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Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen (ARD, Sonntag, 8. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Bunt wie ein Kinderfasching.
Unterbezahlte Polizisten in München. Auswüchse des Finanz-Kapitalismus.

„Bauchlandungen, die einen stärker machen“.
„Ich habe in meine Tampons geweint“
.

Aus dem bunten, wild verquirlten Münchner Wimmelbild soll der Zuschauer herausermitteln, was Dominik Graf nach dem Drehbuch von Günter Schütter unter der redaktionellen Oberaufsicht von Cornelia Ackers dem öffentlich-rechtlichen Rest-Zuschauer am Sonntagabend zutrauen will.

Die Quintessenz dürfte als eine schallende Ohrfeige für den ungezügelten Finanz- und Immobilienkapitalismus gedacht sein, dass einfache Polizisten in München, um leben zu können, zusätzliche Finanzquellen erschließen müssen. Einer arbeitet nebenher als Escort.

Die neue Münchner Truppe vom Polizeiruf 110, die bei ihrem ersten Auftritt wie eine Leuchtgestalt daherkam, weil endlich die Erdenschwere des hochneurotischen Vorgängerkommissars weg war, wirkt diesmal schon wie routiniert, außerdem hat sie auf ihre spannendste Figur verzichtet, den Bruder der neuen Kommissarin, die dadurch gleich weniger schillernd, dafür einsamer und TV-gewöhnlicher daherkommt.

Diese Truppe muss die Geschäftsräume einer Finanzhandelsfirma verwanzen und erfährt dadurch vom Handel mit den MTT-Aktien. Da sie alle gewiefte Börsianer sind – natürlich nicht – und hier schon ist das Drehbuch von Schütter löchrig, plausibel zu machen, wie sie überhaupt auf die irre Geldvermehrungsidee kommen – , was nicht stimmt, aber der Film erweckt empirisch den Eindruck, dass wer Räume eine Finanztransaktionsfirma verwanzt, gleich den Börsenhandel inhaliert, also die Truppe kommt auf die Idee, mit diesen Aktien zu spekulieren, da sie Einblick in die Firma bekommen, die sie Tag und Nacht überwachen. Und da sie alle in Finanznöten sind oder Schulden haben, beleihen sie Besitz, borgen sich Geld und fangen damit an, auf MTT zu spekulieren; da kann nichts schief gehen.

Diese Phase, wie die MTT-ler vor den Börsenbildschirmen sitzen und die Polizeirufler hinter den Überwachungsschirmen, montiert Graf wie einen lustigen Kindergeburtstag.

Sie übertreiben es. Die Spekulation geht schief, da die Börse den Handel aussetzt. Die Untersuchungen beginnen und mit ihnen die Vertuschungs- und Bestechungsversuche, genau ist das alles nicht so richtig nachvollziehbar, umso mehr als der Film in TV-asthmatischer Kurzatmigkeit geschnitten ist, dann sich wieder nicht einkriegt vor wunderschön nächtlichen Naturaufnahmen mitten aus Münchens Au und dann müssen ja auch noch Annäherungs- und Liebesversuche in den Film, originellerweise Küssen im Kopfstand unter der Dusche, und jede Menge andere Dinge, die mit der Story herzlich wenig zu tun haben, an denen sich Dominik Graf aber offenbar nicht sattsehen kann.

Für den Drehbuchschreiber: er schaue sich Official Secrets an: wie hier präzise und mit extremer Thrillerspannung ein einziger Fall nachgebaut wird in einer Stunde 50 Minuten, während hier für 90 Minuten nur ein Kuddelmuddelfall verwurstet wird. Ein Drehbuch muss ja nichts erklären, aber klar machen, was es erzählen will, das sollte es schon.

Gscheiter wäre, eine einfache klare Geschichte zu nehmen und nicht so eine verkopfte, verzopfte, kompliziert-komplexe mit den Börsengeschichten; und die einfache Geschichte stattdessen nachvollziehbar zu erzählen, da bleibt keine Zeit für Kindereien wie Zeitrafferaufnahmen über die Bahngleise, da gewinnt man Zeit, die menschlichen Charaktere differenzierter darzustellen und sie nicht auf die Probleme mit Geld (und Ficken) zu reduzieren und sie deshalb nicht richtig nachvollziehbar emotionale Ausbrüche spielen zu lassen.

Es gibt auch besonders misslungene Szenen, zum Beispiel diejenige im Hotel Seefeld in Tirol, wodurch aus der Imagewerbung ein Rohrkrepierer wird. Da möchte man nicht hin. Aber auch viele Verletzungsszenen wirken schlecht gearbeitet. Oder die Szene, bei welcher einer der Typen mit einer roten Ketchup-Tube mit einer Flüssigkeit wie Öl drin hantiert, das ist schon unrealistisch gemacht, und wie er die Flüssigkeit der Frau ins Gesicht spritzt und der Zuschauer weiß nicht, spinnt die Frau oder war da etwas anderes drin als Öl? Die Aufklärung folgt später, wenn es zu spät ist. Das sind alles Beweise für die Absicht von BR-Boss und ARD-Sprecher Ulrich Wilhelm (der mit dem Kanzlerinnengehalt!),  bei einer Erhöhung der Zwangsgebühr noch mehr Minderqualität zu liefern und dabei  gleichzeitig auf mehr Akzeptanz durch das Publikum zu spekulieren.

Wie beim Fersehen sprechen sie alle schöne ganze Sätze und parodieren das auch noch – aber was soll die Redakteurin denken, wenn mal keine ganzen Sätze mehr im Drehbuch stehen. Es sind Sätze, die für die TV-Redakteure gedacht sind, die intellektuellen Anspruch markieren und die meist mit den Figuren, die sie sagen und den Zusammenhängen der Story wenig zu tun haben („Ich habe in meine Tampons geweint“ – das machen möglicherweise Zwangsgebührentreuhänderinnen, wenn sie wieder neue, nur schwer verfilmbare Krimidrehbücher in die Hände bekommen wie dieses).
Intellektuelle Eitelsätze, die zwar die Eitelkeit des Autors abbilden, nicht aber zur Figurcharakterisierung beitragen; eben nicht dem Volk aufs Maul geschaut. Da wären die Fernsehredakteure offenbar überfordert. Sätze, die den Intellekt von Fernsehredakteuren kitzeln mögen, nicht aber den des Zuschauers, da sie meist in kaum einem Zusammenhang zum Fortgang der Geschichte stehen.

„Häng das nicht an die große Glocke, sonst sind wir geliefert.“
„Das ist das München bei Nacht, das muss man wegschnapsen.“
„Das sind die Opernfestespiele am Max-Josephs-Platz“ (die hört man offenbar bis zur Ettstraße, damit trägt Graf zwar ein Momentum zu seiner Münchenliebe bei, hilft aber der Geschichte nicht weiter).
„Für jemand, der nicht im Wertpapiergeschäft tätig ist, hast Du eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“.
„Und wenn man endlich schlafen kann, dann erwacht man mit einem Kissen zwischen den Beinen“.

Der Zwangsgebührenzahler sieht nicht ein, warum der Staat ihn zwingt, solch unausgegorenes Halbzeugs (was zwar ein schönes Production-Design hat, in dem der Regisseur seinen Giallo-Romantizismus auslebt): Schöne Lichtspiele. Schönbildfernsehen, Bildschönfernsehen, romantische Unterführungen, Kneipen, Steilufer mit Treppen, nächtliche Brücken und Kanäle, romantische Lichtung inklusive Schießerei, romantisch beleuchtete Freauenkirche), was noch dazu unsauber erzählt wird, zu finanzieren, bei dem das Interesse in keinem Moment richtig Tritt fassen kann.

Wenn sie schon so wenig Zeit und Geld haben, warum müssen solche Geschichten immer so kompliziert und dafür nur oberflächlich gearbeitet sein?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Die Oslo-Tagebücher (BR, Mittwoch, 27. November 2019, 22.45 Uhr)

Reminiszenz.

„1992 trifft sich eine kleine Gruppe von Israelis und Palästinensern im norwegischen Oslo unter strikter Geheimhaltung.
Nur wenige sind eingeweiht.
Die Unterhändler wollen das Blutvergießen beenden.
Ihre Tagebücher erzählen die Geschichte eines wagemutigen Abkommens.
Für einen Moment schien Frieden möglich.“

Und dann ward der ganze Prozess nur eine Reminiszenz, Fußnote einer unsäglichen, immer noch andauernden, immer mehr aus den Fugen geratenden Geschichte mit dem grandios menschlich-humoristischen Höhepunkt des rhetorischen Austausches zwischen Itzhak Rabin und Jassir Arafat bei der Unterzeichnung des Gaza-Jericho-Abkommens von 1984 in Kairo.

Frieden schien greifbar, Frieden in Nahost schien möglich, die Befriedung des Israel-Palästina-Konfliktes. Es folgt die Ermordung Itzhak Rabins und die Etablierung des aggressiven, korrupten, friedensfeindlichen Netanjahu.

Längst hat sich der Konflikt über den Nahen Osten hinausgeschaukelt. Fanatische Zionisten brandmarken jede Kritik an der Politik Israels (die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik, die mit der Apartheid vergleichbare Unterdrückung und Ungleichbehandlung der Palästinenser, der ständige, völkerrechtswidrige Siedlungsbau) als Antisemitismus. Dieser wird dadurch zu einem noch größeren Monster aufgebläht als er eh schon ist, wird noch attraktiver für Krawallmacher jeglicher Couleur, die Rabatz und Schlagzeilen machen wollen. Dies Monster-Monstrum führte zur grotesken Annahme des Antrages zur Bekämpfung der BDS-Kampagne im Bundestag.

Hineinzufinden in den Film von Mor Loushy und Daniel Sivan ist etwas verwirrend. Haben die diese damals topgeheimen Verhandlungen in Oslo wirklich gefilmt? Oder sind das die Reenactment-Szenen, die im Abspann erwähnt werden? Das irritiert, auch weil es, bis auf den oben zitierten, vorangestellten Text, keinen Rahmen gibt, weil der Film praktisch in medias res eintaucht, so dass der Zuschauer ein Defizift an spezifischen Informationen bei sich empfindet. Es wird zuviel vorausgesetzt.

Es irritiert merklich, dass diese topgeheimen, ersten Versuche einer Annäherung der israelischen Poltik an die PLO, die unter Arafat noch in Tunis residierte, so detailliert gefilmt worden sein sollen. Andererseits belegen die Tagebuchberichte der Teilnehmer Authentizität – es waren zwei israelische Professoren und 3 Palästinenser aus Tunis.

Dann aber entwickelt die Dokumentation ihr eigenes, spannendes Drama von weltpolitischer Bedeutung, wie die Geheimverhandlungen an die Öffentlichkeit gelangen, wie sowohl die israelische als auch die palästinensische Politik zum Friedensprozess stehen, der sich auf die Vertragsunterzeichnung in Washington zuspitzt unter Anwesenheit von Clinton, Rabin, Arafat.

Nach weiteren Verhandlungsrunden in Taba, in Ägypten, schreitet der Film zum nächsten Höhepunkt, der Unterzeichnung des Gaza-Jericho-Abkommens bis hin zum sehnlichsten Wunsch von Rabin, in Israel nicht immer nur die Hetzerveranstaltungen von Netanjahu zu haben, sondern auch einmal eine Pro-Friedensdemonstration.

Schönster Höhepunkt für Rabin mit brutalem Schluss. Startschuss Netanjahus als Ministerpäsident, ein unseliges Kapitel mit wieder Tausenden von Toten auf beiden Seiten.

Hindafing – 2. Der Mann der Stunde (BR, Dienstag, 26. November 2019, 21.00 Uhr)

Alles Bananenrepublik.

In der vorhergehenden Folge hat der neue Landtagsabgeordnete Zischl (Maximilan Brückner) auf die Landtagspräsidentin geschossen. Das war ziemlich unplausibel eingeführt, wie er sich zur Jagdgesellschaft reinschummelt, sich bei Beginn der Jagd aber absondert, dafür gibt es keine Begründung, er wollte ja an die Landtagspräsidentin herankommen.

Dann sieht er einen kapitalen Bock – und trifft die Landtagspräsidentin. Diese Folge beschäftigt sich nun mit den Folgen dieses Jagdunfalls. Wie Zischl sich erst im Unterholz in der Nähe der Jagdgesellschaft eine Nacht lang versteckt, statt das Weite zu suchen, eine nicht nachvollziehbare Handlung, wie er aus unerfindlichen Gründen beim Nahen der taschenlampenbewehrten Suchtrupps sein Gesicht schwärzt, wie er gefunden wird und plötzlich als Held dasteht, wie aber auch sein Gewehr konfisziert wird, er also, ganz geläufiger Plot, versuchen muss, des Beweisstückes habhaft zu werden und es zu beseitigen; weil es in der Hindafinger Politik nicht üblich ist, zu seinen Taten zu stehen.

Das wäre, von der dünnen Begründung der Ausgangslage abgesehen, eine solide Politthriller-Handlung. Aber die wird nur kursorisch erzählt. Der Macher Boris Kunz, der mit Niklas Hoffmann und Rafael Parente auch das Drehbuch geschrieben hat, fädelt noch diverse Nebengeschichten ein, die damit nichts zu tun haben oder nur peripher und die die Storyline immer wieder abrupt unterbrechen und den Erzählfluss zerfaseln.

Das Ziel dieses BR-Unternehmens scheint es zu sein, den Beweis zu erbringen, dass unser Land eine Bananrepublik ist – um das zu erfahren, reicht es aus, die Zeitungen und das Internet zu lesen; als Projekt aber ist es ziemlich silly. Leider sind die Spielfiguren lediglich daraufhin konstruiert, diesen Beweis zu erbringen, also auf korrupte Handlungen und im Gefolge dessen auf Vertuschung dieser Handlungen.

Insofern sind die Figuren unterkomplex angelegt, es fehlt ihnen die humane Breite, die bayerische Doppelbödigkeit und die Konflikte, sie stolpern nur über die vermeintlich eigene Raffiniertheit.

Vielleicht sind die Fernsehredakteure Jaeger vom BR und Ceppel von ARTE so begeistert von diesen dünnen Filmen, weil sie ja selbst mitten im Pfründepfuhl des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes sitzen und agieren und so den Blick für die Realität draußen verloren haben. Immerhin bekommen so ein paar arbeitslose Darsteller Zwangsgebührengeld auf ihr Konto überwiesen. Dem Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes ist solch simplizistisches Menschenbild wenig dienlich.

Mit dem überwiegend biederen Bauerntheatercast ist kein Blumentopf zu gewinnen bei der mutmaßlichen Pep- und Popintention. Thema: Deutschland ist a priori eine Bananrepublik. Das zu behaupten kostet wenig Mut.

Die jazzige Musikuntermalung bekräftigt die Intention, nicht aber das Resultat.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Hindafing – 1. Hidden Champion (BR, Dienstag, 26. November 2019, 20.15 Uhr)

Der Start dieser Serie 2017 war an sich nicht so, dass sie nach einer Fortsetzung verlangt hätte (Donau Village).

Trotzdem haben BR und arte unter den redaktionellen Auspizien von Elmar Jaeger und Uta Cappel neue Fortsetzungen von Boris Kunz nach dessen Drehbuch, das er mit Niklas Hoffmann und Rafael Parente geschrieben hat, drehen lassen. Fachlich ist das in keiner Weise gerechtfertigt. Das Resultat kann die Richtigkeit dieser Entscheidung nicht bestätigen.

Es bleibt die Absicht einer oberflächlichen, hip sein wollenden Persiflage auf den Politbetrieb, der mit gängigem modernem Business-Slang angereichert wird, dann kommen Koks und Sex als Asservaten obendrein, pardon, als Accessoirs dazu, weil es halt schick ist, aber nichts mit der Sache zu tun hat; zumindest wird es so präsentiert, dass es nicht mit einer möglichen Realität zur Deckung gebracht werden könnte, mithin fehlt es weithin massiv an Glaubwürdigkeit.

Dagegen versucht die Schwerkraft des Gesetzes der Serie zu arbeiten. Man setzt auf den Gewöhnungseffekt. Das kann das einzige Motiv der Redakteure sein, und auf das Geld kommt es ihnen ja nicht an, sie fühlen sich offenbar dem Zwangsgebührenzahler wenig verpflichtet und glauben, der stelle ihnen aus reiner Gaudi Geld für wenig experimentelle Experimente zur Verfügung, die uns einen Landtagsabgeordneten zeigen, wie es ihn garantiert nicht gibt, ja wie nicht mal ein Maximilian Brückner ihn plausibel machen kann.

Und sollte es in München tatsächlich so eine Szene einmal gegeben haben, dass ein Abgeordneter vom Lande sich bei der Wohnungssuche so übel vordrängt und aufführt, dann ist es so inszeniert, dass man es nicht für möglich hält, schon wegen der schnöseligen Grundhaltung, es allen mal zeigen zu wollen, den Politikern und Unternehmern, was für Arschlöcher sie sind. Für anspruchsvolles Fernsehen ist das zu wenig.

Die depperte Vorzimmerdame, die gibt es in jedem depperten Bauerntheater, auch da zeigt das Format wenig innovativen Pfiff. Dünnpfiff statt Pfiff.

So bescheuert wie der Landtagsabgeordnete Zipfl sich auf die Jagd begibt und die Landtagspräsidentin anschießt, das ist weder lustig noch realistisch, das ist krampfhaft erzwungener Möchtegern-Humor. Sollen die erst mal nachlesen, wie ein Curt Goetz einen Jagdunfall dramaturgisch einsetzt.

Es mag sein, dass bissige Gesellschaftssatire von den Autoren beabsichtigt ist, so grell vielleicht wie Karikaturen von Grosz. Dafür allerdings bräuchte es andere Darsteller, exzentrische Darsteller, garantiert jedenfalls keinen braven Bauerntheatercast. Es bräuchte ein exaltiertes Spiel, entsprechende Texte, um gegen die Leere der Figuren (die nur durch ihre Tricksereien beschrieben sind, durch Sex- und Kokskonsum) ein Gegengewicht zu setzen; das ist mit diesem Cast nicht zu machen.

Es macht die Serie somit unnütz für die Öffentlich-Rechtlichen, dass die Figuren so nur eigennutzkalkulatorisch entworfen sind, wodurch ein armseliges, dumpfes Menschenbild propagiert wird. Den Figuren fehlen Wärme, Pfiff, Schläue.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Jahre des Untergangs – Farbfilme aus Bayern 1939 – 1945 (BR, Montag, 25. November 2019, 21.00 Uhr)

Sekundäre Kompilation.

Solche Fernsehformate, die vorhandenes, historisches Material und neue Funde kompilieren, scheinen eine Möglichkeit zu sein für sogenannte Dokumentaristen, immer wieder neue Zwangsgebührengelder locker zu machen. So entstehen Verschnitte, die austauschbar sind, die billig mit Bild- und Textwiederholungen arbeiten; hier mit Jahre der Verführung.

Es kommen Salamiprodukte heraus, die den mündigen Zwangsgebührenzahler ärgern und noch mehr ärgern, weil er sich bewusst macht, dass er gezwungen ist, diese teils dämlichen und überflüssigen Kommentare, die zu sprechen sich ein August Diehl nicht zu schön ist, auch noch mitzufinanzieren. Aber das Fernsehen wendet sich wohl an den unmüdigen Zuschauer, der bittschön dies auch bleiben soll, damit es begründen kann, warum es weiterhin solche Batzprodukte zu versenden für nötig erachtet.

Die Generation Netflix ist da selbstständiger im Zusammenstellen des eigenen Programms, die brauchen keine Öffentlich-Rechtlichen mehr, die ihnen alles vorkauen.

Es wäre verdienstvoll vom Fernsehen, dieses Material ungeschnitten dem interessierten Bürger zur Vefügung zu stellen und nicht so verhackstückt; generell ist es von Interesse.

Jahre der Verführung – Farbfilme aus Bayern 1931 – 1939 (BR, Montag, 18. November 2019, 21.00 Uhr)

Kein Zweifel, solche privaten, historischen Filmfundstücke sind alleweil interessant, wobei auch hier wieder neue Entdeckungen von Dachböden dabei sind.

Doch das Fernsehen (hier vertreten durch Redakteur Helge Freund) glaubt immer, es müsse solche Dinge verhackstücken, als Batz servieren.

Diese Verhackstückerei haben Despina Grammatikopulu und Michaela Wilhelm-Fischer veranstaltet. Das hierbei wenig hilfreiche Ordnungssystem ist die Chronologie, speziell hinsichtlich der eigenen Aufgabenstellung laut Titel: „Jahre der Verführung“.

Die ältesten Filme sind noch koloriert, also ursprünglich in Schwarz-Weiß gedreht, dann folgten erst die sündteuren Farbfilme, die sich nur wenige Privilegierte damals leisten konnten.

Die Filmemacher haben offenbar Zugriff auf das Archiv eines hohen Parteioffiziers, der bei Agfa gearbeitet hat und dadurch sein Privatleben filmisch dokumentieren konnte. Es wäre sicher hilfreicher, so einen Fund als Ganzes zu präsentieren, wobei hier immer noch verboten sei, den Familiennamen bekanntzugeben.

So verhält es sich mit den Aufnahmen von Hans Feierabend mit seiner Bolex, die in einer Gesamtschau zu zeigen und anschließend in ein dauerhaft öffentlich-zugängliches Online-Archiv zu stellen, wäre hilfreicher. Auch unbekannte Dachbodenfunde wären sicher spannender als Ganzes und unvermischt mit anderem zu zeigen oder es müsste denn bedeutend mehr Material strikt thematisch gebündelt werden, was hier nicht der Fall ist.

Die Sujets decken ein Bandbreite ab von ganz privaten Aufnahmen von zuhause, dem Ostereiersuchen auf dem Obersalzberg, über die Landwirtschaft, das Ausflugsleben, die Lager der SS-Jugend bis hin zu Aufmärschen, Urlaub zur Kriegsertüchtigung, Schulungslagern, NSDAP-Reichsparteitagen, Schiffspropagandafahrt, einem spektakulären Kunstfestival in München einige Wochen vor Kriegsbeginn in München oder der Zugfahrt an die Front.

Der andere Tick des öffentlich-rechtlichen, zwangsgebührenfinanzierten Fernsehens ist der, dass es glaubt, immer seinen Kommentarmist dazugeben zu müssen. Nicht jeder davon ist auch erforderlich. So fängt das Publikum garantiert nicht an, nachzudenken; was, wenn es denn passieren würde, ein Verdienst für ein öffentlich-rechtliches Rundfunkinstitut wäre, das hinzu noch unfair zwangsgebührenfinanziert ist.

Lebenslinien: Barbara Stamm – direkt, bodenständig, fränkisch (BR, Montag, 28. Oktober 2019, 22.00 Uhr)

Nicht mehr gewählt.

Bei der Wahl zum bayerischen Landtag 2018 wurde die populäre CSU-Politikerin, langjährige Landtagspräsidentin, ehemalige Ministerin, Staatssekretärin, Abgeordnete Barbara Stamm nach einem jahrzehntelangen politischen Leben in München Opfer der enormen Verluste der CSU unter dem aktuellen Ministerpräsidenten, weil sie nur einen Listenplatz hatte.

Zeit also für den BR, Matti Bauer ein Lebenslinien-Porträt von ihr machen zu lassen, mit ihr in ihrem Zuhause in Würzburg alte Fotoalben durchzuschauen, sie von ihrer Kindheit erzählen zu lassen, eine Homestory.

Beeindruckend wie ein Teil ihrer Kindheit durch ein Schockerlebnis einfach weg ist, die Zeit bei einer Pflegefamilie. Kriegskind. Vater nicht gekannt. Später wieder zur gehörlosen Mutter, die einen neuen Mann geheiratet hat.

Mit enormem Elan und der Hilfe von Ordensschwestern hat sie sich die Ausbildung zur Erzieherin finanziert. Fühlte sich da aufgehoben und geschätzt, das erste Mal im Leben.

1969 Heirat. Und schon 1972 Kandidatur für den Stadtrat in Würzburg. 1974 bereits Landtagskandidatin bei gleichzeitiger Übernahme der Leitung eines Kinderheimes in Würzburg. Und drei Kinder, zwei Töchter einen Sohn.

Tochter Claudia zieht später für die Grünen in den Landtag. Da ist ihre Mutter bereits Landtagspräsidentin. Sie gesteht ein, dass Politik eine Droge sein kann. Sie erscheint als eine glaubwürdige, authentische Politikerin, der auch so eine PR-Sendung im Fernsehen nichts anhaben kann, wie konventionell sie auch gemacht sein mag.

Diese Lebenslinien geben Einblick in ein Politikerinnenleben, das eher nicht, was das Private betrifft, an die große Glocke gehängt wurde. – Drum wenden wir uns jetzt wieder dem Schafskopfen zu.

Helena. Die künstliche Intelligenz (BR WEB exclusiv, ab Donnerstag, 24. Oktober 2019)

Hier soll es sich laut BR-Eigenformulierung um ein „innovatives Webformat“ handeln; innovativ heißt in diesem Fall: 10-minütige Episoden stellen dokumentarisch – offenbar beliebige – Player auf dem weiten Felde der künstlichen Intelligenz vor.

Jede Episode wird von einer gänzlich humorfreien Spielhandlung gerahmt, die wenig hilfreich ist, und weder zufriedenstellend geschrieben noch inszeniert, also überflüssig und keinen Cent Zwangsgebührengelder wert. Der Rest ist wenig innovative, übliche TV-Doku-Ware, besonders allenfalls durch die Objekte.

Vorab konnten Episoden 1, 3 und 4 gesichtet werden. Angenehm: keine Untertitel, keine Synchro, es wird Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen.

In Folge 1 gibt es das Miniporträt eines italienischen Entwicklers eines Roboterkindes, das versucht, das Gleichgewicht zu halten oder einen Tennis-Ball zu fassen. Folge 3 widmet sich der G-Mafia, das sind die neun dominierenden KI-Forschungs-Firmen, 6 davon aus den USA, 3 aus China. Es gibt eine Führung durch die Räume der Artificial Intelligence-Research von Facebook und den Hinweis, dass aktuell deutlich werde, dass künstliche Intelligenz von weißen, westlichen Männern erforscht und entwickelt werde. Episode 4 widmet sich der Anwendung von KI bei Waffen, Kamikaze-Drohnen, Minirobotern; ein Politologe äußert sich zur Autonomie von Waffensystemen, ein KI-Psychologe über das Verhältnis von ScienceFiction-Robotern (beängstigend) und realen (davor brauche man keine Angst haben).

Das Format dürfte insofern innovativ sein, als vermutlich nicht zu viele User das Format als solches anklicken, sondern eher Leute, die sich für das Thema interessieren beim Surfen auf die einzelnen Beiträge stoßen, falls die gut lesbar für die Suchmaschinen-KI etikettiert sind.

Lebenslinien – Käpt’n Reisch findet seine Mission (BR, Montag, 21. Oktober, 22.00 Uhr)

Der Bürger als Privatier – Der Privatier als Bürger

Eine schöne Geschichte und leicht konsumierbar erzählt von Evelyn Schels, vom biederen Mann, der ein unpolitisches Leben führt, zuerst als Geschäftsmann und dann als Privatier das Leben als Segler im Mittelmeerraum genießen will, dabei mit Flüchtlingen in elender Sitution auf Gummibooten in Kontakt kommt und anfängt, Menschenleben zu retten und dadurch zum Helden wider Willen wird.

Schels lässt Käpt’n Reisch vor allem selber erzählen. Das ist ein großes Plus insofern, als er ein klar denkender Mensch ist, der seine Handlungen begründet, auch wenn sie ihn eine Überwindung kosten, wie der Brief, den er an den Vater schrieb nach einer Zeit als Jugendlicher, in der er sich das Leben zu leicht vorgestellt hat.

Da Käpt’n Reisch aus Landsberg weiß, was er will, nutzt er das Format der Lebenslinien, die mit ihm vermutlich der ursprünglichen Idee des Formats wieder etwas näher kommen (also nicht BR-Eigenwerbung oder peinliches Promi-Placement), um für seine Aktionen zu werben; dies nicht aufdringlich oder marktschreierisch, sondern mit nachvollziehbaren Überlegungen.

Sicher ist es auch spannender, statt frührentnerhaft im Mittelmeer herumzuschippern, Sinnvolles zu tun; wobei er auch noch die europäische Politik vorführt mit ihrem ganzen Trara um Flüchtlinge und mit der Mobilisierung von Fremdenhass. Doch kaum ist Reisch im Rampenlicht, reißt sich die Politik aalglatt um ihn, um den neuen Menschenhelden zu ehren. Seine Antwort darauf ist klar: von Politikern hält er rein gar nichts.

Komödienstadel: Ein Bayer in der Unterwelt (BR, Samstag, 20. Oktober 2019, 20.15 Uhr)

Ächz, stöhn. Schlecht eingeübtes Schmierentheater. Dargeboten im Paulaner Saal am Nockherberg zu München. Gesprochen in einem drögen Multibayerisch.

Publikum schon zu Beginn gut alkoholisiert und applauskonditioniert. Neun Daily-Bayerisch-Soap-Darsteller spielen ein Stück in der Hölle. Es gibt einen Lift zum Himmel. Da kommt manchmal der Engel. Oder die Oma mit dem Schirm. Ihr Enkel ist nicht so ein braves Doderl, wie sie glaubt.

Der Luzifer versucht, sich aufzuspielen. Er lässt einen Tunnel in die Ewigkeit bohren. Der Fürst schmiedet seine eigenen Pläne. Der Enkel von der Oma ist ein Beamte und hat als Dauergag den Satz vom Fußballturnier, das er erreichen will. Seine Frau spielt aufdringlich und darf oft das Kostüm wechseln

Es harzt und knarzt an allen Ecken und Enden dieses bemühten Komödienstadls. Das Publikum ist Insider-Publikum, es müssen Gewohnheitskonsumenten der Daily-Soap sein, denn sie applaudieren freudig, wenn die Darsteller life auf die Bühne kommen. Die Stimmung wird zäher im Laufe der angestrengten Darbietung, der Applaus auch.

Am meisten überzeugen die drei Musiker, die Witz in ihre Musik bringen. Thomas Stammberger ist der Mann, der dieses Stück zusammengeschustert, inszeniert und also gleich zweimal eine goldene Nase auf Zwangsgebührenzahlers Rücken verdient hat – unverdienterweise.

Das Produkt ist kein Ruhmesblatt für den serbelnden BR und nicht dazu angetan, neue Zuschauerschichten zu erschließen; geschweige denn irgendwas mit dem demokratischen Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes zu tun haben; da steht garantiert nicht: versorgt die Bevölkerung mit billigem Schmierentheater.

Worum geht es? Vielleicht meint der BR mit diesem Vorhof der Hölle sich selbst? Sind die Bayern solchene Deppen, wie sie hier vorgespielt bekommen? Die Technik hat eine große Verzögerung, wenn in der Hölle jemand das Wort Gott ausspricht, bis der Explosionseffekt kommt.

Das Stück ist eine Flickschusterei ohne Humor und Esprit und stellt der bayerischen Kultur kein gutes Zeugnis aus. Aber wie Ulrich Wilhelm, der BR- und ARD-Chef schon öffentlich dargestellt hat: zur Strafe, weil sie nicht genügend Zwangsgebühren zahlen, bekommen die Zuschauer ein schlechteres Programm. Die Produktion legt beredtes Zeugnis ab davon. Jedes Land hat seinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den es verdient.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!