Archiv der Kategorie: Video on Demand

Das Neue Evangelium (VoD)

Eingebrannte Ikonographie

Seit es Kirchenkunst gibt, hat sich die Ikonographie der Passion in Kirchenfenstern, kirchlicher Skulpturkunst, Bibelbebilderungen, auf Gemälden, Kreuzwegen und seit dem Kino auch in Filmen eingebrannt. 

Im Kino haben Pier Paolo Pasolini mit dem Evangelium nach Matthäus und Mel Gibson mit der Passion Christi eine verbindliche christliche Landschaft zur Darstellung von Wirken und Leiden Jesus‘ auf die Leinwand gebracht. Gefilmt haben die beiden im süditalienischen Matera. 

Matera war 2019 Kulturhaupststadt Europas, das bedeutet besonders viel Rummel, besonders viel Tourismus. Und just da sollte Milos Rau ein Projekt realisieren. Er hat sich umgesehen und Flüchtlingslager gefunden; illegale Menschen, die für die Landwirtschaft unentbehrlich sind. Und er hatte selbstverständlich die Passionsfilme im Kopf, die hier gedreht worden sind.

Sein Projekt sollte also eine Mischung werden aus Dokumentation zur Vorbereitung eines Passionsfilmes bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Flüchtlingen auf der Insel als Substrat für Passionscontent, teils mit Originaldarstellern aus der Illegalität sowie professionellen Darstellern, darunter auch Leuten, die schon bei Pasolini und Mel Gibson dabei waren, um so die filmhistorische Bedeutung nicht nur landschaftlich einfließen zu lassen. In einem kleinen Kino lässt er für die Darsteller den Pasolini-Film zeigen.

Raus Film wird zur Dokumentation, wie er selbst die Stadt und die Lage der Illegalen erkundet, wie er Menschen für die Verfilmung castet, wie die Darsteller proben; aber auch wie die Illegalen unter ihnen leben, wie sein Jesus-Darsteller Yvan Sagnet als Aktivist für die Rechte der Flüchtlinge und der Illegalen sich gegen die Räumung eines Lagers einsetzt. 

Jesusdarsteller Sagnet hat selber die Fluchterfahrung und diejenige des illegalen Lebens durchgemacht. Heute spricht er einwandfrei Italienisch und spricht, wie einsten Jesus seinen Jüngern, den Flüchtlingen Mut zu und macht ihnen das Recht auf Würde bewusst. 

Der Film wirkt wie eine Doppelung der Passionsgeschichte über die Folie der Situation der Flüchtlinge. Damit stellt er zurecht die Frage an die eigene Ikongraphie, an diese christliche Ikonogaphie, an das Christentum und seine Message, ob sich denn in den zweitausend Jahren wirklich nichts geändert hat, ob ein christlich geprägtes Europa sich noch so verhält wie die Römer im Heiligen Land. Der Film findet in der Gegenwart die biblische Geschichte wieder.

Der Film wirft insofern ein fragendes Licht auf die unverrückbare Jesus- und Passionsikonographie, die durch nichts zu relativieren ist, egal ob den Jesus ein Schwarzer spielt, ob das Abendmahl, wie von Leonardo Da Vinci in einem Kirchenraum oder wie bei Rau in den Ruinen einer Fabrik inszeniert wird. Es scheint, dass nichts in der Welt in der so lange entwickelten Bilderwelt des Kreuzweges irgend etwas verrückt werden könne; es sind nur Varianten, Variationen, die aber von der zentralen Botschaft des Leidens Christi und der Erlösung nicht abweichen. 

Hier wird das noch zementiert durch den Quadratkilometer Matera, innerhalb dessen diese Geschichte so unverrückbar verfilmt worden ist. Es scheint eine Bilderwelt zu sein, die wie immun gegen eine Modernisierung wirkt, egal ob Touristen im Schlepp von Jesus‘ Kreuzweg zum Ölberg sind, egal, ob die Auspeitschszene als Castingszene vorkommt, egal ob einer singt: „lavorare con lentezza“ oder ob heute von einer „rivolta della dignitá“ (einer Revolution der Würde) gesprochen wird. 

Zu sehen ist eine Art Doppelung der christlichen Botschaft, eine Neuinterpretation aus der akuten Flüchtlingssituation heraus. Fast möchte man sagen, diese christliche Ikonographie ist unkaputtbar gegen die Zeitläufte, selbst Mundschutz kommt in Szenen gegen Ende schon vor. 

Die Ikonographie besteht gegen modernen Massentourismus, gegen das europäische Flüchtlingsproblem, ja auch gegen den Titel Kulturhaupstadt Europas; sie zehrt sogar prächtig von all diesem Angeschwemmten, Zeitzufälligen. 

Vielleicht könnte man auch mutmaßen, diese christliche Geschichte ist zäh und langlebig. Vielleicht, weil sie einen Wesenskern des Menschen narrativ großartig vereinigt: das Demütige, das Hingebungsvolle, die Opferbereitschaft gegen das Sadistisch-Herrisch-Unterdrückerische sowie den Glauben an Erlösung.

Dramaturgie und Schnitt von Katja Dringenberg verstärken den Eindruck dieses unverrückbar Ineinanderverfugtseins einer einzigen Geschichte, die über 2000 Jahre Gültigkeit hat und die Menschen anspricht.

Darkroom – Tödliche Tropfen (DVD und VoD)

Ich würde mich einfach um die Getränke kümmern

meint Lars Schmieg (Bozidar Kocevski) am Telefon vor einem Date. Das ist ein tödlich-vergifteter Satz, denn ein Fläschchen mit einer besonderen Flüssigkeit ist ein Dauerrequisit in diesem Film von Rosa von Praunheim. 

Diese Flüssigkeit wird Lars seinen Opfern in das Getränk mischen, worauf sie gar nicht mehr lange leben. Schneller Exitus. Vergänglichkeit. 

Das ist der verhaltene Blick auf das Schwulenleben, mit dem Rosa von Praunheim eine wahre Begebenheit „frei bearbeitet“ hat. Die Sprödheit des Blicks auf das an sich ja höchst filmogene Milieu, was Xavier Dolan mit seinem neuen Film ‚Matthias & Maxime‘ als Ode an sprühendblühende Juend vorträgt, liegt hier auch in der Methode begründet, die an Fernsehgerichtssendungen erinnert. 

Rosa von Praunheim versucht möglichst objektiv und neutral, verschiedene Seiten des Falles, hier also eines Massenmörders im Schwulenmilieu, zu beleuchten. Es ist eine Fernsehproduktion. Aber Rosa von Praunheims Menschen- und Milieukenntnis führt zu einer differenzierten Schilderung von Vorgängen und Figuren. 

Lars stammt aus einer Studienratsfamilie in Saarbrücken, er schildert sich selbst als von Haus aus sauber, ordentlich und zielstrebig, entdeckt die Liebe zu Männern im Schwimmbad, muss für seine frisch verwitwete Oma als Ersatz herhalten; was auch nur angeführt wird und nichts erklären soll. Er wird erst Krankenpfleger, dann ein begnadeter Pädagoge.

Lars‘ große Liebe ist Roland (Heiner Bomhard), ein Lockenkopf, der von Monogamie wenig hält. Es wird eine offene Beziehung und auch deren ganze Problematik verhehlt der Film nicht. Es ist vielleicht der Grund-Zwiespalt manchen Schwulenlebens. 

Roland bildet mit Bastian (Bardo Böhlefeld) und Manuel (Lucas Rennebach) ein musikalisches Trio. Sie treten in Schwulenclubs auf mit Triangel, Ukulele und Sägeblatt. Sie sorgen im Film für die schräg-unterhaltsamen Töne und für emotionale Wärme. 

Der Film geht aus von der Gerichtsverhandlung. Lars ist als selbstmordgefährdeter U-Häftling ans Bett fixiert. Rückblenden erzählen die Geschichte, wie es zu diesen Morden kam, die weder richtige Lust- noch Raubmorde waren, erzählen von der Entwicklung der Beziehung zwischen Lars und Roland, dem Umzug nach Berlin, der Einrichtung der eigenen Wohnung. 

Der Film von Rosa von Praunheim besticht durch seinen unaufgeregt-genauen Blick auf die Geschichte und die Menschen darin und lässt eine Leere in der Liebe von Lars und Roland nicht unerwähnt.

Kommentar zu den Reviews vom 10. Dezember 2020

Kino

fällt aus. Bitte achten Sie auf die Lautsprecherdurchsage.

Adventskalender

TÜRCHEN, TÜRCHEN

Was aus diesem Adventskalender guckt, ist nicht unbedingt nur sittsam und brav. 

DVD

I STILL BELIEVE

Der Glaube kann zwar den Tod nicht verhindern; aber der Gesang vom Glauben bringt den Erfolg. 

IRREVERSIBEL

Hat zu Beginn des Jahrtausends in Cannes für Furore gesorgt.

IRREVERSIBEL STRAIGHT CUT

Hier rückt der Direktor zurecht, was er original von hinten aufgefädelt hat. 

CRESCENDO

Friedensträumerei weit weg von der Nahostrealität. 

VoD

I STILL BELIEVE

Dem Gläubigen helfen Gott – und Hollywood.

DAS HAUS DER GUTEN GEISTER

Faszinierender Enthusiasmus trotz High-Society-Tempel. 

CRESCENDO

In der Musik ist Harmonie möglich – glauben Idealisten. 

TV

TATORT – IN DER FAMILIE- TEIL 2

Diesmal kommt der nördliche Kommissar, der so prägnant spricht, persönlich nach Bayern und überbringt den Fahndungsaufruf. 

WANN. EIN VERSUCH ÜBER DIE ZEIT

Kein Denken kann die Zeit aufhalten. 

I Still Believe(VoD)

Mit diesem Film hat die hoollywoodsche Vorgaukel-, Glaubens- und Bekenntismaschinerie offenbar auch einen europäischen Nerv getroffen, wenn man dem Publikumserfolg hierzulande glauben darf. Siehe die Review von stefe.