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Oktoberfest 1900 (Folge 5 und 6) (ARD, Mittwoch, 23. September 2020, 20.15 Uhr)

Notizen noch vor der Sichtung dieser 5. und 6. Folge der Reihe: sie ist nicht gut erzählt: Möchtegern-Saga wie die einst berühmte amerikanische Serie mit den Ölclans („Dallas“) und hier jetzt mit den Bierclans, wobei vor allem vom Eindringling, dem Preussen, viel zu wenig Umfeld bekannt ist, er ist der kapitalistische Depp (einzig die Bestzung hilft, das etwas abzumindern). 

In Folge drei und vier. Der Preuss muss den Jungen mit diesem Schlagring mindestens totgeschlagen haben; das erzählt die lausige Action – aber dem war nicht so; es war wohl nur halb so schlimm als wie es ausgesehen hat. 

Fazit nach 6 Folgen ist die Frage, warum es so gar keinen Spaß macht, diese Serie zu schauen. 

Die Erzählung ist zu hackelig. Die Dialoge sind nicht so, dass die Darsteller durch sie zu Profil finden können, sie bewegen sich zwischen Allgemeinplätzen (über Kapitalismus) und Texten der Vorteilsuche, nebst eingestreuten, erfundenen Beziehungs- und Liebsgeschichten. 

Die Menschen sind eindimensional, alle nur auf ihren Vorteil versessen, ständig wird jemand abgemurkst, die Action ist schlecht gefilmt und der Oberhammer dürfte der sein, dass erst ganz am Schluss, wie aus Torschlusspanik, weil der Film merkt, dass es an tragenden Säulen fehlt, in wenigen Sekunden Schnelldurchlauf die Motivation von Prank in den Film eingebracht wird; ein Essential, was unbedingt an den Anfang gehörte oder wenn nicht, dann müsste aus der Rolle – auch ihren Texten – klar werden, dass da mehr als nur kapitalistische Arschigkeit dahinter steckt, unbedingt als Wirt auf das Oktoberfest zu wollen. 

Die Intriganten im Rathaus sind eindimensional-klischeehafte Figuren. Die Morde haben kaum Folgen, die Schlägereien die, dass viel seltsames Rot auf die Gesichter der Schauspieler aufgetragen wird; man kann sich für keine der Figuren erwärmen. 

Etwas erreichen die Macher sicher: sie erleichtern es einem, dieses Jahr auf das Oktoberfest zu verzichten, ein Fest, was offenbar in einer Geister-Spukstadt (wie nächtliche München-Ansichten zeigen; eher eine Vampirstadt – das wiederum ist ja nicht so übel!) auf Blut und Ungesetzlichkeit gebaut ist. 

Wo liegt der Wurm begraben? Offensichtlich ist, dass die ARD mit diesem überdimensionalen Projekt an Vorbilder wie „Dallas“ anknüpfen möchte, wo es um den Kampf reicher Ölclans geht. In Bayern eine Nummer kleiner, der Kampf von Bierbrauern oder Bierbaronen um Plätze auf der Wiesen, der mit allen Mitteln ausgetragen wird. 

Weshalb die Erzählung mich kaum vorm Bildschirm halten würde, wenn ich freiwilliger Zuschauer wäre: die Erzählung hinkt an allen Ecken und Enden. Vielleicht ist es schlicht das Problem, dass trotz einer Heerschar von Autoren und vielleicht auch Möchtegernautoren nicht genügend Mittel vorhanden sind, Figuren und Handlungsstränge auf Plausibilität hin durchzuarlbeiten; zu oft kommen Texte vor, die wie aus Drehbuchratgebern entnommen scheinen und die nicht dazu angetan sind, die Sprecher zu charakterisieren und damit als Spielfiguren interessant und spannend zu machen; weshalb die Handlung immer so abrupt rumhupft, weshalb das Zuschauerinteresse nie so richtig anknüpfen kann; das hat zur Folge, dass das Kamera- und Beluchtungsgroßgetue ermüdend wirkt. 

Die Serie kommt aufgemotzt und hohl daher. Überwiegend gründlich misslungene Szenen: das Fingerhakeln, das Mähen im Korn, das Intrigengespräch in der Kirche, die Irrenhausszene, die Szenen der Brauervereinigung und und und. Insofern ist auch das Zwangsgebührengeld hinausgeworfenes Geld, weil die Diskrepanz zwischen Ambition und realer Möglichkeit, die der Sender vorgibt, zu groß und nicht erfüllbar ist; Grund genug, nicht nur gegen eine Erhöhung der Zwangsgebühr zu sein, sondern sogar eine Senkung derselben zu fordern und auf die Produktion solch haltbarer Ware zu verzichten. 

So wirkt die Geschichte letztlich zäh, weil zum Kontent nicht die Menschen, sondern lediglich ihr Vorteilsstreben gemacht wird; weil sie sich lediglich in einem Kosmos von Ordnunswidrigkeit und unsauberem Gewinn bewegen. Das wiederum führt dazu, dass es kompensatorisch zu „ad hoc“-Dramen kommt. Kurz vor Schluss geht dem Film noch der Atem aus, da scheint es, werden wild Restetakes zusammengeschnitten. Zangengeburt aus einer zwangsgebührenfinanzierten, weisungsgebundenen Verantwortungsverzichts-Hierarchie. 

ROTE KARTE DES ZWANGSGEBÜHRENZAHLERS!

Lebenslinien: Die Brezn-Frau auf der Wiesn (BR, Montag, 21. September 2020, 20.15 Uhr)

Löwenmutter Juliane.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten; Juliane, Jahrgang 1929, stammt aus einer Generation, die nur eins kannte: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das tut sie auch mit über 90 noch. Das liegt in Herkunft und Biographie und auch in den Genen begründet. Leitmotiv von ihrem Opa war, wenn du etwas machst, dann mach es richtig und mach es fertig. 

Julianes Drang, selbständig zu sein, als Frau etwas zu verdienen und zu lernen, hängt wohl auch damit zusammen, dass sie als uneheliches Kind in eine Großfamilie auf einem Bauernhof hineingeboren wurde und schnell, da ihre Mutter weggezogen ist, Verantwortung für kleinere Halbgeschwister übernehmen musste, ja mit 16 oder 17 ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin abgebrochen hat, um für die kranke Stiefmutter einzuspringen. 

Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Liebe, Heirat, irgendwann landet das Mädchen vom Lande, das nie dort auf dem Hof bleiben wollte, mit Mann in München. Bescheidene Lebensverhältnisse, vier Kinder. Alles für die Kinder tun. Zusätzlich zum Mann arbeiten, Hausmeisterei und dann ab 1963 regelmäßig die Jobs auf dem Oktoberfest, 13 Masskrüge auf einmal; die Handgelenke sind längst verformt und verschoben; seit einigen Jahren noch als Breznverkäuferin auf der Wiesn. 

Alles für die Familie von früh bis spät, für die Kinder, die Kindeskinder und inzwischen für die Urenkel. Keine Kultur des Kaffeehausgehens, des Ausgehens, von Kino, Theater, Konzerten ist nicht die Rede, von Sport, Urlaubsreisen, Shopping noch weniger und von Wellness schon gar nicht. 

Diese Lebenslinien von Birgit Deiterding leben von der Gesprächigkeit der alten Dame, der man noch lange zuhören könnte (auch Udo Wachveitl als Kommentarsprecher macht sich gut), so dass die Lebenslinien-Pflichtübung mit Begehen früherer Wohnorte praktisch überflüssig wird, während Einblicke in Fotoalben bis weit zurück und Archivfilme vom Oktoberfest wie immer ihren Reiz haben; es ist nicht nur ein Oktoberfestfilm, resp. diesmal ein Oktoberfestersatz-Film, es ist auch ein Münchenfilm, gar ein Bayernfilm, wie er den Lebenslinien prima zu Gesicht steht und dazu das faszinierende Porträt einer Löwenmutter, bayerischer dürfte kaum gehen. 

Oktoberfest 1900 (Folge 3 und 4) (ARD, Mittwoch, 16. September 2020, 20.15 Uhr)

Bankert und Engelmacherin

Das Oktoberfest ist auf Mord gebaut, wissen wir nach diesen Folgen 3 und 4 und auf versuchten Totschlag, obwohl das Opfer relativ schnell mit einer lausigen Kopfbinde durch den Film irrt auf der Suche nach der Mutter seines Bankerts. Denn das mit der Engelmacherin hat offenbar nicht funktioniert. 

Die ARD fährt typisch fernsehverhackstückt, fernsehasthmatisch fort, diese Oktoberfest- und Kriminalgeschichte konfus zu erzählen, wirrt von Erzählstrang zu Erzählstrang, landet zielsicher im Abwärtsgang seiner Schwundstufen in typischer TV-Schnappatumung auf der Schundstufe, die Themen wie Bankert und Engelmacherin als Hindernisse wirtschaftlicher Heiratspolitik überdeutlich hervorhebt, die immer wieder die dämliche Frage stellt, was denn hier los sei, wenn selbst der dümmste Fernsehzuschauer das schon mitbekommen hat. 

Der hoffnungsvolle Ansatz aus der zweiten Folge, der mit dem Haupterzählgewicht auf Martina Gedeck als Bierbrauerswitwe Höflinger mit ihren beiden Söhnen Roman (Klaus Steinbacher) und Ludwig (Markus Krojer) einen Ansatz von Spannung und Storykonsistenz hat erahnen lassen, veredelt sich in der irrigen Annahme, dass Ausstattungs-, Kostüm-, Licht- und Maskenaufwand mit Inhalt gleichzusetzen sei. 

Es geht grob gesagt darum, dass der „Preuß“ Curt Prank (Misel Matievic – wie wunderbar der sein kann, hatt er in Exil gezeigt)mit Mord und Totschlag-Action (so sieht sie zumindest aus) mit einem Schlagring und mit allerlei Korruption und einem Maximilian Brückner (kann der kein Bayerisch?), sich die Rechte für seine „Bierburg“ auf dem Oktoberfest ergattert, dem Vorbild für die heutigen Megabierzelte. 

Aber der Rolle fehlt das Fundament; er ist einfach preussischer Kapitalist, der seine Tochter richtig verheiraten will und dieses Thema wird breit getreten (von wegen Schundstufe). Das ist die historische Substanz, die hier ohne sich für die Einzelfiguren zu interessieren, dünnst ausgebreitet wird „nach wahren Begebenheiten“ oder so ähnlich. 

Es gibt viel Bildtrara von diesem Oktoberfest 1900 und Spannung soll die Tatsache erzeugen, dass der neue Bierbaron nicht genügend Bier zum Ausschenken hat. So wie auch immer schmerzlich sichtbar wird, dass die Produktion nicht genügend Statisten für die Massenszenen hatte (die ARD muss sparen) und so das Oktoberfest mittendrin menschenleer ausschaut. 

Filmische Ambition wird spürbar, diese visionären Szenen, diese Orgienbilder oder auch die Schmerzbilder sowohl des Sohnes von Gedeck als auch des Kapitalisten mit den Schmerzen beim Ziehen des Weisheitszahnes, auch das wird im Hinblick auf die Schundstufe breit zelebriert und hat kaum etwas zu tun, mit der Behauptung, über das Oktoberfest 1900 zu berichten; das gehört zu den Freiheiten, die sich der Film mit seiner Garde von Autoren mit der Behauptung nimmt. „frei nach wahren Begebenheiten“. Nichts gegen die Freiheit von Autoren, die ist vehement zu verteidigen und zu befürworten, nicht aber in dem Moment, wo sie mit Beliebigkeit und „Freiheit zum Klischee“ verwechselt wird. Konsequent: die erzählerischen Schwächen.

Oktoberfest 1900 (Folge 1 und 2) (ARD, Dienstag, 15. September 2020, 20.15 Uhr)

Das kommt heraus,

wenn die ARD beim BR kreißt, wenn weisungsgebundene öffentlich-rechtliche Rundfunkredakteure wie Bettina Ricklefs (BR), Daniela Boehm (BR), Carolin Haasis (ARD Degeto), Jana Brandt (MDR), Meike Götz (MDR), Elke Kimmlinger (WDR) das ganz große, aufwändige TV-Movie oder TV-Event für das als nicht allzu intelligent vermutetet Hauptabendpublikum über das Oktoberfest machen, wenn Drehbuchköche Stefan Betz, Christian Lex, Nikolaus Schulz-Dornburg, Michael Proeh nach einem Konzept von Alexis von Wittgenstein unter Leitung der Head-Autoren Ronny Schalk und Christian Limmer den ganz großen Kostüm-Aufwandbrei kochen orientiert am Schund-Roman (der zitiert wird), mit einem Hinkebein-Storytelling mit Steif-Dialogen auf den Ebenen von Herrschaft und Gesinde, Au und Hochdeutsch in einem scheußlichen Sprachbrei wie sauer Bier aus einem Günstlings-Cast, der keinerlei Wettbewerb für die Rollen vorsieht, der frei Haus ein Stück vom Zwangsgebührenkuchen erhält für teils kaum spielbare Rollen, da prinzipiell die Rollenfundierung fehlt, da es nur um Illustration geht, man hätte auch Roboter aus dem Kostümfundus einkleiden können.

Das alles spielt sich ab vor einer irritierten Kamera, die nicht weiß, wofür sich interessieren (der arme Cutter!) und die oktoberfestlich vor allem drohnen- und zoombeschwipst rumhampelt. 

Ein Film, der groß tun möchte mit aufreißender Kamera, vor allem mit hochdramatischer Musik, so bedeutungsaufgeladen wie möglich, um die Leere der brav auswendig gelernten Dialoge zu übertönen. 

Was der Chose fehlt, ist eine klar Ausgangsposition. Denn es ist nicht die Vita von Prank (Misel Maticevic), die interessieert, dem Brauer aus Nürnberg, der um 1900 das Oktoberfest zu dem machen möchte, was es heute ist. Respektive dieses Jahr nicht ist, so eine lausige Hommage aber hat es stattdessen nicht verdient. 

Exotisch in Folge eins und zwei sind die Kannibalen, die es aus einem deutschen Schutzgebiet nach München verschlagen habe und denen der Mord am Brauer Höflinger (Francis Fulton-Smith) in die Schuhe geschoben werden soll. Kurz erinnert man sich, dass um diese Zeit an der Münchner Isar (wo die Kannibalen offenbar leben) Western gedreht worden sind – vielleicht a bissl später. Aber nicht mal zu diesem Zeitvergleich ist der Film fähig. 

Es ist vor allem Kostümgetue und Sprechverhau. In Folge zwei zeigt sich ein Ansatz, wie die Oktoberfest-Saga (je nachdem wie es später weitergeht) spannend hätte aufgedröselt werden können. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Höflinger Witwe Martina Gedeck das Heft des Handelns übernimmt, da wird klar, wenn die Geschichte mit so einer starken Schauspielerpersönlichkeit (egal, dass sie mir in ihren Psychorollen auf den Wecker geht) als Hauptfigur erzählt worden wäre und ganz klar die anderen Handlungsstränge diesem unterordnet, dann wäre vielleicht ein beachtliches Werk draus zu machen. 

Aber das Storytelling, das Storytelling, das ist malade, zu viele Köche verderben den Brei und der Hauptkoch oder die Hauptköche scheinen den Überblick andauernd zu verlieren. 

Jedenfalls wird die Prank-Figur nicht spannend genug eingeführt oder es fehlt an flankierenden Parametern, die seine Vision spannend machen würde. Während bei der Gedeck-Figur, bis sie ins Zentrum rückt, bereits viel solcher Info da ist, die ihre Konfliktsituation etabliert. Prank ist nur ein kapitalistischer Rüpel, verdient null Empathie. Der Film ist möglicherweise auf dem falschen Fuß aufgestanden. 

Pseudokostümaufwand macht großen Film, glauben die. Und ein Günstlingsbesetzungchaos bringt auch keine Qualitätssteigerung. 

Verseppelte Kamera.

Die ARD verhebt sich an Möchtegerngehobenem mit steifen Dialogen voll triefender Klischees. 

Schwach und unsauber inszenierte Action, unvollständig erzählt, bis dilettantisch. Das Trio Gedeck und Söhne könnte einen Storynucleus bilden. 

Es gibt zwar eine ganze Hierarchie von Autoren, aber es fehlt der ordnende Geist, der alles duchdringt, dadurch ensteht überwiegend anonymisierte Industrieware of no cultural value. Der ist im Ansatz vielleicht vorhanden in der verbleibenden Kernfamilie in der Au mit der Mutter und den zwei Söhnen. 

Beleg auch für die Drehbuchschwäche: wie viel spannender war doch der Darsteller Misel Maticevic des Prank in Exil mit einer diffizilen Rolle als hier in diesem Fernsehquark, wo er eine simple Kapitalistensau zu spielen hat. Verständlich, dass er die Drehtage und die schöne Gage mitnimmt, glorioser wird seine Biographie dadurch nicht. 

MATERA. Verborgene Heimat (SWR, Sonntag, 13. September 2020, 09.35 Uhr)

Der geplünderte Prunkwagen

Einmal im Jahr gibt es in Matera den heidnisch-christlichen Brauch, dass in monatelanger Arbeit hergestellte Prunkwagen (Materialien überwiegend Pappe) durch die Menge fahren und dann geplündert werden. Die Menschen gehen mit den Trophäen als Reliquien nach Hause, mit Heiligenfiguren oder Teilen davon, mit malerischen Verkleidungen, alles wird auseinandergenommen.

Der Brauch erzählt einiges über die Mentalität der Bewohner dieser seit 9’000 Jahren durchgehend bewohnten Stadt an der Via Appia, einer Schnittstelle zwischen Orient und Okzident. 

Berühmt geworden ist Matera, die Höhlenstadt durch Filme von Pasolini oder Mel Gibson. Die Höhlen sind hervorragend geeignet zur Darstellung des Heiligen Landes. 

Auch das ist eine Spezialität dieser von tiefen Schluchten flankierten Stadt auf Tuffstein: die Bewohner waren anfänglich Höhlenbewohner, dann nutzen sie den Aushub der Höhlen zum Bau von Häusern direkt über den Höhlen (darauf spielt der Titel des Filmes an; was hier im Verborgenen alles zu entdecken sei); auch hier eine Art Recycling wie beim Prunkwagen, der wird zerstört, damit im nächsten Jahr alles noch schöner neu entsteht. 

Ganz so war die Geschichte der Stadt in großen Wellen besehen. Vor der Industrialisierung in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts muss dort eine unglaubliche Armut geherrscht haben in den Sassi, den Höhlenhäusern, was zu absurden Aussiedlungen führte, katastrophale städtplanerische Fehler. Inzwischen ist die Stadt Weltkulturerbe geworden, ein Touristenmagnet. 

Alessandro Soetje, der mit Andrea Tognasca auch das Drehbuch geschrieben hat, präsentiert die Stadt in einem magazinhaften Mix aus Blicken zurück, Drohnenaufnahmen, Impressionen aus der Stadt mit Statements von Leuten, die sich auskennen: Journalisten, Künstler, Archivare, Restauratoren, Kulturmanagerin, Bürgermeister geben den Begleittenor zu dieser angenehm kulinarischen TV-Sonntags-Matinee.

Servus Baby: Torero (BR, Dienstag, 8. September 2020, 21.45 Uhr)

Mit der Methode von zwar durchgängigen Figuren, die aber je nur in einer Folge die Hauptrolle spielen und deren Geschichten also wieder aus der Serie verschwinden, dürfte sich der BR keinen Gefallen getan haben und die Einschaltquotenkurve vom heutigen Dienstag, 8. September, an welchem vier Folgen hintereinander gezeigt werden, dürfte steil abfallen schon zu Beginn der zweiten Folge. 

Es ist kein zuschauerfreundliches Prinzip, denn der Zuschauer verliert ständig den Faden, muss sich wieder mit neuen Figuren anfreunden, deren Namen oft erst sehr spät in einer Folge das erste Mal fallen; das verwirrt und schadet dem Interesse. (Dies war eine Vorbemerkung, vielleicht lehrt uns diese vierte Folge der zweiten Staffel ja Besseres, warten wirs ab).

Nach Sichtung der Folge: Es ist nicht besser geworden, nur noch dröger, nur noch zwangserfundener. Das ist kein verantwortungsvoller Umgang mit Zwangsgebührengeldern.

Diesmal echte Kakcke im Klo.

Aus der Konstellation, dass das Kindermädchen auch die Geliebte des Papas wird, so was!: Aneinanderreihung von Stereotypien von versauter Hochzeit, Nichtgestehenkönnen der Liebschaft von Papa und die künftige Stieftochter hinterlässt Braunes für die Nanny/Stiefmama im Klo. 

Die Stereotypien sind stereotyp, indem sie keine individuellen Wurzeln haben, sie kommen ins Bild, um diese familiären Dysfunktionen zu behaupten, auch mit viel falschem Lächeln und viel gespieltem Entsetzen, das alles ohne Spannung runtergerasselt. Gitarre klimpern muss der Darsteller auch noch. Immerhin, das Konzert im Freien genügt schon fast den Corona-Regeln.

Zu fragen bleibt, nach welchen Kriterien die Darsteller ausgesucht wurden, ob es einen Wettbewerb gegeben hat oder ob es sich nicht viel eher um eine Variante von Gunsterweis handelt, dass jeder (der auf dem entsprechenden Karrussel vorhanden ist), mal dran kommen darf. Das hat allerdings mit künstlerischen Variablen nichts mehr zu tun und ist garantiert auch nicht kundenfreundlich oder entgegenkommend dem Zwangsgebührenzahler gegenüber. So mag ein Schauspielinstitut handeln, eine Nachwuchsstätte aber nicht eine Erwachsenen-Veranstaltung wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender, dem es, wenn schon nicht um Demokratie, so doch um hochklassige Unterhaltung gehen sollte. 

Ruth Megary verdiente einen würdevolleren Auftritt!

„Lassts mich in Ruhe, ich bin am Scheißen“ (aus den Dialogen). 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

Servus Baby: Sombrero (Dienstag, 8. September 2020, 21.15 Uhr)

Tik-Tak macht Kacka,

das ist Kindermund von schwerkranker Oma im Altenheim der Enkelin erzählt; die das als Kind gesagt habe, als sie eine Uhr ins Klo geworfen habe. 

In dieser zweiten Folge der zweiten Staffel von Servus Baby entscheiden sich Felix Hellmann und Natalie Spinell für mehr Erdenschwere; das wird virulent mit der Omageschichte, die den Gang alles Irdischen gehen wird, da hält sich die Folge lange auf und Erdenschwere auch mit der Liebessuche von Mel (Genija Rykova), die von ihrem Chefarzt Jakob (Felix Hellmann, auch Drehbuch) träumt und schwärmt, der eine Berufung nach Dänemark hat; Erdenschwere auch bei seinem Auftritt als Mexikano auf der Beerdigung; Drehbuchautoren sollten vielleicht nicht sich selbst Rollen schreiben. 

Leider geht der Schwung aus Folge eins und auch, wie es mit Lou weitergeht, verloren, der Reiseschwung der abgebrochenen Indienreise ist weg, deren Leichtigkeit und Offenheit verflogen. München ist zwar immer noch clean und sauber und proper, aber nicht mehr ganz so leicht. Erdenschwere ohne Charme auch im Altenheim mit einer Altenpflegerin wie Blei. Nun ja, manchmal macht Tik-Tak halt Kacka. 

Servus Baby: Kindisch (BR, Dienstag, 8. September 2020, 21.15 Uhr)

Kann Biene Kinder vom Gärtner bekomen?

Das ist eine der Doppeledeutigkeiten, die auf Humor hinweisen sollen, mit der das Gespann Felix Hellmann und Natalie Spinell in dieser dritten Folge der zweiten Staffel der Serie – brav wie ein Schulaufsatz – das Thema der Unfruchtbarkeit eines Ehepartners, in diesem Falle des Mannes, zu behandeln versuchen. 

Zäh schleppt sich das Thema durch die halbe Stunde, die einem sehr lange vorkommt. Weg und verschwunden sind aus der Serie die Leichtigkeit, der Humor, das Knuddelige aus der ersten Folge mit der Idee der Abenteuerreise nach Indien. 

Es erweist sich inzwischen als unklug, in jeder Folge anderen Schauspielern die Gelegenheit für größere Auftritte zu geben und auf durchgehende Protagonisten zu verzichten. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit der Idee seriösen, unterhaltsamen Fernsehens zu tun, das scheint ein internes Machtmittel zu sein, ein sonderbares Gerechtigkeitsdenken, dass jeder mal zum Zug kommen solle. Solche Vorgänge mögen hinter den Kulissen durchgespielt werden oder bei einem ausgiebigen Casting, aber es lässt das Produkt unfertig aussehen. 

Für den Zuschauer ist es verwirrend, das war schon in der zweiten Folge so, weil er sich auf die Liebes- und Schwangerschaftsgeschichte der Figur aus der ersten Folge eingelassen hat. Schon in der zweiten wird er brüskiert nicht nur durch den Figuren- und Themenwechsel, auch durch einen deutlichen Charme- und Qualitätsabfall, der hier mit der dritten Folge weitergeht. 

Von der im Vorspann animiert behaupteten Leichtigkeit und Lüpfigkeit der Art der Unterhaltung ist durch solch dröge und bemühte (bemüht lustige) Themenbehandlung nichts mehr übrig. Humor geht flöten und damit das Interesse jenes Zuschauers, der aktuell nicht mit dem Thema befasst ist. 

Wenn schon Personen- und Themenwechsel, dann müssten die deutlich gründlicher gearbeitet sein, auch mit mehr Schauspielerfutter und mehr Witz, also mit einer durchdachteren Charakterisierung der Figuren. 

Servus Baby: Indisch (BR, Dienstag, 8 September 2020, 20.15 Uhr)

Hoppla, jetzt kommen wir.

Die junge Generation. So sorglos und lustig wie wohl jede junge Generation oder gar fröhlicher. 

Wir leben in einem aufgeschlossenen München. Wir lieben und leben. Treue ist nicht das richtige Wort. Münchner Lebensstil. Man trifft sich auf einem Schiff auf einer Brücke. Man liebt, wenn man dafür lustig ist. Treue ist kein belastendes Wort. Es geht auch anders. 

Und plötzlich steht die Hauptfigur Lou (Josephine Ehlert), eine unkomplizierte junge Frau, allein da, ohne Job, ohne Wohnung, ohne Freund und mit einem neuen Freund in einem romantischen alten VW-Bus auf dem Weg nach Indien. 

Die Reisen sind die unterhaltsamsten, die gar nicht erst in Fahrt kommen, die schon einen mehrtägigen Aufenthalt in einer Garage in Mummberg wegen Motorschadens fordern. Der Bus ist schließlich eingerichtet und der Fahrer Linus (der knuddelige Max Wagner) ist auch kein Kostverächter.

So tun sich Hoffnungen auf, wenn nicht, ja, wenn nicht dieses blöde Teil genannt Schwangerschaftstest wäre. Vor 5 Jahren schien Schwangerschaft für Lou noch undenkbar, ärztlich bestätigt. Drum war sie locker mit Domi (Frederic Linkemann) zugange, sehr locker sogar im Showroom eines Möbelgeschäftes – mit Folgen. 

Natalie Spinell, die mit Felix Hellmann auch das Drehbuch zu dieser Serie aus Halbstündern geschrieben hat, hat ein Händchen für Darsteller, sie spielen frei auf und mit viel Spaß an der Selbstdarstellung einer Generation, die nicht unbedingt die Welt verändern will, die die Jugend sich nicht mit komplizierten Philosophien oder mit Psychologiesieren vermiesen lassen will. 

Das Münchenbild, was Spinell zeichnet, das ist, wie es sich das Image der Stadt nur wünschen kann: lebenswert und hübsch dazu. 

Ein Optimismus verbreitender Start dieser Serie: menschliche Fehlleistungen sind verzeihbar, korrigierbar, sind, nun ja: menschlich. 

Schönes Schlamassel (ARD, Mittwoch, 2. September 2020, 20.15 Uhr)

In diesem München-nicht-München-Fernseh-Film von Wolfgang Murnberger, der mit Peter Probst auch das Drehbuch geschrieben hat, wird vor allem das Jüdische herausgestellt, dick und fett herausgestellt. 

„Jüdisch“ ist vermutlich das am meisten verwendete Adjektiv in den Dialogen. Diese drehen sich ums Andbandeln, um Liebeskrisen von Menschen, die noch nicht fünfzig sind, von Menschen, die nicht jüdisch sind und jüdisch werden wollen oder von Menschen, die nicht jüdisch sind und vorgeben jüdisch zu sein, und von Menschen, die bezüglich Judentum eine Geschichte haben, die besser im Verborgenen bleibt. 

Die Plapper- und Lächel-Story spielt im Ärztemilieu, im Gynäkologenmilieu, was gut für Andeutungen ist, spielt im Buchhändler-Milieu, spezialisiert auf Judaika, spielt im Mileu eines vornehmen jüdischen Altenheimes. Hier wohnt der bekannte jüdische Autor Schlomo Wisniewski mit einer nicht ganz so klaren Vergangenheit, ob er das KZ wirklich von innen gesehen hat? 

Es wird viel spekuliert und vorgegeben und angenehm wenig bedröppelt geschaut angesichts des Themas, das immer den Rattenschwanz des Holocaust damals und des Antisemitismus heute nach sich zieht. 

Davon versuchen Murnberger und Probst sich zu befreien, versuchen das Jüdische von diesen Assoziationen, die wie Blei lasten, zu befreien und sie an hübsche und erfolgreiche Mitteljungdarsteller wie Verena Altenberger, Lisa Wagner, Lasse Myhr, Maxim Mehmet anzuheften; die sind so teflonartig gewandt, dass nichts hängen bleibt, auch von den Pointen und Dialogbuchweisheiten. 

Generell sind die Darsteller auf sehr hübsch, kernig, frisch geschminkt, besonders auch die elegante Damenriege im Altenheim. Oft entsteht der Eindruck, man habe sich in eine Degeto-Produktion hineinverirrt, ein Eindruck der durch die krampfige Zupfmusik, die wie Keuchhusten zu vermitteln versucht, wie leicht und lustig das alles sei, noch verstärkt wird. 

Ein Film in Sinne politisch-korrekter, weisungsgebundener öffentlich-rechtlicher TV-Redakteure.