Nordisches Drama – wie ein episches Gemälde über die Zeitlosigkeit von Leben und Schicksal.
Siehe die Review von stefe.
Nordisches Drama – wie ein episches Gemälde über die Zeitlosigkeit von Leben und Schicksal.
Siehe die Review von stefe.
Hat Hossam eine Wahl?
Hossam ist der erwachsene, große Bruder des Jungen Maro, der noch schulpflichtig ist. Der Vater der Jungs hat in einem Stahlwerk gearbeitet. Er ist dort zu Tode gekommen; die Todesumstände erleben verschiedene Erzählungen, es heißt, er sei herzkrank gewesen, von einem Unfall ist die Rede.
Die Mutter ist mit einem kranken Bein an die bescheidene Wohnung gebunden. Nach dem Tod des Vaters kehrt Hossam aus den Bergen zurück. Er selber hat eine Schulausbildung abgebrochen, was er in den Bergen tut und mit wem, das wird besser nicht öffentlich. Er kehrt zurück, um in der Fabrik an der Stelle seines Vaters zu arbeiten und damit die Mutter und den Bruder zu ernähren.
Der kleine Bruder will unbedingt auch in der Fabrik arbeiten, als Handlanger und Bursche für alles ist er zu gebrauchen.
Mohamed Rashad schildert diesen Reintegrationsversuch ins Arbeitsleben unsentimental in dokumentierender Art und bringt uns so ein Stück ägyptischen (der Film spielt in Alexandria) Alltags ganz unsentimental und unpolemisch näher. Er baut auch den Ansatz zu einer Liebesgschichte ein, die, beinah kurios zu nennen, beginnt und diskret im Hintergrund bleibt.
Der kleine Bruder ist ein wacher Beobachter dessen, was sein älterer Bruder tut, er schreckt nicht davor zurück, in dessen Schrank zu wühlen, ja sich eines T-Shirts von ihm zu bemächtigen und es anzuziehen und den Bruder auf die Frage darnach dreist anzulügen.
Maro wird Zeuge, wie alte Welten den größeren Bruder wieder einholen und auch, wie dieser in der Fabrik nur skeptisch beäugt und aufgenommen wird. Die Gründe dafür sind nicht nur edel oder aus purer Schätzung für seinen Vater. Ein Bericht aus prekärer Welt. Ein Bericht aus Ägypten, nicht aus dem touristischen, nicht von dem von Gizeh, Abu Simbel oder vom Roten Meer.
Verwegene Frau
Verwegen im Sinne von ver-wegen, also dass jemand vom Weg abgekommen ist oder mit dem Weg ein Problem hat, dass der Weg ins Wanken geraten ist.
Iga (Jana McKinnon) ist so eine Frau. Viel erfahren wir nicht über sie. Sie ist Wienerin, hat sich von ihrem Freund getrennt; sie macht sich mit seinem Auto von Wien aus auf den Weg nach Schottland, wo er sich offenbar aufhält.
Verwegen im Sinne, sie macht sich auf den Weg, aber sie weiß nicht so recht, ob nun mit ihm Schluss ist, ob sie wirklich Schluss machen soll oder ob es doch noch was wird. Eine Frau in einer verwegenen Situation. Eine zaudernde Frau.
Unschlüssigkeit oder Halbschlüssigkeit, das scheint Regisseurin und Autorin Isabella Brunäcker zu faszinieren. Das ist manchmal auch viel spannender, wenn ein Mensch nicht so recht weiß, ob er nun aufhören soll oder nicht.
Immerhin ist Iga auf dem Weg. Sie fährt allein. Sie hält an Parkplätzen, sie geht zur Toilette. Sie raucht eine Zigarette. Sie zieht ihre braune Lederjacke an, wenn sie aus dem Auto steigt. Es ist kalt. Es ist winterlich.
Auf einem Parkplatz wird sie von Scotty (Joe Usher) angesprochen. Er spricht Englisch und will zurück zur Insel. Iga zögert, ihn mitzunehmen. Zuerst sagt sie, sie nehme niemanden mit. Aber Scotty spürt, dass diese Absage nicht entschieden genug ist. Er fragt nochmal. Ein Hin und ein Her setzt ein. Schließlich sagt sie doch ab.
Aber irgendwie hat sie Mitleid oder irgendwas reizt sie. Jana McKinnon spielt das schön aus. Dann fahren beide zusammen. Der Dialog holpert, bröselt, bröckelt. Sie will ja nicht. Und wenn zwei Menschen auf so engem Raum zusammen sind, dann plaudert man doch.
Er sei auf einer Party in Italien gewesen. Er hat eine vorgeschobene Begründung dafür, dass er trampt. Sie rückt raus damit, dass sie nach Schottland unterwegs sei, um mit ihrem Freund Schluss zu machen und ihm seine Sachen zurückzugeben, aber auch, um ihn nochmal zu sehen. Eine halbentschlossene Sache.
Die Regisseurin lässt sich nicht auf das simple, wie naturgegebene, übliche und häufige Männchen-Weibchen-Programm ein, kennenlernen und dann schnackelts. Auch das bleibt in der Schwebe. Es gibt Andeutungen, ja einen kleinen Abstecher ans Meer unternehmen die zwei. Die Gespräche streifen um den Sinn des Lebens, die Liebe, die Ziele, Nahtoderfahrung. Das Roadmoad nimmt eine Wendung ins Actionhafte.
Realitätsverlust
Ein gar nicht so seltenes Phänomen: die postnatale Depression, die Mütter nach einer Geburt erleiden können.
Dieses Themas hat sich Johanna Moder (Waren einmal Revoluzzer), die mit Arne Kohlweyer auch das Drehbuch geschrieben hat, angenommen.
Wiener Luxusmileu, teures Loft. Das Ehepaar Julia und Georg, die wunderbaren Schauspieler Marie Leuenberger und Hans Löw, haben einen unerfüllten Kinderwunsch. Der exklusive Lebensstandard wird mit ihrem Beruf begründet. Sie ist eine erfolgreiche Dirigentin.
In der Luxusklinik von Dr. Vilfort (Claes Bang) gelingt die Insemination. Bei der Geburt treten Schwierigkeiten auf. Der Film lässt sich Zeit dafür. Schließlich kommt das Knäblein zur Welt, wird aber sofort von den Eltern separiert. Relativ lange werden sie im Dunkeln gelassen, was mit dem Kind ist. Der Zuschauer auch.
Es folgt die Entwarnung, es sei alles in Ordnung, es habe sich nur die Nabelschnur um den Hals gelegt und zu einem Sauerstoffmangel geführt, ohne weitere Schäden.
Die Mutter fremdelt. Wie skeptisch sie ihr Kind zum ersten Mal betrachtet, wie sie kaum sich traut, es zu berühren, wie sie sich mit dem Stillen schwer tut. Überhaupt scheint das frisch gebackene Elternpaar durch den Wind. Sie können sich nicht mal für einen Namen für das Baby entschließen.
Der Film schildert den Fortgang der postnatalen Depression von Julia. Er geht auf das Problem mit dem Job ein. Er zeigt auf, wie Julia zusehends Misstrauen zu Dr. Vilfort aufbaut. Wie sie der Hebamme Gerlinde (Julia Franz Richter) gegenüber, die sich noch weiter um das Kind bemüht, auf Distanz geht. Julia versinkt zusehends in einer autonomen Welt der Irrealität, die so weit geht, dass sie bereit wäre, das Kind wegzugeben. Sie will wieder arbeiten.
Der Film macht spürbar, ein wie großer Eingriff in das Leben von Eltern das plötzliche Vorhandensein eines Kindes bedeutet. Und er schreckt nicht davor zurück, im Zusammenhang der Depressions-Schilderung auf filmische Horrorelemente zurückzugreifen.
Es wird klar, wie schwierig es ist, zu einem von einer Depression befallenen Menschen einen Zugang zu finden. Aber es gibt Medikamente. Ein gewisses Magengrummel befällt mich immer, wenn Kinder, erst recht Säuglinge, im Film eingesetzt werden; hier erhält der kleine Bub ganz schön viel Leinwandpräsenz.
Atmosphäre der Undurchsichtigkeit
Der Selling Point für diesen Film von Mehmet Akif Büyükatalay dürfte die Koranverbrennung sein. Die ist ein emotionsbeladenes Thema und es wird auch die Koranverbrennung in Schweden von 2023, die weltweit Aufsehen erregt hat, zitiert.
Allerdings behandelt der Filmemacher klugerweise nicht diese Aktion. Dazu gibt es eine knappe, fachliche Darstellung eines Imams über unterschiedliche Möglichkeiten der Verbrennung, solche die tolerabel seien und eben die anderen.
Um eine Koranverbrennung herum arrangiert und baut der Regisseur eine thrillerhafte Story, die in die Tiefen oder in die Untiefen der Menschen hineinleuchtet.
Es sind Menschen aus einem Filmteam. Der Filmemacher Ygit (Serkan Kaya) dreht einen Film, zu dem er durch einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim inspiriert wurde. Es gibt die Szene, in der das Heim in Flammen aufgeht. Als Darsteller konnte er reale Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft gewinnen. Das Problem ist, dass bei dem Brand auch ein Koran verbrannt wurde. Das entdeckt einer der Darsteller bei einer Szene, in der sie die Brandreste wegräumen müssen, und er thematisiert das.
Dreh- und Angelpunkt der Zirkels von Verdächtigungen ist Elif (Devrim Lingnau; eine deutsche Schauspielerinnen von internationalem Kinoformat). Die ist zufälligerweise in einer Hilfsfunktion, als ein Mädchen für alles, zu dem Team gestoßen.
Der Kriminalfall selbst ist der Diebstahl der Kassetten mit den Brandszenen drauf. Hinzu kommt eine gewisse Schusseligkeit von Elif. Sie verliert noch die Schlüssel zur Wohnung des Regisseurs, in der sie übernachten kann. Sie hat aber auf ihrem Computer eine Überwachungsfunktion installiert.
Vermutet wird, dass das Verschwinden der Kassetten mit dem verbrannten Koran zu tun haben könnte. Zum Kreis der Verdächtigen und der Verdächtigenden gehören weiter die nicht ganz durchsichtige Lilith (Nicolette Krebitz), der Atheist Mustafa (Aziz Capkurt) und Said (Mehdi Meskar).
Mehmet Akif Büyükatalay schafft durchgehend eine im deutschen Kinos seltene Thrilleratmosphäre. Das hat zu tun mit exzellenter Schauspielerführung (und auch: -auswahl), damit, dass er nicht zu viel Energie auf die Ausleuchtung verschwendet und auch mit der Kamera, die ihr Teil zu einem glaubwürdigen Realismus beiträgt.
Das Problem der Differenz on-screen und behind-screen, also der Unterschied zwischen Rolle spielen und privat, was oft in Film-im-Filmen zu wenig gut gelöst ist, meistert er hervorragend.
Nur bei der Auflösung, wenn am Schluss alle Tatverdächtigen in einem Raum versammelt sind, da bleibt zum Aufholen auf Agatha Christie noch Luft nach oben. Mit einer Trash-Phase am Schluss vermeidet der Film jegliches Abgleiten ins Drama oder Melodram.
Vom Blitz getroffen
Dies ist ein Film von der Art „Was wäre wenn?“, eine Fantasiegeschichte – nicht ohne Hintergedanken.
In den Weiten Argentiniens ist Platz für besonders aparte Geschichten. Und was ist naheligender, als auf einer Farm anzufangen mit einer Tierärztin, mit Amanda (Mariana Di Girólamo, der man so schon gerne zuschaut), die Ada genannt wird. Sie ist mit Jano (Guillermo Pfening) zusammen, eine Beziehung, die es nicht mal lohnt, als nicht weiter erwähnenswert zu erwähnen.
Ada ist bei einem Gewitter auf freiem Feld bei der Geburt eines Kalbes dabei. Sie wird vom Blitz getroffen. Es wird sich zeigen, das scheint in Argentinien öfter zu passieren. Sie überlebt und wacht Monate später in einer Klinik auf. Der Blitz hat rotadrige Spuren auf ihrer Haut hinterlassen. Aber es sei alles in Ordnung und bald könne sie nach Hause.
Ada erhält Besuch von dem ihr unbekannten Juan (Germán Palacios). Er kenne sich da aus und sollten sich bei ihr Folgen oder Nebenwirkungen zeigen, so möge sie sich vertrauensvoll an ihn wenden. Er hinterlässt eine Visitenkarte.
Jetzt bekommt die Fantasie von Lucía Puenzo, die mit Lorena Ventimiglia auch das Drehbuch geschrieben hat, einen beachtlichen Schub. Juan sieht abenteuerlich aus, abgründig mit seinen teils weißen Haaren, dem schmalen Gesicht, dem tiefen Blick.
Ada leidet unter Folgeerscheinungen und die Medikamente, die ihr die Schulmedizin verschreibt, vergräbt sie lieber. Sie begibt sich zum Anwesen von Juan. Dort trifft sie auf eine Art Selbsthilfegruppe Blitzgeschädigter; obwohl der Begriff Selbsthilfegruppe nicht ganz zutrifft.
Juan ist der Guru. Es versammeln sich lauter Leute, die vom Blitz getroffen worden sind und diese geäderten roten Linien auf der Haut haben. Sie erzählen ihre Geschichten. Das erinnert an in Filmen beliebte Szenen mit Gruppensitzungen der Anonymen Alkoholiker.
Die Gruppe ist proaktiv in der Behandlung ihrer Themas. Sie will mit kontrollierten Versionen des Blitzschlages experimentieren. Sie fahren hinaus ins flache Land, den Gewittern nach, sie fordern das Schicksal direkt hinaus. Aber es gibt auch eher meditative Übungen.
Das war aber noch nicht die Grenze der Autorinnenfantasie. Einmal möchte Jaun die Narben von Ada sehen. Er fotografiert sie auch, nun, da sind weitere Fantasien recht naheliegend … Er hat einen gewissen Forschergestus, ihn interssiert der Zusammenhang zwischen Blitzschlag, Sex, Schmerz und Stimulation …
Der Knef kann doch so ein Dokumentarfilm nichts anhaben.
Siehe die Review von stefe.
Wenn der aufgeklärte Geist der Großstadt aufs rückständige Land beordert wird.
Siehe die Review von stefe.
Lust an Karpaten-Mythen
Siehe die Review von stefe.
Besticht durch Genauigkeit der Beobachtung und Ernsthaftigkeit der Darstellung gläubigen christlichen Milieus.
Siehe die Review von stefe.