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Lotti oder der etwas andere Heimatfilm – Bleicherode der Film (DVD und VoD)

Besuch einer Dame.

Es ist keine Millionärin wie im Dürrenmatt-Stück von der alten Dame, die in die Provinz zurückkehrt, um abzurechnen. Hier ist es eine Mondäne, deutlicher: die Pornodarstellerin Asta, die in das Nest Bleicherode zurückkehrt, nachdem sie sich vor zehn Jahren urplötzlich nach Wien abgesetzt hat und nichs mehr von sich hat hören lassen. 

In Bleicherode erinnert man sich gut an sie. Im lasziven Tigermantel, auf hohen Stöckelschuhen und mit Blondinenperücke kommt sie in dem kleinen Ort an. Es ist bürgerlich Lotti Funke (die fabelhafte Marion Mitterhammer); der Tod ihrer Mutter ist Anlass für die Rückkehr. Lotti hat noch die halbwüchsige Tochter Jenny (Joyce Schenke), die bei ihrer Oma aufgewachsen ist. 

Lotti beobachtet die Beerdigung aus Distanz. Es ist ein Heimatfilm, fast wie es im Buche steht, zumindest von der Geschichte, vom Buch von Horst Hammer her: eine extravagante Figur taucht in einem verschlafenen Nest auf und bringt alles durcheinander, wühlt alles auf. 

Hier ist das besonders pikant, weil es ‚Gerüchte‘ über die Dame gibt; das erinnert etwas an Moral von Ludwig Thoma; auch in Bleicherode gibt es jede Menge amoralischer Figuren, allen voran Bruno Jonas, der den schmierigen Eddi, den Arbeitsplatzvernichter, spielt. Denn im Schacht ist nicht mehr so oft Schicht. 

Viele erkennen Lotti wieder, manche mögen sie, andere weigern sich, sie auch nur zu bedienen im Geschäft, manchen kommt sie bekannt vor, was sie als Konsumenten von Asta-Filmen ausweist. Das Tragische an ihrer Geschichte ist das Verhältnis zur Tochter. Klar, Mutter hat versagt, hat sich nicht gekümmert, jetzt möchte sie es und wird brutal abgelehnt. 

Das gewisse, titelgebende „andere“ an diesem Heimatfilm ist die Inszenierung von Hans-Günther Bücking, die spartanisch knappe Sprachregie, und es sind auch die Dialoge, die einerseits von Anzüglichkeiten andererseits von Lebensweisheiten durchdrungen sind: wenn der Schnee schmilzt, kommt der Dreck zum Vorschein. So eine verführerische Frau, bringt so manchen Schnee zum Schmelzen.

Bücking arbeitet zum Vorteil des Filmes mit Stilisierungen, um den Film von plumpem Realismus zu entfernen. Durch diese sichere Sprach- und Stilisierungsregie vermögen die Schauspieler durchs Band zu überzeugen in dieser Mischung aus Top-Profis und lokalen Laien; jede Figur wird durch Kleinigkeiten, Schwächen charakterisiert und gewinnt Persönlichkeit – was dem Film einen besonderen Charme verleiht, wie das erwachende Selbstbewusstsein der Bäckerin gegen ihren angeberischen, eingeheirateten Mann; auch so hebt sich der Film vom Klischeebild des Heimatfilmes ab. 

Akustisches Dauerkolorit verleihen der Provinz die immer wieder auf der Tonspur vertretenen Ansagen des Lokalradios.

Ich bin Anastasia (DVD)

Respekt, Respekt vor diesem Mann, der parallel zur Karriere bei der Bundeswehr zur Frau wurde; sexy, aber nicht frivol. Siehe die Review von stefe. Eine bessere Werbung für die Bundeswehr als die Verteidigungsministerin, die noch als CDU-Parteipräsidentin öffentlich peinlich Genderwitze gemacht hat. 

Face It! (DVD)

Über die unersättliche öffentliche Datensammelwut – wobei die aktuelle Maskendoktrin dieser diametral entgegenläuft; pikant speziell hier, da es vor allem um Gesichtserkennung geht. Siehe die Review von stefe. 

Lebenslinien: Die Brezn-Frau auf der Wiesn (BR, Montag, 21. September 2020, 20.15 Uhr)

Löwenmutter Juliane.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten; Juliane, Jahrgang 1929, stammt aus einer Generation, die nur eins kannte: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das tut sie auch mit über 90 noch. Das liegt in Herkunft und Biographie und auch in den Genen begründet. Leitmotiv von ihrem Opa war, wenn du etwas machst, dann mach es richtig und mach es fertig. 

Julianes Drang, selbständig zu sein, als Frau etwas zu verdienen und zu lernen, hängt wohl auch damit zusammen, dass sie als uneheliches Kind in eine Großfamilie auf einem Bauernhof hineingeboren wurde und schnell, da ihre Mutter weggezogen ist, Verantwortung für kleinere Halbgeschwister übernehmen musste, ja mit 16 oder 17 ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin abgebrochen hat, um für die kranke Stiefmutter einzuspringen. 

Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Liebe, Heirat, irgendwann landet das Mädchen vom Lande, das nie dort auf dem Hof bleiben wollte, mit Mann in München. Bescheidene Lebensverhältnisse, vier Kinder. Alles für die Kinder tun. Zusätzlich zum Mann arbeiten, Hausmeisterei und dann ab 1963 regelmäßig die Jobs auf dem Oktoberfest, 13 Masskrüge auf einmal; die Handgelenke sind längst verformt und verschoben; seit einigen Jahren noch als Breznverkäuferin auf der Wiesn. 

Alles für die Familie von früh bis spät, für die Kinder, die Kindeskinder und inzwischen für die Urenkel. Keine Kultur des Kaffeehausgehens, des Ausgehens, von Kino, Theater, Konzerten ist nicht die Rede, von Sport, Urlaubsreisen, Shopping noch weniger und von Wellness schon gar nicht. 

Diese Lebenslinien von Birgit Deiterding leben von der Gesprächigkeit der alten Dame, der man noch lange zuhören könnte (auch Udo Wachveitl als Kommentarsprecher macht sich gut), so dass die Lebenslinien-Pflichtübung mit Begehen früherer Wohnorte praktisch überflüssig wird, während Einblicke in Fotoalben bis weit zurück und Archivfilme vom Oktoberfest wie immer ihren Reiz haben; es ist nicht nur ein Oktoberfestfilm, resp. diesmal ein Oktoberfestersatz-Film, es ist auch ein Münchenfilm, gar ein Bayernfilm, wie er den Lebenslinien prima zu Gesicht steht und dazu das faszinierende Porträt einer Löwenmutter, bayerischer dürfte kaum gehen. 

Malak (DVD)

Ein Stück deutscher Realität

roh und blutig, also ob ein Stück Fleisch aus einem Körper rausgeschnitten worden wäre, dabei das Kanaken-Deutsch, das seit Fatih A’kin im deutschen Kino und TV salonfähig und klischeehaft geworden ist, zu einer sprachlichen Härte gepeitscht, was aus dem düsteren Genrefilm ein remarkables B-Movie macht. 

Als ob über dem Film die Überschrift zu Dantes Hölle steht, „lasst alle Hoffnung fahren“, hier heißt es an einer Stelle über den zentralen Ort des Geschehens, ein anonymes Hochhaus am Rande einer deutschen Stadt (gedreht ist in Hannover worden), „Alles hoffnungslose Familien ohne Zukunft“. 

Timo Hinkelmann beobachtet oder berichet in seinem Film über eine dieser Familien. Er tut dies über zwei Zeitpunkte, in Schwarz-Weiß erzählt sind es Baba (Lewis Lovely Asamoah), Mama Mariam (Veronique Aleiferopoulos), Kazim und Zahra, die in der ersten Phase noch Kinder sind und in der zweiten, farbigen Phase Erwachsene (Bunga Loperz und Carla Sow). 

Zarah geht auf den Strich, wie soll sie sonst leben. Die Familie ging in Brüche, weil Baba Spielschulden hatte mit Gefängnisfolgen. Mama ist abgehauen. Hinkelmann taucht tief ein in die Hoffnungslosigkeit dieses Milieus von Zuhälterei und Drogenhandel. 

Der Oberboss ist Burak (Daniel Chadalakian Kurz), der extrem grimmassierend seine Vorstellung eines solchen Übeltäters auf die Leinwand bringt, garantiert nicht so, wie ein öffentlich-geförderter Film es täte. 

Es ist eine harte Welt; es gibt kaum ein kompensatorisches Gegengewicht von Gefühligkeit und Idylle. Das Leben ist ein Kampf und ein Fluchen und Schimpfen und Sich-Prostituieren. Wobei der Islam durchgängig dabei ist. Es sind praktizierende und im weiblichen Falle kopftuchtragende Muslime. Aber es kümmert sie wenig, wie sie ihr Geld verdienen. Da ist kein Unterscheid zum Christentum, was von Christen schon alles für Verbrechen begangen worden sind. 

Ob das jetzt zynisch gemeint ist oder stocktrocken feststellend, sei offen gelassen, seinem Film voran stellt Hinkelmann (ein Künstlername?) eine Sure aus dem Koran „Der Glaube an die Engel gehört zu den grundlegenden Verpflichtungen der Muslime. Wer an Gott, seine Engel, seine Schriften, seine Gesandten und den jüngsten Tag nicht glaubt, ist damit (vom rechten Weg) weit abgeirrt.“(Sure 4, 136; eine ähnliche Aufzählung: Sure 2, 285) und die Erklärung, dass Malak Engel heiße. 

Musikalisch untermalt Hinkelmann seinen Film auf top-notch-Niveau vom Surengesang über Klassik, Hip-Hop und weitere. Düsteres Hannover-Melo. Spannende, harte Gegenposition zu den Hamburger und Berliner Kanaken-Filmen. 

Germans & Jews (DVD)

Da bleibt noch viel zu tun, wenn es je zu einer Normalisierung und Selbstverständlichkeit der Beziehung zwischen Juden und Deutschen kommen sollte. Der Film zeigt einen Schritt in diese Richtung. Siehe die Review von stefe. 

Wim Wenders, Desperado (ARD, Freitag, 14. August 2020, 23.50 Uhr)

Wim Wenders, Desperado, eben im Kino und schon im Fernsehen und dort tief in die dunkle Nacht hineinplatziert, damit ja keiner mitbekommt, was für bemerkenswerte Filmemacher wir doch haben. 

Solche Filmemacher, deutsche Filmemacher von Weltgeltung, die versteckt das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganz kurz vor Mitternacht bis in die frühen Morgenstunden hinein. Kultur gilt eben nichts, das zeigt auch Corona. 

Im Anschluss folgen bei ARD in rabenschwarzer Nacht bis hinein ins Morgengrauen 

BUENA VISTA SOCIAL CLUB

und 

DER HIMMEL ÜBER BERLIN

Tommaso und der Tanz der Geister (DVD)

Das wahre Leben oder das verborgene Leben dieses Römer Stadtbürgers, das tritt dann erst im Film Siberia mit aller Macht zu Tage. Aber Rom ist unendlich schön, gerade für einen Amerikaner, der sich hier niedergelassen hat. Siehe die Review von stefe.