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De Jueves a Domingo (Filmfest München)

Glaubwürdigkeit der Darstellung macht es hier möglich, das andere Gesicht des sich selbst vorgegaukelten Familienglücks hart und rücksichtslos zu entlarven.

Dominga Sotomayor, Autorin und Regisseurin dieses Filmes, begleitet schön chronologisch und in gutem Fluss eine vierköpfige Familie, Vater, Mutter, 15 jähriges Töchterlein und etwa halt so alten Buben auf einen Ausflug im Auto, der von Santiago aus in Richtung nördlicher Wüsteneien Chiles führt.

So wie der Titel heisst, von Donnerstag bis Sonntag, also mit drei Übernachtungen, die erste in einer Hosteria, die zweite mit Freunden campend und die dritte dann noch irgendwo am Straßenrand im Auto schlafend. Da ist das Familienglück schon ziemlich ruiniert. Natürlich war es das vorher schon. Aber diese ewige Autofahrerei, die zehrt an den Nerven. Irgendwie kommt man nie an den Strand, an den der Junge so sehnlichst möchte, denn er hat einen Magnetstab dabei, mit dem er Münzen finden könnte; das sei vor allem gut, wenn es geregnet hat, der spült dann vieles an den Tag.

Am ersten Tag nimmt die Familie ein Stück weit zwei Tramperinnen mit, die freunden sich sofort mit dem Töchterchen an, tauschen auch die e-mail-Adressen aus. Töchterchen möchte auch Autofahren lernen. So eine Gelegenheit gibt es nach der zweiten Nacht. Mit vereinten Kräften schiebt die Familie das Auto, der Motor ist abgestellt und das Mädel sitzt am Steuer und muss dann rechtzeitig die Bremse ziehen. Hier arbeitet die Familie sozusagen mit vereinten Kräften an einer Sache.

Kurz vorher hat das Mädel aber beobachtet, wie die Mutter nachts aus dem Zelt eines anderen jungen Mannes gekommen ist, auch wie die beiden sich am Vormittag auf einem Stein im Wasser angeregt und sich emotional sehr zugetan unterhalten haben.

Je arider und trockener die Landschaft wird, die die Familie durchfährt, desto spröder wird ihr Glück, bis die Mutter einmal sogar Reissaus nimmt und einfach der Straße nach geht. Es lebt halt jeder seinen Träumen. Und die Familie, die die Regisseurin hier zusammengestellt hat, natürlich, bewusst zusammengestellt hat, ist doch vor allem eien Zweckgemeinschaft von auseinanderdriftenden Individuen. Wer das mal erlebt hat, kann das hier sehr gut nachempfinden, mir sind da sogar Gerüche aus so Situationen wieder in den Sinn gekommen.

Der Bub heisst Manuel und das Mädchen, Lucie, wird Chini gerufen. Der Vater will Klettern gehen. Aber vorher noch sucht er ein Stück Land, was ihm gehört, wo er vielleicht Avocados anpflanzen will. Auf dem Stück Land treffen sie Verwandte oder Bekannte und am Abend gibt es ein rundum gelungenes Lagefeuer mit Gitarrenbegleitung zu Liedern.

Sinniges Bild auch für diesen Familienausflug, wie die Familie den Panoramaweg der Küste entlang erreicht, ist es bereits Nacht, zappeduster und kein Panorama nirgends zu sehen. Es gibt die typischen Pausen, zum Essen, zum Pinkeln oder um mal auf einen Hügel raufzusteigen.

Einmal wird auch an einem Fluss halt gemacht. Der Vater steigt im Taucheranzug mit Schnorchel in das nicht ganz blaue Wasser. Dort kommt auf der anderen Seite ein junger Motorradfahrer. Von dem wird später am Radio in den Nachrichten berichtet oder die Familie glaubt, dass es sich um ihn handle, eine Negativnachricht auf jeden Fall.

Die Regisseurin bleibt so nah an der Familie, mit der Kamera oft im Wagen, dass wirklich dieses beengende Familiengefühl, das das Individuum brutal unterdrücken kann, voll durchschlägt, was man vielleicht nicht primär als einen Kinogenuss empfinden wird. Denn sie verzichtet auf jegliche erleichternde Andeutung darauf, dass es sich ja nur um eine filmische Erfindung, um eine Geschichte handle und keineswegs um eine reale Dokumentation. So eine ist jedoch nun mal irgendwie auch dröge, so eine Urlaubsrealität einer Mittelstandsfamilie.

Wobei doch verwundert, dass nicht einmal das Bett des Kindes gemacht wird, was am Anfang des Filmes noch im Dunkeln und schlafend in das abfahrtsbereite Auto gebracht wird. Typisch vielleicht auch, dass Manuel zwar einmal im Supermanmantel rumrennt, aber hauptsächlich möchte er der Sklave von seiner Schwester oder anderen Kindern sein, wenn sie spielen.

Auf was für gefährliches Terrain sich diese Familie begibt, ist aus dem Rat eines Truckerfahrers an ein Familienmitglied zu entnehmen, sie möchten vorsichtig fahren, die LKWs und die Trucks hier, die würden hier ziemlich schnell (Untertext = erbarmungslos) unterwegs sein.

Beasts of the Southern Wild (Filmfest München)

Eine amerikanisch-verklärt-alttestamentarische Armuts-, Leidens- und Erlösungsgeschichte.

Hushpuppy ist ein sechsjähriges Mädchen, das vom Aussehen her genauso gut ein Junge sein könnte und wäre sicher der Traum eines jeden christlichen Missionars, dunkle Hautfarbe und ein ungeheurer Locken-Wuschelkopf. Das Kind lebt mit seinem Vater irgendwo auf der Insel Isle Charles Doucet im Mississippi-Delta, armselig-romantischer könnte es auch ein Tom Sawyer nicht treffen, wohnt in einem eigenen Wohwagen auf Stelzen in der schönsten wilden Landschaft, die ganze Einrichtung besteht aus Gerümpel und Angeschwemmtem und Zivilisationsmüll und einige Meter entfernt haust der Vater in einem ähnlichen Wohnwagen. Kinomalerische Armut, kinomalerisches Elend vom Feinsten.

Die Mutter ist gestorben. Sie ist im Wasser weggeschwomen, wenn ich den kurzen Satz rchtig verstanden habe. Und mit dem Vater ist es auch nicht zum Besten bestellt, darum will er sein Töchterchen zur Selbständigkeit erziehen. Hushypuppy geht aber auch zur Schule, hier erfährt das Mädchen vom Klimawandel, der den Meeresspiegel ansteigen lässt, was für Siedlungen direkt auf dieser Höhe eine große Gefahr bedeutet, aber in der Schule erfährt sie auch was von Urbüffeln, die die Höhlenbewohner vor Jahrtausenden an Höhlenwände gemalt hatten. Man kann sie auch als Tattoo tragen. Oder sie können einfach so im Kopf herumgeistern als Versinnbildlichung von Gefahr oder gar, in einer Traumsequenz im Zusammenhang des Selbständigwerdens zur Überwindung derselben.

Der Vater trägt einmal eine seltsame Kleidung, es ist Spitalkleidung, er ist wohl abgehauen. Er lehrt das Mädchen auch, wie man einen Fisch von bloßer Hand fängt. Es muss das Überleben lernen. Nicht schlecht für eine Sechsjährige.

Ein Sturm zieht herauf. Die Leute sollen sich in Sicherheit bringen. Er verwüstet alles wie die Sintflut. Darum kommt mir der alttestamentarische Vergleich in den Sinn. Ein kleines Häuflein Menschen, die überleben. Sie werden aufgenommen von professionellen Katastrophenhelfern, in Zelten, Vater liegt an Schläuchen. Aber solch professionelle Hilfe behagt den Inselbewohnern nicht.

Es gab dort auch noch den Vater des Vaters im kleinen Dorf Bathtube. Der hat den Sturm im Alkohol überlebt scheint es, und wie er den ersten Schritt darnach ins Freie macht, landet er im Bodenlosen, weil der kleine Vorbau zum Haus weggeschwemmt worden ist.

Die Gruppe, die den Katastrophenhelfern entflohen ist, findet das Schiff Grumpy, der Kapitän fährt mit den Flüchtlingen los. Sie stehen auf Deck wie eine Gruppe Helden. Ein Leuchtturmlicht streift sie und lässt sie wie in einer religiösen Erbauungsübung in verklärtem Licht erscheinen. Später wird der kleine Treck wie eine Pilgergruppe mit Fahnen über eine Strasse mitten im Wasser gehen, die gerade am Rande der Überflutung steht oder gerade wieder freigespült worden ist. Man denkt an Moses oder Jesus. Befangen in christlicher Ikonographie. Dann landen die Flüchtlinge wie zur Erlösung in der Bar Floating Catfish Shack, Girls, Girls, und die Girls sind die wahren Samariter und kümmern sich um die Flüchtlinge, die Heimatlosen.

Es kommt noch zu einer rührseligen Begegnung zwischen Hushpuppy und dem sterbenden Vater und hier werden viele echte Tränen fließen auf den Wangen von beiden.

Als Musik ist für die letzte Phase des Filmes hat Benh Zeitin, der Regisseur, der mit Lucy Alibar auch das Buch geschrieben hat, einen hoch emotionalen Jazz zum Bild gemixt, damit die Gefühlswelt der Zuschauer auch ja in Wallung gerät.

2 Tage in New York (Filmfest München)

Die kurze, hemdsärmelige Wäsche fürs Grobe alltäglicher Lebensbewältigungsmodelle mit allerlei Themen, die nicht allzu lebensfern sind. July Delpy hat diesen Film geschrieben, hat die Regie geführt und auch noch die Hauptrolle der Marion gespielt, die einer Fotografin, die einen Beziehungsclinch mit Trennung hinter sich und einen Mann, Mingus und ihren eigenen Sohn neben sich hat.

Ganz früh im Film dürfen wir, das wiederum wird den Co-Produktionsverhältnissen geschuldet sein, Daniel Brühl als Protestler auf einem Baum in Central Park von New York erleben, der Mann der nicht wieder runtersteigen wollte, der als Eichenfee bezeichnet wurde und von dem später in den Nachrichten zu hören ist, dass er runtergestiegen sei, dass er aber nicht fliegen könne. Ein Drehtag für einen Deutschen in einer internationalen Koproduktion, als Koproduktions-Quotendeutscher, damit das deutsche Geld nicht ganz so stupid bleibt.

Die Fotografin erhält nun Besuch aus Frankreich, ihr Vater, ihre Schwester und ihr Ex-Freund reisen an und wenn amerikanische und französische Kulturen aufeinander treffen, so kann es sehr lustig zu und her gehen, vor allem wenn die Regisseurin von ihren Schauspielern eine Art Improtheater zu erwarten scheinet. Das erweckt, weil die Laune zum Spiel sehr deutlich wird, zuweilen den Eindruck eines sehr privatistischen Filmes, der auch dank der Kamera, die sich dokumentarisch gibt, die also tut, als kenne sie das Drehbuch nicht, vielleicht kennen es ja die Schauspieler auch nicht genau und werden einfach in die Szenen geworfen, was der Lebendigkeit keinesfalls Abbruch tut.

An Humor und guter Laune wird nicht gespart. Papa, der Franzose, bleibt schon an der Zollkontrolle stecken, denn er wollte kiloweise französische Wurstwaren in die USA einschmuggeln, bis in die Unterhosen hinein hat er sie verstaut, was beim späteren Verzehr ein leichtes Problem mit der Appetitlichkeit zeitigen könnte.

Ein Film, wie die kleine Wäsche zwischendurch, sich mit dem Gröbsten beschäftigen. Dann ist der störende Ex-Freund mitgekommen, der sich unmöglich benimmt, oder das Töchterchen von Mingus, sieben, das mitten in New York Gras verkaufen will, während der Vater das als Kunstaktion verstanden wissen will, wie hier sowieso vieles als Theater, als Kunst verkauft wird.

Oder man spielt selbiges vor. Ein Film aus heutiger Lebens- Liebes- Erziehungs- und Umweltpraxis. Marion zum Beispiel lügt einer Nachbarin im Lift vor, sie habe einen Tumor, ja, Themen, wie sie das Leben hjer anspült; ein französisiertes Amerikanisch zu hören ist, veri fönni.

Marion erfindet nun spontan, Aufgabenstellung wie im Improtheater, wie kann sie eine sich aufregende Nachbarin los werden, eine, die sich über Gestank und vor allem über Rauch von Shit im Lift aufregt. Der Akteurin fällt im Moment nur besagter Gehirntumor ein, nichtsahnend, dass der Gatte der Dame, die sich beschwert, Arzt ist und kurz darauf in unserer Protagonistenwohnung auftaucht, sich dann aber zum Glück doch mehr für das was unter dem ungemein kurzen Rock der Schwester von Marion zu sehen ist, interessiert als für Röntgen-Bilder und Tumoriges. Abgesehen davon, dass auf den Bildern nicht die Spur eines Gehirntumores zu erkennen ist.

Die äußere Handlung hat eine Foto-Ausstellung von Marion zum Ziel. Bis dahin ist ihr Exgatte wieder nach Frankreich zurückgeschickt worden. Gespräche über die Mikropisse des kleinen Buben, dessen eines Teil, wie die Damen finden, sehr, sehr klein geraten sei. Lustig, lustig. Papa, wenn Du beim Yoga mitmachst, darfst Du nicht furzen. Könnte auch beim Improtheater entstanden sein. Aber hier gibt ja auch keiner vor, große Kunst machen zu wollen, hier soll es lebendig zu und her gehen, hier soll frisch und fröhlich von einem kleinen französisch-amerikanischen Culture-Clash (und nebenbei auch von einem Generationen-Clash) berichtet werden. Und es darf über Kunst philosophiert werden. Das wäre die Message des Filmes von Marion oder von July Delpy, sich die Zeit bis zum Tod wenigstens in Momenten mit beautiful People angenehm zu gestalten. Oder als Kunstaktion, sicher auch als PR-Aktion, will Marion auf der Vernissage ihre Seele verkaufen. Es findet sich auch ein anonymer Käufer

Opa zerkratzt protzige Autos und war wie die Eltern von Mingus, man trifft sich auf der Vernissage, in den 60ern politisch aktiv, die Eltern von Mingus in der Bürgerrechtsbewegung. Gesinnungsgenossen, das verbindet und macht Sinn. Mingus ist übrigens ein Radiomoderator und Redakteur, führt fingierte Interviews mit einem Papp-Obama. Da Marion auf der Vernissage aber gefrustet ist, dass nur ihre Seele und sonst kein Bild verkauft wurde, fetzt sie sich noch mit einem Kritiker, der süffisant anmerkt, das Thema ihrer Bilder gefalle ihm, aber die Umsetzung nicht.

Vincent Gallo heißt der Künstler, der ihre Seele gekauft hat und sie nun nicht mehr zurückgeben will. Aber auch dieses Thema kann man bei der Wäsche zwischendurch nicht weiter vertiefen. Genau so wenig wie das des Verhältnisses von Kunst und Ökonomie. Die Fotos von Marion sind wirklich nichts Besonderes, sie haben was Spontanes, zeigen gerne Menschen oder zwei Menschen Und zu guter Letzt muss auch noch der Reimwitz von Mingus auf Cunnilingus gemacht werden.

Ein frisch-frech-fröhlich-freies Kino, was uns July Delpy hier appetitanregend serviert.

Z Daleka Widok Jest Piekny (Filmfest München)

Sind diese Verhältnisse jetzt noch menschlich oder schon tierisch zu nennen? Ist es das wirtschaftliche Elend, das die Verhältnisse so werden lässt? Ist es eine Vorahnung dessen, was auf uns zukommen könnte, wenn es den Euro zerbröselt?

Menschen am Rande des Vegetierens, aber noch vor filmischem Zombietum. Einsame, fotogene Gegend irgendwo in Polen, vielleicht Masuren, was sich auf jeden Fall gut anhören würde.

Einige Männer gehen durch einen Wald, sie stellen Tierfangfallen auf, befestigen Drähte. Ein Schrottauto wird auf einen einsamen Hof gefahren. Der Transport muss vor einem Bahnübergang warten. Zwei Männer sitzen im Auto. Im Hof wird das Gefährt vom Transporter gelassen. Das Schrottauto wird auseinandergenommen. Im Zwei-Zimmer-Häuschen daneben wohnt die verwirrte Mutter eines der Männer, sie ist eben wieder abgehauen. Aber sie ist auch gefunden worden, wird von einer anderen Frau unsanft zurückgebracht; am besten sperrt man sie in ihr Zimmer ein. Irgendwann geht es nicht mehr mit der Mutter, sie wird weggebracht.

Nächtens stürzen sich mehrere Personen wie die Hyänen zur Entrümpelung des Zwei-Zimmer-Häuschens der Mutter. Pawel ist einer der Akteure im Film. Er hat ein Verhältnis zu einer Frauensperson. Einmal fährt er mit ihr Nachts in den Wald hinaus. Dann schläft er in seinem Zimmer. Die senile Mutter kommt und pisst auf die Matratze. Das Bett muss dann zum Lüften vors Haus getragen werden.

Es gibt einen Fluss in der Nähe, dunkle, braune Flut. Es gibt eine Fähre, die kann an einem Seil ans andere Ufer gezogen werden. Hier badet die Jugend. Auch unsere jungen Männer. Vielleicht ist es auch ein Männerbetrachungsfilm. Wie sie ihre entblössten Oberkörper präsentieren. Überhaupt, wie sie sich bewegen, in einer eindrucksvollen Mischung aus Eitelkeit, Machotum und Weltverachtung. Wie der eine am Ufer ein paar Tropfen Bier aus der Dose auf seinen Oberschenkel verschüttet, mit welch verstecktem Degout er versucht, sauber zu machen. Nur ja nicht auffallen mit so einer Aktion. Auch die Entrümpelung. Wie die Gegenstände angepackt werden. Man könnte mit soviel männlicher Kraft auch anderes tun, als Gegenstände zusammenraffen. Aber das meiste davon erledigen die Frauen. Die funktionieren viel unprätentiöser.

Die Männer zerlegen Autos. Oder sie rauchen Zigaretten. Oder einer zählt mit gespreiztem Zeigefinger die Waggons am Zug, der hinter der Schranke die Straße passiert.

Der Ton macht die Musik. Anka und Wilhelm Sasna, die das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt haben, legen Wert darauf, Sound zu verstärken. Wie man erst die offene, für uns sicher sehr altmodische Waschmaschine von außen vor dem Haus hört, so denkt man, das muss mindestens ein Kohlebagger im Tagebau sein. Die Geräuschverstärkungen arbeiten viel Horror heraus an diesem Alltag, der uns fragen lässt, wie leben diese Menschen nur. Oder das Geräusch, das das Rad auf dem Seil macht, an welchem die Fähre über den Fluss gezogen wird. Das sind fast eigene, elementare Geschichten, die mit so einem Sound erzählt werden.

Die Menschen, die mit der Fähre den Fluss überqueren, sie sind sonntäglich gekleidet und gehen zur Kirche, die darf nämlich in einem polnischen Film nicht fehlen. Es knirscht also nicht nur am Rad bei der Fähre, der Haupteindruck von der Kirche, deren Publikum ohne Blick auf den Altar in Richtung Ein-Ausgang aufgenommen wird, der ist auch das Knirschgeräusch und Schlurfgeräusch von Schuhen, die den Kirchenboden betreten. Die Menschen scheinen gefangen in der eigenen Geräuschkulisse. Kurz hört man noch eine Pfarrer-Stimme, aber das wars dann auch schon.

Dass es vielleicht ein Männerbeobachtungsfilm ist, darauf deutet auch ein kleines Gespräch im Tante-Emma-Laden zwischen zwei Frauen, über Männer, die Frauen einfach sitzen lassen, ihnen aber ein Kind angehängt haben. Das wird noch Folgen haben und zu einer heftigen Schlussszene auf einsamer Landstrasse führen. Männer, die sich aufführen, alt hätten sie nichts nötig, die sich aber mit Kleinkram beschäftigen, der ihre Eitelkeit und gebannte Aggressivität in einem kuriosen Lichte erscheinen lässt.

The Color Wheel (Filmfest München)

In diesem außerordentlich geschwätzigen, bewusst grobkörnigem Schwarz-Weiß-Streifen sind ein Bruder und eine Schwester stundenlang im Nord-Osten der USA unterwegs, weil das Mädel mit ihrem Prof gebrochen hat, mit dem sie sich an Jobs beim Rundfunk hinzubumsen hoffte, was sich aber nicht erfüllt hat.

Jetzt möchte die Schwester noch ein paar Habseligkeiten beim Professor abholen. Dazu engagiert sie als Wauwau ihren Bruder. Statt nachher direkt heimzufahren kommt ne Party dazwischen, wo auch ein wichtiger Mensch sein soll, der ihr zu Jobs verhelfen könne. Aber auch das war nur leeres Versprechen. Statt dessen schneidet sie dann bei den unwichtigen Leuten, die sich da tummeln und zum Teil saublöd benehmen, damit auf, dass sie natürlich nur bei großen Namen anheuern werde, national, international, aber sicher nicht lokal.

Vorher mussten sie noch einkaufen. Das ist ja so wichtig im Film, dass man auch sieht, wo die Leute ihre Klamotten für eine Party einkaufen. Dem Bruder schüttet ein Gast gleich beim Betreten des Partyraumes Wein in die Hemdtasche, Rotwein.

Die Originalität des Filmes zeigt sich weiter zum Beispiel in Diskussionen übers Furzen oder darin, dass das Mädel auf dem T-Shirt eine Inschrift „who farted“ trägt. Vielleicht versucht hier Filmjugend, ihren eigenen Weg zu finden, aber die Beat-Generation und die war ja auch geschmackvoller und inhaltlicher, die gabs schon, damit kann keiner mehr berühmt werden, da muss man also selber schauen, wie man auffallen kann.

Aha, das hatten wir so noch nicht, Inzest. Brüderlein und Schwesterlein in einer geschätzt zehnminütigen einzigen, 8-Minuten-Schwatz- und 2-Minuten-Heiss-Fick-Einstellung.

Aber dann ging den Filmfemachern Alex Ross Perry, als Regisseur und Autor und Carl Altman als Co-Autor/in wohl die Puste aus, haben ja auch gedauert, diese 83 Minuten. Und der Ton war sehr, sehr schrill und grell.

Übrigens hat das Mädel schon vorher, wo es einmal auf den Bruder gewartet hat, in einem Kaffee eine bekannte Moderatorin frühstücken sehen und sich nicht entblödet, sie anzuquasseln auf die dämlichst-dümmste Weise, worauf sie mit der kleinen Ermahnung abgefertigt wurde, doch bittschön Leute nicht beim Frühstück zu stören.

Originell ist wohl auch gedacht die Annanas, die das Brüderchen auf die Fete mitbringt. Wie ein Schosstier trägt er sie.

Auf der Party, wo einer was von Dress-Code raunt und dem Ärmsten über das rotweinbegossene Hemd noch ein Jackett anlegt. Spannende Vorgänge. Der Film scheint eine Art Selbstbeschäftigung dieser Filmemacher mit sich selbst zu sein, erkennbar ohne Ansätze, die für ein größeres Publikum von Interesse sein könnten, ja es bleibt rätselhart, wie es so ein Film überhaupt auf ein Festival wie München schafft.

Wie das Mädel nach seiner beruflichen Aktivität gefragt wird auf der Party, antwortet sie, sie sei Nurse, lügt sie, denn sie hat sich ja vom Prof aushalten lassen. Dann kommen sehr verquere Gespräche über Nurses, und wie ihr Bruder auf den Boden fällt, da ist es doch gut, dass sie Nurse ist, eine voll misslungene Party auf jeden Fall, nämlich auch filmisch.

Sprechen tun die Figuren sowieso immer mit dem Hauptinteresse entweder auf der Geschwindigkeit, zum Beispiel das Brüderchen – noch dazu mit Nölton – oder auf dem expressiven Ausstellen von Sprache beim Schwesterchen (beides Mal auf Kosten des Gehaltes); Performance als Selbstzweck. Auch hoch interessant, dass Brüderchen an einer Stelle glaubt, Wäsche waschen zu müssen in einem Downer, das sind die Waschmaschinen, bei denen die Wäsche oben eingefüllt wird. Und statt nach Plan B, wie üblich, wird hier nach Plan A gefragt. Lustig, lustig, wir machen eben alles anders.

Man muss sich ja schliesslich abheben. Schwesterchen sieht sich selbst als „aspiring actress“. Wenns mit Selbstironie wäre, könnte es ja was haben. Auch eine ganz wichtig präparierte Szene ist der Dialog über den Vibrator der Mutter, ob der nach was gerochen habe. Tja, mit solchen Dingen beschäftigen sich „aspiring“ amerikanische Filmemacher offenbar. Dann die Abrechnung mit dem Prof, wieviel psychische Energie sie doch in das Verhältnis gesteckt habe und wie wenig da rausgeschaut habe. Wie viel Energie doch die Macher in diesen Film gesteckt haben… Ach ja, Brüderchen heißt im Film Colin.

Kohlhaas oder die Verhältnismässigkeit der Mittel (Filmfest München)

Hier wird Kinoreflektionsanspruch gestellt – das ist doch schon mal was in der subventionsgebravten deutschen Kinolandschaft!

Frei sei der Mensch nur, wenn er nicht da stehen bleibe, wo das Schicksal in hingestellt habe, nach Heinrich von Kleist. Kino und Freiheit, Kino und Imagination, das ist schon lange keine Thema mehr gewesen im deutschen, subventionierten Film.

Der Freiheitsanspruch ans Kino, ich interpretierte das jetzt so, ist schon lange nicht mehr so deutlich von der Leinwand runter zu vernehmen gewesen. Wobei zwischen der formulierten Forderung nach Freiheit und Mut im Kino und der Tat noch Welten liegen können.

Aron Lehman hat das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt. Seine Hauptfigur heißt denn auch Lehman, ein Regisseur. Der wird von Robert Gwisdek zusehends glaubwürdig verkörpert. Der möchte einen Film „Kohlhaas“ drehen, aber schon nach dem ersten Drehtag steht er vor den Trümmern seines Projektes. Die Geldmittel wurden gestrichen, es stehen keine Pferde mehr zur Verfügung, kein Hotel.

So kommt es früh im Film zu einem schönen Ausgangsbild: die Filmtruppe, die das Ritterspiel drehen möchte, ist auch aus dem Reisebus rausgeworfen worden, steht nun wie für ein Gruppenfoto aufgereiht in einer Wiese und weiß nicht weiter. Kein schlechter Ausgangspunkt für eine Kinogeschichte.

Aber unser Regisseur Lehmann ist ein visionärer Mann, der nicht da stehen bleibt, wo das Schicksal ihn hinwirft. Film ist Imagination. Wenn einer behauptet, er sitzt auf einem Pferd, dann sitzt er auf einem Pferd.

Natürlich sind die Stars der Truppe nicht einverstanden mit der provisorischen Einquartierung in der Kneipe des Schlosses, wo sie trotz aller Schicksalsschläge drehen dürfen, denn fast alle Leute in diesem kleinen bayerischen Ort Speckbrodi sind Laienschauspieler, auch der Bürgermeister und wollen also mittun und die Produktion unterstützen.

Statt eines Pferdes gibt es einen Ochsen und wie Jan Messutat als der große Schauspielerprofi, der den Kohlhaas spielen soll, sich gebärdet und windet und rausredet, bis er endlich auf dem Ochsen sitzt, das ist schon eine köstliche Show für sich und gar nicht so weit neben dem wahren Schauspieler-Leben.

Im Kino kann es allerdings nicht nur um die Ungerechtigkeit gehen, die einem Kohlhaas widerfährt, er hat eine Frau zuhause, Lisbeth, es geht im Kino auch um die Liebe; die kann ein Engel sein, Rosalie Thomass spielt den, aber nicht immer sehen ihn alle; auch da gibt’s eine herrliche Szene, wie der Regisseur einem anderen Darsteller versucht klar zu machen, was die Kraft der Einbildung sei und dieser beschwert sich, wenn er halt nichts sehe, er spiele ja alles, einen LKW-Fahrer, zur Not auch einen LKW-Reifen, aber wenn er nicht sehe, dann sei nichts zu machen.

Mit dieser Frau gibt’s später eine richtig zärtliche Liebesszene zwischen ihr und dem Regisseur. Eine Film-im-Film-Liebesszene, die der Regisseur anstelle des ausgestiegenen Kohlhaas selber spielt.
Dann tanzt der Regisseur noch einen fast anthroposophischen Tanz, Ausdruckstanz der verlorenen Hoffnung, auch so ein Element. Poetische Momente.

Zum Need fürs Kino, der unbedingte Wille etwas zu erreichen, dazu gibt es ein weiteres schönes Bild, das Umstoßen eines festgewachsenen, ausgewachsenen Baumes durch einige Männer.

Es geht in manchen Momenten auch um schauspielerische Konzentration, auch da legt der Regisseur im Film überzeugend vor.

Es gibt auch eine kleine Referenz an den deutschen Film, ein künstlerischer Absetzversuch vom dominanten subventionssterilisierten Mainstream, wie der Schauspieler sich über die Dreh-Umstände beschwert, antwortet der Regisseur, man sei ja hier nicht bei Tom Tykwer – schön wenn sich der Nachwuchs am feinsten Establishment die Zähne auszubeißen versucht, bei ihm gehe es um etwas anderes, darum, etwas zu wagen, das Erlebnis zu suchen, Mut ist gefragt auch vor der Kamera. Ansätze zu aufmüpfigen Tönen im Filmland.

Aber wie schon erwähnt, sich etwas vornehmen ist eines, ein Programm zu formulieren und es auch zu tun, ist ein anderes. Beleg dafür, dass es mit der filmischen Tat noch arg hapert, sind die Film-im-Film-Szenen, die leider nicht mehr als solides Bauerntheater sind und offenbar von den Träumen dieser junge Macher noch völlig unbelecktes Kino darbieten.

Ein Film, der sich Ansätze zur Formulierung eines Programmes traut, der als Produkt für die Kinokasse aber nicht rund und auch nicht innovativ genug ist. Aber garantiert ein Aufheller in der subventionsüberdüngten, filmschulgesättigten und entsprechend ordentlich-öden deutschen Kinolandschaft.

Invasion (Filmfest München)

Burghardt Klaußner spielt Josef und der steht an einem Grab und spricht mit klarer Sprache etwas vor sich hin. Dann wird er von einer jungen Frau angesprochen. Nina heiße sie und sei eine Cousine seiner verstorbenen Frau. Er kann sich nicht erinnern. Nina sagt, sie sei Schauspielerin. Bald schon ist sie bei Josef zuhause. Ein herrschaftliches Gebäude mit Anbauten für Stallungen oder Garagen. Wo das Haus steht wird nicht klar. Was Josef im Leben erreicht hat, um in so einem Haus zu wohnen, ebenfalls nicht. Seine Rolle heißt Josef Mendel, sonst gibt es wenig Info hierzu.

In einem Zimmer sind die Möbel mit Tüchern abgedeckt. Nina nistet sich im Haus und im Leben von Josef ein. Täglich bringt sie neue Leute mit. Erst ihren Sohn Simon. Dann dessen Frau Milena (Schönheitschirurgennäschen und aufgespritzte Lippen). Simon trainiert Kendo, eine gewaltlose Kampfsportart. Dann kommt Konstantin, der Freund von Nina. Der bringt weitere Geschäftspartner und Klienten mit. Das Haus füllt sich zusehends bis Josef die ganze Bagage eines Tages rausschmeißen will, aber die bereiten ihm ein Weihnachtsfest.

Das ist ein Film ohne Handlung, ohne Charakterzeichnungen mit sehr viel papierenen Texten, die die Schauspieler so sauber wie gepflegte Synchrontexte sprechen. Es gibt in diesem Film nur den Vorgang, dass ständig neue Leute sich in dieser offensichtlich verführerischen Filmlocation weil geräumig und leerstehend heimisch machen. Simon geht einmal einkaufen und anfangs schrubbt er mit Nina das Schwimmbad, in dem auch viele Szenen spielen werden, eine mit einer Toten.

Die Schauspieler behelfen sich mit einer Art Realismus-Spiel, wie man es von gängigen Gerichtssendungen her kennt. Die Degeto, deren hinauskomplimentierter Chef Jurgan noch groß im Vorspann erscheint, hat diesen deutschen Film des georgischen Regisseurs Dito Tsintsadz produziert. Funktionärsnennungen im Vorspann eines Filmes sind inzwischen so etwas wie ein schlechtes Omen.

Was der Regisseur, der auch das Buch geschrieben hat, uns hier erzählen will, wie unbeleckt von unserer Zeit, bleibt wohl sein Geheimnis. Vollends unklar bleibt, wieso die Figur Josef, von der es praktisch keinen Hintergrund gibt, außer dass er in dieser auch nicht eindeutig zuzuordnenden Gebäulichkeit wohnt, auch seine finanziellen Background bleibt unklar, er fährt ein sehr bescheidenes kleines Auto, mit dem sich kleinere Waren transportieren lassen, es bleibt also unklar, wieso Josef das alles mit sich machen lässt, bis zum einen Rausschmiss, es bleibt unklar, so spielt Klaußner es zumindest anfänglich, ob er an Demenz leidet oder bloss an seiner Einsamkeit ausgenutzt wird.

Vielleicht sind die Leute alle da auch nur aufgetaucht, damit Tsintsadze einen Film machen konnte. Der Film präsentiert sich doch als ziemliches Einfaltskino. Es fällt mir auch schwer, den Film als Bildnis zu sehen für weissgottnicht Betrügerei, Übers-Ohr-Hauen, Folgen der Einsamkeit. Die Begegnungen werden so eingeführt, dass ihnen jeder Realismus, also jede filmrealistische Glaubwürdigkeit abgeht. Und eine künstlerisch-symbolistische oder visionäre oder vielleicht farcehafte Interpretation kann ich auch nicht erkennen.

Der Mondmann (Filmfest München)

Stephan Schesch ist als Produzent des pfiffigen Animationsfilmes „Die drei Räuber“ mit guten Assoziationen verbunden. Jetzt tritt er nicht nur als Produzent, sondern auch als Autor (nach einer Vorlage von Tomi Ungerer) und als Regisseur dieses Animationsfilmes in Erscheinung.

Der Mondmann will unbedingt auf die Erde (da gibt’s schöne Bilder von dem Feuerschweif, an den er sich heftet), denn ihm lächeln oft Kinder nachts zu. Auf der Erde sieht es inzwischen allerdings zappeduster aus, denn diese ist eine einzige Diktatur, der letzte Fleck muss nur noch unterjocht worden. Umso glücklicher werden die Kinder sein, den Mondmann in Person anzutreffen. Das ist eine furchtbare Vision, die ganze Welt eine einzige Diktatur. Da gibt’s keinen Platz mehr für Fantasie und Freiheit.

Die Diktatur möchte den Mondmann wegsperren und auch noch den Mond erobern. Dazu muss der Tüftler und Erfinder Professor Bunsen van der Dunkel eine Rakete konstruieren, damit der geleckte Diktator zum Mond fliegen und diesen in Besitz nehmen kann. Professor Bunsen hat ja zwar schon alles erfunden auf dieser Welt und darum ist ihm fad geworden und er hat sich in seinem Hochbunker am Meer seit Jahren zum Schlafen hingelegt. Wenn es aber klingelt, dann geht eine ganze Batterie von Weckern und Weckuhren los, auch das ein kinderfreundliches Bild. Nicht weniger hübsch und freundlich als das Bild vom Mondmann, der im Wasser treibt mitten in all den wunderbaren Blumen oder Seerosen. Die haben Heerscharen von Zeichnern in einem östlichen Land wunderbar grafisch hergestellt. Die Bilder vom Mondmann auf dem Wasser von Blumen umrahmt könnten von Gustav Klimt stammen. Und so könnte jetzt noch abschnittweise über viele weitere, ausgetüftelte, sinnige und schöne Bilder referiert werden.

Der Film hat eine Rahmengeschichte. Er fängt ganz statisch in einem Autokino an. Irgendwo. Die Autos erinnern an amerikanische Straßenkreuzer der Siebziger Jahre, vielleicht auch eine Kinoreferenz. Der Vater ist mit seinem Töchterchen da. Der Film im Autokino ist eben zu Ende gegangen. Der war so toll, dass sie ihn gleich morgen wieder anschauen wollen, sind sich Vater und Töchterchen einig. Aber auf der Heimfahrt entdeckt das Töchterchen, das es sich auf dem ausladenden Rücksitz mit seinem Hund bequem gemacht hat, den Mond und träumt vom Mond und dass der Mondmann auf die Erde herunterkommen möge. Sie weiß noch nicht, dass sie ihm bald begegnen wird.

Was der Film nicht leistet, das ist die Entscheidung für eine Hauptfigur. Es gab schon mal eine Verfilmung der Geschichte als Kurzspielfilm, übrigens auch aus München, die stammt von 2006 und Friedrich Böhm hat daraus eine ganz bezaubernde, poetische Geschichte gemacht, die vielleicht etwas zu knapp ausgefallen ist, und die Welt war noch nicht ganz so duster. Jene Verfilmung hatte sich aber ganz auf die Beziehung zwischen dem Mädchen, Professor Bunsen und dem Mond konzentriert. Die Geschichte, wie Stephan Schesch sie bearbeitet hat, kommt mir dagegn etwas gedehnt vor, auch wenn Tomi Ungerer selbst in einem sympathischen Elsässerdialekt-Einschlag den Erzähler spricht. Die Bearbeitung hier kann sich allerdings nicht für einen Haupt-Strang der Geschichte entscheiden. So werden Dinge gezeigt, die an sich sicher interessant sind, die aber für das Dramatische im Film wenig dienlich sind, zum Beispiel die Erfindung der Rakete durch Professor Bunsen. Die sehr schönen und sorgfältigen, hochprofessionellen Animationen sind alle sehenswert. Aber man geht durch sie hindurch eher wie durch eine Ausstellung. Es fehlt der dramatische Flow der Geschichte. Was zur Frage führt, ob der Film vielleicht für ein spezielles Zuschaueralter gedacht ist, jenes, wo die Kinder sich noch schwer tun, Zusammenhänge zu erkennen.

Ein besonderes Kapitel sind die Sprecher. Der Mondmann wurde mit Katharina Thalbach sicher nicht ideal besetzt, irgendwie hat ihre Stimme zwar etwas Schalkhaftes, es fehlt ihr aber die Poesie. Poesie war hier wohl gar nicht beabsichtigt. Aber was dann? Auch der Vater des Töchterchens, wie viele andere Figuren, sprechen so eine gekünstelte, oft harte Art, ganz entgegen einem herzhaften Märchenerzählerton, wie es sich kulturgeschichtlich bewährt hat, dass die Stimme immer im Untertext auch zu verstehen gibt, hey Kinder, es ist ja nur eine Geschichte, die wir Euch erzählen. Der Diktator und der Präsident, die sind sprachlich brutal uncharmant eisern charakterisiert. Es mag am Casting der Schauspieler gelegen haben oder vielleicht auch an der Sprachregie, die etwas Besonderes wollte, aber nicht genau wusste was.

Zur Musik: die scheint mir ein recht willkürliches Potpourri ohne großen Zusammenhang vom gesungenen „Der Mond ist aufgegangen“ bis zu englischen Popsongs, Technomässigem oder einem Jazztrauermarsch, der aus New Orelans stammen könnte oder aus “dem Paten“.

Sprüche, die vorkommen scheinen mir auch eher beliebig ins Drehbuch reingeschrieben, ohne besonderen Zusammenhang zur Geschichte, „wer rastet, der rostet“, so Professor Bunsen van der Dunkel, wenn er sich auf den Weg macht, oder der General oder Diktator, „alles muss man selber machen“, wenn Professor Bunsen nicht gleich öffnet und er das dornröschenhaft verwachsene Gittertor öffnet. Dann kommt eine politische Farce-Szene, dem Professor wird eine Ehrenmedaille umgehängt, um ihn für das Raketenprojekt gefügig zu machen. Vorher schon hatte der Professor den Mondmann wissenschaftlich vermessen, aber der hat ja gar kein Gewicht.

Die Staatsmacht ist brutal hart militärisch, ohne jeden Charme für eine Kindergeschichte, dargestellt.
Spruch: allein ist man immer schneller, aber zu zweit kommt man weiter.
Ein Freund ist wie ein Zuhause. Ich möchte nach Hause (Nölton).
Umwege erhöhen die Ortskenntnis.
Diskussion über das Herz, der Mondmann hat keines, aber das Herz ist da wo die Freunde sind, in etwa – kleiner Einschlag von Poesie, aber ganz unpoetisch vorgebracht.

Mit deutlichem Schlurfgeräusch saugen der Professor und der Mondmann Limo aus Strohhalmen, es ist bestimmt kein Bubble-Tea, die Mode ist ja noch zu jung.

Sehr schön ist, wie der Mond sich unsichtbar macht, er wird es automatisch mit abnehmendem Mond; sich unsichtbar machen liegt in seiner Natur des Ab- und Zunehmens.

Gute Frage: Wo die Babies herkommen, weiß ich, aber wo kommen die Erwachsenen her?

Damsels in Distress (Filmfest München)

Der Übergang von den Schulcliquen zu den Partnerbeziehungen ist erstens nicht leicht und lässt erfahrungsgemäß diese schützenden und wie für ewig erscheinenden Freundschaften unter Mädels oder Jungs in Brüche gehe, wenn die Partner-Liebe einschlägt. Darüber lassen sich beliebig viele Filme machen, sie ändern an den traurigen Tatsachen nichts.

Whit Stillman, der Autor und Regisseurs dieses Filmes, hat sich des Themas sehr sorgfältig, direkt exquisit und von einer eigenständigen Warte aus angenommen; er hat eine Gruppe von College-Freundinnen genauer unter die Lupe genommen, Violet, Rosel und Heather und dazu stößt noch Lilly, wie sie unter der Dominanz von Violet sich einerseits gegen die Jungs ihres Alters zu schützen versuchen, indem sie sie erstens für unreif erklären und zweitens für beratungsbedürftig halten. Party ist für diese Mädels „Jugendsozialdienst“, reiner Selbstschutz selbstverständlich, um das Unvermeidliche aufzuhalten. Denn die jungen Frauen sind trotzdem keineswegs gefeit gegen die Neugier und die Anfechtungen der Liebe.

Welche Schmerzen die Enttäuschungen bereiten, wie das Glück in der Liebe aber die Mädchenfreundschaften auseinanderreißt. Zitate im Film oder eine DVD oder ein Plakat an einer Wand belegen, dass Stillman sich für sein Thema am französischen Kino von Godard, Truffaut oder Renoir orientiert, was diesem amerikanischen Film durchaus etwas Ätherisches einhaucht.

Um also ihrer Männersehnsucht nicht schutzlos ausgeliefert zu sein, bauen sie ein Bild von den Burschen als schwachen, beratungsbedürftigen Subjekten. Es sind Burschenschaftler. Die Mädels betreiben auf dem Campus eine Beratung zur Vermeidung von Selbstmord, denn die Rate ist hoch.

Bis Violet selbst beratungsbedürftig wird, weil sie die Liebe zu Frank, der sie schnöde hat sitzen lassen, nicht verschmerzt. So wird denn gerade die, die sich a meisten vor Liebesenttäuschung zu wappnen versuchte, deren erstes Opfer.

Stillman lässt die Mädels oft im Pulk durch den Campus, man kann das direkt so bezeichnen: schreiten. Sie sehen in diesen Momenten aus wie eine Politikergruppe oder gar eine Schafsherde, die sich vor dem bösen Wolf schützen will. Wenn es aber dem bösen Wolf oder einem Mann gelingt, ein Mädel aus der Gruppe zu isolieren, so wird es bald auch um den Schutz geschehen sein. Zwischendrin passiert dieser Pulk starke Lichtstrahlen, so dass blonde Haare ein herrliches Leuchtspiel vor tristem Campus abgeben.

Einige der Lügen, die um die Spiele der Liebessuche, der Partnersuche herum fabriziert werden, hat Stillman wie exemplarisch herausgearbeitet. Zum Beispiel hat Lilly einen Lover, er nennt sich Charly, der ihr vorblufft, in welch wichtigem technischem Bereich er arbeite, dass er in Liebesdingen „Katharer“ sei, eine Liebestechnik, die garantiert Schwängerung zu verhindern weiß; dieser Freund taucht, gerade wie Lilly ihren Freundinnen davon brühwarm erzählt, bei den Mädels auf und Violet ist sich sicher, diesen Nichtstudenten im Seminar übers Dandytum gesehen zu haben. Sie selbst erfindet wiederum einen Verwandten, mit dessen Hilfe sie Franks Angaben über seinen Beruf überprüfen möchte. Wie sie ihn in der nächsten Seminarstunde tatsächlich dort ausfindig macht und ihn als Charly anspricht, sind er uns sein Begleiter sichtlich irritiert, denn jetzt heißt er Fred. Nun kriegt es Lilly aber mit der Angst zu tun, Violet möchte mit ihm anbandeln und sie bittet sie ernst, in der Bibliothek, wo sie mit Frank verabredet sei, mit ihm aber nicht in die Regalreihen zu gehen. Ist doch ein sympathisches und sauber gearbeitetes Müsterchen über Liebe und Lüge und Eifersucht.

Dezidiert beschreiben sich die Mädels, sie seien nicht diese hohlköpfigen, parfümierten Tussis, die eben nur auf Männerfang aus seien; aber wenn eine Rudel Männer an ihnen vorbei zieht, diagnostizieren sie Gestank mit der großen Geste die jener im höfischen Drama in nichts nachsteht, wenn eine Dame in einer emotional heiklen Situation ausruft „Ich falle in Ohnmacht, ein Riechfläschchen!“. Und es wird wunderbar übereinander hergezogen „Wie kann Violet, die so klug ist, einem Trottel wie Frank nachtrauern“ – Gefühle und Verstand sind noch selten eine vernünftige Liaison eingegangen.

Einen kleinen Rückblick gibt es auf die Gestörtheit von Violet, der dominanten, wie sie als Mädchen einem Tick folgend stundenlang einen karierten Koffer zum ebenfalls karierten Muster eines Teppichs in Übereinstimmung bringen wollte. Kann man als Bild dafür sehen, wie sie vielleicht später einen Mann in ihr Lebensbild einpassen will.

Diese Mädels wollen alles im Griff haben, vor allem die Liebe; und verlieren dadurch umso leichter die Übersicht.

Ein Erzählstrang beschäftigt sich mit dem Tanzen, das geht vom Steptanz bis hin zur Erfindung des Sambola, der dem Film einen musicalähnlichen Abschluss ermöglicht. Die Paare haben sich beim Tanz gefunden, erzählt das, der Film hat seine Mission erfüllt, Männchen und Weibchen wenigstens in die Tanzpaarformation eingepasst – hier wird der Sozialdienst zur gegenseitigen Veranstaltung.

Wie Violet vor lauter Verzweiflung abhaut aus dem Campus und im billigen Motel 4 in Villafranca übernachtet, bringt sie eine eingepackte Billigseife mit, die nach ihrer Rückkehr großes Riechthema (aber eben: Seife und nicht Riechfläschchen!) für die Freundinnenrunde wird und zu einem Missionierungsversuch im übelst beleumdeten Doardorm führt, der auch seltsame Ausmaße annimmt. Denn Hygiene ist den Frauen nun mal wichtiger als den Männern.

Vorher gabs noch ein römisches Fest, der männlichen Studenten, das so ausgeartet ist, dass sie aus ihrem Dorm rausgeschmissen worden sind und vorerst Zuflucht in der Vorbeugungsstelle gegen Selbstmord finden.

Ein uraltes Thema von Whit Stillman in frisch-heutiger, intelligenter Elaboriertheit dargeboten mit nützlichen Inspirationen aus dem französischen Kino.

Cinema Jenin

Jenin, die palästinensische Stadt im Westjordanland, dessen Flüchtlingslager 2002 von den Israelis zu großen Teilen brutal plattgewalzt worden war, hat ein Kino an einem zentralen Platz, was 20 Jahre lang der Verrottung preisgegeben war; Tauben waren die hauptsächlichen Bewohner.

Dass das Kino 2010 wieder eröffnet werden konnte, ist das Resultat einer guten Tat, die der Filmemacher Markus Vetter selbst in Gang gesetzt, durchgesetzt, mit zu Ende gebracht und auch noch dokumentiert hat. Das ist dieser Film. Dokumentation als Aktion und Dokument derselben.

Markus Vetters Film fängt mit Bildern aus seinem vorherigen Film „Das Herz von Jenin“ an, mit dem Transport des tödlich verletzten jungen Mannes, dessen Vater als ein Versöhnungszeichen die inneren Organe seines von den Israelis getöteten Sohnes zur Transplantation für israelische Kinder gespendet hatte. Das war Ismail Khatib. Der wurde der palästinensische Koproduktionspartner für das Projekt des Wiederaufbaus des Kinos, welches weltweit immer wieder von sich reden gemacht hat.

Der Film zeigt die ersten Besprechungen, fährt auf einer ruhigen Schiene, dass man schnell glaubt, ok, das geht jetzt so weiter bis das Kino betriebsbereit ist, weil man ja weiß, dass das Projekt erfolgreich war. Besprechungen mit den Eignern, mit Behörden, mit dem Mufti, Kooperationen mit dem Auswärtigen Amt, mit Brandenburg, mit Sponsoren wie Roger Waters von „Pink Floyd“, mit dem „Freedom Theatre“ in Ramallah, dessen Leiter Giuliano nach Fertigstellung des Filmes ermordert worden ist.

Der Bau eines Gästehauses für die vielen freiwilligen Helfer, die sich aus aller Welt meldeten. Eine Buße von 27 Schekel, weil Markus Vetter bei Ismail als Gast untergebracht war und Nachbarn sich gestört fühlten. Idealistische Zähigkeit wird sichtbar.

Bis dann Ende 2008/2009 Israel Gaza bombardiert und 1400 Palästinenser getötet hat, darunter viele Kinder. Da wollte Ismail nicht mehr mitmachen. Sah keinen Sinn mehr in dem Projekt. Keine Chance auf Frieden. Frieden ist zu einer Illusion geworden. Das Projekt auf der Kippe.

Dann aber eine große Delegation aus Brandenburg, eine Ansprache des Ministerpräsidenten Platzeck. Der Moment des Gazakrieges, der spricht den Zuschauer plötzlich auf einer viel tieferen Ebene an. Stellt gleichzeitig die idealistische Haltung des Filmemachers und seiner Mitstreiter plötzlich in Frage. Was wollen diese vielen Menschen den Palästinensern helfen, die nicht mal alle ein Kino wollen? Und was sollen dort für Filme gezeigt werden? Ist die Errichtung eines solchen Kulturbaus das Richtige? Ist es richtig, dass das von auswärts initiiert wird? Das wird besonders deutlich, wie ein israelischer Filmemacher anfängt mitzutun. Die riesige Angst, die Israelis würden von Amerika aus diesen Kinobau steuern. Angst vor Kulturimperialismus.

Das untergründige Thema, des Filmes scheint mir auch der Idealismus zu sein, der Idealismus des Markus Vetter und vieler seiner Helfer, sowie helfenden Organisationen. Dem von Markus Vetter haftet durchaus etwas Schwerblütiges an. Und wie das Kino fertig ist, fühlt er sich auch nicht mehr verpflichtet, wie sich bei der Podiumsdiskussion nach dem Screening des Filmes von Giuliano anlässlich der Eröffnung zeigt.

Man spürt aber auch den Sog des Idealismus, der einen wie eine klebrige Masse umhüllt. Denn dieser Idealismus ist durchaus zwiespältig zu sehen. Es ist auf den ersten Blick eine unverdächtig gute Tat. Gleichzeitig aber muss Markus Vetter leben davon. Und will mit dem Film sowohl Geld verdienen als auch sich einen Namen machen. – Das wundert mich vielleicht am meisten, dass nie zur Debatte stand, was für Filme dort nun wirklich gezeigt werden sollen. Es gab einmal ein Gespräch mit einem Geistlichen, wo versucht worden ist, zu eruieren, was wohl gezeigt werden könne.

Der Kino als Bau ist auch eine Machtbehauptung wie eine Kirche oder ein Rathaus, der Punkt wurde nur einmal kurz gestreift, wie der Berater des Präsidenten mit den Eigentümern telefoniert, die das Gebäude verfallen liessen und plötzlich auf den Geschmack des Geldes gekommen sind, und wie der Präsidenten-Berater sie drängt, doch den Vertrag zu unterschreiben, denn der Platz sei zentral in Jenin und man könne sich an der Stelle eine Ruine nicht mehr allzu lange leisten.

Oder der Besuch beim Präsidenten des Westjordanlandes, weil versprochenes Geld nicht überwiesen worden ist. Wie der Mitarbeiter des Präsidenten die Zahlung schon wieder rausschieben will; wie die Filmemacher sagen, ohne Geld können sie nur schwer Kabel kaufen und ohne Kabel usw. und der Präsident dann dem Berater nachdrücklich nahelegt, er solle die Überweisung am nächsten Tag veranlassen.

Dann die Schlussszene, die Podiumsdiskussion mit den Machern des Eröffnungsfilmes „Arnis Kinder“ vom Freedom Theatre von Giuliano, wie sich Kino zu Waffen verhalte; denn die beiden Diskussionsteilnehmer haben ihre Waffen dabei; sie können jederzeit von israelischen Geheimdienst erschossen werden – was Giuliano während des Schnittes des Filmes denn auch passiert ist. Aber Kino und Waffen, das geht nicht zusammen.

Wohltätigkeit hin oder her. Eben war zu lesen, dass der Giulianos Nachfolger vom Freedom Theatre von den Israelis so verhaftet worden ist, so rechtlos und anwaltslos wie es vielen Palästinensern immer wieder passiert.

Den Film sollte man allerdings allein deshalb schon anschauen, weil er einen der immer noch viel zu seltenen Einblicke in das Leben der Palästinenser in besetzten Gebieten gibt.