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Geliefert (ARD, Mittwoch, 13. Oktober 2021, 20.15 Uhr)

Herrn Mädels Wadentraining

Jetzt haben wir den luxuriösest ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Welt, dem eben vom Bundesverfassungsgericht eine Erhöhung des unfairen Rundfunkhaushaltbeitrages gestattet worden ist, wodurch dessen Finanzierung sozial noch unausgewogener wird, und dann gebiert diese Matrone unter den Treuhänderinnnen Anke Ferlemann und Monika Lobkowicz einen so schwachen Film über prekäre Verhältnisse, offenbar für ahnungslose Zwangsgebührenzahler, als hätten die beiden Redakteurinnen noch nie ewas von einem Ken Loach gehört.

Dabei hat das Bundesverfassungsgericht dem Rundfunk die volle Unabhängigkeit als Begründung für die Preiserhöhung zugesprochen und garantiert keine Provinzialität vorgeschrieben. Als gäbe es nicht den Film Sorry, we missed you von Loach, wo es um haargenau dasselbe Thema geht; aber hier im vorliegenden Film ist nicht mal die Art des Vertrages spezifiziert; ungenaue Drehbucharbeit.

Unter welchem Druck so ein Paketauslieferer steht, kommt bei Loach brillant zur Geltung und das ganze soziale Umfeld und die rechtliche Situation. Dort geht es dezidiert um Scheinselbständigkeit.; das fasziniert und wird prima nachvollziehbar dank exzellent recherchierter und konkret-präziser Drehbucharbeit. Hier in good old Germany schreibt ein Jan Fehse das Buch, führt auch noch die Regie, als hätte er nie im Leben einen wahren Menschen und schon gar nicht einen Paketauslieferer beobachtet; es geht beim deutschen Luxusfernsehen nur so pauschal um ausbeuterischen Stress.

Bjarne Mädel, der ihn spielt, keucht auch noch nach einem Jahr, so lange soll er den Job schon machen, übermäßig, wenn er die Treppen mit überschweren Paketen rauf und oft auch wieder runtersteigt. Das scheint das einzig belastbare Produkt dieser Dreharbeiten zu sein, dass die Waderl von Mädel zugelegt haben dürften.

So wie Mädel die Rolle anlegt, wäre er – bei Loach zumindest – schon nach zwei Tagen seinen Job losgeworden. Stattdessen triefen er und der Film schmalzig vor lauter Sozio-Melodram.

Zehn Minuten vor Schluss werden alle Darsteller melancholisch und der Protagonist, der eine eindeutige Fehlbesetzung ist – aber das sehen die Mädels von der Redaktion natürlich anders – bekennt weinend, dass er gestohlen habe; „Ich habe Geld gestohlen.- Ich trau mir selbst nicht mehr“. Vielleicht ist er einfach zu dumm für den Job.

Da Mädel finanziell in der Klemme steckt, lässt er sich von einem Kollegen überreden, parallel zum Ausliefern der Pakete noch Rauchmelder zu installieren – ein theoretisches Konstrukt zum Haarölsaufen. Da wechselt er dann noch ständig die Arbeitsjacken. Und hat offenbar keine Ahnung, dass seine Fahrten getrackt werden. Als ob die Firma ihm das nicht gesagt hätte, damit er Bescheid weiß, dass er kontrolliert wird.

Höflichkeitshalber wollen wir die Namen der übrigen Darsteller nicht erwähnen, um ihnen die Peinlichkeit zu ersparen, in so einem weltfremden, schlecht gearbeiteten Film mitgespielt zu haben.

Es gibt noch eine Conny. Die ist Polizistin. Es wird unklar, in welcher Beziehung sie zum Protagonisten steht. Einmal gehen sie gemeinsam an ein Grab und Mädel sagt bedröppelt „Es ging so schnell, kein halbes Jahr nach der Diagnose“.

Der Film wirkt wie das Produkt eines Wochenend-Drehbuchworkshops für Laien. Der Protagonist kommentiert gerne die Situationen mit Mund- und Schluckbewegungen. Er ist in Finanznöten nach der Trennung von seiner Frau. Er lebt mit dem Sohn, der gerade 16 sei, zusammen. Dieser hat Probleme in der Schule.

Der Protagonist ist ein Paketausträger, der ein persönliches Verhältniss zu einer alten Frau entwickelt – wenn der Paketbote zweimal klingelt -, er repariert Schäden bei den Sicherungen, macht die alte Frau, die nicht mehr gut hört, darauf aufmerksam, dass sie nicht den Föhn im Bad laufen lassen soll, wenn sie noch ein anderes elektrisches Gerät benutzt, irgend so halt.

Mädel kommt zur Erkenntnis, dass alleinerziehender Vater und Gepäckbote nicht zusammenpasse. Sohn will auf Klassenfahrt nach Mallorca. Aber Papa hat das Geld nicht. Dann spielt er eine miserable Fuß-Verstauch-Szene, worauf er im Krankenhaus landet. Daraus entwickelt Fehse den Handlungsbogen, dass Mädel gekündigt wird und eine gute Seele meint zu ihm, er solle sich dagegen wehren. Der Anwalt einer Gewerkschaft berät ihn und schickt der Paketfirma den Zoll auf den Hals.

Man kann sich nur an den Kopf langen, jetzt haben die beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk so viele Milliarden und schaffen nur so ein unsolide gearbeitetes, teils schlecht gespieltes und kaum durchdachtes Werkchen und senden das auch noch zur Hauptsendezeit.

Es darf gewettet werden, wieviele Paketzusteller überhaupt zuschauen, oft sind die nämlich um die Zeit noch unterwegs, und ob es dann auch nur einen gibt, der sich deshalb gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen wehrt.

Die Begründung für den Job liefert Mädel so: „ Da ich als Briefträger für die Post gearbeitet hab, hab ich gedacht, Paketdienst wäre ne gute Idee“. Er ist ein Gutmensch ohne Grenzen, er kümmert sich nach dem Tod der alten Frau um deren Katze, klaut ihr aber auch Bargeld und bestattet die Urne höchstpersönlich im Grab des ihr vorangegangenen Gatten. Was ist das für ein Kitschmenschenbild, was Ferlemann und Lobkowicz hier dem bemitleidenswerten Zwangszuschauer unterjubeln wollen.

Mädel übt auch Krankenhauskritik: „Und Ihr glaubt wirklich, dass man bei dem Essen wieder gesund werden kann?“.

Es kommen einem berechtigte Zweifel ob die Damen Ferlemann und Lobkowicz das ihnen vorgelegte Drehbuch überhaupt gelesen haben. Glauben die Damen nicht, dass es auch intelligente Leute unter den Zuschauern gibt?

Irgendwie muss der Brei zu einem glücklichen Ende zusammengemantscht werden. Merke: „Und wenn du stiehlst, verlierst du am Ende nur den Glauben an Dich selbst – Die Waschmaschine ist auch kaputt“.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

3 Frauen 1 Auto (BR, Crossmediale Serie, Montag, 27. September 2021, 00 Uhr)

Hin- und Rückfahrt, Hin- und Rückfahrt, Titel, Titel, Titel

Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes

Das Bundesverfassungsgericht hat die Erhöhung des Rundfunkzwangsbeitrages, wenn ich das richtig verstanden habe, mit dem schlagenden Argument begründet: es müsse seine Unabhängigkeit auf jeden Fall gewahrt bleiben. Deshalb müssen wir jetzt noch mehr bezahlen, deshalb wird die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes noch unfairer zu Lasten der einkommensschwachen Haushalte erhoben, um den über 8-Milliarden-Kuchen zusammenzubringen.

Ein Stück davon schneiden sich hier (kapitalistische) Kabarettistinnen ab in der Regie von Güzin Kar nach dem Drehbuch von Thomas Lienenlüke und Bern Maile. Diese Kabarettistinnen dürften sich in jenen Einkommensklassen bewegen, die sich relativ besehen kaum an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes beteiligen. Umso flotter schneiden sie sich hier ein Stück von diesem Kuchen ab, indem sie schwache Texte der Drehbuchautoren in endloser Monotonie einen Satz nach dem anderen abliefern. Schön auswendig gelernt. Dabei werden sie in einem Auto in ewig gleicher Sitzordnung abgefilmt. Das Auto ist mit Kameras verwanzt. Es fährt verrückte Strecken, die einen schwindlig werden lassen: in der Sicht voraus sind die Pappeln der Leopoldstraße und das Siegestor zu sehen, während gleichzeitig in der Sicht nach hinten garantiert keine Pappeln zu sehen sind.

Bei der Ödheit von Inszenierung und Text faszinieren sowieso die Spiegelungen auf der Windschutzscheibe am meisten; da kann man sich ein herausforderndes Rätsel daraus machen, wo das Auto gerade ist, was da alles an einem vorbeizieht, während die Damen innen sich am Gebührenkuchen satt schnabulieren.

Der Rundfunk soll unabhängig sein. Das interpretiert Redakteur Elmar Jaeger so: unabhängig von Geist, Witz, Esprit, Temperament, Pfiff, Tempo, von politischer Bissigkeit, unabhängig von freiem Denken, unabhängig von genauer Beobachtung.

Unabhängig von Logik und Story heißt, von den Maoris über das Sauerkraut, den Führerschein und Staubsauger zu plappern. Heißt: unabhängig von jedwedem Qualitätsanspruch mit Sätzen wie „Inner Boazn do wird man unter zwei Promille überhaupt nicht ernst genommen“ oder „Aber in Garching mehet i nicht mal tod übern Gartenzaun hängen.“ bis zum sexistischen „Nenne mir einen einzelnen alten Mann ohne Hintergedanken.“ Blüten geistiger Unabhängigkeit. Das Bundesverfssungsgericht dürfte begeistert sein von so grenzenloser Unabhängigkeit.

Zwischen dem immer wieder arrogant auftrumpfenden Titelverhau tut eine Frau so, als ob sie autofahre. Laue Kabarettistinnen-Sauce ohne Händchen inszeniert. Und bevor eine Pointe kommt, lustigt sich schon der Abspann mit den fett geschriebenen Namen – man darf ja die PR fürs private Geschäft nicht vergessen.

Unabhängigkeit allenfalls misinterpretiert als ein abhängiges Schielen auf Quote. Und aus der Staatskanzlei, da dürfte doch etwas kecker berichtet werden. Aber das ist so mau wie abgestandene Suppe ohne Salz. Harmlos-Hausfrauen-Kabarett kapitalistischer Frauen ohne Würze. Kurz: Unabhängigkeit interpretiert als die Unabhängigkeit zum geistigen Schwachstrom. Unabhängig, das heißt inzwischen wohl auch: auf allen Kanälen dieselbe ungenießbare, laue Sauce, crossmedial. Unabhängigkeit, die die Abhängigkeit moderner Frauen demonstriert.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Verlorene Seelen – Die Kinder des IS (BR, Mittwoch, 8. September 2021, 22.45 Uhr)

55 Minuten Horror-Sensations-Footage

Misshandlungen, Heckenschützen, Leichen, brennende Ölquellen, Qualm, Ruinen, Kinder, die aussehen wie alte Männer, Geständnisse, Horrorberichte, was Kinder alles haben mitansehen müssen, Schießereien, ein Zehnjähriger, der sich als Märtyrer in zwei Teile sprengt, Tote auf Straßen, unkenntlich gemachte Zeugen und Opfer, IS-Propagandafilm, Flüchtlingselend, Schläferzellen, Selbstmordattentat zwischen Panzern, Gerangel um Essenspakete, Triumph bei Eroberung Mossuls, kranke, verkrüppelte Menschen, Isolation im IS-Lager, nur noch Kinder, Frauen, Witwen, die mies von den IS-Leute behandelt werden, Horror aus Kindermund, Mord- und Rachegedanken Zehnjähriger.

Ideologien können nur mit Ideologien bekämpft werden, heißt es.

Als öffentlich-rechtlicher Sender, der gerade vom Bundesverfassungsgericht die Unabhängigkeit attestiert bekommen hat im Rahmen der Klage zur Durchsetzung der Zwangsgebührenerhöhung, könnte der BR diese Unabhängigkeit nutzen, um zu so einem Horror-Footage-Streifen Umgebungsarbeit zu leisten.

Man könnte fragen, wie es überhaupt zu diesem IS-Staat kam und was das mit dem Irak-Krieg zu tun hat. Und wie es zum Irak-Krieg kam. Und da muss die Frage schnell nach Deutschland zurückgeführt werden; eine vornehme Aufgabe für einen unbedingt unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da müsste der BR auf den Film CURVEBALL (der morgen ins Kino kommt) verweisen und darauf, dass bis jetzt wohl noch keiner der darin namentlich erwähnten Politiker öffentlich Widerspruch gegen den Film erhoben habe. Die Spur führt bis ins höchste Amt des Landes.

Die weltöffentliche Begründung für den Start des Irakkrieges durch die Amis beruhte auf einem Beweis auf einem Blatt Papier, das der damalige US-Außenminister Powell vor der UNO-Vollversammlung präsentierte und damit den Eintritt in den Krieg rechtfertigte. Das Papier war vom deutschen Geheimdienst beschafft worden. Zu dem Zeitpunkt wussten aber der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der deutsche Außenminister Fischer, der in der UN-Vollversammlung anwesend war, sowie Kanzleramtsschef Frank Walter Steinmeier bereits, dass der Beweis ein Fake war von einem Iraker, der in Deutschland Asyl suchte.

Alle drei Herren schwiegen zu der TV-wirksamen Begründung für den Irakkrieg, obwohl sie es besser wussten. Hätte einer von ihnen den Mut gehabt, die Amis vor der UN-Vollversammlung davon in Kenntnis zu setzen, wäre der Irak-Krieg womöglich nicht begonnen worden mit all den grauenhaften Folgen bis hin zum IS, wie hier in vielen Gräuelvarianten gezeigt und erzählt.

Konkret an die zuständigen Redakteure des unabhängigen BR, Frau Sonja Scheider, Herr Matthias Leybrand und Herr Carlos Gerstenbauer: woran liegt es, dass es zu so einer kleinen Umgebungsarbeit, die demokratisch sinn- und wertvoll wäre bei einem vollkommen unabhängigen Sender nicht kommt, warum nur à la Bildzeitung die Sensation fett bringen? Meine Damen und meine Herren, Sie sind unabhängig, das hat der Bundesverfassungsgericht unmissverständlich festgestellt und deshalb der Erhöhung des Zwangsbeitrages zugestimmt. Nutzen Sie diese Unabhängigkeit demokratieselbstkritisch! Nutzen Sie sie, denn das ist die vornehmste Aufgabe Ihres Arbeitgebers und damit von Ihnen!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht (ARD, Sonntag, 5. September 2021, 20.15 Uhr)

Selbsttäuschung und Systemversagen.

Die Geschichte um diesen Polizeiruf herum ist garantiert lustiger, komischer, absurder oder vielleicht auch nur seldwylahafter als der Polizeiruf selbst. Es ist eine Geschichte von Abhängigkeit, Selbsttäuschung und Selbstvorgemache.

Vorab: das sei jedem Filmfeuilletonchef einer großen Tageszeitung unbenommen, in der Freizeit gegen gutes Zwangsgebührengeld ein Drehbuch für einen Tatort oder einen Polizeiruf des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes zu schreiben.

ABER: es gibt Abhängigkeiten. Der Autor dieses BR-Polizeirufes in der Regie von Dominik Graf ist Tobias Kniebe, seines Zeichens Chef des Filmfeuilletons der SZ. Den Zeitungen geht es nicht gut. Die SZ hängt am Tropf des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, welcher täglich Annoncen bei ihr schaltet. Andererseits ist die SZ nach wie vor eine wichtige überregionale Tageszeitung. Sie kann durchaus zur Meinungsbildung beitragen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dagegen kämpft auf seine Art mit Überlebens- und Imageproblemen: trotz über 9 Milliarden-Budget und trotz lädierten Rufes muss er auch noch sparen – und kann es nur auf Kosten der Qualität. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit ist nicht das beste. Dieses wiederum macht es für die Politik zusehends schwieriger, Erhöhungen der Haushaltszwangsgebühr durchzusetzen. Wenn also die SZ günstig über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk berichtet, so nützt es dessen Ansehen, kann es einer der Punkte sein, die der Politik Erhöhungen der Zwangsgebühr leichter machen. Es ist in diesem besonderen Fall nicht zu erwarten, dass die SZ kritisch über den hier zu besprechenden Polizeiruf schreibt (sie findet ihn vorbehaltlos spannend auf der Medienseite der Wochenendausgabe). Man will ja einen eigenen Mitarbeiter nicht in einer anderen Funktion desavouieren.

Die SZ hat vorgebaut. Schon vor Wochen durfte der renommierte Fritz Göttler im Porträt auf Seite vier der SZ Dominik Graf ein Kränzchen winden, als sei dieser in etwa der größte lebende Regisseur Deutschlands; Göttler erledigte die heikle Aufgabe souverän aus dem Handgelenk. Und Grafs Boutiquenarbeit FABIAN – ODER DER GANG VOR DIE HUNDE wurde beim Kinostart gar fett als Meisterwerk des Kinos apostrophiert. Wobei Graf bestimmte Qualitäten als Regisseur nicht abzusprechen sind, der gute Geschmack, die Vorliebe für das Giallohafte, das ausgereift Kunstgewerbliche, auch die pflegliche Behandlung der Schauspieler.

Das ist jedoch auch der Punkt, wo das Seldwylahafte greift: also wie toll die verantwortlichen Redakteure Claudia Simionescu und Tobias Schulze es gefunden haben werden, dass Tobias Kniebe, der als Zeitungsmensch für sie eminente Bedeutung hat, wenn er, resp. seine Zeitung, ihre Arbeit loben, dass der jetzt für den von dessen Zeitung in den Himmel gehobenen Regisseur Dominik Graf ein Drehbuch schreibt; das dürfte zu einer Selbsttäuschung im Sinne einer Begeisterung führen, die nicht unbedingt durch Fakten gedeckt ist.

Kniebe hatte als Grundlage für sein Drehbuch „Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden“ von Josef Willing. In dem Fall geht es um ein einziges Verhör eines zweimal des Mordes Verdächtigten (Thomas Schubert). Das ist mutig, sich für ein Verhör als Tatortgeschichte zu entscheiden; denn das kann hier sicher nicht so gebracht werden, wie Romuald Karmakar vor 25 Jahren Götz George den Totmacher hat spielen lassen.

So geht es jedenfalls nicht. Deswegen hat Dominik Graf auch fleissig und gewohnt gediegen in typischer Fernsehschnappatmung nicht nur im Verhörraum und dem dazu gehörenden Überwachungsraum gedreht, sondern auch zu Außenlocations und Rückblenden gegriffen.

Der Verdächtige ist ein überdrehtes, intellektuelles Schwatzmaul, fühlt sich den Interviewern überlegen. So eine Figur hat den Nachteil, dass dadurch Geschwätzigkeit statt Handlung dominieren. Den Zuschauer mit Geschwätz bei der Stange zu halten, dürfte nicht unbedingt leicht sein.

Es gibt die eine kleine Geschichte innerhalb des Verhörs, die trägt, ist übersichtlich und gut nachvollziehbar, die Szene mit dem Kriminalbeamten, der tätlich gegen den Verdächtigen vorgeht und die Folgen davon. Das ist eine der Sequenzen, in der weder erklärt, noch erörtert, noch eine Handlung erzählt wird, ist eine der Sequenzen, die einen kinematographisch schlüssigen Drive haben. Was vom übrigen Polizeiruf hier wenig behauptet werden kann.

Der Film beginnt mit einem Jubelbilderbogen auf die Isar und das Menschenglück in München. Frauenstimme mit Glücksvergleich, die auch mal so begehrt und strahlend sein möchte. Anmachthema wie im Studentenfilm. Domingrafgeschmackssicher. Graf perfektioniert das Kunstgewerbliche, montiert schneller, eleganter, kühner. Ellenlang wird das Anrecht auf individuelles Glück phrasenreich erklärt. In einem Kino, das an die Kraft der Bilder glaubt, könnte man diesen Info-Gehalt in 30 Sekunden zeigen und ganz ohne Statements.

Es gibt mehr Einwände, überflüssige Szenen, die keinesfalls hilfreich sind, tiefer in die Psyche des vermuteten Täters heineinzuschauen.

Es ergibt wenig Plausibilität, dass gezeigt wird, wie ein Exkommissar (Michael Roll) extra per Helikopter eingeflogen hier landet. Diese Bilderstrecke ist biederer Durchschnitt und trägt weder zur Charakterisierung der Figur noch zum Inhalt des Filmes bei und noch weniger zur Beleuchtung des Tatverdächtigen; sie wirkt wie Zeit schinden in einem dünnen Drehbuch. Wobei vom Drehbuch her klar ist, was für ein Typ das sein könnte (Kniebe dürfte einige Filme mit solchen Figuren gesehen haben); gegenüber dieser filmgeschichtlich fundierten Rollenidee scheint Michael Roll eine Fehlbesetzung, er wirkt für die Texte, die er sagt, nicht souverän genug.

Ähnlich ergeht es mir mit Verena Altenberg, der Kommissarin. Wenn ich zurückdenke an die flirrenden Szenen zwischen ihr und Ilse Neubauer in Frau Schrödingers Katze. Jetzt wirkt sie angestrengt, wenn sie die verünftelnden Drehbuchtexte abliefert, besonders mit Michael Roll, da spielt sie wie gegen eine Wand. Aber die Casterin An Dorthe Braker wird der Produktion vorgegaukelt haben, es handle sich um die best mögliche Besetzung im Subventionstümpel; es ist nicht zu erwarten, dass es einen Wettbewerb um die Rolle gegeben hat; somit ist die Gunstvermutung nicht neutralisiert.

Es gibt einen ziemlich platten und vor allem wenig nachvollziehbaren „Einfall“ des Drehbuches. Mitten in der nächtlichen Verhandlung stört durchdringender Bohrlärm das Verhör. Ein durchgeknallter Hausmeister? Das zu klären gehen Minuten TV-Zeit drauf, die außer allgemeingültigen Banalitäten (dass Lärm stören kann) grad gar nichts zum Sachverhalt des Verhörs beitragen, nichts zu einem allfälligen Täterverständnis. Auch hier wird Sendezeit ohne Gegenwert vertan; Zeit, die der Genauigkeit der Analyse des Falles abhanden kommt.

Wie wär es, Romuald Karmakar einen Tatort drehen zu lassen?

Drehbuch: eine Aneinanderreihung wenig belastbarer Werweißereien. Es wird nur darüber geredet, nur erzählt und von Dominik Graf nett und abwechslungsreich illustriert. Schwerfälliger Diskurs der Kommissare über Fortführung der Befragung. Diese wirkt erfunden. ein unharmonischer Cast, ein hackeliger Cast.

Ein Drehbuch, das seine eigene Idee brillant findet, den pensionierten Kommissar zurückzuholen. Sprachlich kein Münchner Cachet. Und dann die Standardfrage in der darniederliegenden deutschen Drehbuchkultur: „Was ist hier los?“, die einen zuverlässigen Hinweis auf ein notleidendes Drehbuch liefert.

Wobei auch Tobias Kniebe, so ist zu vermuten, sich bezüglich seines Einkommens weit unterproportional an der Finanzierung des demokratischen Gemeinschaftswerkes öffentlich-rechtlicher Rundfunk beteiligt, absolut legal dank der Haushaltzwangsgebühr.

„Wir brauchen jetzt alle an Bord“. „Absolut“. „Keine Frage“. … abgedroschene Füll-Sätze. „Wir brauchen jetzt hier vollen Einsatz!“ – eine Phrase, die weder eine Figur charakterisiert noch Münchner Kolorit in den Film bringt noch für Handlung oder Spannung förderlich ist.

Raumumzug mit zu viel Floskel-Text, langatmig, zu brav runtergespult.

Witzlos der Dialog zwischen Eyckhoff und Murnau, so überernst, so eindimensional. Hier sprüht gar nix, wenn man daran denkt, wie die Szene zwischen ihr und Ilse Neubauer gefunkelt hat.

Künstlerisch angedachte Mehrtonmusik.
Wenn schon ein Schuh aus der Medikamentensuche gemacht wird, dann bittschön richtig schräg. So ist das nur öd.

„Aber der Versuch war trotzdem wichtig“.

Einmal mehr beweist dieser Film, dass Drehbuchschreiben kein Spaziergang ist. Nach einer Stunde hat man das Gefühl, es waren gefühlte drei.

„Ergreif doch die Chance, ergreife sie jetzt, jetzt“. Das sind Sätze, die passen nicht zu Verena Altenberger, sie fasziniert dadurch, dass sie eben nicht der vernünftelnde Normalo ist. Zu ihrem zupackend-pragmatischen Typ passen Bauchgefühl, Herz, gesunder Menschenverstand und nicht Vernünftelei.

Der 12-Uhr-Schlag ist der Punkt, der zehn Minuten vor Schluss noch eine Hektik auslösen soll im Polizeiruf, dann rasen gerne alle los, tatütata. Stattdessen kommt hier eine nicht allzu überzeugende Lösung des Falles. Es sei dem Polizeiruf-Team unbenommen, zu feiern. Sie haben in einer knapp bemessenen Drehzeit 90 Minuten bewegtes Bild zustande gebracht, das am Sonntagabend über die Bildschirme flimmert.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Mein Fritz – Ein persönlicher Blick auf Fritz Wepper (BR, Montag, 16. August 2021, 22.00 Uhr).

Der arme Hund Anton ist gestorben, 

dies ist eine Info aus dem Abspann. Anton ist der Film gewidmet. Anton war der Hund von Fritz Wepper. Eine Schauspieler-Hommage für einen Hund.

Schauspieler sind arme Hunde, so könnte man das interpretieren und Fritz Wepper unternimmt nichts in seinen Äußerungen, was das Gegenteil beweisen würden. Schließlich sind Schauspieler weisungsgebunden, „Sitz!“, „Der Wagen steht bereit.“.

Schauspieler sagen immer die Sätze anderer. Sie brauchen sich auf Serienrollen nicht groß vorbereiten, das macht der Film von Susanne Kellermann deutlich, es reicht, die paar Sätze auf der Fahrt zum Set, in der Maske und dann vielleicht noch in einer Drehpause zu lernen.

Fritz Wepper ist kein gequält-leidender Schauspieler. Fritz Wepper ist ein erfolgreicher TV-Seriendarsteller, also finanziell vermutlich keine arme Sau, aber seine große Zeit war mit Liza Minnelli nach seinem Debüt in dem damls heftig diskutierten Film ‚Sauerbrauch, das war mein Leben‘. Lang, lang ist’s her, viel länger als ein Hundeleben. Der Rest war Fließband-Serienarbeit.

Es ist ein privatistisches Poesiealbum, was die Gattin von Fritz Wepper hier sich vom BR bezahlen hat lassen. Sie inszeniert ihre Ehe anfangs des Filmes mit dem Satz, dass sie und ihr Ehemann sich spiegeln. Schön für beide. Ist das die Wahrheit? Diese Frage wird nicht gestellt. Es ist ein Film voller Eitelkeit, der vor Egomanie nur so strotzt. Eine Ehegattenapotheose, die sich erlaubt, Werbeplatz für je ein Luxushotel in Italien und im bayerischen Alpenvorland in den Film einzubauen. Die Hotels werden es den beiden danken, die wissen um den PR-Wert (den Zwangsgebührenzahler, der sich die neuerdings Euro 18.36 monatlich vom geringen Haushaltseinkommen absparen muss, wird das weniger begeistern; für ihn kommen solche Luxusherbergen nicht in Betracht).

Herr Carlos Gerstenhauer wird vom BR als „Kontakt“ angegeben. Er wird dem Publikum bestimmt erklären können, wie so eine Sendung in Zusammenhang zu bringen ist mit der unbedingten Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, die das Bundesverfassungsgericht als Begründung für die Durchsetzung der Gebührenerhöhung anführt.

Vielleicht wäre eine der Antworten des Herrn Gerstenhauer, genau damit beweise er unbedingte Unabhängigkeit, indem er entscheide, für welches Luxushotel in der Sendung Werbung gemacht werden darf (und das gehe keinen Menschen etwas an, falls er dort auch verkehre und besonders nett behandelt werde, weil er ein BR-Funktionär sei, der Unabhängigkeit beweist).

Was würde Herr Gerstenhauer zu folgendem Einwand meinen? Hier ist doch gar nichts unabhängig, das ist nur schleimige PR für einen Seriendarsteller des BR, für einen, der seinen Text in der Maske lernt. Nähkästchenbericht der klebrigen Art. Das soll die Zwangsgebühr wert sein, so eine Schleimspur-Doku, Spötter würden sagen: aus Darmstadt, ja, das würden Hinterdenkulissen-Leute zu fortgeschrittener Stunde darüber ätzen. 80 Millionen Deutsche interessieren sich bestimmt und brennend für Details der Geburt von Fritz Wepper. Billige Selbstberieselungs-PR des BR.

Das könnte man hinzufügen: Fritz Wepper ist einer, der sich ein sehr schönes Stück vom 9-Milliarden-Zwangsgebührenkuchen abschneidet, sich selber aber dank dieses Geldes weit unterproportional an der Finanzierung des demokratischen Gemeinschaftswerkes öffentlich-rechtlicher Rundfunk beteiligt.

Und wen (selbstverständlich professionell auswendig gelernt) Allgemeinplatz-Weisheitssätze von Fritz Wepper interessieren, der muss bis zum bitteren Ende, kurz vor der Widmung für den Hund, durchhalten. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Drunter und Drüber (BR, Mittwoch, 21. Juli 2021, 22.45 Uhr)

Text- und Bildberieselung

Programmfüller, damit was rieselt über den Bildschirm, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen vermeintlichen Auftrag wahrnimmt; doch, was ist dieser Auftrag? Das ist unklarer denn je.

Ob so eine unverbindliche Blabla- und Bildermixsendung zum Thema Verdichtung und Aufstockung der aus den Nähten platzenden City damit gemeint ist? Ein bisschen reingucken in Luxuslofts? „Beispielhaft gelungen, … Fragen zu lösen. .. wie genial, einfach und schön, Aufstockung sein kann…“. 

Die Sendung wirkt umso deplazierter, als zur Zeit gerade in München eine Diskussion um Verdichtung am Hochkochen ist mit den Plänen für zwei massive Hochhausklötze neben der Paketposthalle, die anderthalb mal so hoch werden sollen wie die Türme der Frauenkirche; in München immerhin ein sensibles Thema, während sich andere Städte offenbar ohne Diskussion immer mehr verdichten lassen. 

Wobei die Bilder in dieser Dokumentation von Birgit Eckelt, Frieder Käsmann und Sabine Reeh wenig aussagekräftig sind, wenig hilfreich für das Vorstellungsvermögen. Hier wären Drohnen oft sinnvoll gewesen. 

Gegen den Luxuseinwand wird noch ein Gegenbeispiel mit sozialem Wohnraum hervorgekramt. 

Noch absurder wirkt es, so eine Sendung nach Corona ins Programm zu nehmen, da ja Verdichtung auch ein Beschleuniger für Corona bedeutet. 

Das ist eine Sendung, die nicht das Thema grundsätzlich befragt, sondern wie in einer Architekturzeitschrift beliebig zusammengesuchte Beispiele bringt, alles andere als zwingend ist für einen Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen zwangsfinanzierten Rundfunk. Dieser könnte es sich leisten und sollte es auch, wenn schon so ein Thema, dann bitte grundsätzlich und im Hinblick auf die Demokratie behandeln. Aber hier gibt es nur Lob für die Verdichtung an sich. 

Hier wird man pausenlos einschläfernd zugetextet. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Fraueng’schichten – Flirten für Anfänger (BR, Freitag, 16. Juli 2021, 22.05 Uhr)

Wühlen im Kabarettmüll zwengs Recycling

oder: Witze mit Krampfadern. 

Derbheit und Plumpheit als öffentlich-rechtliche TV-Qualität.

Auf jedes Witzfürzchen Gegröle; je schwächer die Performance von Angela Ascher, desto mehr hauen die Tontechniker auf den Applauskonservenknopf. Das Studio-Publikum scheint urteilsschwach und applaudiert wie zwanghaft und energielos. 

Die Automatenszene: bemüht und dümmlich, so dumm sind bayerische Landbewohner nie gewesen; zwangsbemühte Lustigkeit, ob die das Publikum vorher mit einem Rauschmittel abgefüllt haben? Und immer die Bauerntheaterdeppen, aber die Bayern mögen es wohl, als Deppen dargestellt zu werden. Und applaudieren total aus dem Häuschen; also, das heißt, die Tontechniker stellen das Publikum so dumm dar, indem sie ihm einen Applaus draufdonnern, wozu es physisch gar nicht in der Lage scheint; die Chosen-Sauce kommt offenbar doch nicht so an, wie von den Redaktionsgöttern gewünscht.

Bayerische Klischeewurst mit künstlichem Applaus, wie mit Botex aufgedonnert. 

Frau Ascher soll ruhig ihr kapitalistisches Witzchen-Geschäft betreiben; nichts dagegen, aber wenn sie im öffentlich-rechtlichen, zwangsfinanzierten Fernsehen auftreten will, dann soll sie bittschön dafür blechen, ist ja ein Werbemedium; eine halbe Stunde Werbezeit. Sie wäre eine echt coole Sau, wie sie es nennen würde, wenn sie das täte und wenn der BR es von ihr verlangen würde, dann wäre der eine ebenso coole Sau, um auf dem Niveau von Frau Ascher zu bleiben. 

Dass der BR solchen Schwachstrom sendet, lässt vermuten, dass er in Bayern einen sehr niedrigen Bildungsstand voraussetzt. BR macht mit anbiedernder Witzesendung, immer am Rande des sexistischen und rassisstischen Sumpfes, auf Mängel beim Bildungsstand in Bayern aufmerksam, Herr Minister Piazzolo Sie sind gefragt!

Oder man könnte den viel zu stark draufgehauenen Applaus so interpretieren, dass die Sendung doch nicht so ankommt, wie von den Zwangsgebührentreuhändern kalkuliert, als Hinweis darauf interpretieren, dass die Bayern nicht so dümmlich sind, wie von der BR-Redaktion angenommen und dass sie sich so einen abgedroschenen Schmarren gar nicht anschauen. 

Der indisch denunzierte Pfarrer wird von mal zu mal dümmer – und fetter. Hier muss der Ton noch mehr Applaus draufhauen, sonst würde die Szene vollkommen absaufen. 

Witzestau im Dünndarm. Das BayernLand wird als rückständig vermöbelt. Dann noch Vergaserwitze und das in Deutschland und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und gleich darauf will ein Hesse, der nicht Hessisch kann, in die Dachauerstraße gefahren werden. 

Erstaunlich ist, dass die überhaupt noch Studiogäste finden – aber offenbar nur noch solche, die sich nur von hinten ablichten lassen; es wäre zu peinlich, wenn die Nachbarn oder Kollegen das mitbekämen, falls die denn dieses No-Level-Ding schauten. 

Oh Gott, jetzt hat sie sich selber abgeschossen. Denn die Mittel haben sich inzwischen mehr als erschöpft und dem Zuschauer fällt es immer schwerer, sich da noch zu konzentrieren. 

Solcher Witzemampf mag in Zeiten der Monopolstellung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unter der ideologischen Käseglocke der 50er Jahre verfangen haben, aber seit es Privatfernsehen gibt und erst recht, seit Youtube wimmelt es von begabten Selbstdarstellern und Witzmachern, da schaut dieses BR-Format mit seinen abgewetzten Schwiegermutterwitzchen alt aus mit einem Bart länger als der eines Ayathollas. 

Faktisch ist das eine kommerzielle Sendung und kann problemlos an private Bieter ausgelagert werden in Zeiten des Sparzwanges beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger (BR, Montag, 5. Juli 2021, 20.15 Uhr)

Multimillionärswerbung

ist die erste von vier Stippvisiten, die Stefan Bezzel und sein Kumpel-Freund Sebastian Schwarz absolvieren auf dem Gestüt von Multimillionär und Fußballstar Thomas Müller, 14 kostenlose Werbeminuten im BR für den Rennstallbesitzer und WM-Vergeiger. 

Die Welt der Reichen kommt sympathisch und nahbar rüber; wer den Reichtum hat, der muss sich nicht darüber unterhalten. 

Dann lümmeln die beiden Protagonisten in einem Schrottplatz bei München rum mit einer taffen Besitzerin, dürfen ein Auto kaputt kloppen, so weit sie es schaffen. 

Gegen die Welt der Reichen und Hochbezahlten wird der dritte Beitrag in diesem Film von Stefan Kauertz gesetzt: ehrenamtliche Rettungshundeführerinnen dürfen sich mit den gut bezahlten TV-Stars unterhalten, die ganz locker Texte von Ekkehard Wetzel, Birte Rauschenberg, Karl Koch oder Christian Lim gegen gutes Zwangsgebührengeld absondern. 

Der letzte Beitrag ist 10 Minuten Werbung für einen esoterischen Höhlenguru und sein Geschäftsmodell mit dem weltexklusiven Schwebebad, in das sich die beiden Protagonisten schön züchtig mit Badehose legen und ihre begüterten Wampen schaukeln lassen dürfen. In einer Höhlensitzung schafft der Guru es nicht, den beiden mittelalten Herren ein inneres Tier zu entlocken, da war vielleicht die Hemmung der Drehbuchautoren zu groß; es überwiegen die nett unverbindlichen Texte und Witzchen; das Spaßgefühl, das liefern die Akteure. 

Dies ist ein Unterhaltungsformat, von dem sich der BR Quote verspricht, entsprechend ausgeklügelt ist die Auswahl der Personen und Betriebe die beworben werden; es ist ein Format, das bestens geeignet wäre, wenn es das gäbe, für einen privaten Fernsehkanal, der zum Beispiel der Apothekerzeitung entspricht, der ein Ableger davon wäre. 

Das Problem allerdings bei solch moderierten Werbesendungen ist, dass wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind. Und der hat eine unfaire Finanazierung zu Lasten einkommensschwacher Haushalte vorzuweisen, die hier in der Sendung nicht entfernt vorkommen, die es aber massenhaft direkt hinter HartzIV und Grundsicherung gibt. 

In Relation zu seinem Einkommen beteiligt sich ein Thomas Müller bei aller Sympathie praktisch nicht an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, was sind für ihn 17,50 Euro im Monat? Gar nichts, die verdient er vermutlich in wenigen Minuten, gar Sekunden, die wachsen ihm sogar ohne den Finger zu rühren zu. 

Während ein armer Haushalt knapp jenseits von HartzIV oder Grundsicherung, der vielleicht grad mal 300 Euro im Monat zum Ausgeben hat, dafür merkliche Verzichte leisten muss, gar ein bis zwei Stunden arbeiten muss, das sollten sich vielleicht auch die beiden öffentlich-rechtlich sicherlich erstklassig bezahlten Protagonisten Bezzel und Schwarz durch den Kopf gehen lassen, bevor sie sich wieder auf Tour begeben. Es erweckt jedenfalls nicht den Anschein, dass sie das aus Jux und Tollerei und ehrenamtlich machen. Hier wird gnadenlos sich am Gebührenkuchen bedient. 

Solche Sendungen, die sind echtes Einsparpotential für die unter der Pensionen- und Verkrustungslast stöhnenden Öffentlich-Rechtlichen, solche Sendungen braucht kein Mensch, solche Sendung tragen zum Grundauftrag, dem Erhalt einer lebendigen Demokratie, grad gar nichts bei. Es sind mittlere Klatschspalten- und kaschierte PR-Beiträge im Interesse der Oberschicht. Die lassen sich prima privat finanzieren. Dazu braucht es keine Zwangsgebühren. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Polizeiruf 110 – Frau Schrödingers Katze (ARD, Sonntag, 20. Juni 2021, 20.15 Uhr)

Unterkomplexe Menschen 

In diesem Pollizeiruf wimmelt es von unterkomplexen Menschen. Das fällt aus drei Gründen auf. 

Zum einem wird das im Film selbst thematisiert, ob der Fall vielleicht nicht komplizierter sei, als er ausschaue; der Hupfer von kompliziert zu komplex ist naheliegend. 

Zweitens kommt das Drehbuch von Clemens Maria Schönborn als besonders einfältig rüber; möglicherweise sogar speziell durch die ordentliche, ganz offensichtlich coronakonform sein wollende Arbeit von Regisseur Oliver Haffner (Ein Geschenk der Götter, Wackersdorf, Frau Schrödingers Katze) mit den Schauspielern, teils doch recht fernsehgesättigten Akteuren. 

Drittens fällt diese Unterkomplexität der Menschen auf durch zwei Schauspielerinnen, die gerade das Gegenteil davon sind oder spielen: Ilse Neubauer als Johanna Schrödinger und Verena Altenberger als Bessie Eyckhoff. Die drei Szenen, die diesen beiden miteinander haben, sind einsame Glanzpunkte in der ansonsten ordentlichen Arbeit mit beliebig assortierten, ordentlichen Berufsschausspielern. 

Gegen die Biederkeit von Buch und Spiel arbeitet die Kamera von Kaspar Kaven, der in den Innenräumen gerne die Kamera in einem etwas schiefen Einfallswinkel einsetzt, wodurch ein Schuss Abenteuerlichkeit gegen die Unerträglichkeit des Biederseins eingebracht wird. 

Das Thema des Filmes ist ein zeitgemäßes: alte, isolierte Menschen ohne Familie und soziales Netz aber mit Vermögen, die leichte Opfer von Betrügern und Erbschleichern werden. Man könnte sich Ilse Neubauer auch vorstellen in einem Film, in dem sie Opfer eines Enkeltrickbetrügers würde. Das würde sie genau so fabelhaft rüberbringen. 

Hier aber hat das Drehbuch die bösen Menschen auf ihre Geld- und Erbgier reduziert, die Meyers (Lilly Forgách und Ferdinand Dörfler); hier haben die Darsteller vom Drehbuch her schon keine Chance, das Klischee zu durchbrechen und – ebenfalls vom Drehbuch her – auch nur die geringste Plausibilität für die mehrfachen Morde dieses einfachen Elektroinstallateurs zu erbringen. Das ist nur hanebüchen unglaubwürdig behauptet. 

Auch zwischen der Kommissarin und dem jungen Wissenschaftler Adam (Camill Jamal) zündet nichts, mag an der Besetzung liegen, wahrscheinlich sogar, aber sicher auch am Drehbuch und sowieso entsteht der Eindruck, da muss eine Liebesgeschichte für die Kommissarin ins Buch gewürgt werden, das sei doch sicher gut für die Quote, egal ob der Film darunter leidet oder nicht. 

Statt dass man sich mehr Zeit genommen hätte, das vermutlich doch komplexere Verhältnis der alten Frau und ihres vorgeblichen Pflegerehepaares genau zu studieren und darzustellen und diesem Verhältnis dadurch Glaubwürdigkeit zu verleihen, wodurch die menschlichen Abgründe verständlich würden. 

Das ist nicht ausgearbeitet. Es sind Spießer, die als apriorisch auf Verbrechen aus geschildert werden. So ergeht es der Figur des zwiespältigen Notars (Florian Karlheim). So eine Figur braucht schon vom Drehbuch her Charakterisierung, dass ihre Winkelzüge verständlich werden. 

Die Katze Pandora ist nicht schlecht, mit der die Geschichte anfängt, hier lässt sich Haffner gengügend Zeit, ihrem Weg von zuhause aus zu folgen, hier kann der Zuschauer sich auf eine vielversprechende Geschichte einstellen, die aus Gründen der erwähnten Unterkomplexität zur herben Enttäuschung wird. 

Zur Erbschleicherei kommt noch das Thema Fahrerflucht mit Todesfolge hinzu, ferner geplanter und nicht gelungener Mord, zwei vollendete Totschläge. Dann noch das Haschthema und das der Erpressung; damit übernimmt sich das Drehbuch heillos, verharmlost das Zentralthema, tut so, als lohne es sich nicht, sich näher und detailliert nachvollziehbar damit zu beschäftigen und behandelt die anderen Themen noch windiger, noch oberflächlicher, skizziert sie kaum an. 

Witzig ist der kleine Seitenhieb auf Schulmedizin und Pharmazie: welche Tabletten der Herzkranken wirklich helfen. 

Zum Thema Besetzung: da die meisten Rollen so gut wie nicht ausgeschrieben sind, ist relativ egal, wer was spielt; so könnte die Besetzung ein Gunsterweis an die Darsteller sein („der Florian muss jetzt auch mal wieder einen Drehtag bekommen“), weil sie so nett sind oder so handsome; jedenfalls war nirgendwo zu hören oder zu lesen, dass ein Wettbewerb um die Rollen ausgeschrieben worden sei. So kommt Beliebigkeit in den Polizeiruf, die nicht dazu dient, ihn glaubwürdiger oder besser zu machen. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

(Da komme ich mir echt blöd vor, dass ich vom Staat gezwungen werde, solch unterkomplexe Geschichten mitzufinanzieren).