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Lockout

Der Film trägt voll die elegante Handschrift des Visionisten Luc Besson, nach dessen Idee Stephen St. Leger und James Mather, die auch die Regie übernommen und mit Besson zusammen das Buch geschrieben haben. Besson fungiert zudem als Executive Producer in dieser ausdrücklich „europäischen Produktion“. Europäisches Action-, Thriller- und SciFi-Kino aus bestem Hause, wenn man so will.

Für seinen Plot greift Besson eine Zukunftsidee auf, die bestimmt Sicherheitsbehörden oder Geheimdienste schon mal erwogen haben dürften: Schwerverbrecher in eigens konstruierten Stationen im All unterzubringen. Bei Besson werden sie in eine Art künstlichen Tiefschlaf, „Stasis“, versetzt. Mit dieser Idee streift Besson leichthändig ein schwieriges Thema unserer Zeit: der Strafvollzug, auch wenn er das nicht weiter vertieft, es ist doch ein Schmerzpunkt, dass Menschen immer noch Menschen einsperren zu müssen glauben, teils lebenslänglich.

Allerdings gerät der vermeintlich sichere Vollzug im All in diesem Film außer Kontrolle.

Die Tochter des amerikanischen Präsidenten, Maggie Grace als Emilie Warnock, informiert sich in einer humanitären Mission zur „MS One“, der Knast-Raumstation 50 Meilen über der Erde über diese Art modernen Strafvollzugs.

Parallel wurde Undercoveragent Snow, Guy Pearce, ziemlich unsanft, aber in Besson-Brillianz inszeniert, verhört. Er ist hier als ein expressiv sich exponierender Agententyp mit kalter Schnauze und immer einem Gegenwort statt einer gewünschten Antwort charakterisiert, der damit jedesmal einen Faustschlag ins Gesicht als Quittung erhält. Er wird verurteilt und soll in den Weltraumknast verbracht werden.

Gleichzeitig lässt sich die Präsidententochter im Weltraumknast die „Prisoner Stasis Procedure“ vorführen. Ein Häftling wird aus seinem Hochsicherheitsaufbewahrungsfach herausgenommen und aufgeweckt. Der nutzt nun die Chance, und Besson trödelt keine Sekunde, das geht Schlag auf Schlag, wie schon alles bisherige, der Gefangene nutzt also die Chance, seine Bewacher zu überwältigen, die Mitgefangenen aufzuwecken, die „MS One“ in seine und der Gefangenen Gewalt zu bringten. Gefangenenrevolte im Weltallknast.

Einer der Häftlinge, Mace, hat das Wissen über den Verbleib eines Koffers, an dem Snow interessiert ist. Das benutzen die alarmierten Sicherheitsbehörden nun, denn die wissen, dass die Präsidententochter in den Händen der Knastis ist, Snow zu überrreden, sich auf die Station fliegen zu lassen und die Geisel zu befreien. Damit kann er seine eigene Freiheit erkaufen.

Somit wird nun rasant und elegant zugleich die ganze Befreiungskiste in Gang gesetzt. Immer werden die modernsten technischen Geräte, die es schon gibt, oder die es noch nicht gibt, eingesetzt. Besson liebt die Spielereien damit. Und aus der Befreiungsgeschichte wird, man möchte fast sagen: augenzwinkernd, auch noch eine Liebesgeschichte zwischen Snow und der Präsidententochter. Aber bevor die Liebe kommt, muss Emilie Snow gehörig nerven mit ihrem Gelabere, wobei die Mund-zu-Mund-Beatmung schon hinter uns liegt.

Snow stattet sie mit einem Gewehr und einem synthetischen Apfel aus mit der Bemerkung „here is a an apple, here is a rifle, dont talk to strangers, shoot them“. Oder vorher, wie sie noch blutete „stop the bleeding and hopefully the talking”. Der Film ist voll solch lockerer Sprüche, die zeigen, dass die Filmemacher nicht nur begeistert von ihrem Genre sind, sondern dieses auch mit Pep undd einer Idee von Esprit servieren wollen.

Mit wenigen Strichen charakterisieren sie die Nebenfiguren. Den Gefangenen mit dem blinden Auge und dem riesig offenen Mund, der vom Hals aus immer in Bewegung gehalten wird. Mace, der Freund, der völlig durchgeknallt scheint und für jedes Wort, was er sagen will, einen halben Dadaismus an klang- und lautähnlichen Wörtern runterspult und irgendwie herrlich weggetreten wirkt. Der Chef der Aufständischen, eine Figur, dem eine Mischung aus Ähnlichkeiten von Jean Reno und George Clooney als Maske und auch als Spieltick gegeben wurde. Und Snow, der immer aufbegehrt, immer am Rande der Überforderung steht, sich aber nie verbiegen lässt und immer mal wieder vernehmlich schwer schnauft.

Bestens genießbares europäische Action-Kino.

Das Hochzeitsvideo

Ein Pointenschwurbelkino ist das, mit Pointen als solchen, die den Darstellern ziemlich wahllos in den Mund gelegt werden; immerhin mit hauptsächlichem Bezug auf das Thema Hochzeit.

Vor lauter Youtube und dem Titelthema Hochzeitsvideo und damit Lustigseinwollen haben der Drehbuchautor Gernot Gricksch und auch der Regisseur Sönke Wortmann vergessen, worums im Kino beim Thema Hochzeit immer geht und immer gehen muss: die Liebe.

Einmal nur sprechen die Braut und ihre Freundin in einer Wartezeit beim Tättowierer darüber, dass Pia, die Braut, ihren Bräutigam, Sebastian, wirklich liebe und dass ihr Ex-Freund, der Pornodarsteller, ihr das nicht geben konnte, was der Adelige Sebastian ihr geben kann.

Der einzig echte Youtube-Szene kommt ganz am Schluss des Abspanns, da spielt wie improvisiert Stefan Ruppe einen Rap zum Thema Ehe mit dem Schlusskommentar, „das wars in etwa“.

Aber es wars eben höchstens „in etwa“ mit diesem Film, dessen Substanz sich in Komplikationen, die sich auf dem Weg zur Hochzeit einstellen können, erschöpft. Die Story ist „in etwa“ die, dass Daniel, der Freund des Bräutigams, die ganzen Vorbereitungen und die Hochzeit filmen soll und das natürlich auf Youtube veröffentlichen wird, so habe ich das verstanden. Der Film tut also so, aber er tut es lange nicht konsequent, dass er aus den Aufnahmen von Daniel zusammengestellt worden sei.

Aber wenn das alles so privat und für Youtube aufgenommen wird, wieso sind die Darsteller teils so brutal überschminkt? Man wundert sich nach einer Szene zwischen Bräutigam und Freundin der Braut, wie die Kamera, von der behauptet wurde, Daniel habe sie aufgestellt, um dem Bräutigam via Kamera etwas zu sagen und dann platzt die Freundin der Braut rein und dann gehen sie aus dem Bild und noch bevor sie die Kamera grabschen können, fängt die an hochzusteigen und guckt über eine Mauer, hinter der gerade der Fabian mit einer dicken Frau gefickt hat; aber sie findet ihn nicht dick genug.

Filme, die eine Hochzeit zum Ziel haben sind nichts Neues; die Werbung von „Das Hochzeitsvideo“ bezieht sich ausdrücklich auf „Hangover“ und „Brautalarm“ – und tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Weder geht es um Existenzielles, Tiefcharakterliches wie bei „Brautalarm“, wo jeder Figur sehr gut skizziert war und es immer um die Liebe ging, noch geht es um eine überbordende Sause wie bei „Hangover“, wo immerhin mords was los war und auch die Charaktere deftig.

Hier geht es darum, dass der Freund des Bräutigams ein Video für Youtube, wie immer wieder erwähnt wird, herstellen soll über die letzten Tage vor der Hochzeit, also die Vorbereitungen, Junggesellenabschied, Polterabend, Ziviltrauung bis zum Höhepunkt der kirchlichen Trauung. Eine Videoreportage für die Zeit von Dienstag bis Sonntag.

Durch die Kameraführung wird der Bräutigamsfreund als ziemlich ungeschickt und verwackelt charakterisiert. Jeder junge Mensch heute geht souveräner mit der eigenen Kamera um. Aber der die Regie führt, ist im Vergleich zur Youtube-Generation bereits ein in die Jahre gekommenes Fossil, das zuletzt die Päpstin als Stand-In von Volker Schlöndorff mit großem Aufwand verfilmt hat, Sönke Wortmann, der im Interview sehr witzig sein kann.

Wie soll er da plausibel die Freiheit und Frechheit und Spontaneität eines Hobbyfilmers imitieren können. Dann hat er ein miserables Drehbuch in der Hand, was unter Drehbuch Pointen dreschen versteht unabhängig von den Charakteren der Darsteller, die gar nicht erst entwickelt worden sind. Ganz zu schweigen von den grausam geschriebenen Pfarrerszenen.

Auch ist nicht zuerst eine intakte Liebesbeziehung gezeigt worden, ist nicht die Erwartung auf ein tolles, rauschendes Fest hochgeschraubt worden, also die simpelsten dramaturgischen Tricks, um ein Publikum zu gewinnen und dann bei der Stange zu halten und es anschließend lustvoll daran teilhaben zu lassen, wie ein traumhafte Illusion allmählich zerbröselt, hielt man hier nicht für berücksichtigenswwert.

Szenen müssen gezwungen originell sein, ob die Anprobe mit Kummerbund und billigen Pointen dazu beim Bräutigam oder eine sehr erzwungen wirkende Originalität der Vorbesprechung beim Pfarrer. Man hat den Eindruck, keiner nimmt hier den Charakter seiner Rolle ernst, weder das Drehbuch, noch die desinteressierte Regie noch die Darsteller selber. Wobei bei letzteren ein paar Abstufungen zu beobachten sind. Der Pfarrer spielt seine Rolle zwar ernsthaft, aber die Texte und wie die Szenen, vor allem die Hochzeitszene auf Kilometer erwartbar aus dem Ruder läuft, sind so hanebüchene Reaktionen, dass die der Figur die letzte Glaubwürdigkeit nehmen. Susanne Tremper ist als Mutter der Braut immerhin eine Type mit Charakter. Sie erinnert auch gerne an die Vergangenheit der Adeligen-Villa als SS-Quartier und hat überhaupt ne recht kecke Schnauze.

Aber zum Beispiel die Kostümanprobeszene, da glaubt man sich auch von der lausigen Auflösung her in einer Daily-Soap. Vielleicht verwechselte Söhnke Wortmann Youtubehaftigkeit mit verwurstelter Szenenauflösung. Es gibt auch gar nicht erst eine erzählerische Rahmenhandlung, die nicht youtubisch ist. Es fängt youtubisch an und zwischendrin ist man irritiert, ist da jetzt doch eine auktorial erzählende Kamera oder wessen Handy oder Kamera nimmt das und das jetzt auf?

Es fehlt bis auf den vorhandenen chronologischen Faden auch die Klarheit, wie der Zusammenschnitt der Szenen zustande gekommen ist; ob da noch jemand rüber gegangen ist übers ganze Material oder ob Wortman für uns so eine Art Musterschau veranstaltet mit sehr häufigen Blacks drin, wenn wieder jemand ganz unnatürlich gefordert hat, man möge die Kamera ausschalten.

Eine große Krux in dem ganzen Verhau ist auch ein schauspielerisches Problem. Einerseits gibt es Szenen, wo die Darsteller unbeobachtet sich geben müssen, wo die Kamera als versteckte Kamera wirkt, da agieren die Akteure aber durchs Band viel zu schauspielerisch, darauf müsste eigentlich ein so renommierter Regisseur achten. Dann die Variante, dass die Leute wissen, dass sie gefilmt werden und so tun als ob sie es ignorieren, wobei dieses Ignorieren auch noch in Varianten unterteilt werden könnte und dann noch die Variante, wo sie direkt in die Kamera sprechen. Diese Unterschiede nicht ganz präzise rausgearbeitet zu haben, würde ich als eine ziemliche Schlampigkeit bezeichnen.

Besetzung Brautvater und Brautmutter unglaubwürdig. Wobei immer das außerordentlich schwache Drehbuch dazukommt, was die Charakterisierung der Figuren betrifft. Auch dem Ex-Porno-Darsteller nimmt man diesen Job einfach nicht ab, weiß nicht wieso.

Die Casterinnen Anja Dihrberg und Suse Marquardt haben offenbar kein Auge für die Kinoqualitäten von Schauspielern, wobei durchaus angenehm auffälllt, dass einmal nicht die ewig gleichen Subventionsgesichter zu sehen sind. Aber die jungen Mänenr, die schauen alle aus wie Klone aus der Rasierwasser- oder Unterwäschewerbung und die Frauen sind generell zu hart und zu schrill. So können sich unter den Darstellern keinerlei Beziehungen entwickeln. Ist wohl gar nicht erst beabsichtigt, da es sich vornehmlich ums Kalauern und Pointendreschen handelt, ohne Rücksicht auf die Charaktere. Das ist die große Drehbuchschwäche. Dass es sich überhaupt nicht mit den Charakteren beschäftigt. So kommen unspannende Klischeefiguren raus, die niemand im Kino sehen will. Die Frauen am Jungesellinnenabschied viel zu hart und zu schrill.

Youtube-Filme sind allesamt viel lustiger und spontaner. Das Kino des Sönke Wortmann ist gegenüber Youtube ein Greisenkino.

Es sind schon Ähnlichkeiten mit privaten Homemovies da. Der Unterschied ist allerdings, dass die Zuschauer beim privaten Movie die Geschichten und Charaktere der Partizipienten kennen, während hier der Zuschauer kaum Vorgeschichte von den Figuren und schon gar nichts von ihren Konflikten mitkriegt, lediglich Probleme mit der Organisation der Hochzeit oder des Abwehrens einer unerwartet auftauchenden und Verwirrung stiftenden Vergangenheit in Form des Pornodarstellers Keule.

Mei, und der Standesbeamte schaut sich zuhause Filme mit Hunden an.
Lustigkeit komm heraus, wir erwürgen Dir. Gilt auch für die Hochzeitszeremonie in der Kirche. Der Pfarrer sagt da ziemlich dumme Sätze “dann wollen wir mal gucken, ob wir Sie noch unter die Haube kriegen“. Unsägliche Krampflustigkeit. Nicht ansteckend zum Glück.

Dann noch einige TV-bescheidene „Was ist denn hier los?“-Sätze.

Nu, dann wollen wir mal gucken, ob wir mit so einem Film die Zuschauer ins Kino locken.

Ausgerechnet Sibirien

Ein Mann, nicht besonders sportlich, etwas älter, joggt durch die Straßen eines Wohnquartieres einer deutschen Stadt. Er hat Kopfhörer auf; der Text, den er hört, wird dem Zuschauer ins Kino eingespielt. Es ist ein gesprochener Text aus einem Buch von Olaf Karasek, „Der Fluch des Schamanen“ wie wir später erfahren werden. Die Rede ist vom Schamanen, wie er bewegungslos in seinem Erdloch sitzt. Aha, einer joggt und hört sich einen Text über einen bewegungsllosen Schamanen an. Joggen und regungsloser Schamanismus, wie geht das zusammen? Vielleicht haben wir es mit einem widersprüchlichen Menschen zu tun, mit einem Menschen, der offenbar nicht das tut, was er gerne tun würde. Oder vielleicht kommt er sich stark vor, wenn er beim Joggen an einen regunslosen Mann denkt?

Er macht dann, wie er sich seinem Haus nähert, noch den Versuch einiger befreiender, tänzelnd-tänzerischer Schritte. Übersprungshandlung? Kommentar zum eigenen Jogging? Vor seinem Haus warten zwei Typen, die im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen werden. Sie wollen von unserem joggenden Schamanismus-Hörer ein Bettgestell kaufen. Sie sind aber zu früh da. Aha, die sind zu früh. Was hat das für eine Bedeutung, dass es im Drehbuch geschrieben und dringelassen worden ist? Zu früh für einen Bettgestellkauf. Auch das Bettgestell wird im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen.

Die ersten Szenen eines Filmes setzen den Zuschauer auf ein Gleis oder den Zug der Spannung. Mit Joggen, Schamanismus-hören, zu frühen Interessenten für einen Bettgestellverkauf sind hier allerdings gleich zu Beginn drei extrem verschiedene Signale gesetzt, die nun, manchmal arbeitet das Zuschauerhirn sehr schnell, erstmal so gar nicht wie der Anfang einer Geschichte aussehen, aus denen sich das arbeitende Zuschauergehirn erst mal gar keinen Reim machen kann. Vexierspiel?

Die Autoren Minu Barat und Michael Ebmeyer machen es mit diesem so beliebig scheinenden Anfang, mit wenig Gemeinsam-Nennerhaften dem Regisseur Ralf Huettner und seinem joggenden Hauptdarsteller Joachim Krol und auch dem Zuschauer nicht unbedingt leicht, sich mit den ersten herausgestellten Elementen des Filmes eine Geschichte ansetzen zu können. Da es sich um einen professionell sich gebenden Kinofilm handelt, muss davon ausgegangen werden, dass sich die Autoren bei einer solchen Exposition was gedacht haben. Aber was nur haben sie sich gedacht mit diesen expliziten Hinweisen?

Es kommt die Frau des Joggers dazu. Es gibt Andeutungen, dass die Ehe des Protagonisten nicht im besten Zustand ist. Der Jogger gibt noch die Info an seine Frau, dass er für seine Firma für eine paar Tage nach Sibirien verreisen müsse. Tja, der Anfang einer Geschichte kann ein schwieriges Unterfangen sein, das jedenfalls vermitteln uns die Autoren.

Die Firma stellt Dessous her, ist in Leverkusen ansässig und heißt Fengler – und wer jetzt dies Wortkombination Dessous-Leverkusen-Fengler lustig findet, der darf sich auch amüsieren; und findet es vielleicht noch lustiger, wenn er erfährt, dass unser Jogger Matthias Bleuel heißt.

Die kurze Exposition hat immerhin einen Eindruck von den Charaktereigenschaften des Protagonisten gegeben, er scheint entfernt eine Ähnlichkeit mit Mr. Bean zu haben (leider hat er nicht die entsprechenden Szenen), er scheint leicht schwerernöterisch zu sein, schwer von Begriff, er hat etwas leicht Verdattertes, ist wohl sehr zuverlässig und mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet (wenn er jetzt in eine Situation geriete, die zum Beispiel Selbstbewusstsein forderte, so wäre das vielleicht spannend) er scheint etwas kompliziert zu sein und ist nicht gerade ein Idealbild von Mann, hat möglicherweise viel geschluckt oder schlucken müssen in seinem Leben.

Es fehlt jedoch das pointierte Herausstellen einer brisanten Charaktereigenschaft, bei der schon die Erwähnung einer Reise nach Sibieren, den Zuschauer mit Vorfreude, Vorschadenfreude, Vorschaulust, Vorvergnügenslust oder einfach mit Spannung erfüllen würde. Diese Info hier ist allerdings in etwa so spannend, wie wenn ein Beamte mitten in einer Besprechung sagt, er muss mal schnell aufs Clo.

In Sibirien wird Bleuel sich voraussichtlich ebenso weltfremd bewegen wie hier, einerseits joggen, andererseits der Schamanismus-Lektüre frönen. Denn wir haben nichts über Schmerz- und Sehnsuchtspunkte von ihm erfahren, nicht sinnlich, nur theoretisch über den Köpfhörertext vom Schamanismus.

Auch blieben die Infos über die Ehe merkwürdig karg und so alltäglich und wenig signifikant, dass nun eine Sibirienreise garantiert nicht als Hoffnung gewertet werden könnte, daran was zu ändern. Diese Ehe war fast nur als hypothetisches Klischee-Konstrukt vorgetragen. Kann somit höchstens Ausgangspunkt für eine weitere hypothetische Erörterung bilden, nicht aber für ein sinnlich-erfahrbares Kinoerlebnis.

In Nowosibirsk legt Armin Rohde einen souveränen Auftritt als mafiaähnlicher Geschäftemacher hin, mit fettem Anzug und dicker Krawatte und er schmiert den Deutschen Bleuel an der Behörde vorbei. Bald schon sieht dieser bei einer Rast den Schamanen auf einem Pferd am Horizont vorbeireiten. Aha, ist er auf der Suche nach dem Schamanismus? Nein, er muss in einer Filiale von Fengler im einsamsten Sibirien, ja was muss er da machen, das wird gar nicht so richtig klar, er gibt zwar gelegentlich Erklärungen ab und eine Russin meint, er bräuchte eine Frau.

Sprachliche Schwierigkeiten sind immer dankbare Sujets, und um diese nicht ausufern zu lassen, wurde ein smarter Dolmetscher engagiert, der fließend russisch und ein sehr glattes Deutsch spricht. Der hat in Deutschland die Liebe seines Lebens kennen gelernt, die zu Bernd.

Was Krol in Sibirien zu erledigen hat, ist einigen Ausdrücken aus seinem Text zu entnehmen: „Compatibility Report“, „kürzere Transportwege“, „Leitlinien aus Leverkusen“. Das ist auch so ein dramaturgisches Problem, dem Zuschauer das Ziel einer Reise erst peu á peu bekannt zu geben. Das gibt der Vermutung Nahrung, dass es den Autoren auch gar nicht darum ging, dass das bloss ein billig konstruierter Vorwand für das Folgende zu sein habe. Man nimmt also fundamentale Glaubwürdigkeitsprobleme einer Story in Kauf, um das zu zeigen, worin man sich vernarrt hat.

Denn schon ist die fröhliche Schar, die Fengler-Verkäuferinnen-Schar aus Sibirien mit dem Deutschen auf einem Rummelplatz. Dort hört Bleuel die Sängerin Sajana mit Kehlkopfgesang, die auch schorische Lieder singt. Er verliebt sich sofort in sie und in ihren Gesang. Der ist in der Nähe des Schamanismus anzusiedeln. Uns überrascht das nicht sonderlich. Wieso nicht? Weil das mit dem Schamanismus-Faible bereits in der Figur angelegt ist. Bleuel gerät nicht in einen Konflikt, er begegnet lediglich einer Sache, die eh schon Teil von ihm ist. Und sein Pflichtteil ist nicht so glaubwürdig fundiert worden, dass es zu einem Konflikt reichen würde.

Bleuel sollte drei Tage bleiben. Aber er verlängert die Geschäftsreise wegen Kehlkopfgesang und Schamanismus und Sajana. Und noch bevor wir kapiert haben, was los ist, wird aus dem Film, dessen Ziel wir bis jetzt noch nicht ganz verstanden hatten, ein netter Werbefilm für Sibirien, seine Landschaften, für schorisches Spa qua Sauna. Denn Bleuel und sein dolmetschender Begleiter geraten in immer abgelegener, schönere, untechnisiertere sibirische Landschaften. Einzig die erklären uns plausibel, dass ihretwegen der Film nämlich gemacht worden ist und dass als Vorwand notdürftig und offenbar mit nicht zuviel Bedacht, eine „Geschichte“ von den Autoren zusammengeschustert worden ist, die an allen Ecken und Enden leidet. Verwunderlich allerdings, dass Ralf Hüttner diese erfolgsbeschränkenden Schwächen nicht gesehen haben will.

Für den Zuschauer stellt sich allenfalls als einziger Mehrwert, jener einer touristischen Information über eine untouristische Gegend ein, wenn ihn das denn interessiert. Oder vielleicht sind Esoteriker wegen dem Schamanenthema als Zuschauer für den Film zu gewinnen. Man erfährt aus schamanischem Munde etwas über die Befreiung aus dem eigenen Gefängnis. Aber von einem Gefängnis war bisher weder Rede noch Bild noch Symbol. Oder war das Bettgestell am Anfang des Filmes, das ausrangiert werden sollte, das Symbol für das Gefängnis, in dem Bleuel steckte?

Netter Witz nach Sauna: neugeboren bei den Schoren.
Ach ja, Bleuel hat auch eine Tomatenallergie, er bekommt von ihnen einen anaphylaktischen Schock. Auch das eine Eigenschaft, die leider im Drehbuch nicht spannungserzeugend eingesetzt worden ist.
Im übrigen ein sehr züchtiger Film.
Es gibt dann noch ein Lagerfeuerritual.
Irgendwann scheinen dem Filmteam in Sibirien die schorischen Ideen ausgegangen zu sein. Da haben sie in Leverkusen zu Ende gedreht.

Attenberg

Schon die erste Szene zeigt ganz deutlich, wir haben es hier mit Vorzeige-, mit Aufzeigekino zu tun. Immerhin eine klare Ansage.

Vor einer Wand stehen sich Marina und Bella gegenüber. Sie machen sich daran, einen Zungekuss auszuprobieren. Marina, die braunhaarig leicht Lockige hat überhaupt noch nie einen Kuss ausprobiert. Die schwarz-glatthaarige Bella will ihre Freundin in die Kunst des Küssens einführen. Die Köpfe nähern sich, die Zungen züngeln, nähern sich, berühren sich. Es geschieht ohne Erotik, ohne Liebesbeziehung. Wie ein naturwissenschaftliches Experiment versuchen die beiden Frauen den Kuss zwischen zwei Frauen, den Zungenkuss und besprechen ihren Versuch darnach.

Die Angelegenheit ist merkwürdig schleimig. Es geht ums Frausein als Geschlechtsperson. Wie komplex das sein kann, wie frustrierend, wie unlustig. Es geht auch um den Traum von der Liebe. Den illustriert rein akkustisch ein französisches Chanson. Es geht um Träume von der Liebe, die erschrecken macht.

Es gibt einige Passagen im Film, da lässt die Regisseurin Athina Rachel Tsangari ihre beiden Protagonistinnen in kurzen Röcken und mit Stiefeln, Arm in Arm Tanzschritte ausführen. Das scheint wie eine kleine Hommage an Pina Bausch. Einmal tanzen die beiden Freundinnen nicht, da denkt man erst, sind die jetzt im Innenhof einer psychiatrischen Anstalt, sie gehen so gedeckt, so überruhig und erzählen sich Träume, die eine hat von einem Pimmelbaum geträumt, alle Arten von Pimmeln, die andere, Marina, die sich nicht so richtig über Männer freuen kann, hat von einem Busenbaum geträumt. Sie hat auch einen sterbenskranken Vater und einen Beruf, zumindest einen Job.

Marina ist Fahrerin in einem Industriebetrieb, der Rohstoffe abbaut; das Schlussbild findet vor malerisch roten Abraumhalden statt, durch welche LKWs kurven.

Die Männer im Film sind alles sehr ähnliche Typen mit ähnlichem Haar- und Bartschnitt, insofern nicht leicht zu unterscheiden, am ehesten noch der Bestatter, weil der älter scheint. Sich ähneln tun der Vater von Marina, ihr Fahrgast und der Mann, mit dem sie in einem Hotelzimmer ungeschickte Geschlechtsverkehrsversuche unternimmt. Aufzeigen, wie schwierig so ein Akt sein kann.

Nebst dem Industriebetrieb gibt es noch einen Stadtteil aus geometrisch angeordneten, flachen, weißen Mauerbauten und einem einzigen, futuristisch in den Himmel geschraubten Wohnhochhaus. Von da gucken die beiden Freundinnen auch mal auf die Straße runter und spucken was das Zeugs hält.

Marina will ihren Geschlechtspartner für sich behalten, auch dem Vater will sie ihn nicht vorstellen. Sie befürchtet, ihre Freundin würde mit ihm flirten.

Die Locations werden so gefilmt, dass der Eindruck entsteht, sie liegen an einer griechischen Bucht. Einmal fährt der Vater mit den beiden Freundinnen Boot. Wieso man bei diesem Film durchaus zuschauen kann, auch bei einer solchen Szene, das dürfte daran liegen, dass sich die Regisseurin einfach Zeit lässt. Sie schaut zu, wie die beiden mit dem Vater von Marina Boot fahren. Dinge geschehen lassen.

Dann wird wieder viel diskutiert. Über das Geschlechtliche, über die Liebe. Direkt köstlich ist die Liebesszene von Marina, in der sie alles zerredet. Kein Wunder, dass sich beim Mann unter ihr kaum was regt.

Reichlich akademisch kommt mir der Satz von Spyros vor, so heißt der Vater von Marina, er boykottiere das 20. Jahrhundert und damit meint, dass er wohl ins Jenseits gehe. Auch darüber gibt es ein Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter, über die absehbare Bestattung. Sie solle die Asche in Griechenland ins Meer verstreuen. Dann gibt es Spyros-Suppe. Dem hält er entgegen: Bouillabaisse.

Nichts gegen die Gekünstelheit von Gesprächen und Texten. Aber irgendwie möchte man dann doch auch etwas erkennen damit, Gedankenspiele nachvollziehen können. Wie Gespräche mit dem Bestatter aufkommen, wie sie offenbar inzwischen weitherum im Kino in Mode sind – vermutlich um zu zeigen, wie es um unsere Bestatter- und Totenkultur bestellt ist – kommen mir doch leise Zweifel an diesem Film. Was will uns die Regisseurin „zeigen“? Was will sie uns erzählen? Dass Frausein schwierig ist?

Angenehm am Film, dass keine Handies vorkommen und ganz in diesem Sinne ist auch der Satz: „wir hatten niemals einen Fernseher verwendet“. Nach all dem und dem Problematisieren lässt die Regisseurin über den roten Abraumhalden und nachdem die Protagonistinnen das Bild verlassen haben, noch ein französisches Chanson spielen: es geht um das Verliebtsein, die Zeit der Liebe, an die man sich erinnert.

An welche Liebe genau will sich die Regisseurin mit diesem Film erinnern? Oder sind ihre Erinnerungen für sie so gefährlich, dass sie sie in einen recht abstrakten Postulatsfilm packen muss? Muss man den Film eher als Psychogramm einer unbefriedgten/unglücklichen Frau zu lesen versuchen?
Der Film heißt Attenberg, weil die Protagonistinnen, mal einzeln mal zu zweit am Fernsehen Tierdokumentationen schauen von Sir David Attenbourough, griechisch klingend wie Attenberg.

50/50 – Freunde fürs (Über)Leben

Ein Krebsbegleitfilm. Oder ein modellhaftes Movie über den Umgang mit einem jungen Mann, der an Krebs erkrankt. Noch ein Tumorfilm also. Die Moral könnte die sein, wie der Titel eines Buches lautet, das sein Kumpel offenbar liest „Facing Cancer together“. Zusammen dem Krebs begegnen. Das schließt durchaus das Publikum ein. Es wird vorerst launig und mit Nonchalence in die Handlung reingelockt, um dann immer mehr in die tieferen Gefühle hineingezogen zu werden, den Ernst einer solchen Erkrankung und die Fragen, die sich darum herum ranken.

Ein in seinem kreativen Beruf erfolgreicher junger Mann erhält die Diagnose Krebs. Herzerschütternde, herzerweichende Reaktion der Mutter, die Freundin wird bald schon fremd gehen, der Kumpel kann es erst nicht ernst nehmen, liest aber später das Buch und bleibt bis zur schwierigen Operation am Rücken, die gut verläuft und nach welcher der Film bald zu Ende, ist ein guter Kumpel.

Sehr komisch gezeichnet die psychiatrische, ärztliche Begleitung, eine ganz junge Frau. Unser Patient, er heißt im Film Adam und wird gespielt von Joseph Gordon-Levitt, wundert sich, erfahren zu müssen, dass er erst ihr dritter Patient sei, also nichts anderes als ein Versuchskaninchen. Das führt zu komischen Szenen mit einigen gemischtgefühligen körperlichen Berührungen durch die Ärztin.

Adams Kumpel heißt im Film Kyle und wird gespielt von Seth Rogen.

Es ist ein Film, der modellhaft diverse Situationen um und nach einer solchen Krebsdiagnose zeigt. Auch die Chemotherapie, das Scheren des Kopfes, die anderen Patienten bei der Chemo, die Witzeleien, die sie machen. Man kann mit dem Tod und der Todkrankheit ja nicht nur immer bierernst umgehen, das will dieser Film zeigen. Es ist ein Mutmachfilm für den Umgang mit dem Krebs, mit der Mode- oder Zeitkrankheit Krebs.

Die Freundin flirtet bald schon auf einer Vernissage mit einem bärtigen Künstler; sie hat selber Bilder gemalt, eines nennt sie „Depression“. Wie Adam sie rausgeschmissen hat, weil Kyle sie auf der Vernissage mit dem Bärtigen beim Küssen fotografiert hat – auf diese Entdeckung folgt eine lustige Szene: die beiden Buddies arbeiten mit Brennern am Bild rum, bis es was hergibt.

Wie Adam sich die Chemo-Glatze schneiden will mit dem Rasierapparat von Kyle, da fragt er ihn, wozu er, der Bärtige den eigentlich benötige, und er meint vielsagend: für den Körper, genauer, nach Nachfrage, den Arsch und Adam kann sich herrlich aufregen darüber, dass er den Apparat nicht mal gewaschen habe; nette Hygieneinputs in diesen Film, nach der Ermahnung reibt er dann mit einem Wattestäbchen die Creme ein und Adam sind da die Haare bereits wieder einige Millimeter gewachsen.

Der Vater von Adam ist dement.

Will Reiser hat das Buch geschrieben, Jonathan Levine die Regie geführt.

Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit

Was ist Freiheit? Was sind unsere Träume? Was ist Anerkennug? Wie lebe ich mein Leben? Das alles sind Fragen, auf die die hier in der Art eines liebevollen Fantums von Britta Mischer und Nana Yuriko portraitierte Berliner Szene-Bar 25 eine Antwort zu geben versucht.

Vielleicht auch ein Versuch, die Zeit anzuhalten, die Jugend anzuhalten, sie festzuhalten. Ein wehmütig angehauchter Blick zurück auf ein Projekt mitten in Berlin am Spreeufer, was nach sieben Jahren dicht gemacht hat. Der Blick zurück auf etwas, das war, das aber nicht mehr ist. Insofern auch ein Film über Vergänglichkeit.

Es war der Traum von der eigenen kleinen Oase, von einer Abgenzung gegen das langweilige Leben. Die Gruppe um Christoph, Danny, Steffi und Juval herum lebte den Traum von der Kommune. In alten Bauwägen mit einer Dusche für 20 Leute. Mit selbstgebauten Hütten, Bühnen, Partyzelten. Sie veranstalteten Themenpartys mit Techno oder psychodelischer Musik. Sie bauten sich ihre Miniaturwelt mitten in der Stadt und doch wie weggeschlossen von der Stadt. Sie wollten die Zeit festhalten, haben versucht, sich gegen das unerbittlich Zerrinnen der Zeit zu stemmen.

Mal waren sie 24 Stunden am Stück wach oder gar 56. Der hier gezeigte Kosmos ist sicher was für Kulturforscher und Fans des Clubs. Immer in bunten Farben verfremdet. Eine Märchenwelt. Eine eigene Realität wollten sie sich erschaffen. Und nochmal eine eigene, die Clubrealität verbrämende Realität die Filmemacherinnen. Sie wollten die Stadt dadurch lebenswerter machen.

Der Film wirkt stellenweise wie ein Blick durch ein starkes Mikroskop auf einen Wassertropfen. Nur viel bunter. Aber genau so quirlig. Das Team verstand sich als Business-Hippie-Gemeinschaft. Sie sahen sich selbst bunt und die Stadt sahen sie grau.

Zwischendrin haben Britta Mischer und Nana Yuriko in ihrem Fotoalbumfilm immer wieder auf Schwarz Zitate von Martin Luther, Mark Twain, Aldous Huxley, Nietzsche Hundertwasser eingestreut. Versuch, die bildungsbürgerlichen Dichter und Autoren beim Wort zu nehmen.

Konfettigewitter, Feuerwerk oder sich wälzen im Schlamm, dicht gedrängt Körper an Körper abtanzen, Alkohol einflößen, das ist Leben, das ist Glück. Sinn und Rausch.

Das Projekt scheint auch von einer großen Sehnsucht nach Sorglosigkeit geprägt zu sein. Wobei jede Partyorganisation paradoxerweise extrem viel systematische Vorbereitung braucht.

Der Beat als Herzschlag interpretiert. Ein Ort, sich gehen zu lassen. Ein mystischer Ort, wurde auch gesagt. Ein Ort der Verzauberung. Es geht hier nicht um Gerechtigkeit der Welt, um die großen ökonomischen Fragen, es geht um ein Ort fernab der Welt (und doch mitten drin). Gleichzeitig wieder behaupten sie, hier passiere etwas. Vielleicht geht es um einen Freiheitsbegriff, der nicht allzu weit vom Freiheitsbegriff des Schrebergärtners entfernt zu suchen ist. Sie wollen „echt“ sein und Spass haben. Wobei sie sich möglichrweise gegen den Begriff der Spass-Gesellschaft gewehrt hätten. Sie leben im Kollektiv. Sie sind nie allein. Dadurch glauben sie, ihr Leben auch nach außen vertreten zu können.

Abschieszeremonie mit den Aschenbuddhas.
Ein Film sicher vor allem für Life-Style-Gläubige, Kulturforscher und Fans der Bar 25.

Bel Ami

In Paris haben die Frauen das Sagen, nämlich die Ehefrauen, das ist der wichtigste Satz, den der in schäbigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebende junge, elegante Algerienkriegsveteran Georges Duroy nach seiner Ankunft in Paris lernt. Er will aus seiner elendiglichen Absteige raus, er strebt in die feinen, höfisch geprägten Räume von Paris, in die vornehme Gesellschaft. Der Weg führt über die Frauen. Und den geht er konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste, auch nicht auf die eigenen. Die Geschichte hat Guy de Maupassant geschrieben und sie fordert direkt zu Verfilmung auf.

Hier haben sich Declan Donnellan und Nick Ormerod des Stoffes angenommen; Rachel Bennette hat ihn zu einer Drehbuchform umgearbeitet.

Da es sich um einen historischen Stoff handelt, er spielt im Paris von 1890 und da das Budget für den Film zwar groß gewesen sein mag, aber nicht übergroß, so findet die Handlung vor allem in repräsentativen alten Innenräumen statt, vor Hauseingängen oder selten in der armseligen Kammer des Neuankömmlings in Paris oder in der billigen Kaschemme mit den billigen Frauen. Die Kadrage in solchen Produktionen ist meist eng; bevorzugt werden Halbnahe bis Nahaufnahmen. Aber auch so entfalten die historischen Räume und die opulenten Kostüme vor allem der Damen zum Augengenschmause des geneigten Publikums ihre ganze Wirkung.

Die beiden Regisseure kommen vom Theater und das kann man ihrer Inszenierung durchaus attestieren, dass sie im Theater tragen würde und entsprechend sorgfältig gemacht ist. Im Kino ist das allerdings so eine Sache. Ein Problem was zum Beispiel bei der deutschen HenriIV-Verfilmung sicher entscheidend zum grandiosen Misserfolg beigetragen hat, dass keine Entspannungsszenen, Drüberstreuszenen zwischen einzelnen Gesprächs- und Liebesszenen eingebaut waren, Innenraum schließt sich nahtlos an Innenraum, Duoszene in Halbnaher schließt sich nahtlos an die nächste Duoszene in Halbnah, so dass der große Faden der Geschichte oft nicht erkennbar ist. Theaterseriöse Inszenierung.

Die Hauptfigur Georges Duroy wurde mit Robert Pattinson besetzt. Nun, eine Figur muss im Kino nicht unbedingt meinem vorgefassten oder durch andere Filme und Lektüre empirischen Bild eines erotischen Parvenüs in einer Großstadt entsprechen um mich zu überzeugen. Ich würde da atypische Besetzungen durchaus attraktiv finden können, wenn sie denn einigermassen funktionieren, wenn sie eine gedankenanregende Interpretation zulassen.

Das Gesicht von Robert Pattinson und auch seine teils scheuen Blicke so leicht von unten herauf, das assoziieren Millionen von Menschen mit Edward Cullen aus den Vampirfilmen „Biss zum…“. Diese Blicke, diese leichte Unsicherheit, vielleicht auch das verlegene Lächeln, das hat sich mir von diesem Gesicht so eingprägt, dass es damit eingängig belastet ist. Auch die Pseudoehrlichkeit in der Stimme von Pattinson, da finde ich keine Kongruenz zu irgend einem Bild von einem solchen Emporkömmling. Denn der braucht schon sehr viel Applomb, um auf dem dünnen Seil der zweckorientierten Anmache und aller sich daraus ergebenden Verwicklungen, sicher zu balancieren. Der kleinste Hauch von Unsicherheit, kann den Absturz bedeuten. Die Maske muss überzeugend wirken und darf nicht so tun, als verstecke sie den Hunger nach Blut hinter vagierenden Blicken. Andererseits ist es vielleicht genau diese Maske, die das einzige ist, was er hat? Problematisch dagegen scheinen mir die Ausbrüche, die irgendwie aus dem Ärmel geschüttelt, aus der Konserve gezaubert erscheinen. Pattinson transportiert eine bemühte Ernsthaftigkeit, die so gar nicht zu einem Spieler und Frauenverführer passen will – oder er bringt nicht den Beweis, dass diese richtig sei.

Das Problem der Besetzung der Hauptfigur Georges Duroy mit Robert Pattinson scheint mir, dass sein Gesicht eine andere Geschichte erzählt, als was die kursorische Inhaltsangabe zum Stoff von Maupassant ergibt. So entsteht der Eindruck: ein Vampir geht fremd und fühlt sich unwohl dabei. Es könnte auch so interpretiert werden: Georges hat eine Kriegsstörung. Aber er hat eben noch eine andere. So entsteht viel Melo, das bestenfalls zum Kichern Anlass gibt.

Die Herren der Spiele

Diese 88minütige, flott geschnittene Dokumentation von Uta Bodenstein gibt Einblick in eine Subkultur oder Szene, die sich in den letzten Jahren in Deutschland abseits vom Fokus der breiten Öffentlichkeit stetig entwickelt hat, in das Liverollenspiel, abgekürzt LARP.

LARP ist ein Hobby von Leuten, die, wie der Film zumindest mit einigen Bildern suggeriert, ein angepasstes bis spießiges Leben führen, die unauffällig in geordneten Verhältnissen leben, die ihrem Verdienst nachgehen, die aber von ihrem Hobby vollkomen in Anspruch genommen werden, und von welchem sie glauben, andere Leute würden sie dafür für verrückt erklären: in der Freizeit mittelalterliche Feldschlachten (mit ganz weichen, leichten Säbeln aus Kunstoff aus einer Design-Fabrikation in Regensburg beispielsweise) nachzuspielen oder als Vampire in aufgelassenen Plattenbauten in Sachsen-Anhalt Fake-Wissenschaftler und Fake-Bürger zu jagen, kurz, ein ganzes Wochenende mit vorher schon eingedreckten Klamotten im Dreck zu verbringen und dann nach Hause zu kommen und motags wieder sauber im weißen Hemd zur Arbeit zu gehen, sei es als Apotheker oder als Lehrerin oder zur Schule als Gymnasiast.

Matthias, Chris und Nick sind die Hauptinterviewpartner der Dokumentaristin. Sie erzählen über den Stellenwert, den dieses Leben in ihrem bürgerlichen Leben hat, dass es ihnen Freiheit und Abenteuer bedeute oder für die Lehrerin Chris als Aniesha Fey sogar Berühmtheit, offenbar ein Problem, das sie ziemlich umtreibt. Oder Matthias, der Apotheker, dem als taffem Organisator von solchen Spielevents das Hobby beinah über den Kopf gewachsen ist. Er hat ein großes Gelände als LARPspielplatz gepachtet und organisiert das ganze Jahr über Veranstaltungen. Ein solches Event kann bis zu 7000 Mitspieler mobilisieren mit hunderten von Seiten Programm von hunderten von Autoren, so dass der Drucker sich weigert, das Konvolut zu binden. Oder Chris, die Lehrerin, ist als Aniesha Fey nach einer großen LARP-Messe in Köln, wo sie den ganzen Tag in ihrem bombastischen, anstrengenden Fantasy-Kostüm unterwegs war, abends hundemüde und froh, im Hotelzimmer die Klamotten und speziell die künstlichen Linsen aus den Augen wieder zu entfernen.

Diese Events mit ihren Rüstungen aus allen Phasen des Mittelalters, mit den verrücktesten Zombie-Kostümen und –Masken, mit ihren reinen Fantasy-Kostümen, prunkvoll oft, sind für die Kamera ein gefundenes Fressen und die hat sich auch nicht schlecht bedient am ergiebigen Stoff, hat bei den Zombies ganz fröhlich die Reverenz an Zombie-Filme erwiesen. Das ist Kinofutter.

Andererseits blitzt auch immer wieder durch, dass bei allem Gerede von Freiheit und Abenteuer, das Ganze ohne unendlich viel Mühe und Vorbereitung gar nicht möglich wäre, allein so eine Zombiemaske, deren Grundstruktur drei übereinanderliegende verschiedenfarbige Damenstrümpfe sind, ist ein Kunstwerk, was viel Zeit braucht, die sich Nick mit viel Talent und hingebungsvoll nimmt. Oder der generalstabsmässige Aufbau der Festspiele auf dem Gelände durch professionelle Eventfirmen, die mit riesigen LKWs ankommen, mit Sanitätern und Feuerwehr und vielen Ordnern und Helfern und weitflächigen Parkplätzen.

Ein anderer zu sein, das ist der Wunsch vieler. Matthias sagt an einer Stelle, man könne am Event auch ein Arschloch sein, aber alle Leute seien sehr nett. Nun ja, wenn man vielleicht etwas genauer hinschauen würde in die Struktur hinter dem Event, wäre es vermutlich der exakte Spiegel des Alltags dieser Menschen. Straff organisiert und mit klaren Hierarchien und vermutlich sogar wenig Toleranz solchen gegenüber, die sich wirklich Freiheiten rausnehmen. Das bleibt aber hier reine Spekulation. Denn Uta Bodenstein hat sich, was verführerisch ist, im Grunde genommen damit begnügt, ein teils spektakuläres, zumindest extraordinäres Objekt für einen Dokumentarfilm aufgetan und eher videojournalistisch präsentiert zu haben.

Das heißt, was sie an Material geschossen hat, das hat sie ordentlich zusammengeschnitten. Den Hauptinfogehalt vermittelt sie mittels Interviewpassagen vor allem mit Matthias, dem Apotheker, Chris, der Lehrerin und Nick, dem Maskenspecialeffectman, der gerade das Abitur hinter sich gebracht hat und der im Spiel als Zombie auftritt, aber auch mal einen namenlosen mittelalterlichen Bauern spielt. Am leichtesten sprudeln die Selbstäusserungen dem Apotheker über die Lippen, aber auch die Lehrerin ist schon von Berufes wegen begabt, schulischen Text, auch wenn er ein vermeintlich verrücktes Hobby betrifft, didaktisch verständlich vorzutragen. Mit dieser Methode verzichtet die Filmemacherin auf viele Möglichkeiten des Kinos. Denn Kino und Gerede vertragen sich meiner Ansicht nach selten gut.

Vielleicht wäre Beschränkung auf eine Figur mehr gewesen. Die dafür viel präziser in ihrem Doppelleben zu zeigen, sie nicht über sich reden zu lassen, sondern über ihre Handlungen dem Zuschauer dieses Doppelleben, wenn es denn wirklich eines ist, die kritische Frage sollte sich ein Dokumentarfilmer sicher unbedingt stellen, sinnlich erfahrbar zu machen. Über cineastisch ergiebige Vorgänge, Handlungen, Taten diese Menschen dem Kinogänger näher zu bringen und nicht über Gerede, denn dafür brauchen wir nun nicht unbedingt eine Kinoleinwand, dafür haben wir beispielsweise die Talk-Shows. Matthias sagt, die Begegnung mit dieser LARP-Welt sei für ihn wie ein Urknall gewesen, es bleibt aber bei dieser Äußerung, sinnlich-emotional wird das für den Zuschauer nicht nachvollziehbar; Matthias scheint in jeder Lebenssituation sehr beredt. Selbstdarstellerisches Geschwätz, das ist was für den Psychologen, nicht aber für den Kinozuschauer; das mein Einwand gegen diesen Film, der mir aber vom Stoff her auch im Nachhinein durchaus noch durch den Kopf gegangen ist.

Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein

Den Dreh mit der Liebe im Kino haben die Franzosen raus. Dafür lieben wir sie ja so sehr. Und das wissen sie auch. Darum haben sie Stars, die das alles spielen können. Ein breites Feld. Christophe Honoré hat sich mit seinem Buch und seiner Regie viel vorgenommen. Seine Paarerzählungen oder Paarbeobachtungen fangen 1964 an. Sie ziehen sich bis 2011.

1964. Die Schuhverkäuferin Madeleine klaut im eleganten und teuren Geschäft, in dem sie arbeitet, ein paar rote Roger Visiers Schuhe von Christian Dior. Wenige Minuten später schon bietet sich ein Passant als Freier an; Madeleine zögert nicht lange, nimmt ihn mit aufs Zimmer. So leicht und schnell geht das mit dieser Liebe. Als nächstes wartet ein Bekannter ihres ersten Freiers auf sie, sie sei ihm empfohlen worden. Es ist ein Arzt aus der Tschechoslowakei. Hier wird Liebe daraus. Sie heiraten und ziehen nach Prag.

1968 leben die beiden mit Tochter Vera in Prag. Aber der Papa geht fremd. 1968 (?) hat Madeleine Francois geheiratet, aber ihr Ex-Mann taucht wieder auf.

1997 tanzt Vera lange in einem Club in London. Ihr ehemaliger Freund, ein Franzose, soll dort ein Buch vorstellen. Im Club lernt sie Henderson kennen. Wie es zur Liebessache gehen soll, outet er sich als schwul. Aber man will Freunde bleiben.

Veras Eltern sind in die Jahre gekommen. Sie werden jetzt gespielt von Catherine Deneuve und Milos Forman.

Genau am 11. September 2011 will Vera Henderson in New York besuchen, ihr Flugzeug wird aber wegen der Anschläge nach Montreal umgeleitet. Hier endet die Erzählung mit einer Ménage á Trois in einem Hotelzimmer, Henderson, dessen Freund Mathieu und Véra, die ein Kind von Henderson haben möchte.

Das hört sich alles recht kompliziert an, ist aber in der Wirklichkeit dieses Filmes noch viel komplexer. Andererseits wird es sehr angenehm serviert, indem – auch da hat Frankreich eine wunderschöne Tradition, man denke nur an Jacques Demy – immer wieder aus der Szene heraus in ein Chanson übergegangen wird, ganz leicht und problemlos.

Die Akteure singen von der Liebe, deren Bleischwere, der Sehnuscht nach ihr, dass sie das Leben verändere oder vom Verlust derselben oder vom Warten darauf, bis wir uns hassen, denn der Eiffelturm langweilt einen schon oder von diesen Kilogramme an Gefühlen, von der Liebe wie Mühlsteine, leicht zwiespältige Lobgesänge auf die Liebe. Oder es geht um die Veränderung durch die Liebe. Die Liebe als Warterei darauf, als Sehnsucht. Auch diese Songs sind Ausdruck der Lässigkeit, mit der die Franzosen mit diesem Thema kultiviert umzugehen verstehen.

Man spricht intelligent und gefühlvoll über die Liebe, singt Songs, aber man spart an Bettszenen, denn die Vorstellung von der Liebe ist stärker als der Vorgang selbst. Vielleicht könnte man auch sagen: Christophe Honoré versucht uns ein cineastisches Zaubergebinde auf die Liebe zu präsentieren.

Meist spielen die Szenen in feinerem, bürgerlichen Milieu. Die Liebe ist was für die Bürgerschaft, für die Gebildeten, für die gehobene Klasse. Man isst Langusten zu Mittag.

Es gibt auch den Moment der ironischen Distanz: wenn besipielswiese der Exgatte von Madeleine, Milos Forman, beim aktuellen Gatten von Madeleine um deren Hand anhält. Auf die Frage des Ex-Gatten, wie er denn hierher gefunden habe, antwortet Milos Forman, der eine interessante Persönlichkeit auf der Leinwand abgibt, er könne Telefonbuch lesen. Er redet aber auch gebildet über die Liebe, dass sie Courage brauche und Klugheit, Enthusiasmus und Vergnügen, Bonmots über die Liebe.

Das immer gleiche Problem, ich kann ohne Dich nicht sein.

Was will uns Christophe Honoré nun erzählen mit seinem Film? Dass die Franzosen das können? Dass sie unbefangen im französischen Kino-Liebesfundus rumstöbern und rausnehmen dürfen, was ihnen gefällt? Dass ein gewisses Niveau an Action und Kinogeschmeidigkeit nie unterschritten wird? Dass wir uns im Kinosessel einfach mal wieder in angehmem Ambiente ganz ungestört von anderen Menschen, weil wir ja alle auf die Leinwand schauen, ein paar Gedanken über die Liebe machen sollen?

Medianeras

Gustavo Taretto schildert in seinem Film in einer universellen Erzählweise die Sehnsüchte und Nöte und die Verhinderungsmechanismen von stadtneurotischen Großstadtsingles auf den verschlungenen Pfaden zur Liebe. Die wild-wuchernde Architektur von Buenos Aires bildet den Rahmen für die Begegnung, resp. Nicht-Begegnung, resp. Schwer-Begegnung der Menschen. Je dichter die Menschen in einer solch Megacity aufeinanderwohnen, desto schwieriger wird es für sie, andere kennen zu lernen, erst recht zum Zwecke der Liebe.

Bei Woody Allen hieß der beziehungsgestörte und beziehungssuchende Großstadtmensch noch Stadtneurotiker. Auf den wird mit einem Filmausschnitt verwiesen. Hier sind Mariana, Martin, Ana, Marcela, Ralf, Lucas Singles in Buenos Aires. Und wenn man alles beschreiben möchte, womit sie ihr Leben in größeren Wohnungen oder in Schuhschachtelwohnungen dekorieren und lebenswert machen, so würde das keine Ende nehmen, so könnte man durchaus von einem reichhaltigen, vielfältigen Leben sprechen.

Mitten in der chaotisch gebauten Megacity, einer Stadt aus architektonischem Chaos, ohne Plan in die Höhe getrieben, Fehlplanung ohne Logik, so wie das Leben unserer Singles. So spiegeln sich Menschen und Sachverhalte. Es wird versucht, den Häusern individuellen Touch zu geben. So wie sich auch die Menschen individuell von den anderen unterscheid- und damit erkennbar machen möchten. Wenn sie denn nur noch dem oder der Richtigen über den Weg laufen.

Allein was Martin, dieser Phobiker auf dem Weg zur Besserung, in seinen Überlebensrucksack packt, der exakt 5,8 Kilogramm schwer ist, nebst diversen Tabletten und Pillen, Ipod, Landkarten, Notration, Batterien, Bücher, eine Wasserflasche. Oder Mariana, die umzugshalber in 27 Kartons wohnt. Ein Teil davon füllen Schaufensterpuppen, denn sie arbeitet als Dekorateurin, obwohl sie Architektin ist. Alle sitzen gerne hinter dem Computer. Mariana hat aber auch eine Liftphobie und steigt bis zum 8. Stock immer alle Treppen hinauf und hinunter. Oder zieht sich ins Planetarium der Uni zurück. Es passieren solche Dinge, dass der Hund einer Prostituierten, den sein Frauchen bei Freierbesuchen auf den Balkon sperrt, sich aus Eifersucht auf den Freier vom Balkon stürzt und auf der Straße nebst Verletzten auch einen Auflauf verursacht. Oder wir erfahren von einer vierjährigen Beziehung, in der die Fotos immer weniger wurden.

Eine bunte Palette von Details aus bunten, oft einsamen, aber immer kämpfenden Singleleben. Man kann sich nämlich sogar ein Loch in die Fensterlose Hauswand schlagen. Und wenn man das Fenster, was man so erhält, noch geschickt in ein Werbebild auf der Wand einbaut, so fällt das gar nicht weiter auf. Singles chatten gerne. Und wissen dabei gar nicht, dass sie in zwei gegenüberliegenden Häusern wohnen und als einzige je ein Fenster in die Wand gehauen haben. Diese Großstadtsingles sehen sich wie Pionierpflanzen in Betonwänden. Sie suchen ihre Ritzen und wachsen sich fest mit wildem Überlebenswillen.

Die Musik zum Film könnte ein eigenes gepflegtes Konzert, eventuell ein Barkonzert sein. Ein bisschen too much. Aber das Leben fragt nicht nach Beschränkung. Es will überborden.

Wie die beiden Chatter Martin und Mariana dabei sind, gerade die Telefonnummern auszutauschen, da kommt, verfluchtnochmal, ein Stromausfall. Aber es gibt ja wunderbare Zeichnungen mit Mengen von Menschen drauf und wenn man die ganz genau anschaut und dann auf die Straße schaut, da findet sich sicher der Traummann mit Überlebensrucksack, breit rot-weiß gestreiftem Pul und einem weißen Pudel in der Menge. Und dann kann man auch mal den Lift benutzten, wenn so ein Glücksfall eintrifft, dann brennen alle Sicherungen durch. Und wenns am schönsten ist, da soll man denn, auch wenn der Film kurze 90 Minuten und kurzweilig ist, Schluss machen.

Fülle des Großtadtlebens. Eine spätes Echo, eine reale Verkörperung von Jacques Tatis weitsichtigem „Playtime“ – ohne direkten Verweis darauf.