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Die Abenteuer der Menschen (BR, Dienstag, 1. Dezember 2020, 22.30 Uhr)

Der Neandertaler in uns

Der moderne Mensch, der Homo Sapiens, zu dem wir uns zählen, hat noch etwa 2 Prozent Erbgut des ausgestorbenen Neandertalers in sich. Letzterer ist ausgestorben, weil er sich nicht übers Wasser wagte, weil er wohl nicht mutig, kühn, verwegen genug war; deshalb ist er dem Homo Sapiens unterlegen, nachdem er sich mit diesem noch vermischt hatte. 

Das ist doch ein prickelndes Eskapismus-Digestiv nach all der täglichen, zermürbenden Corona-Kost, die uns zwangsweise verabreicht wird. Eine dreiviertel Stunde (Autor: Hannes Schuler) mit wilden Drohnenflügen und ebensolchen Computeranimationen Millionen von Jahren durchqueren, so wild und wenig gradlinig, wie die Entwicklung vom Affen zum Menschen war. 

Es gab immer Parallelmodelle, manche waren erfolgreich, andere weniger (die Nussknacker waren eine Sackgasse). Oft haben die physisch kleineren, die aber mehr Kopf einsetzen mussten, das Rennen um die Evolution gemacht. Diejenigen, die angefangen haben Instrumente einzusetzen, die mit der Jagd angefangen haben, die soziales Leben entwickelt haben, Feuer, auch Fürsorge und die, wie erwähnt, kühn waren. 

Dieses bunte, populärwissenschaftliche Magazin referiert zwischen Spielszenen (Menschen spielen Affen, Frühmenschen und Neanderataler), Animationsszenen und Seitenblicken auf die klimatische Veränderung die Arbeit von Archäologen, wie die aus wenig Fundstücken ganze Entwicklungsperioden nachzuvollziehen versuchen. 

Es gibt Blicke auf Fundstellen in Tansania, Malawi oder Äthiopien. Archäologische Feinarbeit mit dem Pinsel, Glück über ganz frühe Fußabdrücke von Vorgängern der Menschen, die schon den aufrechten Gang hatten. Ein Vulkan und seine Asche haben dieses Glück ermöglicht. 

Spätestens mit der Höhlenmalerei vor 40′ 000 Jahren trat die Kultur in die Menschengeschichte ein; Musik hätten diese auch schon gemacht. Irgendwo wird dann auch, das geht jetzt über diese Sendung hinaus, das Denken eingesetzt haben – oder kam das erst bei den alten Griechen mit der Polis?

Wie auch immer, Afrikaausflüge kommen in unseren Breiten zu dieser Jahreszeit am Fernsehen immer gut; und lieber so als mit Traumschiffromanzen. 

Tatort: In der Familie – Teil 1 (ARD, Sonntag, 29. November 2020, 20.15 Uhr)

Abstandstheater

Hier kann besichtigt werden, was uns dank Corona im TV und vermutlich bald auch im Kino blüht: staatstragendes Gerichtsdrama (vom Visuellen her) anstelle des Tatortes, alle Darsteller schön mit dem Massband auf Distanz hingestellt. 

Das macht diese erste Hälfte des Doppeltatortes BR/WDR noch merkwürdiger, umso mehr als Dominik Graf im Ruhrpott merklich fremdelt mit dem dortigen Routinepersonal und unter Verzicht auf seine Giallo-Liebe; obwohl es sich doch um eine Mafia-Geschichte handeln soll. 

Immerhin seriös und ordentlich wirken Bild- und Drehbuchwerk (dieses von Bernd Lange), sehr ordentlich sogar, wie bei einer künstlichen Befruchtung und es gibt auch doofe Sätze, typisch deutsches Fernsehen oder Witze, „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ – „Ich muss aufs Klo, wenn Sie mir dabei behilflich sein wollen“ oder „Gibt’s was zu Essen?“ – „Soll ich Dir ein Brot machen?“ – Zeilenfüllerei ohne weiterführenden Kontent, man könnte das auch Zeilenschinderei von einfallslosen oder zeilenschinderischen Drehbuchautoren nennen. 

Die Polizei ist einfallslos und vor allem hilflos veraltet: wenn es in München einen Haftbefehl gegen jemanden gibt, der sich gerade in Dortmund aufhält, dann beantragen wohl die beiden bayerischen in ihrer Kommissarsfunktion alt gewordenen Münchner eine Dienstreise nach Dortmund, um den Haftbefehl persönlich zu überbringen: Fax oder gar Internet zur Übermittlung gibt’s offenbar nicht. Schön für die Kommissare. 

Aber auch sie fremdeln deutlich in dieser Tatortsektion, in welcher die Kollegen sich per Sie ansprechen und ein Kommissar dabei ist, der einerseits mit einem ziemlich kaputten Gesicht (die perfekte Verbrechervisage könnte man meinen) auffällt, aber andererseits auch als einer der sicher profiliertesten und saubersten Sprecher weitherum im deutschen Fermsehen. 

Für einen, der von diesen TV-Kommissarssendungen nur die bayerischen Produktionen schaut, wirkt das Dortmunder Personal im ersten Augenblick vor allem rein routiniert, die tun halt ihren Job. Und es fällt einem auch auf, dass die Münchner Kommissare zur Gewohnheit geworden sind, aber die gehören halt nach München. 

Es geht um einen großen Fisch im internationalen Drogenhandel, Mafia, der die Pizzeria eines kleinen, rundheraus ehrlichen Italieners mit Frau und Kind als Drehkreuz für seine Drogenlieferungen benutzt. 

Bei diesem Italiener kann die Mafia ihre Drogen umpacken und in alle Richtungen mit direkt vor der Tür liegenden Autobahnen weitertransportieren. Die Grafik darüber kommt deutlich und nachvollziehbar. Die Observierung des Wirtes, des Tatverdächtigen, der Frau des Wirtes, des Umschlagplatzes und übliches TV-Kompetenzgerangel innerhalb der Polizei tragen mit dazubei, dass auch schnall klar ist, dass die Italiener auf jeden Fall die bessern Mafia-Filme machen, während diese Tatort-Kopulation doch von vielen Vorsichtsmaßnahmen, nebst jenen vor Corona, etwas Zangengeburtähnliches anhaftet. Der Sinn erschließt sich nicht, es sei denn, es ginge darum, Quoten zusammenzuführen. Vielleicht funktioniert das ja auch mit dem üblichen PR-Begleitgetöse. 

Beta Stories: Diskriminierende Algorithmen (BR, Mediathek)

Eine kurze, gut verständliche Einführung in die Thematik von Nutzen und Problemen von Algorithmen bietet diese mit einfachen Animationen bunt angereichertete Beta Story von Lennart Bedford-Strohm (Autor) und Dr. Jeann Rubner und Salvan Joachim (Redaktion und Leitung). 

Beispiel für einen positiven Nutzen ist ein MS-Patient. Algorithmen helfen bei der Analyse der Bilder aus der Computer-Tomographie und können, wo das menschliche Auge überfordert wäre, sofort unterscheiden, ob Krankstellen im Gehirn neu sind oder schon bei den letzten Untersuchungen da waren, ob sich die Krankheit ausgebreitet oder stabilisiert hat. 

Beispiel für ein enormes Problem mit Algorithmen ist ein junger Afroamerikaner aus den USA. Der wurde aufgrund eines Gesichtserkennungsprogrammes als Handy-Dieb von der Polizei festgenommen. Allerdings ist auf dem Original-Video des Opfers, das den Diebstahl gefilmt hat, eindeutig ein vollkommen anderer junger Mann zu sehen Dies lässt es als ratsam erscheinen, solchen Programmen gegenüber eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen. 

Der Mensch tendiert allerdings zu blindem Glauben der Technik gegenüber und hat im Falle des Handy-Diebes es sogar unterlassen, das Bild des vermeintlichen Täters mit demjenigen des richtigen Täters zu vergleichen – was in diesem Falle einfach gewesen wäre. 

Gerade das Thema Gesichtserkennung weist auf ein grundsätzliches Problem der Algorithmen hin: sie sind von Menschen gemacht. Aber nicht von irgendwelchen Menschen. Es sind überwiegend weiße Computernerds und zwar Männer. Weshalb Gesichtserkennungsprogramme, wenn es um Schwarze geht und besonders um Frauen, nicht sehr zuverlässig sind. 

Als Fazit könnte man lesen: Algorithmen sind zwar mechanisch-maschinelle Vorgänge, die sogar lernen können, aber letzlich sind sie von Menschen gemacht und mit entsprechender Vorsicht zu genießen. Sie werden einem durch diese Fernsehsendung etwas weniger unheimlich. Es kommt darauf an, wie der Mensch mit ihnen umgeht. 

Vorbildlich viele Protagonisten tragen Maske für die Interviews oder am Arbeitsplatz. Ein Disclaimer mittendrin offenbart, dass entgegen der Absicht im Film letztlich doch viel mehr Männer vorkommen als Frauen, was aber wiederum mit der Gender- und Hautfarbenstruktur der Algorithmus-Entwickler zusammenhängt. Im Gegenzug wird bei Berufsbezeichnungen konsequent gegendert. 

Oekozid (ARD, Mediathek)

Löbliche Idee.

Deutschland für seine opportunistische, egoistische Klimapolitik unter Bundeskanzlerin Merkel (die wiederum unter dem Pantoffel der Autoindustrie steckt) zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine löbliche Idee. 

Eine Projektion in die Zukunft soll das greifbar machen, dass Handeln Konsequenzen hat und dass der Handelnde (Mensch oder Politiker oder Interessenvertreter) dafür gradestehen muss. 

Andreas Veiel, der mit Jutta Doberstein auch das Drehbuch für dieses Fernsehspiel geschrieben hat, greift in die Zukunft, ins Jahr 2034. Er erfindet eine Verhandlung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, in dem fast zwei Dutzend Staaten, die besonders unter dem Klimawandel leiden, gegen die Bundesrepublik Deutschland klagen und Schadenersatz fordern wegen Nichteinhaltung der Klimaziele. 

So weit, so plausibel und sinnig, zudem beginnt der Film mit der Vorbemerkung, dass die Geschichte auf Auswertung von Original-Dokumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen basiere. 

Mein Problem mit dem Film ist seine handwerkliche Seite. 

Das fängt schon mit dem Drehbuch an. Es setzt zu viel voraus, wer wessen Interessen vertritt, es verliert sich zu sehr in Details von Zertifikaten, Emissionshandel und freiwilliger Selbstverpflichtung. Sowohl Drehbuch als auch Inszenierung schaffen es nicht, klare Ausgangsposition zu schaffen, wer gegen wen. Es fehlt die empirisch nachvollziehbare Beschreibung der Ausgangspositionen. 

Stattdessen wird versucht, mit einem wildem Mix aus Nachrichten und Internetposts (Sven Schelker als Laurenz Opalka ist einer der wenigen überzeugenden Akteure als bloggender Journalist) internationales Flair und internationale Stimmung, den Atem von Weltkino, Welt-Justizthriller à la Hollywood zu erzeugen. 

Wogegen das Inzüchtlerische deutschen Fernsehens nur noch mehr auffällt. Schlimm genug, dass in diesem Fall der Den Haager Richter ausgerechnet ein Deutscher ist (Edgar Selge bemüht sich, Zuhören zu spielen und weiß nicht recht, weshalb ihm die Requisite eine Brille in die Hand gedrückt hat, so nimmt er sie denn als wahlloses Spielzeug) und wie um dem entgegenzuwirken, werden ihm zur Seite lauter Farbige gestellt, die ganz klar nur Komparsenstatus haben, was wiederum einer Denunziation gleichkommt, drei Frauen, die nicht mal einen Rollennamen bekommen haben. 

Das Sexistische betont Veiel noch mit Inserts auf die Stöckelschuhe von Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf); abgefuckteres Klischee geht nicht. Ulrich Tukur als Victor Graf und Verteidiger von Deutschland, versucht sich in private activities, wenn er nicht verhandlungstechnisch nicht dran ist. 

Allen Darstellern gemeinsam ist der Knopf am Hals, der vermutlich ein Mikro ist und aussieht, als seien die Schauspieler ferngesteuerte Marsmenschen. 

Überzeugend ist auch Martina Eitner-Acheampong als Angela Merkel; sie trifft das Wesen dieser Frau exzellent, vielleicht besteht ja eine Seelenverwandtschaft. 

Das Instrument des Deals kommt ins Spiel, auch dies wird nicht präzise genug und viel zu oberflächlich abgehandelt. Es scheint dem Film vor allem um ein Bashing von Merkels Klimapolitik zu gehen. Diesses Ziel gelingt ihm durchaus. Aber das Flair des Gerichtshofes bleibt provinziell, das dürfte mit dem Casting und der Regie zusammenhängen und der mangelnden Souveränität des Richters. Dazwischen gibt es Archivmaterial bekannter und gerne angeklickter Klimakatastrophenbilder und zeitgenössisches News-Footage. 

Und noch ein argumentaitves Problem: der Bauer aus Norddeutschland, der als Zeuge vernommen wird, beklagt sich darüber, dass der Sturm inzwischen sein Erdreich wegfege. Der Sturm mag eine Folge des Klimawandels sein: zum staubigen Erdreich dürfte er selbst aber auch beigetragen haben mit industrieller Landwirtschaft, also mit Überdüngung, mit Glyphosat, kurz: mit nicht nachhaltiger Bewirtschaftung. 

Lebenslinien: Der Oberpfälzer, der die Mauer platt machte (BR, Montag, 9. November 2020, 22.00 Uhr)

Unergiebig

Diese Lebenslinien von Elisabeth Mayer stehen unter der redaktionellen Verantwortung der Zwangsgebührentreuhänder Christian Baudissin und Fatima Abdollahyan. Es ist die berechtigte Frage eines jeden Bürgers, der in Deutschland lebt und für seinen Haushalt Rundfunkzwangsgebühr abführt, ob er für ein bestimmtes Rundfunkprodukt bereit wäre, die Gebühr zu bezahlen oder nicht. 

In diesem Fall mit dem Protagonisten Winfried Prem eher nicht. Das mag an der Wahl der Protagonisten liegen. Er ist zwar ein lustiger Mensch und Bauunternehmer, aber auch ein Lebemensch und Musiker und kann offenbar mit Geld nicht umgehen. 

Das einzige, was Prem von Millionen ähnlicher Mitbürger unterscheidet ist, dass er just zum Zeitpunkt des Mauerfalls ein Abrissunternehmen mit Spezialmaschinen hatte und dass er vorher schon naiverweise beim Bauministeriun der DDR vorgesprochen hatte, noch vor dem Fall der Mauer und dass er dann unter den 8 Unternehmen in der BRD, die über solche Maschienen verfügten, dasjenige war, das den Auftrag zum Mauerabriss bekommen hat. 

Solche Lebenslinien könnte man wohl eben so unergiebig über jeden Lottomillionär machen. 

Über die Schwächen des Filmes soll ein merkwürdiger Musikscore hinwegtäuschen, der an Zirkus denken lässt oder anVariété, will sagen, alles halb so schlimm.

Über die Mauer heißt es in dem voice-over gesprochenen Text, sie sei für den Westen ein Mahnmal, aber eben auch ein Kuriosum. Kuriosum? Haben wir richtig gehört? Was war an der Mauer ein Kuriosum? Der Todesstreifen? Dass Menschen zu Tode kamen, weil sie über die Mauer in das Gebiet demokratischer Freiheit hinübermachen wollten? Wer die Mauer als Kuriosum sieht, sollte vielleicht besser keinen Film für den zwangsfinanzierten öffentlichen-rechtlichen Rundfunk drüber machen, sondern erst mal die Geschichte studieren. Das wäre so, wie wenn heute behauptet würde, Corona sei ein Kuriosum der 20er Jahre unserer Jahrhunderts gewesen. 

Ständig versucht die Dokumentaristin im direkten Fragespiel dem Protagonisten oder dessen Frau oder Kindern irgend etwas von Belang aus der Nase zu ziehen, was aber durch die Fragestellung ins Leere greift. 

Falls aus dem Protagonisten, der sich für eine Legende hält, überhaupt Lebenslinien von Wichtigkeit und Interesse zu machen gewesen wäre, dann hätte die Dokumentation sicher ganz anders aufgezäumt werden müssen, so aber bleibt sie arglos, naiv, unergiebig, beliebig und geschichtsklitternd. 

Lebenslinien: „Die Isarnixe“ (BR, Montag, 26. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

Die Probleme wegschwimmen,

meint die Protagonistin Marie-Louise Jordan, die seit Jahrzehnten regelmäßig schwimmen geht; dies sei nicht nur gegen die Kilos gut. 

Interessant und beachtenswert sind die Lebenslinien (und damit sind sie auch bekannt geworden), wenn sie nicht korrumpiert sind mit Promi- und Schleichwerbung, die letztlich nur dem Geschäft der Protagonisten dienen sollen; sondern wenn sie von Menschen berichten, die gerade nicht in den Schlagzeilen sind, die eben nicht prominent sind, die nicht hinter dem Medienauftritt hinterherhecheln. Und die doch faszinieren. 

Diese Lebenslinien von Marie Wiegern (Redaktion Christina von Hahn) sind zusätzlich zur Schwimmerinnengeschichte auch eine Urmünchner-Geschichte. Marie-Louise ist in München geboren, in Haidhausen und hat hier und in der Au den Großteil ihres Lebens verbracht; es folgte der Alterssitz in Neuperlach. 

Es ist ein Ohrwurm, Marie-Louises Münchnerisch zu hören, eine Rarität, in München geboren, in München sprechen und denken gelernt, in München das Leben verbracht, verliebt, geliebt, ein Sohn; aber auch Schicksalsschläge. 

Als Mädchen hat Marie-Louise den Krieg erlebt, in der Nachbarschaft in Haidhausen das erste Haus, was von einer Fliegerbombe getroffen wurde und wie das Leben aber weiterging. Verschickung aufs Land, doch das Heimweh zur Familie war größer. 

Protagonisten von solchen Sendungen sind immer bemerkenswert, wenn sie auch gelernt haben, zu denken, ihre Leben zu reflektieren; sie habe das ihrem Mann zu verdanken, ebenfalls Münchner, der aber noch vor dem Ruhestand verstarb. 

Der Kontakt zu dieser Persönlichkeit könnte über den Sohn entstanden sein, der beim Fernsehen Cutter ist. Denn solche Menschen bewerben sich garantiert nicht von sich aus bei so einem Fernsehformat. Eine gewisse Prominenz hatte Marie-Louise Jordann allerdings zeitweilig erlangt: mit ihrer Synchronschwimmergruppe, mit der sie sogar weit gereist ist und in der sie heute noch aktiv ist. Zum Abschluss des Filmes bei einer Vorführung in einem Münchner Bad erntet sie großen Applaus, den man ihr von Herzen gönnt.

Lebenslinien: Der Dackel-Seppi von Passau (BR, Montag, 19. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

Treuherzig allerliebst

sind Dackelblicke, aber solche Herz-Schmerz-Dudel-Sauce, wie Evelyn Schels sie hier auftischt, haben sie nicht verdient und wirken deplaziert bei den Lebenslinien. Das entspricht nicht dem Niveau, das man von einer Sendung dieses Namens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten dürfte. 

Nichts gegen den Protagonisten, der Dackel-Seppi vormals der Blumen-Seppi, ist ein spannender Mensch, originell und initiativ dazu, der hat es zu was gebracht. Und das ging nicht ohne Rückschläge, ohne Schicksalsschläge. 

Muss man das aber alles so erzählen, als würde man einen Film für das Staatsfernsehen der DDR machen? Dass ja keine gesellschatlichen Schwachpunkte angesprochen werden, dass ja keine schlafenden Hunde geweckt werden? Muss das alles so eine niedliche PR-Sauce für einen Geschäftsmann werden? 

Allmählich entwickelt sich bei stefe ein Bild von der Dokumentaristin Evelyn Schels. Sie hat sich untertänigst an Baselitz angewanzt, sie hat von Marianne Koch in den Lebenslinien genau die Dinge ausgepackt, die die Protagonistin schon so oft runtergespult hat und eigentlich nicht wiederholen mochte, sie hat für die Krone-Erbin einen reinen PR-Film statt Lebenslinien gemacht und mit dem Kinofilm Body of Truth hat sie unkritisch vier Performerinnen auf einen Sockel gehoben. 

Nein, solche Beiträge dienen nicht der Profilierung weder der Sendung noch des Senders. Und dann wird auch noch unpräzise gearbeitet; in dem Augenblick, in dem der Protagonist vor einem Blumengeschäft im Rathaus München steht, nennt die Sprecherinnenstimme seine Unterkunft in München und man wundert sich, ob das Münchner Rathaus ein Lehrlingsheim beherberge. 

Redaktionell verpennt (oder auch: verpeilt) hat den Film Christiane von Hahn. 

Die Donau ist tief. Ein Krimi aus Passau (ARD, Donnerstag, 8. Oktober 2020, 20.15 Uhr)

Versemmelt.

Der erste Passaukrimi war ungewöhnlich witzig, leicht, spannend. Im Zentrum das fabelhafte schauspielerische Trio aus Marie Leuenberg und Nadja Sabensky als Mutter und Tochter im Zeugenschutzprogramm und als Fremde in Passau, dazu der Österreicher Michael Ostrowski als Feld-, Wald- und Wiesen-Provinz-Privatdetektiv; für das Passauer Couleur sorgte Bettina Mittendorfer als Bäckereichefin mit wunderbar wechselnden Strickjäckchen. 

Das Muttertochterduo war gegensätzlich, beide haben mit Fehlern das Zeugenschutzprogramm in Gefahr gebracht; die Mutter hat mit einer unreflektierten Handlung den Privatdetektiv auf ihre Spur gelenkt und die Tochter mit einer Geburtstagstorte an die Berliner Oma den Clan und einen Todesschützen, den der Privatdetektiv mit mehr Glück als Können zur Strecke gebracht hat. 

Mithin erschien Drehbuchautor Michael Vershinin als sehr geschickt und Regisseur Maurice Hübner hat das leicht inszeniert und zwischen die Bilder schöne Passau-Drohnenaufnahmen geschnitten. Die sind auch dieses Mal in der zweiten Folge wunderbare 3-Flüsse-Flüge. 

Der qualitative und vor allem der Storytelling-Abfall ist allerdings enorm. Vielleicht ist der Grundfehler der, dass die Serie offenbar als Fortsetzung gedacht ist. So hängt die Geschichte schwer in den Seilen von Folge 1 und die Macher machen es sich billig, indem sie viel Footage daraus hineinmontieren als Flashbacks und als Erklärung für die Zuschauer.

Der Fall sackt qualitativ wie ein Flugzeug in einem Luftloch tief ab auf das übliche, üble TV-Routine-Niveau. Es kommt jetzt jede Menge TV-abgelutschter Polizisten-Cast und ebensolche Polizei-Arbeit hinzu, charmelos, witzlos. 

Das Spannungsverhältnis zwischen Mutter und Tochter hat sich verflüchtigt und die riskante Grundsituation, dass sie auffliegen können, ist wie in Luft aufgelöst. 

Leuenberger fängt auf eigene Faust Ermittlungen in einem miserable eingeführten und ebenso schwach erzählten Mordfall an einer Tierheimbesitzerin an; als ob sie in die übliche TV-Routine-Masche hineinkatapultiert wurde. Ihr „Schutzengel“, der Privatdetektiv, sitzt fälschlicherweise als mutmaßlicher Mörder im Knast; dieser zweite Kriminalfall ist hanebüchen und TV-hirnrissig, vermag nicht zu fesseln, wird billigst runtergespult und man ist fassungslos, wie die Polizeihauptkommissarin aus Berlin im Passauer Zeugenschutzprogramm sich lebensgefährlich exponiert als sei nichts. 

Die letzten zehn Minuten wird es dann wieder lebendiger, wenn der Zankl aus dem Knast entlassen wird und mal eine Szene beherrschen darf und mit dem Ringschluss zu den Römern und der Gefahr der Entdeckung der im Wald vergrabenen Clan-Leiche kommt wieder etwas makabre Lustigkeit und Drive in die Story – zu spät. 

Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, die Angelegeneit nicht als Fortsetzungeschichte zu planen, denn hier hängt die erste Folge bleischwer an der Geschichte und verkompliziert alles wenig nachvollziehbar. Vielleicht wäre es geschickter gewesen, zumindest nicht noch einen weiteren, an den Haaren herbeigezogenen Kriminalfall zu erfinden und sich auf das zentrale Trio zu konzentrieren, die haben es doch so schon schwer genug, erst recht im Moment, wo ihnen bewusst wird, dass der Clan ihnen auf der Spur ist. Das gäbe genügend weiterzuentwickeln. Auch die Frage, wie weit sie sich in Passau integrieren wollen oder können in ihrer neuen Identität. 

Lebenslinien: Pfarrer Schießler – Glaube, Liebe, Rebellion (BR, Montag, 5. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

In widernatürlicher Beziehung

Er lebe in widernatürlicher Beziehung mit einer Frau zusammen, behauptet der Protagonist Pfr. Schießler dieser Lebenslinien von Daniela Agostini unter redaktionellen Auspizien von Sonja Hachenberger. 

Pfarrer Schießler scheint unter enormem Leidensdruck zu stehen, der ihn zu wirbelwindartiger Aktivität zwingt, pausenlos. Und er scheint wenig Möglichkeiten zu haben, über sich zu erzählen. 

So öffnen denn die Lebenslinien die Schleusen zu einem pausenlosen Strom an Statements über sich selber; was für das Format Lebenslinien als solches eher deklassierend wirkt. 

Hinzu kommt, dass es eine dieser Werbesendungen für den Sender selber ist, da dieser Parrer sich zwar nicht dränge nach Medienauftritten, wie er sagt, aber offenbar kann er solchen Angeboten auch nicht widerstehen; und sein Publikum hat er sowohl in der Kirche als auch in den Medien. 

Es gibt wenige Hinweise darauf, wie der Leidensdruck sich in ihm aufgestaut haben könnte – die Lebenslinien selber interessieren sich nicht weiter dafür.

Da sind Widrigkeiten in seiner Herkunftsfamilie, einer noch vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Generation, der Vater ein penibler Postbeamte. Dann war da ein drei Jahre älterer Bruder, der dem geltungsbedürftigen kleineren Bruder offenbar im Lichte stand und auch vom Vater ganz klar bevorzugt wurde; weshalb es nicht verwundert, dass der Junge als Teenager seine Heimat bald schon in der Kirche, beim Ministrieren, in der Jugendarbeit aber auch bei vielen anderen Tätigkeiten fand. 

Pfarrer Schießler erzählt von heftigen inneren Kämpfen, die er als junger Mann bei einem einjährigen Aufenthalt in einem Franziskaner-Kloster gehabt habe. Das scheint aber nichts mit dem zölibatären Leben zu tun zu haben; dieses sei für ihn von Anfang an klar gewesen; ok, das kann man glauben oder nicht. 

Und jetzt lebt dieser katholische Pfarrer intimst mit einer Frau zusammen, die selber schon Kinder hatte, aber eben zölibatär, was für sie offenbar ein schmerzhaftes Opfer darstellt; er selbst nennt diese Konstellation widernatürlich. Von sich selber und der Richtigkeit seines Handelns ist er überzeugt. 

Ob Christus, den er zitiert, auch so begierig jedes Medienangebot angenommen hätte?

Übrigens, auch der Pfarrer in Corpus Christi war sehr beliebt. 

Bayern erleben: Der halbwilde Wald – 50 Jahre Nationalpark Bayerischer Wald (BR, Montag, 5. Oktober 2020, 21.00 Uhr)

Angenehm trocken

und in keiner Weise romantisierend erklärt Herbert Pöhnl als Kommentator und Protagonist in dieser Dokumentation von Jürgen Eichinger (Redaktion: Ulrike Lovett) Entstehung, Geschichte und Probleme des Nationalparks Bayerischer Wald. 

Pöhnl hat das Projekt von Anfang an, also seit 50 Jahren, begleitet. Er machte Fotos, schrieb Texte. Er kennt sich aus. 

Der Film ist also keine deutsche Hymne an den Wald. Er ist eine Informationsbroschüre begleitet von Drohnenaufnahmen über unberührtem Waldgebiet. 

Es ist auch eine Geschichte der Menschen und Auseinandersetzungen zwischen jenen, denen der Walt Heimat ist und jenen, auch in München, die den Wald in einem größeren Zusammenhang und in einer Vorreiterrolle für Naturparks sehen. Es ist ein Kampf zwischen radikaler Urwaldphilosophie, die der Natur alle Regenerationskräfte selber zutraut und den Kontrollmenschen, die in die Fichtenmonokulturen eingreifen, wenn der Borkenkäfer sie befällt. 

Die Demokratie verlangt Kompromisse und einer davon war vor 20 Jahren der, dass in einem Erweiterungsgebiet des Nationalparks der Borkenkäfer noch bekämpft und das aus diesem Grund geschlagene Holz abtransportiert werden soll. Das Resultat heute ist so krass, dass heftige Erweiterungsgegner von einst, die diesen Kompromiss erzwungen haben, heute selbst erkennen, dass in einem tschechischen Nachbargebiet, wo der Borkenkäfer auch wütete, aber nicht eingegriffen wurde, heute ein sprießender Nachwuchswald ans Licht drängt, während im bayerischen Stück mit der Regulierung die Natur heute ärmlich und armselig nur aus unattraktivem Wiesengrünzeugs besteht, weil dem nachwachsenden Wald jede Nahrung entzogen wurde und weil er in einer Wiese nicht wachsen kann: deprimierend. Ex-Ministerpräsident Stoiber erhält hier Jahrzehnte nach dem Kampf mit den Nachbarn eine Bestätigung. 

Pröhl holt fallweise zu seinem Gang durch den Nationalpark Menschen hinzu, die damit zu tun haben, Fremdenführer, Förster, aber auch einstige Gegner der Erweiterung. Fallweise sind auch Archivaufnahmen aus dieser wechselhaften Geschichte eingeschnitten. 

Vielleicht sollte der Mensch sich mit dem Kampf gegen Corona ein Beispiel am Wald nehmen und an die Selbstheilungskräfte von Natur und Mensch glauben. Die Schäden der radikalen Borkenkäferbekämpfung sind kaum mehr reparierbar; während Gebiete mit Windwurf, Totholzflächen und vom Borkenkäfer abgestorbener Wald längst wieder massiv grünen. Zu schweigen von der touristischen Attraktivität eines solchen Waldes.