Archiv der Kategorie: TV

Tatort: Flash (ARD, Sonntag, 19. Juni 2022, 20.15 Uhr)

Unfertiges Drehbuch,

das mit keiner seiner Absichten zu fesseln vermag, zu sehr ist dieser Tatort von Andreas Kleinert, der sich immerhin um stimmungsvolle Bilder bemüht, eine reine Aneinanderreihung von zu relevanten Themen erfundenen Szenen, speziell Demenz und Reminiszenztherapie mit soziologiebezüglichen Einsprengseln – nach dem Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser.

Es gibt eine lockere Handlung, nach einem Rückblick auf 1987. Seit einem Frauenmord aus einem Club namens Flash sind 30 Jahre vergangen. Der Täter von damals wurde jetzt entlassen und hat offenbar wieder zugeschlagen.

Die beiden Kommissare machen sich schlau, sollten möglichst schnell die frei laufende Gefahr ausfindig machen; das führt über den Kontakt zum damaligen Psychiater, der den manischen Mörder untersucht hat. Allerdings hat der Demenz. Aus ihm müssen die Kommissare nun herausfinden, wo der Bunker ist, der vermutliche Zufluchtsort des gesuchten Mörders.

Es scheint dieser Tatort eine vornehmlich gemütliche Veranstaltung zur Beschäftigung von älteren Schauspielern, denen die Gunst eines Auftrittes angediehen geworden ist.

Die Dialoge dümpeln, sie sind nicht angetan, das Interesse an den Figuren zu wecken. Das Drehbuch wirkt papieren, als es Themenlast vorzugeben versucht und Figuren erfindet, die diese Themen ventilieren. Es sind Figuren ohne Geschichte, ohne Konflikte und insofern ohne Attraktivität. Und dann noch die Seniorenliebe.

Wie kann sich die ARD nur trauen, so einen unfassbar öden, teils staatstheaterlich sterilen Tatort zu senden?

Das Sounddesign tut, als gehe es um etwas Geheimnisvolles. Was ist an Demenz geheimnisvoll? Was ist an Justizirrtum geheimnisvoll? Was ist an einem durchgeknallten Psychiater geheimnisvoll?
Und in den letzten Minuten wird das Konstrukt, was vorher in keiner Weise auch nur erahnbar war, entgeheimnisst werden. Da guckt der Zuschauer in die Röhre.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger. Folge 1: Westen (BR, Montag, 13. Juni 2022, 20.15 Uhr)

Nur noch blamabel

Bei aller Sympathie für die beiden Typen Bezzel und Schwarz, bei aller Sympathie für einen mehrfachen, querschnittsgelähmten Paralympicsieger (ausgewalzte ca. 12 Minuten mit schweren Goldmedaillen), für eine Fair-Trade-Kaffeerösterei in Augsburg (zeitschinderisches Einparkmanöver; Gutes tun für Afrika); fürn Krümelhof mit vielen Tieren für traumatisierte Kinder (nach zeitschinderischer Einschlafszene im Camper); überdehnte Schlusssequenz, so eine Sendung ist in Zeiten galoppierender Inflation, in der immer mehr Haushalte die Rundfunkgebühr kaum mehr aufbringen können oder dies nur mit einem Verlust an Lebensqualität bewerkstelligen können, sind solche Sendungen, in denen Stars, die gerade vom Zwangsgebührenhaufen gut kassieren, hier nochmal zugreifen (5’000 Euro pro Tag?) – sie tun es nicht für Gottes Lohn, in keiner Weise mehr zu rechtfertigen sondern es ist nur noch blamabel.

Die Politik tut alles, um die besonders betroffenen einkommensschwachen Haushalte zu entlasten; aber die unfair zu Lasten dieser erhobene Rundfunkhaushaltsgebühr bleibt unangetastet und drückt bei immer mehr Haushalten immer schwerer aufs Budget, und die Stars Bezzel und Schwarz scheinen das – so richtig gedankenlos – überhaupt nicht zu realisieren und machen munter weiter mit auswendig gelernten Pointen und immer weniger spontan, ja sogar ermüdet wirkend, Werbung für immerhin nur noch Dinge, die mit gutem Zweck verbunden sind oder mit physischer Behinderung zu tun haben. Aber die Stars kassieren und kassieren und kassieren. Es interessiert sie nicht, woher dieses Geld kommt. Insofern wirkt das Interesse an Benachteiligten geheuchelt.

Lebenslinien: Monika Baumgartner – Die Rollen meines Lebens (BR, Montag, 6. Juni 2022, 22.00 Uhr)

Coole Geschäftsfrau mit Widerspruch

Das macht die Schauspielerin Monika Baumgartner fürs Fernsehen so nützlich, dass sie unprätentiös, ohne jegliches Medeagehabe, ohne jegliches Geleide an der Kunst, ohne ihr Herz auf der Zunge zu tragen, verlässlich und glaubwürdig ist. Die Eigenschaft dürfte vom Publikum als Darstellerin in der Serie Bergdoktor goutiert werden.

Eine seriöse Geschäftsfrau.
Aber Geschäftsfrau. Sie nutzt diese Lebenslinien von Reiner Holzemer, um ausgiebig in der Firma zu drehen, die ihr und ihrer Schwester gehört. Wann bekommt ein TV-Star schon so viel Gratis-Sendezeit für PR für die eigene Firma.

Geschäftsfrau auch mit der Firma mit ihrer ersten großen Liebe, einem Bühnenbildner.

Geschäftsfrau auch im Hinblick aufs Kinderkriegen: sie kann das nicht mit ihrem Beruf vereinbaren; deshalb zerbricht die Liaison.

Coole Geschäftsfrau auch, indem sie Teamwork von zuhause aus gelernt hat; eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft im Theater- und Fernsehgeschäft.

Coole Geschäftsfrau auch, indem sie von ihrem jetzigen Lebenspartner (für dessen Buch über Gröbenzell auch Werbung sein darf) als ‚geländegängig‘ apostrophiert wird.

Coole Geschäftsfru auch, indem sie offenbar minutiös das Medienecho in Kartons sammelt – mit einem bis heute nicht verwelkten tz-Rosenstrauß von anno dunnemals; wobei Franz Xaver Kroetz von Reiner Holzemer und der zuständigen Redaktuerin Christiane von Hahn noch eins abkriegt als „damaliger Erfolgsautor“ – wie kleinkariert.

Es sind dies dröge Eigen-PR-Lebenslinien des BR, noch dröger gemacht durch die dauernd unterlegte Dumpf-Dümpel-Musik, unterbrochen ab und an mit Applaus; der schlimmste Schicksalsschlag war ein unentdeckter Leistenbruch, den sie 15 Jahre lang, bis zur treffenden Diagnose, mit Schmerzmitteln betäubt hat.

Coole Geschäftsfrau: eine kontinuierliche Karriere bis ins 8. Lebensjahrzehnt hinein und auch jetzt noch gefragt; gerade Frauen haben nach ihren eigenen Aussagen ein besonderes Rollenproblem mit steigendem Alter.

Vielleicht könnte man sie an ihrem eigenen Motto packen: Mir geht’s gut, wenn es den anderen um mich herum auch gut geht. Denn ihr geht es unter anderem deshalb – finanziell – gut, weil sie vom enormen Gebührenhaufen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes bezahlt wird (Tagesgage 5000 Euro, 10’000 Euro?). Dieser kommt aber sozial unfair zustande zulasten einkommensschwacher Haushalte, die sich das Geld vom bescheidenen Budget – noch stärker jetzt in Zeiten der Inflation! – hart absparen müssen – so besehen kann es Monika Baumgartner nicht gut gehen. Ihr geht es gut, weil es anderen schlecht geht.

Die Fenster offen, um zu fliegen. Konstantin Wecker, ein Leben (ARD, Dienstag, 31. Mai 2022, 00.05 Uhr)

Kuddelmuddel-Verhau-Babbel-Doku

Die Archivausschnitte mit den Auftritten des jungen Konstantin Wecker machen verständlich, warum er die Menschen so begeisterte. Allein diese Stimme – in einer privaten Aufnahme von einer Geselligkeit singt er ein Stück aus einer italienischen Oper und das erinnert an die großen lyrischen Tenöre aus Italien. Der ist er nicht geworden. Aber sein politisches Engagement, seine Energie, sein enormes Need, die Lieder zu singen und dann das Timbre, das macht unwiderstehlich.

Die Doku von Gabriele Pfaffenberger allerdings ist nicht ganz so unwiderstehlich. Sie ist der lieblos übliche Verhau aus Talking Heads, Blabla, aus Archivmaterial und aus eigens gedrehten Szenen, das Haus, wo er aufgewachsen ist, die Isar, die Schule.

Den Fernsehoberen scheint einfach, wenn es um die Hommage zum 75. eines nicht bezähmbaren Künstlers geht, vor Fantasielosigkeit überhaupt nichts einzufallen, schon gar nicht die Idee, eine Art gültiges, verbindliches Porträt zu erstellen.

Über Wecker ließe sich bestimmt allein aus den Dokus seiner Auftritte eine hochspannende Geschichte entwickeln, die nicht ständig durch peinliche Statements von Promis verwässert wird. Aber das würde wohl Arbeit bedeuten. Schal versenkt die ARD den Beitrag auch noch nach Mitternacht. Fadenscheiniger Vorwand: es fängt der Geburtstag des Künstlers an.

Woidboyz – Hilfe ist unterwegs (Folge 1) (BAYERN 1, Youtube-Kanal, ab 19. Mai 2022, 00.00 Uhr)

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen als Geschenke-Oma.

Wer einen Wunsch hat, darf vertrauensvoll beim BR anrufen, der schickt – zwangsgebührenfinanziert – drei prächtige Knaben mit wenig Berufsqualifikation aber umso mehr sorglosem Enthusiasmus los, um den Anrufern diesen Wunsch zu erfüllen.

Hier in Folge eins sollen die drei Wunderbuben für ein bayerisches Mädel aus der Provinz, das nebenbei noch einen Bauern oder einen Gärtner als Loverboy sucht, eine Art Pflanzen-Hochbeet-Gewächshaus bauen. Die Mama hat es arrangiert.

Die Protagonisten sind bemüht, jugendliche Begeisterung und Optimismus zu versprühen und aus Nichts Etwas zu machen. Von einem Budget ist nicht die Rede. Sie klopfen bei Nachbarn an oder melden sich auf Kleinanzeigen im Internet. Nach den 18 Youtube-Minuten steht ein Objekt da, in welches Pflanzen eingesetzt werden.

Was der BR mit dem Clip bezweckt, ist nicht so richtig klar. Als Bastelanleitung jedenfalls ist er garantiert nicht geeignet; da wird zu krampfhaft auf Gaghafitgkeit denn auf Genauigkeit und Nachvollzieharkeit geachtet; viel zu wurstig ist das Baudokumentarische, um als Anleitung zu taugen.

Die Jungs müssen im Nachhinein für zwischengeschnittene Kommentare ihre Meinung vor Bluescreen oder Ähnlichem abgeben mit viel Mimik, die suggerierem soll, wie toll und engagiert sie sind.

Anleitungen zun Bau von Gewächshäusern gibt es indessen mehr als genug im Internet. Dafür brauchen wir nicht noch extra den BR. Was also bezweckt er mit dem runtergenudelten Altrezept, was früher für Familiensendungen am Samstag-Abend gedacht war? Dafür taugt das Format grad auch nicht; denn im Internet, auf Youtube wird ja gerade die gesellschaftliche Gemeinsamkeit ausgeschlossen. Es hockt ein jeder oder eine jede vereinzelt vorm Computer. Wie viele werden den Clip überhaupt anklicken, und wie viele davon werden ihn zu Ende schauen?

Klar, wo es etwas gratis gibt, da lockt man die Leute. Aber, ob diese Leute die anderen Clips überhaupt schauen, das bleibt im Dunkeln. Wer wird das irgendwann für sich anschauen im stillen Kämmerlein? Kaum zu erwarten, dass Familien gemeinsam sich vor den Computer setzen, um so was anzuklicken. Wird jener Teil des aussterbenden, verbliebenen Stammpublikums des Fernsehprogramms von diesem weggehen und aufYoutube umsteigen, weil es dort seine Kost findet? Auch kaum zu erwarten. Werden im weltweiten Netz mit so abgestandenen Clip-Ideen irgendwelche User angelockt? Kaum zu erwarten.

Was will der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit solchen Formaten? Sie definitiv im Netz versenken? Ist er überhaupt konkurrenzfähig mit den vielen soloselbständigen Youtubern? Eher nicht. Wer will im Netz schon nach abgestandener Fernsehkost fischen?

Es scheint sich bei dem Projekt um die pure Verzweiflungstat von Fernsehmächtigen zu handeln, die sich ihrer wachsenden Ohnmacht bewusst werden: der Diskrepanz, dass sie Unmengen an Formaten produzieren können, weil der Zwangsgebührenhaufen schier unendlich ist und nie kleiner wird; weil das Geld da ist; es ihnen aber offenbar an Ideen fehlt, wie sie in der multimedialen Welt eigenständige, demokratiestärkende Werte verbreiten können. Trotzdem muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen dem enormen Gebührenhaufen ständig seine Legitimation begründen; Mindestanforderung: Sendezeiten füllen.

Hinzu kommt, was es noch problematischer macht, dass dieser Geldhaufen unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird. Das ist neulich ganz kurz auf dem Radar der Öffentlicihkeit erschienen, als ein Politiker angesichts der wirtschaftlichen Probleme von Corona- und Ukrainefolgen und angesichts der Inflation vorgeschlagen hat, man möchte doch die Rundfunkgebühr für drei Monate aussetzen. Der Politiker hat den Vorschlag begründet: es würde die einkommensschwachen Haushalte überproportional entlastet. Immerhin endlich eine öffentliche Negativformulierung der Tatsache, dass der 9-Milliarden-Gebührenhaufen zu Lasten einkommensschwacher Haushalte aufgebracht wird, also sozial unfair, undemokratisch. Vor diesem Hintergrund wirkt die Herstellung solcher Youtubereien wie Hohn auf die einkommensschwache Haushalte, die sich auch noch die Zwangsgebühr abknapsen müssen vom spärlichen Budget.

Polizeiruf 110: Das Licht, das die Toten sehen (ARD, Sonntag, 15. Mai 2022, 20.20 Uhr)

Postmortaler Tierfrass,

könnte auch diesem Polizeiruf passiert sein, dem möglicherweise die Story zum Opfer gefallen ist und nicht nur der Frauenleiche, um die sich der Kriminalfall dreht.

Dieser Polizeiruf wirkt irgendwie nicht sendefertig. Eher ist er eine Ansammlung von Probematerial der Drehbuchautoren Sebastian Brauneis und Roderick Warich und von Regisseur Filippos Tsitos. Was noch fehlt, das wäre eine Geschichte. Es sind Impressionen aus den Milieus der Polizei und junger Bewohner einer anonymen Satellitenstadt, irgendeiner Jugendkultur und Eiskunstlauf, Drogen, Musik, Videos, Videospiele – und, münchnerisch: eine Brauerei und außerdem eine Geisterfrau.

Der Film wirkt wie eine Spielerei mit Fotoshop beliebiger Close-Ups aus den erwähnten Milieus, aufgenommen mit fahriger Kamera und nervös zusammengeschnitten.

Ein Flickenteppich aus Versatzstücken von Krimiszenen, ein nicht nachvollziehbares Teenie-Verhältnis, eine Frau, die wegen einer entlaufenen Tochter kirre ist und wie ein Gespenst durch den Bildverhau geistert, verkorkste Close-Up-Strategie, die konträr zum Storytelling arbeitet,

Der Film ist so nicht ready for airing. Da ist zwar schon ein Verbrechen konstruiert. Was dann irgendwie 10 Minuten vor Schluss aufgedröselt wird; was aber im Hinblick auf das Gesehene und die Figuren kaum Plausibilität hat. Storytelling wäre, es so zu erzählen, dass der Zuschauer dran bleibt und sich anhand der Story durch menschliche Abgründe führen lässt, die zu dem Verbrechen geführt haben. Das ist hier nicht der Fall. Da werden in den letzten zehn Minuten die Dinge erklärt, die eigentlich der Film vorher hätte erzählen sollen, richtig filmisch erzählen, mit der Figurcharakterisierung und den daraus resultierenden Konflikten. Hier gibt es nur Detailaneinanderreihung von Photoshopbildern, die Stimmung erzeugen sollen, aber kaum was über Motive, Beweggründe, Needs der Figuren verraten.
Unfertige Arbeit von Bavaria Fiction.

Die BR-Redaktion hätte das Teil besser zurückgegeben – oder so nicht in Auftrag gegeben.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Der Mensch ist ein Viech, was lacht – Gerhard Polt und seine Welt des Humors (Donnerstag, 5. Mai 2022, 00.20 Uhr)

Eine unwürdige BR-Würgung zum 80. Geburtstag von Gerhard Polt

Dieses Geburtstagssträußchen vom BR für den großen Humoristen Gerhard Polt wirkt wie ein Billigsträußchen nach den Rezepten der schnellen Fernsehdoku.

Ein paar Labermäuler vor die Kamera holen, die selber Promis sind und den Auftritt sowieso nur als PR nutzen, die sollen Hommagen an den viel größeren Polt halten oder erklären, was Humor ist.

Es gibt eingangs ein Interview in einem verdunkelten Raum an einem Holztisch, dahinter sitzt Polt dem Interviewer gegenüber, der sich hütet, seine Stimme vernehmen zu lassen, auch wenn der große Polt ihn fragt, eine Unverschämtheit bereits. Und Polt stellt klar, dass er kein Promi sein möchte. Aber genau so behandelt ihn der BR unter der Redaktion von Henning Weber im Film von Victor Grandits und Magdalena Adugna. Sie machen das peinlichste Mögliche: sie fahren BR-Promis als Talking Heads auf, die alle Elogen auf ihn loslassen, peinlicher geht nimmer oder als Humorphilosophen sich ausgeben.

Dann möchte Polt nicht sein Leben nochmal erzählen. Er berichtet von einem Erweckungserlebnis nach dem Krieg, wie an einem Stammtisch Kriegsverkehrter ein hitztiger Wettbewerb darüber entbrannt sei, wer die schlimmeren Verletzungen habe.

Polt berichtet von einer Carl-Valentin-Szene, wie dessen Partnerin auf der Leiter auf seiner Hand steht und ihm der Begriff ‚Hand‘ in diesem Moment nicht einfällt und er berichtet von Otto Gründmandl, der ihm bei seinem letzten Besuch im Hospiz gesagt habe, jetzt sterbe er erst einmal und dann sehen wir weiter.

Das wäre eine fantastische geistige Linie, die man über das Werk von Polt vervollständigen könnte, so wie er es ja eben wünscht, dass man das mache. Das wäre allerdings Arbeit, das enorme Material, was von und über ihn existiert, durchzuforsten auf der Suche nach Polts jeweiligen Antworten auf die Zeit, nach jenen Witzcn und Nummern, die der Zeit entsprechen wie die Versehrtenwitze direkt nach dem Krieg.

So könnte ein verbindliches, starkes Poltbild entstehen, auch ein Eindruck von seiner Unverzichtbarkeit und seiner Entwicklung, die ihn gegen Ende hin, wenn er allein auf der Bühne steht und versucht „Klassik Radio“zu imitieren, recht einsam aussehen lässt.

Aber nein, was macht der BR? Er macht es sich billig, fährt mit Polt und den Well-Brüdern zu Auftritten, bringt Hinter-den-Kulissen- Eindrücke, fährt mit der Drohne auf das Well-Brüder-Haus los, was soll das in einer Polt-Hommage?, bringt Ausschnitte von Georg Kreißler, Gert Froebe, Carl Valentin, Dieter Hildebrand, also man könnte die Senung auch nennen: Polt im Vergleich zu anderen Kabarettisten, statt dass der BR versucht, ein würdiges, stimmiges Bild des Künstlers zu erstellen, was ihm angemessen ist, ihn vielleicht in einer Gesamtschau zeigt, wie man sie so noch nicht gesehen hat.

Nein, aber es muss alles billig sein mit Laber-Laber-Talking-Heads plus Pseudoversuche der Humorerklärung. Die beste Erklärung ist der Humor selber, also die Acts zu zeigen, nicht sie zu zerreden.

Polts Diskussion im Auto mit dem Navi auf einer Fahrt zu einem Auftritt wäre so eine signifikante Szene. Aber statt solche aus seinem Lebenswerk zu suchen, gibt es billig aus jedem Jahr ein, zwei Miniszenenausschnitte.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Bayerns Gartenküche (BR, Sonntag, 2. Mai, 2022, 20.15 Uhr)

Lecker, lecker

Ein bekannter Fernsehmoderator, der als solcher sicher nicht schlecht verdient hat, soll einmal erzählt haben, richtig Kohle gemacht habe er erst mit Kochbüchern. Das Essen ist das, was der Mensch von der Außenwelt in sich hineinschaufelt und sich und seinen Motor damit am Laufen hält, das Essen ist die Liebe, die durch den Magen geht. Das Essen ist das, was den Menschen extra nahe geht. Es gibt Millionen von Büchern über das Essen, Sendungen, Internetclips.

In dieser Produktion unter der BR-Programmbereichsleitung von Annette Siebenbürger-Holtz geht es um eine Untersparte des Essens, es geht um Hobbygärtner oder Schrebergärtner, die einen Teil ihres Speiseplanes selbst anpflanzen. Es betrifft dies ein Spektrum von Menschen, die sich entweder ein Haus mit Garten oder einen Schrebergarten leisten können – und die selbstverständlich Spaß daran haben. Für die Redaktion zeichnet Iris Messow-Ludwig, für die Regie: Andreas Thiele, Ines Gambal.

In der ersten Folge dieses Jahres ist Petra die Protagonistin, eine Anwältin aus Hof, die mit ihrem Mann ein schönes Haus mit großzügigem Garten bewohnt und die auch noch einen Schrebergarten bewirtschaftet.

Zuletzt hat Petra sich ein viktorianisches Gewächshaus aus England geleistet, einen Gewächshaustempel, wie ein Besucher sagen wird.

Das Prinzip eines solchen Fernsehformates ist bewährt und vermutlich auch populär: 5 Kandidaten treten gegeneinander an. Ein Experte stellt zwei Aufgaben, dieses Jahr ist es das Anpflanzen von Kartoffeln und ein freies Projekt. Petra wird dafür ein erhöhtes Blumenbeet für Schnittblumen anlegen.

Zweimal kommt der Experte und begutatchtet den Stand der Entwicklung. Am Schluss lädt jeder Kandidat die anderen zu einem Essen ein, was selbstverständlich besonders munden soll.

Gegen all das ist nichts einzuwenden. Zu denken gibt es allerdings, dass eine unbekannte Anzahl Haushalte mit kleinem Einkommen sich die Zwangsgebühr zur Finanzierung solcher Sendungen, die genauso gut an private Unternehmer outgesourcet werden könnten, vom kleinen Haushaltseinkommen absparen müssen.

Es ist eine soziale Ungerechtigkeit; Haushalte, die vielleicht wenigstens von einem Schrebergarten träumen und sich diesen nicht mal leisten können, Sendungen darüber auch noch bezuschussen zu müssen. Diese Haushalte gibt es. Diese unfaire Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes zu Lasten einkommensschwacher Haushalte ist ein bitterer Wermutstropfen gerade über so sonnigen, leckeren Sendungen; der andere ist vielleicht die nervige Wohlfühlmusik, die überhaupt nicht nötig wäre; die wirkt wie Übersüßung der Speisen. Und da ist der Weg von der Wonne zur Übelkeit nicht weit.

Tatort: Warum? (ARD, Sonntag, 1. Mai 2022, 20.15 Uhr)

Emotionskonstruktivistisch –
Drehbuch auf dem falschen Fuß aufgestanden?

Dieser Tatort von Max Färberböck, der mit Catharina Schuchmann auch das Drehbuch geschrieben hat, fängt mit einer Liebesszene im Bett von zwei jungen Menschen an. Lukas (Matthias Egersdöfer) und Mia (Julie Engelbrecht) liegen nackt, ARD-Hauptabendprogramm-tauglich nackt, im Bett. Er streichelt sie. Sie tauschen Liebesworte. Zart, nicht heftig.

Färberböck inszeniert das, als stünde er nicht unter dem Druck, in 90 Minuten das Tatort-Storytelling-System erfüllen zu müssen. Die Szene fesselt und nimmt einen ein für den Fortgang der Geschichte. Es wird eine Liebesgeschichte interrupta werden.

Allerdings ist diese einführende Szene im Hinblick auf den sich herausstellenden Plot irreführend. Lukas wird bald darauf ermordet. Ohne Grund scheint es. Er ist ein beliebter Mitarbeiter einer Pharmafirma. Es scheint, als sei es einer dieser Willkürmorde, wie sie inzwischen auch passieren, dass ein Passant am helllichten Tag niedergestochen wird. Der Täter rauscht mit dem Fahrrad nach einer Minute oder zwei davon.

So scheint es hier anfänglich auch. Färberböck lässt sich von seiner Emotionsszene am Anfang selbst verleiten. Das Mitgefühl, was der Zuschauer sowieso schon entwickelt, weil er ja die Liebesszene gesehen hat, lässt er auch jede Menge andere Darsteller spielen: Betroffenheit, Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit bei Mia, bei der Mutter von Lukas (Valentina Sauca), beim Vater von Lukas (Karl Markovics).

Es wirkt als sei der Film emotionkonstruktivistisch entwickelt worden: wo kann den Darstellern wieviel Emotion, wie viel Bedröppeltheit abverlangt werden, die das Kommissarsduo Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) zusätzlich in ihrem gedämpftem Ton spiegeln müssen.

Der Plot ist allerdings ein ganz anderer: der ist ein knallharter Wirtschaftskrimi, ein Thriller.

Da die Review erst nach Ausstrahlung online geht, besteht kein Grund für Spoileralarm.

Der scheinbar harmlose junge Mann ist bei seinem Arbeitgeber milliardenschweren Betrügereien mit Pharmazeutika einer Bulgarien-Connection auf die Spur gekommen. Vielleicht ist er mit seiner Entdeckung allzu naiv umgegangen. Das hat ihn das Leben gekostet.

Man kann so eine Geschichte sicher auf verschiedene Arten erzählen, aber doch nicht so, dass der Zuschauer glaubt, es gehe um eine ganz andere Geschichte; dass dem Zuschauer das Ausmaß des Thrillers grad mal zehn Minuten vor Schluss eröffnet wird. Das ist Veräppelung des Konsumenten.

Dafür müsste beim BR Stephanie Heckner als verantwortliche Redakteurin den Kopf hinhalten. Wird sie sicher nicht tun. Aber der Name taucht bei so vielen Produktionen auf, dass zu vermuten, dass sie die einzelnen Projekte gar nicht gründlich genug analysieren und beurteilen kann und dass dann solch unbefriedigenden Produkte auf Zwangsgebührenzahlers Kosten entstehen. Der wird allenfalls entschädigt durch das nach wie vor munter unverbraucht wirkende Kommissarduo Manzel/Hinrichs und auch durch die fränkisch sprechende Fraktion der Darsteller, die ihre Sprachfarbe nicht mehr ganz so dick aufträgt wie auch schon; viele der Gastschauspieler sind andererseits nicht zu beneiden für die Bedröppelrollen, die ihnen wie auch immer zugeschustert worden sind.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

dreizueins – Kabarett mit Luise Kinseher (BR, Donnerstag, 28. April 2022, 00.20 Uhr)

Rückabwicklung der weiblichen Emanzipation als Geschäftsmodell –
wie studierte Frauen mit abgestandenen Männerwitzen ihr Geld beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk verdienen

Zu Recht versteckt der BR dieses nicht zündende Fernsehfornat in die früheste Morgenstunde, wo alles schläft und der Hahn noch nicht kräht. Jetzt versucht es zwar die Kabarettkapitalistin (je mehr Zuschauer sie in eine Halle lockt, desto mehr verdient sie, je mehr CDs sie verkauft etc) Luise Kinseher marktschreierisch, so wie die Amis es mit den Ankündigungen beim Wrestling machen. Nur, das müsste man eben können und dann auch etwas anzukündigen haben und nicht nur die übliche Kabarettriege, die es bestens versteht, auch noch Zwangsgebührengelder abzugreifen, von denen sie eigentlich wissen müssten, dass die unfair zustande kommen zu Lasten einkommensschwacher Haushalte.

Das wäre in etwa so, wie wenn die Kabarettistinnen, je mehr Zuschauer sie haben, desto weniger verdienen würden, umgekehrtproportionales Einkommen, so wie die Finanzierung des öffentlichen rechtlichen Rundfunkes umgekehrt proportional zum Haushaltseinkommen steht, in Steuerprozenten ausgedrückt.

Gäbe das einen Aufschrei, wenn die Finanzierung dieser Kabarettistinnen so zustande käme. Was heißt dreizueins? „Wir sind einfach nur eine Weiberrunde, aber eine Weiberrunde plus – und da gibt’s ein altes, albernes Klischee, bei dene Weiberrunden geht’s aber hoch her“, da muss sie selber ganz tief lachen und fällt ins nächste Geschlechterklischee.

Um sich den Anstrich von Seriosität, von Respaktabilität zu verschaffen, werden diesmal die üblichen, abgeschlafften Männerklischees von den FrauenKabarettisten unterm Thema „Respekt“ vorgetragen vor einem braun überschminkten, gehirngewaschenen Studiopublikum.

Gast eins ist eine mit viel Holz vor die Hüttn und die sich selber für eine Respektsperson hält und in ihrem Auftritt zeigt, dass auch Respektspersonen nicht davor gefeit sind, abgestandene Geschlechtklischeewitze zu erzählen. Und das gegen Zwangsgebührengeld.
„Mein damaliger Freund, meine jetzige Last, mein Mann ..“ (wie respektlos, unreif und reaktionär doch so von Partnerschaft gesprochen wird!).

Der klischierte Hauptwitz ist der mit einer Alkoholfahrt und einem respektvollen Polizisten, der mit dem allerabgestandensten Wein-Wasser-Jesus-Witz endet. Soll mir mal jemand erklären, weshalb ich dafür vom Staat gezwungen werden, die Haushaltsgebühr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bezahlen.
„Wenn ein Mann sein Herz auf der Zunge trägt, dann geht es vorher nicht durch das Hirn“ – die Sendung beweist, das gilt für Frauen gleichermaßen.

Erstaunlich, wie gedankenlos der BR billige Geschlechterklischees runternudeln lässt und dafür auch noch bezahlt.

Nebst dem Respektthema wollen sich die drei Kabarett-Kapitalistinnen noch mit ihrem Bildungshintergrund wichtig machen, wirkt grotesk, alle wollen sie studiert haben. Warum geben sie sich dann für so hilflose Männerwitze her, die auf weiblichem Selsbstwertmindergefühl basieren? Fällt das einer BR-Redaktion nicht auf?

Der Zuschauer wird Zeuge, wie gnadenlos auf niedrigstem Niveau von studierten Frauen Zwangsgebührengelder abegriffen werden.

Der zweite Gast, die zweite Kollegin ist eine Frau Doktor.
Sie erzählt von einer misslungenen Beziehung mit einem Wiener Würstl; eine Frau, die auf so einem Mann reinfällt, kann nicht ganz dicht sein, vor allem dass sie dann nicht loskommt von ihm, ja sogar groteskerweise mit ihm im kleinen Appartement bleibt und, Höhepunkt ihrer Torheit, neben dem schnarchenden Ex Sex mit Neuerrungenschaften probiert. Kann eine Frau wirklich so saudumm sein? Halten Frauen Kabarett, was Frauen als hinterwäldlerisch als zurückgeblieben beschreibt, gar für emanzipativ? Wie unterbelichtet muss eine Frau sein, die einem Bankfilialleiter petzt, dass ihr Ex in der Filiale an den Ficus gepinkelt habe? Ich glaub, ich höre nicht richtig und muss dafür auch noch Zwangsgebührengeld abführen.

Schön ist der kleine Exkurs zur Bayerischen Sprache und dem Thema Respekt und Beleidigung.

Die Kabarett-Kapitalistinnen fragen sich, ob Frauen es schwerer haben, sich Respekt zu verschaffen – mit solchen Auftritten allemal.

Und dann kommt die Gastgeberin noch auf die Haare im Bad zu sprechen und die monomanische Selbstbezogenheit des Mannes. Wie abgestanden ist das denn? Nach emanzipierter, moderner Frau hört es sich grad nicht an, eher nach Wühlen in der Altmüllsammlung für längst überholte Damen-Witze. Die Remanzipation, die Re-Emanzipation, das Zurückdrehen der Emanzipation der Frau – dafür steht der BR.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!