Archiv der Kategorie: Tipp

Cordelias Kinder (Vimeo on Demand)

Hier durchleuchtet Lars Kokemüller lustvoll und mit sicherer Cineastenhand und nicht weniger sicherem Musikscore, mit bewährtem Ensemble und der Kamera von Kathrin Enghusen ein spießiges Einfamilienhäuschen mit einer äußerlich ordentlichen, vierköpfigen Familie, Vater, Mutter, grad erwachsener Tochter und schwer pubertierendem Sohn mit großer Intellektuellenbrille von der ordentlichen Fassade bis tief in die inneren „Schweinereien“, vor keinen Schmutzigkeiten zurückschreckend und dabei verschiedene kinematographische Genres in Richtung Horror und Trash durchlaufend, je tiefer er ins Innere eindringt.

Eben ist der Vater gestorben, wohl ermordert worden, was keine weiteren Emotionen auslöst, außer dass ab und an die Polizei auftaucht und ein paar Fragen stellt. Mutter hat das Geschäft des Vaters längst übernommen, sie vermittelt junge, männliche Prostituierte; wir werden Zeuge des Castings von Robert. Den nimmt sich Sohn Max gleich zum spröden Freund, Szenen in wundervoll sprachlos pubertärer Verliebtheit, aber von ungestillter Liebessehnsucht und Neugier und der dermaßen Angehimmelte lässt es sich emotionslos gefallen. Während Töchterchen der Mutter bei der allfälligen Beseitigung von Zeugen behilflich ist. Die Dienste werden großzügig entlohnt.

Es gibt Szenen mit dem Callboy Caruso, den die Mutter ab und an ganz unsentimental bestellt und der dann auch verschwindet. Im Film wechseln Schwarz-Weiß und Farben, wechseln die Genres wie in einem Stream of Consciousness von Trash und Horror und Musical; Anna Berg ist die Schwester, die unverschämt einen Polizeibeamten bezirzt und ihm den Rest versetzt. Mutter Cordelia wird gespielt von Elena Meißner.

Warum Hans Wagner den Sternenhimmel hasst (Vimeo on Demand)

In einem begabten Genremix, der sich bis Fantasy, Musical, Horror und Trash erstreckt, erzählt Lars Kokemüller die Geschichte von Hans, Hubertus Brandt, der nicht recht ins Leben kommen kann, bei dem das Absetzen seiner Pillen zu einer Verkettung verhängnisvoller Reaktionen führt.

Hans ist ein Hochsensibler, ein Fantast, ein Träumer, nicht für die Außenwelt, nicht für die Karriere- und Ellenbogenwelt gemacht, er ist der Opfertyp für Gefühle jeder Art. Ein Ikea-Schrank kann ihm Wunderwelten eröffnen.

Da ihm die Medikamente ausgehen, ist er gezwungen, sich in die Außenwelt zu begeben. Der Anblick einer Frau, Sarah Bellini als Frau Schön, kann bei ihm einschlagen wie ein Blitz und ihn zu völliger Lähmung bis zur Ohnmacht führen.

Hans hat wilde Träume von Feen und merkwürdigen Hunden bis hin zu menschenfressen und eine große Ankunft erwartenden Pennern. Er hat einen Moment des Glücks, wie er mit Amélie, Nika Kushnir, und Hobbit, Ulrich Bähnk, Videoabende verbringt.

Hans bringt eine Speed-Dating-Veranstaltung durcheinander. Und Zauberer Gregor, Jens Wesemann, verspricht ihm die Erfüllung eines Wunsches im Tausch gegen einen Traum. Was ihm den Umgang mit den Realitätsebenen nicht leichter macht. Aber Amélie glaubt, das Böse in Hans gesehen zu haben.

In Torben Sterner hat Kokemüller einen angenehm unroutinierten Sprecher gefunden.

Zeckenkommando vs. Cthuluhu (Vimeo on Demand)

Hier zeigt Lars Kokemüller, dass er auch einen Found-Footage-Streifen herzustellen imstande ist. Wirkt teils wie Bonusmaterial zum Hintergrund der Musik in seinen Filmen oder wie ein inszeniertes Selfie, ein Fake-Doku über seine Band Zeckenkommando im Sinne der Wackelkamerakunst. Die Mitglieder verbringen einige Sommertage mit Jugendflachs, Gesprächen über Film, über Musik (von der Schwierigkeit des H-Moll auf der Gitarre; „ich dachte wir sind alles Punker“) über Lebensperspektiven („ich sterb eh mit 27“), mit lästigen Nebenerscheinungen des Sommers (Zecke am Sack), mit philosophischen Einsprengseln („Ich würde nie auf Schildkröten springen, es sind so majestätische Wesen“). Unversehens landet die Band im Magnetfeld der lokalen Kulturpolitik, denn die Stadt will den Probenraum verkaufen. Eine Hausmeisterin kann für Lebenshilfe und Rollenfindung nützlich sein. Dann ist da aber noch die andere Seite von Buchholzer Bürgern, die im Wald merkwürdige Rituale um den Gott Cthulhu abhalten – gespenstisch.

Emma hat Flügel (Vimeo on Demand)

Theo ist ein Student im ersten Semester in Hamburg, Journalismus. Er ist unterwegs in der Stadt. Es ist Sommer. Er begegnet der Portraitzeichnerin Emma. Die Sitzung auf einer Mauer am Hafen – mitten im Leben – bestreitet er mit Gesprächen über Kunst, Pornographie und Liebe.

Theos „Portrait“ ist reduziert auf einen Phallus, einige Sternchen drum herum. Damit fährt er S-Bahn. Ein Schwuler fühlt sich angesprochen, hält einen langen Monolog und bedankt sich für die nette Unterhaltung. Theo spielt Schach mit einem Freund in einem idyllischen Park. Der Freund ist stolz auf seine Muckis, die er dank zwei Tagen Arbeit auf dem Bau vorweisen zu können glaubt. Auch hier wird das Thema Liebe gestreift.

Theo sucht Emma. Emma wäscht sich im Park mit Wasser aus einer Plastikflasche. Ihr Haar fällt schön und lockig wie das der Primavera von Botticelli in den Uffizien in Florenz. Emma trifft einen alten Freund, der am Fuß einer Mauer Gitarre spielt und einen Song von der Eifel und dem Nürburgring zum Besten gibt, sie fragt ihn, ob er clean sei. Er bejaht, er habe von einer Zuhörerin die Nummer erhalten. Er sucht sie. Sie sucht ihn. Theo sucht Emma mittels Anschlagzetteln. Sie trifft ihn auf einer Brücke sitzend. Der Versuch eines Verhältnisses kann beginnen.

Lars Kokemüller spielt diesen 20-jährigen jungen Mann. Er führt auch Regie und zeichnet für das Drehbuch. Den Schauspielern scheint nicht jeder Satz vorgeschrieben, sie scheinen thematisch zu improvisieren, es entsteht eine locker-spontane Atmosphäre – wie sie solche Sommerfilme trefflich charakterisieren kann.

Kokemüller macht das einzig richtige im subventionssverseuchten, deutschen Kino: er macht, er tut, er dreht. Ihn interessiert die Story. Das wichtigste für einen Film: die Story, die Geschichte. Geschichten sind auch wichtig in seinem Film, und dass die auch für einen Wochenendeinkauf zu haben sind.

Das Kino fängt im Kopf des Machers an, hier enstehen die Geschichten und Lars Kokemüller zeigt mit seinem Film, dass ihm vieles durch den Kopf geht, was junge Menschen, die ihre ersten Schritte als Student ins Leben wagen, beschäftigen. Das erzählt sein Film wie frisch von der Leber weg. So wie die Beat-Generation es getan hat. Hier entsteht daraus ein fragendes Selfie einer intellektuell-künstlerisch veranlagten und begabten Jugend mitsamt der ewigen Frage nach der Liebe. Das muss jede Generation für sich neu stellen und neu beantworten; das kann man nicht in der Schule lernen. Wenn sie es mit dieser offenen Attitüde versucht, tut sie es spannend.

Ebola – Das Virus überleben (arte, Dienstag, 12. Januar 2016, 22.35 Uhr)

Dokumentation als großes Drama um Schuld und Sühne am Beispiel des Umganges mit der verheerenden Epidemie Ebola und gleichzeitig eine Dokumentation über das Leben auf dem Lande in Liberia, in dicht bewachsener Gegend mit holprigen, ungeteerten Pisten und mit Menschenunterkünften von ganz einfachen Hütten, mehr nur Unterständen bis zu einfachen, gemauerten Häusern mit Betten, Kommoden, Vorhängen.

Die Ebolastation im Zentrum der Dokumentation heißt ETU. Zu ihr werden die Infizierten unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen gebracht. Wie Raumfahrer sind die Helfer und das Krankenhauspersonal verpackt. Und die nicht ganz so hermetisch Gesicherten müssen genügend Abstand zu den Infizierten halten.

Der Zuschauer erlebt einige Fahrten mit speziell ausgebauten SUVs, die die Kranken aus den Dörfern abholen, die unter Quarantäne stehen. Der hintere Teil dieser Autos ist seuchensicher abgegrenzt vom vorderen und mit einer überdimensionierten Matratze ausgestattet. Dieses Abteil ist leicht desinfizierbar. Denn wo immer ein Kranker sich bewegt, muss hinter ihm der Boden, alles, was mit ihm irgendwie in Berührung gekommen ist, mit Desinfektionsmittel abgesprüht werden. So hochinfektiös wird dieses Virus eingestuft. Selbst hinter Leichen, wenn sie zu Grabe getragen werden, wird noch gesprüht.

Die Geschichte in dieser Fernsehdokumentation von Carl Gierstorfer ist die von Stanley. Er hatte, das gibt er später in einer großartigen Ausspracheszene mit den Mitbewohnern von Taylor-Town offen zu, wider besseres Wissen seinen infizierten Sohn ins Dorf gebracht, wodurch die Epidemie dort zu grassieren anfing.

Er selbst hat seine ganze Familie, Frau und alle Kinder verloren. Das ist eine ergreifende Szene am Anfang, wie er, geheilt, aus der Station zu dem Gräberfeld kommt. Was ist sein Leben noch wert.

Aber das Dorf will ihn nicht mehr aufnehmen. Es gibt Todesdrohungen gegen ihn. Reverend Padmore versucht, eine Versöhnung zu erreichen, schafft es, dass das Dorf sich versammelt und mit Stanley ausspricht. Hier geht der Konflikt gut aus. Er bekennt sich schuldig und bittet um Verzeihung, die ihm das Dorf gewährt.

Aber Stanely wird weiter in Monrovia leben. Trotz aller Zeremonie, trotz allem Verstand ist die emotionale Kluft zwischen ihm und dem Dorf, in dem auch viele andere durch die Seuche gestorben sind, zu groß, ist kaum mehr eine erfreuliche gemeinsame Zukunft zu sehen. Stanley wird zudem als schwieriger Charakter beschrieben.

In diesem Film geht es zum einen Teil um den aufwändigen Versuch, Ebola zu behandeln und einzugrenzen und zum anderen darum, dass jeder einzelne und jede Dorfgemeinschaft selbst mit den Folgen und Todesfällen zurechtkommen muss. Dazwischen gibt es kurze Auflockerungen mit Musik- und Tanzeinlagen. Ein Radiosender strahlt einen Ebola-Song aus, aber auch in der Entseuchungsstation, dem Behandlungszentrum, muss das Personal zwischendrin loslassen können und die, die wissen, dass sie überleben, die tanzen den Rekonvalszenz-Tanz.

Eine spannende, informative Reise in ein nicht-touristisches Afrika, das mit harter Disziplin Ebola zurückdrängen konnte und mit bemerkenswerter Offenheit und unterstützt vom Reverend dessen Folgen aufarbeitet.

Das Deckelbad (DVD)

Kuno Bont, der Autor und Regisseur dieses Filmes, erzählt Einiges in 90 Minuten, ein ganzes Leben, eine geballte Ladung Alpendrama in drei Akten und hat dabei brisante Themen unserer Zeit im Hinterkopf.

Die Alpen sind hier nicht freundlich, sehen nicht nach Yogurth-Werbung aus wie im neuesten, oberflächlichen Heidi-Film. Die Alpen sind hier abweisend, steil, stotzig, bedrohlich, undurchdringliche Wände. Menschen, die hier leben, müssen Konzessionen machen, sich anpassen, müssen kleinste Räume und Zeitfenster für die Lustigkeit, die Gemeinheit, das Leben und den galligen Humor nutzen.

Bont hat sein Drehbuch nach einer wahren Geschichte, nach der Biographie von Katharina Walser geschrieben, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Migrantin von Österreich, Armutsmigrantin, Fremdarbeiterin, in die Schweizer Berge gegangen ist, um Geld zu verdienen als Serviertochter und auch Putzfrau im Dorfrestaurant „Schäfli“.

Die Kinder musste Katharina zuhause lassen. Ihr Geld legt sie in einer kleinen Holzkiste zur Seite. Als Frau allein in dieser Position in einem Dorf, in der Wirtschaft dazu. Sie will ein Liebesleben. Verlieben tut sie sich in den attraktivsten, zupackendsten Mann im Dorf, in Tres, Gian Rupf, selber verheiratet, aber ein uriger Mann und Wilderer dazu. Katharina wird gespielt von Simona Specker, vor einem halben Jahrhundert hätte man die Rolle mit Maria Schell besetzt. So ist das adäquat.

Umgeben ist das Liebespaar von einer Dorfgemeinschaft, die die nicht zu verbergenden Anzeichen dieses Liebesleben lebhaft beobachtet. Im Zentrum des Dorfes, im Konsum, Drehscheibe der Moral, steht Frau Gächter, Margrit Knecht, eine fein ziselierte, aber umso bestimmtere Dorfmoralistin, oberste Sittenwächterin, die sich selbst nie als solche bezeichnen würde; sie sitzt im Konsum wie die Spinne im Netz, in dem das Liebespaar hängen bleibt, träufelt ihr wirksames Gift in die empfänglichen Seelen.

Weniger raffiniert bösartig, dafür handlungsaktiver sind die Männer. Sind sie vielleicht vom Frauentratsch gegängelt, von der Denunziation infiltriert? Besonders diejenigen, die bei Katharina nicht landen; denn sie lässt nicht einen jeden ran. Schon gar nicht den Wirt Kari, Leander Marxer, ihren Arbeitgeber und in dessen Haus sie wohnt und der Frau und Kind hat.

Dann der Bürgermeister, eine prototypische Politikerfigur, schmierig bis dort hinaus, Hans-Peter Ulli spielt diesen Lukas Gantenbein als einen, der sich seiner politischen Mittel sehr wohl bewusst ist. Der Gemeinderat tanzt nach seiner Pfeife. Seine Macht reicht bis zur Wegnahme der Kinder. Denn zu dem Zeitpunkt hat Katharina es, pünktlich zur Mitte des Dreiakters, zu einem Moment von Glück mit Tres als Mann und einem gemeinsamen Kind gebracht. Aber schon dem Gesetz des Dramas folgend, kann dieses Glück nicht lange währen. Die Werkzeuge des frustrierten Dorfchefs reichen bis zur Einlieferung von Katharina in die Psychiatrie, da echot der Fall Mollath gewaltig.

Die Politik verfügt über weitere Mittel der Schikane: Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Gantenbein setzt sie skrupellos ein.

Gegen diese geballte, gesetzliche, vorgeblich legale Infamie hat der einzig aufrechte Bürger des Dorfes, Toni Gabathuler, Berthold Specker, der nicht so ein Tier und Säufer von Mann oder dumpf ist, wie die übrigen Gemeinderatsmitglieder, sondern der seriöse Betreiber eines Webstuhles, keine Chance, wenn er seine Stimme gegen die bösartige, fremdenfeindliche Dorfpolitik erhebt.

Musikalisch wird der Film anspruchsvoll mit moderner Alpenmusik gemäß dem Spannungslevel untermalt, es kommt einem der Film „Heimatklänge“ in den Sinn und dazu das quellfrische Gurgeln eines nicht weniger musikalischen Alpendialektes.

Wie in einem traditionellen Theaterstück fehlt der Dorfnarr nicht, der Idiot, entzückend von Kevin Oeler dargestellt, immer mit seinem Uniformbüschel auf der Schulter der Jacke. Er ist immer dabei, fungiert als Barometer der Gereiztheit im Dorf.

Es geht hier exemplarisch um Vertrauensverlust zu den Menschen, um Missbrauch von Gesetzen, um Migration, Abschiebung, ungesetzliche Einkerkerung, Armut, Libido, Seitensprung, Heimarbeit und Kindsentzug, Psychiatrie, sowohl Zwangseinweisung (zehn Jahre für Katharina), als auch fragwürdige Behandlungsmethoden, u.a. das titelgebende Deckelbad, worüber man gerne mehr erfahren hätte, und auch persönlichkeitsentstellende Gehirnoperation (präfrontale Lobotomie). Alles Themen, die einem in den Formulierungen dieses Filmes hockaktuell vorkommen, wenn auch selten in einem so überschaubaren Mikrokosmos herausfiletiert.

Hier wird eine Alpenwelt gezeigt, die Menschenwelt auf schwierigem Terrain ist und nicht wie in Heidi eine Alpenwelt die locker-flockig als Kulisse fürs Juhuen, Schockoladenwerbung und Schnellheilungen von Lahmen vereinfältigt wird.

Checker EXTRA – Warum so viele Menschen fliehen (ARD, Samstag, 14. November 2015, 07.55 Uhr)

Am Beklemmendsten ist der Besuch von Reporter Willi Weitzel in einem Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene im Libanon bei einer syrischen Familie, die für ihre notdürftige Behausung 200 Euro im Monat bezahlt. Tochter Rama verdient mit 13 Stunden Knoblauchschälen am Tag 2 Euro – statt zur Schule zu gehen. Das sei die gemeine Seite von Flucht und Krieg, meint Willi recht betroffen und wünscht der Familie viel Glück. Er kann am nächsten Tag wieder nach München zurückfliegen.

In dieser Sendung geht es um Schnellcheck. Der Checker Tobi Krell fragt ein Statement von einem Historiker ab, schaut sich selbst vor Ort in der Bayernkaserne in München um, malt mit Kindern einen großen Prospekt mit ihren Wünschen, fährt Rad mit dem Neuradfahrer Adnan aus Damaskus, kommuniziert übers Internet mit Willi im Libanon und mit Harald auf dem Schiff im Mittelmeer, der mit seiner Crew Flüchtlinge ortet, Rettungswesten verteilt und Rettungsschiffe organisiert. Kurz handelt Tobi auch die Frage nach der Angst vor den Flüchtlingen ab.

Wobei Tobi checkt, dass das alles „superkompliziert“ sei und für alle eine riesige Herausforderung, und die Forderung stellt, dass die Politiker die Kriege beenden müssen, denn geschätzte 50 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Tobis Wort in der Politiker Ohr!

Der Zorn der jungen Männer (BR, Dienstag, 10. November 2015, 22.45 Uhr)

Abdul, Edgar, Ilja, Julius, Maxim, Özcan, Santino, Robin und Tom sind junge Männer in den späten Teens, die sich mit Gewalt auskennen, die es gewohnt sind, solche einzustecken und auszuteilen und die es deswegen mit den Gerichten zu tun bekommen haben und verurteilt worden sind.

Der moderne Strafvollzug hat begriffen, dass Einsperren und Wegsperren die Menschen nicht weiterbringt. Deshalb gibt er solchen Straftätern die Chance, an einem 8-monatigen AAT, einem Anti-Aggressivitäts-Training teilnzunehmen. Dafür müssen sie eine Verpflichtung unterschreiben, jeden Termin wahrzunehmen, die Handys auszuschalten und die Käppis während des Trainings abzunehmen. Die Regeln sind streng, wer einmal fehlt, ist aus dem Kurs raus, wird wieder dem Richter vorgeführt und muss mit Knast rechnen. Von den 9 Männern, die am Anfang dabei sind, sind es am Schluss noch 6. Immerhin – und die Rückfallsquote liege bei weniger als der Hälfte. Das macht unsere Gesellschaft definitiv sicherer und menschlicher.

Uli Kick durfte dieses Training als Dokumentarist begleiten, das von Trainer Thomas Adler und vom Erzieher und Erlebnispädagogen Bernd Täschlein geleitet wird.

Kick verzichtet zum Vorteil der Dokumentation auf jegliche Statements und Interviews. Er ist angenehm diskret dabei, scheint Vertrauen geschaffen zu haben. Die jungen Männer sind alle filmisch interessant, spannender als viele junge Fernsehschauspieler, weil sie gravierende Konflikte haben und weil sie lernen müssen, darüber zu sprechen und Vertrauen zu entwickeln zu anderen Menschen. Dazu gibt es anfangs Teamübungen: sich von erhöhter Position in die ausgebreiteten Arme der anderen fallen lassen oder das Experiment mit der Leiter, die frei aufgestellt wird und Stabilität nur durch Seile erhält, die die Kollegen straff ziehen.

Es gibt die sogenannten Einzelinterviews. Ein Kursleiter sitzt einem Teilnehmer gegenüber und befragt ihn zu seiner Tat, zu seinem Verhältnis zur Gewalt, zu seiner Herkunft. Die anderen sitzen hinter einem Paravant, hören das Gespräch mit und müssen sich Notizen machen.

Es gibt den heißen Stuhl, im amerikanische Parlament würde man das wohl das „Grillen“ nennen. Der Kandidat sitzt auf einem Stuhl, alle anderen im Kreis um ihn herum und stellen ihm Fragen, provozieren ihn.

Ein Startritual für die Sitzungen sind die zwei Dinge der Woche: was war gut, was war schlecht. Jeder muss eine Aussage dazu treffen. Selbstreflexion wird so gefordert und trainiert.

Konkretes Anti-Aggressions-Training bietet ein Kampfkunstlehrer. Bei ihm werden wie im Theater Rollen verteilt und gespielt, die mit der Verführung zur Gewalttätigkeit zu tun haben. Hier müssen sie lernen, nachzudenken, bevor sie zuschlagen: gib dir sieben Atemzüge, bevor du zuschlägst. In dieser Lektion werden auch drastisch die Folgen von Tritten und Schlägen für die Opfer bewusst gemacht.

Das Team wächst während dieser Zeit merklich zusammen und die Darsteller dem Zuschauer ans Herzen. Er fragt sich leicht besorgt, was wird aus den Jungs, wenn sie dieses Team nicht mehr haben, wenn sie wieder in freier Wildbahn sind, ist doch ein soziales Netz das kostbarste und effizienteste Mittel gegen Gewalt. Eine Gruppe, in der man sich offen austauschen kann, in der man akzeptiert wird, in der keiner beweisen muss, dass er der King ist, in der alle sich irgendwie schuldig gemacht haben. Aber man sieht auch die ganze Mühsal, die es erfordert, Menschen, die in Gewaltzirkeln eingesponnen sind, daraus hinauszuhelfen.

Ein Tag gilt schließlich der guten Tat, der Wiedergutmachungstag. Die Gruppe streicht einen Kellerraum in einer Institution für die Betreuung von Erwachsenen mit Behinderung. Auch muss das Team einen ausladend großen Tisch 800 Meter in ein anderes Haus transportieren.

Hier wird Zwangsgebührengeld sinnig investiert, handelt es sich im Endeffekt um eine praktische Lektion in Sachen Demokratie. Redaktion BR: Christian von Hahn.

Themenabend „Jugend und Gewalt“, BR, Dienstag, 10. November ab 20.15 Uhr

Am Dienstag, den 10. November, bietet der BR einen Themenabend unter dem Titel „Jugend und Gewalt“. Er fängt um 20.15 Uhr mit dem exzellenten Justizkrimi Das Ende der Geduld an, der die Geschichte der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, eindrücklich dargestellt von Martina Gedeck, spannend nachzeichnet. Um 22.45 Uhr setzt der BR noch eins drauf mit der Dokumentation von Uli Kick über ein Anti-Aggressions-Training junger Straffälliger „Der Zorn junger Männer“. Siehe Review.

Hey Uni – Folgen 1 + 2 (ARD-alpha, ab Donnerstag, 29. Oktober 2015, 21.45 Uhr)

Der Filmemacher Alexander Riedel schaut genau hin. Das war schon bei früheren Filmen von ihm festzustellen (Morgen das Leben). Das Objekt des Interesses dieser Viertelstünder für ARD-alpha sind Erstsemesterstudenten in München. Sich an der Uni orientieren, sich einrichten, für das Baby alles organisieren, Träume formulieren oder gar bereits die erste Bar einrichten, Freundschaften schließen, Fahrrad fahren lernen, Gymnastik machen oder sich auf das Studium konzentrieren. Riedel war mit dabei, hat das Vertrauen gewonnen von Luca (Veganer, zieht die Pädagogik der freien Kunst vor), Elena (Lieber Geowissenschaft statt Pädagogik und dafür selber ein Kind haben), Pratheek aus Indien (VWL, ist dabei, mit Freund Nico eine Bar zu eröffnen), Fabienne aus Bingen am Rhein (dekoriert ihre Wohnung, macht auch mal ein lockeres Semester, will Kinderärztin werden und freundet sich mit Veronica an), Veronica ist noch nicht lange in Deutschland (lernt Fahrradfahren und übt den Spagat zwischen Leichensektion und Unterwäschemodel).

Aus dem vielen Material aus allen Lebensbereichen der Studenten hat Riedel mit dramaturgischer Beratung durch Betttina Timm ein quicklebendiges Collage-Kunstwerk mit vielen cineastischen Spielereien, technischen und Montagetricks geschmiedet, das wie in einer dichten Miniatur studentische Atmosphäre und studentisches Leben unplugged anno 2015 einfängt, vielfältig, sprunghaft und hektisch wie die Studenten in ihrer ersten Freiheit als junge Erwachsene.

Wobei die Frage ist, wer das schauen soll. Die Studenten leben wohl lieber ihr Leben, erkunden es und bringen es auf die gewünschte Schiene, als so einen Bilderbogen anzuschauen, der bei älteren Semestern Nostalgie auslösen dürfte (und dass sich nichts geändert hat an der Situation eines Anfängerstudenten, der gerade Abitur hinter sich – und damit den breitest möglichen Bildungsstand – und das Leben vor sich hat und vom Hickhack, der da ziemlich gewiss auf ihn zukommt, noch keine Ahnung haben dürfte. Man sieht die Studenten förmlich in die Fallen laufen, die das Leben heimtückisch bereit hält).

Ein Schmankerl für den Kurzfilmfreund.