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Let Me In

Dieser Film besticht zuerst und vor allem durch seine Sorgfalt und durch seinen durchgehalten suggestiven Sound.

Remake eines Vampirfilmes des skandinavischen Autors John Ajvide Linquist, der mit Matt Reeves für das Drehbuch zeichnet. Matt Reeves hat minutiös Regie geführt. Gerade dieses bestechend Bedachte an diesem Film dürfte sein Klumpfuss für die Verwertung sein: fast zu deutlich zeigt er, wie sorgfältig er arbeitet, jede Einstellung, jede Reaktion, was sieht man zuerst, was dann. Was darf der Zuschauer wissen, was noch nicht. Auch die Parallele zwischen Anfangs- und Schlussbild weist auf diese Sorgfalt hin. Im ersten Bild ist ein Sanka mit Warnlicht und Begleitfahrzeugen durch eine unbewohnte, trostlose Gegend unterwegs durch die Nacht. Der Sanka sieht aus wie ein Kasten. Was ist in dem Kasten, die Frage stellt sich durch die Sorgfalt, wie dieser Konvoi ins Bild gerückt wird. Ganz am Schluss des Filmes sitzt unser Protagonist, der bildhübsche 12jährige Owen, im Zug, vor sich einen Koffer, der wie ein Metallkasten aussieht, könnte im Format in etwa eine Miniausgabe des Sankas vom Anfang sein, Owen hat Süßigkeiten darauf liegen, die verzehrt er, er schaut versonnen aus dem Fenster und der Schaffner kontrolliert das Ticket. Diesmal weiß der Zuschauer, was in dem Kasten ist. Owen scheint jedenfalls den Film und die grauenhaften Dinge, die darin ganz fein vorgeführt werden, unbeschadet überstanden zu haben. Eine Entwicklungsphase?

Owen lebt mit seiner Mutter in Los Alamos, New Mexiko. Wir schreiben das Jahr 1983. US-Präsident Reagan ist ab und an im Fernsehen zu sehen. Owen wird in diesem Film Dinge erleben, die vielleicht einen Vorgeschmack auf das Grauen des Erwachsenwerdens liefern. Owen beobachtet mit einem Fernrohr von seinem Zimmer aus die Nachbarn. Ein Pärchen, was sich immer wieder heftig liebt, Ausblick auf das bevorstehende Erlebnis der Liebe. Und ein Mädchen, das mit seinem Vater in einer Wohnung haust.

In der Schule haben es drei ältere und also schon entwickeltere Jungs auf Owen abgesehen, sie nennen ihn Mädchen und belästigen ihn. Am Frühstückstisch zuhause spricht die Mutter ein Tischgebet und wünscht fromm den Schutz vorm Bösen – intuitiv die Gefahr ansprechend. Denn das Mädchen von gegenüber, Abby, Owen lernt es bald schon näher kennen, behauptet, 12 Jahre alt zu sein, und das schon seit einiger Zeit. Mit ihr gibt es sowieso viel Sonderbares, Abgründiges. Sie geht auch bei Schnee – die meiste Zeit in diesem Film ist Winter, kein helles Sonnenlicht, keine farbigen fröhlichen Stimmungen – Abby geht auch bei Schnee barfuß.

Abby und Owen spüren eine Zuneigung zueinander. Das ist wie eine Attraktion von glühenden Kohlen. Denn Abby ist ein Vampir. Das gibt Anlass für einige sorgfältig gearbeitete Vampirismus-Szenen, ganz schön grausam und blutig, aber so fein. Und was es mit Abbys Vater auf sich hat, das braucht hier nicht verraten werden. Das ist eine andere Story. Insofern ist die Geschichte auch noch mit diesem Vater belastet. Das macht sie nicht leichter und das fällt bei dem geruhsamen Tempo, hervorgerufen durch die vermutliche Absicht des Regisseurs, ganz genau zu sein, ganz präzise das Zuschauerinteresse zu leiten, schon sehr auf. Oder meinte der Filmemacher, weil der Film im Jahre 1983 spielt, er müsse die Gemütlichkeit von damals evozieren?

Das Personal im Film ist übersichtlich – auch das spricht für den Film. Nebst den erwähnten Figuren gibt es noch einen Kriminaler, einen Sportlehrer und einige weitere, ganz kleine Neben-Figuren.

Mir erzählt dieser Film auch von einer ganz sensiblen Hingabe ans Genre, das sich mit der vielleicht empfindlichsten, empfindsamsten, ahnungsvollsten Phase im Leben eines Menschen, die für die merkwürdigsten Fantasien empfänglich ist, beschäftigt, mit der Phase des Umbruchs von der Kindheit zum Erwachsensein.

Zwischendrin kam mir auch der Begriff: Gesellenstück in den Sinn. Ein Film, mehr um der anerkannten Fachwelt zu zeigen, man könne das, man wisse, wie mit dem Genre umgehen. Der Film hat sich für eine makellos cineastische Schönschrift entschieden.

Übrigens: was Owen von Abby lernt: sich zu wehren. Nach unschönen Begegnungen mit den älteren Rowdies von der Schule fängt Owen an, sich zu stählen, zu trainieren und zeigt es denen denn auch.

Was mir so ein bisschen fehlt, ist das Need, genau diese Story zu erzählen, sie erzählen zu müssen. Dem Gesellenstück fehlt für mich das Persönliche, das was den Zuschauer von heute anspricht. Gerade bei der Inflation von Vampirfilmen. Da reicht es nicht aus, dass der Vampir weiblich sei und erst 12. Und die Geschichte mit dem Vater, die erhellt wenig, eigentlich gar nichts, so schön sie gemacht ist. Einiges ist dann doch auch – gerade wegen der Umsicht des Machers – sehr absehbar. Ich würde so sagen: Matt Reeves dehnt, was zu dehnen ist hinsichtlich Spannung, er überdehnt nicht, aber er dehnt sehr, damit ja dem Zuschauer nichts verloren geht. Den Entscheid für diese Methode bezahlt er mit einem Verzicht auf das cineastisch prickelnde Element des Eindruckes von Spontaneität – dafür sollte er sich vielleicht zunächst ein paar Renoir-Filme zu Gemüte führen.

Nie mehr ohne Dich

Den Film würde ich vielleicht schubladisieren unter „Talent“ und mir in erster Linie die Namen Stefan C. Schäfer als Regisseur und als Drehbuchautor zusammen mit Christoph Silber merken und mir sicher anschauen, wenn von denen wieder was auf den Markt kommt. Was mich für den Film, die Hauptrolle spielt der Deutsche Ken Duken, vereinnahmt, ist schon mal, dass er nicht von der Last von irgendwelchen deutschen Filmförderungen oder Fernsehgeldern gebeugt und eingeschnürt daher kommt. Es ist eine einfache, sicher auch recht naiv erdachte Liebesgeschichte. Insofern kaum für ein größeres Publikum geeignet; dazu hätten dann doch die Charaktere genauer studiert und das Thema ganz präzise eingegrenzt werden müssen.

So ist es eine erfundene Liebesgeschichte, die zwar einen realen Hintergrund haben soll. Um ein Kernchen von Wahrheit herum erfindet man Geschichten. Es ist sicher die Drehbucharbeit, die Konstruktion der Geschichte, nämlich die Reduktion auf einen einfachen Handlungsstrang und einen überschaubaren Fächer an Figuren und auch die sehr präzise Arbeit an den Szenen, an den Dialogen und auch das vor der Kamera In-Szene-Setzen, was mir hier gefällt.

Sicher spielt auch die Eitelkeit des deutschen Schauspielers mit, in einem amerikanischen Film eine Hauptrolle spielen zu dürfen. Und so wie Ken Duken sich aufspielt, dürfte er sich gewiss für andere amerikanische Produktionen empfehlen. Aber wie gesagt, das reicht noch nicht aus, einen Kinobesuch zu rechtfertigen. Den deutschen Studenten zumindest wäre es durchaus zu empfehlen, den Film anzuschauen. Vielleicht auch gerade, weil hier sehr standardhaft gearbeitet worden ist, weil sozusagen das Drehbuchskelett noch sehr deutlich zum Vorschein kommt. Aber wie will mans anders lernen.

Ken Duken, der hier Niklas heißt, soll für seine europäische Firma für einen Kurztrip nach New York. Er soll zackig bei einer Firma Stellen streichen. Das ist schnell erledigt. Nun ja, beim Reflektieren fällt mir auf, Ken Duken versucht sich hier zwar fürs Kino zu empfehlen, aber er scheint mir dann doch etwas zu sehr von sich eingenommen, als dass er richtig gründlich die Eigenschaften eines solchen Managers studiert hätte. Er zelebriert mir die Auftritte zu sehr. Das führt zu einer Verlangsamung, die zwar der Rezeption entgegenkommt, indem man sich die Bilder besser merken kann, andererseits aber dann doch auch weg von der Geschichte.

Was von der Geschichte her lustig gedacht ist: er hat in New York vom ersten Moment an seinen Leib- und Magen-Taxifahrer, der immer wieder für ihn da ist und der sich zum Coach in Liebessachen entwickelt. Das ist doch schon was.

Und bevor Duken in der Firma eintrifft, begegnet er Laetizia, der schwarzen Jazz-Sängerin, von der er noch nicht weiß, dass sie bald ein Opfer seiner Rausschmeißaktion werden wird. (das haben wir doch neulich bei Cédric Klapisch gehabt in „Mein Stück vom Kuchen“ – und bei dem Vergleich fällt einem schon auf, wieviel weiter Klapisch in der Kunst des Erzählens doch ist und dass wir es hier mit rechten Anfängern zu tun haben); nichtsdestotrotz: Niklas verliebt sich in sie; sie treffen sich wieder und wieder – obwohl er doch nur einen Tag hat, denn am Abend soll er wieder zurückfliegen. Er möchte sie gleich mitnehmen und in Europa zu einem Star machen, auch die Begründung dafür, das spricht wieder fürs Drehbuch, dass Jazz nämlich in Europa mehr geschätzt würde.

Das ergibt eine Diskussion zwischen den beiden, denn sie möchte nicht weg aus New York. Sie wirft ihm vor, er glaube, er könne mit Geld alles machen und sie müsse verzichten, er sei also nicht bereit, für seine Liebe etwas zu opfern, nun ja, die teure Uhr von seinem Chef Roland, die würde er ihr schenken. Der Dialog wird noch Folgen haben.

Irgendwann kommt Laetizia allerdings dahinter, dass er der Postenkiller ist. Sie hat ihn da schon in der Wohnung, die sie eben erst bezogen hat, weil sie zuhause ausgezogen ist. Der Papa ist Pfarrer. Und der ist die Hauptperson einer flankierenden Liebes-Geschichte.

In ihrer Wohnung kommt Laetizia dahinter, wer Niklas ist. Das lässt sie in die Luft gehen, sie nimmt einen Schuh von ihm und sein Handy und schmeißt die Dinge weg. Das zwingt ihn nun nur mit Hemd, der Hose, einem Schuh und ohne Handy sich in New York auf die Suche nach ihr zu machen.

Ein Freund von ihr schenkt ihm dann noch ein Veilchen, sprich einen Schlag ins Gesicht; da finden sich Kids, die ihm ein feuchtes Tuch geben, das er gegen den Kopf halten kann, nun das sind schon Filmsszenen, die man sich merken kann und die auch die Hilflosigkeit von Niklas schön ausdrücken wie er dann auf einen Schwarzen im Hauseingang gegenüber zugeht und den bittet, ob er einen Handyanruf machen dürfe, wie er also mit dem weißen Tuch gegen den Kopf und nur mit einem Schuh bekleidet auf diesen Typen zugeht und ihm dafür die Uhr schenkt, das ist nicht ohne. Und schön gesetzt.

Positiv fällt mir vielleicht an diesem Film auf, dass die Macher nicht versuchen Dinge zu tun, die sie nicht können, sondern das in Szene setzen, was ihnen plausibel scheint, auch wenn die Geschichte wie erwähnt, durchaus leicht süßlich ist, da sollten sie den Klapisch studieren.

Was mir auch gefällt, die Konkretheit in den Bezeichnungen, die Firma, die Hausadresse, One Battery Park Plaza, die Calvary Church, die Musikbar „Outpost“.

Das Problem mit der Ken-Duken-Rolle ist vielleicht das, dass er sich hier sowohl als Romantiker als auch als knallharter Sanierer präsentieren möchte. Den Widerspruch hätte man genauer unter die Lupe nehmen und zur Profilierung der Figur entschieden einsetzen können.

Thema: der Vater von Laetizia, Pastor Lester Johnson, spricht in der Kirche über Beherztheit – auch das wird später wieder aufgenommen. Und auch „Der Kampf im Dunklen“ ist ein Thema.

Vielleicht passiert die Annäherung zwischen Niklas und Laetizia zu gemütlich, undezidiert- oder sollte damit Unbeherztheit illustrieren; das müsste vielleicht wirklich mehr ein Amour Fou sein, wie ein Blitzschlag.
Das war mir dann too much, dass Ken Duken auch noch das Lied von Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen „ singen musste/wollte.
Lustig die Kids, die ihn fragen, wie es war, als er geschlagen worden ist.
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Ein kleiner schön gemachter, schnuckeliger Festivalfilm.
Die Orgelimpros beim Gespräch in der Kirche Niklas/Pastor, die sind musikalisch das Treffendste in diesem Film.
Hat auch eine Moral: es geht um Menschen, die Mut beweisen, etwas zu riskieren, wobei diese Moral als Thema in den einzelnen Szenen dann doch stärker und durchgängiger hätte prononciert werden sollen: als das Problem von Ken Duken, da wäre dann der Zwiespalt zwischen Romantiker und Sanierer sehr fruchtbar als ein Motor für die Geschichte einzusetzen gewesen. Na ja, vielleicht beim nächsten Mal.

Wader Wecker Vater Land

Ein junger Filmemacher, Rudi Gaul, nähert sich mit scheuer Naivität den Sängerikonen, für die seine Elterngeneration geschwärmt hat: Konstantin Wecker und Hannes Wader.

Gaul formuliert allerdings nicht primär die Verwunderung oder die Neugier seiner Generation darüber, dass Wader und Wecker einsten seinen Eltern geistige und emotionale Nahrung waren; nein, Gaul meidet den Generationenkonflikt, versucht geschmackvoll ein liebe- und respektvolles Portrait der beiden Sänger im Rentneralter auf Tournee durchaus im Sinne eines verehrenden Betrachters herzustellen. Das ist das was mir hier zu sehen scheint: ein Fanartikel mit vielen netten Runduminformationen, man erkennt ganz deutlich, was für einen Wagen Wecker fährt und welchen Wein Wader trinkt, oder dass Frau Wecker Gebäck für ein Geschäft in München herstellt.

Anlass für die Dokumentation war eine gemeinsame Tournee der beiden Sänger, eine Idee, die der umtriebige Wecker hatte, vermutlich nicht um die Welt zu ändern sondern mehr aus Marketing-Gründen; Synergie könnte man das nennen.

Hannes Wader, der sich selbst steif wie ein Stock und außerdem gescheitert sieht, machte mit. Auch er muss ab und an Geld verdienen, das denkt sich jedenfalls der Zuseher. Es dürften definitiv Geldbeschaffungsprobleme gewesen sein, eine andere Begründung für das Geschäftsmodell mit dieser Tournee wird im Film auch nicht vorgebracht.

Denn das Seniorenpublikum, was die beiden in der Jugend verehrte, ist heute recht zahlungskräftig. Andererseits vermehrt es sich nicht mehr; es muss aus biologischen Gründen mit Schwund gerechnet werden. Über die wirtschaftlichen Hintergründe jedoch kein Wort im Film, das ist schade und zwingt den Betrachter zu Spekulationen, wie eben angeführt und stützt dagegen den Eindruck von diesem Film als einer devoten Ikonenverehrung. Und wenn es nicht Einblicke in Fehler und Verfehlungen der beiden gäbe, die längst allgemein bekannt sind, dann hörte sich ihr heutiger Gesang stellenweise an, als ob ein alterndes Schlagersängerduo das Provinzpublikum mit einer Abschiedstournee erfreuen möchte.

Die beiden Herren sind, so ist zu erfahren, beide mehr oder weniger in ihre Karrieren hineingerutscht. Beide behaupten, sie hätten jeweils das gesungen, was sie beschäftigt hat. Wecker ist irgendwann in die Toscana geflohen, weil er hier zu berühmt war und weil jede politische Gruppierung ihn für sich vereinnahmen wollte, ihm sagen wollte, was er zu singen habe. Wader hatte sich eine Windmühle im deutschen Flachland gekauft. Vor einiger Zeit ist er mit seiner Frau nach Kassel gezogen. Er hat einen erstklassigen Weinkeller und erwähnt bei dessen Besichtigung ausdrücklich er sei kein Sammler, das sei der Stoff für ein Jahr.

Der Film ist sicher was für Nostalgiker. Aber dem Wader sind damals viele Fans abhanden gekommen, wie er in die DKP eingetreten ist; dazu gibt es schönes Archivfootage (was wie immer in solchen Filmen sowieso das Spannendste ist; den Äußerungen, den Selbstäußerungen den Protagonisten gegenüber wäre ich eher skeptisch, so wie Wader sagt, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sei er sowieso viel skeptischer geworden, und seine Frau meint, die Hingabe, die er vorher gehabt habe, die sei nie wieder gekommen, nie wieder diese Begeisterung, sagte sie).

Wader ist noch zu Kriegszeiten zur Welt gekommen, er hatte nie ein Vater-Sohn-Verhältnis, weil der Vater an Front gewesen ist.

Der Film bringt viele Liedausschnitte.
Die beiden singen zusammen, manchmal Wecker zum Beispiel auf bayerisch oder italienisch und Wader dann auf deutsch. Wecker, der Münchner Glamour-Boy.
Dat Du miin Leefste büst (Wader Holländisch, Wecker deutsch) und zum Mitsingen. Volksliedabend. Seniorenbusiness. Angenehmer Film für den Seniorennachmittag.

Waders RAF-Intermezzo, die Verhaftung, weil er Gudrun Ensslin Unterkunft gewährt hat, ohne dass er wusste, wer sie sei; hatte heimliche Sympathie. Es folgen Schleyer-Video, Mauerfall-Video. Immer schön an der Zeitgeschichte bleiben. Nach Eintritt in DKP sind bei Wader die Einkünfte um 60 Prozent eingebrochen, die Leute haben ihm die zerderpperten Platten zurückgeschickt. Chor der Parteiveteranen, er also Solosänger – wie aus einer Marthaler-Inszenierung, aber ohne jede Ironie.

Weckers Verhaftung, sein Kommentar: nie so viel Presse und Medien wie bei Koks, Verhaftung und Hochzeit. Wecker fabuliert über das wirkliche Leben angesichts eines exzessiven Lebens und des Todes. Sein Sohn, sein jüngster, darf ihn eine Szene abfragen für den Film „Wunderkinder“, dazu gibt es Bilder vom Dreh, in der Maske. Er darf auch den Laden vorführen, in dem Gebäck seiner Frau verkauft wird. Zum Ende hin träumt er noch die Utopie einer herrschaftsfreien Welt. Er selbst fährt einen schwarzen Lexus M KW 1647. Amin heißt sein mädchenhafter Sohn, der den Papa Wecker Rollentext abfragt. Dann die Familie Wecker beim Essen, noch zwei ältere Söhne, ganz brav und steif, ganz wohl ist ihnen nicht bei dieser Dokumentiererei.

Zum Schluss noch vielen, langen Applaus als letzter Beweis der Verehrerqualität dieses Filmes und seines Machers.

Das Buch schrieb Rudi Gaul mit Matthias Leitner.

Rubbeldiekatz

Vor mir liegen sehe ich eine schrill aufgebretzelte, stylish-großmäulige Mumie von Charleys Tante. Nicht dass mich jetzt einer falsch versteht. Die Schauspieler hängen sich rein in ihre Rollen, sie verbrauchen Energie und sprechen Texte, oft auch ganz gezielt auf Pointe. Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle gibt, was er kann, um die Travestie-Rolle zu bedienen (es handelt sich um eine Travestie-Geschichte, die nicht näher erläutert werden braucht, es wird aber ausdrücklich auf Charleys Tante referiert, indem Schweighöfer in eben jenem Stück die Tante spielt und also die Utensilien zur äußerlichen Geschlechtstransformierung greifbar hat und sich so bei einem Casting für einen Film im Loop der Hitlerfilmklamotten als Darstellerin melden kann und auch die Rolle noch kriegt, was dann zu Komplikationen mit seiner Partnerin führt, die er nachts zuvor noch als Mann gevögelt hat, so weit so simpel und das wars dann sowieso schon).

Schweighöfer lässt sich also zu einer wundervollen Frau schminken und herrichten, die seiner männlichen Liebheit in Nichts nachsteht und er stöckelt durch den Film und versucht ein angeregtes Gesicht, obwohl die Story so gar nicht anregend ist, dass sie schnell ermüdet; ich vermute, das hängt damit zusammen, dass gar nicht erst versucht worden ist, den Rollen Tiefe und damit Futter zu geben, sondern dass der billige Plot dazu herhalten sollte, um jede Menge Travestie-Jokes aneinander zu reihen, einer abgegriffener als der andere.

Das hätte vielleicht funktioniert, wenn Schweighöfer wirklich den Transvestiten in sich gesucht und zugelassen hätte, die Frau in sich, dieses Flirrende, Schwirrende, Vibrierende, was den ganzen Mann, der so gerne eine Frau sein möchte, aufregt, aufregend macht und ständig auf Draht hält; dem könnte man dann stundenlang zu schauen, wenn diese existenzielle Seite aufgespürt worden wäre.

Davon ist bei Schweighöfer so gar nichts zu spüren, er spielt es als eine Rolle, offenbar ohne jedes Bewusstsein für die Transvestiten-Problematik und einzig darum bemüht, die vom kruden Plot vorgegebenen Komplikationen darzustellen.

Der Film kommt mir heillos stehen geblieben vor, vielleicht irgendwo in den 70er Jahren, von der Art des Kinos her, das vorgibt, großes Unterhaltungskino sein zu wollen, schrill-plakatives Unterhaltungskino.
Für mich ist der am deutlichsten dechiffrierbare Untertext der, hey, wir machen hier was Lustiges, wir machen hier so richtig einen drauf.

Wir wollen Möpse sehen. Make me feel like you. Alex, ich brauch einen Mann, der einen Plan hat. Sag jetzt nicht, dass Du Dich verknallt hast. Dank an unser Konto. Projekte für 50 Millionen und ihr schafft es nicht, echte Titten von falschen zu unterscheiden.

Zäh zusammenfließender Schluss.

Buch: Detlev Buck, Anika Decker.
Regie: Detlev Buck.

Gasland [DVD-Start und Verlosung]

Ein ziemlicher Horror, dieser Dokumentarfilm. Nicht wegen Special Effects und Gespenstern. Resp. im Grunde genommen genau wegen Special Effects und Gespenstern. Nur sind wir hier nicht auf dem Rummelplatz, damit uns schauderlich wird, noch sind wir in irgend einem Hinterhofkino, das „schmutzige“ Genrefilme zeigt, noch sind wir hier im Möchte-Gerne-Genre-Kino von „Hell“, nein, wir sind hier höchstoffiziell in der Dokumentarabteilung gelandet und im Amerika von heute, in der Abteilung „real life“.

Für die Special Effects sorgt die Firma Halliburton und Co., und die Gespenster, das sind Figuren wie Dick Cheney (auf dem Segway) und Konsorten. Es sind jene skrupellosen Geschäftsmänner, die wegen der Gasexploration ganze Landstriche in Amerika verwüsten lassen. Der Film leistet unter Verzicht von Special Effects mit einer Betrachtung dessen, was in manchen Gebieten der USA von der Industrie betreiben wird, den Horror, den „Hell“ beabsichtigte.

Die Geschichte ist eine abenteuerliche. Josh Fox wohnt in einem schönen Holzhaus in den Wäldern von Pennsylvania in der Nähe vom Delaware River (dieser dient übrigens auch als eine Quelle fürs Trinkwasser in New York). Josh Fox wohnt in reiner, sauberer Natur. Sein Haus wurde von ihm und seiner Familie gebaut. Man erinnert sich an die Nixon-Zeit, die von der heutigen politischen Situation aus besehen, was die Umwelt betrifft, eine paradiesische Zeit gewesen sein muss.

Nun ist anzumerken, dass die Vereinigten Staaten, wie es hieß, förmlich auf einem Ozean von natürlichem Gas liegen. In Zeiten von Energiehunger und Abhängigkeit von Importöl schreit so eine Ressource geradezu darnach, ausgebeutet zu werden. Aber es gibt eben keine sauberen Gasgewinnungsverfahren, jedenfalls bis heute nicht. Die Entsorgung des giftigen Outputs der Gasgewinnung, die könnte man ja gesetzlich regeln. Allerdings, da ist Josh dann darauf gekommen, hat sich die Lobby der Gasexplorationsindustrie mit Millionen von Dollars die Gesetzgeber in Washington praktisch gekauft, eine Carte Blanche zur Umweltvergiftung geben lassen, durch Eliminierung jeglicher Schutzbestimmung für Umwelt, Natur und Mensch. So dass trotz Naturschutzbemühungen in vielerlei Hinsicht, die Gasgewinnung ohne jede Umweltgesetzgebung stattfinden kann. Der Nicht-Gesetzgebungs-Horror hinter dem Horror.

Josh Fox ist folgendermaßen auf die Geschichte gestoßen. Eines Tages wurde ihm angeboten, Land für die Gasgewinnung zu verpachten. Für eine seiner Meinung nach sehr hohe Summe. Das machte ihn stutzig. Er fing an, sich in seiner Umgebung umzusehen, flussaufwärts stieß er bald schon auf die ersten Anlagen und die ersten Beschwerden, schnell auch auf Zahlen, die schwindlig werden lassen. 1 – 7 Millionen Gallons of Water, die gebraucht würden, um ein Loch zur Gasgewinnung zu drillen, und so ein Loch kann bis zu 18 Mal gespült werden. Für diesen Vorgang wird Wasser eingepresst. Dieses Wasser ist allerdings mit einem tödlichen Mix von Chemikalien versetzt und die Ölindustrie weigert sich, die Kombination der Gifte bekannt zu geben. Das vergiftete Wasser wird ungereinigt in die Umwelt entsorgt in die Flüsse oder mittels Evaporation direkt in die Luft.

Opfer von solchen Verunreinigungen müssen, so will es das Gesetz, selber den Nachweis für die Ursache erbringen. Wie sollen sie das, wenn der Giftmix von den Verursachern noch dazu geheim gehalten wird. Je tiefer Fox in die Materie eindringt, je weiter er sich umsieht, desto mehr Horror entdeckte er. Zur Erträglichmachung dieses Trips, der ihn immer weiter in immer mehr Staaten führt, untermalt er die Reise gerne mit Country-Musik.

Er stößt auf Tiere, denen die Haare ausfallen, tote Tiere, verfärbte Kühe, Wasser ab Wasserhahn, das so mit Gas durchsetzt ist, dass man es anzünden kann und vor der Stichflamme sich in Acht nehmen muss, Leute mit Kopfschmerzen und Gehirntumoren in Gegenden, in denen vor der Gasgewinnung sowas nicht vorgekommen ist. Vollkommen verödete Landstriche. Bilder, wo man sieht, wie ein mit giftigen Chemikalien durchsetzter Spray in die Luft gesprüht wird. Und überall Beweise des Verlustes der Trinkqualität des Wassers. Leute mit bisher einwandfrei sprudelnden Quellen müssen das Wasser jetzt in Tanks einkaufen. Aber sie selbst haben das Land verpachtet. Das Geld lockte. Auf den Punkt geht Fox aber nicht zu tief ein. Überall Warnschilder wegen Explosionsgefahr und Gas in der Luft. Denn ganz dicht geht so eine Gewinnung nicht vor sich. Auch nicht an den Kompressionsstationen. Gas ist ein flüchtiger Stoff.

Fast dadaistische Ausmaße nimmt eine Aufzählung all der Gifte an, die dem Wasser zur Gasexploration beigemischt werden. Und bei einer Anhörung zum Thema wird ein Vertreter der Gasindustrie aufgefordert, die Liste der Gifte vorzulesen und er fragt irritiert zurück, ob er alle vorlesen soll, denn die Liste ist seitenlang. Er ergibt sich in sein Schicksal, aber der Dokumentarfilmer erspart uns die ganze Länge.

Trinkwasser, was gerade noch für bizarre wissenschaftliche Experimente zu taugen scheint. Umweltzerstörung unglaublichen Ausmaßes in der Nähe des Yellowstone-Nationalparkes auf einem Gebiet von der Größe von Connecticut. Und, nicht zu unterschätzen, das Problem der Trinkwasserversorgung für New York.

Schockierend ist nebst verödeter Landschaften, der hemmungslosen Verschmutzerei ohne jede Sicherheitsvorschriften vor allem auch das offizielle politische Amerika, Washington, das nichts unternimmt, das den Öllobbies und der Cheney-Fraktion offenbar nichts entgegenzusetzen hat. Das ist so unglaublich hinterwäldlerisch, dass man es gar nicht glauben möchte. Auch unter Obama tut sich offenbar nichts zum Schutze der Natur vor den Gasgiften.

An einer Stelle zählt Fox auf, wieviele LKWs es braucht, um so ein Bohrloch aufzubauen, in Gang zu setzen und in Betrieb zu halten. LKW-Ladungen voller Chemikalien, Rohre und Gerätschaften. Die Zahl geht in die Hunderte von Fahrten.

Interessant übrigens im Abspann, welche Firmen und welche Ministerien der Administration Josh Fox ein Interview verweigerten, welche Departements der staatlichen Verwaltung, von den Firmen sind es unter anderem Halliburton, Shell, Exxon, BP, Chevron, um nur einige zu nennen. Hinterwäldlerisch, oh, oh.

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Das Thema Fracking (Hydraulic Fracturing) ist weltweit ein brennendes, denn nicht nur in den USA wird der Fels-Untergrund eines ganzen Landes zerbröselt, um an eingeschlossenes Gas zu kommen. Auch in Europa ist Fracking aktuell, so zum Beispiel in Irland, aber auch in Deutschland. In Frankreich wird Fracking dahingegen höchstwahrscheinlich komplett verboten. Es gibt zahlreiche Initiativen gegen das Fracking, und ebensoviele Reportagen und Dokumentationen zum Thema. Hier zum Beispiel der Weltspiegel von vor einem Jahr:

Wir verlosen 3 DVDs des Films Gasland. Um an der Verlosung teilzunehmen, einfach einen Kommentar abgeben. (Beleidigende Kommentare und doppelte oder mehrfache Einträge werden gelöscht bzw. nicht berücksichtigt. – Eine Chance pro Teilnehmer.) Per Zufallszahlengenerator von random.org werden die Gewinner ermittelt, wobei 1 für den 1. Kommentar steht usw. Die Verlosung läuft bis Sonntag, den 18.12. (4. Advent) um 15 Uhr. Im Laufe des Abends werden die Gewinnerkommentare ausgelost und die Zufallszahlen als Kommentar veröffentlicht. Die Gewinner werden außerdem per Mail über ihren Gewinn in Kenntnis gesetzt. Sie erhalten die DVD, indem sie mir ihre RL-Adresse per Antwortmail schicken, diese wird dann an die PR-Agentur des Films weitergegeben, die dann die DVDs verschickt. Diese sollte noch deutlich vor Weihnachten ankommen, so dass sie ggf. weiterverschenkt werden kann.

HINWEIS: Der Veröffentlichungstermin von Gasland hat sich verschoben, die DVD kommt am 21.12.2011 auf den Markt. Das heißt, die DVDs können auch erst ab dem 21.12. verschickt werden. Die Verlosung endet wie gehabt am 18.12., wie oben geschrieben.

Perfect Sense

Evan McGregor und Eva Green sind die Protagonisten in diesem umwerfenden Film über die Kraft der Liebe, geschrieben von Kim Fupz Aakeson und inszeniert von David Mackenzie. Evan Mac Gregor spielt Michael, der eine Catering-Küche betreibt. Eva Green ist seine Geliebte, die aber durchaus auch sie selbst sein will.

Die Kraft der Liebe ist das durchgehende Thema durch den Bilderbogen, der teils recht stürmisch wird und einiges an Kulisse und auch menschlicher Moral und menschlichen Sinnen durcheinanderwirbelt oder gar außer Funktion setzt und dann immer wieder Pausen für die Aufräumarbeiten lässt, nur damit nachher ein noch heftigerer Sturm, nun ja, die Kraft der Liebe testet. Wobei oft auch ein entscheidendes Merkmal für gute Regie das ist, dass die Schauspieler sehr leise sprechen.

Schlimm gerade fürs Küchengewerbe, wenn der Geruchssinn außer Kraft gesetzt wird durch eine merkwürdige Epidemie, die kommt und dann aber genauso plötzlich wieder verschwindet und die Menschen jegliche Form hinsichtlich Essenkonsums verlieren lässt. Man darf auch spekulieren: die Liebe und der Geschmackssinn (die Epidemie lässt die Menschen verkrampfen, sie verkommen zu Allesfressern, selbst vorm Lippenstift machen sie nicht halt: das sind futuristische, surreale oder absurde – aber schöne – Kinobilder, die sich von Bildern der Liebe ziemlich abgrenzen). Sense of taste disappears. Dann wieder zärtliches Beieinanderliegen und ganz leise Gespräche, philosophisch, aber nie bierernst, ernst schon aber nicht verbissen auf Wahrheitsgehalte aus. Das Leben geht weiter, auch nach so einer Epidemie.

Details.
Things turn to normal.
People do what they can. As best they can.
Zärtliche Szene: das Paar sitzt in der Badewanne, gegenseitige Rasur. Verrücktes Bild. Sophsticated. Devastated. Badewannenlust.
I cannot have children. Einmal brüllt er sie bei der nächsten Epidemie an, „infertile“.
Severe Hearing Loss Syndrom. Die neue Epidemie lässt das Gehör versagen. Das gibt Gelegenheit für stumme Phasen.
Gewaltausbruch.
He is a collector
What does he collect
Polaroid-Cameras.
Mundschutz, Kirchenglocken, ein entfernter Muezzin.
Its just fading
Profane Conversation
Ah, jetzt kommt der Ausbruch, wo er sie zusammenschreit.
Und der Gehörverlust.
Besondere Atmo.
I your are deaf stay at home, hang a sheet in the window.
Kino, Gewalt und Sinnlichkeit.
We will keep you informed.
Dann wieder Aufräumaktion.
Die Epidemien kommen wie Schübe. Gegen die Liebe? Taubstummenerklärtafel.
Taubstumme bei exquisiten Menüs. Der Koch bereitet Hummer vor, einzelne Teller.
Die Gäste gebärden, verständigen sich in Gebärdensprache. Die Vibration eines Basses, eines Orchesters hören oder die anderen Instrumente.
Concentrate on things beyond Fat and Flavour.
Was ist der Mensch ohne die Stimme.
Ice Age. Lawine, die heranbraust.
Die Dunkelheit, die kommt.
Dann kriechen sie alle wie aus Höhlen ins Licht, Umarmungen.
It means to be a little Familienglück
Understanding, acceptance, forgivness, love.

Eines langen Tages Reise in die Liebe oder aus der Nacht in die Liebe?
Symbolismus oder nur einfache Message, ob einfacher oder komplizierter Film?
Bei den Epidemien Footage aus News und aus aller Welt. Nachher wieder das Kammerspiel zuhause, im Bett oder beim Catering.
Sie lieben sich, kiss, great, …

The Help

Ein Film, der alles bietet, was eine gute Filmerzählung haben soll. Ein klares Thema, einen historisch-geographischen Background, eine Rahmenhandlung, in die die einzelnen Teile der Geschichte eingepackt werden und außerdem exzellente Schauspieler, sowieso eine sehr schauspielerfreundliche Geschichte, denn der Regisseur Tate Taylor ist öfter als Schauspieler tätig denn als Autor und Regisseur. Hier hat er das Drehbuch nach einem Roman von Kathryn Stockett geschrieben.

Das Thema, es kommt explizit erst ganz am Schluss zur Sprache, ist die Freiheit, ein uramerikanisches Thema und zwar die Freiheit, die sich durch die Freiheit des Wortes, des Sich-Ausdrückens definiert.

Die Geschichte, die hier einfach und episch erzählt wird, am Anfang werden auch ganz klare Gut-Böse-Unterschiede aufgezeigt, spielt Anfang der 60er Jahre um die Zeit des Kennedy-Mordes herum in Jackson, Mississippi. Es herrschen noch strenge Rassengesetze, hier Weiße, da Schwarze.

Als Beispiel dafür wird immer wieder die Diskussion erwähnt, dass die weiße Herrschaft für das schwarze Dienstpersonal gesonderte Toiletten wünscht, wegen Infektionsgefahr, eine ganz lächerliche Diskussion. Die dann aber auch zu einem böskomischen Moment führt, wenn unsere Protagonistin, Eugenia „Skeeter“-Phelan gespielt von Emma Stone, endlich die Sammlung der Pelzmäntel für die feinen weißen Damen in der Zeitung ankündigen soll und statt „Pelzmäntel“ „alte Closchüsseln“ schreibt und die ganzen weißen Gutmenschen ihre alten Clo-Schüsseln im Garten vor dem Häuschen der weißen Madame deponieren. Daran sieht man, dass diese Erzählung durchaus auch komische Seiten hat.

Sie hat aber auch Tragische, zum Zeitpunkt der Kennedy-Ermordung wurde massiv gegen die Schwarzen vorgegangen; man erlebt eine Szene im hübschen Bus, den sie für den Film in Grün und Gelb frisch angestrichen haben, in dem das schwarze Hauspersonal – das ist sozusagen die zweite Hauptperson im Film, The Help, die Hilfen – nach Hause fahren und es dann plötzlich heißt, die Schwarzen müssen aussteigen, und wie sie dann alle nach Hause rennen, da kommt Beklemmung auf.

Die weiße Skeeter will also Journalistin werden. Sie bewirbt sich in New York. Man hält sie für hoffnungsvoll, sie soll aber noch Erfahrungen sammeln. Sie bewirbt sich bei der Lokalzeitung. Der Chefredakteur, der später mal eine grandiose Tanznummer hinlegen wird, ein kleiner gedrungener Mann mit lustigem Akzent, will sie erst nicht, wie er aber das Schreiben liest, lässt er sie die Putzkolumme in der Zeitung bearbeiten, also die Leserfragen und die Tipps. Sie selbst hat keine Ahnung vom Haushalten. Aber sie hatte selbst eine gute Nanny, das wird ein anderer Handlungsstrang, die ist nämlich von Skeeters Eltern rausgeschmissen worden wegen einer Lappalie, aber Skeeter weiß das alles nicht und will das recherchieren; sie stellt ein Vertrauensverhältnis zu Aibileen her, die hilft ihr beim Beantworten den Kolumnen-Fragen; es verbindet die beiden, dass es ungesetzlich ist, dass eine Weiße eine Schwarze besucht.

So kommt man ins Gespräch. Und sie hat die Idee, Geschichten von Schwarzen „Helps“ zu schreiben nach Interviews. Davon ist die New Yorker Redakteurin begeistert, denn sowas hat es noch nie gegeben. Die Suche nach Interview-Partnern und die Befragung, die Ängste der Frauen, überhaupt zu erzählen, das Misstrauen, schließlich aber auch die erfolgreiche anonyme Veröffentlichung, die sind sozusagen der Hauptstrang. Umd den herum rankt sich das gesellschaftliche Leben der weißen Ladies oder der schwarzen Helps. Von den Vorbereitungen für die Wohltätigkeitsveranstaltung über eine andere wunderbar tragikomische Geschichte, die auch nach der Buchveröffentlichung noch wirken wird, dass eine Nanny, die mit den umwerfend traurig-komischen Augen, Minny ihrer Herrin zur Rache die eigene Scheiße in den Kuchen gebacken hat und sie zum Essen drängte, dummerweise die Geschichte aber nicht für sich behalten konnte.

Oder die exzentrische unter den weißen Ladies, Celia Foot, die noch zu blöd war, eine Hausangestellte zu halten, der haben immer alle abgesagt, und die dann Minny aufgenommen hat, aber ihr Mann durfte das nicht wissen. Später dann die Geschichte mit den Fehlgeburten, die sie im Garten in Schuhkartons vergräbt. Es wird nicht nur schwarz-weiß gemalt.

Die Bilder sind in schönster 60er Jahre Optik gehalten, oft malerisch, immer stimmungsvoll, die Interieurs museumshaft schön, die voluminösen Ami-Schlitten, die Auffahrten zu den Patios, immer am Rande zur Puppenstube, am Rande zur Idylle, die hin und wieder unterbrochen wird durch das Gegackere der Damen, die sich aus New York wieder neue Haarwickler bestellt haben, damit „Skeeter“ chic zu einem Rendevouz-gehen kann.

Denn, das war ihr Problem, dass sie noch keinen Freund hatte und deswegen auch saublöd von zuhause angemacht worden war und da war ihre Nanny der einzige Trost. Also auch ein problematisches Verhältnis zur Mutter, die ihr unbedingt einen Mann verschaffen will. Wie Skeeter trotzig mit dem Truck und Anhänger zum Rendezvous mit dem Typen von der Bohrinsel fährt, ein Treffen, das sehr direkt und voller Ablehnung abläuft. Das sind so kleine Geschichte dazwischen. Dann natürlich jene vom kleinen Mädchen, um die sich Aibileen kümmert, bis zu ihrem Rausschmiss, weil die Herrin sie ja nicht wegen dem Buch, aber wegen vorgeblich gestohlenen Besteckes ins Gefängnis bringen will. Ganz trotzig geht dann Aibilieen und sagt, sie sei jetzt Autorin. Denn viel von der Substanz des Buches stammte von ihr. Sie hatte selbst täglich ein bis zwei Stunden nebest den Gebeten ihre eigenen Geschichten aufgeschrieben.

Vielleicht ein bisschen naiv gemacht, eine klare Gut-Böse Welt, aber die Menschen sind entwicklungsfähig, sonst könnte man auch zu keinem guten Schluss kommen.

Entzückende Bilder auch von einem Tornado. Oder von Wiesen und Häusern und Bäumen. Und die ganzen 60er Jahre Kleider der Damen. Der Tornado hat sowohl unter Weißen als auch unter Schwarzen Opfer gefordert, ein Tornado kennt keine Rassenunterschiede. Es gibt also doch eine Gerechtigkeit.

Ein Thema, was aktuell diskutiert wird im Zusammenhang mit dem Netz, jetzt bei Google, der keine anonymen Konten mehr möchte, das Recht auf Anonymität einer solchen Veröffentlichung.
Oder der Satz von der Mutter von Skeeter nach dem Erfolg mit dem Buch: „Mut überspringt manchmal eine Generation“.

Ein vielleicht melancholisch zu nennendes Melodram mit vielen tragikomischen Einsprengseln und einem klaren moralischen Aufruf: es braucht einen ersten Schritt, die Wahrheit zu sagen: feel free, schreib die Dinge auf.

Atmen

Das traumatische Kindheitserlebnis für Roman Kogler dürfte das gewesen sein, dass seine alleinerziehende und überforderte Mutter ihn eines nachts, weil er weinte, mit einem Kopfkissen zu ersticken versuchte, und wie er sich nicht mehr bewegte und sie glaubte, er sei tot, hat sie mit Wiederbelebungsversuchen begonnen und ihn umgehend in ein Heim gegeben. Seither hat er nie mehr Kontakt zu ihr gehabt. Mit 14 wurde er des Totschlages an Martin Stappeck zu acht Jahren Jugendknast verurteilt. Wenig verwunderlich, dass er verhaltensgestört und introvertiert, mithin schwer zugänglich und unberechenbar ist, dass es ihn an keiner Lehrstelle lange hält, weil seine plötzlichen Wutausbrüche für seine Umgebung unerträglich sind. Soweit das Soziogramm der Hauptfigur, das sich weitgehend mit den Erkenntnissen moderner Menschen- und Verhaltenswissenschaft decken dürfte.

So weit so nachvollziehbar. Es wird schnell klar, wir haben es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Aber da die Hoffnung zuletzt stirbt und wir außerdem in Wien sind, dem ein gewisser Hang zu Schabernack und Morbidität nachgesagt wird, und wie eh der Tod auf einen Totschläger vermutlich ein besondere Anziehungskraft ausüben dürfte, so bewirbt Roman Kogler sich als Lehrling beim städtischen Bestattungsdienst und wird dort tatsächlich auf Probe genommen.

Vor Leichen zeigt er keinen Abscheu, eher Faszination. Es gibt anfangs brenzlige Situationen, in denen zu befürchten ist, dass er die Kontrolle über sich verliert, aber sie werden gemeistert. Und wie der Bestatteralltag anfänglich geschildert wird, wenn man noch die leicht jazzige Musik dazu berücksichtigt, so entsteht der Eindruck, ein Wiener Filmer macht sich hier auch einen Schmäh aus der ganzen Bestatterei, nimmt sie nicht so tragisch. Das bekommt dem Film durchaus, nimmt ihm aber auch einen gewissen Ernst, bewahrt ihn andererseits vor dem Abgleiten in den Sozialkitsch.

Die Entwicklung, die Roman Kogler macht, wie aus ihm plötzlich ein braver, junger Mann durchschimmert, das geschieht dann allerdings mehr theroretisch als systematisch cinematographisch durchdacht. Das dürfte der Grund sein, warum ich diesen Film eher in die Kategorie sehr sorgfältig gearbeitetes Fernsehspiel mit einem sozialen Problem im Mittelpunkt einordnen würde. Auch weil Romans Konflikt nicht als treibendes Element zur Erzeugung der Spannung genutzt wurde.

Der Film ist langsam und bedächtig. Nur alle paar Minuten streut er wieder eine neue Info rein, bis wir überhaupt wissen, was mit Roman los ist; Knast, das sehen wir schnell. Dass wieder eine Stelle nicht funktioniert hat auch. Auch lernen wir die Ganzkkörperkontrolle bei der Rückkehr in die Jugendstrafanstalt kennen, wie minutiös inklusive Körperöffnungen alles durchsucht wird.

Über die Gespräche mit dem Betreuer erreichen uns ein paar weitere Informationen. Dann die ersten Touren mit den Bestattern. Auch das wird langsam angegangen. Wie er erst nur dabei ist. Wie er einen Rolltisch an seinen Platz zurückstellen soll. Wie er dann das erste Mal bei einem Sarg mit anfasst. Die ersten Leichen, aus dem Kühlfach, in der Pathologie, tote Frau im Wohnzimmer, da hilft er bereits beim Waschen und Ankleiden, das tut er sehr sensibel, dann die Leiche von Christine Kogler. Das berührt ihn innerlich. Es könnte seine Mutter sein. Aber ein Anruf bei ihr, er hat die Adresse vom Helfer, bestätigt, dass sie es nicht sein kann, denn sie lebt. Dann der Tote beim Verkehrsunfall, eine Beinahauseinandersetzung mit einem Polizisten.

Es ist ein extensives Movie. Es gibt eine Szene früh im Film, wie Roman die Leichenwannen desinfiziert, da ist ein Vogel im Raum, den lässt er ins Freie fliegen, ein poetischer Moment. Filmbeliebte Symbolik.

Dann sucht er seine Mutter auf. Er geht mit ihr Matratzen kaufen. Dort treffen sie den Bewährungshelfer mit seinem Töchterchen, der scheint auch von der Mutter des Kindes getrennt zu leben, das ist alles wunderbar durchdacht als Beispiel, als ein Vorzeigefall, der hier mit filmischen Mitteln demonstriert wird.

Dann trifft Kogler im Zug ein englischsprechendes Girlie. Die verleitet ihn zum Biertrinken. Kurz entsteht der Eindruck, der sei noch nie in einem Zug mit Getränkeservice und Abteilwagen gefahren. Dann der Alkoholtest in der Anstalt, das Wohlwollen des Wärters, der ihn nicht verpfeift am Vorabend zum Urlaub. Das stösst mir an diesem Film auf: er will zeigen, dass auch für solche Menschen Hoffnung besteht, das entfremdet ihn aber dem Kino, dem Kinodenken, der Kinoweltsicht. Irgendwie ist die Haltung im Film zu engagiert für die Unterdrückten, die Outsider, die vom Schicksal Gebeutelten, will quasi schützend seine Hand über den unglücklichen Buben legen. Eine für eine Kinoleinwand ungeeignete Eigenschaft. Verständnisheischendes Kino widerspricht der Idee vom Kino als Klarsichtfolie. Später besucht Roman das Grab seines Opfers, die Stelle hat er sich im Bestattungsamt, wo er arbeitet, geben lassen. Zu seiner eigenen Rechtfertigung meint Roman übrigens, das Opfer sei erst im Spital gestorben.

Zwischendrin sind immer wieder Szenen vom Schwimmbassin der Strafanstalt, wiie die Jungs schwimmen. Wozu diese Szenen gut sind, kann ich nur raten. Vielleicht Aufzeigen von Symbolik: wie Roman auf den Boden des Bassins taucht und bleibt und bleibt und bleibt; die Unterwasserkamera weidet sich an den Beinen von einem halben Dutzend anderer junger Männer, irgendwann sind die beunruhigt, lassen sich ganz ins Wasser fallen. Doch da taucht Roman schon wieder auf. Schöne Szene, aber was will sie uns erzählen? Das Haupthandicap des Filmes dürfte sein, dass er „gut gemeint“ ist. Das ist leider immer der Tod des Kinos und verdonnert es zwangsläufig ins Fernsehen.

Oder man müsste dem Buch vorwerfen (es stammt von Karl Markovics, der auch die Regie besorgt hat), es sei zu oberflächlich und zu leichtsinnig geschrieben worden, ja, ja, das kriegen wir schon hin, wir zeigen ein paar signifikante Stationen und erst muss der Junge ein bisschen verschlossen sein, dann brauchen wir zwei bis drei bedrohliche Situationen, dann eine Palette von Bestattungssituationen, das ist auch schnell gemacht; hat aber leider mit den inneren Konflikten von Roman wenig zu tun, insofern kam mir die Assoziation vom Schmäh, vom Leichenschabernack, den hier einer treibt.

Das Buch hat es auch unterlassen, Roman so einzuführen, dass man Empathie für ihn empfinden kann; es ist eine äußerliche Verschlossenheit, die er spielt und die alles andere als konsequent durchgehalten wird; denn so schnell wie hier, so schnell wandelt sich ein abgrundtief verletzter Mensch nie, nie, nie. Auch ist die soziale Situation im Knast nur oberflächlich dargestellt und vermutlich entsprechend flüchtig recherchiert worden. Dadurch wird der Eindruck erweckt, es handle sich bei diesem Jugendknast, gerade auch wegen der Schwimmbassinszenen, die nicht wenige sind, um eine Art Hochsicherheitshotel, ohne dass die Gäste Hierarchien und Machtsysteme untereinander hätten (zum Vergleich ziehe man „Un Prophète“ heran, wie minutiös das dort dargestellt wird). Das wirkt im Kino sofort lasch. Insofern ist auch die „Roman“Figur, die hier entworfen wird, entsprechend unpräzise vom Buch her geschrieben, verschlossen für einen geschädigten Menschen ist eben nur der Ausdruck der tiefen inneren Verletzung, und wie die wurmt und wuselt und tut, das wäre die Voraussetzung, um einen spannenden Film zu machen, um das Medium Film angemessen einzusetzen.

Hier geht ein netter Schauspieler und sehr bemüht durch die verschiedenen Situationen der Rolle hindurch, lässt sich dabei ablichten und sieht in einigen Szenen sehr überzeugend aus, dann aber wieder nicht; das liegt aber wie gesagt am Buch, das sich nicht um die Konflikte des Protagonisten kümmert, das ist eigentlich das Schlimmste, was man einem jungen Schauspieler antun kann, ihn mit einer schlecht analysierten Rolle zu betrauen. Er wird gewiss genügend Höflichkeitskomplimente ernten, wie gut er das mache, weil man die Bemühung und eben auch ungute Stellen sieht, aber keiner wird sagen, hey, den Film musst du sehen, dieser junge Darsteller, das ist unglaublich, ich glaube, ich habe da was über solche gestrauchelten, kaputten Menschen kapiert.

Der moralisch korrekte Bürger wird diesen Film, weil er moralisch korrekt ist, Grundaussage: die Jugendstrafanstalten taugen was, gut finden. Aber ob sie den Film freiwillig im Kino anschauen, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Bessere Zeiten

Hier versucht sich wieder einmal eine Schauspielerin, Pernilla August, an Drehbucharbeit und Regie. Pernilla August ist sehr erfolgreich als Schauspielerin, hat schon mit Ingmar Bergman gearbeitet. Der Roman, den sie hier verfilmt, stammt von Susanna Alakoski, war deren Erstling und wurde ein Verkaufshit in Schweden. Dass der Film es bis Deutschland geschafft hat, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Hauptrolle von Noomi Rapace gespielt wird, die hierzulande in der „Millenium-Trilogie“ bekannt geworden ist.

Die Geschichte ist die einer Frau, Leena, die in richtig verkommenen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist, der Vater ein Trunkenbold und Grobian und die Mutter auch total überfordert mit diesem Mann und den beiden hübschen Mädchen. Was Leena am Leben erhalten hat, war das Schwimmen, der Sport, die Leistung. Sie hat dann mit ihrer Mutter gebrochen und ein eigenes Familienleben, das hier als glücklich geschildert wird, begonnen, sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Der Anruf, dass die Mutter im Sterben liege, bringt die Geschichte in Gang und so fahren Leena und ihre Familie los. Die Vergangenheit holt Leena ein. Schon auf der Fahrt zur Mutter und dann auch während des Besuches werden heftig Rückblenden an ihre eigene Kindheit eingearbeitet. Wie der Vater den Weihnachtsbaum umwirft, wie die Küche verwahrlost ist, wie ihr Bruder nur noch Haut und Knochen ist und kaum was essen mag. Erstaunlich, dass das Töchterchen trotzdem immer aussah wie aus gutem Hause und sehr ruhig und beherrscht war und versucht hat, sich um das Brüderchen zu kümmern. Das ist dann aber gestorben. Der Vater auch irgendwann. Leena macht sich heute noch Gewissensbisse wegen dem toten Brüderchen. Und sie kompensiert die familiäre Katastrophe mit sportlichen Anstrengungen beim Schwimmen.

Der Besuch bei der alten Frau ist, wie zu erwarten, nicht sehr erfreulich. Sie liegt mit Schläuchen im Spital und äußert den Wunsch, sie möchte mit der Urne ihres Schlägers und Alkoholikers von Mann begraben werden. Es kommt zu Diskussionen. Das wird sehr gefühlig geschildert. Es scheint, als wolle die Regisseurin unser Mitgefühl für diese furchtbaren sozialen Verhältnisse gewinnen. Es wird viel geweint und geschluchzt und geschrieen und auch gestritten.

Es ist eine schwer zu spielende Situation, so wie der Film anfängt, Leena und ihr Mann liegen im Bett, lieben sich, da aber die Kinder reinkommen, soll er sich schlafend stellen und dann kommt der Anruf. Erst das Glück und dann die Erstarrung. Hier zu zeigen, wie eine vollkommen verdrängte Vergangenheit in ein vorgespieltes oder gar vorgelogenes Glück hineinbricht. Später wird es auch darum gehen, was die Mutter sich alles vorgemacht habe. Aber es ist schwierig, scheint mir für die Hauptdarstellerin, die eine sehr hübsche Person ist, und wenn sie mit dem Anorak im Krankenzimmer ihrer Mutter auftaucht fast eher an eine Tatort-Kommissarin erinnert, sie ist kein kaputter Typ und außerdem müssen Frauen im Kino schön sein, es fehlt dann doch die Kaputtheit bei dieser Besetzung, die versucht diesen Mangel auszugleichen, indem sie oft bedrückt oder bedröppelt schaut. Das ist bei solchen Figuren sowieso immer schwierig, nicht alles schon vorweg zu nehmen; aber auch die anfängliche Phase der Verdrängung zu spielen, die muss eine Art Verschlossenheit sein; aber das ist, so wie das Drehbuch bearbeitet worden ist, schier unmöglich. Man hätte vielleicht besser eine andere Szene zur Einführung der Figur gewählt.

Auf intellektuelle Durchdringung des Stoffes wurde weitgehend verzichtet, es wird auf Gefühl und Mitleid gesetzt. Zuhause findet Leena dann ihr Wörterbuch, was sie als Mädchen geschrieben hat und ab und an liest sie daraus Passagen vor. Sie ist überzeugt, dass es auch schöne Dinge gegeben hat in ihrer Jugend; wenn die Familie zusammen war, wobei gerade vorher die widerliche Weihnachtsszene gezeigt worden ist mit dem arg chargiert spielenden Vater, der nur den Holzklotz-Suffkopp gibt, der nicht einen Moment der Zuneigung und der Liebe zeigen kann.

Der Film kommt mir vor, als ob eine bessere Dame der Welt zeigen will, wie dreckig diese doch sein kann, resp. wie dreckig die dreckige Welt in der Fantasie einer besseren Dame erscheinen kann. Es gibt eine ganze Menge recht ordinärer Flüche, die auch aufgetischt werden, Flüche auf dem Silbertablett, igitt.
Es gibt allerdings auch ein Spannungsmoment, das zwischen Finnland und Schweden, vielleicht ein Koproduktionsding, aber mir sind keine Vorurteile dieser beiden skandinavischen Völker gegeneindander bekannt. Der finnische Ekel möchte aufwühlen, die Regisseruin möchte den Zuschauer aufwühlen, das ist mein Eindruck, dabei lullt sie ihn eher ein, da er geistig nicht gefordert wird. Sie möchte tabulos das Grauen zeigen.
Ein Kino mit bewegen sollendem Moll, das dem Stoff Schwere und Bedeutsamkeit verleihen sollen.

In diesem Film kommen Fragen vor wie: „Wisst Ihr, wie man Gläser spült?“.

Der gestiefelte Kater

Wie sprüht dieser Film doch vor Leben, vor kindgerechter Freiheit und Frechheit, sich bei den Gebrüdern Grimm, beim Western, beim Hiberischen zu bedienen, wie sprüht dieser Film doch vor Spaß, diese animierten Figuren waghalsige Wettrennen mit Kutschen und Pferden liefern zu lassen, Western Saloon Atmosphäre zu zaubern, spanischen Tanz und Rhyhtmus in die Knochen fahren zu lassen. Wie sprüht dieser Film vor Freude, die Geschichte des gestiefelten Katers zu erzählen mit wohlgesetzten Pointen und Gags, so kann auch mal mit einer Degenspitze eine Hose ihres Sitzes beraubt werden. Wie sprüht dieser Film vor Tempo und Action und Witz und dosiert doch alles so, dass man es mitkriegt und nicht von einem Übermaß an Griff in die Computeranimationskiste überrollt wird.

Die Geschichte immer im Vordergrund. Der Kater mit den Stiefeln, die ihm alleweil wieder abhanden kommen, begibt sich auf Rachefeldzug, denn eine Freundschaft aus dem Waisenhaus, die mit dem eikugeligen Humapty Dumpty, die ist, so meint er, zerbrochen und das muss mit den Mitteln der Männlichkeit, des Mutes, des Western und auch der Mantel- und Degenkomödie furchtlos angegangen werden. Und dann ist da noch Kitty Samtpfote in der Zorro-Maske. Die drei finden zusammen und versuchen die Gans zu steheln, die goldene Eier legt.

Die gute Kinostimmung, die sehr an den Spaß früherer Disney-Animationen erinnert, wird zusätzlich angeheizt mit Rhythem aus Western und Tango und weiterer spanischer Tanzmusik. Das Ganze ist in nicht weiter gewöhnungsbedürftigem 3D – die Animierer lernen. Auch wenn die Brille nach wie vor lästig ist und es wirklich interessant wäre, den Film in 2D zu sehen, ob da auch nur ein Deut des Vergnügens weniger wäre, oder ob es sogar noch größer würde.

Jedenfalls fährt einen dieser Film mit einer Rasanz durch den Kopf, dass man sich gar nicht allzu sehr bei der deutschen Synchronisation aufhalten sollte, wobei die vielleicht auch Geschmackssache ist. Bei der Katerstimme von Benno Fürmann, da ist schon viel Schönes dran, auch dieser Akzent, aber ob das die optimale Lösung ist, er ist mir zu eindimensional, die Schlauheit der Figur, der Schalk, das Schelmische wird der Künstlichkeit eines ausländischen Akzentes geopfert.

Und die Eierstimme für Humpty Dumpty von Elton, die hört sich sehr ungeschält an, auch wenn das Ei mal kurz mit Wolkenbart und Schnauz auftaucht. Vielleicht wäre da eine Stimme, die eher einen Kontrast bietet zu einem gepellten Ei witziger gewesen.

Die haben sich bestimmt Mühe gegeben bei der Vertonung, aber meiner Meinung nach ist, was die Charakterisierung der Figuren und die Beherrschung des Spiels mit der Sprache anlangt, deutlich Spielraum übrig, sowohl im Aufwand, was die Suche nach den  Stimmen betrifft als auch im Aufwand, den Charakteren das Optimum an Stimme zu verleihen. Man darf nicht vergessen, dass Kinder den Film, sobald er auf DVD erhältlich ist, bestimmt wieder und wieder anschauen werden; er mithin auf die Sprachbildung Einfluss nimmt.

Aber Bild und Buch sind in diesem Film so stark, so voller Tempo und Abenteuer, dass ohngeachtet der Sprache bestimmt viel gelacht und aufgejuchzt werden wird in den Kinos, die das Glück haben, diesen Film zeigen zu können.