Archiv der Kategorie: TV

Lebenslinien: Die Eltern der Wanderhure (BR, Montag, 28. November 2022, 22.00 Uhr)

Unglamoureuse Millionäre

Ihre Bücher erreichen Millionenauflagen und werden in andere Sprachen übersetzt, ihr Leben ist vollkommen unspektakulär, ja direkt langweilig als Topos für diese Lebenslinien von Tanja von Ungern Sternberg unter der redaktionellen Betreuung von Martina Kowalczyk und Christian Baudissin.

Iny Klocke und Elmar Wohlrat, die anfänglich unter dem Pseudonym Iny Lorentz ihre Romane veröffentlichten, verbindet einerseits das Interesse an Fantasy-Geschichten – über so einen Club haben sie sich kennengerlent – andererseits sind sie in ihrer Kindheit menschlich so verarscht worden, dass sie direkt gezwungen waren, sich in Fantasiegeschichten zu flüchten, was wohl dazu führte, dass sie diese Fantasiebegabung weit überdurchschnittlich entfalten konnten.

Das Glück der kaputten Kindheit könnte man fast sagen. Es soll also niemand die beiden über ihren Erfolg beneiden, so teuer, wie sie ihn erkauft haben. Und es hat auch gedauert, bis er sich als solcher niederschlug, bis nach x Groschenromanen endlich ein Buch veröffentlicht wurde.

Bis dahin haben sie Bürojobs gehabt und die Freizeit mit Schreiben gefüllt. Einen Makel empfinden sie, dass sie vom Feuilleton ignoriert werden. Aber wozu auch da hineindrängen? Ist es doch die Sehnsucht nach Glamour?

Die Literaturagentin, die den Mut hatte, den ersten Roman zu veröffentlichen, wundert sich jedenfalls, wie ihre beiden Erfolgsautoren sich durch den Erfolg überhaupt nicht verändert zu haben scheinen. Sie bleiben äußerlich unspannend und wenig ergiebig als Topoi einer Fernsehsendung. Sie genügen sich selbst. Sie müssen sich nichts mehr beweisen. Sie suchen nicht den Kontakt zur Promi-Welt. Am liebsten schreiben sie fulltime oder machen ab und an eine Lesung. Lieber 366 Tage im Jahr schreiben als nur 365.

Kommentar zu den Reviews vom 17. November 2022

Von der großen Kunst aus verstörten Seelenwelten bis hin zum albernen Spiel mit einer befüllten Befruchtungsspritze, breiter könnte das Angebot im Kino kaum sein. Ein Mexikaner wirbelt die Innenwelten eines Journalisten genialisch auf die Leinwand. Ein Japaner fühlt den tiefsten Abgründen des Künstlertums auf den Zahn. Ein Ami verdirbt uns massiv die Freude an der Sterneküche. Ein Deutscher ergründet didaktisch die Tiefen der Zauberflöte. Ein anderer Deutscher porträtiert denkwürdig seinen widerständigen Vater. Afrikanische Wildhüterinnen erhalten ihren eigenen Film. Ein Mädchen aus Norwegen muss Abenteuer bestehen, bis das Weihnachtsfest funktionieren kann. Deutschen Trauergästen wird eine extrem ungewöhnliche Abschiedstour aufgebrummt. Frauen in Deutschland müssen Alltagswidrigkeiten klären, bis sie sich behaglich im subventionierten Film einrichten können. Bei den DVDs kämpfen im vorweihnachtlichen Rummel um Aufmerksamkeit: ein Mann und eine Frau an eisigen Himalaya-Abhängen, zwei teils albernde Geistesgrößen, eine Holocaustaufarbeitungsinstallation und ein weiblicher, als Putzfrau verkleideter Weltstar. Im Fernsehen gings um Plastikmüll (kleine Mengen), um Nazizeitwurzeln im intellektuellen Milieu und um Witzeabsonderung (niedriges Nieveau).

Kino

BARDO – DIE ERFUNDENE CHRONIK EINER HANDVOLL WAHRHEITEN
Computertomographie der Bilderwelt im Kopf eines Journalisten?

INU-OH
Außenseitertum, menschliche Abgründe und Entertainmentkunst

DIE SPEISEKARTE – THE MENU
Das Getue um die Sternekocherei gnadenlos durch den Fleischwolf gedreht

THE MAGIC FLUTE – DASS VERMÄCHTNIS DER ZAUBERFLÖTE
Mozarts Zauberflöte didaktisch als Lehrstoff vermittelt

KÖNIG HÖRT AUF
Natürlich hört er nicht auf, gegen den Rechtsextremismus zu sein

EIN WEIHNACHTSFEST FÜR TEDDY
Zu heiße Fantasie und nicht immer den Sinn für Recht, da muss Mariann einiges lernen.

HERZLICHE LETZTE GRÜSSE
Arktisreise als letztes Geleit

BLACK MAMBAS
Schwarze Mädels unter weißen Mannes Leitung

DIE GOLDENEN JAHRE
Das hat sie sich so vorgestellt, dabei müssen beide ihren Horizont vielleicht erst etwas erweitern.

EINFACH MAL WAS SCHÖNES
ist den Frauen offenbar nicht so leicht vergönnt.

DVD
BEYOND THE SUMMIT – AM GIPFEL DES ANAPURNA
Einsame Menschen am einsamen Gipfel

MISSION JOY – ZUVERSICHT UND FREUDE IN BEWEGTEN ZEITEN
Die brillante, inspirierende Begegnung vom Dalai Lama und dem Erzbischof Tutu

SCHATTENSTUNDE
Nach hinterlassenen Tagebüchern, eines, der den Freitod demjenigen durch die Nazis vorgezogen hat.

WIE IM ECHTEN LEBEN – OUISTREHAM
Ja gibt es denn ein falsches Leben im Echten? Über das Chamäleon des Autorentums.

TV
WILLKOMMEN IN NACHHALTING
Wer hat den kleinsten?
(Plastikmüllsack)

LEBENLINIEN: MEIN DEUTSCHES FAMILIENGEHEIMNIS
Reinrassig-arisch in Skandinavien gezeugt

FRÄNKISCHER FASTNACHT-FILTER
Durchlauf durch einen Darmtrakt, der Blähungen verursacht.

Lebenslinien: Mein deutsches Familiengeheimnis (BR, Montag, 14. November 2022, 22.00 Uhr)

Professionelle Verarbeitung

Gisela Heidenreich ist selbst nicht unbekannt, Autorin, Therapeutin. Sie ist verheiratet mit dem sehr bekannten Autoren Gert Heidenreich.

Gisela ist die Protagonistin dieser Lebenslinien von Petra Wiegers unter der redaktionellen Betreuung von Christane von Hahn.

Die Geschichte von Zeugung und Geburt von Gisela Heidenreich ist eng mit der Rassenideologie der Nazis verknüpft, die den reinrassigen arischen Menschen heranzüchten wollten: Lebensborn.

Die Mutter von Gisela war eine dieser Frauen in einer Lebensborn-Institution der SS in Norwegen. Ihr Erzeuger ein SS-Offizier. Gisela wurde als kleines Kind an eine Schwester der Mutter in Bayern weitergegeben; samt einer Geburtsurkunde ohne eine Vaternennung.

Lange blieb für Gisela ihre Herkunft im Dunkeln, war nicht der Hinterfragung wert, bis irgendwann ihr vermeintlicher Vater aus dem Krieg zurückkehrte.

Gisela hat ihre Geschichte und diejenige von Lebensborn recherchiert, hat darüber geschrieben, hat eine Ausbildung als Familientherapeutin gemacht. Sie hat ihr Schicksal zusehends professionell verarbeitet. Allerdings wirkt sich das auf diese Lebenslinien eher hinderlich aus, weil überwiegend eine bekannte Sachlage eher dröge referiert wird. Gleichzeitig hat der Film etwas Homestoryhaftes, weil er sich längere Zeit im schönen Haus der Heidenreichs am Ammersee aufhält.

Willkommen in Nachhalting (BR, Montag, 14. November 2022, 20.15 Uhr)

Das gute alte Fernsehen,

das gute als Familien-Mitmachfernsehen, das Ramadama-Fernsehen, das Dorffernsehen, das ländliche Fernsehen, das ein bisschen die Welt retten will und ein bisschen, wenn nicht unbedingt zur Rettung der Demokratie, so doch zur Vermeidung von Plastikmüll beitragen wird.

Ein Fernsehen, das versucht, einen Gemeinschaftsgeist herzustellen; vielleicht so ähnlich wie bei Omas-Fernsehen, wenn am Samstag-Abend Städte in Wettbewerben gegeneinander angetreten sind. Dort ging es um die Frage, wer hat den größten, wer ist am schnellsten; inzwischen ist man bescheidener geworden; jetezt geht es um die Frage, wer hat den kleinsten (Plastikmüllabfall).

Plastik ist praktisch und hygienisch dazu. Welch verhängnisvollen Weg es gehen kann, zeigt eindrücklich der Film North Drift – Plastik in Strömen.

Eher unpraktisch im Hinblick auf Plastikvermeidung aber unterhaltsam sind die Vorschläge dieser Fernsehsendung aus der bayerischen Gemeinde Mering, wie die jungen Sportsmänner sich duschen und die Haare waschen sollen. Lebenspraktischer ist die Plastikbox, die man selber von zuhause an die Fleischertheke mitbringt oder die Mehrwegbox für das Mittagessen von der Imbisstheke.

Die Jugend als Mahner und Kontrolleure einzusetzen ist kein schlechter Trick, sie spielen in Mering Plastik-Ranger und gucken Leuten in die Einkaufswagen und dem Bürgermeister in den Kühlschrank – hier zeigt sich einmal mehr die Differenz zwischen politischen Worten und praktischen Taten.

Aus dem BR-Text zur Sendung: „Mit einem einzigartigen Experiment möchte der Bayerische Rundfunk die Themen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein auf unterhaltsame Weise ins Fernsehen bringen. Unter dem Titel „Willkommen in Nachhalting“ werden Bürgerinnen und Bürger der schwäbischen Gemeinde Mering einen Monat lang versuchen, besonders nachhaltig zu leben, um so gemeinsam ein Ziel zu erreichen: in vier Wochen so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren.“

Fränkischer Fastnacht-Filter (BR, Freitag, 11. November 2022, 20.15 Uhr)

Darmtrakt

Wie ein Darmtrakt ist der Schlauch von Veranstaltungssaal vom BR inszeniert, vorne bei der Bühne ist der Eingang, von da treten die Akteure auf und hinten im Saal ist der Ausgang, da gehen sie ab, nachdem sie ihre Witze oder Bewegungsnummern abgesondert haben.

Der BR versucht, mit wenig Licht und Ausstattung viel Glamour in diesem Darmtrakt zu erzeugen. Die Veranstaltung findet zwar nicht in Darmstadt statt, sondern in Amorbach, da geht die Liebe wohl den Bach runter. Einen Toleranzimpetus gibt es, Amorbach behauptet, von Franken, Hessen und Baden-Württemberg umgeben zu sein und mit allen gut auszukommen.

Manche reden fränggisch und da blitzt ab und an kurz etwas Schalk auf, wenn „gelobt“ sei Gott mit dem Wort Galopp vermengt wird. Dialekt ist etwas Gewordenes, Dialektkehlen sind Musik. Aber das Moderatorenpaar, das zu fast jedem Auftritt andere Garderobe trägt, obwohl sie dadurch nicht eleganter erscheinen, das liest seine Texte überwiegend von Karten ab, um jeden Hauch von Spontaneität zu vermeiden; so wirken sie hölzern in einem farblos sterilen TV-Hochdeutsch.

Was im Laufe der elend langen Sendung an Witzen und Witzchen durch den Darmtrakt geschleust wird, kann Gehirnbblähungen verursachen oder nicht; egal, das Publikum bemüht sich, das ist deutlich zu sehen, gute Stimmung zu mimen; aber es sind eben Laien und keine Profis, weswegen die Bemühung sichtbar bleibt.

Dagegen versucht das Moderatorenpaar immer wieder zu behaupten, wie toll doch die Nummern sind, egal wie dünn die Witze oder wie mickrig die Choreographien ausfallen. Allerdings gibt’s ein Highlight für das Auge, der Tänzer des Paartanz-Paares, der springt federleicht.

Eher denkt man bei der Filter(was soll der Begriff im Titel?)-Veranstaltung an Filme wie Entertainment von Rick Alverson mit dem Entertainer, der sich seine Witze buchstäblich aus dem Herzen reißt, wie er behauptet, und damit die ganze Tragik solcher Witzeerzähler auf den spitzen Punkt bringt oder an Rimini, der nicht minder, wenn auch nicht auf der intellektuellen Ebene, das Elend des alternden Schlagersängers besingt.

So ein Darmtrakt will mit vielen und verschiedenen Ingredienzien gefüttert sein, zusammengestellt von einer Menge von Köchen. Dem Witz ergeht es in einer solchen Veranstaltung wie der Frau des einen Witzeerzählers: wie dem Orsch; er werde immer breiter – so viel zum Nivoh.

Kaum zu glauben, es ist keine Maschine, es sind Menschen mit Vor- und Zunamen, die für diese traurige Veranstaltung namentlich Verantwortung als Treuhänder der Zwangsgebührenzahler übernehmen: Für die Buchkonzeption: André Sultan-Sade; als Redakteure stellen sich ihrer Verantwortung ein Norbert Küber und ein Rüdiger Baumann; und sie haben Mitarbeiter engagiert Benjamin Baumann (Family-Business?), Maximilian Albrecht, Marco Anderlik.

Da es sich bei obgenannten Verantwortlichen um Menschen mit Vor- und Zunamen handelt, könnte es rein theoretisch möglich sein, dass es sich um denkende Menschen handelt. Andererseits, wenn man die Veranstaltung, für die sie Verantwortlichkeit vorgeben, anschaut, so entsteht nicht den Eindruck, dass auch nur an einer Stelle ein denkender Mensch Einfluss genommen hat: anders sind die simplen Texte der Moderatoren nicht zu erklären. Dabei böten gerade sie die ungewöhnliche Chance, die Art von Unterhaltung, die teils nur auf ein besoffenes Publikum berechnet scheint, in ein erhellendes Licht zu setzen. Nur hat dummerweise keiner der Menschen mit Vor- und Zunamen daran gedacht. Wobei Denken noch lange keine Spaßbremse sein muss, im Gegenteil, ins richtige Licht gesetzt könnte die Unterhaltung sogar auch für nicht Besoffene genießbar werden.

Kommentar zu den Reviews vom 10. November 2022

Eine Lawine von Neustarts prasselt auf die Kinoleinwände ein; der verwöhnte Zuschauer hat die Qual der Wahl. Aus Kanada gibt es lecker-lecker Menschenorganweiterentwicklungen. In Lateinamerika wütet China unheilvoll. In Österreich wird eine Schriftstellerin zur Nestbeschmutzerin. In Südkorea ergeht sich eine Schriftstellerin in den Kinowonnen der Nouvelle-Vague-Atmosphäre. In Australien will ein Mischling es radikal wissen. In Vakanda wird um das Vibranium gekämpft. In Italien sind Weihnachtsfee und Hexe unter einem Dach und rücken dem Papst auf die Pelle. Aus Spanien hat sich ein ökonomischer Untergrundkämpfer längst abgesetzt. In Italien steigt eine Nachinszenierung tief unter die Erdoberfläche. In England träumte vor Jahren eine Putzfrau vom Designerkleid. Keinerlei Magenbeschwerden bei diesen Kinofilmen: denn deutsche Subventionsprodukte sind heute keine dabei. Auf DVD erscheint eine perfekte Holocaust-Überlebensgeschichte. Im Fernsehen trumpfen vier Generationen starker Frauen auf.

Kino
CRIMES OF THE FUTURE
Body is reality; surgery is sex.

MEIN GESTOHLENES LAND
Brisantes aus Lateinamerika

ELFRIEDE JELINEK – DIE SPRACHE VON DER LEINE LASSEN
Die Dichterin, wie und wer sie bis zum Erhalt des Literaturnobelpreises war.

DIE SCHRIFTSTELLERIN, IHR FILM UND EIN GLÜCKLICHER ZUFALL
So wunderschön koreanisch wie wunderschön nouvelle-vagueisch

THE DROVER’S WIFE – DIE LEGENDE VON MOLLY JOHNSON
Wie die Pranken des Kolonialismus in Australien heute noch wirken.

BLACK PANTHER – VAKANDA FOREVER
Alle sind hinterm Vibronium her; diese leuchtet violett.

DIE LEGENDE VON DER WEIHNACHTSHEXE – LA BEFANA VIEN DI NOTTE: LE ORIGINI
Die Hexerei unter kriminellen Umständen lernen

ROBIN BANK
Ein spanischer Untergrundkämpfer gegen die Auswüchse des Kapitalismus – immer noch im Untergrund, immer noch aktiv

IL BUCO – EIN HÖHLENGLEICHNIS
Hommage an und Nachinszenierung einer Höhlenexpedition von 1961 in den italienischen Alpen.

MRS. HARRIS UND EIN KLEID VON DIOR
Eine Herz-auf-dem-rechten-Fleck-Geschichte

DVD
THE SURVIVOR
Eine besonders perfide Nazizeit-Überlebensgeschichte

TV
WALCHENSEE FOREVER
Hier haben seit je die Frauen den Laden geschmissen

Luna und die Gerechtigkeit – Syrische Staatsfolter vor Gericht in Deutschland (ARD, Mittwoch, 26. Oktober 2022, 22.50 Uhr)

Acht ARD-Redakteure und das Weltrechtsprinzip

Es ist sicher eine der vornehmsten und der Kernaufgaben eines öffentlich-rechtlichen Rundfunkes in einem demokratischen Staat, just über Gerechtigkeit zu berichten und zu informieren, also auch über das junge Weltrechtsprinzip, dass Verbrechen wider die Menschlichkeit auch in einem Land vor Gericht gebracht werden dürfen, in dem die Tat gar nicht geschehen ist.

So haben denn gleich acht Redakteure der ARD (SWR: Simone Reuter, Bernd Seidl, BR: Petra Felber, Martin Kowalczyk, MDR: Thomas Beyer, Dirk Neuhoff, RBB: Rolf Bergmann, WDR: Jutta Krug) all ihren Mut zugsammengenommen, um eine Dokumentation über eine der ersten Prozesse dieser Art gegen das verbrecherische Assad-Regime in Syrien vor dem Oberlandgericht in Koblenz zu berichten.

Die Redakteure haben sich allerdings noch nicht so aus dem Fenster getraut, dass sie eine Dokumentation für das Hauptprogramm bestellt hätten. Der Film von Adithya Sambamurthy, die mit Luna Watfa auch das Drehbuch geschrieben hat, wird erst eine Stunde vor Mitternacht ausgestrahlt, Gerechtigkeit, ein Nischenthema für die Öffentlich-Rechtlichen?

Immerhin, dass überhaupt darüber berichtet wird, dafür zahle ich gerne meinen Obulus verbunden mit der Wiederholung der Bemerkung, dass die Finanzierung über die Haushaltzwangsgebühr nach Professor Paul Kirchhof demokratisch unfair ist und zu Lasten einkommensschwacher Haushalte geht – ein Makel in der Gerechtigkeit des Landes, der die Reichen einmal mehr massiv entlastet.

Der Film selbst ist eine Mischung aus Porträt der syrischen Journalistin Luna Watfa, die selbst im syrischen Folterknast gesessen hat, nach Freikauf durch ihre Familie fliehen konnte und jetzt in Koblenz lebt. Über Luna wird die Dokumentation auch zum Bericht über den Prozess, den sie begleitend verfolgt und darüber schreibt.

Es ist eine Dokumentation, die innerhalb der Gemarkung des Prozesses bleibt; die Verhandlungen selbst dürfen nicht gefilmt werden; da sind die Zeichner gefragt – die Voice-Over-Stimmen wirken leider etwas schläfrig bis desinteressiert. Es kommen Opfer zu Wort, Anwälte, Nebenkläger. Es gibt ganz diskret einige der schauderhaften Folterknastfotos zu sehen und als Zwischenschnitte dröge Städtebilder von Koblenz und Köln.

Nächste Stufe sollte sein eine großes Feature über dieses Thema zur Hauptsendezeit, aufbereitet für eine breite Öffentlichkeit und hoffentlich mit Statements auch von höchsten Repräsentanten des Staates.

News-WG: Challenge: Verfolge Dein Kondom durch die Kanalisation

Unterhaltsames Bildungsfernsehen

Wasserversorgung, Wasserwirtschaft und Abwasserwirtschaft gehören zu den Grundlagen einer modernen, zivilisierten Gesellschaft. Der Weg des Wassers vom Klo bis zum Wiedereintritt in den Fluss über den Umweg von Kanalisation und Klärwerk wird hier attraktiv verpackt mit der Challenge, die Helene Reiner Maxi Pichlmeier stellt, ein loser Handlungsrahmen, den die beiden charmant meistern und der der Start für ein Roadmovie durch die Münchner Kanalsation ist mit der Zusatzaufgabe, wie sauber das Wasser vor Eintritt in die Stadt und nach Austritt aus dem Klärwerk also nach Verlassen der Stadt sei.

Das ist ein Stück unterhaltsames Bildungsfernsehen, das aus den Etats des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Entlastung der ungleich behandelten Zwangsgebührenzahler in die Etats für Bildung überführt werden sollte.

Die Sendung (Autorin Laura Beck, Redaktion Hendrik Rack) will auch darauf hinweisen, was ins Klo gehört und was nicht, also auf keinen Fall Essensreste, Medikamente, Kondome (für diejenigen, denen das noch nicht klar war).

Vor allem, wer vom Zielpublikum schaut sich sowas, das ja dann doch wieder nicht unterhaltsam genug ist, sonntagabends um 22.30 Uhr an?

Belehrung: Ja, Leute schmeißen Zeugs ins Klo, das da einfach nicht hingehört.

Der BR als Hinweisschild darauf, was ins Klo gehört und was nicht.

Lebenslinien: Wie ich mein Herz überlebt habe (BR, Montag, 17. Oktober 22.00 Uhr)

Wieviel Unglück passen in 42 Minuten Lebenslinien? –

Krankheitsgeschichten

Wer sich für Krankengeschichten interessiert, der kommt bei diesen Lebenslinien von Emel Ugurcan unter der wohlwollenden Redaktion von Christina von Hahn bestens auf seine Rechnung.

Ja, Krankengeschichten der Protagonistin, die am Ende der Lebenslinien zum tranplantierten Herzen auch eine transplantierte Niere hat, und Krankengeschichten rund um sie herum; sie wurde von Schicksalsschlägen getroffen, von krankheitsbedingtem Tod vom Vater und kurz darauf der Mutter, grad mal 16 war sie da und ihre jüngere Schwester 13.

Es sind Lebenslinien der Statement-Art, die Protagonistin erzählt vor allem von sich und diesen Krankheits- und Todesfällen; auch ihr erster Ehemann hatte wohl ein Problem mit dem Herzen, das er nicht überlebt hat. Und noch mehr Unglück der Sorte „Arsch auf Eimer“ wie ihre Schwester es audrückt.

Um die nötige Emotion reinzubringen, unterlegt die Dokumentaristin das Feature mit nervender Glücksmusik oder mit den Herzmuskel treibender Nervösmusik und dann weint die Protagonistin öfter gerührt über das eigene Schicksal.

Andererseits, und das ist das Positive, ist die Patientin, die massenweise Pillen schlucken muss, ein positiver Mensch und – da könnten sich einige was abschneiden davon – sagt auch, dass sie dieses Denken für eine Entscheidung hält, die man selber treffe.

Lebenslinien für die deutsche Apotherzeitung online.

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