Zum Vorspann fallen Tropfen auf eine Wasseroberfläche, der Mensch als Tropfen – symbolisch.
Die deutsche Synchronisation ist leider eine routinierte und bei den weiblichen Stimmen gerne s-fehlerhaft.
Ineinander verknüpfte Geschichten aus Belgrad. Ausgehend von einem Taxifahrer, also genau genommen von der Stimme von Belgrad Radio Taxi, von der man als erstes erfährt, dass dieses Radio nur noch beschränkt auf Sendung gehen werde und dann aufhöre. Der schöne Zirkelschluss zu dieser Ansage: ganz am Schluss fährt der Sprecher eben dieser Sendung selber Taxi und ein Fahrgast, weiblich, hat die Sendung sehr geschätzt.
Der Blick auf die Brücke zwischen Neu-Belgrad und der Altstadt und die Radioansagen dazu sind Bindemittel zwischen den einzelnen Geschichten, die alle Figuren aus dem heutigen Belgrad portraitieren und die, so will es diese Art von Konstrukt, miteinander in Verbindung geraten.
Der Krieg ist in den Köpfen immer noch präsent. Das zeigt sich im Hang zur Selbstbewaffnung, in Form von Friedhofsbesuchen oder Erinnerungen an Verstorbene oder in den ständigen giftigen Bemerkungen des Hausbesitzers im Innenhof, wo unser Taxifahrer Gavrilo wohnt, der nie Kinder haben möchte, weil er kein Sadist sei und keinem ein Leben, wie er es kennen gelernt habe, gönnen möchte, also eine kriegsbedingt pessimistische Weltsicht.
An Gavrilo bleibt prompt ein Kind hängen. Damit fängt die eigentliche Spielhandlung an. Eine Frau mit Kind auf dem Arm steht an einer Kreuzung. Er nimmt sie mit. Mitten im Stau auf der Belgrad Brücke steigt sie aus, steigt aufs Geländer, weg ist sie und Gavrilo bleibt mit dem Kind auf dem Rücksitz in seiner Taxe zurück. In einem Auto in unmittelbarer Nachbarschaft sitzt ein streitendes Paar, die Frau ist Anica Dobra, sie verlässt das Auto, sie will von ihrem Macker nichts mehr wissen.
Gavrilo hat nun dieses Kind. Aus einem intuitiven Grund mag er nicht zur Polizei gehen. Aber er meldet, dass er als unbeteiligter Zeuge die Frau hat springen sehen und erkundigt sich nach ihr. Sie ist geborgen worden, sie lebt. Sie hatte die Nase gebrochen und liegt im Koma. Um aber das Mädchen wieder loszuwerden, will Gavrilo dass die Mutter wieder ins Leben zurückkommt. Erst geht er mit dem Kind zu seiner Vertrauten, einer guten Bekannten, einer Nutte, die sich ein bisschen kümmert. Dann in seinen Hinterhof mit dem zynischen, rassistischen Hausbesitzer, der wie er das Kind entdeckt sich schon mal mit der Axt dem Mieterfenster nähert, worauf Gavrilo seine Pistole schnell in Griffbereitschaft hat. Wie denn Pistolen auch so noch allerorten auftauchen, so kurz, so selbstverständlich, Rückbleibsel aus einem furchtbaren Krieg, der Folge des Zusammenbruchs Jugoslawiens nach Tito. Von dem übrigens auch immer noch geredet wird und von seinem Geburtstag. Der ist noch präsent, weil die Zeit auch ihr Gutes hatte.
Bei der Polizei begegnet Gavrilo nach seiner Aussage Anica, die auch aussagen will und er bittet sie, doch nicht zu erwähnen, dass die Frau aus seiner Taxe gestiegen sei, weil er dann seine Zulassung verlieren könne, weil er ja anders ausgesagt hatte.
Die Besuche bei der Mutter des Kindes werden fortgesetzt, auch mit Nutte und Kind und die Therapie wirkt. Allmählich fängt die Mutter wieder an, die Augen zu bewegen und einmal wird Gavrilo vom Arzt gefragt, welche Blutgruppe er habe und ob er nicht Blut spenden könne. Er zögert.
Der Regisseur schneidet auf eine Szene in einer Bar. Die Adresse dieser Bar fand Gavrilo auf einer Serviette, die die Frau in seiner Taxe hat liegen lassen. In der Bar erkundigt er sich nach ihr. Hier reißt er sich das Pflaster von der Blutabnahme ab, ob er das hier entsorgen könne.
Eine andere Geschichte ist die von der Lehrerin, in die der adoptierte Sohn Marco eines Mannes verliebt ist, der ihr Kind überfahren hat. Es ist ein bleicher grüner Junge. Er repariert ihr das Auto und fährt es ihr vor die Schule, denn es war kaputt und sie fragt ihn, ob er das Auto aufgebrochen habe, worauf er antwortet, es sei schließlich ein Jugo, diesen Wagen könne man mit einem Hausschlüssel öffnen. Er hat aber den Zünder oder was auch immer repariert. Die Lehrerin ist ihm gegenüber in einem furchtbaren Konflikt. Hier ihr Sohn, der vor vier Jahren vom Vater von Marco überfahren worden ist, man sieht dann auch das Kinderzimmer und wie sie die Spielsachen zusammenpackt und einer anderen Frau gibt, andererseits ist sie nicht unanfällig gegen die Liebe, die der Junge ihr gegenüber behauptet.
Keiner in diesem Film ist unempfindlich gegen die Liebe, den Zyniker im Hinterhof vielleicht mal ausgenommen.
Die rothaarige Apothekerin, Biljana, stellt am Grab ihres verstorbenen Dunscha eine brennende Cigarette auf. Dabei wird sie von Dunschas Bruder Stefan, einem Popen, beobachtet. Stefan ist aber mit einer anderen Frau zusammen, die schon schwanger ist. Biljana scheint das wenig zu interessieren. Sie ist entflammt für Stefan.
Die Mutter mit Kind, Jasmina Hadschidsch heisst sie, wohnt jetzt bei Gavrilo und wie er schlafen gehen will auf dem Sofa, sagt sie, er solle sich doch zu ihr legen, dann liegen sie eng aneinandergeschmiegt beieinander, schönes Bild, Geborgenheit. Nur die Menschen in Jugoslawien sind halt sehr kaputt. Anderntags gehen sie in die Kneipe, wo Gavrilo die Adresse der Frau ausfindig gemacht hat. In der Stadt treffen sie auf einen Mottorradfreak. Er ist der Vater des Kindes. Kaum sieht sie ihn, hockt sie schon hinten auf seinem Motorrad und braust mit ihm davon. Gavrilo bleibt mit dem Kind zurück.
Das Problem beim Versuch, solche ineinander geschnittenen Geschichten zu erinnern, ist, dass man leicht durcheinander kommt. Sowohl in der Reihenfolge, also auch in den Inhalten, und was nun genau wann und wo passiert ist und wer nun genau mit wem was gemacht hat.
Ein weiteres Problem mit solchen ineinander geschnittenen Geschichten scheint mir auch die Gefahr, dass sich die Geschichten dann dem Arrangement anzupassen zu haben und nicht allein ihrer inneren Dynamik folgen, so verlieren sie für mich gelegentlich einen Hauch an Glaubwürdigkeit, weil das dann dem System geschuldet ist, dass zum Beispiel der Taxifahrer am Schluss selber auf der Brücke steht am Geländer und offensichtlich drüber nachdenkt, sich hinunterzustürzen, denn schliesslich ist er wieder allein; er tut es dann doch nicht, wie er aber zum Auto zurückgeht und verkehrsseitig die Tür aufmachen will, da wird er von einem herannahenden Auto erwischt. Das ist doch sehr künstlich herbeigeführter Schluss, der mir zu aufdringlich letztlich von den doch spannenden Geschichten ablenkt, der mir vorkommt wie eine Eitelkeit des Erzählers, die er glaubt, seinem System zu schulden.
Dabei hätte Srdan Koljevic das gar nicht nötig, er ist ein erfahrener Drehbuchschreiber, das ist nur der erste Film, bei dem er auch Regie führt, seine Figuren und Szenen haben Hand und Fuss, wenn man die Struktur einer Erzählung mit einem Tisch als einer Arbeit eines Schreiners vergleichen wollte, so könnte man sagen, die Figuren und Szenen sind im Lot, sie sind stabil, sie wackeln nicht, man kann sich dran setzen, sie sind glaubwürdig, dadurch auch gut spielbar, die Charaktere sind erkennbar, sie haben eine Geschichte, die mehr oder minder unverhohlen in ihr Leben reinspielt, dieses bestimmt. Es sind immer konkrete Handlungabläufe und Sachzwänge, die den Fortlauf der Geschichten bestimmen, die Figuren sind somit sehr gut geerdet und haben sonderbarerweise gerade dadurch auch genügend Momente, ihre Gefühle zu zeigen, ohne dass dadurch extra erklärende Szenen und Texte erfunden werden müssen.
Zum Beispiel bringt die Drohung des Spitals, die aufgewachte Komapatientin solle in die Psychiatrie verlegt werden, einen wichtigen Handlungsimpuls, denn wer weiss (das wird jetzt nicht erzählt, das muss sich der Zuschauer schon selber ausdenken) wo erstens die Psychiatrie ist, zweitens, ob die Patientin da je wieder rauszuholen ist und führt also zu einer sehr schnell organisierten und improvisierten Patientenentführung. Gavrilo muss also in der Apotheke, in der Biljana arbeitet und in der er schon die Durchfalltabletten für das Kind besorgt hatte, schnell einen Arztkittel und sanitäre grüne Hauben besorgen, kurz die Ausrüstung, um den Doktor zu spielen und der Patientin das Aussehen eines reguläre zu verschiebenden Patienten geben, das gibt ihm auch die Gelegenheit zu erwähnen, dasss er auch nicht auf den Kopf gefallen sei, nachdem er die Patientin vorbereitet hat, geht er ganz schnell in ein Nachbarzimmer, zieht einen Stecker raus (das passiert geschickter weise im Off) man sieht ihn nur zurückkommen, es piepst wie wahnsinnig in besagtem Zimmer und während er in aller Seelenruhe die Patientin auf einen Rollstuhl setzt und rausfährt, rennt das Personal, das sieht man durch eine Scheibe, in das Zimmer nebenan, gelungenes Ablenkungsmanöver, eine Szene, die viel erzählt über Gavrilo, und die den Zuschauer lustvoll mitgehen lässt. Das Ziel der ganzen Aktion ist letztlich, das Kind wieder loszuwerden.
Die Begleitmusik ist übrigens besinnlich leicht würde ich sagen, es dominieren die gezupften Streichinstrumente, die gelegentlich auch von einem Klavier oder einem Blasinsturment diskret begleitet werden.
Die Einladung der Apothekerin an Stefan geschieht mittels einer rein sachlichen Information, dass die Apotheke rund um die Uhr geöffnet habe und dass sie lieber nachts arbeite. Auch hier kann wunderbar in Sach- und Geschäftszwängen eingebettet der Hinweis auf ein Rendez-vous stattfinden, statt irgend ein gestottertes Getue, ob man sich wieder sehen könne oder die Telefonnummern tausche.
Wie Stefan nachts in der Apotheke auftauchtt, lässt die Apothekerin was fallen, schilt sich selbst einen Tolpatsch und schön küsst sie Stefan, kurz, heftig, hinter der Apothekenladentheke. Das sind grossartige Szenen, die wie impulsiv passieren.
Später wird Gavrilo seine Pistole verkaufen, notgedrungenermaßen, denn für das Baby müssen Dinge angeschafft werden. Diese Pistole ist also ein Kristallisationskern für einen ganzen Handlungsstrang um den Kauf eines Kinderwagens, später eines Kindersitzes, wie der Motorradtyp mit der Mutter abgehauen ist); beim zweiten Mal im Kinderladen (übrigens hat sich beim ersten Mal die Mutter total desinteressiert gezeigt, was für einen Kinderwagen Gaavrilo kaufen werde), und bei der Anschaffung des Kindersitzes kommt es auch zu einer merkwürdigen Anmachsszene zwischen der Verkäuferin, einer sehr aufgemotzten jungen Dame und Gavrilo. Er verkauft also die Pistole, der Deal geht in einem kleinen Lokal vor sich und die Pistole bleibt nicht lange beim ersten Käufer, schon im nächsten Moment kommt Wuk, der Motorradfahrer in der schwarzen Lederjacke und ersteht sie. Damit wird er in einer Art Countdown-Szene Gavrilo bedrohen. Das war etwas sehr absehbar.
Immerhin hat dieser Verkauf, und dass andere ihn mitgekriegt haben auch die Gelegenheit zu Bemerkungen gegeben, aus denen hervorgeht, wie wichtig, wie ans Herz gewachsen einem heutigen jugoslawischen Taxifahrer seine Pistole ist, einmal hat er das ja auch begründet, dass er die zu seiner Sicherheit brauche; aber die Kommentare zum Verkauf, die lassen auf ein viel tieferes Verhältnis schliessen.
Der Film zeigt lauter Menschen mit Narben, dazu ist der Satz zu hören: „Ein Mensch ohne Narben hat nie gelebt.“
Zum Vorspann fallen Tropfen auf eine Wasseroberfläche, der Mensch als Tropfen – symbolisch. Die deutsche Synchronisation ist leider eine routinierte und bei den weiblichen Stimmen gerne s-fehlerhaft. Ineinander verknüpfte Geschichten...