Archiv der Kategorie: TV

Zurück in den Bunker? (ARD, Dienstag, 21. Januar 2026, 22.45 Uhr)

Wie komme ich an Gelder aus dem Zwangsgebührentopf „ARD HISTORY“?

Erstens muss man behaupen, Dokumentarfilmer zu sein. Zweitens muss man ein noch nicht abgegrastes Thema präsentieren. Bunker zum Beispiel. Oder man wende sich an Fernsehredakteure, hier sind es Andrea Bräu und Helge Freund vom BR, die möglicherweise nicht wissen, dass es schon jede Menge Bunkerdokumentationen im deutschen Fernsehen gibt, wie „Bunker – Über den Schutzraum in Angst und Krieg“, „Bunker – Geheimnisse unter Deutschlands Städten“ (NDR/ZDF), „Karlshof Bunker“ (SWR), „Geheimnisse unter der Stadt: Bunker in Berlin“, „Der Untergrund: Bunker: Das verborgene Erbe“ (Arte), so erzählt es mir eine simple Anfrage an eine KI. Vermutlich sind diese Dokumentation alle besser, als das, was Liv Thamsen und Paul Wiederhold hier zusammengestöpselt haben.

Sie haben einige noch lebende Zeitzeugen aufgetrieben, das erhöht die Glaubwürdigkeit einer Dokumentation, die nicht allzu Ergiebiges über Bunkererlebnisse 80 Jahre zurück berichten will.

Die Dokumentaristen und die Redakteure sollten sich den Film Das Ungesagte, der kürzlich im Kino lief, anschauen. Der macht beispielhaft vor, wie man sorgfältig noch letzte Zeitzeugen auswählt und vor allem, sie zu sensationellen (im Sinne der Seltenheit und des Nie-Gehörten) Aussagen bringt.

Hier wird im Vergleich dazu schludrig mit den Zeugen umgegangen. Deshalb sind sie nicht ergiebig. Die dadurch gewonnene Zeit wird mit einem wohl nicht mit allzu viel Bedacht ausgewählten Mix aus Sensations- und Führerpropagandafootage aus Archiven vollgestopft. Zudem werden Experten als Talking Heads dazwischengeschnitten.

Das Budget aus dem Zwangsgebührentopf ermöglicht den Dokumentaristen Reisen nach Odessa und Israel, womöglich gar in die USA.

Es ist ein billige Clippanscherei, die dem Zuschauer zugemutet wird. Wann endlich bringen diese Redaktionen und das so hochtrabend sich ‚ARD-HISTORY‘ nennende Format auch was für den anspruchsvollen, intelligenten Zuschauer, der bekanntlich genau so Zwangsgebühren zahlt wie jeder andere auch? History für Dummies. Der dramaturgische Faden schlittert wie auf gefrorenem Steinboden.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtliche nRundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Lebenslinien: Ricky Harris – Überlebenslustig (BR, Montag, 19. Januar 2026, 22.00 Uhr)

Wonnepfropfen

Rarität bei den Lebenslinien: ein Protagonist, Ricky Harris, für den Publikum und nicht Promitum Lebenselixir ist.

Ein Lebenslinienteam ist für ihn genau so Publikum wie die Schüler, mit denen er ein Geschicklichkeitsspiel macht, das Teamwork lehrt. Dabei wird einem ganz nebenbei eines der verstaubten Elemente des Lebenslinien-Formates bewusst, dass die Dokumentaristen in altmodischer Manier sich unsichtbar machen, so tun, als wären sie gar nicht existent; so hinterwäldlerisch dürfte selbst das Lebenslinien-Publikum nicht sein, als dass man ihm diese relativierende Ebene vorenthalten müsste.

Wenn wir schon dabei sind, auch die redaktionellen Voice-Over-Texte wirken einschläfernd, die von den ewig gleichen Stimmen gesprochen werden und dem Kontent einen unangebracht gleichmacherischen Stempel verleihen.

Wenn wir schon dabei sind, der BR müsste sich selbstkritisch befragen, wieso er dem fabelhaften Entertainer, der kein Karrierist ist und dem man nicht zutrauen würde, sich bei Fernsehredaktionen einzuschmeicheln, einzuschleimen, keine Chance gegeben hatte, nachdem sein kurzer Ruhm bei einem Shopping-Kanal und dann bei Sat1 vergangen war und er händeringend Bewerbungen überhallhin verschickt hatte.

Immerhin ist es der BR-Redaktion unter Rachel Roudyani hoch anzurechnen, dass sie Kim Koch als Regisseur und Autor diese Lebenslinien über einen ehemaligen Protagonisten eines Privatsenders ermöglicht oder ihn damit beauftragt hat; das wäre ja auch mal interessant, einen Einblick in das Zustandekommen von so einer Folge zu erhalten. Prozeduren und Vorgänge offenzulegen, wäre für einen zeitgemäßen Journalismus garantiert kein Makel, schon gar nicht, wenn er für einen öffentlich-rechtlichen Sender tätig ist.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Watzmann ermittelt – Die Tränen der Madonna (ARD, Mittwoch, 7. Januar 2026, 18.50 Uhr)

ALR 134

Darum geht es in diesem Berchtesgadener Krimi. Das hat lokalen Bezug. Nicht nur hatte ein erfolgloser Maler und Massenmörder seine Datsche am Obersalzberg. Hier in der Nähe wurde auch Raubkunst der Nazis kurz vor Kriegsende in einem Stollen versteckt.

Das zeigt der Anspannfilm: Kinder am Kriegsende spielen in diesem Stollen und entdecken die Kisten. ALR 134 ist die Bezeichnung der Forscher für ein Lot davon.

Eines der Werke ist die titelgebende Madonna mit den Tränen. Sie wird im Internet für einen Spottpreis ausgeschrieben. Es melden sich mehrere Interessenten. Sie machen ihre Aufwartung beim Kunsthändler in Berchtesgaden, der sie verkaufen will. Der ist bald tot.

Da setzt die Krimihandlung ein. Der Kommissar (Andreas Giebel) ist auf dem Weg in die Oper mit Frau und Tochter und muss sich stattdessen, bereits im Smoking, mit einem Toten befassen. Die Toten haben Vorrang, meint seine Frau.

Berchtesgaden wird zum Stelldichein für Kunstexperten (Marcus Mittermeier), die serbische Mafia (Luka Dimic) und Holocaustgeschädigte (Inge Maux und Daniel Langbein). Der Sohn Anton (Paul Wellenhof) von Marianne Sägebrecht, der den Hof übernehmen soll, spielt auch einen Part. Die verdeckten Ermittler Jery (Peter Marton) und seine Kollegin Sophie (Katharina Leonore Goebel) mieten sich im Luxushotel die Hochzeitssuite, um einen Verdächtigen zu observieren. Dafür gibt es Champanger; die ersehnten Pralinen folgen mit Verspätung.

Andreas Giebel, der den Hauptkommissar spielt, mag ein honoriger Kabarettist sein; zum bayerisch-hinterfotzigen Charmebolzen fehlt ihm die gewisse Bauernschläue (wenn man an die großen Vorbilder denkt). Er wirkt, als ob er ohne Reserve spiele, immer mit dem Tank grad kurz davor, leer zu sein; die Sätze wirken hart, ohne dieses Etwas, was Platz lässt für ein Augenzwinkern, für Zweideutigkeiten, für die inkludierte Widersprüchlichkeit; dieser Kommissar schaut erzfinster und böse; ein Kommissar am Anschlag; ja, er kommt bemüht rüber, klotzig, uncharmant, ihm fehlt das, was die Walter Sedlmayrs, Gustl Bayrhammers oder auch den Otti Fischer so unwiderstehlich gemacht hat (an solchen Kalibern von bayerischen Schauspielern scheint es offenbar akutell zu fehlen oder es wurde nicht gründlich gesucht).

Ihm fehlt auch jene notwendige Protagonisten-Eigenschaft, die ein Ensemble wie magisch zusammenhält. Er bleibt Einzeldarsteller. Warum hinkt der Kommissar? Das bräuchte eine Begründung; wenn es rein privater Natur ist, wirkt es unbeholfen; eine Knie-OP oder eben eine Rollenstory von bösartiger Arthrose und Angst vor OP könnten das heilen.

Giebel scheint eine administrative Notlösung zu sein für die Redakteure Antje Schlüter (BR), Elmar Jaeger (BR), Niklas Wirth (ARD Degeto), weil es den gesuchten bayerischen Typus offenbar nicht mehr gibt, jene zwiderwurzigen Charmebolzen, wie ein Helmut Fischer; auch in seinem Gang wirkt Giebel schwerfällig, es bleibt kein Spielraum, den Fuß, das Bein vielleicht anders zu setzen. Es ist alles so eineindeutig und damit eindimensional.

Als Krimi scheint mir das Drehbuch – schön verwurzelt in der Nazizeit – von Paul Milbers, Lars Albau, Lauras Haufe tv-ordentlich und tv-tauglich, sowohl BR- als auch Degeto-hauptabendprogrammkompatibel; es räubert souverän bei bewährten Versatzstücken aus dem Halunkengenre, flapsig gesagt; das ist eher ungewöhnlich, dass das Drehbuch stärker ist als die üblichen Gewerke.

Der schwere, dramaturgische Melo-Hinkefuss des Drehbuchs ist der Moralzeigefinger im Endspurt: „Sie haben die Bilder nicht versteckt, um sie zu behalten, Sie haben sie versteckt, um nicht hinsehen zu müssen“ … „Aber heute hast Du Dein Schweigen gebrochen, Du hast nicht zugelassen, dass ich abgefahren bin ohne das, was meiner Familie gehört“. Das Buch ist indes schön nachvollziehbar aufgebaut; die Musik sorgt für den Finish.

Der Cast dagegen wirkt holprig zusammengestellt, das dürfte mit der Besetzung der Hauptfigur zusammenhängen; dieses Problem scheint die Regie von Sabine Derflinger ungefiltert weiterzugeben; die wirkt momentweise steif und unbeholfen; selbst eine Marianne Sägebrecht scheint mit der Überdosis an Melo, die ihr abverlangt wird, zu hadern, und bei ihren ungebetenen Pensionsgästen, die sie nach einem bestechenden Angebot reinlässt, merkt man sofort, dass die Koffer leer sind; diese Defizite bleiben am Zuschauer hängen. So ergibt sich wenig Synergie und kaum Sympathie.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Tatort: Das Verlangen (ARD, Freitag, 26. Dezember 2025, 20.15 Uhr)

Ein Staaatstheaterproblem
Zweifacher Bühnentod
Einmal durch Erhängen,
einmal der Darstellerin auf der Bühne beim Spielen

Nachdem Pumuckl sich in die Bayerische Staatsoper verirrt, darf der Tatort nicht hinterherhängen und muss wenigstens im Bayerischen Staatsschauspiel seinen Auftritt haben.

Vor kurzem gab es im Kino den Film Sentimental Value. Dieser skandinavische Film fängt die ganze Aufregung vor einer Vorstellung ein. Da ist die Protagonistin mit privatem Vornamen Nora am Rande des Nervenzusammenbruchs.

In Bayern fällt Nora, also privater Rollenvorname der Darstellerin, aus und eine andere muss die Nina – ebenfalls in Tschechows Möwe – übernehmen. Zwei fast haargenau gleiche Filmanfänge.

Im skandinavischen Film von Joachim Trier spielt das Theaterstück selber keine Rolle, dort geht es um feinsinnige Analyse menschlicher Beziehungsgeflechte, um Freiheit und trangsenerationale Traumata.

Auch in München ist die Nora am Rande der Panik, verkriecht sich in der Toilette, im deutschen Fernsehen kommt das melodramatisch rüber. Sie heult, stößt kurz auf und schon ist sie beschwichtigt. Im deutschen Tatort-Fernsehen folgt ein kleinkarierter Hickhack um die Rolle, denn die andere Schauspielerin darf jetzt doch nicht übernehmen, tut mir leid, meint eine Theaterfunktionärin. Dann füllt minutenlang deutsches Staatstheater mit Hinterdenkulissengeplänkel vermengt den Bildschirm. Dürfte für den einen oder anderen Zuschauer ein Grund zum Wegzappen sein.

Die beiden sonnengebräunten Kommissare wirken, als ob sie ihre Rentenzeit im Süden angetreten haben und aus purer Nostalgie oder weil sie doch irgendwer für unersetzlich gehalten hat, nochmal in ihre alten Berufsbuxen und -schuhe gestiegen sind.

Der Tatort stochert jetzt unentschieden im Staaatstheatermilieu herum, einerseits versucht er – recht gestelzt – Hinter-den-Kulissen-Atmosphäre herzustellen; an den Thomas-Bernhard-Satz vom Theater als einer Falle kommt er nicht heran.

Es sieht so aus, als haben die Autoren Norbert Baumgarten und Holger Joos mal was gehört von Intrigen im Theater, diese aber nicht selber beobachtet und anlysiert, und so ein paar Szenen am Computer aus dem Ärmel geschüttelt, wer weiß, vielleicht war KI auch noch behilflich. Das reimt sich nicht so recht realistisch zusammen. Überhaupt bleiben die Dialoge eher weltfremd und schon gar nicht dem Leben abgeschaut.

In diesem lauen Stochern sind Ermittlungansätze der Kommissare eingefädelt. Ein weiteres Problem bei Theater-im-Film-Projekten ist die Differenz on-stage / off-stage; das ist schlampig gelöst. Das ist vielleicht ein Casting-Problem, es gibt Schauspieler, die können das und solche, die können es eher nicht.

Kommissare müden sich durch einen schlecht erfundenen Theatersumpf.

Der Tatort möchte einen Blick in die Theaterwelt werfen, verwendet dabei ein trübes Brennglas. Zudem sind Theaterintrigen nun nicht gerade ein brennendes soziales Thema für den überwiegenden Teil der Zwangsgebührenzahler.

Die Macher verstehen es auch nicht, den Stoff über das Fachspezifische hinaus interessant zuzubereiten, so wie ein Joachim Trier in Sentimental Value vorgeht. Es wirkt so, als trample das Tatortformat wie ein Elefant im hochkomplizierten Beziehungsgeflecht eines Theaterbiotops umher, ohne dieses dem theaterfremden Zuschauer einsichtig, verständlich oder als spannend zu vermitteln. Also wieder so ein Tatort-DNA-Fremdgänger unter der redaktionellen Verantwortung von Cornelius Conrad, nicht im Sinne eines öffentlich-rechtlichern Unterhaltungsfernsehens.

Immerhin, das kann dieser Tatort vermitteln: das Theatergebäude als ein Labyrinth, so oft sich die Darsteller durch die Gänge, Treppen, Flure, Brücken bewegen; ist aber eitel genug, das auch noch kommentieren zu lassen „Wer hat denn dieses Theater gebaut? Kafka?“. Schlecht recherchiertes und durchdachtes Drehbuch. Und was ist bloß aus Andreas Kleinert, dem einstigen Regie-Wunderkind geworden?

Die Tschechow-Aufführung selbst scheint von eher durchschnittlich-steifer Stadttheaterqualität zu sein.

Dem Titel „das Verlangen“ – erinnert an die Begierde… – wird schon gar nicht erfüllt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Sandmännchen Forever – Karriere einer Kultfigur (Das Erste, Freitag, 26. Dezember 18.50 Uhr)

Ein Held für die Ewigkeit

Ein Held für immer. Er hat etwas Heldenhaftes. Das ist die Conclusio dieser Hommage von Sebastian Dehnhardt an ein Fernsehvermächtnis aus der DDR, das offenbar bis heute weiterlebt.

Das Sandmännchen hat Millionen von Kindern die Angst vorm Einschlafen genommen. Es ist ein pfiffiges kleines Bürschchen einerseits, andererseits mit Bart doch etwas alt wirkend, ja es könnte sogar gefährlich sein, wenn man Vergleiche mit Potentaten zieht, die ähnliche Bärte hatten. Es ist kein kitschiger Gartenzwerg; das war bewusst so gewollt.

Und da sind noch die Zipfelmütze und der Umhang, das Mäntelchen, das ihm offenbar magische Kräfte, Superheldenkräfte, verleiht, wie wir sie aus Hollywoodfranchises kennen.

Sandmännchen ist ein kleines, bescheidenes Männchen; es wird in dieser Dokumentation von einer pompös und eitel sich gebenden Sprecherstimme schier erdrückt, die so gar nicht zum Sujet passt. Die Stimme versucht zwar, geheimnisvoll zu tun; sie ist es aber nicht.

Auch die Talking Heads (in manchen Fällen trefflich mit ‚Laberköpfe‘ übersetzt) sind so hergerichtet und inszeniert vor Feenstaubhintergrund, dass sie eher an die einmal erwähnte, geleckte Westfernsehwerbung erinnern, als an bescheiden-smarte Pfiffigkeit. Es ist eine Mischung aus Küchenpsychologen und Fachleuten, die geschmeichelt scheinen von dieser Selbstdarstellungsmöglichkeit. Sie, wie auch der Sprecher, wären wohl eher dem Gartenzwerguniversum zuzuordnen.

Immerhin bringen die Ausschnitte aus den Sandmännchenfilmen die Faszination solcher Puppen, die im Stop-Motion-Verfahren gefilmt werden, genügend zum Ausdruck, gerade auch, weil Sandmännchen nie spricht, das erhöht den Reiz seines Geheimnisses. Das ist sowieso da.

Historiker oder Sprachforscher können letztlich nicht ergründen, woher die Figur kommt und wieso sie es zu einer scheinbar unverwüstlichen Haltbarkeit bringt. Das fing lange vor dem Fernsehen mit dem Radio an und nicht etwa in Deutschland, sondern in den USA. Vorher mit Illustrationen. Der Film gibt mit Archivschnipseln auch einen schönen Eindruck von der trickkünstlerischen Kreativität, die in der DDR möglich war.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Lebenslinien: Günter Grünwald- Hauptsache anders (BR, Montag, 22. Dezember 2025, 22.00 Uhr)

Die Lebenslinien als Promotions-Vehikel für einen Kabarettisten –
so spannend wie der berühmt-berüchtigte Diaabend bei Freunden

Diese Sendung hätte sich der BR, Redaktion Rahel Roudyani, Buch und Regie: Steffi Illinger – bei aller Sympathie und auch den öffentlich-rechtlichen Verdiensten des Protagonisten – schenken können. Sie scheint hauptsächlich gemacht als PR-Vehikel für das Revival einer Altherren-Band.

Ach, diese Lügerei, man halte Privates und Öffentliches strikt getrennt und – wisch – schon ist man mitten in den Familien-Tratsch-Kinder- und Scheidungsgeschichten mit Fotos und Videos.

Ein tragischer Schockmoment, der den ermüdeten Zuschauer aufschrecken lässt: „Für das Publikum völlig überraschend ist dann nach 22 Jahren Schluss und zwar nicht nur mit der Fernsehsendung ‚Gründwald Freitagscomedy‘ sondern auch mit den Bühnenauftritten“. Das sagt die alles einebnende Sprecherfee.

Immerhin gibt es eine Begründung dafür, nämlich dass Franz, der den Protagonisten vom ersten Bühnenauftritt an begleitet hat, gestorben ist, und dann auch noch die Agentin. Das scheint ernsthaft, ehrlich und ehrenhaft; lange hält die Nibelungentreue nicht, der Rücktritt vom Rücktritt lässt nicht auf sich warten und dafür muss jetzt diese Gratis-Promo her.

Immerhin, die Sendung sei nach ökologischen Standards produziert, ist am Schluss zu lesen, was immer das heißen mag (ist der BR jetzt mit lauter Elektrofahrzeugen unterwegs zu den verschiedenen Wohn-, Schul-, Preisverleih- und Sendungsaufzeichnungsorten?).

Die Lebenslinien erwecken den Eindruck, als seien sie für ein teilbeschränktes Publikum gemacht, das nicht wissen darf, wieviele Immobilien so ein Kabarettist im Laufe des Lebens anhäuft, wie viele Millionen er dank dem kapitalistischen Modell verdient, wie viel Zwangsgebührengeld im Lauf der Jahre auf sein Konto geflossen ist; nein, das darf der mündige Zuschauer auf gar keinen Fall erfahren; ihm traut man nur zu, damit umgehen zu können, dass es in den Anfangszeiten schwierig gewesen sei.

Dabei haben die Sender, das würde kürzlich gerichtlich bestätigt, ausdrücklich die Auflage, die vielfältigsten Interessen zu berücksichtigen und nicht nur wie hier, die einfältigsten. So kommt der Rundfunk seinem ureigenen Auftrag nicht nach.

Der BR wirbt säuselnd in der eigenen Sauce köchelnd für eine Band, die garantiert demnächst bei ihm einen – gut bezahlten – Auftritt haben wird. Aber wie viel, das bleibt öffentlich-rechtliches Geschäftsgeheimnis. Das entspricht nicht dem Bild eines mündigen Bürgers, der das A und das O einer funktionierenden Demokratie ist.

Zum Themenbereich mündiger Zuschauer gehört auch die Überlegung, warum sollen die Lebenslinien-Redaktion nicht offenlegen, wie die Entcheidung für einen Protagonisten zustande kommt, ob der oder seine Firma sich bei der Redaktion gemeldet hat, wie der Tipp dahin gelangt ist, wie die Redaktion davon gehört hat und wie die Redaktionsentscheidung, auch für die Regisseure und Regisseurinnen zustande kommt, ob so ein Feature kompetitiv ausgeschrieben wird oder nach dem Gunstprinzip verteilt. Nichts von alledem. Man geht vom belämmerten Zuschauer aus, der eingeseift, aber nicht aufgeklärt werden soll. Und wundert sich dann, dass die Akzeptanz eine solch tranigen Rundfunkes von Tag zu Tag schwindet.

Erstaunlich ist, wie kritiklos sich so ein bekannter Kabarettist offenbar auf so ein Format einlässt und im Handumdrehen seine ehernen Grundsätze von wegen die Familie raushalten, sausen lässt, den PR-Effekt für sein neues Projekt im Sinn.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Wie kommen wir da wieder raus? (BR, Samstag, 20. Dezember 2025, 20.15 Uhr)

Harmonischer Abend

Das ist das, was sich Wanda (Caroline Peters) zu Weihnachten wünscht. Souveränes Storytelling geht davon aus, dass sich genau das Gegenteil einstellen wird. Das ist auch nicht so schwierig bei der verzwickten verwandtschaftlichen Konstellation, wer getrennt ist und doch wieder Sex miteinander hat, wer in welcher neuen Beziehung steht. Die Hauptfrage ist: wer spielt den Nikolaus bei all den Absagen.

Wichtigste Dialgothemen sind moderne Lebensbewältigungsstrategien, zum Teil von gestern (so schnell geht das, gestern meint, vor ein, zwei Jahren, das zeigt aber auch, wie schnell so modische Strömungen vorbeiziehen; ach so, es ist ein Film von 2023, erstaunlich, wie viel Staub schnelllebige Themen in so kurzer Zeit ansetzen) anhand von Begriffen wie:

Bio, vegan, öko-zertifiziert, genderfluid, weird, Lockdown, veganer Superkleber für Klimaaktivisten, Corona-Tests, Social Media, nachhaltiges Weihnachten, Spanferkel kontra kein Fleisch, Klimaerwärmung, sexuelle Aneignung, Yoga, Pronomenrunde, Transition zum Transmann, ungeimpftes Sperma, Binärgeschlechtlichkeit, fake-outen, Aufmerksamkeitsproblem, fake-vegan, luctosefrei, rassistische Geschenke, woke Polizei, Kopfmassagestab, Mitte stärken, Pepperoni-Socken, random, no shame.

Diese werden mit sichtlichem Spaß an der Freud und an der Trendsauce und dem Trendsalat – und nicht immer gut verständlich – vorgetragen von Caroline Peters, Simon Schwarz, Chantal Zitzenbacher, Marcel Mohab, Hilde Dalik, Pie Hierzegger, Michael Ostrowski als Mitglieder dieser Patchwork-Family.

Es gibt eine bis mehrere Nikolauskomplikationen. Das Covid-Masken- und das Impfthema werden breitgetreten inklusive dem Thema des Spermas ungeimpfter Männer. Michael Ostrowski hält ein paar einfache Zaubereien bereit. Als soziales Thema spielt das Zuschütten von Gräben eine Rolle. Und auch der Bitcoin wird durch den Dialog-Fleischwolf gedreht. Ein Aufruf zur Freiheit der Frauen darf nicht fehlen in einem Film von einer Frau, von Eva Spreitzhofer, die selber auch einen Auftritt bei einer Demo hat; dafür rechnen die Öffentlich-Rechtlichen bestimmt noch ein Zusatzgeld ab.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Lebenslinien: Alles für meine Konditorei (BR, Montag, 15. Dezember 2025, 22.00 Uhr)

Managerkarriere,

so heißt es bei Männern, wenn es eine Frau ist, in diesem Falle Barbara, so mag sie es auch ihren Feminismus nennen. Fakt ist: Geschäft geht vor und die Familie muss schauen, wo sie bleibt. Ehemänner packen das nicht. Gesundheitliche Folgen bleiben nicht aus.

Hier geht die Geschichte gut aus, allerdings auf Kosten der Ehemänner. Barbara hat das Geschäft, das sie selber aufgebaut hat, sicher durch die Covid-Krise gebracht, hat die Kinder in den Betrieb integriert und die Nachfolge geregelt, hat sich selbst vom Karrierismus verabschiedet, hat Kinder und Enkel in der Nähe. In einer Lebenskrise hat sie sich mit Tagebüchern selbst geholfen.

Insgesamt nehmen diese Lebenslinien von Christiane Fiedler unter redaktioneller Obhut von Zwangsgebührentreuhänderin Christina von Hahn ein gutes Ende und habe eine schöne Moral.

Die Karrieregeschichte ist aber nur eine Lage dieses Fernsehkuchens. Der ist gleichzeitig ein biederer Imagefilm für zwei Cafés. Das eine ist in Garmisch und das Elternhaus von Barbara, ein mondänes Café. Das andere ist dasjenige in Murnau, mit dessen Übernahme sie sich selbständig gemacht und für die Karriere gegen die Familie entschieden hat.

Da es sich um einen öffentlich-rechtlichen Sender handelt, ist es immer fragwürdig, wenn Sendungen zur Imagepflege von Privatunternehmen umfunktioniert werden. Zumindest müssten dann alle anderen Cafés aus Garmisch und Murnau und vemutlich auch aus der Umgebung und wahrscheinlich sogar aus ganz Bayern ein Anrecht auf ebensoviel Werbesendezeit bekommen.

Das ändert nichts daran, dass die Protagonistin und ihre Kinder sympathisch rüberkommen und dass die Lust auf ein paar Tortenprobierstücke geweckt ist. Die BR-Redaktion dürfte sich mit diesem Beitrag ein paar feine Kostproben aus den Konditoreien und der Schockoladenfabrikation verdient haben.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Die Würzburger Festung – Herzschlag einer Baustelle (BR, Montag, 10. November 2025, 21.00 Uhr)

Nullkonzept-Doku

Irgendwie scheinen die beiden Dokumentaristinnen Brigitte Hausner und Alisa Wienand und die BR-Redakteurin Sigrid Korn mit diesem Projekt sich selbst überfordert zu haben.

Ein minimale Absicherung haben sie im Titel vorgenommen mit der Einschränkung „Herzschlag einer Baustelle“. Nun, was ist dieser Herzschlag? Sind das Presslufthämmer, sind das Bohrer, sind das Nägel, sind das Betoniermaschinen, sind das menschliche Köpfe, womöglich gar solche, die nicht mal in Würzburg sind? Darüber erfährt man hier schon gar nichts, wer das Sagen hat auf dieser Burg, wer der Besitzer ist, weshalb diese riesige Renovation begonnen wurde, mit welchen Mitteln.

Vom Resultat her interpretieren die Dokumentaristinnen die Herzschlagsuche folgendermaßen: immer mal hin fahren zur Baustelle, sich mit den Leuten beschäftigen und jene filmen, denen es am leichtesten fällt, vor der Kamera zu agieren und zu reden.

Da ist in erster Linie der Kastellan, der sehr gesprächig ist und die Kamera sehr zu lieben scheint, der hat wohl die Dokumentaristinnen so vereinnahmt, dass schier Lebenslinien über ihn daraus geworden sind, bis hin zum Begehen der ehemaligen Wohnung, dem Blick ins Familienalbum, dem Auftritt der blonden Tochter (also wenn die der Herzschlag der Baustelle ist…) und nach der Schlossführung dürfen Besucher noch Komplimente über ihn fürs Fernsehen absondern – das ist dann wohl als Pulsmessung des Herzschlags der Baustelle gedacht; da wären wir nicht so ohne weiteres drauf gekommen.

Irgendwann erfährt man, dass in dem Schloss ein Museum untergebracht ist. Auch das scheint sich über die Fernsehpräsenz zu freuen und gibt ausgiebig Auskunft über die kleinen Probleme des Umzugs, der Desinfektion, der Restauration eines mehrere Meter hohen Banners aus dem 14. Jahrhunderts.

Action muss auch sein. Zufällig waren die Dokumentaristinnen anwesend, als – wer ist denn jetzt der Bauherr? – ein Kran durch den engen Burgaufgang gefahren werden sollte.

Es ist eine Zufallsdoku, eine Chaos-Doku, eine Doku aus dem Tal der Ahnungslosen, eine Planlos-Doku, kaum mehr als eine Tourismusdoku, eine Strawanzerdoku. All das wird auf der Tonspur verpackt mit Flixbus-Abfahrtsmusik. Und da die Baustelle dokumentarisch so unergiebig war, gibt’s als Beifang Häppchen vom Schlossfest.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Lebenslinien- Der Kampf um meine Würde (BR, Montag, 10. November 2025, 22.00 Uhr)

Lebensbericht
Die Lebenslinien als Erzählung

Sadia erzählt ihr Leben, erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sie als selbständige Frau in München wohnt und arbeitet, eine Info, die früh in diesen Lebenslinien von Birgit Eckelt unter redaktioneller Betreuung durch Christiane von Hahn eingestreut wird.

Sadia ist eine kluge, wortgewandte Frau. Sie ist kämpferisch veranlagt und wird deshalb zuerst beim Training von Jiu jitsu vorgestellt. Das ist das Motto ihres Lebens.

Die Erzählung findet teils im Off, teils direkt in die Kamera statt, teils wird sie als redaktionell bearbeiteter Text voice over eingebracht.

Die Bebilderung zur Erzählung ist nicht so wesentlich, gerade auch diese lebenslinienüblichen Besuche an früheren Wirkorten, hier sind es eine Schule, ein früherer Arbeitgeber ihres Vater, die Wohnung einer ehemaligen Pflegefamilie; genau so genügen Bilder von ihr an einem Bach in der Natur.

Es gibt Clips aus einem Film von einer Trille Nielsen von 1993 mit dem Titel „Mama Caroline und ihre Findelkinder“. Da muss man schon genau hinhören, um festzustellen, dass nicht Sadia eines der Kinder ist. Es irritiert kurzfristig, wenn man liest, dass dieser Film von 1993 sei, die Erzählung aber schon fünf Jahre weiter ist. Es gibt dort Szenen, wie Sadia sie selbst erlebt hat.

Es ist eine glückliche Kindheit trotz Gewalt durch den Vater. Brüche passieren ab 6 Jahren. Hier trennt sich die Mutter vom Vater. Wegen dem Bürgerkrieg folgt die Flucht nach Kenia. Früher Tod der Mutter. Kinderheim. Vater in Deutschland. Der holt sie, wie sie 11 Jahre alt ist, nach Deutschland. Dann Pflegekind bei einer katholischen Diakonsfamilie; die macht das aus Imagegründen. Sadia lernt schnell und gut. Die persönlichen Dramen wiederholen sich. Die Gewalt, die sie in der Familie erlebt hat, tritt wieder in Beziehungen mit Männern auf. Sadias Reaktion ist es, sich nicht unterkriegen zu lassen. Ihr Emanzipationsprozess findet Unterstützung durch einen guten Freund, eine gute Freundin und der Kampfsport hilft enorm.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.