer Siedlung so nah wie ein Ehepaar im Bett. Ehen können ganz schön tot sein. Ausbildung der Buben auf der Straße: Soldaten anmachen, Steine werfen, filmen, revolutionäre Parolen brüllen und im richtigen Momen weglaufen, allenfalls Märtyrer werden. 

Zuhause: Tauben züchten und töten oder Wasserpfeife rauchen und politisieren oder TV. Mit 14 ist der Bub längst ein Mann und kann von den Israelis eingekerkert werden. 

Der Film spannt sich von 2016 bis 2020. Da ist die Familie aus dieser Grenznähe weggezogen. 

Und der Westen? Der hält sich raus, der schießt allen Parteien Geld zu, liefert überallhin Rüstung; Wenn es ums Geld geht, ist ihm Demokratie nicht so wichtig. Der Westen scheut vor Konsequenzen bei offensichtlichem Völkerrechtsbruch zurück; Geschäft steht generell über Recht und Demokratie. 

Belonging (DOK.fest)

Aus Sümpfen hob sich eine neue Welt …

Die Wojwodina

Unter Maria-Theresia sind anfangs letzten Jahrhunderts Umsiedlungen von Deutschen an die Donau propagiert worden; Sümpfe wurden trocken gelegt; diese deutschen Siedler wurden die Donauschwaben genannt. 

Jetzt, hundert Jahre später, gibt es dort noch etwa viertausend ursprünglich Deutsche, eine Minderheit in Serbien. 

Tea Lukac lässt in ihrem von schwermütiger Musik getragenen Abreißkalenderblattfilm Nachkommen dieser Besiedler erzählen, Menschen die im zweiten Weltkrieg noch Kinder waren, die die brutale und wechselvolle Geschichte dieser heutigen Minderheit erlebt hatten oder aus Erzählungen kennen. 

Es ist wie eine feine Handarbeit. Prima gearbeitet Bilder, die immer nur Standbilder sind oder bearbeitete Fotografien füllen die breite Leinwand, oft sind es Bilder, die wie Trauerkärtchen Halme und leere Äste, Felder und Raureif zeigen oder es sind Ansichten aus der Blütezeit der Donauschwaben mit ihren grundgenormten, aber indiviuell unterschiedenen, stattlichen Bürgerhäusern oder dann melancholische Zerfallsbilder von Ruinen oder von Vorfahren, die begeisterte Flieger waren (zu riskant, um eine Familie zu gründen). 

Ein breiter Schwarzstreifen unter den Fotos ist für die exzellent lesbaren Untertitel freigehalten. Die Erzählstimmen berichten von den grauenhaften Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg, wie die Deutschen in Serbien plötzlich die Bösen, die Verfolgten waren, enteignet, in Lager gedrängt, vergewaltigt, massakriert. Wie nach dem Krieg keiner mehr ein Deutscher sein wollte und aus Deutschen plötlzich ungarischstämmige Leute wurden. Wie plötzlich klar war, dass auch die Serben als solche nicht die besseren Menschen seien. 

Der Film wird somit in der Art eines illustrierten Hörspiels zum meditativ-engagierten Plädoyer gegen jede Art von Nationalismus.

Downstream Kinshasa – En Route pour le Milliard (DOK.fest)

Kongoflussfahrt

Ein Road-, besser: ein Rivermovie. Eine Reisegesellschaft auf einer einfachen Fähre ist stromabwärts unterwegs. Gegen Regen muss man sich mit improvisierten Planen schützen. Es kann stark schütten. 

Die Passagiere sitzen dicht an dicht, haben ihre eigenen Kochgelegenheiten, ihren eigenen Proviant dabei. Die Reise dient nicht dem Abenteuer. So abenteuerlich die Bilder anmuten mögen. Die Reisegesellschaft ist eine Theatergruppe. Eine Selbsthilfegruppe. 

Es sind Menschen mit fehlenden Beinen, fehlenden Armen. Die Folgen eines 6-Tage-Krieges in Kisangani vor 20 Jahren. Immerhin haben sie überlebt, liegen nicht in einem der Massengräber. 

Das Ziel der Reise ist Kinshasa, ist Gerechtigkeit, ist Anerkennung und Schadenersatz. Sie haben ein Theaterstück, das sich auf unseren Bühnen nicht schämen müsste, eingeübt, ein Stück, was aus tiefer Seele kommt, ein Stück über die Entwertung verstümmelter Menschen. Sie wollen auf ihr vergessenes Schicksal aufmerksam machen. Sie haben es so schon schwer. Nicht nur wegen mangelhafter Prothesen. Sie erzählen, wie sie in den eigenen Familien schikaniert und diskriminiert werden für ihr Behinderung. Auf dem Schiff üben sie chorische Szenen, Musiknummern. 

Der Film von Dieudo Hamadi legt sein Augenmerk ganz auf die Gruppe, auf die Menschen, er vergeudet keine Energie damit, sich in der kongolesischen Flusslandschaft zu ergehen. Er ist mitten drin in dem dichten Gewühl auf dem Schiff, das ja auch voll ist mit Reisegepäck und mehr als überfüllt wirkt. Er ist dabei mit dem Auge des Einheimischen und nicht des afrikasehnsüchtigen Europäers. Er sieht sich in der Position des Frontreporters. 

Heftiger Wind kann zu einem aufregenden Tanz der überall schützend aufgespannten Planen führen. Und drunter drängeln sich die Menschen, versuchen die Teile vorm Davonfliegen abzuhalten, richtiggehend dramatisch kann das werden. 

Hauptfigur und Kopf der Aktion scheint „Mama“ zu seine, eine Frau, die mit zwei Beinprothesen sich durchs Leben kämpft. Alle nennen sie nur Mama. Aber irgendwie scheint es auch, dass alle Frauen Mama genannt werden.

Die Forderung der Gruppe beruht auf Versprechen, die ihnen Politiker gegeben haben schon vor 20 Jahren und die nie erfüllt wurden. Denn In Kisangani haben damals Armeen aus Uganda und Ruanda, unterstützt von kongolesischen Politikern gekämpft. Der Zeitpunkt der Reise wurde von der Gruppe so gewählt, dass er mitten in den kongolesischen Wahlkampf fällt; denn es gibt Kandidaten, die ihre Hände nicht in Unschuld waschen. 

Der Film ist eine beachtliche Mischung aus hochdramatisch und nachdenklich-reflexiv. Und es gibt Szenen, da ist man froh, dass die Doku-Kamera sichtbar dabei ist, weil sie sonst eskaliert wären. Insofern ist der Film selbst ein Mittel, auf die Situation dieser Menschen, die mit ihren Verstümmelungen allein gelassen wurden, aufmerksam zu machen.

The Wire (DOK.fest)


Kupa-River

– necessary evil – explosive Region

Hier könnte man einmal mehr über die Sinnhaftigkeit von Grenzzäunen und Mauern nachdenken, die immer wieder neu aufgebaut werden, ob die je was gebracht haben? Die chinesische Mauer, die Berliner Mauer, der eiserne Vorhang. Alle sind sie irgendwann obsolet geworden, dauerhafte Prosperität hat keine gebracht. Aber während ihrer Existenz erschweren und belasten sie die Menschen enorm, spielen Schicksal, trennen Familien, Freunde, Nationen, Ländern, Völker. 

Hier im Film von Tiha K. Gudac geht es um einen Grenzzaun entlang dem idyllischen Flüßchen Kupa, das Slowenien von Kroatien trennt. 

Vorher haben die Menschen der beiden Seiten friedlich zusammengelebt, haben sich ausgetauscht, grenzübergreifend Kinder gezeugt, gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Die machen sie heute noch, eine Sportveranstaltung am idyllischen Flüsschen. Aber der Tourismus leidet.

Dummerweise liegt die Kupa an einer Flüchtlingsroute, an der Balkanroute der Immigranten aus Afghanistan, Syrien, der Türkei, Afrika in Richtung gelobtes Europa, diese Grenze von Kroatien aus überwinden und man hat das Paradies erreicht. 

Die Anwohner bekommen das zu spüren. Denn die Flüchtlinge brauchen Essen, Obdach auf ihren illegalen Wegen und sie nehmen sich, was sie greifen können. Nach der Grenzüberquerung geht es duch den „Dschungel“, dicht bewaldetes Berggebiet mit Wildtieren und einer grauenhaften Geschichte am Ende des zweiten Weltkrieges. 

Tiha K. Gudac beobachtet diese Gebiet, wie die Menschen mit der Grenze umgehen, wie es für sie schwierig wird, ins andere Land zu wechseln oder an den Fluss zu gelangen. Über den schönen Landschaftsbildern lässt Gudac einen Flüchting erzählen, der hier oft schon unterwegs war und immer wieder aufgegabelt wurde. Grad Gutes erzählt er nicht über die kroatische Grenzpolizei. Andererseits entwickeln sich immer auch Hilfsmaschinerien, wie eine Aktivistin erzählt. 

Kimmapiiyitssini: The Meaning of Empathy (DOK.fest)

Dr. Astrid Talifeathers

ist Ärztin bei den Kaina im größten Reservat Kanadas in der Provinz Alberta. Diese Gemeinschaft ist besonders gebeutelt von Drogen- und Alkoholsucht. Kaum ein Mitglied, das nicht Verwandte oder Freunde viel zu früh verloren hat. Besonders seit 2014, seit neue, künstliche Opiate auf den Markt gekommen sind mit verheerenden Wirkungen; viel zu schnell ist hier die Überdosis erreicht (siehe auch Lost Boys). So stirbt der Gemeinschaft ein Teil einer Generation weg, verliert Power; die Tode reißen eine schmerzliche Lücke. 

Dr. Talifeathers hat sich ganz diesem Problem gewidmet und versucht, neue Wege zu gehen, Alternativen zum Radikalentzug, die anfangs vom Staat Alberta auch gefördert wurden. Allerdings seien nach Drehschluss manche Programme wieder gestrichen worden, worauf die Zahl der Drogentoten in Alberta sprunghaft angestiegen sei; was indirekt für die Arbeit von Dr. Talifeathers spricht.

Elle-Máijá Talifeathers ist die Tochter der Ärztin und Regisseurin und Autorin dieses herausragenden Dokumentarfilmes. Hier geht es allerdings nicht um einen Mutter-Tochter-Konflikt, das gibt das Verhältnis nicht her; im Gegenteil, die Tochter begleitet und beobachtet die Mutter, deren Patienten, Unterstützer, Mitarbeiter, überhaupt all die Beteiligten an den Hilfsprogrammen sehr genau als integrierter Teil des menschlichen Geflechtes, selber schier besorgt um die Kranken, die Mutter bewundernd, ohne in blinde Verehrung zu verfallen. 

Es geht um achtsamen Respekt unter den Menschen. Dieses persönliche Verhältnis führt dazu, dass die „Talking Heads“, die oft in Dokumentarfilmen Ersatzleistungen für mangelndes Bildmanagement erbringen müssen, Teil der spannenden Geschichte des Filmes werden; auch weil die Filmemacherin die richtigen Fragen stellt; dies wiederum, weil sie die Materie von innen kennt und die Haltung ihrer Mutter als einer Frontzeugin mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben scheit, das sind Respekt, Interesse, Behandlung der Menschen auf Augenhöhe, so wird oft schon zur Begrüßung eines Patienten gesagt, man sei so froh, dass er den Weg hierher gefunden habe. 

Ein ungewöhnlich persönlicher und gleichzeitig weit über das Privat-Regionale hinausweisender Dokumentarfilm. Dabei vergisst die Filmemacherin die Schönheiten Albertas nicht, die Wälder, Flüsse, Weiden, die Hochebenen mit den pittoresken Bergketten im Hintergrund, vergisst gleichzeitig nicht, die Leidensgeschichte der Kaina durch die kanadische Staatsbildung, die Missbrauchsgeschichten und die Umerziehung der Jugend in den Internaten. 

Borderlands (DOK.fest)

Liebliche Gegend 

Manipur, Westbengalen, Bangladesh, Indien, Myanmar, Nepal, Punjab, Pakistan, Rajastan, das sind Namen, die auf einer weich eingefärbten, ziemlich abstrakten Landkarte, die kaum mehr als Pergamentpapier ist, am Anfang des Filmes von Samarth Mahajan auftauchen. Dazwischen gibt es dunkel-dünn eingezeichnete Grenzlinien. 

Es ist eine liebliche Gegend, eine weiche Gegend mit lauter herzlichen, glücklichen Menschen. Wenn da nicht die große Politik wäre, die weit in die Kolonialzeit zurückreicht und die aus egoistischen Interessen Konflikte schürt, so dass ein Teil sich vom anderen abgrenzen muss. 

So wird aus der lieblichen Gegend eine Grenzgegend. Aus der kommt der junge Filmemacher Samarth Mahajan her. Und es ist nicht das schlechteste, am Anfang einer Laufbahn als Filmemacher, sich zunächst mit dem zu beschäftigen, was einen umgibt. 

Mit der Bescheidung im Titel auf die Region, in der sein Film sich umsieht, werden auch keine falschen Versprechungen abgegeben, im Gegenteil, es ist Raum für charmante Überraschungen, für viel Menschliches und Menschlichkeit vor dem Hintergrund des Gegenteils. 

Unverhofft oder intuitiv kommt Mahajan sogar seiner Mutter näher und kann ihr Themen (auch politische) entlocken, an die er früher offenbar nie gedacht hat. Der Filmemacher, den er porträtiert, ist vermutlich einer seiner Lehrer gewesen, so ist auch hier ein doppelter Bezugspunkt: die Liebe zum Kino kommt zu Wort, diejenige zu einem regional engagierten Kino, und gleichzeitig die Wertschätzung für einen glaubwürdigen Kinomenschen (und dazu noch die Referenz auf den View Master). 

Mehr mit den grässlichen Grenzziehungen zu tun hat eine junge Frau, die selber verkauft worden ist, sie passt an der Grenze auf, dass keine jungen Frauen über die Grenze geschmuggelt werden; sie arbeitet für die Kampagne zur Beendigung des Menschenhandels. 

Eine andere junge Frau, die ebenso ein Opfer war, ist in einem Mädchenheim und berichtet freimütig, wenn auch etwas genant, worauf Mahajan sensibel Rücksicht nimmt. 

Oder die Frau, die zurückgeblieben ist, während ihr Mann über die Grenze ging. Hier ist ein Highlight, wie einmal im Jahr Begegnungen an der Grenze möglich sind und auch ein kleiner Bazar. Absurd, komisch und furchtbar zugleich. In jedem Moment erinnert man sich an Mauerbau durch Deutschland oder zwischen Israel und Palästina. Köstlich, wie eine junge Frau dem Filmemacher ihren neuen Beruf als Krankenschwester in einer Szene vorspielen will, wobei sie gleich den Filmemacher als Akteur mit einspannt. 

So eine filmische Erzählung aus einer schwierigen Weltgegend, die fließt runter wie exquisites Öl. 

The Silence (DOK.fest)

Jahrhundertplanung.

Die katholische Kirche plant in einer Größenordnung von Jahrhunderten, ihre Zukunft liegt in Lateinamerika, Afrika, den Philippinen, meint ein intellektuelles Talking Head in diesem Anklagefilm von Renée Blanchard, was interessieren die katholische Kirche da längst vergangene Missbrauchsfälle in der kleinen Provinz New Brunswick in Canada mit pädophilen Priestern, die nicht nur in Sommercamps die ihnen anvertrauten Buben skrupellos aufs übelste missbraucht haben. 

Das ist vielleicht das zynische Fazit über die Wirksamkeit eines solchen Filmes. Hier kommen zwar einige der Opfer zu Wort; und es fällt ihnen inzwischen nicht mehr ganz so schwer über den Missbrauch zu reden, nachdem vor einigen Jahren das jahrzehntelang lastende Schweigen endlich gebrochen wurde. 

Aber die Lage ist verfahren. Viele der Opfer haben Selbstmord begangen, viele der Priester sind tot, vor allem der Hauptangeklagte, nach dem sogar eine Sportarena benannt worden war. Ratzinger hat sich bei seinem Kanadabesuch routiniert entschuldigt; viele Fälle hat die Kirche gegen Geld erledigt und einige Standhafte haben den mühseligen Weg vor Gericht gewagt, wo die Kirche es offenbar erfolgreich schafft, auf Zeit zu spielen. 

Es gibt also mehrere Angeklagte in diesem Film, die meisten sind tot; die einzige, die noch zur Verantwortung gezogen werden könnte, ist die katholische Kirche. Die aber bewegt sich nicht einen Millimeter in Richtung Abschaffung des Zölibats, Anerkennung von homosexuellen Beziehungen. Für sie sind das Modeforderungen aus Ländern, die in ihrer Jahrhundertplanung keine Bedeutung haben. 

Ther’s no Place like this Place, Anyplace

A box in the hole.

Große Zeremonie in Toronto auf einer Baustelle: Bürgermeister, Bauherren, ehemalige Bewohner des Quartiers, Nachbarn wohnen der Versenkung einer Kiste im Fundament der Überbauung bei. In der Kiste sind ihre Namen. Die sollen in hundert Jahren daran erinnern, dass sie hier mal gewohnt haben, dass es ein Kultquartier war mit dem Billig-Warenhaus und Flachbau „Honest Ed“, das Generationen von Einwanderern als erstes kennengelernt haben, mit einer kleinen Straße daneben, in der Künstler wohnten. 

Die Langzeitbeobachtung dieser Gentrifizierung stammt von Lulu Wei, die mit ihrer Freundin Kathleen selber betroffen ist und sich nach einer neuen Wohnung umsehen muss. Auch der Ungar Gabor Mezei, ein Maler mit einer Galerie und einem Atelier, muss raus, ebenso die Seele des Quartiers, die Buchhändlerin Itah Sadu. Sie kann ihren Laden allerdings direkt gegenüber wieder aufmachen und dem Quartier ein Stück Begegnungszentrum retten. 

Nicht alle Anwohner haben verkauft. Die kleinen Resthäuser sind in die Überbauung mit Wohnhochhäusern integriert. Gentrifizierung kommt in diesem Film nicht als ein rein böses Gespenst daher. 

Die Filmemacherin lässt alle Seiten zu Wort kommen, den Verkäufer, der Sohn des Gründers des Warenhauses, genauso wie die Bauherren und Architekten, die Verantwortlichen von der Stadt, die Aktivisten. 

Dass Wohnraum geschafft werden muss, da sind alle einer Meinung, dass er bezahlbar sein muss, auch, aber unter bezahlbar versteht nicht jeder dasselbe. 

Es scheint sich in langwierigen Auseinandersetzungen eine Art Münchner Modell entwickelt zu haben, also eine Mischung aus bezahlbar und teuer. Es scheint auch Einigkeit zu herrschen, dass Städte sich entwickeln müssen, aber auch die Meinung, dass dass sozial- und bewohnerverträglich geschehen soll, wird stärker beachtet. Jedenfalls sind manche der Beteiligten am Schluss positiv überrascht, was erreicht worden ist. Bezogen werden sollen die Häuser dieses oder nächstes Jahr. Der ironische Song überm Abspann: „Dig a hole“. 

The Ark (DOK.fest)

China Close-Up.

Oder auch: Covid Close-Up insofern, als Dan Wei seinen beklemmenden schwarz-weiß Dokumentarfilm zur Zeit des Ausbruchs der Pandemie in China gedreht hat. Insofern, als die Patientin im Mittelpunkt des Interesses, die 76-jährige Zhang Xiuhua, in einem Spitalbett liegt und künstlichen Sauerstoff erhält und auch sonst an Schläuche angeschlossen ist. 

Im ersten Moment denkt man noch, aha, eine smart-gediengene Kameraübung in Schwarz-Weiß, weil Dan Wei unter Dokumentation zuerst versteht, die Kamera drauf zu halten und nah ran zu gehen, nah ran an das zerfurchte Gesicht, an die Schläuche, an den Körper, an die Haut, an die Poren oder auch an Röntgenbilder, nah ran bis an die Schmerzgrenze wird sich bald herausstellen, auch mit dem Ton, nicht das Röcheln, das schon nah am Todesröcheln ist, ausblenden, keine vorauseilende Selbstzensur dem Zuschauer gegenüber ausüben. 

Dokumentation heißt hier, konsequent draufhalten, auf das, was zu sehen ist, sich der Härte der Dinge und der Dramen, die in einem Spitalzimmer ablaufen können, nicht verweigern, mitten drin dabei sein und bleiben. Das geht wohl nur mit Handykamera. So fängt sie dramatische Geschichten ein, die sich um das Krankenbett abspielen. 

Söhne und Töchter kümmern sich liebend um die Mutter, sie versuchen Tag und Nacht bei ihr zu sein. Für unsere Verhältnisse wirkt es ungewöhnlich, wenn hinter dem Krankenbett auf dem Weg in den OP-Saal ein ganzer Pulk von Familie hinterherdrängt. 

Dan Wei hat sein Material verblüffend leicht montiert, hat mit Schwarzbildern, die austesten, wie lange sie sein können zwischen Kapiteln oder Abschnitten, den Film geordnet, hat ihm so einen tragenden Rhythmus verschafft. 

Am Krankenbett oder im Flur davor entspannen sich Gespräche, die einen Einblick in die Lebenswelt der Nachkommenschaft geben, wie krank doch das Land sei, ist zu hören, über Korruptionsfälle wird geredet, wie doch der Sohn von einem Funktionär auffällig viel Geld habe, die Einkindpolitik wird verhandelt und die Folgen auf das Rentensystem (Mutter Zhang Xiuhua hat zwei Söhne und drei Töchter); es geht um die Bezahlung der Behandlungskosten und ob man Klinik und Arzt wechseln wolle. 

Es zeigt sich ein tiefer Spalt in der Familie zum Thema Religion, ein Teil ist christlich; das wird virulent beim Anblick eines Bildes, das die Arche Noah darstellt; daher rührt auch der Titel (Ark gleich Arche) dieser dichten Dokumenation, die an die Nieren gehen kann. 

Im Hintergrund gibt es gelegentlich Medienberichte über Corona und Leute, die unstimmige Gerüchte darüber veröffentlicht hätten. Das kennen wir inzwischen auch. 

Go ahead, make my day.