Mäuschendoku.

Eine Mäuschendoku ist für mich die einfachste Art der Dokumentation, die auch kaum Recherche oder anderweitige Vorbereitung braucht. Der Dokumentarist und sein Team sind bei einer Person, einer Familie, einem Verein, bei einer Institution, bei einer Organisation einfach da und halten die Kamera und den Tonarm drauf, allenfalls werden die Protagonisten mit Mikros „verkabelt“. Den Film müssen die Macher dann im Schneideraum herstellen.

Jörg Adolph, der mit Ralf Bücheler und mit seinem zuverlässigen Kameramann Daniel Schönauer diesen Film realisiert, hat das schon in Die große Passion ausprobiert, einer Mäuschendoku über die Oberammergauer Passionsfestspiele. Der Film ist damals viel zu lang geworden. Es schien Adolph ein Problem, das Loslassen können, das auf Schnipsel verzichten können.

Hier dokumentiert er nun selbst eine Institution, die das Loslassen gestressten Eltern beibringen möchte. Er war in Gelsenkirchen unterwegs in der Kinder- und Jungendklinik, in der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“. Sein Protagonist ist Dietmar Langer, der hier schon über dreißig Jahre lang „gestörte Familien“ behandelt. Die ältesten Patienten-Videos im Film datieren von 1992.

Weitere Protagonisten stammen aus dem Betreuungsteam und einer Gruppe von „Patienten“, vorwiegend Mütter mit Kindern mit Ess- und Schlafstörungen und dergleichen.

So eine Doku wird selbstverständlich immer auch zum Werbeträger für die Institution. Denn aus einiger Distanz, das war absehbar, wird es die Fragen zur Behandlung geben und die Mütter können diese nicht genügend rühmen, dass sie jetzt wieder schlafen können, dass das Kind wieder isst.

Aber auch hier hat Adolph Mühe, seine immenses Material in einen kinotauglichen Spannungsbogen zu montieren. Er greift auf die unsägliche Ineinanderverzopferei mehrerer Fälle zurück. Nie bleibt genug Zeit, einen Vorgang genau zu betrachten, sich in einen Fall hineinzudenken. Das dürfte dem mitproduzierenden Fernsehen geschuldet sein.

An einer Stelle streckt ein Junge der Kamera die Zunge heraus und zeigt den Stinkefinger. Gag oder ernsthaftes Alarmsignal? Ich weiß nicht, ob ich als Kind in so einer schwierigen Lebensphase, denn es geht um existentielle Kämpfe, sich durchsetzen, die Dinge selbst in Griff nehmen oder sich verwöhnen lassen, ob ich als Kind in so einer Situation hätte gefilmt werden wollen zu mehr als nur zum Zwecke der Behandlung und zur Evaluierung des Behandlungserfolges. Das scheint mir eine höchst problematische Seite dieser Doku zu sein, diese unfreiwillige Mitwirkung der Kinder.

Langer hat zweifellos ein paar zwischenmenschliche Mechanismen zwischen Eltern und Kindern gut beschrieben und nutzt das therapeutisch aus.

Allerdings hat die Mäuschendoku den Nachteil, dass man kaum etwas erfährt über den Hintergrund der Familien. In einem Fall ist klar, dass es Flüchtlinge aus Mazedonien sind. In einem anderen Fall kann die Überforderung der Mutter mit dem unregelmäßigen Schichtdienst in Zusammenhang vermutet werden. Womit wir auf die ökonomischen Ursachen kämen: in wie vielen Familien müssen heute Mutter und Vater arbeiten, teils mit mehr als einem Job, allein um Wohnung, Kleidung und Essen bezahlen zu können? Dass Kinder und deren Beziehung zu den Eltern unter solchem Erwerbsstress leiden, ist nicht verwunderlich.

Die Mäuschendoku will Werbung für die Methode von Langer machen statt ökonomische Probleme zu ergründen, den Schaden des Kapitalismus auf die Menschlichkeit. Da wäre es wenigstens ein Zeichen von Rückhalt, im Abspann – über den eine nette Labyrinth-Szene gelegt wird – Details über die Klinik, Kosten, Adresse etc. bekannt zu geben. Wenn schon Werbefilm, dann bittschön richtig.

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Vom Traum biblischer Urväter.

Oder: Fortpflanzungswunschträume verhaltener Frau über sieben Ecken mit strenger Bildkomposition und mit literarischem Ablenkungsinteresse verbrämt zu einem anständigen, harmonischem Bildbogen verhäkelt.

Ähnliches hat Sophie Coppola schon mal versucht mit Die Verführten. Das war fürs städtische Kunstgewerbemuseum, während es hier Marine Francen (unter Drehbuchmitarbeit von Jacques Fieschi und Jacqueline Surchat nach dem Roman von Violette Allhaud) eher ins Museum einfacher Bauernmalerei, etwas more sophisticated in Richtung Segantini vielleicht, praktiziert.

Die strengen Bildkompositionen im fast quadratischen Format vermögen zu fesseln. Sie lassen aber immer auch den Stickrahmen drumherum mitdenken.

Der Film beginnt 1851 mit der Machtübernahme Napoleons. Alle Männer, die demokratisch und revolutionär denken, werden gefangengenommen und verschleppt. In dem Bergdorf, in dem der Film spielt, bleiben nur Frauen zurück und kleine Kinder.

Wie soll sich so ein Dorf fortpflanzen? Die Ernte, das Mähen des Getreides, das schaffen die Frauen schon. Sie sind malerisch schön mit langen Röcken und gut sitzenden Oberteilen bekleidet, bildschön frisiert.

Wie die Fotografie sowieso auf Fotografie angelegt ist. Immer harmonisch und mittig ausgerichtet. Was die Strenge einer Arbeitsschullehrerin vermittelt.

Die Frauen trauen sich nicht ins Tal hinunter aus Angst, belangt zu werden. Insofern wissen sie nicht Bescheid über den Weltenlauf. Es gibt noch kein Radio, kein Telefon.

Die einzige im Dorf, die lesen kann ist, Violette (Pauline Buriet). Sie ist die einzige von den jungen Frauen, die noch Jungfrau ist. Nach vielen Gesprächen, Küchen- und Feldarbeiten und einer Schulstunde, in der Violette den Kindern die Buchstaben beibringt, taucht nach etwa einer Filmstunde als Silhouette ein Mann auf.

Ein Mann, ein Mann. Die Frauen haben sich aus Zukunftssorge verabredet, sollte ein solcher je wieder auftauchen, dann solle er möglichst viele Kinder zeugen. Sie haben das in weniger eindeutigen Worten gesagt.

Ein Mann, ein Mann (und nun grad gar kein besonders attraktiver). Er geht direkt auf Violette zu. Sie kümmert sich um ihn, die Frauen sind froh, dass überhaupt einer da ist. Die Natur besorgt den Rest zwischen Violette und Jean (Alban Lenoir), nachdem noch die Begriffe Voltaire und Victor Hugo gefallen sind – als Stimulantien?

Die anderen Frauen werden missmutig und erinnern Violette an die Verabredung. Sie ist bereits schwanger und er war nur mit ihr zugange. Aber sie hält sich an die Verabredung. Jean darf seines Amtes walten. Er darf sich abendlich mit einer anderen Frau verabreden.

Doch die Filmemacherin möchte es mit den schwangeren Bäuchen in Grenzen halten. Pars pro toto. Noch eine läuft rundlicher rum. Wie ich aus dem Kino kam, sind mir drei Frauen mit ebensolchen Bäuchlein wie im Film und die nebeneinanderher gingen, entgegengekommen; träum ich oder bin ich noch im Kino?

Sonst gibt es diese Geschichten im Alten Testament, wie die Alten ihre Stämme gegründet haben.

Die deutschen Untertitel sind ärgerlich fehlerhaft, von einem Mädchen, das zwar lesen, aber nicht richtig Deutsch schreiben kann?

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Mensch und Institution.

Eine Reihe von am losen Faden eines Ortes und zweier Begebenheiten aneinandergereihten, prägnanten Sketchen erzählt von den Dauerdiskrepanzen zwischen Mensch und Institution (hier eine Schule).

Oder: wie aus einer Maus ein Elefant gemacht wird (das ist der kaputte Kaffeeautomat) und wie ein Toter, das ist ja ein existentiell einschneidendes Ereignis, der Tod, trotz aller Organisation und Organisationen nicht zu wegzubewegen ist.

Judy Greer hat diese unterhaltsamen Szenen, die alle in einer austauschbaren Gegend und Institution stattfinden, nach dem Buch von Gary Lundy inszeniert. Sie hat prima Kinderdarsteller, die köstlich in einem Erwachsenenmodus handeln und prima Profis für die Erwachsenenrollen: Jennifer Garner, Katie Holmes, Allison Jeanney, Bradley Whitford, Nat Faxon, Maria Sokoloff, John Cho, Rob Rigle, Anders Holm, Common, Kumail Nanjiani, Storm Reid, Mary Birdsong, Al Madrigal.

Am Anfang des Tages finden zwei Lehrkräfte den toten Gärtner Kevin vor der Schule. Den Anblick möchten sie den Kindern ersparen. Sie schleppen die Leiche ins Lehrerzimmer. Aber die herbeigerufenen Nothelfer sind für Tote nicht zuständig.

Parallel wird am Kaffeeautomat ein Sabotageakt entdeckt. Das ruft die Polizei auf den Plan samt Absperrband. Großes Entsetzen unter den Angestellten, was gibt es Wichtigeres als den morgendlichen Kaffee.

Die Szenen drehen sich um erste zarte Liebe, Diskriminierung wegen Brille, Seitensprung mit Sekretärin (und Herausforderung durch deren Gatten), den Frust des Musiklehrers, den die Mutter wieder rausgeschmißen hat, den Sinn des Lebens und die Suche nach dem Resthumanismus, die ewige Diskrepanz zwischen menschlicher Privatregung und den Anforderungen der Struktur der Organisation, der Push-Test mit dem Neuling in der Schule und dass es nicht sein kann, dass ein Gärtner Kevin heißt und dass es in der Stadt gleich vier Kevins gibt, die Gärtner sind und noch dazu, dass alle am Leben sind, wo doch einer als Leiche im Lehrerzimmer liegt.

Da könnte sich manch deutscher Film ein Beispiel nehmen, der ebenfalls einen Film über Alltagsprobleme machen will, wie sorgfältig hier Story und Figuren entworfen und entwickelt worden sind, gemäß dem Comedy-Format. Aber auch da muss eine Figur Hand und Fuß – und Kopf und Seele haben. Hier haben sie es.

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Venedig im Nebel.

Daniel (Daniel Auteuil) und Patrick (Gérard Depardieu) sind lebenslang dickste Freunde. Die Ehefrauen gehören dazu, bei Daniel ist es Isabelle (Sandrine Kiberlain), die von Patrick kommt nicht vor im Film, denn Patrick hat wie aus heiterem Himmel seine Gattin verlassen und ist total verliebt in Emma (Adriana Ugarte).

Da aber die Gattin von Patrick, Laurence, die dickste Freundin von Isabelle ist, tut sie sich sichtlich schwer, diese neue Beziehung zu akzeptieren, denn für die Freundin war das ein Schock und das hat sie in eine tiefe Krise gestürzt.

Die Exposition des Filmes beginnt mit einem zufälligen Treffen von Patrick und Daniel. Patrick möchte, dass auch sein Freund und dessen Frau von seiner neuen Flamme etwas mitbekommen. Er suggeriert Daniel, sie beide zum Essen einzuladen.

Da macht Auteuil eine große Nummer draus, wie er nicht fähig ist, das abzulehnen, obwohl er weiß, dass sein Frau mit dieser Emma rein gar nichts zu tun haben möchte, und vor allem, wie Daniel es Isabelle beizubringen versucht. Ein Mann, der kein grades Wort herausbringt, der rumdruckst mit der Wahrheit. Ein Held des Unheldenhaften.

Daniel Auteil hat selbst die Regie übernommen nach Buch und Drehbuch von Florian Zeller, der sich auch hier wieder menschenfreundlich und schnurrenhaft der Marotten älterer Herren annimmt, wie schon in Nur eine Stunde Ruhe.

Die Einladung der Neuverliebten mit seiner Flamme kommt nach einigen Hindernissen mit dem Nicht-offen-reden-Können zustande. Als Hypothek hängt über dem Dinner der ausdrückliche Wunsch von Patrick, nicht nach dem Kennenlernen der beiden zu fragen.

Isabelle versucht, die Contenance zu wahren. Daniel ist zusehends selbst fasziniert von der Schönheit im roten Kleid, die mit einer gänzlich unskrupulösen Leichtigkeit plaudert, als gäbe es keine Probleme von Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit auf der Welt und schon gar nicht bei diesem Essen in der wohlig bürgerlich eingerichteten Pariser Stadtwohnung.

Diesen Schauspielern zuzuschauen macht Vergnügen, es sind reife Früchte einer florierenden Filmkultur. Daniel versinkt immer mehr in seine Fantasiewelt mit Emma. Der Film zeigt dies als real zwischen die Abendessenszenen hineingeschnitten. Allerdings weicht dadurch die Dramatik des Essens und seiner Ausgangslage eines wortgewandten Dialogstücks der Zustandsbeschreibung einer Tagträumerei eines älteren Herren. So ist es kein Wunder, dass die Venedig-Sequenzen im Nebel stattfinden.

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Exzellent und spannend gemachter Feuer-Katastrophenfilm.
Siehe Review von stefe.

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„Das Feuchte ist für mich eine Herausforderung“.

Es geht in dieser BR-Dokumentation von Eva Severini unter der Redaktion von Ulrich Gambke um eine gefällige Produktpräsentation kommerzieller Schamanen im Alpengebiet. Aus den 70, die es geben soll, wurden einige – nach nicht weiter eruierbaren Kriterien – herausgepflückt und erhalten hier Werbezeit – einmal mehr, ohne dass auf die Kosten eingegangen würde. Um davon abzulenken, tut die Dokumentation so, als würde sie Alpenländisch-Kulturelles objektiv ventilieren – lässt es aber bei oberflächlicher Schönschreibung auf sich beruhen. Wieder eine dieser verkappten Werbesendungen, bei einem an sich interessanten Thema: Was hat Schamanismus mit unserer immer vernetzteren IT-Welt, unserer Komfort- und Wohlstandszivilisation überhaupt zu tun? Allein es fehlt die Recherche.

Also man könnte auch eine Doku machen über Menschen mit verwachsenen Zehennägeln und dass das für sie was Besonderes bedeute und dass sie ein Geschäft damit machen …

Es ist dies die einfältigste Art von Dokumentation: das Objekt hübsch darstellen ohne einen gesamtgesellschftlichen oder gar demokratischen Bezug (siehe Grundauftrag der Öffentlich-Rechtlichen) herzustellen, ganz ohne klare dokumentarische Haltung, ohne Rechercheneugier.

Hingehen, quatschen und quatschen lassen, den Schamanen die Bühne für Selbstpräsentation freigeben, damit sie sich gut darstellen, ohne zu erwähnen, dass es sich ganz simpel um ein Geschäft am Rande der Heilerbranche handelt.

Dazu versucht Frau Severini mit Bild- und Tonfirlefanz als Referenz auf das Magisch-Mystische den Werbeeffekt für die Schamanen noch zu erhöhen und das eh schon unkritische Publikum mit einer Märchenonkelstimme mit Märchenonkeltexten einzulullen.

Es gibt keine Rechtfertigung, Zwangsgebührengelder für solch schwachbrüstigen Dokumentationen auszugeben. Mit meiner Zwangsgebühr muss ich auch diese Sendung mitfinanzieren, werde aber vom inhaltlichen Anspruch her in der Wüste stehen gelassen mit solchem Einfaltszeug.

Offenbar halten Eva Severini und Ulrich Gambke die Zuschauer für hinterm Mond und sie sind sich anscheinend auch nicht des Privilegs bewusst, das sie als Gehaltsempfänger vom zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk genießen. Ja sie scheinen es fehlzuinterpretieren als Carte Blanche, dass sie machen können, was sie wollen, mit so wenig Anstrengung wie sie wollen, da je eh keiner schaut (oder dass das Thema für ein paar Dutzend Zuschauer schon gut sei, ob qualitätsvoll oder nicht).

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Gesichter.

Gut gecastete Gesichter können einen Film ohne Umstände schnell auf Touren bringen.

Der Protagonist Sean Falco (Robert Sheehan) ist ein junger Künstlertyp, große, unverdorbene Augen, die die Welt vorurteilsfrei und auf ihren fotografischen Wert hin betrachten, die eher bleiche Haut, die schwarzen, erotischen Kraushaare, prototypisch.

Sein bald schon Antagonist ist Cale Erendreich (David Tennant) mit hagerem Gesicht, spitzer dünner Nase, großen, kalt musternden Augen, sein schwarzes, glattes Haar trägt er als hitlerhaften Scheitel über die Stirn, und ab und an setzt er bewusst die Sonnenbrille auf. Bei diesem Gesicht wird nicht eine der Taten überraschen, die er hinter der großkotzig reichen Fassade begeht.

Sean gerät ins Visier von Cale über seinen Job als „Valet“, Einparker vor „Ninos Grill“, einem Schicki-Micki-Lokal in Oregon. Den Job teilt er sich mit Derek (Carlito Olivero). Der ist glatzköpfig, mehr Boxergesicht. Der macht glaubwürdig, dass er und Sean die Einparknummer zu Besuchen in den Häusern der Gäste nutzen, um sich umzusehen und begehrenswerte Dinge mitlaufen zu lassen, denn die Bewohner sind ja nicht zu Hause und der Valet-Kollege vor dem Edellokal hat die Gäste im Auge.

Der Maserati von Cale ist eine Verführung der besonderen Art. Da muss einiges zu holen sein. Sean übernimmt diesmal die Fahrt. Er gerät in Dinge hinein, die einige Nummern zu groß sind für ihn und Derek.

Aber es gibt ja noch Olivia Fuller (Tracey Heggins) vom FBI. Dieses Gesicht ist gepflegt, angenehm kurze Frisur. Sie schaut ernsthaft, weil sie ihren Job ernst nimmt, insofern auch unter Verzicht auf Anteilnahme und lässt somit den Hilfesuchenden zappeln.

Das Casting ist nur eines von mehreren Mitteln, die Dean Devlin fast liebhaberhaft einsetzt, um dem Film vom ersten Momentan, nebst der Geschichten, die die Gesichter erzählen, einen ungewöhnlich unterhaltsamen Kitzel zu verpassen. Devlin hat die Regie nach dem Drehbuch von Brandon Boyce geführt.

Und da es unklug wäre, dem Publikum zuzumuten, dass nach Ende des Filmes womöglich ein Massenmörder frei herumläuft, so gibt es gewisse Rezept, wie die Geschichte zu Ende gebracht wird. Das kann schnell schablonenhaft werden, wenn sich ein Filmemacher gerade zum Ende hin nicht nochmal besonders am Riemen reißt. Um der Schablone zu entkommen, inszeniert Devlin den Count-Down mit schalkhaftem Humor, der im Untertext erzählt, he, wir wissen ja alle, wie so etwas abläuft und drum bau ich Extra-Twists ein, um Euch mit einem lässigen Kommentar zu erheitern.

Applaus des Publikums nach der Vorführung am Fantasy-Filmfest in München. Kein Wunder, aus jeder Szene, aus jeder Wendung der Handlung ist abzulesen, welch irren Spaß es den Machern gemacht hat, diese Geschichte als eine ganz besondere zu erzählen.

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Zwei aufregende Filme, ein Musikfilm und zwei deutsche Filme. Migration erzeugt Grauzonen – aus Rumänien. Klettern an glatter Wand – aus den USA. Abiturstoffkino und Zwangsheiratskino je aus Deutschland. Und last Minute auf den Schirm gekommen: ein 3D-Symbionten-Marvel-Produkt aus den USA. Auf DVD vereinnahmen die Briten mit Gefühl, die Spanier mit unerschöpflicher Tanzenergie, die Amis mit dem Teeniespiel um den richtigen Partner und die Franzosen mit einer Vatersuche in Kanada. Im TV stellt der BR eine halbe Sendestunde für eine wandelnden Litfaßsäule bereit.

Kino
LEMONADE
Grauzonengeflüster und in weiter Ferne die Green Card.

DURCH DIE WAND
Geschichten, die die Extremkletterei schrieb – schier unglaublich.

WERK OHNE AUTOR
Ein Oskarpreisträger reüssiert nicht in Hollywood, kehrt zurück nach Deutschland und legt (trotzig?) sein prätentiöses Glaubensbekenntnis an die Kunst ab.

A STAR IST BORN
Aschenputtel und die Moral vom Alkohol, der kein Freund ist.

DIE DEFEKTE KATZE
Persisch-deutsches Zwangsheiratsmovie.

VENOM
Das Außerirdische im Menschen verleiht ihm dehnbare Kraken-Saugnäpfe.

DVD
TANZ INS LEBEN
Perfekte britische Altersromanze ohne Angst vor Gefühlen.

MEIN LEBEN – EIN TANZ
Großartiges Biopic über die Tänzerin La Chana.

LETZTENDLICH SIND WIR DEM UNIVERSUM EGAL
Qual der Partnerwahl in der Freiheit der City.

DIE KANADISCHE REISE
Vatersuche muss nicht unbedingt gleich Vatersuche sein.

TV
KREUZER TRIFFT… MAGDALENA NEUNER
Werbemogelpackung von Möbelpoliturmoderatorin.

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Der Förderer und sein Schützling.

Dieser Film des Schauspielers Bradley Cooper (beim Drehbuch haben ihm mehrere Autoren und Geschichtenerfinder zur Seite gestanden) fängt mit einer kurzen, aber in ausführlichen Details geschilderten Variante der Aschenputtelgeschichte an; effizient und tränenrührend.

Großkunst trifft Kleinkunst. Jackson Maine (Bradley Cooper spielt auch noch die Hauptrolle, und noch eine schwierige dazu!) ist Sänger und Gitarrist bei einer Band, die riesige Arenen füllt. Das ist der eine Erzählstrang. Der verbindet sich bald schon mit dem anderen.

Hier arbeitet Ally (Lady Gaga) in einer Großküche und muss sich blöd anmachen lassen. Einmal die Woche tritt sie auf einer Kleinkunstbühne als Sängerin auf – sie ist eine Abwechslung zur Travestie-Show.

Jackson ist einsam. Sein Freund, der immer ein falscher Freund ist, ist der Alkohol. Jackson lässt sich von seinem Fahrer nach dem Konzert wahllos in der Stadt herumkutschieren, bis er zufällig das Lokal entdeckt, indem Ally auftritt. Er erlebt ihr Lied. Entdeckt in ihr ein Spielzeug.

Sie wurde bislang an größeren Träumen gehindert, wegen ihrer zu großen Nase. Jetzt geht es blitzschnell – das wird in hochprofessionell langsamer Manier erzählt, wie er sie in der Garderobe besucht, wie er fasziniert ist von ihr, sich um jedes Detail von ihr, ihrer Frisur, ihren künstlichen Augenbrauen interessiert; also da hat der Film eine ganz interessante Mischung aus Geschwindigkeit und Langsamkeit gefunden.

Jackson fackelt nicht lange. Er möchte sie schon am nächsten Abend bei seinem Konzert dabei haben. Eins, zwei drei, kaum Zwischenschritte, schon sitzt sie mit ihrem lustigen Jobkollegen Ramon (Anthony Ramos) im Privatjet und bevor wir uns angeschnallt haben, steht sie vor einer unübersehbaren Menschenmenge auf der Bühne – und kommt an beim Publikum. Damit ist der Titel des Filmes bereits erfüllt – und der Film hat noch nicht einen Viertel seiner Laufzeit hinter sich.

Der Rest ist der auseinanderdriftende Weg zwischen ihrem künstlerischen Aufstieg und seinem alkoholbedingten Abstieg.

Gleichzeitig, das hält die Beziehung aufrecht, ist sie ihrer Liebe treu. Das führt zu ein paar Konfliktchen. Diese werden mit vielen Musik- und Gesangsnummern weich abgefedert. Schwierig ist der Film nicht. Er bleibt auf dieser Ebene, sie hat Erfolg, er ertränkt sich im Alkohol.

Zwischendrin habe ich gedacht, vielleicht ist dieser Film nicht anspruchsvoll genug für unser Publikum, das doch gewohnt ist, etwas mehr in die Tiefe zu gehen, etwas mehr über die Charaktere von solchen hervorragenden Künstlern zu erfahren, wie beispielsweise in Maria by Callas oder Amy Winehouse oder Whitney Houston – Can I Be Me oder Amy oder auch, und ebenfalls deutlich vielschichtiger und nahrhafter Mamma Mia – Here we go again.

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Grauzonen.

Wie hinter vorgehaltener Hand, so diskret und spannend, erzählt Ioana Uricaru, die mit Tatiana Ionascu auch das Drehbuch geschrieben hat, die Geschichte von Mara (Malina Manovici) aus Rumänien, die in den USA ein Leben in einer Grauzone führt – eine Geschichte, die kurz vor Ende noch eine schier unglaubliche Wendung nimmt, die aber gewiss nicht verraten werden soll.

Wobei sich ökonomische und menschliche Gründe und Abgründe verquirlen wie im richtigen Leben.

Die wirtschaftliche Lage in Rumänien ist schlecht. Mara lebt dort mit ihrem Sohn Dragos (Milan Hurduc). Sie ist nicht verheiratet. Der Sohn hat den Namen des Vaters. Auch Maras Mutter lebt dort.

Mit einem Halbjahresvisum ist Mara in die USA gekommen, hat dort als Krankenschwester gearbeitet – wobei offenbar schon dieses Visum und die Arbeit im Grauzonenbereich liegen. Sie hat den Dialysepatienten Daniel (Dylan Smith) kennen- und lieben gelernt. Er sei von einem Baum gefallen. Kurz vor Ablauf des Visums heiratet sie ihn. Sie hat keine Green Card, darf also offiziell nicht arbeiten.

Den Hauptteil des Filmes nimmt die Geschichte um die Green Card und den Beamten ein, der die ausstellen oder verweigern kann, Moji (Steve Bacic). Auch dieser Beamte erweist sich als erstaunlich anfällig für den Grauzonen-Bereich. Deswegen sucht Mara Rat bei einem Anwalt mit Migrationshintergrund. Der hat seinen Idealismus längst abgelegt. Ist aber neugierig, Mara zu helfen.

Maras Charaktereigenschaft der Aufrichtigkeit, die zwar manchmal Probleme hat, die Wahrheit zu sagen, speziell, wenn es um behördliche Befragungen zum Intimleben mit ihrem Gatten-Patienten geht, erweist sich als eine treibende Kraft, die Licht in diese Grauzonen bringt und Prozesse beschleunigt, aber auch ziemlich heftig werden lässt. Wodurch wiederum neue Tatbestände zu verhandeln wären.

Wobei Mara selbst im ständigen Konflikt steht, für ihren bald nachgereisten Sohn und sich ein gutes Leben zu ermöglichen unter den beschränkten finanziellen Möglichkeiten, der aber Tricksereien und alles Korrupte fremd sind.

Im Grunde genommen ist sie einfach nur irritiert und angewidert von der Welt, wie sie sich ihr in diesen diversen Grauschleiern bietet. Und aus der sie nicht heraus kann. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass sie eine Pistole versteckt hat.

Ioana Uricaru erzählt die Geschichte so, als sei sie am Rande des Anstandes, als sei es etwas Ungehöriges, über das sie berichtet. Das verleiht dem Film seinen besonderen Reiz, den Grauzonenreiz, wirft aber auch ein trübes Licht auf Amerika.

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