Archiv der Kategorie: Tipp

Der Krieg in mir (ZDF, Montag, 3. Mai, 00.30 Uhr, auch Mediathekstart)

Tote Zone“

„Dieser Krieg hat Begleiterscheinungen, die außerhalb dessen sind, was mit Kämpfen und Töten zu tun hat.“ Wehrmachtsverbrechen im zweiten Weltkrieg in Belarus. 628 Dörfer wurden von der Wehrmacht ausradiert, zu „toten Zonen“ gemacht. Diese sind der Dreh- und Angelpunkt der Auto-Dokumentation von Sebastian Heinzel, in dem Sinne, dass er seiner Familien-Geschichte auf die Spur kommen will. 

Warum hat es Heinzel immer wieder nach Belarus gezogen? 

Hier hat sein Opa bei den Wehrmachtsverbrechen mutmaßlich mitgewirkt. Hier war der Opa extremen Stresssitutionen ausgesetzt, die sich laut Epigenetik ins Erbgut einbrennen. Diesem Erbgut schon in der zweiten Generation möchte Heinzel auf die Spur kommen; denn es treibt ihn um. Er bindet seinen Vater in die Recherche mit ein, der mit dem Thema nie befasst war. Weitere Helfer bei dieser Suche sind Wissenschaftler, eine Epigenetikerin aus Zürich (über Traumavererbung), ein renommierter Traumatherapeut, eine Archivarin und Menschen aus Belarus. Siehe die Review von stefe. 

Die Wittelsbacher – Geiseln Adolf Hitlers (BR, Mittwoch, 21. April 2021, 22.00 Uhr)

Vornehme Zurückhaltung.

Das ist die Überraschung in diesem Film von Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler, dass in der Flut von Naziverarbeitungsfilmen noch ein neuer Ton, eine neue Sichtweise möglich ist, die von letzten Zeitzeugen, die noch als Kinder Sondergefangene des Dritten Reiches waren und die erst seit zehn Jahren innerhalb der Familie überhaupt angefangen haben, davon zu reden und die erst jetzt finden, es sei an der Zeit, das öffentlich zu machen: die königlich bayerische Familie der Wittelsbacher mit den zentralen Protagonisten Herzog Franz und Herzog Max von Bayern, die als Buben mit ihrer Familie, teils getrennt, vor den Nazis zerstoben, erst nach Ungarn, dann nach Italien und schließlich doch gefangen wurden; dass die Familie den Status von Sondergefangenen hatte, die in den übelsten KZs separiert von den anderen Gefangenen untergebracht waren, teils direkt neben dem Krematorium, und so Eindrücke sammeln konnten, wie kaum andere Zeitzeugen, wie sie den Rauch aus dem Krematorium beschreiben, diesen klebrigen Niederschlag, der so merkwürdig gerochen hat. Wie sich Leichenberge direkt neben ihrer Unterkunft stapelten. Wie die Buben immerhin ab und an zum Spielen nach draußen durften und ihnen das aber vom Papa verboten wurde, nachdem sie erzählt hatten, was da zu sehen war. Junge SS-Soldaten erzählten den Buben bei einem Spaziergang, welchen Spaß es mache, Säuglinge an die Wand zu klatschen. Der Mensch ist eine Bestie und kann so freundlich sein. 

Privilegiert war immer noch dreckig genug. Es brachte der Familie ab und an Vorteile, dass Leute, auch aus der SS, sie erkannten und Respekt vor der Familie hatten. Das Nazireich im Niedergang versprach sich von der königlichen Familie als Geiseln Vorteile. Als Nebenprotagonistinnen erzählen Prinzessin Sophie von Arenberg, geborene Prinzessin von Bayern, und Prinzessin Marie-Gabrielle von Waldburg-Zeil, geborene Prinzessin von Bayern. 

Zwischen Interviews und spannenden Archivaufnahmen gibt es angenehm unpathetischen, teils verlangsamten Bilderbeifang von Impressionen aus der Natur, das Reencactment eines Militär-LKWs (auf so einem ist die Familie herumtransportiert worden) und den Glanzpunkt eines Fasans, der wie eine Sternschnuppe ins Grau des KZs Dachau gefallen sei, dieses Bild schildert fast poetisch Franz von Bayern wie ein wunderbares Erlebnis – oder vielleicht ein Hoffnungspunkt – im tristen KZ-Alltag oder auch die meditative Bebilderung der Geschichte vom Förster, der immer mit dickem Mantel bei der Familie vorbeischaute unter Lebensgefahr und nach dem Besuch ganz dünn geworden ist, wobei auch mal ein Apfel über den Boden gekullert sei. Hier unterstützt das subtil nachgedrehte Bild plastisch die Erzählung und verstärkt damit ihre Haltbarkeit. 

Etwas verwirrend ist der Storyfaden, der würde gewiss zu einer leichteren Nachvollziehbarkeit führen für diejenigen, die sich nicht auskennen in der Genealogie der Wittelsbacher, wenn die Gebrüder Franz und Max dezidiert als Protagonisten genommen würden, hier wirken sie eher als informelle Hauptdarsteller. Also die Story von den beiden aus aufzudröseln, aber dazu waren sie vielleicht zu bescheiden. Sonst käme womöglich jemand auf die Idee, diese Geschichte gar zu verfilmen – wert wäre es das. 

Der Film begleitet die beiden greisen Brüder zu KZs, in denen sie als Buben untergebracht waren. Im Schloss Nymphenburg, wo sie wohnen, zeigen sie Erinnerungsfotos und eine Krippe, die die Mutter in der Gefangenschaft gebastelt hat, sowie eine Uhr aus einem abgestürzten Flugzeug, was der überlebende Pilot ihnen geschenkt hatte. 

Nina Wu (DVD)

Ein Schauspieler, eine Schauspielerin muss offenbar das ganze Leben in die Waagschale werfen, um Erfolg zu haben. Wie sähe das Kino aus, wenn es nur noch rational-sachlich entstehen würde? Siehe die Review von stefe. 

Chichinette (DVD, VoD)

Je harmloser ein Mensch aussieht, je quirliger er ist, desto unverdächtiger wird er/ sie der Spionage. Und kann Menschenleben retten in dem in den letzten Zügen liegenden Dritten Reich. Siehe die Review von stefe. 

Vor 60 Jahren: Eine Epoche vor Gericht (ARD-alpha, Freitag, 9. April 2021, 21.15 Uhr)

Journalismus 1961

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht aktuell im Kreuzfeuer der Kritik nicht nur wegen der Zwangsgebühr, die unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte erhoben wird, er steht auch in der Kritik wegen Qualitätsabfall, wegen zu vieler Wiederholungen, von einigen Seiten wird er gar als Lügenfunk bezeichnet (das wäre wohl anno 1961 kaum vorstellbar gewesen); er steht in der Kritik wegen zu komplizierter und ineffizienter Strukturen, er steht in der Kritik wegen exorbitanter Pensionsverpflichtungen und der Sprecher der ARD Anstalten, der WDR-Mann Tom Buhrow, fällt vor allem durch ein Gehalt höher als das der Bundeskanzlerin auf und dass er es nicht schafft, im Land Gehör und Vertrauen für die Sache des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herzustellen. 

Jetzt tut der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Griff tief in sein Archiv und erinnert an eine Zeit, als solche Angriffe und Kritik an ihm nicht vorstellbar gewesen sind. 

1961 gab es kein Internet, die Journalisten waren noch echte Berichterstatter von Ereignissen rund um die Welt; einer Welt nicht wie heute, in der jeder an seinem PC oder auf seinem Smartphone oder was auch immer längst die Bilder von Katastrophen oder Demos senden oder empfangen kann, bevor der öffentlich-rechtliche Rundfunk überhaupt darüber berichtet. 

Damals waren die Journalisten von Zeitungen, Funk und Fernsehen die einzigen mit größerer Öffentlichkeit. Die Berichterstattung aus Jerusalem über den Prozess gegen den SS-Mann Adolf Eichmann war eine logistische Herausforderung für den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, denn in Israel selbst gab es noch gar kein Fernsehen zu der Zeit; zum Prozess wurde lediglich eine Art Public Viewing veranstaltet.

Im Gerichtssaal selbst hatte eine amerikanische Fernsehgesellschaft das Monopol auf die Bilder; es war ein Non-Profit-Geschäft. Aufgezeichnet wurde mit einem Magnetverfahren, was nicht kompatibel mit dem deutschen System war, so dass die Bilder für Deutschland erst in London umkopiert werden mussten – mit deutlichen Qualitäts- und Zeitverlusten. Um keine Unruhe im Gerichtssaal aufkommen zu lassen, waren nur wenige Kameras an festen Positionen platziert. 

Der deutsche Moderator entschuldigt sich ausdrücklich für die technischen Probleme, auch mit der Begründung des Ehrgeizes, ein Zeitdokument zu erstellen, das nicht nach drei Tagen schon wieder veraltet sei. Das Behelfsstudio im Kings Hotel in Jerusalem sei leider nur mangelhaft gegen Straßengeräusche abgedichtet. Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, wie Studiogäste ungeniert rauchen. Die Moderation erklärt, dass die meisten deutschen Stimmen von Simultandolmetschern stammen. Ob dieses Zeitdokument seither oft angeschaut worden ist?

Faszinierend ist auch, dass Journalisten als Berufskleidung fürs Fernsehen Anzug mit Hemd, Krawatte und sogar Manschettenknöpfen für passend hielten. 

Eichmann selbst wohnt dem Prozess in einem kugelsicheren Glaskabäuschen bei in Anzug, weißem Hemd, Krawatte, perfekt wie der Buchhalter vom Dienst. Er sieht sich als einen gewissenhaften Menschen, als einen unbedeutenden Bürokraten. Der Ausrottungsbeschluss war für ihn nur ein Stück Papier, dessen Inhalt es auszuführen galt, er hatte die Leitung für die gesamte jüdische „Auswanderung“.

Hochspannend ist Eichmanns innerer Monolog bei Schilderungen von Zeugen; man sieht diesen pedantischen Buchhalter des Todes förmlich den Vergleich ziehen zwischen seiner Anleitung vom Schreibtisch aus und dem, was laut Schilderungen real passiert sein muss; manchmal scheint man eine Unzufriedenheit zu entdecken, manchmal ein süffisantes Lächeln, gar Strahlen, wenn er das Gefühl hat, dass genau nach seinen Anweisungen gehandelt worden ist, da glaubt man in seinen Augen Zufriedenheit, Stolz, Triumph ablesen zu können. Er ist das perfekte Bild für das Bluthandwerk vom Schreibtisch aus, für die Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt es nannte. 

Interessant ist auch die Figur des Verteidigers, der seine Sache ernst nimmt, damit ein fairer Prozess daraus wird, ein rechtsstaatlicher im Gegensatz zu den Verfahren der NS-Justiz; er beantragt sogar, Entlastungszeugen aus Deutschland oder Österreich einzuladen und ihnen freies Geleit zu garantieren; was teilweise auch gelingt und einen bemerkenswerten Seitenblick auf den Angeklagten eröffnet, der anfangs Auswanderung noch nicht im Vernichtungssinne verstanden habe; der aber in kurzer Zeit eine brutale Wandlung durchgemacht haben muss vom Menschenretter zum Spediteur des Todes. 

Jede Folge berichtet über eine halbe Verhandlungswoche, die Deutschen laden deutsche Journalisten in ihr Studio ein, aber auch israelische Gäste, sie sehen sich in Jerusalem um, sie befragen Korrespondenten aus aller Welt. Und sie haben zwei Sonderkorrespondenten vor Ort. Mit Axel Schildts „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ im Hinterkopf fragt man sich unwillkürlich, wie denn diese deutschen Medienleute selbst die Nazi-Zeit wohl überbrückt haben. Da könnte die ARD nachlegen, allenfalls sogar Aufarbeitung betreiben und wenn sie schon dabei ist, dann wäre auch interessant zu erfahren, wie in der DDR über den Prozess berichtet worden ist.

Der westdeutschen Öffentlichkeit wurde durch die Berichterstattung über den Eichmann-Prozess das Ausmaß und die unmenschliche Grausamkeit der Nazivernichtungsmaschinerie das erste Mal so drastisch vor Augen geführt, speziell mit Augenzeugenberichten, bei denen selbst die Simultandolmetscher emotional gerührt mitgehen. 

In unseren dämlichen Corona-Zeiten kommt dieser dreistündige Archiv-Fund wie gerufen. Er wirft einen prägnanten Blick nicht nur auf die Medienvergangenheit, er spricht direkt die brandaktuelle Problematik an, wie die Welt mit Potentaten, Antidemokraten, Diktatoren umgehen soll und die Frage, ob sie etwas dazugelernt hat? Immerhin können inzwischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit allüberall geahndet werden (in Jerusalem musste damals juristisch trickreich nachjustiert werden). Verabscheuungswürdige Gräuel passieren weiter in China, Syrien, Myanmar und und und und gerade deswegen darf diese ganze Tötungsmaschinerie nie vergessen werden. Auch nicht, dass Menschen wie ich und du zu solchen Dingen fähig sind. 

Hier wird die Erinnerung von einem historischen Prozess ins Gedächtnis gerufen, der damals weltweit Aufsehen erregt hat; er war ein Weltmedienereignis. Die Erinnerung daran muss dazu dienen, jegliche Art von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus immer wieder laut anzuprangern, nicht darüber hinwegzusehen, bei Handelsbeziehungen mitzuberücksichtigen, auf höchster politischer Ebene offen anzusprechen; da scheint es, hat die neuere deutsche Politik viel zu oft Kreide gefressen, wenn es darum ging, Autos zu verkaufen oder U-Boote oder Kraftwerksturbinen. 

Das würde bedeuten, nicht aus der Geschichte gelernt zu haben. Aus der Geschichte gelernt haben heißt doch, sensibilisiert sein für die Missachtung von Menschenrechten, ohne gleich als Weltmoralpolizist aufzutreten. Es ist zwar richtig, das ist eine gute Maxime der deutschen Außenpolitik, im Dialog zu bleiben. Aber es ist genau so wichtig, Verbrecher gegen die Menschenrechte nicht mit militärischen Ehren zu empfangen oder sich von solchen pompös einladen und für Propaganda missbrauchen zu lassen (wie gerade diese Woche die EU-Spitze in Ankara); Arbeitsebene genügt. Im Moment hat Corona zwar die politische Reisetätigkeit etwas in den Hintergrund treten lassen, aber den Spitzen, ob Verbrecher oder nicht, schweben bestimmt jede Menge Nachholbegegnungen vor – und damit ergibt sich Gelegenheit, die entsprechenden Dinge offen anzusprechen.