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Akte Grüninger (arte, Freitag, 31. Oktober 2014, 20.15 Uhr)

Ein wichtiger, kleiner Beitrag zur Aufarbeitung der Nazizeit in der Schweiz mit ihrer ambivalenten Haltung dem Dritten Reich gegenüber. Die Akte Grüninger ist kein Ruhmesblatt für die Schweiz. Der Polizeihauptmann Paul Grüninger hat gegen die Dienstvorschrift Tausenden von Flüchtlingen aus dem Nazireich mittels Aktenfälschungen die Flucht in die Schweiz ermöglicht. Dafür wurde er von korrekten, ehrenhaften Schweizern hart bestraft. 1939 wurde er unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. 1972 verstarb er verarmt in St. Gallen.

Die Schweizer sind nicht die schnellsten in der Aufarbeitung solcher Geschichten. 23 Jahre nach seinem Tod wurde Grüninger rehabilitiert. Mehr dazu unter wikipedia. Und jetzt, über 40 Jahre nach seinem Tod gibt es diesen Spielfilm (1997 brachte Richard Dindo eine Dokumentation heraus).

Und auch heute noch gehen sie mit dem Stoff merkwürdig ambivalent um. Alain Gsponer hat nach dem Buch von Bernd Lange die Regie mehr in Richtung eines Melos denn einer glasklaren Analyse geführt.

Ein bisschen wirkt der Film, wie sein Titel andeutet, wie ein sich durch die Akten fressen, nicht immer weiß man genau, wo man ist. Das Drehbuch von Bernd Lange ist nicht gerade der Hit. Es scheint keine klare Haltung zur Frage „wie erzähl ichs meinem Kinde“ gefunden zu haben, der Einstieg wirkt unentschieden, findet „irgendwann“ statt, wie Grüninger längst seine Praxis der Flüchtlingshilfe mit einem Kreis von weiteren Personen eingeführt hat. Dem Zuschauer wird also ein möglicherweise anfänglich vorhandener Loyalitätskonflikt Grüningers zwischen Vorschrift und Gewissen erspart. Grüninger ist von Anfang an der Held. Und als solchen spielt ihn Stefan Kurt auch makellos, in jeder Faser glaubwürdig und bietet ein akzeptables Äquivalent zum Original, das am Schluss in einer kurzen Filmsequenz eingeblendet wird. Wir erfahren es erklärtermaßen im Nachhinein, dass Grüninger vom Moment an, wo er wusste, was in Dachau geschieht, den Primat der Humanität vor den Primat der Regelkonformität und der Dienstvorschrift gesetzt hat. Umso mehr erscheint die Haltung des Filmes den Personen gegenüber, die sich als Grenzschließer aufmanteln, fatalistisch. Das Buch macht es, scheint mir, den Law- and-Order-Typen zu leicht, sich durchzusetzen, so leicht, dass man momentweise ihre Gebaren fast für rechtens hält. Was es formaljuristisch ja auch war.

Das Thema ist hochaktuell in Europa, in Deutschland und genauso in der Schweiz. Die zur Zeit gewaltig anschwellenden Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten und Afghanistan. Thematisch hat sich im Grunde genommen nichts geändert. Die Biederbürger und Reglementierer und Ausschaffer, alles ehrenhafte Bürger, die wollen nichts wissen vom Elend und der Bedrohung in den Herkunftsländern.

Lillyhammer (TV-Serie, arte, ab 30. Oktober 2014)

Eine augenzwinkernde Unterhaltung, die ihren Reiz aus der Widersprüchlichkeit des kulturellen Unterschiedes zwischen der New Yorker Mafia-Patenwelt und dem provinziellen, übergeregelten, norwegischen, gesichtslosen Kleinstädtchen Lillehammer bezieht, eine vergnügliche Illustration, die die bürgerliche Ordentlichkeit kitzelt, zum Thema .„Die Katze lässt das Mausen nicht“, respektive, wie leicht sind auch brave Norweger zu bestechen.

In New York wird ein Mafiaboss begraben. Am Grab gibt es die Diskussion zwischen Frank und Aldo. Der rechtmäßige Erbe wäre Frank, aber Aldo ist zum neuen Paten eingesetzt. Aus Rache packt Frank beim FBI aus und kommt unter ein Zeugenschutzprogramm. Die Stadt seiner Wahl heißt Lillehammer in Norwegen, weil es von dort so schöne Bilder von der Winterolympiade 1994 gegeben hat. Dort fängt Frank mit neuer Biographie versehen als Giovanni Henriksen ein neues Leben an. Aber wehe, wenn er mit der Polizei in Konflikt kommt, so werde er auf sich allein gestellt sein, das ist ihm vom FBI-Betreuer auf den Weg gegeben worden. Seine neue Nachbarin ist ausgerechnet die Polizeichefin, ein muntere, arglose, pausbäckige Figur. Das macht es noch prickelnder, wenn die alte Katze das Mausen nicht lassen kann.

Charmant wird der Zuschauer von einer Konfliktsituation zur nächsten geführt, wobei Konflikt hier lediglich den jeweiligen Zusammenprall der verschiedenen Denk- und Handelsweisen beschreibt. Kommt ja nicht in Frage, im Warteraum der Klink eine Nummer zu ziehen und Gewalt wird schnell mal angewandt und dem Sohn der Lehrerin, der in der Schule schlecht behandelt worden ist, gibt Giovanni den Ratschlag von den Steinen im Handschuh. Bald schon fehlen einem Klassenkameraden zwei Zähne.

Es ist auch ein Film zum Thema Bestechlichkeit im Allgemeinen und in einer soliden norwegischen Kleinstadt im Besonderen. Ein Mafioso kann offenbar auch in Norwegen die ganzen komplizierten Verfahren und Dienstwege spielend austricksen, einen Wolf jagen, eine Bar eröffnen, den Arbeits-Vermittler erpressen wegen verräterischer Fotos. Es ist ein Ausbreiten dieser kulturellen Unterschiede und ein bisschen suhlt sich die Serie auch darin. So wirkt der Satz von Giovanni schön doppeldeutig, wenn er sagt, er studiere hier die Kultur.

Alles dreht sich um die Hauptfigur Giovanni. Ihn spielt Steven van Zandt mit Ganovenknautschgesicht und rabenschwarzem, glatt nach hinten gekämmtem Haar, mit leicht wie aggressiv hervorstehender Unterlippe und Schmachtlippe zugleich und mit diesem ständig weltverächtlich gesetzten Gesichtsausdruck, mit leicht schräger Körperhaltung und teils fast kasperlhaften Bewegungen im raumgreifend, ausladenden Gang, der vor allem eines behauptet: ich habe hier das Sagen, ich habe die Freiheit, mich so zu bewegen wie ich will, sowieso komme ich prinzipiell zu spät zu jeder Versammlung und bekomme dadurch meinen Starauftritt, ich werfe vorwurfsvolle Blicke so viel ich will und verdrehe genauso genussvoll die Augen, wenn ich will und in meine Mimik hat mir erst recht keiner dreinzureden, das ist die Freiheit des großen Ganoven (und Schauspielers).

Die deutsche Synchro flutscht reibungsos.

Damit nun aber die Gefahr der Entdeckung bleibt, gibt es am Ort nicht nur die wonnepfropfige Polizisten-Nachbarin sondern auch einen Jungspund von Nachwuchspolizisten, der am liebsten als Elvis-Double auftritt, und der schon allein deswegen persönlich was gegen Giovanni hat, weil er in dessen Bar nicht auftreten darf. Dieser Polizist schafft köstliche Komplikationen mit oft doch falschen Verdächtigungen.

Weitere Player: ein Hebammerich, ein Investor und die Nachbarschaftsschutzgruppierung „die Nachtraben“.
Dass Norwegen so leicht zu nehmen wäre, das hätten wir nicht ohne weiteres gedacht.

Guerilla Köche (TV BR, 21. Oktober 2014, 22.45 Uhr)

Die beiden ambitionierten Berliner Nachwuchsköche Felix und Max machen sich wie die Zimmerleute auf die Walz. Auf die Kochwalz nach Asien. Für 8 Monate haben sie sich einen Erkundungsfreiraum geschaffen, den sie mit wachen Sinne ausschöpfen. Sie reisen quer durch Asien und erhalten Einblick in die Küchen und die Kochkünste, von der Garküche im Straßendreck bis zum berühmten Sternelokal in Hongkong. Oft dürfen sie selbst mitkochen, beim Schnellimbiss wie beim Feinschmeckerlokal oder dürfen eigene Gerichte anbieten. Einmal landen sie sogar in einer Kindersendung im Fernsehen und bereiten Milchreis zu.

Die Regie für die begleitende Dokumentation hat Jonas Gernstl übernommen. Hier bürgt der Name des Produzenten Franz-Xaver Gernstl für Qualität, die der Junior nahtlos weiterentwickelt. Er hat Kameraleute dabei, die nicht weniger wach Atmosphären, kleine Dinge am Wegrand, Impressionen und genauso die unterschiedlichsten Gerichte, die nicht unbedingt immer nach unserem Geschmack sein müssen, von Walfleisch über Kobrainnereien bis Heuschrecken und Spinnen prima ins Bild setzen. So wird denn aus diesem Reise- und Abenteuerbericht weit mehr als nur ein Dokumentation übers Kochen. Es ist eine Dokumentation über das Reisen geworden, über das Wachsein, über die Offenheit Anderem gegenüber. Wie Bildungsabenteuerreisen sinnvoll und unendlich bereichernd sein kann. Die erfrischende Spontaneität unserer beiden Protagonisten trägt den Film wunderbar, sie übertragen ihren Erlebnishunger direkt auf die Zuschauer.

Eine Kochexpedition von Thailand über Bangkok, Kambodscha, Vietnam, China, Taiwan („gut für den Charakter, aber nicht für die Kochmission“), Japan, Singapur, Indien. Die Begründung für ihre Reise ist, dass sie ihr Ziel des perfekten Tellers noch nicht erreicht haben, dass sie noch besser werden müssen. Und die Asiaten kochen ganz anders. Ihr kniffligste Aufgabe bekamen sie in Indien gestellt: ein Menü ganz ohne Zwiebeln und Knoblauch. Die bange Frage: wo soll denn da der Geschmack her kommen? Selbstverständlich wird sie positiv und kreativ beantwortet.

Rectify (TV, arte ab 16. Oktober 22.45 Uhr)

Mittels einer explosiven Ausgangslage spannt „creator“ Ray McKinnon ein dramaturgisches Hochseil für eine aufregende Serie, ein Hochseil, über das der Protagonist, der doch die Technik gar nicht mehr hat, weil er Gefängnistechnik geübt hat, nun schreiten muss und bei jedem Schritt vom Absturz bedroht ist. Der Film macht auf diese Weise einiges sichtbar zumThema Gefängnis als einer Grundfrage unserer Zivilisation.

Die DNA-Analyse machts möglich. Daniel Holden, 20 Jahre im Todestrakt, keine Sonne, kein Wind, kein Wetter, keine Natur, muss freigelassen werden, weil beim Opfer der Vergewaltigung keine Spuren von ihm nachgewiesen werden konnten.

20 Jahre hat er Strategien zum Überleben im Todestrakt entwickelt. Er weiß nicht, ob die dafür gut sind, was ihm jetzt bevorsteht. Das ist die explosive Ausgangslage, der explosive Konflikt, der am Anfang dieser Staffel von „Rectify“ klar exponiert wird.

Aden Young spielt diesen in der freien Zivilisation schutzlosen Menschen, der von knastposttraumatischen Störungen geplagt ist (Rückblenden erinnern an die Zeit), glaubwürdig. Kaum draußen, formieren sich die Parteien in exemplarischen Reaktionen auf einen freigelassenen Gefangenen. Der Senator wünscht eine Wiederaufnahme des Verfahrens („um den Ruf der Mutter des Opfers zu schützen“). Denn politisch sollte Holden hängen. Er war schon damals der ideale Täter, ein etwas schwieriger Mensch, während das Opfer eine bildhübsche junge Frau aus armen Verhältnissen war. Die Öffentlichkeit schrie direkt nach dieser Täterschaft. Und so hat das Gericht auch entschieden.

Nicht glücklich ist auch Ted (Clayne Crawford), der in die Familie der Holdens eingeheiratet hat. Er sieht das geschäftliche Risiko für den Autoersatzteilladen, er befürchtet einen bemerkenswerten Wegfall von Kunden, falls Daniel, der gefängnisgebrandmarkte, wieder im Geschäft mittun würde.

Ganz auf Daniels Seite ist seine Schwester Amantha, Abigail Spencer. Sie hat sich am meisten um seine Freilassung bemüht. Sie ist eine Liaison mit dem Anwalt Jon Stern, Luke Kirby, eingegangen.

An den Stammtischen, bei der Polizei und von Seiten der Familie des Opfers gibt es starke Bestrebungen, Daniel und seine Familie zu mobben, es gibt bedrohliche SMS an seinen jüngeren Bruder Jared, Jake Austin Walker.

Die Fronten sind schnell aufgebaut. Allein, Daniel ist schwer manipulierbar. Er muss sich erst an dieses neu gewonnene Leben gewöhnen. Insofern ist von Folge zu Folge für Spannung gesorgt. Denn es ist völlig offen, wie die Sache ausgeht. Ob die öffentliche Meinung aller modernen Verfahren zum Trotz gegen das Recht sich durchsetzen wird, wie der alte Anwalt Mr. Gates verbittert feststellt, der die Angelegenheit vor 20 Jahren bis zum bitteren Ende mitspielen musste. Der sich nicht wundert, dass der Mensch vom Affen abstamme, der ein fast zynisches Verhältnis zum Rechtsstaat entwickelt hat („Denken Sie, dass wir in modernen Zeiten leben?“).

Aktualität: Anlässlich des Falls Hoeness hat sich die deutsche Öffentlichkeit zumindest einen Moment lang für den deutschen Knastalltag interessiert. Und überhaupt das Thema Knast: was bringt es, Menschen wegzusperren: ist es wirklich nur ein mobartige öffentliche Stammtisch-Meinung, hassgetrieben, die so etwas will?

Die Synchro ist teils sehr locker gesprochen, gelegentlich bis an den Rand der Unverständlichkeit.

Landauer – gefeiert, verbannt, vergesssen (TV BR, 15. Oktober 2014, 22Uhr)

Der Versuch von Nick Golüke und Michael Mueller aus wenigem, dürftigen Material, was über ihn verfügbar scheint, eine reale Dokumentation über den sagenhaften Präsidenten des FC Bayern zu erstellen (oder der Beweis, dass nur dürftiges Material vorhanden ist oder aber dass nicht hartnäckig genug recherchiert worden ist), leider auch mit Füllmaterial aus dem süßlichen TV-Spielfilmchen „Landauer, der Präsident“ von Dirk Kämper und Hans Steinbichler angereichert. Die Hauptquelle scheint das Interview mit Uri Siegel, einem Neffen und dem letzten Nachkommen des legendären Bayern-Präsidenten zu sein. Sein signifikantes Erbstück ist ein Schirm.

Von den Bildern her zu schließen, könnte man Landauer vom Typen her in der Nähe eines James Cagney oder eines Fritz Kortner ansiedeln. Diese funkelnde Lebensneugier.

Das ist vielleicht das stärkste an dieser Doku, dass sie auch eine über das jüdische Leben in München bis zum Aufkommen der Nazis ist, dass sie auf die starke jüdische Prägung des aufkommenden modernen Fußballs nach dem ersten Weltkrieg hinweist, welche entstanden ist aus der Bohème in Schwabing und der Münchner Maxvorstadt; entstanden ist als Reaktion auf den Mief von Turnvater Jahn, somit einen spannenden Beitrag zur jüdischen Kultur in Bayern liefert, in welchem Landauer als ein weitsichter, hochmoderner Mann gewirkt hat, der vermutlich mit die Grundlagen auch für den heutigen Erfolg des FC Bayern gelegt haben dürfte (dieser Frage wird hier allerdings nicht weiter nachgegangen).

Vegiss mein nicht (TV BR am 14. Oktober 2014, 22.45 Uhr)

Dieser Film von David Sieveking wirft einen anrührenden Blick nicht nur auf eine demenzkranke Mutter, sondern gibt auch einen spannenden und persönlichen Einblick in das Leben einer deutschen Akademikerfamilie und wie sie mit so einem Thema umgeht. stefes Review anlässlich des Kinostarts.

Der blinde Fleck (arte, 10. Oktober 2014, 20.15 Uhr)

Dieser an sich schon brisante Film über das Münchner Oktoberfest-Attentat von 1980, der zeigt, wie der Staat mit allen Mitteln an der Einzeltäter-Theorie festhalten will, um selber aus dem Schussfeld zu geraten, ist durch den Zeitpunkt seiner Ausstrahlung auf arte noch brisanter insofern als es ernsthafte Bemühungen gibt, das Verfahren wieder aufzunehmen. Dazu dürfte auch dieser Film des Recherche-Journalisten Ulrich Chaussy beigetragen haben. Stefes Review anlässlich des Kinostarts.

Schwarzer Ozean (arte, 8. Oktober 2014, 22.40 Uhr)

Eine hochsensible, beklemmende Meditation zum Thema wissenschaftlich-militärische Hybris (die französischen Atomversuche auf dem Mururoa-Atoll 1972) und die Zukunft der Menschheit (dafür stehen drei blutjunge Marinesoldaten als Protagonisten), unterlegt mit einer eher pessimistischen Musik.

In diesem Film von Marion Hänsel von 2010 bleibt das wissenschaftlich-machtpolitische Experiment mit der Atomexplosion im Hintergrund. Es ist insofern vorhanden, als bekannt ist, um was es geht und es dann auch in einer kurzen Szene gezeigt wird. Dem Experiment stellt sie die Leben dreier Burschen gegenüber, Soldaten der Marine auf einem Beobachtungsschiff, Moriaty (Adrien Jolivet), Massina (Nicolas Robin) und Da Maggio (Romain David).

Moriaty wird im Anspann als zehnjähriger Junge vorgestellt mit einer kleinen Geschichte von Geheimnis und Mut. Er überwindet einen kalten Fluss, um an eine unter einem Baum vergrabene Dose zu gelangen, mit dem Kommentartext zu seiner Handlung, dass wer diesen Mut beweise, ein gutes Leben verdient habe. Eine zwiespältig interpretierbare Geschichte, wenn man den Mut auf das Atomexperiment überträgt, und ob das eine gute Zukunft verheiße.

Diese Geschichte scheint Moriatys Lebensmotto, aber auch sein Trauma zu sein. Er verkraftet den Atomversuch am schlechtesten. Sein ihm ähnlichster Kollege ist Massina. Der ist zwar ein nachdenklicher Mensch, der an einer Stelle auch bemerkt, dass er dabei sei, dumm zu werden wie die anderen. Massinas Spielkamerad auf dem Schiff ist der Hund Giovanni, der da eigentlich gar nicht sein dürfte. Moriaty und Massina sind Freunde auf ähnlicher Wellenlänge, so wie kommunizierende Röhren, aber sich Gefühle zu zeigen, das trauen sie sich nicht. Sie stehen für die Hoffnung auf eine Zukunft. Während der dritte im Bunde, der übergewichtige Da Maggio, ein Fotofreak ist, der immer etwas sieht und der noch im gefährlichsten Moment der Explosion seine Kamera zückt und offenbar weniger von Hoffnungen, Erwartungen oder Ängsten belastet wird.

Die Regisseurin schildert nun die Zeit vor dem Experiment. Das ist ganz normaler Alltag auf einem Marineschiff: Nachtwachen, Kartenspielen, Schiffspflege, Gasmaskenübungen, Fahne hissen, Drill, auch dumme Dinge, wie einem Oktopus aus den Tentakeln Zöpfe flechten, Landgänge (da gibt’s auch mal Frauen), auch eine gröbere Rempelei auf dem Clo, alles mehr signifikant als realismusnah. Die Zeit, die sehr lang werden kann auf See, die Nächte, der Ozean, der nächtens schwarz ist. Nähe und Gespräche, die sich ergeben, aber auch massiver Widerstand dagegen. Oder gar mal ein kleines Ausbüchsen nächtens auf den Ausguck mit einer „beschafften“ Flasche Sekt.

Es wird das Atom-Experiment gezeigt, man hält den Atem an, wie die in Sichtweite der Explosion lediglich mit Sonnenbrillen geschützt sich zur Seite drehen sollen, aber dann zum Teil lieber ohne Brille direkt hineinschauen in den sich entwickelnden Atompilz, dessen Bildmagie Marion Hänsel allerdings nicht erliegt.

Dass das Experiment eben doch ein Schock ist, das zeigt sich bei der darauf folgend eintretenden Ruhe, die bald in aufgeregtes, übertönendes Durcheinanderplappern ausartet – Übersprungshandlung. Nur Moriaty verkriecht sich nachdenklich gekrümmt in eine Ecke.

Auf den Schock folgt als letztes Kapitel des Filmes ein Tag und eine Nacht der Belanglosigkeit, teils Sprachlosigkeit, den die drei Freunde an einem paradiesischen Südsee-Palmenstrand verbringen (ihre Bierdosen werfen sie achtlos in die Brandung); die Sprachlosigkeit verläuft zwar nicht textlos, aber Moriatiy ist der erste, der überhaupt wieder und zwar heftige Worte zur Angelegenheit findet.

Abseitsfalle (TV, arte, 3. Oktober 2014, 20.15 Uhr)

Mehr Denkarbeit wurde hier auf die Konstruktion eines Falles denn auf die Herstellung einer spannenden Kinogeschichte verwendet.

Ruhrpott-Sozio-Melodram um den Abbau von Arbeitsplätzen und um eine Werksschließung und mittendrin Karin, eine aufstrebende junge Mitarbeiterin (Weiterbildung in Abendkursen), die die Arbeitsplätze ihrer Kolleginnen und Kollegen „sozialverträglich“ vernichten soll.

Stefan Hering, der die Regie nach einem Drehbuch von Beatrice Meier geführt hat, zeigt uns, dass das alles nicht so einfach ist und dass besonders das mit der Solidarität unter den Werktätigen nicht allzu haltbar scheint, wenn schöne Abfindungen oder Weiterbildungen locken, auch nicht innerhalb von Parallelbetrieben in verschiedenen Ländern der Firma „Perla“, die wunderschöne Waschmaschinen herstellt.

Der Film zeigt jedoch auch, dass die Firmen nur der Profitgier zuliebe auch nicht ganz tun und lassen können wie es ihnen beliebt und dass Subventionsbetrug eine Straftat ist.

Wobei die Frage nach der Traumhaftigkeit von Arbeitsplätzen am Förderband gar nicht gestellt wird, wenn man die paar Arbeiter, die der Film als Gruppe auffährt, arbeiten sieht, oder so tun als ob, so wirkt das eher vergnügt. Man kann Leute aber, die Arbeitsplätze innehaben, des öfteren gar nicht freundlich über diese reden hören. Das Thema wird hier ausgespart. Ein Arbeitsplatz ist a priori etwas Gutes in diesem Film. Und was jedem Einzelnen durch den Verlust des Arbeitsplatzes verloren gehen würde, das erfahren wir auch nicht. Wir müssen als Zuschauer damit einverstanden sein, dass Arbeitsplatzabbau etwas Schlechtes ist.

Neben der Arbeit sehen wir die Arbeiter vor allem noch Fußballspielen oder grillieren. Die Mädels üben als Majoretten. Das wirkt zeitweilig doch eher wie ein Bericht aus einer Urlaubsgegend. Wobei die Arbeitgeber- und Saniererseite nicht fehlt. Dass ausgerechnet Karin, die bisher ein gewöhnliche Sachbearbeiterin war, plötzlich so über ihre Kolleginnen hinauswächst und zur harten Saniererin werden soll, diese Figur hätte vielleicht doch etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden verdient, um glaubwürdig zu sein, denn allein der Fakt, dass sie noch einen Abschluss nachgeholt hat, dürfte dafür nicht ausreichen.

Dein Wille geschehe (TV, Serie, arte, ab 2. Oktober 2014)

Nirgendwo ist die Versuchung so latent vorhanden und so spannend wie da, wo Keuschheit gelobt wird, speziell wenn es sich um Seminaristen handelt, die Kapuzinermönche werden wollen und die allesamt vor Sinnlichkeit und Erotik schier platzende junge Männer sind, die ihre Sinnlichkeit offen zu Gesichte tragen.
Der Zeichen erotischer Spannungen sind viele, vom versonnenen Blick von Pater Bosco auf den jungen Mitpatienten über etliche zarte Berührungen Hand zu Schulter von Mann zu Mann bis direkt zum Onanieren vor Homopornobildern oder das Thema in der Schulstunde angesprochen.

Der Hauptkonflikt in dieser französischen Fernsehserie im Milieu von Kapuzinermönchen wird allein schon durch die Besetzung der jungen Seminaristen mit lauter Männern, die diese sinnlich Weichheit und Liebessehnsucht unverbogen ausstrahlen, deutlich. Sie wollen in den Orden eintreten und der Lust entsagen. Sie wollen ihre Liebeskraft Gott widmen (vielleicht sich auch vor den Problemen der Lust drücken?).

Pater Bosco möchte die Institution erneuern. Er führt mit den jungen Männern, die sich auf den Ordenseintritt vorbereiten, Gespräche zur „Schulung des Urteilsvermögens“. Darin kommt er unverhohlen auf ein allfälliges vormaliges Sexualleben der jungen Männer zu sprechen. Einer möchte jedenfalls nach diesem Gespräch gleich den Krempel hinschmeißen. Denn er war nicht glücklich darüber, was er erlebt hatte. Während Guillaume ganz klar sagt, darüber möchte er nicht sprechen. Immer schwingt das Thema Homosexualität mit.

Ein neuer Monsignore soll die Leitung der Institution übernehmen. Er ist voller Unsicherheit und gleichzeitg voller Ideen. Die Funktionäre halten allerdings mit ihrem Wissen über den desaströsen ökonomischen Zustand der Institution hinterm Berg. Später wird er sich als harter Hund hinsichtlich der Sparbemühungen erweisen.

Die jungen Seminaristen feiern das Erreichen ihrer ersten Zwischenstufe zum Mönchstum mit Musik und Tanz. Daraufhin ruft Bosco (sein vordergründiges Problem im Film ist ein Hirntumor) morgens um vier alle zur Laudes zusammen, um ihnen eine Moralpredigt zu halten.

Sie müssen ihre Herzen für Gott ändern. Priesterdasein bedeutet, ein ganzer Mann zu sein, ganz besonders männlich und ganz besonders heterosexuell (abgeleitet vom katholischen Katechismus). Der Herr wird Euch festigen und Euch vor dem Bösen bewahren.

Der gelähmte José, den sie mit durchschoßenen Beinen im Wald gefunden haben, bittet um Vergebung und wehrt sich gegen die Ausgrenzung.

Boscos Versuchung wird eine Therapeutin, die mit Handauflegen und Ernegiefluss arbeitet. Körperliche Nähe.

Jan, der Blondlockenkopf, unterrichtet nicht ganz konventionell und singt mit den Schülern, aber er soll den Katechismus lehren und sucht Rat. Dann noch der korrupte Schuldirektor.

Guillaume gesteht einer Klientin der Sozialstation für Schwangere, dass er schwul sei.

In der vierten dieser von arte ausgestrahlten Folgen wird eine offene Weihnachtsfeier angepeilt. Hier soll der Schülerchor von Jan singen, hier sollen die jungen schwangeren Frauen aus der Sozialstation, auf der Guillaume arbeitet, hinkommen und Verwandte und Freunde. Hier weichen die erotischen Konflikte der Frage, ob die Weihnachtsfeier gelinge.