Da scheiden sich die Geister – Blithe Spirit

Ein Bühnenmalheur

setzt die inspirierenden und quälenden Geister des erfolgreichen, in einer Schaffenskrise sich befindlichen Krimiautors Charles Condomine (Dan Stevens) frei und in Aufruhr. 

Charles ist seit 5 Jahren in zweiter Ehe mit Ruth (Isla Fisher) verheiratet. Sie ist nicht die Muse, die seine vor 7 Jahren bei einem Unfall tödlich verunglückte erste Frau Elvira (die brillant vampige Leslie Mann) für ihn war. Der Film spielt 1937; eine Schlagzeile ist die Lovestory des englischen Königs mit einer Amerikanerin. 

Edward Hall rührt diese höhere, very britische, very sophisticated Flachserei flockig an, durchgehend bis zum Himmel und der Natur gestylt und nach einer Komödie von Noel Coward, die Nick Moorcroft, Meg Leonard und Piers Ashworth zum ebenso gut gestylten Drehbuch umgearbeitet haben. 

Der Film eröffnet mit der komödiantischen Bebilderung der Schaffenskrise des Autors in seinem luxuriösen Arbeitszimmer, eine Auszeichnung als Krimautor hängt an der Wand. Jetzt aber kommt er nicht vom Fleck, verdreht die Augen, trinkt Alkohol, ihm fehlt die Inspiration. Und nicht nur das. Im Gespräch mit seinem Freund, dem Doktor Bradman (Julian Rhind-Tutt) gesteht er auch Probleme mit seinem kleinen „big Ben“. Die Schulmedizin kann einen Anschub leisten, der zum gemeinsamen Besuch der Freunde und ihrer Gattinnen (Emilia Fox als Mrs. Bradman) einer Gala-Seance des berühmten Mediums Madame Arcati (Judy Dench) in einem fürstlichen Theater führt. 

Ein Bühnenunfall der Magierin beim Schweben in die Höhe berührt Condomine. Er verabredet mit dem als Trickserin aufgeflogenen Medium eine Privatseance in seiner klotzgeräumigen, aber bauhauspraktischen, enorm großen Villa. Dort passieren die Dinge, die dem Autor zwar seine Muse und seine Schaffenskraft zurückgeben, die aber auch herrlich seine sogenannte Genialität auseinandernehmen, ihn als doch recht armes Würstchen zwischen zwei oder wenn man das Medium dazu nimmt, zwischen drei Frauen zeichnet, ohne die er einfach so gar nichts wäre. 

Denn, das war eine der Nebenwirkungen der Séance, seine frühere Frau und seine alles bestimmende Muse ist zurückgekehrt und quält ihn jetzt mit allen Mitteln der Kunst; er steht mit seinen Füßen in verschiedenen Welten; das bringt auch die Hier- und Jetztwelt durcheinander, führt zu gesellschaftlich unangemessenen Auftritten in den Pinewood Studios, die seinem Schwiegervater gehören und für die er ein Drehbuch schreiben möchte. 

Der Film amüsiert sich also so ganz nebenbei auch noch über die damals höchst gehypte Filmindustrie inklusive Hollywood. 

Zynischer Kommentar von Elvira über die Raumausstattung durch ihre Nachfolgerin, das sei das Understatement des Jahrhunderts. Die Séance war insofern erfolgreich, dass selbst das Medium erstaunt ist und Probleme kriegt, wobei der Ausschluss aus der spirituellen Fachvereinigung noch am leichtesten zu verkraften wäre. 

Für den Autoren die bittere Erkenntnis: es gibt so etwas wie eine originale Story überhaupt nicht. … aber wenn sie mit Schmackes und Style erzählt wird, wie hier, so ist das Vergnügen garantiert. 

Jede Faser in diesem Film ist Komödie, die Ausstattung, die Location, die Kostüme, die Auswahl der Schauspieler, das Spiel der Schauspieler, die Texte, die Konstellation um den erfolgreichen Krimautor, der herrschaftlich lebt und dem die Wörter ausgetrocknet sind. 

Spirit – Frei und ungezähmt

Süßer als ein Riesensack voller Marshmallows 

sind in diesem Animationsfilm von Dreamworks die Gesichter der animierten Figuren, die Farben und wie aus Zuckerwatte ist die Musik, die alles überzieht. Man könnte Diabetes kriegen. Wenn da nicht auch das Taffe wäre. 

Das Taffe der Familie Prescott mit ihrem taffen Familienmotto, nicht aufzugeben, hat sie zu einer führenden Industriellenfamilie gemacht, Eisenbahnen. Der Opa ist gerade dabei, den Wahlkampf als Gouverneur zu beginnen. Doch die Göre und Enkelin Lucky droht alles zu vesemmeln, schon beim ersten Fototermin fliegt Opa ein Eichhörnchen mittemang ins Gesicht. Aber taff handelt der Alte. Er schickt Lucky mit ihrer Tante Cora zu Luckys Vater im Wilden Westen. Sie hat ihn gar nicht gekannt, weil ihre Mutter früh gestorben ist. 

Dort wird Lucky ein gnadenlos taffes Coming-of-Age hinlegen; ihr zu zähmender Begleiter ist der wilde Hengst Spirit; lokale Mädels und beschlagene Reiterinnen dazu begleiten sie bei der Verfolgung von Pferdedieben. Auch da schreckt die unerfahrene, aber taffe Prescott vor keiner Gratwanderung oder Schluchtüberquerung zurück, um den Zug mit den entführten Pferden noch vor der Einschiffung am Meer zus stoppen, mit taffer Energie, dass dem Zuschauer, vor allem aber den Pferdedieben, die Ohren schlackern. 

Aber auch der magische Wald mit den Glühwürmchen fehlt nicht. 

Infidel

Christlicher Blogger

Doug Rawlins (Jim Caviezel) ist in den USA ein christlicher Blogger, der keiner Auseinandersetzung mit dem Islam aus dem Wege geht; er scheint in dieser Beziehung etwas verbohrt bis unbelehrbar, auch ein bisschen dumpf. Er ist verheiratet mit Liz (Claudia Karvan). Diese arbeitet beim Außenminsterium in Washington. Sie behauptet, in der Handelsabteilung. 

Was Doug und Liz nicht wissen können, dass ihr möglicher Schwiegersohn ein Top-Spion des Iran ist. Der fliegt dummerweise durch diverse Ungeschicke bei einer Party auf. Der Iran vermutet Doug dahinter. 

Doug wird nach Kairo zu einer Islamkonferenz eingeladen. Seine Frau rät ihm ab. Er lässt sich nicht abhalten, tritt in die Falle, wird in Kairo entführt nach Libanon, dann nach Teheran. Seine Frau findet heraus, wo er ist. Sie will ihn rausholen. 

Der Film fängt mit der Szene an, dass Doug in Teheran auf dem Dach eines Gefängnisses erschossen werden soll. 

So viel ist aus dem Film von Cyrus Nowrasteh herauszulesen, könnte in etwa die wahre Geschichte sein, die seinem Drehbuch zugrunde liegt. stefe hat da aber ein paar Probleme mit diesem Film. Das Drehbuch scheint mir 0815 schnell schnell geschrieben worden zu sein und einzig aus der Perspektive des Opfers. 

Auch die Besetzung der Rolle mit Jim Caviezel, die mag möglicherweise dem realen Vorbild nahe kommen, wirkt aber hier zu dumm und zu ängstlich; den überzeugten Christen jedenfalls stellt er nicht dar, der sich für seinen Glauben opfert. 

Seine Gegenfiguren aus den iranischen Geheimdiensten sind alle Klischee pur, wobei sich zu Ramzi (Hal Ozsan) zwar eine gewisse Beziehung entwickelt, aber die Abschiedsszene unter größtem Stress, die wirkt, hm, so erzwungen, so unglaubwürdig; wie der Film überhaupt mehr wie ein aufgedonnerter TV-Routine-Krimi daher kommt; vom Bild her aufgedonnert, von der Handlung her oberflächlich ohne Interesse für die Charaktere. Dieses Defizit der Eindimensionalität versucht die meist auf Thrill machende Musik auszugleichen. 

Drunter und Drüber (BR, Mittwoch, 21. Juli 2021, 22.45 Uhr)

Text- und Bildberieselung

Programmfüller, damit was rieselt über den Bildschirm, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen vermeintlichen Auftrag wahrnimmt; doch, was ist dieser Auftrag? Das ist unklarer denn je.

Ob so eine unverbindliche Blabla- und Bildermixsendung zum Thema Verdichtung und Aufstockung der aus den Nähten platzenden City damit gemeint ist? Ein bisschen reingucken in Luxuslofts? „Beispielhaft gelungen, … Fragen zu lösen. .. wie genial, einfach und schön, Aufstockung sein kann…“. 

Die Sendung wirkt umso deplazierter, als zur Zeit gerade in München eine Diskussion um Verdichtung am Hochkochen ist mit den Plänen für zwei massive Hochhausklötze neben der Paketposthalle, die anderthalb mal so hoch werden sollen wie die Türme der Frauenkirche; in München immerhin ein sensibles Thema, während sich andere Städte offenbar ohne Diskussion immer mehr verdichten lassen. 

Wobei die Bilder in dieser Dokumentation von Birgit Eckelt, Frieder Käsmann und Sabine Reeh wenig aussagekräftig sind, wenig hilfreich für das Vorstellungsvermögen. Hier wären Drohnen oft sinnvoll gewesen. 

Gegen den Luxuseinwand wird noch ein Gegenbeispiel mit sozialem Wohnraum hervorgekramt. 

Noch absurder wirkt es, so eine Sendung nach Corona ins Programm zu nehmen, da ja Verdichtung auch ein Beschleuniger für Corona bedeutet. 

Das ist eine Sendung, die nicht das Thema grundsätzlich befragt, sondern wie in einer Architekturzeitschrift beliebig zusammengesuchte Beispiele bringt, alles andere als zwingend ist für einen Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen zwangsfinanzierten Rundfunk. Dieser könnte es sich leisten und sollte es auch, wenn schon so ein Thema, dann bitte grundsätzlich und im Hinblick auf die Demokratie behandeln. Aber hier gibt es nur Lob für die Verdichtung an sich. 

Hier wird man pausenlos einschläfernd zugetextet. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Fraueng’schichten – Flirten für Anfänger (BR, Freitag, 16. Juli 2021, 22.05 Uhr)

Wühlen im Kabarettmüll zwengs Recycling

oder: Witze mit Krampfadern. 

Derbheit und Plumpheit als öffentlich-rechtliche TV-Qualität.

Auf jedes Witzfürzchen Gegröle; je schwächer die Performance von Angela Ascher, desto mehr hauen die Tontechniker auf den Applauskonservenknopf. Das Studio-Publikum scheint urteilsschwach und applaudiert wie zwanghaft und energielos. 

Die Automatenszene: bemüht und dümmlich, so dumm sind bayerische Landbewohner nie gewesen; zwangsbemühte Lustigkeit, ob die das Publikum vorher mit einem Rauschmittel abgefüllt haben? Und immer die Bauerntheaterdeppen, aber die Bayern mögen es wohl, als Deppen dargestellt zu werden. Und applaudieren total aus dem Häuschen; also, das heißt, die Tontechniker stellen das Publikum so dumm dar, indem sie ihm einen Applaus draufdonnern, wozu es physisch gar nicht in der Lage scheint; die Chosen-Sauce kommt offenbar doch nicht so an, wie von den Redaktionsgöttern gewünscht.

Bayerische Klischeewurst mit künstlichem Applaus, wie mit Botex aufgedonnert. 

Frau Ascher soll ruhig ihr kapitalistisches Witzchen-Geschäft betreiben; nichts dagegen, aber wenn sie im öffentlich-rechtlichen, zwangsfinanzierten Fernsehen auftreten will, dann soll sie bittschön dafür blechen, ist ja ein Werbemedium; eine halbe Stunde Werbezeit. Sie wäre eine echt coole Sau, wie sie es nennen würde, wenn sie das täte und wenn der BR es von ihr verlangen würde, dann wäre der eine ebenso coole Sau, um auf dem Niveau von Frau Ascher zu bleiben. 

Dass der BR solchen Schwachstrom sendet, lässt vermuten, dass er in Bayern einen sehr niedrigen Bildungsstand voraussetzt. BR macht mit anbiedernder Witzesendung, immer am Rande des sexistischen und rassisstischen Sumpfes, auf Mängel beim Bildungsstand in Bayern aufmerksam, Herr Minister Piazzolo Sie sind gefragt!

Oder man könnte den viel zu stark draufgehauenen Applaus so interpretieren, dass die Sendung doch nicht so ankommt, wie von den Zwangsgebührentreuhändern kalkuliert, als Hinweis darauf interpretieren, dass die Bayern nicht so dümmlich sind, wie von der BR-Redaktion angenommen und dass sie sich so einen abgedroschenen Schmarren gar nicht anschauen. 

Der indisch denunzierte Pfarrer wird von mal zu mal dümmer – und fetter. Hier muss der Ton noch mehr Applaus draufhauen, sonst würde die Szene vollkommen absaufen. 

Witzestau im Dünndarm. Das BayernLand wird als rückständig vermöbelt. Dann noch Vergaserwitze und das in Deutschland und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und gleich darauf will ein Hesse, der nicht Hessisch kann, in die Dachauerstraße gefahren werden. 

Erstaunlich ist, dass die überhaupt noch Studiogäste finden – aber offenbar nur noch solche, die sich nur von hinten ablichten lassen; es wäre zu peinlich, wenn die Nachbarn oder Kollegen das mitbekämen, falls die denn dieses No-Level-Ding schauten. 

Oh Gott, jetzt hat sie sich selber abgeschossen. Denn die Mittel haben sich inzwischen mehr als erschöpft und dem Zuschauer fällt es immer schwerer, sich da noch zu konzentrieren. 

Solcher Witzemampf mag in Zeiten der Monopolstellung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unter der ideologischen Käseglocke der 50er Jahre verfangen haben, aber seit es Privatfernsehen gibt und erst recht, seit Youtube wimmelt es von begabten Selbstdarstellern und Witzmachern, da schaut dieses BR-Format mit seinen abgewetzten Schwiegermutterwitzchen alt aus mit einem Bart länger als der eines Ayathollas. 

Faktisch ist das eine kommerzielle Sendung und kann problemlos an private Bieter ausgelagert werden in Zeiten des Sparzwanges beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Kommentar zu den Reviews vom 15. Juli 2021

Es rumort beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nach einer Anzahl von Autoren haben sich jetzt auch Regisseure über die Arbeitsbedingungen und die Eingriffe in die künstlerischen Rechte und Freiheiten beschwert und inzwischen auch noch Journalisten über den Umbau von Sendeplätzen. Das wundert nicht angesichts des Sparzwanges der Anstalten. Es sind dies Reaktionen in einer komplexen und komplizierten Gemengelage. Die hängt auch mit der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes über die Haushaltszwangsgebühr zusammen, einer Finanzierung zu Lasten einkommensschwacher Haushalte und ein Umverteilungsfaktor; denn die Reichen entziehen sich im Vergleich zu ihrer Finanzkraft praktisch einer Beteiligung an der Finanzierung des 9-Milliarden-Gemeinschaftswerkes öffentlich rechtlicher Rundfunk. Dies wiederum ist einer unter anderen Punkten für das schlechte Ansehen dieser urdemokratisch gedachten Institution. Das schlechte Ansehen wiederum macht es der Politik schwer, Zwangsgebührenerhöhungen durchzusetzen. Der letzte Versuch ist vorerst gescheitert, weil bereits ein Bundesland sich der Zustimmung zur Erhöhung verweigerte. Zum schlechten Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes trägt weiter bei, dass die Kostenstruktur der Anstalten so beschaffen ist, das selbst bei einer Zwangsgebührenerhöhung die Sender noch mehr sparen müssen, also noch mehr Wiederholungen senden bei gleichzeitiger Kostensenkung in der Produktion, zum Beispiel weniger Drehtage für gleich viel Sendezeit. Das wiederum führt zu immer mehr Frust bei den Kreativen. Den letzten beißen die Hunde. 

So dreht sich die Kosten- und Frustspirale weiter, denn einerseits gibt’s die Tarifvorgaben und chronischen Lohn-Erhöhungen innerhalb der Rundfunkanstalten, hinzu kommen gigantische Pensionslasten aus fahrlässigen Versprechungen. Die Probleme türmen sich; nichts wird sich in nächster Zeit beruhigen. Das Thema könnte bei manchen sogar die Wahlentscheidung beeinflussen. 

Höchste Zeit also, das Modell öffentlich-rechtlicher Rundfunk, seine Grundaufgaben, seine Finanzierung gründlich zu diskutieren; allenfalls die Auslagerung der Pensionskosten sowie die Auslagerung sämtlicher Sendungen, die nicht dem demokratischen Grundauftrag dienen. Sonderbarerweise streicht der Rundfunk immer mehr kulturelle Sendungen, verschiebt sie in die „Todeszone“ – und entfernt sich damit immer mehr von seinem Grundauftrag. Zu schweigen vom verheerenden Einfluss auf das Kino, das ohne Koproduktion mit öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kaum finanzierbar ist; welche einen vereinheitlichenden Einfluss und Bevormundung ausüben.

Die Zeit zu dieser Grundsatzdiskussion drängt, denn je mehr sich die Lage zuspitzt, desto vernehmlicher werden die Stimmen, die eine gänzliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern und desto mehr geben die Verteidiger dieser urdemokratisch gedachten Institution die Diskussionshoheit aus der Hand.

Nichtsdestotrotz: auf geht’s ins Kino, es ist spannend und vielfältig!

SEHNSUCHT NACH EINER UNBEKANNTEN HEIMAT

Drohnen über Transsylvanien!

PATRICK

Idyllisch portugiesische Landlocation zur Einbettung für wenig erfreuliche Dinge mit Kindern.

NEBENAN

wacht der aufmerksame Nachbar. 

FAST & FURIOUS 9

Da könnte man echt auf den Gedanken kommen, die seien unverwundbar und ungewönlich. 

IM FEUER – ZWEI SCHWESTERN

Das deutsche Kino zwischen Kriegs- und Subventionsfront. 

MINARI – WO WIR WURZELN SCHLAGEN

Die Oma aus Korea ist stärker als der amerikanische Traum.

ERDMÄNNCHEN UND MONDRAKETE

Südafrikanisches Coming-of-Age unter Familienfluchbedingungen. 

SPACE JAM 2 – A NEW LEGACY

In den Eingeweiden von Warner Bros herrscht die künstliche Intelligenz – nicht zum Vorteil der Firma.

HEIMAT NATUR

Große Umwälzungen finden in ihr statt – und der Mensch ist nicht unbeteiligt daran.

HUNTED

In Belgien geht’s im Crude-Genre krud zu.

MORGEN GEHÖRT UNS

Dank Corona ist auch dieser Hoffnungsstreifen deutlich gealtert. 

Heimat Natur

Wally und Bavaria, 

die beiden eben in den bayerischen Alpen ausgewilderten Bartgeier kommen in diesem Naturfilm von Jan Haft noch nicht vor; hier werden diese als noch ausgestorben erwähnt. Aber ein Satz, der immer wieder vorkommt, von Benno Fürmann mit staatstragender Stimme gesprochen, ist der, dass sich die Dinge ständig ändern; teils zum Guten teils zum Schlechten. Hier haben sie es inzwischen zum Guten getan. Die Bilder der Bartgeier im Film sind imposant. 

A moving lecture about nature,

ein Brevier oder ein bildbewegtes Naturkundebuch mit vielen Erklärungen und Informationen, vor allem Natur, eine Heimatreise von den Alpenhöhen im Süden über die Wälder, auch solche mit großen Huftieren, bis hin zu den Mooren, der Heide und schließlich zu den Meeren im Norden. 

Das hat nicht die Systematik eines Lexikons, es handelt von großen Tieren und kleinen, von Pflanzen und Bäumen, von Gewinnern und Verlierern der Veränderung, jener Veränderung, die der Mensch schafft. 

Der Film erzählt von der Artenvielfalt und von den Schäden, die die industrielle Landwirtschaft anrichtet mit Kosten für spätere Generationen, vom Problem des Stickstoffausstoßes, aber auch vom Nutzen von Schädlingen wie dem Borkenkäfer, wen der wieder alles ernährt oder von Süßwasserfischen in der Ostsee. 

Unermüdlich werden Ausschnitte aus Nahrungsketten präsentiert, von kleinen Käfern, die große Raupen transportieren, von fleischfressenden Pflanzen und gleichzeitig von Insekten, die diesen wieder die Opfer entreißen. 

Das Fazit des Filmes ist eine Aufforderung an die Politik, an die Zukunft zu denken, ist eine Nachhaltigkeits- und Vielfaltsforderung. 

Es ist ein anregender Film vielleicht eher fürs Fernsehen oder für den Schulunterricht oder für zuhause, um immer wieder darin nachzuschlagen und sich faszinieren zu lassen vom unglaublichen Reichtum der Natur, dem Haft mit der Kamera ausdauernd auf den Leib rückt. 

Es kommen neben vielen anderen vor: Edelweiß, Haselhuhn, Steinbock, Schwarzstorch, Weberknecht, Waldschnepfe, Gelbling, der Distelnektar tankt, Gelbbauchunke, Torfmoorknabenkraut, Venusspiegel, Heidefeldwespen, Stierkopfdungkäfer, Dünenameisenlöwen, Heuschreckensandwespe, Rote Röhrenspinne … allein die Namen bilden einen eigenen Orchesterklang. 

Es wird auf die zentrale Rolle der Pilze hingewiesen, es wird erwähnt die Insektenmasse im Großtierdung als Eckpfeiler der Artenvielfalt, naturbewirtschaftete Getreidefelder, die Umwälzungen im Lebensraum Wald, Moormeisen, die Sonnentauopfer klauen, Sonnenadonisröschen, die es seit der Bronzezeit gibt, die Zaunwinde, die in der Dunkelheit lebt, die gefleckte Heideschrecke, die das Lied, dieser Landschaft spielt, Tang als Grund für die Artenvielfalt im Meer, die Schlangennadel, die langestreckte Cousine des Seepferdechens in der Seegraswiese, der Fischotter, der wieder zurück ist, ein Plan für die Heringe und dass wir unsere Umwelt mit Stickstoff fluten.

Es gibt viel zu tun, wenn wir diese Heimat, die zum Naturbegriff sich gewandelt hat, uns erhalten wollen. 

Sehnsucht nach einer unbekannten Heimat

Drohnen über Kronstadt

Die Drohnenflüge in diesem Film von und mit Holger Gutt sind nicht nur ein technisches Qualitätsmerkmal, sie symbolisieren auch nicht schlecht den unbefangen leichten Zugang von Holger Gutt und seinen Mitautoren Tobias Schmidt, Michaela Smykalla, Tobias Drexel und Anita Hauch zum generell eher schweren Thema Heimat. So wird der Suchende nicht gleich in Haft genommen von der Traditions- und allenfalls Schollenverbundenheit seines Objektes, das doch elementar mit Identität zu tun hat. 

Die Drohnenflüge setzen einen luftigen Kontrapunkt zum von der Schwerkraft auf die Straßen Münchens gedrückten Trachtenumzug des Oktoberfestes. Das ist der Ort, an welchem der Normalbürger am ehesten mit dem Thema der Siebenbügener Sachsen konfrontiert wird. Trachtentümelei, denkt er vielleicht, ewiggestrig, stehengeblieben in der Vergangenheit, Vereinsmeier, Heimattümelei – aber immerhin schön zum Schauen; damit ist das Thema Siebenbürgern kurz, bündig und vorurteilshaft abgehakt. 

Es sind Rückwanderer aus Hunderten von Jahren im Exil, die in Siebenbürgen jede Menge Herrschaften über sich haben ergehen lassen und die in den letzten Jarhzehnten, schon vor dem Mauerfall, aber erst recht nach diesem, die Rückwanderung angetreten haben. 

Man erkennt sie allenfalls an dem für unsere Ohren altmodisch klingenden Dialekt. Aber das wars auch schon. Mehr hat in unseren Hirnen nicht Platz; mehr geht nicht in der öffentlichen Wahrnehmung. 

Holger Gutt eröffnet uns nun einen erweiterten Einblick. Er selbst ist in Deutschland geboren, in Markt Schwaben sozialisiert; als Urbayer fühlt er sich nicht; als Siebenbürgener vielleicht noch weniger. Aber etwas ist unerledigt in ihm in punkto Identität. 

Gutts Eltern sind vor über 30 Jahren zurückgewandert. Vom alten Haus in Weidenbach im Burzenland wollen sie nichts mehr wissen; Mittelmeerinseln sind attraktiver. Der Sohn macht sich auf Spurensuche nach seiner Herkunft, nach der Herkunft seiner Eltern; nicht das schlechteste Motiv für einen Debütfilm. 

Gutt begibt sich im Auto mit seinem Vater und einem nicht in Erscheinung tretenden Kamerateam auf den Weg nach Weidenbach. Ein Road-Movie über Ungarn, Hermannstadt, die verwegenen Passstraßen nach Kronstadt und nach Weidenbach im Burzenland. 

In der Exposition lässt der Film vorerst allenfalls eine saubere TV-Doku zum Thema Heimat erwarten. Je mehr sich das Vater-Sohn Verhältnis durch die Fahrt entwickelt, je mehr der Vater die Kamera vergisst, desto höher schlägt der Kinopuls. 

Im Publikum breiten sich Lacher aus, wenn der Vater ständig ins Stolpern gerät bei der Erklärung der Famliengeschichte, dass seine Mama ja die Oma vom Sohn ist etc.; Stolperschwellen genug. Die Szene wirkt noch köstlicher, da die GoPro auf dem Board vor der Frontscheibe wie ein kleiner Lüfter ständig nach rechts und dann wieder langsam nach links schwenkt. 

Die alte Heimat, ihre Geschichten, ihre Menschen schlagen beim Papa nach Jahrzehnten der Verdrängung wie ein Blitz ein. 

Ein weiterer Hingucker ist der Sohn, also der Protagonist und Filmemacher; er erinnert in seiner jungenhaften Unbekümmertheit, nie ganz ohne schelmisches Lächeln, an den jungen Gottschalk und dessen Entertainerqualitäten, ein starkes Plus für einen Film. Vielleicht macht sich hier die jahrhundertelange rumänische Prägung in den Genen bemerkbar; verbissen deutsch wirkt Holger nicht. 

Nach der Besichtigung des Vaterhauses seines Vaters scheint vom Protagonisten und damit gleichzeitg vom Film jede Last abzufallen, ungezügelt kann er sich an den sensationellen Kinolandschaften Rumäniens laben. 

Ein weiteres hervorragendes Merkmal des Filmes sind die von Andreas Begert eigens geschriebenen und performten Songs: sie gehen auf das Thema des Filmes ein, prononcierter als der Film selbst; Sehnsucht und Heimat sind Themen, die häufig unter den Nägeln brennen und man muss nicht immer Reinhard Mey hören. Die Songs könnten unabhängig vom Film ihr Auditorium finden. 

Die Premiere des Filmes fand im Arri in München statt. Dass das Astor dort zur Zeit einer der aufregendsten Kinosäle ist, zeigte eine gewaltige Light- und Soundshow vor dem Film; da tanzen selbst die Seitenwände mit!

Hunted – Waldsterben

So wasserstoffblond. So signalrot. So gefügig? 

Eve (Lucie Debay) ist Französin, wird aber für eine Russin gehalten oder für eine Polin. Sie überwacht ein Bauprojekt. Übernachtet im Hotel. Hat keine Lust, den Anruf ihres Freundes anzunehmen. Geht in eine Bar. 

Undifferenziert blondes Strähnenhaar. Undifferenziert rotes Kleid. So direkt, wie ihre Signale sind, so plump wird sie an der Bar angemacht. Ein locker bärtiger Typ (Arieh Worthalter) rettet sie. Mit ihm tanzt sie. Mit ihm lässt sie sich ein. Mit ihm knutscht sie. Mit ihm will sie im Auto wilden Sex treiben. 

Ein anderer Mann steigt ins Auto, setzt sich an Steuer. Ab geht’s in die Nacht mit wilden Trieben, ohne zivilisatorische Bremsen, Wölfe dazwischen geschnitten oder schwarze, lefzene Hunde. Der Horror ist unkontrolliert los. 

Dabei bleibt eine Hoffnung präsent aus dem Prolog. Am Lagerfeuer erzählt eine Mama ihrem Buben eine Horrorgeschichte vom Kreuzritter Nicodemus und seinen Mordsgesellen, die hungerten und ein junge Frau suchten, die sie vertilgen konnten. 

Diese Geschichte wird teils wie in Schattenbildern erzählt, eine ungewöhnliche Einführung in einen düster, blutigen Horrorstreifen, der das Tier im Menschen gnadenlos frei lässt. 

Der Begriff Waldsterben im Titel orientiert sich hierbei keineswegs am ökologischen Thema.

Wenn man den Prolog als Interpretationshilfe nimmt, so wirft der Film ein übel brutales Bild auf die Kreuzritter, die angeblich in Jerusalem das Heilige Grab schützen wollten. Dazwischen passiert viel Unheiliges. Es wird recht krud und in der nächtlich erleuchteten belgischen Horrortankstelle gibt es nur noch chinesische Waren, während der beleibte Tankwert am Smartphone beflissen chinesisch lernt.

Minari – wo wir Wurzeln schlagen

Der amerikanische Traum

wird in diesem Einwandererfilm aus der Reagan-Zeit von Lee Isaac Chung in Richtung Farce getrieben. 

Jacob (Steven Yeun) und Monica (Yeri Han) sind Einwanderer aus Korea und sehen für sich und ihre Kinder, den herzkranken Buben David (Wonnepfropfen Alan Kim) und Töchterchen Anne (Noel Kate Cho), keine Zukunftschancen in Kalifornien. 

Genauer gesagt: Jacob, der sein eigener Träumer und nicht unbedingt Realist ist, sieht diese Zukunft nicht. Denn das Ehepaar ist nach Amerika ausgewandert, um sich zu retten, wie sie an einer Stelle erinnern; stattdessen haben sie sich immer nur gestritten. 

Die Atmospäre am Anfang des Filmes ist frostig. Monica fährt mit dem PKW und den Kindern hinter dem Umzugswagen von Jacob her mitten in die hinterwäldlerische (wie sie es später nennen) Provinz von Arkansas. 

An einem Nicht-Ort hält der kleine Konvoi. Eine Wiese und einer dieser riesigen amerikanischen Wohntrailer, fest aufgestellt. Jacob schwärmt vom Garten, 20 Hektar, ha ha – und führt auch hier noch seine Frau und Kinder hinters Licht, denn tatsächlich will er das Bauern anfangen, wohl nicht allzu gut überlegt. 

Und genauso ist Fakt, dass die beiden Eheleute in einem Hühnerbrutbetrieb arbeiten und Küken sexen, das heißt, sie müssen sie nach dem Geschlecht untersuchen und die männlichen aussortieren, die dann verbrannt werden; somit ist auch die Frage von David nach dem Rauch aus dem Brutbetrieb beantwortet. 

Lee Isaac Chung zeichnet plausibel und glaubwürdig diese Ehe, die im Stresstest ist, weil der Mann sich durchsetzt, egoistisch, und die Frau sich fügt. Hinzu kommt der Herzfehler von David, weshalb der 7-jährige besonders geschont werden muss, auf gar keinen Fall rennen soll. 

Hinterwäldlertum an der Farcegrenze auch von manchen Bewohnern der Gegend, ein Rutengänger, der Jacob bei der Wassersuche helfen soll und dafür Geld nehmen will, was Jacob koreanisch-pragmatisch ablehnt oder Paul (Will Patton), ein Mann im religiösen Wahn, der immer wieder betet, Exorzismen für nötig hält und sonntags statt zur Predigt zu gehen, einen Kreuzweg mit Holzkreuz auf den Schultern zurücklegt. Er wird zum freundlichen Mitarbeiter auf dem Landstück.

Die Familie sucht Gemeindeanschluss in der Kirche; die Reaktion ist freundlich und nicht klischeehaft fremdenfeindlich; in diesem Zusammenhang ist zu erfahren, dass es keine koreanische Gemeinde ist, denn die Koreaner, die hergekommen sind, seien eher vor ihrer Kirche geflüchet. 

Schrill wird es mit der Ankunft der Oma aus Korea (Yuh-Jung Youn). Der Film ist „allen unseren Omas“ gewidmet; das lässt den Schluss zu, dass David der Autor und Regisseur geworden sein dürfte und somit auch einen Hinweis auf die Perspektive auf die Dinge gibt. Denn David entwickelt nach anfänglicher Distanz zu seiner unkonventionellen Oma ein herzhaft, herzfreundliches Verhältnis. 

David meint gleich, sie sei keine richtige Oma, da sie nicht Plätzchen backen könne. Nein, sie kann vielleicht Karten spielen, Kirchenkollekte klauen, sie hat Samen der Gewürzpflanze Minari mitgebracht und wird diese wild an einem Bach anpflanzen. Sie lacht über den gebrochenen Penis von David, trägt selbst Männerunterwäsche und flucht. Sie wird einen Schlaganfall haben und ab da sollte man sie nicht mehr allein auf der Farm lassen. 

Der Film erzählt die Geschichte der Familie Yi in leicht inszenierten Episoden, so dass immer offen bleibt, wie es weiter geht und auch nicht abzusehen ist, ob der Film gut ausgeht, ob er schlecht ausgeht, ob der amerikanische Traum nur eine Schimäre bleibt oder belastbar wird. 

Es ist ein Film, der über menschliche Handlungen und deren Folgen, mithin der menschlichen Zurechnungsfähigkeit, sich wundern lässt und der skurril zu verstehen gibt, dass man Herzkrankheiten nicht unbedingt der Schulmedizin anvertrauen soll. Es ist ein Film, der nicht urteilt, sondern quasi empirisch von Einwanderern und den kulturellen Unterschieden erzählt, und der die Frage nach dem Glück immer wieder stellt, was Glück sei und wie es mit anderen zu gestalten sei. Mithin auch die Frage, ob es aus gewissen prekären Situationen noch Auswege gibt. 

Go ahead, make my day.