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Johnny English – Jetzt erst recht

Nach dem Screening bleibt die Frage, was zum Teufel treibt Rowan Atkinson dazu, diesen Film zu drehen. Es gab 2003 einen Vorläufer von „Johnny English“ mit ihm. Der hatte sehr viel Geld in die Kassen gespült. Um was anderes scheint es hier nicht zu gehen. Es sei denn, Rowan Atkinson möchte die guten Erinnerungen, die man an frühere Sachen von ihm hat, irgendwie übertünchen.

Immerhin, er ist noch Rowan Atkinson, kann wenns denn sein muss, die Augen schön verdrehen, kann wunderbar verdattert gucken, kann je feiner eine Umgebung ist, desto mehr wie der Elefant im Porzellanladen alles verkehrt machen, die Katze der Chefin aus dem Hochhaus schmeißen und mitsamt einem modernen unförmigen Teil, was eine Sitzgelegenheit sein soll, nach hinten fallen. Er kann sich aber auch die Lippen rot schminken im Moment eines hochoffizellen, höchstgesicherten Staatsbesuches zwischen britischem Premier und dem von China und das in einem hochgesicherten Luxusrückzugsort in der Schweiz. Er kann sogar vorgeben, tibetanische Kampfsportarten zu lernen, denn in ein tibetanisches Kloster hatte er sich nach dem Flop der vorangegangenen Mission in Afrika zurückgezogen.

Der Film fängt ein bisschen an wie James Bond, der Film orientiert sich erklärtermaßen an James Bond, das sind Teile aus dem Titelbild und auch musikalische Elemente. Aber Atkinson ist natürlich nicht James Bond. Er ist auch ein bisschen älter geworden und gewiss ein bisschen bequemer und vielleicht auch etwas langsamer und dem scheint sich die Machart des Filmes anzuschließen, der wohl auch nicht über ein Budget von James Bond verfügte und trotzdem in aller Welt gedreht werden sollte, in Afrika, Asien, England und in der Schweiz.

Dafür gibt’s viele Dialogszenen im erprobten Schuss- Gegenschussverfahren, welche nicht viel Ausstattung drum herum und auch keine komplizierten Lichtsetzungen erfordern. Klar muss ein Rolls Royce, der auf Stimmerkennung reagiert, her und diverse andere technische Tüfteleien wie bei James Bond. Auch das Labor der Tüftler sehen wir und der Obertüftler sitzt im Rollstuhl – „ein misslungenes Experiment“, so erklärt er die Behinderung.

Atkinson soll zur Verhinderung eines geplanten Anschlages auf den chinesischen Premier bei einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen reaktiviert werden. Dazu bekommt er einen jungen Assistenten, der ihm die Kohlen aus dem Feuer holt. Und es gibt eine ganz kleine, alte Chinesin, die an den unmöglichsten Orten mit einem Staubsauger auftaucht und Mordanschläge auf Johnny English ausführen möchte, die aber nie gelingen, sonst wäre der Film zu kurz geworden. Diese Chinesin verkleidet sich immer so, dass Johnny sich auf die falschen Verdächtigen stürzt, die dummerweise ein Tuch auf dem Kopf und einen Staubsauger in der Hand haben, sogar auf die Queen.

Die Produzenten dürften für das Einbringen des Filmes ins Kino eher das Zeitfenster im Herbst im Auge gehabt haben, wo offenbar nicht allzuviel ähnliche Filme anlaufen, als dass sie viel Geist und Fantasie in die Entwicklung der Story und der Gags gesteckt hätten. Der Film kriegt auch an keiner Stelle richtigen Schwung. Die Lacher beruhen auf altbekannten Gags und Jokes und den Grimassen von Atkinson; der mit der hier erbrachten Leistung bestimmt niemals berühmt geworden wäre.

Fright Night

Hier ist das Kino wieder dort gelandet, wo es einsten angefangen hat: auf dem Jahrmarkt. Für ein Volks- und Gruselvergnügen um seiner selbst willen. Das Hauptvergnügen bei dieser Vampir-Verfilmung scheint dem Regisseur Craig Gillespie, der mit „Lars und die Frauen“ schon eine sehr persönliche Handschrift bewiesen hat, gewesen zu sein, ein paar Beutel Gruselfarbe auf das steril-amerikanische Siedlungs-Wesen zu schmeißen. Das Vampirtum, wie es wohl für den ursprünglichen Film galt, reicht ihm dazu nicht aus, reicht nicht aus um die Sterilität einer solchen Siedlung fundamental aufzumischen. Zur Destruktion der Gelecktheit der Siedlung, die er anfangs bis zum Geht-nicht-mehr immer wieder zeigt und abfährt, in der so gar nichts Persönliches mehr gedeiht, nur noch Püppchen von Müttern und Kindern, alle wie aus Barbie-Land und nicht ein Unkräutchen oder ein Vogelschiss, diese Siedlung aus Häuschen alle exakt derselben Machart aus dem Boden gestampft und um eine Ringstrasse angeordnet; ästhetisch tödlich-reine Bau- und Lebensweise; da braucht es mehr als einen Vampir als Nachbar, um den Stumpfsinn zu vertreiben. Die Story selber scheint weder Gillespie noch seinen Drehbuchautor Marti Noxon besonders zu interessieren. Sie verlustieren sich vollkommen darein, einerseits die Anonymität und Sterilität dieser modernen Konfektions-Komfort-„Urbanität“ extrem überhöht zu zeichnen, dass einem schon schier speiübel werden könnte, um dann mit ungebremster Lust und Macht den Vampir und seine geheimen Blutsaugerkammern und was er sonst noch an Teufels- und Feurwerkszeug in Gang setzen kann, umso lustvoller dahineinzupfeffern.

Um einer solchen Gegenwelt effektiv zu begegnen muss der Spießer aus der geleckten Siedlung zu verzweifelten Handlungen Zuflucht nehmen, er muss einen großen Magier kontaktieren, der selbst über ein beachtliches Arsenal an Wissen, Waffen und Tricks verfügt, mit denen dann noch ausgiebiger die Destruktion des Vampirwesens und damit der geleckten Siedlung selbst begonnen werden kann.

Und weils so lustig war, daran sieht man, wie sorglos die mit dem Buch umgegangen sind, darf am Schluss die Liebe siegen. Das können wir augenzwinkernd und vergnügt zur Kenntnis nehmen.

Wickie auf großer Fahrt

Dieses Hochförderprodukt hinterlässt in mir gemischte Gefühle.

Positiv zu verzeichnen wäre:
– es ist das Rudiment einer Geschichte erkennbar (Wickie muss seinen Vater aus dem Gefängnis des schrecklichen Sven am Kap der Angst retten und dabei als Nachwuchshäuptling mit den Wikingern viele Hindernisse überwinden).
– immer wieder kinderfreundlicher Slapstick (eins auf den Deckel und ein Mann fällt um),
– Schauspieler, die immer wieder verkindet kinderfreundliche Töne und Urlaute von sich geben,
– sexy Walküren (die die Kinder- und die Erwachsenenfantasie anregend nackt zurückgelassen werden, denn ihre schmalen Bekleidungsteile haben sie Wickie und seinen Männern zur Reparatur des Segels überlassen, was dadurch zum bunten BH- und Sliptuch verwandelt wird),
– immer wieder der Chor der Wikinger (wenn Regie führen verstanden wird als „den Chor“ führen, dann hätte Christian Ditter, der Regisseur und Drehbuchautor, allerdings noch so einiges zu lernen),
– viel Babelsberger Orchestersound, der routiniert storymässige Schwach-Stellen mit Sound zu übertönen versucht,
– 3 D (für Arme, denn der Hintergrund erscheint oft wie ein gemalter Prospekt),
– Kasperltheaterszenen, wenn die Gruppe der Wikinger von den Walküren fast ins Meer gestoßen werden,
– Actionszenen (die sich von Hollywood inspirieren lassen, aber nicht daran herankommen oder der Rote Korsar würde sich ein Grinsen nicht verkneifen können)
– last und am allerwichtigsten ein digitales Effektdepartment was über manch löchrige Stelle in der Geschichte effizient hinwegtrickst.

Was fehlt:
– Humor,
– Charme,
– Geschmeidigkeit des Erzählens,
– Geschmeidigkeit der Szenen- und Schnittauflösung, Spannung durch die Konfliktentwicklung über die Hauptfigur,
– ein Cast, der unter Wikingerspielen etwas mehr versteht als nur Gesicht verziehen und Töne von sich geben oder sich wie Tölpel anstellen oder Klamotte spielen. Das ist vielleicht nicht einmal in erster Linie den Darstellern anzulasten, das Missverständnis dürfte sich bereits bei der Auswahl derselben eingestellt haben.
Noch zum Cast: Das kleine Luder Svenja, das ein mieses Doppelspiel spielt, sie ist die einzig aufregende Leinwandfigur in diesem Film, vielleicht noch der böse Sven, der unter der Darstellung des Bösen durchaus auch die Vermittlung von Vitalität und Schlauheit versteht. Diese Besetzungauswahl lässt allerdings die Titel- und Hauptfigur, den Wickie, eher blass aussehen. Er kann nichts dafür. Aber ihm fehlt meiner Ansicht nach die Leinwandaffinität. Sicher werden sich die Buben im Publikum altersbedingt mit dem Wickie identifizieren, kleinen Kinder heißt es ja, kann man ein Stück Holz hinhalten und behaupten, das ist der Kasperele, und dann ist es für sie der Kasperle, denn die haben ja noch Phantasie, insofern dürfte das von mir erwachsene Nörgelei sein, wobei ich da meine liebe Mühe hätte, zu entscheiden, für welches Alter der Film denn überhaupt gedacht ist: denn es gibt vom richtig bubenfreundlichen Slapstick für Schulanfänger über Szenen nur für die ganz Kleinen auch wieder Gespräche über Liebe und Anmache, die eher für die Halbwüchsigen (zwar nicht lustig) sind. Aber irgendwie scheint mir dem Wickie das Need zur Figur zu fehlen. Er spielt richtig und korrekt. Das dürfte einmal mehr für den Erfolg reichen, der mit jedem Kinderfilm in einem bestimmten Rahmen kalkulierbar ist, weil ihn die angepeilte Altersgruppe wohl mehr oder weniger vollzählig besuchen dürfte mit der Schule oder mit Papa und Mama.

Es gibt sogar eine Szene, die richtig heiter ins Publikum rüberspringt aber dazu wäre nun wirklich kein 3D nötig gewesen: wenn Wickie versucht, seine Gefährten aus einem Absturzloch mit einem Seil, das ein Esel zieht, zu retten. Die Szene ist aber auch mit der Ausführlichkeit ausgefaltet, wie sie für die ganz Kleinen wichtig ist. Ähnlich detailliert und gründlich ist auch die Szene, bei der Wickie dem bösen Sven versucht ein Amulett, das er an einer Kette um den Hals hängen hat, zu stehlen. Wie das Insekt sich nähert, sich dem Mund von Sven nähert, wie er es verschluckt: das wäre eine Kurzfilmnominierung wert, das müsste an einer Filmschule beste Noten kriegen. Schön. Aber das scheint mir gerade die Crux von Christian Ditter, dass er sich um solche korrekten, perfekten Dinge bemüht, dass er aber den Ruch des Lebens draußen lässt. Dass er nicht verwegen ist – was die Wickinger doch irgendwie sind. Bei ihm sehen sie aber nur verwegen aus, aber das Wesentliche der Verwegenheit, die Kühnheit, den Mut, der ist zumindest hinter viel Grimassiererei und Chorgetue verborgen geblieben. Das ist doch so nett, werden jetzt viele einwenden. Andererseits finde ich, sollte man bei jedem Film anspruchsvoll sein, gerade für Kinder, denn so ein Film sollte auch das Kulturbewusstsein stärken und mitformen.

Ein weiteres schönes Detail ist auch das Ziehen eines Zahnes mit Hilfe eines Seiles erst, dann des Segels. Sehr liebevolle Detailarbeit. Davon ist einiges zusehen. Aber sobald der Chor ins Spiel kommt, da mag man nicht mehr so gerne hinschauen.

Überhaupt: viel liebevolle Detailarbeit; aber vorwiegend auf Kosten der Stringenz und Spannung der Geschichte. Man könnte auch fragen, warum wurde die Arbeit des Storytelling oder Storybuilding nicht einem Profi anvertraut? Der hätte mehr gekostet.

Dass so ein Junge wie Wickie die Svenja fragt „Gibt es Dich auch in nett“, das ist vielleicht ein Dialog aus einer Hochschul-Beziehungskomödie, aber meiner Meinung nach ziemlich kindfremd. Oder ist die heutige Jugend schon so frühreif und oberschlau. Auch ein Dialog wie: wie kannst du bloß auf eine Frau reinfallen? Und dann die Antwort vom Frager selber: na ja, verheiratet sind wir alle. Erwachsenenkomödie vielleicht. Ich meine zu einem stringenten Erzählen gehört durchaus das stringente Beibehalten der Ebene, die hier wickiebezogen ist oder sein sollte. (Da fällt mir als einfaches Beispiel die glasklare Erzählweise aus dem nordischen Kinderfilm „Mein Freund Knerten“ ein, der konsequent die Sicht der Hauptfigur beibehalten hat).

Regie hier vermutlich primär verstanden als Beherrschen der Logistik am Set. Und auch die Bearbeitung des Stoffes scheint rein technokratisch passiert zu sein. Es fehlt mir die Herzenswärme, die Zuneigung zur Jugend. Also sehr schulhaft das Ganze, wenig künstlerisch. Ich würde hier fast von einem um politische Korrektheit bemühten technokratischen Opportunismus als der Haltung hinter diesem Film sprechen. Dieser dürfte meiner Ansicht nach den Erfolg am deutlichsten eingrenzen. Er will allen etwas bieten, allen Altersgruppen, bietet aber keinem richtig was, was dann zu Komplimenten wie „nett“ führt, und man müsse den Kram ja nicht so ganz ernst nehmen.

4 Tage im Mai

Die Ostsee hat sich dieses Jahr bislang nicht als Glücksfall fürs deutsche Kino erwiesen. Von „Poll“ über „Das Blaue vom Himmel“ bis jetzt „4 Tage im Mai“: immer die schönen Bilder, die deutschen Filmer können sich am Strand und den Dünen offenbar nicht satt sehen und vergessen prompt und konsequent, wie man eine Geschichte im Kino spannend erzählen sollte (meine alte Leier ich weiß, aber vielleicht kapiert es irgendwann doch wer). Sie berauschen sich an der Ostsee, hängen Kriegszeiten nach, vergessen prompt den Zuschauer.

Hier geht’s um einen 13 jährigen Jungen und um ein Waisenhaus mit zwei oder drei Frauen, die sich um ein gutes Dutzend Waisenmädchen kümmern und um einen kleinen sowjetischen Trupp, der sich im Waisenhaus verschanzt und um eine größere Wehrmachtseinheit, die am Strand hockt und um den Versuch nach Dänemark überzusetzen und um vier Tage im Mai vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Junge, der wechselt zwischen allen Seiten hin und her, denn er will den Sieg der Deutschen. Nun, das ist alles ein bisschen viel. Vielleicht ist die Frage leichter zu beantworten, worum geht es hier nicht, via Negationis villeicht die Frage auf die Antwort zu finden, worum es hier gehe. Es geht vielleicht um eine Gesamtsituation, um eine viertägige Gesamtsituation kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Worum es auf keinen Fall gehen kann, das sind die Mädchen vom Waisenhaus, denn die spielen praktisch, nun, nicht mal eine Statistenrolle, sie spielen eine Dekorationsrolle um den Begriff Waisenhaus zu illustrieren.

Worum geht es denn oder was passiert in dem Film?
Der 8. Mai 1945 ist das Datum des Endes des Zweiten Weltkrieges. Mit diesem Datum fängt der Film an. Menschen sind mit Karren und vielen Dingen an einem Ostsee-Strand. Ein Schiff wartet darauf, sie aufzunehmen. Schnitt. 4 Tage zuvor. Über diese vier Tage will der Film nun und über diesen Ort berichten. Über die vier Tage vorm Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Regisseur Achim von Borries, der auch der Autor ist, möchte diese vier Tage benutzen, um mittels der erwähnten Menschengruppierungen also des Knaben, der Waisenhausfrauen und der Mädchen, der sowjetischen Soldaten und der Wehrmachtsmänner aufzuzeigen, uns die Message zukommen zu lassen, dass es sich hier bei allen um Menschen handelt. Menschen mit kleinen Sehnsüchten. Denn oft wird im Dialog die Frage aufgeworfen, was man nach dem Krieg vorhabe. Menschen aber auch, die uns hier ein bisschen einen Krieg vorspielen in Uniformen und auch mal mit einer Schießerei, wie es die Amerikaner inzwischen in speziell dafür eingerichteten Freizeitcamps machen. Das ist jedenfalls meine Vermutung. Durch die viele Natur, und da der Regisseur die Menschen relaxt und nicht verbissen und bis auf den Tod kämpfen zeigt, entsteht in dem Film eine angenehme Freizeitstimmung, denn wenn der Tod kommt, dann kommt er schnell.

Es wird nicht klar, warum man sich als heutiger Mensch diesen Film anschauen soll.

Es fängt mit den ersten Bildern hoffnungsvoll an. Hat das deutsche Kino vielleicht gelernt, denke ich mir. Kann es sich endlich herablassen, sich auf eine Hauptfigur zu einigen, statt wie häufig zu stolz dazu zu sein und lieber mit einer illustrierten Thematisierung den Flop an der Kasse in Kauf zu nehmen, statt eine Hauptfigur zu etablieren, mit der man Empathie empfinden könnte und also die Geschichte aus dieser Perspektive, aber auch aus dieser Dringlichkeit, der Überlebensdringlichkeit der Figur heraus zu erzählen und damit die Message quasi subkutan dem Zuschauer zu verabreichen. So dass sie möglicherweise jucken wird. So jedenfalls juckt sie nicht.

Der Junge, der könnte was hergeben für so eine Hauptfigur. Aus seiner Perspektive erzählt, wie er hin- und hergerissen ist zwischen deutschem Patriotismus (er spricht einwandfreies Hannoveraner-Synchron-Hochdeutsch), aus seiner Perspektive zu vermitteln, dass alle Soldaten nur Menschen sind, die doch gar nicht das Böse wollen. Das wäre allerdings viel Drehbucharbeit und unendlich viel Drehbuchschweiß gewesen, den Stoff daraufhin zu bearbeiten und zu prüfen. Verdammt viel und langwierige Drehbucharbeit. Diese ganzen Sichtweisen des Jungen zu transportieren, die Figuren drum herum aus seiner Sicht zu sehen und agieren zu lassen. Es wäre eben besonders viel Arbeit gewesen, um nicht in irgend ein rührseliges Klischee zu verfallen, sondern Krieg frisch, aus frischen, unverdorbenen Kinderaugen, einen Kriegen in den letzten Zügen noch dazu, zu beschreiben, um es auch heute unter die Haut gehen zu lassen.

Achim von Borries hat sich statt dessen dafür entschieden, eine Reihenfolge von schönen Bildern eines Abenteuerurlaubes an der Ostsee in Kriegskostümen zu einem Film zusammenzuschneiden oder eher noch: an einer sehr locker gespannten Wäscheleine nebeneinander aufzuhängen. Eines dieser Bilder, eine dieser Szenen zeigt zum Beispiel den Soldaten Trubizin schön Klavier spielen, Schumann für Anna. Eine ad hoc, eine offenbar zu diesem Behufe inszenierte Szene, ohne jeden Geschichtszusammenhang.

Die kleine Vorgeschichte zwischen 8. Mai 1945, 4 Tage zuvor und dem Titel „4 Tage im Mai“, die geht von dem Jungen aus, der das Militär beobachtet, allerdings hat man über ihn nicht die leiseste Info, wer er ist, woher er kommt, wieso und warum er da ist, worunter er leidet, was sein Problem sei. Nichts ist geklärt. Er beobachtet aus dem Gebüsch, aus dem Versteck die Soldaten, schnappt sich von einem Toten die Militärjacke und das Gewehr und die Mütze. Dann taucht er im Waisenhaus auf, wie die Sowjet-Truppe dieses requirieren will. Er vertritt die deutsche Position, aber das ist irgendwie schon lächerlich, weil man nicht weiß wieso und was er sich davon verspricht. Die Sowjets überwältigen ihn. Er sagt, er sei Soldat, übrigens ist er bilingue, spricht das erwähnte Hannoveraner Deutsch und ein angelerntes Russisch. Er bekommt eine Ohrfeige und ihr Knall lockt den Filmtitel herbei. Titel auf Knall. Dann kommen Panzerkolonnen wie bei einer Demo im Militärmuseum.

Es folgen Szenen von hüben und drüben ohne großen Handlungszusammenhang, im Grunde ist die Szenerie statisch, denn die einen haben sich verschanzt und die anderen wollen nicht so richtig kämpfen, nur der Bub, der will noch den Endsieg.

Der Bub jedenfalls entwickelt sich zum Doppelagenten. Aber das wird nicht mehr aus seiner Perspektive erzählt. Das hat dann mehr was von einem Storyboard-Entwurf vielleicht. Er informiert die Deutschen über die Pläne der Russen. Freundet sich an mit dem russischen Hauptmann. Das bleibt aber alles fotoalbumhaft und im Grunde bräuchte man eine Erzählerstimme, die uns mehr über den Jungen verrät. So aber, als privatistisches Fotoalbum präsentiert, ist die Gefahr, dass das Zuschauerinteresse abdriftet, einfach zu groß. Spannung kann man nur aus einem Bogen erzeugen.

Der Junge beobachtet einen russischen Soldaten auf dem Dachboden, wie er Anna küsst. Der Soldat wird dann, das ist auch komisch abstrakt, vor ein Militärgericht gestellt. Wegen Vergewaltigung.

Es gibt Szenen mit dem Klavierspiel (ja, ja, auch Soldaten sind Menschen und dieser spielt Tschaikowsky und war am Konservatorium, er war ein künstlerischer Mensch, der noch dazu beim Klavierspielen Cigaretten raucht – dicker Auftragen geht nicht für die Sonntagsmatinee-Message, dass Soldaten Menschen sind). Es gibt auch Szenen, wo die Frauen vom Waisenhaus den Militärmännern die Wäsche machen (ja, ja, auch Frauen sind Menschen, die Botschaft hören wir nicht zum ersten Mal). Zu solch erfundenen Szenen, weil sie nicht in einem Handlungs- und Spannungszusammenhang stehen, man könnte die Soldaten genau so gut beim Latrinenbau zeigen, was soll man da auch für sinnige Texte dazu erfinden? Hier sind es jedenfalls keine, die man sich merken kann; sie schildern den Alltag des Wäschewaschens. In für unsereins nicht ganz alltäglicher Umgebung.

Es gibt eine Szene vom Jungen mit Anna am Wasser. Da geht es ums Ausziehen, er mustert sie in ihrer Unterwäsche. Dann liegen sie im Gras. Mei, so ganz ohne Handlungszusammenhang ist das, zwar schön schon, nicht aber sehr ergiebig. Die Soldaten schicken ihn zum Fischen. Soll da Nebenkriegspoesie erzeugt werden?

Sätze: Ich kann vielleicht helfen, Herr Oberstleutnant.
Deine Meldung wäre wichtig, Junge, lass Dich nicht erwischen.
Wenzel, das Boot kann kommen.
Ein Vater hat keinen Einfluss auf das Schicksal (wie der Sohn stirbt).
Er ist ein Mann, Du nicht.
He Junge, was war los
Die haben unser Boot zerstört.
Warum habt Ihr nicht angegriffen.
Los raus hier, bevor die Russen wieder kommen.

Mir kommt dieser Film vor wie das boutiquenschöne Produkt eines weltfremden künstlerisch-intellektuellen Romantizismus, der sich vor der Folie des Grauens des Krieges zu formulieren versucht. (wobei das Wort weltfremd auch hinsichtlich der Realitäten des Kinomarktes gelten dürfte).

Das kleine Zimmer

Das kleine Zimmer ist ein Kinderzimmer und, soviel darf ausgeplaudert werden, das Kind, das darin wohnen sollte, ist tot. Dieses kleine Zimmer ist im Film der Ort, an dem die zwei Geschichten, die er miteinander verwebt, am heftigsten zur Reaktion kommen. Autorinnen und Regisseurinnen sind Stéphanie Chuat und Véronique Reymond.

Die erste Geschichte ist die von Rose. Sie ist Altenpflegerin. Wir lernen sie kennen wie sie einen alten Körper schonend mit Salbe einreibt, wie sie eine Frau Rivelli behandelt. Rose lebt mit ihrem Mann Marc zusammen, er begeht relativ früh im Film das Sakrileg, im kleinen Zimmer eine Glühbirne, die in der Küche ersetzt werden muss, abzuschrauben. Marc arbeitet in einem Design-Bureau in Lausanne. Die sind gerade dabei, in New York einen begehrten Auftrag zu gewinnen, womit sich für ihn die Frage stellt, hingehen oder nicht. Seit das Kind gestorben ist, ist die Freude aus dem Leben des jungen Paares verschwunden.

Die andere Geschichte ist die von Edmond, dem Greis, gespielt vom großartigen Michael Bouquet, vielleicht einem der strahlendsten und listigsten Greise der Filmgeschichte. Sein Sohn, der nach Chicago ziehen wird, will den Vater ins Altenheim bugsieren. Vater und Sohn fahren dem Genfer See entlang, der Sohn am Steuer, so fängt der Film an. Beim Altenheim angekommen verschließt Edmond bockig das Auto von innen. Er hört klassische Musik und die fndet er „beau“, schön. Überhaupt hat er so seine Lebenseinstellung.

Die beiden Geschichten treffen im Altenheim zum ersten Mal aufeinander. Rose pflegt Edmond und möchte ihm das Leben verlängern. Diese Idee pariert Edmond mit der Gegenfrage, ob sie denn glaube, so ein Altenleben sei ein schönes Leben und überhaupt, ob sie denn ein schönes Leben habe. Hat sie natürlich nicht, denn Colin, ihr Bub, hatte schon vor der Geburt eine Herzinsuffizienz und ist noch im Mutterleib gestorben. Darüber kommt Rose nicht hinweg. Überhaupt das Herz. Daran leiden sie alle in diesem Film. Auch psychische Herzinsuffizienz könnte man sagen.

Edmond wehrt sich energisch und mit Intelligenz gegen sein Leben im Altenheim. Rose kriegt das ab. Sie versucht zwar, Monsieur Berthoud, das ist der Familienname von Edmond, zum Essen zu verleiten mit dem vorbereiteten „Fraß“, von dem sie behauptet, den würden viele andere auch essen. Edmond: „Wenn Sie mit mir essen, ess ich auch“.

Die Geschichten vermengen sich dann zusehends, wie der Sohn von Edmond eines Tages die Wohnung seines Vaters einfach hat ausräumen lassen. Da steht er nun, und will partout nicht ins Heim zurück, wohin der Sohn ihn verfrachtet hat. Rose erbarmt sich seiner und nimmt ihn bei sich auf. Hier kommt das für Colin vorbereitete Kinderzimmer ins Spiel, das nie benutzt wurde, und für Rose eine Art Heiligtum darstellt. Es wird zum Nukleus, in dem die Geschichten sich verschmelzen, aufeinander reagieren  und sich vorwärts treiben, ganz nebenei gesagt in einer Grauzone am Rande der Legalität, in einem Mischgebiet von Alltag und Wahnsinn. Und auf die Frage, was Edmond denn mache, wenn im Heim rauskommt, was er mache, antwortet er schlagfertig: „dann bekomme ich vielleicht drei Wochen keinen Dessert.“

Eine sentimentale Geschichte, aber vollkommen unsentimental erzählt; eine realistische Geschichte, puh, Realismus, aber immer an der nicht sicht- aber spürbaren Grenze zum Wahnsinn. Und wie Edmond sich auf Les Diablerets vor dem großartigen Schweizer Alpenpanorama aus der Geschichte verabschiedet, seiner Frau gedenkend, die schon vierzig Jahre früher dort ihr Leben verloren hat!

Das ist vielleicht die Spanne in diesem Film: Alltag einer Altenpflegerin, Alltag von Designern und Müttern, Alltag von Alten, alles nicht sehr erbaulich, alles nicht sehr erfreulich; ab und an mal kurz der aufgewühlt wellende Genfer See und gegen Ende diese Fahrt erst mit der Bahn, dann mit der waghalsig gehängten Seilbahn auf den kühnen, schneeigen Felsbrocken Les Diablerets. Für Rose, gespielt von Florence Loiret-Caille, sind das nur Steine, sie kann der Großartigkeit der Natur nichts abgewinnen. Während sie für den entlaufenen Greis Edmond ein Stück seiner Geschichte darstellen, seine Frau ist dort vor 40 Jahren gestorben. In einer eindrücklichen Szene, steigt er die Stufen zum Gipfel hinan, wie er dies tut, Schritt um Schritt, leicht schwankend, den linken Arm fast wie steif sich auf den Schirm stützend, den er dann in den Schnee steckt, das will einem schier den Atem zum Stocken bringen. Eine physische Anstrengung, zu der er vielleicht rein naturwissenschaftlich-medizinisch gar nicht mehr in der Lage wäre, wozu er sich aber als Urschauspieler, kaum steht er vor einer Kamera noch aufschwingen kann – ganz ähnlich sein fast tänzerischer Gang auf dem Weg zum Grab von Colin. Auf Les Diablerets also, da steht er dann, schaut in die Ferne, geht einen Schritt in Richtung Schnee und den Rest kann man sich denken. Das prosaische Gegenstück zu dieser eindrücklichen Höhenszene, das irdische sozusagen, bietet Rose, die immer noch jammert, dass sie das Kind verloren hat.

Das hat mir an diesem Film so besonders gefallen, diese Spanne zwischen Alltäglichkeit und dem Sich-Aufbäumen dagegen, zwischen dem bedrückten Herzen und dem, das sich erhebt. Gewiss eine sentimentale Geschichte, aber so frappierend nüchtern erzählt.

Love Life – Liebe trifft Leben

Nur sich vom Krebs nicht das Leben versauern lassen, das scheint die Maxime von Stijn zu sein, einem modernen Werbefuzzi, der hier portraitiert wird (der holländische Titel des Filmes lautet: kommt een frouw bij de dokter – kommt eine Frau zum Doktor, falls mich mein nichterlerntes Holländisch nicht im Stich lässt). Stijn ist ein vielleicht prototypischer – vielleicht auch nicht – heutiger Allerweltsmann, mit so gut wie keiner Tiefe ausgestattet, mit keinen Problemen, der Erfolg im Beruf stellt sich von selbst ein und der bei den Frauen sowieso.

Die Filmmethode passt sich seiner Typologie an: sie ist fahrig, schnell, wendet ihr Interesse spontan und abrupt neuen Szenen zu, bleibt nie zu lange an einer Stelle. Sie passt sich, bewusst oder intuitiv, das wäre noch zu ergründen, ohne große Mühe dem oberflächlichen, lockeren, gerne auch sexistischen, denn Ficken ist schön, Geschäftsmenschenslang an, in welchem das Buch „Mitten ins Gesicht“ von Kluun geschrieben ist, das dieser Verfilmung zugrunde liegt.

Portrait eines hippen jungen Mannes in der modernen Werbegesellschaft. Bei einem Meeting lernt er Carmen kennen, die Schwarzhaarige. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Carmen und Stijn heiraten. Das Wort von der Liebe, bis dass der Tod euch scheidet, wird hintersinnig eingeführt. Es kommt auch ein Kind zur Welt, Luna heißt das Mädchen. Aber die erwähnte Erzählweise macht daraus keine Staatsaktion, das sind im Leben von Stijn maximal dekorative Anläße und Dinge. Denn Sex ist das, was ihn umtreibt, mit einer allein, das geht nicht.

Bald stellt sich heraus, dass Carmen Krebs hat, bösartigen. Die ersten Szenen, die davon berichten, erwecken die Assoziation eines Aufklärungsfilmes über Krebs. Es werden groß Wörter wie „Chemo“ oder „Bestrahlung“ wie Zwischentitel vor den entsprechenden Aktionen eingeblendet. Es gibt auch eine ärztliche Erläuterung zum Vorgang der Bestrahlung, dass es sich um einen Präzsionsangriff auf den Tumor handle, wie ein Bombenangriff im Irak. Während sie sich bestrahlen läßt – vorher schon wurden die Haare geschnitten und die Perücke angepasst, wobei sie feststellt, dass dieser neue Look tierisch jucke. Tierisch jucken, das ist so ein schöner Ausdruck. Und was unsere Hauptperson tierisch juckt, das ist das männliche Teil an ihm. Während seine Gattin also bestrahlt wird, vergnügt er sich in der Disco. Amüsiert sich. Sie erbricht sich, er bringt Luna zu Bett. Ein weiterer Zwischentitel ist „Amputation“, denn bei Carmen handelt es sich um Brustkrebs. Auch zu diesem Thema gibt es ärztliche Erläuterungen, gerade auch hinsichtlich des erotischen Interesses von Stijn. Aber selbst wenn er sein Töchterchen zu Bett bringt, ist er in keiner Sekunde der liebe- und hingebungsvolle Vater.

Dass Stijn nicht monogam leben kann, führt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner kranken Frau. Das Thema dieser Auseinandersetzung ist Roos, seine Ersatzkönigin. Üblicher Beziehungs-Heckmeck, er solle aufhören mit Roos. Er kann aber nicht. Und über allem steht das Wort „bis dass der Tod Euch scheidet“, das wird  immer mal wieder zitiert. Stijn ist jedoch ein schwacher Typ. Er sieht sich nie in einem Konflikt. Er versucht sich durchzulavieren, versucht mit Lügen sein Doppelleben neben der kranken Frau zu verstecken, das ist alles. Er ist auch gar kein besonders spannender Typ. Eine lose Folge von Impressionen aus dem Leben dieses Menschen, der sich magisch und undwiderstehlich zu den Frauen hingezogen fühlt und sich nichts denkt dabei, der den Frauen verfallen ist und sie ficken muss.

Es gibt das Spiel Wahrheit /Pflicht, was er in einer ruhigen Stunde mit Carmen am Meer spielt, da erzählt er offen. So sind sie denn glücklich bis zu seinem nächsten Rückfall. Zwischendrin rückt der Tod näher. Es gibt Details über den Krebs an der Leber, der praktisch keine Schmerzen verursacht, worauf Carmen meint, das sei wenigstens etwas Humanes. Beispiel eines modernen Menschen in den modernen Konventionen, die ziemlich amoralisch sind? Menschen geprägt und aufgehoben in werbeschicker Welt?

Wie der Tod nicht mehr abwendbar ist, machen sie Urlaub in einem Südseeparadies. 36 Stunden Flug und sie will die Scheidung einreichen. Liebe im Zeichen des Krebses hat ihre eigenen Spielregeln. Nur nicht sich durch so eine Krankheit die Liebeslust verderben lassen. Denn Stijn leidet sowieso schon unter einem unmenschlichen Zeitmanagement. Portrait eines modernen Zerfahrenen, gespalten zwischen Beruf, Krebs und Frauen, eines wie ein Boot auf wogender See hilflos hin und hergerissenen Menschen.

Er flüchtet wieder in die Disco. Hat Halluzinationen oder Visionen, Luna sagt von der Discowand herab, Mama sei böse auf ihn. Das Gewissen rührt sich zur Unzeit. Er fährt wie ein Besessener davon und baut einen Unfall. Endlich hat er die Muße, die Ruhe, Carmen bis zum Exitus zu begleiten, auch eine Sterbehilfe wird aktiviert. Carmen ist zäh. Vorher wurde noch ein Familienfoto am Bett von Carmen gemacht. Carmen ist widerstandsfähig. Der Todestrunk reicht nicht. Der Doktor muss mit einer Spritze nachhelfen.

Dann fährt der Papa mit Tochter Luna in einem Jeep ans Meer, wo Luna endlich die Kiste, die schon früher im Film vorgekommen ist, aufmachen darf. Vorher hatte Stijn noch am Todesbett versucht ein Witzchen zu machen mit einem neuen Anzug, den er gekauft hatte, er führt ihn der Sterbenden vor wie ein Model und behauptet, Shoppen mache glücklich. Carmens letzte Worte, der Trunk schmecke wie Ouzo. Und dann endlich, darauf haben wir schon länger gewartet, wie Carmen tot ist, ruft Stijn als erstes Roos an, wann sie sich treffen können.

Das Sterben, das wurde recht lange und langsam zelebriert, da verlässt der Film den Stil und teilweise sogar die Erzählposition von Stijn, da legt er offen, dass er wohl nur intuitiv versucht hat, das zugrunde liegende Buch zu illustrieren und dessen Atmosphäre zu übernehmen, dass es ihm aber an analytischem Scharfblick fehlt, so einen Typen wie Stijn ganz genau zu zeichnen, auseinanderzunehmen, nachvollziehbar zu gestalten. Andererseits: gewiss ein diskussionswürdiges Thema.

Der Große Crash – Margin Call

Computerdesigntechnisch ist es heute durchaus möglich, eine Skyline wie die von Manhattan, also des Weltbankenviertels, so darzustellen, dass fallende und sinkende Schatten aussehen, wie fallende und sinkende Börsenkurse, Hochhausfassaden wie Tabellen und Schatten wie Kurse und gegen Ende des ersten Anblicks dieses Häusermeeres kriechen bedrohliche Schatten wie eine Sturmflut die Häuserfronten hoch. Die Katastrophe nagt und steigt.

Die Hauptbühne aber für das uns ins Haus stehende wohlig-gruselige Kammerspiel ist in einer höheren Etage eines solches Geldhochhauses. Durch die Wohligkeit wird jedoch gleich ein hässlicher Strich gemacht. Eine böse Truppe, die sich äußerlich keinen Deut vom Anzugseinheitsbrei der White Collars unterscheidet, stürmt, angemessenen Schrittes zwar, das Haus; fast wie Schnitter Tod wird die kleine Sturm-Mannschaft die Reihen der Angstellten lichten, die Triage scheint nach Zufallsgenerator zu funktionieren. Die Schnitte sind kurze, präzise Worte, leise vor allem, denen auch niemand zu widersprechen vermag, denn Widerspruch ist zwecklos. Die Alternative zur angebotenen Kündigung wäre noch schlechter. Das Entlassungsmassaker dauert wenige Minuten; dann begibt sich die Kamera vor die Haustür und sichtet die Reihen der Menschen, die mit ihren kleinen Kartons privater Habseligkeiten einen traurigen Exodus in Richtung Arbeitslosigkeit bilden.

Einschub: grad dieser Tage war wieder zu lesen, dass die großen Banken alle, weil das Geschäft dank bescheidener gesetzlicher Regulierungen nach dem Lehmann-Crash (um den es sich hier wohl handeln dürfte) nicht mehr ganz so wild laufen darf, wieder eine Großoffensive in Personalabbau starten, weil das einer der Punkte ist, bei dem sie Kosten sparen können, wenn sie schon nicht mehr Gewinne ad libitum nach Freibeuter Art einfahren dürfen. Denn sie glauben, sie müssen das hohe Gewinnniveau halten, 25 Prozent peilte Herr Ackermann bei der Deutschen Bank an. Als seien solch wahnwitzigen Gewinnmargen ein Naturgesetz. Insofern ist der Film hochaktuell.

Dummerweise passiert bei der aktuellen Schnitterei ein kleines, ein klitzekleines Malheur. In Form eines Computer-Sticks. So ein kleines, kaum daumengroßes Teil, eines der wenigen privaten Dinge, die Eric mitnehmen konnte und welches er einem nicht entlassenen Junior-Angestellten noch zwischen Tür und Angel zustecken konnte mit der Bemerkung, er solle sich das mal anschauen, aber es sei Vorsicht geboten. Eric hatte immerhin eine Chef-Position. Ihm sind einige Dinge bei den Geschäften aufgefallen. Dinge, die offenbar werden ließen, dass das tolle Bankhaus kurz vorm Einsturz steht.

Was der Stick nun alles in Gang setzt, nachdem der Junior-Angestellte ihn sich angeschaut hat, die diskrete Panik, die sich wie ein heimlicher Tsunami oder wie ein Herrgott während der Nacht in dem Gebäude ausbreitet, das ist sozusagen der Hauptgang dieses exquisiten, auch exzellent gestylten und besetzten Menüs an wohlig-präapokalyptischer Sauce. Banken-Crash à discretion.

Die Starriege, die diesem Menü Glanz verleiht, wird angeführt von Kevin Spacey und Jeremy Irons. Der Starkoch und Menüentwerfer heißt J.C. Chandor. Er gibt auch gar nicht vor, hier ein Lektion oder tiefere Einsichten über das Banken-(Crash-)Wesen zu verbreiten. Es macht ihm einfach Spaß, der sich auf den Zuschauer überträgt, sich auszumalen, wie es in so einer diskret-feinen Etage kurz vorm Zusammenbruch zugehen könne. Und er macht das sehr plausibel. Dass der Besitzer der ganzen Chose noch dazu von Details keinen Blassen hat, dass er eben nur Geschäftsmann ist und auch noch aus dem Zusammenbruch ein Geschäft machen wird, das ist die Ironie nicht nur in diesem Film. Vielleicht ist das viel eher die Definition des Geschäftsmannes schlechthin, erst recht eines, der aus Geld deutlich mehr Geld machen will.

Chandor versetzt den Zuschauer nicht in die Position des zu Belehrenden oder desjenigen, der aufgeklärt werden muss, er benutzt die Leinwand auch nicht als Bühne, die in den Zuschauerraum sendet, noch will er den Zuschauer einem Thrill aussetzen oder ihn mitfühlen, mitschmachten lassen, noch ihn zu Tränen rühren oder ihm den Atem rauben; er benutzt die Leinwand als eine kleine Öffnung in sein Labor; der Zuschauer darf Zaungast sein und einen genauen Blick in einen aufgescheuchten Ameisenhaufen werfen, er wird also eher naturwissenschaftlicher Beobachter einer herannahenden Katastrophe und wird Zeuge, wie diese im Atomkern einer Bank zu welchen Reaktionen führt. Der Zuschauer wird Teilhaber an einem offenen Geheimnis.

Und da der Zuschauer ganz entfernt über sein Konto und seine Börse und sein Gehalt und die Rechnungen und die Negativ- oder Positivzinsen auch mit der Finanzwelt und der Geldwelt verbandelt ist, darf ihm der eingangs erwähnte wohlige Schauder sicher sein. Denn ein wenig betrifft  die Katastrophe auch ihn selbst.

Das ist wie wenn ein Mensch auf der Straße zusammenbricht und sich bereits genügend Helfer um ihn kümmern; es ist ein Instinkt des Menschen, das mitzuerleben, ob das Opfer gerettet werden kann und wie die Schritte dazu sind.

Und wo der Hund begraben liegt, das erfahren wir am Ende auch.

Die Lincoln Verschwörung

Das Thema ist durchaus aktuell und so ist der Film auch gedacht: der Staat soll nach einem Terroranschlag nicht rachsüchtig werden und sich an die zivilen Gesetze halten.

Die Reaktionen auf die Ermordung von Präsident Abraham Lincoln sind hier im Fokus; wie Justiz und Politik unbedingt und schnell Täter und Hinrichtungen brauchten und sich dabei wenig um die Gesetze kümmerten. Der Hinweis auf 9/11 ist unmissverständlich, wenn auch sozusagen in einer dicken Schwarte aus Oel verpackt, in einem Gemälde, das aus uralten Zeiten stammen könnte und noch mit einer dicken Sauce an Musik eingeschwallt wird.

Der Terrorakt von 1865, der hier juristisch nachbearbeitet wird, war eine Folge der Spannungen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten.

Die Verschwörer hatten sich in der Pension von Mary Surrat getroffen, weil ihr Sohn John in die Verschwörung involviert war. Sie hatte noch die Tochter Anna, die an der Verschwörung vor allem fasziniert haben dürfte, dass der bekannte Schauspieler Booth (der dann die Ermordung durchführte) mit dabei war.

Kaum war Lincoln ermordet, kaum hatte er seinen letzten Atemzug getan, fingen die Erben Lincolns, die Minister und Senatoren bereits mit Verschwörungstheorien an, dass es eine Gruppe gewesen sein müsse. Der Sohn von Mary konnte entkommen. Aber die Justiz brauchte Täter. So wurde auch sie verhaftet, weil die Mörder sich ja bei ihr im Hause getroffen hätten.

Jetzt wird die Hauptperson des Filmes wichtig, es ist der ganz junge Anwalt Frederick Aiken, der von seinem „Gönner“ mit der Verteidigung von Mary Surrat betraut wird, was er nur gegen viele Skrupel und Zweifel schließlich tut.

Robert Redford, der die Regie besorgte, dürfte in Aiken, gespielt vom Schauspieler James McAvoy, ein junges Alter Ego seiner selbst gesehen haben, einen fast romantisch-idealistischen Anwalt, welche Lichthintergründe er ihm manchmal gibt!, der reine amerikanische Vertreter des Rechtes, eines fast puristischen Idealismus, der mir heillos veraltet und außer Mode scheint. Vielleicht sind es Anflüge von Sentimentalität von Reford, der in seiner Regie diesen Anwalt immer süßlicher werden lässt, fast zu schmelzen droht er. Hier macht Redford mehr sich selbst was vor, als dass er der Welt Spannendes oder Aufklärendes zu berichten hätte.

Er hat den Anwalt in einer anrührenden Kriegsverletzungs-Szene auf einem Schlachtfeld, zwei Jahre vor 1863 eingeführt, der Hauptmann liegt schwer verletzt da – im Rest des Filmes wird er hinken, wenn man ihn denn gehen sieht – verlangt aber von den Sanitätern, dass sie als erstes den Soldaten, der fast am Sterben ist, mitnehmen. Das sind Helden.

Dann schneidet Redford auf den Abend der Ermordung Lincolns. Er fängt bei einem Empfang an, bei welchem Aiken in die richtige und wichtige Gesellschaft eingeführt wird und auch gleich auf seinen Mentor trifft, der ihn umgehend mit dem vergifteten Job betrauen wird. Ein idealer junger Amerikaner. Redford schildert das sehr gefühlvoll und nachvollziehbar in schöner alter Kinoschönschrift mit viel Suggestivkraft dank Licht, Ton und auch Figurführung.

Nach der sehr im Dunklen geschilderten Ermordung Lincolns während einer Shakespeare-Aufführung finden schon bald die ersten Gerichtsverhandlungen statt. Die sind sehr präzise gearbeitet, wie Aiken einerseits Gerechtigkeit nach dem Gesetz will, wie die herrschende Machtclique vor allem und möglichst schnell Todesurteile durch den Strang präsentieren möchte. Das ist sehr schön, sehr dicht, sehr emotional inszeniert.

Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Film hier zahlreiches freiwilliges Publikum anziehen wird. Es ist ein weiteres wunderbares amerikanisches Justizdrama. Ich könnte mir das als geeignet für den Schulunterricht vorstellen: als Lektion in Geschichte und als Beispiel eines gelungenen amerikanischen Justizfilmes. Letztlich gehen die Menschen jedoch ins Kino, wage ich zu behaupten, wegen dem Subtext. Was will uns Redford erzählen? Die Message ist doch die, der idealistische Glaube an Menschen, die dem Rechtssystem – gegen die Staatsraison – zum Recht verhelfen. Das kommt einem in unserer korrupten Zeiten sowas von fast möchte ich sagen „hinterwäldlerisch“ vor. Das ist nicht bös gemeint. Aber Redford scheint in einer idealistischen Zeit stehen geblieben zu sein, vielleicht weil er es sich als wohlhabender Amerikaner leisten kann?

Redford spricht zwar ein aktuelles Thema an wie eingangs erwähnt, ein hochaktuelles Thema sogar, denn auch Barack Obama hat noch nicht alle Gesetzesverbiegungen aus Bushs Antiterrorkrieg wieder zurecht gerückt (auch in Deutschland sind manche Gesetze von damals noch nicht außer Kraft gesetzt). Aber Redford erzählt das sozusagen in einem veralteten Zeichensystem, das kaum mehr jemand versteht. Oder er versteckt sich hinter einem vermeintlich korrekten historischen Bild, was sogar ein ziemlich sentimentaler Fehler sein kann. Er berichtet aus einer Gedanken- und Vorstellungswelt, die nicht die unsere ist. Aber wie ich meine, nicht so, dass sie unsere Neugier und unsere Interesse zwingend wecken. Mehr gut gemeint und schön gemacht als den Nerv der Zeit getroffen.

Whores‘ Glory – ein Triptychon

Michael Glawogger nennt seinen Film ein Triptychon. Das waren diese Altarbilder im Mittelalter mit zwei Flügeln, die man zusammenklappen konnte. Es gab sie auch als Reisetriptychon. Deren praktischer Zweck war sowohl Schutz der Bildflächen als auch die transportfreundliche Verkleinerung des Formates. Wäre heute alles nicht mehr nötig. Heute könnte auch der Film von Glawogger bestimmt auf eine leicht transportable Datei geschrumpft und dann wo auch immer auf der Welt auf einem Bildschirm angeschaut werden. Wenn man dies denn möchte. Um bei der Dreiteiligkeit zu bleiben: Glawogger nutzt sie, um auf den drei „Tafeln“, resp. in den drei Teilen, Prostituierte aus drei verschiedenen Ländern, die drei verschiedene Sprachen sprechen und drei verschiedene Religionszugehörigkeiten haben, zu portraitieren. Die Orte, wo die Frauen arbeiten, heißen: „Fish Tank“ (Bangkok), „La Zona“ (in Mexiko) und der Dritte ist ein Prostituierten-Ghetto in Bangladesh.

Es gab Filme von Glawogger, die waren Anlass, sich den Namen zu merken, „Megacities“ oder „Working Man’s Death“. Das waren aufregende Bilderbogen, extrem ausgewählte Bilder und Sujets, die sich mit hochaktuellen Themen beschäftigen. Städtewachstum und Ausbeutung in der Arbeitswelt. Prostitution gilt nun als ältestes Gewerbe der Welt, hat also keine besonders aktuelle Bedeutung. Denn es gab sie immer und wird sie immer geben. Insofern fehlt bereits ein wichtiges Element im Vergleich zu den erwähnten früheren Filmen. Prostituion ist zeitlos.

Es gibt unterschiedliche Äußerlichkeiten. Wie die Frauen in Bangkok, die hinter Fensterscheiben tanzen und dabei von einer Überbrückung der Straße herab mit Laserlicht die unten vorbeigehenden männlichen Passanten anmachen. In Bangkok sitzen die Frauen im Bordell alle hinter eine Glasscheibe, ausgestellte Schaustücke, mit Nummern versehen; und die Kunden sitzen in bequemen Fauteuils, wie in einer Flughafen-Lounge oder stehen davor und wählen aus. Der Geschäftsführer berät sie. Manche wollen einen Rabatt aushandeln. Dann werden die Damen resp. ihre Nummern aufgerufen. Sie werden ihren Freiern übergeben, die bezahlen an der Kasse und dann werden die Paare noch zu einem Lift, dessen Tür ein großes aufreizendes Frauenbild ziert, begleitet. Die Post kann abgehen.

In Bangladesh siehts armseliger aus. Das scheint ein rechtes Ghetto aus schmalen Gängen mit vielen Türen zu sein. Ein Europäer mit einer Kamera auf den Schultern muss da wie ein Traktor in einer engen Gasse wirken. Die Betriebe sehen sich als Familien (nirgends kann Unterdrückung und Ausbeutung besser funktionieren als im familiären Rahmen). Die Bordellbetreiberinnen bezeichnen sich als Mütter und kassieren kräftig ab. Vor dem Verkehr holen die Mädels Kondome. Die Mutter zeigt den sehr jungen Mädchen auch, wie sie es machen müssen. In Mexiko wohnen die Damen direkt an einer breiten Straße, in der die Freier mit ihren Wagen kreuzen können. Die Damen stellen sich vor die Tür. Hier hat Glawogger eine Nummer inszeniert. Er hat versucht den Verkehr gegen Geld abschreckend zu gestalten, indem dem Freier für drei Varianten genau zwanzig Minuten zugestanden wurden. Und praktisch auf die Sekunde genau, noch ohne dass er abgespritzt hätte, wurde er wieder rausgeworfen. Ist natürlich komisch bei einer dokumentarischen Kamera, zu wissen, dass der Dokumentarist die ganze Zeit mit dabei ist. Und da der Freier auch kein professioneller Pornodarsteller war, hat das ganze eine gewisse Hifllosigkeit. Ist aber weder geiler Porno noch berührender Doku.

Ich habe sowieso das Gefühl, dass das Rotlichtmilieu nicht unbedingt das von Glawogger ist. Schon in Thailand oder auch in Bangladesh entstand oft der Eindruck, die Leute würden für die Kamera sich ein bisschen verstellen. Dann kommt dazu, was mir von den beiden erwähnten vorherigen Dokumentationen von ihm zumindest nicht so in Erinnerung war, dass hier die Leute sehr sehr viel geredet haben. Das halte ich meist für problematisch oder bestenfalls für fernsehtauglich in Dokus, wenn die Leute sich in laienrhethorischer Selbstdarstellung üben.

Die lustigste Szene war für mich in Mexiko die mit den beiden Landburschen, die zu zweit auf einem Esel durch die Straße der Freier reiten.

Pro Tafel hat sich Glawogger etwa 40 Minuten Zeit genommen.

Von der Kunst, sich durchzumogeln

Das Thema wäre nicht schlecht: ein sensibler, künstlerisch begabter Teen, der anderes im Kopf hat als die Schule. Ihn beschäftigen Topoi wie die Anzahl der Menschen, die es insgesamt schon gegeben hat, die es heute gibt, wieviele Menschen täglich sterben. Die Sterblichkeit, Tsunamis und andere erd- und menschengemachte Katastrophen. Er ist ganz klar ein Typ, der auch noch keinen Sex gehabt hat. Er kann wunderbar zeichnen. Während dem Unterricht malt er ganze Bücher voll mit Gesichtern und Fratzen und Fantasiegebilden. Aber er pflegt keine Hausaufgaben zu machen.

Wobei der Titel „die Kunst sich durchzumogeln“ mir zumindest von der Exposition des Filmes her besehen nicht so ganz treffend erscheint. Denn der junge Mann, George heißt er, versucht gerade nicht sich durchzumogeln, er findet nur andere Themen viel wichtiger. Zudem gibt’s bei ihm zuhause Probleme. Er hat einen Stiefvater. Von dem entdeckt er bald, dass sein Leben auch nicht so funktioniert, wie er vorgibt, dass es funktioniert. Man erwartet also nach der Exposition eher ein Drama. Denn die Figur des ahnungsvollen, sensiblen Künstlers, der nicht für eine brutale Maschinerie wie die Schule gemacht ist, der von so einer Maschinerie normalerweise eher hinauskatapultiert wird, wird sehr glaubwürdig behauptet.

Natürlich muss eine Liebesgeschichte, erst eine zarte, eingeführt werden. Die mit Sally. Sie taucht erstmals auf, wie sie auf dem Flachdach des Schulhauses raucht. Er guckt nur in die Gegend, in seinen notorischen, man könnte auch interpretieren, Verpuppungsmantel, gehüllt. Eine Lehrerin kommt und riecht, dass geraucht wird. Er nimmt das auf sich, indem er tut, als stecke er sich eine Zigarette an, während Sally entwischen kann. Das bringt die beiden näher. Ihre Mutter führt ein Lotterleben. Hat einen lockeren Umgang mit Männern und dem Sex. Und wie sich rausstellen wird, George eben nicht. Der nimmt das alles ganz ernst. Die Mutter von Sally warnt diese vor der Ernsthaftigkeit von George. Es kommt ein Kunstmaler ins Spiel, der auch auf der Schule war, auf der der Kunstunterricht immer eine Rolle spielte. Der wird es dann mit Sally treiben.

Leider wird die vielversprechende Exposition der Geschichte, die aus dem zarten, ahnungsvollen jungen Mann vielleicht hätte über diverse Krisen einen ernst zunehmen Künstler machen können, durch den Fortgang so ziemlich entwertet, indem bald klar wird, dass alles auf ein nicht allzu teures Happy End zusteuern muss und dass das A und das O im Leben eben doch der College-Abschluss sei, den George nach all seinen Ausfällen und Opponiererei in drei Wochen Ackerei erreicht – und vielleicht nur, weil die Mutter die Wohnung verkaufen muss. Also nicht durchmogeln, sondern büffeln. Und der Mallehrer hat von ihm ein ernstes Gemälde verlangt, wo er seine Grenzen überschreitet, wo er sich neu zu verstehen gibt. Das ist ein leider sehr erwartbares Portrait von Sally, die inzwischen mit dem jungen Maler was hatte. Das kommt ganz entgegen der bisherigen Anlage der Figur. Er hatte zwar mal einen zarten Traum von Sally. Aber dass sie seine Muse sein würde, darauf deutete nun grad gar nichts hin und nur mit Schuften und Pauken wird man eben auch kein Künstler. Ein Film, der die schöne Schilderung der Figur, mit der er anfängt, mit der öden Spekulation auf ein klischeeiger-geht’s-nimmer-Happy End und dass die Welt wieder in Ordnung sei, billig wegschmeißt, den Protagonisten zum Konformismus bringt.