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Die zwei Leben des Daniel Shore

Ein weiterer Tiefpunkt öffentlich geförderten deutschen Films.

Der Film fängt an mit einer einzigen, minutenlangen Einstellung. Die Kamera fährt erhaben über eine hell geflieste Terrasse (mit einer weiss getünchten Schutzmauer versehen), auf der Terrasse sind Stühle, Drahtgeflechtstühle, einer links halb gekippt, einer rechts stehend. Bedeutungsvoll. Leere Bühne. Die Kamera fährt nun in einer langen, langsamen Bewegung, bedeutungsschwanger über die Brüstung, gibt die Sicht frei auf einen marokkanischen Garten mit Palmen, senkt sich auf einen Pool hinunter, dreht dann ebenerdig zurück in Richtung Haus, findet auf der Freitreppe unter der Terrasse einen toten Jungen in einer Blutlache. Diese auffällige, offenbar auch auffallen wollende Kamerafahrt wird pathetisch untermalt von einer sich stetig bis ins Bombastische steigernden Musik mit dem dramatischen und im weiteren Verlaufe des Filmes nicht mehr zu toppenden Höhepunkt, der Entdeckung des toten Jungen.

Hier hat Dreher sein Pulver bereits verschossen, seine Nicht-Geschichte bereits erzählt. So ein toter Junge, ein ganz offensichtlich gewaltsam zu Tode gekommener Junge, macht betroffen, noch dazu ein marokkanischer Junge.

Um diesen toten Jungen herum bastelt er nun gerne auch mit Reißschwenks und immer wieder bei nichtssagenden Szenen mit Gewicht verleihender Musik unterlegt eine Assoziationskette aus gestelzten, meist bedeutungsvoll stilisierten Szenen mit ebensolchen Figuren.

Darin kommt vor: ein Student, der in Berlin seine Doktorarbeit machen wollte, der Amerikaner ist und im Film Daniel Shore heisst, als Schauspieler nennt er sich Kinski, ein sehr fordernder Name. In seinem Kopf geistern der gewaltsame Tod des Jungen und Schuldgefühle, diesen nicht verhindert zu haben. Dann diverse Bewohner, fast wie Wachsfiguren, in einem geräumigen Altbau in einer Stadt in Deutschland, die nicht Berlin ist, deren Verkehrsbetriebe SSB heissen. Und natürlich Marokkaner. Die sind alle Dealer. Und Marokanerinnen. Die sind alle Nutten. So der Eindruck.

Ausserdem gibt es viele Blicke auf die Meerenge vor Tanger hinüber nach Spanien.. Mit denen erinnert Dreher an seinen Erfolgsfilm Fair Trade, einer thematisch-modellhaften Seminararbeit, die politisch so korrekt und künstlerisch so wenig aussgekräftig war, dass fast sämtliche Kurzfilmpreisjuries jenes Jahres sich auf den Film als Preisträger einigen konnten. Sie katapultierten Dreher gleichsam in einen viel zu hohen Film-Preis-Himmel.

Ausserdem gehören Disco-Szenen in einen jungen deutschen Film, sowohl solche in Deutschland als auch welche in Marokko, man ist ja international.

Der Film scheint ein großangelegter und gewiss millionenschwerer Versuch zur Herstellung von Bedeutsamkeit einer Nicht-Geschichte zu sein.

Leider wird nicht klar, was Dreher wirklich interessiert. Der gewaltsame Tod eines Jungen macht betroffen, klar. Aber was hat das mit den zwei Leben des Daniel Shore zu tun, ist er im einen betroffen vom Tod des Jungen, im anderen nicht?

Um dieser Betroffenheit Ausdruck zu verleihen, genügte allerdings eine einfache Todesanzeige. Kino als Ersatz für eine Todesanzeige. Eine Trauerveranstaltung.

Giulias Verschwinden

„Mit dem falschen Ei aufgestanden“ und „angelsäschsisch oder Reeperbahn“ als kontrastierender Charakterisierungen von Hamburg, das sind die zwei wichtigsten Sprüche in diesem Film, denn sie werden zweimal vorgetragen, der Hamburg-Witz sogar einmal von Herrn Bruno Ganz zu Frau Corinna Harfouch, was der Variante gleich noch kostbaren Star-Glanz verleiht.

Weitere wichtige Infos, die dem Film zu entnehmen sind, dass der Unterschied zwischen Altenheim und betreutem Wohnen der ist, dass man bei letzterem sein Bett selber machen muss; einer meint, „ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich habe Angst vor dem Dahinsiechen“; einer versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen; Gören klauen Sportschuhe und in der Züricher Strassenbahn wird Frau Harfouch nicht bemerkt, nicht weil sie Frau Harfouch ist, sondern weil sie nicht mehr die Jüngste ist („das Alter sieht man nicht“) und diese Jüngsten haben schon ein Problem mit dem Altersunterschied von 18 zu 20; ein schwules Paar bereitet sich umständlich auf den Ausgang, auf eine Party vor.

Die Party, vielmehr die Geburtstagseinladung findet in der Cantina Antinori statt. Frau Harfouch, die Giulia das Geburtstagskind spielt, kann jedoch nicht verschwinden, weil sie nämlich gar nicht erst dort auftaucht.

Frau Harfouch lernt stattdessen in einem Optikergeschäft Herrn Ganz kennen, der noch einige Zeit bis zu seinem Rückflug nach Hamburg hat, was Gelegenheit zu erwähnter Hamburg-Pointe und einem Tête-à-tête in einer feinen Lokalität gibt. Die Geburtstagsgesellschaft kann der Teufel holen.

Da in der Cantina Antinori somit ein Platz frei ist, setzt die Dramaturgie hurtig für einige Szenen Frau Sunnyi Melles darauf, als eine (Film)Dea ex Macchina oder Licht-Double für Frau Harfouch? Wir wissen es nicht.

Von den Gesprächsthemen her dominiert das Sujet „Alter“ oder „Altern“. Zum Beispiel das Altenpflegerwitzchen mit Herrn Rauser. Oder Frau Harfouch meint, sie sei „in einem Alter, in dem man mit Accessoires auf sich aufmerksam machen will“. Schöner Autorensatz fürs Poesiealbum.

In der Cantina Antinori ist an der Wand eine Reproduktion von Botticellis Geburt der Venus, Hinweis auf seit Jahrhunderten nicht verblasste Schönheit und ewige Jugend. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Themen rund um die biologische Uhr, hm, doch etwas angekokelt aus…

Kurzes Aufhorchen an einer Stelle, der Autor muss Thomas Bernhard gelesen haben, denn plötzlich juckt ihn dieser „ich hasse Männerchöre, Frauenchöre, Kinderchöre, gemischte Chöre“, das sagt Frau Harfouch nach der Darbietung des gemischten Chörlis „Amselsingers“ (falls wir diesen Namen richtig verstanden haben), darauf fängt ein Chormitglied an zurückzuwüten „ich hasse Torten aller Art“, aber schon hat den Autor der Bernhard-Mut verlassen und wir sinken zurück in den wohligen und nur allzubekannten Mief alltäglicher Befindlichkeiten rund ums Altern.

Immerhin scheint der Autor fleissig seine Ohren offen und seinen Stift griffbereit gehabt und so einige Bemerkungen mit Wiedererkennungswert zum Thema Altern notiert zu haben: doch Autoren-Sammel-Fleiss und das Verteilen der Texte auf verschiedene Akteure allein garantiert noch keine spannende Geschichte … wie so oft.

Gegen jeden Zweifel

Was ist ein Remake, wenn es ein Remake ist? Remake ist dann, dass ein Regisseur, dessen Absicht laut IMDb-Mini-Biography ist, to „reach people’s emotions, not their minds“, die dialektische Methode Fritz Langs (These im Schuss und Antithese im Gegenschuss, um damit people’s minds, den Gedanken, den Geist und gleichzeitig die Dynamik der Dramatik zu erreichen) mit wilden Verfolgungsjagden in menschen- (und damit argumenten)leeren Parkhäusern und Strassen aufzupeppen. Das Remake gibt damit dem Vorbild zu verstehen, dass es dessen geistige Anstrengung als überflüssig oder zumindest als nicht ausreichend betrachtet. Schauen, ob people’s Emotions das zu goutieren wissen und ob sie their Minds dazu bewegen, dafür ins Kino zu gehen.

Die Affäre

Wie der Titel, so eigenschaftslos der Film. Es gibt Menschen, die erledigen alles mit der gleichen Hingabe oder auch Emotionslosigkeit, Erotik, Liebe, Sex, Kino, Frühjahrsputz oder das Ausfüllen der Steuererklärung. So ein Mensch scheint die Regisseurin zu sein. Anders lässt sich der konsequente Verzicht auf cinematographische Reize nicht erklären. Das übrige ist dann reine Geschmackssache, ob jemand gerne zuschaut, wie eine alternde Diva, hier als Arztgattin apostrophiert, wilde Sexszenen mit kräftigem, potentem Mann spielen darf. Hier ist es ein katalonischer Maurer, es könnte auch der Spengler oder der Postbote sein. Die Affäre, reduziert auf den Allgemeingehalt.

Ein russischer Sommer

Dünne Eigentumsdelikts- qua Erbstreitgeschichte über den grossen literaturhistorischen Kamm geschoren (berühmter Dichter, Kostüme aus dem Fundus, Dampfloks, vornehme russische Interieurs, Kutschen, Pferde, Salonwagen und Samoware, das russiche Volk und Tolstoi-Zitat-Einsprengsel); die Darsteller versuchen mit viel Emotion aus leicht zugänglicher Konserve die Dürftigkeit und das fehlende Need der ärmlich konstruierten Dialoge zu kompensieren und eine Handvoll deutscher Filmförderer geben einmal mehr Anlass zur Vermutung, dass sie in Sachen Drehbuchlesen nicht allzu bedarft seien, dass deutsches Money für Film nicht unbedingt „intelligent money“ sein muss.

Vorstadtkrokodile 2

Korrektes, angepasstes Erledigen der Abenteuerphase einer Jugend vor dem ersten Kuss, einer aufgeklärten Bilderbuchjugend in soziographisch korrekter Mixtur mit den politisch korrekten Sprüchen über das Aussenseitertum von Lahmen, Stotterern und Ausländern dazu. Auch die ökonomisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge finden ihren korrekten Niederschlag vom Fresstempel über die Fabrikschließung durch Kapitalisten-Abzock-Heini. Dazu perfekte Beherrschung von Kung-Fu und Checken technischer-IT-Zusammenhänge und nebenbei wird auch der Single-Mutter noch ein Partner verpasst. Ein von der Regie in jedem Detail mit grosser Sorgfalt und perfekt organisiertes Teenitum mit Augenmass und ohne größere persönliche Identitätsverwerfungen. Lösbare Probleme statt Konflikte. Das Coming-of-Age im Schnelldurchlauf. Alles im Griff, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Kids ohne Slang. Heldentum ist machbar. Seelische Entwicklungen nicht vorgesehen. Pädagogisch garantiert wertvoll. Kein schmutziger Film. Kino als Ehtik-Unterricht, immerhin unterhaltsamer und bequemer und mit Knabberzeugs und Limo dazu.

NACHSATZ: Wer die ethische Lektion der Vorstadtkrokodile 2 lernt und beherzigt, erfüllt alle Voraussetzungen, A Serious Man zu werden, sollte dann allerdings tunlichst vermeiden, ins Blickfeld der Gebrüder Ethan und Joel Coen zu geraten, deren Film heute ebenfalls anläuft.

Sherlock Who?

Ich hatte heute das Vergnügen, die zweite PV-Runde von Sherlock Holmes besuchen zu dürfen und den Film dabei in der deutschen Fassung sehen zu können. Ich bin hin- und hergerissen. Doch dazu muss ich weiter ausholen (leichte Spoiler):

Wie es der Zufall will, habe ich vor einigen Jahren im irischen Sligo in einem Buchladen die Wordsworth Classics für mich entdeckt, ultrabillige Drucke klassischer Literatur. Ich holte mir den (fast) gesamten Sherlock Holmes, wie er auch im Strand Magazine abgedruckt worden war. Wieder zuhause, las ich ein gutes Dreivierteljahr nur Sherlock Holmes. Ich tauchte ein in das London der Jahre 1887 und folgende.

Sherlock Holmes (Sidney Paget, 1904)Der Meisterdetektiv, dessen Wesen und Methodik sich über Wochen und Monate vor meinem inneren Auge entspannte, ist nicht die Person, die ich heute im Kino gesehen habe.

Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle ist ein gemütlicher bewegungsarmer, tendenziell genußorientierter Denker, der lieber vom Ohrenbackensessel aus Fälle nur mit Hilfe der Indizien löst, als vor die Tür zu gehen (was er natürlich schon tut, aber eher gezwungenermaßen. Dies gibt sich im Lauf der Erzählungen). Er interessiert sich praktisch gar nicht für Frauen. Liebe, Sex, Heirat und Kinder sind absolut nicht seine Welt.

Dr. Watson ist sein Freund und heimlicher Beschützer, sozusagen der Schutzengel des zerberchlichen Unikums. Watson hat den Krieg gesehen und Watson weiß als einer von sehr wenigen Figuren die Genialität des Sherlock Holmes überhaupt zu erahnen und zu schätzen. (Holmes selbst empfindet sich übrigens seinem älteren Bruder Mycroft als geistig stark unterlegen.) Er bringt seine Fähigkeiten gewinnbringend ein, indem er – aus seiner Sicht verhältnismäßig leichte – Rätsel löst, die seiner Umgebung aus nicht nachvollziehbaren Gründen jedoch unlösbar erscheinen.

Sherlock Holmes von Guy Ritchie ist ein Lover und ein Fighter, sein Buddy Dr. Watson steht ihm stets zur Seite und darf ebenfalls markige Sprüche zur rechten Zeit abfeuern. Holmes‘ geistige Fähigkeiten werden im Film jedoch reduziert auf etwas überdurchschnittliches Faktenwissen, nicht unähnlich der für die Spielshow Wer wird Millionär erforderlichen Inselkenntnisse, doch fehlt mir das gehobene Verständnis der tieferen Zusammenhänge der Welt dieser Rolle in diesem Film.

Robert Downey jr. und Jude Law spielen ein großartiges Team von schlagfertigen wie -kräftigen Detektiven, doch sind dies nicht Sherlock Holmes und Dr. Watson. Käme der Film unter Vier Fäuste für eine Meerschaumpfeife in die Kinos, hätte ich keinerlei Probeme, dem Film ein 1a-Zeugnis auszustellen.

Doch hier setzten sich ein paar Autoren zusammen, zogen sich eine Geschichte aus der Nase, wie sie ebenso in der Beweismittelkette von CSI nach dem Motto „Bloß nicht denken, nur die Beweise sprechen lassen“ funktionieren könnte und die so gar nichts mit Arthur Conan Doyle zu tun hat, und schrieben Sherlock Holmes darüber. Die meisten Figuren (bis auf den Antagonisten, Lord Blackwood) wurden nach den Romanfiguren benannt, doch das ist auch schon alles. Irene Adler zum Beispiel ist in Wirklichkeit (also in der Vorlage) keine Meisterdiebin wie im Film, sondern eine Kundin, die selbst auch nicht auf den Kopf gefallen ist und so sogar Holmes‘ Aufmerksamkeit kurzzeitig erregt.

Ich verstehe natürlich, dass das heutige Mainstreampublikum mehr Action braucht als Pfeife rauchende Männer, die in einem Kaminzimmer diskutieren, wie dieses oder jenes Verbrechen denn nun begangen worden sein könnte. Aber wieso dann ausgerechnet das ultimative Vorbild jedes Kriminalers, der je gelebt, namentlich für eine Action-Detektivromanze herhalten muss, ist mir schleierhaft.

Eine komplette Generation von Menschen wird nun heranwachsen mit der Überzeugung, dass Sherlock Holmes ein krasser Fighter war, der heftige Verschwörungen mit coolen Sprüchen in ationlastigen Szenarien auf die letzte Millisekunde aufdeckt und dabei natürlich auch noch die Chicks klarmacht. Wenn auch nur einer dieser Menschen wegen des Films eines der Bücher in die Hand nimmt, wird er, ganz subjektiv, völlig neue Dimensionen der Langeweile für sich entdecken können.

Doch genau darin liegt der Reiz des „echten“ Sherlock Holmes: Dass man trotz telegrafiertem Hilferuf eben nicht mehr noch am selben Tag auf das Landgut des Absenders fahren kann, weil eben keine Züge mehr gehen, und stattdessen ins Theater. Dass die Dinge ein wenig langsamer laufen im 19. Jahrhundert als heute. Dass man dramaturgisch mit den damaligen Gegebenheiten zu arbeiten hatte und als Autor eben – Spoiler – keine Weltungergangsmaschine, den Taser oder die Funktechnologie aus dem Hut zaubern konnte.

Sherlock Holmes wurde schon öfter verfilmt, und nie wurde meines Wissens ernsthaft an den Fundamenten der Charaktere gerüttelt. Diesmal schon. Diesmal wurde ein guter Name dazu verwendet, mehr Kohle mit einem völlig artfremden Produkt zu machen, und das auf Kosten der Integrität des Kernthemas, eben des besagten ehernen, ehrenwerten, verdienten Fundaments, auf Kosten von Weltliteratur. Dieser Sherlock Holmes ist wie eine Neuauflage von Columbo, in der der werte Inspektor nebenher noch als Quarterback spielt. Es passt einfach nicht zusammen.

Wer eine Sherlock Holmes-Adaption sehen will, die den Mainstreamgeschmack trifft, aber dennoch die Position des Originals in der Weltliteratur wertschätzt, dem sei Without a Clue, zu deutsch Genie und Schnauze, schwer ans Herz gelegt:

… und natürlich Columbo. Dieser Cartoon hier passt aber auch ganz gut zur Diskrepanz zwischen Literatur und Ritchie-Film. (Leichte Anpassungen des Textes folgen noch, denn ich bin noch nicht ganz glücklich mit meiner Wortwahl)

Friendship!

Retroorientiertes Roadmovie zweier junger Männer aus der DDR, die sich kurz nach dem Mauerfall mit viel zu wenig Geld nach Amerika und dort speziell San Francisco, aufmachen, weil Veit, Friedrich Mücke, der Freund von Tom, Matthias Schweighöfer, dort nämlich seinen Vater finden will, der ihm immer am Geburtstag eine Postkarte schickt; das gesteht er dem Freund aber erst, wie sie schon in Amerika sind.

Es fängt mit einem kleinen von Voice-Over kommentierten Potpourri an Bildern von „Liebeswürdigkeiten“ der DDR an, das hört mit dem Satz „FRIENDSHIP!“ der Englischlehrerin auf. Damit ist man wunderbar gerüstet für: Amerika.

Die ersten Sequenzen der Ankunft in Amerika baden reichlich und reichlich oberflächlich dazu die DDR-Unbeholfenheit aus. In aller Naivität sagen sie bei der Einreise auf die doch sehr abgelutschte Frage des Beamten, aha Nazis, nein, nein, sie seien Kommunisten, worauf sie natürlich gleich bis auf die Unterwäsche entblösst an der Wand stehen. Man muss was tun für die weiblichen Fans.

Dann haben sie nicht genügend Kohle für ein Ticket nach San Francisco. Das Geld reicht gerade bis New Jersey. Tom findet das lässig. Aber Veit natürlich nicht, weil er ja seinen Vater finden will, und das muss er jetzt dem Tom erklären.

Das findet dieser dann kurz doof, trübt aber die eher zufällig wirkende Freundschaft der beiden nicht,– hier muss der Soziologe nachfragen: ist dies ein Abbild unserer heutigen Jugend, denn es geht doch nicht um ein Museumsstück, und vor allem, ein Abbild der damaligen Jugend ist es erst recht nicht. Die soziologische Antwort wäre, dann ist aber die heutige Jugend unglaublich retro, oder die Filmemacher sehen sie so.

Im weiteren Verlauf der Tramp-Reise, die immerhin ein Ziel und ein Datum hat, nämlich wann jeweils die Postkarte in San Francisco wo eingeworfen wird, spült der filmische Zufall den beiden ein paar lustige Begebenheiten zu, zum Beispiel die Motoradfahrer, dann den Typen, der einen Bruder in San Francisco hat, für den er einen protzigen amerikanischen Wagen überführen soll. Ein Roadmovie braucht Vehikel.

Es gibt sowas wie eine Bunte-Abend-Nummer mit der Polizei, wie die beiden halbnackt Auto fahren und dem Schweighöfer auch die Flagge noch runterfällt und sie die Nacht auf dem Revier verbringen.

Dann hat der Wagen die Krise, die Reparatur kostet, sie machen dank dem Mädchen deutschen Ursprungs, das sie kennen gelernt haben, einen Filmabend, DDR-Underground-Movie nennen sie die Dokumentation. Tags darauf schenken sie dem Bürgermeister ein Stück gefakte Mauer. Daraufhin setzt ein Nachfrageboom nach diesen Mauerstücken ein und sie finanzieren damit den Rest der Reise.

So geht das locker-flocky dahin, aber die DDR-Witze erschöpfen sich irgendwann, irgendwann kommt beim Zuschauer Reisemüdigkeit auf. So geschickt gebaut wie GOOD BYE LENIN ist dieses Stückchen DDR-Verarbeitung dann doch nicht.

Das erste Ende ist fast melodramatisch, irgendwie unpassend ernst, wie der Tom dann Veits Vater entdeckt, weil die Dramaturgie unverständlicherweise den Veit hat Pizza holen geschickt, und Tom hört dass .. nun ja, das darf hier nicht verraten werden, was es mit diesem Vater auf sich hat, aber der Zuschauer wundert sich, aha, dazu das Ganze?

Irgendwie ein leeres Gefühl, was zurückbleibt. Der Veit-Darsteller erinnert an Tom Selleck, nähert sich diesem Format, während Schweighöfer doch sehr deutscher Offizier bleibt. Immerhin, uprising Movie-Stars könnten sie sein, wenn denn in nächster Zeit auch die guten Drehbücher für sie geschrieben würden.

Roadmovie von Konfirmand zu Konfirmand.

Nanga Parbat

Biederes Erklärkino mit viel heißer Studioluft, was sich scheut, den Konflikt der beiden Messner-Brüder als Momentum zur Erzeugung von Kinospannung einzusetzen (oder dies schlicht nicht kann), einen Palü unter der Messlatte, die Arnold Fanck schon vor Jahrzehnten für Bergfilme gelegt hatte. Hinterherhink-Movie.

Nord

Die Kunst des filmischen Geschichten-Erzählens besteht vielleicht auch darin, dem Zuschauer das Gefühl zu geben, man hätte noch vieles parat in der Märchenkiste, dass es sich bei diesen verrückten menschlichen Begegungen im dünn besiedelten Hohen Norden nur um wenige Müsterchen handle, wie eine fixe Idee gepaart mit Depression und in Wechselwirkung mit „Spirit“ = Schnaps zu einer faszinierenden Autonomie des Handelns und zum unausweichlichen Zusammenprall einsamer Individuen in menschenleeren Schneegegenden führen kann. – Wie der bärige, apathische Jomar erfährt, dass er in einem weit entfernten Tal ein Kind habe, gehen Snowmobil und „Spirit“ mit ihm durch.