Archiv der Kategorie: TV

Mein Name ist Fleming. Ian Fleming (arte, ab 4.9.14, 2015.Uhr)

Alles was ich schreibe, hat einen Präzedenzfall in der Wahrheit. Das ist die Wahrheit des Autors Ian Fleming über sein Schreiben. Und sozusagen die sekundäre Wahrheit der Autoren John Brownlow und Don Macpherson über dieses erfrischend bekömmliche TV-Biopic in vier Teilen über den James-Bond-Erfinder Ian Fleming.

Mit genüsslichem Elan lassen sich die Briten in ihrer fiktionalen Biographie über Fleming inspirieren von der von ihm geschaffenen Figur James Bond und dessen Filmen. Das zeigt gleich zu Beginn die Taucherszene. Eine Frau taucht unter Wasser. Zwischendrin Polypen und Tintenfische in rhythmisch-energischer Bewegung. Hinter der Frau her schwimmt ein mit einer Harpune bewaffneter Mann. Mann hinter Frau her. Die Auflösung folgt auf dem Fuße und trifft den James-Bond-Humor ins Herz.

Schon die erste Folge dieser Biograpahie ist so süffig erzählt und kommt einem dank der James-Bond-Filme so vertraut vor, dass man sich die weiteren Folgen als Zückerchen für das Ende eines langen Arbeitstages aufhebt.

Ian Fleming war das Autorentum nicht in die Wiege gelegt. Von zwei Söhnen aus reichem Hause war er der untaugliche, der Looser, der Gigolo, der Querdenker, der Spieler, der Frauenheld, der über seine Verhältnisse lebte; das krasse Gegenteil zum braven, vorbidlichen älteren Bruder und im Dauerclinch mit einer dominanten Mutter.

Seine kreative Querdenkerei erwies sich im Zweiten Welt-Krieg in der britischen Armee als außerordentlich fruchtbar. Er ist in der Spionageabteilung gelandet. Die waren dringend auf solche Köpfe angewiesen, denn die Deutschen waren immer über ihre Pläne informiert. Das erforderte unkonventionelle Gegenmaßnahmen. Darüber berichten vor allem Teil 2, 3 und 4 dieser kleinen Serie, bei der Mat Whitecross Regie geführt hat und die vom ZDF mit einer soliden deutschen Synchronpaste akustisch verfugt wurde.

Wie die James-Bond-Filme spielen viele Szenen in noblen britischen Büros und Palästen. Da tritt der Agent Seiner Majestät in feinem Anzug oder in Festtagsuniform auf. Seine engste Mitarbeiterin Monday wird hier so gezeigt, dass sie ein ideales Vorbild für die Moneypenny-Figur in den Bond-Filmen abgeben könnte, ein Schelm wer sich mehr denkt dabei. So vertraut und so gemocht.

Somit bietet dieser Vierteiler dem Zuschauer in einer höchst vertrauten Filmsprache als unterhaltsamer Sekundärverwertung von des Autors eigenem Werk Informatives über sein aufregendes, abenteuerliches Leben. Auch hier ist unser Held, also der Autor, immer hin und hergerissen zwischen Beruf und den Frauen (und auch der Mutter), von denen er nie eine heiraten könnte („Ich bin nicht geschaffen fürs Eheleben“). Sein Leben ist ein ständiger, riskanter Hochseilakt zwischen den verschieden Polen elegantes Leben, Fantasie, Abenteuer, Krieg und Frauen („niemand wird aus ihm schlau“). Wobei im Gegensatz zu James Bond die Auseinandersetzungen mit den Frauen nicht nur von Charme, sondern auch von Härte mit Schlägen ins Gesicht und grünen und blauen Flecken geprägt sind.

Der Grund für sein Engagement beim Geheimdienst waren seine Deutschkenntnisse; dass er dort schnell unverzichtbar wurde, das lag an seiner überquellenden und raschen Fantasie, wie er in kürzester Zeit eine Mappe mit 51 Ideen, wie die Deutschen getäuscht werden könnten, seinem Boss präsentiert. Der freie Geist gegen die erstarrte Geheimdienstbürokratie („Sie bringen Leben in die Bude“, „Sie hatten den richtigen Instinkt“).

Dominic Cooper als Ian Fleming geformt nach Flemings eigener Figur James Bond. Cooper hat das Gentlemanhafte, bewegt sich perfekt in den gepflegten britischen Innenräumen, hat eine ungezwungene Blasiertheit und man könnte ihn sich gut als einen neuen James Bond vorstellen; so ist er zumindest inszeniert. Und gut aussehend dazu.

Wie im richtigen James Bond Film spielen die Folgen dieser kleinen, gekonnt gemachten britischen Serie überall auf der Welt, in Jamaica, Kitzbühl, London, Lissabon, Paris, Kanada und auch in Tambach in Deutschland.

Holy Motors (arte, 3. 9. 2014, 21.50 Uhr)

Der hochkarätige Filmemacher Leo Carax nimmt uns und seinen Hauptdarsteller Denis Lavant in einer weißen Stretchlimousine der Firma „Holy Motors“ mit auf eine über zweistündige, höchst abwechslungsreiche, rätselhafte, überraschende und vielfältig interpretierbar Stadtrundfahrt durch Paris und stellt dabei unser Weltbild auf den Prüfstand. Stefes Review anlässlich des Filmfestes München.

Die Entführung des Michel Houellebecq (arte, am 27.8. 2014 um 21.40 Uhr)

„Entführung“ ist in diesem Spielfilm von Guillaume Nicloux, der sich als Dokumentarfilm gebärdet (kameratechnisch aber überhaupt nicht), eine recht eigenwillige Interpretation des Begriffs Interview. Wobei es sich um ein erfundenes Interview handeln dürfte, wenn ich das recht sehe.

Der Film ist ein Promiploitation-Produkt. Es geht um den auch bei uns berühmten französischen Autoren Michel Houellebecq. Er wird von einem Schauspieler als recht abgefuckte Figur am Rande der Misanthropie dargestellt und weniger als ein hellwach beboachtender Zeitgenosse mit scharfen Augen und ebensolchem Verstand, wie mir Houellebecq auf Originalbildern vorkommt.

Interview realistisch interpretiert als ein Herausgerissen-Werden des zu Interviewenden aus seinem Lebensrhythmus, aus seiner Arbeit, welche im 23. Stock eines feinen Wohnhochhauses in einem Pariser Vorort stattfindet.

Interview regelrecht interpretiert als gewaltsame Entfühung und Verschleppung, das ist durchaus reizvoll als Bild. Das Opfer lässt es widerstandslos mit sich geschehen. Houellebecq lässt sich bereitwillig die Hände fesseln, den Mund verkleben und sich in eine grüne Kiste mit Luftlöchern packen für den Transport in eine abgelegene Behausung eine Gehöfts, das offenbar der Ausschlachtung von Autos dient, halb Schrottplatz und dort in ein Häuschen, dessen Innenausstattung einen Preis für besondere Spießigkeit verdiente.

Entführt und bewacht wird er von lauter bulligen Typen, Boxern und Bodybuildern. Einer davon ist ein dezidierter und bewusster Roma dazu, der die Dichter bewundert.

Klar ist, dass die Entführung nur etwa 8 Tage dauern wird. Unklar ist, wer sie angeordnet hat, auf jeden Fall nicht Mr. Hollande, und unklar ist auch, wer das Lösegeld zahlt. Houellebecq hat einzig ein Problem mit einem Termin bei seinem Agenten am nächsten Wochentag, am Montag. Der würde sicher stutzig werden und die Polizei alarmieren, weil Houellebecq als sehr zuverlässig gelte; bei einem Dichter muss das Wort zählen.

Das „Interview“ selbst ist mehr ein Tour d’horizon durch die verschiedensten Themen, dümpelt teils etwas bemüht dahin, nie aber geistlos. Es fängt mit Blabla über Städtebau an, es geht um Küchenumbau, Mozart, Le Corbusier, Literaturjury, Muskeltraining, Helilärm, das Hochhaus ein Dorf (dann wäre Houellebecq ganz oben der Dorfvorsteher), Glaukom, Unterschied zwischen Gedicht und Roman, Alexandriner, der kreative Prozess aus dem Nichts, Alkohol und Kulinarisches, Koks, Schwule, Mallarmé, Armenier, Auschwitz, die Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber, Journalisten und Wahrheit, Selbstgespräche, Herkunft aus der Normandie, Boxkämpfe auf Großbidldchirm, Würgegriff, Triangel-Würgegriff, Hebelgriff. Frage eines Bewachers: könntest Du ein Buch über mich schreiben?

Ginette ist die Gastgeberin. Ihr Mann war Pole. Über Polen zur Zeit des Eisernen Vorhanges. Die Entführer stellen dem Entführten Fatima zur Verfügung. Das taugt ihm. Bezahlen tun die Entführer. Und immer wieder hat Houellebecq Ohrschmerzen.
Er schreibt, angegkettet, ein Gedicht für Ginette. Houellebecq wird inszeniert als ein Häufchen Mensch von Schrifsteller, kettenrauchend.

Nach seiner Freilassung möchte der Autor einen Container auf diesem friedlichen Fleckchen Erde für die Wochenenden mieten.

Poizeiruf 110: Morgengrauen (TV ARD BR)

Dieser Polizeiruf nimmt seine Spannkraft nicht aus der Geschichte, diese lässt ernorme Zweifel an ihrer Plausibilität, sondern aus Beherrschung und Intensität des Formalen und der erstklassigen Theaterei der Darsteller der recht hypothetisch erfundenen Figuren. Alexander Adolph hat das von ihm geschriebene Hirnkonstrukt höchst kultiviert inszeniert und mit einer Musik, die zwischen gepflegtem Mahlerlied, allenfalls tragischer Streichermusik und modernistischem Psychose-Psychodelic-Sound alterniert, mit gut getimten, abrupten Schwarzschnitten nahtlos aneinandergestanzt.

Die feine Machart, die edle Performance machen andererseits besonders schmerzlich bewusst, was für ein unglaubwüridger Nonsens die Story ist, wobei eben mit Theatralität als einem Kulturwert an sich darüber hinweggetäuscht werden soll und auch effizient darüber hinweggetäuscht wird.

Behauptung eines Verbrechens, welches nach der Lebenserfahrung eher unplausibel ist. Wo ist das Motiv? Das Motiv muss spürbar sein, muss sehr wohl im Charakter des Täters angelegt sein. Ist es bei Milberg als psychopathischem Psychiater nicht (er leitet in der JVA ein Antigewalttraining für jugendliche Delinquenten, weshalb er Einblick in deren Akten bekommt und die „Selbstmorde“ in Auftrag gibt). Milberg reißt dem Berufsstand der Psychiater die vertauenswürdige Fassade herunter, erzählt mit seiner Figur: jeder vertrauenswürdige Psychiater kann ein Massenmörder sein, nachdem klar ist, welcher Verbrechen er fähig war und sie auch begonnen hat. Eben noch hat man sich gefreut, dass Milberg mal nicht ganz so schleimig rüber kommt, dass er „ehrlich“ wirken möchte. Und dann das.

Der Täter, der Massenmörder, begeht seine Taten nicht selbst. Er setzt einen gedungenen Auftragskiller auf die jugendliche Delinquenten an und möchte damit die Gesellschaft von Unrat säubern. Diese penible Eigenschaft muss sich in seiner Person finden. Ein zweifelhafter Akt von Selbstjustiz, begangen von einem durch und durch seriösen Psychiater. Allerdings ist dieser Gerechtsigkeitswahn in der Figur des Psychiaters in keiner Weise angelegt. Milberg spielt ihn jovial, stottert zwar ein bisschen, wenn er den Kollegen Meuffel, den er von früher kennt, im Auto mitnehmen will. Aber dieses Stottern ist kein schuldbewusstes, sondern eines, das in der dürftigen Gegenwart unserer TV-Produktionen wütet wie Ebola. Das ist modische Schauspieler-Allüre, modischer Schauspielersprech, der auf einen Mangel an Rollenstudium hinweist. Besonders wenn es ums Anbandeln und um Liebesdinge geht. Wie zwischen Meuffel und der Anstaltsanwältin Frau Dr. Wagner. Sandra Hüller als Karen Wagner, die hat Stil, die hat auch Inneres. Dieses Anbandeln ist so inszeniert und gespielt, als hätten Regie und Akteure keinerlei Ahnung, wie das im Leben bei Herrschaften ihres vorgerückten Alters und ihres Standes abläuft. Es sind keine unbeholfenen Teens mehr. Mahler spielt in diesem kindischen Techtelmechtel eine verbindende Rolle. Schön, im Fernsehen die Nähe zu so kultivierten Stotterkreisen vorgespielt zu bekommen.

Gegen den Mahler setzt die Tonspur gerne um den ersten jugendlichen Delinquenten herum eine modernistische Psychomusik, denn es ist nicht sicher, ob dieser nicht eine Psychose hat; redet er doch im Gefängnis ständig von Bedrohung, was im Nachhinein nicht logisch erscheint angesichts der Systematik der Scheinselbstmorde; 9 Stück in „dieser JVA“ in den letzten zwei Jahren. Unter den Insassen scheinen diese kein Thema.

Der Kommissar Meuffels selbst wird vom Drehbuch einmal mehr zum postmodernen TV-Helden hochgestylt: der liebste und verständigste und menschlichste Kommissar und ein Glück, dass so ein Mensch bei der Polizei sei (und im deutschen Zwangsgebührenfernsehen); wobei allerdings der Mund, aus dem dieses Kompliment kommt, wie sich herausstellen wird, voll fauligen Geruchs ist.

Es gibt mehrere Stellen, an denen Leute aus Akten lesen. Hier kommt Pathos pur ins Spiel, sie lesen alle so ehrfürchtig, als ob es sich um eine Bibellesung handelt – lebensfremd.

Nochmal zur Glaubwürdigkeit des hirnigen Konstruktes: ein Massenmörder als Familienoberhaupt einer zahlreichen, gut bürgerlichen Familie mit betriebsam aktivem Familienleben, dessen Zentrum, dem Einfamilienhaus, mit dem verglasten Wintergarten noch das Symbol der Offenheit verpasst wird – hat es das schon einmal gegeben? Und nicht eine Eigenschaft, die gegen dieses Vorbildhafte gebürstet ist. Also erst recht die Frage: wozu das Ganze? Wozu werde ich als Zwangsgebührenzahler gezwungen, so einen „Hirnschiss“ von Konstrukt mitzufinanzieren? Was wollen uns Alexander Adolph und der BR, Redaktion Cornelia Ackers, damit erzählen? Hütet Euch vor dem Familienleben, es kann die Brutstätte für grausame Verbrechen sein? Nun, die These ist altbekannt, aber dann müsste das eben genau gezeigt werden, wo die fauligen Punkte in der Familie liegen. Das wird hier nicht geleistet.

Gegen das Pathos, selbst die jugendlichen Delinquenten sind von diesem wie von Mehltau überzogen, steht einzig die Figur Oberpiller, der Schmutzige, der Österreicher, der an seinem Arbeitsplatz bei der Polizei auf dem Computer Pornos schaut (am deutlichsten zeigt Adolph dem Fernsehzuschauer die fetten Brüste, die sich eine Frau provokant reibt). Dazu holt sich Oberpiller an seinem Schreibtisch einen runter. Das ist der Kamera dann doch ein Tick zuviel. Jetzt hat sie sich in ihrer Jugendfrei-Scheu diskret hinter eine Büroglasscheibe zurückgezogen. Wenn die Kinder zuhause fragen: Mama, was macht der Mann da in seiner Schublade…. Aber auch Oberpiller ist eine eher irritierende Mixtur aus Grobklotz, Schmutzfink, Dreckskerl und dann wiederum Kommissars Best Friend, der ihm am Schluss wie ein Psychologe die Schultern reibt und sagt: lass es raus; als ob er gerade noch am Wichsen sei. Ein Charakterzug, der in der Figur keineswegs angelegt ist. Aber irgendwie muss man nach genau 90 Minuten zu einem Ende kommen, nachdem 10 Minuten vorher noch der übliche alarmistische Endspurt eingebaut wird („Jetzt ist Eile angesagt“), in welchem der Kommissar heldenhaft verletzt wird und noch auf der Bahre sich kümmern kann, wo denn die Frau Wagner sei. Und wie sie ihm, das hat der gute, schmutzige Österreicher-Freund inszeniert, eine kitschige Liebeserklärung über einen Computervideo macht, oh die vielen Sterne auf dem See, da träufelts bei Meuffels schier aus den Augen, die in diesem Moment ausschauen, wie die eines alkoholsüchtigen Trottels.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers, der sich das Geld für so einen Mist von seinem knappen Budget von Staates wegen abknabbern muss.

Stella Days (arte, 18. August 2014, 20.15 Uhr)

Es ist schwer, etwas gegen die Leuchtkraft einer 60-Watt-Birne zu sagen.
Dieser Satz von Pfarrer Bradely beleuchtet nicht nur die drei Themen in diesem irischen, außerordentlich sorgfältig gemachten Reminiszenzfilm: ganz unsymoblisch die Elektrifizierung, symbolisch religiös, das Licht Gottes und drittens das Kino als ein Ort der Zivilisierung, der eine Birne braucht, um das Licht auf die Leinwand zu werfen. Der Satz kann aber durchaus auch selbstironisch als ein Kommentar von Pfarrer Bradley, gespielt von Martin Sheen, gesehen werden, sich selbst als nicht allzu großes Licht zu sehen, andererseits mit seiner engagierten Weisheit und einem Lebenspragmatismus („die Seele wird durch vieles genährt“) ausgestattet, gegen den kalten, verstockten irischen Norden in der Gegend von Tipperary und im Gemeindesprengel Boris O’Ken. Hier hält gerade die Nachkriegsmoderne der Elektrifizierung der 50er Jahre Einzug; parallel dazu entwickelt sich der ideologische Kampf zwischen Kirche, Politik und Kino.

Pfarrer Bradley als enthusiastischer Schmalfilmer bildet zusammen mit dem aufgeschlossenen Lehrer Tim aus Dublin ein progressives Gespann, das gegen den reaktionären Politiker Brendan O’Sweeny und den Bischof ankämpft. Dabei setzen sie trickreich Argumente über den Ruhm Irlands ein, die sich konsequent gegen die Argumente der Reaktionäre kehren, den Hollywoodstar Rex Ingram führen sie an, der Irländer, der dummerweise aus protestantischen Verhältnissen kommt oder den Schutzheiligen Irlands, St. Patrick, er ein Einwanderer.

Der Bischof ist Opportunist gegenug, die Geschäftstüchtigkeit der Amerikaner zu sehen und sie sich zu eigen zu machen. Er will eine neue, protzige Kirche bauen, mehr Le Corbusier als Michelangelo, wie ein Berater meint. Dazu braucht er Geld. Das wird Pater Bradley, der 20 Jahre in Amerika war, doch beschaffen können, das dürfte er doch dort gelernt haben. Bradley will es mithilfe der Eröffnung eines Kinos. Und wie ein Adlatus dem Bischof die Einnahmen einiger Kinos in der Gegend vorrechnet, ist auch der Bischof gewonnen, der vorher noch in einem von der Kanzel zu verlesenden Hirtenbriefen heftig gegen den zweifelhaften und bösartigen Einfluss des Fremden, des Hollywood-Kinos hat anwettern lassen. Jetzt setzt er dagegen seine Überlegung, man müsse den bösen Mächten dieser Welt immer einen Schritt voraus sein, so wie Hollywood. Ein überraschender Schwenk.

Pfarrer Bradley, der durch seine Glaubwürdigkeit und seinen energischen, zielbewusste Schritt Vertrauen erweckende Martin Sheen, hat zwei Vergangenheiten. Eine fernere in Irland, wo er zur Zeit dieses Filmes von Thaddeus O. Sullivan nach einem Drehbuch von Antoine O. Flartharta nach dem Roman von Michael Doorley wieder wirkt und eine nicht ganz so ferne, offiziell auch präsente in Rom, da soll er „auf den Putz“ gehauen haben. Dorthin zieht es ihn zurück, weil er seine Arbeit über Johannes am Kreuz zu Ende schreiben will; dazwischen gibt es ein 20jähriges Intermezzo in Washington an der katholischen Fakultät. Wenn er ehrlich zu sich selbst wäre, müsst er allerdings zugeben, dass seine römische Vergangenheit nicht ganz so strahlend ist, wie er es gerne hätte. Der Mitbewerber um seine Wunschposition im Klerus, den er als Trottel abqualifiziert hat, war ihm schlicht überlegen und besser qualifiziert. Deshalb darf Bradely jetzt in Tipperary wöchentliche Scheinbeichten abnehmen und der alten Peggy regelmäßig die letzte Ölung erteilen, weil es ihr so gut tut. Eigentlich ist Bradely schon am Packen für die Rückkehr nach Rom, die aber kurzfristig abgeblasen wird.

Der Film erzält in seinem Hauptteil, welch unkonventionelle, teilamüsante Stattdessenaktion Bradley mit dem neuen, aufgeschlossenen, filmbegeisterten Lehrer Tim unternimmt, um die Finanzierung für die neue Kirche auf die Beine zu stellen. Und wie dabei der ideologische Konflikt zwischen Kirche, Politik und Kino eskaliert.
Auf die Idee mit dem Kino hat ihn Tim gebracht, denn mit der vom Bischof verordneten Tombola ist kein Geld zu machen.

Die deutsche Synchro scheint mir fernsehpassabel.

Martin Sheen, ein Darsteller mit 248 Credits bei IMDb, kurvt traumsicher wie auf beherrschten Kufen über Glatteis durch die Widersprüchlichkeiten seiner Rolle im oft winterlichen Irland. Der mütterliche Ehrgeiz, der ihm einredete, etwas Besonderes zu sein, die glanzlose Realität eine irischen Landpfarrers, der von einer hohen Position in Rom geträumt hat, der das Kino liebt und darin eine Verheissung zur Zivilisierung sieht (dem Bischof gegenüber preist er es an als einen Quell des Wissens, wobei er nicht unbedingt Imkereifilme oder vom Bischof favorisierte Dokumentarfilme über die Aran-Inseln von der Catholic Film Society meint) und der ein begeisterter Schmalfilmer ist (Rom oder Vorgänge zur Elektrifizierung), der sich ertappt bei der Lüge, er sei von Gott gerufen worden und der selbst eine Vergangenheit in Irland hat, die nur wenig erhellt wird. Der den gregorianischen Gesang mit einem Häuflein Unbegabter übt.

Über den Bischof heißt es, er möge es, Kirchen zu bauen, er habe eine ausgesprochene Leidenschaft für Beton. Dieser Beton bekommt durch Pater Bradleys Wirken ein paar Risse.

Der Zerstreute (TV, arte, Mittwoch, 13. August 2014, 20.15 Uhr)

Der Zerstreute, den Pierre Richard sich 1970 auf den Leib geschrieben und mit sich als Protagonisten selbst inszeniert hat, erinnert von der Haltung zur Unterhaltung her an Thomas Gottschalk und von der traumhaften Sicherheit der Performance her an den jungen Beckenbauer von damals.

Der Film soll Richard selbst und den Zuschauern Spaß machen, Weltergründungskrampf und Weltschmerz sind absolut tabu. Mit kindlicher Freude und durchaus orientiert an den Vätern der Klamotte werden liebevoll Gag an Gag und Slapstick an Slapstick aneinandergehängt, altbekannte Tricks, die Verwechslung des Hutes, der Blindenstab, der am Nicht-Blinden hängen bleibt, so geht dieser automatisch eine Weile durch das verkehrsreiche Paris von 1970, welches die schwere Geburt der 68er Revolution bestens überlebt zu haben scheint und sich in einer Aufblühphase ein Vierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkrieges befindet. Durch den Erfolg des Geschäftes und des Geschäftens wird dieses und das Machen von Geld wichtiger, damit auch die Werbung für unnötige Artikel aller Art („Clistax, der Beutel mit den tausend Beuteln für Tüten“) und somit Thema für eine Filmkomödie.

In diesem aufhippenden Milieu siedelt Pierre Richard seine Figur Pierre Malaquet an. Er spielt ihn nicht als einen realistisch zerstreuten Professor, sondern als einen Entertainer, der seine Gags gezielt setzt und damit zu verstehen gibt, dass er sich amüsiert über den aufkommenden Bierernst in diesen aufsprießenden GeldmelkBranchen, über den verordneten „Gleichschritt zum Erfolg“; da schafft er noch jedes Mal den Tritt daneben, gründlich daneben, bis der Erfolg eo ipso megagroß wird; so gehört es sich für eine Trottel-Komödie, wobei der Trottel eben keine Trottel, sondern im Tiefinneren ein unbeirrbares Genie ist.

Im Zusammenhang mit dieser gewissen Unverbissenheit und diesem Laissez-Faire wirken die Original 70erJahre Outfits noch überzeugender als sonst, interpretieren sozusagen sich selbst.

Hier muss das Hundefutter Casimir genau so beworben werden wie der Vin du Corsaire oder fluoreszierende Damenslips, aufplaunzender Wohlstand. Pierre nennt seine eigene Werbeagentur Jericho. Die Trompeten, die Mauern zum Einstürzen bringen. Scharf genug sind seine auf Super-8-gedrehten Muster: Zigarettenwerbung mit Erschießungsszenen oder ein Werbefilm für Rottweiler, in welchem Jagd auf die Gattin gemacht wird.

Seine Karriere macht Pierre als Zerstreuter selbstverständlich gerade nicht über die Leiter, von der er gerne redet, und die er auch mal rumträgt, sondern durch die Hintertüren, über die eigene Mama und die Gattinnen oder Töchter der Chefs, obwohl er sich auch da prinzipiell nur daneben benimmt; aber so herzlich und charmant, dass er die Gunst der Damen gewinnt.

Ein schönes Beispiel für das Verhältnis zum aufkommenden Wohlstand und Schick ist das Miniauto von Pierre, verbeult bis dorthinaus und einsteigen muss er durchs Dach. Wobei dem Zerstreuten das Missgeschick passieren kann, dass er so zerstreut ist, und vergisst, dass er übers Dach aussteigen müsste und dann funktioniert die Türe ganz normal.

Dass so eine Leichtigkeit möglich war, muss an der Zeit gelegen haben, in einer Zeit wie der heutigen, in der die verbissene Ökonomisierung alle Lebensbereiche vor sich her treibt, ist das kaum mehr vorstellbar. Die 70er scheinen da wie eine hohe Zeit der Légèrté, der Ausgewogenheit zwischen Ernst und Spaß gewesen zu sein. Man konnte es sich leisten, den Pierre durch seinen Chef in einen Keller zu verdonnern, wo dieser sämtliche Kanarienvögel, Wellensittiche und Papageien seiner Frau weggesperrt hatte und Pierre, statt sich aufzuregen, fängt an mit einem Stab das Vogelkonzert zu dirigieren. Leichtigkeit mit diesem leicht schlacksigen Charme.

Die deutsche Synchro scheint von dieser schwebenden Atmosphäre angesteckt, als ob die Ökonomie gerade so vorm Abheben sei, ein Glanzlicht im Vergleich zu den heutigen Nachsprechereein, denen meistens der Kostendruck der Studios dick anzuhören ist.

Wie Pierre Werbefotos mit wenigen Filzstiftstrichen einmalig und auffällig macht, wie er sich in der Wohnung irrt und den Hausherrn, der sein Gesicht voller Rasierschaum hat, bittet, er möchte sich doch wie zuhause fühlen, wie der den Flic auf der Kreuzung in tief nachdenklicher Pose zurücklässt, und der altbekannte Slapstickgag mit der Tischplatte, die er unterm Arm trägt, und wie die Passanten sich drum herum oder ihn drehen, hundertfach schon erfolgreich gezeigt, aber wunderbar eingesetzt, und Wortverdrehungen und Identitäsverdrehungen und Kleiderverwechslungen, statt den Mantel des Gastes an den Haken hängt er ihn sich selbst um. Altes charmant und als Ausdruck einer einmaligen Zeit vorgeführt – heute für den vergnüglichen Sommerabend.

Eldorado (arte, Mittwoch, 6. August 2014, 20.15 Uhr)

Spekulation wäre die Behauptung, dass Bouli Lanners, der Autor, Regisseur und einer der beiden Protagonisten des Filmes, hier persönliche Erfahrungen verarbeiten würde; könnte aber eine Begründung dafür liefern, warum der Film einen mit sanfter Hand anrührt und fesselt.

Dass der Film in Frankreich und Belgien ein großer Kinoerfolg war, mag darin begründet liegen, dass er in unaufdringlichem Untertext etwas über die Anwesenheit von Menschlichkeit in einer Gesellschaft erzhält, in der diese nicht mehr so ganz selbstverständlich ist.

Formal jedenfalls, das ist keine Spekulation, handelt es sich um ein leise melancholisches, teils surrealistisches, in der Nähe eines Existenzsymbolismus anzusiedelnden Roadmovies zweier Randfiguren. Ivan, Bouli Lanners, sieht langhaarig verzottelt aus, wie man sich vielleicht Ivan den Schrecklichen vorstellt, ist aber ein herzensguter Mensch, obzwar ab und an mit leicht zweifelndem Blick und nicht ohne Selbstvorwürfe hinsichtlich der eigenen Menschlichkeit. Das wird an der Stelle klar, wo er über den Tod seines kleines Bruders, eines Junkies, reflektiert. Er hätte sich sich zu wenig um seine Familie gekümmert, meint er.

Anlass für diese Gedanken ist der Besuch bei der Mutter von Didier, dem zweiten Protagonisten, Fabrice Adde, einem jungen Mann, der ein gegensätzlicher Typ zu Ivan ist und deutlich jünger. Ivan hat ihn bei sich zuhause überrascht als Einbrecher. Hat ihn mitgenommen in seinem Chevrolet, Baujahr 79, dem Geburtsjahr von Didier, der behauptet, er sei clean seit zwei Wochen, er brauche nur etwas Geld, um zu seiner Mutter zu fahren.

Produktionsjahr des Filmes ist 2008, als Produktionsländer sind Belgien und Frankreich angegeben. Die deutsche Synchro kann mit dem Niveau des Filmes nicht mithalten.

Es wirkt im Nachhinein so, als wolle Ivan mit väterlicher Haltung am jungen Streuner Dinge gut machen, die er seinem Bruder nicht hat zukommen lassen, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit.

Die Delle in der bürgerlichen Gesellschaft, die weiter kaum vorkommt im Film, ist durch die Delle in den Dächern der Schrottautos in einer Garage symbolisiert, zu der ein hilfsbereiter Mann die beiden mitnimmt, weil sie eine Panne haben. Die Dellen stammen alle von Selbstmördern. Um das Bild surrealistisch-absurd fortzuführen, um den Ernst der Angelegenheit etwas abzubiegen, wird Ivan ein Hund von der Brücke auf das Dach fallen. Den Hund wird er am Ende begraben. Dort liegt er.

Dass der Film durchaus als eine persönliche Leidens- und Heilsgeschichte gelesen werden soll, den Hinweis mag man, so man will, der ersten Szene entnehmen, in der ein selbsternannter Messias verkündet: ein zweites Mal werde er sich nicht kreuzigen lassen. Möglicherweise ein Hinweis auf das Verhaltensmotiv von Ivan Didier gegenüber.

Man könnte jetzt noch darüber nachdenken, was Bouli Lanners mit dem Titel meint, ob er mit diesem Film glaubt, sein eigenes Eldorado gefunden zu haben, indem er seine eigene Leidensgeschichte erzählt?

Der Nacktcamper, der den beiden auf dem Campingplatz behilflich ist, heißt Alain Delon.

Meine Nacht bei Maud, arte, Montag 4. August, 22Uhr

Jean-Louis Trintignant, der im Film nie mit einem Rollen-Namen angesprochen wird, sucht die Frau seines Lebens. Eric Rohmer sucht mit diesem Film Antworten auf die Frage nach dem richtigen Leben und der richtigen Liebe.

Rohmer macht es Trintignant nicht leicht. Denn Jean-Louis ist skrupulös, ist gläubiger Katholik, sogar Jesuit, hat seine Probleme mit Positionen des Denkers Pascale und will doch ein Mensch sein, ein weltlicher Mann und kein Heiliger.

Den Grundkonflikt stellt Rohmer in einer ausführlichen Eingangsszene dar. Ein vorweihnächtlicher Gottesdienst in einer mittelalterlichen Kirche in Clerment. Sprechen tut nur der Pfarrer. Feierliche Gottesdienst-Atmosphäre. Gut besuchte Kirche. Jean-Louis. Frauen. „Erlöse uns von dem Bösen“. Die Blicke gleiten vom Altar weg, sind hin und hergerissen. Eine der Frauen ist Francoise („Lamm Gottes“ spricht in dem Moment der Pfarrer). Trintignant kennt sie noch nicht. Aber er entscheidet schnell, dass sie seine Frau werden soll. Bis dahin wird es ein 100minütiger Filmweg sein voller konzentrierter Diskussionen über das Leben, die Religion, den Katholizismus, den Jansenismus, das Freimaurertum, die Wahrscheinlichkeitsrechnung, Blaise Pascale (der Mensch, ein schwankendes Schilfrohr), Gorki, Marx, Lenin, Majakowski, den Kommunismus, Junggesellenleben in der Provinz, über Defätismus und Gnade, die Treue, die wahre Liebe, auch das Unglück mit der Liebe.

Vidal und Maud sind die beiden Katalysatoren in der Entwicklung der Richtung der Gefühlswelt von Jean-Louis, der immerhin, obzwar erst dreiundzwanzig, schon in der Welt herumgekommen ist, der schon ein Leben gehabt hat. Vidal bringt ihn mit Maud zusammen, schafft so die Voraussetzung für die titelgebende Nacht, die die Verführung als reine Verführung nochmal weit züngeln lässt, die Verführung ohne Liebe. Dies wird der Moment sein, in dem es bei Jean-Louis Klick macht. Am nächsten Morgen jedenfalls spricht er Francoise, die mit ihrem Velosolex unterwegs ist, an. Auch gegen die Winteratmosphäre bahnt sich die Liebe unaufhaltsam ihren Weg.

Ein Film von 1969. Noch gibt es keine Leisure-Ware. Noch tragen die Männer schwarze Anzüge und weiße Hemden und ordentliche Schuhe. Wenn Jean-Louis unter die Decke neben Maud kriecht, so hat er lediglich Jackett und Krawatte ausgezogen. Diese „späten Jünglinge“ wie Maud an einer Stelle belustigt bemerkt, wirken dadurch viel älter, äußerlich gesetzter als die heutige Jugend in diesem Alter. Sie sind gebildet. Vidal lehrt Philosophie und Linguistik, während Jean-Louis bei Michelin arbeitet.

Die deutsche Nachsynchro ist ausgezeichnet und die französischen Automobile der 60er Jahre verleihen diesem Schwarz-Weiß-Film einen zusätzlichen, nostalgischen Reiz, der die Fragen, die Rohmer aufwirft, in ein noch charmanteres Licht taucht.

Alpha Campus SLAM (TV BR alpha)

Ein Slam-Abend anlässlich der Langen Nacht der Wissenschaft in Berlin Adlerhof in einer halbstündigen Zusammenfassung von Peter Arun Pfaff, Redaktion Martin Posselt, Andrea Roth.

Oder: Routinedoku zu einer bescheuerten Veranstaltung. Gut gemeint ist die Idee, Wissenschaft witzig und dabei verständlich zu präsentieren, was bei der heutigen hochentwickelten Spezialisierung, Quantentheorie, Molekularkardiologie, Nordseekrabbenforschung, Theoretisieren über die vierte Dimension, keine leichte Aufgabe ist. Leider unspannend aufgenommen und einfallslos moderiert im Vergleich zum hohen wissenschfatlichen Niveau der Teilnehmer und immer wieder die Audi-Limousinen und auf den Lehnstühlen die Audiringe: so wirkte der Event wie eine peinlich Werbeveranstaltung für den Autohersteller. Krampfhafte Bemühung um Imagebildung für eine Fortbewegungstechnik, mit der der Mensch die Welt kaputt macht.

Der Sieger ist derjenige, der sich mit einem Bier in der Hand über die Wissenschaft bashender Weise lustig macht (Physiker haben keinen Sex – für solche Witze werden wir gezwungen Gebühren zu bezahlen!), über Nobelpreisträger mit einem Crashkurs in Quantentheorie, wenn man lang genug in den Ofen schaut (dafür bekam der den Nobelpreis, da muss man heute mehr leisten).

Das wäre eine Veranstaltung zur Verbreitung geeignet auf Youtube. Nicht aber fürs Zwangsgebührenfernsehen.

Am einleuchtendsten war der Beitrag von Johannes Hendrich von Borstel, der seine Forschungen an Mäusen zur Suche nach Mitteln zur Verhindernung von Gefäßverkalkungen in wenigen Sätzen nachvollziehbar erklärt und den Zusammenhang mit dem Sex dazu. Aber dann wird es eben ernst. Wobei das die größte Kunst wäre, eine schwierige Wissenschaft Leuten, die darin keine Spezialisten sind, zu erklären (Testosteron kann mehr).
Das mit dem Publikumsapplaus ging in die Hosen, gab den Sieg dem anbiedernden Scherzkeks von Biertrinker.

Moderatorensätze:
Na, schon etwas nervös?
Frank Hellmanns Nerd-Faktor macht ihn zu einem gefährlichen Konkurrenten.
Johannes Henrich von Borstel ist auch einer der Favoriten.
Das ist dein Applaus, Frank Hellmann.
Doch welcher der Kandidaten ist der Sieger?
Das muss das Publikum durch Applaus entscheiden.
So macht gelernter Slam Spaß. – (Fernsehenschauen allerding nicht).

Rote Karte des Zwangsgebührenbezahlers, der nicht nachvollziehen kann, warum er diese oberflächlich gemachte und billig moderierte, unerwünschte Audi-Werbung auch noch von Staates wegen zwangsfinanzieren soll.

Der Sänger Christian Gerhaher (TV BR)

Ein Bariton als Stopfmaterial im Sommerloch.

Werbesendung der Kulturabteilung des öffentlich-rechtlichen Zwangsfunkes für einen Sänger, mit dem der BR als Artist in Residence arbeitet, der offenbar zum Star aufgebaut werden soll und den der Sender für spannend genug hält, ihn ins spätabendliche Sommerloch zu stopfen.

Ein Sänger, von dem ich nie etwas gehört habe, der offenbar eine wichtige Position im internationalen Klassikzirkus einnimmt. Diese Dokumentation von Eckhart Querner (Redaktion Sabine Scharnagl und Ulrich Gambke) kann ihn jedenfalls nicht genug loben („einer der besten Sänger unserer Zeit“), kann nicht genug hervorheben, was für ein toller Sänger er sei, wie begeistert das New Yorker Publikum reagiere.

Mich turnt die Stimme nicht an, obwohl festzustellen ist, dass er ein sehr präziser Sänger ist und gerade auch in der Textartikulation sicher beste Noten verdient („extramusikalische Intelligenz, wie er Text rüberbringt“). Aber diese Zwangsgebührengelder-Dokumentation ist nun nicht gerade dazu angetan, sich für diesen Sänger weiter zu interessieren, einen glauben zu machen, man habe hier jemanden entdeckt oder verpasst.

Mich wundert das Zitat von Dietrich Fischer-Dieskau nicht, dass er nicht an dessen Talent glaube. Der Sänger heißt Christian Gerhaher, erwähnt dieses Zitat höchstpersönlich und stammt aus Niederbayern; sein Dauerpianist ist ein Jugendfreund von ihm. Dessen Vater war Musiklehrer und hat den Sänger entdeckt, der Medizin studierte. So hat er denn die Anatomie mit dem Gesang vertauscht.

Etwas von einem Anatomen haftet diesem Liedsänger durchaus an. Totes Liedgut auseinandernehmen, mit der Pinzette vortragen (Selbstzitat: „ein nörgerliger Pedant, der sich im Kleinen verliert“). Seine Agentur versucht mühsam, ihn an der Oper unterzubringen – das dürfte mehr Geld einbringen. Zu dem Thema macht der Sänger seine Skrupel geltend, denn auf der Bühne würden Sänger in die Maske hineinsingen, was sich auf den Liedgesang nicht gut auswirke; der Hang zum röhrenden Opernsound.

Die Anatomie einer „Karriere“ wird hier vorgestellt mit dem anödenden Mix aus Stimmungsbildern aus New York („Lieblingsstadt des Sängers“, „er mag die englische Sprache so gern“), dem Hauptbahnhof Zürich, Zugfahrten, Bahnschaffner, der pfeift, zwei Niederbayern in New York („Weltelite-Duo“), St. Englmar im bayerischen Wald, Statements, wie toll er wieder gesungen habe, Schmuddeltassen aus Schmuddelkaffees, der großbürgerlichen Kindheit in wunderbarem altem Haus, Kindheitsstories, Impresssionen aus Luzern und der Anatomie in München, dem Gäuboden und Straubing, Babyfotos, den üblichen Statements, die hier schier überquellen vor bemühtem Lob von der Agentin, von Professoren und Wissenschaftlern, von Dirigenten und seinem Pianisten. Auf diese Ödnis werden ab und an und immer wieder Fotos aus des Sängers Privatalbum draufgepappt.

Der Film wirkt wie eine provinzielle Promotions-Veranstaltung im Sinne der Agentur, die durch Opernausschnitte, wo er recht zappelig spielt, wenn es sich nicht gerade um den statischen Wolfram handelt, ihn für die Oper attraktiv machen soll.
Es ist nichts an diesem Nicht-Star, was darnach schreit über die beschränkten und schrumpfenden Klassik-Kreise hinaus bekannt gemacht zu werden. Deshalb der Eindruck von Bemühung. Er selbst beschreibt sich als nörgelig und detailversessen. Nee, mein Zwangsgebührengeld will ich nicht in so etwas Unergiebig-Bemühtes investiert wissen; alibihalber parliert er ein paar Mal musiktheoretisch über Schumann, Britten, Brahms, Hindemith – aber wer sich da nicht auskennt, steht so klug da als wie zuvor.

Nach den Bestenlistenbescheisserein des ZDF wird man dem BR-Selbstlob dieses Sängers in dieser Dokumentation als einem „der größten Sänger unserer Zeit“, einem „Ausnahmekünstler, der überall gefragt“ sei, zu Recht mit äußerster Skepsis begegnen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.