Dieser Film besticht zuerst und vor allem durch seine Sorgfalt und durch seinen durchgehalten suggestiven Sound.
Remake eines Vampirfilmes des skandinavischen Autors John Ajvide Linquist, der mit Matt Reeves für das Drehbuch zeichnet. Matt Reeves hat minutiös Regie geführt. Gerade dieses bestechend Bedachte an diesem Film dürfte sein Klumpfuss für die Verwertung sein: fast zu deutlich zeigt er, wie sorgfältig er arbeitet, jede Einstellung, jede Reaktion, was sieht man zuerst, was dann. Was darf der Zuschauer wissen, was noch nicht. Auch die Parallele zwischen Anfangs- und Schlussbild weist auf diese Sorgfalt hin. Im ersten Bild ist ein Sanka mit Warnlicht und Begleitfahrzeugen durch eine unbewohnte, trostlose Gegend unterwegs durch die Nacht. Der Sanka sieht aus wie ein Kasten. Was ist in dem Kasten, die Frage stellt sich durch die Sorgfalt, wie dieser Konvoi ins Bild gerückt wird. Ganz am Schluss des Filmes sitzt unser Protagonist, der bildhübsche 12jährige Owen, im Zug, vor sich einen Koffer, der wie ein Metallkasten aussieht, könnte im Format in etwa eine Miniausgabe des Sankas vom Anfang sein, Owen hat Süßigkeiten darauf liegen, die verzehrt er, er schaut versonnen aus dem Fenster und der Schaffner kontrolliert das Ticket. Diesmal weiß der Zuschauer, was in dem Kasten ist. Owen scheint jedenfalls den Film und die grauenhaften Dinge, die darin ganz fein vorgeführt werden, unbeschadet überstanden zu haben. Eine Entwicklungsphase?
Owen lebt mit seiner Mutter in Los Alamos, New Mexiko. Wir schreiben das Jahr 1983. US-Präsident Reagan ist ab und an im Fernsehen zu sehen. Owen wird in diesem Film Dinge erleben, die vielleicht einen Vorgeschmack auf das Grauen des Erwachsenwerdens liefern. Owen beobachtet mit einem Fernrohr von seinem Zimmer aus die Nachbarn. Ein Pärchen, was sich immer wieder heftig liebt, Ausblick auf das bevorstehende Erlebnis der Liebe. Und ein Mädchen, das mit seinem Vater in einer Wohnung haust.
In der Schule haben es drei ältere und also schon entwickeltere Jungs auf Owen abgesehen, sie nennen ihn Mädchen und belästigen ihn. Am Frühstückstisch zuhause spricht die Mutter ein Tischgebet und wünscht fromm den Schutz vorm Bösen – intuitiv die Gefahr ansprechend. Denn das Mädchen von gegenüber, Abby, Owen lernt es bald schon näher kennen, behauptet, 12 Jahre alt zu sein, und das schon seit einiger Zeit. Mit ihr gibt es sowieso viel Sonderbares, Abgründiges. Sie geht auch bei Schnee – die meiste Zeit in diesem Film ist Winter, kein helles Sonnenlicht, keine farbigen fröhlichen Stimmungen – Abby geht auch bei Schnee barfuß.
Abby und Owen spüren eine Zuneigung zueinander. Das ist wie eine Attraktion von glühenden Kohlen. Denn Abby ist ein Vampir. Das gibt Anlass für einige sorgfältig gearbeitete Vampirismus-Szenen, ganz schön grausam und blutig, aber so fein. Und was es mit Abbys Vater auf sich hat, das braucht hier nicht verraten werden. Das ist eine andere Story. Insofern ist die Geschichte auch noch mit diesem Vater belastet. Das macht sie nicht leichter und das fällt bei dem geruhsamen Tempo, hervorgerufen durch die vermutliche Absicht des Regisseurs, ganz genau zu sein, ganz präzise das Zuschauerinteresse zu leiten, schon sehr auf. Oder meinte der Filmemacher, weil der Film im Jahre 1983 spielt, er müsse die Gemütlichkeit von damals evozieren?
Das Personal im Film ist übersichtlich – auch das spricht für den Film. Nebst den erwähnten Figuren gibt es noch einen Kriminaler, einen Sportlehrer und einige weitere, ganz kleine Neben-Figuren.
Mir erzählt dieser Film auch von einer ganz sensiblen Hingabe ans Genre, das sich mit der vielleicht empfindlichsten, empfindsamsten, ahnungsvollsten Phase im Leben eines Menschen, die für die merkwürdigsten Fantasien empfänglich ist, beschäftigt, mit der Phase des Umbruchs von der Kindheit zum Erwachsensein.
Zwischendrin kam mir auch der Begriff: Gesellenstück in den Sinn. Ein Film, mehr um der anerkannten Fachwelt zu zeigen, man könne das, man wisse, wie mit dem Genre umgehen. Der Film hat sich für eine makellos cineastische Schönschrift entschieden.
Übrigens: was Owen von Abby lernt: sich zu wehren. Nach unschönen Begegnungen mit den älteren Rowdies von der Schule fängt Owen an, sich zu stählen, zu trainieren und zeigt es denen denn auch.
Was mir so ein bisschen fehlt, ist das Need, genau diese Story zu erzählen, sie erzählen zu müssen. Dem Gesellenstück fehlt für mich das Persönliche, das was den Zuschauer von heute anspricht. Gerade bei der Inflation von Vampirfilmen. Da reicht es nicht aus, dass der Vampir weiblich sei und erst 12. Und die Geschichte mit dem Vater, die erhellt wenig, eigentlich gar nichts, so schön sie gemacht ist. Einiges ist dann doch auch – gerade wegen der Umsicht des Machers – sehr absehbar. Ich würde so sagen: Matt Reeves dehnt, was zu dehnen ist hinsichtlich Spannung, er überdehnt nicht, aber er dehnt sehr, damit ja dem Zuschauer nichts verloren geht. Den Entscheid für diese Methode bezahlt er mit einem Verzicht auf das cineastisch prickelnde Element des Eindruckes von Spontaneität – dafür sollte er sich vielleicht zunächst ein paar Renoir-Filme zu Gemüte führen.