Pflegefamilie ist Scheiße –
Kommissaren tappen im Dunkeln.
Schon merkwürdig, in einer Zeit, wo Tausende von Stellen in vielen Industriebranchen abgebaut werden und die Leute auf der Straße stehen, so ein Getue und Gewese zu machen bei zwei Kommissaren, wo manch einer gar froh ist, wenn er sie nicht mehr aus Gewohnheit schauen muss, die garantiert gut, hervorragend sogar versorgt sind, gerade auch mit der Pension aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (wäre schön, wenn sie das offenlegen würden); für so einen Abschied die Öffentlichkeit mit so einer Gefühlsduselei zu missbrauchen, das ist widerlich. Ein Abgang, der in jüngster Zeit an Peinlichkeit nur noch übertroffen wurde, von der Abwahl des Münchner OBs bei den Kommunalwahlen im März dieses Jahres. Die Leute haben ganz andere Sorgen, als diejenige des Renteneintritts von zwei weißen, alten Männern, denen ein exklusives Leben als TV-Subventionsstars auf Kosten der Zwangsgebührenzahler vergönnt war.
So ein Gewese. Ist denen ihr Kommissartum, was ja nun wirklich keine besondere schauspielerische Leistung ist, sondern längst reine Routine, in den Kopf gestiegen? Sie hätten sich ja nicht hergeben müssen dafür. Immerhin sind ihre Gesichter schon, als ob sie panische Angst vorm Abtreten hätten, einem Schicksal, was täglich Tausenden passiert, als Litfasssäulenposter aufgetaucht.
Dieser Tatort wirkt – wieder einmal – wie die Ambition eines Zwerges, der ein Riese sein möchte.
Drehbuchminderqualität mit Sätzen wie: „Ich glaub, der hat was“, schinden Zeit, bringen den Fall weder vorwärts noch leuchten sie tiefer hinein. Oder: „Wie Du das alles machst, so ganz allein.“ „Ich weiß wirklich nicht, wer Euch beide ersetzen soll“, „Hat noch keiner die Stelle, wird aber bald ausgeschrieben“ (schön wärs beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn es da einen Wettbewerb um die Schauspielerstellen gäbe und nicht der Gnädigkeitserweis per Gunst die Normalität wäre) „Gut, dann sind alle Aufgaben verteilt, auf geht’s!“, sowie überflüssiges Bed-and-Breakfast-Gebabbele.
„Sie war sehr fleißig und da hat man keine Zeit für das Leben, nur für das Sterben“, überflüssige Banalphilosophiesätze, die die sprechende Person kaum charakterisieren und auch kein besonderes Licht auf das beschriebene Opfer werfen.
Immerhin wird Ad-hoc-Dramatik entwickelt mit der Tante, die nicht glauben will, dass das Opfer so gar nichts dabei gehabt haben soll. Sie nimmt es den Kommissaren nicht ab. Aber auch das wirft kein Licht auf den Fall, noch erleuchtet es irgendwelche sozialen Belange unserer Gesellschaft; füllt nur Zeit mit Scheindramatik. Diese Aufregung trägt rein gar nichts zur – immer noch gesuchten – möglichen Substanz des Falles bei. Auch nicht illustrativ, außer dass sie dem einen Kommissar die Möglichkeit gibt, einen Satz auf Kroatisch zu sagen.
„Ich habs mir gedacht“, „Schick sofort die Spusi in die Wohnung“ „Die ist schon unterwegs“ – reine Routinefüllsätze, die bestimmt bei jeder KI leicht abrufbar sind. Und was, bittschön, soll uns das erzählen: „Gehts bitte zu Zweit und nicht allein“ und gleich darauf „Anscheinend geht es auch allein“ …
Weiteres Füllmaterial: „Aber eine Bewohnerin möchte noch was zur Aussage bringen, Stock höher“ „ok, links oder rechts?“ „zweite Tür links“: wenn so eine Aussage nicht mal einen Krimi in Schwung bringt und tiefschürfende Einblick in das soziale Gefüge Münchens gibt!, zu Schweigen vom pseudospontan abgesonderten „Ach, Herr Batic!“.
Dann ein breiter Klischee-neugierige-Nachbarin-Auftritt, klischeeiger geht nicht und die Darstellerin wird in den Anfangscredits als „Gast“ (von der Bauerntheater-Klitsche?) annonciert; mit solch unangebrachter Hervorhebung macht sich der Tatort zum Affen in einem Wichtigtuerzirkus. „Wenn Sie einen Zettel haben und einen Stift.“ „Bittschön“ – „ah, Kreuzworträtsel, ja, gut, bitte dann“, so viel Blabla, so ein schwaches Drehbuch, was versucht eine Fernsehrealität zu behaupten, die mit Alltagsrealität so gar nichts zu tun hat, weil die entsprechenden Sätze ja auch nicht beiläufig genug abfallen; sondern ordentlich schauspielerisch erlernt und eingeübt sind.
Dann eine unbedingt originell und schräg sein müssende Hausmeisterfigur Pfannenmüller mit Fetisch, die von der Konstruktion her jeglicher Plausibilität entbehrt. Weiteres Dialogfragment „Ach, ach, ach, eh, Scheiße“.
„Ach, Kalli, frag mal in der Rechtsmedizin, ob in der Schusswunde Bauschaumpartikel waren“ .. „wir haben noch ein ganz anderes Thema, komm mal mit“.
„Grausamer Leichenfund unter dem Quirin-Platz“, eine Zeitungsschlagzeile zur Lokalisierung der Eingangsbilder. Dann ein Schlagzeilen-Zusatz, der einer gewissen Partei Futter gibt: „Ist München nicht mehr sicher?“ (geradezu absurd, im Hinblick auf den verschlossenen Fundort der Leiche). Einige Dialogfetzen als nicht sonderlich originelle KI-Apercus.
Usw usf
Über eine halbe Stunde tappen die Kommissare im Dunkeln, es gibt noch keinen Hinweis auf das brennende, soziale Thema, auf das der Tatort aufmerksam machen möchte; allenfalls randständig, aber man vermutet eher zum Behufe des Originellseins das Fetischthema beim Hausmeister.
Bis hierher hat der Tatort nur erzählt, dass die Kommissare im Dunkeln tappen, wie Rätsellöser. Eigentlich ist es dem Zuschauer vollkommen wurst, ob die beiden den Fall noch lösen, bevor sie in Ruhestand gehen; da dieser letzte Fall auf zwei Folgen angelegt ist, ist nicht zu erwarten, dass sie so schnell zu einem Resultat kommen; da werden die Autoren bestimmt einen Cliffhanger am Ende des ersten Falles eingebaut haben.
Ein klischeedrogenverhunztes weibliches Geschöpf tritt auf mit rosa gefärbten Haarsträhnen.
Nach etwa 40 Minuten ist ein Sonderfall ins Visier der Fahnder geraten, Mike Werner, ein Typ, der immer für eine Nacht Bed-and-Breakfast (wäre moderner nicht AirBnB, wenn die schon ständig mit der KI rumalbern?) gebucht hat; mögliches Vergehen: er hat die Schlüssel nachmachen lassen. Ein in Deutschland sicher gravierendes, soziales Problem und sonntagabendwichtig. Doch eher: an den Haaren herbeigezogen. Dass der BR brandaktuell kann, hat er eben wunderbar bewiesen mit Kings of Scam – Wer klickt, verliert. Dagegen wirkt dieser Tatort durch und durch verschnarcht.
Immerhin: zur Halbzeit gibt es eine abstruse Mordtheorie und eine Werweißerei im Kommissarsmilieu.
Dann wird wie die zweite Zündstufe einer Rakete das hohe Risikoprofil des Täters aus dem Hut gezaubert; nein, München ist nicht sicher. Die Kommissare legen nun einen Zahn zu; das gibt die antreibende Musik zu verstehen flankiert von Polizeisirenen; es ist beinah, als würde Iran München angreifen.
Aber statt Action folgt die müde Frage, „Du, was machen wir jetzt eigentlich am letzten Arbeitstag der beiden“ und der längst routinegeschliffene Nachfolger meint, er komme nicht zum Nachdenken.
Mei, wirklich schad, dass sie aufhören, die san ja so tüchtig, schade. Für den Fortgang der Action bleibt, da alles so ungeschickt eingefädelt ist, nur noch absurde Thrillerelemente zu bemühen, die in austauschbarem B-Movie-Aktionionismus versanden. Da loben wir uns doch den Polizeiruf 110: Ablass! vom 15. März.
Mit Minute 55 wird das Thema Pflegefamilie als pures Klischee akut („Ich war immer allen egal.“). Das könnte die Kernaussage dieses Tatortes sein: Pflegefamilie ist Scheiße und lässt kriminelle Früchtchen gedeihen.
Unerklärlich, warum dieses schwache Drehbuch die Gunst des BR-Redakteurs Cornelius Conrad erhalten hat.
Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers wegen unqualifizierten Umganges mit seinem Geld!
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.
Pflegefamilie ist Scheiße – Kommissaren tappen im Dunkeln. Schon merkwürdig, in einer Zeit, wo Tausende von Stellen in vielen Industriebranchen abgebaut werden und die Leute auf der Straße stehen, so...