Archiv der Kategorie: TV

Lebenslinien: Für uns zählt jeder Atemzug (R, Montag, 18. Mai 2020, 22.00 Uhr)

Eine ganz normale Familie

Manuela stammt aus einem Dorf in Niederbayern. Rundum glückliche Jugend. Keine Brüche. Michel stammt aus Persien, studiert in Deutschland. Sie lernen sich beim Tanz kennen. Liebe, Heirat, Kinder, einige Jahre bis zur Revolution in Persien. Dann zurück nach Deutschland. Zwei Kinder. Hausbau. Guter Job für Michel als Ingenieur in der Computerbranche. Bilderbuchhafte Lebensläufe. 

Bis zum Tag, an dem Manuela „den Hebel umstellte“, als sie vom Arzt die Diagnose ALS für ihren Mann Michel vernahm verbunden mit der Perspektive eines Lebens, das nur noch drei Jahre dauern würde. Das ist jetzt auch schon über zehn Jahre her. 

Jasmin Cilesiz Linhart (Redaktion Sonja Hachenberger) berichtet von dieser Familie, lässt sie selber erzählen, in Erinnerungen kramen und natürlich ist die Erkrankung ihres Mannes das zentrale Thema. 

Heute braucht er rund um die Uhr einen Pfleger, er kann sich nur noch mit den Augen bemerkbar machen, wird künstlich beatmet und künstlich ernährt; arbeitet jedoch noch von zuhause aus, hält den Kontakt zu seinen Kollegen, bei denen er beliebt ist. 

Die Kinder haben sie ins Internat gesteckt. Manuela hat an einem bestimmten Punkt, als es darum ging, auf Maschinen zu verzichten, sich für das Leben ihres Mannes entschieden; wodurch sie noch einige gemeinsame Jahre dem Schicksal abzwicken konnten; eine Selbstverständlichkeit für Manuela; es ist Liebe, wenn sie auch den Begriff so nicht benutzen würde; Kraft gibt ihr auch die Religion. 

Was diese Lebenslinien hochaktuell macht, ist die Coronakrise, die über Nacht das Selbst- und Lebensverständnis einer ganzen Luxusgesellschaft in Frage gestellt hat. Insofern ist es ein optimistischer Film; Krisen sind da, um daran zu reifen, um sich daran weiterzuentwickeln. 

Lebenslinien: Die Tangobäuerin aus dem Allgäu (BR, Montag, 4. Mai 2020, 2200 Uhr)

Eine Frau geht ihren Weg

von Kindsbeinen an, mit einem unglaublichen Élan vital ausgestattet, so dass sie mit 50 einen Selbstversorger-Einödhof im Allgäu kauft; es sei hart, aber warum soll es anders sein und ruhen könne sie ja, wenn das Leben vorbei sei.

Die ansprechenden Lebenslinien von Arndt Wittenberg (Redaktion: Christian Baudissin) fangen mit einem Bild von hoher Spannung an: auf Holzdielen einer Scheune im Oberallgäu sind die Füße eines Tango tanzenden Paares zu sehen, die Damenschuhe mit den hohen, spitzen Absätzen. Das sei ihre Leidenschaft, wird Rosemarie später sagen. 

Allerdings kommt der Tango selbst, den sie mit ihrem Lebensgefährten Arthur, einem Schotten und Geigenbauer, fantastisch tanzt, nur randständig vor. Der Tango hat ihr immerhin die Bekanntschaft mit Arthur gebracht. Sie teilen ihr Leben auf dem Hof. 

Aufgewachsen ist Rosemarie Wegemann zwischen Berkley und München, ihr Vater ein Professor, ihre Mutter Amerikanerin. 

Für das Format Lebenslinien sind Menschen, die sich im Leben überlegen, was sie machen, die begründen, wieso sie so und nicht anders handeln, mit vom Ergiebigsten – ganz im Gegensatz zu häufigen, billigen PR-Promi-Geschichten. Wobei hier indirekt eine bekannte Bio-Landwirtschaft in der Nähe Münchens vorkommt; weil Rosemarie dort über zehn Jahre lang als Schweinemagd gearbeitet hat. 

Rosemaries erster Lebensgefährte und ihr erstes Kind waren dort mit dabei; bis ihn ihre volle Hingabe vor allem an die Tiere überfordert zu haben scheint. So wird es auch mit dem zweiten Lebensgefährten gehen, von dem sie einen Sohn hat. 

Rosemarie erzählt, wie sie schon als Kind in einem Stall hinter Vaters Bungalow in Schwabing sich bei den Pferden wohler gefühlt habe als unter den Gören ihres Alters, deren Interessen sie weder teilte noch verstand. Sie ist ein idealistischer Mensch, nie opportunistisch, nie karrieristisch und damit sie mit Arthur den Einödhof finanzieren kann, arbeitet sie frühmorgens bei anderen Bauern im Stall und nachmittags erteilt sie in der Umgebung Musikunterricht. Das fasziniert auch Arthur, wie sie sich von der einen Herausforderung jeweils bei der nächsten erholt. 

Lang lebe die Königin (ARD, Mittwoch, 29. April 2020, 20.15 Uhr)

Seelenwanderung mit Wanderniere

In diesem Film nach dem unglücklichen (höflich ausgedrückt) Drehbuch von Gerlinde Wolf (Sätze: „Ich bin doch Deine Mama. Ich weiß schon, ich weiß schon, ich pack’s jetzt. Ich habs echt satt, hinter deiner Anerkennung herlaufen zu müssen. Du sollst dich nicht länger zum Deppen machen. Als ich zurückkam, war ich plötzlich Luft für dich. Ich bin nicht schwanger. Ich möchte nicht dabei sein, wenn sie im Sarg liegt. Ich will das nicht hören. Wir können nicht mal miteinander reden. Soll das ne Entschuldigung werden?!“ .. und was das Notset für einfallslose Drehbuchautoren noch so parat hat, wenn es darum geht, menschliche Beziehungen zu markieren)

in der nicht minder unglücklichen (ebenfalls äußerst höflich ausgedrückt) Regie von Richard Huber geht Rose (Hannelore Elsner) auf Seelenwanderung. Das muss etwas mit der Wanderniere ihres Sohnes zu tun haben, die sie gerne transplantiert hätte. 

Der Grund für diese Seelenwanderung ist nicht so klar. Es mag an der wie von böser Energie uncharmant gemachten Ausstrahlung ihrer Tochter Nina (Marlene Morreis) und deren immer mit einem Unterton von harter Wut ausgesprochenen Texten oder aber auch an der Tapsigkeit ihres Gatten Werner (Günther Maria Halmer, der so sehr an den Texten des Drehbuches zweifelt, dass er sie überdeutlich ausspricht, als hätte er einen Haufen Schwerhöriger um sich versammelt) liegen oder es war eine Flatulenz der Redakteure Claudia Simionescu vom BR, Christine Strobl von ARD Degeto und Klaus Lintschinger, die versuchten, den Film auf Biegen und Brechen zu Ende zu würgen, trotz des realen Todes ihrer Hauptdarstellerin Hannelore Elsner. Als wollten sie diesen Tod nicht akzeptieren.

So wandert diese Rose plan- und inhaltslos durch die Reinkarnationen als Iris Berben, Eva Mattes, Hannelore Hoger, Gisela Schneeberger, Judy Winter inmitten eines Castes wie aus der Besenkammer und unter einer schauderhaft anbiedernden Sounddusche in Richtung slapstickhaft sein sollender, klamottig-schmierantiger Entsorgung als Asche auf einer Isarbrücke. 

Ein Kultauto hat sich in diesen Film verirrt, was die Differenz zu Kult schmerzhaft bewusst macht, in diesem Film, der mehr als deutlich macht, dass hier mit Zwangsgebührengeldern leichtsinning, gedanken- und verantwortungslos umgegangen worden ist. 

Bizarre öffentlich-rechtliche Trauer als dankbares Sujet für den Karikaturisten: ehemalige, mehr oder weniger trauernde Konkurrentinnen um Ruhm und Rollen reißen sich wie die Aasgeier ein Stück aus dem Rollencorpus der Verblichenen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers

und schon gar keine Erhöhung der nachteilig zu Lasten einkommensschwacher Haushalte erhobenen Rundfunkzwangsgebühr!

Fraueng‘ Schichten (BR, Freitag, 24. April 2020, 22.00 Uhr)

Kabarett sei Manchester-Kapitalismus pur, hat mal ein renommierter bayerischer Kabarettist gesagt: also Abzocken von Leuten. Hier werden diejenigen Menschen abgezockt mit einem Artikel, der in der Alltagshygiene Toilettenpapier genannt wird und in der Psychohygiene genderlastiges Witzekabarett für Menschen, die zur Kompensation ihrer Geschlechterunsicherheit Billig-Witze über Männer und Frauen, Veganer, Botox-, Verhütungsmittel serviert bekommen wollen, eine Frau redet so vom Hund, dass der Zuschauer weiß, sie meint den Mann, der mit dem Schwanz wedelt. 

Primitiver geht es nicht. Pointe-Lacher-Prinzip mit einem gefügigen Publikum, das seinen Verstand und Intellekt an der Garderobe abgegeben hat, weil sie es sonst nicht ertragen würden. 

Diese Art Kabarett, die eine reine Geldschöpfmaschine ist, sollte dafür bezahlen, dass sie im unfair zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten darf; denn diese Auftritte sind nichts als reine Werbung für die Tourneeauftritte der Protagonisten, bei denen der Rubel dann nicht in die öffentlich-rechtliche, sondern in die private Kasse rollt.

Ebenso grotesk wirkt in diesem Zusammenhang die Personality-Werbung mit dem Kabarettisten Ringlstetter, den der BR sich wöchentlich Tausende an Euros Zeitungswerbung kosten lässt und den sie versucht loszuwerden wie sauer Bier – aber der kassiert dann auf Tournee 30, 35 Euro pro Eintritt, kaum zu erwarten, dass er davon etwas an den BR für dessen Personality-Werbung abdrückt. Auch das ist Erz-Manchester-Kapitalismus pur, finanziell massiv unterstützt vom BR und finanziert vom geschröpften Zwangsgebührenzahler. Das stellt die Demokratie auf den Kopf – und damit den demokratischen Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – wenn einkommensschwache Haushalte (von denen es nach der Corona-Krise Millionen mehr geben wird) vom Staat gezwungen werden, mittels Rundfunkzwangsgebühr, solche flankierende Werbemassnahmen für Kabarettmillionäre (und wenn Ringlstetter die Million noch nicht beisammen hat, dann hat er was falsch gemacht) zu finanzieren; denn diese spezielle Werbung ist reine Branding-Werbung, mit der der Kabarettist Geld macht.

Fatalistischer Ansatz der Abreaktionswitze, der garantiert nicht im Sinne einer lebendigen Demokratie ist, eben: Manchester Kapitalismus und der öffentlich-rechtliche Rundfunk stellt sich blinderdings in seinen Dienst. Es geht ums Geldscheffeln mit der Geschlechterunsicherheit von Menschen. 

Es mag einen Markt-Bedarf nach solchen Produkten geben; der Handelsplatz dafür aber ist bittschön die Hygieneabteilung eines Drogeriemarktes; sicher nicht ein Sendegefäss des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, der das Demokratiedenken der Menschen beschwingen und nicht zudeckeln soll. 

Eher sassen keine Frisösen oder Wertstoffsamellstellenmitarbeiterinnen im Publikum. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Getrennt durch Stacheldraht – Jugendjahre im KZ Gusen (ARD, Montag, 20. APRIL 2020, 23.30 UHR)

Dusan und Walter.

Die beiden waren Teens, wohnten wenige Meter von einander in Gusen bei Linz in den späten Zweitweltkriegsjahren. Und der eine hat dem anderen vielleicht, ohne ihn zu kennen ein Geschenk gemacht oder eine Pfahlhütte gebaut.

Der eine, Walter, war der Sohn des „Bestie“ oder „der Teufel von Gusen“ genannten SS-Hauptsturmführers und Lagerkommandanten des KZs, – später von Franz Josef Strauß begnadigt! – wohnte in einem netten Einfamilienhäuschen; der andere, Dusan, der nie den Opferstand für sich reklamierte, war Zwangsarbeiter im KZ, wenige Meter entfernt; er galt als politischer Häftling, weil er im Widerstand in Ljubljana aktiv war. 

Im KZ wurden Steine gebrochen für eine Firma der SS, die prächtig damit verdiente. Ein Menschenleben galt nichts. Die wurden so richtig verheizt mit Akkordvorgaben. Nur wer mehr drauf hatte oder wie Dusan Deutsch konnte wurde bevorzugt behandelt, weil die nicht so leicht zu ersetzen waren. 

Gusen 2 übertraf Gusen 1 noch an Brutalität; hier wurden Stollen in den Berg getrieben und darin Flugzeugrümpfe für Messerschmidt hergestellt. 

Julia und Robert Grantner (Redaktion BR: Andrea Bräu, HR: Sabine Mieder, ORF: Andreas Novak) haben für diese eindrückliche Nazizeitaufarbeitungsdoku die beiden jetzt alten Männer aufgetrieben und befragt. Sie haben Dokumaterial beigefügt (und zeigen nicht wie so gerne in solchen Teilen ständig den bejubelten Führer); darunter auch drastische Erinnerungszeichnungen von Häftlingen. Sie werfen ein pointiert hartes Schlaglicht auf die Zeit.

Die Filmemacher konnten die Männer zu einem Treffen überreden. Prompt bringt Walter Dusan ein Buch über das KZ mit. Das ist ungefähr das, was Dusan nun grad gar nicht will, immer nur davon reden. Er sieht sich nicht als hauptamtliches Opfer, das diese Rolle sein Leben lang weiterspielt. 

Allerdings traut die ARD seinen ach so mündigen Zuschauern diese erstklassige Doku nicht um die Hauptsendezeit zu; so drastisch und hart sollen die Zuschauer nicht an die Gräuel des Zweiten Weltkrieges erinnert werden, schon gar nicht zu Corona-Zeiten; die ARD versteckt das Teil zu nachtschlafener Zeit kurz vor Mitternacht. Geschichtsaufarbeitung scheint nicht zum Hauptaufgabengebiet eines mit Zwangsgeldern finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu gehören; speziell einer Geschichte, die nie vergessen werden darf. 

Fraueng‘ Schichten (BR, Freitag, 17. April, 2020, 22.00 Uhr)

Dimpfeliges Publikumraten

Das Spannendste an dem ansonsten auf niedrigstem Niveau unerträglichen Soll-Lustig-Sein-Abend ist das Erraten des Publikums, das, wenn es im Off zu hören ist, vollkommen überrissen und unnatürlich reagiert, krampfhaft lacht. 

Wenn man all die schicken, bebrillten Frauen sieht, daneben ein paar gemütlichere Männer (die nicht so recht zu wissen scheinen, wie ihnen geschieht), so will man kaum glauben, dass sie Eintrittskarten für so ein Schwachsinnsprogramm mit Derbheitsattitüde und nur den abgelutschtesten und billigsten Mann-Frau-Klischees erworben haben. 

Und wie man dann auch noch Mitwirkende aus den Schwachstrom-Einspielfilmchen entdeckt im Publikum, wird schnell klar, hier hat der BR mühsamst versucht, die Tische im Studio mit eigenem Personal zu füllen. 

Da sitzt doch eine ganze Corona mutmaßlicher BR-Redakteurinnen, bebrillt, eventuell die Sekretärinnen, vielleicht auch noch eine Tante oder eine Oma. Das gibt einem zu denken, dass solche Leute für das Programm eines zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkes zuständig sein sollen, kaum zu glauben und dann noch so begeistert tun vom eigenen Käckerchen. Sie gucken so begeistert, als sähen sie den Kaiser in den berühmten neuen Kleidern – allein es fehlt der Junge, der die Wahrheit sagt.

Es sind dies die Treuhänder des zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, die auf Gunstbasis Rollen und Aufträge vergeben: nicht weil die Akteure hervorragend sind, haben sie hier die Gelegenheit bekommen mit Minderleistungen öffentlich-rechtliche Zwangsgelder abzugreifen; ein Wettbewerb kennt dieses System nicht. Weil sie verbandelt sind, vielleicht auch, weil sie ab und an mal einen Blumenstrauß vorbeibringen oder was unsere Fantasie sonst noch für möglich hält, bekommen sie die Jobs: nicht weil sie die per Wettbewerb ermittelt Besten sind, was inzwischen in jeder Branche in Europa gilt, weil die Jobs ausgeschrieben werden müssen. Hier herrscht noch tiefste Pfründenmentalität. So gräbt der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich mit Wettbewerbsverzicht und einer erzreaktionären Veranstaltung mit BR-Onanie-Applaus (und geprägt vom Minderwertigkeitsgefühl der Frau) sein eigenes Grab. 

Christian Ruditzki und Christian Nöbel (beide Redaktion BR), Thomas Lienenlüke (Redaktion ORF), Julia Lange, Tom Michi, Moses Wolff (Autoren), Leopold Bauer (Regie), Jan Klophaus (Producer), Jochen M. Köstler (Produzent), Annette Siebenbürger (Leitung), Angela Ascher, Johanna Bittenbinder, Maria Peschek, Anna-Minu Rahimi, Sarah Rahimi, Antonia von Romatowski, Stephen Sidkher geben hier ein überzeugendes Votum für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes ab.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Rita Falk – Frau Eberhofer (BR, Montag, 13. April 2020, 22.00 Uhr)

Aus Depression entstanden

ist die zur Zeit wohl berühmteste bayerische Krimifigur, der Dorfpolizist Eberhofer Franz, eine Erfindung der bayerischen Autorin Rita Falk, die hier von Susanne Fiedler unter der Redaktion von Christian Baudissin im Sinne einer Eigen-PR für den BR und für die anstehende Verfilmung von „Hannes“, dem Erstling der Autorin, produziert wurde. 

Hannes ist die Vorstufe zum Eberhofer, hier noch direkt tragisch und ernst, so ist es diesen Lebenslinien zu entnehmen, während das Depressive, das Rita Falk in einer Lebensphase kennenlernte, sich in der Eberhofer-Figur in die komische Variante auswächst und zum Megaerfolg auf dem Buch- und Kinomarkt wird. 

Allein, diese Lebenslinien von Susanne Fiedler zeigen, dass es nichts Langweiligeres gibt als Erfolgsschriftsteller, sie müssen ja vor allem schreiben; Frau Falk darf den Überblick über ihre über 100 Figuren nicht verlieren, jedes Jahr folgt ein neues Buch, eine neue Verfilmung (stefe war immer recht angetan: Leberkäsjunkie, Sauerkrautkoma, Grießnockerlaffäre, Schweinskopf al Dente, Dampfnudelbues). 

Die Qualität einer Autorin liegt im Erfinden und Schreiben ihrer Texte, ihre Wirkung kommt in den Büchern zur Geltung, in den Filmen, da nehmen die Figuren in den Köpfen der Leser und Zuschauer Gestalt und Leben an. Die Autorin verblasst dahinter. 

Klar wird die Autorin durch den Erfolg ins Scheinwerferlicht gezerrt, aber wenn sie ein Buch schreiben würde so langweilig wie diese Lebenslinien, so wäre wohl kaum je etwas von ihr veröffentlicht worden, umso mehr, als gerade die spannenden Ecken, die Absturzzeiten in ihrer Pubertät, nur einmal mit verschwommenen Bewegungsimpressionen angedeutet, sonst aber ausgespart bleiben, ihr Umgang mit Krisen oder wie sie von Oberammergau nach München verpflanzt und immer dünner wird, das wären doch Punkte, wo es anfangen würde, spannend zu werden, wie ein Mensch in Konfliktsituationen reagiert, das ist doch das Aufregende an ihren Krimis, wie Eberhofer reagiert, wenn es irgendwo brennt: für Brände sei er nicht zuständig. Ok, und für spannende Lebenslinien sind es offenbar weder Christian Baudissin noch Susanne Fiedler, sie bekommen ja ihr schönes Gehalt aus dem Zwangsgebührenhaufen, ob sie den Zuschauern nun Spannung oder Ödnis bieten. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Bayern erleben: Die Eismacher aus den Dolomiten (BR, Montag, 13. April 2020, 21.00 Uhr)

Doppelt grotesk

Diese Fernsehdokumentation von Ursula Hochreiter unter der redaktionellen Freigabe von Helga Freund wirkt doppelt grotesk, wenn man sie in der Corona-Quarantäne sichtet. 

Und auch doppelt daneben. Denn vermutlich in etwa zum Zeitpunkt der geplanten Ausstrahlung dieses Gefälligkeits-PR-Filmchens für je ein Eisdiele in Kempten und Landshut mit einem kurzen Werbeeinblender für den Brotzeitteller einer Alpe sollte der Eisbetrieb in den deutschen Eisdielen wieder aufgenommen werden, um Ostern rum dürfte die Winterpause zu Ende sein. Alles wunderbar kalkuliert: ein Werbefilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Saisoneröffnung. Besser geht nicht. Und billiger auch nicht. Der Zwangsgebührenzahler blecht für die Werbung. 

Wenn denn nicht Corona dazwischen gekommen wäre. Das ist als ob eine kompliziert geplante Werbekampagne eine Bauchlandung erleidet. Was nützt die schönste Fernsehwerbung für eine Eisdiele – und über die Grenzen eines reinen Image-Filmes geht dieses „Bayern erleben“-Teil nicht hinaus – wenn die Eisdiele nicht aufmachen darf (oder nur mit Thekenverkauf). Pech gehabt mit der ganzen Trickserei. 

Das ist das eine, was diese Veranstaltung so grotesk macht. Sie wird es aber auch dadurch, dass die Corona-Situation bewirkt, dass man sich vorkommt, als ob man Einblick in eine längst vergangene Zeit bekommt, in eine Zeit, als das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch ein starker Pfründenfunk war; wenn ein Dokumentarist oder eine Dokumentaristin selbst einen von einer dieser Eisdielen kennt, oder jemanden kennt der, und die alle fänden es super, wenn da mal im Fernsehen was gemacht würde darüber – da muss halt dann aus Gründen des Werbeverbotes noch eine zweite Eisdiele rein, eine Zeit, in der solcher Missbrauch des zu Lasten einkommensschwacher Haushalte unfair zwangsfinanzierten Rundfunkes eine totale Selbstverständlichkeit war, eine Zeit, in der dieser Rundfunk zwar eine halbe Milliarde an Zwangsgebühren nicht abruft, aber um eine Erhöhung der ungerechten Haushaltzwangsgebühr bittet und bettelt, eine Zeit, in der auch solche nicht sonderlich begabten Dokus ohne weitere Diskussion gedreht, bezahlt und gesendet wurden – und jetzt zu sehen, wie solche durch die Zeitenläufte brutal ins Leere katapultiert werden, das ist schon sehr, sehr grotesk. 

Denn eine Folge von Corona dürfte durchaus auch sein, dass die Selbstverständlichkeit, mit der dieser luxuriösest und komfortabelst ausgestattete öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr für sich fordert und sich immer bequemer und unter Verweigerung von Wettbewerb in diesem stolzen 9-Milliarden-Zwangsgebühren-Haufen einnistet, keine Selbstverständlichkeit mehr sein wird, dass nicht mehr einfach so Gelder für Dokumentationen locker gemacht werden, die den Begriff nicht wert sind, die schnelle und billige Gefälligkeitsfilme für Geschäfte sind, auch wenn Eis der billigste Luxus ist; aber wenn die ihr Eis mit so viel Süße überdecken würden, wie Ursula Hochreiter die Musikspur ihres nicht sonderlich begabten Bilderverschnittes, so würde sie wohl nicht eine einzige Kugel an den Mann bringen, weder in Landshut noch in Kempten (es ist auch schwach von der vorgeblichen Dokumentaristin, dass sie einen ihrer Protagonisten, wie er die deutsche Wendung für „sich auf den Lorbeeren ausruhen“ sucht, nicht hilft, sondern ihn auflaufen lässt, das macht man einfach nicht). 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Gegen die Strömung (BR, Mittwoch, 8. April, 2020, 22.45 Uhr)

Abtauchen

und Sohn Dyllan allein lassen, das ist das Mutterprinzip von Beth, einer alleinerziehenden Mutter und Extremsportlerin, einer Marathonschwimmerin. 

Beth hat sich Oceans-7 vorgenommen, sieben Meerengen rund um die Welt, die sie in einem Jahr schwimmend queren will. Das kostet Geld, Organisationsaufwand; trotzdem bleibt angenehm, dass kaum je Sponsorikons zu sehen sind. Ist ja auch schwierig bei einer Badehose, die meist im Wasser ist und einem Helm, auf den noch eine GoPro draufgepackt ist. 

Stefan Stuckart hat die Extremsportlerin, die ein paar Tage die Woche als Physiotherapeutin arbeitet, um auch ihren finanziellen Anteil an die sportlichen Ziele beizutragen nebst Sponsoren, bei diesem Rekordversuch rund um die Welt begleitet. 

Die Regel ist, dass sie während so einer Querung, die bis zu 18 oder 19 Stunden dauern kann, weder das Begleitschiff noch das Begleitboot berühren darf, sie darf sich zwar erholen und Nahrung zu sich nehmen, muss aber immer im Wasser bleiben. 

Dramatik liefern nicht nur Meeresströmungen, ein Haifisch oder Tanker, sondern auch der sich vernachlässigt fühlende Sohn, der an der Startrampe zur Pubertät steht und den sie überall hin mitnimmt; aber es scheint, dass ihr die sportlichen Ziele doch wichtiger sind. Der Konflikt wird sich im Laufe des Filmes steigern und eine unerwartete Wendung nehmen. 

Sehr nahe kommt man der Schwimmerin allerdings nicht, was sie antreibt zu diesen Extremleistungen, was sie sich verspricht davon. Von großer PR kann keine Rede sein, meist kommt sie mutterseelenallein am Zielstrand an, vielleicht gerade eine Begleitperson, die sie dort erwartet. Sie schafft es nicht zum Medienereignis. 

Der Film scheint, wie sonst bei Extremsportler-Dokumentationen, auch kein geeignetes Verhikel für die PR zu sein, um die Schwimmerin bekannt zu machen; so dass sie wiederum mit der Bekanntheit ein Geschäft machen kann.

Dagegen erzählt dieser Film ergreifend vom Schicksal einer einsamen Frau mit einem einsamen Sohn. 

Der Islam der Frauen (ARTE, Mittwoch, 1. April, 21.45 Uhr)

Ihr habt auch eine ganze Menge zu tun.

Das ist das Schlusswort in dieser anregenden Dokumentation von Nadja Frenz über islamischen Feminismus, es ist die Meinung einer dieser Aktivistinnen, die sagt, also wenn ich mir diese europäischen Spitzenpolitiker anschaue, dann ist da vielleicht Angela Merkel drunter und vielleicht noch eine einzige andere Frau, alles andere sind Männer, also da habt Ihr doch auch noch eine ganz Menge zu tun. Sie spricht ein wahres Wort aus. 

Vermutlich ist der Feminismus ständiger Kampf, ob bei uns oder im Islam. Demnächst wird eine Dokumentation über feministische Politikerinnen (Die Unbeugsamen, ab 7. Mai im Kino) in Deutschland klar machen, dass die Gleichberechtigung der Frau eher an Terrain verliert. 

Und auch aus dieser Dokumentation ist ersichtlich, dass es in islamischen Ländern schon fortschrittlichere Zeiten gegeben hat, Tunesien unter Bourgiba oder Nasser anfangs in Ägypten wollten modern sein. Es fehlt leider die Türkei, die unter Atatürk einen säkularen Staat entwickelte, viel moderner als heute, wo unter dem Despoten Erdogan wieder ein unterdrückerisches Frauenbild gepflegt wird. 

Nadja Frenz lässt in einem bunten, schnellen Bilderbogen islamische Feministinnen, Wissenschaftlerinnen, Journalistinnen, Performerinnen, Künstlerinnen, Architektinnen, Modistinnen zu Wort kommen, eine Vertreterin einer NGO. 

Der Tenor ist der, dass das Kopftuch im Islam eindeutig das Symbol für die Unterdrückung der Frau sei, vor allem im aktuellen politischen Islam ist und dass diese Unterdrückung aus dem Koran nicht ablesbar ist. Das versuchen islamische Feministinnen mit wissenschaftlichen Mitteln und genauen Textstudien zu klären, auch dass die Scharia in vielen Dingen mit dem Islam nichts zu tun habe. 

Es gibt auch den Hinweis auf den Satz von der Frau als einer Rippe des Mannes, der allen monotheistischen Religionen gemeinsam sei, der aber genauerer Überprüfung nicht standhält. 

Es ist ein schillerndes Kaleidoskop an Statements von sehr gebildeten, aktiven, reflektierten Frauen, was den Geist des Zuschauers zu dem Thema, was auch bei uns längst nicht erledigt ist, zum Nachdenken anregt. 

In Corona-Zeiten von Home-Office- und Öffentlichkeitsflucht ins Private, kann man ja ruhig auch mal fernschauen, wenn was Anregendes kommt. 

Dass sich auch aus den Schriften des Islam sehr wohl ein Recht auf Selbstbestimmung der Frau ablesen lässt, ist eines der starken Argumente dieses Filmes. 

Eine Ikone für den islamistischen Feminismus sei übrigens just die Frau des Propheten Mohammeds, die eine erfolgreiche, selbstständige Unternehmerin war und sich ihren Mann geangelt hat: Khaddischa.