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Arschkalt

Eine weitere dieser schwachbrüstigen deutschen Komödien, die vermutlich der Fernsehdenke voll Genüge tun, die aber im Kino nichts zu suchen haben. Insofern muss ein Film mit dem Titel ARSCHKALT den Kommentar „am Arsch vorbei“ aushalten können. (Mit Fernsehdenke meine ich: um eine Idee herum eine Story konstruieren ohne Analyse des Grundkonfliktes der Hauptfigur und Einsatz dieses Konfliktes zur Erzeugung dramatischer Spannung, und zwar unabhängig vom Genre).
Hinzu kommt bei André Erkau, dass er vermutlich geglaubt hat, wenn er Sprüche sammelt, googelt oder recherchiert und diese auf die verschiedenen Figuren verteilt, dass er dann schon eine Komödie vor sich habe. Es gibt der Sprüche viele; viele, aber nicht mal alle, haben mit Kälte, aber keiner mit Arscheskälte zu tun.
„Ich denke im Leben ist alles ein Frage der richtigen Temperatur“
„Dass nicht die Kälte des Eiswürfels in den Wodka übergeht, sondern die Wärme des Wodkas in den Eiswürfel. – Das ist romantisch. – Nein, das ist Physik.“
„Sein Vater hat Malaria Endstadium, Blutspucken, Eiterbeulen, das volle Programm.“
„Junge, wir hätten mehr Segeln sollen.“
„Ich zieh Sie vors Gericht (Kunde) – Vors Fischgericht?“ (Ausfahrer).
„Brot ist wie das Leben, früher oder später wird es hart.“ (zu googeln bei Rackls Backstuben).
„Es gibt Dinge, die kann man nicht einfrieren. Was sagt uns das? Ist aber auch egal.“
„Sind wird Profis oder sind wir Profis?“
„Für ein Happy End brauchts eben ein bisschen Geduld.“

Die Idee als solche wäre nicht schlecht. Ein einsamer, kalter Mensch, missratener Sohn eines erfolgreichen Fischstäbchenfabrikanten dazu, hat die Fabrik des Vaters längst ruiniert. Jetzt muss er Fischstäbchen ausfahren und an den Haustüren verkaufen. Als Anzulernenden bekommt er einen jungen Schwätzer beigesellt. Dieser soll den Eingefrorenen wieder zur Menschlichkeit auftauen (das ist die Idee des Autors). Das ist human gedacht. Das könnte eine schöne Geschichte werden. Nur ist zwischen Denken und Umsetzen gelegentlich ein langer Weg, den man ackern müsste, und wenn das Anspruchsdenken ans Kino sich darin erschöpft, Sprüche zu sammeln und mit lockerer Hand auf die Figuren verteilen, so kann das Resultat recht unergiebig werden. Wie hier.

Es fängt schon mit der Darstellung von Herbert Knaup als Rainer Berg an, dem missratenen Fabrikantensohn. Behauptet wird, er sei eiskalt. Aber er spielt den Typen cholerisch. Das ist zwar lustig, ergibt aber wenig Sinn. Ein Choleriker muss nicht aufgetaut werden.

Dieser Rainer Berg meint, manchmal wünsche er sich, er wäre ein Fischstäbchen. Er fährt dann fort über Temperaturen und die Zeit im Allgemeinen und die Haltbarkeit von Fischstäbchen im Besondern zu philosophieren. Leider setzt dies keine Filmkomödie in Gang. Solche Sätze erscheinen, wenn sie nicht an einen dramaturgisch etablierten Konflikt der Hauptperson angeheftet werden, selber wie Fischstäbchen ohne Teller in der freien Luft und ohne Beilagen und ohne Mayo oder Ketchup.

Die Gesichter waren dick geschminkt, aber weder dies noch der Dreitagesbart von Herbert Knaup können gegen die gefühlten Minustemperaturen dieser deutschen Komödie, die sich noch den Gefrierpunkt zum Thema macht, ankommen.

Der Vater von Rainer Berg, der mit seinen Fischstäbchen 45 Jahre lang die Nummer Eins war, verbringt seinen Lebensabend in einem luxuriösen Altenheim. Der Sohn gibt vor, er betreibe die Fabrik weiter und sei erfolgreich. Dabei hat er den Betrieb und damit den Erfolg des Vaters längst an die Wand gefahren. Der Alte scheint von all dem nichts mitgekriegt zu haben, wünscht sich, seinen anstehenden Geburtstag in der prima laufenden Fabrik zu feiern.

Dass der Alte, dessen Lebenswerk die Fabrik war, von deren Zusammenbruch rein gar nicht mitgekriegt haben soll, auch dass ihm offenbar entgangen ist, dass sein Sohn mit der Leitung eines solchen Betriebes vollkommen überfordert ist, erscheint mehr als unglaubwürdig. Das müsste, da es gegen jede Lebenserfahrung spricht, im Film wenigstens plausibel begründet werden. So aber ist der ganze Gag mit der fingierten Wiederinbetriebnahme der verrotteten Fabrik eine ziemlich schwerfällige Gagmaschinerie, vollkommen witzlos, da es keinen Grund dafür gibt. Witz um des Witzes willen, wenn er denn wenigstens zum Lachen wäre, dann hätte er immerhin eine Rechtfertigung durch seine originelle Qualität. Hat er aber nicht.

Es verwundert doch, dass einem Herbert Knaup das nicht aufgefallen sein soll bei der Lektüre des Drehbuches. Denn damit agiert auch er auf einem Boden, der nicht trägt.

Also schon mal zwei fundamentale Fehler in der Konstruktion, die das Komödiengefährt daherrumpeln lassen wie ein Auto mit einem platten Reifen.

Statt sich jedoch um die grundlegenden Dinge zu kümmern, nämlich um die Glaubwürdigkeit und damit Stabilität der Komödie, findet es die Regie viel lustiger, bei jeder Fahrt auf das Altenheim zu, die an verschiedenen Tagen statt finden, deutlich zu machen, dass immer dieselbe Gymnastikgruppe auf der Wiese davor die gleichen Übungen macht, als sei nicht eine Sekunde verflossen dazwischen. Ist vermutlich als zusätzliche Illustrierung der Fittness der Alten in diesem Heim gedacht. Alte, die turnen, das ist eine Lustigkeit per se – das glaubt vielleicht der Fernsehredakteur. Drum muss das mehrmals gezeigt werden.

Das Kühlkettenkonstrukt der Firma, in der Rainer Berg arbeitet, bietet Anlass für eine Reihe mehr oder weniger humorergiebiger Verkaufsszenen vor Wohnungen und Häusern, so wie Lieschen Müller sie sich in einem Scriptwriting-Workshop für Jedermann wohl ausdenken würde und der Kursleiter würde schier einen Orgasmus kriegen, wenn Lieschen ihr Script abgibt, so wie vielleicht hier der Filmförderer.

Dann kommt noch ein Geldproblem dazu. Und ein Unterbruch in der Kühlkette führt zu internen Problemen. Das Thema Kühlkette ist vielleicht dramaturgisch etwas plausibler aufbereitet, würde den Anspruch an einen Schulungsfilm eines Fischstäbchenfabrikanten sicher erfüllen, aber das Hauptthema, wenn es denn eines gibt, scheint mir doch die Vater-Sohn-Geschichte. Aber leider wurde diese dramaturgisch, hm, ja, verkackt.

Es gibt Szenen mit einer ganz langsamen Schwebefähre über einen Kanal, so wie sie wunderbar in den „Demoiselles de Rochefort“ zu sehen ist; bei dem Gedanken an Jacques Demy will einem hier schier das Blut gerinnen oder man kriegt Magenkrämpfe angesichts dieser Gefrierkomödie.

Erklärungsversuch, wie es möglich wird, dass solch ein unausgegorener Film überhaupt gemacht, mit öffentlichen Geldern gefördert wird und in die Kinos kommen soll. Vielleicht geht in den Machern und Ermöglichern von solch „netten“, vielleicht gerade mal fernsehnetten „Filmen“ psychologisch folgendes vor sich: die Deutschen können keine Komödie, eine häufig zu hörende Behauptung, und weil sie sie nicht können, können wir sie sowieso nicht und also müssen wir sie so machen, dass wir uns beweisen, dass wir sie nicht können.

Brautalarm

Warum mir der Film so gefallen hat? Vielleicht weil das Hochzeitsthema mehr ein vordergründiger Aufhänger denn Thema selbst ist. Bei „Fremd Fischen“ beispielsweise, einer typischen Boulevard-Hochzeitskomödie, da geht’s simpel darum, kriegt die Braut am Schluss den Richtigen. Das ist in etwa so spannend, aber auch nicht weniger, wie beim Dart oder beim Golf, trifft der Pfeil in die Mitte, trifft der Ball ins Loch, kommen zwei Dinge, die zusammen gehören auch zusammen oder wie beim Rangieren mit einem Eisenbahnzug, kann der Wagen oder die Lok angehängt werden oder gibt es davor noch eine Menge Komplikationen zu bewältigen. Das bleibt also alles meist beim Oberflächlich-Funktionalen.

Hier fängt es mit einer gezielten Oberflächlichkeit an. Annie, Kristen Wiig, die auch am Drehbuch beteiligt ist, ist in sportlichen Sexübungen mit einem Macker zugange, Stellung um Stellung wird abgearbeitet und am Morgen schmeißt er sie zeitig und ziemlich cool raus. Dabei sind die beiden Figuren einsam geblieben. Null Erotik. Null Zärtlichkeit. Sex als Leistungssport. Damit ist bereits das Thema umrissen, das in diesem Film interessiert, nicht ob die Hochzeit von Annies bester Freundin Lilian, sie kennen sich schon von Kindsbeinen an, gelingt oder ob noch etwas dazwischen kommt, ist das Thema. Hier geht es um menschliche Einsamkeit und den Umgang des Menschen damit, was bisweilen zu abgrundtief komischen Situationen führen kann. Mit solchen ist dieser Film gut gesegnet.

Schon vor der Hochzeit passiert etwas völlig Unerwartetes. Zwischen zweien der Brautjungfern, denn zwischen die Busenfreundschaft von Annie und Lilian drängt sich mit Macht die auch extrem einsame Helen, die aus superreichem Hause kommt (damit für filmisch ergiebige Sujets sorgen wird). Sie ist eine neuere Freundin von Lilian, nimmt diese aber voll in Beschlag wie ein Eigentum, überrumpelt sie förmlich und treibt damit einen Keil zwischen die alte und scheinbar unverbrüchliche Herzensfreundschaft von Annie und Lilian.

Der Streit um die Freundin – und damit der Streit gegen die Einsamkeit der beiden Damen – nimmt schon bei der ersten Begegnung herrlich absurde Züge an. Es ist das Willkommenstreffen aller Brautjungfern. Erst sagt Annie was ins Mikro. Dann Helen. Oder umgekehrt. Und immer wenn die eine das Mikro abgegeben hat, nimmts die andre nochmal in die Hand, um noch eins drauf zu setzen. Incredible, wozu sich einsame Menschen, die um den Verlust ihres vertrautesten Menschen bangen, hinreißen lassen! Eine kleine buhlende Rhethorikschlacht, todtraurig und saukomisch zugleich.

Helen hat Annie gegenüber gleich einen arroganten Ton drauf und macht sie klein wo und wann immer das geht. Brutale Überfahrkiste. Das setzt sich fort bei der Auswahl fürs Brautkleid. Dann wollen die Brautjungfern eine Art Junggesellinenabschied feiern und sie fliegen dem Wunsch von Helen gemäss nach Las Vegas.

Es gibt über Annie sehr viel zu erfahren in diesem Film. Wie sie mit ihrer Schwester, die nur ein Touristenvisum hat und nicht arbeiten darf und ihrem eierköpfigen Bruder zusammenwohnt. Wie sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen will. Wie ihre kleine Cup-Bakery pleite gemacht hat. Wie einsam sie ist und wie sehnsüchtig nach Liebe. Die Geschichte mit dem Polizisten Rhodes, den sie kennenlernt, wie sie in Schlangenlinien wie von der Helen-Tarantel gestochen durch die Nacht fährt. Der Polizist hält sie aber an wegen defekter Rücklichter. Später kommt es zu einer sehr grotesken Szene, wie sie ihn nach der ersten Nacht bei ihm einfach verlassen hat und ihm contre coeur, auch das eine Folge der Einsamkeit, einen Korb gegeben hat. Wie sie ihn zurückhaben möchte. Wie sie ihm dann endlich Kuchen gebacken und vor die Tür gelegt hat. Wie er nach der Nacht mit ihr Backzeug besorgt hatte er, damit sie wieder bäckt, welch Liebesbeweis, denn er kannte noch die Kuchen von ihrem Laden. Wie dann Annie, wie Lilian vor der Hochzeit plötzlich verschwunden ist, wie verrückt immer an seinem Streifenwagen vorbei fährt, das ganze Register möglicher Verkehrsverstösse begehend, nur um auf sich aufmerksam zu machen, denn er sollte ihr helfen, Lilian zu finden. Und wie als Tüpfelchen auf dem i ihre Erzrivalin Helen von der selben Angst um den Verlust von Lilian getrieben die ganze Chose auf dem Beifahrersitz auch noch mitmacht – das dürfte an Tragikomik nicht so schnell überboten werden.

Zurück zum Flug der Brautjungern nach Vegas. Annie, bockig wie einsam, weigert sich, sich von Helen die erste Klasse bezahlen zu lasssen und fliegt economy, führt sich dann auf im Flugzeug, auf allen Knigge-Codes des Benimms herumtrampelnd. Herrlich.

Urkomisch auch die Szene mit dem Anprobieren der Brautjungfernkleider, wie sie alle das Kotzen und den Durchfall kriegen.

Annie benimmt sich einfach immer mehr daneben. Am Vorabend der Hochzeit bei der Beschenkung: sie schenkt ihrer alten Freundin Erinnerungsstücke und Lilian sagt ganz gerührt, sie sei die beste Freundin; dann kommt ein Umschlag von Helen mit einer Einladung zu einem Flug nach Paris, um das Hochzeitskleid anzuprobieren; da umarmt Lilian Helen und spricht auch von bester Freundin, obowhl die sich erst seit acht Moanten kennen (später wird Helen dann Lilian ihre Einsamkeit gestehen, dass sie immer alles nur mit Geld machen wollte, sich immer alles kaufen wollte und dass sie sowieso nur sehr einsam zuhause hockt und eben total allein ist); da rastet Annie aus; es kommt zu einem Riesengeschrei und die beiden Frauen schenken sich nichts – wie in der Dreigroschenoper das Eifersuchtsduett.

Annie arbeitet übrigens bei einem Juwelier und lässt an den Kunden ihren ganzen Beziehungs- und Einsamkeitsfrust aus, wenn diese von ewiger Liebe reden. Das ergibt Szenen gegen jeden Verkäuferinnenanstand und das kostet sie den Job. Ihre Geschwister werfen sie darauf hin aus der gemeinsamen Wohnung, die Ärmste kehrt wieder zur Mama zurück, gebeutelt vom Schicksal.

Eine weitere Brautjungfer ist Magen, die korpulente. Sie sitzt im Flugzeug neben einem Macho, den sie für einen typischen Airmarshal hält, den sie ständig darauf anquatscht und der es stets abstreitet, bis dann der Ernstfall eintritt, wenn Annie behauptet, sie sehe auf dem Flügel eine Frau aus der Kolonialzeit. So kommt das ganze Flugzeug in Aufruhr. Der Marshall muss sich outen. Damit kommt eine köstliche Liebesgeschichte in Gang.

Die Einsamkeit einer der weiteren Brautjungfrauen wird übrigens dadruch illustriert, dass sie jede Menge Stiefkinder hat, sie selbst ist blond, und sie regt sich maßlos über die pubertierenden Jungs auf, deren Bettlacken voll mit Sperma seien, so voll, dass sie fest wie Bretter seien.

Ein Dialogstück von Lilian zu Annie: „Du hast es geschafft, jede einzelne Veranstaltung vor meiner Hochzeit zu ruinieren“, nun, des einen Ruin ist des Publikums Freud.

Belgrad Radio Taxi

Zum Vorspann fallen Tropfen auf eine Wasseroberfläche, der Mensch als Tropfen – symbolisch.
Die deutsche Synchronisation ist leider eine routinierte und bei den weiblichen Stimmen gerne s-fehlerhaft.

Ineinander verknüpfte Geschichten aus Belgrad. Ausgehend von einem Taxifahrer, also genau genommen von der Stimme von Belgrad Radio Taxi, von der man als erstes erfährt, dass dieses Radio nur noch beschränkt auf Sendung gehen werde und dann aufhöre. Der schöne Zirkelschluss zu dieser Ansage: ganz am Schluss fährt der Sprecher eben dieser Sendung selber Taxi und ein Fahrgast, weiblich, hat die Sendung sehr geschätzt.

Der Blick auf die Brücke zwischen Neu-Belgrad und der Altstadt und die Radioansagen dazu sind Bindemittel zwischen den einzelnen Geschichten, die alle Figuren aus dem heutigen Belgrad portraitieren und die, so will es diese Art von Konstrukt, miteinander in Verbindung geraten.

Der Krieg ist in den Köpfen immer noch präsent. Das zeigt sich im Hang zur Selbstbewaffnung, in Form von Friedhofsbesuchen oder Erinnerungen an Verstorbene oder in den ständigen giftigen Bemerkungen des Hausbesitzers im Innenhof, wo unser Taxifahrer Gavrilo wohnt, der nie Kinder haben möchte, weil er kein Sadist sei und keinem ein Leben, wie er es kennen gelernt habe, gönnen möchte, also eine kriegsbedingt pessimistische Weltsicht.

An Gavrilo bleibt prompt ein Kind hängen. Damit fängt die eigentliche Spielhandlung an. Eine Frau mit Kind auf dem Arm steht an einer Kreuzung. Er nimmt sie mit. Mitten im Stau auf der Belgrad Brücke steigt sie aus, steigt aufs Geländer, weg ist sie und Gavrilo bleibt mit dem Kind auf dem Rücksitz in seiner Taxe zurück. In einem Auto in unmittelbarer Nachbarschaft sitzt ein streitendes Paar, die Frau ist Anica Dobra, sie verlässt das Auto, sie will von ihrem Macker nichts mehr wissen.

Gavrilo hat nun dieses Kind. Aus einem intuitiven Grund mag er nicht zur Polizei gehen. Aber er meldet, dass er als unbeteiligter Zeuge die Frau hat springen sehen und erkundigt sich nach ihr. Sie ist geborgen worden, sie lebt. Sie hatte die Nase gebrochen und liegt im Koma. Um aber das Mädchen wieder loszuwerden, will Gavrilo dass die Mutter wieder ins Leben zurückkommt. Erst geht er mit dem Kind zu seiner Vertrauten, einer guten Bekannten, einer Nutte, die sich ein bisschen kümmert. Dann in seinen Hinterhof mit dem zynischen, rassistischen Hausbesitzer, der wie er das Kind entdeckt sich schon mal mit der Axt dem Mieterfenster nähert, worauf Gavrilo seine Pistole schnell in Griffbereitschaft hat. Wie denn Pistolen auch so noch allerorten auftauchen, so kurz, so selbstverständlich, Rückbleibsel aus einem furchtbaren Krieg, der Folge des Zusammenbruchs Jugoslawiens nach Tito. Von dem übrigens auch immer noch geredet wird und von seinem Geburtstag. Der ist noch präsent, weil die Zeit auch ihr Gutes hatte.

Bei der Polizei begegnet Gavrilo nach seiner Aussage Anica, die auch aussagen will und er bittet sie, doch nicht zu erwähnen, dass die Frau aus seiner Taxe gestiegen sei, weil er dann seine Zulassung verlieren könne, weil er ja anders ausgesagt hatte.

Die Besuche bei der Mutter des Kindes werden fortgesetzt, auch mit Nutte und Kind und die Therapie wirkt. Allmählich fängt die Mutter wieder an, die Augen zu bewegen und einmal wird Gavrilo vom Arzt gefragt, welche Blutgruppe er habe und ob er nicht Blut spenden könne. Er zögert.

Der Regisseur schneidet auf eine Szene in einer Bar. Die Adresse dieser Bar fand Gavrilo auf einer Serviette, die die Frau in seiner Taxe hat liegen lassen. In der Bar erkundigt er sich nach ihr. Hier reißt er sich das Pflaster von der Blutabnahme ab, ob er das hier entsorgen könne.

Eine andere Geschichte ist die von der Lehrerin, in die der adoptierte Sohn Marco eines Mannes verliebt ist, der ihr Kind überfahren hat. Es ist ein bleicher grüner Junge. Er repariert ihr das Auto und fährt es ihr vor die Schule, denn es war kaputt und sie fragt ihn, ob er das Auto aufgebrochen habe, worauf er antwortet, es sei schließlich ein Jugo, diesen Wagen könne man mit einem Hausschlüssel öffnen. Er hat aber den Zünder oder was auch immer repariert. Die Lehrerin ist ihm gegenüber in einem furchtbaren Konflikt. Hier ihr Sohn, der vor vier Jahren vom Vater von Marco überfahren worden ist, man sieht dann auch das Kinderzimmer und wie sie die Spielsachen zusammenpackt und einer anderen Frau gibt, andererseits ist sie nicht unanfällig gegen die Liebe, die der Junge ihr gegenüber behauptet.

Keiner in diesem Film ist unempfindlich gegen die Liebe, den Zyniker im Hinterhof vielleicht mal ausgenommen.

Die rothaarige Apothekerin, Biljana, stellt am Grab ihres verstorbenen Dunscha eine brennende Cigarette auf. Dabei wird sie von Dunschas Bruder Stefan, einem Popen, beobachtet. Stefan ist aber mit einer anderen Frau zusammen, die schon schwanger ist. Biljana scheint das wenig zu interessieren. Sie ist entflammt für Stefan.

Die Mutter mit Kind, Jasmina Hadschidsch heisst sie, wohnt jetzt bei Gavrilo und wie er schlafen gehen will auf dem Sofa, sagt sie, er solle sich doch zu ihr legen, dann liegen sie eng aneinandergeschmiegt beieinander, schönes Bild, Geborgenheit. Nur die Menschen in Jugoslawien sind halt sehr kaputt. Anderntags gehen sie in die Kneipe, wo Gavrilo die Adresse der Frau ausfindig gemacht hat. In der Stadt treffen sie auf einen Mottorradfreak. Er ist der Vater des Kindes. Kaum sieht sie ihn, hockt sie schon hinten auf seinem Motorrad und braust mit ihm davon. Gavrilo bleibt mit dem Kind zurück.

Das Problem beim Versuch, solche ineinander geschnittenen Geschichten zu erinnern, ist, dass man leicht durcheinander kommt. Sowohl in der Reihenfolge, also auch in den Inhalten, und was nun genau wann und wo passiert ist und wer nun genau mit wem was gemacht hat.

Ein weiteres Problem mit solchen ineinander geschnittenen Geschichten scheint mir auch die Gefahr, dass sich die Geschichten dann dem Arrangement anzupassen zu haben und nicht allein ihrer inneren Dynamik folgen, so verlieren sie für mich gelegentlich einen Hauch an Glaubwürdigkeit, weil das dann dem System geschuldet ist, dass zum Beispiel der Taxifahrer am Schluss selber auf der Brücke steht am Geländer und offensichtlich drüber nachdenkt, sich hinunterzustürzen, denn schliesslich ist er wieder allein; er tut es dann doch nicht, wie er aber zum Auto zurückgeht und verkehrsseitig die Tür aufmachen will, da wird er von einem herannahenden Auto erwischt. Das ist doch sehr künstlich herbeigeführter Schluss, der mir zu aufdringlich letztlich von den doch spannenden Geschichten ablenkt, der mir vorkommt wie eine Eitelkeit des Erzählers, die er glaubt, seinem System zu schulden.

Dabei hätte Srdan Koljevic das gar nicht nötig, er ist ein erfahrener Drehbuchschreiber, das ist nur der erste Film, bei dem er auch Regie führt, seine Figuren und Szenen haben Hand und Fuss, wenn man die Struktur einer Erzählung mit einem Tisch als einer Arbeit eines Schreiners vergleichen wollte, so könnte man sagen, die Figuren und Szenen sind im Lot, sie sind stabil, sie wackeln nicht, man kann sich dran setzen, sie sind glaubwürdig, dadurch auch gut spielbar, die Charaktere sind erkennbar, sie haben eine Geschichte, die mehr oder minder unverhohlen in ihr Leben reinspielt, dieses bestimmt. Es sind immer konkrete Handlungabläufe und Sachzwänge, die den Fortlauf der Geschichten bestimmen, die Figuren sind somit sehr gut geerdet und haben sonderbarerweise gerade dadurch auch genügend Momente, ihre Gefühle zu zeigen, ohne dass dadurch extra erklärende Szenen und Texte erfunden werden müssen.

Zum Beispiel bringt die Drohung des Spitals, die aufgewachte Komapatientin solle in die Psychiatrie verlegt werden, einen wichtigen Handlungsimpuls, denn wer weiss (das wird jetzt nicht erzählt, das muss sich der Zuschauer schon selber ausdenken) wo erstens die Psychiatrie ist, zweitens, ob die Patientin da je wieder rauszuholen ist und führt also zu einer sehr schnell organisierten und improvisierten Patientenentführung. Gavrilo muss also in der Apotheke, in der Biljana arbeitet und in der er schon die Durchfalltabletten für das Kind besorgt hatte, schnell einen Arztkittel und sanitäre grüne Hauben besorgen, kurz die Ausrüstung, um den Doktor zu spielen und der Patientin das Aussehen eines reguläre zu verschiebenden Patienten geben, das gibt ihm auch die Gelegenheit zu erwähnen, dasss er auch nicht auf den Kopf gefallen sei, nachdem er die Patientin vorbereitet hat, geht er ganz schnell in ein Nachbarzimmer, zieht einen Stecker raus (das passiert geschickter weise im Off) man sieht ihn nur zurückkommen, es piepst wie wahnsinnig in besagtem Zimmer und während er in aller Seelenruhe die Patientin auf einen Rollstuhl setzt und rausfährt, rennt das Personal, das sieht man durch eine Scheibe, in das Zimmer nebenan, gelungenes Ablenkungsmanöver, eine Szene, die viel erzählt über Gavrilo, und die den Zuschauer lustvoll mitgehen lässt. Das Ziel der ganzen Aktion ist letztlich, das Kind wieder loszuwerden.

Die Begleitmusik ist übrigens besinnlich leicht würde ich sagen, es dominieren die gezupften Streichinstrumente, die gelegentlich auch von einem Klavier oder einem Blasinsturment diskret begleitet werden.

Die Einladung der Apothekerin an Stefan geschieht mittels einer rein sachlichen Information, dass die Apotheke rund um die Uhr geöffnet habe und dass sie lieber nachts arbeite. Auch hier kann wunderbar in Sach- und Geschäftszwängen eingebettet der Hinweis auf ein Rendez-vous stattfinden, statt irgend ein gestottertes Getue, ob man sich wieder sehen könne oder die Telefonnummern tausche.
Wie Stefan nachts in der Apotheke auftauchtt, lässt die Apothekerin was fallen, schilt sich selbst einen Tolpatsch und schön küsst sie Stefan, kurz, heftig, hinter der Apothekenladentheke. Das sind grossartige Szenen, die wie impulsiv passieren.

Später wird Gavrilo seine Pistole verkaufen, notgedrungenermaßen, denn für das Baby müssen Dinge angeschafft werden. Diese Pistole ist also ein Kristallisationskern für einen ganzen Handlungsstrang um den Kauf eines Kinderwagens, später eines Kindersitzes, wie der Motorradtyp mit der Mutter abgehauen ist); beim zweiten Mal im Kinderladen (übrigens hat sich beim ersten Mal die Mutter total desinteressiert gezeigt, was für einen Kinderwagen Gaavrilo kaufen werde), und bei der Anschaffung des Kindersitzes kommt es auch zu einer merkwürdigen Anmachsszene zwischen der Verkäuferin, einer sehr aufgemotzten jungen Dame und Gavrilo. Er verkauft also die Pistole, der Deal geht in einem kleinen Lokal vor sich und die Pistole bleibt nicht lange beim ersten Käufer, schon im nächsten Moment kommt Wuk, der Motorradfahrer in der schwarzen Lederjacke und ersteht sie. Damit wird er in einer Art Countdown-Szene Gavrilo bedrohen. Das war etwas sehr absehbar.

Immerhin hat dieser Verkauf, und dass andere ihn mitgekriegt haben auch die Gelegenheit zu Bemerkungen gegeben, aus denen hervorgeht, wie wichtig, wie ans Herz gewachsen einem heutigen jugoslawischen Taxifahrer seine Pistole ist, einmal hat er das ja auch begründet, dass er die zu seiner Sicherheit brauche; aber die Kommentare zum Verkauf, die lassen auf ein viel tieferes Verhältnis schliessen.

Der Film zeigt lauter Menschen mit Narben, dazu ist der Satz zu hören: „Ein Mensch ohne Narben hat nie gelebt.“

Ein Sommersandtraum

Leise rieselt der Sand. Der Sand in der Uhr ist der Sand der Zeit. Die Sanduhr. Die Unaufhaltsamkeit der Zeit. Hier geht es nicht um eine Sanduhr. Hier geht es um den Sandmann, so der Schweizer Originaltitel. Also nicht um das beruhigende Sandmännchen, hier geht es um einen ausgewachsenen Sandmann. Der verliert Sand. Das ist das Unheimliche, das Rätselhafte an der Sache.

Man stelle sich vor, man steht neben einem Menschen, und ganz langsam bildet sich zu seinen Füssen ein Sandhäufchen, ein stetig wachsendes Sandhäufchen wie im unteren Teil einer Sanduhr. Die Zeit. Der Tod. Die Unausweichlichkeit. Überall Sand. Das ist besonders lästig, ja geschäftsschädigend, wenn in einem Briefmarkenladen plötzlich überall Sand ist. Das kann den Inhaber zur Weißglut treiben. Und den Angestellten den Job kosten.

In diesem Film dürfte die Eigenschaft des Sandmanns, er heißt Benno, weniger die Nähe zu Tod oder Vergänglichkeit sondern eher die zur Hochstapelei sein. Er ist ein einfacher Angstellter besagten Briefmarkenladens, der sich selbst aber als Dirigent eines grossen klassischen Orchesters mit triumphalen Erfolgen sieht. Auch seinem Arbeitgeber gegenüber wird die Loyalität schnell löchrig, wenn ihm eine wertvolle Rarität von Briefmarke, die Grüne Constantin 9 (Anlass für zahlenmystische Überlegungen) in die Hände gerät.

Benno ist kein Sympath, versucht gar nicht erst Sympathien zu gewinnen, er ist skrupellos und mit einer etwas farblosen Blondine zusammen, mit Patrizia. Im Grunde genommen aber gefällt ihm Sandra, Frölein Da Capo, eine Sängerin. Sie ist rundlich und braunhaarig. Warum er nun ausgerechnet für sie gemacht ist und nicht für die andere, das wird allerdings nicht so recht ersichtlich. Gegen Sandra ist er nur brutal. Sie jobbt in einer Kneipe und übt für einen Gesangswettbewerb. Nachts übt sie Trompete und Singen. Dadurch kann der offenbar durch und durch verlogene Benno nicht schlafen. Sowieso benimmt er sich ihr gegenüber richtig rüpelhaft, scheißt sie uncharmant zusammen, ihr Talent reiche überhaupt nicht und sie soll es aufgeben. Er, der Kotzbrocken, der den grossen Traum vom Dirigenten träumt.

Benno beginnt eines Tages Sand zu verlieren und er wird immer dünner. Immer wenn er lügt, verliert er Sand. Das heißt: meistens. Aber auch wenn er versucht, die Wahrheit zu sagen, kommt das nicht gut. Er hinterlässt eine immer auffälligere, dicke Sandspur, bis schließlich sein Zimmer mit einem riesigen Sandhaufen angefüllt ist, in dem er begraben liegt wie Winnie in den „glücklichen Tagen“ von Samuel Beckett.

Eine ungewöhnliche Eigenschaft des Sandes, den er verliert ist die, dass Leute, die an ihm riechen, in Ohnmacht fallen und die bizarrsten Träume haben. Benno träumt immer von einem reichen Leben in einer Mittelmeer-Luxus-Gegend, playboymässig.

Ein bisschen verheddert sich Peter Luisi, der Autorenfilmer, zwischenzeitlich dann etwas in den Träumereien und Sandverlusten von Benno, nachdem dieser aus dem Briefmarkenladen rausgeschmißen worden ist, da fehlt Benno das Rückgrat des Jobs, da wabert der Film ein bisschen unschlüssig zwischen Sand verlieren, Träumen und dann doch mit Sandra anbandeln hin und her.

Am Schluss gibt’s im Traum ein wunderschönes Konzert. Das Konzert muss die Nummer Neun von Beethoven sein, der Zahlenhinweis stammt, wie es in Träumen von Menschen, die Sand gerochen haben sein darf, aus der geklauten Grünen Constantin Nr. 9, die hinter Benno im Sandhaufen schön eingerahmt an der Wand hängt. Das sind genau die richtigen Gedankensprünge für ein skurriles Sommerstück aus der Schweiz.

Die Entscheidung der Produktion für eine rein hochdeutsche Nachsynchronisation des Filmes mag eine geschäftliche Begründung haben, nimmt damit aber einen gewissen Charme-Verlust in Kauf. Warum nicht wie bei der gelungenen DVD- und Fernsehnachsynchronisation für DIE HERBSTZEITLOSEN eine Nachsynchronisation mit einem Hauch Schweizerisch drin wagen?

Insidious

Den Inhalt sollte man hier gar nicht groß referieren. Jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit, die den Film noch anschauen will. Weil er ja erst mal auf eine falsche Fährte führt. Die Lamberts sind eben in ein neues Haus eingezogen. Überall sind noch Umzugskartons. Man ist am Einrichten. Das Haus ist etwas dunkel. Etwas unheimlich. Das versteht die Kamera hervorragend einzufangen. Man sieht, dass sie und die Regie in außerordentlich kundigen Händen liegen. Es ist eine unglaubliche Ausgewogenheit zwischen Normalität – so spielen die erstklassig geführten Schauspieler – und dem Horror, der uns ins Haus steht und wie die Bilder eben glauben machen wollen, vom Haus ausgeht.

Der Horror kommt wohldosiert und in kleinen, erst unauffälligen Häppchen daher. Steigert sich dann bis der Papa, der ein Schullehrer ist, offenbar nicht mehr gerne nach Hause zurückkehrt (das ist fast der ungemütlichste Audruck des bisherigen Horrors) und vorgibt, er habe Schularbeiten zu korrigieren oder Tests vorzubereiten, aber man sieht ihn allein im Schulzimmer vor dem Laptop sitzen, nicht sehr beschäftigt. Er hat Angst vor dem Horrorhaus, in dem plötzlich Figuren vor den Fenstern vorbeihuschen oder gar ein skelettartiger, blutroter Handabdruck auf dem Leintuch vom Buben zu finden ist.

Der Bub, der ist schon ganz krank. Der liegt plötzlich in einer Art Koma und die Ärzte finden nicht heraus, was es ist, sowas haben sie noch nie gesehen.

Also zieht man dann lieber um in ein anderes Haus, weil auch die Ehe zu kriseln beginnt. Die Phänomene hören jedoch nicht auf. Im Gegenteil, sie werden schlimmer. Das Haus ist zwar etwas heller. Aber der Phänomene werden mehr. Ein Zwerg spukt plötzlich rum im Haus. Es folgt ein Knall. Andere unheimliche Geräusche. Auch das Gespräch mit dem Pfarrer hilft nichts. Also wird Alice bestellt, eine Geistaustreiberin. Ihr voran tauchen zwei junge Männer mit weißen Hemden auf, sehr merkwürdige Erscheinungen mit Hokuspokus-Geräten ausgerüstet, mit denen sie das Haus absuchen. Wie Alice erscheint, eine Frau mit blondem strähnigem Haar, stimmig wie überhaupt die Besetzung superstimmig ist, da wird klar, wer in dieser Truppe das Sagen hat. Es ist Alice und die beiden anderen haben nur ihr nachzutippeln und aufzuschreiben, was sie bei der Begehung des Hauses sagt. Auffallend ist nun, dass am Ende statt der Notizen das wilde Gemälde eines Gespenstes zu sehen ist.

Im Ersten Teil, im ersten Haus, der knapp eine Stunde dauert, fängt es übrigens mit dem Babyyphon an. Die Mutter hört im Wohnzimmer aus dem Zimmer des Babys Männerstimmen und auch Krach und wie sie nachschauen geht, da ist nichts. Später dann nach so einem Radau liegt der größere Sohn, Dalton, der doch an Infusionen angehängt war, auf dem Boden und das ganze Zimmer ist ein Riesenchaos, das düfte einer der triftigsten Gründe für den Umzug gewesen sein.

Die Analyse von Alice ist jedenfalls, dass es sich um ein Verlassen des Astralkörpers handelt, resp. ein Spazierengehen mit selbigem und man erfährt dabei erstaunt, dass schon der Vater von Dalton das Phänomen kannte. Das Verfahren zur Identifizierung des Geistes, der sich im Körper von Dalton eingenistet haben muss, besteht darin, aufwändige Fotos zu machen, auf welchen der Geist ab und an zu erkennen ist.

Alice kündigt ihre Methoden als „a little unorthodox“ an, was auch zutrifft.
Bei ihr gibt es Geistaustreiben für 600 Dollar.
“I watch myself asleep”.

Geistaustreibsession. Hier wird’s gespensterhaft, wie klar wird, dass auch der Vater damit zu tun hat und noch später wird’s noch gruseliger, wie Alice gewürgt wird bei der Sitzung mit dem Metronom; to be outside ist der Zustand. Der Film hats gesehen und gefilmt, wie er in dem Sessel sitzt und gleichzeitig am Zimmerrand steht und sich betrachtet. Das Ziel ist, ihn wieder hinein zu kriegen. Dafür bedient sich James Wan, der Regisseur, einer ziemlichen Geisterbahnphase, die einfach hübsch gemacht ist, aber nicht allzu aufregend fürs Gemüt, man kann auch nachher sicher ruhig schlafen.

Ein Film, bei dem wohl die Freude darüber, wie schön und horrorstilsicher er gemacht ist, größer sein dürfte als der Grusel und der Kitzel durch die Effekte. Eher eine Augen-, denn eine Zitterweide.
Mit einem durchaus aparten Thema, dessen Nexus zur eigenen Erfahrungswelt aber eher dünn ist, die Anzahl der Fälle, in denen ich vom Bett aus mir zusah, wie ich mich von der Zimmerdecke herab betrachtete, halten sich in Grenzen.

Win Win

Was hier alles ins Kino kommen soll. An und für sich, für das was es ist oder sein soll, ist es geschmeidig, gekonnt gemacht. Was aber ist das, was soll es sein? Es ist eine amerikanische Geschichte vom Lande, aus New Jersey. Es ist das Lob des amerikanischen Provinzlebens in weißen Häuschen mit großzügigen Veranden in angenehmen Wohngegenden, mit einem Gericht und Sportanlagen und, ja, noch einem Supermarkt. Und dem Fernsehen. Sport ist wichtig. Hier wird gewrestlet.

Die Hauptfigur Mike Flaherty ist einer der Bewohner eines solchen Häuschens. Wie die Welt in Amerika vor der Immobilienblase noch intakt war. Die Menschen machen zwar Fehler, aber die Gesellschaft kann die auch wieder ausbügeln. Er ist Anwalt, eher dritter Klasse oder winkelig, er hat sein Büro in einem Keller, der sieht sehr feucht aus, da ist alles voller Akten von ihm und seinem Compagnon, so einem Kopf mit einem Hängemaul, unangenehmer Sportfunktionär nebenher und Coach, wie Flaherty auch, der selbst ein kleiner rundlicher Typ ist, ein beliebter Komiker in Amerika, wie jedes Land und jedes Stadttheater einen hat, Menschen an denen die Welt einigermassen abprallt und die sich zurechtzuwuseln wissen.

So ganz großartig kann das Geschäft nicht laufen. Der Spengler ist auch ständig zugange und ein Heiz- oder Wasserkessel soll ausgetauscht werden. Man hört, das ist das einzig utopistische oder absurde Moment in dem eher biederen Movie, die Röhre donnern wie aus dem Jenseits oder aus einer großen Industrieanlage.

Flaherty ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist gerade mit dem Fall eines älteren Herren befasst, der ins Heim gegeben werden soll. Flaherty aber setzt durch, dass er selbst die Aufsicht über ihn übernimmt. Das zahlt sich nämlich aus, dafür kriegt er 1500 Dollar im Monat. Aber statt den Alten in seinem Haus zu lassen und sich um ihn zu kümmern, steckt er ihn in die Altersresidenz Oak Knoll senior care. Das ist seine Sünde, die das Thema dieses Filmes ist, denn er kümmert sich einen Dreck um den Alten. Ihn interessiert nur das Geld, weil er es braucht für Haus und Frau und Kinder. Eine Sünde für einen guten Zweck.

Die Sünde bringt ihm gleich ein Geschenk. Der Enkel des Alten sitzt plötzlich bei diesem vor der Tür. Er ist abgehauen, weil auch er eine Sünde begangen hat, nämlich ein Auto geklaut und ist dann ohne Führerschein gefahren. Der Rest ist absehbar. Denn er ist ein erstklassiger Wrestler. Wird in die Anwaltsfamilie aufgenommen und bringt das Wrestling Team seiner Altergruppe nach vorn. Er ist ein auffälliger, verschlossener Blondschopf. Amerikanische Provinzidylle, sie lebe hoch, hoch, hoch. Irgendwann taucht auch die Mutter auf. Sie ist drogenabhängig. Sie kommt dahinter, was Papa Flaherty mit dem Alten organisiert hat. Da ist was zu holen.

Um zu einem Ende zu kommen: irgendwann gibt’s eine gewonnene Meisterschaft und die drogenabhängige Mutter bekommt die 1500 Dollar Aufwandsentschädigung, die Flaherty zu unrecht kassiert und der Blondschopf kann seine Schule zu Ende machen. Ende gut, alles gut. Amerikanische Provinz, die heile Welt. Es hat kein 9/11 gegeben, keine Immobilienblase, keinen Finanzcrash, keinen Irak- und keinen Afghanistankrieg, kein Guantanamo; die amerikanische Provinz ist das Glück auf Erden, mit Menschen, die ein bisschen menscheln, aber alles wieder geordnet hinkriegen. Unsere kleine Stadt. Der Film als Beruhigungspille angesichts des wahnwitzigen, unversöhnlichen Pokers, den die Republikaner in Washington zur Zeit mit Obama spielen und damit Amerika an den Rand treiben.

Huacho – Ein Tag im Leben

Ein Fake-Doku, der am Anfang durchaus glaubwürdig rüber kommt. Bedingt dürfte dies vor allem durch die Enge der Räumlichkeit des ersten Bühnenbildes sein, einer armseligen Behausung mit ständig ausfallender Elektrizität, wobei durch das Fehlen einer Außenansicht oder eines Gesamtbildes die Nachprüfbarkeit sehr beschränkt wird.

In dieser Räumlichkeit wohnt eine Familie aus Großvater, Großmutter, Tochter und Enkel. ein vielleicht 12jähriger Schuljunge. Durch die Enge bleibt die Kamera nah dran an den Leuten. So kommt auch die zweite Qualität, die die Glaubwürdigkeit erhöht, gut zur Geltung, dass der Regisseur prima mit seinen Schauspielern umgehen kann. Und so glaubwürdige Szenen inszeniert. Gerade in diesem ersten Teil ist auch die Kamera ein Zauberin wunderschönen Lichtes, der ständige gespielte Ausfall der Elektrizität gibt plausiblen Grund für Kerzenlicht oder weiches Außenlicht.

Die Struktur des Filmes, das wird rasch erkennbar, ist sehr systematisch. Eine Viertelstunde sind wir bei der Gesamtfamilie. Die einzelnen Akte werden jeweils durch einen Stromausfall voneinander abgetrennt, ganz cool einfach black, ohne Sound, dann kommen vier Akte, die sich je einem Familienmitglied widmen, in fast dardennescher Manier über die Schultern schauen. Erst die Oma, wie sie Käse macht und diesen dann am Strassenrand verkauft. Auch ungeniert lügt, dass sie die Kühe selber melkt, dabei haben wir vorher erfahren, dass sie die, und meist auch mit Wasser gestreckt, von einem Händler bezieht. Und teuer ist sie zudem, mindestens bis gegen die Abendstunden.

Als nächstes verfolgen wir die Mutter, die in der Küche einer kleinen chilenischen „Original“Attraktion, in der Art, original-chilenisches Herrschaftshaus, arbeitet und durch einen Spalt oder einen Zaun die amerikanischen und anderweitigen Touristen beobachtet. Sie ist immer in Geldnöten, versucht jeden anzupumpen, bringt dann sogar in der nächst grösseren Stadt ihr blaues Kleid zurück, damit sie die Stromrechnung bezahlen kann.

Im nächsten Akt hängt sich die Kamera an den Schulbuben. Ganz diskret bleibt sie einmal vor dem automatischen Gittertor eines Kameraden stehen, nachdem die Sesam sich geöffnet und den anderen Jungen verschluckt hat. Die haben alle Videospiele. Drum petzt unser junger Held beim Lehrer. Bei der Heimfahrt trifft er die Mutter im Bus. In der Kneipe bei ihrer Station holen sie noch den Großvater ab, der sein Tagelöhnergeld, ihn haben wir im vorletzten Akt beim Pfähle einschlagen in sengender Sonne begleitet, für Freunde und Alkohol in der Kneipe lässt.

Im letzten Akt ist die Familie dann wieder vereinigt.

Sonderbarerweise entpuppt sich der Film durch das Nacherzählen als interessanter als während des Schauens, dort störte mich irgendwann diese Aktaufteilung in Viertelstundensegmente, das sich mir nicht plausibel erschloss.

Nader und Simin – Eine Trennung

Ein Iranfilm. Im Vorspann läuft sehr mechanisch ein Kopierer, der Dokumente ablichtet. Die erste Szene spielt vorm Scheidungsrichter. Simin möchte sich von ihrem Mann Nader trennen, damit sie mit ihrer Tochter ins Ausland ziehen kann, weil diese dort eine bessere Zukunft haben soll. Nader willigt nicht in die Scheidung ein. Das führt zur räumlichen Trennung der beiden. Simin zieht bei ihren Eltern ein. Nader bleibt mit dem 11 jährigem Mädchen allein zuhause. Auch sein dementer Vater wohnt bei ihm, der intensiver Betreuung bedarf. Dafür engagiert Nader ein Hilfe.

Diese Hilfe heisst Razieh. Sie ist Mutter und schwanger dazu. Ausserdem ist sie die Frau eines Bankkunden von Nader, dem dieser eine Kreditverlängerung verweigert. Ihm ist aber im Moment der Kreditverweigerung nicht klar, dass es sich um den Mann seiner Zugeh-Frau handelt. Ob Nader weiss, dass Razieh schwanger ist, wird später im Film eine wichtige Rolle spielen. Ihr Mann ist hochverschuldet und jähzornig. Zur Hausarbeit bei Nader nimmt sie ihr kleines Töchterchen mit.

Ein iranisches Scheidungsdrama. Nader, Simin und deren Töchterchen dürften eine gut bürgerliche Familie gewesen sein. Sie wohnen in einem besseren Viertel und sie haben ein Auto. Nader arbeitet bei einer Bank. Kleine Szene am Rande. Der Vater lässt an der Tankstelle das Auto durch die Tochter betanken. Die Tochter gibt dem Tankstellenmitarbeiter ein Trinkgeld. Der Vater fordert die Tochter auf, das Trinkgeld zurückzuverlangen, denn sie habe ja selbst getankt. Ein peinliche Situation für die Tochter

Das Drama nimmt seinen Lauf. Schon am ersten Arbeitstag von Razieh bei Nader haut dessen Vater ab. Razieh sucht ihn vorm Haus, sie entdeckt ihn auf der Strasse mitten im pulsierenden Verkehr. Sie will zu ihm hin. Hier wird die Szene geschnitten. Erst später erfahren wir, dass sie in diesem Moment von einem Auto angefahren worden ist und dass sie nachts Schmerzen hatte.

Anderntags sucht sie während der Arbeit einen Arzt auf, davor bindet sie den Alten am Bett fest, damit er nicht abhaut. Während sie außer Haus ist, kehrt Nader zurück, findet den Vater, der aus dem Bett gefallen ist, aber noch lebt. Heftige Szene mit Razieh, Rausschmiss und der Vorwurf, sie habe auch Geld entnommen. Damit sie nicht wieder rein kann, schubst er sie. Kurz darauf gibt’s Lärm im Treppenhaus, sie scheint runtergefallen zu sein. Auch diese Szene wird später nachgestellt.

Razieh verliert ihr Kind. Nader wird dafür verantwortlich gemacht. Nader weist diese Verantwortung von sich. Das ergibt Anlass, einen Blick ins iranische Gerichtswesen zu werfen.

Beinah wäre uns das Drama erspart geblieben, Razieh wollte den Job bald schon aufgeben, weil der Alte nämlich in die Hose gemacht hatte und das war doch sehr genant für eine iranische Frau, einem dementen Alten die Intimteile sauber zu machen. Statt ihrer sollte ihr Mann den Job übernehmen. Aber der war ja der Kunde von Nader mit der Kreditverweigerung und sowieso nicht geeignet. So kommt Razieh doch wieder, denn sie braucht dringend Geld.

In vielen Gerichts-Szenen wird nun der Versuch unternommen, zu eruieren, wie die Sache abgelaufen sei, der eine lügt, die andere lügt, wie das so ist im Leben allerorten, denn die Wahrheit könnte gravierende Folgen haben, sogar das kleine Töchterchen von Nader wird vom eigenen Vater zur Lüge angehalten, mit der Begründung, sie wolle ihren Vater bestimmt nicht ein bis drei Jahre im Knast sehen.

Am Schluss gibt es eine grosse Verhandlung in einer Stube mit Weisen, bei der es darum geht, dass der Schuldige den Opfern eine größere Summe bezahlt, falls er also die Schecks ausfüllt, dann würden die anderen die Anklage fallen lassen. Inzwischen hat aber Simin erfahren, dass alles eben war wie es war und nicht wie behauptet wurde und so verlangt denn Nader noch eine Aussage des vorgeblichen Opfers, sie solle über dem Koran schwören, dass ihre Aussage stimme; das zu tun weigert sie sich. Das setzt vorher eine heftig geflüsterte Auseinandersetzung in der Küche.

Dann treffen wir Nader und Simin vor dem Scheidungsrichter. Das Kind soll entscheiden zum wem es will. Statt der Entscheidung des Kindes kommt jetzt der Abspann.

Was ist hier zu sehen. Sehr Menschliches, wie es bei uns kaum viel anders ablaufen düfte. Menschen, die ihr Alltag auffrisst, wie er sie in Beengung und Krisen bringt, diese Auseinandersetzungen absorbieren sie vollkommen: es gibt hier nur Ämter, Gerichte, gelegentlich Strasse, keine Ausblicke, keine Musse, kein Picnic, keinen Sex. Erzählt wird nur, wie dieser Alltag, der alle Beteiligten überfordernde, bewältigt wird, wie sie sich durchkämpfen, durchtricksen, durchmogeln. Leute, die nicht zurecht kommen mit den Anforderungen, die das Leben an sie stellt, sind die Personae dramatis. Sie tun und machen und kommen nicht vom Fleck.

Das ist fast eine Komödie, ja es ist eine Komödie. Aber der Regisseur Asgar Fahadi sieht das vermutlich anders. Ich bin mir nicht ganz sicher, für wen er den Film gemacht hat. Iranische Menschen, die selbst in so einem beschwerlichen Leben stecken, dürften kaum die Adressaten sein. Die feine Teheraner Gesellschaft genau so wenig. Die persische Geistlichkeit? Stark reagiert auf den Film hat die Berlinale. Die hat ihm den Goldenen Bären verliehen. Ist das ein Kulturgefälle-Bär gewesen? Beruhigt es den Westen zu sehen, wie beschwerlich das Leben in Iran ist. Der Film ist vom Handwerklichen aus gesehen gewiss ordentlich gemacht. Es tut sich immer was, die Kamera geht überall mit und dazwischen, die Akteure stehen praktisch ständig unter Stress. Sie sind in Handlungszwänge eingespannt.

Es gibt keinen Platz für Gefühle, ok Geweine schon mal, aber nicht etwa der Art, dass Nader sich auch nur einen Moment seine Frau zurückwünschte oder sie eine Sehnsucht nach ihm oder der Tochter hat, also das mögen sie schon haben, das wird aber hier in der Erzählung als unwesentlich ausgeklammert.

Vermutlich hätte der Film sogar eine Erfolgschance bei uns im Kino, wenn der Macher den Film wirklich bewusst als Komödie inszeniert hätte, es hätte wohl nur weniger Änderungen bedurft, vor allem eine Änderung der Einstellung, was ihm wichtig ist; oder der Distanz zu den Figuren; ihm war aber offenbar wichtiger, das Leiden an den Umständen deutlich zu zeigen, die Seite des Geleides und des Unglücklichseins in der Lebensbewältigung, wie beschwerlich das Leben doch im Iran sei. Das nimmt der Komödie den Pep. Hätte er mehr auf das Allgemeine solcher Lebensbewältigungsaktivitäten geachtet, dann könnte sich auch unsereins in der einen oder anderen Figur gespiegelt sehen. Aber weil der Subtext, wie mir scheint, eher der ist: schaut wie schwer es in Iran ist, dürfte sich das Interesse hier in Grenzen halten.

Was du nicht siehst

Ein in die Länge gezogener Kurzfilm. Er fängt immerhin gleich mit dem Thema an. Meer. Wucht. Wellen. Ein Kopf von hinten über dem Küstenabbruch. Dann von vorne. Ein junges Gesicht. Springt er oder springt er nicht. Es geht um eine dieser pubertären Existenzfragen. Aber welche. Ob er schwul ist? Ober er die Liebe überhaupt kann. Dieser delikate, empfindsame Moment des Coming-of-Age wird hier sehr ausführlich in mit viel Bedacht und Geschmack eingefangenen Kinobildern für die Leinwand präpariert.

Anton, so heisst der Junge, ist mit seiner leiblichen Mutter und deren Freund, der Vater ist schon gestorben, im Auto unterwegs nach Frankreich ans Meer. Dort haben sie einen Bungalow gemietet.

Unterwegs bei einem Tankhalt geht Anton kurz pinkeln. Aus dem WC hört er jemanden pfeifen. Wie er die Hände wäscht, kommt David, so heisst dieser andere junge Mann, das erfahren wir aber erst später, oder so heisst er in seinem Traum, aus dem Clo, wäscht die Hände neben ihn und kneift ihn beim Rausgehen in den Po. So was fährt besonders in diesem Alter und in dieser Situation ein.

Die Begegnung mit David, die noch real gewesen sein mag, oder eine Begegnung wie die mit David, könnte die Initialzündung für die folgenden den Film anfüllenden Urlaubsfantasien gewesen sein. Denn ein Junge in diesem Alter allein mit seinen sterilen Eltern in einem einsamen sterilen Bungalow irgendwo in Frankreich an der Küste, das ist nicht auszuhalten. In so einem Jungen drängen Themen und Sehnsüchte und Neugiereden. Und wenn sie nicht real passieren können, dann müssen sie es umso mehr in einer sich erhitzenden Fantasie.

Diese Fantasien malen diverse Begegnungen mit David und seiner Freundin aus, die sich ganz in der Nähe in einem Haus eingerichtet haben. Das erste Mal trifft er David allein, sie begegnen Franzosen, auch alles junge Männer, es kommt zu einer Auseinandersetzung, einer greift Anton an und Anton soll diesen, wie er auf dem Boden liegt treten, das die Anweisung von David. Das ist schönes Jugendtheater, was da geboten wird.

Es gibt eine Begegnung zu Dritt im Walde, jetzt ist auch die Freundin oder Begleiterin, so genau ist das auf Anhieb nicht zu eruieren, von David mit dabei. Der Wald ist immer schön als mythisch-irrealer Wald beleuchtet. Symbolismus am See, drin liegt ein totes Reh. Das Mädel schubst Anton ins Wasser. Dann er sie. Dann springt auch David. Dann sind alle drei im Wasser. Das Übliche halt, was jeder aus Jugendfreizeiten kennt.

Katja bringt daraufhin kurz Panik in die Geschichte, indem sie nicht mehr auftaucht und David ganz verzweifelt ruft.

Das ist alles schön gedacht kann man sagen, aber es liesse sich in einem Kurzfilm abhandeln. Bald schon scheint der Film sehr gestreckt wie dünnster Pizzateig mit kaum Belag. Es gibt weitere Begegnunen. Zuhause fragt die ungläubige Mutter, die wohl übersehen haben muss, dass ihr Sohn in der Pubertät steckt, was er denn mache, wo er gewesen sei. Sie duscht ihn mit dem Schlauch ab. Es folgt ein kurzes Echo auf die Dreier-See-Geschichte als Mama-Sohn-Stiefvater-Schlauchspritzerei.

In einer späteren Szene fragt Paul die Mutter von Anton, ob sie nicht heiraten wollen. Und auch eine Kussszene von Anton mit der Schwester von David kommt vor. Die Szenen bleiben sehr reduziert, theroetisch skizzenhaft, schon sehr anaemisch inszeniert. Die Figuren gewinnen kaum Fleisch, was über einen Strichmännchencharakter hinaus ginge. Ihre Sätze sagen sie knapp und abgehackt und es sind nie persönliche Sätze. Man sieht ihnen zu deutlich an, dass der Autor nicht in Figuren, sondern in Konstellationen gedacht hat in dem Versuch, eben diesen delikaten Moment der Jugend auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Geschlechtsleben festzuhalten.

Es gibt Gespräche. Anton erzählt vom Tod seines Vaters. Die genau gleich traurige Geschichte tischen ihm die Geschwister auf, die von ihrem Verhalten weder als Geschwister, noch als Liebespaar rüberkommen. Es fehlt sozusagen der menschliche Kitt, die kleinen menschlichen Blicke und Gesten, die solche Verhältnisse glaubwürdig und damit auch die theoretische Konstruktion, der sie doch dienen sollten, wassserdicht machen könnten. Aber es sind ja Fantasiefiguren. Wobei bei Anton von einer sehr ruhigen, nicht allzu angeregten Fantasie auszugehen ist. Abstrakte Liebesszene auch zwischen Antons Mutter und dem Freund. Sie stehen sich in der Küche gegenüber, kurz vor einer Auseinandersetzung, dann sagt die Mutter: es ist vielleicht besser, wenn Du jetzt nichts sagst, denn wenn Du was sagst… und dann geht sie auf ihn zu und küsst ihn. Schnitt.

Eine Hundetod-Orgie. David muss Anton unbedingt sprechen. Er führt ihn in den Bunker. Dort liegt der schwarze Hund, der bis jetzt gerade mal an einem Spaziergang am Meer dabei war und einmal neben Anton im Bett lag und ihn abgeschlabbert hat, bis er ihn hinauskomplimentiert hat. Sonst hat der Hund bisher keine Rolle gespielt. Jetzt liegt er in den letzten Zügen am Boden und David befördert ihn ins Jenseits, während Anton schon vor dem Bunker steht. Es bestehe ein Zusammenhang mit Rattengift. Nächtens gibt es eine grosse Hundesuchaktion im Wald LOMO LOMO LOMO von gewaltiger Trauermusik begleitet. Eine Auseinandersetzung zwischen Anton und Mutters Freund wegen dem Hund. Anton schlägt Mutters Freund von hinten.

Später, das Geschwisterpaar ist bereits abgereist, kurbelt Anton die Abedeckplane des Bassins zurück, drunter liegt kopfunter und tot: Paul. Es folgt eine kleine Polizeivernehmungsszene. Die Gendarmen gehen von einem natürlichen Tod aus, er hätte viel Alkohol im Blut gehabt und sei wohl gestürzt, was zwar bei dem Schlag auf den Rücken nicht gerade plausibel ist, auch dass Paul viel Alkohol getrunken habe, da gab es zwar eine Szene, sehr deutlich, wie er sich einen Whisky einschenkt und in dem Moment habe ich mich noch gefragt, wozu die Überdeutlichkeit, weil sonst davon nie die Rede war. Wirklich höchst abstrakt und theoretisch alles gedacht.

Wenig ergiebige Dialoge wie beim hechelnden Hund: Was ist passiert, was hast du getan, wir müssen was tun, wir müssen zu Paul, er hat Rattengift. Wiederholung des immer Gleichen mit wenig Reiz. Vielleicht ist der Film als Röntgenaufnahme der Bilderwelt des Kopfes von Anton gedacht. Denn Anton kann Dinge sehen, die andere nicht sehen. Diese Dinge will der Film uns zeigen. Aneinanderreihung der Röntgenaufnahmen. Dadurch wird auf eine enorme Möglichkeit des Kinos verzichtet: Spannung und Emotion und auch Glaubwürdigkeit der Handlung, die als Anker für die Zuschauerbindung dient, zu erzeugen. Immerhin: diese Röntgenaufnahmen sind schön anzuschauen.

Parallel zu den Röntgenaufnahmen gibt es noch die Tonaufnahmen von den Einflüsterungen, die Anton hört: wenn Du alles machen kannst, was Du willst, dann bist Du frei, dann kannst du fliegen, ich habs für Dich getan (David). Das Kino sollte jetzt vielleicht vom Praxistext solcher Ideen berichten, das dürfte zu kinospannungerzeugenden Konflikten führen.

Kleine Wahre Lügen

Währschafte bürgerliche Küche, Sommerkost mit vielen Pointen nach bewährten Rezepten speziell für Leute, die in Paarbeziehungen stecken und das Gefühl kennen, sie können darin nicht die ganze Wahrheit sagen. Oder auch: ein Cliquenfilm. Eine Clique von Freunden, Paaren, trifft sich allsömmerlich bei Max, der in der Nähe von Bordeaux ein Restaurant betreibt, auf seiner Datsche am Meer, um dort einige gemeinsame Tage zu verbringen.

Dieses Jahr liegen gleich mehrere Schatten über den Urlaubs- und Vergnügungstagen. Freund Ludo ist nach einem Treffen in Paris kurz vorher mit dem Motorrad von einem LKW erfasst worden und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Vincent, selbst verheiratet mit drei Kindern, hat Max seine Liebe und Verliebtheit offenbart und Antoine kommt nicht über seine Ex hinweg, um nur einige zu erwähnen.

Man beschliesst, den Urlaub trotzdem zu machen. Das Filmrezept geht nun so. Anfänglich wird in schnellen Szenen die ganze Oberflächlichkeit der Truppe gezeichnet, wie sie essen, Blabla reden, einkaufen und mit dem Motorboot rausfahren, Strandleben. Wie sie sich halt belügen über die wahren Verhältnisse, wie sie sich einen vormachen.

Nach einiger Zeit melden sich die verdrängten Dinge, die Lügen tragen nicht mehr, beschwören Konflikte. Es bleibt viel Zeit für Läuterung, für Gefühl und Musik, auch mit der Gitarre begleitet; ein Gitarrist stösst nämlich zur Gruppe: Dann stirbt Ludo; das ergibt eine ausgiebige Beerdigungszeremonie, wo einige auch reden, läuternd reden und Geheule und Geweine und dann raufen sie sich zu einem Gruppenbild zusammen. Und Freeze.

Es ist hier die rationalistische Seite Frankreichs, die zum Zuge kommt, es knistert nicht vor Erotik, es wird darüber hinweg gespielt. Max zum Beispiel ist meistens stur, verbohrt, überhaupt nicht anziehend, man versteht die Zuneigung von Vincent nicht. Aber das muss man wahrscheinlich gar nicht, es handelt sich hier eher um ein Abhandlungsstück, was gegen Ende eine grosse Emotion drübergiesst („I did it my way“). Es kommt zu einem Gespräch mit dem ausserhalb der Clique stehenden Bootsverleiher, den sie alle kennen und der in diesem Moment als eine Art psychologischer Moderator fungiert: er zeiht sie alle der Lüge, er habe das jetzt zwei Wochen beobachtet. Die Beerdigung in Paris, die gibt Anlass zur Katharsis.

Besonders in den ersten zwei Dritteln gibt’s Grund für viele Pointen die Paare und ihre Lügen betreffend. Die Regie von Guillaume Canet, der auch das Buch schrieb, scheint die Schauspieler bei ihrer Rollengestaltung weitgehend ihren Routinen überlassen und mehr auf die Verzahnung der Dialoge geachtet zu haben. Dadurch mag sich ein Wettbewerb unter den Schauspielern ergeben haben (wer holt mehr Lacher), jeder möchte seine Rolle möglichst gut und interessant gestalten, ein Wettbewerb, der der Intensität und der Lebendigkeit des Spieles förderlich war. Wehe, wenn die Mimen losgelassen. Es geht um Schlagabtausch von Positionen, Herausstellen von Verdrängungsmechanismen (der Kampf gegen den Marder) und nicht um Feinheiten.

Das Canet wollte, das scheint er sehr cool und mit einem begeisternd mittuenden Ensemble auf die Leinwand gebracht zu haben: Sommerkost wie eingangs erwähnt.