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Mutig, missbraucht, mächtig: Die Frauen von Sarajevo (BR, Montag, 26. Oktober 2015, 20.15 Uhr)

Angesichts der Flüchtlingsströme und der teils aufgebrachten Diskussionen darüber kommt dieser Film von Natalie Amiri zum richtigen Zeitpunkt, der daran erinnert, wie bei uns in nächster Nähe vor 20 Jahren ein scheußlicher Zivilisationsbruch namens Jugoslawienkrieg stattgefunden hat (Redaktion: Andreas Bräu, Matthias Eggert).

Amiri blättert in ihrer unaufdringlichen Dokumentation, die sich den Frauen im Krieg widmet, einige Seiten um. Immer wieder schneidet sie zwischen die Aufnahmen von heute mit einem modern und zivilisatorisch aussehenden Sarajevo Dokumaterial aus dem Krieg. Aber noch heute begegnen manche Opfer von damals täglich ihren Vergewaltigern oder den Mördern ihrer Nachbarn. Prozesse hat es gegeben. Doch die Wunden sind längst nicht verheilt.

Der Leitfaden durch den Film ist Alma, über die Bill Carter 1993 den Dokumentarfilm „Miss Sarajevo“ gemacht hat. Alma war damals 12. Es gibt Ausschnitte aus diesem Film. Die Kinder sitzen in einem ausgebrannten VW-Käfer, spielen „Reisen“ – im Hintergrund sind Schüsse zu hören, was die Kinder nicht weiter irritiert. Kindheit im Krieg. Heute ist sie Englischlehrerin in Amsterdam und gibt ihre Erinnerungen an Orten des damaligen Grauens in perfektem Englisch wieder.

Es gibt auch die Erinnerung an das Sarajevo vor dem Krieg mit seiner multireligiösen Toleranz, ein Jerusalem Europas; Jugend verschiedenster religiöser Provenienz fand zu Gangs zusammen und war dort, wo Party stattfand, je nach Religion. Heute, nach dem Krieg, dominiert der Islam.

Amiri lässt in loser Folge Einblicke in verschiedene Frauenschicksale Revue passieren: die Miss Sarajevo von 1993; die Oma, auf deren Grundstück am Rande der Landebahn der Tunnel nach Sarajevo gegraben worden ist, der einzigen Lebensader zur umzingelten Stadt, und der Tausenden das Leben gerettet hat; das tragische Liebespaar, das auf einer Brücke erschossen worden ist; die Vorzeigegeigerin, die mit Kultur gegen die zivilisationsvergessene Gewalt demonstrierte; die Suppenköchin, die aus nichts und wieder nichts noch eine Suppe zauberte; die Frau, die die Vergewaltiger zur Rechenschaft ziehen will und hinter ihr die unendlichen Reihen von Ordnern mit den gesammelten Aussagen von vergewaltigten Frauen und erschreckende Details daraus; aber auch eine Frau, die damals den Hass predigte, Kriegsverbrecherin und gläubige Christin zugleich; die Frau die alles verloren hat und jetzt einen Kiosk bei einem Friedhof betreibt, auf dem ihre Angehörigen liegen, die sie täglich besucht.

Wenn Du Kirchenglocken und Muezzin hörst, dann atmet Sarajevo (Alma).

Spooks: Verräter in den eigenen Reihen (DVD)

Zuerst kommt der Fall ins Spiel. Der britische Geheimdienst MI5 hat einen der Topterroristen mit Hilfe und im Auftrag des CIA in London gefangen genommen und ist dabei, diesen an den CIA zu überstellen. Ein schwerbewachter Konvoi steckt im großstädtischen Verkehrsstau fest. Der Konvoi wird topüberwacht von allen möglichen Kameras, von einem Helikopter und in einem PKW vorneweg sitzen zwei kleinere Chargen des MI5.

Zwischen den stehenden Autos rasen Motorräder heran. Sie befreien den Hochsicherheitsgefangenen und brausen mit ihm weg; der Heli ist dummerweise abgezogen worden.

Der Terrorist Qasim, Elyes Gabel, wird als der Prototyp einer neuen, besonders gefährlichen Generation von Terroristen charakterisiert, als sprachgewandt, charismatisch und überzeugend; außerdem lernte er im Nahen Osten das Töten. Immerhin habe der MI5 einen Undercover Agenten ins Netzwerk von Qasim eingeschleust.

Nun kommen die Gegenspieler um den Fall ins Spiel, die den entfleuchten Qasim, aufspüren und dingfest machen sollen; denn er hat einen ganz großen Anschlag mitten in London angedroht, einen wie nie zuvor, der unbedingt verhindert werden muss.

Diese Gegenspieler aus dem Geheimdienstmilieu werden in der Jagd auf Qasim die bestimmenden Figuren sein. Beide sind für die Geheimdienste nicht ganz koscher, aber wahre Asse; sind in gewisser Weise Agenten „hors classe“, mit ihren unkonventionellen Mitteln außerhalb der regulären Jobbewältigung anzusiedeln.

Harry Pearce, Peter Firth, ist der alte mit allen Geheimdienstwassern gewaschene Fuchs mit einem Gesicht, in dem die Menschheitsgesichte oder auch nur die eines Psychopathen eingeschrieben sein könnte, so sicher ist man sich nicht. Er ist immer wieder für eine Überraschung gut. Die Leute unterschätzen ihn auch noch nach Jahren.

Ihn soll ausgerechnet Will Holloway, Kit Harington, unterstützen. Den muss der MI5 allerdings erst aus Moskauer Gefangenschaft befreien, so ganz nebenbei eine kleine waghalsige Action mit britischem Understatement vorgetragen. Er ist ein freier Agent und hat keine Lust, für den MI5 zu arbeiten, hat doch ausgerechnet Harry ihn vor drei Jahren aus dem Dienst gechasst aus weiter nicht einsichtigen Gründen. So zeichnen sich denn in Wills Gesicht oft Zweifel und Verwunderung, tiefe Skepsis wie Unsicherheit, so dass jede seine Aktionen zum Vornherein zum Risiko wird; und genauso wie Harry wirkt er oft am Rande des Anschlags. Sie sind in keiner Weise glatte Typen, geleckte Typen; sie ziehen Misstrauen und Vorurteil an.

Spannungserhöhend kommt in diesem brillanten Thriller von Bharat Nalluri, der ein Drehbuch von Jonathan Brackley und Sam Vincent nach der Fernsehserie von David Woistencroft zur Vorlage hatte, hinzu, dass die Flucht Qasims offenbar von höchster Stelle im MI5 gedeckt, ja sogar ermöglicht worden ist. Es sind nicht allzu viele Figuren, die auf dieser Ebene im Film vorgestellt werden, die den Verrat begangen haben könnten. Wobei auch hier die Raffinesse des kleinen Bauernopfers, resp. des geopferten Laufburschen, von den Autoren souverän eingesetzt wird.

Allein schon die Annäherung von Will und Harry, bis sie sich überhaupt begegnen, ist ein hyperkonspiratives Versteck-, Hase- und Igelverfolgunsjagd- und Abschüttelspiel der Sonderklasse, setzt von beiden höchste Raffinesse und gleichzeitig Vertrautheit mit Verdunkelungsmethoden voraus und der Schirmkontakt ist nur ein lässiger kleiner Gag dazwischen, wenn Will auf dem Weg zu Harry den ganzen CIA und MI5 und wer auch immer hinter ihm her ist, abschütteln muss.

Dann fängt es erst richtig an, ob und wieso die beiden überhaupt zu einander Vertrauen entwickeln können. Das erscheint immerhin mit dem Rekurs auf ein Stück gemeinsame Geschichte und den Tod des Vaters von Will möglich; da gibt es gemeinsame Verbindungen in die Vergangenheit.

Eine besondere Pille mit erschütternden Wirkungen spielt ein Rolle: auf dem Couvert, das sie enthält steht verheißungsvoll: Way out /Ausweg. Die Agenten immerhin, die finden immer einen Ausweg. Wenn das mal nicht beruhigt.

Den Count-Down zelebrieren die Filmemacher in Zeitlupe und mit vielen inneren Monologen von Fassungslosigkeit und die deutsche Nachsynchronissation trägt ihr Teil zur Spannung dieses exzellenten Thrillers aus London bei.

Der blinde Fleck – Das Oktoberfestattentat (BR, Dienstag, 13. Oktober 2015, 20.15 Uhr)

Kino, das in die Geschichte eingreift. Dieser Film von Daniel Harrich und Ulrich Chaussy ist Teil und Bericht, Nachstellung der Recherchen des investigativen Journalisten Ulrich Chaussy, die mit dazu geführt haben dürften, dass das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980 nicht in den Schubladen als begangen von einem Einzeltäter vor sich hinverrotten konnte, so wie die Politik es damals schnell und leichtfertig behauptete, um die Hintergründe zu verschleiern, dass das Verfahren nämlich inzwischen neu aufgenommen worden ist.

Beste Chance (BR, Samstag, 10. Oktober 2015, 20.15 Uhr)

Der dritte Teil der Dachauer Landtrilogie von Karin Michalke (Drehbuch) und Marcus H. Rosenmüller (Regie) Beste Chance. Die Zeit des Heranwachsens und des Träumens ist vorbei. Das Leben hat sie als Erwachsene, die schon ihre ersten Beziehungspleiten hinter sich haben. Statt ins erträumte Amerika treibt es einige der Figuren ins kulturell fernere Indien. Zwei bis auf die Unterwäsche beraubte Väter als skurrile Existenzclowns sind dort auf der Suche nach einer vermissten Tochter, während im Dachauer Land die nächste Generation endlich Sicherheit statt Veränderung anstrebt.

Faszination Wissen: Unser Essen der Zukunft (BR, Montag, 5. Oktober, 22.00 Uhr)

Die Frage nach unserem Essen der Zukunft, ob künstlich oder natürlich, beantwortet dieser Film von Doris Tromball, BR-Redaktion Armin Olbricht, tendenziell mit der künstlichen Variante (es gibt Forscher, die überzeugt sind, die bessere Natur herzustellen; das wird hier aber nicht explizit verhandelt).

Hier gibt es einen gemütlichen Spaziergang mit dem markanten Bayern Max Schmidt ausgehend vom Vikutalienmarkt in München, wo er uns ein paar bekannte Dinge über das Essen erzählt, dass das Auge mitisst und was sonst noch so eine Rolle spielt und dass ein Sirup, der theoretisch vollständig zur Ernährung ausreichen würde, eben doch nicht geht, und was es für eine Bewandtnis mit der Forschung der Nasa für das Essen in der Raumfahrt auf sich habe.

In Frankfurt dürfen wir mit Schmidt die Messe Food Ingrediants besuchen. Hier bekommen wir Einblicke in den Handel mit dem Wow!-Faktor, mit Lebensmittelzusätzen, die auf das sinnliche Erleben abzielen und mit 3D-Essensdruckern, dem letzten Schrei: kreieren statt kochen.

In Berlin nimmt uns Schmidt mit in die Scince Kitchen. Hier experimentieren Forscher in einem kulinarischen Erfindungslabor aufbauend auf der Molekularküche (wer den Film El Bulli gesehen hat, wird hier nicht allzu überrascht sein). Es gibt einen Eistest mit einem 3-Sternekoch, herkömmliches Eis gegen Molekulareis; dreimal darf man raten, wer gewinnt.

Schließlich gibt es noch Einblick in den Bereich der Geschmacksmanipulationsindustrie, ins Aromadesign. Ziel: Aromen, die länger halten, besser schmecken und nicht gewünschte Gerüche wie fettig oder fischig überdecken.

Und als Drüberstreuer präsentiert uns Schmidt, inzwischen zurück auf dem Viktualienmarkt in München, eine kuriose Idee: die des ungeselligen Essens in abgeschotteten Einzelzellen. Das stimmt dann doch nachdenklich.

Der Primus – Franz Josef Strauß (ARD, Montag, 27. Juli 2015, 22.50 Uhr)

Diese BR-Dokumentation von Werner Biermann über Franz Josef Strauß dürfte wohl kaum so provozieren, wie Strauß es zu Lebzeiten zu tun pflegte. Ist ja eh alles Geschichte. Biermann versucht auch gar nicht erst zu ergründen, warum Strauß so provoziert hatte, warum er so heftige Reaktionen und unversöhnliche hervorgerufen hat. Vielmehr skizziert er seine Karriere einfach und verständlich nach, gibt Hinweise auf seinen Charakter mit Rückblenden aus Kindheit, Jugend und Militärzeit bei den Nazis, inklusive Glück-gehabt-mit-Stalingrad, dieses gepaart mit hoher Intelligenz.

Die erste Begegnung mit den Nazis, als sie noch klein waren und gegenüber der Metzgerei von Stauß‘ Vater in der Schellingstraße, und der Hitler und der Himmler, die seien ja so nett, heißt es in einer nacherfundenen Szene, aber Vater Strauß war da anderer Meinung.

Wie erfahren, wie der katholische Pfarrer die Latein- und Sprachbegabung beim Ministranten Franz Josef aus der Maxvorstadt entdeckte. Wie dieser sich Jahre später kurz vor Ende des Krieges weigerte, Soldaten auszuliefern, die bei absehbarem Kriegsende desertieren wollten. Wie ihn die vielen Toten aus dem Krieg verfolgten und wie der Kommunismus für ihn zum menschenverachtenden Feind wurde. Wie er sich in der Nachkriegszeit nicht um die Gesetze kümmerte, wenn er großangelegte Schwarzmarktaktivitäten im Interesse der notleidenden Bevölkerung organisierte, dabei wurde er von den Amis gedeckt („halb Krimineller, halb Politiker“); denn dank seiner brillanten Sprachkenntnis hatte er bald einen guten Draht zu den Besatzern.

Später, als er schon Verteidigungsminister war, bekam ein Rüstungsdeal mit den Amerikanern insofern ein Geschmäckle, als er einen Ami-Soldaten, mit dem er sich nach Kriegsende angefreundet hat, zum Agenten machte, der gigantische Provisionen kassierte.

Der Spiegelherausgeber Augstein sah in Strauß ein Schreckgespenst, welches unbedingt als Kanzler verhindert werden sollte. Strauß war im Gegenzug zu den Spiegelstories nicht zimperlich im Umgang mit der Legalität (Verhaftung von Ahlers in Spanien; laut nachgestellter Szene im Einverständnis mit Adenauer).

Strauß war ein Mensch, der nach den Entbehrungen des Krieges das Feiern liebte, in eine reiche Familie aus Rott am Inn hineinheiratete und nach erfolglosem Streben nach dem Kanzleramt und diversen Skandalen ein Ministerpräsident in Bayern wurde, der das Land erfolgreich nach vorne brachte, um die Welt düste und sich mit den Großen der Welt traf. Wobei sein Einfädeln des Milliardenkredites an die DDR hier nur erwähnt und dessen Folgen nicht weiter untersucht werden; wie weit Strauß mit Geld der inneren Erosion des DDR-Systems gezielt Schub verliehen hat.

Nebst viel historischem Newsmaterial und Interviews mit Personen aus dem politischen Umfeld und der Familie sind immer wieder Nachspielszenen eingefügt, denen wohl mehr an daily-soap-hafter Leichtverdaulichkeit denn an genauer Historie lag. Unverständlich besonders aus diesem Grund, warum diese interessante und informative Doku spät abends kurz vor elf erst gesendet wird.

Strauß hat in seiner Jugend erlebt, wie ein Land zerstört wurde, das war ein entscheidendes Motiv für seinen politischen Einsatz. Kritiker, die dies aus ihrem Bewusstsein ausklammerten, schimpfte er Gehirnprothesenträger. Von letzter Sorte gibt es auch heute noch genug.

Unter dem Hammer der Nazis (BR, Mittwoch, 20. Mai 2015, 22.00 Uhr)

Weitere Schaudergeschichten aus der medialen Wühlkiste der Nazizeit – aber man muss sie immer wieder hervorkramen, um sie nicht zu vergessen. Archivaufnahmen, egal wie bunt und wild zusammengeschnitten, haben noch dazu einen besonderen Reiz.

Oliver Halmburger und Thomas Staehler nehmen sich für ihren dreiviertelstündigen Magazinbeitrag einen riesigen Themenkomplex vor.

Raubkunst und zwar sowohl die räuberischen Vorgänge selbst, Hitler als Trendsetter zum Kunstsammeln, sein eifrigster Epigone Hermann Göring. Wie sie über Auktionen erst in Deutschland dann im besetzten Frankreich günstig an die Werke kamen, Hitler mit dem Ziel eines gigantischen Kunsthauses in Linz, seine ausführende Einkäuferin: die Gestapo.

Der Aufstieg des dubiosen Kunsthändlers Weinmüller beruhend auf den arisierten Beständen des Kunsthändlers Lämmle.

Das Thema „Monuments Men“, über die George Clooney kürzlich einen gut gemeinten Film gedreht hat und der Zug mit Görings Raubkunst, der am 8. Mai 1945 in Berchtesgaden von der Bevölkerung geplündert wurde, wo bis heute nicht klar ist, was alles verschollen ist oder irgendwo auf Dachböden vor sich hingammelt.

Ausgangspunkt der Doku ist die Entdeckung von 44 Auktionskatalogen aus der Zeit von 1936 bis 1944 des Auktionshauses Weinmüller im Keller von dessen Nachfolgerin, dem Auktionshaus Neumeister in München unter der aktuellen Chefin Katrin Stoll, die diese zum Anlass einer Aufarbeitung der Geschichte des Auktionshauses genommen hat. Den späten Zeitpunt des Weißwaschvorgangs der Firma begründet sie mit dem hohen Stellenwert von Diskretion in ihrer Branche, dem Kunsthandel, dem Transparenzanspruch von Aufarbeitung konträr entgegengesetzt. Zur Abmilderung dieses krassen Auseinanderklaffens zwischen Geschäfts- und Aufarbeitungsinteresse im Auktionsmetier haben sich die Filmemacher für eine einbalsamierende Sprecherstimme entschieden.

Ausstellung: „Die Olympischen Spiele – Hinter dem Bildschirm“

Zur Eröffnung der Ausstellung Die Olympischen Spiele: Hinter dem Bildschirm (19.2.2015 – 26.1.2016) lud das Olympische Museum vor einigen Wochen nach Lausanne. Dort stellte man uns Journalisten nicht nur die Ausstellung selbst vor, sondern insbesondere auch die gewaltige Anstrengung, die diese erst ermöglichten.

Das Olympische Feuer brennt ständig. Im Hintergrund das Olympische Museum Lausanne.
Das Olympische Feuer brennt ständig. Im Hintergrund das Olympische Museum Lausanne.

Schwerpunkt der Ausstellung ist das Broadcasting, also die Berichterstattung über die Spiele im Verlauf der letzten 100 Jahre. Wer nicht zu den Spielen anreisen konnte, konnte schon in der Urzeit des Kinos Filmausschnitte in den Wochenschauen im Kino sehen oder Radio hören. Später wurde mit TV-Liveübertragungen begonnen – zu einer Zeit, als man die Anzahl der Fernsehgeräte quasi noch an einer Hand abzählen konnte – und schließlich gelangte man zu der ausgefeilten, aufwendigen Berichterstattung, die wir heute kennen.

Nimmt man die Organisation, die hinter der heutigen Berichterstattung steht, unter die Lupe, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist eine eigene olympische Leistung, hunderte von Kameraleuten und tausende von weiteren Mitarbeitern, vom untersten Assistenten bis zum obersten kreativ Verantwortlichen unter einen Hut zu bringen. Alles folgt einer kreativen Direktive, hat eine spezifische Bildsprache, einen eigenen Schnitt – als wenn 50 Regisseure mit 600 Kameramännern einen Film drehen, und es soll keinen Stilbruch geben. Eine herkulische Aufgabe.

Das IOC hat vor zwanzig Jahren damit begonnen, sämtliche Fotos, Filme und TV-Aufzeichnungen aller vergangenen olympischen Spiele zu sammeln, zu archivieren und zu restaurieren. Der Aufwand ist gigantisch: Nicht nur offizielles Material wird archiviert, sondern auch das von Privatleuten: Jedermann kann seine eigenen Aufzeichnungen und Fotos von Spielen, die er besucht hat, zur Digitalisierung einschicken.

Entstanden ist ein riesiges Archiv historischer Sportaufnahmen aller Art. Da man im allgemeinen nur die beeindruckendsten Momente und die großen Siege gezeigt bekommt, ist es umso beeindruckender, auch das übrige Material sehen zu können: Schmerz, Enttäuschung, Unfälle, die besonders enttäuschenden vierten Plätze, Freude daran, so eine Anstrengung überhaupt geschafft zu haben, Erleichterung, generell emotionale Ausnahmezustände und natürlich jede Menge Material davon, wie alles ganz normal läuft. Also die Dokumentation der Spiele aus vergangenen Zeiten und ihrer Umgebung.

Doch dem ist nicht genug: Zu jeden olympischen Spielen wird ein Filmemacher ausgewählt und damit beauftragt, einen offiziellen (Kino)film über die Spiele zu drehen. Der Hintergedanke hierzu war früher, dass man auf diese Weise den Menschen mehr als nur die Nachrichtenmomente nahebringen kann. Und da es „Live“ noch nicht gab, gingen die Leute natürlich einfach nach den Spielen ins Kino.

Großmutters Wohnzimmer im 50er-Chic am Eingang der Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wo die Liveberichterstattung erstmals massentauglich wurde.
Großmutters Wohnzimmer im 50er-Chic am Eingang der Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wo die Liveberichterstattung erstmals massentauglich wurde.

Die zunehmende Verwöhntheit, alles immer sofort und auf Abruf zur Verfügung gestellt zu bekommen, setzt die Filmemacher unter Druck. Hitler und Goebbels dachten damals an ein paar Wochen für den Schnitt, Leni Riefenstahl dahgingegen hatte zwei Jahre für eine ordentliche Arbeit im Sinn. Kein Wunder: Allein die erste Sichtung allen Materials nahm Monate in Anspruch. Man kann sich gut vorstellen, wieviel mehr Material heute bei den Spielen entsteht.

Besonders beeindruckend ist die Erkenntnis, wie sehr Leni Riefenstahls Stil die filmische Berichterstattung über Sportereignisse noch heute beeinflusst. Sah man auf uralten Filmszenen vom Anfang des letzten Jahrhunderts zum Beispiel noch die Langläufer von der Zuschauertribüne aus die Ziellinie überqueren, so setzte Riefenstahl die Kamera auf Hüfthöhe direkt an die Ziellinie. Diese Entscheidung (und viele andere wie sie) rückte den Zuschauer mitten ins Geschehen, brachte ihm eine völlig neue, ästhetische Perspektive auf den Sport und erhöhte die Dramatik der Sache um ein Vielfaches.

So absurd es einem erscheinen mag, so einen Olympia-Film Monate nach dem Ende der Spiele anzusehen, so erstaunt wird man sein, wenn man sich diese Zeit tatsächlich einmal nimmt. Nirgendwo sonst gibt es Emotionen so ungefiltert zu sehen wie bei Olympioniken, die der Erfüllung ihres Lebenstraumes nahe sind.

Besonders beeindruckend, und dies sei als persönliche Anmerkung des Autors zu verstehen, ist das völlig eigene Universum von Dramaturgie und Bildsprache, das sich innerhalb des Genres Sport entwickelt hat. Da der Cineast sich üblicherweise nicht oder kaum mit diesem Genre auseinandersetzt, und sich den klassischen Genres des meist inszenierten Schauspiels widmet, läuft er Gefahr, etwas Gewaltiges zu verpassen: Echte, wirkliche Dramen und Emotionen auf der großen Leinwand – oder nur dem heimischen TV. Dieser Autor wird Sportberichterstattung von nun an mit völlig anderen Augen wahrnehmen.

Originalkostüme und eine von hunderten von Trommeln der Sommerspiele 2008 vor einer der bewegenden Videoinstallationen.
Originalkostüme und eine von hunderten von Trommeln der Sommerspiele 2008 vor einer der bewegenden Videoinstallationen.

Die Ausstellung im Olympischen Museum Lausanne (Schweiz) nimmt, zusammen mit der regulären Ausstellung, mehrere Stockwerke in Anspruch und ist in drei Teile bzw. sieben Abschnitte gegliedert. In der Broschüre ist mehr zu erfahren, besonders empfehlenswert ist jedoch die großartige interaktive Ausstellung: Sie enthält jede Menge Beispiele rund um das Thema Broadcasting the Games, so auch restauriertes Filmmaterial bis zurück nach 1904 (St. Louis, USA). Doch nur vor Ort kann man all die Gerätschaften sehen, die so eine Übertragung erst möglich machen, von der Kamera, die neben den Wasserspringern in die Tiefe rauscht, über die komplette, mehrere Meter breiten Regiepult-Simulation bis hin zur Rundum-Videokomposition, in der die Aufnahmen zusammenlaufen und einem das Erleben der Spiele erst so richtig nahe bringen.

Das Museum liegt wunderschön am Nordufer des Genfer Sees (Google Maps). Bei gutem Wetter kann man nach Frankreich hinüberblicken, genau genommen nach Evian, dem Evian. Vom ein paar hundert Meter westlich gelegenen Hafen von Ouchy kann man mit dem Schiff auch hinüberfahren. Die Anreise ist denkbar einfach, denn vom Hauptbahnhof Lausanne (zu dem es unter anderem eine direkte Zugverbindung vom Flughafen in Genf gibt), führt die derzeit steilste U-Bahn der Welt (M2) direkt bis zur Seepromenade hinunter. Zu sehen gibt es in Lausanne und generell der Schweiz natürlich noch viel mehr. Aber wer zum Beispiel auf der Durchreise ist, dem sei ein Stop und ein Besuch dieser Ausstellung hiermit dringend ans Herz gelegt.

Am 30. und 31. Mai gibt es ein Event-Wochenende um die Ausstellung.

(Für Kollegen: Pressebereich, Press Kit)

Das Kaninchen bin ich (ARD-alpha, Freitag, 10. April 2015, 20.15 Uhr)

Ein Defafilm von Kurz Maetzig nach dem Drehbuch von Manfred Bieler, der über die Seitensprunggeschichte eines Richters raffiniert die schleichende Veränderung des Sozialismus von der idealistischen Utopie zum sozialistischen Unrechtsstaat mit seismographischer Empfindlichkeit registriert („Gibt es ein Recht für 1960 und eines für 1970?“, fragt sich Maria).

Maria, die sich selber in den Voice-Over-Texten als das Kaninchen apostrophiert, ist Kellnerin. Sie ist jung, attraktiv, bei den Männern begehrt. Jeden Abend könnte sie mehrere von ihnen abschleppen. Die Anmache findet ganz direkt statt.

Aber das ist nicht das, was Maria aus ihrem Leben machen will. Denn sie ist begabt und hätte das Zeugs zum Studieren. Aus Sippenhaftgründen geht das nicht, da ihr Bruder als Staatsverräter in einem Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu drei Jahren Knast verurteilt worden ist.

Maria weiß nicht, was sich ihr Bruder hat zuschulden kommen lassen, sie fragt sich, ob denn die Funktionäre Alleininhaber der sozialistischen Idee seien („Der denkt auch, er macht seinen Sozialismus ganz alleene“). Sie kann ihren Bruder lediglich ab und an im Knast in Brandburg besuchen.

Ein Mann, der besonders hinter ihr her ist, das ein Herr Deister. Schnell checkt sie, dass das ausgerechnet der Richter ist, der ihren Bruder so hart verurteilt hat. Mit ihm fängt sie ein Verhältnis an, wohnt einen Sommer lang in dessen Datsche. Im Dorfkrug kann sie servieren. Am Wochenende kommt ihr Liebhaber aus Berlin.

Der Fall eines Randalierers und dessen milde Verurteilung ermöglichen nun intensive Diskussionen über das Rechtssystem und dessen subtile Wandlung in den letzten zehn Jahren. Das wiederum bringt Maria in ihrem endlosen Versuch, ein Gnadengesuch für ihren Bruder an Deister, den Richter und Liebhaber zu schreiben, vorwärts und spitzt die Dynamik zwischen Liebe und ideologischer Diskussion zu. Maria entwickelt Selbständigkeit auch in der heftigen Auseinandersetzung mit der Gattin von Deister. So dass sie am Ende des Filmes sich nicht mehr als das von einer hungrigen Schlange bedrohte oder das eingesperrte Kaninchen sieht sondern als alter Hase.

Der Film ist mit großer Dringlichkeit und Präzision hochspannend und auch heute noch ungemein präsent wirkend gemacht und herrlich angereichert mit Berliner Humorwürze; ein exzellentes Beispiel für die engagierte DDR-Filmkultur.

Mora – Gib Dir Echtzeit (ARD-alpha, Freitag, 3. April 2015, 20.15 Uhr)

Daniel Schenker, der für Konzept und Regie dieses neuen Fernsehformates steht, übernimmt eine Erfolgsidee aus Skandinavien: Sendungen, die über Vorgänge in Originalzeit berichten. Das hat eine eigene Faszination. Man erinnert sich an „Bildschirmschoner“ wie „Space Night“ oder die Fahrt mit der Berliner S-Bahn oder die Dauerkamera auf das Goldfisch-Aquarium.

Jetzt will ARD-alpha mit Realzeit-Reportagen aus dem Berufsleben berichten. Es fängt am Freitag, dem 3. 4. 2015, 20.15 Uhr mit einer ununterbrochenen, ungeschnittenen Stunde Bericht aus dem Atelier einer Cellobauerin an und wird an den folgenden Tag mit den Reportagen über einen Trockenmaurer und einen Uhrmacher fortgesetzt.

Ganz scheint Daniel Schenker seinem eigenen Konzept jedoch nicht zu trauen. Er baut gleich vier Kameras auf, eine davon schwenkt mit oder zoomt heran, es ist also spürbar noch eine weitere Person im Raum, die mit der Arbeit nichts zu tun hat. Die Bilder der vier Kameras werden als unregelmäßiges Quadrichon über den Bildschirm in einander verschachtelt. Immerhin: ohne jeden Kommentar, ohne jedes Fremdgeräusch außer bei der Intro.

Meditativer wäre es, sich auf eine einzige Kamera zu beschränken, die auch nicht bewegt würde. Das Leben betrachten, das hat etwas Philosophisches, das ist eine wichtige Voraussetzung, um über das Leben nachzudenken und es gilt auch: Arbeiten ist schön – ich könnte stundenlang zusehn.