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Lebenslinien: Uschi Glas – Ich weiß, wo ich herkomm (BR, Montag, 14. November 2016, 21.00 Uhr)

Das Negerlein aus Landau,

mit diesem Begriff hat Uschi Glas als Kind protestantischer Eltern im katholischen Landau der Nachkriegsjahre früh Diskriminierung kennengelernt. So etwas schärft und prägt das Gerechtigkeitsempfinden. Elmar Wepper bestätigt das mit seiner Aussage, dass Uschi es nicht haben könne, wenn sie spüre, dass am Set menschlich etwas nicht stimme.

Sympathisch an diesen Lebenslinien von Beatrice Sonhüter, Redaktion Christian Baudissin, ist, dass Uschi Glas (in Fack ju Göhte legte sie einen der komischsten Auftritte einer Schauspielerin im jüngeren deutschen Kino hin, als Lehrerin, die sich ständig aus dem Fenster stürzt) nicht sich selber zwanghaft in den Mittellpunkt stellt.

Als erstes nutzt sie die Plattform, die Lebenslinien bietet, für die Werbung für ihre Aktion Brotzeit. Es hat sie erschüttert, am Radio zu hören, dass es im reichen, schicken München Kinder gibt, die ohne Frühstück in die Schule kommen, ohne Pausenbrot, ohne Geld für ein Mittagessen. Sie stecke inzwischen 60 – 70 Prozent ihrer Arbeit in diese soziale Aktion, die Tausenden von Kindern ein Frühstück in der Schule ermöglicht, was positive Effekte nach sich zieht: Erhöhung sozialer Kompetenz, die Kinder sind fitter für die Schule und dadurch erfolgreicher im Lernen, sind zufriedener. Lebenspraktisches Engagement eines Stars.

Weil sie sich selbst trotz enormer Prominenz offenbar nicht so wichtig nimmt, lässt sie gerne auch andere Figuren, die sich im Windschatten von Promis tummeln, an dieser Fernsehpräsenz teilhaben, vom Starfotografen über den Starkoch bis zur Modedesignerin – geschenkt.

Frappant ist der Unterschied zu den Lebenslinien über Veronika Ferres. Während bei ihr jeder Satz, jede Geste im Sinne des Legend-Building kalkuliert scheint, eine die sich selbst nach oben gekämpft hat mit unerbittlichem Willen und entsprechend unerbittlichem Kalkül bis hin zum Film mit Werner Herzog in der salzigen Wüste Boliviens, ist Uschi Glas, so erzählt sie es glaubwürdig, richtiggehend „entdeckt“ worden als ‚Landei aus Niederbayern“, das die Frechheit hatte, eine kritische Meinung zu einem Episodenfilm von Horst Wendlandt zu äußern, was diesen elektrisiert haben muss und der sie praktisch von Null auf Hundert zum Filmstar gemacht hat. Humor beweist sie mit dem Satz, dass sie so also nach Hameln und nicht nach Hollywood gefahren sei zum Drehen.

Dank ihrem Eigenwillen sagte sie gegen die Bedenken iher Agentin Zu Sache Schätzchen zu, wodurch ihrer Karriere ein mächtiger, zweiter Schub verliehen wurde. Für sie spricht auch der Satz, dass sie lieber die Filme der anderen schaue, als die eigenen.

Sie wurde sich schnell der Gefahren von Prominenz und Macht einer solchen Position bewusst und will den Satz ihres Vaters, „Zwergerl, du musst am Abend in den Spiegel schauen können“ nicht vergessen. So wirkt sie als ein nicht abgehobener Star, der wie der Titel sagt, seine Herkunft (diese Wohnung in Landau wird auch gezeigt) nicht vergessen hat.

Eine Frau mit Haltung, die sich weder Ideologien noch Zeitgeist anpasst; für die Treue ein Begriff ist; die sich deswegen Rollenchancen beim jungen deutschen Film in den 60ern, 70ern vertan hat; keine Karrieristin, ein genuiner Star, der zu München gehört wie die Frauenkirche oder der Viktualienmarkt.

Schwermut und Leichtigkeit. Dietls Reise (BR, Samstag, 22. Oktober 2016, 20.15 Uhr)

Eine TV-Hommage an Helmut Dietl machen zu wollen, das kann naturgemäß nur deprimierend ausfallen, wie diese hier von Lars Friedrich, der im üblichen TV-Doku-Verfahren Ausschnitte aus dem Werk, Schnipsel aus einem Interview mit seinem Protagonisten und Statements von solchen, die ihn gekannt haben, aneinanderschneidet und dabei Dietls Arbeiten als Werbefilmer vollkommen ausblendet.

Glanzpunkte sind die Ausschnitte aus den bekannten Serien und Filmen und da ist es Friedrich zu danken, dass er auf die exakte und langwierige Drehbucharbeit und auch auf Dietls Schulung bei Kortner als Assistent an den Kammerspielen aufmerksam macht. Dadurch nimmt man die Szenen noch bewusster in dieser brillanten Machart wahr; dagegen fallen Sprechertexte und Interviewstatements deutlich ab.

Dietl als von der Todkrankheit Gezeichneten erzählen zu sehen und zu hören, was er so vorher wohl kaum gemacht hätte, das tut weh, das wirkt wie frühzeitige Leichenfledderei, noch was aus ihm rausholen, solange er lebt.

Die Auswahl der Filmausschnitte richtet sich nach Parallelen aus dem Leben von Dietl und den Äußerungen in seinem Interview; in seinem Werk spiegelt sich sein Leben. Ergo: sein Werk sprechen lassen ist beglückender als sich Statements von Kompromisshaften über den Kompromisslosen anzutun.

Der NSU-Komplex (BR, Dienstag, 18. Oktober 2016, 22.30 Uhr)

Während der Kinofilm Der Kuaför aus der Keupstraße eindrücklich von der Opferseite der Terrorgruppe NSU berichtet und wie diese nach den Anschlägen unter den Verdächtigungen durch die Ermittlungsorgane leiden, sie seien ins organisierte Verbrechen involviert, der aber auch zeigt, wie sich die Politprominenz dann irgendwann das Ereignis für einen rauschenden Auftritt zunutze macht, arbeiten Stefan Aust und Dirk Laabs in ihrer Dokumentation die Sicht der staatlichen Aufklärung heraus, stochern in einem undurchdringlichen Verhinderungs-Dickicht von Verfassungschutz und V-Leuten kontra polizeiliche Aufklärung.

Was kurze Erwähnung findet: wie überhaupt der Rechtsextremismus nach der Wende in der Ex-DDR aufblühte bei einer vom Sozialismus geprägten Generation als Ersatz für die Strukturen, die das ehemalige Staatsystem doch geschaffen hat, ein Punkt, den weiter zu untersuchen sicher spannend wäre, aber auch ein Fakt, der für den gewohnten Westler nicht leicht nachvollziehbar ist, diese Begeisterung für Ku Klux Klan, Rassentrennung und Verehrung der Nazizeit.

Aust und Laabs arbeiten auch heraus, wie von anfänglich verbalem Protest, Angriffe auf Asylheime werden, wie sich ähnlich wie damals in der RAF eine immer extremere Entwicklung Bahn bricht, speziell beim Trio Mundlos-Böhnhardt und Tschäpe, wie sie der Verfassungsschutz ungehindert in den Untergrund abtauchen und dort offenbar in Ruhe lässt.

Also nicht nur aufkeimender Extremismus im Vakuum, was die DDR für diese Leute hinterlassen hat, sondern auch extremes Staatsversagen, das die Mordserie so lange hat anwachsen lassen.

Der Bericht arbeitet heraus, dies immerhin quasi zur Rettung eines doch noch Funktionierens des deutschen Staates, wie letztendlich hartnäckige Polizeiarbeit Erfolg bringt, wie man allmählich von der These der organisierten Kriminalität der Ceska-Täter abrückt, auch dank dem Profiler Alexander Stern und wie Öffentlichkeitsinitiativen der Polizei Druck auf die Täter ausüben, was nach langer Zeit endlich zum Selbstjustiz-Ende der beiden Haupttäter führt.

Bleibt zu hoffen, dass der Prozess in München bald zu einem Ende kommt und einige Unterstützer der Mörder sich ihrer Verantwortung stellen müssen. Und dass der Staat endlich alle Akten herausrückt, denn wenn er dies nicht tut, dann leidet doch sein Ruf, dann scheint es, als sei er mitgegangen, mitgehangen in diesen Verbrechen.

Mein Freund Rockefeller (BR, Dienstag, 27. September 2016, 22.30 Uhr)

Faszination Hochstapler.

Was fasziniert an einem Hochstapler? Doch dass er Menschen Sehnsüchte erfüllt, beispielsweise mit einer Berühmtheit aus der Familie Rockefeller bekannt oder benachbart zu sein.

Wer lässt sich nicht gerne beeindrucken von perfekten, europäisch-britischen Manieren, gut gekleidet mit Blazer mit Goldknöpfen, gerade Haltung, Inbegriff von Eleganz und einem klassischen Englisch ohne eine Spur von Akzent, die sich der bayerische Landbub und Sohn eines Lüftl-Malers und einer Etepetete-Schneiderin, wie sie charakterisiert werden, hochintelligent in kürzester Zeit selbst beigebracht hat.

Dass Christian Gerhardsreiter aus Übersee am Chiemsee einst ein Hochstapler und gar Mörder würde, war nicht unbedingt vorauszusehen; allerdings zeigt Steffi Kammerer, die unter der Redaktion von Walter Greifenstein diese Dokumentation für den BR erstellt hat, ein Bild aus den 80ern, aus seinen Teens, wo er mit anderen Jungs am See im Klüngel zusammen ist; alle sind sie in der Badehose, nur er ist mit langer, weißer Hose und damals perfekt modischem Hemd, langen Haaren und Sonnenbrille drauf zu sehen.

Er sei relativ klein gewesen und wollte immer schon weg, was andere wiederum nicht verstehen, die sich voll aufgehoben fühlen in der Gemeinde. Mit 17 ist er nach Amerika ausgewandert. Dort wollte er Drehbuchautor werden, hat Drehbücher geschrieben, aber die Reaktion von Robert Wise, dass er kein Talent habe, so erzählt er im einzigen direkten Interview in einem Gerichtssaal, dürfte die Entscheidung für eine anderweitige Karriere beeinflusst haben – wenn wir ihm denn ausnahmesweise glauben wollen.

Diese Ersatzkarriere besteht aus dem Spiel mit Identitäten, in der Suche von Kontakten, gerne über die Kirche in reichen Gemeinden im Westen Amerikas wie in San Marino, wo er durch seine Manieren sozusagen freien Eintritt genießt; den Erzählungen des 13. Baronett von Chichester wird allzu gerne und bereitwillig Glauben geschenkt. Später in New York, nachdem der Zauber aufgeflogen ist, fällt das Zitat „Der New Yorker Sommerskandal, auf den die New Yorker jedes Jahr hoffen.“

In dieser Dokumentation kommen verschiedene Menschen zu Wort, die sich von ihm haben bluffen lassen, die ihn zum Teil aber bis heute noch als Freund sehen, Ex-Freundinnen, Ex-Gattin, die immerhin Partnerin von McKinsey war mit Millioneneinkommen; der Mensch ist von der menschlichen Seite wohl immer verführbar, gerade im harten Geschäft, anfällig für einschmeichelnde Komplimente.

Es kommen ehemalige Nachbarn zu Wort, eine Galeristin, ein Maler, ein FBI-Mitarbeiter, ein Autor, der als Revanche für den Betrug ein Buch über den Hochstapler geschrieben hat und einige Szenen daraus vorliest.

Dass eine seiner falschen Identitäten aufzufliegen drohte, dürfte der Anlass für den Mord (oder gar die Morde) gewesen sein; verschwinden lassen von Zeugen.

Der Film erzählt chronologisch, schneidet immer wieder das Interview mit ihm dazwischen und blendet dabei auch zurück an den Ort seiner Jugend. Er macht heute im Gegensatz zu Fotos aus seinen besseren Zeiten keinen glücklichen Eindruck; wenn er spricht erinnert er in seiner heftigen Kopfsprache an den ehemaligen Ministerpräsidenten Stoiber.

Auch wenn hier die bittere Note des Mordes hinzukommt, so ist der Film doch vergnüglich anzuschauen, weil es darum geht, was kann man einem Menschen glauben und was nicht, wie leicht und gerne lässt jemand sich täuschen, wie schon köstlich zu beoachten war in Beltracchi – Die Kunst der Fälschung.
Dumm sind solche Menschen ja nicht – eher scheint etwas schief gelaufen zu sein in ihrem Leben.

Bayern erleben: Charles Schumann – Von Kirchenthumbach in die Welt (BR, Montag, 19. September 2016, 20.15 Uhr)

Was hebt den legendären Münchner Barkeeper Charles Schumann von so vielen anderen Promis hervor?

Nicht unbedingt, dass er eine Promi-Bar betreibt, dass er sich mit Promis schmückt. Nicht unbedingt, dass er ein weltberühmtes Bar-Buch geschrieben hat, das sich im Lay-Out an Bibelausgaben orientiert, nicht unbedingt, dass er als Model für eine Modemarke über die Laufstege der Welt geschritten ist und sicher noch weniger, dass er ein alleinerziehender Vater ist (da ist er schon in einem anderen Film zu sehen gewesen), das alles sind Dinge, die andere auch tun und machen.

Am Augenfälligsten scheint zu sein, dass er ein denkender Mensch ist, der sein Handeln begründet, der seinen Weg geht, der für ihn stimmig sein muss – und da unterscheidet er sich doch von vielen, deren Weg sich allein an der angepeilten oder zu verteidigenden Position am Promigestirn orientiert, an der Spekulation auf Einschaltquoten, Auflagenzahlen, Klicks, allein darauf, im Gespräch zu bleiben, erwähnt oder zitiert zu werden.

Diese Denke scheint Schumann fremd. Richtig sympathisch ist es, wie sein Personal der Dokumentaristin Marieke Schroeder Auskunft über den Chef gibt, mit ungewohnter Offenheit, die Prägung durch den Chef ist sichtbar und dass sie sich wohl fühlen dabei und Stolz spricht aus ihnen.

Allerdings ist Schumann auch ein Mensch, der von ständiger Unruhe getrieben ist. Er selbst beschreibt das als Flucht vor sich selber. Er weist auf dunkle Momente in seiner Geschichte hin, die er auch gar nicht verbalisieren möchte (Priesterseminar in Regensburg). Er schaut lieber optimistisch nach vorne. Er habe „immer seinen eigenen Ticker gehabt hat“ meint ein Bekannter. Was Schuman betreibt, das tut er mit Leidenschaft und dem Ziel, der Beste zu sein. Er hat eine Philosophie zu seinem Beruf. Er ist ein Mensch mit Ecken und Kanten. Er kann Menschen auch stehen lassen mitten im Gespräch. Eigentlich passt so eine Dokumentation gar nicht zu ihm.

Schumann erscheint als eine Persönlichkeit, wie sie in unserer Karrierismuswelt höchstens mit der Lupe zu finden sind und der offenbar nicht nach diesem Fernsehauftritt gegiert hat, wie so viele andere es tun oder täten.

Ein Mensch, der die Einfachheit liebt (vielleicht zieht gerade das die aufgebrezelten Promis besonders an); er würde den Laden lieber kleiner halten. Er stammt aus einem Dorf mit 2000 Seelen. Für ihn war das Anpacken im Stall eine Selbstverständlichkeit, wie sein Bruder sagt, ein hilfsbereiter Mensch auch, der in der Bar immer alles im Blick haben muss.

Chodorkowskis neue Freiheit (BR, Dienstag, 13. September, 22.30 Uhr)

In der ersten Dokumentation über den ehemaligen russischen Oligarchen Michail Chodorkowski (Der Fall Chodorkowski) hatte Cyril Tuschi noch über einen in Sibirien gefangenen Mann zu berichten, der ein Politikum war, ein Weltpolitikum, eine offene Wunde im Image des Machthabers Putin.

Das dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum der russische Autokrat Putin Chodorkowski nach zehn Jahren Gefängnis entlassen hat. Heute ist Chodorkowski keine tickende Zeitbombe mehr für die Macht von Putin, er hat kaum noch News-Brisanz – so wenig wie ein Film über ihn. Die Bombe Chodorkowski wurde durch die „Begnadigung“ von Putin geschickt entschärft.

Insofern hat es dieser zweite Film schwerer.

Chodorkowski lebt jetzt im Exil in Zürich. Im Interview spricht er von den Spielregeln zwischen ihm und Putin, gegen den er mit einer Partei antreten wollte und dem er nie zugetraut hätte, dass er ihn tatsächlich ins Gefängnis bringt.

Jetzt schwebt Chodorkowski als stille Drohung über seinem Gegner, über Ruslland, im Weltall; das zeigt Tuschi in einer immer wieder dazwischen geschnittenen Animation, in einem Raumschiff über der Erde, über Russland, in welchem Chodorkoswki wie ein Magier Computerprogramme von politischer Relevanz dirigiert.

Konkret bedeutet das, er nimmt eine Gründung von 2001 wieder auf, die Plattform „Open Russia“. Sie dient der Vernetzung der Oppositionellen, zu deren Unterstützung, zur Verbreitung demokratischen Denkens und der Entwicklung einer Ziviligesellschaft, der Grundlage eines Rechtsstaates, den Putin immer weiter ruiniert und damit auch wirtschaftlich in den Abwärtssog bringt, und wie aus einem Statement im Film zu hören ist, baut er stattdessen Feindbilder auf, beginnt Kriege und schart so die Bevölkerung im Landesinneren um sich.

Die Aufgabe für Tuschi war diesmal schwieriger, weil Chodorkowski nicht die große Bühne sucht. Er agiert im Hintergund; die im Dunkeln sieht man nicht. Er tritt international als gefragter Redner auf in Paris (Le Monde), in Berlin (Heinrich-Böll-Stiftung), in Oslo (Freedom Forum) oder in Genf (CICG, Summit for Human Rights and Democracy).

Chodorkowski hat finanziell keine Sorgen. Er verfolgt das langfristige Ziel einer Demokratisierung Russlands, auch Putin wird nur eine begrenzte Zeit an der Macht bleiben. Chodorkowski verfolgt seine Ziele systematisch, wie ein Beispiel aus Lettland zeigt, wo er 100 Prozent Kontrolle über das Projekt Medusa verlangt, falls er es unterstützen sollte; die Initiatorin lehnt daraufhin dankend ab. Chodorkowski unterstützt Oppositionspolitiker in Russland und die Beobachtung von Wahlen mit dem Projekt “Open Election“.

Die Dokumentation wartet nebst dem eher unspektatkulären, zentralen Interview mit Chodorkowski in Zürich mit viel Beifang auf über die verteilte russische Opposition wie die Politikerin Maria Baranowa, aber auch außerhalb Russlands, weil die Repression im Lande immer stärker wird; das Thema der Ermordung Nenzows; eine Dokumentation mit großem Reisebudget zwischen Tel Aviv, Oslo, Paris, Berlin, Zürich, Kiew, Moskau.

Der stilisierter, vercomicte Putin, der in einem Raumanzug steckt, klopft von außen an die Scheiben von Chodorkowskis Raumschiff, eine Drohung.

Problem: wie mach ich einen Film über jemanden, der sich entzieht, der im Hintergrund agieren will und der doch wahrgenommen werden will?

Hardcore (DVD)

Deutlich spannender – und vor allem härter – als der hierzulande so hochgejubelte Victoria ist dieser atemlose 90-minütige Trip im Sitz des Wahrnehmungszentrums einer roboterhaften Kampfmaschine durch ein düsteres Moskau, und wirkt so, als sei er ohne Zwischenschnitt gemacht.
Stefes Review.

Kilo to Bravo (DVD)

Ein Antipersonenminenfilm – bis zur Zerreißspannung.

An die Nieren gehender, durchkomponierter Stillstand unter praller Sonne in der Wüste im Afghanistankrieg auf einem Minenfeld in der berüchtigten Helmlandprovinz.

Laut Abspann ist es dann doch nur ein Heldengedenken- und Heldenverehrungskriegsfilm und insofern ein Propagandafilm nach der schrecklichen Begebenheit im Kajaki Minenfeld in einer der gefährlichsten afghanischen Provinzen anno 2006 in der Helmland Provinz, der verlustreichsten Provinz in der Afghanistaninvasion der NATO; über einige der Original-Beteiligten ist im Abspann zu lesen „all continue to serve their Regiments, Queen and Country with pride and destinction“. Und jetzt bitte die Nationalhymne und Fahnenaufzug und strammstehen.

Dabei wirkt der Hauptcontent dieses Filmes von Paul Katis nach dem Drehbuch von Tom Williams alles andere als ein Propagandafilm. Das ist selten im Kriegsfilmgenre: diese hohe Konzentration, der überwiegende Verzicht auf Action, die Umsetzung der unter der Lupe genommenen Situation im Minenfeld von Kajaki mit theatraler Strenge, auch was den Rhyhtmus betrifft, die hauptsächliche Reduktion auf diese enge, verminte Passage eines ausgetrockneten Flussbettes, das an den sandigen Stellen ein nicht erkennbares Minenfeld ist.

Theatral auch insofern als der Hauptheld in einer der letzten Einstellungen wie in einem Bühnenschlussbild am Boden kniet. Auch das ist selten: ein Kriegsfilm, bei dem so viele Soldaten so lange vor allem auf den Knien sind. Denn das Gebiet ist gefährlich, jede Bewegung, ja eine geworfene Wasserflasche kann die nächste Mine zur Explosion bringen.

Theatral beeindruckend ist auch die Dosierung von Ruhe, Zwiegespräch, in der Kadenz von letzten Worten, letzten Witzen und einem letzten Happy Birthday, und auch der Schmerzenssschreiorgien; theatralisch, jedoch verstanden als Mittel zur Verstärkung der filmischen Wirkung, auch was die Schminke der Minenverletzungen betrifft, diese aufgequollenen Lippen, diese verschiedenen Hautfärbungen, die Fleischklumpen, das wäre für jeden Horrormaskenbildner eine Herausforderung; schmerzhafte Details der Erstversorgung von Patienten mit Bein- und Armverlusten, ein quälend langsames Drama, nicht im Sinne von langweilig; harte Kriegskost, nicht für schwache Nerven.

Zur Glaubwürdigkeit tragen auch diese teils kaum verständlichen britischen Dialekte bei und die unendliche Zeit, kaum auszuhalten, die vergeht, bis endlich die rettenden Black Hawks kommen und waghalsig die Verletzten in die Höhe ziehen. Wobei das Sujet schon öfter zu sehen war in Afghanistan-Filmen: eine Patrouille geht los von einem erhöhten, einsamen Ausguck aus, auf welchem vorher die Zeit mit Rumhängen, sportlichen Übungen, Small-Talk über Familie und Sex und Gay und Pricks und Tripper und Fucking und Ratschen zerbröselt wird, mit Zigarettenrauchen und wieder die Gegend beobachten friedlich, fast wie im Sommercamp.

Bald tritt einer auf eine Mine. Das wars dann aber schon mit der Gemeinsamkeit zu anderen Filmen, zum Beispiel der dänische A War. Hier hat der Film sein Zentrum, seine zentrale Schaustätte gefunden, auf die die Filmemacher einen teils kaum erträglichen, schon gar nicht für zarte Gemüter, unbeirrbaren Blick werfen und kaum Details auslassen.

Umso mehr schwebt die ganze Zeit die Frage im Raum, was machen die hier bloß in dieser Einöde? Der Film ist insofern auch aktuell, weil in England eben untersucht worden ist, wie rechtens und berechtigt die Entscheidung von Tony Blair für den Irakkriegeinsatz gewesen ist.

Der Afghanistankrieg dagegen, der ist schon fast vergessen, vor allem: verdrängt. Dass irgendwas am Hindukusch nicht so ganz in Ordnung ist, erfährt man lediglich an den stetig steigenden Zahlen von Flüchtlingen aus Afghanistan. Schöne Inschrift anfangs auf einem Felsen zu lesen: „Please leave all Morale here“. So wirkt der Film als engagierter Kriegsverarbeitungsfilm.

Der Titel ist ein Wortlaut aus dem Funkverkehr.

Kommentar zu den Kinostarts vom 18. August 2016

stefe macht Pause und lässt sich faszinieren von drei kurzen youtube-Clips über Harpyien, die sehr sehr lange und sehr sehr genau ihre Umgebung beobachten, bis sie zum ersten Jagdflug ansetzen und die hoch über dem Dschungel logieren – Abbild des Filmkritikers?

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Zu diesen Philosophenvögeln passt durchaus der Neustart CAPTAIN FANTASTIC – EINMAL WILDNIS UND ZURÜCK, in welchem es um pädagogisch-ideologisch-emanzipatorischen Zugriff gegen die Schulweisheit geht mit einem Exkurs in die Wildnis.

Klänge des Verschweigens – ein detektivischer Musikfilm von Klaus Stanjek (DVD)

Symptom und nicht Einzelfall.

Erkundung eines prekären Bewusstseins zu den Themen Nationalsozialismus, KZ und Schwule im familiären Bereich; dass es sich dabei nicht um einen privaten Einzelfall, sondern um ein nach wie vor latent gesellschaftliches Phänomen in Deutschland handelt, zeigt der Umgang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit diesem Film von Klaus Stanjek. Der WDR habe lange gezögert, bis er ihn überhaupt gesendet habe, war zu erfahren, dadurch seien dem Filmemacher die Hände lange Zeit für eine weitere TV-Verwertung gebunden gewesen, dann sei der Film um 01.45 Uhr nachts ausgestrahlt und anschließend nicht wie üblich in die Mediathek gestellt worden. Deutschland soll offenbar nichts über sich erfahren; soll nicht in den Spiegel schauen.

Das wäre sicher eine spannende Rechercheaufgabe, zu erkunden, warum genau der WDR und andere fördernde Gremien diesen Film so stiefmütterlich behandelt bis abgewiesen haben, denn fachliche Einwände dürfte es kaum geben, handelt es sich doch um eine erstklassige Dokumentation. Dieses Verhalten bestätigt geradezu die Wichtigkeit des Filmes. Vor allem wenn man bedenkt, was uns sonst aus dem Bereich der Zwangsgebührenkunst alles an Belanglosigkeit vorgesetzt und zugemutet wird.

Es muss sich also um ein ganz heißes Eisen handeln, was Klaus Stanjek hier behandelt. Außerdem ist die Dokumentation auch noch spannend, denn der Filmemacher schreibt nicht einfach die Biographie seines Onkels, des Musikers Willi Heckmann, der schwul und deshalb im KZ war. Stanjek geht von seiner eigenen Wahrnehmung und Neugier aus. Er begibt sich auf eine Erkundungsreise dem Gefühl nach, was denn so besonders an diesem Onkel war.

Wie Stanjek Filmemacher geworden ist und ein paar Dinge vom Onkel erfahren hat und einen Film über dessen Leben machen wollte, lehnte dieser ab. Erst nach dessen Ableben entschied sich Stanjek für dieses Projekt, diese Spurensuche nach einer verschwiegenen, verdrängten Vergangenheit, mit welcher ihm ein schmerzhaftes Bild eben nicht nur über seine Familie, sondern generell über die Mechanismen von Verdrängung, Nicht-Wahrhaben-Wollen und von Sprachlosigkeit in einer deutschen Familie gelingt (da läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn man erfährt, dass die Familie des Amokläufers in München auch nicht die geringste Ahnung von den Aktivitäten ihres Sohnes, der bei ihnen in der kleinen Wohnung gelebt hat, hatten).

Stanjek kommt damit nah an eine gesellschaftliche Realität, die sich der Schilderung geschickt immer wieder entzieht. Er dokumentiert nicht primär die Biographie seines Onkels, sondern die Unfähigkeit oder Schwierigkeit seiner Umgebung, über ihn und die mit ihm verbundenen Themen zu sprechen. Wobei heute zwar sowohl Nazizeit-Aufarbeitung als auch Schwulität öffentliche und förderungswürdige Themen sind, solange sie als Themen auf der öffentlichen Bühne ausgestellt werden; aber eben nicht, wenn es um die Rezeption und Behandlung in der privaten Stube geht. Im Film von Stanjek offenbart sich eine erheblich Divergenz zwischen öffentlicher und privater Aufarbeitung.

Indirekt wirft Stanjek somit die Frage auf, ob diese ganze Aufarbeiterei und Thematisiererei nicht viel mehr Etikett und Pseudogeplappere als ernsthafte Auseinandersetzung sei. Es ist eben ein Unterschied, ob etwas den privaten Bereich berührt oder ob es sich bloss um ein öffentliches Verhandlungsthema handelt.

Willi Heckmann, der Onkel des Filmemachers, war ein Mann mit Geheimnis, ein unterhaltsamer, famoser Musiker und Sänger. Der kleine Bub Klaus Stanjek bewunderte ihn und spürte, dass er etwas Besonderes sei. Dieses Besondere war vielleicht dadurch noch interessanter, als nicht darüber gesprochen wurde.

Selbst nach Artikulation der beiden Themen der Besonderheit, nämlich der Homosexualität und der durch sie begründeten 8-jährigen KZ-Haft ohne Prozess, bleibt noch das Geheimnis, wie konnte der Onkel Dachau und Mauthausen so lange aushalten? Die durchschnittliche Überlebensdauer der Gefangenen war anfänglich 6 Monate, später nur noch drei. Und der Onkel sei kein Schläger gewesen in dem brutalen Kampf ums Überleben, sagt ein Schicksalsgenosse und Zeitzeuge.

Dieses Geheimnis kann der Filmemacher Klaus Stanjek auch nicht lüften. Die Arbeiten im Steinbruch waren mörderisch, er fragt sich, wie Willy das mit seinen zarten Musikerhänden überstanden haben kann.

Es gibt Hinweise. Stanjek ist auf Fotos gestoßen, auf Augenzeugen im Rahmen seiner weiterführenden Recherche. Willy war als Musiker im KZ bevorzugt, konnte der SS bei speziellen Anlässen vorspielen. Die Musiker mussten auftreten beim Besuch von Göring und anderen SS-Chargen, bei Galaabenden im Speisesaal. Die Musiker sollten den Eindruck von Kultur aufrecht erhalten, von Menschlichkeit, wobei die Entmenschlichung der Gefangenen in kürzester Zeit vonstatten ging, wie ein Überlebender erzählt.

Ein grausame Kerngeschichte dieses KZ-Lebens rankt sich um ein Bild von einem Umzug mit dem Gefangenen-Orchester, der Onkel mit der Harmonika und im Sträflingsanzug vorne mit dabei. Hinter ihnen wurde auf einem Wagen ein geflohener und wieder eingefangener Häftling stehend zur Hinrichtung gezogen. Der Weg wurde von Spottliedern begleitet.

Stanjek spielt filmtechnisch gerne mit den Archivfotos, animiert sie, wodurch ihnen die grauenhafte Tristesse etwas genommen wird.

Bei seinen Nachfragen in der Familie stößt Stanjek auf ein typisches und immer noch weit verbreitetes Problem, wie eine „normale“ Famillie sich auch heute noch schwer tun kann mit dem Thema Homosexualität, und dass das in der eigenen Familie vorkommen kann und wie es am liebsten als Nicht-Thema behandelt wird.

Eine Verwandte will überhaupt erst auf der Rückfahrt von der Beerdigung des Onkels davon erfahren haben. Andere tendieren dazu, Homosexualität mit Kinderschänderei gleichzusetzen, weil Heckmann, das entnimmt Stanjek einem Archiv-Hinweis, mit einem „Hitlerjungen“ etwas gehabt habe; wobei diese just keine Kinder mehr waren.

Auch das Geheimnis kann Stanjek nicht lüften, warum die bürgerliche Welt, wobei hier vor allem Frauen aus seiner Verwandtschaft und frühere Nachbarinnen interviewt werden, sich mit dem Thema so schwer tun.

Eindrücklich sind die Berichte ehemaliger Häftlinge. Aus den Interviews gibt’s auf der DVD, zum Memorieren sozusagen, nochmal Kurzausschnitte als Bonusmaterial gekennzeichnet, auch aus den Besuchen in Archiven und dem Besuch im schwulen Museum in Berlin.

Das Booklet zur DVD enthält angenehm knappe und informative Texte zur Geschichte der Homosexuellenverfolgung, ein Gespräch über das berühmte Harmonika-Bild, Infos über das Leben im KZ, Lagerorchester, Schlagerschreibstube, die Privilegien der Musiker, über den Steinbruch in Mauthausen, das Familientabu, Denunziation in Wuppertal, Wuppertal und Göbbels.

Sprachlosigkeit in der Familie, filmisch aktuell in Pedro Almodovars Julieta, tagespolitisch höchst akut im Falle eines jungen Attentäters von München, der unaufällig im Schoß seiner Familie lebte, die von den Aktivitäten des Sohnes nichts mitbekommen haben will.