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Der Biber

Dieser Film macht sich selbst mit einem krassen inszenatorischen Fehlentscheid den Garaus.

Die Idee ist nicht schlecht und gar nicht so neu oder unbekannt: ein Mensch hält sich eine Puppe als Alter Ego. Dieses sagt ihm die Dinge, die er nicht hören will oder sich nicht traut zu sagen. Die Puppe, in diesem Fall ein Biber, setzt somit eine Dynamik innerhalb einer Figur, die vielleicht durch ein Problem gelähmt oder handlungsunfähig oder erstarrt ist, in Gang, kann Auswege aus einer Sackgasse weisen. Das kann mitunter superkomisch werden. Es ist das Erfolgsrezept der Bauchredner. Sicher, hier ging es nicht darum, einen Bauchredner darzustellen. Aber …

Der Unternehmer Walter Black, gespielt von Mel Gibson, leidet an Depressionen und findet einen Stoffbiber, den er wie ein Handpuppe trägt und der von dem Moment an statt seiner spricht. Er selbst hat keine Stimme oder keine Worte mehr. Er verstummt und der Biber spricht. Soweit die Theorie. Aber …

In der Praxis dieses Filmes sieht das so aus, dass Gibson den Biber ganz deutlich sichtbar und auch mit seiner eigenen Stimme spricht. Das muss man erst auseinanderdividieren. Aha, jetzt spricht der Biber und nicht Mel Gibson, obwohl Mel Gibson ganz deutlich spricht. Er spricht, obwohl er nicht spricht. Denn Black selbst spricht nicht mehr. Der ganze Witz, der ganze Mechanismus des Alter Ego wird so ausser Funktion gesetzt, ihm wird die Wirkung und damit der Reiz genommen.

Das ist in etwa so, wie wenn ein Bauchredner (bei dem ist das Prinzip der Puppe als Alter Ego durch den sprecherisch-technischen Trick dargestellt) so spricht, wie er immer spricht: das hiesse: die Illusion und der Reiz seiner Darstellung verfliegt, bevor sie zu Ende ist.
Nicht anders wäre es wenn Kinder mit Puppen spielten und sie keinen Unterschied in der Stimme der Puppe und iher eigenen machen würden.

Da der Zuschauer das als Kind schon intuitiv richtig gemacht hat, so dürfte er, wovor die Produzenten womöglich Angst gehabt haben, überhaupt kein Problem damit haben, wenn Gibson zum Beispiel beim Drehen in den Phasen, wo der Biber spricht, den Mund einfach gehalten hätte und die Biber-Texte im Nachhinein als separate Tonaufnahme und hoffentlich mit verstellter Stimme oder mit einem leichten Akzent oder was auch immer so einen Biber, der noch dazu einen beweglichen Unterkiefer hat, interessant gestalten könnte, gesprochen hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einziger Zuschauer ein Problem damit hätte, dem Film zu folgen, und zwar eventuell mit Vergnügen, statt wie hier mit der Qual, sich immer wieder fragen zu müssen, halt, wer spricht denn jetzt, ist es der Biber oder ist es Black. Die Filmemacher haben sich damit ein überflüssiges, gravierendes Kommunikations- respektive Darstellungsproblem geschaffen.

Man könnte über diesen Fehlentscheid der Produktion spekulieren, wer dafür die Verantwortung trägt, wer darauf bestanden hat, dass Gibson als Black den Biber sichtbar spricht, wie das begründet worden sein mag. Vielleicht damit, dass Black vom Moment an, wo er den Biber hat, nicht mehr als Black, sondern nur noch als Biber spricht, dass er quasi nur noch Biber sei. Dann fehlt aber für die Interaktion zwischen Ego und Alter Ego der eine Partner. Das macht die Sache nicht erhellender. Es verwirrt noch mehr. Wozu braucht er den Biber, wenn er doch selber spricht. Respektive wozu braucht der Biber noch Mel Gibson, wenn er eine vollkommen andere Rolle ist.

Das wäre hier das einzig Spannende für mich, zu erfahren ob und wie das hinter den Kulissen diskutiert worden ist und warum sich die schlechtest mögliche Lösung, meiner Meinung nach, zum Nachteil des Projektes durchgesetzt hatte.

Das Konstrukt der übrigen Geschichte scheint mir zudem ziemlich verkurvt und soll dann mit Rührseligkeit smart gemacht werden. Die Sache mit dem Biber, der die übrige Familie anfänglich freundlich gegenübersteht, verselbständigt sich nämlich. Das geht soweit, dass die Familie auszieht und Gibson mit dem Biber alleine bleibt. Da erst gewinnt die Puppe Eigenleben. Das wiederum erträgt Gibson nicht. Er erträgt also genau das nicht, was die Grundlage für das Funktionieren des Spieles mit der Puppe ausmacht. Und weil Black/Gibson sein Alter Ego nicht erträgt, will er es mit der Motorsäge zerstören. Er vergisst dabei, dass die Figur an seinem Arm ist. Fazit: Biber weg, Arm weg. Dagegen hilft nun gar kein Storyline-Mittel mehr, auch keine vollkommen verquaste Nebengeschichte mit dem Sohn, der sich als Ghostwriter verdingt (was ja in reizvoller Wechselwirkung zur Bibergeschichte gesetzt werden könnte, was aber hier nicht geleistet wird), damit in eine verkorkste Liebesgeschichte mit einer derben, dominanten Blondine namens Nora hineingerät, die zu erzählen schon in einem separaten Spielfilm kaum glaubwürdig zu bewältigen wäre und der sich dann obendrein mit dem Vater moralingetränkt versöhnen wird. (Vielleicht kommen Autoren, die den Hauptkonflikt ihres Stoffes nicht gründlich genug untersuchen auf so verquere Filmfüllideen).

Was übrigens das ganze Biberspiel noch uninspirierter macht, ist der Vorgang, dass Walter jedem, der das erste Mal mit dem Biber konfrontiert wird, einen Zettel in die Hand drückt, der die Funktion des Bibers erklärt. Erklärkino. Ein sichereres Mittel zur Abtötung von Spannung ward im Kino selten gesehn.

Und noch ein Indiz zur Stützung der Behauptung der inszenatorischen Fehlentscheidungen zur Handhabung des Bibers: bei einem Radiointerview, das Black mit dem Biber, der inzwischen zum Medienenstar geworden ist, gibt, hängt Black sich weg vom Mikro und hält den Biber davor, damit man ihn nicht sehen könne und damit alle glauben der Biber spreche; irgendwer scheint mir hier irgendwas nicht so ganz kapiert zu haben. Und lustig ist es schon gar nicht. So dumm reagiert kein Kind.

Man könnte, wenn man was Positives suchte, vielleicht sagen: der ganze Film ist ein brutale Kritik an Spielzeugfabrikanten, denn um einen solchen handelt es sich bei Walter Black, zu zeigen, wie ein solcher Fabrikant selber offenbar null Ahnung vom Funktionieren von Kinderspielzeug am Beispiel einer Handpuppe hat. Er selbst verklärt den Biber an einer Stelle als ein Wunder, ein „miracle“; vielleicht ist das die andere Aussage des Filmes, Amerika, seine Film- und seine Spielzeugindustrie bräuchten dringend ein Wunder; denn im Film, das ist das Wunderbare, läuft durch die Inthronisation des Bibers auch die bedrohte Spielzeugfabrik plötzlich wieder wie am Schnürchen. Ein Film also für Wundergläubige – leider jedoch keine Wundertüte.

Benda Bilili!

Ein beseligender Musikfilm.

Wie so viele andere träumen sie davon, als Musiker Karriere, Weltkarriere zu machen. Dadurch unterscheiden sie sich nicht von vielen anderen Musikgruppen. Sie unterscheiden sich allerdings von den meisten dadurch, dass sie in Kinshasa und auf der Strasse leben oder teils in einem Wohnzentrum für Körperbehinderte, dass die meisten von ihnen schon älter sind und Kinderlähmung hatten und dadurch an den Rollstuhl gebunden sind. Man könnte sagen, eine hammerharte Ausgangsposition für eine Dokumentation, die ihr Teil dazu beitragen wird, dass der unmögliche Traum wahr wird. Der Zuschauer darf diesen Aufstieg über mehrere Jahre und ohne jede Chance auf Mitleidsgetue miterleben.

Was mich allerdings mehr noch als alles andere beeindruckt hat, dass sie diesen Traum gar nicht karrieristisch verfolgten. Sie sind nicht mit Demobändern zu den Plattenstudios oder Agenten gewetzt, sie haben sich nicht in die Hände von abzockgeilen Karriere- und Image-Beratern oder wer sonst noch seinen Reibach mit den Träumen anderer machen will, begeben. Sie haben erst mal gar nichts unternommen, sie haben sich nur die Freude an der Musik durch keine Widrigkeit nehmen lassen. Resilience. Sie haben in Ricky einen genialen Bandleader, der für die erstklassige musikalische Qualität und Modernheit der Gruppe bürgt. Sonst hätten die Zufälle, zum Beispiel dass das Dokuteam auf sie aufmerksam geworden ist und die kleinen Schubse, für die sie dann verantwortlich waren, ja nichts genützt. Das hat ihnen jedoch die kleine Tür zum Vorspielen und Produzieren einer Platte geöffnet.

Sie besingen ihre Situation, wie sie auf Kartons schlafen, wie ihr Leben auf Kartons stattfindet („Auf Kartons tobe ich mich aus“) oder sie wollen politischen Input geben „Schwarzer Mann, wache auf“ oder ihn zur Arbeit auffordern „Salamo, salamo“. Sie proben im Zoo, weil es hier ruhig ist; für Filmer ist diese verrottete Ansammlung von rostigen Käfigen mit immer noch Raubvögeln und Affen drinnen eine sensationelle Location.

Durch Zufall sind die beiden französischen Filmemacher Renaud Barret und Florent de la Tullaye, auf die Band Staff Benda Bilili gestossen. Die Filmer waren schon mit dem Kongo vertraut. Sie hatten früher ein geregeltes Leben als Betreiber einer kleinen internationalen Werbeagentur respektive als Fotojournalist in Paris. Das hatte ihnen nicht mehr gefallen und sie haben sich vor einiger Zeit schon im Kongo niedergelassen und dort angefangen Filme zu machen. Sie haben sich auch eine der Landessprachen angeeignet. Sie hatten Benda Bilili dann über Jahre begleitet, waren aber auch nicht unbeteiligt daran, dass endlich in einem Studio Aufnahmen gemacht werden konnten. (Die Geschichte um den Film herum ist auch ziemlich bemerkenswert bis zum Triumph in Cannes).

Dadurch dass die beiden mit kleinem Aufnahmegerät ausgerüstet waren und die Sprache konnten und sich auskannten, hatten sie einen ganz ungenierten Zugang zu den Leuten. Auch zu den Strassenkindern, die sich um die Musikgruppe wie um eine Gruppe von Vätern schart. Die hatte man beobachten können, wie sie ihre Kartons, auf denen sie schlafen, verteidigen, oder wie sie um Geld spielen. Oder wie sie ihre Lebensphilosophie vom Überlebenskampf, dass man immer wach sein müsse, erzhählen, wie sie träumen, rauszukommen aus diesem Leben, gar nach Europa.

Die Filmemacher konnten auch einen Fussballmatch von Körperbehinderten beoachten, wie die behände vor allem auf den Händen und mit relativ unbeweglichen Füssen sich fortbewegen. Die Musiker haben auch Familien. Die müssen sie ernähren. Irgendwann musste das Projekt erst mal abgebrochen werden. Das Wohnzentrum für Behinderte war abgebrannt. Viele hatten alles verloren. Mussten andere Jobs annehmen. Einer hat in einem kleinen Standl Cigaretten verkauft.

Eines Tages hatten sie einen Jungen gefunden, der mit einem selbstgebastelten Instrument, das nur aus einem Holzbogen, einer alten Konservenbüchse (da sieht man im Laufe des Filmes mehrere von dieser Anfertigungen und verschieden „angezogen“) und der einzigen Saite die herrlichsten Töne entlockt. Den mussten sie dann auch wieder suchen, wie sie nach einem Unterbruch von fast einem Jahr wieder filmen wollten und endlich ins Studio.

Roger heisst der Junge, der nach dem Jahr sehr gewachsen ist. Einmal ist man auch bei ihm zuhause, als bereits bekannt ist, dass sie nach Frankreich fliegen werden an die Eurockéennes in Belfort. Er ist der Star zuhause. Es gibt ein Gespräch darüber, dass er nie zur Schule wollte, dass er immer nach Europa wollte und dass er gesagt hat, das schaffe er nur über die Musik. Aber auch von ihm ist nicht bekannt, dass er sich je karrieristisch an ein Studio gewandt hätte. Allerdings spielt er nach dem Konzert in Belfort und auf der anschliessenden Tournee immer mehr den Star. Das besprechen auch die Alten, dass aus ihm noch was werden würde, dass er ein Haus und Matratzen kaufen würde.

Die erste Gage: nach dem grossen Konzert in Kinshasa bekommt jeder 80 Dollar und die drei mittanzenden Strassenkids zusammen 10 Dollar. Schon da dürfte die Musik mehr gebracht haben als eine Nähmaschine, eine Hoffnung, die im Film auch angesprochen wird.

Das ist auf jeden Fall der Filmtipp der Woche!

Utopia Ltd.

Etwa 5 Minuten vor Schluss gabs dann eine Szene, die mich fesselte, weil ein richtiger Konflikt ausbrach. Das ist natürlich zuwenig, um den Eintritt ins Kino zu rechtfertigen. Aber der Reihe nach. Sandra Trostel ging das Risiko ein, über drei Jungs aus bravem Hamburger Reihenhausvorort, die eine Band gegründet hatten, eine Langzeitdoku zu drehen. Mit offenem Ausgang.

Die Doku fängt in dem Moment an, in dem die junge Band, drei Jungs, zwei davon noch stark pickelgesichtig und alle noch vorm Abitur, kurz davor standen, mit Tapete, einem kleinen Musiklabel, ihre erste CD aufzunehmen.

Vielleicht sollte man versuchen, sich in die Regisseurin hineinzudenken, was ihr vorgeschwebt sein mag und was sie so faszinierte an den Jungs. Offensichtlich war, dass Anton, ein eher exzentrischer Alphatyp, sicher was für den Film hergibt, er dürfte auch der Spiritus Rector der Band sein, die sich “1000 Robota“ nennt. Den Namen haben sie sich ohne tiefere Gründe gegeben, sie fanden 1000 eine schöne Zahl, tausend Besucher im Konzert wäre super, 1000 Platten zu verkaufen auch. Überhaupt, wer sich nicht traut, groß rauszukommen, der sollte lieber nicht gleich anfangen mit so einem Unternehmen; das mag sich die Regisseurin gedacht haben, denn wenn die groß rauskommen, dann wäre sie im Beiboot mit dabei; auch eine solche Spekulation wäre voll legitim. Und Robota haben sie sich genannt, weil sie sich nicht Roboter nennen wollten, wohl aber an Roboter dachten, auch das sind legitime künstlerische Freiheiten. Diese nehmen sich tausende anderer Bands auch, also darin dürften sie sich von anderen Bands ihrer Altersgruppe nicht sehr unterscheiden.

Vielleicht war ja die Regisseurin zu Beginn des Projektes genau so naiv wie ihre Jungs, war selber nicht vertraut genug mit der Branche, um zu wissen, wie routiniert und hart das abläuft mit dem Pushen und Aufstieg einer Band, vielleicht hat sie sich da ein Märchen versprochen – und dann eine nicht gerade optimistisch stimmende Praxis gefunden. Insofern erzählt ihr Film dann doch ganz schön was über die Abgefucktheit des Musikbusiness. Es gibt aber keinen Text von der Regisseurin, dass sie damit gerechnet hätte. Sie ließ sich quasi unvoreingenommen auf ihr Projekt ein, ließ sich treiben, schaute immer mal wieder vorbei, sie hat die Richtschnur ihrer Beobachtung ganz der Entwicklung des Projektes überantwortet.

Insofern ist ihr Film eher der Zusammenschnitt einer Art fester Kamera, die quasi immer zu bestimmten Gelegenheiten im Fortgang dieser Band angeknipst wurde, so da vornehmlich sind: Aufnahmen von Fahrten zu Auftritten, jede Menge Ankünfte, Bezug von Jugendherbergs- und Hotelzimmern, Konzertclips, Interviews, Lektüre von Kritiken, Alkoholkonsum. Das präsentiert sich fast wie ein privates Poesiealbum einer Verehrerin. Anton quasselt unendlich viel. Die beiden anderen trauen sich weniger, üben sich aber auch in der Interviewtechnik.

Der Eindruck des Mangels einer klaren Idee der Suche nach Bildmaterial stellt sich schon im impressionistischen Zusammenschnitt bunt gemischter Bilder im Anspann des Filmes dar; dieser verhilft dem Zuschauer jedenfalls weder zu einer inhaltlichen noch zu einer formalen oder regional/zeitlichen Orientierung. Ausfransung statt Rahmen für eine Geschichte. Gut, könnte man jetzt darüber philosophieren, wie weit eine Dokumentation immer auch eine Geschichte zu erzählen hat. Aber ein klarer Fokus kann das Hirn des Zuschauers doch schneller packen und aktivieren.

Die Handlung fängt mit der Besprechung wegen der LP und der Unterschrift unter den Vertrag an und wird mit Musikaufnahmen fortgesetzt. Es gibt Diskussionen, Auseinandersetzungen, Abwägungen hinsichtlich Marktchancen gegen künstlerische Ambitionen, der Produzent will ja auch Geld verdienen, wenn er einen Einsatz zeigt, aber für einen ernsthaften Konflikt scheinen die Jungs noch zu grün, denn das Need, eine LP rauszubringen, ist doch stärker als alles andere – die Größe des Labels spielt keine Rolle.

Die Message der Songs von “1000 Robota“ ist einfach, sie könnte einer christlichen Jugendgruppe entstammen “Ich bange um mein Leben und ich bange um Euch.“ Auch das Kämpfen spielt eine Rolle. Melodisch sind die Songs nicht, eher so eine Art Rausschreien in eintöniger Intonation mit sehr gedehnten Silben. Der Erfolg ist mäßig. Sie scheinen das Publikum zu spalten in Verehrer und Verspotter.

Der interessanteste Handlungsstrang scheint mir der Nebenstrang, der später in den eingangs von mir erwähnten Konflikt mündet. Aber das konnte die Regisseurin vermutlich auch mangels Lebenserfahrung nicht absehen, dass es sich gelohnt hätte, hier gezielt Material zu sammeln, um diese Entwicklung später dokumentarisch sauber freilegen zu können, ein eventuell hochspannender Bericht aus der Praxis. Anton bekommt nämlich beim Tapete-Label einen kaufmännischen Ausbildungsplatz. Er agiert also fortan einerseits als Bürolist, ist aber auch Performer. Als Bürolist bekommt er Einsichten in die Brutalität und den Zynismus des Musikgeschäftes selbst bei so einem kleinen Label. Das konnte also nicht gut gehen, denn er war jetzt als Bürolist auf der Seite derjenigen, die den Bands jedweden Gig des Geldes wegen aufoktroyierten, andererseits auf der Seite der Künstler, die dann unter Scheißauftritten völlig neben dem Zielpublikum zum Beispiel im Kaff beim Feuerwehrabend zu leiden hatten. Und als ob das nicht Konfliktstoff genug wäre, kommen hinzu die Mobbereien der Kollegen am Arbeitsplatz, die natürlich neidisch sind und sich auch nicht die freie Schnauze eines Anton erlauben.

Dieser Konflikt kommt aber erst nach etwa 85 der 90 Filmminuten und dann vor allem im Interview mit Anton auf die Leinwand. Das wäre für mich der Moment, wo es anfängt spannend zu werden. Was macht Anton weiter? Er ist ausgestiegen, hat bei Tapete hingeschmißen. Anlass dazu war, dass er bei Stefan Raab hätte auftreten sollen, dass er anfänglich nach Diskussionen zugesagt hat, den dämlichen Argumenten man brauche solche Auftritte für die PR nachgebend, dann scheint in ihm aber der Konflikt zwischen Kunst und TV-Hurerei doch hochgekocht zu sein und er hat abgesagt, er hat sich für die Freiheit der Musik und gegen den hirnlosen Mechanismus des Geschäfts entschieden.

Im Abspann erfährt man, dass seine beiden Kollegen jetzt studieren, dass die Band aber weiter an neuen Songs arbeite und man sieht sie bei einem schlecht besuchten Gig in einem nicht besonders eleganten Lokal, aber Anton kann stolz verkünden, man wäre in diesem Augenblick bei Stefan Raab, wenn man nicht abgesagt hätte.

DIE KUNST DES ABSAGENS, das könnte der Titel sein für die Fortsetzung dieses Filmes, denn der Schlusspunkt von UTOPIA LTD., das wäre der Anfangskonflikt für einen möglicherweise unglaublich spannenden modernen Künstlerfilm/Musikerfilm.

Senna

Die erste Frage bei einem Doku könnte immer die sein, wozu, warum wurde dieser Film gemacht. Hier macht es einem der Abspann leicht, eine mögliche Lösung zu finden, es wird nämlich ein Kinderhilfswerk, das Senna ins Leben gerufen hat, gross gewürdigt. Allerdings steht nicht, dass der Erlös aus dem Film diesem Hilfswerk, das sich für Kinder in Brasilien einsetzt, zugute komme. Die Nennung dürfte jedoch der Grund oder die Bedingung gewesen sein, dass die Familie von Ayrton Senna zu diesem Film bisher unveröffentlichtes Material beigesteuert hat. Doku ein bisschen für einen guten Zweck also.

So präsentiert sich der Film denn auch als ein schönes Portrait des berühmten Rennfahrers Ayrton Senn, so ansprechend und leicht geniessbar wie eine Karte von UNICEF.

Über heutige Medienstars gibt es TV-Material in Hülle und Fülle. Das Problem für den Macher eines solchen Filmes dürfte eher die Qual der Auswahl aus all den Rennberichten, Reportagen und Interviews sein, denn es liessen sich bestimmt hundert und mehr verschiedene Filme mit durchaus unterschiedlichen Aussagen über die Person des Interesses zusammenschneiden.

Hier entsteht ein Bild von Ayrton Senna als eines Mannes der hochkonzentriert und zielbewusst ans Werk ging, aber eher wie ein Traumwandler, sozusagen nur die Sache im Kopf, das Ziel und nicht die Rivalität mit den anderen, weniger das Ellenbögeln, wie sein Hauptrivale Prost es aus dem Effeff beherrschte oder wie es einem Schumacher später zugeschrieben wurde; er selbst sah sich als ein wilder Stier, der auf sein Ziel losraste, den nicht Links und Rechts interessierte.

Ein durchgängig dramatisches Thema in diesem Film bildet die Dauerrivalität zu Alain Prost. Gerade ihm gegenüber, der sozusagen vor keinem Bodycheck zurückschreckte, vor keiner Mauschelei mit den Funktionären, hebt sich die Träumer-Eigenschaft eines Ayrton Senna besonders deutlich ab. Sachbezogenheit gegen Politbezogenheit. Der eine will auf der Ideallinie ins Ziel mit reinem Beherrschen der Technik und schneller Reaktion, der andere schreckt vor Tricks nicht zurück und beobachtet nebst dem Ziel vor allem den Rivalen und bandelt mit dem Funktionärstum an. Die reine Kunst gegen die Kunst der Verunreinigung von Resultaten durch Funktionäre. Ein Konflikt der sich durch Sport, Kunst, Politik zieht wie der Wetterwechsel durchs Klima. Mozart und Salieri.

Ein Beispiel für Prosts Mauschelei war ein Rennen, bei dem dieser bei der Rennleitung erreichte, dass Senna unverdientermassen die ungünstigere Startpositon auf der schlechteren Fahrbahnseite gegeben wurde und Prost von der günstigeren aus losrasen durfte; daraufhin zog Senna zu eng an Prost vorbei, beide landeten im Kiesbett, aber dadurch wurde Senna Weltmeister, ein unglücklicher Weltmeister.

Senna hatte es nun mal nicht mit den Funktionären; es gibt Bilder aus Fahrer-Besprechungen, in denen er nur noch den Kopf schütteln konnte über die Dämlichkeit dieser offenbar nötigen Gattung; aber er argumentierte auch heftig für die Interessen der Fahrer.

Kein Wunder, dass das schönste Rennen seines Lebens für Senna  eines in jungen Jahren war, ein Go-Cart-Rennen in Europa, da war man unbeschwert, frönte dem reinen Renngenuss, da funkten nicht die Geld- und Machtinteressen, die rennsportpolitischen Interessen, der Opportunismus von Machterhalt und der Machterweiterung hinein, denen Senna vollkommen abhold war.

Er war mehr Rennphilosoph als Trickser: Nahaufnahmen, die im Lauf der Rennsaisons zusammenkamen, erzeugen ein vielfältiges Bild von dem eher sensiblen, verträumten aber absolut zielbewussten Senna, im Sieg, in der Niederlage, bei der Beobachtung von Unfällen, verantwortungsbewusst und sorgenschwer gegen die letzten Rennen hin oder geplagt von der nie fairen Rivalität mit Prost. Und dann die Tränen und die Ausrufe beim Sieg in Brasilien, wie er sich darnach vor lauter Verspannung kaum mehr bewegen konnte und keiner ihn berühren durfte.

Um ein Zückerchen zu bieten nebst all dem bekannten Material – irgendwann kann man die ganze Starts aus TV-Archiven auf der Leinwand nicht mehr sehen – gab die Familie von Senna den Filmemachern dem guten Zweck zuliebe private Homevideos: Ayrton Senna mit Boot und Familie auf dem Meer oder auch zuhause, ein ruhiger Familienmensch.

Polnische Ostern

Die Krux von solchen deutsch-polnischen Koproduktionen scheint mir die zu sein, dass sie versöhnlerisch, verständnisweckend sein wollen. Doch der Kinozuschauer ist wie ein Kind, wenn es merkt, dass eine pädagogische Absicht hinter etwas steckt, dann langweilt es sich oder geht gar nicht erst hin.

Es sieht dann immer so aus wie eine Bemühung, die versucht passend zu machen, was nicht passt. Allein schon diese Voraussetzung, eben selbstverständlich anzunehmen dass es nicht passt und ergo der Versuch, es passend zu machen, endet noch jedes Mal in einer Komödienkatastrophe, wie sie Stoff für beste Komödie hergäbe. Aber leider wird im Film genau diese urkomische Komödie, die zur Herstellung des Filmes abläuft, nicht gezeigt.

Im Film wird mühsam ein Fall konstruiert, wie schon bei der HOCHZEITSPOLKA, wo Polen und Deutsche irgendwie zusammenkommen müssen, und damit das ein Hindernis sei, müssen eben vorher die Vorurteile breit aufgetischt werden. Müssig die deutsch-polnischen Vorurteile hier zu wiederholen. Die Polen klauen alle. Und prompt wird am Schluss dem Henry Hübchen sein Auto geklaut, wie er zur Kommunion seiner Enkelin Mathilda fahren will. Die Polen, die auf ihn warten, können sich richtig schön aufregen über einen Deutschen, der nicht pünktlich ist.

Das Konstrukt von Plot ist folgendes: Henry Hübchen, der hier einen Rendsburger Bäckermeister spielt, der im Film Grabosch heisst, hat seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Sie war verheiratet mit einem Polen. Die beiden hatten ein Kind und wohnten in Deutschland. Nach dem Tod der Mutter zieht der Vater mit dem Kind nach Polen. Hübchen misstraut den polnischen Verhältnissen und sucht Vorwände, wie er ganz offiziell das Sorgerecht für seine Enkelin erhalten und sie zu sich zurückholen kann. Er besucht sie unangemeldet und sucht nun Belege für die für ihre Erziehung nicht akzeptablen Umstände und lernt statt dessen deren Menschlichkeit kennen. Dabei läuft die ganze Vorurteils-Vorurteilsabbau-Chose sehr vorhersehbar und gutmenschentümelnd ab. Das ist christliche Heilsgeschichte. Saulus-Paulus. (Wie man erfolgreich Filme über Vorurteile machen kann, ist zu besichtigen bei Dany Boon aus Frankreich: WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS oder später in diesem Jahr NICHTS ZU VERZOLLEN).

Mich interessiert hier aber weniger die Frage, wieso die Franzosen das können und die Deutschen nicht, das wäre ja auch ein Vorurteilssatz. Mich interessiert viel mehr, wie ist es möglich, dass so ein schwacher Film wie POLNISCHE OSTERN überhaupt produziert wird und dann auch noch ins Kino kommen soll. Ich habe dazu eine Vermutung, und sie betrifft die von mir schon im zweiten Absatz erwähnte Groteske. Denn Film-Förderer und Film-Geförderte sind voneinander abhängig. Die einen wollen Filme machen, die anderen müssen geförderte Filme vorweisen (ihren Finanziers, dem Staat gegenüber). Und wie es in Abhängigkeitsverhältnissen nur allzu gerne geschieht: man möchte sie nicht verlieren, man möchte dem anderen nicht weh tun, ihn nicht verletzen. Man möchte sich die Abhängigkeit bewahren. Dafür nimmt man Dinge in Kauf, die man eigentlich nicht gut findet. Oder man agiert aus vorauseilenden Vorurteilen heraus (denn wie genau kennen sich Förderer und Geförderte überhaupt). So scheint es plausibel, dass die Macher, die ja nicht dumm sind, die Förderer nicht für ganz helle halten, denn die sind ja Funktionäre und dürfen von Gesetzes wegen nicht allzu autonom denken, sie müssen sich an Regularien halten. Darum halten die Macher insgeheim die Förderer möglicherweise für blöd und reichen dann entsprechende Drehbücher ein, von denen sie glauben, dass die Förderer in ihrer Blödheit sie verstehen und für gut befinden würden. Sie reichen also Bücher ein, von denen sie selbst spüren, dass sie nicht so gut sind, wie sie sie eigentlich schreiben könnten. Die Förderer nun, die ja auch nicht dumm sind, sehen durchaus die Schwäche dieser Drehbücher, halten aber die Macher vielleicht nicht für so helle, sehen jedoch die Bemühung und wollen sie honorieren, denn Förderlinge können noch keine Meister sein. Die Förderer fördern also Bücher, von denen sie sehr wohl wissen oder spüren, dass sie nicht so gut sind, wie sie eigentlich gut sein könnten und müssten.

So tun also dem Frieden zuliebe, dem Erhalt von Beziehungen und Fördergeldern und der Abhängigkeit und auch der eigenen Position zwei Seiten Dinge, die sie mit ihrem gesunden Menschenverstand nie tun würden, sie setzen ihre Kräfte für einen schwachen Film ein und reden ihn sich schön, denn der Familienfrieden darf nicht gestört werden. Man könnte es ein gegenseitiges Vorgemache nennen. Das halte ich für grotesk. Aber fragen Sie einen Paartherapeuten, was die erzählen können über Ehen, die jahrzehntelang Sexualpraktiken ausüben, die keiner der Partner mag, aber keiner traut sich was zu sagen, aus Angst vor Verlust der Partnerschaft und jeder ist voll überzeugt, dem anderen gefalle es. So viel anders wird es zwischen Förderern und Machern nicht laufen, oder haben Sie, lieber Leser, eine Erklärung, wie es möglich ist, dass ein so schwacher Filme nicht nur produziert sondern sogar noch und das allen Ernstes ins Kino gebracht werden sollen? Die Pointe der Pointen in diesem schrägen Spiel zum enormen Schaden der Kultur des Landes liefern aber jene  Kritiker, die die Schwächen sehr deutlich sehen, aber  gute Miene zum verhemmten Spiel machen und das Schwachstück noch gut schreiben. – So betrügen sich alle um ihren Erfolg. Wenn das mal keine saubere Komödie, keine perfekte Provinzposse ist!

Löwenzahn – Das Kinoabenteuer

Am nicht allzu straff gespannten Faden einer Räuberstory werden in einem TV-serienerprobten und bewährten extra für Kinder eingerichteten Kosmos aus bösen und guten Figuren ohne Zwischentöne Szenen aneinandergereiht, die von Gut und Böse handeln, von der Gier, von Gefangennahme und von Befreiung und natürlich von der Dingfestmachung der Bösen.

Vom Gesamtbogen der Story her ist durch den Vorrang des Bildadditiven vor der Spannungserzeugung und der Vernachlässigung stringenter Continuity eher ein Film für die ganz Kleinen, die sich an Einzelbildern vergnügen und über Slapstick lachen können, wenn die dicke Briefträgerin und der dicke Nachbar rennen und stolpern und ineinander laufen oder wenn sie ein Polizeiauto klauen, in der Kinderwelt darf man das noch.

Andererseits scheint es eher ein Film für grössere Buben, die schon dabei sind, auf den Geschmack von Abenteuergeschichten zu kommen und die heftig mitfiebern wenn Fritz Fuchs versucht ohne Hilfsmittel sich zu befreien, da rufen sie, hoffentlich schafft er das, denn der böse Roman Zenker, der Hehler und Kunstdieb, der einst sein Jugendfreund war, ist hinter dem Schatz des Hannibal her, den die beiden, Fritz und Roman, als sie noch Jugendfreunde waren, einst entdeckt hatten; aber jetzt ist Schluss mit der Freundschaft, Fritz stört als Mitwisser und wird als Feind gnadenlos eingesperrt.

Es ist auch ein Film für die Tierfreunde unter den Kleinen, speziell die Hundefreunde, es gibt einen Bernhardiner Sennenhund, ein gutmütiges Tier, das einmal in einer Fluchtsituation eine schier nicht erklimmbare Rutsche hinaufzukraxeln versucht, und es gibt drei niedliche kleine Hundewelpen, deren Mutter vom bösen blonden Mädchen, das die Helferin des bösen Roman Zenker ist, zu Tode gefahren worden ist mit dem hässlichen schwarzen Donnerwagen, wie böse Menschen und Verbrecher ihn eben fahren.

Und es gibt Fritz Fuchs, den Tüftler, der einen Gleitschirm mit einem Propellerantrieb, den man auf dem Rücken trägt, erfunden hat und mit diesem in den Bergtälern kreist. Hier gibt es extrem spektakuläre Aktionen, wenn das böse blonde Mädchen und ihre zwei männlichen Begleiter den Fritz Fuchs samt seinem Gleiter vom Himmel schiessen wollen, das tendiert in Richtung heftiges Actionkino, und man sieht den Fritz samt Gleitschirm ins Wasser abstürzen.

Und nicht wieder auftauchen. Die Bösen rasen mit einem eben schnell mal kurzgeschlossenen Motorboot vom Bootssteg los, merkwürdig ist allerdings dass der Verleiher auf dem Steg überhaupt nicht reagiert. Sie wollen sich Fuchs greifen. Doch der kann abtauchen und sich an Land retten. Der Boots-Verleiher näht ihm den Gleitschirm. Die Jagd kann weiter gehen. Denn die Bande will die Welpen ertränken, derweil das Mädchen auf der Seite von Fritz die Pneus des schwarzen Halunken-Autos durchsticht.

Im Schloss von Roman Zenker in Thüringen werden die Guten mit der Pistole bedroht und als Geiseln nach Österreich mitgenommen, dieser Sprung passiert ziemlich schnell, vom Schloss in Thüringen zur Seilbahn in Österreich, die Geisel Fritz soll den Roman zum Schatz des Hannibal führen.

Der routinierte Fernsehfilm steht jetzt definitiv im Vordergrund mit verschütteten Höhleneingängen, Explosiva, Seilwurftechniken, Freeclimbing, Motorgleitschirmwagnissen, Gleitschirmzwillingsflug, Einsperren von Menschen in Alphütten, Felsabsturz und schon nähert sich eine Armada von Polizeiautos der Talstation für den Countdown, den der gutmütige Bernhardiner mit einem Nasenschubser an einem Haltehebel für die Seilbahn in Gang setzt, hier greift das Kinderfilmelement in den Fernsehkrimi ein wie ein deus ex machina, war auch nötig, denn auf allzu soliden Füssen stand der ja nicht.

Jeder Zuschauer muss sich von diesem merkwürdig zusammen gemixten Teil aus Figuren, Genres, Storystücken und Tieren wohl selbst aussuchen, was ihm gefällt. Selbstbedienungskino.

Barfuss auf Nacktschnecken

Gegen die Regel, gegen den Strich, das scheint die Handlungsmaxime der hier portraitierten Lily zu sein. Im Film geht es darum, dass der Tod von Mama durch einen Schlaganfall, den sie beim Autofahren erlitten hat, Lily fast ganz aus der Bahn wirft (der Vater hatte schon früher Selbstmord durch Erhängen begangen) und ihre Schwester versucht, dem gegenzusteuern.

Lily lässt sich von den Ordnungsprinzipien leiten, indem sie sie konsequent durcheinander bringt, missachtet, gegen sie agiert. Lily moniert, dass ihre Schwester verlange, dass sie normal sein müsse. Sie entwickelt eine Normalität des Antinormalen – als Ausdruck eines Aufbäumens gegen den Tod, gegen das Unvermeidliche? Ihrer Schwester, die sozusagen ein ordentliches Leben führt, wirft sie vor, sie verschlafe das Leben.

Auf das Grab der Mutter kommt statt Kranz oder Grabgebinde Firlefanz. Ein auf der Strasse gefundener toter Hase wird wie ein Fundgegenstand in den Beutel gesteckt. Sie legt sich selbst wie tot auf die Strasse. Warum sich normal bewegen, wenn skurril auch geht? Die Regeln des Trauerns stören sie, das sind doch alles nur Leute, die Mutter gar nicht gekannt haben und die nur wegen dem Fressen gekommen sind und dann noch Schwarz tragen. Oder mit dem Truthahn auf dem Sofa hocken. Zum Baden im See hat man pas besoin de maillot. Und der Schwager möge ihr eine Micky-Mouse-Uhr schenken.

Sich gegen Gesetzmäßigkeit sträuben. Das tut auch die Bildnerei in diesem Film. Sie bleibt an Details hängen, die ihr gefallen, sie lässt das rote Auto mit der toten Mutter darin nicht irgendwo in einen Strassengraben fahren, nein, ein Ballen Stroh auf einem abgeernteten Kornfeld und die Stoppeln davor sind viel malerischer und wie das Auto langsam und führerlos hineinsteuert. Die Kamera praktiziert ein Prinzip der Spontaneität, das immer wieder zu traumhaften Sujets und Lichstimmungen aber auch zu abrupten Szenenenden findet.

Lily ist quasi eine Ordnungswidrigkeit per se und sie ist sich dessen bewusst. Sie will die Erwachsenen-Welt nicht wahr haben, wie sie ist, weibliches Aufbegehren gegen die Geschlechterverteilung, gegen die Regeln und gleichzeitig darin einen Sinn finden, Männer zu küssen, denn für irgendwas ist man doch gut. Weltverweigerung, die zugleich eine Art von Weltgewinnung ist, Gewinnung einer wunderbar versponnen-skurrilen, kindlich-naiven Welt, vielleicht speziell einer Frauenwelt. Damit die noch schöner zur Geltung kommt, ist im Film auch die Figur des Rationalisten vertreten in der Person des Schwagers, der auch klar der Meinung ist, dass Lily nicht geisteskrank sei.

Die Antwort auf dieses Aufbegehren gegen die rationalen/wirtschaftlichen Zwänge dieser Welt ist dann aber doch beachtlich rational und irgendwie fast schon wieder banal oder spiessig: mit der Schwester im eigenen Bus durch die Lande fahren und selbst gekochte Confitüre verkaufen. – Aber auch das Windrädchen, das Lily vorn an ihrem Fahrrad hat, nutzt letztlich auch nur die Gesetze der Natur.

Mitten im Sturm

Irgendwann wirds im Degeto-Gulag recht kuschelig, wie die Frauen waschen oder wie schön sie traurig sind, wenn sie weinen. Der Gulag, in dem die Hauptfigur des Filmes (Emily Watson spielt Eugenia Ginzburg, eine russische Professorin, die 1937 aufgrund von absurden Anschuldigungen zu zehn Jahren Zwangsarbeit im sibirischen Gulag verurteilt wurde) ist ein gemütlicher Filmfundus-Gulag für Frauen, in dem es so menschlich zugeht und verständnisvoll  und auch kameradschaftlich, dass man kaum nachvollziehen kann, wieso da jemand überhaupt noch heraus will und dann in die sibirische Einsamkeit. Stimmt, vorher wars furchtbarer und Emily Watson am Rande des Wahnsinns und da hat sie auch viel Geleide zu spielen gehabt, bis Anton Walter, gespielt vom Ulrich Tukur, im Lager die Arztposition übernimmt. So ein Arzt kann Dinge zum Besseren wenden. Das ist nicht nur im Arztroman so. Das tut Tukur hier auch .

Möglich dass diese Flashs dem Fakt geschuldet sind, dass die Regisseurin gewiss sehr beeindruckt war von der Autobiographie von Eugenia Ginzburg, die zu verfilmen sie hier vesucht,  und auch Nancy Larson, die Drehbuchautorin, nicht weniger. Dass mein erster Gedanke beim Verlassen des Kinos war, was ums Himmels willen kann Leute dazu bringen, einen solchen Film zu machen, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die beiden hauptverantwortlichen Damen möglicherweise zu sehr versucht haben, ihre eigene Beeindrucktheit von der Figur Ginzburg in dem Film darzulegen statt sie als Filmfigur zu entwickeln.

Die establishing Shots für die Geschichte sind theatralisch: feststehende Kamera, Schuss, Gegenschuss, Auftritt, Stehen, Text. Und linear erzählt. Frau Watson als die Professorin mit immer etwas ausholenden Bewegungen, wie ein Schiff auf hohen Stöckelschuhen über Pflasterstein sich bewegend und im Gesichtsausdruck die ganze Tragik des zu erwartenden Schicksals, denn sie hatte das Drehbuch bestimmt gründlich studiert.

Ein weit verbreitetes, recht beschränktes Verständnis von Literaturverfilmung kommt hier auf die Leinwand: bebildernde Szenen in chronologischer Reihenfolge gemäss der Vorlage, hier der Autobiographie, zu „finden“, ohne die Gesetzmässigkeit des Kinos ergründet zu haben. Es fehlt also nicht an Hingabe, Fleiss, Handwerk, Ordentlichkeit, Überzeugtheit von der Sache oder an Geld,  was fehlt, ist ein Verständnis dessen, was im Kino mit einem solchen Stoff möglich wäre – über die biedere Literatur“ver“filmung hinaus. Aber da haperts leider oft schon bei den Produzenten, die das nicht unterscheiden können. Die interessiert wohl weniger Buch oder filmisches Produkt, die interessieren sich lediglich für die Auflagenzahlen des Romans oder wie hier der Autobiographie, von welchen sie dann vermutlich auf potentielle Zuschauerzahlen hochrechnen – und oft hat ihnen der Erfolg recht gegeben.

Morgentau – Teza

Warum ähneln sich Afrika-Filme oft so sehr? Ist es wirklich der beschränkte westliche Blick? Ist es dieser nie gelingen wollende Versuch, sich ein Afrikabild zu basteln, womit man Afrika letztlich nicht ernst nehmen muss? Ein Afrikabild, was immer noch geprägt ist von jener berühmten  Sammelbüchse für die Mission, auf der ein Negerlein stand und mit dem Kopf nickte, wenn man einen Groschenen einwarf? Ist Afrika nach wie vor nur unbewusste Projektionsfläche für die eigene kulturell-geistige Beschränktheit?

Hier begegnet der Westen Afrika in der Person von Dr. Anberber, einem Äthiopier, der in Deutschland Medizin studierte, im Bonn der frühen 80er Jahre zur Zeit des Rücktritts von Kaiser Haile Selassie. Anberber hat ein Kind mit einer Deutschen. Deswegen wird er auch beschimpft in seiner afrikanischen Clique. Anberber möchte seine erworbenen Kenntnisse seinem Heimtland zu Verfügung stellen und kehrt nach Aethiopien zurück.

Mit seiner Ankunft per Flugzeug in seinem Heimatdorf fängt der Film an. Seine Mutter und seine Verwandten erkennen ihn erst gar nicht, so lange war er nicht mehr dort gewesen. Erst später erfahren wir, dass er schon lange in Addis Abeba als Arzt gearbeitet hat. – Die verschiedenen Zeitebenen werden im Film relativ frei ineinander geschnitten.

Die typischen Zutaten auch für diesen Afrika-Film sind: Holz- und Lehmhütten, die hellen Stimmen bei Gesängen, das Fehlen von Möbelstücken, die einfache Art der Zubereitung von Speisen, der weite Himmel, ein grosser See.

Thematisch wird Anberber mit diversen Problemen der „Befreiung“ konfrontiert. Die Herrschaft der Partei. Rücksichtslose Säuberungen. Das Nicht-Dulden von Widerspruch. Schnelle Tötungen. Vorrang der Politik vor den medizinischen Interessen. Anfangs wehrt Anberber sich noch. Er gerät dann aber schnell an einen Parteifunktionär, der ihm sehr gefährlich wird. Worauf er eine medizinische Behauptung zurückzieht. Dann reist er in sein Dorf zurück.

Dort fängt die Geschichte mit einem Stiefkind seiner Mutter an, einer Ausgestossenen, deren einziger Zufluchtsort eine grosse Insel ist. Er erbarmt sich ihrer nicht nur als einziger, wie sie einmal nachts vergewaltigt wird, er bandelt auch mit ihr an. Hochzeit. Kind. Afrikanisches Schlussbild: die ganze Dorfbewohnerschaft als Komparserie des Glücks, aufgestellt auf einer Anhöhe vorm Licht des Horizonts wie ein Opernchor.

Scream 4

Verfrozzelt, verspektakelt, stellenweise wie ein Fall aus der Serie TKKG, überfrachtet und überfüllt, so kommt diese Fortsetzung einer Fortsetzung der Fortsetzung daher. Oder: der Film fängt nach dem Vorspann zum Vorspann zum Vorspann des Vorspanns endlich an. Er verheddert sich dabei ständig in den Realitäts- und Zitatenebenen und der Zuschauer weiß nicht recht, wo er andocken soll. Dadurch will auch der Schrecken nicht recht in Gang kommen, denn immer wars nur der Schrecken vom Vorfilm oder aus dem Vorfilm zum Vorfilm oder aus dem Vorfilm zum Vorfilm zum Vorfilm. Der Horror fädelt sich somit äußerst verwirrend in die Handlung ein, schlägt dann aber, weil schon so viel Zeit mit Vor-Horror vergangen ist, überdosiert zu, dass man ihn weder ernst noch lustig nehmen kann. Die Horrorfete will nicht recht in Gang kommen.

Ein Bindeglied zur Realität wurde für mich erst in dem Moment der Auflösung der Geschichte, also der Enttarnung des Mordsgespenstes sichtbar: die psychologische Begründung für seine Taten aus Minderwertigkeitskomplexen heraus, aus der Gier nach Fame, nach Fans statt nach Freunden, vermutlich also aus existenzieller Einsamkeit. Das erinnert kurz an die seelische Einsamkeit Jugendlicher in bestbehüteten Verhältnissen, die zu Amokläufern werden. Doch wird diese Info über das Mordsgespenst während des Filmes dem Zuschauer vorenthalten, insofern reizlos.