Archiv der Kategorie: Stream

Oops!2 – Land in Sicht (Stream)

Eine deutsch-luxemburgisch-irische Koproduktion, ein jahrmarktquietschbuntes Kindermovie in Plüschtierästhetik mit standard-eklektischem Storyfaden nach dem dualistischen Grundprinzip zweier Gattungen, die sich eigentlich nicht vertragen, die Nestrier, die Nester bauen, und die Grymps, die Fleisch fressen. Wegen der Unterschiedlichkeit der Wesen bietet sich die Toleranz-Moral an, dass man in der Not zusammenhalten soll und sowieso, dass das Zusammengehen mit anderen eine Bereicherung darstellt, wie die Schlusssequenz auf der aufgemöbelten Luxusarche zeigt.

Siehe die Review von stefe. 

Honest Thief (Stream)

In etwas hineingeraten.

Ein Liam Neeson Film, ein Boston-Film, ein Liebesfilm, ein Schmunzelfilm, ein Unterhaltungsfilm, ein Kinofilm, das sind bereits mehr Prädikate als es braucht, um einen Film in coronadröger Zeit attraktiv zu machen, vorerst für jede Menge Internetstreams. 

Ein Film wie gemacht, um das ugly Trump-Amerika hinter sich zu lassen und sich wieder einer differenzierteren, menschlichen Betrachtungsweise zuzuwenden: Menschen sind an sich nicht schlecht, schon gar nicht hassenswert (bis vielleicht auf einen richtig durchtriebenen Typen, aber auch der braucht das Ereignis, das ihn endgültig so werden lässt); aber sie geraten in Dinge hinein, die sie in Konflikte stürzen, das kann die Liebe sein, das kann die Verführung durch Geld sein, das kann ein Schicksalsschlag sein, wie bei Tom Dolan (Liam Neeson), der früher bei der Army beim Sprengkommando war und ohne es zu wollen in die „ehrliche“ Tresorräuberei hineingerät, wobei ihm sein Spezialwissen über das Bombenbasteln und Entschärfen zugute kommt. 

Tom will niemandem etwas zu leide tun, eine menschliche Schwäche, wenn man so will. Dann, das gehört zur Intro des Filmes in einer wunderbar von Drehbuchautor Steve Allrich und mit gutem Humor angereichert geschriebenen und von Mark Williams bestens konsumierbar inszenierten Szene lernt er Annie Wilkins (Kate Walsh spielt das fabelhaft patent) kennen. Sie studiert Psychologie und verdient ihr Geld als Storemanagerin von so einem Laden, der Lagerräume vermietet. 

Bei Annie gerät Tom ganz schnell in den Strudel der Liebe und möchte diese auch offen und ehrlich gestalten. Nach einem Jahr schon ziehen sie in eine eigene Wohnung. Aber Tom möchte, was der Zuschauer längst schon weiß, seiner Liebe die Wahrheit über seinen „Job“ eröffnen. Und wie Amerika jetzt hoffentlich ehrlich über die Trump-Zeit reden wollen wird, will Tom Annie alles sagen. 

Vorher will Tom mit einem Deal mit der Polizei reinen Tisch machen, das Risiko wohlkalkuliert, so wohlkalkuliert wie der Film, in Grenzen haltend. Das ist der Moment, in welchem John Nivens (Jai Cortney) mit seinem süßen, ehrlichen Kollegen Ramon Hall (Anthony Ramos) ins Spiel kommt und die beiden in den Anblick von viel, viel nicht quittiertem, nicht belegtem Geld geraten und somit in den Strudel des Traumes vom traumhaften Leben, von abbezahlten Hypotheken, vom schönen Haus. Dem zu widerstehen einem kleinen Detektiv nicht leicht fällt. 

Das dramatisiert die Handlung Schritt für Schritt, wobei immer wieder mit Leichtigkeit eingeschobene Actionsszenen abfallen, was die Geschichte in die Höhe schraubt. Trotzdem bleibt Zeit für ernsthafter Überlegungen zum Thema Liebe, Ehrlichkeit. 

Und wenn Boston auch nicht als Ort der Sehenswürdigkeiten attraktiv gemacht wird, so doch mehr durch den Geist, der hier herrscht, Ostküstengeist, der versucht, sich von Klischeedenken abzugrenzen; was den Spielraum für Schmunzler freischaufelt; gerade weil andersrum die FBI-Leute einen heiligen Ernst an den Tag legen, auch bedingt durch die Typenwahl. Wodurch eine schöne Differenz zum einerseits abgeklärten und doch menschlich anrührenden Protagonisten entsteht, der zu verstehen gibt, dass er den Actionhelden hinter sich gelassen hat, aber wenn es denn sein muss, quasi aus dem Knie heraus, immer noch einsetzen kann. Wenn Annie Tom beim Basteln einer Bombe zuschaut und sagt: „Ich habe Dir noch nie bei der Arbeit zugeschaut“, so ist das so ein Satz, der die lakonisch Balance zwischen Ironie und Agentenernst hält. 

Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

Feuchtdeutig.

Alice (Natalia Dyer) ist wunderschön, sie kann mit ihren großen Augen so schauen: entschlossen, skeptisch, entsetzt, zerknirscht, naiv, überrascht, irritiert, sinnlich-hungrig, finster, rachsüchtig, madonnenhaft unschuldig, wütend, zaudernd, unsicher, ängstlich, lammfromm. 

Alice ist in dem Alter, in dem der Sex drängt, aber die Erfahrung noch fehlt. Sie lebt in einer Zeit, in der es bereits Handys gibt und in der Computer noch ziemliche Ungetüme sind. Aber es gibt schon Sex-Chats und auf dem Handy das Schlangenspiel. 

Alice ist in dem Alter, in dem Wörter wie Sahne, Milch, Sauerrahm, feucht, Eichenteil nie ohne Doppeldeutigkeit sind, aber Alice ist noch so naiv, dass sie nicht wissen will, was „Sahne schlagen“ oder „jemandem die Sahne schlagen“ heißt – der Zuschauer erhält diese Info gleich zu Beginn des Filmes von Karen Maine, die diesen Begriffserläuterungen noch ein Wort aus der Offenbarung von Johannes voranstellt, in welchem es um die Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauber, Abgöttischen und Lügner geht. Der Film spielt im katholischen Milieu und könnte Aufarbeitung der eigenen Adoleszenz der Autorin sein. 

Die Jugendlichen um Pfarrer Murphy (Timothy Simons) sollen das Erbauungswochenende ‚Kirkos‘ auf dem Lande verbringen. Die vier Tage werden als Mottotage vorgestellt. 

Es ist eine gemischte Gruppe junger Erwachsener. Gegen den Sex, die Sinnlichkeit und den Hunger darnach setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin die strenge katholische Moral, Beichten, Selbstbekenntnisse in der Gruppe, die Moral vom Sex nur in der Ehe zwischen Mann und Frau und uralte, vertrocknete Schwestern, während der Pfarrer – zurecht, wie sich herausstellen soll – nicht ganz so sauber ist, wie er tut. 

Es gibt Blicke auf behaarte Männerarme, Blicke durch einen Türspalt auf den Pfarrer vor seinem Computer oder durch ein Fenster in den Garten hinter einen Baum. Es gibt die Handygeschichte und die Strafe dafür sowie andere Intrigen. Am Schluss holen die Eltern die Kids aus dem Besinnungswochenende wieder ab. Angereist sind sie mit einem dieser wunderschönen, filmklassischen, gelben, amerikanischen Schulbusse. 

Farewell Amor (MUBI)

Streamingversuch

Eine Kollegin hat mir wieder von MUBI einen Link zu einem kostenlosen Screening geschickt. Das hat bei Ganze Tage zusammen schon mal wunderbar funktioniert. Das war ein sehenswerter Kurzfilm über die Mamre-Patmo-Schule der Bodelschwinghschen Anstalten. Der einzige Nachteil war, dass stefe daraufhin massiv bombardiert worden ist mit Werbemails von MUBI, das war aber auch mit einem Klick wieder abzustellen.

Diesmal gab es einen Langfilm, einen Debütfilm. Derjenige von Ekwa Msangi. Es scheint, dass die Grundlage dafür ihr Kurzfilm ähnlichen (portugiesischen) Titels war: Farewell Meu Amor. Zwei der Figuren tauchen auch hier schon auf: Walter und Linda. 

Im jetzigen Langfilm ist Walter (exzellenter Cast: Ntare Guma Mbaho Mwine) Taxifahrer in New York. Vor 17 Jahren hat er Angola nach dem Bürgerkrieg verlassen, um hier eine Existenz mit Zukunft für die Familie aufzubauen. Er konnte aber ohne Liebe nicht sein. Linda ( Nana Mensah), eine Krankenschwester gab sie ihm und er erwiderte sie. Walters Frau Esther (Zainab Jah), eine gläubige und sicher auch gutgläubige Christin, weiß davon nichts und denkt nicht im geringsten an die Möglichkeit. 

Der Film fängt damit an, dass Walters Frau und Tochter Sylvia (Jayme Lawson) im J.F.K-Airport in New York ankommen für das erträumte gute Leben. Wiedersehen nach 17 Jahren. 

Regisseurin Ekwa Msangi beherrscht die Kunst, eine erfundene Geschichte so zu erzählen, dass man glaubt, sie sei wahr, indem sie Schritt für Schritt der Handlungsentwicklung folgt und dem Zuschauer die wichtigsten Informationen bietet, ohne auf Elementares zu verzichten. Es ist zu verfolgen, wie die Lügen im Leben der verschiedenen Menschen ihren Weg gehen. Sie beschreibt das mit fast boshafter Genauigkeit. 

Sylvia soll in New York studieren. Sie hat aber Tanz im Kopf. Mutter soll das nicht mitbekommen. Mit der Begegnung mit DJ (Marcus Scribner) bahnt sich eine klassische Liebesgeschichte an und mit der Einladung „Dance Cypher“ rückt für Sylvia der Traum vom Tanzen näher. 

Es ist ein Film, wie er hier bei uns vermutlich am ehesten auf Festivals zu sehen sein dürfte, den also der Kinogänger normalerweise nicht zu Gesicht bekommt; insofern eine Besonderheit. Er hatte seine Premiere in Sundance, was eine Auszeichnung für sich ist. 

Das Problem für mich beim Screening war möglicherweise mein alter Rechner, vielleicht war er mit der Datenmenge, die MUBI in seine Filme steckt, überfordert, jedenfalls wurde die Sichtung immer ruckliger, der Film blieb immer öfter stehen; aber was ich gesehen habe, reicht durchaus für einen hervorragenden Eindruck eines sehenswerten Filmes. Vor dem Film macht die Regisseurin eine kleine Anmoderation und weist daraufhin, dass nach dem Film noch darüber diskutiert wird. 

Türchen, Türchen

Türchen, Türchen öffne Dich, wer ist die Schönste im ganzen Land, oh, nein, falsche Baustelle, es ist Advent, in jedem Fenster ein Kerzlein brennt, Zeit für Adventskalender, Zeit für tägliche Überraschungen und es herrscht Kinoverbot im Lande. 

Aber das Kino lässt sich nicht unterkriegen, aus allen möglichen Spalten und Netztteilen lugt es heraus, spricht uns an. X-Filme hat seit erstem Dezember den Adventskalender 2020 hamlet_X von Herbert Fritsch online.

Herbert Fritsch persönlich, ein sympathischer, älterer Herr, hat die erste Kerze in einem kleinen Video angezündet. 

Egal, ob man die Aktivitäten von Herbert Fritsch kennt oder nicht. Er hat sei Januar 2001 Kurzszenen inszeniert und verfilmt in einer „smarten Kreuzung zwischen Monumentalfilm in gigantischer Besetzung und Low-Budget-Projekt“ (aus dem Werbetext von X_Film). 

Der Geist Hamlets habe sich in die Filme reingeschlichen. Jeden Tag gibt es einen neuen Clip. 

Am zweiten Dezember kämpft Christoph Schlingensief sich ab in einem Parforceritt zwischen Gynäkologen-Besteck, Ophelia und Hamlet. 

Vielleicht könnte man die Methode des Herangehens an so einen klassischen Stoff mit Destruktion im Sinne eine Neukomposition beschreiben, um die Kunst vorm Risiko des Ausleierns und des Erstarrens im Gebetsmühlenhaften zu bewahren.

Die Reihe der Filme von Herbert Fritsch sei noch nicht abgeschlossen. Aber die kurzen, anregenden, vielleicht auch verstörenden, manchmal womöglich auf Anhieb nicht gleich entzifferbaren Einblicke durch die Türchen des Adventskalenders dürfte mit Heilig Abend vorerst zu Ende sein. Dann fangen die Tage wieder an, länger zu werden. 

Ganze Tage Zusammen (MUBI)

Mamre-Patmos-Schule.

Wenn auch nicht als solches deklariert, ist dieser Kurzfilm von Louise Donschen, den MUBI als Gratis-Werbezückerchen verschenken lässt, ein Porträt der Mamre Patmos-Schule, einer Förderschule der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. 

Weit entfernt von einem Werbespot der üblichen Sorte, bedient die Filmemacherin sich filmischer Mittel im Grenzbereich zur bildenden Kunst. 

Die Einzelimpressionen, die ein wundersames Gesamtbild der Institution abgeben, könnten genauso gut für sich als Video-Ausstellungstücke in einer Galerie gezeigt werden. Sie beobachten Protagonisten bei individuellen Tätigkeiten, vom Nähen über eine ärztliche Augenuntersuchung, beim Schälen eines Granatapfels bis zum spaßigen sich an das Lenkrad eines Busses setzen oder Schlagzeugspielen, neben einem Haus auf einer Bank sitzen oder lässig die Beine baumeln lassen am Bach, vom Schwimmen in Schwerelosigkeit aber auch eine Szene mit einer Archivarin, die auf Bilder aus einer anderen Zeit verweist, ganz dezent. 

Die Porträts setzen sich wie Puzzles zusammen aus mit Bedacht herausgepickten Details von den Protagonisten selbst als auch aus ihrer signifikanten Umgebung, die einer ruhigen Betrachtung wert sind und ihr standhalten, denn die Bezüge, die sie herstellen, wirken nicht beliebig, sondern relevant.

Haldern Pop – Dorf mit Festival (Internationale Hofer filmtage)

Am Wegrand – aber mit Gemeinschaftsgefühl.

Haldern ist ein Dorf mit wenig Tausend Einwohnern, irgendwo auf dem Weg von Paris nach Berlin oder von Zürich nach Kopenhagen oder von London nach Rom. Diese Lagebeschreibung des Dorfes trifft zu aus der Sicht von internationalen Sängern, Pop, Rock, Techno, Bands, die ihre Konzerte in den Metropolen geben. Manche machen dazwischen Station in Haldern. 

Hier gibt es das Musikcafé „Haldern Pop“ und das ist es, was Haldern von ähnlichen Provinzstädtchen unterscheidet. 

In vielem unterscheidet sich Haldern allerdings wiederum nicht von ähnlichen Provinzstädtchen. Es gibt die Freiwillige Feuerwehr, den Schützenverein, den Schützenkönig, den gemischten Chor, Umzüge und Fasching und den weit herum sichtbaren Kirchturm, der den Bewohnern das Gefühl von Heimat und von Zuhausesein vermittel, wie in jedem anderen Dorf auch. 

Aber es gibt eben auch das Haldern Pop Festival einmal im Jahr. Dafür ackern in der heißen Phase über 450 Einwohner des Ortes freiwillig mit. Hier – und das Jahr über auch im „Haldern Pop“ – treten Sänger und Musikgruppen aus aller Welt auf, aus den USA, Australien, Neuseeland, Nigeria, England, Deutschland, der Schweiz, Dänemark. 

Die Dokumentaristin Monika Pirch hat sich längere Zeit in dem Dorf aufgehalten und hat versucht, ein Gesamtporträt in der Art eines filmischen Tagebuches, das mehr Gewicht auf Eindrücke als auf das Datum, das Analytische oder das Investigative legt, das aber die Akteure genügend zu Wort kommen lässt, so dass daraus ein sympathischer Imagefilm wird für dieses Zwitterdorf mit dem einvernehmlichen Mix aus Provinzialität und Weltatem und einem daraus resultierenden Gemeinschaftsgefühl. 

Zwei Protagonisten ragen heraus. 

Es ist auf der Pop-Seite einer der Erfinder und Organisatoren des Festivals, dem bei der Zusammenstellung der Programme das Internet mehr als nützliche Dienste leistet. Er macht das seit 35 Jahren und später im Film bei einer Versammlung stellt sich durchaus die Frage der Übergabe an eine neue Generation; aber wer will so ein Kind schon aus der Hand geben. 

Auf der traditionellen Dorfkulturseite steht eine studierte Fagottistin und Erbin eines Spenglereibetriebes. Sie ist mehr zufällig wieder in ihrem Heimatort gelandet und ist in der Dorfmusik eine treibende Kraft, sie leitet nicht nur den peppigen gemischten Chor, sie macht in der Blasmusik mit, marschiert mit Instrument bei den Festumzügen mit, übt mit den Musikern, gibt Musikstunden – nur am Hauptevent des Dorfes, am Pop Festival ist sie nichtbeteiligt; da hat sie einfach keine Zeit für. 

Über allen Auftritten im „Haldern Pop“ prangt an der Wand das Bild einer Kuh. 

Der Film wurde als Eröffnungspremiere des neuen Formates „Hof Filmtage Rendez Vous online“ am letzten Samstag auf der Website der Hofer Filmtage gestreamt. Davor wurde virtuell getalkt; man konnte schriftliche Kommentare abgeben und nachher gabe es noch über zoom F & Q. 

Der Stream ist kostenfrei; um Spende wird gebeten. Es lohnt sich also, ab und an die Website zu frequentieren und zu gucken, was die Internationalen Hofer Filmtage aus ihrem letzten Programm als Kompensation zu den Corona-Horrormaßnahmen zeigen werden.

Geschlecht in Fesseln (Filmmuseum München online bis 29. November 2020)

Die Gesetze der Menschen sind zerstörerisch,

ein hochaktueller Satz angesichts der möglicherweise irreversiblen, kulturellen Schäden, die die aktuelle Politik unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung mit der Schließung von Kinos, Theatern, Konzertsälen etc. anrichtet. Er entstammt diesem Film „Geschlecht in Fesseln“ von Wilhelm Dieterle (kaum älter als das Kino) von 1928, einem Film zum Thema Strafvollzugsreform. 

Das Kino war 1928 noch jung, grade gut 30 Jahre alt, die Bilder hatten nicht nur das Laufen, sondern auch das Geschichtenerzählen gelernt und das bereits furios. Nur sprechen konnten die Bilder noch nicht. Dazu war es erfinderisch mit Textinserts, aber auch Briefe, Zeitungsausschnitte, Tagebucheintragungen, Türschilder oder Akten konnten Infos auf die Leinwand bringen, die die Geschichte spannend macht (heute kämen Chats und Twitter dazu).

Das Filmmuseum München hat den Film digital restauriert und stellt ihn in exzellenter Qualität noch bis 29. November gratis ins Internet. Wie in Stummfilmzeiten gibt es eine – neu von Joachim Bärenz souverän eingespielte – musikalische Begleitung, die dem Screening die nötige Leichtigkeit verleiht. 

Das junge Glück von Franz (Wilhelm Dieterle), Frabrikarbeiter, und seiner Frau Helene (May Johnson) ist perfekt. Sie können sich eine kleine Wohnung und zeitgenössisch bescheidenen Wohlstand leisten. 

Franz verliert seinen Job, wird arbeitslos. Er versucht sich mit wenig Erfolg als Vertreter von Electrolux-Staubsaugern (mit einem elegant filmreifen Modell!). So will denn Helene mithelfen, das Leben und den Wohlstand zu retten. Sie nimmt den Job einer Rauchwarenverkäuferin in einem Lokal an. Sie wird von einem Kunden belästigt. Franz, der das mitbekommt, geht dazwischen, schlägt den Typen krankenhausreif: Haft. 

In der U-Haft lernt Franz den Unternehmer Rudolf Steinau (Gunnar Tolnaes) kennen. Der kommt auf Kaution frei und will sich um Franzens Frau kümmern, indem er ihr eine Stelle anbietet. 

In dieser Ausgangsposition wird der Satz, dass wir alle doch nur Menschen seien, als dramatischer Motor ins Spiel gebracht, denn der Mensch braucht Nähe, Berührung, Liebe, Menschlichkeit (ein Thema, was uns Coronageschädigten sattsam bekannt ist). Wenn diese Dinge einem von Gesetzes wegen vorenthalten werden, so kommt es mitunter zu gewaltigen Problemen. 

Nach seiner definitiven Verurteilung, weil das Opfer gestorben ist, kommt Franz in den Regelvollzug, in eine Zelle mit vier Männern. Diese leiden alle unter denselben menschlichen Entbehrungen und Triebstau. Das kann sich zu Wahnideen und Wahnsinn auswachsen. Mit Alfred (Hans Heinrich von Twardowski) kommt hier eine Ersatzmöglichkeit für Franz ins Spiel, während draußen der Fabrikant sich rührend um Helene kümmert. Es entstehen konfliktreiche Situationen, die den Menschen viel abverlangen und die Dieterle zu einer hochdramatischen Lösung führt. 

Grundlage für das Drehbuch von Herbert Juttke und Georg C. Klaren ist die Materialiensammlung von Franz Höllering, der in 8 Jahren im Knast zusammengetragen hat, was den Begriff eines modernen Strafvollzuges nicht deckt. 

Ein Schuss Dieterlescher Erzählkunst könnte den heutigen Film- und Fernsehmachern nicht schaden, aktuell war das gerade in Oekozid zu beobachten, was ja auch versucht, ein Themenfilm zu sein.