Archiv der Kategorie: TV

Exclusiv im Ersten: Machtlos vor Somalia (TV BR)

Nicht allzu neugierig und keinesfalls selbstreflexiv war das embedded Reporterteam Anna Tillack, Tobias Chmura und Hans Hinterberger, die zwei Wochen für den BR auf der Bundeswehr-Fregatte „Augsburg“, auslaufend von den Seychellen, vor der Küste Somalias mit auf Patrouillenfahrt durften. Entsprechend unergiebig ist ihr Bericht: vor allem Langeweile, Übungen, Sport, enge Kombüsen und Küche schrubben. Als einziger Ernsteinsatz ein Taxiflug für Politiker zwischen Mogadischu und einem portugiesischen Konferenzboot. Sonst müssen die Männer der „Augsburg“ tatenlos zuschauen, wie das von Piraten seit zwei Jahren gekaperte Handelsschiff „Albedo“ mit Mann und Maus und Containern untergeht. Dass dieser Zustand unbefriedigend sei, dieser Message der Bundeswehr leiht dieser Film mit BR-Routine-Sprecherei seine Stimme.

Wer hat Angst vorm weißen Mann (TV ARD)

Der alte Metzger Rissmeier verlässt, gestützt von seiner Tochter und mit einem Stock in der Hand das Krankenhaus. Er hinkt. Später erfährt man, mit seinem Arm sei etwas nicht in Ordnung. Arm oder Bein, das ist hier die Frage.

Der Metzger ist ein grobschlächtiger, dumpfer Bayer, ein Sturbolzen, so uncharmant, wie das dumpfeste Klischee es nicht hergibt. Weil er im Laden ausfällt, hat Tochter Zita den Flüchtling Alpha Makambo aus dem Kongo, genauer gesagt, aus einer Asylunterkunft, engagiert. Der ist ein studierter Ingenieur, scheint aber auch das Metzgerhandwerk perfekt zu beherrschen. Der alte Metzger ist entsetzt. Weißwurst von schwarzen Händen zubereitet, das geht nicht. Und nicht nur für ihn, kann man sich ja denken.

Bei einer von Wolfgang Murnberger, dem Regisseur dieses Filmes, ziemlich flüchtig inszenierten Rangelei zwischen Metzger und Alpha, weil dieser eine Glühbirne ersetzen will, kommt der Metzger zu Tode. Das hat allerdings nicht die geringste kriminalistische Nachfrage zur Folge.

Folge ist der Streit ums Erbe, denn der Metzger hat nicht nur die brave Tochter Zita, sondern auch den bösen Sohn Anton, der mit einer Zwiderwurz von Frau zusammen ist und gierig auf das Erbe. Und der andere Vorstellungen von der Zukunft der Metzgerei hat als Vater und Schwester.

Konflikt liegt in der Luft. Und wie löst die Autorin dieses Filmes, sie heißt Dominque Lorenz, das Problem? Sie lässt den Geist des toten Metzgers sich in einer angesichts der heutigen Möglichkeiten der Computertechnik armselig gelösten Szene aus dem Körper des toten Metzgers entsteigen. Dieser Geist des dumpfen Metzgers wird nun ein guter Engel, der die Konflikte der Hinterlassenen lösen hilft. Der Konflikt ist allerdings ein doppelter, was nie gut ist für eine Geschichte. Einerseits geht es um Rassismus, ein Schwarzer in einem schwarzen bayerischen Dorf. Andererseits geht es um übliche Erbstreitigkeiten, wie sie jedes Bauerntheater kennt. Beides durchaus abendfüllende Konflikte. Frau Lorenz aber traut sich beides zu und glaubt wohl, mit ihrem Kunstgriff der auferstandenen Seele, der Sache zu dienen.

Dazu setzt Frau Lorenz noch voraus, dass alle Afrikaner Voodoo betreiben. Und dadurch in der Lage sind, mit Geistern Verstorbener zu kommunizieren. So wird Alpha zum Medium des Metzgers. Der Schwarze zum Medium des Rassisten, denn auch als guter Engel bleibt der Metzger weiter Rassist: „Alpha tu was, ich bin für die Gleichberechtigung für die Schwarzen und Weißen – in Südafrika“, „Ich bin der Kopf, Du bist der Körper“, „ Alle Menschen sind gleich, nur mit verschiedenen Hautfarben“, setzt den Schwarzen dafür ein, den Hickhack der weißen Geschwister um die Hinterlassenschaft zu klären, seinem Töchterchen zum Recht gegen den hinterhältigen Bruder zu verhelfen: handfester Missbrauch eines Schwarzen aus Afrika durch einen dumpfen Schwarzen aus Bayern. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Das erste vernehmbare Wort im Film beim Verlassen der Drehtür durch den Metzger ist übrigens ein Wort mit „Scheiß…“, wobei mir der zweite Wortteil unverständlich geblieben ist. Bis zum glücklichen Ende, nämlich einem gemischt bayerisch-afrikanischen Laden „Alpha bis Zita – Senf und Tamarinde“ wird es noch viele lieblos-routiniert inszenierte Szenen ohne jeden Charme, ohne Warmherzigkeit und strotzend vor Klischees und Auftragserfüllungsschauspielerei geben. Mit ganz wenigen Ausnahmen uninspirierte Für-Geld-Routine-Schauspielerei gegen mutmaßlich begehrenswerte öffentlich-rechtliche Gagen. Murnberger und die BR-Redaktion liessen es geschehen.

Und die Moral von der Geschicht? Von öffentlich-rechtlichem Interesse ist sie nicht. Es sei denn, das Öffentlich-Rechtliche möchte mit Rassismus, Aberglauben und Dummheit in ein Boot sich setzen.

Grosse Oper Verdi (TV BR)

Ein Grafiker, gespielt von Hendrik von Bültzingslöwen, soll überraschend einen angefangenen Text über die Produktion der Oper „Rigoletto“ an der bayerischen Staatsoper fertigstellen. Termindruck der Redaktion, der Chefredakteur, gespielt von Wolfgang Teichmann, macht ihn kurzerhand zum Redakteur. Da sitzt nun der überraschte Grafiker und staunt mit seiner schwarzen Brille, sinniert und hat offensichtlich keine Ahnung von Oper, konfrontiert mit einem überquellenden Schreibtisch, der nach übernächtigter Arbeit aussieht: Imbissreste, Computer und immer mehr Material, Doku-Material, Fotos, Texte, Mitschnitte von den Opernproben, Einblicke in Produktion von Kostüm und Bühnenbild, Interviews mit den Sängern, mit dem Regisseur Árpád Schilling, einem Schauspielregisseur, der das erste Mal große Oper inszeniert und auch anfangs keine Ahnung von Oper hatte, der dem Libretto, also der Geschichte, versucht auf den Grund zu gehen, an ihren Kern zu gelangen. Der Grafiker dringt immer tiefer in die Materie ein – und mit ihm der Zuschauer.

Wie in einem Schnellhefter versammeln in dieser Dokumentation des bayerischen Rundfunks Andreea Varga und Michael Wende um diese kleine Rahmengeschichte herum Momentaufnahmen, Statements, erklärende Animationen, Musikausschnitte des Probenprozesses und der Premiere von Rigoletto im Dezember letzten Jahres. In diesem Bericht, der keine zeitnahe Dokumentation ist, gibt es Kurzinformationen zu Verdi, zum geschichtlichen Hintergrund einzelner Opern, der Gassenhauerqualität mancher Arien, zum modernen Opernverständnis des Staatsopernintendanten Nikolaus Bachler, dem Feuer in der Musik, aber auch über die Befindlichkeit von Sängern, deren langweiliger Alltag, der ständig auf die Stimme achten muss, die Technik des Singens und die Begründung, warum in München Rigoletto ohne Buckel auftreten wird. Vielleicht gab es deshalb den Buhsturm bei der Premiere. Mir jedenfalls hat diese knapp einstündige Spieldoku durchaus Lust gemacht, diese Oper einmal live anzuschauen – sie steht am Samstag 12. Oktober 2013 wieder auf dem Programm der bayerischen Staatsoper in München.

Kinderparadies, Polizeiruf (TV ARD BR)

Andachtsvoller Sonntagabendgottesdienst: Gemeindediakon Matthias Brandt und sein Organist und Kirchenmusiker Leander Haußmann mit Band gestalten mit viel Klampfengezupfe und Chorgesang einen feierlichen Gemeindeabend zur Thematik moderner Kindergartenpädagogik vor der Folie bissiger Kinder und gewaltbereiter Eltern im Kirchsprengel mit der öffentlich-rechtlich-relevanten Forderung: Freiheit und kein Maulkorb für Kinder. Ihrer wird in dieser Feierlichkeit gedacht. Da das Böse im Gottesdienst nicht allzu böse erscheinen soll, wird viel Zeit gefüllt mit süßen Bildern vom Gemeindediakon im Gespräch mit oder auf der Suche nach der kleinen Lara und dem pinken Teddybären. Zum Schluss nimmt der Diakon den bösen Tatmenschen als Opfer rührend-bekümmert in den Arm, „Sie sind ein guter Mensch“ sagt er. Seelsorge-Auftrag erfüllt, Sonntagabend gerettet. Jetzt noch den Maler Raphael dazu geholt für das Bild von der heiligen Familie, das könnte anschließend an die Gläubigen verteilt werden. Redaktion BR: Cornelia Ackers.

Der hier im ersten Abschnitt apostrophierte Diakon ist natürlich kein Diakon, sondern ein regelrechter öffentlich-rechtlicher TV-Ermittler und die kirchliche Beschreibung eine reine Interpretation der Message dieses ARD-BR-Sonntagabend-Krimis, dieses Polizeirufes „Kinderparadies“, der übrigens in einer dem Regisseur Leander Haußmann angemessen eleganten Filmsprache und -ausstattung würdig jeder Hochglanzzeitschrift und mit munterer Spielfreude seiner Darsteller dargeboten wird, was mir alles viel mehr Ausdruck der Bemühung um Originalität denn Ausdruck der Bemühung, eine Geschichte spannend und zwingend zu erzählen, scheint.

Die „Was is’n hier los?“-Frage, Indiz für nicht allzu gründliche Drehbucharbeit, gleich zweimal in der ersten Phase des Filmes. Für das Drehbuch zeichnen Daniel Nocke und Leander Haußmann, der als Regisseur seine Schauspieler unabhängig von der Drehbuchsituation möglichst emotional aufspielen lässt, gerne tränenreiche Bekenntnisse von Gemeindemitgliedern und gerne auch im Modus des Schnellsprech, den der Kommissar vorgibt. Sie drehen prächtig auf, als gehe es darum zu zeigen, wie prima sie das können, wie emotional deutsche Fernsehschauspieler sein können, vielleicht auch um die Dürftigkeit der Geschichte zu überspielen, denn leider haben die Figuren keine Geschichte. Vielleicht dient dieser Schauspieleffort aber auch dazu, ein möglicherweise etwas abgestandenes Genre aufzumotzen, von der inneren Leere abzulenken.

Es geht um einen Todesfall. Eine Frau ist überfahren worden. Dem ging ein Streit mit einem Mann voraus. Die Szene des aufzuklärenden Verbrechens selbst wird in Abständen mit häppchenweisen Ergänzungen immer wieder eingespielt. Ein Babyphon am Tatort führt den Kommissar wie von Gottes Hand gelenkt zum Haus mit dem Baby und dort zu diesem und damit zur Kindergartenproblematik. Nachdem der Kommissar das Babyphon sorgfältig auf einem zu vermutenden Regal abgelegt hat, nimmt er das Baby in den Arm und fängt an zu singen „Heile Heile…“ und die Spurensicherung singt mit.

Eigentümlichkeiten: Kommissar telefoniert mit in Plastik eingepacktem Asservaten-Handy. Unbekannt wirft roten Ballon ins Bild, wenn der Kommissar mit dem Vater spricht.

Genre: Patchwork-Movie; wirkt wie ein bunter Wandbehang, den eine Kindergärtnerin aus verschiedenen Sujets aus dem Leben der Kleinen gebastelt hat; auch der schwarze Mann fehlt nicht oder die Kindergärtnerin, die alle Bälle aus einem Plastikbehältnis fallen lässt und dann selbst umkippt, denn sie verträgt Soja-Milch nicht; der Kommissar, der draußen mit der Chinesin chinesisch tanzt; diese wiederum hat Angst vor der Polizeimarke oder der Gag im Supermarkt mit der verzögert einstürzenden Konservendosenpyramide – dem Kommissar steht die genervte Ungeduld, ob das im verabredeten Timing passiert, ins Gesicht geschrieben; und immer wieder der Kommissar mit dem Kleinkind und dem Teddy oder es wird als Joke die Verwechslung von Gerichtsmedizin und Gesichtsmedizin an den Wandbehang wie ein Merkzettel angeheftet oder auffallender Schick und Ähnlichkeit von blutenden Stirnwunden; und viele, viele Luftballons; diese vielen, netten, oft geschmackvollen Bilder scheinen die Kamera auf der Suche nach der Geschichte allerdings ziemlich zu irritieren, so dass sie ständig in nervöser Bewegung ist.

Wobei das soziale Thema moderne Kindergartenpädagogik nur in wenigen Stichpunkten anlässlich der Elternversammlung erwähnt wir, denn auch hier wird lieber gesungen als den Dingen auf den Grund gegangen. Wäre ja sonst vielleicht ein interessanter Kontrapunkt zum Thema Waldorfpädagogik, die der BR in einer spannenden Langzeitdoku von Maria Knilli behandelt, der zweite Teil „Eine Brücke in die Welt“ hat der BR vor etwa 10 Tagen gezeigt. Aber vielleicht ging es doch mehr um die Gewalt von Eltern, die einen so modernen Kindergarten betreiben, der sogar Shakespeare als Puppentheater im Lehrstoff hat.

Substanzgehalt im Sinne des öffentlichen Rundfunkauftrages: die Info, dass es bissige Kinder gibt, dass es Eltern gibt, die sich um eine moderne Pädagogik bemühen und dass es öffentlich-rechtliche Fernsehkommissare gibt, die vom Seelsorge-Kümmerer-Duktus übermannt werden und sich von Kindern und Teddybären von ihrem Job abhalten lassen und vielleicht noch, dass es Leute gibt, die Krimi mit atemloser Lifestyle-Präsentation und Gesinge und Gitarrengeklimpere verwechseln. Oder ist die bewusste Hauptthese des Filmes doch eher die, dass gewalttätige Menschen dazu neigen, freie Kindergärten aufzubauen und zu betreiben und dass sie trotzdem gute Menschen sind? Wäre doch etwas dünn hinsichtlich eines öffentlichen-rechtlichen Auftrages.

Nach einer Stunde wird der Tathergang aufgelöst.
Jetzt checkt’s auch der Kommissar, sagt „Scheiße“ und muss Joachim suchen, „ich nehm die Verhaftung selber vor, er ist zwar ein armes Würstchen aber auch ein netter Kerl“.

Pastorale Abschlussworte des Kommissars: „Man muss sich daran gewöhnen, die Trauer ist wie eine zugelaufene Katze…“ – im Hintergrund die bayerische Staatsoper.

Der Kommissar/Diakon mit der pedantischen Schnellsprechmanie, mit der er uns weismachen möchte, dass er eine schnelle Auffassungs- gleich Formulierungsgabe habe. Aber das süffisante Lächeln ab und an erzählt uns auch von einem tiefen Zwiespalt, es erzählt, dass solches Talent als Fernsehkommissar eigentlich vergeudet sei; und in der Tat würde er mit seiner Schnellauffassungs-, Schnellformulierungs- und Schnellsprechgabe als Anwalt bestimmt wirtschaftlich deutlich besser dastehen denn als Rundfunkkommissar in öffentlichem Auftrag.

Und wenn den Hauptdarsteller zu viele Aufzählungsdetails im Text nerven, so greift er zum laienhaft-dilettantischen „Pipao“: „..Kulturbeutel, pipapo“. Oder war es wirklich das Drehbuch?

Alles Schwindel (TV, ARD)

Albert Wolf ist Museumswächter in Wien. Er langweilt sich in seinem Job und fängt an zu zeichnen. Er entdeckt sein Talent. Er fängt an Bilder aus dem Museum zu kopieren. Mit einem Kollegen macht er die Kunstwerke zu Geld, um sich eine schöne Wohnung und seiner Tochter eine erstklassige Ausbildung zu leisten. Er hat von Klimt den „Kuss“ kopiert und hängt die Kopie in das Museum, während er das Original in seinem Schlafzimmer hinter einem Vorhang verbirgt. Jetzt plant er mit dem Kollegen den Diebstahl seiner Kopie aus dem Museum. – Das, also wie aus einem unbescholtenen Biedermann ein Krimineller wird, könnte eine spannende Geschichte sein. Aber die Autoren Uli Brée, Gabriel Castaneda, Rupert Henning bringen diese Geschichte nur als extraterritorialen Beipackzettel in ihrem Drehbuch unter in Form von Sprechtexten der Darsteller und nicht filmisch spannend aus dem Charakter der Hauptfigur entwickelt. Das Skelett dieses Filmes, ohne welches er wohl in sich zusammenbrechen würde, als Exoskelett, als Fussnote reingeschmuggelt.

Im Falle von Albert Wolf (Figurcharakteristikum: fataler Hang zu Herzinfarkten), wird dieses grundlegende Defizit des Drehbuches allerdings einigermaßen aufgewogen durch die Besetzung mit Udo Samel und seiner runden, rundlichen Darstellung, in jeder Sekunde stimmig und glaubwürdig. Auch ist er ein guter Gauner, denn er tut es für seine Tochter Isabella gespielt von Ursula Strauss, die es mit der Schönheit der Klimtfrau aus dem „Kuss“ spielend aufnimmt. Ihr Charakteristikum ist ein Dauerniesen wegen ihres Mohair-Schals. Sie scheint dabei zu sein, in Paris eine wichtige Modedesignerin zu werden, die bald ihre eigene Linie auf den Markt werfen wird, auch letzteres lediglich Erklär-Info.

Allerdings wiederholen die Autoren ihren gravierenden Konstruktionsfehler bei der zweiten Hauptfigur, welche als solche schon problematisch ist, denn zwei Hauptfiguren erträgt kaum ein Film, hier aber vermutlich nicht direkt den Autoren, sondern dem Koproduktionsmodell von ORF und ARD geschuldet und also mit einem deutschen Schauspieler besetzt, der vom Outfit her gestylt ist wie Prinz Charles und ein farb- und makelloses Hochdeutsch spricht adäquat der Langweiligkeit des britischen Prinzen. Das Drehbuchdefizit wiederholt sich, indem auch hier die Vorgeschichte im Beipackzettel serviert wird: der Adlige ist geschäftlich eine Niete (wo er ein Ass sein könnte bleibt im Dunkeln), die Schreibmaschinenproduktion und sein Schloss sind hoch verschuldet. Benno Fürmann allerdings, der mit dieser Rolle des Grafen Leopold von Hohensinn betraut worden ist, vermag es nicht, die Drehbuch- (und später sicher auch: Regie)defizite zu kompensieren, da helfen auch Ansätze von gekünsteltem Stottern nicht; er spielt anfangs primär im Untertext: ich bin der Star. Das verwässert sich zusehends in Möchte-Gern-Lustig-Kollisions- und Einbruchsszenen in der Art von schlecht geprobtem Kindertheater ohne jeden Aussagewert im Sinne des öffentlich-rechtlichen Rundfunkauftrags.

Die Rekonstruktion der Geschichte, ausgehend von Albert Wolf, würde also so weitergehen, dass der Diebstahl des Klimt-Gemäldes Schlagzeilen macht und dem hochverschuldeten Leopold wie ein Geschenk des Himmels erscheint: denn mit der Versicherungssumme in dreistelliger Millionenhöhe wären alle seine wirtschaftlichen Probleme gelöst und er könnt vom mühsamen Konstrukt der Adaption eines zwielichtigen Russen als Adoptivsohn zurücktreten, welches einer der Anfänge des Filmes aus heiterem Himmel ist. Im Film ist die Figur Leopold sogar so dumm (und dumme Figuren sind selten attraktiv in Filmen), dass er den Rücktritt von der Adoption gleich vollzieht ohne sich über die Details des Versicherungsgeldes kundig zu machen. Wieso dem so ist, dass das Bild nämlich eine Dauerleihgabe der adligen Familie an das Museum ist, auch diese extraterritoriale Geschichte entnehme der Zuschauer bittschön einem der anstelle von Spielhandlung inkludierten Beipackzettel-Dialoge.

Von der Aufgabe einer Rekonstruktion der Geschichte durch den Zuschauer muss insofern gesprochen werden, als die Autoren den Strang mit Leopold, der in der ersten Geschichte ja erst in dem Moment akut wird, wo der Diebstahl des Gemäldes publik wird, diese zweite Geschichte schon viel früher dem Fernsehmodus der Kurzatmigkeit und des Asthmas huldigend in den Film einfädeln. Die Chance, die zweite Geschichte und deren Verwicklung in die erste elegant wie ein Stoß mit einer Billardkugel in Gang zu setzen, wird hier vertan.

In die erste Geschichte ist also die hübsche junge Frau eingebaut und in die zweite ein Tunichtsgut von halbjungem Adligem. Logisch, dass die junge hübsche Frau und der Adelige Tunichtgut bald schon zusammenprallen müssen – und das ist vorhersehbar inszeniert, ohne Witz, ohne Überraschung.

Haben die Autoren nun schon geworgt und gebogen, dass die Balken ächzen, um den Plot ohne klar Hauptfigur zusammenzustöpseln und mit dem einen oder anderen gut gemeinten Joke anzureichern, so wird die Regie von Wolfgang Murnberger vollends zum Drama, a) weil ihm die Produzenten zu wenig Drehzeit und also Geld eingeräumt zu haben scheinen, damit er sorgfältig inszenieren kann oder b) weil es ihn schlicht nicht interessiert hat und das schmerzt hinsichtlich des guten Namens, den er sich mit „Silentium“ oder „Der Knochenmann“ gemacht hat, außerordentlich. Hier ist alles nur Routine, schnelle, lieblose Routine. Die Schauspielerei wie Kasperltheater beim Einsteigen ins Schloss oder beim Bruch in die Wohnung von Wolf durch Leopold mit Kletterseil umgebunden rittlings in die Badewanne kippend.

Das wird fernsehgerecht – also nicht spannungserzeugend, sondern Auge und Geist lediglich beschäftigungstherapeutisch in Beschlag nehmend, damit der Geist aus dem Stückwerk von Szenen wenigstens ein Sachverhaltsskelett nachbauen kann, zubereitet; der Zuschauer solchermaßen abgelenkt, wird um den Genuss der Zwickmühlen der Figuren innerhalb ihrer schwindligen Lebensentwürfe und Taten, ihrer Tricksereien gebracht. Der Zuschauer wird lediglich rekonstruktiv beschäftigt statt erkenntnisgewinnend durch Überraschungen.
Der Titel allerdings, der stimmt durchaus und sowieso für den Charme des Österreichischen, in welchem das kalte Hochdeutsch von Graf Leopold besonders uncharmant wirkt.

Um abzulenken von den Schwächen von Drehbuch und Regie darf die dekorative Zutat zum untauglichen Fürstensohn, dessen demente Mutter Gloria, Bibiane Zeller, immer wieder TV-Werbung schauen, vom Zyklon-Staubsauger über die Bauchmuskelwerbung bis zur Kreuzworträtselfrage „prominenter Deutscher mit 9 Buchstaben“, fernsehtechnisch gesehen steckt dahinter vermutlich satirische Absicht.

Eine Brücke in die Welt (TV, BR)

Langzeitdokumentation als solches ist schon etwas Faszinierendes: Menschenentwicklung im Zeitraffer und mit nicht garantiert vorhersehbarem Ende. Maria Knilli (Redaktion Thomas Sessner) hat sich für ihre Langzeitdokumentation eine Schulklasse der Waldorfschule bei Landsberg vorgenommen. Seit 2007 begleitet sie die Schüler und ihre Klassenlehrerin, denn diese bleibt einer Klasse 8 Jahre lang in dieser Funktion erhalten. Hier nun der zweite Teil der Doku. Die Kinder sind anfangs 9 und am Ende 12 Jahre alt. Sie stehen am Übergang von der Kindheit zum Jugendlichen. Am augenfälligsten ist das hier zuerst allein am Volumen, was die Klasse anfangs des Filmes und am Ende des Filmes im Klassenraum einnimmt; es hat deutlich zugenommen.

Maria Knilli geht sehr klug vor, hat das Vertrauen zur Klasse und der Lehrerin längst gewonnen; sie stellt auch nicht einzelne Schüler als Stars in die Mitte; das ruhende Zentrum ihres Filmes ist die Klassenlehrerin Umbach, eine berufene, eine geborene Pädagogin. Genauer gesagt: eine geborene Waldorfpädagogin. Sie macht den Film zu einem klaren Votum für diese Schulphilosophie. Und das wird jetzt vor allem spannend, man möchte am liebsten sich zeitlich die nächsten drei Jahre vorausbeamen lassen und schauen, wie das ausgeht im dritten Teil. Einerseits die Rudolf-Steiner-Welt, die Goethe-Welt mit ihren Metamorphosen der Pflanzen, mit ihrer Tradition des Schultheaters, des Musischen, des Respektes vor den Menschen; auf der anderen Seite diese Kinder, die anfangen Jugendliche zu werden, Ablehnung gegen die Autoritäten zu empfinden, die einem enormen Einfluss der technischen Medien ausgesetzt sind (die haben in der Waldorfwelt nichts zu suchen); denen als übernächste Stufe eine Welt des gnadenlosen Wettbewerbes (der nicht weniger werden dürfte) in Handel, Industrie, Fabrikation, Wissenschaft, Management ausgesetzt sind, einer Welt des Diktates der Ökonomie, einer Welt des Mobbings, der Intrige, der Feinseligkeit.

An der Waldorfschule aber gilt der Gedanke des Miteinander, keiner soll ausgebremst werden. Jeder hat seine Qualitäten. Es gibt am Ende der ersten Schuljahre nur Wortbeurteilungen und die Versetzungsfrage stellt sich nicht. Die Schüler sollen Vertrauen in sich gewinnen. Sie sollen durch Üben die eigenen Grenzen erweitern. Sie sollen ihr Identität entwickeln können.

Als symbolische Vergegenständlichung des langen gemeinsamen Entwicklungsweges unternimmt die Klasse in den acht Jahren eine Etappenwanderung von Landsberg nach Venedig; die wiederum die soziale Struktur in der Klasse ganz schön durcheinanderwirbeln kann.

Der Titel dieses zweiten Teils der Langzeitdoku bezieht sich auf das Bild, dass die Eltern in die Selbstverwaltung der Schule und durch viele Veranstaltungen in den Entwicklungsprozess integriert werden; was als Pfeiler der Brücke interpretiert wird, über die der Weg der Kinder in die Welt hinaus führt; eine Brücke, die sie brauchen in einer Zeit enormer seelischer Veränderungen, in der heftige Krisen auftreten können. Bemerkenswert auch, dass die Pädagogin nicht von körperlichen Veränderungen spricht.

Ob die Gitarrenzupferei zur gelegentlichen Untermalung der Bilder nötig gewesen wäre, sei dahin gestellt.

Diese Landsberger Idylle hebt sich deutlich ab von Berichten über Lehrer mit frühem Burnout, mit riesigen Disziplinproblemen mit den Schülern. Davon ist im geschützten ländlichen Landsberg nichts zu spüren. Eine heile Welt?

Essenz des Lebens; Gila von Weitershausen (TV, BR)

Hier versucht ein Talkmaster aus seiner Interviewpartnerin das herauszuholen, was er vorher angelesen und recherchiert hat.

Er fährt mit ihr auf dem Sozius einer roten Vespa – und beide anständig behelmt – einen vorbereiteten Parcours durch München an Orte ihres früheren Lebens auf der Suche nach der Essenz ihres Lebens.

Die Babywiege für die Zweijährige, die mit „Gila“ und „1946“ beschriftet ist, hatte eine Nachbarin aus ihrem Elternhaus gerettet. „Das ist Ihre Kinderwiege, Ihre Babywiege.“ „Das ist unglaublich, wieso kann ich mich nicht daran erinnern“. Der Interviewer konfrontiert sie mit einem Foto ihrer Mutter und von sich selbst aus ihrer Kindheit im Garten ihres Elternhauses. Die Interviewte ist etwas überrascht, weiß nicht recht was sagen dazu und legt die beiden Bilder wieder sorgfältig in den gelben Umschlag und diesen in die regungslose Wiege. Gemüsegarten der Mutter. „Hier hatten wir lauter Rosen. Dahinter war unsere Spielwiese“. Der Interviewer bietet der Dame einen Apfel von einem Baum aus der Kindheit an.

Der Interviewer fährt mit ihr in die „Gruft“, ihre ehemalige Schwabinger WG-Wohnung aus dem Aufbruch der Sechziger. Sie wundert sich über das kleine Zimmer, in dem sie mit ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann Martin gelebt hat. Viel Blabla über die Hochzeit. Fragen an die Interviewte: „Haben Sie schon Vorhänge gehabt? Und Kühlschrank? Und die Klamotten waren wo? … Hier ist viel passiert, Sie sind hier auch mal schwanger geworden?“

Zwei Dinge ärgern die Interviewte am meisten: die administrativ nicht anerkannte Mutterschaft ihres leiblichen Sohnes, der jetzt als der Sohn eines weltberühmten Regisseurs gilt, der aber nicht sein leiblicher Vater ist. Eine verflixt komplexe Geschichte, in der die Nouvelle Vague, Mexiko (Anlass für eine kleine Name-Dropping-Arie), der Code Napoleon, ein von Nonnen betriebenes Krankenhaus in Mexiko und auch ihr Ex-Mann Martin eine Rolle spielen.

Viel Blabla über die Hochzeit des administrativ nie bestätigten Sohnes in New York.

Der Interviewer versucht zur Essenz, zum Kern vorzustossen. Er möchte einen roten Faden im Leben der Interviewpartnerin finden. „Es ist die Schauspielerei, der magische Raum, der zieht sich durch mein Leben und den such ich immer noch und wenn ich in dem mich aufhalte, dann bin ich glücklich, nicht nur, aber…“ Sie möchte aber ausdrücklich nicht auf das Leben zwischen den magischen Räumen reduziert werden.

Der Interviewer heißt Jörg Seewald und stylt sich mit strenger, schwarzer Intellektuellenbrille und entsprechendem Blick; seine Interviewpartnerin ist die Schauspielerin Gila von Weitershausen. Der Interviewer beweist mit seinen Fragen, dass er sich kundig gemacht hat.

Der Gesprächspartnerin reicht es irgendwann: ich brauch ne Rolle, Herr Seewald, tschüss!

Sie wolle endlich wieder spielen, sagt Gila von Weitershausen an einer Stelle. Die Internet Movie Data Base berichtet indes von ganz guter Beschäftigung. Die neuesten Rollen: Frieda Winter in „Vorzimmer zur Hölle II – Plötzlich Boss“, TV-Movie; Ulrike Fischer in „Nur mit euch!“, TV-Movie 2013; Julia Langer in „Alles außer Liebe“, TV-Movie 2012; Dolores ‚Lore‘ Schmidt in „Der Schwarzwaldhof“ 2010 – 2012; Alexa Frey in „Familiengeheimnisse – Liebe, Schuld und Tod“, TV-Movie 2011 – das sind nur die neuesten von 148 Einträgen.

Vielleicht hätte das einen spannenden Knackpunkt für das Interview bilden können, die Frage nach der künstlerischen Erfüllung angesichts der Diskrepanz aus einer teils berühmten Vergangenheit mit Louis Malle und der aktuellen Aktivität in wie es scheint weiter nicht berühmter, industrieller Fernsehware, ob die dem Wunsch „ich will endlich wieder spielen“ gerecht wird und dann noch die Frage nach der Relevanz dieser Fernsehprodukte hinsichtlich des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Exclusiv im Ersten: SOS Griechenland (TV, BR)

Dieser Bericht von Ralph Gladitz, Redaktion Corinna Spies, über die Lage eines SOS-Kinderdorfes in Griechenland ist die angemessen ruhigere Ergänzung zur hektischen Nachrichten-Info über das darniederliegende Land und sicher im Sinne des Auftrages des öffentlichen Rundfunks. Besonders die SOS-Heimmutter Marina gibt dem Kinderdorf und der Krise ein Gesicht, was Empathie auslöst: von engagiert bis abgekämpft und müde und doch wieder hoffnungsvoll und glücklich mit den Kindern. Für die Kinderdörfer wird die Lage immer noch, und es ist bereits das dritte Jahr der Krise, prekärer; denn jetzt müssen sie massiv Steuern auf Spenden bezahlen, die zudem zurückgehen; die Spender selbst können nur noch 10 Prozent des Spendenbetrages von der Steuer absetzen. Der Bericht sollte zu Denken geben, denn er illustriert, dass Dinge, die sich in Griechenland vor drei Jahren noch niemand vorstellen konnte und was sich für Deutschland im Moment niemand vorstellen will, nämlich der beispiellose Absturz der Mittelklasse, eingetreten ist. Aber in Deutschland sind bald Wahlen und da machen die Politiker aller Couleurs wieder Versprechungen als Blankochecks auf die Zukunft nach dem Motto: nach uns die Sintflut. Der Film von Gladitz lässt uns einen kleinen Blick in diese Sintflut werfen.

Sauhund – die pfundige Puppenshow; Gast: Wolfgang Krebs (TV, BR)

Am Faszinierendsten sind die Bilder im Abspann von hinter der Bühne von den Menschen, die die Marionetten führen, die die Texte sprechen, die die Musik für die Puppen machen. Aber auch dem Reiz der Puppen auf der Bühne, hier einer regelrecht glitzernden Showbühne, ist schwer sich zu entziehen. Die Figur Sokrates, die nur ein Stück Polster eines Kanapees ist, das adrette Schweinchen im Dirndl, das vor allem die Fragen stellt, die Band, der Ziegenbock in der Garderobe, der sich zu Höherem berufen fühlt, der Redakteur in seiner Stube, der wegen eines defekten Mikros keinen Einfluss auf die Show hat und sich schon während der Aufzeichnung bei Arte bewirbt. Auch der Swing der Musik ist showprofessionell, die Ausstattung ebenso. Bleibt das Menschliche. Es gibt in dieser Show einen menschlichen Gast, einen Stargast. Es ist der aufgeräumte Wolfgang Krebs, der sich sichtlich wohl fühlt auf dem Showsofa, der allzu leicht in den Stoiber-Duktus fällt, denn als Stoiber-Parodist ist der ehemalige Briefträger berühmt geworden. Dazwischen war er noch Werbeverkäufer. Jetzt ist er ein Aushängeschild der BR-Unterhaltung, auch auf dem Nockherberg. Und bangt auf den Wahlausgang für sein nächstes Soloprogramm. Denn den Seehofer hat er auch drauf, darf sogar einen zaghaften Wahlauftritt für sich als Seehofer-Double abliefern. Aber mit den Beckstein- und Ude-Parodien, da kann Krebs nicht mehr ganz so Furore machen, da scheint er die Vorbilder nicht gründlich genug studiert zu haben. Der Stoiber scheint für ihn ein Geschenk des Himmels gewesen zu sein und dessen 10-Minuten-Transrapid-Philippika. Nur leider ist das inzwischen ziemlich kalter Kaffee, wofür das Publikum für die Show, die unterm Strich vor allem BR-Eigenwerbung ist, ziemlich zum Applaus aufgekratzt werden musste, der dann allmählich nachließ und gegen Ende erst wieder etwas anzog. Zwischendrin sollte das Thema Werbung versus Politik diskutiert werden, aber das verläpperte sich bald in Belanglosigkeiten übers Parodieren und einem schwachen Wagner-Tiefkühl-Pizzajoke. Höhepunkt war der kleine Tanz, den die Schweinchen-Moderatorin in ihrem Dirndl hinlegte, wenige, signifikante Bewegungen: großes Marionettentheater und entsprechendes Kompliment für den Marionettenspieler.

Im Schleudergang, Folge: Gardasee (TV, BR)

In der zweiten Folge der BR-Serie „Im Schleudergang“ mit dem Titel „Gardasee“ fangen die Verhältnisse an, sich zu runden; oder der Betrachter erliegt bereits der Macht der Gewohnheit; weil die überschaubare Zahl der zumindest gut angedachten Figuren und auch die Örtlichkeit des Waschsalons und die Wohnungen darüber einem so vermittelt worden sind, dass sie schnell vertraut wirken, auch weil die Atmosphäre als recht menschlich-menschelnd eingeführt worden ist.

Die Schauspieler fangen an, sich in ihre Rollen einzuwohnen und der Zuschauer mit ihnen. Nach dem eher kühlen Beginn fängt Gisela Schneeberger an, ihren umwerfenden Flirtcharme zu versprühen, während sie in der ersten Folge noch als kalte, herzlose Geschäftsfrau mit Ambitionen zu Netzwerken vornehmer Damen etwas distanziert rüberkam.

Diesmal soll es an den Gardasee gehen. Wieder gen Italien. Und zwar mit ihrem Liebhaber Freddy. Dass sie am Ende über ihr Münchner Stadtviertel nicht hinauskommen, das macht die Sache doch sympathisch und heißt gewiss nicht, eine Überraschung verraten. Zwar nicht „Warten auf Godot“, aber „Warten auf den Gardasee“. Über diesen Fluchtort der Münchner Schickeria hat Max, der dieses Mal fast eine Folge lang seine Hose in der Wäscherei bügelt, nicht allzu viel Positives zu berichten; wobei unüberhörbar der Neid mitschwingt.

Loverboy Freddy tut sich weiter schwer damit, offen zur Liaison zu Christa, mit der er an den Gardasee fahren soll, zu stehen. Er kommt nicht los von seiner geschiedenen Gabi. Hat ständig ein schlechtes Gewissen. Hat Mühe, klare Entscheidungen zu fällen. Doch da flirtet Christa bereits mit Onkel Max. Der ist noch nicht so richtig eingepasst in die Wäscherei. Steht fast so fremdkörperhaft da mit seinem Morgenmantel und nur der Unterhose drunter wie der Kunde Bertram, der solistisch (oder eher autistisch oder solipsistisch?) Reden berühmter Fussballmenschen von sich gibt, ein etwas weit hergeholter Drehbuchgag und entsprechend schwierig zu gestalten. Die gar nicht schlechte Idee scheint die zu sein, in jeder Folge einem Gastdarsteller einen Glanzauftritt zu ermöglichen, der die Rosinenfunktion im Serien-Kuchen übernehmen soll (das hat sich schon in der ersten Folge mit der pointiert hochdeutsch sprechenden älteren Dame zart angedeutet, die Christas Teilnahme am Papstbesuch vereitelt hat). Der Darsteller sollte also richtig brillieren, was hier für mich so nicht erkennbar ist, mag sein, dass ich von Fussball zu wenig verstehe; oder dass der Auftritt schlicht nicht gut genug gearbeitet worden ist, besonders auch, was die Reaktionen resp. Interaktion des Kulisse bildenden Stammpersonals aus Gitti, Max und Michi betrifft, die der Gastfigur den roten Teppich auslegen sollten, sonst verpufft die Wirkung; die agieren eher so, als würde hier einer vorgeführt; oder die Casterin ist sich der besonderen Anforderungen an einen Darsteller für einen solchen Glanzauftritt nicht bewusst gewesen.

Während zwischen Gitti (die jetzt nicht mehr raucht) und Christa bei einem Gespräch im Auto schon so viel bayerisch gewürztes Wohlgefühl rüberkommt, dass einem ganz warm wird ums Herz.

Von Michi bekommen wir mit, dass er nebenbei in einer Kneipe jobbt, in der merkwürdige, glatzköpfig-bullige Typen ein- und ausgehen; aber er braucht das Geld. Das wird wohl ein running Gag, dass er in jeder Folge einen anderen Farbtupfer an seichtem bis dubiosem Nebenjob einbringen soll, falls ihm die Drehbuchautoren nicht eine Lohnerhöhung genehmigen, wofür sie stattdessen, das wäre eine Chance, nach spannenderen Seiten seines Charakters suchen müssten.

Mit Christas Tochter Sieglinde, die den bayerischen Anteil an ihrer Sprache erhöht hat, ist es so ein Problem. Sie hängt ziellos zuhause rum, ein Skulptur gewordener Vorwurf an die Mutter. Sie erzählt von Angstexpositionstraining. Aber irgendwie können die anderen Figuren, obwohl sie es thematisieren, nämlich sie allein zu lassen, doch nicht viel anfangen damit. Auch da würde sich gründlicheres Hinschauen sicher als dramaturgisch fruchtbar erweisen. Ein Vorwurf gewordener, ein unglücklicher Mensch, der von seinem Unglück nicht lassen kann; ja der sein Unglück als Kampfmittel gegen die Mutter und die Umwelt einsetzt.

Hauptthema ist allerdings die Patientenverfügung und im Untertext dazu Kälte des Herzens oder auch Vertrauensseligkeit. Damit dürfte das Zielpublikum am deutlichsten definiert sein. Und da die Probleme der Älteren offenbar leichter zu formulieren sind als die der Jüngeren und da ferner die älteren Darsteller dies auch dank langjähriger Erfahrung überzeugender rüberbringen, so dürfte die thematische und inhaltliche Entwicklungsrichtung der Serie mit dem Wegweiser Patientenverfügung klar vorgegeben sein.