Archiv der Kategorie: TV

Tatort – Unklare Lage (ARD, Sonntag, 26. Januar 2020, 20.15 Uhr)

Verworrener Fall.

Verwirrte Kommissare. 

Vermutlich haben sich hier BR-Redakteurin Stephanie Heckner und Drehbuchautor Holger Joos schlicht übernommen. 

Sie wollen nach einem realen Vorfall von 2016 am OEZ in München mit einem jungen Amokläufer in 90 Fernsehminuten fernsehgerecht erzählen. Sie fangen irgendwo im Geschehen und ohne Hauptfigur an. Der Vorfall ist bereits passiert, bevor der Film anfängt. 

Die armen Kleindarsteller müssen nun eine Tat schildern, die sie nicht mal in der Inszenierung gesehen haben und der Zuschauer weiß leider auch nicht mehr, was doch ein super Trick wäre, um Spannung herzustellen, die verschiedenen Wahrnehmungen des Zuschauers, den man einweiht durch die Schilderung der Tat und dann die Diskrepanz zu den Schilderung der Zeugen. 

Es wäre interessant, von Redaktion und Autor die Beweggründe für diesen schwerwiegenden, wie es mir scheint, Verzicht auf Klarheit und Spannung: die Gründe für diesen Fehlentscheid zu erfahren. 

Dann folgt viel „Hände hoch“ und SEK-Gehoppele, dazwischen die ernsten Minen der beiden Protagonistenkommissare, für die der Fall offenbar Routine ist, passiert in München täglich, erzählen ihre Gesichter. 

Nach sieben Minuten ist zu erfahren, dass es 11.08 Uhr ist. Es folgt erzählerisch miserabel eingeführt der Zugriff auf ein leerstehendes Gebäude, irgendwann auch von der Einsatzzentrale aus erzählt. 

Der Zuschauer soll offenbar uninformiert, also unmündig und unwissend über das Geschehen bleiben, im Wirren wirren. Dem Zuschauer keinen Halt gegeben. 

Jetzt treffen die beiden Kommissare wie für den Laufsteg zurechtgemacht und mit Polizeijacken ausgerüstet am Zugriffsort ein. 

Möglicher Grundfehler: der Titel: Unklare Lage als erzählerische Basis genutzt; statt diese zu durchdringen und die Menschen zu schildern, wenn sie in unübersichtliche Lagen geraten, aber es hilft wenig, wenn man den Zuschauer selbst in so eine Lage hineinmanövriert. Der Zuschauer soll Unklarheit erleben? 

Es ist auch vollkommen unklar, warum die beiden Kriminaler mitten im Einsatzgebiet des diffusen Falles herumspazieren. 

Der dramaturgische Bau bietet keinen Handlauf für das Interesse des Zuschauers. 

Die Musik von Sebastian Pille verdiente einen besseren Film. 

Die Funktion der beiden Kriminaler in dieser Megakonfusion ist unklarer denn je. Die Polizei wird dadurch als eine wenig handlungsfähige Organisation geschildert. 

Absicht dürfte es sein, die Mutter des Täters mit Familiennamen „Scheuer“ zu nennen, so wie der Verkehrsminister, der die verworrene Mautsuppe auslöffeln muss. 

Es wirkt alles so unglaubwürdig, diese Bedröppeltheit, bevor klar ist, was geschehen ist, und nirgendwo keinerlei Unsicherheit, keinerlei Hinweise, dass es sich um einen noch nie dagewesenen Fall handelt. 

Kurz bevor der Film nach einer Stunde kurz vorm Wegtreten ist, müssen die beiden Kommissare plötzlich rennen und einer muss noch ein verletztes Bein mimen.

Vielleicht war ja die Idee, einen „leisen Tatort“ zu drehen. Nur dürfte das die denkbar schlechteste Lösung für einen Fall sein, der eine ganze Stadt lahmlegt und zu mehreren Massenpaniken mit Verletzten führt.

Es scheint überhaupt keine Überlegungen gegeben zu haben, was zu einer Massenpanik führt, es scheint überhaupt keine grundlegenden Überlegungeng gegeben zu haben, was mit diesem Tatort erzählt werden soll, außer einem matten Abklatsch des OEZ-Attentats.

Ein Wimmelbild wie hier gezeichnet wirkt für einen Thriller wie Gift. 

Am besten haben noch die Schüler, die sich im Schulzimmer ducken müssen, gespielt, die Schülerkomparsen. Überwiegend aber beschränkt sich die Profischauspielerei auf bedröppeltes Schauen, auf ernste Minen.

Für so einen konfusen Film muss der Zwangsgebührenzahler löhnen!

Auch dieser Tatort beweist eindrücklich die falschen Sparbemühungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes an der Qualität des Programms. 

Dialogregie bei Regisseurin Pia Strietmann heißt offenbar „gedeckt sprechen“ oder „flüstern“.

In welchen Funklöchern, die nicht eingeführt werden, agieren diese zwei Kommissare, die nicht mal mitbekommen, dass die Straßensperren aufgehoben sind; inkompetent und schlecht informiert. Auch das ergibt ein schlechtes Bild des Polizeiapparates. Vielleicht geht ja die Entwicklung der beiden Kommissare in Richtung Trottel vom Dienst? „Wir zwei ziehen jetzt los und suchen ganz München ab, allein uns glaubt nämlich keiner mehr“.

Erst nach 70 Minuten wird klar, dass es sich um eine Nachfolgetat zum OEZ-Attentat handelt. Diese Info müsste früher in den Film und vielleicht auch, dass die Polizei daraus gelernt hat – oder eben nicht. 

Das nötige Pensum an bekannten München-Bildern dürfte korrekt erfüllt worden sein.

Genau zehn Minuten vor Schluss kommt die Bombe ins Gespräch, die jetzt, bevor sie ein Unglück anrichtet, gefunden und entschärft werden muss. Tappsige Erfüllung des Tatort-Dramaturgie-Systems. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Adele Neuhauser – Die Bibi vom Tatort und ich (BR, Montag, 20. Januar 2020, 22.00 Uhr)

Langer Vorlauf.

Kein Shooting Star. 

1980 Bablin in Andorra bei den Städtischen Bühnen Münster, 1996 Mephisto in Regensburg, seit 2011 Wiener-Tatort-Kommissarin und weitherum bekannt, das ist eine Karriere in Jahrzehnte-Schritten, wie sie selber früh erkannt hat, dass das Leben für sie ein Marathon sei, sie hat durchgehalten: Adele Neuhauser. 

Die ersten vier Kinderjahre ungetrübtes Familienglück in Athen. Bruch. Wien. Familie bröselt auseinander. Trennung der Eltern mit 10 Jahren. Ein extrem empfindliches Alter für ein Kind. Selbstmordversuche. 

Adele Neuhauser, die einerseits nah am Wasser gebaut ist (ihre Wiederbegehung der Räume ihrer Schauspielschule) andererseits immer wieder eine reizvolle Lache aus tiefer Seele hat, ist eine reflektierte und sich selbst gegenüber offene und kritische Schauspielerin wie vermutlich wenige, nie im Verdacht, eine Karrieristin zu sein, der Karriere zuliebe eigene Grundsätze zu verletzen. 

So kommt es zumindeset rüber in diesen Lebenslinien von ORF und BR in der Regie von Birgit Deiterding. 

Diese Offenheit zeigt sich auch in der Beziehung zu Zoltan Paul, ihrem früheren Ehemann und auch dem Sohn Julian, mit dem sie inzwischen Auftritte absolviert und dem der Papa einen eigenen Dokufiction Film gewidmet hat: Breakdown in Tokyo – Ein Vater dreht durch.

Klar, es sind Lebenslinien, die gleichzeitig auch PR für die Öffentlich-Rechtlichen sind, was aber bei einem Menschen, der das Leben offensiv angeht und den Glamour und Stargetue nicht interessiert, legitim scheint, und die paar Oma-Rührbilder am Schluss seien verziehen. 

Bombenkrieg: Nürnbergs Untergang (BR, Dienstag, 7. Januar 2020, 22.00 Uhr)

TV-Flickschusterei von Katarina Schilling aus Archivmaterial, Interviews mit Zeitzeugen, Historikern, Bomberpiloten, Journalisten mit einer diffusen Haltung zur Nazizeit, die dem Führer umjubelte Auftritte gewährt und die Frage in den Raum stellt, warum denn die alte Reichshauptstadt und Nazi-Parade-Stadt Nürnberg so kurz vor Kriegsende, als das Nazireich schon am Zusammenbrechen war, noch so gründlich bombardiert werden musste – Selbstmitleidstour. 

Offenbar ist der Führer nach wie vor ein gut laufender Fernsehstar und gut für die Quote, weshalb er unter dem Schutzmäntelchen der Dokumentation immer wieder Sendeplatz erhält. Muss das so selbstverständlich passieren?

Die Zeitzeugen haben die Bombardierung als Kinder erlebt. Es gibt Kinderfotos von ihnen, die vor den Stadtplan von Nürnberg gepappt werden. Aus Paritätsgründen gibt es Informationen von Seiten der Bomberpiloten der Royal Airforce, die in den frühen Vierzigern mit hohen Verlusten Nürnberg zu bombardieren versucht hat, dann am 2. Januar 45 das flächendeckende Bombardement. 

Muss historisches Material immer so zerfaselt und zerredet werden? Kann man sich nicht mal auf eine Sache konzentrieren? 

Hitler ist wohl immer gut für die Quote, Originalhitler geht immer im deutschen Fernsehen, er erscheint als einer der langlebigsten öffentlich-rechtlichen Fernsehhelden, den man gar nicht weiter hinterfragen muss, wenn man ihn immer wieder umjubelt zeigt. 

Mit solch historischem Material, wenn jemand denn Zugang hat, kann heute jeder sein TV-Süppchen kochen, sein Teil vom Milliardenkuchen der Zwangsgebührengelder abschneiden; das erinnert an das Gewusel auf den Schwarzmärkten. Jeder versucht sein Häppchen vom übergroßen Kuchen abzukriegen, hier vom gewaltigen Kuchen des Zwangsgebührenhaufens ohne ersichtlich klare Haltung, ohne ersichtlich klare Erzählung, wie ein Krämer, der getrieben ist, möglichst viele Waren ins Schaufenster reinzustopfen. 

Die Notwendigkeit der Erinnerung entbindet nicht von der Pflicht, diese auch spannend zu gestalten und mit klarer Haltung. Auch Dokumentationen verdienen eine Geschichte. Hier fehlt das alles, daher der Vergleich des Dokumentar- mit dem Krämergeschäft. 

Bayern – Sagenhaft (BR, Montag, 6. Januar 2019, 20.15 Uhr)

Jetzt hat das Fernsehen dieses Eigenbrötlerprodukt („Ein kurioser Reigen“) ungefilterter Bayernbegeisterung von Joseph Vilsmaier eingekauft in der Hoffnung auf ein paar heimatverbundene Zuschauer. Siehe Review von stefe.

Tatort: One Way Ticket (ARD, Donnerstag, 26. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Mit 600 Euro im Regen“

und keine Grundsicherung. Menschen mit so kleinen Renten müssen davon auch noch Euro 17.50 monatlich für die Rundfunkzwangsgebühr abdrücken – das scheint die berühmten Kommissare wenig zu kümmern; Hauptsache ihr Gehalt stimmt. 

Dies als sozialer Andockpunkt, als soziale Begründung für seine Herstellung widmet sich der Tatort von Rupert Henning mit dem altgedienten bayerischen Tatortpersonal, die schon selber fast wie Gespenster wirken, dem unteren Teil der sich spaltenden Gesellschaft, denjenigen, die Mühe haben, von der kleinen Rente, die Rundfunkzwangsgebühr aufzubringen. 

Und auch für diesen Tatort, bei dem einige bessere, andere weniger bessere Gagen erhalten, der Autor als Regisseur gleich doppelte, müssen die armen Rentner blechen. Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. Siehe weiter unten die Moral dieses Tatorts. 

Als Appetizer für das in unseren breiten fröstelnde Weihnachtspublikum gibt’s Impressionen aus Kenia wie aus dem Billig-Flugreisekatalog: hübsche Frau am Strand mit Palmen. Der Deutsche und sein winterliches Afrikabedürfnis. 

Die Story fängt ordentlich konventionell an und die Keniabilder vereinnahmen den Zuschauer mit dem fetten Weihnachtsbauch. Schnell aber kommt die Geschichte in einen lähmenden Elefantentrott, als ob sie sich ohne Spannungssteigerung durch die Sahelzone zur vorgesehenen Sendelänge hindurcharbeitet: da ein Gespräch mit einer Information, dort kurz ein Unfall, und wieder ein Gespräch mit einer Information, dann etwas Afrika-Gefängnis-Szenerie mit einem malträtierten Weißen. 

Die verschiedenen Erzählfäden bündeln sich zueinem Zöpfchen, das von einer Gruppe armer Münchner Rentner ausgeht und sich in ein papierenes Gespinst verwandelt (weil es immer nur durch Gesprächsinformationen entwickelt wird) aus Ex-Stasi-Leuten, Stasigift, Normannenkraut, Drogenhandelsdrehscheibe Afrika, Geldkuriere, Kontinentalflüge armer Rentner, ein unkonkretes Kartellgebäude mit konkreten Toten und Verbrechen. 

Es folgt Kommissars Moralhammer für die Rentner, die eh schon die Beschissenen sind, die öffentlich-rechtliche Zwangsgebührenmoral: „Man kann nicht die eigenen Bedürfnislage zum Maßststab jeglicher Moral machen“. Will heißen, wem es in unserer Gesellschaft dreckig geht, der hat sich bittschön damit abzufinden und trotzdem brav seinen Zwangsgebührenbeitrag zu entrichten, damit Batic, Leitmeyer und Co nicht darben müssen und weiter ihre Biedermoral am Bildschirm verzapfen dürfen, die im gespaltenen Land längst nicht mehr überall auf fruchtbaren Boden fällt. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Gernstl unterwegs in den Süden (Teil 2: Vom Brenner zum Kalterer See) (BR, Donnerstag, 26. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Ein Stück Wahrheit

ohne aufgesetztes Lächeln.

Ein Stück Wahrheit über Gernstl kommt in dieser Sendung an den Tag und er lässt es als Macher auch zu: dass die grinsende Lache, mit der er seine Protagonisten fragt, ob sie glücklich seien, doch aufgesetzt ist, als ob er über sich und sein Glück sich nicht so gewiss sei. 

Diese Wahrheit des viel strengeren Gesichtsausdrucks, über den er selbst verwundert ist, kommt in Südtirol bei einem Fotografen ans Licht, der mit Methoden und Apparaten von 1850 und mit Chemikalien von heute die Fotografie praktiziert, zur Zeit für ein UNESCO-Projekt: Dokumentation der indigenen Bevölkerung von Südtirol und der Berge. 

Der Fotograf amüsiert sich, wie er erklärt, dass bei seiner Methode ein Stück Wahrheit im Gesicht zutage trete, weil der zu Fotografierende minutenlang in einem Sessel wie festgeschraubt stillsitzen muss und dann noch sekundenlang während der Belichtungszeit möglichst regungslos bleiben soll. Da kann einem die leichte (professionelle) Lache vergehen. 

Ohne PR für einen Wurststand in Bozen und für ein Restaurant beim K. u. K. Museum Bad Egart kommt Gernstl allerdings nicht aus, auch nicht ohne die Fresserei auf Kosten der Zwangsgebührenzahler, auch wenn die Wurststandfrau ausdrücklich erwähnt, die Wurst sei geschenkt und er sich sonst mit Salaten begnügt. 

Ein kleines Stück Wahrheit gibt Gernstl auch preis, wie er an seine Protagonisten kommt, da erwähnt er ab und an, dass es auf eine Empfehlung hin sei. Die originellste Figur ist der 75-jährige Regenmacher. 

Unerträglich ist allerdings weiterhin die bewusste Werbung für VW. Mehrfach kommt das Signet, sowohl am Kühler als auch am Lenkrad gezielt und deutlich ins Bild. Das ist kein Zufall, dafür erhält Gernstl von VW garantiert eine geldwerte Gegenleistung, die er als solche nicht offengelegt, oder er ist wirklich so dumm und es fällt ihm nicht auf? Sowas stinkt dem Zwangsgebührenzahler gewaltig. Wenigstens dem Redakteur Ulrich Gambke hätte diese mutmassliche Schleichwerbung auffallen müssen. Gegenfrage an die Macher: wieso zeigen sie das VW-Emblem so klar und deutlich, wenn sie keine Gegenleistung dafür erhalten – gar Sympathiebezeugung für einen betrügerischen Großkonzern?

Das Intro, wie sie über den Brenner brettern und mit dem spontanen Interview mit Tandemfahrern aus Holland wirkt wie Zeitschinderei.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Geschenkt (ARD, Montag, 18. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Dieses gewisse Menschelnde

das bekommen die Österreicher in Schmunzelkomödien einfach besser hin als die Deutschen. 

Mit dem breit grinsenden, österreichischen Humor und Schmäh watscheln sie über den Fernsehschirm. Sie sind sich nicht zu schön, sich für eine Hauptfigur zu entscheiden, deren Probleme in den Mittelpunkt zu stellen und davon ausgehend einen mit Röntgenstrahlen versehenen Blick auf die Welt zu werfen.

Nach dem Roman von Daniel Glattauer haben Stefan Hafner und Thomas Weingartner das Drehbuch geschrieben, das Daniel Geronimo Prochaska mit charmantem Schmalz angerichtet hat. 

Es geht um die Midlife-Crises des St. Pöltener Lokaljournalisten Gerold Plassek (Thomas Stipsits). Es haust in der Wohnung, in der einst seine flotte WG zugange war, und die jetzt einer früheren Bewohnerin gehört. Diese schickt ihm, da sie überfordert ist, den 14-jährigen Sohn Manuel (Tristan Göbel). Es kracht pausenlos zwischen den beiden. Jeder ist mit sich selber beschäftigt und hat keinerlei Verständnis für die Lebenslage des anderen. Das Verhältnis sprüht förmlich vor gegenseitiger Ablehnung und Abneigung.

Gerold hängt am liebsten mit seinen Kumpels von der Eckkneipe rum oder spielt mit ihnen zuhause auf der Carera-Bahn. Er schreibt für die Lokal- und Gratiszeitung „Von Tag zu Tag“. Da es die Zeit vor Weihnachten und der guten Taten ist, immer wieder kommt das Bild vom Weihnachtsmarkt in St. Pölten vor, passiert auch hier Besonderes. 

Immer wenn Gerold einen Bericht über eine soziale Institution schreibt, geht prompt eine Spende von 10′ 000 Euro für diese Institution ein. Merkwürdigerweise ist dann Schluss damit, wie es die Anonymen Alkoholiker trifft. Allerdings ist er hier selbst betroffen, er gehört zu jener Sorte von Alkoholikern, die behaupten, den Alkohol zu vertragen. 

Dieses vorweihnachtlich lauschige Fernsehmenü wird abgerundet mit einer Affäre mit einer der Lehrerinnen von Manuel, mit Frau Fessler (Julia Koschitz), und mit einem Blick auf eine von der Abschiebung bedrohten Flüchtlingsfamilie im Kirchenasyl, derjenigen des Schulfreundes Machi (Wainde Wane) von Manuel. 

So werden verschiedene soziale Themen aus dem Blick eines selber aus dem Tritt geratenen Lebens und trotz Alkohol vorweihnachtlich freundlich, nie bierernst oder bösartig, sondern eher wie ein Glühweinratsch auf dem Weihnachtsmarkt ventiliert. 

Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen (ARD, Sonntag, 8. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Bunt wie ein Kinderfasching.
Unterbezahlte Polizisten in München. Auswüchse des Finanz-Kapitalismus.

„Bauchlandungen, die einen stärker machen“.
„Ich habe in meine Tampons geweint“
.

Aus dem bunten, wild verquirlten Münchner Wimmelbild soll der Zuschauer herausermitteln, was Dominik Graf nach dem Drehbuch von Günter Schütter unter der redaktionellen Oberaufsicht von Cornelia Ackers dem öffentlich-rechtlichen Rest-Zuschauer am Sonntagabend zutrauen will.

Die Quintessenz dürfte als eine schallende Ohrfeige für den ungezügelten Finanz- und Immobilienkapitalismus gedacht sein, dass einfache Polizisten in München, um leben zu können, zusätzliche Finanzquellen erschließen müssen. Einer arbeitet nebenher als Escort.

Die neue Münchner Truppe vom Polizeiruf 110, die bei ihrem ersten Auftritt wie eine Leuchtgestalt daherkam, weil endlich die Erdenschwere des hochneurotischen Vorgängerkommissars weg war, wirkt diesmal schon wie routiniert, außerdem hat sie auf ihre spannendste Figur verzichtet, den Bruder der neuen Kommissarin, die dadurch gleich weniger schillernd, dafür einsamer und TV-gewöhnlicher daherkommt.

Diese Truppe muss die Geschäftsräume einer Finanzhandelsfirma verwanzen und erfährt dadurch vom Handel mit den MTT-Aktien. Da sie alle gewiefte Börsianer sind – natürlich nicht – und hier schon ist das Drehbuch von Schütter löchrig, plausibel zu machen, wie sie überhaupt auf die irre Geldvermehrungsidee kommen – , was nicht stimmt, aber der Film erweckt empirisch den Eindruck, dass wer Räume eine Finanztransaktionsfirma verwanzt, gleich den Börsenhandel inhaliert, also die Truppe kommt auf die Idee, mit diesen Aktien zu spekulieren, da sie Einblick in die Firma bekommen, die sie Tag und Nacht überwachen. Und da sie alle in Finanznöten sind oder Schulden haben, beleihen sie Besitz, borgen sich Geld und fangen damit an, auf MTT zu spekulieren; da kann nichts schief gehen.

Diese Phase, wie die MTT-ler vor den Börsenbildschirmen sitzen und die Polizeirufler hinter den Überwachungsschirmen, montiert Graf wie einen lustigen Kindergeburtstag.

Sie übertreiben es. Die Spekulation geht schief, da die Börse den Handel aussetzt. Die Untersuchungen beginnen und mit ihnen die Vertuschungs- und Bestechungsversuche, genau ist das alles nicht so richtig nachvollziehbar, umso mehr als der Film in TV-asthmatischer Kurzatmigkeit geschnitten ist, dann sich wieder nicht einkriegt vor wunderschön nächtlichen Naturaufnahmen mitten aus Münchens Au und dann müssen ja auch noch Annäherungs- und Liebesversuche in den Film, originellerweise Küssen im Kopfstand unter der Dusche, und jede Menge andere Dinge, die mit der Story herzlich wenig zu tun haben, an denen sich Dominik Graf aber offenbar nicht sattsehen kann.

Für den Drehbuchschreiber: er schaue sich Official Secrets an: wie hier präzise und mit extremer Thrillerspannung ein einziger Fall nachgebaut wird in einer Stunde 50 Minuten, während hier für 90 Minuten nur ein Kuddelmuddelfall verwurstet wird. Ein Drehbuch muss ja nichts erklären, aber klar machen, was es erzählen will, das sollte es schon.

Gscheiter wäre, eine einfache klare Geschichte zu nehmen und nicht so eine verkopfte, verzopfte, kompliziert-komplexe mit den Börsengeschichten; und die einfache Geschichte stattdessen nachvollziehbar zu erzählen, da bleibt keine Zeit für Kindereien wie Zeitrafferaufnahmen über die Bahngleise, da gewinnt man Zeit, die menschlichen Charaktere differenzierter darzustellen und sie nicht auf die Probleme mit Geld (und Ficken) zu reduzieren und sie deshalb nicht richtig nachvollziehbar emotionale Ausbrüche spielen zu lassen.

Es gibt auch besonders misslungene Szenen, zum Beispiel diejenige im Hotel Seefeld in Tirol, wodurch aus der Imagewerbung ein Rohrkrepierer wird. Da möchte man nicht hin. Aber auch viele Verletzungsszenen wirken schlecht gearbeitet. Oder die Szene, bei welcher einer der Typen mit einer roten Ketchup-Tube mit einer Flüssigkeit wie Öl drin hantiert, das ist schon unrealistisch gemacht, und wie er die Flüssigkeit der Frau ins Gesicht spritzt und der Zuschauer weiß nicht, spinnt die Frau oder war da etwas anderes drin als Öl? Die Aufklärung folgt später, wenn es zu spät ist. Das sind alles Beweise für die Absicht von BR-Boss und ARD-Sprecher Ulrich Wilhelm (der mit dem Kanzlerinnengehalt!),  bei einer Erhöhung der Zwangsgebühr noch mehr Minderqualität zu liefern und dabei  gleichzeitig auf mehr Akzeptanz durch das Publikum zu spekulieren.

Wie beim Fersehen sprechen sie alle schöne ganze Sätze und parodieren das auch noch – aber was soll die Redakteurin denken, wenn mal keine ganzen Sätze mehr im Drehbuch stehen. Es sind Sätze, die für die TV-Redakteure gedacht sind, die intellektuellen Anspruch markieren und die meist mit den Figuren, die sie sagen und den Zusammenhängen der Story wenig zu tun haben („Ich habe in meine Tampons geweint“ – das machen möglicherweise Zwangsgebührentreuhänderinnen, wenn sie wieder neue, nur schwer verfilmbare Krimidrehbücher in die Hände bekommen wie dieses).
Intellektuelle Eitelsätze, die zwar die Eitelkeit des Autors abbilden, nicht aber zur Figurcharakterisierung beitragen; eben nicht dem Volk aufs Maul geschaut. Da wären die Fernsehredakteure offenbar überfordert. Sätze, die den Intellekt von Fernsehredakteuren kitzeln mögen, nicht aber den des Zuschauers, da sie meist in kaum einem Zusammenhang zum Fortgang der Geschichte stehen.

„Häng das nicht an die große Glocke, sonst sind wir geliefert.“
„Das ist das München bei Nacht, das muss man wegschnapsen.“
„Das sind die Opernfestespiele am Max-Josephs-Platz“ (die hört man offenbar bis zur Ettstraße, damit trägt Graf zwar ein Momentum zu seiner Münchenliebe bei, hilft aber der Geschichte nicht weiter).
„Für jemand, der nicht im Wertpapiergeschäft tätig ist, hast Du eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“.
„Und wenn man endlich schlafen kann, dann erwacht man mit einem Kissen zwischen den Beinen“.

Der Zwangsgebührenzahler sieht nicht ein, warum der Staat ihn zwingt, solch unausgegorenes Halbzeugs (was zwar ein schönes Production-Design hat, in dem der Regisseur seinen Giallo-Romantizismus auslebt): Schöne Lichtspiele. Schönbildfernsehen, Bildschönfernsehen, romantische Unterführungen, Kneipen, Steilufer mit Treppen, nächtliche Brücken und Kanäle, romantische Lichtung inklusive Schießerei, romantisch beleuchtete Freauenkirche), was noch dazu unsauber erzählt wird, zu finanzieren, bei dem das Interesse in keinem Moment richtig Tritt fassen kann.

Wenn sie schon so wenig Zeit und Geld haben, warum müssen solche Geschichten immer so kompliziert und dafür nur oberflächlich gearbeitet sein?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Die Oslo-Tagebücher (BR, Mittwoch, 27. November 2019, 22.45 Uhr)

Reminiszenz.

„1992 trifft sich eine kleine Gruppe von Israelis und Palästinensern im norwegischen Oslo unter strikter Geheimhaltung.
Nur wenige sind eingeweiht.
Die Unterhändler wollen das Blutvergießen beenden.
Ihre Tagebücher erzählen die Geschichte eines wagemutigen Abkommens.
Für einen Moment schien Frieden möglich.“

Und dann ward der ganze Prozess nur eine Reminiszenz, Fußnote einer unsäglichen, immer noch andauernden, immer mehr aus den Fugen geratenden Geschichte mit dem grandios menschlich-humoristischen Höhepunkt des rhetorischen Austausches zwischen Itzhak Rabin und Jassir Arafat bei der Unterzeichnung des Gaza-Jericho-Abkommens von 1984 in Kairo.

Frieden schien greifbar, Frieden in Nahost schien möglich, die Befriedung des Israel-Palästina-Konfliktes. Es folgt die Ermordung Itzhak Rabins und die Etablierung des aggressiven, korrupten, friedensfeindlichen Netanjahu.

Längst hat sich der Konflikt über den Nahen Osten hinausgeschaukelt. Fanatische Zionisten brandmarken jede Kritik an der Politik Israels (die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik, die mit der Apartheid vergleichbare Unterdrückung und Ungleichbehandlung der Palästinenser, der ständige, völkerrechtswidrige Siedlungsbau) als Antisemitismus. Dieser wird dadurch zu einem noch größeren Monster aufgebläht als er eh schon ist, wird noch attraktiver für Krawallmacher jeglicher Couleur, die Rabatz und Schlagzeilen machen wollen. Dies Monster-Monstrum führte zur grotesken Annahme des Antrages zur Bekämpfung der BDS-Kampagne im Bundestag.

Hineinzufinden in den Film von Mor Loushy und Daniel Sivan ist etwas verwirrend. Haben die diese damals topgeheimen Verhandlungen in Oslo wirklich gefilmt? Oder sind das die Reenactment-Szenen, die im Abspann erwähnt werden? Das irritiert, auch weil es, bis auf den oben zitierten, vorangestellten Text, keinen Rahmen gibt, weil der Film praktisch in medias res eintaucht, so dass der Zuschauer ein Defizift an spezifischen Informationen bei sich empfindet. Es wird zuviel vorausgesetzt.

Es irritiert merklich, dass diese topgeheimen, ersten Versuche einer Annäherung der israelischen Poltik an die PLO, die unter Arafat noch in Tunis residierte, so detailliert gefilmt worden sein sollen. Andererseits belegen die Tagebuchberichte der Teilnehmer Authentizität – es waren zwei israelische Professoren und 3 Palästinenser aus Tunis.

Dann aber entwickelt die Dokumentation ihr eigenes, spannendes Drama von weltpolitischer Bedeutung, wie die Geheimverhandlungen an die Öffentlichkeit gelangen, wie sowohl die israelische als auch die palästinensische Politik zum Friedensprozess stehen, der sich auf die Vertragsunterzeichnung in Washington zuspitzt unter Anwesenheit von Clinton, Rabin, Arafat.

Nach weiteren Verhandlungsrunden in Taba, in Ägypten, schreitet der Film zum nächsten Höhepunkt, der Unterzeichnung des Gaza-Jericho-Abkommens bis hin zum sehnlichsten Wunsch von Rabin, in Israel nicht immer nur die Hetzerveranstaltungen von Netanjahu zu haben, sondern auch einmal eine Pro-Friedensdemonstration.

Schönster Höhepunkt für Rabin mit brutalem Schluss. Startschuss Netanjahus als Ministerpäsident, ein unseliges Kapitel mit wieder Tausenden von Toten auf beiden Seiten.

Hindafing – 2. Der Mann der Stunde (BR, Dienstag, 26. November 2019, 21.00 Uhr)

Alles Bananenrepublik.

In der vorhergehenden Folge hat der neue Landtagsabgeordnete Zischl (Maximilan Brückner) auf die Landtagspräsidentin geschossen. Das war ziemlich unplausibel eingeführt, wie er sich zur Jagdgesellschaft reinschummelt, sich bei Beginn der Jagd aber absondert, dafür gibt es keine Begründung, er wollte ja an die Landtagspräsidentin herankommen.

Dann sieht er einen kapitalen Bock – und trifft die Landtagspräsidentin. Diese Folge beschäftigt sich nun mit den Folgen dieses Jagdunfalls. Wie Zischl sich erst im Unterholz in der Nähe der Jagdgesellschaft eine Nacht lang versteckt, statt das Weite zu suchen, eine nicht nachvollziehbare Handlung, wie er aus unerfindlichen Gründen beim Nahen der taschenlampenbewehrten Suchtrupps sein Gesicht schwärzt, wie er gefunden wird und plötzlich als Held dasteht, wie aber auch sein Gewehr konfisziert wird, er also, ganz geläufiger Plot, versuchen muss, des Beweisstückes habhaft zu werden und es zu beseitigen; weil es in der Hindafinger Politik nicht üblich ist, zu seinen Taten zu stehen.

Das wäre, von der dünnen Begründung der Ausgangslage abgesehen, eine solide Politthriller-Handlung. Aber die wird nur kursorisch erzählt. Der Macher Boris Kunz, der mit Niklas Hoffmann und Rafael Parente auch das Drehbuch geschrieben hat, fädelt noch diverse Nebengeschichten ein, die damit nichts zu tun haben oder nur peripher und die die Storyline immer wieder abrupt unterbrechen und den Erzählfluss zerfaseln.

Das Ziel dieses BR-Unternehmens scheint es zu sein, den Beweis zu erbringen, dass unser Land eine Bananrepublik ist – um das zu erfahren, reicht es aus, die Zeitungen und das Internet zu lesen; als Projekt aber ist es ziemlich silly. Leider sind die Spielfiguren lediglich daraufhin konstruiert, diesen Beweis zu erbringen, also auf korrupte Handlungen und im Gefolge dessen auf Vertuschung dieser Handlungen.

Insofern sind die Figuren unterkomplex angelegt, es fehlt ihnen die humane Breite, die bayerische Doppelbödigkeit und die Konflikte, sie stolpern nur über die vermeintlich eigene Raffiniertheit.

Vielleicht sind die Fernsehredakteure Jaeger vom BR und Ceppel von ARTE so begeistert von diesen dünnen Filmen, weil sie ja selbst mitten im Pfründepfuhl des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes sitzen und agieren und so den Blick für die Realität draußen verloren haben. Immerhin bekommen so ein paar arbeitslose Darsteller Zwangsgebührengeld auf ihr Konto überwiesen. Dem Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes ist solch simplizistisches Menschenbild wenig dienlich.

Mit dem überwiegend biederen Bauerntheatercast ist kein Blumentopf zu gewinnen bei der mutmaßlichen Pep- und Popintention. Thema: Deutschland ist a priori eine Bananrepublik. Das zu behaupten kostet wenig Mut.

Die jazzige Musikuntermalung bekräftigt die Intention, nicht aber das Resultat.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!