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Lebenslinien – Hannes und seine Weihnachtsgeschichte (BR, Montag, 20. Dezember 2021, 22.00 Uhr)

Der innere Kompass

wird zwar nicht als solches thematisiert in diesen Lebenslinien von Monika Manoutschehri, aber der Protagonist Johannes scheint über einen solchen zu verfügen, der ihn sicher durch die misslichsten Lagen des Lebens navigiert.

Eine richtig schöne Weihnachtsgeschichte ist es, wie ein Mensch aus armen Verhältnissen, der früh seine Mutter verliert, mit 5 Geschwistern und einem alkoholkranken Vater zurechtkommen muss, und also wenig hatte, was ihm Selbstvertrauen einflößte.

Es gibt die Oma, die sich bedingungslos für die Familie einsetzt. In der Schule, in der er nicht glänzt, gibt es den Sport, das Turnen, da das Geld für Fußballschuhe fehlt. So kommen Erfolgserlebnisse zustande. Eine Lehre als Maurer, denn mit Holz will der Vatergeschädigte vorerst nichts zu tun haben, weil der Vater Schreiner war.

Eine Freundin, die ihn aus der niederbayerischen Provinz nach München lotst. Eine Beziehung, die in Enttäuschung endet. Ein Berufswechsel zum Drechseln, also wieder zu Holz, was zu einer Versöhnung mit dem Vater führt. Eine neue Freundin. Heirat. Enttäuschung.

Aber Johannes gibt nie auf, arbeitet weiter. Das Drechseln weckt in ihm Kreativität. Kunsthandwerk. Schwabinger Künstlerweihnachtsmarkt. Den leitet er 26 Jahre lang. Jetzt als Höhepunkt dieser Weihnachtsgeschichte scheint er endlich frei zum Künstler und in zweiter Ehe glücklich verheiratet, ganz neugierig, was sich aus Holz machen lässt. Die Teile, die er gefertigt hat und die zu sehen sind, faszinieren.

Das sind Lebenslinien, die zeigen, wie sich auf einem langen Weg ein entspanntes Selbstbewusstsein entwickelt, dem jegliche Poserei oder Wichtigtuerei fremd ist, ein Mensch mit Geheimnis, ein Mensch mit einem inneren Kompass.

Quo Vadis, Aida? (DVD)

Drama

Mit allen Mitteln des filmischen Dramas erzählt dieser Film von Jasmila Zbanic nach dem Buch „Unter der Flagge der UN“ von Hasan Nuhanovic die Geschichte des Massackers von Srbrenica, so dass sie den Zuschauer fassungslos macht, ihn erschüttert, ihn schier an der Menschheit verzweifeln lässt; umso mehr, als es sich um ein Ereignis von 1995 handelt, also aus der jüngsten europäischen Geschichte.

Filmisches Drama, das heißt, die Geschichte um eine hervorragende Protagonistin fokussieren. Es ist dies die Lehrerin Aida (Jasna Djuricic). Sie ist die Hauptheldin und Bezugsperson für den Zuschauer. Sie arbeitet bei der UN als Übersetzerin auf der dünn besetzten UN-Basis. Sie schafft es, wegen eines Verhandlungsauftrages, ihren Mann und ihre beiden erwachsenen Söhne auf die UN-Basis zu holen.

Vor deren Toren warten Tausende von Bürgern, die aus Srbrenica geflohen sind. Auf der Basis selber drängen sich in einem Hangar ebenfalls Tausende.

General Mladic hat Srbrenica eingenommen. Jetzt will er mit der UN über die geflohenen Bürger verhandeln. Die UN macht einen unglücklichen, schwachen Eindruck, die paar holländischen Soldaten, teils in kurzen Hosen und ärmellosen Oberteilen, ein Gewehr in der Hand. Sie versuchen verzweifelt mit der UN in Kontakt zu kommen, nach dem Verstreichen des Ultimatums den Einsatz der Bomber zu erreichen, die Mladic zurückhalten sollen. Keiner ist erreichbar bei der UN. Die sind wohl grad kurz mal verreist.

Die Vorgänge der Hilflosigkeit der UN, die brutale Falschheit und Rücksichtslosigkeit, der Zynismus von Mladic sind schmerzhaft zu verfolgen, umso mehr, als der Zuschauer im Normalfall weiß, dass die Geschichte mit einem grauenhaften Massacker enden wird; umso unerträglicher wirkt es, wenn der serbische General vorher noch Wasser und Brot an die ausersehenen Opfer verteilt; umso schwerer ist es, mitanzusehen, wie die schwächelnden UN-Soldaten diese dem Tod Geweihten widerstandslos an die Konvois aus Bussen und LKWs übergeben.

Vom Massacker wird im Film nur der Beginn gezeigt, ein Teil der Männer ist in einem leeren Kinosaal versammelt: die Todesschüsse kommen aus den Wanddurchbrüchen für die Projektion aus dem Vorführraum.

Dann macht der Film einen Sprung in die Heutezeit. Der Schmerz der Hinterbliebenen ist kaum darstellbar. Aida hat überlebt, aber nur sie. Sie ist noch zu sehen, wie sie in einer Halle die am Boden ausgelegten Knochen und persönliche Habe Exhumierter durchgeht, um an einer der Stellen zusammenzubrechen. Sie wird ihre Wohnung von früher besuchen, mit der jetzigen, schicken Bewohnerin sprechen. Sie wird wieder an der Schule unterrichten, eine junge Generation, der hoffentlich solche Dinge erspart bleiben. Übel, übel, wenn der Begriff der Schutzzone zu der der Todeszone wird, wenn Evakuierung Evakuierung zur Erschießung bedeutet. Unfassbares Drama. Und das nicht in grauer Vorzeit, sondern im fortschrittlichen Europa des ausgehenden zweiten Jahrtausends.

Das Böse gibt es nicht (DVD)

In feinster persischer Kinoschrift erzählt Regisseur Rassoulof, dass Persien ohne dieses Böse, was es doch gar nicht gibt, wie er in vier unabhängigen und doch wunderbar ineinander verzahnten Kurzgeschichten schildert, noch viel schöner wäre. Siehe die Review von stefe.

Tscherwonez

Was die sich 1982 im Fernsehen alles getraut haben!

Der Titelbegriff Tscherwonez steht für eine russische Goldmünze.

Einige davon hat der russische Matrose Dimitri (Tom Dokupil) in einer russischen Mamushka versteckt. Sein Schiff legt in Hamburg an. Die Matrosen dürfen Landgang machen, werden aber gewarnt vor den Verführungen und Sünden des Westens. Dimitri hat anderes im Sinn. Er will abhauen, in Hamburg bleiben, seinen Bruder besuchen.

Gabór Altorjay, der mit Randy Marie Hoffmann und Janos Márton auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert die Szene des Sich-Absetzens von Dimitri grotesk stilisiert mit parallelen Clo-Sitzungen. Die beiden Matrosen und die Frau, mit denen Dimitri den Landgang antritt, verschwinden auf öffentlichen Toiletten. Der Film, die Kamera bleibt überhaupt nicht diskret draußen. Alle haben sie ihr eigenes Geschäft, nur Dimitri zieht Privatklamotten an und startet seinen Fluchtversuch, der bald entdeckt wird. Er rennt lange durch Hamburg, bis er die Verfolger hinter sich gelassen hat.

Der Plot ist der, dass sowohl die russische Marine als bald auch die Polizei von Hamburg, zwei recht steril gezeichnete Zivis, hinter Dimitri her sind.

In aufregender Art nutzt Altorjay die Story, um ein Dokument nicht nur von Hamburg, sondern generell von der BRD zur Zeit von Helmut Schmidt als Bundeskanzler vibrierend und von aufpeitschender Musik begleitet zu zeichnen, denn Altorjay war ein exzellenter, aufmerksamer Beobachter der Zeit. Er packt die Dinge in den Film, die er für charakteristisch und wichtig hält.

Da kommt ein Autohändler vor, nicht etwa für eine deutsche Luxusmarke, sondern für Mazda. Die Zivis fahren zwar einen BMW, aber sie haben ein merkwürdiges Ritual, ihn vorm Fahren zu lockern. Es gibt freches Kabarett im Nachtleben, eine Spielhölle. Die Boat People haben die Zeit beschäftigt und „Ausländer raus“- Parolen sind noch die harmlosere Aktion gegen Flüchtlinge aus Vietnam; ein Brandanschlag darf es schon sein. Ein Eugenetiker aus Majdanek verdingt sich unauffällig als Fahrstuhlfahrer im Fernsehturm. Die Kommunikation funktioniert über öffentliche Telefonzellen – und deren Zustand. In seiner Show spielt einer einen russischen Soldaten (damals Besatzer, wie später die NATO), singt ein Lied über Kabul.

Altorjay spielt mit den Möglichkeiten des Filmes. Grundsätzlich ist dieser Film Schwarz-Weiß, aber Altrojay setzt dann auch wieder Farbfilter davor in Blau oder Braun.

Die aufkommende Überwachung ist ein Riesenthema. Es gibt einen Einblick in die Hamburger Verkehrsüberwachung mit einer enormen Bildschirmwand von wichtigen Kreuzungen und öffentlichen Plätzen.

Originell sind die Bilder zum Text „Bändige den Tiger“. Ein Matrose hat einen Tiger auf den Bauch tätowiert und bringt den durch Muskeleinsatz zum Leben. An der Würstchenbude gibt es zur Wurst den „Wursthalter“. Eine eigene Nummer sind die Matrosen, wenn sie beim Burger King versuchen, einen mehrstöckigen Burger zu vertilgen. Und als ob sie grinse, taucht eine „Lets go West“-Werbung auf.

Pankow 95

Die DDR über ihr Ende hinaus fortgeschrieben

Weitsichtig, hellsichtig, frechsichtig, schwarzsichtig hat Gábor Altorjay 1983 die Geschichte der DDR über ihr damals noch nicht zu erwartendes Ende hinaus in einer schrillen Farce mit gezielten Stilisierungen und Verfremdungen fortgeschrieben: der Staat mit Limousinen aus dem kapitalistischen Westen ist eine einzige Irrenanstalt, hat Probleme nicht nur mit seinen Patienten, sondern auch mit Geiselnahmen und den unberechenbaren Entwicklungen von Retortenbabies.

Weitsichtiger noch, was die heutige Pandemie betrifft: vor der Metzgerei müssen die Menschen dicht an dicht Schlange stehen, es darf nur je ein Kunde eintreten; das wird so geregelt, dass es nur einen Einkaufskorb gibt und den drückt der Kunde, der den Laden verlässt, demjenigen in die Hand, der in der Schlange zuvorderst steht.

Die Metzgersgattin Frau Zart wird von Christine Kaufmann mit einer Turmfrisur und sowieso hollyoodstarlike gespielt. Ihr Mann war wohl ein ambitionierter Musiker. Deshalb wurde der gemeinsame Sohn Johann Wolfgang Amadeus getauft; leider unbegabt. Er ist in der Psychiatrischen einer der Patienten. Er hat aber ein zweites Leben in den Tropen auf Santa Lucia. Er wird mit stierem Blick und monotoner Ausdrucksweise gespielt von Udo Kier.

Der Irrenarzt Dr. Werner Frisch wird gespielt von Dieter Thomas Heck, damals der wohl populärste Fernsehmoderator in Sachen Schlager; soviel zum Seitenhieb auf die Hitparade. In die Zelle von Amadeus wird Armin (Tom Dokupil) eingeliefert. Er ist grün geschminkt, eine erbarmungswürdige Kreatur und das Retortenbaby, was zwanghaft schwangere Frauen angreift.

Es gibt weitere schräge Vögel in der Klinik, Angelo (Angelo Galizia), dem eine Herkunft von einem argentinischen Diktator nachgesagt wird und der Ungar Lajos (Karel Dudesek). Zwischendrin gibt es Gesangseinlagen.

Die Figuren sind generell nicht realistisch weder gekleidet, noch frisiert, noch geschminkt, es ist absurdes Theater in abstrakten Räumen. Man kann nur schauen und staunen, was die sich 1983 getraut haben, welch höheren Blödsinn bis zur abgrundtiefen Diktaturlächerlichmachung. Sowas traut sich heute keiner mehr.

Für das Museum reif ist das frühe Videospiel „Cupids Arrow“. Und über die Datenschutzdebatte in der BRD wird hier nur der Kopf geschüttelt. Auch mit der Bildbearbeitung wird experimentell vorgegangen, speziell in eingespielten Super-8-Filmen mit Kolorierung oder gar Farbumkehr.

Feinstes Filmhäppchen aus grauer Fernsehvorzeit.