Archiv der Kategorie: TV

Lebenslinien: Normlos glücklich (BR, Montag, 29. April 2024, 22.00 Uhr)

Eine vorbildliche Deutsche

Diese Lebenslinien von Dr. Georg Bayerle unter redaktioneller Obhut von Christiane von Hahn über die Verlegerin Carola Niemann dürften ganz im Sinne eines öffentlich-rechtlichen Rundfunkes sein, dessen Grundauftrag die Wachhaltung eines demokratischen Geistes ist.

Hier geht es um Rassismus und den Umgang damit. Und da ist die Deutsche Carola fast schon als weise zu bezeichnen, wenn sie erzählt, wie sie einst Marcel Proust gelesen hat und eine ältere Dame sie in sympathisierend gebrochenem Deutsch zur weiteren Lektüre ermuntert hat. Sie zeigt Verständnis für die Dame, deren Leben seine Begrenzung in Umständen und Faktoren (also Carola verwendet nicht diese Ausdrücke) zu verdanken hat.

Ok, diese Lebenslinien sind auch eine PR-Veranstaltung für die von der Protagonistin herausgegebene Zeitschrift, die sich um die Probleme von Frauen, deren Masse die Norm überschreiten, kümmert.

Ihren eigenen Lebensweg sieht Carola selbst teilweise als abenteuerlich an. Mit 6 Jahren schickt sie ihr Vater aus Liberia nach Hindelang in Bayern. Sie muss damit klar kommen, dass sie anfangs kein Wort versteht, dass sie ausgelacht wird wegen ihrer Hautfarbe. Später kommt ihre Schwester nach und erst einige Jahre später ziehen auch Vater Mutter nach Deutschland um.

Die Familie muss sich in München neu erfinden. Das einschneidenste Erlebnis ist bald darauf der Tod der Mutter. Andererseits hat Carola das Verantwortungsbewusstsein einer Erstgborenen, was möglicherweise viel kompensiert.

Ein weiterer Faden im Gewirk ihres Lebens ist die Legasthenie. Diese wiederum aktiviert offenbar ganz besondere, andere Qualitäten und dank einer verständnisvollen Lehrerin schafft sie es, einen Umgang damit zu finden. Sie lernt Schneiderin beim angesagten Sweetheart in Schwabing, sie macht ihren Weg durch Moderedaktionen von Vogue bis zum Playboy. Sie ist das Gegenteil des Bildes vom notorisch jammernden Deutschen. Es lässt aber aufhorchen, dass ihre Tochter wiederum genau diese optimistischen Eigenschaften der Mutter nicht hat.

Der Titel der Sendung scheint mir etwas unglücklich, „Eine weise Deutsche“ wäre sicher zutreffender, denn ohne Norm ist ihr Leben ja nicht, ganz im Gegenteil: es sind empfehlenswerte Normen, wie Carola sie vorlebt, weniger im Sinne von Körpermaßen im Sinne der Modeindustrie, sondern von Normen, die eine demokratische Gesellschaft voranbringen.

Diener der Dunkelheit (BR, Sonntag, 28 April 2024, 23.15 Uhr)

Zwei Spürhunde auf Kaninchenjagd

Bei flüchtigem Überfliegen des BR-Textes zu diesem Mitternachtsfilm aus Italien von 2019 wird die Assoziation erweckt, es handle sich um das Reenactment einer 15 jährigen Gefangenschaft eines gekidnappten Mädchens.

Es gibt berühmte Beispiele und Filme darüber, 3096 Tage, die Natascha Kampusch in einem Keller gefangen gehalten worden ist.

Der Film jedoch von Donato Carrisi erzählt eine ganz andere Geschichte und das in industriell perfekter Manier, er erzählt einen Thriller, wie zwei Arten von Ermittlern versuchen, ein solches Verbrechen aufzuklären. Der Originaltitel des Filmes ist laut IMDb „L‘ uomo del labirinto“, der Mann des Labyrinths, der internationale Titel lautet „Into the Labyrinth“ und da ist auf dem Plakat Dustin Hofmann als der Ermittler drauf. Es geht also offenbar um den Ermittler und die Abgründe, in die er hineintaucht und nicht um das Opfer. Da erweckt der BR-Text einen völlig falschen Eindruck: „15 Jahre lang wurde Samantha Andretti (Valentina Bellè) von einem Unbekannten in einem Verlies gefangen gehalten. Dort war sie der Willkür ihres Wärters ausgeliefert, der sich ihr nie offenbarte, sie aber mit sadistischen Spielen quälte. …“

Der Fall wird akut, weil Samantha Andretti (Valentina Bellè) plötzlich freigelassen wird, ohne dass es bis heute irgend eine verwertbare Spur gegeben hätte.

Das Hauptkapitel des Filmes werden nun die beiden konkurrierend ermittelnden Spürhunde sein, tolle Schauspielerei. Doctor Green (Dustin Hoffman) ist ein berühmte Profiler. Er wird in langen Gesprächen mit Sam, wie er sie nennt, versuchen, Erinnerungen in ihr wieder lebendig werden zu lassen. Er ist ein raffinierter Ermittler. Die Gespräche werden von Beamten hinter einem Spiegel mitverfolgt. Es gibt Eingriffe von außen, mal ein Sandwich, mal ein Anruf. Meist spielt Doctor Green mit einem roten Ball. Ein wichtiges Thema wird das Labyrinth und ein Würfel, den es wie einen Zahlenkubus zu lösen gilt.

Da er früher mit der Suche betraut wurde, nimmt auch Bruno Genko (Toni Sevillo) den Fall wieder auf. Er führt in der bekannten Manier der Schnitzeljagd oder seriöser Ermittlungsarbeit den Thriller fort. Er ist hauptsächlich Geldeintreiber in Fällen plötzlich verschwundener Personen. Er hat als Hypothek den Befund einer tödlichen Krankheit mit nur noch kurzfristiger Überlebensperspektive. Er ist der souverän faszinierende Spürhund, der schlau ist und dem nichts Menschliches fremd sein dürfte. Er hat Beziehungen ins luxuriöse Milieu, zur Polizei und auch zu einem Typen, der ein riesiges Archiv mit Dokumenten über verschwundene Menschen verwaltet. Die Polizei sei bei ihm nicht gerade oft vor Ort.

Auf der Bruno-Seite kommt das Kaninchenmotiv ins Spiel, das zu einem treibenden Akteur wird, während in Krankenbefragungsraum das Labyrinthische die Angelegenheit rätselhaft macht. Der Film tut über weite Strecken dem Rationalitäts-Erkläranspruch des Zuschauers Genüge, eine Erkenntnis folgt auf die nächste, gegen Ende wandelt er sich mit einigen überraschenden Volten mehr dem Genre des Mysterythrillers zu.

Was die Marter der Opfer betrifft, bleibt es bei Andeutungen; es dominiert das typische Bild der wehrlosen Frau im weißen Nacht- oder Unterhemd – Bild der Ausgeliefertheit.

Lebenslinien: Christian Neureuther & Rosi Mittermaier – Eine unsterbliche Liebe (Montag, 22. April 2024, 22.00 Uhr)

Aufguss und Nachschlag

Auch nach ihrem Tod ist von Rosi Mittermeiers umwerfendem und gewinnendem Charme, wie in den Lebenslinien von 2018 zu sehen, nichts verloren gegangen. Man soll nichts wegwerfen. Der BR versteht sich auf Zweitverwertung, schiebt nach dem Tod von Rosi einen Aufguss mit Nachschlag nach.

Es gibt viel Zweitverwertbares aus den ersten Lebenslinien, ebenfalls von Daniela Agostini, inklusive Beibehaltung der unerlässlichen Werbewapperl bei solchen Markenbotschaftern oder in welcher Schublade auch immer sich ehemalige Sportgrößen verkaufen. Die sollen ihr Geld für die Kapitalisten (die Marken und deren Eigentümer) verdienen. Ein öffentlich-rechtlicher Sender müsste mehr Sensibilität zeigen, was er an Wapperln in so einem Film drin lässt (selbst wenn er sich juristisch absichert), besonders, wenn es um Zweitverwertung geht.

Ansonsten gibt es auf dieser Promi-PR-BR-Plattform nett Werbung für die Kinder der beiden berühmten Sportler. Das heile Familienleben soll weiter zelebriert werden. Und es ist ja auch schön, nicht nur, wenn eine Liebe auf den ersten Blick (sie damals 15, er 16) ein Leben lang hält. Das ist eine Seltenheit, eine Rarität. Vorzeigeglück vor und in Vorzeigelocations. Heile Welt, das war sozusagen das Markenzeichen der ehemaligen Ski-Asse.

Da ist es aber dann doch verwunderlich, dass Regisseurin Daniela Agostini aus dem Witwer Christian Neureuther nicht mehr als Plattitüden rausholt. Kein ernstes Wort über die Trauer. Kein ernstes Wort über den Verlust. Nur das Motto, die Rosi hätte gewollt, dass er lustig weitermache. Da ist man doch einigermaßen fassungslos, dass der Tod der Lebensgefährtin, gerade bei so einer ungewöhnlichen und ungewöhnlich langen Liebe, wie spurlos am Hinterbliebenen vorübergeht, bis auf ein paar etwas brüchigere Momente. Von Trauer- und Verlustarbeit kein Wort.

Die Redaktion sollte sich stärker bewusst machen, dass solche Protagonisten von Lebenslinien davon leben, dass sie prominent sind und dass eine dreiviertelstündige Personality-Sendung am TV diese Prominenz und damit deren Geschäftsmodell untermauert. Da darf sich der Zwangsgebührenzahler dann schon darüber ärgern, dass andere Leute mit der ihm abgeluchsten Zwangsgebühr ihr Geschäft ausbauen können, umso ärgerlicher, wenn wie hier, so gar nichts geboten wird außer Heileweltmalerei, die so nicht haltbar ist und von der kein Mensch glaubt, dass nach so einer Liebe die Trauer und die Verlustverarbeitung nicht weiter nennenswert sei.

Jedenfalls werden die Werbefritzen hinter den Markenbotschaftern sich hinhocken mit der Stoppuhr und messen, wie lange ihr Wapperl zu sehen gewesen ist.

Erfrischend ist es noch jedes Mal, die Rosi wieder zu sehen mit ihrem unwiderstehlichen, direkten Charme. Aber dazu brauchen wir kein öffentlich-rechtliches Fernsehen, dazu gibt es genügend Material auf Youtube. Es wäre also nicht nötig, für dieses Filmchen mit so bescheidenem Content, das Trauer und Verarbeitung von Verlust so oberflächlich wegschiebt, Zwangsgebührengelder einzusetzen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Hannes Jaenicke – Der Schauspieler, der die Welt verändern will (BR, Montag, 15. April 2024, 22.00 Uhr)

Hannes fällt in ein tiefes Loch
… und achtet besser auf seine Gesundheit …
eine Frau, die muss man anders beeindrucken…

Die Frage ist, warum diese Lebenslinien von Suli Kurban unter redaktioneller Betreuung durch Sonja Hachenberg so fad rüberkommen, dass ich mich nur damit beschäftigte, die Veränderungen im Gesicht des Protagonisten Hannes Jaenicke zwischen heute und früher im Archivmaterial zu betrachten, zum Beispiel die Struktur um die Augen herum, warum die Augen dann plötzlich so groß wirken.

Allerdings können die banalen Kommentarsätze aus dem Off dazu auch nichts beitragen. Schön für ihn, dass er glaubt, angekommen zu sein, dass er einen feinen Lebensstandard am Ammersee erreicht hat, da sieht der Zwangsgebührenzahler, der sich die Zwangsgebühr vom kleinen Haushaltskeinkommen abknapsen muss, wohin das Geld fließt.

Schön für den Protagonisten, dass er nicht findet, er sei wichtig. Warum lässt er sich dann von Jane Goodall beglückwünschen, ok, dafür kann er nichts, sehr wohl aber dafür, dass der Clip hier in die Sendung aufgenommen wird, um zu beweisen, wie wichtig und angesehen er doch sei.

Warum müssen all die Auszeichnungen für seine Dokumentarfilme gezeigt werden? Bescheidenheit sieht anders aus. Und die Info, dass für ihn eine Frau offenbar wie ein Gegenstand ist, den man beeindrucken soll, ist so originell jetzt auch wieder nicht (eher erzreaktionär).

Und sicher schön für Hannes Jaenicke, dass er glaubt, eine Mission zu haben und diese mit seinen Dokumentarfilmen zu erfüllen denkt. Nur ergibt sich dadurch aus den Lebenslinien grad so gar keine Anregung zu gar nichts. Aus sich heraus können sie nicht plausibel machen, warum Hannes Jaenicke die Gunst der Lebenslinien-Redaktion eines Features in ihrem Format erlangt hat.

Nein, nicht klar, was sich Christiane von Hahn und Sonja Hachenberger dabei gedacht haben. Ist es einfach an der Zeit, mal wieder einen Namen aus der Promi-Wühlkiste zu ziehen? Oder: der muss jetzt auch mal dran kommen, mit dieser doch tollen Chance auf PR?

Vielleicht sind diese Lebenslinien einfach auch so fad, weil die Regisseurin die dreiviertel Stunde devot dem Protagonisten zur Selbstdarstellung überlässt? Das ist eine extrem vertane Chance. Vielleicht gäbe es ja was Spannedes zu finden beim Hannes Jaenicke.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Die Schäferin und die Borreliose (BR, Montag, 25. März 2024, 22.00 Uhr)

Gefährliche Bravheit

Sicher, Schafe gelten als Symbol für Bravheit und Anpassung.

Die Borreliose hat allenfalls mit den Schafen gemein, dass sie aus der Natur kommt oder man sie sich in der Natur holen kann, so genau aber will Angelika Vogel es in ihrem eindrücklichen Porträt von der Mutter und Schäferin Heidi nicht wissen.

Auch dass Heidi in Australien als Kind deutscher Auswanderer zur Welt gekommen ist, hat erst mal mit Schäferei und Borreliose nichts zu tun. An Australien hat sie sowieso wenig Erinnerungen. Denn mit etwas 5 Jahren ist die Mutter nach Deutschland remigriert, Heidi in Unterfranken aufgewachsen als das Kind, das sich immer zurückgenommen hat, das Bravheit als oberstes Prinzip befolgt, um nicht aufzufallen, um in dem Lärm von Welt und Familie nicht mitwetteifern zu müssen.

Frieden findet Heidi in der Natur, später auch im Gebet. Und so brav wie sie sich in der Familie verhält, ohne je eigene Ansprüche anzumelden, so verhält sie sich in ihrer ersten Ehe mit einem Forstwissenschaftler. Bis sie irgendwann spürt, dass sie sich selbst keinen Gefallen tut damit. Nach Anläufen findet sie den Power zur Trennung.

Es folgt die Schäferphase in Unterfranken und immer Sommer mit Mann und tausend Schafen auf der Rhön. Und noch zwei Kinder, ein traumhaft ausgebautes Klosterwohnhaus als Familiendomizil. Dann schlägt die Borreliose heimtückisch zu, zehn Jahre ist es her. Kämpfe mit den Versicherungen wegen der Anerkennung und damit Übernahme der Kosten. Schwierige Zeit auch für ihren Ehemann.

Die Lebenslinien unter der Redaktion von Christiane von Hahn berichten über Heidi, wie sie dank Nichtaufgeben im Kampf gegen die Gleichgewichtsstörungen den ersten Sommer wieder mitgeht mit den Schafen auf die Rhön. Nach und nach kommt die Kondition zum Hüten wieder. Sie kann den Frieden des Schäfers genießen. Aber inzwischen hat sich in der Nähe ein Wolfsrudel angesiedelt …

Ein schönes Beispiel für eine weibliche Emanzipationgeschichte und wie beschwerlich die war.

Friedfeld, Folgen 1 – 5 (ARD, Freitag, 22. März 2024, 09.00 Uhr)

Weichgespülte Simpsons

Die Simpsons, das scheint die Ambition der ARD-Redakteure Patricius Mayer (BR), Claudia Simionescu (BR) und Simon Riedl (SWR) gewesen zu sein. Da sie öffentlich-rechtlich und also weisungsgebunden sind, darf es keine Ecken und Kanten geben, keinen richtigen Biss.

Herausgekommen sind also nach Drehbuch und Regie von Alfonso Maestro und Tillmann Orion Brehmer deutsche Simpsons auf Sparflamme, die Friedefelder, eine Gruppe von Comic-Figuren mit wenig Charakter und ohne geistige Schärfe, die vor allem Reproduzenten alberner Pennälerwitzchen sind.

Es muss alles, was sich nach Zeitgeist anhört, wenig originell durch den Kako gezogen werden mit einem Schlagwortfragmentensalat aus allen möglichen Trendbereichen wie Gesundheit, Öko, Klimaveränderung, Welthandel, Feminismus, Konsumwelt, Werbewelt, Mondo Hygienico, Sport und Autos, Karrierismus, Social Media, Hochzeit, Polyamorie, Tourismus und Pilgertourismus.

Weichgespült wirken die Comics auch durch die wenig gepflegte deutsche Synchro. Die Einfachheit der Zeichnungen wird nicht mit spitzer Prägnanz kompensiert.

Mich als Zwangsgebührenzahler ärgert es, dass ich sowas mitfinanzieren muss. Wenn die Comics richtig gut wären, so dürften sie ohne weiteres kommerziell rentieren und bräuchten nicht die Gunst von öffentlich-rechtlichen Fernsehredakteuren. Wobei dieses Fernsehen doch sowieso sparen sollte. Auf solche Ausgaben kann es problemlos verzichten.

Ein Beispiel für den Humor: die T-Shirt-Inschrift „My Pen is huge“ … dem Typen setzen wir ein ARD-Krönchen auf – oder er erhält einen ARD-Spartanga.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Stimmen vom Feuer (BR, Mittwoch, 6. März, 2024, 22.45 Uhr)

„Obwohl die Sklaverei weltweit abgeschafft ist, werden jedes Jahr schätzungsweise 40 Millionen Menschen Opfer des modernen Menschenhandels.
Von diesen 40 Millionen Fällen wird nur ein Bruchteil bemerkt. 2020 wurden weltweit nur 48.000 Opfer entdeckt. 70 % davon weiblich. Über 50 % waren in sexuelle Ausbeutung gefangen. Über 30 % der Opfer waren Kinder.
Der Rest der 40 Millionen Opfer blieb ohne Gesicht und Stimme. Ihre Geschichten sind unbekannt.“

Die Welt der Frauen retten,

das wollen wohl BR-Redakteurin Clauia Gladziejewski und Dokumentaristin Helen Simon mit diesem Film. Sie wollen den 40 Millionen Opfern ohne Gesicht und Stimme zur Vernehmlichkeit verhelfen. Sie wollen auffordern zum Handeln. „Hütet das Feuer. Treibt die Flammen an. Es ist höchste Zeit, all dies Leid zu beenden und die Dunkelheit in Licht zu verwandeln.“ – so heißt es im Film.

Was also macht dieser Film, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen?

Er bedient sich bei der beim TV präferierten Verzopfmanier verschiedener Erzählstränge. Einer davon besteht aus zwei Aktivistinnen und Medienprofis, die auf dem internationalen Aktivismus-Parkett – luxuriöse Hotels, feine Tagungsräume – gekonnt von ihren Erlebnissen als Ex-Prostitutierte erzählen. Schauderliche Dinge sind es, die sie erlebt haben und die in dieser Umgebung noch gruseliger wirken.

Ein weiterer Zopf treibt sich privat-tv-haft im Prostituiertenmilieu in Prag herum. Die Ausbeute ist im Rahmen des Erwartbaren üblicher Schaudergeschichten.

Der dritte Zopf springt auf den Zug des internationalen Doku-Jetsets auf mit Titeln wie: Provinz Gauten, Südafrika, Provinz Chaing Mai, Thailand oder Provinz Manitoba, Kanada. Hier wirkt die Doku am Diffusesten mit einem Chor von nicht grad super „nachgestellten“ Frauenstimmen nicht identifizierbarer Herkunft und mit weiteren Scheusslichkeiten aus anonymen Leben.

Zweifel bleiben, ob mit so einem Film auch nur ein Frauenleben gerettet, auch nur eine Frau zur Emanzipation animiert werden kann und insofern stellt sich die Frage nach der Sinnigkeit der Finanzierung so einer Produktion durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dessen Finanzierung wiederum an mir als Zwangsgebührenzahler hängen bleibt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Ein Mann zum Verlieben – L‘ Homme Fièle (BR, Sonntag, 18. Februar 2024, 23.15 Uhr)

Französische Eleganz-Routine
Trottel zwischen Frauen

Mei, was das Fernsehen, hier das Bayerische, so auf Zwangsgebührenzahlers Kosten einkauft, um es tief in der Nacht zu versenden; wäre echt nicht nötig; könnte Geld sparen, so ein schnell runtergedrehter, schnell skizzierter kaum mehr als 70-minütiger Film wäre verzichtbar.

Einfache Grundkonstellation, drei Ich-Erzähler/innen. Mann, Trottel zwischen zwei Frauen. Er sieht filmgut aus, Louis Garrel, hat mit Jean-Claude-Carrière in Zusammenarbeit mit Florence Seyvos auch das Drehbuch geschrieben und spielt zudem die Hauptrolle des Abel, eines Journalisten in Paris.

Der Film fängt mit einem Knaller an. Abel erzählt, das sei passiert, nachdem er etwa drei Jahre mit Marianne (Laetitia Casta) zusammengelebt habe. Sie offenbart ihm, dass sie schwanger sei. Aber nicht von ihm. Hoppla. Von seinem Freund Paul.

Er zieht sofort aus. Schon da tröstet ihn auf der Straße Ève (mit 13: Diane Courseille; dann Lily-Rose Depp), die ihm nachstiehlt. Sie ist die Schwester des Mannes, der Marianne geschwängert hat.

Acht Jahre später später stirbt dieser Paul eines völlig unerwarteten Todes in der Nacht. Bei der Beerdigung begegnet Abel Marianne wieder. Jetzt geht es hin und her, denn auch Ève ist da, jetzt älter, hungriger, aktiver.

Der Trottel ist zwischen den Frauen hin- und hergerissen, muss mit all seinem Gepäck bald da, bald dort ausziehen; nicht nur die Frauen spielen ihr Spiel, auch der kleine Joseph (Joseph Engel) aus der Beziehung von Marianne und dem verstorbenen Paul mischt intrigant mit mit Verschwörungstheorien und Behauptungen – und sucht doch nur nach einem Ersatz für den Vater.

Countdown auf einem ehrwürdigen Pariser Friedhof.
Friede über diesen Film und über Doktor Pfingstrose (Vladislav Galard), der auch eine unklare Rolle spielt.

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School of Champions – Folge 2 (ARD, Mittwoch, 14. Februar, 21.00 Uhr)

Musikgesülzt
stinkig clicheereich; Naval, die lieber Sport macht – und von der Besetzung her überhaupt nicht nach Sport aussieht, Konflikt, Konflikt, die extravagante Mutter (viel fehlt ihr nicht zur Eiskönigin) will, dass Tochter Naval ein anderes Gymnasium besucht; aber sie stürzt bei der Testabfahrt, ha, ha, Konflikt mit Mutter, der dann, ohne ausgetragen zu werden, verständnisvoll gelöst wird. Man erfährt so nichts über die Personen, über ihre Charaktere, die ihr Handeln verständlich gestalten würden.

Eine schauderhaft Musiksüßsauce drüber.

Konflikt, Konflikt, Nikki (interessanter Typ), der Sohn des aalglatten Trainers (dem man den Sportler auch nicht abnimmt), ha ha, Konflikt, Konflikt…. der dann ohne ausgetragen zu werden sanft in eine Lösung übergleitet. Nikki, der sich etwas bunt kleidet.
Dann der schmierige Politiker, so richt auf schmierig gespielt.

Ok, es gibt jede Menge rasender Skiabfahrten, die schauen gefährlich aus – und sind auch mal gefährlich, siehe den Film über die Streif – One Hell of a Ride. Immerhin, das Thema wird am Ende der Folge auch angedeutet; beim Feiern der Aufgenommenen in der Disko (obligater Bestandteil für das „Gut zum Dreh“ einer deutschen Fernsehserie), wird Nikko vorgeworfen, er sei nur dank seinem Vater reingekommen; dieser wird als Mörder bezeichnet. Da ist dann kurz Schluss mit süßlich und es setzt einen Faustschlag, poing, Ende der Folge.

Teilweise wirkt die Folge wie eine Fernseh-Übertragung von Skirennen …

Ein gemeinsamer Nenner bei den Erfindungen ergibt sich daraus, dass drei Alpenländer an der Produktion beteiligt sind, als muss Bayerisch, Österreichisch und Schweizerisch gesprochen werden. Daraus ergibt sich ein fröhliche Sprachensalat … da haben die Redaktionen wohl lange drüber diskutiert, weil das wieder einen neuen TV-Realismus schafft, vielleicht liegt es an diesem dass die Erzählung so erfunden wirkt. Im Sinne: was fällt Ihnen ein, wenn sie an Skisport und an Sportgymnasium denken; was könnten sich hier für Konflikte ausdenken lassen?

Die öde Aufnahmediskussion: auch diese wirkt wie aus der Retorte; „man“ weiß, dass Aufnahmekriterien nicht immer objektiv sind; also soll der schmierige Bürgermeister sich für den Lokalproporz einsetzen; warum er in dieser Kommission ist, wird nicht plausibel gemacht. Aber Moment, der Zausel ist vielleicht gar nicht der Bürgermeister.

Gewicht des Themas: Es geht um die tollen Karrieren – Gedankenpause – in einschläferndem TV-Realismus.

Ein Stück wie geschafffen aus der TV-Retorte, wobei beim Casting der jugendlichen Protagonisten mehr Wert auf Fernsehsüße und nicht auf athletische Street-Credibility gelegt worden zu sein scheint.

Es ist ein Drehbuch, was nicht von Menschenbeobachtung ausgeht, es wirkt so, als ob einer nach einem Teach-Yourself-Buch „TV-Drehbuchschreiben leicht gemacht“ geschrieben hätte. Und da gehört heute die Genderdiversität dazu, sehr ordentlich ist auch diese eingebracht in die Folge.

Vermutlich wäre eine Doku, aufgenommen mit versteckter Kamera, über das Zustandekommen und die Entwicklung von so einer Serie hundertmal spannender als das nach allen Seiten geglättete Produkt einer tüftelig-komplexen Redaktions-Konsensnotwendigkeit.

Aus sich heraus lässt sich jedenfalls bis jetzt aus der Serie kein Need für die Notwendigkeit ihrer Herstellung und ihrer Versendung im ARD-Programm erkennen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

School of Champions – Folge 1 (ARD, Mittwoch, 14. Februar 2024, 20.15 Uhr)

Man sieht, dass es mühsam ist, so eine Serie in Gang zu setzen.

Immerhin gibt es einige Klarheiten bei der Exposition: die Bauernmädel vom Land und die von der Skiakademie. Das einfache Ehepaar Strobl mit den beiden schnuckeligen Töchtern mit dem Skitalent. Die Skiakademie Gastein, die finanzielle Probleme hat und einen Todesfall auf der Pist. Das Semester, das anfängt. Wie das Rezept für einen College-Film.

Die Kandidaten kommen an. Eine Gruppe kristallisiert sich heraus, mit der man dann wohl mitgehen soll, ob sie es schaffen, wie Rivalitäten aufkommen und Liebschaften. Es ist so geüblicht. Erstaunlich ist, dass Bauerntochter Dani Probleme bei den Prüfungen hat. Aber die Familie ist für sie da. Naval, Outsiderin aus der Schweiz. Und auch hier ist die Mutter für sie da. Und alle haben sie ihren Handy-Kontakt nach zuhause.

Ach, Du Kacke, und der österreichisch Schulleiter Mark knutscht mit der Assistentin Franziska rum und erwischt Nicki und noch einen Kandidaten, die nachts ausgehen. Oh, das ist so abgefuckt langweilig, läuft auf so ausgeleierten Erzählbahnen.

Und dann ist da diese Leiche, die immer wieder in die Handlung platzen könnte, zum Beispiel in Form von deren Eltern oder in Form von einem Gedenkkreuzerl im Schnee. Die Musik, die von stäubend-treibendem Schneewalzerglück erzählt, hilft auch nicht weiter.

Wahrscheinlich müsste man, wenn man so eine Serie spannend beginnen wollte, genau wissen, was man damit erzählen will. Sich also das erst mal gründlich überlegen. Hier scheint es, als ob die Überlegungen die waren, man wolle was mit Skiakademie machen, womöglich gab es eine Beziehung zu Gastein, mit irgendwelchen a priori festgelegten, erzählerisch vollkommen belanglosen Parametern. Und dann muss drum herum die Story zurechtgebogen werden. So ist es auch für die Schauspieler schwierig, auf so wackligem Boden plausible Performances zu bieten.
Zu dünn für ein ARD-Hauptprogramm.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!