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Jasmin

Nach nochmaliger Betrachtung: wenn der Film als das angeboten würde, was er meiner Meinung nach ist: nämlich eine Art inszeniertes Reading eines Drehbuches über eine Exploration (bei dem die Darstellerinnen allerdings den Text gut auswendig gelernt hatten), dann könnte er unter Umständen durchaus ein speziell interessiertes Publikum finden.

Readings werden immer mal wieder öffentlich veranstaltet, um Drehbücher auf ihre Tauglichkeit hin zu testen, ihre Tauglichkeit hinsichtlich der Dialoge und der durch diese sichtbar werdenden Charaktere, auch um Schauspieler im Hinblick auf eine Rolle zu testen. Das kann eine ganz aufregende Sache sein, denn es geht um die Erkundung eines neuen Textes. Ein Reading kann unter Umständen eine Vorstufe zu einer Inszenierung, zur Realisierung eines Filmes sein.

Der Film „Jasmin“ von Jan Fehse nach einem Drehbuch von Christian Lyra mit den Protagonistinnen Anne Schäfer als Patientin und Wiebke Puls als Psychiatrin führt uns sachlich, von den Schauspielerinnen mit angenehmen Stimmen und in großer Kollegialität vorgetragen, den Vorgang einer Exploration vor. Die Exploration dürfte auch reell recherchiert worden sein, sie erweckt jedenfalls nicht den Eindruck der freien Erfundenheit.

Eine Exploration versucht anhand von Fragen an die Geschichte eines Beschuldigten von früher Kindheit bis zum Erwerbsleben zu erkunden, wie es zu einer bestimmten (gesetzeswidrigen) Tat kommen konnte.

Allerdings dachten die Macher des Filmes wohl nicht im geringsten daran, „nur“ eine Art Reading zu veranstalten, sondern versuchten, einen „richtigen“ Kinofilm zu machen, waren aber hinsichtlich der Ansprüche an ein solch anspruchsvolles Projekt vermutlich zeitlich wie finanziell nicht genügend ausgestattet.

So kam es zu Aktionen, die den Spielfilmgedanken gegenüber dem Readinggedanken zu betonen versuchen, die leider vom roten Faden der Exploration durchaus ablenken: der Ehrgeiz der Kostümabteilung (die allerdings bei IMDb unter den Credits nicht zu finden ist), die Damen in jeder Szene anders anzuziehen (das wäre gerade der Reiz des offengelegten Readings, dass die Garderobe nicht wechselt); der Ehrgeiz des Make-up Departments (Kirsten Rottner laut IMDb), der Schauspielerin Puls einmal die Frisur streng nach hinten gekämmt, einmal offen zu lassen; die Choreographie der Wanderung und Leerung und Füllung von Tassen, Gläsern und Wasserflasche auf dem Tisch, an dem die Exploration stattfindet; das Hüpfen der Kameras in die etwas nähere, die etwas weitere Position oder auch der Stillstand der Zeit anhand stetig gleicher Schatten an der Wand bei Tagesszenen. Oder man achtet darauf, wie der Filmemacher sich bemüht, wenn die Patientin einmal das Fenster aufmacht, um zu rauchen, dann gleich eine geballte Ladung Stadt-Lärm hereinschwallen zu lassen mit Martinshorn und Hupen; was soll diese Zutat von Realismus bei einer Veranstaltung, die substanziell nicht über ein Reading hinauskommt, was bei einer so schwierigen Materie nicht wenig wäre. So entblösst sich Regie als blosse Zierrat-Bereitstellerin.

Um ein solch reines Sprechkino verbindlich in Szene zu setzen, wäre es für den Regisseur Jan Fehse sicherlich hilfreich gewesen, vorher ein paar Filme von Huillet- Straub genauer zu studieren, denn bei „Jasmin“ bleibt vieles viel zu wenig dezidiert, viel zu nett; versucht sich in realismustümelnder „Natürlichkeit“ und bleibt dadurch im Beliebigen stecken; ich denke schon, dass bei so einem Thema eine erkennbare Stellungname von Regie und Buch vorhanden sein sollte. Kaum zu erwarten, dass Fehse/Lyra lediglich einen als mehr oder weniger unterhaltsam intendierten Lehrfilm über Exploration machen wollten. Weil wenn dem so wäre, wozu ihn dann ins Kino bringen?

Der Gedankenfaden, der Gedankenfaden, von dem wird hier stark mit „Inszenierungs“-Mätzchen abgelenkt, siehe weiter oben. Wenn man sich schon auf eine solche Vereinfachung der Inszenierung beschränkt, warum dann nicht dem Gedanken und seinem Fortgang radikal den Vorrang geben, das Reading radikal offenlegen?

West Is West

Ein Film über einen britisch-pakistanischen Kulturschock. Dieser kulturelle Graben wird in wenigen Momenten offengelegt, atemberaubend spürbar und im übrigen mit mehreren kinotauglichen und -geniessbaren Mitteln, einem prima Drehbuch von Ayub Khan-Din, einer wunderbaren Regie von Andy De Emmony und ausgezeichneten Darstellern überbrückt.

George, gespielt von Om Puri, ist Pakistani, der vor Jahrzehnten aus Pakistan nach London emigriert ist und dort eine Frittenbude betreibt. In Pakistan hinterliess er eine Frau. In England heiratete er eine Engländerin, die ihm zwei Söhne schenkte. Der Jüngere ist 17, ein Traum von einem Jungen für die Kinoleinwand, er heißt im Film Sajid und wird gespielt von einer richtigen Entdeckung, von Aqib Khan. Der ältere Bruder Tariq hat noch keine Frau. Sajid wird in der Schule gemobbt, wo immer möglich, als Pakistani. Und der Direktor schwärmt noch von der Kolonialherrschaft, der Film spielt 1976, da war das noch nicht so lange her.

Da Sajid anfängt aufmüpfig zu werden, will ihm der Papa seine Heimat zeigen, kurz entschlossen fliegt er mit seinen beiden Söhnen nach Pakistan und dort mit einem Bus über ungeteerte Strassen in ein ganz hinterwäldlerisches Dorf.

Hier wirkt zuerst ganz krass der Gegensatz von Sajid immer im perfekten, britischen Schulanzug und den pyjamaähnlichen Kleidern der Einheimischen. Erst ist Sajid voller Widerstand und Spott; dann findet er einen Freund, den Adlatus von einem Lehrer – und den Lehrer dazu.

Schnell fängt ihm Pakistan an zu gefallen, er trägt jetzt einheimische Kleidung. So scheint fürs erste der Hauptkonflikt in dem Stück sich in Luft aufgelöst zu haben. Und die Macher des Filmes, Andy De Emmony als Regisseur und Ayub Khan-Din als Drehbuchautor können eine Zeitlang sorglos in pakistanischer Folklore rühren, ein Rummelplatz im Zusammenhang mit einem religiösen Volksfest wird besucht und die beiden Jungs schließen sich einer Hochzeitsgesellschaft an.

Der Vater war erfolglos bei der Suche nach einer Braut für den älteren Sohn. Den Part übernimmt nun Sajid und findet tatsächlich eine schräge, auch anglisierte Pakistanifrau mit intellektuellem Aussehen, eine Zahnarztgehilfin aus Rochedale, die behauptet aus Japan zu stammen, das ist eine ganz lustige Geschichte, wie sie voller Erwartung drei Töpfe sich auf den Kopf türmt, um die Einheimische zu mimen, hier machen kulturell Verdrehte sich kulturell verdreht was vor, aber da das ein Film ganz ohne Bösartigkeit ist, wird auch die Geschichte gut ausgehen.

Schwieriger wird es, wie plötzlich die britische Gattin von George in Pakistan auftaucht mit ihrer Schwester und ihren Mann zur Rede stellt, warum er nicht nach vier Wochen wieder nach England zurückgekehrt sei. Er hat nämlich inzwischen angefangen, ein Haus zu bauen. Er hat seinem Sohn auch die großen Felder gezeigt, die ihm gehören. Er hat immer Geld nach Pakistan geschickt von London aus. Aber die Liebe seiner pakistanischen Frau, die ist längst erloschen. In Gesprächen mit ihr und mit seiner britischen Frau und auch mit seinem Sohn, nachdem dieser weglaufen ist und nach einem Sandsturm nicht mehr auffindbar war und der Vater ihn in der Natur draußen findet, da tauchen plötzlich atemberaubend, aber nicht explizit, die kulturellen Abgründe auf, die in dem Leben, wie es in dieser Phase des Filmes etwas feelgood- oder melomäßig geschildert wird, gefährlich wie unsichtbare Fels- oder Gletscherspalten unter einer dünnen Oberflächenschicht ahn- bis spürbar werden.

In England gab es bissig-bittere Sprüche, Sajid antwortet auf den Vorwurf, einer sei beliebt, das sei Hitler auch gewesen.

Der Schuldirektor, der nach der Erwähnung Pakistans gleich von den Gefahren und gefährlichen Insekten drohend spricht, von denen man Elefanteneier bekomme und dass er dann öfter mal nachschauen soll. Was er dann auch tut.

Die Trauzeugen

Eine australisch-britische Frotzelei zum Junggesellenabschied eines Freundes. Man könnte sich vorstellen, dass Davids, des Protagonisten drei Freunde Graham, Tom und Luke diesen spaßigen Film aus purem Jux und Tollerei für ihren Freund, der vielleicht ganz bieder heiraten würde, hergestellt haben, um ihn auf alles Mögliche und Unmögliche aufmerksam zu machen, was bei einer Hochzeit so alles schief gehen könnte. Auch um ihn zu ärgern, denn wer heiratet, hat nachher bekanntlich weniger Zeit für die Freunde.

Sie hätten sich dann folgenden Plot ersonnen: David hat sich im Urlaub in Australien unsterblich in Mia verliebt und will sie auch sogleich heiraten. Zurück in England müssen seine drei dicksten Freunde zur sofortigen Reise nach Australien motiviert werden. Das gelingt mit Billigflügen und etwa 14 Mal umsteigen von England über Spanien, Lateinamerika, Afrika, Indien, Ostasien.

David ist ein netter Junge, smart, ein möglicher Traum aller Schwiegermütter, ordentlich. Man traut ihm solche Marken von Freunden wie Tom und Luke und Graham gar nicht zu.

Mia nun ist aus bestem australischem Hause. Die Kumpels werden bei der Ankunft gleich über einen speziellen Vip-Ausgang empfangen. Mias Vater ist Senator, muss reich sein und wohnt in einer Villa mit viel Umschwung in malerisch, gebüschig, klüftiger Umgebung.

Die drei Kumpels wollen allerdings erst noch einen Besuch bei einer Internet-Bekanntschaft abstatten. Ein Koks-Dealer mit zwei Kompagnons wie sie in den malerischsten Drogen- und Knast-Filmen zu finden sind. Hier kommt es zu einer folgenreichen Taschenverwechslung die mehrere schluckbereit abgepackte Koksbällchen nebst einer Pistole enthält. Womit schon sehr neckische Dinge in das Hochzeitsareal reingeschmuggelt werden.

In der Villa des Brautvaters ist ein Catering-Service dabei, alles vorzubereiten für Empfang und Zeremonie und anschließendes Fest. Der Papa geht den braven Schwiegersohn immer ganz heftig und wie einen Gegenstand an, die Braut ist überglücklich und die Brautmutter Barbara auch. Auf dem Besitz des Senators wird ein gehörntes Schaf gehalten. Das wiederum heißt Ramses und wird verwendet im Wahlkampf des Senators, „The Ram behind the man“.

Im übrigen zeigt der Senator wo immer möglich Humor, lets the liberal Party get started, meint er, nachdem bereits so einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Außerdem haben die Kumpels für diesen Film für die Braut ein filmtypisch dicke Schwester mit unglücklichem Mund erfunden und der wird Lesbiertum zugeschrieben, was prompt für Tom ein kleines Problem wird.

Jetzt können also die verschiedenen Zutaten, die bis jetzt gutgelaunt vor uns ausgebreitet worden sind, zur Reaktion gebracht werden. Am komischsten und mit einem Hauch Wahrhaftigkeit behaftet, kam mir der Auftritt von Tom vor, der dummerweise vollgekokst, an seinem Jackett sind noch dicke weiße Spuren zu sehen, und ohne das vorbereitete Manuskript seine Rede auf den Bräutigam ganz spontan halten muss. So kommen ein paar schöne Sätze über die Australier (die Engländer haben zuerst ihre Verbrecher hingeschickt) über seine Lippen und, das war allerdings eh schon abgekartet der Peinlichkeit wegen, der Vorwurf an den Bräutigam, er sei schwul. In dem Moment wären auch härtere Wahrheitsaussagen möglich gewesen. Aber es soll sich schließlich um eine Frotzelei und nicht um eine Menschendurchleuchtungs- oder Menschenverbesserungsmaßnahme handeln bei diesem Film. A Gaudi muss sein. Auch wenn es eine gewisse Anstrengung kostet.

Ai Wei Wei: Never Sorry

Ai Wei Wei ist ein international berühmter chinesischer Künstler und eine beeindruckende Persönlichkeit dazu. Sein Prägung erlebte er im maoistischen China. Sein Vater war der Lyriker Ai Quiung, der in der Provinz verbannt wurde und nicht mehr schreiben durfte. Der kleine Sohn erlebte Schikanen und Demütigungen seines Vaters hautnah.

Er verbrachte als junger Künstler etwa zehn Jahre in New York. Konnte schon Ausstellungen mit auffallenden Objekten machen.

Wie er in den Neunzigern nach China zurückkehrte, veranlassten ihn die gesellschaftlichen Umstände dazu, politisch zu werden. Denn er war stets für Meinungsfreiheit. Seiner ersten Ausstellung in China, die auf chinesisch zwar anders hieß, gab er den englischen Titel „Fuck Off“.

Mit dem Aufkommen des Internets, fing er bald an zu twittern. Solche Twitter-Texte kommen im Film von Alison Klayman, die Ai Wei Wei drei Jahre lang begleitet hat, auch immer wieder vor. Zuletzt die Aufforderung „never retreat, retweet!“. Das hat auch seiner Bekanntheit, zuerst in China, dann weit drüber hinaus, einen starken Schub gegeben.

Bei der Ausstellung in München „So sorry“, erinnerten 9000 Rucksäcke an der Fassade des Hauses der Kunst an die beim Erdbeben in Sichuan getöteten Schulkinder. In der Ausstellung in der Londoner Tate-Gallery von 2010, „Sunflower Seeds“ bedeckten 100 Millionen Porzellan-Sonnenblumenkernen den Boden der Ausstellungshalle. Man sieht Ai Wei Wei selbst einige bemalen.

Bei dem Erdbeben kam er in Konflikt mit den chinesischen Behörden. Mit seinen Twitter-Texten und Filmen, mit einer Liste der Namen aller getöteten Kinder machte er auf den Behördenschlendrian beim Bau offensichtlich nicht erdbebensicherer Schulhäuser aufmerksam.

Vor der Münchner Ausstellung kam es zu einem nächtlichen Polizei-Razzia in seinem Haus in China. Diese kommt im Film vor allem mit Tonaufnahmen vor. Bei der Razzia wurden ihm schwere Verletzungen am Kopf zugefügt, die in München behandelt werden konnten. Wobei er selber immer eifrig auf alles die Kamera hält, den Blutbeutel oder die Röntgenaufnahmen.

Sein neues, großes Studio in Shanghai wurde von den Behörden eingerissen, noch bevor er es benutzen konnte. Auch das ist im Film schmerzlich zu sehen.

Dann sein Verschwinden. Der Aufruhr in der Welt. Die Demos. Die 81 Tage im Gefängnis als inzwischen weltberühmter Künstler. Die Verweigerung jeglichen Interviews bei der Rückkehr nach Hause. Später singt er für ein Video. Aber das Jahr der Bewährung, das ihm die Behörden zugesagt haben, ist noch nicht um.

Einmal fragt ihn die Filmemacherin, dass sein Name inzwischen so was wie ein „Branding“ sei. Dem kann er nur schulterzuckend zustimmen. Er scheint durch den gelegentlichen Medienzirkus hindurchzugehen mit der Konzentration mit der er seine Kunstwerke schafft. Die Sache zählt und nichts anderes. Insofern ist so einem Künstler wohl filmisch auch nicht weiter beizukommen.

Er ist, das wird anfangs gezeigt, fasziniert von den Katzen. Besonders angetan hat es ihm diejenige, die entdeckt hat, wie sie mit einem Sprung an eine Türfalle, die Türe öffnen kann. Das hat Ai Wei Wei auch gefilmt.

Eine Aktion, die bis Drehschluss dieses Filmes noch nicht beendet war, die er aber wie eine Kunstaktion betreibt, das ist die Aufarbeitung des Kopfschlages des Polizisten bei dem nächtlichen „Besuch“ der Polizei in seiner Wohnung. Mit Anwalt und oft großem Medientross begibt er sich zu den verschiedensten Gerichts- und Amtsstellen, um nicht aus Rache sondern der Gerechtigkeit zuliebe eine Anklage gegen den Polizisten zu erheben. Das wäre eine eigene Dokumentation wert.

De facto erliegt die Filmemacherin der Versuchung der verehrenden Dokumentation. Aber, das scheint mir das Faszinierende an diesem Film, die kann mit Ai Wei Wie so gar nicht gelingen. Die perlt an ihm ab; er scheint eine Art Verehrungsresistenz entwickelt zu haben – zumindest kommt das so rüber.

17 Mädchen

17 französische Schulmädchen werden an der französischen Atlantikküste schwanger. Das wird so leicht hingepinselt wie ein Aquarell. In Frankreich sind oft auch kleine Filme, die überhaupt keine Meisterwerke sind, bemerkenswert. Vielleicht allein wegen der Haltung der Franzosen und der französischen Filmemacher zum Kino. Die beiden französischen Filmemacherinnen Delphine und Muriel Coulin haben sich von einer Geschichte aus den USA inspirieren lassen.

Allein wie sie ihre Mädchen in den ersten Szenen schildern – die Autorinnen interessieren sich nicht besonders darum, eine stringent von A bis Z gebürstete Geschichte zu präsentieren – egal, was die Mädchen tun, ob sie schwimmen, sich im Sanitätszimmer untersuchen lassen müssen, ob sie rumhängen, ob die Mutter sich mit der Tochter beim Wäschezusammenfalten kabbelt, ob die Mädels sich mit Marienkäfern am Wasserrand beschäftigen, wie die dort den Tod suchen würden: es liegt Empfängnis in der Luft, wie es wohl eher selten in einem Film zu sehen ist. Diese Filmluft vibriert vor Empfängniserwartung. Denn die Macherinnen konzentrieren sich auf den Kern ihrer Geschichte: dass 17 Schulmädchen beschlossen haben, schwanger zu werden. Dass das ihr eigener Wille sei und dass ihnen da niemand drein reden könne.

Die Männer spielen für die Mädchen nur ganz am Rande eine Rolle. Diese interessieren sich lediglich für die Schwangerschaft und weder für Beziehung noch für Liebe. Sie wollen Schwangerschaft erleben. Natürlich muss man sich dafür für kurze Zeit einen Kerl angeln. Das wird auch in ein zwei Fällen so ganz nebenbei gezeigt. Und selbstverständlich können die Schwangerschaften nicht unentdeckt bleiben. Die Schwangerschaften halten die Mädels zusammen. Sie träumen von einer Grossfamilie, von Unabhängigkeit. Denn pro Kind kriegt man so und so viel Geld. Das müsste zu machen sein. Das ist natürlich vom realistischen Standpunkt her gesehen unrealistische Träumerei. Denn im „richtigen“ Leben ist eine Schwangerschaft eben nicht und nie isoliert zu betrachten.

Je weiter der Film und damit die Schwangerschaften fortschreiten, desto mehr weicht dieses ungeheure Gefühl der Unbändigkeit und des einzigen Existenzsinnes der Bereitschaft zur Schwangerschaft dem Gefühl mit dem dicken Bauch, Ultraschalluntersuchungen, oder vorher Einkaufen von Schwangerschaftsteststäbchen.

Der Film ist vielmehr eine Collage von vielen, vielen Szenen aus dem Leben dieser Mädchen, es kommt auch Weihnachten vor, mal ein Gespräch mit einem Freund, die Mädels diskutieren die Namen, die sie den Kindern geben wollen, eine nimmt Fahrstunden, es gibt aber auch einen Elternabend an der Schule, die Schulleitung ist nicht begeistert von der Schwangereninvasion, nein, gar nicht entzückt, aber das kann den jungen Frauen in ihrem Abenteuer am Ohr vorbei pfeifen, denn „wenn man immer nur auf Erlaubnis wartet, tut man nie was“. Sie fahren im Auto, singen ein Lied von Schokolade, Heroin und Wodka, sind sehr aufgedreht, spielen am Strand mit einem Feuerball.

Es schleichen sich auch dunklere Töne in den Film. Einerseits kann dieser Film gesehen werden als ein Loblied auf die Unabhängigkeit, die diese jungen Frauen zelebrieren, die Unangepasstheit; kann aber mit dem weiteren Verlauf des Filmes doch genau so gut interpretiert werden als ein Mahnung, diesen Regungen nicht allzu sorglos nachzugeben.

Wolfsbrüder

Eine fruchtige Mischung aus Natur- und Kinomärchenfilm. Pikant daran, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht: ein Junge wird mit sieben Jahren von seinem Vater an einen Ziegenhirten verkauft und lebt nach dem Tod desselben zwölf Jahre lang allein mit den Wölfen in der Wildnis. Eine richtige Sensation in diesem Film: der Junge, der das erlebt hat, Marcos Rodriguez, lebt noch, ist über 60 Jahre alt und wird im Film selbst auftreten!

Marco Rodriguez radelt am Schluss des Filmes ein Stück durch die spanische Landschaft, die seine Heimat ist und macht sich behände wie ein Wiesel einen steilen Hang aufwärts auf den Weg zu einem Felsen, von wo er nochmal den Ruf des Wolfes in die Gegend schallen lässt.

Gegen den sanften, naturanschmiegsamen Gang eines Raubtieres, den der über 60jährige auch nach Jahrzehnten nicht verlernt hat, den er immerhin 12 Jahre tagein- tagaus mit den Wölfen geübt hat, (man sagt ja auch im Ballett, was ein Kind an Bewegungen im Ballettunterricht erlernt, das verlernt es nie wieder, auch wenn manche Dehnungen altersbedingt nicht mehr so weit möglich sind) kann ein noch so trainierter Schauspieler nicht ankommen.

Juan Jose Ballesta, der den 20 jährigen Marcos spielt, erweckt eher den Eindruck eines durchtrainierten Leistungssportlers als eines Wesens, was mit größter Vorsicht und Leichtigkeit den Erdboden quasi nur streichelt. So wird sich Gerardo Olivares, der Regisseur und Autor des Buches gedacht haben, wenn das Vorbild schlicht nicht zu erreichen ist, dann versuchen wir nicht eine Pseudorealität zu simulieren, dann machen wir richtig einen auf Kostüm, auf Filmfundus, denn das findet sich überall.

So kommen denn zwischen all den vielen ausgezeichneten Naturaufnahmen von Wölfen, Eulen, Geiern, Frettchen, Hasen, Dachs und Wildschweinen und der Weite der Sierra, von imposanten Bäumen und Pflanzen und Bächen immer wieder ganz unvermutet Kinokostüme vor, die ganz klar machen, hier handelt es sich um eine Erzählung mit den Mitteln professionellen Kinos. Und wie die Sierra Morena in schönstes Licht und Gegenlicht und viel Rauch getaucht wird, das verstärkt diesen Eindruck noch.

Wie die spanischen Filmemacher nur allzu gern schwelgen im Bildnerischen, zum Beispiel den jungen Marcos mit sieben Jahren aussehen zu lassen wie einen murilloschönen Knaben. Fast unerträglich schön mit dem leicht lockigen schwarzen Haar und den großen schauend-staunenden Augen. Wobei die Musik noch das ihre zum Schwelgerischen beiträgt.

Damit dieses Schöne verdaulich bleibt, muss etwas dagegen gesetzt werden: die Grausamkeit von Mensch und Natur. Die kargen Verhältnisse bei Marcos zuhause, die böse Mutter, die ihn des Hauses verweist. Weil nicht genügend zu essen ist, weil sie es sich nicht leisten können, dass Ziegen von Wölfen gerissen werden.

Wie der Ziegenhirt Atanasio, bei dem Marco gerade noch wichtige Überlebenstechniken in der Natur kennengelernt hatte, stirbt und er ihn vergraben möchte, da sind die Geier schneller. Später werden bewaffnete Reiter die zerhackten Skelettreste finden. Das sind Szenen, die erinnern an die armselige Gegend in Bunuels „Viridiana“. Oder wenn Ceferino, der Vorarbeiter von Don Honestos, dem Grundbesitzer im Tal, bewaffnet auftaucht, das sind Westernbilder. Wie Ceferino den Jungen dem Herrn bringt, wie er auf das weißgetünchte Gehöft zureitet, der Herr dort steht, das erinnert an Bilder aus Sergej Eisensteins Mexikofragmenten: Arm und Reich mit dialektischer Unerbittlichkeit einander gegenüber gestellt.

Die Frage ist, für welches Publikum so ein Film etwas zu erzählen hat. Zum Teil ist die Geschichte kleinteilig und ohne viele Worte erzählt, wie ein Bilderbuch für Kinder noch vor dem ersten Lesealter. Oder eine wilde Szene: wie der erwachsene Marcos einzig mit einem Messer bewaffnet von einem Felsen hinter einem fliehenden Wild her rennt, ins Wasser springt und es dort treffen wird.

Die Erzählung in sich ist in vielem schlüssig. Dinge werden schön eingeführt und wenn sie später wieder vorkommen, so hat der Zuschauer einen Bezug dazu. Zum Beispiel erzählt der Ziegenhirt dem Jungen vom Umgang mit den Wölfen. Dass sie, wenn man ruhig steht, zuerst an einem vorbeirennen und einen an den Beinen leicht streifen. Wenn man stehen bleibt, passiert nichts. Aber wenn man sich rührt und anfängt zu rennen, dann hat man sofort den Wolf im Nacken. Hier hat man nur die Erzählung gehört. Später wird eine Szene kommen, wo das eine Rolle spielen wird. Oder wie man mit Hilfe des Frettchens und einem großen Stein vor dem Ausgang einen Hasen aus dem Bau und ins Netz jagt. Auch die Annäherung an die Wölfe wird gut verständlich und plausibel nachvollziehbar ein- und vorgeführt.

Ein Film, der bei aller (spanischer) Kinobildschwelgerei nicht mit harten Substanzbrocken spart.

StreetDance 2

Eine coole britische Lektion in 3D über die Differenz zwischen solipsistischem Streetdance und partnerbezogenem Paartanz wie dem Salsa.

Der Film konzentriert sich klug auf zwei Haupt- und zwei Hauptnebenfiguren. Die männliche Hauptfigur ist der Amerikaner Ash, gespielt von Falk Hentschel. Er träumt davon Tänzer zu werden. Bei einem Wettbewerb schmuggelt er sich als Popcorn-Verkäufer bis an die Bühne und schließlich auf dieselbe. Er tanzt wunderbar, fällt aber an einer Stelle auf den Hintern. Und wird verlacht. Ein Popcorn-Regen ergießt sich über ihn.

Eddie, gespielt von George Sampson mit dem lustig-jungenhaft-spitzbübischen Gesicht, bietet sich ihm als Manager an und schlägt vor, eine Truppe der besten Streetdancer in ganz Europa zusammenzustellen und dann die Revanche zu fordern.

Ruck zuck ist Europa bereist und jeder Ort bekommt eine kurze Charme-Chance, und schon ist die Truppe in Paris, wo in einigen Wochen dieser Wettkampf stattfinden soll. Da stößt Ash auf Eva, gespielt von Sofia Boutella. Sie tritt in einem Box-Ring als Salsa-Tänzerin auf; modernistisch zwar, eingespannt in Seile. Der Betreiber des Clubs ist Manu, gespielt von Tom Conti, der Onkel, der Seelentröster, der Katalysator im Hintergrund.

Logisch, dass Ash gleich hin und weg ist von der Kirschäugig-Schwarzhaarigen mit dem schönen Mund, mit den ausdrucksvollen Augen und den wunderbaren Bewegungen. Dramaturgisch knapp und gut kalkuliert findet nun die Annäherung der beiden inklusive Widerstände statt; sie will schließlich mitmachen in der Truppe; dafür muss diese aber auch den Salsa mit aufnehmen. So kann sie Ash den Unterschied zwischen egomanischem Solotanz, der einzig auf die Bravos und Resonanz des Publikums giere und dem klassischen Salsa hinweisen, in dem in erster Linie die Partnerbezogenheit sei, die Tänzerin soll gut dastehen durch die unterstützende Eleganz und Hingabe des Tänzers. Schön auch, dass Ash das kapiert, aber es gibt ihm auch zu kauen.

Wie es sich für eine professionelle Dramaturgie gehört, türmen sich Hindernisse auf bis zuletzt, somit den Boden bereitend für das grandioses Finale. 3D ist in diesem Falle sicher nicht verkehrt. Das Buch schrieb Jane English. Die Regie führten Max Giwa und Danila Pasquini.

Kochen ist Chefsache

Das Filmemachen als Zubereitung eines feines Mahles begriffen. So jedenfalls wird das Team in den Titeln am Anfang vorgestellt, wer für das Würzen, für das Schnetzeln etc. zuständig sei. Das Kino als Gourmet-Leckerei verstanden und also nach den Michelin-Sterne greifend, würde hier jedenfalls einen Vorabstern verdienen allein für die Besetzung der Antagonisten-Rolle des Alexandre Lagarde mit Jean Reno.

Wetten, er hat den Film „El Bulli“ gesehen. Jedenfalls mimt er perfekt den Meisterkoch, der um seine Sterne bangt. Er ist die Figur, an der sich der Protagonist, Jacky Bonnot gespielt von Michael Youn abarbeitet und hochrankt. Während Lagarde um seinen Stern bangt, denn der Besuch der Michelin-Tester steht gerüchteweise bevor, hat Jacky seine liebe Not mit seiner Freundin, die zwar von ihm schwanger ist, der er aber noch keinen verlässlichen Lebensunterhalt mittels sicherem Job bieten kann, was ganz schön nervig ist. Denn Jacky ist ein Küchenträumer, ist aber auch voll von sich überzeugt, meint immer überall seine Kochweisheit breit treten zu müssen, was leider in den Küchen von durchschnittlichen Lokalen gar nicht gut ankommt.

Ein kleiner dramaturgischer Kunstkniff über einen Anstreicherjob bei einer feinen Altersresidenz inklusive Einblick in die Küche mit einem abgefuckten, ambitionslosen Kochtrio bringt ihn schließlich mit seinem Idol Lagarde zusammen. Sie lieben sich, sie necken sich, sie bewundern sich, sie trietzen einander und sie schaffen es mit vereinten Kräften fast immer an den Rand des Zusammenbruchs.

Lagarde, schon etwas müde geworden, vertritt die alte Schule, Jacky ist allem Neuen, Innovativen gegenüber aufgeschlossen wie der Molekular-Küche. Das feine Filmmenü wird mit einer Musik besprengt, die wie eine Jahrmarkt-Orgel in ewigem Umlauf erzählt, wir machen das alles nicht so schwer, wir erzählen Euch eine leichte Geschichte, wir tischen Euch ein leichtes Gericht auf, was nicht zu schwer verdaulich ist.

Menükritik: Das Hauptproblem in der Komposition dieses Filmes scheint mir zu sein, dass Daniel Cohen, der Regisseur und Autor dieses Filmes zwar den Reno drin haben wollte, andererseits aber die Hauptrolle auf Jacky zuschrieb. Und dann vielleicht, um dem Reno nicht unrecht zu tun, diesem ein paar kleine Probleme ins Buch schrieb und auch noch ganz am Rande eine kleine Liebesgeschichte, was aber alles nicht so richtig gar gekocht ist und andererseits auch dem Jacky nicht die ganze Breite, die seine Problemsituation erforderte, gibt, wohl aus Rücksicht auf Reno, um den nicht in den Schatten zu stellen. So bleibt die Geschichte leider medium, aber das Vergnügen am Vergnügen des Regisseurs und des Teams am Themenbereich der Story und an der Zusammenarbeit mit Jean Reno das blitzt trotz allem durch. Für drei Sterne dürfte es allerdings nicht reichen.

Die Sensibilität dieser Art von Meisterköchen zeigt sich daran, dass sie zum Beispiel eine Aubergine, die schlecht behandelt worden ist, sprich verkocht worden ist, „schreien hören“.

Über die Molekular-Küche gibt es eine satirische Szene, wenn zuviel Stickstoff drin ist und den Essern plötzlich Dampf aus dem Mund steigt.
Und sich selbst geben die Filmemacher hier etwas viel Applaus, wenn was gelungen ist.

Deutschland von oben

Diese Dokumentation von Freddie Röckenhaus und Petra Höfer versammelt eine Fülle von Bildern, die Deutschland aus der Luft zeigen und auch, was sich in der Luft über Deutschland so alles tut. Wie nach einem Zufallsgenerator-Prinzip hupft sie wild von oben in Deutschland nach unten, von Westen nach Osten und hin und her und her und hin, geordnet einzig nach Monaten. Die Monate als Ordnungsgröße zu nehmen enthebt die Filmemacher der allfällig leidigen Pflicht einer politischen oder kulturellen Wertung, Stellungsnahme oder Kritik des Landes. Sie sehen sich wahrscheinlich eher als eine Art Kuddelmuddel-Postkartenfabrikanten.

Viel Geist gibt es nicht in diesem Postkarten-Deutschland, gerade mal die Namen Heine, Hesse oder Luther fallen. Wir leben ja auch nicht in einer geistigen Zeit, wir leben in einer Zeit der unendlichen Kameramöglichkeiten, Kameras an Hubschraubern, Kameras an Abfangjägern der Bundeswehr, Kameras an Hochhausspringern, Kameras an Fallschirmspringern, Kameras an Seeadlern und Kameras an Wildgänsen.

Der Luftraum über Deutschland ist aber nicht nur voller Kameras, er ist auch voll der vielfältigsten Flugdinger, vom Segelflugzeug, was eine deutsche Spezialität sei als Folge aus dem Krieg, weil die Deutschen keine motorisierten Flugzeuge mehr fliegen durften, von Kleinflugzeugen, die Verkehrszählungen durchführen oder die Menge der in einem Jahr abgebauten Braunkohle messen, von Flugzeugen, die den Proviant in eine Berghütte bringen oder Lotsen auf ein Schiff in der Nordsee, von Helikoptern, die vom Borkenkäfer infizierte Fichten aus einem Naturschutzgebiet abtransportieren, von riesigen Airbussen, überhaupt vom Flugverkehr, der in wunderbar computeranimierten Linien nachgezeichnet werden kann wie auch die Flugwege von Zugvögeln, sei es nach Sibirien oder nach Afrika, Störche, Wildgänse, Kraniche.

Wir fliegen von der Zugspitze bis zur Nordsee, wir fliegen über Industriebrachen im Ruhrgebiet, Fachwerkstädtchen noch und nöcher, die oft vom Krieg, das wird in traurig opferhaftem Ton genölt, leider zerstört worden sind, wir sehen Bilder von der Zerstörung Hamburgs, computeranimiert, wir sehen Sommerfrischler, Kletterer, Surfer, Angler, Rafter, Grundrisse von Städten, Verkehrsstaus.

Wir bekommenTexte zu hören wie:
Die Böcke (= die Steinböcke) entspannen sich in einer Männer-WG bis zur nächsten Brunftzeit.
Nein, das ist nicht der Mond, das ist Braunkohletagebau in der Lausitz.
Von Sylt bis Föhr nur Dünen und Meer und ein paar Dutzend Millionäre.
Magdeburg geht am 15. Januar 45 unter.
Wie unberührt dürfen wir die Natur lassen, ohne den Spass daran zu verlieren?
Pfingsten steht vor der Tür und wir stehen im Stau.
Dresdens Frauenkirche dagegen sieht aus wie aus dem Ei gepellt.

Der Film fängt mit Steinböcken im Allgäu an und hört mit ihnen wieder auf.

Wer vieles bringt, wird vielen etwas bringen werden sich die Filmemacher gesagt haben. Ein Film für Menschen, die gerne mal auf einen Kirchturm steigen des Perspektivenwechsels wegen, die den Blick gerne schweifen lassen im Rund und sich von den Bildern und Aussichten treiben lassen und sicher für Kinder, die anfangen zu entdecken, was es so alles auf der Welt gibt, wovon sie in ihrem Kinderzimmer noch nicht zu träumen wagten.

Die Filmemacher zeigen auch, wie es durchaus schwierig ist, aus dieser Überfülle an technischen Möglichkeiten und Material (etwa 300 Stunden) einen spannenden Film zu machen.

Der inhaltlichen Dürftigkeit der gesprochenen Texte wird eine bombastische Filmmusik entgegengesetzt, die alle paar Minuten einen nicht unbedingt eintreffenden Höhepunkt ankündigt. Bei der Queen Mary 2 in Hamburg würde man das noch verstehen.

Schön, vielleicht der poetischste Moment im ganzen Film, wenn nach der Schilderung des Oktoberfestes von oben (München wird als die Hauptstadt des Sommers tituliert, Berlin als die Stadt der Monumente der Macht), wenn sich die Kamera entfernt, die Stadt im Dunkeln liegt und das Quadrat von Festwiese leuchtet und die Musik ganz leise wird.

Eindrucksvoll auch die GPS-gesteuerten Erntemaschinen. Und nett: die einzigen 400 Wildpferde Deutschlands in Dülmen. Die gedämpfte Sprecherstimme ist leider zu routiniert, zu bemüht, den doch harmlosen bis verharmlosenden Sätzen Bestimmtheit zu geben. Ein fruchtloses Unterfangen.

Und die Kamera ist vernarrt in Reisszooms.

Amador und Marcelas Rosen

Film kann vieles mit unserem Bild von Realität anstellen. Es kann dieses dehnen, kürzen, komprimieren, verbiegen wie mit einem Hohlspiegel oder verzerren wie mit einem Zerrspiegel, kann dieses beschleunigen, verlangsamen, gar stehen lassen, kann einzelne Teile herausarbeiten, hervorheben oder darauf verzichten; was Film selten kann oder kaum, das ist die Qualitäten eines Zeichners als pointiertes Abbild unserer Realität herzustellen. Kino kann nicht Sempé – oder allenfalls als Echo.

Dieser Film jedoch fängt mit einem Bild an, was von einem Zeichner stammen könnte. Eine einzige Rose steht blühend auf einem flachen Hügel, der dicht vor uns die Horizontlinie bildet. Sonst ist nur kärglicher Bewuchs. Dieses Bild will uns wohl bewusst auf eine Art der Betrachtung, die für diesen Film vielleicht hilfreich werden könnte, einstimmen. Kino als ein Alternativ-Versuch, Realität mit einem spitzen Bleistift und traurig-ernst und wie ich sogar vermute rabenschwarz-humorig abzubilden.

Wobei sich Fernando León de Aranoa, der Autor und Regisseur dieses Filmes, ganz keck dann noch der Bildwelt des italienischen Neorealismo bedient. Und zwar vor allem in sehr ruhigen statischen Bildern. Ohne überflüssige Requisiten oder Möblierungen. Auf das Wesentliche reduziert.

Am Anfang gibt’s ein wenig Action. Die Kamera weitet nach dem Bild mit der einzelnen Rose am Horizont das Gesichtsfeld. Einige Männer, eher gedrungene, südliche Typen, schleichen sich den Hügel hinan. Schauen auf der anderen Seite hinunter. Da sind Leute damit beschäftigt, Blumen in große Container zu werfen. Jetzt machen die Beschäftigten Pause. Unsere, wie sich bald herausstellen wird: Blumenverkäufer preschen vor, um möglichst viele dieser Schnittblumen, vor allem Rosen, in mitgebrachte Taschen zu stecken. Aber sie werden von der Polizei entdeckt und vertrieben.

Nelson ist einer von ihnen. Er bringt die Blumen zu sich nach Hause. Seine Frau ist Marcela, die Hauptfigur in diesem Film. Sie bringt den spröden Ausdruck mit, den wir bei Frauen schon im italienischen Neorealismus gesehen haben. Sie ist immer wie naiv, ausdruckslos der Welt gegenüber. Ihr wunderbar sinnliches schwarzes Haar bedeckt ihren ganzen Rücken, aber das wird nur so ganz nebenbei kurz gezeigt. Sie ist eine Frau, die keine Geschichte aus sich macht. Die das Schicksal nimmt wie es kommt.

Bald wird sie erfahren, dass sie schwanger ist. Die Blumen werden im Kühlschrank aufbewahrt, damit sie frisch bleiben, später werden sie parfümiert, damit sie nach Blumen riechen. Marcela und Nelson wollen einen neuen Kühlschrank kaufen. Aber mit dem spärlichen Geld aus den aufgemotzten Abfall-Rosen ist das kaum zu bewältigen.

Marcela bewirbt sich für eine Stelle als Pflegerin bei einem bettlägerigen, schwerkranken alten Mann. Das ist Amador. Sie erhält die Stelle ohne weiteres und eine Anzahlung auf den Kühlschrank bekommt sie umgehend überwiesen.

Es gibt jetzt viele stille Bilder, wie sie den Alten betreut, wie sich die beiden unterhalten, über das Meer, das beim Puzzle besonders schwer zusammenzustecken sei, über Meerjungfrauen. Oft sitzt sie still da. Die äußerliche Hauptszenerie, auch das erinnert an den Neorealismo, ist der ausfransende Rand einer wachsenden Großstadt mit anonymen Wohnblocks im Übergang zum Niemandsland.

In all dieser Ruhe und spannend gedehnten Zeit, entwickeln sich nun Dinge, die den Traum vom neuen Kühlschrank gefährden können, auf dem alten war anfangs des Filmes noch in bunten Magnetbuchstaben der Name Marcela zu lesen.

Leicht surreal wirken diese Pflegebesuche bei Amador auch dadurch, dass die Verwandten nie zu sehen sind. Die Kinder sind nämlich mit dem Bau eines Hauses beschäftigt und wenig an ihrem Vater interessiert. Lediglich eine Dame, Puri, was Purismus anklingen lässt, es aber höchstens in sehr eigenwilliger Interpretation ist, besucht Amador jeweils donnerstags für eine Stunde. Spätestens im Augenblick, wo Puri Marcela von einem Mann erzählt, der ein „Podium“, was Marcela verunsichert, also ein „Medium“ gewesen sei, gibt sich der schräge Beobachterhumor an dieser feingezeichneten Komödie kurzfristig zu erkennen.

Sonst vermeidet der Filme jeden Anschein, er wolle hintersinnig oder hinterfotzig sein. Er gibt sich ernsthaft und diverse Mittel der Künstlichkeit, die dem Kino soviel Reiz verleihen können, benutzend. Um uns am Schluss klarzumachen, dass er die Menschen doch als recht sonderbare Wesen sieht, die wie Krokodile oder was auch immer, je nur ihren eigenen Zielen nachgehen, dem roten Faden ihres Lebens folgen, immer auch das eigene Ziel und den eigenen Vorteil lange vor jeder Moral suchend. Kreuchende und fleuchende Existenzen.

Ein lakonisches Beispiel dafür ist das Fake-Telefonat, das Marcela mit einer vorgeblichen Freundin oder einem Freund führt, damit der Alte sein Vorurteil bestätigt bekommt, dass diese Hilfen immer nur an ihren Freund oder an ihre Freundin denken.

Zur Begründung, dass Blumen ein Geschäft seien, erfahren wir, dass das Leben, die Liebe und der Tod die Momente sind, die immer wieder kommen und bei denen Blumen gekauft werden.

Die Menschen in diesem Film versuchen, am Schicksal zu zupfen, zu rütteln, es in Richtung ihrer Absichten, in ihrem Sinne zu verändern; dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Andererseits gibt es Momente, da denkt man: eine Groschenroman-Geschichte. So simpel. Aber so ganz simpel ist sie eben nicht. Und gegen die Sünde gibt es die Kirche. Auch da findet später eine sehr komische Szene statt, wie der Priester Marcela, die der Ansicht ist, sie tue etwas Unrechtes, dies aber abstrakt schildert, vom Priester den Segen dafür erhält – das ohne jede Flachserei oder Distanziererei des Filmemachers. Es gibt Momente, da könnte die Nacherzählung fast in eine Schauermär ausarten.

Zwischendrin spielt der Filmemacher auf die Tonspur einige wie kommentierende Musikrefrain-Takte. Irgendwie ist doch alles immer das Ähnliche, dasselbe.

Momentweise ein surreales Kino. Was aber in der Menschenbeobachtung wieder nah an die Menschen und deren Realität rankommt, was nah heran gezoomt manche Dinge vergrößert und verdeutlicht ohne jeden Zeigefinger sondern aus Spaß und Neugier, wie ein Mensch sich in einer bestimmten Situation doch verhalte.

Eine surreale Komödie über das Sein, die Schönheit und über Versuche, das Schicksal auszutricksen. Blumen und Leichen sind sich in vielen Dingen nicht unähnlich. Von der Sterblichkeit der Schönheit, vom Sterblichen in der Schönheit, von der Schönheit im Tod, von der Schönheit der Blumen und dem Geschäft mit ihnen.