Archiv der Kategorie: TV

Drunter und Drüber (BR, Mittwoch, 21. Juli 2021, 22.45 Uhr)

Text- und Bildberieselung

Programmfüller, damit was rieselt über den Bildschirm, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen vermeintlichen Auftrag wahrnimmt; doch, was ist dieser Auftrag? Das ist unklarer denn je.

Ob so eine unverbindliche Blabla- und Bildermixsendung zum Thema Verdichtung und Aufstockung der aus den Nähten platzenden City damit gemeint ist? Ein bisschen reingucken in Luxuslofts? „Beispielhaft gelungen, … Fragen zu lösen. .. wie genial, einfach und schön, Aufstockung sein kann…“. 

Die Sendung wirkt umso deplazierter, als zur Zeit gerade in München eine Diskussion um Verdichtung am Hochkochen ist mit den Plänen für zwei massive Hochhausklötze neben der Paketposthalle, die anderthalb mal so hoch werden sollen wie die Türme der Frauenkirche; in München immerhin ein sensibles Thema, während sich andere Städte offenbar ohne Diskussion immer mehr verdichten lassen. 

Wobei die Bilder in dieser Dokumentation von Birgit Eckelt, Frieder Käsmann und Sabine Reeh wenig aussagekräftig sind, wenig hilfreich für das Vorstellungsvermögen. Hier wären Drohnen oft sinnvoll gewesen. 

Gegen den Luxuseinwand wird noch ein Gegenbeispiel mit sozialem Wohnraum hervorgekramt. 

Noch absurder wirkt es, so eine Sendung nach Corona ins Programm zu nehmen, da ja Verdichtung auch ein Beschleuniger für Corona bedeutet. 

Das ist eine Sendung, die nicht das Thema grundsätzlich befragt, sondern wie in einer Architekturzeitschrift beliebig zusammengesuchte Beispiele bringt, alles andere als zwingend ist für einen Sendeplatz im öffentlich-rechtlichen zwangsfinanzierten Rundfunk. Dieser könnte es sich leisten und sollte es auch, wenn schon so ein Thema, dann bitte grundsätzlich und im Hinblick auf die Demokratie behandeln. Aber hier gibt es nur Lob für die Verdichtung an sich. 

Hier wird man pausenlos einschläfernd zugetextet. 

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Fraueng’schichten – Flirten für Anfänger (BR, Freitag, 16. Juli 2021, 22.05 Uhr)

Wühlen im Kabarettmüll zwengs Recycling

oder: Witze mit Krampfadern. 

Derbheit und Plumpheit als öffentlich-rechtliche TV-Qualität.

Auf jedes Witzfürzchen Gegröle; je schwächer die Performance von Angela Ascher, desto mehr hauen die Tontechniker auf den Applauskonservenknopf. Das Studio-Publikum scheint urteilsschwach und applaudiert wie zwanghaft und energielos. 

Die Automatenszene: bemüht und dümmlich, so dumm sind bayerische Landbewohner nie gewesen; zwangsbemühte Lustigkeit, ob die das Publikum vorher mit einem Rauschmittel abgefüllt haben? Und immer die Bauerntheaterdeppen, aber die Bayern mögen es wohl, als Deppen dargestellt zu werden. Und applaudieren total aus dem Häuschen; also, das heißt, die Tontechniker stellen das Publikum so dumm dar, indem sie ihm einen Applaus draufdonnern, wozu es physisch gar nicht in der Lage scheint; die Chosen-Sauce kommt offenbar doch nicht so an, wie von den Redaktionsgöttern gewünscht.

Bayerische Klischeewurst mit künstlichem Applaus, wie mit Botex aufgedonnert. 

Frau Ascher soll ruhig ihr kapitalistisches Witzchen-Geschäft betreiben; nichts dagegen, aber wenn sie im öffentlich-rechtlichen, zwangsfinanzierten Fernsehen auftreten will, dann soll sie bittschön dafür blechen, ist ja ein Werbemedium; eine halbe Stunde Werbezeit. Sie wäre eine echt coole Sau, wie sie es nennen würde, wenn sie das täte und wenn der BR es von ihr verlangen würde, dann wäre der eine ebenso coole Sau, um auf dem Niveau von Frau Ascher zu bleiben. 

Dass der BR solchen Schwachstrom sendet, lässt vermuten, dass er in Bayern einen sehr niedrigen Bildungsstand voraussetzt. BR macht mit anbiedernder Witzesendung, immer am Rande des sexistischen und rassisstischen Sumpfes, auf Mängel beim Bildungsstand in Bayern aufmerksam, Herr Minister Piazzolo Sie sind gefragt!

Oder man könnte den viel zu stark draufgehauenen Applaus so interpretieren, dass die Sendung doch nicht so ankommt, wie von den Zwangsgebührentreuhändern kalkuliert, als Hinweis darauf interpretieren, dass die Bayern nicht so dümmlich sind, wie von der BR-Redaktion angenommen und dass sie sich so einen abgedroschenen Schmarren gar nicht anschauen. 

Der indisch denunzierte Pfarrer wird von mal zu mal dümmer – und fetter. Hier muss der Ton noch mehr Applaus draufhauen, sonst würde die Szene vollkommen absaufen. 

Witzestau im Dünndarm. Das BayernLand wird als rückständig vermöbelt. Dann noch Vergaserwitze und das in Deutschland und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und gleich darauf will ein Hesse, der nicht Hessisch kann, in die Dachauerstraße gefahren werden. 

Erstaunlich ist, dass die überhaupt noch Studiogäste finden – aber offenbar nur noch solche, die sich nur von hinten ablichten lassen; es wäre zu peinlich, wenn die Nachbarn oder Kollegen das mitbekämen, falls die denn dieses No-Level-Ding schauten. 

Oh Gott, jetzt hat sie sich selber abgeschossen. Denn die Mittel haben sich inzwischen mehr als erschöpft und dem Zuschauer fällt es immer schwerer, sich da noch zu konzentrieren. 

Solcher Witzemampf mag in Zeiten der Monopolstellung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unter der ideologischen Käseglocke der 50er Jahre verfangen haben, aber seit es Privatfernsehen gibt und erst recht, seit Youtube wimmelt es von begabten Selbstdarstellern und Witzmachern, da schaut dieses BR-Format mit seinen abgewetzten Schwiegermutterwitzchen alt aus mit einem Bart länger als der eines Ayathollas. 

Faktisch ist das eine kommerzielle Sendung und kann problemlos an private Bieter ausgelagert werden in Zeiten des Sparzwanges beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

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Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger (BR, Montag, 5. Juli 2021, 20.15 Uhr)

Multimillionärswerbung

ist die erste von vier Stippvisiten, die Stefan Bezzel und sein Kumpel-Freund Sebastian Schwarz absolvieren auf dem Gestüt von Multimillionär und Fußballstar Thomas Müller, 14 kostenlose Werbeminuten im BR für den Rennstallbesitzer und WM-Vergeiger. 

Die Welt der Reichen kommt sympathisch und nahbar rüber; wer den Reichtum hat, der muss sich nicht darüber unterhalten. 

Dann lümmeln die beiden Protagonisten in einem Schrottplatz bei München rum mit einer taffen Besitzerin, dürfen ein Auto kaputt kloppen, so weit sie es schaffen. 

Gegen die Welt der Reichen und Hochbezahlten wird der dritte Beitrag in diesem Film von Stefan Kauertz gesetzt: ehrenamtliche Rettungshundeführerinnen dürfen sich mit den gut bezahlten TV-Stars unterhalten, die ganz locker Texte von Ekkehard Wetzel, Birte Rauschenberg, Karl Koch oder Christian Lim gegen gutes Zwangsgebührengeld absondern. 

Der letzte Beitrag ist 10 Minuten Werbung für einen esoterischen Höhlenguru und sein Geschäftsmodell mit dem weltexklusiven Schwebebad, in das sich die beiden Protagonisten schön züchtig mit Badehose legen und ihre begüterten Wampen schaukeln lassen dürfen. In einer Höhlensitzung schafft der Guru es nicht, den beiden mittelalten Herren ein inneres Tier zu entlocken, da war vielleicht die Hemmung der Drehbuchautoren zu groß; es überwiegen die nett unverbindlichen Texte und Witzchen; das Spaßgefühl, das liefern die Akteure. 

Dies ist ein Unterhaltungsformat, von dem sich der BR Quote verspricht, entsprechend ausgeklügelt ist die Auswahl der Personen und Betriebe die beworben werden; es ist ein Format, das bestens geeignet wäre, wenn es das gäbe, für einen privaten Fernsehkanal, der zum Beispiel der Apothekerzeitung entspricht, der ein Ableger davon wäre. 

Das Problem allerdings bei solch moderierten Werbesendungen ist, dass wir beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind. Und der hat eine unfaire Finanazierung zu Lasten einkommensschwacher Haushalte vorzuweisen, die hier in der Sendung nicht entfernt vorkommen, die es aber massenhaft direkt hinter HartzIV und Grundsicherung gibt. 

In Relation zu seinem Einkommen beteiligt sich ein Thomas Müller bei aller Sympathie praktisch nicht an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, was sind für ihn 17,50 Euro im Monat? Gar nichts, die verdient er vermutlich in wenigen Minuten, gar Sekunden, die wachsen ihm sogar ohne den Finger zu rühren zu. 

Während ein armer Haushalt knapp jenseits von HartzIV oder Grundsicherung, der vielleicht grad mal 300 Euro im Monat zum Ausgeben hat, dafür merkliche Verzichte leisten muss, gar ein bis zwei Stunden arbeiten muss, das sollten sich vielleicht auch die beiden öffentlich-rechtlich sicherlich erstklassig bezahlten Protagonisten Bezzel und Schwarz durch den Kopf gehen lassen, bevor sie sich wieder auf Tour begeben. Es erweckt jedenfalls nicht den Anschein, dass sie das aus Jux und Tollerei und ehrenamtlich machen. Hier wird gnadenlos sich am Gebührenkuchen bedient. 

Solche Sendungen, die sind echtes Einsparpotential für die unter der Pensionen- und Verkrustungslast stöhnenden Öffentlich-Rechtlichen, solche Sendungen braucht kein Mensch, solche Sendung tragen zum Grundauftrag, dem Erhalt einer lebendigen Demokratie, grad gar nichts bei. Es sind mittlere Klatschspalten- und kaschierte PR-Beiträge im Interesse der Oberschicht. Die lassen sich prima privat finanzieren. Dazu braucht es keine Zwangsgebühren. 

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Polizeiruf 110 – Frau Schrödingers Katze (ARD, Sonntag, 20. Juni 2021, 20.15 Uhr)

Unterkomplexe Menschen 

In diesem Pollizeiruf wimmelt es von unterkomplexen Menschen. Das fällt aus drei Gründen auf. 

Zum einem wird das im Film selbst thematisiert, ob der Fall vielleicht nicht komplizierter sei, als er ausschaue; der Hupfer von kompliziert zu komplex ist naheliegend. 

Zweitens kommt das Drehbuch von Clemens Maria Schönborn als besonders einfältig rüber; möglicherweise sogar speziell durch die ordentliche, ganz offensichtlich coronakonform sein wollende Arbeit von Regisseur Oliver Haffner (Ein Geschenk der Götter, Wackersdorf, Frau Schrödingers Katze) mit den Schauspielern, teils doch recht fernsehgesättigten Akteuren. 

Drittens fällt diese Unterkomplexität der Menschen auf durch zwei Schauspielerinnen, die gerade das Gegenteil davon sind oder spielen: Ilse Neubauer als Johanna Schrödinger und Verena Altenberger als Bessie Eyckhoff. Die drei Szenen, die diesen beiden miteinander haben, sind einsame Glanzpunkte in der ansonsten ordentlichen Arbeit mit beliebig assortierten, ordentlichen Berufsschausspielern. 

Gegen die Biederkeit von Buch und Spiel arbeitet die Kamera von Kaspar Kaven, der in den Innenräumen gerne die Kamera in einem etwas schiefen Einfallswinkel einsetzt, wodurch ein Schuss Abenteuerlichkeit gegen die Unerträglichkeit des Biederseins eingebracht wird. 

Das Thema des Filmes ist ein zeitgemäßes: alte, isolierte Menschen ohne Familie und soziales Netz aber mit Vermögen, die leichte Opfer von Betrügern und Erbschleichern werden. Man könnte sich Ilse Neubauer auch vorstellen in einem Film, in dem sie Opfer eines Enkeltrickbetrügers würde. Das würde sie genau so fabelhaft rüberbringen. 

Hier aber hat das Drehbuch die bösen Menschen auf ihre Geld- und Erbgier reduziert, die Meyers (Lilly Forgách und Ferdinand Dörfler); hier haben die Darsteller vom Drehbuch her schon keine Chance, das Klischee zu durchbrechen und – ebenfalls vom Drehbuch her – auch nur die geringste Plausibilität für die mehrfachen Morde dieses einfachen Elektroinstallateurs zu erbringen. Das ist nur hanebüchen unglaubwürdig behauptet. 

Auch zwischen der Kommissarin und dem jungen Wissenschaftler Adam (Camill Jamal) zündet nichts, mag an der Besetzung liegen, wahrscheinlich sogar, aber sicher auch am Drehbuch und sowieso entsteht der Eindruck, da muss eine Liebesgeschichte für die Kommissarin ins Buch gewürgt werden, das sei doch sicher gut für die Quote, egal ob der Film darunter leidet oder nicht. 

Statt dass man sich mehr Zeit genommen hätte, das vermutlich doch komplexere Verhältnis der alten Frau und ihres vorgeblichen Pflegerehepaares genau zu studieren und darzustellen und diesem Verhältnis dadurch Glaubwürdigkeit zu verleihen, wodurch die menschlichen Abgründe verständlich würden. 

Das ist nicht ausgearbeitet. Es sind Spießer, die als apriorisch auf Verbrechen aus geschildert werden. So ergeht es der Figur des zwiespältigen Notars (Florian Karlheim). So eine Figur braucht schon vom Drehbuch her Charakterisierung, dass ihre Winkelzüge verständlich werden. 

Die Katze Pandora ist nicht schlecht, mit der die Geschichte anfängt, hier lässt sich Haffner gengügend Zeit, ihrem Weg von zuhause aus zu folgen, hier kann der Zuschauer sich auf eine vielversprechende Geschichte einstellen, die aus Gründen der erwähnten Unterkomplexität zur herben Enttäuschung wird. 

Zur Erbschleicherei kommt noch das Thema Fahrerflucht mit Todesfolge hinzu, ferner geplanter und nicht gelungener Mord, zwei vollendete Totschläge. Dann noch das Haschthema und das der Erpressung; damit übernimmt sich das Drehbuch heillos, verharmlost das Zentralthema, tut so, als lohne es sich nicht, sich näher und detailliert nachvollziehbar damit zu beschäftigen und behandelt die anderen Themen noch windiger, noch oberflächlicher, skizziert sie kaum an. 

Witzig ist der kleine Seitenhieb auf Schulmedizin und Pharmazie: welche Tabletten der Herzkranken wirklich helfen. 

Zum Thema Besetzung: da die meisten Rollen so gut wie nicht ausgeschrieben sind, ist relativ egal, wer was spielt; so könnte die Besetzung ein Gunsterweis an die Darsteller sein („der Florian muss jetzt auch mal wieder einen Drehtag bekommen“), weil sie so nett sind oder so handsome; jedenfalls war nirgendwo zu hören oder zu lesen, dass ein Wettbewerb um die Rollen ausgeschrieben worden sei. So kommt Beliebigkeit in den Polizeiruf, die nicht dazu dient, ihn glaubwürdiger oder besser zu machen. 

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(Da komme ich mir echt blöd vor, dass ich vom Staat gezwungen werde, solch unterkomplexe Geschichten mitzufinanzieren).

BR-Klassik: Claudio Monteverdi: L‘ Orfeo (BR, Dienstag, 15. Juni 2021, 00.35 Uhr)

Von der Vergänglichkeit der Liebe

und von ihrer Unsterblichkeit, selbst wenn die Hölle dazwischen kommt. 

Der Sänger Orpheus braucht nur ein Plektrum, um die Saiten zu diesem Gesang zu schlagen. Er selbst erlebt sie, die Vergänglichkeit der Liebe zu Eurydike, vom Paradies bis zur Hölle, bis zu ihrer Unerreichbarkeit. 

In der Oper von Claudio Monteverdi singt der Sänger (Martin Platz) selbstverständlich nur, denn für die Instrumente ist das Orchester zuständig. 

Die Inszenierung an der Staatsoper Nürnberg ist ein Corona-Experiment unter der Regie von Jens Daniel Herzog, der Hygienkonzepte einbauen musste und Joana Mallwitz dirigiert das Orchester, das sich zu großen Teilen aus dem Orchestergraben, einer wahren Coronagrube, emanzipiert hat bis in die Ränge hinauf, Zuschauer waren nicht erlaubt. So stark nach oben hat selten ein Dirigent dirigiert. Und auch der Chor muss Mindestabstand halten, so gut es halt geht. 

Zumindest am Rechner zuhause funktioniert das sowohl akkustisch als auch visuell prächtig mit prima Stimmen und einem geschlossenen Sound trotz räumlich auseinadergezogenem Orchester. 

Zu nachtschlafener Zeit sendet der BR dieses kleine Corona-Juwel und lässt den Zuschauer Himmel und Hölle des Orpheus erleben. Gerade fürs Fernsehen erweisen sich die Videospielereien, die Rückprojektionen teils aus Handys auf der Bühne live aufgenommen und gesendet als ergiebig. 

Speziell die Hochzeitsszene mit den vielen Handys und damit den vielen Perspektiven und der ständigen Bewegung auf der Rückprojektion kommt witzig und – für eine Oper – frisch und heutig rüber mit den Details von Einzelfiguren, die auch noch ihre Faxen ins Handy machen. Superleicht zaubert Herzog so das Bild genau dieser Brüchigkeit und Vergänglichkeit, die der bei diesem Anlass doch für ewig und für gute und schlechte Zeiten geschlossene Bund vermeiden will. 

Hier ist es leicht zu sein, bei diesem Hochzeits-Leichtsinn, während mit dem Einbruch des Unglücks auch die Inszenierung inhaltsbedingt schwerer, staatstheaterlicher wird. Das Drama ist die andere Seite des Leichtsinns, das kann man gut so sehen. Zusammen ergeben sie anregende Kost für kurz nach Mitternacht. Man hat nicht jeden Tag einen Pandemie-Orpheus zu Gast. 

Gefährliche Sportwetten (ARD, Montag, 14. Juni 2021, 23.05 Uhr)

Das interessiert niemanden.

Thema Sportwetten, Glücksspiel und Spielsucht. 

Das interessiert niemanden, wird sich auch die ARD gesagt haben, und verbannt den Mixed-Pickles-Beitrag von Ulrich Hagmann und Sebastan Krause unter Betreuung durch BR-Zwangsgebührentreuhänderin Birgit Engel gegen Mitternacht. 

Just nicht dahin, wo auch jene Leute fernschauen, die hier angesprochen werden sollen: all die Sportinteressierten, die wettsüchtig sind, all die Politiker, die sich mit der Wettsucht beschäftigen oder die ein Geschäft damit machen, all die Sportler, die damit werben; womöglich auch die ARD? 

Das jedenfalls wird aus der Wischiwaschi-Dokumentation mit Statement-Wust ersichtlich, im Grunde interessiert sich niemand ernsthaft dafür, gegen das Geschäft mit der Wettsucht etwas zu unternehmen; es wird zwar ein Gesetz beschlossen, es gibt Einzelkämpfer, es wird auch viel verboten, aber bewirken tut es nichts; weil offenbar, auch das suggeriert dieser Beitrag, zu viele sind, die damit glänzende Geschäfte machen; auch prominente Fußballer, erwähnt werden Stefan Effenberg, Oliver Kahn, Lothar Matthäus, die Bayernspieler. 

Wobei Stefan Effenberg noch die Dreistigkeit besitzt, für das Interview die Mütze mit dem Branding seines Sponsors schleichwerbenderweise aufzusetzen; just eines der getadelten Unternehmen; mehr Veräppelung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dessen Zwangsgebührenzahler geht nicht. 

Die Zuständigen bei der ARD, wenn sie das Problem wirklich berühren sollte, hätten durchaus die Möglichkeit, dem Thema Prominenz zu verleihen. Statt es ins nächtliche Dunkel zu verwurschteln könnten sie es doch flankierend oder in den Pausen von Direktübertragungen von Sportereignissen zur Hauptsendezeit ins Programm nehmen; und dann bittschön mit einem verständlicheren Beitrag. 

Dass sie das nicht tun, zeigt, wie vollkommen egal ihnen das Thema ist, dass es ihnen auf keinen Fall auf den Nägeln brennt, dass sie es offenbar für ein nicht weiter behandelnswertes Sujet halten, obwohl es heißt, dass es hier um 13 Milliarden Verluste für Bundesbürger pro Jahr geht, das ist mehr als anderthalbmal so viel, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht. 

Aber für so wichtig halten die ARD und ihr übermäßig bezahlter Spitzenmann Tom Buhrow das Thema wohl nicht, so ein bißchen Sucht, von der offenbar auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk profitiert, wollen wir doch nicht so laut behandeln; wozu sollen wir uns womöglich in Schwierigkeiten mit Sponsoren etc. etc. bringen? 

Lieber bringen wir zur Beruhigung unseres eh schläfrigen Gewissens einen Beitrag für lau, den sowieso niemand interessiert. Dem Buchstaben, aber nicht der Sache gedient. 

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Lebenslinien: Der Anwalt der Tiere (BR, Montag, 7. Juni, 22.00 Uhr)

Sturkopf

ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort für den Protagonisten Friedrich. Er ist ein hochfokussierter, hochkonzentrierter, ja fanatischer Jäger von Tierquälern, vor allem professioneller Tierquäler mit profitorientierter Massentierhaltung. 

Friedrich kann perfekt erklären, warum er so ist, wie er ist, frühe Mobbingerlebnisse wegen seiner roten Haare haben zu seiner nicht menschenorientierten Haltung geführt. Diesen Schmerz möchte er nicht Tieren zugefügt wissen. Er kann hervorragend sich selbst analysieren, kann seinen Weg beschreiben mit stechend auf seinen Interviewpartner gerichtetem Blick. Das ist filmisch nicht attraktiv – und somit auch wenig hilfreich für sein Ziel des Tierschutzes. 

Für so eine für Smalltalk wenig geignete Figur wie Friedrich zeigt sich das in die Jahre gekommene Lebenslinienformat als nicht besonders ergiebig. Hier bringt es keine weiteren Einsichten zur Person, wenn er mit einem Schulfreund das alte Schulhaus begeht und derlei Dinge mehr. Allenfalls die Begegnung mit dem Fossiliensammler. Aber in so einem Fall sollten sich die die Zuständigen, Kim Koch als Regisseurin und Sonja Hachenberger als verantwortliche Redakteurin, flexibler zeigen.

Bei so einem Protagonisten wäre doch ein Studiointerview, das eh schon ergiebig genug ist – was soll man ihm beim Pilzesammeln mit seiner Mutter im Wald zeigen? – sinnvoller. Dabei könnten mit großen Rückprojektionen die Dinge gezeigt werden, denen er hinterherjagt. Klar, es sind brutale Bilder, die hier wie verschämt dazu gehören; soll man die Zuschauer davor verschonen, zu erfahren, wie ihr Billigfleisch zustande kommt? Wenn man schon einen Jäger zeigen will, so bittschön auch das Gejagte – ohne dieses ist er nichts. 

Eine solche Lösung wäre sicher auch im Sinne des Kampfes gegen Tierquälerei, gegen Massentierhaltung und somit für ein besseres Leben. So aber, in den abgeschliffenen Bahnen des Formats, kann weder eine Faszination durch ihn noch für sein Tun aufkommen; diese Lebenslinien bleiben abweisend. 

Wobei bereits der Titel irreführend ist: Friedrich ist kein Anwalt, er ist ein Jäger von Tierquälern, insofern setzt er sich für die Tiere ein. Vor allem macht der Titel die Sendung unattraktiver; Jäger des verlorenen Tierwohls würde vielleicht aufregender klingen.

Tatort: Wo ist Mike? (ARD, Sonntag, 16. Mai 2021, 20.15 Uhr)

Hafenstadt Nürnberg.

Ein interessanter Aspekt, Nürnberg als Hafenstadt zu zeigen, denkt man, ach so, aber dann ist es gar nicht Nürnberg, es ist Amsterdam. Es hat wenig Plausibilität, dass der junge Mann, der anscheinend auf der Flucht ist, spontan auf der Flucht, ohne jedes Reisegepäck, so mir nichts dir nichts grade noch – bildlich schlecht erzählt – auf einen, irgendeinen, Bus aufspringt und dann schon vom Airport NURN abhebt. So viel hat man aus den wenig verständlichen Dialogen bisher, noch eine junge Frau und ein Kind, verstanden, dass er wohl gesucht werde. Also auch bemerkenswerte Sprechermängel beim Cast. 

Es ist das Elend beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zu Lasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird (die Reichen halten sich, relativ gesehen, so gut wie raus aus der Finanzierung des 9-Milliarden-Topfes), dass es kaum Wettbewerb gibt, wenn Projekte, Filme, Tatorte gemacht werden. Die Vergabe von generell gut dotierten Posten wie Drehbuch, Regie, Casting, Darsteller ist eine einzige Gunstbezeugung durch die Zwangsgebührentreuhänder, hier durch Stephanie Heckner in letzter Instanz, wenn ich die Hierarchie richtig verstehe. Die hat gerade neulich im Zusammenhang mit dem Doppeltatort mit einem anderen Sender zugegeben, dass wenn jemand einen ihrer Meinung nach schönen Tatort macht, dieser oder diese wieder einen drehen „darf“ (Über 30 Jahre Batic und Leitmayr). 

Das ist übel, übel. Und auch dieser Tatort von Andreas Kleinert nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich ist ein Beweis für die Untauglichkeit dieses an Patronage erinnernden Systems. Andreas Kleinert wurde anfangs als Filmemacher gehypt. Heute beweist er mit diesem Frankentatort, wie das Fernsehen Talente in den Keller befördert und ihnen unterstellen lässt, sie würden vielleicht lieber Zombie-Filme machen, statt sich ernsthaft mit den Menschen zu beschäftigen, ein Abbild unserer Lebenswelt zu schaffen. Das funktioniert schon vom Cast her nicht (wenn wenigstens Chemie wäre zwischen dem jungen Liebespaar!). Noch weniger vom wie mit dem Brecheisen gegen jede Lebenserfahrung zurechtgebogenen Drehbuch und einer konfusen Erzählweise, in der schon kurz vor Halbzeit das bisschen Spannung in sich zusammensackt, wie die Titelfrage beantwortet ist. 

Die am liebsten hämmernd musikalische Untermalung auf der Tonspur verstärkt den Konfuseinddruck. 

Nach der Hafenstadt Nürnberg als Amsterdam hupft der Film ins Privateste der Kommissarin (Dagmar Manzel), die ist wirklich hübsch im Gesicht, besonders von nah und wenn sie die Bettdecke umgehängt schulterfrei ein Treppenhaus runter schreitet, das ist große Operndiva aber dann wird es laientheaterhaft, dialogisch wie inszenatorisch (bezahlt werden wollen sie aber alle als Profis!): sie sitzt an einem Tisch und ein Mann kommt dazu und sagt nach der Begrüßung. „Leider habe ich gestern Abend versäumt, Sie nach Ihren Frühstücksgewohnheiten zu fragen, deshalb habe ich mir erlaubt, quasi vorsorglich dreierlei Eier zu machen, Rührei, Spiegel und Ei im Glas“ (immerhin kann man diese Sätze zitieren, da sie wenigstens verständlich gesprochen sind). Sie: „Ich will alles“. Er: „Oh“. (Gedanke im Kopf des Zuschauers: so eine draufgängerische Kommissarin; öffentlich-rechtlicher Infantilhumor). Dann will sie dem Herren das Du anbieten in der verknorzten Szene. Ja gerne, meint er und kniet – in welcher beschissenen Filmwelt befinden wir uns hier eigentlich? – kniet ritterhaft vor ihr nieder. Paula, sagt sie, ich bin Rolf, meint er, und sie geben sich die Hand – sorry, solch überkommene Geschlechterrollenbilder (es fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass sie ironisch gemeint seien) würden nicht mal bei einem Bewerbungsfilm für eine Filmhochschule angenommen. 

Es folgen Handkuss und Schmusekuss. Dann löst sie sich, fängt wieder an zu essen und fragt, sag mal, was ist eigentlich mit – den Raben los, die krächzen die ganze Nacht. Ah, die Raben, die stehen unter einem besonderen Schutz, meint der knieende Gentleman, während sie ihr Eierdreierlei-Frühstück unterbricht, so was von schülerhaft erfunden alles, und die Raben hätten keinerlei natürlichen Feinde, fährt er fort, das wissen die (Essen im Film, das können die Asiaten, aber doch nicht die Deutschen). Die beiden Akteure lächeln einvernehmlich. Er fährt, nicht mehr so gut verständlich, fort, und feiern, ha ha, geht in beidseitigem Gekichere unter. Jetzt wendet sich die Kommissarin wieder den Dreierlei-Eierspeisen zu, während er unverändert meint, er habe sich daran gewöhnt. Sie schnappt sich ein Gäbelchen und er fügt hinzu: und heute Nacht habe ich sowieso nur Deinem Atem gelauscht. Sie unterbricht wieder das Eieressen und fragt ihm zugewandt, hab ich geschnarcht? Er macht ein paar hohe Piepstöne, die kurz in ein Schnarchen und dann wieder in Gelächter übergehen, das mit einem Routinekuss abgebrochen wird. – 

Schnitt nach Amsterdam. Das muss man sich mal vorstellen, da knapsen sich Menschen in bescheidenen Verhältnissen alle drei Monate über 50 Euro für die Zwangsgebühr ab und dann erhalten sie solch ungenießbaren Mampf serviert und noch dazu ohne Ahnung vom Menschen. 

Wobei der Anschluss zur Vorszene, was die Kleidung von Paula betrifft, nicht stimmen kann, jetzt trägt sie ein Oberteil, vorher nicht, sie war schulterfrei unter der umgehängten Bettdecke. Also auch handwerklich unsauber. 

In Amsterdam folgt daraufhin die bei deutschen Filmhochschülern übliche und unentbehrliche Discoszene, so fantasielos wie alle anderen auch und vom Storytelling her ohne Belang. 

Nach fast zehn Minuten erzählerischen Leerlaufs wird endlich in Bamberch ein Kind vermisst. Bis dahin dürften schon viele Zuschauer weggezappt haben oder eingedöst sein. 

Nun will der Film mit einem extravagant-futuristischen Einfamilienhausklotz punkten und das Videogamethema kommt zum Einsatz. Entsprechend zombiehaft und entfremdet agieren die Menschen darin (dicker moralischer Zeigefinger, so sind diese Menschen heute!) – und ist doch nur schlechtes Schreitheater und dabei noch fett das Impfthema aufs Auge gedrückt (und damit noch einen Punkt bei der Redakteurin geholt). Noch kurioser, dass der Herr Fischer (Andreas Leopold Schadt), der hier wie ein Marsmensch lebt, einer der wenigen mit einem fränkischen Farbtupfer ist – gerade so ein Kuriosum müsste in einem Drehbuch das mehr als nur gaghaft sein will, erklärt werden, denn wenn das nicht begründet wird, wenn also offenbar nach der Devise gehandelt wird, beliebig, also gedankenlos, auf die eine oder andere Figur im Polizeiruf aus Nürnberg einen fränkischen Farbtupfer zu verstreuen, so lässt das in diesem Falle explizit die Interpretation zu (nach dem Pars-pro-toto-Denken), dass der BR die Meinung vertritt, Franken seien exzentrische Spinner – eine doch einigermaßen befremdliche Idiom-Politik eines Senders, dessen DNA selbst einen beachtlichen fränkischen Anteil enthält. 

Inzwischen, nach doch schon 20 Minuten, erfahren wir, wie der Junge heißt, der nach Amsterdam geflogen und inzwischen nackt auf einem Platz in Nürnberg von der Polizei (statt Sanität; die hätte extra gekostet) erstversorgt worden ist: Titus (Simon Frühwirth). 

Und gleich erfahren wir noch einen Namen, den des Lovers der Kommissarin, der heißt Glawogger (Sylvester Groth) und taucht in einer Polizeikartei auf, weil Schüler ihm sexuall inadäquates Verhalten vorgeworfen haben (Anlass für eine kleine Diskussion darüber; vermeintlicher Aufklärungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen) . Dabei setzt lustigerweise der Kokomissar (Fabian Hinrichs) in diesem Film andauernd eine Kindsmördermiene auf; als ob er dem Zuschauer das Filmthema kommunizieren wolle. Schwaches Drehbuch kann man nur sagen, schwaches Drehbuch. 

Es werden weitere Themen in das Konglomerat reingeimpft: psychotische Störung, verrückte Mutter, Psychodoktor, Horrorkeller, Gewalt in der Ehe, Klappschrank, Angst vorm Vater, Vaterlosigkeit, Vaterersatz, Belästigungslüge: effiziente Selbstmordmethode mit Drahtseil und Auto (man darf gespannt sein, ob die bald schon Nachahmer findet). 

DAS PROBLEM DER DEUTSCHEN FILMLANDSCHAFT / zdf magazin royale (auf youtube)

Böhmermann, differenzieren bitte! 

Klar, Satire muss pauschalisieren, sonst ist sie keine Satire, auch wenn sie dadurch platt und letztlich zahnlos bleibt. Gaudi um des Gaudis willen. Bashing aus Bashingfreude. Eine Sau durchs Dorf treiben, die lahm genug dafür ist, das ist nun wahrlich keine Kunst, das ist nicht mutig. Satire muss auch überzeichnen, richtig, aber Überzeichnung muss die Grundproportionen wahren. Und wenn die Lustigkeit nichts ändert, dann ist sie wohl umensunscht. 

Da hat der Böhmermann schon recht, oder das recherchierende Team hinter ihm, das deutsche Fördersystem ist zwar eine Förderung, aber gleichzeitig ein immenser Hemmschuh für das Kino. Es ist verbürokratisiert. Es muss, da es staatliches Geld verteilt, alles rational – und auch moralisch – begründen. Es muss sich absichern, kann sich kaum was trauen, weil letztlich Gremien das wichtigste entscheiden. Ein Gremienkino ist es. 

Aber Böhmermann erzählt nur die halbe Wahrheit oder schildert sie ungleichgewichtig, denn ein anderer wichtiger Teil dieses Systems ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der ebenfalls mit Hunderten von Millionen Euro die Filmproduktionen unterstützt; das erwähnt der Satiriker zwar, aber so als spiele es nur peripher und eine unbedeutende Nebenrolle. Das dürfte nicht ganz den Tatsachen entsprechen. Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist sein Brötchengeber, hier das ZDF, dem wollen wir nicht zu sehr auf die Pelle rücken, wobei just das ZDF mit dem kleinen Fernsehspiel ab und an mutige Projekte unterstützt.

Ins deutsche Kino fließen also oft mindestens so schwergewichtig die Bedenken der öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührentreuhänder, der Fernseh-Redakteure, ein in die Gremienentscheidungen, zB was Besetzungen betrifft. Wie es in solchen Gremien abläuft, das wäre echt mal eine äußerst scharfe Satire wert.

Ohne Fernsehgeld geht im deutschen Kino kaum was. Es ist also noch komplexer als von Böhmermann und seinem Team behauptet. Dagegen steht ein Heer erwachsener Menschen, Medienberufsmenschen, die oft mit Herzblut mittun; und die selbst in schwachen Komödien einen Reiz entwickeln können, wie ein Elyas M. Barek beispielsweise. Auch diese Seite des deutschen Filmes blendet Böhmermann aus – ok, nicht ganz, Toni Erdmann gegen den Rest des Kinos in etwa.

Das undurchdringliche Gremiengewucher im Zeugungs- und Kreißsaal des deutschen Filmes führt insgesamt zur Provinzialität des deutschen Kinos. Das wiederum erzeugt negative Wechselwirkungen auf die Filmkultur, die Mutlosigkeit breitet sich so exponentiell aus wie das Virus. Denn keiner, der an den Zitzen der Subvention hängt, möchte sein Teil an der Kinomuttermilch aufs Spiel setzen. Dieses Verhalten gäbe allerdings großartigen Stoff für Satire ab, wie selbst – oder gerade sie – prominente Menschen aus der Filmwelt sich karikaturreif benehmen, wenn es um die Sicherung ihres eigenen Namens, ihres Anteils am Kuchen geht. Das Thema ist eines der großen Tabus. Just Böhmermanns Art der Performance könnte da fabelhaft zur Geltung kommen. 

Als erstes könnte er sich Kirsten Niehus vornehmen, die er negativ hervorgehoben hat; wie „Namen“ Bücklinge vor ihr machen, sich schleimend der Geldöttin nähern, was an Geschenken und wie überreicht wird, an Gunstbezeugungen, an Einladungen und wie sie innerhalb des Räderwerkes funktioniert. Das wäre sicher eine tolle Aufgabe für Böhmermanns Rechercheteam. Die sollen sich doch bittschön mitten ins Getümmel trauen mit offen Augen und Ohren!

Ins Getümmel, das ein riesiges Gunstgewerbe mit kaum Wettbewerb ist. Böhmermann als Stephanie Heckner vom BR, die in einer Sendung zum Bayern-Ruhrpott-Tatort sagt, dass die Regisseurin das so schön gemacht habe, dass sie gleich noch einen Tatort drehen „dürfe“; müsste doch eine Traumrolle für Böhmermann sein. 

In so einer bemühten Gemengelage wie um den deutschen Film ist eine gegenseitige Befruchtung, eine kreative, film- und filminnovationsfreundliche Atmosphäre undenkbar. Im Subventionstümpel herrschen Angst und Neid. Das fängt schon an den Hochschulen an und endet nicht mit Eintritt der Rente.

In diesem Klima der Angst kann Zivilcourage nicht gedeihen und insofern verwundert es nicht, dass die von Dietrich Brüggemann gut gedachte „allesdichtmachen-Aktion“ einknickt wie ein Eselchen, das das erste Mal aufzustehen versucht. 

Zu Böhmermanns Entlastung sei gesagt, so wie er den Text ablesend performt, wird völlig klar, dass er kein Cineast ist; das sagt er ja selbst. 

Hier stefe-Reviews zu von Böhmernann zitierten deutschen Filmtiteln: 

ABSCHUSSFAHRT

… hier hechelt das deutsche, zwangsgebührenfinanzierte Kino Welterfolgen … hinterher.

NIGHTLIFE

… kämpfen die Schauspieler umso mehr, als ob sie auf Treibsand agieren

VERRÜCKT NACH FIXI

Zielgruppenprodukt für den Sommerschlussverkauf mit kurzer Verfallszeit

MÄNNERHORT

… das odelt

MÄNNERTAG

…nichts Neues zu finden … eine Art Stammtisch- oder Schrebergartenunderstanding (mit dem Publikum)

MÄNNERHERZEN

… viele nette Witzchen …

IRRE SIND MÄNNLICH

Da ist es wieder, unser liebes, anspruchsloses Pfründenkino, bei dem der einzige Anspruch der zu sein scheint, auf der korrekten Bezahlung der guten, zwangsgebühren- und steuerfinanzierten Gage zu bestehen.

WHAT A MAN

… echter Traum aller Schwiegermütter

Das Schmatzen als Nonplusultra verwegener Mannwerdung.

MANN TUT WAS MANN KANN

bleifüßige, deutsche Boulevardkomödie für ein gesetzteres, anspruchsloses Publikum

DA MUSS MANN DURCH

Der Film verzichtet konsequent auf alles, was ein Publikum verführen könnte.

Auf den mäßigen ersten Teil folgt nun der noch mäßigere, zweite Teil, ….zum pfründenhaften Abgreifen von Subventions- und Fernsehgeldern …

GUT ZU VÖGELN

Warum Max von Thun die Hauptrolle zu spielen bekommen hat, bleibt ein Rätsel.

… Viele bekannte TV-Namen haben sinnfreie, weiter nicht erwähnenswerte Gastauftritte und sich damit ein kleines Taschengeld auf Kosten von MBB Medienboard Berlin Brandenburg, Filmförderungsanstalt FFA und Deutschem Fimförderfonds DFFF dazu verdient, selig seien diese Filmförderer, denn sie wissen nicht, was sie tun …

HOT DOG

… gezieltes Werbevehikel … für Marken wie Mc Donalds, Mercedes, Pepsi und (verbal) Dupla.

VATERFREUDEN

…Format einer gehobenen Buddelkastenübung …

100 DINGE

Kaffeekränzchenmoral

Omas Käseglockenkino

COMING IN

… deutsches Gefühlskino (was eo ipso ein menschelndes Biederkino ist) —

putzige Sprüche und Witzchen

TONI ERDMANN

Aneinanderreihung liebenswürdiger bis bösartiger Szenen

Musterkatalog wunderbarer Szenen für das Karriere- und Kapitalismusbashing

25 KM/H

Kino für den Vereinsabend.

Der Ehrgeiz der Filmemacher zielt nicht über die bundesdeutschen Filmsubventionsgrenzen hinaus.

Der Krieg in mir (ZDF, Montag, 3. Mai, 00.30 Uhr, auch Mediathekstart)

Tote Zone“

„Dieser Krieg hat Begleiterscheinungen, die außerhalb dessen sind, was mit Kämpfen und Töten zu tun hat.“ Wehrmachtsverbrechen im zweiten Weltkrieg in Belarus. 628 Dörfer wurden von der Wehrmacht ausradiert, zu „toten Zonen“ gemacht. Diese sind der Dreh- und Angelpunkt der Auto-Dokumentation von Sebastian Heinzel, in dem Sinne, dass er seiner Familien-Geschichte auf die Spur kommen will. 

Warum hat es Heinzel immer wieder nach Belarus gezogen? 

Hier hat sein Opa bei den Wehrmachtsverbrechen mutmaßlich mitgewirkt. Hier war der Opa extremen Stresssitutionen ausgesetzt, die sich laut Epigenetik ins Erbgut einbrennen. Diesem Erbgut schon in der zweiten Generation möchte Heinzel auf die Spur kommen; denn es treibt ihn um. Er bindet seinen Vater in die Recherche mit ein, der mit dem Thema nie befasst war. Weitere Helfer bei dieser Suche sind Wissenschaftler, eine Epigenetikerin aus Zürich (über Traumavererbung), ein renommierter Traumatherapeut, eine Archivarin und Menschen aus Belarus. Siehe die Review von stefe.