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Lebenslinien: Hans Söllner – Warum ich so bin (TV, BR)

Der bekannte Sänger Hans Söllner wird in diesem Film aus der Reihe „Lebenslinien“ des BR von der Dokumentaristin Ute Casper als „bayerisches Urgestein“ apostrophiert. Als Fazit des Films, der überwiegend ein interessantes Museum ist, scheint mir der Begriff nicht ganz zutreffend.

Museum insofern, als viel Footage aus diesem Film doch sehr, sehr alt ist. Jahrzehnte her, dass Söllner sich mit Franz Josef Strauß oder dem damaligen Jung- und Heißspund Peter Gauweiler (der inzwischen eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht hat, was hier aber nicht erwähnt wird) oder mit der Polizistin Claudia und sowieso mit dem ganzen Staatsapparat angelegt hat. Ein Stück bayerische Kulturgeschichte.

Dabei ist die Dokumentaristin, und wie mir scheint: überraschenderweise, auf einen immer noch akuten, wenn nicht den heftigsten Schmerzpunkt von Hans Söllner gestoßen, der die Behauptung vom Urgestein zumindest relativiert. Nicht weil er ein Bayer ist, hat er diesen Charakter. Seine kaputte Kindheit hat ihn zu dem gemacht, was er ist und dazu, dass er gewisse Figuren nie und nimmer akzeptieren kann: gesättigte Staatsanwälte, Richter, Anwälte, Polizisten, Politiker die sich im Staat gemütlich eingerichtet haben, die gut davon leben und deren Kinder einen gradlinigen Lebensweg vor sich haben, die fein Abitur machen können (Schlüsselerlebnis Tschernobyl: die feinen Herrschaften haben sich erst weit abgesetzt, bevor sie die Bevölkerung über die Gefahr informierten). Alles Dinge, die ihm bei seiner kaputten Herkunft nicht vergönnt waren. Darum hält er diese Leute für Arschlöcher. Und sagt es auch. Ist damit „bayerisches Urgestein“ gemeint, einer der einem Arschloch sagt, dass er ein Arschloch sei?

Die Kernstelle des Filmes, die Frage „warum ich so bin“, die stellt sich der Sänger in einer beklemmenden Szene, wie er vor einem Fotoalbum mit seinen Erinnerungen auf einer Alp reflektiert. Diese Stelle offenbart den Charakter von Hans Söllner schonungslos. Eine beschissene Kindheit lastet auf ihm, die Glanzpunkte waren einzig die Spaziergänge am Sonntag mit seiner Mutter. Sonst waren die Kinder störend, seelische Vergewaltigung könnte man es nennen. Seinen drei Geschwistern ist das nicht gut bekommen. Die Schwester ist früh an Krebs gestorben, die beiden Brüder sind entmündigt. Er konnte aus seinem Unglück mit dem Singen etwas machen. Aus seiner abgrundtiefen Abneigung gegen das fein gepflegte Bürgertum aus Politikern, Rechtsanwälten, Staatsanwälten, Richtern machte er nie einen Hehl, die in einer Welt leben, die diese intakte Familie vormacht, die er nie gehabt hat, ein Schmerz für den Rest des Lebens, für den er auch noch teuer bezahlt hat; immer wieder Anklagen wegen Beleidigungen, Hunderttausende haben ihn die Bussen und die Verfahren gekostet und Hausdurchsuchungen dazu, bis ihm seine eigene Familie lieber war; er hat eine Wandlung durchgemacht. Heute singt er immer noch für die Entkriminalisierung von Haschisch; aber bei sich, am Wohnort, da macht er non-provokante Aktionen, zum Beispiel in Bad Reichenhall auf dem jetzt leeren Platz der eingestürzten Eishalle. Aber kein Verständnis hat er dafür, dass dieser bürgerliche Rechtsstaat mit seinen gut verdienenden Protagonisten und Funktionären so wenig Verständnis für Kinder hat, die aus beschissenen Verhältnissen kommen, für Jugendliche, die mal was rauchen und wegen ein paar Gramm so überdimensional bestraft werden, dass ihre Zukunft gleich abgeschrieben werden kann mit Vorstrafe und Knast statt Ausbildung, während gleichzeitig die Bierbarone ihr verderbliches Getränk hochoffiziell hektoliterweise in die Festhallen karren dürfen.

… Scheiß Politiker, Rechtsanwälte, Staatsanwälte Richter, weil sie von dem Scheißleben überhaupt keine Ahnung haben, in ihren Villen sitzen mit ihren Frauen und Kindern, die Abitur machen … dass es andere Familienkonstellationen gibt, wo Kinder nicht geliebt werden … deshalb bin ich immer so ausfällig geworden … du musst es nicht immer mit dem Schwanz vergewaltigen … warum i immer so ausfallend geworden bin bei den andern Arschlöchern, diesen siebengscheiten Volldeppen mit 38 Jahren und i bin 55 Jahr und muss mir von so einem Rotzlöffel irgend so n Scheiß anhören … und muss Busse bezahlen weil ich einem Arschloch sage, dass er ein Arschloch ist … und ist auch gut, dass ich’s heute wieder anschau und dass‘ rauskimmt und dass es mich stört und dass i woass, warum is so bin wia i bin, das hat seinen Grund … die Basis von Sicherheit, dass du keine Angst haben musst, das ist nicht etwas, das du mitkriegst, daran arbeitest du ein ganzes Leben lang.

Im Schleudergang, Folge 7 (TV, BR)

Erste Folge der zweiten Staffel dieser Münchner Waschsalon-Serie (Buch: Peter Bradatsch, Regie: Paul Harather) zeigt, dass die Schauspieler wunderbar weiter in ihre Rollen hineinwachsen, am auffälligsten Udo Wachtveitl, der zusehends den Opernsänger in sich entdeckt, den Kern der Rolle: die reine Freude an der Musik und diese noch mit einer Karibik-Schönheit garniert bekommt.

Es sind vor allem die wunderbaren Hauptfiguren, Schauspieler, die man nur mögen kann und denen man gerne zuschaut, die das stärkste Kapital dieser Halbstünder sein dürften, und die von Anfang an rund in ihren Rollen waren, glaubwürdig und lebensnah: Gisela Schneeberger als die Waschsalonbetreiberin Christa Bachmeier, Maria Peschek als ihr beste Freundin und gleichzeitig Angestellte Gitti, insofern ein wunderbar ambivalentes Verhältnis, und als dritte Säule im Bunde Gerd Anthoff als der leicht hallodrige Vorstadtstenz und alternde Bonvivant Freddy Biber, der hier nicht zur Erbauung von Christa einen Hund anschafft.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis, scheint mir vom Autor nicht gründlich genug durchdacht. Schon klar, dass sie ein Fremdkörper sein soll. Als solcher wirkt sie auch, aber eher wie ein Besetzungs- und Inszenierungsfremdkörper und nicht wie ein Beziehungsfremdkörper – es fehlt ihr das Gemeinsame zur Mutter. Insofern für die Tochter auch schwierig zu spielen und dass sie jetzt noch ein Liebesverhältnis mit dem idealtypischen, bayerischen Mannsbuild Michi, Stephan Zinner, anfängt, sie die Gestörte, das ist hier arg papieren nicht weniger als die Verwurstung der Verwandtenaffäre im Landtag als Erpressungspotential gegen die nicht allzu plausibel erfundene Absicht des Ex-Mannes von Gitti, in unmittelbarer Nähe der Wäscherei Bachmeier einen konkurrierenden Münzsalon zu eröffnen, dort wo vorher die große Buchhandlung gewesen sei. Zu billig wirkt diese Storybastelei, die Elemente zu beliebig aus dem Konfektions-Regal geholt.

So schön seine Figurenkonstellation ist, so mundgerecht seine Dialoge sind, hat es sich der Autor Peter Bradatsch zu leicht gemacht mit dem Konstruieren der Geschichte gegen gutes Zwangsgebührengeld. Etwas genauer sollte er schon hinschauen, welche Geschichten das Leben schreibt. So aber schneidet er sich in sein eigenes Wiederholungshonorar.

Habe die Ehre (TV BR)

Nach einem Buch von Stefan Fuchs und David Gromer und in dessen Regie testen die bayerischen Showprofis Chrissy Eixenberger, Wolfgang Krebs und Bernhard „Fleischi“ Fleischmann das Bielefelder Nordlicht Ingolf Lück auf seine Bayerntauglichkeit vor einem Studiopublikum, was ein von Quotenangst geprägtes Warm-up hinter sich haben muss und wohl angehalten war, während der Sendung die Getränke unberührt vor sich auf dem Tisch stehen zu lassen, was als Atmosphärenkiller rüberkommt.

Ingolf Lück dürfte mit seiner nach Jahrzehnten des Showprofitums immer noch glaubwürdigen Bescheidenheit und natürlichen Humorigkeit ein Glücksfall als Gast für die Pilotausgabe einer solchen Sendung sein (und man gönnt ihm die PR, die er damit für sein Soloprogramm machen darf), was angenehm ablenkt von den strukturellen Schwächen der Sendung. Bayerntum wird reduziert auf die Kenntnis von 6 wichtigen Fußballvereinen, das „Nachplabban“ einer drögen, norddeutschen Tatortszene nach vorgeschriebenem, bayerischem Text, der Herkunfts-Identifizierung von Personen nach bayerisch oder nicht-bayerisch anhand der Lache, des Improvisierens eines Textes mit vorgegebenen bayerischen Ausdrücken (Krampfen, Katzln etc.) und schließlich dem Gaudi-Fensterln, was doch dies und jenes Wissen abfragt; nun, eigentlich gar nicht so wenig; wenn auch auf zu breit gewalzte TV-Gaudi frisiert.

Den einminütigen Bewerbungsmonolog, den der zu testende Nicht-Bayer, der Gast der Sendung, eingangs halten muss, der hätte ruhig substanzieller gearbeitet sein können. Er wäre ein Superpflock, an dem das Seil für eine richtige, inhaltliche Spannung angehängt werden könnte. Dann könnte auch auf Animateure vor Aufzeichnungsbeginn verzichtet werden. Und es ergäbe sich aus dem Monolog ein Leitfaden, anhand dessen man sich dem Kern des Bayerischen gehaltvoll und spannend nähern könnte ohne auf der billigen, showergiebigen Oberfläche zu verharren. So allerdings gibt man sich zufrieden mit einer Aneinanderreihung von Testfragen und zwischendrin Statements aus der Karriere von Ingolf Lück, alles präsentiert mit professioneller, nicht allzu origineller Showroutine; der öffentliche Rundfunk sollte sich mit so wenig und Äußerlichem nicht zufrieden geben.

Frei (TV BR-alpha)

Obersturmbannführer Voss war in der Nazizeit ein effizienter und erfolgreicher Todesorganisator und ist in der Jetzt-Zeit dieses Filmes, der kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spielt, immer noch ein begnadeter und souveräner Genickbrecher, inzwischen allerdings unter dem Namen Meinhart, auf dem Weg nach Argentinien oder dort selbst. Ken Duken spielt ihn versuchsweise dämonisch, gleichzeitig aber auch gerne mit diesem schuldbewussten Blick von unten und mit dem Ausdruck tiefer Unsicherheit, aber auch mit einem Ansatz von Sentimentalität. Interessant im Vergleich dazu ist die Figur des Josef Mengele im Film „Wakolda“ der Argentinierin Lucia Puenzo, dort gespielt von Alex Brendemühl. Auch ein Film, der in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien spielt.

Hier in „Frei“, einem Autoren-TV-Film von Bernd Fischerauer, fliehen gleich zwei Menschen vor den Abgründen der Nazivergangenheit nach Argentinien, versuchen dort frei zu werden. Wobei auch klar wird, dass lediglich neue Namen, neue Papiere und eine neue Umgebung oder das Wegmachen der verräterischen Tätowierung der Blutgruppe am Oberarm, wie die SS es pflegte, rein gar nichts helfen.

Kompliziert wird diese Geschichte dadurch, dass hier eine Jüdin und ein SS-Mann zusammen diese Flucht unternehmen. Wobei zuerst keiner vom anderen den Hintergrund kennt, der Zuschauer allerdings klugerweise sehr schnell im Bilde ist.

Da die Frau von Voss auf dem Fluchtweg schon in Tirol stirbt, sein Kind also ohne Mutter dasteht, kommt die Jüdin, die Ravensbrück und Auschwitz überlebt hat, gerade recht. Es ist Eva, großartig gespielt von Julie Engelbrecht. Sie war Klavierspielerin. Und das wird sie in Buenos Aires zu Professor Kaminsky führen, eine herrliche österreichische Künstlerfigur, Johannes Silberschneider, wie überhaupt der gewisse österreichische Einschlag im Darstellerpersonal diesem Film zusätzlichen Charme verleiht.

In Buenos Aires treffen die verschiedenen Vergangenheiten aufeinander, was zu Genickbürchen, Todesschüssen, Erschrecken, Vertrauen-Misstrauenskonflikten, Verunsicherungen führt. Bernd Fischerauer muss gegen Ende hin zu bewährten Film-Noir-Mitteln greifen, um alle Komplikationen, denn auch die Amis sind hinter dem ehemaligen SS-Mann Voss her, zu einem plausiblen Ende zu führen. Aber das macht er ganz cool.

Es handelt sich um eine Produktion des Bildungskanals BR-alpha und möchte vor allem Jugendliche, so die Redaktion, für das Thema Nationalsozialismus und Gewaltverbrechen sensibilisieren. Das dürfte keine vergebliche Mühe sein, wie der Preis der Jugendjury bei den Biberacher Festspielen vermuten lässt. So wird denn das große Talent von Bernd Fischerauer in einem Spartenkanal unter den Scheffel gestellt. Wenn Deutschland eine florierende und funktionierende Filmlandschaft hätte, die nicht von Förderung und Funktionären überdüngt und kastriert wäre, so wäre Fischerauer sicher einer der ganz Großen mit Weltformat, sowohl von seiner Schauspielerführung her als auch von seiner klaren, sich auf das Wesentliche beschränkenden Erzählweise her. So aber führt er cineastisch gesehen ein Mauerblümchendasein im Bildungskanal. Und muss seinen Film wohl doch dem TV zuliebe schier ins Melodram münden lassen, was er durch die erwähnten Noir-Elemente allerdings abdämpfen kann.

Es wäre spannend im Vergleich dazu den oben erwähnten Film „Wakolda“ aus Argentinien zu zeigen und zu vergleichen, gerade im Hinblick vor diesem Hintergrund. Wakolda ist ein Kinofilm. Und ist sicher die härtere Münze. Denn dort praktiziert Dr. Mengele ungebremst weiter. Und traut seinen Zuschauern einen Schluss zu, der einem den Atem stocken lässt. Ken Duken hat als EX-SSler Voss zu viel deutsches Leiden in sich. Er leidet quasi unter der Darstellung seiner Rolle. Oder es ist zu viel Pose. Vielleicht ein Kompromiss zwischen schauspielerischem Leiden und der von der Regie vorgeschlagenen Form, zu bemüht, diese Form zu wahren. Außerdem scheint er mir für einen Nazi einfach zu viel antrainierte Oberarmmuskeln zu haben, zu sehr am amerikanischen Schauspieler-Körper-Ideal orientiert. Kommt am deutlichsten zur Geltung, wenn er mit Eva im Bett liegt und ihren nackten Unterarm mit der KZ-Nummer studiert. Das Hauptproblem der Voss-Figur scheint mir, und das geht auf das Konto des Buches zurück, dass zwar sein Offiziersgrad präzise bestimmt ist, aber seine Funktion, was er exakt gemacht hat, ausgespart wird; eine Unklarheit, die für die Darstellung erschwerend hinzukommt; es wird zwar erwähnt, dass er im Organisieren Hervorragendes geleistet hat, aber was genau, das hätte man doch sagen können; oder musste Fischerauer da TV-Kreide schlucken?

Preis des Goldes (TV BR)

Eine Erlebnisdoku aus der Mongolei. In 90 Minuten über 270 Tage mit illegalen Goldsuchern in der Wüste Gobi verbringen, wer kann das schon, noch dazu ohne jedes dämliche Interview-Statement.

Sven Zellner und Chingunjav Borkhuu haben zwei Bosse und drei Arbeiter bei ihrem Vorhaben begleitet, in der Wüste Gobi in der Mongolei mit primitivsten Mitteln und ohne jeden Arbeitsschutz nach Gold zu graben und es abzubauen. Die Dokumentaristen haben sich als Dokumentaristen angenehm zurückgehalten, sie waren einfach dabei. Dass sie dabei sind, lassen sie nur in wenigen Momenten spürbar werden, wenn der eine Arbeiter, bevor er wieder in das 20 Meter tiefe Loch herunterklettert und der Kameramann schon unten ist, ruft, er werde jetzt mit dem Arsch in die Kamera springen oder einer der faulenzenden Bosse, der für die Kamera mit Armen und Beinen im Liegen Blödsinn macht und witzelt, er werde jetzt für die Deutschen den Bauch zeigen..

Die Prospektion von Bodenschätzen ist in der Mongolei aufgeteilt auf internationale Bergbaukonzerne. Aber die Armut im Lande zwingt die Nomaden, die sich das nie hätten träumen lassen, an illegalen, waghalsigen Goldsuchunternehmen mitzutun. Wenn als Arbeiter, dann ausgebeutet und immer wieder blöd hingestellt von den Bossen, die das Boss-Sein zur Genüge raushängen, die ihre Wampe in die Sonne hängen. Andererseits kümmern sie sich persönlich um das Wohl der Arbeiter. Schauen dass Verpflegung da ist, eine bescheiden Jurte aufgebaut wird. Dabei ist eine Köchin, die Angst vor den Männern hat, wenn sie in die Stadt fahren zum Saufen, dann versteckt sie die Messer. Die Bosse fahren nach Ulan Bator, wenn der Motor des Generators kaputt ist oder Benzin für dessen Betrieb gebraucht wird. Dieser treibt den Presslufthammer an, der tief unten in vollkommen ungesichertem Loch oder Querstollen eingesetzt wird.

Wenn aber die Arbeiter auf eine Goldader stoßen, dann sind die Bosse ganz auf Zack, dass die Arbeiter nichts klauen. Insofern müssen sie immer vor Ort sein. Sie schaffen auch das einfache Gerät herbei. Ihr Jeep ist in guter Verfassung und nicht allzu alt, während der Pressluftbohrer, der Generator, die Seilwinde aus dem Museum stammen könnten. Das Dynamit wird mit nur minimalsten Vorsichtsmaßnahmen in die Bohrlöcher gestopft und zur Explosion gebracht.

Ein Festessen gibt’s, wenn Nomaden mit Ziegen vorbeikommen. Nach kurzem Handel wird eine abgekauft und mit einem gezielten Stich in die Bauch- und Herzgegend, ohne dass Blut herausspritzt, in wenigen Sekunden getötet.

Es ist ein mühsames Gewerbe, diese primitive Goldsucherei. 10 Tage, 20 Tage und nicht fündig geworden. Zwischendrin kommt bei den Arbeitern der Wunsch auf, aufzuhören. Sie arbeiten ohne jeden Schutz im Staub, den der Abbau oder das Mahlen des Gesteins aufwirbelt, ohne Atemmaske und ohne Handschuhe rühren sie mit den nackten Händen im Quecksilberbrei herum. Nach 20 Tagen fruchtlosen in die Tiefe Schaufelns reicht es dem Boss, er zieht einige Kilometer weiter an eine bekannte Ader. Aber die Explosion ist meilenweit zu hören. Bald schon taucht aus der Wüste ein Nachbar auf. Das Gerücht kann sich in Windeseile verbreiten und alle wollen was davon, die Nomaden, die Polizei, die Nachbarn.

Dass 100’000 Mongolen illegale Goldsucher sind, wie uns der Vorspann suggerieren will, halte ich allerdings für übertrieben, gerade weil es in der Wüste so auffällt; oder es sei denn, viele machen das hobbymäßig nebst dem Nomadenleben. Die Bosse, die haben Knast- und Schlägerkarrieren hinter sich; der eine hat eine fette Narbe quer über eine Wange. Sie loben aber auch die Freiheit ihres illegalen Unternehmertums, denn sie könnten durchaus auch legal für 500 Euro im Monat bei einem der internationalen Konzerne anheuern.

Heimatrauschen (TV BR)

Mit dem Begriff „Heimat“ etikettenschwindlerisch verbrämtes Shopping-Magazin, garantiert inkongruent zum Begriff „Rundfunkauftrag“. Immerhin geht es nicht um industrielle Massenware made ich China, sondern um Kleingewerbe und Kleinkunst aus Bayern, welche sich mit manchen Folklore-Insignien schmücken. Die Macher sollten sich allerdings entscheiden, ob sie sich primär für die Präsentation geldwerter Waren (dafür sprechen die lobhudelnden 08/15-Kundeninterviews) oder für die Macher, also den Menschen (und damit für den identitätsstiftenden Heimatbegriff) interessieren. Im ersten Fall wäre ihnen zu empfehlen, sich mit ihrem Billigprodukt bei einem privaten Shopping-Kanal zu bewerben. Im zweiten Fall sollten sie versuchen, sich an Herrn Gernstl hochzuranken und sich überlegen, ob sie ihm Konkurrenz machen wollen. Nur zu, Konkurrenz belebt das Geschäft. Wobei nachzufragen wäre, ob Kleingewerbler und Kleinkünstler, die ins Raster dieses Magazins passen, eine faire Chance haben, in die Sendung zu kommen oder ob das per Wohlwollen und als Gunsterweis geschieht.

Estalgia – Einfach leben (TV BR)

Alles ist hier wie im richtigen Film: die Bilder, die pseudodokumentarische Wackelkamera, die Musik, die Maske, die Kostüme, die Ausstattung, die Beleuchtung, der Schnitt, die Darsteller und ihre Inszenierung von dramatisch bis dramatisiert, Atmosphärisches, alles brauchbar, professionell. Nur einen Punkt, den ganz großen Schwachpunkt, haben wir bei der Aufzählung der Qualitäten dieses Filmes von Daria Onyshchenko noch nicht erwähnt: das Buch, das Buch, das Buch, das die Regisseurin mit Miroslaw Mandic geschrieben hat und zwar dessen Substanz, dessen Essenz, will heißen, deren Abwesenheit.

Und trotzdem hat Hubert von Spreti, der den Bürgern und Steuerzahlern gleich doppelt auf der Tasche liegt, als BR-Redakteur dem Zwangsgebührenentrichter und als Professor der HFF München dem Steuerzahler diesen Film protegiert und es kommt nichts dabei herum außer so einem nichtssagendem Film, den der BR tief vor seinen Zuschauern in der Nacht versteckt, auf dass er das Debakel nicht bemerke, auf dass möglichst wenige Zuschauer darauf aufmerksam werden und womöglich sich beschweren, was mit ihrem Gebühren- und Steuergeld hier angestellt werde, nämlich nichts weiter, außer der schön verpackten Verbreitung der überraschenden Weisheit, dass wenn ein Mann und eine Frau zusammenkommen, sie unweigerlich dazu neigen, anzubandeln, dass ein körperliches Zusammengehen in der Luft liege, egal, was die Hintergründe, die kulturellen und sozialen sein mögen, das ist doch die große Erkenntnis dieses Filmes, die im Titel angedeutet wird: einfach leben (und vermutlich über nichts nachdenken). Wenn wir also nicht brav unsere Steuern und Zwangsgebührengelder entrichtet hätten, hätten wir das womöglich nie erfahren. Ähnlich inhaltsarm und nett war schon „Your drive me crazy“ ebenfalls von Hubert von Spreti gepusht.

Das Milieu, in welchem uns diese Anbandelungserkenntnis präsentiert wird, ist Emigranten-Immigranten-Milieu: Immigranten in München, Emigranten aus Serbien und der Ukraine. Der dadurch bedingte Sprachensalat ist reizvoll.

Was wollen uns Miroslaw Mandic und Daria Onyshchenko mit ihrem Buch aber erzählen? Es scheint, sie wollen erzählen, dass wenn ein Mann und eine Frau zusammen in einer Szene sind, dass ihnen nichts anderes einfällt als entweder Dinge aus ihrer Vergangenheit zu erzählen und damit für die Zuschauer auf dem Erklärwege Drehbuchdefizite zu kompensieren oder aber vor allem, wenn Mann und Frau zu zweit vor einer Kamera sind, so müssen sie zwanghaft anbandeln, allenfalls noch singen, lieber aber ficken.

Diese Weisheit wird natürlich weder spannender noch weiser, wenn sie in den genannten Milieus platziert wird. Wobei allfällige weitere Messages aus diesem Film insofern schwierig zu dechiffrieren sind (es fehlt auch an jeglichem Anreiz, dies zu versuchen), als vom Bild her sowohl München als auch Kiew als auch Belgrad kaum zu unterscheiden sind, die Filmemacher voraussetzen, dass der Zuschauer auf Anhieb sofort Locations als auch handelnde Personen ihren Zusammenhängen zuordnen kann; auch die Namen sind zumindest für einen genuin Deutschsprachigen nicht leicht auseinanderzuhalten: Bogdan, Zhora, Zoran, Vladan und welche war nun Ruslana, Aida, Maria?

Nervöse Atmosphären mit schönen Impressionen von künstlerischem Flair herstellen, ist zwar eine wichtige Zutat, gar Voraussetzung zum Erzählen einer Geschichte; es kann dieses aber keinesfalls ersetzen.

Gernstls Zeitreisen, Vom Allgäu bis zum Taubergrund (TV BR)

Seit 30 Jahren reist Franz X. Gernstl mit dem Kameramann HP Fischer durchs Land und berichtet dokumentarisch über Begegnungen mit Menschen, denen er mehr oder weniger zufällig begegnet. Dabei hat er viele hübsche, von der Weltgeschichte nicht beachtete Figuren ins Fernsehen gebracht und zu den Zuschauern ein persönliches Verhältnis aufgebaut, eine familiäre TV-Marke entwickelt, hat seine einst kreative Idee, die das Fernsehen revolutionieren wollte, zu einer Institution gemacht, die den Menschen von Menschen berichtet. Er ist sozusagen eine Vertrauensperson im Fernsehen für viele Zuseher im Land. Denn er denunziert nie jemanden, behandelt die Leute respektvoll und doch mit Neugierde und findet meist Berichtenswertes.

Gernstl hat eine gute, leicht pastorale Art. Die meisten Menschen erkennen ihn, wenn er mit seinem VW-Bus auftaucht. Bis vielleicht auf den Mann aus Ulm, der von der Brücke aus Enten füttert und sein Brot auf einer Malerpalette schneidet. Der arbeitet in einem Aquarium, in dem zwei Bären sind. Nein, keine Eisbären, Braunbären.

Jetzt hat Gernstl sich zum Jubiläum auf die eigenen Pionierspuren begeben und Leute wieder aufgesucht, die er auf seiner ersten Reise angetroffen und überrascht hat, einer Reise, die in einer Zeit stattfand, als junge Männer lange Mähnen trugen. Die Geissenhanni, die immer noch ganz zufrieden ist und bei der sich nichts geändert hat, glaubt immer noch an die Vorhersehung und scheint glücklich dabei, die junge Frau vom Bus, „das Landei mit der Löwenmähne“, die nicht weg wollte vom Land und die heute gut situiert verheiratet ist und nach wie vor zufrieden und glücklich auf dem Land lebt oder der Jäger und Lindenblattpfeifer, der nur einmal im Leben ein schwaches Rehkitz geschossen und dann die Trauer der Mutter und der anderen Rehe beobachtet und seither nie wieder ein Tier erlegt hat.

Natürlich verliert so eine Sendung ihre Unschuld, nachdem ihr Überraschungseffekt sie etabliert und beliebt gemacht hat. Vermutlich melden sich viele Leute bei Gernstl, die gerne ins Fernsehen kommen möchten und die er dann auch berücksichtigt. Wie der Sammler technischer Geräte, der wundersame Waschmaschinen und kuriose Plattenspieler (ein Spielzeugauto mit Tonabnehmer kreist selbstständig über die Rillen der Schallplatte) vorführen kann.

Gernstl sagt, dass sich bei ihm genauso wie bei der Geissenhanni nichts geändert habe in den 30 Jahren, außer dass sein Bus jetzt nicht mehr grün sondern rot sei. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Er scheint zwar die Neugier auf die Menschen und die Freude am Reisen nicht verloren zu haben. Aber das Projekt hat sich doch insofern geändert, als er nicht mehr davon spricht, die Welt des TVs revolutionieren zu wollen, sondern dass er jetzt mit seiner Marke und seiner eigenen Firma megaherz in Unterföhring mit 35 Mitarbeitern Geld verdienen will. Das ist zwar nichts Anstößiges, umso mehr als es sich um ein beliebtes TV-Produkt handelt – aber es ist die nicht erwähnte andere Seite der menschenfreundlichen Medaille. Geändert haben dürfte sich auch, dass in der aktuellen Sendung mindestens einmal das Logo des Hersteller seines roten Buses doch mehr als nur zufällig ganz gut ins Bild gerückt worden ist.

Bayern! – Im Osten (TV BR)

Wieder viel „Bayern von oben“ mit gerne sich drehenden Luftaufnahmen, wieder der ehrgeizige fotografische Auftritt, wieder die Ineinanderstickerei von vier Geschichten, die nichts miteinander zu tun haben, wieder vier Menschen im Mittelpunkt, über die man nicht allzu viel erfährt und die nicht ganz alltägliche Aktivitäten entwickeln. Diesmal zeichnet Lisa Eder-Held für Buch und Regie verantwortlich.

Marco Heurig möchte vom Wildluchs Kika endlich die Daten von seinem Halsband mit einer Antenne abfragen; dies gelingt allerdings nicht im bayerischen Wald, sondern erst in Tschechien, denn Luchse kümmern sich nicht um Landesgrenzen.
Der Glasbläser von der Glashütte Lambert in Waldsassen bereitet Gläser für die international renommierte Künstlerin Kicki Smith für eine Ausstellung in München vor.
Der Bariton und Kulturgschaftler Thomas Bauer aus Bleibach tritt nicht nur mit dem Brucknerorchester Linz im Kloster Niederaltaich auf, wo er „Freude schöner Götterfunken“ singt, er möchte auch in Bleibach einen Konzertsaal für Niederbayern und internationale Begegnungen auf die Beine stellen.
In Regensburg, das besonders schön in der Luftaufnahme kommt, will der Althistoriker Josef Löffel das Leben der Underdogs in der Vergangenheit, die Kampftechnik der römischen Gladiatoren auf Grund von Schädelfrakturen nachvollziehen und außerdem möchte er eine Arena bauen.

Ende Jahr scheint der Fernsehredaktion die Zeit für Kalenderblattfotografie gekommen zu sein.

Bayern! – Im Süden (TV BR)

Kunstgewerbliche Doku mit großem fotografischem und musikalischem Aplomb für die kleine Info von Richard Ladkani über rare berufliche und nebenberufliche Aktivitäten von Menschen im Süden Bayerns ohne allzu großes Interesse an den Menschen (vor allem: an allfälligen Konflikten) und den konkreten Vorgängen, wobei die ineinander verzopfte Parallelerzählung von vier Kapiteln offenbar unumgänglich ist.

Klimaforscher Hans Vogelmann möchte auf der Zugspitze mit einem Laserprojekt internationalen Erfolg einheimsen. Mona Göttl möchte als erste Frau mit ihrem Husky in der Lawinenhundestaffel aufgenommen werden und übt das Abseilen vom Helikopter. Ulrich Brendel untersucht am Watzmannmassiv im Sinne des Steinadlerschutzes Konfliktsituationen zwischen Adler und Gleitschirm. Andreas Burmester konserviert im Münchner Kunstareal Kunstwerke gegen Erinnerungsverlust.

Kalenderblattfernsehen mit dem Hauptaugenmerk auf ehrgeiziger Fotografitis, dem Formalen, der ästhetisch ungewöhnlichen Aufnahme, der Bildspielerei (sich drehende Flugaufnahmen, Zeitraffer).