Archiv der Kategorie: Tipp

Die Parade – Parada (arte, Mittwoch, 11. Februar 2015, 22.05 Uhr)

„Ein pan-jugoslawischer, heftiger Agit-Prop-Streifen von Srdjan Dragojevic für die Rechte der Schwulen, kulminierend in Szenen der Pride-Parade in Belgrad von 2010, heftig angefeindet von Tausenden von Nationalisten und Radikalen, die von eben so vielen Tausenden von Polizisten in Schach gehalten wurden.

Jahre nach den Kriegen, die der Auflösung Jugoslawiens folgten, ist auch in diesem Film zu sehen und zu spüren, wie solche Kriege noch lange die Brutalität und generell das Vorurteilswesen am Leben erhalten, wie Waffen nach wie vor leicht zur Hand sind und Schlägertypen dazu.“

So fängt stefes Review anlässlich des Kinostartes an.

5 Jahre Leben (arte, Freitag, 6. Februar 2015, 20.15 Uhr)

Stefan Schallers eindringliche Verfilmung des die deutsche Politik gnadenlos entlarvenden Kasus Murat Kurnaz. Er ist 1725 Tage von den Amerikanern in Guantanamo gefangen gehalten worden ohne Anklage. Er wurde gefoltert und die deutsche Politik, die davon wusste, war jahrelang viel zu schisserig, besonders der erstmalige Außenminister Steinmeier, ihn rauszuholen. Schaller konzentriert und reduziert sich auf die zwei Jahre in Guantanamo, schildert das Leben dort, führt den Zuschauer mitten hinein in das verbrecherische Lager, das die USA auch unter Obama nicht das Herz und den demokratischen Pepp hatten, aufzulösen. Eher werden die Kuba-Sanktionen aufgelöst denn Guantanamo. Stefes Review anlässlich des Kinostarts.

Der blinde Fleck (ARD, Mittwoch, 4. Februar 2015, 20.15)

Hier greift Kino als Spielfilm nach den Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy demokratisch wach in die von staatlicher Seite merkwürdig lasche Aufarbeitung des Oktoberfestattentates ein. Nach Kinostart und arte zeigt jetzt auch die ARD diesen wichtigen Film. Stefes Review

Paare (arte, ab Montag, 2. Februar 2015, je 19.03 Uhr)

Kalenderblatt-Fernsehen aus dreiminütigen Beiträgen gespickt mit Philsophemen, Binsenwahrheiten und Aphorismen zum Thema Liebe, Ehe und Paarverhalten.

Eine aparte Idee: Paare auf der Couch beim Therapeuten. Und weils für arte ist, müssen alle Stars sein, die ihre Aufgabe, direkt in die Kamera hinein, als ob sie beim Therapeuten säßen, ganz gut lösen. Dabei dürfte gerne eingeblendet werden, wieviel an Gebührengeld sie dafür erhalten. Wobei es für die meisten von ihnen sicher von Vorteil gewesen wäre, wenn sie als Gegenüber einen Menschen und nicht eine Kamerlinse gehabt hätten.

Angenehm ist die Kürze dieses neckischen Formates von Johann Buchholz, der mit David Pfeifer auch die Drehbücher geschrieben hat. Aber gerade, was die Würze betrifft und den Esprit, ist es sicher noch entwicklungsfähig. Im Moment scheinen sie es sich zu einfach gemacht zu haben mit dem Verteilen der Allgemein- und Binsenwahrheiten aus dem Innenleben von Liebenden und Paaren, da scheint noch eine Beliebigkeit zu herrschen, die sich nicht um die Charaktere der Figuren kümmert, vor deren Folie die Texte erst richtig zum Erblühen kämen. Was allerdings deutlich mehr Arbeit bedeuten würde.

Adieu Paris (arte, Freitag, 30. Januar 2015)

Hier sind wir nicht Charlie.
In der Review von stefe über „Adieu Paris“ ist zu lesen von akademischer Elfenbeinturmsicht auf die Welt, von akademischer Arroganz, von ständig bedeutungsschwangerer Musik, vom Fehlen einer eindeutigen Erzählposition, vom Selbstmitleidigen dieses Filmes, von Figuren ohne Historie und Konflikte, von inszenatorischer Bedeutungsschwere und dramturgischem Murks, von beachtlichen literarischen Referenzgrößen, von einem männlichen Cast wie aus der Rasierwasserwerbung und davon dass hier wohl das deutsche Kino das französische Kino für seinen Erfolg bestrafen möchte, sowie das Zitat aus dem Film, dass Zahnärzte neugierig seien, weil sie zur Wurzel vorstoßen wollen. Eine Kinolektion über die Menschen, wie sie nie sind.

Verbrechen Liebe (BR, Mittwoch, 21. Januar 2015, 22.00 Uhr)

Rassenschande wurden in in der Nazizeit Liebesbeziehungen zwischen Deutschen und Ausländern genannt und als schlimme Verbrechen bestraft. Wenn den Beziehungen Kinder entsprungen sind, wurden sie den Müttern weggenommen, die Mütter ins KZ gesteckt. Aber selbst diese Wahnsinnsideologie ist an ihre Grenzen gestoßen; weil im Krieg Männermangel im Lande herrschte, versuchten die Nazis vornehmlich polnische Zwangsarbeiter mit hochkomplizierten, bürokratischen Verfahren und Verwaltungsaufwand einzudeutschen. Ist die Natur nicht nach der Theorie, so muss sie der Theorie entsprechend verbogen und abgemessen werden.

Behutsam decken Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler in ihrer Fernsehdokumentaion dieses schauderhafte Kapitel der NS-Zeit auf. Im Zentrum haben sie die Deutsche Helene Wimmer, die von einem polnischen Zwangsarbeiter ein Kind erwartet und zur Welt gebracht hatte, und die selbst als Zeitzeugin noch erzählt, wie ihr das Kind weggenommen wurde, wie ihr die Haare geschoren wurden, wie sie ins KZ verbracht wurde, wie die schönste Zeit ihres Lebens von den Nazis zerstört wurde – nur wegen der Liebe zu einem polnischen Zwangsarbeiter.

Kennengelernt hat Frau Wimmer ihren Polen auf dem Hof ihrer Eltern. Beim gemeinsamen Leben und Arbeiten auf dem Feld kam man sich näher und traf sich im Verborgenen. Bis die Schwangerschaft nicht mehr zu leugnen war. Die Deutschen hatten um die 3 Millionen Polen für den Arbeitseinsatz nach Deutschland deportiert.

Die Strafen für die „Rassenschande“ waren brutal. Darüber hat die SS eigene Dokumentarfilme zur Abschreckung hergestellt, was ein ganz seltener Fall von Naziselbstdokumentation sei. Daraus gibt es hier Ausschnitte und auch privates Filmmaterial und Fotos von solchen Strafen, zu denen die Filmemacher Zugang hatten, und das sie in ihrer sorgfältigen Dokumentation verwenden. Sie haben weitere Zeitzeugen ausfindig gemacht, die selbst als Kinder, Mütter oder Verwandte betroffen waren.

Die deportierten Polen mussten sich mit einem P an ihrer Kleidung als Untermenschen erkennbar machen. Falls sie als eindeutschungsfähig erkannt wurden, wurden sie als E-Polen geführt. Das hat ihrer männlichen Attraktivität, die sich allemal mit dem arischen Männlichkeitsideal aus Propagandafilmen vergleichen ließ, keinen Abbruch getan. Auch aus solchen Nazi-Propagandafilmen gibt es hier Ausschnitte zu sehen.

Die der Rassenschande überführten Frauen wurden öffentlich gedemütigt, „aus der Volksgemeinschaft“ ausgetoßen, ins KZ verfrachtet und dort demütigenden, detaillierten Befragungen zu ihrem Intimleben ausgesetzt.

Ein grauenhaftes Nazi-Kapitel zur Erinnerung daran, wozu Menschen auch in unseren Breiten noch vor nicht allzu lange Zeit fähig waren.

Lido: Picasso Sein Erbe (BR, Donnerstag, 8. Januar 2015, 22.30 Uhr)

Diese dreiviertelstündige Dokumentation von Hugues Nancy und Olivier Wildmaier Picasso im üblichen kurzatmigen TV-Mix aus Statements (Kinder, Enkel, Kunstexperten, Biographen, Auktionatoren, Museumsdirektoren), Archivmaterial (mit Raritäten aus dem Familienarchiv) und jeder Menge Kunstwerke von Picasso kann doppelt gesehen werden. Zum einen als ein Schnelldurchlauf durch Leben und gigantisches Werk von Picasso und zum anderen als ein Appetizer, sich mehr mit diesem Jahrhundertkünstler zu beschäftigen.

Ausgangspunkt für die Filmemacher ist das künstlerische Erbe. Tausende von Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen mussten erst in jahrelanger Arbeit von Kunstexperten in den Schlössern, Liegenschaften und Ateliers, die Picasso hinterlassen hat, erfasst und katalogisiert, die Familien- und Erbverhältnisse geklärt werden. Der Leitfaden für den kursorischen Schnelldurchlauf durch seine Biographie ist die Abfolge der Liebesverhältnisse und welche Phase künstlerischen Schaffens sie ausgelöst haben. Oder: die Geschichten der Frauen erzählt aufgrund der Bilder.

La mirada fuerte, der feste Blick Andalusiens.

Gernstl in Israel, Teil 1 (BR, Montag, 5. Januar 2015, 19.00 Uhr)

Gernstls Erbauungsfernsehen, das Israel normal erscheinen lassen möchte, menschlich machen möchte, aber dann doch vor zu viel Solidarität zurückschreckt und sich nicht traut ein Poster, „Gernstl liebt Iran“ machen zu lassen, sondern wie untertänig lieber anfertigen lässt „Bavaria liebt Israel“, also deutlich weniger mutig ist als der porträtierte israelische Graphiker, den er besucht und der die Aktion „Ich liebe Iran“ ins Leben gerufen hat.

Oder auch: Gernstl wie immer. Hier hat er allerdings einen Reiseführer dabei, er selbst scheint weder arabisch noch hebräisch zu sprechen, wodurch sein Reiseprinzip durchs Land zu fahren und spontan da und dort Leute aufzusuchen und aus ihren Leben berichten zu lassen, erschwert wird. Aber der Kameramann aus dem ARD-Studio in Tel-Aviv, der mit einer Münchnerin verheiratet ist und der sowohl deutsch als auch hebräisch und arabisch (wie die Begegnung mit dem Nomaden zeigt) spricht, garantiert für einige Schmankerl über den Katalog- und Sehenswürdigkeiten-Tourismus hinaus.

Der deutsche, jüdische Automechaniker, der mit 59 Jahren Schmied geworden ist und der in Berlin Neonazis, die zu Mördern geworden sind, im Gefängnis das Schmiedehandwerk beigebracht hat; dafür hat er jetzt eine Ehrenurkunde des Bundespräsidenten in seinem Atelier hängen. Der Grafiker, der gegen die israelische Rachepolitik eine Internetbewegung auslöste mit einem Plakat, auf dem er ganz privat mit Tochter den Iranern zuruft, er liebe Iran (siehe Bemerkung im ersten Absatz). Die Deutsche, die sich für Pflege und Erhalt der Bauhauskultur eines Quartiers in Tel Aviv einsetzt. Der orthodoxe Jude, der in Amerika Rocker gewesen ist und sich jetzt der orthodoxen, aber lebensfreudigen und nicht allzu strengen Chabbat-Bewegung angeschlossen hat.

In Gernstls Israel gibt es keine Mauer, keine Apartheid gegen die Palästinenser, keine dritte Intifada, keine Unterdrückung von Menschen- und Völkerrecht, keine brachiale Siedlungspolitik, keine Netanjahu-Starrsinnspolitik. Bei Gernstl gibt’s lediglich einen Abstecher ans Tote Meer inklusive Schlammbad. Den kann man problemlos wieder wegduschen und die Haut ist nach dem Bad im Schlamm und im Meer geschmeidig wie nie.

Der Film wirkt so, als gönne der BR seinem langjährigen, treuen, beliebten Quoten-Zulieferer eine Art Incentive-Reise, eine Bonusreise oder eine beschauliche Dienstreise, immerhin fragt er gewohnheitsmäßig nach dem Glück und der Zufriedenheit und auch mal nach dem Tod. Vor dem Hintergrund, dass viele Einkommensschwache sich die Rundfunkzwangsgebühr vom Mund absparen müssen, ein fragwürdiges Unternehmen; abgesehen davon, dass ein so radikales Ausblenden der katastrophalen menschen- und völkerrechtlichen Situation der Palästinenser mit so einem netten Kaffefährtchen reiner Propaganda für das Unrechtsregime gleichkommt und dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des deutschen Zwangsrundfunks Hohn spricht.

Mit diesem Beitrag versieht Gernstl seinen sonst so strahlenden Namen mit dem Makel grenzenloser, politischer Naivität und begibt sich in die Gesellschaft eines Beckenbauers, der in Katar keine ausgebeuteten Arbeiter gesehen hat.

Aktuell wirkt dieser Beitrag noch peinlicher, als Israel eben die Überweisung von Steuergeld an Palästina verweigert, weil die Palästinenser sich erlaubt haben, das demokratische Recht der Anrufung des Internationalen Strafgerichtshofes in Anspruch zu nehmen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

Gernstls Zeitreisen – Vom Selfkant ins Bergische Land (BR, Montag, 29. Dezember 2014, 19.00 Uhr)

Ein Hauch von Wehmut hängt über dieser Zeitreise von Franz-Xaver Gernstl. Kann man eine Reise zweimal machen? Kann man 25 Jahre später mit demselben Team, Kameramann H. P. Fischer und Tonangler Stefan Ravash, nochmal dem 51. Breitengrad entlang fahren, wie damals kurz vor der Wiedervereinigung, vom westlichsten Zipfel Deutschlands, dem Selfkant, bis ins Bergische Land wie hier im ersten Teil?

Manche Leute treffen die Menschenfänger wieder an. Die eindrücklichste Figur ist vielleicht der Restaurator, der sein ganze Leben, seine ganz Kraft für seine Familie eingesetzt hat. Häuser hat er gebaut für die Kinder, damit er denen was hinterlassen kann, Autos restauriert, damit er nicht rumhängt. Seine Frau war vor 25 Jahren schon schwer krank. Inzwischen ist sie gestorben. Die Kinder haben sich selbständig gemacht. Schauen kaum bei ihrem Vater vorbei, der die Oldtimer verkauft hat und in seinem riesigen Haus allein wohnt, der sich nicht mehr ganz so aufgestellt anhört wie vor 25 Jahren; denn keiner seiner Träume hat sich erfüllt.

Oder der Vater mit dem mongoloiden Sohn, der dem Fernsehteam auf den Kopf zusagt, dass sie gealtert seien – wie er selber auch. Der ist immerhin mit seinem Sohn glücklich, macht Musik mit ihm und der hilft ihm beim Grasschneiden.

Der erste Eindruck im Film ist der, dass im weiten Flachland, wo sonst nichts ist, das Vereinsleben ausgeprägt sei, der Schützenumzug oder die Feuerwehr. Hier wird gerade ein langjähriger Präsident verabschiedet und eine neues Feuerwehr-Auto überreicht. Dem abtretenden Präsidenten geht eine wichtige Funktion verloren. Immerhin hat seine Frau bisher mitgespielt.

Es gibt eine Spontanbegegnung mit dem Amifan mit dem Jeep, den er von den abreisenden Amis ersteigern konnte, Jahrgang 1944, alles noch echt. Zeitweilig wurde er deswegen angefeindet, heute nicht mehr.

Es ist wieder ein bunter Fischzug, den Gernstl tut, immer mit anrührenden, menschlichen Einsprengseln, nie hochnäsig. Sein Lächeln ist allerdings inzwischen gelegentlich zu einem gewissen Skeptizismus geronnen. Aber sein umwerfendes Menschenverständnis macht das wett. Man kann zwischen den Jahren seine Zeit sicher schlechter verbringen, als diese Sendung schauen.

Tatort – Das verkaufte Lächeln (ARD, Sonntag, 28. Dezember 2014, 2015. Uhr)

Dieser Tatort vermag sofort zu fesseln durch eine Exposition der leicht anderen Art, der Routine durch ruhige Stimmungsbilder und Verzicht auf unnötigen, hektischen Text ersetzt. Die Kommissare Batic und Leitmayr tanzen nicht zum Auftritt ihren Pas de Deux oder müssen abgegriffene Fragen stellen, sie sind zu sehen in inneren Monolog versunken. Sie lassen sich jedenfalls nicht anmerken, dass sie den Fall für Routine halten oder gar schon alles wissen, was im Drehbuch steht. So nehmen sie einen mit ihrem Nichtwissen mit ins zu erforschende Terrain, neugierig machender Stummfilm statt abtörnender Routineabfragerei.

Der Themenbereich ist diffizil: Teens, die sich mit Pornochat ein Geld verdienen. Den Eltern, die noch keine Native-Nerds sind, erzählen sie, sie hätten Äpps erfunden, was zu einer ausgewalzten Pointe der beiden Kommissare führt, der Erklärung, was ein App ist (auf Bayerisch hört sich das an wie das Wort für „etwas“, „eppas“..). Moralisch korrekt, wird auf die Gefahr hingewiesen, die aus solcher Chatterei entstehen kann. Hier wird daraus ein veritabler Mord an einem 14 jährigen.

Im Gegensatz zu den hochtoupierten Dominik-Graf Filmen mit ihrem Oberflächenglanz an Design-Schnickschnack kommt dieser Tatort von Holger Joos (Buch) und in der verhalten-zurückhaltenden Kino-Inszenierung von Andreas Senn (Regie) unter der redaktionellen Verantwortung von Stephanie Hecker wohltuend wenig aufgedreht, mit feiner Sprachregie und nah am Objekt daher. Senn scheint sich primär für die Menschen (das gut ausgewählte Ensemble) zu interessieren, entscheidet sich statt für Stil und Design, statt für Mode und Masche für die Aufrichtigkeit der Milieubetrachtung und -Schilderung, was allerdings hinten hinaus zu einem Überhang an Melodram führen wird. Dazu dürfte das Konstrukt der Geschichte mitverantwortlich sein. Das mit der falschen Fährte ist noch prima nachvollziehbar, aber mit dem wahren Täter gibt es insofern Probleme, als seine Reaktion darauf, dass er diesen Menschen umgebracht hat, sicher nicht zu einem Verhalten wie üblich führen dürfte. Da hapert es, rückblickend gesehen, dann doch an der Durchdringung des Stoffes und der Psychologie der Figuren. Wobei die Regie das bessere Händchen für die jungendlichen Darsteller zu haben scheint, während sie bei den Erwachsenen und den Routiniers in den ruhigeren Stellen auch viel Vérité herauskitzelt, sie aber in dramatischeren Momenten vor offensichtlicher Handwerksroutine nicht bewahren kann.

Viel Wahrhaftigkeit bei den Jungen, bei den Teens, die ihre eben entdeckte Sexualität und Körperlichkeit als reines Spielzeug, als etwas aufregend Neuentdecktes sehen, das Posieren empfinden sie als natürlich und spannend, wozu sie durchaus ein Bedürfnis haben ohne moralischen Bedenken, Entdeckung eines Spielzeugs – und wenn man dafür noch Geld erhält, tant pis!, das kommt glaubwürdig rüber, auch weil Kommissar Leitmayr selber an seine Zeit zurückdenkt, an die Englischlehrerin, und dass er da gar nicht so unschuldig gewesen sei. Insofern scheint mir hier ein Momentum gesellschaftlicher Realität sehr genau gezeichnet als ein ernsthaftes Argument gegen den gehässig-pauschalen Irrationalismus der leicht abrufbaren Hetze gegen möglicherweise harmlos Unschuldige wegen des kleinsten Verdachts von Kinderpornographie.