Archiv der Kategorie: TV

Lebenslinien: Janosch – Ja ist gut, nein ist gut (BR, Montag, 8. März 2021, 22.00 Uhr)

Unbedarft 

Hier schlackert einem die Diskrepanz zwischen dem süß-bösen Werk von Tigerenten-Janosch und dem Lebenslinienfilm über ihn von Joachim Lang schmerzhaft um Augen und Ohren. 

Joachim Lang hat ein schwer konsumierbares Szenen- und Bilder-Konglomerat zusammengeschustert an gesprochenem Oberlehrerinnenkommentar, an unbedarften Fragen an den Progtonisten („Hast Du abgemalt?“, „Gab es viele Schmuggler?“), an Begehungen von vergangenen Orten im Leben des Künstlers (öffentlich-rechtliches Reisebudget nach Polen, ehemals Schlesien, Teneriffa, München, Oberbayern, Norddeutschland) und diesen Mix unterlegt mit Zigeuner-Jazz-Sound-Versuchen.

Für das, was Janosch erzählt, sind die Reisen eher störend, gegenüber den Grausamkeiten und Brutalitäten, die er selbst erlebt hat in seiner Jugend, sind die Örtlichkeiten nichtssagend; dabei gibt er möglicherweise einen Schlüssel zu seinem Werk. 

Verwunderlich ist, warum Janosch sich zu so einem Feature hergibt; laufen seine Bücher nicht mehr so gut? Braucht er PR? Irgendwie schafft der Film es nicht, den Künstler als Person einem näher zu bringen; Janosch ist auch nicht der begnadete Selbstdarsteller-Promi; das macht ihn zwar sympathisch, aber die Lebenslinien über ihn keinen Deut besser; Janosch erweckt sogar den Eindruck, als empfinde er den Film als lästige PR-Aktion, der er sich murrend fügt. 

Was hat sich Zwangsgebührentreuhänderin Christiane von Hahn dabei gedacht, wie sie das Zwangsgebührengeld für den Beitrag freigegeben hat? 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Druckfrisch (ARD, Sonntag, 28. Februar 2021, 23.35 Uhr)

Kniefall vor einem ViP.

Wenn wir uns die wenig präzise differenzierenden Buchbeurteilungen von Denis Scheck, der diese Sendung in der Regie von Andreas Ammer vom Teleprompter abliest, zu eigen machen würden, dann müssten wir sagen: „In die Mülltonne damit“. 

Und sowieso die Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers zücken, der sich fragt, warum er für so ein krampfhaft um Originalität bemühtes öffentlich-rechtliches TV-Produkt, das nur so trieft von Banden- und Buchbazarwerbung, sich seine Zwangsgebühr vom bescheidenen Haushaltsbudget absparen soll. 

Das Setting ist ein virtuelles Eisstadion mit grob plakativ (un)animiertem Publikum. Auf der Eisfläche sitzt der mollige Moderator hinter einem Schreibtisch, es gibt Mikrogestänge, Absperrbänder, die sich über das Eis ziehen und ein Feuerlöscher sucht die Aufmerksamkeit. Attraktiv scheint vor allem die Bandenwerbung, aber die wechselt nicht mal; das ist doch nachlässig. 

Die wahren Augenfänge als spannende Bewegungen sind die behutsamen Pirschgänge eines Kameramannes mit Steadycam und zweier Kameramänner hinter Kameras auf Dreibeinrollstativen, die die Eisfläche auf eigenartig geometischen Mustern durchziehen. 

Wie eine Kaaba oder wie ein zentraler Katafalk sind auf dem Eis zwei riesige, rechtwinklig gegeneinander angeordnete Leinwände platziert. Von hier wird der Promigast sein professionelles Buchverkäuferlächeln schamlos runtersenden in die Wohnzimmer der vermutlich nicht allzu zahlreichen ARD-Zuseher kurz vor Mitternacht. 

Die Bildspielerei mit dem Promigast ist filmtechnisch kompliziert gedacht: zweimal ist er, der vermutlich irgendwo in Amerika sitzt und ein 20-Minuten-Interview nach dem anderen abspult, übergroß auf den Leinwänden zu sehen; dann hat der Moderator einen Laptop vor sich, der das Bild der Promigast-Dokukamera bringt, die auf den fernen Talkgast gerichtet ist, sozusagen die Außenkamera.

Die Montage – oder der Verschnitt – besteht aus einer irgendwie willkürlich erscheinenden Abfolge von Bildern der verschiedenen mobilen Kameras auf dem Eis, die Teilaspekte aus dem Stadion und dieser merkwürdigen Installation samt Talkgast bringen. Diese Spielereien verschleißen sich schnell, lenken maximal vom Gespräch mit dem Talkgast ab. 

Als Entrée hat der Moderator drei Minuten lang ein Buch von einer Autorin beworben. 

Der Talkgast ist der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama, der hier als Verkäufer seines eigenen Buches fungiert, der ein blendender Showman ist, immer schon war und untertänigst wird noch Archivfootage von Glanzmomenten aus seiner Amtszeit als Präsident mit Künstlern reingeschnitten. 

Man hätte auch, wenn die ARD auch nur einen Ansatz von Kritik in der Sendung beabsichtigte, etwas über die präventiven Tötungen durch (über Deutschland gesteuerte) Drohneneinsätze bringen können, die dieser Herr Obama als Präsident unter Inkaufnahme ziviler Kollateralschäden befohlen hat, während der Buchverkäufer sympathieheischend davon erzählt, wie er seinen Kindern aus Büchern vorgelesen hat. 

Die ARD bringt hier ein Beispiel von Promi-Schleim-Journalismus, den mittels Zwangsgebühr zu unterstützen es keinerlei Grund gibt, und die ARD verkauft das auch noch als „Exklusiv-Interview“; was an diesem reinen Routine-Bookseller-Interview exklusiv sein soll, diese Antwort bleibt das dünne TV-Produkt uns schuldig; es ist eines von x Interviews, die der Autor zur Zeit im Sinne der Werbetrommel weltweit gibt. Da ist nichts exklusiv daran. 

Hündischer (und unterwürfiger) geht’s nimmer: gleich zweimal bringt der Herr Moderator die Sprache auf die Hunde des Ex-Präsidenten; von eminenter Wichtigkeit für eine Sendung, die behauptet, eine Literatursendung zu sein; vielleicht geht es in dem Buch ja tatsächlich um Hunde (wollt Ihr ewig leben? …). 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Sushila und ihre drei Mütter (BR, Montag, 22. Februar 2021, 22.00 Uhr)

Toilette am Ende des Ganges,

der Satz gewinnt in diesen gründlich verunglückten Lebenslinien von Constanze Hegebusch immerhin Bauerntheater-Pointenqualität, denn er ist doppeldeutig, weist auf die Herkunft der Protagonistin aus Indien hin; wenn der deutsche Genitiv zum indischen Nominativ und damit zum berühmten Fluss wird. 

Diese Lebenslinien sind doppelt verunglückt. 

Zum einen durch den dramaturgischen Aufbau, der alles, was wichtig ist, also das Elementare, das Thema, vergeheimnisst, nämlich, dass die Protagonistin Schauspielerin ist und in BR-Produktionen mitspielt, mithin, dass diese Lebenslinien eine von den PR-Maßnahmen des Senders sind; 

aber auch durch das Storytelling, das immer nur labert und labert und labert und erklärt, das die Schauspielerin zu viel über sich selbst reden lässt (das sollten Schauspieler prinzipiell lieber bleiben lassen; außer sie erzählen Anekdoten) –

und zum anderen durch die Regie; der Regisseurin scheint das Händchen für den Umgang mit den Darstellern zu fehlen, diese wirken so, als ob sie nach Anleitung spielten (so ein fantatisches Regiehändchen haben wir zuletzt in den Lebenslinien: Einsatz in den Bergen gesehen). 

Das ist schade für die Protagonistin, die spannendere Lebenslinien verdient hätte, denn ihr Leben ist durchaus erzählenswert; es geht dabei auch um Rassismus, ein Thema, was nur fußnotenhaft gestreift wird und insofern für einen öffentlich-rechtlichen Sender, dessen Grundauftrag die Demokratie ist, verfehlt behandelt wird. 

Geboren wurde Sushila in Kalkutta. Ihre Mutter war sterbenskrank und kommt mit dem 2-jährigen Mädchen in die Sterbeklinik von Mutter Theresa. Wie die Mutter stirbt, kümmern sich die Schwestern um eine Adoption des Kindes. 

Mit drei Jahren kommt das Mädchen zu Adoptiveltern ins Allgäu, hat von einem Tag auf den anderen ein älteres Schwesterchen und steht fortan unter dem ständigem Druck, die Adoption der Eltern als geglückt zu beweisen. 

Constanze Hegebusch schildert das so dröge, als ob sie eine Akte von hinten her studiert, so dass man sich ständig fragt, muss ich das jetzt auch noch wissen, dass der Adoptivvater ein Betrüger war, dass die Protagonistin eine ausgeleierte Ehe hinter sich hat und in der aktuellen Ehe mit zwei Buben glücklich ist. 

Die Indienreise auf Zwangsgebührenzahlers Kosten hätte die Regisseurin sich sparen können, das Footage von dort ist nicht ergiebiger, als wenn sie dieses sich mit einer Skype-Schaltung beschafft hätte. 

Hat BR-Redakteurin und Zwangsgebührentreuhänderin Christiane von Hahn das Skript nicht gründlich gelesen oder war es ein Gefälligkeitsauftrag? 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Herren (ARD, Mittwoch, 10. Februar 2021, 20.15 Uhr)

Schwarze Berliner.

Dieser Film von Dirk Kummer nach dem Drehbuch von Stefanie Kremser unter den Auspizien der Zwangsgebührentreuhänderinnen Claudia Simionescu (BR) und Monika Lobkowicz (BR/Arte) will zeigen, dass deutsche Bürger mit schwarzer Hautfarbe und Migrationshintergrund aus Kuba und Brasilien am deutschen Fernsehen ein genauso dröges Leben führen wie andere dröge deutsche Familien in anderen drögen deutschen TV-Filmen. 

Dem Zuschauer soll klumpfüßig erklärt werden, dass Schwarze ganz normale Menschen sind, was gleichzeitig schon wieder eine subtile Art von Rassismus ist, wenn man das Selbstverständliche so auswalzt und als nicht selbstverständlich darstellt. 

Dazu muss eine Geschichte möglichst realtitäsnah zurechtgebogen werden, dass es knirscht und knarzt und die Schauspieler nicht zu beneiden sind um die Dialoge, die sie zu sprechen und die Figuren, die sie zu spielen haben, wie es halt so ist bei Erfindungen, die sich für extrem originell halten. 

Die Kerntruppe sind drei „Denkmalschützer“, wie sie sich nennen. Auf den Denkmälern, die sie schützen, was nichts anderes bedeutet, als sie zu reinigen und sauber zu halten, steht immer groß „Herren“ drüber. Es sind dies historische, denkmalgeschützte Urinale, die es offenbar überall in Berlin gibt. 

Herzstück der Truppe ist Reynaldo (Komi Mizrajim Togbonou) mit dem breiten Grinsen. Sein Assistent ist Jason (Nyamandi Adrian). Zu ihnen stößt, weil er dringend einen Job braucht, Ezequiel (Tyron Ricketts), der so etwas wie die Hauptfigur im Film ist. Er hat eine Schule für den brasilianischen Kampfsport Capoeira aufgebaut. Aber als Nachfolger für den Chef wurde er ausgebootet. 

Unter Denkmalschutz hat Ezequiel sich etwas anderes vorgestellt. Er beugt sich des Geldes wegen den ausbeuterischen Bedingungen von Reynaldo. Ezequiels Frau Marta (Dalila Abdallah) arbeitet als Nachtschwester in einem Spital. Der gemeinsame Sohn Stevie (Pablo Grant) hat Abitur gemacht und soll, voll Klischee, nach Wunsch des Vaters studieren; Sohn möchte lieber eine Lehre machen. Dieser Konflikt wird ohne Fundament skizziert, weil es sich gut macht in so einem belehrenden und erklärenden Fernsehfilm. 

Es gibt viele Berliner Nachtaufnahmen, schöne historische Urinale, Zwischenfälle mit Schwulen und Rassisten, die Autorin arbeitet das Pflichtprogramm für einen Fernsehfilm ab, was weisungsgebundene Redakteurinnen absegnen müssen, weil es politisch so korrekt ist, dass es stiebt und staubt, im Sinne von „Wichtig ist, dass Du ’n neuen Job findest, sonst kommen wir nicht über die Runden“, das sind Banalsätze, die austauschbar und risikolos in jeden deutschen Themenfilm eingebaut werden können, ohne dass sich die Autoren tiefer mit ihren Figuren beschäftigen müssen, ohne zu befürchten, sich die Finger zu verbrennen. 

Unterlegt wird die fade Mampfe mit unerträglicher Glücksmusik, es sei ja alles so leicht und wenn die schlecht inszenierte Gruppenschlägerei ansteht, dann wird ein französisches Chanson drübergelegt. 

Vielleicht haben sich die Macher ja was gedacht dabei, konnten es aber nicht plausibel rüberbringen. Als lustig sein sollendes Etikett grinst zu Beginn ein schwarzer Gartenzwerg, womit die Macher uns wohl sagen wollen, auch Schwarze können kleine deutsche Spießer sein. 

Die Midlife-Crisis von Ezequiel sollte vielleicht das Thema sein: dann könnte es spannend werden. Vielleicht wäre ja ein tauglicher Film draus zu machen gewesen, wenn diese ernsthaft in den Mittelpunkt gestellt worden wäre. Aber dafür hätte sich die Autorin intensiv mit seinem Charakter und seiner Geschichte beschäftigen müssen, hätte plausibel erklären müssen, wieso er Capoeira-Meister ist, wieso er nach Deutschland gekommen ist, wieso etc. etc. und wie er aufgrund seines Charakters diese Krise löst und selbstverständlich, wie weit auch der Rassismus hineinspielt. Aber das wäre knüppelharte Arbeit und, es plausibel zu besetzen und zu inszenieren, ebenso; sehr wohl möglich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht bereit ist, so viel Geld bloß wegen des alltäglichen Rassimus‘ in die Hand zu nehmen; so dass einem die Figuren nahe gehen würden.

Dieser Film ist eine gut gemeinte, aber vergebliche Bemühung in Toleranz und gegen Rassismus. Aber der Zuschauer möchte in einem Spielfilm nicht belehrt werden, was ihm hier passiert, sondern er möchte mitfühlen, was ihm hier vorenthalten wird. Insofern erfüllt der Film just das zentrale Anliegen des öffentlichen-rechtlichen Rundfunkes, ein Instrument der Demokratie zu sein, nicht und das Zwangsgebührengeld ist futsch. 

Rote Karte des Zwangsgebührengszahlers!

BR-Klassik: Karneval der Tiere (BR, Sonntag, 7. Februar 2021, 10.20 Uhr)

Pädagogisches Sonntagsvormittagsfernsehen.

Das Papiertheater Nürnberg entwickelt laut eigener Website „Gesellschaftsinszenierungen“ und „führt interdisziplinäre Prozesse zwischen bildender, darstellende und sozialer Kunst durch“. 

Hier hat es sich mit dem Münchner Rundfunkorchester zusammengetan, um in einer Dreiviertelstunde eine kinderfreundliche Einführung in den „Karneval der Tiere“ von Camille Sain-Saens zu geben. 

Hans Hadulla hat das inszeniert. Es ist ein Wechsel aus klassischer Musik, dargeboten von professionellen Musikern in klassikkonformer Kleidung und gut ausgeleuchtet mit Erklärungen und Erläuterungen dazu durch das Papiertheater. 

Da wird ein Hahn oder eine Schildkröte oder ein Fuchs oder ein Pferd als Umriss aus weißem Papier hergestellt. Oder die Dirigentin bekommt die Umrisse einer Krone aus weißem Papier auf die Stirn geklebt oder der Streichmusiker bekommt Eselsohren oder es wird ein aus Papier geformter Vogel an einer Angel vor der Dirigentin herumgeführt. 

Oder ein Fenster wird in einer weißen Papierfront aufgerissen und ein Erklärkopf schaut heraus und spricht in die Kamera; der Ausschnitt kann aber auch zur Bühne für die Papierfiguren werden. Es kann auch sein, dass hier zwei Schildkröten aus weißem Papier sich unterhalten, streitende Komponisten, Offenbach und Saint Saens ereifern sich über Urheberrechte. 

Auf die papierene Tiervorstellung folgt der Ausschnitt aus dem Karneval der Tiere, wie ein Elefant klingt, ein Löwe, ein Kuckuck, ein Esel, aber auch das Aquarium kommt vor, das Papier wird dann blau eingefärbt und zu den klassischen Instrumenten kommen die Gläser hinzu, aus denen durch Reibung mit der Hand ein sphärischer Klang entsteht. 

Die Dirigentin hat einen sympathischen französischen Akzent und zum Schluss kommt das Finale. Ob Kinder so für die klassische Musik gewonnen werden können, da müsste man sich nach so einem Coronalockdownmorgen in den Familien umhören, die das bayerische Fernsehen eingeschaltet haben – es dürfte sich überwiegend um gut bürgerliche Familien handeln, also Klassikinsider. 

Wapo Berlin, Folge 10: Tanz in den Tod (ARD, Mediathek)

Corona-TV in Berliner Luft

Krass ist die Diskrepanz zwischen den jugendlich frisch wirkenden Darstellern dieser Serie und den Protagonisten in den massiv störenden Werbefilmen dazwischen: dominiert von älteren Herren, die alle so tun, als seien sie noch 30 dank beworbener Mittelchen aus der Pharmaindustrie. 

Die Werbefilme dürften einen Hinweis auf das Zielpublikum geben. 

Positiv dissonant ist der Gegensatz zwischen dem Begriff der Berliner Luft, einer traditionell atmosphärischen Beschreibung der Stadt, und dem Thema dieser Fernsehserie: Wasserpolizei. 

Das Wasser wirkt hier luftig und es gibt Anlass zu wundervollen Bildspielen, kinohaft. 

Auch aus der Luft schmeicheln immer wieder Drohnenflüge der wie in sich ruhenden Stadt, wie überhaupt die Kamera (Sascha Ersfeld) geschmeidig und agil mit den Coronabedingungen umgeht. 

Im Film selbst werden die Coronavorgaben eingebaut. Kommissar Fahri (Hassan Akkouch) darf die Eltern der Wasserleiche nicht umarmen, obwohl er deren ertrunkene Tochter gekannt hat. 

Fahri will deshalb in den Fall nicht involviert werden, aber die Chefkommissarin (Sesede Terziyan) möchte ihn just aus dem Grund an ihrer Seite. 

Berliner Atmosphäre durch und durch. Das Kanackendeutsch ist unumgänglich, der Integrationsjugendclub, in dem Breakdance geübt wird und der bald zum Zentrum der Nachforschungen avanciert, ebenso; günstigerweise am Wasser gelegen. Sympathiefigur im Rollstuhl, der Leiter des Clubs Tom (Moritz Leu). 

Alles schön übersichtlich in dem Fall, den Andreas Dirr und Andreas Hug geschrieben haben. Auch wenn manche Erfindungen Erfindungen bleiben. Den Schauspielern schaut man gerne zu, sie sind bei Regisseurin Seyhan Derin in besten Händen. Der coronabedingte Abstand wirkt sich antörnend auf Sichtbarkeit und damit Perzeption aus – und die Luft, die sie um sich herum haben, das ist diese Berliner Luft. 

Kammerspiele – Jammerspiele (BR, Dienstag, 19. Januar 2021, 22.50)

Die Kränkungen der Münchner

Diese dreiviertelstündige Doku von Chiara Grabmayr und Juno Meinecke mit dem Zusatztitel: „5 Jahre Münchner Kammerspiele mit Matthias Lilienthal“ bringt nicht die distanzierte Gesamtbetrachtung dieser Intendanz, auch nicht, was gar nicht möglich wäre, einen Ausblick auf die Folgen. 

Die Dokumentation bringt Einblicke in Produktionen der letzten Lilienthal-Saison und lässt die Münchner, die auf ihn so gekränkt reagiert haben, dass sie ihm eine Vertragsverlängerung verweigerten, nicht besonders gut aussehen.

Es war natürlich nicht Tout Munich gekränkt, es waren vermutlich eher Politiker, die sich aus ihrer kulturellen Komfortzone herausgerissen fühlten, die die Notbremse gezogen haben, nachdem einige Schauspieler publikumswirksam gekündigt hatten. Wobei die Münchner ja wussten, auf was sie sich mit Lilienthal eingelassen haben; der war kein unbeschriebenes Blatt. 

Lilienthal wollte Internationalisierung einerseits und Eintrag der Freien Szene andererseits in seinen melting Pot einbringen; er konterkarierte das künstlerische Hierarchie- und Prestige-Denken. Das stieß in München anfänglich auf heftige Ablehnung. An sich ist das nichts Neues, dass neue Impulse altes Publikum verschrecken und die Erfahrung zeigt, dass die anfängliche Ablehnung bald in heiße Liebe sich verwandeln kann, so wie auch hier. Aber da war es schon zu spät. 

Vielleicht war der Einstieg (das ist in der Doku nur kurz erwähnt) auf dem falschen Fuß erfolgt. Lilienthal hatte eine Aktion, die er früher schon in Mannheim gemacht hat, als Visitenkarte gewählt: an den luxuriöstesten Plätzen hatten Künstler Notunterkünfte hingestellt, in denen der Zuschauer gegen Entgelt eine Nacht verbringen konnte. Dummerweise kamen just zu der Zeit die ersten Züge mit Flüchtlingen (2015) im Hauptbahnhof München an, Lilienthal konnte nicht mehr reagieren und die Musik spielte am Hauptbahnhof. 

Grabmayer und Meinecke berichten erst von dem gigantischen Projekt im Olympiastadion, das fantastische Diskrepanzen zwischen Kunst und Massensport, Größe und Intimität, Kleinheit und Gigantismus in Dialog bringt, ein Projekt von einem japanischen Regisseur, das neugierig macht. 

Das schaffen die Dokumentaristen mit ihren Adabei-Berichten auch bei den anderen Stücken. Sie bringen Impressionen aus der Entwicklung und von Vorstellungen von „Die Räuberinnen“, es folgt eine akkurate Re-Inszenierung von „Mittelreich“, statt mit weißen mit schwarzhäutigen Darstellern. Als besonderer Gag wird ein Blick auf die Inszenierung von „Kränkung der Menschheit“ geworfen, indem eine Darstellerin sich als SZ-Kritiker, als Lilienthal, als Jurypräsident verkleidet und Statements der Originale vorträgt. 

Es scheint, dass Lilienthal erfolgreich Verkrustungen aufgebrochen hat, die Scholle umgeackert und nur ein paar Körnchen der Ernte einfahren konnte. Jetzt sind neue Leute am Werk. Die haben es nicht mehr mit gekränkten Münchnern zu tun, die sind von Corona herausgefordert. Vielleicht wird uns eine weitere Doku in einigen Jahren darüber aufklären, was schlimmer ist. 

Alltagsdroge Crystal Meth (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.50 Uhr)

Rumhupfdoku.

Ein bißchen Beifang aus einem niederländischen Hafen, etwas Autobahn aus Deutschland, Beifang aus Nürnberg, von der tschechischen Grenze, Nahaufnahmen von Händen (Erinnerung an Albrecht Dürer, da Nürnberg in dieser konzeptlosen Doku von Annika Hoch, Christian Gramstadt und Danko Handrick eine gewisse Rolle spielt?) und da ein Statement von einem Kripo-Menschen und dort ein Statement von einem holländischen Drogenfahnder, der die Gefahr des Einmarsches mexikanischer Drogenkartelle an die Wand malt, und dort ein Statement von einer Frau, die auf einer Suchtklinik für Mütter arbeitet, und ein Statement von einem Helfer aus Passau und Bla und Bla und dies und das und dort eine kleine Info, wie leicht Chrystal Meth herzustellen sei und dass die Holländer den Tschechen den Rang ablaufen und Chemiker, die aus dem Abwasser einer Stadt auf den Crystal-Verbrauch schließen können (falls denn die Süchtigen ihr Wasser nicht irgendwo im Park oder im Wald lassen) und wieder Beifang von Autobahn und Beifang von Hausdach und Beifang von Passau und ein kleiner Seitenhieb auf die Politik, die sich vor allem für Hasch interessiere, und eine Selbsthilfegruppe an einem langen Tisch mit Selbsthilfe-Branding-T-Shirts und Kuddel und Muddel und ein Psychiater sagt was; eine Doku, die garantiert nicht preiswürdig ist, die eher neugierig auf das Rauschmittel macht als davon abhält, eine Planlos-Doku mit Reisebudget und einer Kamera, die nicht berauscht, aber ebensowenig berauschend ist, und Dunkelziffern spielen eine Rolle und Zeugen, die nicht erkannt werden wollen, und Spekulationen und nirgend ein stringenter Doku-Story-Faden, eine Allerweltsdoku, eine Rumhupf-Doku, eine Schwatz-Doku, die ihren Platz in der Gesellschaft noch finden muss, vielleicht in einer Doku-Selbsthilfegruppe für desorientierte Dokumentaristen, eine Doku, die der Behauptung, Chrystal- Meth sei kein Top-Thema, fettgedruckt recht gibt, und die mit Zahlen, die wie aus der Luft gegriffen wirken, um sich wirft, eine Doku, die auch mal abschweift auf einen schönen Eisenbrückenbogen, eine Doku, die nicht klar machen kann, warum sie mit Zwangsgebührengeldern finanziert werden muss.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. 

Lebenslinien: Einsatz in den Bergen (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.00 Uhr und ab Donnerstag, 7. Januar in der Mediathek)

Spanggangerl.

Wast Pertl, der Protagonist der Lebenslinien von Georg Antretter, war nach eigenen Worten als Junge ein Spanggangerl (hoffentlich richtig verstanden); so etwas wie ein Kaspar, ein Klassenclown. Hinter solchen steckt gerne Traurigkeit. Die liegt bei Pertl in der Kindheit auf dem elterlichen Hof begründet. 

Nachkriegszeit. Alles musste arbeiten, auch auswärts. Der kleine Pertl blieb tagelang in seinem Laufgatter sich selbst überlassen. Die alte Mutter erzählt heute noch, dass er jedoch immer munter gewesen sei. Er selbst konstatiert inzwischen Defizite, kaum Beschäftigung der Eltern mit ihm, kaum Liebkosungen, kaum Herzlichkeit. 

Bei der Bergwacht hat er mit dem Heranwachsen den menschlichen Kontakt gefunden, Heimat, das, was er vermisst hatte. Und gute Freunde. Später eine etwas ältere Krankenschwester, inzwischen seine Frau und die Mutter seiner Kinder. 

Diese Lebenslinien von Georg Antretter faszinieren durch die Persönlichkeit des Protagonisten. Das ist vielleicht das erste Geheimnis beim Format „Lebenslinien“, wenn es gelingt, eindrucksvolle Protagonisten zu finden, die nicht kamerageil sind, die aber vor der Kamera eine Natürlichkeit bewahren. 

Wie peinlich Lebenslinien sein können, wenn hauptamtliche Promis die Sendung als Werbezeit für sich als Markenbotschafter nutzen, da bleibt unübertroffen der Beitrag über Rosi Mittermaier und Christian Neureuther oder der PR-Film aus einem anderen Format (‚Kreuzer trifft‘) über Magdalena Neuner. Dass Gebührenzahler dafür zur Kasse gebeten werden, ist nicht nachvollziehbar, ja geradezu abstrus. 

Das zweite Geheimnis überzeugender „Lebenslinien“ betrifft den Dokumentaristen, den Menschen hinter der Kamera, der es schaffen muss, den oder die Porträtierte vor der Kamera glaubwürdig und persönlich erscheinen zu lassen. Auch das gelingt hier exzellent. 

Pertl ist ein bedächtiger Mensch. In dem, was er tut, ist er kreativ, lösungsorientiert, wie man das im modernen Businesssprech nennen würde. Von einem Tag auf den anderen musste er den Hof seines Vater übernehmen, ohne je gebauert zu haben. Beim Notar unterschrieb er etwas, von dem er keine Ahnung hatte, weil man das halt so macht. – Bald ist er im Tal der erste Ökolandwirt. Das wären Erfolgsmeldungen, die aber nicht als solche ausgeschlachtet, eher mit heimlichem Stolz erwähnt werden. 

Andererseits gibt es Unfälle, traumatische Erlebnisse. Der Einsturz des Eishallendaches in Bad Reichnhall. Hier wird er als Retter dazugerufen. Das verändert, traumatisiert ihn. Für ihn ist es ein gewaltiger Schritt, deshalb den Rat einer Psychologin zu suchen. Auch sie kommt hier vor. 

Antretter hat, was diese Lebenslinien noch mehr vom Durchschnitt abhebt, den Film mit einem leicht jazzigen Sound unterlegt. Das bringt diese Lebenslinien zum Schweben. Hinzu kommt der Sound ein wunderbar natürlich gewachsener Dialekt, nicht irgend so eine gecoachtes Schauspieler-Bayerisch. 

Über 30 Jahre Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort (BR, Dienstag, 29. Dezember 2020, 22.00 Uhr)

Hauspostille. 

Die zwei Kommissare Batic und Leitmayr, die sind echt ein Phänomen, nicht jetzt künstlerisch gesprochen, sondern in der viel schwierigeren Kunst, sich im Fernsehen zu halten. Und haben sich gehalten und halten sich und halten sich und wenn sie nicht gestorben sind, dann halten sie sich immer noch. 

Wenn eine Regisseurin wie Pia Strietmann einen kammerspielhaft intensiven Tatort mit den beiden macht, dann „darf“ sie im selben Jahr nochmal einen drehen, das ist BR-Redaktionssprech und das ist auch eine der wenigen Stellen, die etwas von dem offenbart, wie hier Politik gemacht wird, nämlich nicht mit Wettbewerb, sondern mit Gunsterweis, weil Frau Strietmann einen Tatort nach dem Gusto der Redakteurin gedreht hat („gefühlig“ meinte stefe) „darf“ sie gleich noch einen drehen, so die entscheidende Stephanie Heckner; das erinnert stefe an Kindergartentantengeschwurbel (wer schön brav ist, darf nochmal); grad modernes Rundfunkmanagement ist das nicht; das hat mit einem offenen Wettbewerb der Besten nichts zu tun und also nichts mit einer Qualitätsoptimierung, was mir höchst problematisch erscheint angesichts des Spardruckes beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und dass dessen Programm, wie der scheidende Intendant des BR, Ulrich Wilhelm, im Sommer zu sagen pflegte, selbst falls die Zwangsgebührenerhöhung kommen sollte, immer schlechter wird mit weniger Drehtagen und mit mehr Wiederholungen. 

Von diesen Subtilitäten des öffentlich-rechtliche Rundfunkes als einer Machtinstitution, in der weisungsgebundene Redakteure viel Macht im Ungang mit Zwangsgebührengeld haben, ist in dieser Hauspostille des BR zur Selbstbebauchpinselung des Erfolgspaares sonst kaum was zu erfahren. 

Bestenfalls noch, dass damals vor dreißig Jahren die Erfinderin in der Redaktion zwei junge fesche Männer wollte; ob da allerdings weit herum ein offenes Casting stattgefunden hat, oder ob man sich lieber auf Bekanntes verlassen hat, wird nicht erwähnt. 

Egal, die Paarung hat sich als Glücksall erwiesen, siehe oben, sie haben offenbar nie einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche verprellt, haben die Autoren offenbar – so weit geht der Mischmaschfilm von Heiko Rauber aus Statements und Tatort-Ausschnitten allerdings nicht -, zu tauglichen und quotenakzeptablen Drehbüchern inspiriert. 

Wobei die wirklich großen, filmisch großen Momente an weniger als einer Hand abzuzählen sind, Momente, die geblieben sind. Andere kommen einem, wenn man sie wieder sieht, bekannt vor, aber eben: Fernsehware im oberen Niveausegment und mehr auch nicht. 

Konzediert sei dem Tatort im Allgemeinen, durch seine verlässliche Sendeposition am Sonntagabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eine Art gesellschaftlicher Diskurs-Position einzunehmen: es wird weit, auch oft im Vorfeld, darüber berichtet, es wird sich auch oft am Arbeitsplatz darüber unterhalten, da sich die Praxis der Themenorientiertheit etabliert hat (siehe weiter unten Dominik Graf), also der Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen, was jahrzehntelang auch die Lindenstraße geleistet hat – und was ein Riesenunterschied zu den häufig gehypten Bezahl-Streaming-Diensten ist, die solches nie und nimmer leisten können.

Einen schmalen Einblick gibt es auch mit der Bemerkung von Dominik Graf, einem der Lieblingsregisseure der Redaktion, dass zu Beginn diese Kommissare noch diese selbst im Zentrum standen, während sich dann die Redaktionspolitik in Richtung Themen-Tatort entwickelt habe, also zu Filmen, die ein soziales, brennendes oder politisches Thema in den Mittelpunkt stellen. 

Diese Themenzentriertheit der Drehbücher, und da muss der geneigte Zuschauer selber weiterdenken, führte leider auch dazu, das deutsche Kino endgültig in die Bedeutungslosigkeit zu drängen, da kaum ein Kinofilm ohne Fernsehbeteiligung zustande kommt, also ohne den Einfluss von weisungsgebundenen Redakeuren, die dem Fernsehpublikum immer etwas erklären wollen, was im Kino leider fatal sich auswirkt, besonders, wenn Autoren um ein Thema herum Menschen erfinden, die eher aus Pappe als aus Fleisch und Blut und einer Individualhistorie bestehen. 

Einen weiteren Rezeptpunkt verrät die aktuelle Redakteurin von ihrem Hochhausbüro am Münchner Hauptbahnhof aus: dass die Filme immer auch etwas über München erzählen sollen. Omas Plätzchen mit anmächeligem Ortskolorit. 

Nebenbei gibt so ein Film auch bekannt, wer zu den bei der Redaktion beliebten Regisseuren und Darstellern gehört; gegenteiligenfalls, würden sie in so einer Blabla-Clip-Konglomerat-PR-Dokumentation sicher nicht aufgenommen. Es ist ein kleines, bescheidenes Eigenwerbungsfilmchen geworden, ohne tiefere oder neuere Einsichten; grad Schauspieler sollte man nicht über ihre Rollen plappern lassen.

Und noch ein Gedanke zu den zwei untödigen TV-Kommissaren: vielleicht ist es ja diese schicksalshafte Fessel der beiden und dass niemand auf die Idee käme, sie als Superschauspieler zu bezeichnen, diese Alltagsgewöhnlichkeit, dieses Fehlen jeglicher Aufsäßigkeit, was die beiden so erträglich für jegliche Redaktion macht, dieser Berufsfatalismus aus der Erkenntnis heraus, dass man es auch hätte bedeutend schlechter treffen können.