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Lucky Trouble

So vergnügt sich denn wohl Russland mit einer Mischung aus Liebesgeschichte und Kinderfußballgeschichte. Sie fängt sehr gesteuert an: ein Loblied auf Moskau, die Stadt der Künstler, Literaten, Geschäftsleute. Stürmer, der Protagonist, will Autor werden und ist glücklich gerade in Moskau zu sein. Er ist Lehrer in der Provinz, läuft aber einem jungen Paar, was bald heiraten will, vors Auto und nachher gibt’s, weils gleich zwischen ihm und der Lady funkt, eine Riesendiskussion mit dickem Polizisten, jeder will Schuld gewesen sein, bis der Polizist entnervt aufgibt und die Leute ziehen lässt.

Stürmer will zu Fuß weiter gehen, nachdem er der Braut noch zugeflüstert hat, den Mann solle sie auf keinen Fall heiraten. Prompt steigt sie aus dem Auto und damit aus der angepeilten Ehe aus. Stürmer, der Möchtegernautor und Nadya, so heißt die abgehauene Braut, haben schöne Liebestage in Moskau. Stürmer hat sein Manuskript weggeworfen, man sieht dann auch, wie sie es wieder aus der Mülltonne klaubt und erwartet, dass das irgendwann fortgesponnen würde, aber seine literarischen Ambitionen sind erotischen gewichen und spielen im Rest des Filmes keine Rolle mehr.

Sie beschließen zu heiraten, vorher will er aber noch schnell zurück in sein Kaff und seinen Job als Lehrer an den Nagel hängen, während die Braut von der Mutter, die genau das erlebt hat, die Angst eingebläut bekommt, der wird nie wieder kommen und du kannst den Rest des Lebens auf ihn warten, so wie ich. In etwa kommt es so aber doch ein bisschen anders.

Denn die Schuldirektorin im Kaff, die steht auch auf Stürmer und sie meint, der Blumenstrauß, den er bei sich hat, wie er die Kündigung einreicht, sei für sie. Aber er sagt, nein, er fahre nach Moskau zum Heiraten und kündige. Dann muss er eilig zum Bahnhof mit seinem Köfferchen, so leicht kann man in Russland Existenzen auflösen respektive umsiedeln, ein blauer Anzug dazu, das Kündigungsschreiben und bereits die Blumen für die Braut im entfernten Moskau in der Hand.

Er nähert sich dem Bahnhof, da stellt sich ihm ein typischer, schwerfüßiger Gag in den Weg, Vor dem Zug stehen Schüler Spalier und ein Sportfunktionär spricht von den Fußballmeisterschaften. Stürmer will sich wegschleichen, um den Zug zu erwischen, statt dessen erwischt ihn der Funktionär, hält ihn für einen Fußballtrainer und die Lehrerin, die inzwischen dazu gekommen ist, bestätigt das; inzwischen fährt der Zug hinter dem undurchdringlichen Schülerspalier ab und Stürmer wird verdonnert, morgen mit seiner Fußballmannschaft aus lauter 12jährigen anzutreten. Eine Art Slapstickschicksal, in das er geraten ist. Er entscheidet sich, herrenlose Straßenjungs aufzusammeln und zu einer Mannschaft zu machen, die garantiert verlieren würde, somit wäre er frei, abzureisen.

Doch gegen solche Planung arbeitet das Schicksal mit List und Tücke und Gemeinheit an. So eine Lottertruppe kann in einem Film, der mit dem Schicksal spielt, nicht verlieren. Zwischen dem Lehrer und den Straßenjungs enstpinnt sich eine Art Schicksalsgemeinschaft, die sich auf einen Siegespfad begibt; das wirkt durchaus anrührend bis zum Moment, wo er ihnen gestehen muss, mit welch faulen Tricks er versucht habe, den Verlust des Spieles herbeizuführen, dass er Durchfalltabletten besorgt habe oder den Torhüter während der ersten Halbzeit in der Garderobe eingesperrt habe. Parallelkomplikation ist die Hochzeit, die sie in Moskau schon mal anfangen wollen ohne den Bräutigam, es gibt ja sms; die feiern also zuerst den zweiten Tag und wollen dann am nächsten erst zum Standesamt, wenn der Bräutigam dann da ist, der am Telefon hanebüchene Lügen zur Begründung seines Nichterscheinens erfindet.

Hochzeit und Tournier werden in schnellen, kurzen Sequenzen ineinander geschnitten, denn bei der Hochzeit taucht auch noch der ursprüngliche Bräutigam auf und die Fußballgeschichte wird durch ein Link zu einem internationalen Verbrecherkartell zusätzlich spannend gemacht, denn ein Mafioso mit Yacht muss mit seiner Mannschaft unbedingt gewinnen, aber da wandert die Story unverhofft aus dem Genre des Schicksalsspiels in das des Thrillers, vielleicht weil der Autor, Roman Nepomnyashchiy seinem reinen Schicksalsspiel nicht traut, vielleicht, weil er den Charakter Stürmers unterm Aspekt des Schicksals und seines Verhältnisses dazu zu wenig untersucht hatte und dadurch für zu unergiebig hielt.

Um das Knäuel an Komplikationen, die der Autor durch den Genrewechsel herbeiführt in vernünftiger Filmlaufzeit wieder auflösen zu können, muss er die Braut aus Moskau wie mit Zauberkunst ins Provinznest schaffen.

Schon an den übergeschminkten Mimen erkennen wir, dass wohl der russische Geschmack ein anderer ist als unserer und auch die oft übertrieben wirkende Darstellungsweise liest sich für uns wie eine Fremdsprache; vielleicht wollte der Regisseur Levan Gaabriadze damit auf sich als besonders talentiert aufmerksam machen.

The Thing

Eine sympathische Mischung aus norwegischer Hausmannskost und Hollywood, vielleicht weil Hollywood etwas unternehmen muss gegen die Erstarrung in der eigenen Größe und dem Zwang zu immer mehr Umsatz? Ein Teil der spielenden Mannschaft ist norwegisch und spricht auch norwegisch. In der deutschen Fassung werden die norwegischen Originalstimmen, und das ist angenehm, mit deutschen Untertiteln versehen, während man sich bei den englischen Stimmen mit einer allzu routinierten deutschen Synchronfassung zufrieden gab. Dass nicht mit Stars besetzt wurde, trägt jedoch zum insgesamt freundlichen Eindruck des Filmes bei.

Es geht um eine Forschungsstation im ewigen Eis. Die Forscher machen eine sensationelle Entdeckung. Leider verselbständigt sich das merkwürdige, grauenhafte Lebewesen, kaum wird das Eis angebohrt. Es zeigt äußerst gefährliche Eigenschaften, soviel darf hier verraten werden, dass es sich nämlich in seine Opfer hineinassimiliert, so dass der Forscherkollege von eben immer noch aussieht wie der Forscherkollege von eben, obwohl er zum Untier mutiert ist, das plötzlich aus ihm herausbrechen kann und und weitere Opfer macht. Das wird als Problem leider erst ganz am Schluss richtig deutlich und empathisch brisant wird, wie Kate, eine der Forscherinnen, mit einem Kollegen abhauen will, und sie sich fragen muss, ob er nun Mensch oder Monster sei; merkwürdig ist allerdings, dass er den Ohrring plötzlich auf der anderen Seite trägt. Mensch oder Monster, das ist nun eine Frage, die jeder Mensch aus vielen Lebenssituationen kennt. Da kann der Zuschauer durchaus andocken.

Die Monster sind hochprofessionell und auch originell animiert, wenn auch Innovation auf diesem Feld nicht mehr leicht sein dürfte, oft zweiköpfig mit einem Touch von Surrealismus à la Dali oder Max Ernst. Sowieso sind die handwerklich-technischen Dinge auf Hollywood-Niveau, besonders auch die Musik aber auch Kamera, Schnitt, Animation.

Vielleicht macht es diese Mischung aus Norwegen und Hollywood, dass die Erzählhaltung angenehm unprätentiös wirkt: wir erzählen Euch jetzt ganz genau, was vorher war. Nämlich vor „The Thing“ von John Carpenter von 1982. Richtig, wir haben hier ein Prequel vor uns, das dort aufzuhören vorgibt, wo John Carpenter 1982 anfing. Andererseits entwickelt gerade diese an sich sympathische Erzählattitüde gelegentlich etwas Betuliches, vielleicht zu sehr bemüht, es richtig zu machen, statt sich von den gewiss längst noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten des Horrorgenres zu neuen Ufern vorzuwagen.
Die Seriosität der Haltung, die sich dämpfend auf den Horror auswirkt. Vielleicht haben Regisseur Matthijs van Heijningen zu viel Respekt vor Hollywood und vor den Namen John Carpenter? In dieser Hinsicht kommt mir dieser Film eher vor wie eine devote Verehrungsgabe für einen fiktiven John-Carpenter-Altar denn durchs Original inspirierte und zu neuem Horror aufbrechende Keckheit.

Der ganz gewöhnliche Wahnsinn

Ein Premium-Produkt aus dem amerikanischen Sortiment von Themenfilmen. Thema ist die Vereinbarkeit von Karriere und Familie bei Frauen. Und die Komplikationen, die eine solche Konstellation bringen kann. Das wird mit gutem Tempo und Rhythmus und einer Auswahl schneidiger Schauspieler so dargeboten, dass immer klar ist, dass es gut ausgehen wird und dass auch Berufstätige sich nach Arbeitsschluss den Film entspannt reinziehen können.

Sarah Jessica Parker ist die wieselflinke und ständig in Bewegung sich befindliche Kate Reddy. Sie ist sicher keine besonders begabte Hausfrau. Das wird gleich zu Beginn amüsant gezeigt. Sie soll für die Schule einen selbstgemachten Kuchen vorbereiten. Das geht so: sie kauft einen Fertigkuchen, stülpt den in ein Gefäß aus ihrem Haushalt, zerwalzt die Oberfläche und streut viel zu viel Puderzucker drüber. So muss sie, glaubt sie, sich vor den Müttern der anderen Kinder keine Blöße geben.

Nachts liegt sie wacht und memoriert ihre Liste all der Dinge, die sie noch zu erledigen hat. Sie arbeitet auf einer Investment Bank bei „Edwin Morgan Foster“ und sie hat eine brilliante Idee bezüglich eines Renten-Investment-Fonds, auf den die Amerikaner mit ihrer schlechten Altersversorung sicher scharf wären. Sie erweckt das Interesse von höheren Stellen. Muss jetzt aber ständig nach New York jetten.

Sie selbst wohnt mir ihrem Mann, dem schulpflichtigen Töchterchen und einem kleinen Buben in Boston. Jack Abelhammer heißt der hohe Boss, der auf sie aufmerksam geworden ist, ein schöner Name, der irgendwie so gar nicht zu Pierce Brosnan passt, der sein gutes Aussehen und seine vorbildlichen Benimmformen dieser Rolle leiht.

Erotik und Karriere. Sicher knistert es zwischen den beiden. Und in der Familie kriselts wegen der häufigen Abwesenheit der Mutter. Aber sie behauptet, sie schaffe alles.

Um die beiden Protagonisten Jack und Kate herum sind noch eine Reihe weiterer Figuren professionell entworfen und arrangiert, eine Kollegin, die gegen Kinder ist, Momo, die dann aber auch schwanger wird, eine Kollegin die Kate unterstützt, andere Figuren, die skeptischer sind. Natürlich kommt die „beste Chance“ zum ungünstigsten Zeitpunkt. Kate hat ihre liebe Not, den Kindergeburtstag nicht zu vergessen oder mal ein paar Tage für die Familie in Austin zu nehmen, von wo sie dann doch wieder unvermittelt abreisen muss.

Aber nächstes Jahr wird sie gewiss mit ihrem Töchterchen einen Schneemann bauen. Wie es sich für so einen Film gehört, ist er auch Doku über den Lifestyle einer gehobenen Klasse im inzwischen nicht mehr ganz so selbstsicheren Amerika.

Ziel und Entwicklung von Kate ist in diesem Film, um es auf ein Zitat zu bringen: stop making lists und lernen zu sagen, I am unavailable, because I have to make a snowman.

Schon die Besetzung von Abelhammer mit Brosnan macht jedoch klar, dass diese Figur nie zu einer ernsthaften Gefahr für die Familie wird. Die Familie ist dann am Ende doch das Höchste. Und Karriere können wir nebenbei immer noch machen.

Mama Africa – Miriam Makeba

Eine beeindruckende Dokumentation über die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba, die vor drei Jahren am Ende eines Konzerts in Italien gestorben ist.

Um mit dem Tod anzufangen. Einer aus ihrer Band erzählt von diesem letzten Konzert in Italien, wie sie sich am Schluss zu ihnen umgedreht habe und gesagt habe, heute würde sie sich nicht verbeugen, heute gehe sie woanders hin und wie sie dann abgegangen und im Abgehen zusammengebrochen sei.

Schon der Anfang des faszierenden Lebens dieser Frau (sie erzählt in einer frühen Sequenz minutenlang ihre ganzen Namen auf!) mit der einmaligen, grandiosen, anrührenden, bewegenden Stimme war nicht ganz comme il faut. Denn zwei Wochen nach der Geburt wurde ihre Mutter beim illegalen Bierbrauen erwischt und musste für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Vielleicht dass ihre Tochter dadurch besonders viel Zuneigung und diese innere Stärke, die traumwandlerische Sicherheit für ihren weiteren Lebensweg, der von Unglück und Schicksalsschlägen nicht verschont geblieben ist, gewonnen hat.

Miriam Makeba ist in einer Twonship von Lionel Rogosin für einen Dokumentarfilm über das Leben der Schwarzen im Südafrika der Apartheid für zwei Lieder entdeckt worden. Sie hatte nie Musik studiert. Singen gehörte zu ihrem Leben.

Der Film wurde in Venedig aufgeführt. Miriam reiste dorthin. Und weil der Erfolg immens war, durfte sie nicht mehr zurück nach Südafrika. Ein schwerer Schicksalsschlag. Der allerdings kompensiert wurde durch ein Engagement in New York. Und kaum war sie da, ist auch schon Harry Belafonte auf sie aufmerksam geworden, nahm sie unter seine Fittiche: der folgende Aufstieg war kometenhaft.

Sie engagierte sich mit ihren Liedern gegen die Apartheid (der Erfolg von „Pata Pata“ war ihr eher unangenehm, weil es kein politischer Text war). Sie verkehrte mit vielen afrikanischen Staatsoberhäuptern, sie sprach vor der UNO-Vollversammlung; sie freundete sich mit dem Führer der Black Panther, Stokely Carmichael an, heiratet ihn. Darauf gabs in Amerika einen Boykott ihrer Lieder. Sie wurde angefeindet. Sie fand Zuflucht in Conakry, Neu Guinea. Kaufte später ein Haus in Belgien. Familiäre Schicksalsschläge belasteten sie. Die Tochter starb sehr jung, nach dem Tod eines Enkelkindes.

Mika Kaurismäki, dem Dod Edkins beim Schreiben des Buches geholfen hat, hat aus vielem Archivmaterial mit mehr Konzertausschnitten als Interviewstatements und selbst gedrehten Begegnungen mit Verwandten, Bandmitgliedern und anderen Menschen, die ihr begegnet sind, einen leichten, flüssigen Bilderbogen zusammengestellt und vermittelt so einen direkt von der Leinwand herabspringenden Eindruck von dieser engagierten, hochintelligenten, wirkungsvollen Künstlerin, die sicher eine der wichtigsten Stimmen Afrikas der letzten Jahrzehnte gewesen ist.

Der König der Löwen in 3D

Ein bewährter Film, aufgefrischt in 3D.
Ich habe nicht den Eindruck, dass das dem Fim schadet. Die existenziellen Themen, die alle in diesem Kinderfilm, diesem Animationsfilm vorkommen, treten klar heraus durch die Geschichte, kindgerecht aber in keiner Weise verkindend oder verharmlosend: die Liebe und der Schutz des Kindes durch die Eltern; der Tod eines Elternteiles; der Bruch mit der Geborgenheit; der lügnerische, verführerische Onkel, der das Böse will; das Exil oder die Flucht aus der Heimat; die Lebensrettung in äußerster Not; der Aufbau eines neuen Lebens in gänzlich anderen Umständen; das Hereinbrechen des alten Lebens und die Besinnung auf die Berufung; die Rückkehr auf den einst bestimmten Weg; der Kampf um die Macht (in einem durch den Usurpator verlotterten Reich) und auch die Liebe fehlt nicht und dann noch ganz kurz die Kür des neuen Königs. Wobei jeder Mensch sich als König sehen darf.

Hier ist heftig und sehr konzentriert an einer Auffrischung der Geschichte gearbeitet worden, eine erhöhte Konzentration auf die Themen, die farblich, graphisch und mit Effekten extrem herausgestellt wurden. Also nicht unbedingt eine realistisches Setting, die Szene zeigt immer auch den Gefühlszustand, die politische Befindlichkeit, die Farbe des Glückes oder Unglückes, die Brisanz einer Situation; wenns etwas gemütlicher ist, kann der Hintergrund ruhig aquarellhaft aussehen, die Savanne, die Steppe, Königskür findet auf einem exponierten Felsvorsprung statt, die Herrschaft des Königsmörders und der Hyänen hinterlässt eine verödete Landschaft, das Leben bei Timon und Pumbää ist wie wir uns ein polynesisches Paradies vorstellen und auch zeit- und geschichtsvergessen, wenn Glück da ist oder der Sieg über den anderen, dann werden die Farben fast kitschig hell leuchtend, rötlich-gelblich, lichtig. Zwischendrin können sich Zebras, beim ersten Ausflug, den der kleine zum König bestimmte Löwe auf Anraten des bösen Onkels in das verbotene Gebiet des Elefantenfriedhofes unternimmt, zu rein dekorativen Anordnungen sich arrangieren, auch die Orchestrierung von Hans Zimmer, den ich an sich kaum mehr irgendwo ertragen kann, ist hier erstklassig eingesetzt, auf die jeweiligen Seins-Zustände zugeschnitten oder zukomponiert. Die Geographie signalisiert je nachdem Verlorenheit, Geborgenheit oder oft auch unüberwindliche Gebirgigkeit.

Die deutsche Vertonung hat mich, nach anfänglicher Skepsis wegen der Stimme des alten Königs, besonders mit dem Auftreten der Hyänen, (u.a. Hella von Sinnen) erwärmt und wie dann der Timon von Ilja Richter zu hören war, da schien mir generell die akustische Stimmung rund und er mit seiner unverschämten Jugendlichkeit in der Stimme, dem Pfiff und der Sorglosigkeit hat micht richtig eingenommen. Wenn man sich für die deutsche Vertonung nochmal 10 Prozent mehr Zeit (und also auch Geld!) sowohl für Auswahl der Stimmen als auch die Arbeit an deren Zusammenwirken nehmen würde, dann wäre das eine makellos runde Sache.

Eine dunkle Begierde

David Cronenberg hat jetzt den Zustand der Meisterschaft erreicht. Er zwingt die Geschichte, die sich zwischen Carl Gustav Jung, seiner Patientin Sabina Spielrein und Sigmund Freud abspielt nach einem Buch von Christopher Hampton und John Kerr in stilvolle Bilder, an denen nichts auszusetzen ist, außer, dass daran nichts mehr auszusetzen ist. Ein Meisterwerk, wobei heute noch unklar ist, wie anfällig dieses gegen den Staub der Zeit sein wird. Zu vermuten: bald schon ein alter Schinken, über dessen Entstehung und Macher gerätselt werden wird, weniger ein ever-challenging Werk der Filmgeschichte, wobei spätere Entdecker erstaunt und erfreut sein dürften über diese oder jene Lichtsetzung, diese oder jene Figurführung, zum Beispiel die anfänglich doch sehr anfängerhaft und übertrieben wirkende Darstellung der Patientin Sabina Spielrein, gespielt von Keira Knightley, und wie das aber sehr gezielt gesetzt, von ruhiger, unaufgeregter Hand geführt sei.

Ein andere Frage ist, wie weit der Film einen Beitrag leisten kann zur Kenntnis der Entwicklung der Psychoanalyse hinsichtlich des Kontaktes zwischen Freud und Jung und der Erotikspiele von Frau Spielrein dazwischen.

Frau Spielrein kommt als Patientin zu Jung, wird dann zu seiner Mitarbeiterin und Gespielin; die Frau von Jung schluckt das, eine merkwürdige Dreier-Beziehung; dann versucht Frau Spielrein auch Herrn Freud anzumachen.

Den vorzüglichen Boden für dieses Meisterwerk hat Christoper Hampton mit dem Drehbuch nach dem Roman von John Kerr „A most dangerous Method“ gelegt. David Cronenberg führt seine Darsteller Michael Fassbender als Carl Gustav Jung (den Jung habe ich mir persönlich allerdings ziemlich anders vorgestellt), Keira Knightley als Sabina Spielrein und Viggo Mortensen als Sigmund Freud mit meisterlicher Hand.

Es sind Kleinigkeiten in der Schauspielerei, die zu schauen viel Vergnügen bereitet, wenn Jung bei Freud in Wien zu Besuch ist: eine Essenseinladung, Jung schaufelt seinen Teller voll, hat eine Platte schon halb leer geräumt, da öffnet die Kamera zum Rest der großen Tafel, an der noch viele Teller zu füllen sind, und wie Jung mit einem überspringenden Ignorieren sich seinem Teller zuwendet oder noch subtiler der Moment, wo Jung Freud gegenüber erwähnt, dass er eine reiche Frau habe, die kurze, knappe Reaktion von Freud, herrlich; dazu gibt es ein Echo, wenn die beiden nach Amerika reisen und kaum haben sie das Schiff betreten, und Jung sagt, er müsse jetzt da lang, denn seine Frau habe ihm eine Erste-Klasse-Passage besorgt.

Was den Film auch hervorhebt oder zumindest zu einer Augenweide für Tüftler macht, das ist die Ausstattung, diese ganzen motorgetriebenen Gerätschaften, die Jung für ein frühes Modell eines Lügendetektors entwickelt hat oder die Innenausstattung des Freudschen Büros in Wien, sieht alles nie museal aus, sondern so, als ob es gerade modern und frisch und gebraucht wäre. Das trägt durchaus zu einem Eindruck von Frische eines historischen Filmes bei, wie man sie nicht allzu häufig sieht. Meist werden diese Art von Museumsstücken auch als solche präsentiert, bei Cronenberg oder seinem Ausstatter sind sie frisch gebohnert.

Übliche Seitensprunggeschichte: der Seelenarzt, seine Gattin und die Patientin; die verlogen in der Villa am Zürichsee weiter geführte Ehe von Jung. Wobei diese Ehe von Anfang an wie ein begleitendes Möbelstück in Jungs Wissenschaftler-Karriere gezeichnet wird. Kinder müssen her, so lange, bis ein Junge wird. Zu dem Zeitpunkt ist die Beziehung zu Frau Spielrein längst nicht mehr rein.

Netter Hinweis auf die Differenz von Theorie und Praxis: wie Frau Spielrein Jung den ersten Kuss gibt und er verwundert meint, das müsse der Mann doch leisten und sie antwortet, in jeder Frau stecke doch Männliches und in jedem Manne Weibliches.

Schöne Ankündigung, schön symbolhaft auch, wie Jung bei einem Spaziergang mit der Spielrein, wie sie noch Patientin ist und ganz neu, den Mantel mit dem Stock ausschlägt, um Dreck abzuwischen und sie sofort zurück ins Spital will. Später will sie von ihm geschlagen werden.

Das macht die Szenen gut erinnerbar, dass Cronenberg eine sehr ruhige Kamera einsetzt, gerade mal bei einem Spaziergang mit Steadycam arbeitet, aber dass die Bilder immer wie Standfotos aussehen, so dass das, was sich zwischen den Figuren tut, im konzentrierten Mittelpunkt steht, dazu noch in stimmiger Ausstattung. Cronenberg findet schöne Bilder. Wenn Jung mit Spielrein in seiner Yacht liegt, von hoch oben fotografiert, das Segelschiff, das ihm seine Frau geschenkt hat. Das bleibt allerdings im Dunkeln, wie die beiden sich kennengelernt und lieben gelernt haben, und warum Jung anfällig für die Geschichte mit Spielrein wurde. Er wollte die Beziehung aus Gewissengründen an einem bestimmten Punkt beenden. Sie ließ das nicht zu und wandte sich an Freud. Das zeitigt einen schönen kleinen Briefwechsel zwischen Freud und Jung.

Cheyenne – This Must Be The Place

Garantiert ein auffälliger Film, den man sich merken kann und der in großen langsamen Kinobildern erzählt. Ein Unikat, das aus dem riesigen Meer an Nazizeitverarbeitungsfilmen herausragt wie ein schwimmendes (künstlerisches) Gebilde aus Plastikmüll. Eine groteske Kombination aus verkommenem Rockstartum und nicht verbissenem Nazijägertum.

Sean Penn spielt die schräge Hauptfigur, einen Rockstar, der seine Zeit hinter sich hat, der sich aber immer noch bleich schminkt wie ein Michael Jackson, der immer mit einer zerfaserten schwarzen Langhaarperücke rumläuft, der kaum gehen kann, weil er angeblich Ischias hat (wobei der Gang gelegentlich auch anders interpretierbar wäre), der sich die Lippen und die Lider und die Augenbrauen dick schminkt, der meist eine Brille trägt, der sich in eine enge Röhrenjeans zwängt (die er mit seinem Ischias gar nicht mehr an- oder auszuziehen imstande sein dürfte) und kleine neckische Cowboystiefelchen, der kaum sprechen kann, Behinderung oder lediglich Sprechstörung, das bleibt offen, der oft mit großen, ausdruckslosen Augen starrt und der sein Leben mit Rumhängen und Kaffeetrinken oder Pelota-Spielen in einem leeren Swimming-Pool fristet. Er hat noch seine Frau Jane. Sie macht gerne Tai Chi und krampft sich dabei köstlich ein, während ihr Lehrer sich einen abgrinst. Dann ist da noch eine junge Frau, die auch diesen Schwarz-Kult zelebriert.

Cheyenne, so heißt Sean Penn in diesem Film, lebt in Dublin, Irland. Er verbringt viel Zeit mit Aktienspekulationen, was sicher nicht sein Ding ist oder er wird von der Nachwuchsband „The Piece of Shit“ um wohlwollende Förderung gebeten. Er besucht regelmässig das Grab von zwei Jungs, von welchem er aber von den Eltern derselben wieder vertrieben wird. Die Aufklärung über die Bewandtnis mit diesen Besuchen folgt später im Film. Er hat Kontakt mit dem dicklichen Pick, der erzählt Stories von Sex mit eingegipstem Bein, wie das gehe und zitiert den Satz „Spritz auf meinen Gips“.

Da sein Vater in New York im Sterben liegt, macht Cheyenne sich zu Schiff auf den Weg nach Amerika. Er kommt zu spät an. Sein Vater, der „seine Telefonnummer auf den Arm tätowiert hat“, ist bereits tot. Aber die Beerdigung erreicht Cheyenne noch.

Es finden sich übrigens immer wieder Momente für Szenen, die irgend ein Thema behandeln. Bei einer Liftfahrt mit lauter hübschen jungen Damen und dem Schwarzscheusal von Cheyenne dazwischen geht es um Lippenstifte, und wie ein solcher kussecht aufgetragen werden könne, man müsse die Lippen vorher ein wenig pudern. Alltägliche Kleinigkeiten werden zu kinohaften Staatsaktionen grotesk aufgeblasen und damit einmalig gemacht.

Von New York aus macht Cheyenne sich nun auf die Suche nach einem Altnazi, der unter anderem Namen noch in Amerika leben soll und den Cheyennes Vater seiner Lebtag gesucht hat, weil er sein Peiniger war. Diese Suche führt Cheyenne auf eine Reise in prächtigen Amerika-Kinobildern nach Michigan und Mexiko und Iowa. Überall gibt es befremdliche Begegnungen; zum Beispiel mit dem Angeber, der behauptet, den Rollenkoffer für die Flieger erfunden zu haben – einen solchen zieht Cheyenne übrigens immer mit linkischen Bewegungen hinter sich her. Oder in Dublin ist es eine Art Einkaufswägelchen, man möchte meinen, an Stelle eines Rollators. Das Befremdliche als Methode.

Oder es gibt Gespräche über Pedanterie, Einsamkeit und Verbitterung und dagegen die Unbeschwertheit, die natürlich durch die Nazizeit weggefallen ist; wobei das Schlusswort auch die andere Seite in Betracht zieht, die andere Seite der Lagerbefestigung und die Frage nach dem Gott stellt, der sonderbar passiv sich verhalten hat und verhält und der das doch habe sehen müssen. Oder ein Gespräch über Tätowierungen und dass das Leben voll schöner Dinge sei.

Es gibt eine Begegnung mit der Frau von Alois Lange, dem Nazi-Chergen, die unter dem Namen Smith ein scheinbar vertüdeltes Provinzleben lebt, die Lehrerin war und der sich Penn als ehemaliger Schüler vorstellt. Aber sie kann sich an einen solchen nicht erinnern. Sie kann sich an alle Schüler erinnern, an alle Studenten, nicht aber an einen John Smith, der sich jetzt auch noch an den Geschichtsunterricht erinnern will und die Behandlung des Holcaust darin, wobei sie sich ganz genau erinnert, dass der ganz schnell und nur ganz oberflächlich angesprochen worden sei. Das lässt sie stutzig werden. Er lässt eine Kinderzeichnung aus ihrem Haus mitgehen. Und begibt sich von dort auf die Suche nach der Enkelin Rachel. Die ist in Mexiko. Das ist filmisch grandios ergiebig.

In New York ist Cheyenne übrigens auch mit einem berühmten Nazijäger in Kontakt gekommen, der sich brüstet über 700 Nazi aufgespürt zu haben; und Cheyenne spricht das Thema des Berühmtwerdens durch solche Aktivitäten an, die Showrelevanz.
Einmal gibt es eine Diashow mit Bildern aus den KZs, mit den zu Skeletten abgemagerten Menschen und den Leichenbergen.

Cheyenne besorgt sich eine Pistole, wie er seinem Opfer immer näher auf die Pelle rückt. Auch der Ort, wo er den Deutschen findet, ist recht grotesk, und dass er ihn nicht plump erschießen würde, das war vielleicht das einzig Erwartbare in diesem Film mit vielen überraschenden Wendungen. Aber Rache muss sein. Und die ist, das zeigt eine der letzten Einstellungen, offenbar läuternd und verändert den Menschen.

Damit kommen wir zur Moral dieses merkwürdigen Kinogebildes, und die ist nicht unproblematisch, wenn Rache an einem so alten schlotternden Mann Reinigung für den Rächer sein soll, von dem nicht mal klar ist, wie weit er unter ihm gelitten hat; das wohl schon, das ist einmal angesprochen worden, wie er als Sohn eines KZ-Opfers zum Rockmusiker geworden sei, der dann aber mit dem Erfolg auch nicht umgehen konnte.

Die Wandlung am Schluss, die scheint mir aus dem Ärmel gezogen, vielleicht haben sich die Macher, Paolo Sorrentino, dem beim Buch Umberto Contarello mitgeholfen hat, erinnert, dass jeder Film eine Moral haben müsse und dass eine Hauptfigur eine Entwicklung durchmachen müsse. Oder sie amüsieren sich über dieses Prinzip. Jedenfalls kann bei der Rückkehr Cheyennes nach Dublin seine Frau vom Fenster aus seine Erscheinung mit dem veränderten Look nur mit den schlimmsten Verrenkungen im Gesicht zur Kenntnis nehmen. Jetzt würde es vielleicht richtig spannend werden, wie sie damit umgeht, dass sich was geändert hat, jetzt wo sie sich doch so schön in ihrem wirtschaftlich abkzeptablen Unglück eingerichtet hat.

Denn spannend in diesem Sinne, war der Film ja nicht; zu viele Themen sind eher, ich habe einige erwähnt, der Groteskheit wegen eingebaut worden, als um den Fortgang der Geschichte zu beschleunigen, zwingend zu gestalten.
Im Gespräch mit dem Altnazi geht es noch um die gestohlene Jugend, die unerbittliche Rache. Aber die ganz tiefe Frage des Umgangs mit einer Ungeheuerlichkeit wie dem Holocaust, die wird nicht mal angerührt, stattdessen Rückgriff auf den eher lächerlich, erbärmlich aussehenden Racheakt mit dem Fotoapparat und dem Schnee. Insofern ist das Thema Rache als Umgang und Verarbeitung des Holocaust doch zumindest in Gänsefüßchen gesetzt.

Another Earth

Die Co-Autorin Brit Marling spielt auch die Hauptrolle der Rhoda Williams. Diese war eine hoffnungsvolle Astrophysikerin, bis ein Unfall sie aus der Bahn und ins Gefängnis geworfen hat. Nachher wollte sie mit Wissenschaft nichts mehr zu tun haben. Sie wohnt zwar wieder zuhause bei ihren Eltern und ihrem Bruder, aber in einer ausgeräumten Dachkammer und arbeitet als Putzkraft in einer Schule. Und schließlich auch bei John Burroughs, gespielt von William Mapoter, mit dem sie eine geheimnisvolle Sache verbindet, die dann, das ist der Content der Story, nach diversen vertrauensbildenden Maßnahmen und einer Annäherung, die auch eine sehr physische Variante im Bett beinhaltet, schließlich zur Sprache kommt. Als Käseglocke über dem ganzen Prozedere dient ein großer oft am Himmel zu sehender Planet, der eine Parallelwelt behauptet, die in einer Relation zur Hierwelt steht, mit der problematischen Kondition, dass sie, sobald sie bewusst wird, zerspringt wie Glas.

Ichs und parelle Ichs, ist dann ganz kurz auch die Frage. Diese Käseglocke, wie ich es hier nennen möchte, bestimmt die ganze Atmosphäre des Filmes. Sie wird in einer den Amerikanern wohl inzwischen in die Gene übergegangenen selbstverständlichen, leichten und ungenierten Bildsprache herbeigezaubert. Dazu trägt das Spiel der beiden Protagonisten bei; Rhoda agiert fast immer verlangsamt, oft mit schuldbewusstem Blick, wie in Trance, fremd und hier zugleich, nur beim Putzen, da kann sie „realistisch“ zupacken; sonst geht sie eher wie auf Eiern, wie in einer unbekannten Welt.

Das ist vielleicht ein naives Sehnsuchtsbild; Verkörperung des Unkörperlichen, dessen, was nicht mehr an der Erde haftet, also auch ganz von etwas Idealistischem, so könnte man sich auch die Iphigenie vorstellen, auch am Rande des Wahnsinns oder der Wahnsinn wäre auch eine Parallelwelt dazu. Ihr Partner, der übrigens Komponist ist, der spielt am Rande des gerade noch Realistischen, Fleisch und Blut halten sich sehr zurück, es ist ein überwiegend mentales Spiel, was die bestimmt auch geprobt haben.

Der Regisseur Mike Cahill, der mit Brit Marling das Buch geschrieben hat, entwirft eine Atmosphäre, die schon sehr in der Nähe schwärmerischer, süßlich schwärmerischer Jugend anzusiedeln wäre. Der Film soll in Sundance eine begeisterte Aufnahme gefunden haben. Weil er sich von der Sehnsucht und der Schönheit, die von Trauer und Betroffenheit begleitet ist, hinreißen lässt? Sich reinfallen lässt in Gefühle und mit höchstens einem Hauch an Geschichte unseren Gehirnen keine anstrengende Aktivität abfordert?

Erinnert mich an die Schwärmereien religiöser Jugenden jeglicher Provenienzien. Aber das schätzen sicher viele, dass hier nicht stirnrunzelnd analysiert wird, hier wird über die Analyse der Schleier einer durch nichts zu widerlegenden Behauptung einer Parallelwelt, die rationaler Durchdenkung nicht einen Millimeter standhalten würde, gelegt. Wir wollen keine Probleme. Wir wollen Gefühle. Reine Gefühle. Konflikte passen nicht in so einen Film. Eher ist er eine Art Messe, eine sehr schöne Messe. Auch immer wieder die verwirrte oder irritiert herumgeisternde Frau, in Zimmern und Fluren und Straßen. Wie sie in ihrem leergeräumten Dachzimmer versunken sitzt. Ein schönes Bild. Schönheit um der Schönheit willen. Andachtsbilder sind das. Man müsste nicht viel daran ändern und sie würden umstandslos in die christliche Marienikonographie einzufügen zu sein.

Das opferhafte Gehabe von Rhoda. Hier wird nicht erzählt, hier wird zelebriert. Manche Bildern erinnern an Botticellis Primavera, aber sehr verhaucht. Das ist auch nur Schönheit und nicht Story. People living in the edge of light, heißt es an einer Stelle. Hier geht es nicht um Macher, Macker oder Bodychecker, nicht um Reiche und Betrüger, hier ist man der Alltäglichkeit, bis auf einige symbolische Putzgesten, entrückt. Entrückt entrückendes Kino, das kommt offenbar an in den gebeutelten Staaten.

Hier kann ich mir das weniger vorstellen. Zum Beispiel wie Rhoda das zelebriert, mit welcher Langsamkeit, wie sie in einer Tankstelle oder einem Supermarkt Gummibären kaufen will. So kauft kein Mensch ein. Aber das hebt sich andererseits kunstvoll und wohltuend ab von dem vorherrschenden Pseudorealismus, mit dem speziell bei uns das Kino vom Fernsehen infiziert wird. Wie eine Nachtwandlerin gibt sie uns zu verstehen, sie ist nicht von dieser Welt. Wenn das nicht mal die Arroganz des Göttlichen verrät. Beim Putzen steht sie in der Schule vor der Inschrift „The End of World ist here“. Clo-Pathetik.

Main-Heaven. Wo kommt sie her. Aus dem Himmel. Von Main. Nein von … New Heaven.
Sie ist vom neuen Himmel.
Welt der Retardierung und der Verlangsamung.
Ihr Gang wie gestört, abwesend, oder als ob sie unter dämpfenden Mitteln stehe. Das ist reiner Kitsch, wenn man es sich genau überlegt. Genre-Kino, was Gefühle wecken will, was vom öden Alltag abheben will.
Es kommt auch noch, welch christliches Symbol, der blinde Putzer von der Schule vor, der sich selbst geblendet hat und der dann ins Spital kommt und sie besucht ihn, so feierlich, da müssten Papst und Christus den Kürzeren ziehen.
Er hat den guten Rat parat: learn to adjust yourself! Beweis einer gewissen Naivität.
Impressionen, Komponist.
Dann noch das Gewinnspiel mit dem Raumflug.
Ein liebes Gespräch der Annäherung. Why are you cleaning Houses.
How old are you?
Ein Ausbruch der Wut bei John, wie sie einen roten Sweeter gewaschen hat; sie nimmt ihn gerade in die Hände und auch da zeigt sich die latente Kitschhängigkeit der Autoren, wie die Fitzelchen da wie der Flitter vom Christbaum in der Luft hängen, zauberhafte, entzückende, entrückende Welt.

Er entschuldigt sich später bei ihr: Can I take you somewhere.
Also doch auch ein ziemlich oberflächlicher Realismus noch dreingepackt.
Aber frei von Geist, jedoch voll bedeutungsvoll sich gebenden Gefühls. Den Geist musst du nicht mitnehmen in dieses Kino.
Auch schön: wie John mit dem Geigenbogen auf dem Sägeblatt spielt, das ist ein eindeutiges Indiz für die Stimmung im Film, für die Haltung, mehr wollen die gar nicht. Eher ein Konzert mit Stimmungsbildern von verwunschenen Welten.

Krass ist, dass in all der Stimmung, nachdem sie den Raumflug gewonnen hat, noch ein Medienzirkus auftaucht, ohne einen solchen können sich die Amerikaner die Welt offenbar gar nicht mehr vorstellen, aber von dem bleiben lediglich die Lichter und die Lichtstimmungen, das Kitschige also. Keine ernsthafte Auseinandersetzung.

Die Sehnsucht nach Entlastung von Existenz, die Sehnsucht nach Schwerelosigkeit, die sich in diesem Film artikuliert. Das können sicher viele nachempfinden.
Der Titel sagts: another Earth. Der Traum von einer anderen Welt. Ich bin nicht von dieser Welt (hat mal eine sehr sendungsbewusste religiöse Ikone gesagt).
(Der Film ist aber leider nicht so gut, dass man alles ausplaudern dürfte; wenn er er richtig gut wäre, wäre das kein Problem, das mit dem Unfall etc.)

Die Höhle der vergessenen Träume

Werner Herzog ist nicht bekannt dafür, es dem Zuschauer leicht machen zu wollen und da er hier eine Weltexklusivität über einen Zeitraum von 30’000 Jahren zu bieten hat, nämlich die erst 1994 entdeckten Chauvet-Höhlenmalereien und damit der Zuschauer nicht in ein allzu leichtes Konsumentenverhalten verfällt, in allzu eingeübten Kulturgenuss und Konsumismus, wird er für diese Reise in die Vergangenheit dadurch bestraft, dass er eine 3D-Brille tragen muss.

Wobei das wirklich beschwerlich ist, denn die Bilder verlieren an Licht, was besonders schmerzlich ist in Höhlen, die sowieso nicht so hell beleuchtet werden dürfen, in diesen maximal gesicherten und geschützten Höhlen, geschützt vor dem Publikum und dem Atem und der Luft und dem Licht der Heute-Zeit. Denn es gilt ein Menschheitserlebnis von vor 30’000 Jahren zu besichtigen. Vielleicht sogar den Beginn der bildnerischen Fähigkeiten des Menschen, Rinder, Panther, Wollnashörner, Hyänen, Höhlenbären, Mammuts und Eiszeitlöwen abzubilden.

Die Malereien sind eindrücklich. Man erstarrt leicht vor der Dimension von soviel Jahrtausenden. Die belegen auch eindrücklich die Tropfsteingebilde oder die glasierte Schicht, die sich über die Jahrtausende über die Skelettknochen und Schädel von offenbar in der Höhle verendeten Tieren gebildet haben.

Diese Höhlen sind der Öffentlichkeit absolut nicht zugänglich. Lediglich Forscher dürfen einige Monate im Jahr und jeweils nur einige Stunden am Tage sich darin aufhalten. Werner Herzog hat hier, allerdings auch mit x Auflagen, eine wirklich einmalige Möglichkeit erhalten, diese Dokumentation anzufertigen. Um kein allzu beengendes Gefühl aufkommen zu lassen gibt es aber auch genügend Außenaufnahmen mit Interviews von Forschern oder vom Weg zur Höhle oder einen Exkurs zur frühen Herstellung von Flöten aus Knochen oder die Unterhaltung mit einem Parfümier, der sich über den Geruch von Höhlen äußert. Ein Forscher meint, zur Betrachtung dieser Bilder müsse man sich sowieso außerhalb der Höhle begeben und vergleichen. Und wenn man australische Aborigines befrage, die bis vor wenigen Jahren noch Höhlen bemalt haben, wie sie auf die Idee kämen, was sie damit bezweckten, dann meinten sie, es seien die Geister, die malten, nicht sie.

Die Spekulation liegt nahe, dass Werner Herzog selbst auch so ein Geistermaler sei, den ein Geist zwingt, ständig Bilder und Bildfolgen herzustellen. Aber er wäre nicht Werner Herzog, wenn er nicht auf eines der größten französischen Kernkraftwerke aufmerksam machen würde, das gerade mal 30 Kilometer von den Höhlen entfernt die Umwelt heizt und dass damit flussabwärts riesige Tropenhäuser aufgeheizt und darin Krokodile gezüchtet werden, zu welchem Behufe verriet Herzog nicht, aber dass da auch viele Albinos seien; zwei solcher filmte er, wie sie sich en face gegenüber befinden und dann philosophierte er über das Bewusstsein der Krokodile, dass die vielleicht auch, hm.

Das Schöne an solch uralten Malereien ist die ganz, ganz dünne Nachrichtenlage, wer was wann aus welchem Grund gemalt haben könnte. Das eröffnet jeglicher Spekulation Tor und Tür. Dass die Menschen gar nicht in dieser Höhle gelebt hätten; dass sie vielleicht ein Kultraum war, man fand einen Schädel auf einem Steinquader genau in Richtung Ausgang schauend und genau in der Mitte platziert, ein Altar vielleicht.

Man könnte aber auch die ganzen Spekulationen lassen und sich schlicht überlegen, ob sich der Mensch wirklich soviel weiter entwickelt hat und ob es nicht vielleicht noch viel ältere, bis heute aber verborgene Spuren, Zeugnisse und Malereien oder gar Gegenstände gebe; oder ob wir Heutigen, wenn wir denn für einen längeren Zeitraum höhlenisoliert und eingesperrt wäre, nicht auch anfingen, Dinge, die uns bewegten zu zeichnen. Sind wir heute mit den ganzen Handykameras und Youtube-Beiträgen nicht auch eine Art Höhlenmalergeneration? Das ist Spekulation, ausgelöst durch Werner Herzog und die Krokodile.

Lustig ist noch die Demonstration eines Wissenschaftlers von einer Art Speer, der mittels eines Haken sehr gezielt und um die 30 Meter weit geworfen werden konnte.
Die Musik ging mir gelegentlich, vor allem zum Ende hin, merklich auf den Geist.
Da kam ich mir in meiner Rezeptionsfreiheit der an sich seit Jahrtausenden tonlosen Bilder doch sehr manipuliert vor.

Fenster zum Sommer

Ein Kinosoufflée von feinster Zubereitung, wunderschön anzuschauen, schmeckt wunderbar, aber schwierig zum Nacherzählen und gibt auch dem Geist wenig zum Verdauen; außer dem Versuch der Rekonstruktion des Narrativen.

Da es sich aber primär um das Portrait einer Frau in einem liebespsychologischen Loop handelt (Nina Hoss), dreht sich eh alles im Kreis. Nina Hoss ist mit einem Mann zusammen, ist sich aber der Liebe nicht oder nicht mehr sicher und träumt von einem anderen, mit dem sie nach Finnland fährt. Oder auf einer Reise nach Kopenhagen mit Otto, dem Buben einer verunfallten Freundin (Fritzi Haberland, die im Gegensatz zur versonnenen Nina Hoss, die im Tiefinneren auch noch an die Liebe glaubt, immer Pech hat mit den Männern, aber dafür den Buben Otto). Nina Hoss spielt Juliane und Fritzi Haberlandt spielt Emily. Die beiden Männer, um die die Gedankenwelt von Juliane kreist, sind zwei unauffällig gute Darsteller. Aber das Hauptinteresse der Regie gilt den beiden Frauen, eigentlich nur Nina Hoss, die den Film mit einem finnisch gesungenen Lied und auch ein paar Sätzen auf Finnisch eröffnet.

Um ihre Versonnenheit, ihre Liebesimmobilität noch schöner, noch schmerzlicher, aber auch noch abgehobener zur Geltung kommen zu lassen, braucht der Regisseur und Autor Hendrik Handloegten (er hatte ein Buch von Hannelore Valencak als Grundlage) ein irdischeres Gegenstück. Dazu eignet sich Fritzi Haberland ideal. Sonst verliert die Kreisbewegung um Nina Hoss den Halt. Vielleicht sogar eine Art Anbetungsfilm für die Frau. Die Bildgestaltung ist sehr subtil, entfernt sich gerne und schnell vom TV-Realismus, blendet unnötigen Hintergrund aus, arbeitet mit Schatten und Licht nur auf die Gesichter; zehrt auch von finnischen Stimmungen, dem Winter in Deutschland, von Stimmungen auf der Fähre zur Zeit der Mitternachtssonne.

Atmosphäre ist die Substanz des Soufflés. Nina Hoss mehr gelähmt als handlungsfähig im Dauerkonflikt zwischen den beiden Männern. Handlungsunfähig. Auf der Suche nach Vertrauen. Nach dem Urvertrauen. Oft grenzt die Lichtsetzung schon an die Malerei in der Nähe von Rembrandt. Es gibt eine Szene, die sieht aus wie ein Gemälde einer bürgerlichen Renaissance-Gesellschaft, die Köpfe hell, alle stehen um die Frau herum, die erzählt, wie Emily zu Tode gekommen sei. Und in einem völlig anderen blauen, hellen Licht steht plötzlich Nina Hosse gegenüber, wie ein Gemälde aus der Van-Gogh-Zeit und hört sich das an. Sie lebt in einer anderen Welt, vielleicht gar auf einem anderen Planeten.

Ein existenzieller Loop. Der Film als Loop. Das Verlangen nach der zweiten Chance. Juliane ist seit neun Jahren in diesem Loop. Vielleicht setzt der Macher bewusst die Unklarheit des Narrativen, das System Loop ein, um sich gegen hartnäckige Nachfragen zu schützen, apriori zu schützen. Der Loop des Déja-vus. Schmetterlinge im Bauch. Ein Kunstwerk, das keiner richtig verstehen kann, denn auch die Romanvorlage wurde sehr frei gehandhabt. Stream of looping consciousness. Und weil keiner es richtig versteht, weil der Macher aber alles so gut erklären konnte, traute sich auch keiner der Förderer abzusagen. Kinogemälde. Momentweise an Ionesco gedacht, „Die Kahle Sängerin“, das Ehepaar Smith, das sich im Zug begegnet als hätten sie sich das erste Mal gesehen. Dann stellen sie erstaunt fest, dass sie beide aus London kommen, aus der gleichen Straße, etc., bis sie noch erstaunter feststellen, dass sie letzte Nacht sogar im gleichen Bett geschlafen haben müssen und dass sie also folglich miteinander verheiratet sind.