Archiv der Kategorie: Tipp

Tatort – Das verkaufte Lächeln (ARD, Sonntag, 28. Dezember 2014, 2015. Uhr)

Dieser Tatort vermag sofort zu fesseln durch eine Exposition der leicht anderen Art, der Routine durch ruhige Stimmungsbilder und Verzicht auf unnötigen, hektischen Text ersetzt. Die Kommissare Batic und Leitmayr tanzen nicht zum Auftritt ihren Pas de Deux oder müssen abgegriffene Fragen stellen, sie sind zu sehen in inneren Monolog versunken. Sie lassen sich jedenfalls nicht anmerken, dass sie den Fall für Routine halten oder gar schon alles wissen, was im Drehbuch steht. So nehmen sie einen mit ihrem Nichtwissen mit ins zu erforschende Terrain, neugierig machender Stummfilm statt abtörnender Routineabfragerei.

Der Themenbereich ist diffizil: Teens, die sich mit Pornochat ein Geld verdienen. Den Eltern, die noch keine Native-Nerds sind, erzählen sie, sie hätten Äpps erfunden, was zu einer ausgewalzten Pointe der beiden Kommissare führt, der Erklärung, was ein App ist (auf Bayerisch hört sich das an wie das Wort für „etwas“, „eppas“..). Moralisch korrekt, wird auf die Gefahr hingewiesen, die aus solcher Chatterei entstehen kann. Hier wird daraus ein veritabler Mord an einem 14 jährigen.

Im Gegensatz zu den hochtoupierten Dominik-Graf Filmen mit ihrem Oberflächenglanz an Design-Schnickschnack kommt dieser Tatort von Holger Joos (Buch) und in der verhalten-zurückhaltenden Kino-Inszenierung von Andreas Senn (Regie) unter der redaktionellen Verantwortung von Stephanie Hecker wohltuend wenig aufgedreht, mit feiner Sprachregie und nah am Objekt daher. Senn scheint sich primär für die Menschen (das gut ausgewählte Ensemble) zu interessieren, entscheidet sich statt für Stil und Design, statt für Mode und Masche für die Aufrichtigkeit der Milieubetrachtung und -Schilderung, was allerdings hinten hinaus zu einem Überhang an Melodram führen wird. Dazu dürfte das Konstrukt der Geschichte mitverantwortlich sein. Das mit der falschen Fährte ist noch prima nachvollziehbar, aber mit dem wahren Täter gibt es insofern Probleme, als seine Reaktion darauf, dass er diesen Menschen umgebracht hat, sicher nicht zu einem Verhalten wie üblich führen dürfte. Da hapert es, rückblickend gesehen, dann doch an der Durchdringung des Stoffes und der Psychologie der Figuren. Wobei die Regie das bessere Händchen für die jungendlichen Darsteller zu haben scheint, während sie bei den Erwachsenen und den Routiniers in den ruhigeren Stellen auch viel Vérité herauskitzelt, sie aber in dramatischeren Momenten vor offensichtlicher Handwerksroutine nicht bewahren kann.

Viel Wahrhaftigkeit bei den Jungen, bei den Teens, die ihre eben entdeckte Sexualität und Körperlichkeit als reines Spielzeug, als etwas aufregend Neuentdecktes sehen, das Posieren empfinden sie als natürlich und spannend, wozu sie durchaus ein Bedürfnis haben ohne moralischen Bedenken, Entdeckung eines Spielzeugs – und wenn man dafür noch Geld erhält, tant pis!, das kommt glaubwürdig rüber, auch weil Kommissar Leitmayr selber an seine Zeit zurückdenkt, an die Englischlehrerin, und dass er da gar nicht so unschuldig gewesen sei. Insofern scheint mir hier ein Momentum gesellschaftlicher Realität sehr genau gezeichnet als ein ernsthaftes Argument gegen den gehässig-pauschalen Irrationalismus der leicht abrufbaren Hetze gegen möglicherweise harmlos Unschuldige wegen des kleinsten Verdachts von Kinderpornographie.

Huck Finn (arte, Freitag, 19. Dezember 2014, 20.15 Uhr)

Aufwandskino à la Staatstheater von Hermine Huntgeburth mit Radikalverzicht auf prickelnde Sprachregie, wobei das Thema Freiheit die hervorragende Rolle spielt; besetzt mit viel Zwangsgebührenschauspieler-Prominenz ohne sonderlichen Glanz. stefes Review beim Kinostart.

Niemals weit genug – Die Geschichte des Tomi Ungerer (BR, Dienstag, 16. Dezember, 22.45 Uhr)

Eine rasend schnelle, blitzwache Dokumentation von Brad Bernstein (USA 2012) über das Multitalent von Zeichner Tomi Ungerer (Der Mondmann), der Zeit seines Lebens unter dem Kindheitstrauma Vaterverlust, später der Nazischulzeit gelitten hat; der aber Traumata als Auslöser von Kreativität sieht, worüber sollte er sonst nachdenken, und der diese in seinen Kinderbüchern auch behandelt, darin muss das Furchterregende vorkommen, denn die Kinder müssen sich mit der Angst auseinandersetzen.

Tomi Ungerer stieg in New York, wo er 1956 mit 60 Dollar angekommen ist, in kurzer Zeit als Zeichner in die Top-Klasse auf, zeichnete ein Kinderbuch nach dem anderen, erhielt Preise dafür, Elogen in der New York Times. Er brach Tabus, wurde dadurch auch viel angefeindet.

In der aufkommenden Unruhe der 60er verarbeitete er auch politische Probleme, Vietnam („Kiss for Peace“), Rassentrennung. Er malte einprägsame Plakate dazu. Gelernt habe er das bei den Nazis, das Plakat als Faustschlag. Effektvoll. Das war aber auch die Zeit der sexuellen Revolution. Auch die brachte er wach und offen zu Papier, fing an Ideen zu entwickeln und mit den Ideen erweiterten sich auch seine Erlebnisbereiche.

Erfolgreich Kinderbücher zeichnen und gleichzeitig pornographische Zeichnungen publizieren, noch dazu unter demselben Namen, das konnte im prüden Amerika nicht lange gut gehen. Ungerer erinnert sich noch sehr gut an jenen Abend der Vorstellung eines Kinderbuches, wie er in der Diskussion auf diese anderen Werke angesprochen wurde. Das löste wie man heute sagen würde einen Shitstorm der Entrüstung aus, eine richtige Hetze, so dass alle seine Bücher in den Vereinigten Staaten verboten wurden und aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt werden mussten. Er habe dann kurz die Contenance verloren und gesagt, wenn nicht gefickt würde, dann gäbe es ja keine Kinder und dann bräuchte man auch keine Kinderbücher mehr.

Ungerer hat ständig Puppen in Atelier, an denen er rumdoktort, eine habe AIDS, dafür ziehe er für die Behandlungen und Operationen Gummihandschuhe an.

Der Film von Brad Bernstein ist einerseits ein rasender Schnellabriss des gigantischen, zeichnerischen Werkes von Tomi Ungerer, wie schon sein Vater sehr begabt gewesen sei, ist eine Reise zu den Orten seines Wirkens: Straßburg, Colmar (hier hat der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald ihn geprägt; den hat er immer studiert, wenn er auf den Bus warrten musste, denn der Eintritt war frei), New York, Kanada, Irland. Angenehm wenige und kurze Statements von Kollegen, einer Dame vom Tomi Ungerer-Museum, einem Historiker, einer Kinderbibliothekarin, einem Kinderbuchautor, einem Kritiker und Kinderbuchautor, einem Comiczeichner, einem Literaturwissenschaftler und der Tochter des Zeichners.

Der Hauptmasse des Filmes ist ein Interview mit Tomi Ungerer selbst. Er plaudert drauf los, ein unerschöpflicher Quell, kein Geschwätz, immer geht es um die Begründung, das Need zur Kunst, die Widersprüche, die Traumata, der irre Strom an Ideen, der in ihm fließt, so dass er sich manchmal vorkomme wie ein Zahnarzt in seiner Praxis, mit einem Wartezimmer voller Ideen, die er noch behandeln müsse.

Nach der Hetze in den USA hat er 25 Jahre lang kein Kinderbuch mehr gezeichnet. Inzwischen ist der Bann gegen ihn aufgehoben. Und er hat wieder ein Kinderbuch gezeichnet. In Irland scheint er eine gewisse innere Zufriedenheit gefunden zu haben.
Ungerer schaut immer noch aus wie ein Schuljunge, voller Neugier, voller Wachheit, nicht ohne Schlauheit (die haben sie gegen die Nazis gebraucht).

Alexander Granach – Da geht ein Mensch (BR, Montag, 2. Dezember, 22.45 Uhr)

Alexander Granach ist der Schauspieler, der sich 1913 hat die Unterschenkelknochen brechen lassen, um größer zu wirken.

Dieses Biopic von Angelika Wittlich ist vor allem eine illustrierte Lesung aus biographischen Texten des galizischen Schauspielers Alexander Granach, der es dank der Emigration bis Hollywood geschafft hat, zum Beispiel in Ninotschka von Ernst Lubitsch und bis an den Broadway, wo er 1942, etwas über 50jährig an Blinddarmentzündung starb.

Die Lesestellen aus dem Briefwechsel zwischen Granach und seiner Freundin Lotte, die teils gleichzeitig gelesen werden von ihm und seiner Adressatin, sind mit enorm viel Füllmaterial/Bilderverhau an Straßen- und Ortsansichten aus dem Heute unterfüttert. Holocaust – Schnitt – Ziegen auf ungeteerter Straße im heutigen Galizien.

Die Texte lesen Samuel Finzi, hervorragend als Double von Alexander Granach und Juliane Köhler, die list ganz nett, ist aber oft stumm im Bild als die ewig Geliebte aus Rapperswil-Jona, der Villa Grüntal. Über die schauspielerischen Qualitäten von Lotte allerdings schweigt des Sängers Höflichkeit, wie Thomas Langhoff andeutet, dass er die Meinung seines Vaters, der mit ihr gespielt habe, nicht wiedergeben möchte.

Der Film stellt durch die Bebilderungsmethode eine Art pangeographisches Bewusstsein eines Menschen her, der immer unterwegs war. Oft wenn von den Stationen Galizien, Berlin, Rapperswil-Jona, New York, Los Angeles, Ukraine, Polen, Moskau die Rede ist, lässt die Filmemacherin die Kamera durch die Straßen oder Seestraßen oder Bahntrassen der entsprechenden Städte und Gegenden fahren.

In groben Zügen folgt der Film chronologisch dem Leben von Granach, der in ärmsten jüdischen Verhältnissen in Galizien mit 12 Geschwistern aufwächst und dort als Bäckerlehrling arbeitet, bis er mit 14 das Theater kennenlernt und sofort weiß, dass das seine Welt sein würde.

Granach brennt mit der Kasse seines Lehrmeisters nach Berlin durch. Spielt bald bei Max Reinhardt und Erwin Piscator. Kehrt für einige Zeit nach Galizien zurück bis es brenzlig wird. Dann Moskau inklusive 18 Tage Prominentengefängnis in der Ukraine, anschließend Emigration in die USA.

Ein Archivar zeigt die Akten, die über Granach angelegt worden waren. Ein Sidekick in der Story ist sein Sohn. Der wurde im ersten Weltkrieg gezeugt. Er lebt in Israel und dürfte den Vater nicht zu oft gesehen haben; er kommt hier überaus ausgiebig zu Wort.

Es gibt viele historische Fotos aus Alben, Plakate, und immer wieder Ausschnitte aus dem Briefwechsel zwischen Granach und seiner Geliebten, der Mutter seines Sohnes, Lotte Lieven. Es fehlt nicht ein Ausschnitt aus Nosferatu, wo Granach am Pult hockt und großartig Grimassen schneidet. Fritz Lang hätte ihn gerne öfter beschäftigt, er und Hollywood konnten ihn aber dank des Akzentes nur als Europäer und Nazifigur einsetzen. Ironie der Geschichte, dass die Naziflüchtigen in Hollwyood bald schon die schlimmsten Nazis darstellen mussten.

In einer eindrücklichen Szene erklärt ein Arzt, wie Granach sich die Beine hat brechen lassen, um größer zu wirken und bei den Frauen mehr Eindruck zu machen; um 1912 war das eine hochriskante Operation.

Charles Dickens Little Dorrit (arte, ab 27. November 2014)

BBC-Serie von 2008

Dickens-Welt, wie wir sie uns vorstellen. Lauter quirlige, ihrem vermeintlichen Lebensvorteil nachhechelnde Figuren, die dadurch sehr schräge Figuren geworden sind. Extrembeispiel ist Jeremia, der Diener im Kaufmannshaushalt Clenman.

Ein jeder trickst und hat was zu verstecken. Indiz dafür ist die Uhr des kürzlich noch vor der Rückkehr von einer langen Seereise verstorbenen Kaufmanns Clenman. Sohn Arthur, der ihn auf der Reise begleitet hat, bringt sie der barschen, harten, abweisenden Mutter und jetzt Witwe, die auf einer Art Dachboden an den Rollstuhl gefesselt scheint, zurück. Er erkundigt sich nach dem Geheimnis der Uhr (ein handgeschriebenes Stück Papier „do never forget“). Da hat er wohl eine Grenze überschritten. Vom Moment an will die Mutter nichts mehr von ihm wissen. Sie macht das schiefe Hausfaktotum zum Teilhaber. Der Sohn wird fortgejagt.

Arthurs nächste Spur zu dem Geheimnis ist die Titelfigur Amy, little Dorrit, die mit ihrem Vater in einem Schuldengefängnis aufgewachsen ist und die jetzt, wie es scheint, aus Großherzigkeit bei Clenmans Witwe eine Stelle bekommen hat. Was verbindet diese beiden?

Arthur der verstoßene Sohn und Amy Dorrit aus dem Schuldengefängnis, das sind in diesem von Gewinnstreben und Gewinntricksen dominierten, sündigen und gleichzeitig pittoresken Wuseluniversum aus verkorkstem Reichtum, aussichtlosem Elend und brutalen Mieteintreibern, aus Imbeciles und Mondänen die einzigen „reinen“ Figuren, die noch nicht verbogen, noch nicht schief, noch nicht verkrustet sind. Wie weit können sie in die Krustenwelt eindringen, in die Welt der durch das ökonomische Denken verformten Menschen? Wie weit können sie Mensch bleiben, gar es richtig werden?

Zündfunk Radio Show (BR, Dienstag, 25. November, 22.45 Uhr)

Sympathische Sätze zeigen eine coole Einstellung der Kultsendung Zündfunk zum Medium:
„Es muss sich nicht immer alles erschließen.“
„Da ist leider immer dieser fucking Kühlschrank drauf.“
„Wenn wir in Rusland versuchen, Entschuldigung, da ist ein Seitenumbruch, wenn wir in Russland versuchen..“

BR-PR in eigener Sache, verständlich, dass hier die Frage nach dem Grundauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks nicht gestellt wird.
Ein etwas traniger Sänger schreibt, nachdem er gesungen hat, auf den Boden eines Pappbechers „Zündfunk“, reißt den Boden raus und macht einen Sehschlitz draus. Schnipselverschnitt. 40 Jahre Zündfunk.

Sympathisch an diesem über 90-minütigen Stück Infotainment ist, dass es sich um eine Selbstreflektion der Institution Zündfunk handelt, dem im modernen Mediengewusel und im Internetzgezwitschere längst das Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen ist und dass diese Dokumentation von Jörg Adolph und Gereon Wetzel das auch ganz offen darstellt, dass sie dabei sind bei Redaktionssitzungen, bei selbstkritischen Diskussionen, Lifestyle oder politische Position, da sein, wo’s weh tut (Genua 2001 – auch schon eine Weile her), der Kampf um Hörer und Autoren, um den Markenkern. Dass sie uns nicht vorenthalten, dass die Macher jetzt viel mehr wuseln müssen, hinterm Netz herrennen müssen, um wenigsten sich die Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie sich über Jahrzehnte erarbeitet haben.

Thema Schleichwerbung, dass sie um das neue Album einer Band vorzustellen mit großem Aufwand und Übertragungswagen vorfahren, was selbstverständlich PR ist, während schon bei einem Buch minutiös und skrupulös darauf geachtet wird, keine Werbung zu machen. Die Selbsterkenntnis, man sei schlampig geworden, es fehle oft an der Übersicht.

In die übliche, fernsehkurzatmige Szenenineinanderschneiderei ist ein Abriss der Kultinstitution Zündfunk eingefügt, den Zündfunk-Urgestein Roderich Fabian ins Mikro liest: von den 70ern, weil die öffentlich-rechtlichen den Aufbruch der Jugend verschlafen hatten, über Wackersdorf, als der Zündfunk der Opposition in Bayern eine Stimme verlieh bis zum Netzkongress im Volkstheater und zum Interview mit Pussy-Riot.

Die Dokumentaristen begleiten den Zündfunk bei Exkursionen ins Land hinaus, zum ehemaligen Quelle-Gelände in Nürnberg oder zu einem Hörer, der ein Musikkenner ist. Dass die Journalisten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziell in einem hochprivilegierten Umfeld agieren im Vergleich zu vielen ihrer freien Kollegen, das hätte vielleicht auch noch angemerkt werden können.

Toleranz (TV ARD alpha Bildungskanal, Freitag, 21. November 2014, 20.15 Uhr)

Dieser Film von Hans-Ulrich-Krause (Drehbuch) und Marc-Andreas Bochert (Regie) und unter den redaktionellen Auspizien von Ulrike Lovett und Werner Reuß betreibt Bibel-Exegese, setzt seiner Geschichte, besser: seiner Predigt Hiob 40.8 hintan „willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst?“.

Auf dieses Wort hin wurden offenbar der Fall konstruiert, dass eine prominente Sportlerin in die Schlagzeilen gerät, weil ihr Freund ein prominenter Neonazi ist. Krause und Bochert möchten in ihrer Predigt den Zuschauer davor warnen, die Sportlerin zu verurteilen, wie es in ihrem Film die Medien und die Massen mit einem Shitstorm tun, denn ihr Privatleben ist ihr Privatleben und sie selber versuche ja, ihren Freund vom Neonazismus wegzubringen. Wenn ich das richtig abgelesen habe, dürfte das die Moral von der Geschichte sein, die ihren Mahnfinger gegen Selbstgerechtigkeitsapostel erhebt. Wobei sie in der Tat ein verbreitetes Phänomen trifft, gleichzeitig aber selbst wohlfeiles, nicht gerade couragiertes, allgemeines Medienbashing betreibt.

Allerdings ist es so eine Sache, das beweist der Film auch, wenn ein Drehbuch auf eine derart vorgefasste, aus der Bibel geholte Moral hin konstruiert wird. Da muss passsend gemacht werden, was nicht passt. Da werden Figuren im Hinblick auf die Moral erfunden und nicht nach dem Leben gebaut. Was sie ziemlich schief aussehen lassen kann vor dem Hintergrund von Lebenserfahrung. Weshalb der geneigte Zuschauer am Schluss sich fragt, ist an dieser Moral etwas faul, selbst wenn sie aus der Bibel stammt oder ist nicht viel mehr an der Geschichte, die auf diese Moral hin getrimmt wurde, etwas faul?

Leistet der Film mit diesem Geschichts-Moral-Konstrukt einen sachdienlichen Beitrag zur Bekämpfung der Unmoraliät von Shitstorm und Medienhetze? Wohl kaum. Denn das hierzu bemühte Konstrukt hat ein grundsätzliches Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist zuallererst die Figur der Sportlerin (Jennifer Ulrich als ewig smilende Karoline Benzko). Der Film unterlässt es, zu zeigen, wie groß und bedingungslos ihre Liebe zu Martin (Martin Laue als Neonazigröße) ist. Davon ist jedenfalls bei den Begegnungen nichts zu spüren, das mag am Buch, an der Inszenierung oder an der mangelnden Chemie der Schauspieler liegen. Die Glaubwürdigkeit dieser Liebe wäre jedoch das A und das O, um dem Fall – und damit auch der beabsichtigten Moral – Brisanz und Glaubwürdigkeit zu verschaffen, damit auch der Berechtigung der Verwendung öffentlich erzwungener Gebührengelder.

So wie das hier von Hans-Ulrich Krause als Autor fabriziert wurde, ist es allerdings kaum glaubwürdig. Das wäre die Geschichte nur, wenn die Liebe von der Sportlerin zum Nazi eine absolute, blinde Liebe wäre. Die wird so jedoch nicht beschrieben und inszeniert. Deshalb wirkt das gute Mädchen leider politisch vollkommen blind und dumm (was bei Sportlern andererseits wiederum nicht verwundert, wenn man von Franz Beckenbauer hört, dass er in Katar keine Sklaverei gesehen habe). Dass sie nicht mitgekriegt haben will, dass ihr Freund eine bekannte Größe in der Neonazi-Szene ist, das lässt sie als ein ganz besonders naives Dummchen erscheinen. Mit Dummchen eine reelle Moral zu predigen, ist ein Ding, das zumindest auf recht laxen Beinen steht.

Statt sich darauf zu konzentrieren, eine glaubwürdige Grundlage herzustellen, kapriziert sich der Film ellenlang auf Vorgeplänkel. In den ersten zehn Minuten erhält der Zuschauer lediglich die Info, dass die Protagonistin ihre Mannschaft in die Qualifikation für den Europacup in Amsterdam geschossen hat, und dass der Sponsor auf sie als Werbeträgerin setzt (das neue Gesicht zum Slogan „Fairness und Toleranz zum Erfolg“). Ferner, dass sie einen Freund hat, der spielt bis dahin so gut wie keine Rolle, außer dass er Martin heißt und dass er in die Disco, in welcher die Mannschaft den Erfolg feiern will, nicht eingelassen wird mit dem Argument „Nazis sind hier nicht erwünscht“. 10 Minuten für das bisschen Info, das ist Zwangsgebührengeldverschleuderei.

Statt also eine glaubwürdige Basis für den Konflikt zu bauen, wird lieber die Info über den Sporterfolg gedehnt und gleich doppelt gebracht, nämlich zuhause auch nochmal erzählt. Das ist keine gute Erzählökonomie. Das wirkt wie Zeit und Sendeminuten schinden, weil man offenbar nichts Wichtigeres zu erzählen hat.

Der Film geheimnisst den Nazi so lange wie möglich weg, schenkt den Zuschauern nicht reinen Wein ein, gewährt uns keinen Einblick ins Innere der Protagonisten. Die Produktion glaubt offenbar, wenn sie die Rolle mit einer Smile-Schauspielerin besetzt, alle diese Glaubwürdigkeitsprobleme gelöst zu haben. Nix da. Der Film plänkelt dahin. Wie dumm muss diese Frau sein, dass sie nicht merkt, was längst in allen Zeitungen zu lesen war, welch hohes Tier ihr Freund bei den Nazis ist.

Immerhin. Jetzt gibt’s Gespräche mit dem Trainer. Es geht um das Image und den Werbefaktor und ob es nichts gebe, was diesen gefährden könne. Nein, Dummchen denkt nicht daran. Hat kein politisches Bewusstsein.

Stattdessen hat Martin eine Wohnung für sie beide organisiert. Auch damit wird viel Zeit verplempert, die zum Konflikt, den der Film entwickeln will, gar nichts beiträgt. Auch mit dieser privaten Szene wird dem Zuschauer die Info, wie wichtig Martin in der Nazi-Szene sei, vorenthalten, noch zeigt sie, dass Protagonistin ihn wahnsinnig liebt.

Es folgt die längst bekannte Info, zeitschinderisch, dass Protagonistin demnächst in der Nationalmannschaft spiele.

Nach einer endlos langen Trödelhalbstunde fragt man sich genervt, wann kommt der Film endlich auf den Punkt, wann plappert er nicht mehr nur rum. Sportstarlet verbreitet in totaler Naivität, Martin sein dabei, auszusteigen. Nur ist dieser Fakt dem Zuschauer nicht zugänglich gemacht worden. Ein weiterer Punkt, der die abgrundtiefe Dummheit dieser Lächelprotagonistin bestätigt.

Nach einer halben Stunde langweilig nacherfundener Realität und breitgetretener Ausgangssituation, in der man kaum etwas von Belang über die eh schon dünne Info aus den ersten zehn Minuten hinaus erfahren hat, hat der Pressefotograf das prominente Foto von Martin als Nazi-Rädelsführer gefunden. Und nach 31 Minuten fährt der Bus mit der Mannschaft endlich nach Amsterdam los, wo es dann, und das zieht sich wieder, zu dem lang und filmschwatzhaft vorbereiteten Eklat kommt, dem moralischen Exemplum, das der Film vorsätzlich statuieren möchte.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. Durch diesen Film wird kein Zwangsgebührenzahler toleranter, im Gegenteil.

Das Ende der Geduld (TV, ARD, Mittwoch, 19. November 2014, 20.15 Uhr)

Dieser Fernsehfilm von Stefan Dähnert (Buch) und Christian Wagner (Regie) zeigt, dass ein Justizfilm auch in Deutschland spannend sein kann. Die Filmemacher haben pragmatisch gehandelt. Sie hatten das Buch der Jugendrichterin Kirsten Heisig zur Grundlage, das diese vor ihrem Selbstmord 2010 geschrieben hat und das zu einem stark diskutierten Titel geworden ist (wie der Film: „Das Ende der Geduld“).

Hier im Film heißt die Richterin Corinna Kleist. Sie wird fabelhaft mit Charme und ganz ohne Verbiesterung gespielt von Martina Gedeck, die allein mit ihrer Rolle den Film schon trägt. Sie ist eine moderne Heldin. Sie will der Verwahrlosung des Rechtes in Berliner Problemvierteln Einhalt gebieten, sie bekommt nach einer Krise oder einem Burnout wie ihr Chef meint, eine Stelle in Neukölln angeboten, weil sie unbedingt Jugendrichterin bleiben und etwas verändern will: beschleunigte Verfahren, damit die Jugendlichen den Zusammenhang zwischen Tat und Strafe auch spüren und kapieren.

Sie macht sich nicht beliebt in dem Viertel. Sie legt sich mit einem einflussreichen, libanesischen Clan an. Hauptfigur ist Rafiq, ein Junge, der just in der Nacht zu seinem 14. Geburtstag einen Drogerieeinbruch begeht, wobei das Einwerfen der Fensterscheibe vor Mitternacht noch unter die Strafunmündigkeit mit 13 fällt, aber das Ausrauben und Abschleppen des Diebesgutes nach Mitternacht mit jetzt 14 juristisch verfolgt werden kann.

Was die Richterin, die ihren Klienten schon länger kennt, auch als ein Exemplum durchzieht. Der entscheidende Fall, der zur Verhandlung kommt, ist die Vergewaltigung einer jungen Frau, Susanne, an der peripher auch Rafiq beteiligt war. Allerdings wird das vor Gericht verzwickt, die Drohungen der Mafia verändern die Wahrnehmung der Zeugen und auch des Opfers. Es kann für eine Richterin zum Verzweifeln werden.

Ein Film, der sicher im Sinne des öffentlichen Rundfunkauftrages ist, und nicht nur das, er ist sogar spannend; die ganze Vielfalt an Figuren, die er auffährt, die Polizeistation, die Behörden, der Gerichtsdiener (“Käffchen?“), die alle irgendwie aufgegeben haben, die aber durch motivierende Reden aufzuwecken sind. Demokratie braucht Wachheit. Und Mut. Der Film wird dadurch zum vehementen Votum für einen aktiven Rechtsstaat, für ein funktionierendes Rechtssystem. Ein kurzweiliger Fernsehfilm mit ernstem Thema und mit Hand und Fuß.

Walaa! (BR, Dienstag, 18. November 2014, 22.45 Uhr)

Sportgrößen sind tendenziell unpolitisch. So ist es auch bei Walaa Hussein, einer faszinierenden Fußballerin, der beim Spielen zuzuschauen enorm Spaß macht, so schnörkellos wie sie den Ball mit fantastisch sicherer Motorik bezwingt. Nicht nur den Ball bezwingt sie, auch die Dokumentaristin Noemi Schneider scheint von diesem Drive, den die Sportlerin nicht nur beim Spiel hat, angesteckt und wendet den um in einen wunderbar filmischen Drive, der dem Zuschauer einen spannenden Einblick wie aus einem Guß in die hochkompliziert israelisch-palästinensische Gesellschaft bietet.

Noch lebt die Plästinenserin ihr kompliziertes Leben in legerer nicht allzu damenhafter Kleidung und mit blondiertem Haar zwischen Israel und Palästina, denn sie lebt in Israel, ist dort geboren, hat einen israelischen Pass, spielt dort in der Nationalliga. Seit einigen Jahren ist sie auch Teammitglied in der palästinensischen Nationalmannschaft, wodurch sie ständig in ihrem pannenanfälligen Kleinwagen unterwegs ist zwischen Israel und Palästina. Das bedeutet Warten, Warten und wieder Warten an Check-Points, manchmal gar nicht reingelassen werden. Ein geplantes Spiel gegen eine Mannschaft aus einem Emirat kann nicht stattfinden, weil die Israelis die Mannschaft nicht ins Land lassen.

Immer führt der Weg Walla an der gigantischen Mauer entlang, die Israel gegen Palästina gebaut hat und die Dokumentaristin versucht, diese zu thematisieren. Aber beim Politischen stößt sie bei der Sportlerin auf Beton. Walaa sagt nicht, die Verhältnisse sind schlecht, die müssen geändert werden, sie sagt, „mein Leben ist kompliziert“. Sie schiebt es auf sich, sie muss mit ihrer Rostlaube damit zurechtkommen, „Fußball, Studium, Unfall, das ist mein Leben und Checkpoints“, „Für den Fußball mach ich alles“.

Das größere Problem für ihre Zukunft sieht Walaa in der arabischen Gesellschaft, in der die Stellung der Frau im Gegensatz zu Judentum und Christentum eng als Familienmensch und Mutter definiert ist. Auch bei ihr zuhause wurde es nicht gern gesehen, dass sie immer nur mit den Jungs Fußball spielte. Die Brüder wollen nicht, dass die Mädchen spielen. In der arabischen Gesellschaft sieht Walaa für sich keine Zukunftsperspektive; die bietet ihr nur das Ausland. Denn wenn sie im Land bleibt, wird sie sich den islamischen Gepflogenheiten beugen, heiraten, Kinder aufziehen, sich verschleiern, das fordere der Islam.

Walaa ist wie ein Chamäleon, wenn sie bei den Palästinensern spielt, ist sie eine von denen, wenn sie mit den Israelis spielt, ist sie eine von denen, und wenn sie für eine arabische Hochzeit zum bassen Erstaunen ihrer Mutter ein langes Kleid anzieht, dann tanzt sie darin mit derselben Schicksalergebenheit im Gesichtsausdruck wie die anderen arabischen Frauen.

90 Minuten sind kein Leben (ARD, 15. November 2014, 19.00 Uhr)

Vor 5 Jahren hat der Selbstmord von Robert Enke die Fußballbranche aufgeschreckt. Alle waren sich mit betroffenen Mienen einig, dass das Thema Fußball und Depression jetzt angegangen werden sollte.

Nick Golüke und Michael Müllen versuchen mit diesem Fernsehbeitrag, eine Bilanz zu ziehen. Mit Antworten und Statements von Psychologen, Funktionären, Sportlern, vor allem solchen, die selber mit Depression zu tun haben.

Die Meinungen sind gemischt. Weiter unten in der Hierarchie, 2. Liga, 3. Liga, da habe sich rein gar nichts geändert. Weiter oben, in den Elitezirkeln, scheint es inzwischen Stellen für professionelle Psychologen zu geben, auch der Elitenachwuchs wird entsprechend betreut. Ziel: Vorbeugung und Früherkennung. Der geneigte Zuschauer merkt: damit das nicht nochmal passiert.

Es gibt die Forderung, offen mit dieser Krankheit umzugehen und sich zu outen. Bei Andreas Biermann, hat dies zum Suizid geführt, ein anderer kann inzwischen ganz gut damit leben.

Erkennbar ist, dass sich Leistungs- und Mediendruck beim Fußball und psychische Krankheit nicht vertragen und sich wohl nie vertragen werden.

Was mich an so einem Magazin in fernsehasthmatisch-üblicher Kurzatmigkeit fasziniert: wieviele Menschen den Eindruck erwecken, kompetent zu einem so diffizilen Thema sprechen zu können. Und doch ändert sich nichts („Das Umdenken in der Branche hat nach Emke nicht stattgefunden“). Das Bild einer widersprüchlichen Gesellschaft. Außer dass es ein paar neue Jobs für Psychologen gibt. Die sind aber nicht dafür da, Verständnis für Kranke zu wecken, sondern Kranke frühzeitig zu diagnostizieren.

Es gibt den wohlmeinenden Krankheitsvermeidungsratschlag: Fußball dürfe nicht alles sein. Es fehlen auch nicht Infos über den Stand der Erforschung der Ursachen von Depression und auch, dass Depressive sich super zu verstellen wissen.

Um das richtige Krankheitsfeeling zu erzeugen, haben die Dokumentaristen sich für eine Sprecherstimme entschieden, die genau so gut Werbung für Pharmazeutika, Antidepressiva oder Schnupfenmittel machen könnte, dieser leicht depressiv-gepresste Ton.

Primat des Profits. Jeder versucht seine Taschen vollzumachen, wer dabei links oder rechts hinunterfällt, ist mittlerweile egal.