Archiv der Kategorie: TV

Schlittenfahrt ins Weihnachtsglück (BR, Samstag, 23. Dezember 2023, 22.00 Uhr)

Unverfänglich schön

Hier kann das Fernsehen nichts falsch machen an Publikumserbauung, wenn es so eine unverfänglich schöne Weihnachtsgeschichte ins Weihnachtsprogramm nimmt.

Nach bewährten Rezepten und angereichert mit Lappland-Romantik (inklusive Eishotel und Sauna) wird die Insolvenzverwalterin Charlotte (Julie De Bona) aus Frankreich nach Lappland geschickt, um bei einer kleinen Holzfabrik die Insolvenz zu organisieren.

Regisseur Arnauld Mercadie lässt nach Adaption und Drehbuch von Amanda Sthers in Zusammenarbeit mit Patrick Renault die Stadt- und die Landwelten aufeinander prallen und jede Sekunde ist abshebar, dass es zu einem Glück und einer Versöhnung, zu Verständnis kommen wird.

Der Finne Martial (Tomer Sisley), der wie ein Franzose ist, ein Träumer, kein Geschäftsmann, betreibt die Bude – verlustreich. Aber dahinter stehen lauter menschliche Schicksale und signalhaft ist die erste Begegnung. Er holt Charlotte mit einem Schlittengespann vom Flughafen Kiruna ab. Der Ex-Freund von ihr meldet sich am Handy, er sieht Martial, fragt ob er ihr neuer Freund ist, und ganz spontan, bewährtere Komödiensituation ist kaum denkbar, küsst ihn spontan. Dann natürlich peinlicher Rückzug. Alles nicht so, wie es aussieht.

Das macht den Rest des Filmes voraussehbar, sie machen alle gute Miene zum guten Spiel, der Grundton ist versöhnlich und nicht hart geschäftlich. Martial kümmert sich auch noch um zwei Kinder, Neffe und Nichte, deren Eltern bei einem Autounfall gestorben sind; wie rührend. Als Gegenfigur im Haushalt tritt die strenge Frau Potus auf; nomen est omen. Na ja, und das Geschäftliche, die Rettung von Julibois erledigt sich dann ganz wie von selbst. Bös ist allenfalls die Zentrale in Paris, aber die kommt gegen die guten Gefühle in Lappland nicht ernsthaft an.

Ophelia (ARD, Sonntag, 3. Dezember 2023, 00.00 Uhr)

Kostümfilm

ist nicht unbedingt gleich Shakespeare; besser als Shakespeare dürfte es auch kaum jemand können; insofern ist es gewagt, was Claire McCarthy hier nachdem Drehbuch von Semi Chellas nach dem Roman von Lisa Klein auf die Leinwand bringt.

Die Regisseurin möchte der Hamlet-Geschichte die Ophelia-Geschichte gegenüberstellen, ergänzend, vertiefend. Sie möchte der Ophelia ein Eigenleben geben. Sie möchte mehr aus ihr rausholen, als dass sie nur verrückt wurde.

So ganz gelingen kann das nicht; das mag an unserer extrem shakespearegeprägten Sicht auf den Stoff liegen, aber auch am Handwerk von Claire McCarthy, was vielleicht zu wenig eine Philosophie des Kostümfilmes hat; was vielleicht eine etwas saloppe Einstellung zum Casten und Regieführen, Figurführung beinhaltet.

Jedenfalls fällt einem der Begriff Kostümfilm ein, weil die Kostüme so ein Eigenleben führen, weil sie wie den Darstellern wie umgehängt wirken; aber auch am Spiel, welches einer Art Aus-dem-Bauch-Spiel ohne jegliche Stilisierung ist. Theaterspielen im Sinne von Gefühle zeigen.

Daisy Ridley ist Ophelia, die Kammerfrau am Hofe. Sie und Hamlet verlieben sich. Es geht im Stück um Blindheit, Macht, Verrat, Mord. Und die Moral von Claire McCarthys Inszenierung ist die, dass Ophelia (Daisy Ridley) nicht verrückt wird, sondern sich emanzipiert aus dem ewigen Kreislauf der Rache. Den Todesstoß versetzt dem Stück die lieblose deutsche Synchro.

#CHALLENGE1923 – 3 MENSCHEN. 6 SONGS. Folge 1 (BR-Klassik, Donnerstag, 23. November 2023, 00.00 Uhr)

Wer hat die größte Karotte?
Wer kocht den besten Fisch?
Wer hat am schnellsten …

Ein ausgelutschtes Fernsehprinzip, das mit der Challenge; Gärtner, Köche, Häuslebauer und weißgottnicht was.

Hier geht es darum, dass Profimusiker innert vier Wochen Songs nach Schallplatten von 1923, hier Folge 1 zum Beispiel von Betti Smith, zur Aufführbarkeit bringen, eine Sängerin, ein Rapper und ein Pianist.

Nichts dagegen, solche Musik, gerade wenn sie innovativ und engagiert war, aus den Archiven zu holen und dem Publikum zu präsentieren.

Hier aber in der Sendung Ulrich Habersetzer unter dramaturgischer Beratung von BR Visual Production, Storytelling, unter redaktioneller Mitarbeit von Alex Naumann und Franziskus Büscher, redaktionell betreut von Beate Sampson, wird gefühlt die Hälfte der Zeit vor allem gelabert, wie toll, wie herausfordernd die das finden oder es wird PR von anderen Auftritten eingeblendet.

Nach etwa zwei Dritteln der 18-Minuten-Sendung und nach ein paar Takten Probe, wird wieder gelabert („ich bin geflasht, wie David Du, mit Worten spielst“).

Es wirkt so, als ob eine Fernsehredaktion oder eine dem Fernsehen zuarbeitende Firma krampfhaft nach Sendeformaten sucht, um Sendezeit zu füllen oder um Fernsehgelder abzugreifen. Die Vermittlung des tieferen Sinnes dieser Musik bleibt dabei auf der Strecke.

Wer ausgeharrt hat, wird am Schluss mit einem ganz gut anhörbaren „Downhearted Blues“ belohnt, und mit dem Versprechen vertröstet, das komplette Konzert dann in Folge 6 sehen und hören zu dürfen.

Morin (ARD, Mittwoch, 22. November 2023, 20.15 Uhr)

Brave New World

Ganz so krass wie die Vision von Aldous Huxley ist dieser Erinnerungsfilm an den früh verstorbenen, sehr menschlichen Regisseur Christian Görlitz nicht; er spielt ja auch schon im Jahre 2037 und nicht erst im Jahre 2540.

Insofern ist dieser Fernsehfilm von Almut Getto, die mit Hans-Ullrich Krause das Drehbuch von Christian Görlitz weiterentwickelt und zu Ende geschrieben hat, näher an unserer Zeit; redaktionelle Betreuung durch Claudia Simionescu und Birgit Tietze.

Gerade KI ist ein heiß diskutiertes Thema, Avatare, Hologramme. Die Jugend forscht schon früh. Morin (Leo Alonso-Kallscheuer) ist elf Jahre alt und betreibt im Garten biologische Experimente mit seiner Schulfreundin. Der Leistungsdruck ist enorm. Schon früh müssen die Kids wissen, wo sie hinwollen.

Ein Ziel ist die Junior Academy Lucas, ein von der Industrie gesponsertes Institut mit Totalüberwachung und maximalem Wettbewerb, alles ist überwacht wie in Total Trust.

Dem Buben vergeht bald das kindliche Lachen. Freundschaften zerbrechen und die Frage ist, wem noch zu trauen ist. Von einem Selbstmordversuch von einem Schulbuben ist die Rede. Aber das Institut redet sich heraus mit seiner Rundumversorgung und Totalüberwachung, indem der Junge ja gerettet werden konnte. Denn jederzeit steht die Hologramm-KI abrufbereit zu Verfügung, bei Morin ist es Leona (Yodit Tarikwa), die auch mal zu unsauberen Tricks greift.

Das zeigt der Film sehr schön, dass trotz aller futuristischen Mittel und Ausstattung das Menschliche das ist, was zählt und was am leichtesten droht, unter die Räder zu kommen; dass es das ist, worauf es ankommt, und nicht irgendwelche Rangfolgen und mögliche Vorteile in einer Karriere, die auf den Weltraum schielt.

Hitlerputsch 1923 – Das Tagebuch der Paula Schlier (BR, Mittwoch, 15. November 2023, 22.00 Uhr)

Aufmerken,

das ist die Eigenschaft, die die Protagonistin dieses essayistischen Porträts, Paula Schlier (eine wundervolle Lea van Acken), charakterisiert. Sie selbst sieht sich weder als Widerstandskämpferin noch als Nazi. Sie sieht sich als Chronistin, die aufmerksam die Vorgänge um den Hitlerputsch von 1923 aus nächster Nähe, nämlich aus der Redaktion des Völkischen Beobachters mitten in München, beobachtet und diese Beobachtungen in unscheinbare Kladden einträgt. Diese werden später veröffentlicht.

In dieser unprätentiösen Hommage an Paula Schlier von Oliver Hamburger unter redaktioneller Betreuung durch Andrea Bräu, werden Szenen aus deren Leben nachgestellt, sie selbst spricht direkt in die Kamera oder Voice-Over Tagebuchtexte.

Paula Schlier kommt sehr jung nach München und bewirbt sich als Sekretärin bei der Hetzzeitung der Nazis. Frauen haben hier nichts zu sagen, sie haben lediglich zu tippen.

Zwei Wissenschaftlerinnen und Herausgeberinnen der Tagebücher sind als Talking Heads eingebunden zwischen die Reenactment-Szenen und die unvermeidlichen Hitlerpropgandaaufnahmen. Wahrscheinlich wäre die Welt ein besserer Ort, wenn es nur schon mehr Menschen von dieser Sorte gäbe, die aufmerksam beobachten und nicht jeden Mist mitmachen und hinter Populisten herjubeln. Unterlegt ist diese Fernseharbeit mit großer Orchestermusik.

Lebenslinien: Eva Mattes – Wie es mir gefällt (BR, Montag, 13. November 2023, 22.00 Uhr)

Der Garten von Eva,

das ist das, was von ihr bleiben soll, dass wenn in hundert Jahren jemand an dem Gehöft in Brandenburg vorbeikommt, sagt, das war der Garten von Eva. In diesem hat sie gerade zum ersten Mal einen Kohlrabi mit einem unscharfen Messer zu ernten versucht.

Das Haus hat Eva Mattes mit ihrer Tochter, deren Vater Werner Herzog ist, gekauft.

So kann wohl nur eine uneitle Schauspielerin reden, die sich nicht zu schön ist, in Rehragout Rendevous eine Frau zu spielen, die ihr Karma verloren hat.

Diese Lebenslinien von Birgit Eckelt unter der redaktionellen Betreuung von Christina von Hahn kommen gänzlich ohne dieses Geschmäckle von PR-Verschniegelung, die die Protagonistin nutzen will, aus.

Die direkte und warme Art der Schauspielerin, die irgendwie ganz natürlich in den Beruf hineingewachsen ist, kommt ohne jedes Getue aus und ist sympathiegewinnend. Es ist einerseits alles so selbstverständlich – und dann doch wieder nicht.

Liebesbeziehungen kommen und gehen. Eva Mattes bleibt oder zieht um. Es scheint ihr eine natürliche Bescheidenheit innezuwohen, vielleicht zu erklären, durch ihre exzentrischen Eltern, beide Künstler, für die Kinder nie ein Lebenszweck sein konnten, wodurch diese auch nicht in der falschen Vorstellung erzogen wurden, Prinzessinen zu sein.

Vielleicht saugt man diese Lebenslinien auch deshalb ganz anders auf als so viele abgedroschene Promi-Exemplare, weil Eva Mattes sich offenbar nicht zu viel draus macht aus ihrem Promitum, weil sie sich fernhält von der Klatsch- und Tratschwelt. Auch scheint es nicht, dass diese Lebenslinien aus einem PR-Anlass für ein TV-Produkt gemacht worden sind, das aktuelle Bewerbung braucht. Selten, dass Promi-Lebenslinien so sympatisch und gewinnend rüberkommen, so ganz ohne Hintergedanken – wie es scheint.

Tatort: Königinnen (ARD, Sonntag, 29. Oktober 2023, 20.15 Uhr)

Fördern, vögeln, krönen
oder Königinnentag in Gmeining

Veronika Ferres versucht, einen auf hartes amerikanisches Filmfrauenzimmer zu machen, was in diesem biederen, ja direkt sexistischen bayerischen Milieu deplaziert wirkt. Noch deplazierter, weil Frau Ferres den Umgang mit E-Zigarette nicht genügend studiert hat und es jedes Mal, wenn sie das Stück vom Mund wegnimmt und mit diesem unentschieden in der Nähe verharrt, der Eindruck entsteht, er sei das Mikro, in das sie spreche. Wenn schon bei den Amis abkupfern, dann bittschön sorgfältig: die Zigarettenspitze bei den Vamps war so wirkungsvoll, weil sie klar auf Distanz gehalten wurde.

Altbackene sexistische Werbung in dem Sinne, als Frauen, die als Frauen attraktiv hergerichtet werden, für Produkte der Landwirtschaft werben sollen wie Zwiebeln, Mehl, Leberkäse, Spargeln, Milch, Honig, Spargel, Wurst, Kirschen. Die Models selbst werden verächtlich nicht mit Namen, sondern als das Produkt angesprochen, für das sie Werbekönigin sind. Sexistischer Umgang mit dem anderen Geschlecht in Reinkultur; soll hier spaßig durch den Kako gezogen werden; wirkt nicht so klar, eher bemüht.

Als Personal für das Hausmacherstück werden weiter aufgefahren: Eine ziemlich dümmliche Polizeischülerin, die die Schwaben in dummem Lichte dastehen lässt. Wolfgang Fierek als figelanter Frauenmissbraucher. Ein arbeitswuscheliger Pathologe, der den noch lebenden Patienten endlich aufschneiden will. Der merkwürdige Lobbyist Raubach, Vertreter von Agrarzentral. Louise, eine Transfrau.

Man muss es dem Team unter der redaktionellen Leitung von Cornelius Conrad lassen, sie versuchen den Tatort auf peppig und spritzig zu machen. Auf knapp und pointiert, auch schön dialektisch den ganzen Geschlechterwahnsinn, der heute politisch korrekt ist, zum Beispiel mit dem Begriff „feministische Planierraupe“ oder die Ferres, die unumwunden zugibt, dass sie sexuellen Avancen nachgegeben hat. „Fördern, vögeln, krönen“ so Funktionärs Juxprinzip. Ein Bisschen den Genderschmarren durch den Kako ziehen. Keine grosse Kunst, immerhin ein Frechversuch.

Grinsend wird das Aschenputtelmotiv mit dem verlorenen Schuh verdreht eingebaut, die von 50 Königinnen, die ihn verloren hat, kann eine wichtige Zeugin werden. Mit einer leichten Schlagseite in Richtung Klamotte, siehe den Streit der Königinnen.

Die Chronologie des Ablaufs des Krönungstages scheint chaotisch. Gottesdienst und dann Befragungen, alles nicht so logisch, nicht so durchdacht,…

Auswüchse des gewollten Humors: Wir sind die Mordkommission, wir suchen den Mörder, selbst wenn es keinen gibt. Ha, ha, wat ham wir jelacht.

Eine Viertelstunde vor Schluss ist der Saft raus.

Es folgt die Kalenderblattverleihung, die mickrig wirkt; der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sparen, sie verläuft sich und nach der Verleihung ist der Ofen wieder aus und es sind noch knapp zehn Minuten bis zum Schluss dieser Schönheitsköniginnen-Exploitation-Story.

Die Auflösung des Falles wirkt arg konstruiert. Die Grundidee mit dem Milieu, der Belästigung könnte Basis für einen spannenden Kriminalfall werden, müsste jedoch gründlich durchdacht werden.

In der Aufgedrehtheit der Absicht des Peppigmachens des Tatorts wirken die beiden altgedienten Kommissare als angenehme und stabilisierende ruhende Pole und die Idee, sie in Rente zu schicken, fernsehmäßig, scheint so besehen abwegig. Sie werden mit ihrer altmodischen Dienstauffassung plötzlich kostbar.

Checkerin Marina: Der Feuerwehr-Check (KIKA, Samstag, 21. Oktober 2023, 00.00 Uhr)

Halbe Halbe

Halb wird informiert über, halb wird eingeführt in die Arbeit der Feuerwehr.

Also nicht Fisch, nicht Fleisch ist diese KIKA-Sendung mit Checkerin Marina und Bezugsperson Lisi bei der Feuerwehr unter redaktioneller Betreuung von Stefan Gundel, Tina Petersen, Birgitta Kaßeckert und in der saloppen Regie von Judith Issig. Somit hebt sich diese Sendung negativ ab beispielsweise von New-WG-Challenge – Verfolge Dein Kondom durch die Kanalisation, was unterm Strich doch sehr informativ war.

Hier wird dagegen von der halben Stunde Sendezeit grad mal die Hälfte für die Information über das Funktionieren der Feuerwehr verwendet – und diese noch wenig merkbar. Dann sollen die kleinen Zuschauer, die nachts um Null Uhr noch auf sein dürfen, sich für die Arbeit der Feuerwehrleute interessieren, was die für Schutzanzüge haben, was für Schläuche und wo.

Vermutlich käme das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem Informationsauftrag näher, wenn es anhand von einem Fall ganz konkret die Wege vom Notruf bis zum Einsatz am Ort nachzeichnen würde. Das wäre auf jeden Fall für den Zaungast vor Ort, der sich ja richtig verhalten soll, sicher lehrreicher.

Wissen vermitteln, Wissen über das konkrete Funktionieren und nicht ein gemischtes Bla Bla mit ein Bisschen Feuerwehruniform-Anziehen und dann ein Bisschen Opfer spielen. Man darf doch auch in einer Kindersendung die Zuschauer ernst nehmen. Und die haben sicher spannendere Fragen als, was die Nummer der Feuerwehr sei und wofür man eine Drehleiter brauche. Die möchten es manchmal ganz genau wissen. Was für eine Befehlskette mit einem Anruf bei der bekannten Nummer in Gang gesetzt wird. Hier ist dieses Fernsehfeature viel zu ungenau und behandelt sein Publikum als nicht ganz dicht. Die Sendung wirkt so, als wolle sie relativ beliebig ein paar Eindrücke von der Feuerwehr zusammenschustern und dass die „Checkerin“ ihren Spaß haben soll. Das ist mehr als bescheiden. Das ist einfältig. Einfaltssendung.

Für wie dumm werden denn die Kinder vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingeschätzt , die nachts um Null Uhr so eine Sendung schauen, dass die Moderatorin ihnen so einen Mist erzählen muss bei der Übung mit der Drehleiter, was vorher schon als Übung angekündigt wurde, dass sie jetzt so tun würde, als ginge es ihr richtig schlecht und dass es ihr in Wirklichkeit richtig gut gehe.

Benotung der Sendung: schwach

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Warum ich Lebensmittel rette (BR, Montag, 16. Oktober 2023, 22.00 Uhr)

Eine tatkräftige, gewinnende Person,

das ist Günes Seyfarth, die in diesen Lebenslinien von Constanz Hegetusch unter redaktioneller Betreuung von Christiane von Hahn porträtiert wird.

Es ist sowohl eine Aufsteiger- als auch eine Integrationsgeschichte. Es ist eine optimistisch stimmende Geschichte und auch vom Ökonomischen her eine sinnvolle Geschichte über eine Unternehmerin, die ein sinnvolles Unternehmen auf die Beine stellt: die Münchner Community Kitchen.

Hier werden Lebensmittel, die das Unternehmen rettet, an andere Menschen verteilt. Wobei man dem Film vielleicht vorwerfen könnte, allzu zurückhaltend zu sein, wie denn genau das Geschäftsmodell aussieht, ob wirklich die paar Hundert Mahlzeiten am Tag, die es verkauft, schon Umsatz genug machen, um die Gewinnschwelle zu erreichen; vor allem, da doch sehr viele Nahrungsmittel weiterverschenkt werden.

Aber den Lebenslinien geht es mehr um die Person und den Charakter. Dieser wurde gebildet durch seine Geschichte. Die Mutter war schon eine sehr selbständig denkende und handelnde Frau, die als 17-Jährige das Risiko auf sich nahm, von Anatolien nach Deutschland auszuwandern und bei Grundig anzufangen, die ihr Leben selbst verdiente.

Tochter Günes übernimmt früh Verantwortung, verinnerlicht den Sparzwang, die Verantwortung die die Mutter für die Familie trägt, da der Vater nur sporadisch Geld heimbringt. Noch mehr Zurücknahme von sich selbst ist gefordert, wie der kleine Bruder zur Welt kommt mit einer Behinderung.

So haben sich bei der schüchternen Person hervorragende Eigenschaften herausgebildet, die sie womöglich zur Unternehmerin prädestinieren. Den letzten Kick gibt ein Tanzkurs. Hier lernt sie aus sich herauszugehen und da sie bald Vortänzerin wird, zu anderen zu sprechen, sie anzuleiten. Heute ist daraus eine vereinnahmende Persönlichkeit mit Herz, Verstand und Humor geworden, die drei Söhne großzieht und gleichzeitig unternehmerisch ihre Erfüllung findet.

Lebenslinien: Ich war Systemsprengerin (BR, Montag, 9. Oktober 2023, 22.00 Uhr)

Zufriedenheit

Was ist Zufriedenheit? Nach Meinung der bayerisch-persischen Berlinerin oder der berliner-persischen Bayerin Ina Gruber die Beurteilung eines erwachsenen Menschen der Spanne zwischen seiner Herkunft und seiner Gegenwart. So besehen ist sie der Modellfall eines zufriedenen Menschen und damit wohl auch Bürgers; denn die Fallhöhe ist krass.

Das macht diese Lebenslinien von Verena Wagner unter redaktioneller Betreuung von Rachel Roudyani so aufregend. Ina Gruber wurde in Berlin in aussichtslose soziale Verhältnisse hineingeboren, ihr Vater Iraner, die Mutter arbeitet nebenher als Animierdame, jede Menge Kinder, auch von anderen Vätern, überfordern die mammahafte Mutter total.

Ina rebelliert instinktiv gegen diese Verhältnisse, wird dadurch verhaltensauffällig, gilt als Systemsprengerin, ist in keinen sozialen Kontext einzubauen, lernt bis dreizehn oder vierzehn kaum eine Schule von innen kennen.

Aber Ina hat Glück, indem sie durch das Eingreifen der Ämter, die zusehends auf die desolaten familiären Umstände mit Gewalt gegen die Kinder und Nahrungsmangel auffallen, aufmerksam werden.

Man kann nicht immer über die Ämter nur schimpfen. In diesem Fall taten sie wohl einen idealen Griff, indem sie das Mädchen zu einer Pflegefamilie im bayerischen Wald verfrachteten mit zweijährigem Kontaktverbot zur leiblichen Familie. Hier wurde ihr Verhalten richtig analysiert, nicht als Charakterschwäche, sondern verstanden als Rebellion gegen katastrophale Verhältnisse.

Hier wurde Ina Struktur geboten, hier gab es nichts zu zerstören, Holz sägen gehörte zum Programm, späte Einschulung und schließlich Ausbildung zur Erzieherin, Aufbau des Jugendtreffes Bodenmais. Leitung des Jugendtreffs Zwiesel. Gründung einer eigenen Familie. Eine chaotische Vergangenheit, die auf geordnete Verhältnisse hinausläuft mit intimstem Verständnis für das Aggressionspotential von Jugend.