Diese Dokumentation von Anya Schmidt habe ich nicht gesehen, die könnte aber vor dem Hintergrund des aktuellen Amoklaufes unseres Welt-Finanzsystemes vielleicht ganz gedankenanregend sein; denn sie berichtet über Naupany Puma, den letzten Sonnenpriester der alten Inkatradition. Pachacútek steht für Prophezeiungen der Inka für eine Zeit von großen, grundlegenden Veränderungen, die in ein neues Zeitalter führen werden. Vielleicht stehen wir vor so einem Wendepunkt. Dass unser System, dass unsere Erde Heilung braucht, das dürfte außer Frage stehen. Naupany Puma, der einen Pilgerweg um die Erde antritt, führt uns zumindest ein Beispiel für einen Heilungsversuch vor Augen. Wenn die Menschheit nicht mehr weiter weiß, so muss sie sich auf Ideensuche begeben. Vielleicht kann dieser Film eine Anregung in dieser Hinsicht bieten.
Archiv der Kategorie: Review
Berliner Philharmoniker in Singapur: A Musical Journey in 3D
Sir Simon Rattle ist ein faszinierender Dirigent, die Berliner Philhamoniker sind ein großartiger, weltberühmter Klangkörper und wenn sie Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 1“ spielen, so ist das garantiert ein Erlebnis, so subtil, so gelegentlich gerade bis zum Rande der Hörbarkeit; da könnte der berühmte Stecknadelkopf beim Fallen ziemlich stören.
Dieses Musikerlebnis ist Dreh- und Angelpunkt der hier betrachteten Dokumentation, ein Konzert, das die Berliner Philharmoniker in Singapur gegeben haben. Live-Mitschnitt.
Der Film hat zwei Teile. Im ersten geht es um die oben erwähnte Mahler-Sinfonie. Die Kameras bleiben im Saal fixiert, konzentrieren sich auf den Dirigenten, das Orchester und die Close-Ups einzelner Instrumentalisten oder Instrumentalisten-Gruppen.
Im zweiten Teil spielt das Orchester unter seinem Dirigenten die sinfonischen Tänze von Rachmaninov. Die sind härtere Kost für die Ohren als die höchst sensiblen Mahler-Töne. Vielleicht hat das den Regisseur aus dem Konzertsaal getrieben. Jedenfalls schneidet er unter den Rachmaninov-Teil zwischen die Musiker- und Dirigentenbilder immer wieder ad hoc und sehr beliebig und sehr schnell in Singapur aufgenommene Stadtimpressionen, wie jeder Tourist sie heute in nicht minderer Qualität und schon gar nicht weniger originell auf modernen Kameras einfangen kann. Zu sehen sind Tempeltänzerinnen, eine Kirchenprozession, Tai-Chi-Übungen, Promenierende, Sitzende, ein traditioneller Tanzdrachen in einem Palmenhain, Menschen die für die Kamera posieren, Stadtverkehr. Versucht wird, mit ihnen in akausaler Synchronizität das Tänzerische an der Rachmaninov-Musik zu illustrieren: ein doch eher fragwürdiges Bastelunternehmen von Herrn Michael Beyer, dem Regisseur dieser recherchearmen Dokumentation.
Was nun das filmische Bannen des Konzertes in Singapur anlangt, so tendierte ich eher dazu von schnoddriger, liebloser Routine zu sprechen, schnell, schnell ein paar Kameras im Saal postiert und eine mitten unter den Geigern auf den Dirigenten gerichtet und billig abgedeckt, und dann für den Schnitt immer schön abwechseln zwischen Position eins und zwei und drei und vielleicht noch einige Schwenks und das Zoom etwas näher oder weiter. Wer mit Kinoanspruch auftritt, sollte mehr bieten.
Ach ja, das Ganze ist in 3D.
Footloose
Die Füße sind locker, frei, ungebunden; die Füße sind los. Es sind die Füße von Teens in tiefster amerikanischer Provinz. Sie tanzen und tanzen enthemmt und heftig im Rhyhtmus; der Boden wippt und bewegt sich. Dann tanzen sie auf dem Acker zwischen ihren Autos, es ist Nacht, die Füße bohren sich im Scheinwerferlicht in die Erde, so schnell drehen sie sich.
Die Party ist over, nicht aber in den Gemütern und in der Stimmung. Fünf Kids fahren im breiten Amischlitten nach Hause. Dort kommen sie nicht mehr an, denn sie rasen in einen LKW. Heftiger Crash. Da bleibt einem schier der Atem stehen. Das ist beabsichtigt, denn dieser Atemstillstand soll den Boden bereiten für das folgende, tiefernst inszeniert und tiefernst gespielte Drama unter Käseglockenmoral mit dem dann doch glücklichen Ende.
Nach dem Tod der fünf Jugendlichen herrscht große Betroffenheit in Bomont, wie das amerikanische Provinz-Kaff heißt. Auch ein Sohn des Pfarrers ist unter den Opfern. Tochter Ariel ist ihm geblieben. Aus der Trauer und dem Entsetzen über den Unfall heraus beschließt die Gemeindeversammlung in öffentlicher Sitzung eine ganze Reihe rigider Verbote, die für die Gemeindegemarkung ab sofort gelten: Tanz und Alkohol fallen darunter und eine frühe Sperrstunde für die Teens. Jedes Ratsmitglied muss vor der versammelten Gemeinde zu jeder der Vorlagen mit Ja oder Nein Stellung beziehen. Damit ist sehr schön die Grundlage für Konflikte gelegt.
Das auslösende Element dazu ist Ren McCormack ein Zuzügler aus Boston, wo ein anderer Geist herrscht. Er ist der Sohn der Schwester der Frau eines Autowerkstättenbetreibers in Bomont. Ren ist in Boston aufgewachsen. Er hat seine Mutter an Leukämie sterben sehen und sie bis in den Tod begleitet. Er hat also durchaus auch ein schweres Schicksal hinter sich. Und gleichzeitig das Leben vor sich und auch das Bedürfnis nach Tanz und Vergnügen, was in Bonmot strikt verboten ist, auch drei Jahre nach dem tragischen Unfall.
Ren frisiert einen alten VW-Käfer, motzt ihn mit Lautsprechern auf und fährt durch die Gegend, bis er von der Polizei aufgehalten wird. Das musste ja so kommen. Drei Jahre strenges Ausgehverbot und Jugendliche, die längst nicht mehr so betroffen sind vom Unfall, eine neue Generation. Der Drang nach Tanzen meldet sich immer stärker. Ariel hat ein Verhältnis mit Chuck; ihr gefällt aber Ren auch. Das setzt eine Liebes- und Rivalitätsdynamik in Gang, die dann parallell mit der Entwicklung des politischen Prozesses zwischen dem Wunsch der Jugendlichen nach Tanzen und dem Reiten auf den Prinzipien der Alten einsetzt. Das muss bei der Gemeindeversammlung zur Sprache kommen.
Das wird alles sehr schön, sehr flüssig, sehr gut erzählt. Der Darsteller des Ren soll wohl die Assoziation zu James Dean erwecken und ist ein sehr technischer Tänzer.
Allerdings scheint mir das, was sie erzählen, die Geschichte selbst um die Moral in der amerikanischen Provinz mit diesem sonderbaren Pastor einige Jahrzehnte an unserer Zeit vorbeizuzielen, eine Vergangenheit zu aktualisieren, die wir uns so kaum mehr vorstellen können, mit dermaßen rigiden Verboten von so bescheidenen Vergnügungen. Der Film peilt, so scheint mir, in eine Zeit, einige Jahrzehnte hinter uns. Oder die Verleiher interpretieren den Film völlig anders und sehen darin eine aktuelle Message, die ein europäisches Publikum ansprechen könnte, dann sollten sie uns vielleicht auch sagen, welche, oder sie schweben selbst in einer Wolke in einer fernen Zeit und glauben echt, mit diesem schönen, aber moralisch total verstaubten Film, hier bei uns Geld verdienen zu können?
Charlotte Rampling: The Look
Beliebter Wochenendbeilagen- oder Magazinfeuilletonismus: ein Promi wird in aller Ausführlichkeit zu einem Thema befragt. Das soll den Lesern allzuviel Seelengekotze oder Blicke in allzu abgründige Abgründe oder in die Komplikationen des Privaten ersparen. Die Sache muss genießbar bleiben, leicht konsumierbar ohne Nebenwirkungen. Ein solches Promi-Ikonen-Gebinde haben wir vor uns.
Im Focus: Charlotte Rampling. Angelina Maccarone, die Autorin und Regisseurin des Films, bringt den Filmstar mit Autoren, Fotografen, kurz mit anderen Menschen zusammen, mit denen die Diva im Laufe ihres Lebens zu tun hatte. Und stellt über die Begegnungen Thementitel: Exposure, Age, Beauty, Resonance, Taboo, Desire, Demons und auch die Liebe darf nicht fehlen. Dazu unterhält Frau Rempling sich immer sehr gebildet, sehr wortgewandt, aber auch in jeder Sekunde ihrer Kamerawirksamkeit bewusst, nie blickt sie in die Kamera, ja sie vertreibt sogar Leute, die sich in ihrem Blickfeld hinter der Kamera tummeln, obwohl sie nur ein lockeres Gespräch führen soll und keine schwierige Rolle zu spielen hat (vielleicht ist gerade das die schwerste Rolle, sich selbst darzustellen, muss sie da besonders auf der Hut sein?). Sie tut also gerade das, was angespannte Akteure in Fällen besonderen Stresses oder gar Gereiztheit gerne tun. Vielleicht weil Schauspieler der größte Verstecker-Beruf ist, den es überhaupt gibt und weil ein Schauspieler sich nie gefährderter fühlt, als wenn er sich selber sein soll?
Wer also an der Oberfläche bleibt, der bekommt hier Charlotte Rampling „volles Programm“, der kann sein Bedürfnis nach der Nähe zu dieser Frau ausleben, kann mit ihr zwei nicht allzu bescheuerte Stunden im Kino verleben. Frau Rampling liefert Rampling in Reinkultur. Aber nicht ein privater Moment ist zu sehen. Das ist aufschlussreich eher für diejenigen, die der Schauspielerei auf den Grund fühlen möchten. Sie sagt zwar anfangs, dass alles Technik sei, andererseits aber behauptet sie, alles sei spontan. Beim Film ist es eben so, dass man morgens um zehn Verzweiflung und nachmittags um vier das Glück spielen muss oder die Enttäuschung. Und oft x-mal hintereinander. Also auch der Nähkästchenneugiereige kommt auf seine Rechnung, bekommt ein professionell von Frau Rempling zubereitetes Futter. Sie spielt den Star perfekt. Sie hat es lange geübt. Selbst in Südfrankreich, wo sie inkognito an einer Runde älterer Franzosen vorbeigeht und die sie dann anquatschen und einer erkennt sie sogar und dem anderen gibt sie spontan noch einen Kuss.
Kurz vor dieser Szene, war ein Moment, da sieht man, dass sie beim Gehen eine gewisse Mühe zu haben scheint, sowas lässt die Diva sonst nicht durchblicken. Interessant für den Röntgendiagnostiker ist auch jene Stelle, an der sie erzählt, dass sie in ihrer Kindheit eine Zeit lang im französischen Sprachraum gelebt habe und anfangs kein Wort sprechen konnte und dass diese Einsamkeit in ihr was bewirkt habe. Vermutlich, dass sie sich nie wieder ein Blöße geben wollte, aber das ist im Bereich der Spekulation.
Ein Filmprodukt, was zeitgemäße Ikonenverehrung bietet und Frau Rampling liefert professionell, was von ihr gefordert wird. Wenigstens einmal, da hätte ich sie dann doch gern in einem rein privaten Moment ertappt, wo sie sich gänzlich unbeobachtet fühlt, man könnte auch sagen: ungefährdet.
Immerhin zeigt der Film eine hochprofessionelle Urschauspielerin, die sich durchaus auch des Monsters in sich bewusst ist, und bei der es sicher kein Zufall ist, dass sie immer noch im Geschäft ist, da mag sie sich noch so sehr als Spinozistin bezeichnen, was immer sie damit meinen mag.
Ein tauglicher Konsumartikel im Rahmen der Erwartungen eines anspruchsvollen Kulturpublikums, das sich garantiert verstanden fühlen wird, so wie sie sich selbst beschreibt: nämlich als Projektionsfläche für die Zuschauer.
Ein gepflegtes Feuilletonismus-Indstrie-Produkt, ein reeller Gegenwert für einen Kinoeintritt.
Wintertochter
Winterfilme heißt es generell, seien eine schwierige Sache. Es sieht so aus, als wolle Johannes Schmid, Co-Autor und Regisseur des Filmes, das Gegenteil beweisen mit einem leichten, kinderfreundlichen Vatersuche-Film, mit dem er gleich noch ein weiteres Vorurteil, das leider durch eine ganze Reihe von neueren Koproduktionen bestätigt worden ist, widerlegt, nämlich, dass deutsch-polnische Filme zum Vornherein schwache Filme seien. Es ist ein Kinderfilm mit kinderfreundlichen Figuren und einer recht traurigen Geschichte. Der Bilderzusammenschnitt vorm Titel zeigt zwei wichtige Elemente des Filmes, ein Containerschiff, was sich kraftvoll seinen Weg durch die Meereswogen bahnt und ein Mädchen, was kräftig im Freestyle in einem Schwimmbassin seine Bahnen zieht.
Das Mädchen ist Kattaka, deren Eltern, resp. deren Mutter mit ihrem vermeintlichen Vater, (der ist leider viel zu typisch als der unechte Vater besetzt), ein Fotoatelier betreiben. Zuhause ist grad viel los, ein Paar lässt sich fotografieren. Kattaka kommt nach Hause. Ein Anruf steht ins Haus. Kattaka geht feixend ran; am anderen Ende der Leitung ist eine fremde Männerstimme. Es ist, was sie noch nicht wissen kann, ihr leiblicher Vater, ein Seemann, der mit ihrer Mutter Margarete ein Verhältnis gehabt hat, woraus Kattaka entstanden ist. Bis sie Bewusstsein entwickeln konnte, war ihre Mutter aber bereits mit dem unpassenden Vater verheiratet und sie haben es ihrer Tochter nicht gesagt. Jetzt also mit diesem Anruf ist das nicht mehr geheim zu halten.
Vorher waren die Kinder, also Kattaka und ihr Buddelkastenfreund, der etwas jüngere und immer witztige und vorlaute Knäcke mit der älteren Nachbarin Lene im Wald, um mit der Kettensäge einen Weihnachtsbaum zu fällen. Lene hat erwähnt, dass sie selber keinen brauche. Sie lebt allein und hat ihr Schicksal angenommen, von welchem wir so ganz nebenbei noch einiges und zwar nichts Leichtes erfahren werden, weil das nämlich mit Polen zusammenhängt.
Durch den Anruf erfährt Kattaka, dass ihr vermeintlicher Vater nicht ihr leiblicher Vater ist und sie erfährt auch, dass der mit dem Schiff eben in Stettin festgemacht hat, das ist keine Weltreise von Berlin und schon ist sie abgehauen von zuhause und mit der Nachbarin Lene im alten wackligen VW-Bus unterwegs. Lene, das ist in ihrer Einfachheit eine wunderbar für Kinderfilme geeignete Darstellerin, weil sie so gar keine Mätzchen macht und diese herbe Einfachheit. Schon haben sie die polnische Grenze passiert, Lene war völlig überrascht, dass da keine Zoll- und Passkontrolle ist, die lebt also schon etwas hinter dem Mond, das bringt diese Darstellerin ganz gut rüber, aber plötzlich werden sie von der Polizei rausgewinkt.
Die polnische Polizei, oh Schreck, aber die monieren lediglich einen kaputten Blinker. Bei diesem Halt muss plötzlich ein Blinder Passagier, der sich in den Bus geschmuggelt hat, dringend pinkeln, es ist Knäcke. Ein herrliches Trio, das jetzt unterwegs ist, den Vater von Kattaka zu suchen. In Stettin ist das Schiff allerdings schon wieder abgefahren und nach kurzer Diskussion entscheidet man sich, dem Schiff weiter zu folgen, zum nächsten Hafen. Sie kommen dort in der Pension und Gastwirtschaft „Zur Fledermaus“ unter. Der Sohn der Wirtsleute heißt Waldek und spricht als einziger Deutsch, ein recht gutes noch dazu. Er hat große Karrierepläne zur See und ist in etwa so alt wie Kattaka; zwischen den beiden fibriert und rumort, auch wenn das nicht weiter ausgespielt wird, von der ersten Sekunde an die Gefühlswelt. Waldek hilft nun den anderen in den Containerhafen zu gelangen, denn das ist nicht so einfach. Aber wozu hat Waldek eine Cousine, die bei der Polizei ist und die einfach durchgewunken wird im Container-Hafen; die Lene schläft da noch in der Pension.
Es kommt zur ersten Begegnung zwischen Vater und Tochter. Überwältigt und abgestoßen von den Gefühlen nimmt Kattaka wieder Reißaus. Der Vater weiß überhaupt nicht, was diese Leute in seiner Kabine wollen.
Jetzt ist Zeit für ein Zwischenkapitel. Denn inzwischen melden sich bei Lene die Erinnerungen. Es geht weiter nach Masuren, den Spuren ihrer Kindheit nach, die noch im Krieg war; Flucht vor den Russen. In einem Kästchen auf einem Baum hatte sie Kostbarkeiten versteckt, das ist nun wirklich nicht realistisch, dass so ein Kästchen in einem Nistkasten an einem dicken Baum noch nach 50 oder 60 Jahren intakt ist und das Foto von ihrer Mutter noch drin. Kein Wunder, dass darauf nichts mehr erkennbar ist. Gefühlvoller Moment, Lene auf dem Baum.
Inzwischen haben die Eltern von Kattaka auch den Weg nach Polen unter die Räder genommen. Das Schiff vom leiblichen Vater wird nun zum Show-Down-Ort für die Geschichte, denn die Kinder versuchen eine weitere Annäherung; der Besuch in Masuren hat Lene verändert. Das Ende allerdings, das scheint mir leider mit dem dramaturgischen Wallholz breitgewalzt, schade.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Johannes Schmid, der mit Michaela Hinnenthal auch das Buch geschrieben hat, ein sehr der Sache zugeneigter Regisseur ist, den nicht Perfektion interessiert, sondern die glaubwürdige menschliche Reaktion auf überraschende Nachrichten und wie ein Mensch so ein Glück erst mal von sich stößt und nicht alles gleich Friede, Freude, Eierkuchen sein muss. Das macht den Film zu einem interessanten, ansehnlichen Teil.
Lauras Stern und die Traummonster
Schade, rief ein Kind, wie die kurzweilige gute Stunde in angenehmem 3D zu Ende war. Ein besseres Kompliment kann man einem Film, zumal einem Kinderfilm, nicht wünschen und dem mag man auch gar nicht widersprechen.
Der Animations-Film ist sicher für die Kleineren unter den Kindern, aber wer sich für deren Fantasie- und Angstwelten interessiert, wird auch als Erwachsener gut unterhalten. Es handelt sich allerdings nicht um ein Stück aus der Grimmschen Märchenwelt mit bösem, angstmachendem, menschenfressendem Wolf, verzaubernden Hexen, mit missgünstigen Königinnen oder in Frösche verwandelten Prinzen, es handelt sich hier um ein Stück moderner Pädagogik, das die Angstträume von Kindern zum Thema macht und ihnen ihre Schrecken nehmen will, wenn kind denn nur keine Angst hat.
Hier sind die furchteinflößenden Monster solche, die sich aufblasen, sobald ein Kind Angst vor ihnen hat; es sind Stielauge, Fresso, Beule, Tentakel und deren Chef, der einen Schal aus einer doppelköpfigen Schlange um den Hals trägt. Dann gehört auf die Seite der Monster noch der Lichtfänger, der, wenn er irgendwo ein Licht sieht, dieses einfangen will mit einer Art Käscher oder mit einem rückwärts verwendeten Dudelsack oder wenns sein muss auch mit einem Staubsauger; sein Merkmal ist, dass er nicht sprechen kann, sondern nur Geräusche von sich geben und Gesten und wer sich mit ihm unterhält, muss Fragen stellen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Das sind spielerische Denkübungen.
Wenn das Kind aber keine Angst mehr hat vor den Monstern, wenn es sich dann sogar traut, die Monster anzufahren „haut ab“, dann fallen diese in sich zusammen wie Ballons, aus denen die Luft entweicht und die Angst der Kinder verfliegt. Dass dem so ist, das erklärt Laura ihrem kleinen Bruder Tom und so bezwingen sie auch die Monster.
Laura und Tom sind nämlich die beiden Hauptfiguren im Film. Die Monster hatten nächtens den kleinen Hund von Tom geklaut. Tom ist daraufhin erwacht und zu seiner Schwester gerannt und hat ihr das erzählt. Also musste sie ihren Stern aktivieren, der ihr immer den Weg zu solchen Unternehmungen weist und sie machten sich auf, den Hund zu suchen.
Das wird eine richtige Abenteuerexpedition über Wolkenfelder, über die sie auch spazieren können und in unterirdische Labyrinthe. Losfahren tun sie mit dem Bett von Tom, das aussieht wie ein Boot. Überhaupt ist die Welt ihrer Träume und Angstträume sehr nah an ihrer Kinderumgebung, an ihren Spiel- und Schlafzimmern, an ihrer eigenen Lebenswelt orientiert. Oder an einem Eiscornet. Dieses kann sich im Traum zum riesigen Schloss auswachsen.
Es gibt selbstverständlich eine einführende Handlung. Die Kinder spielen Fußball und der kleine Hund auf vier Rädern von Tom, der stört. Laura ärgert sich und stellt ihn abseits vor ein Kellerfenster, das der Hund dann vesehentlich eintritt, dann fällt er durch die geborstene Scheibe in den Keller. Das ist sozusagen das Setting aus dem realen Leben für den Alptraum. Denn schon in den Keller runterzugehen und nach dem Hund zu suchen, das kostet die Kinder eine Überwindung. Kellerräume sind Angsträume.
Nachts suchen die Gespenster Tom auf, wenn er nicht schlafen kann. Versuchen, ihn zu quälen. Sie wissen, dass sie ihm Angst und Schrecken einjagen können.
Das Angsttraumgebäude besteht aus einem immens hohen Treppenhaus mit aufsteigendem oder absteigendem Rundgang, überall gibts Türen und dahinter sind die Träume; dort können die Kinder ihre Träume anschauen. Außerdem sind viele verwunschene, orientalisch anmutende Interieurs zu sehen, Röhren, das Lichtlabor des Lichtfängers; und last but not least gibt’s noch den Flug auf dem Papierflieger.
Was das Hörspiel an der animierten Sache betrifft, also die Sprecherei, so kommt mir die ganz passabel vor, aber ich denke, es gäbe noch Spielraum zu mehr Sprach- und Sprechbewusstsein, sowohl was die Besetzung als auch die Performance, also Charakterisierung der Figuren als auch Modulation anlangt. Ich glaube, man darf das nicht unterschätzen, was das gerade für die Sprachbildung für Kinder bedeutet. Auch die Monster könnten ruhig profilierter sein.
Was sicher speziell für die kleineren Zuschauer von Vorteil ist, dass fast wie im Kasperltheater, die Kulisse meist ruhig und statisch ist, so dass sich die Augen voll auf die meist überschaubare Anzahl der Figuren und damit den Fortgang der Geschichte konzentrieren können, der prima zu folgen ist.
Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte
Diesem Film kann man vermutlich ohne zu spoilern nicht gerecht werden. Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte weiterlesen
Dreiviertelmond
Ein Film von sympathischer Machart. Sympathisch auch, dass der Dialekt, der Film spielt in Nürnberg, eingesetzt wird. Und falls der Film über Süddeutschland hinaus eine Bedeutung gewinnen sollte, spielte es auch keine große Rolle, dass das mit dem Fränkischen so eine Sache ist, denn Elmar Wepper, der eine der beiden Protagonisten, fällt doch ständig ins Bayerische. Aber das würde dann vor allem in Süddeutschland denen auffallen, die die Dialektunterschiede kennen.
Leider ist der Film eher nicht dazu angetan, überhaupt eine Bedeutung im Kino zu erlangen. Das Problem liegt nicht an den Schauspielern, nicht an der Regiearbeit von Christian Zübert, es liegt nicht daran, dass der Film in Nürnberg spielt noch daran, dass es sich um eine deutsch-türkische Geschichte handelt. Das Problem liegt einmal mehr und hier besonders krass ersichtlich, an der Konstruktion der Geschichte. Es entsteht kein Spannungsgefälle, wenn ein Mann im Alter von Elmar Wepper, der Taxifahrer ist, eine hübsche Tochter (Marie Leuenberger) hat, die ein Schuh-Café eröffnen will, den noch dazu seine Frau vor nicht allzu langer Zeit verlassen hat, mit einem türkischen Mädchen, das kein Deutsch spricht, konfrontiert wird.
Die Konstruktion der Geschichte also, man verhaspelt sich förmlich, wenn man die nachzeichnen will, denn es ist eine richtig verworrene Fehlkonstruktion, also, die Geschichte ist theoretisch die, dass Elmar Wapper, der zum Zeitpunkt des Filmes ein grantiger alleiniger Mensch sein soll, auf ein 5-jähriges Türkenmädchen stößt und sich aus filmunerforschlichen Gründen um dieses kümmert und sie bringt den Grantler dazu, sein Leben wieder offener zu sehen. Bei ihm zeigt sich das darin, dass er am Schluss des Filmes eine Reise in die Türkei unternimmt. (Sein Japantripp im Film einer bekannten Drehbuch-Professorin lässt wohl inspirierend grüßen).
Kein Zweifel: das Sujet „alter Mann aus Franken und 5-jähriges zahnlückiges Mädchen aus der Türkei“ gibt Anlass für jede Menge anrührender Bildvariationen. Diese Bilder kommen auch sypmathisch rüber.
Aber wo liegt der Hund begraben.
Erstens kann die Dramaturgie, falls es eine solche überhaupt gegeben hat, sich nicht für einen Erzählstandpunkt entscheiden. Die Geschichte wird in der Türkei mit dem kleinen Mädchen eingeführt. Wie es einen Türgriff fest in der einen Hand hält. Denn es soll mit seiner Mutter nach Deutschland fliegen. Der Zuschauer erfährt dabei, dass das Mädchen einen Tick habe und wenn es etwas durchsetzen wolle, einen von niemandem zu lösenden Klammergriff entwickle. Das wird bei der Zollkontrolle manifest, der Zöllner kapiert, er muss ein guter Mensch sein, und lässt das Mädchen samt umklammerter Türfalle passieren. Dass es diese Türfalle in der Hand hält, erklärt die Mutter so, dass das Mädchen sich daran festgehalten habe, um nicht weg zu müssen. Die Falle abzuschrauben sei also die einzige Möglichkeit gewesen, die geplante Reise anzutreten.
Dieses Mädchen wäre somit eine Menschenfigur, um mehr als einen Spielfilm zu füllen. Man denke an Oskar Mazerath aus der Blechtrommel. Aber hier wird dieser Tick noch ein paar Mal als Gag weitergeführt und verschwindet dann unerledigt und auch dramaturgisch ungenutzt einfach aus dem Film. Das kann einen Zuschauer nicht befriedigen. Der Tick wird zu verschenkten Möglichkeit eines heftigen Grundkonfliktes.
Sowieso wird der Erzählstandpunkt bald schon und wie es scheint zufällig gewechselt, nämlich nach der Ankunft in Nürberg. Da besteigen Mutter und Tochter die Taxe von Elmar Wepper. Er bemüht sich eifrig, einen richtigen Grantler zu spielen, aber das kommt sehr aufgesetzt daher, weil auch die Szenen nicht entsprechend zwingend geschrieben sind. Man erfährt dann wie er lebt. In einem einfachen Häuschen in einer einfachen Straße, wo die Nachbarn sich kennen. Und dass er eine hübsche erwachsene und selbstbewusste Tochter hat, dass aber seine Frau ihn vor nicht allzu langer Zeit verlassen hat. Das spricht nicht für eine menschlich extrem isoliert und entsprechend verhärtete Situation, spricht nicht für den Grantler, den er spielen soll. Den aber bräuchte es, wenn ein kleines Mädchen sein Herz wieder erweichen sollte. Man denke an die Geschichte vom kleinen Lord, der den alten Lord, der selbst schon wie ein Gemäuer erschien, in geduldiger Weise wieder zum Menschlichen brachte und rührte.
Kommt hinzu, dass auch das gesellschaftliche Gefälle zwischen Wepper und der Türkenfamilie kein besonderes ist. Die Mutter des Mädchens arbeitet bei der Kreuzschifffahrt und ist öfter länger unterwegs. Taxifahrer und Kreuzschiffstewardess (vermutlich) sind doch sehr ähnliche Dienstleistungskategorien. Das Mädchen muss nun bei der Oma bleiben. Der Bezug zu Wepper ist erst mal abgebrochen. Also bis jetzt kein sich fortknüpfender Handlungsfaden. So wird wieder auf das Mädchen geschwenkt. Spannung bis jetzt: null. Das Mädchen ist mit der Oma allein. Die will ihr das Beten beibringen. Das Mädchen, jetzt mit Kopftuch, soll ihr einfach alles nachmachen. Plötzlich fällt Oma tot um. Das Mädchen macht auch das nach, eine an sich anrührende Szene.
Dann die Sanität. Die Oma im Spital. Vor dem Spital ist die Taxe von Wepper. Ein nicht näher nachvollziehbarer Zufall, den die Dramaturgie bemüht, weil sie ja Wepper und das Mädchen zusammenbringen will und die erste Begegnung das nicht geschafft hat, also ein zweiter dramaturgischer Ansatz, die Geschichte in die Gänge zu bringen, dabei hätte vielleicht der Tick des Mädchens damals bereits spannend für eine Verkettung der beiden Schicksale sorgen können. Aber dem stand das postulierte Grantlertum von Wepper entgegen.
So werden die beiden ausersehenen Protagonisten nach einiger Laufzeit des Filmes quasi mit dem Zufallsjoker ein zweites Mal zusammengeführt. Es ist auch nicht zu verstehen, warum Wepper, wie er entdeckt, dass das Mädchen allein ist, nicht sofort die Behörden informiert, das wäre doch die Konsequenz des Grantlers: nichts mit Menschen zu tun zu haben – dann hätte er allerdings auch seine sympathische Tochter längst aus seinem Häuschen rausgeekelt. Aber Wepper, dem auf geheimnisvolle Weise das Grantlertum über Nacht abhanden gekommen scheint, weil es nämlich gar nie da war, aber zum Verkaufe des Drehbuches wegen dem Rührungsfaktor behauptet werden musste, geht stattdessen zu einem Türkenimbiss und zieht Erkundigungen ein. Es ist alles nicht zwingend, hier werden jetzt verschiedene mögliche Szenen, von denen sicher auch der Regisseur und die Redakteure alle gerührt waren, weil sie “an sich“ rührend sind, durchgespielt. Ohne eine Handlung voranzutreiben, eine Spannung aufzubauen.
Vielleicht war Zübert inspiriert von dem Wepper-Dörrie-Film, der in Japan endete: dort war immerhin ein großes kulturelles Gefälle, was einen gewissen, populär leicht zu vermarktenden Reiz ausgemacht hat. Hier ist das Gefälle so gut wie keines. Ermüdet sich darin, dass Wepper, der bayerisch, resp. in kleinen Ansätzen fränkisch spricht, sich mit dem Mädchen unterhält, aber es spricht nur türkisch und nennt Wepper anfangs freudvoll „Nazi“. Es folgen Szenen mit Treffen Weppers mit seiner abgängigen Ehefrau, eine mutwillige Karambolage mit dem Auto des Neuen seiner Alten, Kontakt zum leiblichen Vater der kleinen Türkin, der aber von seinem Kind und dessen Mutter nichts wissen will. Es plätschert sich die Geschichte so mal hier mal dahin.
Zu abshebar sind die Szenen erfunden, um den intendierten Zusammenprall der Kulturen und das Sujet „kleines herziges Mädchen und alter erstarrter Mann“ wieder und wieder zu ventilieren. Leider ist Wepper nicht als dieser eingeführt worden. Es braucht also nicht viel, um ihn aufzuweichen, kein spannender Vorgang. Seine Ex-Frau arbeitet in der Parfümerie Seifenzahn.
Zübert nutzt die Freiheit und Größe des Kinos nicht für seine an sich anrührende Idee. Aber er folgt ihr nicht konsequent. Er schildert nur in immer wieder neuen Versuchen seine Anrührung von seiner anrührenden Idee. Bei seinem Film „Lammbock“ war noch eine Frische, eine Keckheit, eine Sorglosigkeit, eine leichte Frechheit. Jetzt scheint er gebravt, will keinem seiner Förderer weh tun. Die wiederum waren sicher alle schier aus dem Häuschen, „der Wepper und ein kleines türkisches Mädchen“, das muss mindestens so funktionieren wie der Wepper und Japan. Und, mei wie nett, wenn der Wepper das kleine Türkenmädchen in bayerischen Fluchen unterrichtet – Sowas muss mit staatlichem Geld gefördert werden!
Dem Himmel ganz nah
So extensiv wie Dumitru Stanciu, seine Frau Maria und deren Sohn Radu die unbewaldete Bergkuppe im Retezat-Gebirge im rumänischen Transsilvanien bewirtschaften, so extensiv und meditativ und in stimmungsvollem Schwarz-Weiß berichtet der Dokumentarist Titus Faschina über diese Familie, eine der letzten Berghirten Europas.
Er stellt dem Bericht über die Jahreszeiten eine Hirtenmär voran: vor 500 oder tausend Jahren kam ein Drache in dieser Gegend vorbei. Er fraß die Herde und den Hirten, so dass ihm übel wurde und er die toten Tiere und den toten Hirten wieder rauswürgte, so überfressen war er. Seit dieser Zeit heißen die zwei Berge „Schlucker“ und „Würger“.
Dann folgen ruhige Bilder aus den verschiedenen Jahreszeiten.
Es fängt mit dem Sommer an. Schafe werden gemolken. Die Milch wird zu Käse verarbeitet. Die Wiesen werden gemäht. Die Sense wird geschliffen. Der Hirte macht ein Nickerchen. Der Hirte, also der Vater der Familie, Dumitru, erzählt aus seiner Kindheit. Dass damals noch das Wasser herangetragen werden musste, die Steine aus den Wiesen geräumt, dass sie Holz fürs Feuer schleppen mussten, dass sie als Kinder wenig Zeit zum Spielen gehabt hätten; dass jetzt die Wohnlage hier oben immer einsamer werde; dass ein Nachbar nach dem anderen den Hof aufgebe; dass es ohne Nachbarn schwerer wird, auch gegen die wilden Tiere, die Wölfe. Er weist auf die große Fläche seiner Bergwirtschaft hin. Er sieht wenig Hoffnung für die Zukunft. Am Ende der Sommersequenz wird der Käse mit einem Pferdefuhrwerk ins Tal gefahren. Da kommt dann auch etwas Musik dazu.
Im Herbst begibt sich die Kamera zuerst hinunter ins Tal zu den Menschen um das Kirchlein. Kirchengesang. Die Popen. Kirche. Dann wieder auf die Alp. Der Hirte spielt Flöte an einem Lagerfeuer. Er legt sich in seinem Schafspelzmantel in einer kleinen Holzhütte zum Schlafen. Mond. Sonnenaufgang. Erhabene Stimmungen.
Wieder im Tal. Ein kleiner Pavillon vor der Holzkirche, mit dem Kirchenglöcklein und mit einem freischwingenden Holzbrett, das mit kleinen Holzhämmern bearbeitet wird und einen sehr rhythmischen Klang, ähnlich wie dem von Trommeln ergibt.
Ein Kirchenessen.
Auf der Alp. Der Hirte trägt ein Schaf auf den Schultern zu einem Baum. Er hängt es an den Hinterbeinen auf. Stellt einen Eimer darunter. Er schneidet ihm den Hals auf. Lässt es ausbluten. Geht mit dem Eimer davon. Eine fast zärtliche Sequenz mit inniger Beziehung und ebensolchem Respekt vor dem Opfer.
Im Winter muss Feuerholz zerkleinert werden. Die Frau trägt Heu für die Schafe auf die verschneite Wiese. Die Frau und Mutter erzählt. Sie weiß nicht, was sie sonst machen soll. Sie ist 52 Jahre. Hatte nicht viel Schulunterricht. Sie melkt die Kühe und die Schafe. Sie macht den Käse. Sie sieht keine Möglichkeit für eine Änderung. Hier droben darf keiner krank werden. Sie wird es zum Glück selten. Denn es ist schwer ins Tal zu kommen, wenn zum Beispiel einer ein Bein brechen würde. Und dann muss, wer oben bleibt, allein die Tiere versorgen.
Es folgt eine Szene mit dem Nachtgebet der Familie. Dann kriechen die Eltern in ein Bett, der Junge in ein anderes. Alle in den Kleidern. Die Kerze wird ausgeblasen.
Im Dorf ist ein Fest. Es wird ausgelassen getanzt. Die Musik spielt auf. Es gibt Leute mit Masken und Spiel mit einem Feuer.
Auf der Alp brennt der Hirt mit einem Lötkolben die Haare von einem getöteten Schwein weg.
Ein Schaf wurde neugeboren. Dem Mutterschaf muss das Fell um das Euter weggerissen werden, damit das Junge saugen kann.
Das tote Schwein wird ausgenommen.
Und wieder ist ein Fest mit Volkstanz in traditionellen Kostümen und mit der entsprechenden Musik im Dorf unten.
Dazwischen elegische Stimmungsbilder, oft mit Gegenlicht, was in schwarz-weiß einen besonderen, friedvollen Reiz entwickelt.
Das Pferd muss zum Hufschmied gebracht werden. Es hält ruhig.
Im Frühling erzählt der Junge ein Erlebnis aus seiner Kindheit. Als er sieben Jahre alt war, ist eine Scheune abgebrannt. Er hatte bis dahin noch nie ein solches Feuer gesehen. Er studiert in der Stadt Veterinärmechaniker. Will aber nachher wieder auf den Berg als Hirte. Denn die Stadt sagt ihm nicht besonders viel. Ihm gefällt die Freiheit oben auf dem Berg.
Er erzählt seinen normalen Tagesablauf.
Dann begleitet die Kamera ihn bis ins Tal hinunter, ein langer Weg, bis er den Bus von „Transmixt“ zur Schule erreicht.
Auf dem Berg oben schert der Schäfer den Schafen ihre Winterwolle weg.
Das ist ein außerordentlich meditativer Film. Für Menschen, die 90 Minuten lang nichts von Handies, Navis, TVs, EFSF, Internet, Bankencrash, Mobbing am Arbeitsplatz, Straßenbahnen, U-Bahnen, Autobahnen, Startbahnen und Flugschneisen, Vernetzung, Staatsschulden oder Arbeitslosenzahlen hören möchten. 90 Minuten Erholung von unserer modernen, durchgeknallten Zeit.
Atemlos – Gefährliche Wahrheit
Was ist ein amerikanischer Teenie-Star? Unser Film hat auf dieser Frage ganz fix eine Antwort bereit: er heißt Taylor Lautner und wir nennen ihn in diesem Film Nathan Harper. Er sieht verdammt gut aus. Das heißt, er ist sehr muskulös, man sieht das Training, die Hantelübungen etc., seine Augen erzählen, dass er treu sei, mutig aber nicht bösartig, er kann seine Blicke unter leicht gerunzelter Stirn grade so über die Horizontlinie erheben, dass das einen skeptisch-angehauchten Ausdruck ergibt, leicht zweifelnd aber auch abwägend, er hat im Gesicht vielleicht noch das allerletzte Bisschen Baby-Speck, so dass er nicht richtig hart aussieht, aber erste Ansätze von Schnauzhärchen sprießen, er hat einen männlich gebräunten Teint, ob Strand oder Sonnenstudio spielt keine Rolle, er trägt die Frisur in Erinnerung an die Tollen der Rock’n’Roll-Zeit, er hat blendend weiße Zähne, die sicher auch verblendet sind und die man gut sieht, wenn er lacht oder wenn er den Mund leicht offen hält, er hat sinnliche Lippen und eine Nase in einer guten Mischung aus Stups- und Boxernase, also süß und entschlossen zugleich, kurz, ein Gesicht, wie modelliert nach dem propagierten Geschmack unserer Zeit; Nathan wohnt noch bei seinen Eltern in vornehmem Milieu, hat ein Motorrad, das College noch nicht abgeschlossen und vom sexuellen Standpunkt ist er bestimmt noch eine Jungfrau; vor allem aber: er ist ein Held!
Was ist ein Held?
Auch diese Frage beantwortet unser Film in klassisch beherrschter Erzählweise eindeutig und nachvollziehbar. Einmal ist der Held ein ganz gewöhnlicher Junge, der noch aufs College geht, der Sport treibt und Feten liebt, weniger die Schule; dem die Eltern, wenn er sich nicht an ihre Gebote hält, auch mal den Ausgang sperren. Andererseit fühlt sich aber jeder Junge in diesem Alter als ein Held, als ein ganz Besonderer mit einem ganz besondern Schicksal und einer schicksalshaften Berufung (er macht ja auch umwälzende Entwickungen durch, der junge Mann, dessen ersterlente Identität als Kind allein durch die physische Entwicklung schon grundsätzlich in Frage gestellt wird) und der Filmheld in diesem Alter darf das seinen Altersgenossen und in diesem Falle wohl vor allem den Altersgenossinnen auf der Leinwand vorspiegeln. Nathan kann schlecht schlafen, weil er in einem Loop von Alpträumen steckt, in denen immer wieder die gleiche Frau vorkommt und die gleiche Angstsituation. Er hat also ein schweres Defizit. Dieses will kompensiert oder gegen dieses will angekämpft werden. Er ist übrigens auch bei einer Psychiatrin im Behandlung. Er muss also, um erwachsen zu werden und mit dem Defizit klar zu kommen, durch den mythischen Wald gehen, er muss extreme Situationen durchleben und sie bestehen (sein vermeintlicher Vater hat ihn vorbereitender Weise immer wieder zum Kämpfen aufgefordert, weshalb, das wird ihm später erst klar). Dann erst kann er geläutert und reif für die Liebe aus der Geschichte hervorgehen. Klassisch, nicht?
In unserem Fall gerät Nathan durch eine Schularbeit in die mythische Gemengelage, eine Schularbeit, in deren Rahmen er die Schicksale vermisster Kinder recherchieren soll, die führt ihn seinem eigenen Schicksal auf die Spur. Er entdeckt, dass seine vorgeblichen Eltern gar nicht seine leiblichen Eltern sind; denn sein Vater übt einen brandgefährlichen Beruf im Geheimdienstwesen aus, weltweit und oft jenseits von Völkerrecht und Legalität (wie das von den US-Geheimdiensten immer wieder zu hören ist), jedenfalls ist dieser Vater eine harte Nuss und topgefährdert und die Seinen damit auch; deshalb wurde der Sohn vorsorglich an Pflegeltern übergeben, damit er unbehelligt aufwachsen kann. Das gibt dem pubertären Identitätsproblem einen zusätzlichen Kick.
Der Vater hatte mit der Website mit den vermissten Kindern allerdings einen Köder ausgelegt, um seinen Sohn wieder zu finden. Die Pflegeltern haben es nicht übers Herz gebracht, ihm die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gelangt Nathan ins Fadenkreuz geheimster und filmreif mit allen Mitteln ausgestatteter Dienste, die ihn selbstverständlich schnell orten, und sich sofort an seine Fersen hängen. Sie können überall und schnell schlagkräftige Einheiten mobilisieren. Und so schnell mal die Pflegeeltern von Nathan umbringen und diesen damit auf eine abenteuerliche Flucht mit seiner Freundin noch dazu schicken, verfolgt von den konkurrierenden Agententeams. Die Flucht ist abwechslungsreich gestaltet. Action wechselt ab mit romantischen Waldstücken, in die das Paar ganz ohne Hast eintauchen kann. Aber auch im Zug von Amtrak im Schlafabteil ergibt sich, bevor die Action wieder richtig zuschlägt, die Möglichkeit eines ersten, hauchzarten Kusses.
Unser Held wäre kein Held, wenn er bei all der Gefahr seine und seiner Freundin Haut nicht retten könnte.
Was dieser Film leistet, das dürfte sicher sein, ein Heldenbild zu emtwerfen, was die Träume vieler Teens anspricht; ein Idol gar (da zweifle ich allerdings daran, ob Taylor Lautner Idol-Qualitäten hat, zu sehr scheint mir da der Idolkonditor die Hände im Spiel zu haben) in Gestalt eines süßen schnuckeligen Teens, der in einer verwegenen Umgebung gezeigt wird; die braucht er für seine Identität, die ihn reif macht für die Mädchen. Dazu hat unser Idolkonditor alle filmischen Mittel und Raffinessen (gerade auch die des lichtmäßigen Herausstellens von Nathan) gekonnt eingesetzt. Ganz nebenbei wird übrigens deutlich gemacht, wie die liebe Netzwerk-Facebookwelt sich ganz schnell in eine Netzwerk-Überwachungswelt verwandeln kann.
Ein durchschaubar fürs Zielpublikum (es dürften vor allem Girlies im Schwärmalter sein) sicher tauglich präpariertes Stück Film, kalt gekocht und zum heißen Verzehr bestimmt.