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Engel mit schmutzigen Flügeln

Die wohl exklusivste Motorradgang der WeltLucy möchte gern von Michaela und Gabriela respektiert werden, respektiert und aufgenommen. Die beiden Frauen sind eine Art Motorradgang, und Lucy fühlt sich zu ihnen hingezogen. Mit ihrem Spyder bringt Lucy zwar ein beeindruckendes Gerät mit in den Club, doch die ungeschriebenen, unausgesprochenen Aufnahmegrundsätze der namenlosen Motorradgang sind andere.

Überhaupt ist die Gang irgendwie gar keine, denn die beiden Frauen verhalten sich ganz und gar nicht so, wie man es von einer Gang erwarten würde. Die Gang hat keinen Namen, kein Logo, keine Rituale, offenbar keine weiteren Mitglieder. Seltsam. Was die Gang Lucy jedoch bieten kann, ist das, was sie durch ihre erfolgreiche Aufnahme zu erreichen hat.

Denn um aufgenommen zu werden, muss man eins mit sich selbst sein. Nicht oberflächlich mit ein paar richtigen Antworten oder kernigen Aussagen, sondern ganz tief drinnen. Lucys Problem zum Beispiel: Sie sieht gut aus und vernascht Männer nach Lust und Laune, wobei sie ihnen erzählt, was sie hören möchten. Das macht Lucy eindeutig zu einer reinrassigen Vollblutschlampe, und ganz standesgemäß fühlt sie sich dabei aber als liebes nettes Mädchen, das „nur“ genießt, was das Leben ihr so bietet. Die Schneise der Verwüstung, die ihre flatterhafte Beziehungsethik dabei unter den (doch tatsächlich emotionsbefähigten) Männern hinterlässt, nimmt sie nicht war oder hält sie für normal.

Lucy muss sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzenMichaela und Gabriela, als Frauen selbst natürlich immun gegenüber dem eingebauten Balzverhalten der rassigen Lucy, können das Problem auf den ersten Blick erkennen: Lucy ist nicht mit sich im Reinen, weil sie sich selbst in ihrem Dasein als Schlampe nicht akzeptiert hat. Um aufgenommen werden zu können, muss Lucy also erst einmal auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen, und zwar hart. Genau das nehmen die beiden nun in Angriff.

Was auf den ersten Blick anmutet wie eine dünne Entschuldigung für eine Handlung, deren einziger Zweck es zu sein scheint, möglichst viel nackte Haut und Sex zu zeigen, entwickelt sich im Laufe des Films zu einem komplexen Reigen. Denn schon bald wird klar, dass es nicht allein darum gehen kann, Lucy durch die verschiedenen Stadien der Schlamperei zu treiben. Und tatsächlich ist die Motorradgang bald völlig egal, denn der Zuschauer wird gefangengenommen von der Frage nach der eigenen Integrität.

Die Motorradfahrerinnen grübeln, wo sie zuhause sind: Auf der Straße.Was Lucy auf der Leinwand in Sachen Sex, Liebe und Erotik durchmacht, steht stellvertretend für den Prozess, denn jeder einzelne Mensch auf Erden für sein eigenes Wesen durchleben muss, und das in mehreren Aspekten. Die erschreckende Erkenntnis: Kaum jemand geht diesen Weg je zu Ende, praktisch jeder Mensch steckt irgendwo im ersten Drittel und hat sich mit Hilfe selbstgezimmerter Argumentationen irgendwo absichtlich festgekeilt. Das nennt er dann „Konvention“ oder „Kompromiss“ und denkt nicht weiter darüber nach. Bis so ein Keil sich irgendwann von selbst lockert und die Seele unvermittelt ein gutes Stück weiterrutscht auf diesem Pfad der Erkenntnis. Klassisches Beispiel für so einen Ausbruch sind Familienväter, die mit Mitte vierzig oder fünfzig ihre Homosexualität nicht länger verstecken wollen und mit einem Paukenschlag ein neues Leben anfangen.

Dieser katharsische Ausbruch, den wohl nur wenige Menschen irgendwann in ihrem Leben ohne eigenes Zutun erleben, und der natürlich nicht gezwungenermaßen mit Sexualität zu tun haben muss, hat sein dramaturgisches Pendant im sogenannten „Need and Desire“-Prinzip: Man strebt nach dem einen, braucht aber in Wirklichkeit was ganz anderes, und im Film bekommt man es am Schluss auch publikumswirksam. Im wirklichen Leben sieht das dahingegen meist ein wenig trister aus.

Regisseur Roland ReberRoland Reber, Autor und Regisseur dieses Films, zeigt, dass man diesen Weg aber auch aus eigenem Antrieb gehen kann. Und dass man, wenn man dieses tiefe Tal freiwillig durchschritten hat, weit höhere Sphären der Glückseligkeit erreichen kann als unfreiwillige, zerstörerische Ausbrüche das je bieten könnten. Was andernorts mit Selbstkasteiung und Meditation zu erreichen versucht wird, schaffen hier Engel auf Motorrädern. Diese Metapher ist eingängig, nachvollziehbar, hübsch anzuschauen und wesentlich attraktiver als Nagelbetten. Nicht umsonst heißt es ja auch „Das Paradies der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“. Ihre modernen Nachfolger bieten jedenfalls das größtmögliche Gefühl von Freiheit, das sich in dieser Gesellschaft ohne Flugzeug noch erreichen lässt.

Wie immer bei wtp handelt es sich um eine hausgemachte Eigenproduktion, löblicherweise gänzlich ohne Steuermittel (keine Filmförderung!), gedreht in PAL, aber so akribisch, dass es aussieht wie HD. Die Technik ist jedoch wie bei jedem seiner Filme völlig schnurz, denn Reber, ein Mann des Theaters, legt sein Augenmerk viel stärker auf die Inszenierung denn das Abfilmen derselben.

Das erklärt, warum der Film im Vergleich zum restlichen Kinoprogramm etwas karg wirkt: Kaum Fahrten oder Schwenks, keine schicke Schärfeverlagerungen, kein schneller Schnitt und auch nur wenige Establishing Shots. Es ist egal. Die Handlung zählt. Der kulturbeflissene Zuschauer wird den Film sofort als gleichwertig mit gefilmten Theateraufführungen einordnen können, der Mainstreamkunde wird ihn sowieso eher meiden.

Besonders bemerkenswert ist die Musik, die, im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Produktionen, nicht unterschätzt wurde. Man darf zwar keine eingängigen Evergreen-Themen erwarten wie bei Indiana Jones oder dem Weißen Hai, doch fördert (oder konterkariert) die Musik, die sich eben nicht hinter der Handlung versteckt, die verschiedenen Stimmungslagen im Film beträchtlich. Auch sei darauf hingewiesen, dass alle Sexszenen höchst geschmackvoll und mit großer Kunstfertigkeit inszeniert wurden. Wer einen Porno erwartet, wid enttäuscht werden.

Drei Engel für Roland ReberWie immer werden Roland Reber und sein Team, Mira Gittner („Michaela“, aber auch Kamerafrau und Cutterin, im Bild oben), Marina Anna Eich („Gabriela“, aber auch Produzentin, Herstellungsleiterin und Pressetante von wtp, im Bild links) und „die Neue“, Antje Nikola Mönning („Lucy“, und Produzentin, im Bild rechts), mit dem Film auf Tour gehen und ihren Zuschauern Frage und Antwort stehen. Das wird aber noch eine Weile dauern, der Kinostart mit wenigen Kopien ist für März 2010 geplant.

Schade, denn Engel mit schmutzigen Flügeln ist eine schon lang überfällige moralische Lektion; Mores, die wir dringend gelehrt werden sollten. Die Kernaussage des Films wird dem Zuschauer immer wieder nahegebracht, nämlich in Form eines Kinderliedes mit dem Text „Ich kenn‘ alles bis auf Punkt und Strich, nur eines nicht, das bin ich, ich, ich„. Wie wahr, wie erschreckend wahr.

Nachtrag:

Laut einer Pressemeldung von wtp vom 21. Oktober 2009 wird Engel mit schmutzigen Flügeln (offizielle Webseite) auf den 43. Hofer Filmtagen gezeigt. Die Termine:

Fr., 30.10., 0:15 Uhr, Central (Premiere!)
Sa., 31.10., 0:30 Uhr Central
So., 1.11., 19:30 Uhr Cinema.

Hangtime – kein leichtes Spiel

Hangtime ist im Basketball der Moment des Stillstandes in der Luft, wenn der Spieler den Ball in den Korb einwerfen will, „der Moment, wenn Du in der Luft hängst“. Dieser Bruchteil einer Sekunde des Stillstandes entscheidet über den Erfolg des Einwurfes.

Ein Film also über einen entscheidenden Stillstand. Film kann mit der Zeit spielen. Ein elementares Spezifikum des Films, Zeit dehnen, raffen, stehen lassen. Das müsste einer, der einen Film über die Hangtime macht, vielleicht wissen.

Fussballfilme sind schon schwierig. Aber Basketballfilme scheinen ein Ding der Unmöglichkeit. Zwei Brüder, einer schon gross, der andere noch lockiger Bub, spielen Einwurf. Wer verliert, der muss zuhause den Abwasch machen. Aha, in dem Film geht es um den Abwasch.

Zuhause angekommen erwarten zwei Polizisten die Jungs schon vor der Haustür. Die Eltern sind eben bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Lockenkopf darf jetzt einen wohlpräparierten Weinanfall mimen, denn er hat die Tragweite der Mitteilung sofort verstanden. Der ältere Bruder steht bedröppelt daneben, für ihn hat das Drehbuch keine Reaktion vorgesehen. Aha, in dem Film geht es um den Tod der Eltern.

Schnitt. Zehn Jahre später. Die beiden Brüder scheinen sich gut arrangiert haben mit der Waisenkindsituation. Der Ältere spielt den Erzieher und Förderer des Basketballtalentes seines jüngeren Bruders. Alles in Butter. Aha, das Problem mit dem Tod der Eltern hat sich wunderbar gelöst.

Der ältere Bruder möchte aus dem Jüngeren einen Profi machen. Aber der Jüngere möchte sich für eine amerikanische Universität bewerben und sein Studium dort als Basketballer verdienen. Aha, in dem Film geht es um Studium oder Basketballkarriere. Ist das ein Zwiespalt?

Auch ohne weitere Probleme oder Hindernisse bahnt sich ein Liebesverhältnis zwischen dem jüngeren Bruder und dem Weibchen aus dem Internetladen an. Aha, in dem Film geht es um die erste Liebe.

Und so weiter mit dem bunten Themenanreissen und wieder aus den Augen verlieren.

Zum Beispiel eine Geschichte mit einem abgezwackten Finger anlässlich des Knackens eines Zigarettenautomaten und dem Versuch, daraus einen Versicherungsfall zu machen, um mit der Prämie, ach wie romantisch, eine CD aufzunehmen. Hangtime im Hirn des Zuschauers. Um was geht es in diesem Film überhaupt?

Wenn gegen Ende der Hero in einem Gespräch findet, „für mich ist das alles ganz schön kompliziert“, so glaubt man den Drehbuchautor zu hören, der mit sich selbst nicht ganz einig war, was er nun erzählen wollte und warum der Moment der Hangtime für ihn so wichtig war, denn kinematographisch nutzt er ihn überhaupt nicht.

Es gibt ein paar nachgeschobene rationale Erklärungen. Dass nämlich der ältere Bruder wegen dem Todesfall der Eltern seine eigene Basketballkarriere aufgegeben hat, die Schule auch, und dass er das wieder gut machen wollte mit dem Promoten seines jüngeren Bruders. Das wäre vielleicht ein interessante Geschichte geworden, gleich nach dem Todesfall der Eltern einzusetzen, diesen zerstörerischen Prozess zu verfolgen, den Verlust der Träume; Taxifahrer statt Basketballspieler. Nichts davon.

Im übrigen scheint sich der Film mit Lautstärke, schnellen Schnitten und einer überflüssigen Hip-Hop-Gruppe an die jüngeren Zuschauer ranschmeissen zu wollen. Dass die sich das bieten lassen, scheint eher unwahrscheinlich, da sind sie von Youtube, was Lebendigkeit betrifft, bedeutend verwöhnter.

Männerherzen

Fazit: Ein zu einer großen Tüte Popcorn und einem 1,5-Liter-Becher-Brause gewiss Freitag abends in Begleitung von Kumpels oder dem Gspusi wohl zu vertragende bunte Mischung. Der Film schaukelt wie eine Nussschale auf der Dünung moderner Paarbeziehungen über der Tiefenströmung heutiger männliche Identitäts-Verunsicherung.

Zwei Qualitäten.

Etwa ein halbes Dutzend ineinander arrangierte, stark vereinfachend, beinah strichmännchenhaft knapp skizzierte Liebesgeschichten, ein Mikrokosmos aus den verschiedenartigsten Männlichkeitsbehauptungen zwischen Nudelreklame aus den 50ern und der Herren-Duft-Reklame von heute und ihren Lieben und deren Hindernissen. Dass sie alle zu einem guten Ende finden, darf ruhig verraten werden, es sind Minikomödien. Schön daran, was für einen deutschen Film leider schon eine ungewöhnliche Qualität ist, dass vielen Szenen Beobachtungen aus dem Alltag zugrunde liegen. Somit kann der Zuschauer auch problemlos andocken.

Viele nette Witzchen, zum Beispiel über den Namen Günther, versuchen das Niveau leicht zugänglich zu halten.

Die zweite Qualität betrifft das Schauspielerische.

Sie wird bestimmt und dominiert von Til Schweiger und dessen internationalen Erfahrungen, seinen Folgerungen daraus. Er erinnert an einen Zombie, eine Männercharge wie aus einem Vietnamkriegsfilm, Rolle „starke Type“. Mann oh Mann. Die Show ist der Mann.

Er spielt einen Musikproduzenten, der aus Geldgründen Kitsch-Schlager produziert und, nachdem er kurz vor Ende des Films eine Schwangere vom Rad runtergefahren hat, eine fast christliche Bekehrung erlebt (in diesem Rahmen gesehen ist das doch recht amerikanisch!), das Geschäft hinschmeißt, ein Gutmensch wird (als solcher wirkt er dann recht fad) und aus Berlin, wo er sich immer als Bayer aufgespielt hat, Münchner Kennzeichen und FC-Bayern-Aufkleber, in sein tatsächliches Heimatdorf, ein Kaff in Westhessen, zurückkehrt.

Das ist nicht negativ gesehen. Im Gegenteil. Er scheint seine Kollegen zu einer ähnlichen Art Typen-Schauspielerei zu animieren, was diese mit Wonne tun, auch das eine im deutschen Film rare Qualität.

Der Effekt ist der, dass das Gemenge aus Typen, gerade diese Zombiehaftigkeit Schweigers und seiner Epigonen, eine im Grunde genommen skurrile Zwergenwelt abgibt, trotz oder gerade wegen dem teils dröhnenden, PS-protzenden und gewichthebenden Macho-Getue.

Der Eindruck wird noch verstärkt durch vermutete Klauseln im Vertrag von Schweiger, dass sein Kopf immer eine Idee größer und deutlicher als die Gesichter seiner Mitspieler zu fotografieren sei. Schrittmacher für Startum à l’Américaine.

Die Kombination der hier festgestellten Qualitäten ergibt einen durchaus ansehbaren skurrilen Bilderbogen, wobei noch ungeklärt ist, wie weit diese Skurrilität freiwillig oder nicht ist; ob der junge Simon Verhoeven, der Regisseur, schon mit so viel Psychowasser gewaschen, schon so durchtrieben im Spiel mit den nicht unbedingt bewussten Qualitäten seiner Schauspieler ist.

Zu denken gibt einem allenfalls die Erkenntnis, dass Til Schweiger in seiner Altersklasse wohl der derzeitig starhafteste deutsche Filmstar sein dürfte, was das Filmland dann doch wieder als ziemliches Zombie- und Zwergenland erscheinen lässt.

Es kommt der Tag

Es ist im Moment gesellschaftlicher Konsens, Filme über Terroristen zu machen. Das kommt gut an bei den Redaktionen. Erst recht, wenn Iris Berben Judith Hofmann, die Ex-Terroristin, gibt.

Hier ist immerhin der Plot auf einen Satz zusammenzufassen, aber das wars dann auch schon. Frau Hofmann, besagte Iris Berben, ist nach Banküberfällen und einem Mord abgetaucht, hat im Elsass ein neues Leben aufgebaut, hat einen Winzer geheiratet, ist Aktivistin in einer Umweltschutzvereinigung (glaubwürdig?), aktuell gerade gegen Genmais.

Ihre terroristische Vergangenheit holt sie ein in Form einer ihrer Töchter, die sie beim Untertauchen zurücklassen musste. Diese wird gespielt von Katharina Schüttler, Alice heisst sie im Film, eisern-verschlossenes Gesicht, gut geformt, sehr deutsch, bei den Gängen immer die Arme am Körper angelehnt, wer weiss, wer ihr das gesagt hat.

Diese Tochter resp. diese von Frau Hofmann im neuen Leben verschwiegene Vergangenheit, platzt also bei Winzers rein.

Jetzt müsste nur noch eine Geschichte daraus gemacht werden. Zu früh wollen wir das düstere Geheimnis nicht ans Licht bringen. Das geht folgendermaßen.

Wir stellen Frau Berben mit ihren Umweltschützern vor. Heile Heilerwelt. Dann stellen wir Alice vor, die Tochter, wie sie einen Typen auf einem Autobahnparkplatz bumst, einen netten Jungen, die daraufhin sein Zeugs rausschmeisst, während er pinkeln geht, und ihn zurücklässt.

Sie ist also eine Gestörte. Das haben wir kapiert.
Diese Gestörte hat die Mutter aufgespürt und will sie nun herausfordern.
Sie taucht unvermutet bei Winzers auf, quartiert sich als Gast ein.

Erst müssen diverse Szenen erfunden werden, Frühstücks- und Essenszenen, bei denen die Dramatis Personae zusammenkommen. Das Problem ist allerdings, dass dann mit viel Spass und Gejuchze auch mal Sekt geöffnet werden muss, irgendwelche Füllgespräche erfunden werden, kostbare vertane Kinozeit, bis endlich ein Gespräch Mutter-Tochter zustande kommt.

Dazwischen erscheinen ohne jede dramaturgische Begründung die Großeltern des Winzers, Franzosen… Es folgen typischen Auslegeordnungen bürgerlicher Szenen deutscher Filmemacher und Filmemacherinnen, so, wie sie sich die Deutschen (und hier auch die Franzosen) so etwas eben vorstellen.

Der Film fängt an, eine Drehbuchwerkstatt haben wir auch besucht, mit dem Voice-Over-Text einer Frauenstimme, die über das Wasser, das den Fluss runterfliesst, räsoniert und den Weg umgekehrt gehen möchte. Zu guter Letzt kotzt Frau Berben am Fluss ihren Mageninhalt (oder ihre Vergangenheit) aus: frisch gereinigt muss sie nun entscheiden, in welche Richtung sie gehen wird. Der Fluß fliesst abwärts…

Short Cut to Hollywood

Schon die Grundidee ist hornochsig. Das Trio aus Mittermeier, Stahlberg und Kottenkamp will Weltkarriere machen, indem Stahlberg sich eine Extremität nach der anderen amputieren lässt mit dem medialen Höhepunkt seines gezielten Aus-dem-Leben-Scheidens.

Wenn so eine hirnrissige Sache im Kino funktionieren soll, muss das ganz genau als realistischer Plan dargelegt werden (und, wie er vielleicht durchaus beabsichtigt, dem Tod in letzter Minute noch ein Schnippchen zu schlagen vermag), damit wir das mit Interesse verfolgen, ob es auch funktioniert.

Und es müssen auch plausible Gründe angeführt werden, welche Notlage für die Drei vorherrscht, dass sie überhaupt auf eine solche Idee kommen und allen Ernstes an deren Durchführung herangehen. Nichts von alledem bei Stahlberg. Die Idee kommt eher wie eine Primanerscherz auf die Leinwand und gleich geht’s unreflektiert, ohne Hindernisse an die Umsetzung. So entsteht keine Spannung.

Dass es in Amerika dann nicht auf Anhieb funktioniert, also das Hindernis mit dem Produzenten, dem sie den amputierten Arm von Stahlberg in einer grossen Phiole auf den Konferenztisch hauen um dann medienecholos wieder rausgeschmissen zu werden, ist weder spannend noch originell und keineswegs dazu angetan, Empathie für die Akteure zu empfinden, zu klotzig und flüchtig wird das inszeniert und gefilmt.

Sowohl Drehbuchidee als auch deren handwerkliche Durchführung sind einfältig zu nennen. Und einfältige Filme will umgotteswillen niemand im Kino sehen.

Ausserdem legen sich die Akteure selbst ein Ei, indem sie den Vergleich mit amerikanischen Schauspielern direkt herausfordern und dabei ziemlich schwach abschneiden. Bei der Todesszene im Prunkbett hinter rotem Tepppich auf Hochausdach mit Hintergrund Las Vegas, da kommt kurz Interesse auf. Als aktuelle Folie sieht man den Tod von Michael Jackson als Film hinterm Film und die Mutter, die aus Deutschland angegflogen kommt, die erweckt Mitgefühl. Leider sind in diesem Moment schon weit über 60 Minuten Unerträglichkeit hinter einem. Wegen eines solch kleinen Trostpflasters würde wohl kaum einer ins Kino gehen.

Ein weiteres deutsches Förderprodukt, dessen Flop schon bei sorgfältiger Lektüre des Drehbuches hätte prognostiziert und also vermieden werden können. Keine dreidimensionalen Charaktere, keine Figuren, die irgendwelches Mitgefühl erwecken. Alle bleich und papieren. Hat das keiner gesehen von den Redaktueren und den Förderern, oder sind alle so verbandelt untereinander, dass, wie bei des Königs neuen Kleidern, keiner sich was zu sagen getraut hat, um das Projekt frühzeitig zu stoppen oder dramatische dramaturgische Korrekturen zu verlangen?

Löblich ist allein der medienkritische Ansatz. Geht aber ungefähr so in die Binsen, wie das Unterfangen, mit einer Papierschere echten Drahtzaun durchschneiden zu wollen.

So ein bisschen parodieren und flachsen und lustig sein ist eben krass wenig im Gegenwert zu einem Kinoticket.

Ashes of Time Redux

Wong Kar Wai tischt auf. Und nicht bescheiden.

Für das westliche Auge ist das viel aufs Mal. Die ganzen, vielen, schnellen englischen Untertitel. Die verschiedenen Handlungsstränge. Die verschiedenen Figuren und ihre Namen; die für uns Westler auch nicht ganz so leicht zu unterscheiden sind.

Dann das Riesen-Farb-Festival. Die Zeichnungen und Bilder aus den Aschen, Sänden, den Wolken.  Chromatographie. Chromatomovie. Die Farbbestandteile in ständigem Fluss. Alles ist moving. Elementarfilm.

Die erste Prämisse oder These, die kann man sich merken, weil sie am Schluss nochmal kommt. Die Frage an einen 40-jährigen, ob es nicht Leute gebe im Leben, denen er bisher begegnet ist, denen er eigentlich lieber nicht begegnet wäre oder die er gar umbringen wolle. Ein Einsiedler würde sich für diesen Job zur Verfügung stellen. Eine Art Wüstendjango. Der erhält einmal im Jahr Besuch von einem anderen einsamen Wolf oder Reiter, der einen Wein dabei hat, der einen vergessen lässt, wenn man davon getrunken hat.

Die Liebe vergessen? Manche Liebesgeschichte vergessen? Lieben, denen man lieber nicht begegnet wäre?

Oder: meisterhafte Variationen zum Thema Repulsionskräfte der Liebe. Denn immer lieben die Falschen die Falschen.

Noch ein Motto des Filmes. Die Natur ist ruhig. Der Wind ist ruhig. Aber im Inneren der Menschen brodeln die Gefühle. Die bringen die Unruhe.

Der Bogen der Begegnungen und Kämpfe, der Zärtlichkeiten und Nachdenklichkeiten spannt sich über die Jahreszeiten. Zyklik als Erzählmuster, Zyklik von Sein, Werden und Vergehen. Von Unausweichlichkeit? Dabei die Martial Arts  im geistigen Rotationszentrum, ohne dass das Sujet bildlich zu sehr bedient würde.

Wüstenbilder, Sandbilder, Wasserbilder, Wolkenbilder.

Wie farbiger, rieselnder Sand bilden sich die Bilder. Oder wie die Farben beim Ostereierfärben in einander übergehen. Der Zuschauer sitzt davor, schaut hinein und staunt. Darf die Liebesgeschichten, die erfolglosen, darin entdecken.

Allein um die Bildoberfläche und das Spiel mit ihr zu beschreiben, wie sie verschwimmt, sich verändert, wie sie grobkörnig, feinkörnig, wässrig oder wolkig wird, wie sie  wie vom Winde verweht changiert, wie sie selbst in manchen Portraits an Rembrandt erinnert durch den Umgang mit dem Licht, wäre eine eigene Wissenschaft, würde ein eigenes Vokabular verlangen. Der Zuschauer aufgefordet zum Sprachschöpfen.

Sollte man nochmal anschauen. Und weiter enträtseln. Und interpretieren. Oder einfach geniessen. Wie hiess jene Sendung vom BR? ZEN, Zuschauen, Entspannen, Nachdenken.