Ein krasses, schwarz- bis verzweiflungshumoriges Loblied in 4 Kapiteln und einem Epilog auf die unausweichliche Katastrophe, auf Belgrad und Serbien.
Besungen wird, wie das Land jetzt am Erblühen ist, wie die Touristen nach Serbien und Belgrad strömen, die Investoren, wie es sich öffnet gegen Europa, wie der Beitritt zur EU nahe ist, wie Straßen- und Verkehrsverbindungen neu entstehen (bereits 22 km neue Straße gebaut!), wie das Land allüberall Anerkennung gewinnt, wie es zu einem Magneten der Zukunft wird.
In den Bildern gezeigt wird eine krasse Gegenwelt: korrupt und verlogen. Das schönste Bild zu diesem Zustand ist vielleicht die Entblätterung von den Lügen in Kapitel vier, dem Hochzeitspaar, dem dichtenden Mato und der so ehrlichen Djurdja, die ihn den Kroaten nur heiratet, weil er ein Dichter ist (im Lied wird er als Schwerenöter verspottet), wie sie, nachdem der Tross von Hochzeitsautos auf freiem Felde angehalten hat zwengs Hochzeitsfoto und Mato kurz vor dem Klicken des Fotoapparates seiner Braut einen Seitensprung beichtet, wie sich eine Verfolgungsjagd in Gang setzt unter Benutzung von Polizeifunk und Polizeiautolautsprecher – über die kann man auch Liebesgedichte sprechen!- und wie die beiden sich im vergilbenden Maisfeld wiederfinden und so nebeneinander sitzen und sich alle Lügen gestehen, alles Vorgemache, so bleibt von den beiden Figuren gerade noch so viel Glanz und Glaubwürdigkeit übrig wie von Belgrad und Serbien nach diesem Film. Hier wirkt es geradezu tragikomisch.
Tragikomisch ist schon das erste Kapitel. Stefan, Marko Janketic, ein unschuldig aussehender etwas bäuerlich wirkender Junge, soll am Flughafen eine bekannte Sängerin, Silvie Taiti, Julie Gayet, zu einem Konzert abholen. Aber mitten in der Fahrt steigt sie auf einer mehrspurigen Straße aus, stellt sich auf den begrünten Mittelstreifen und kann nur alles aus ihren Lungen rausschreien angesichts von Belgrad. Bis sie nach Stunden und total alkoholisiert endlich zu dem Konzertsaal gebracht werden kann, das ist schon eine Schinderei und der ärmste Stefan, dem wird auch noch mit Rausschmiss aus dem Job gedroht und im Saal warten Politiker, merkwürdigerweise das wichtigste Argument dafür, dass das Konzert unbedingt stattfinden muss. Silvie betritt die Bühne erst, nachdem sie Stefan das Versprechen abgerungen hat, dass er während ihres gesamten Auftrittes neben ihr stehen bleibe. Das ist tragikomisch wie Silvie einerseits grandios zur Gitarre singt, so subtil, so leidenschaftlich, so erhaben und groß zugleich, und wie der junge Fahrer neben ihr steht, gleichzeitig peinlich berührt durch die unkorrekte Situation wie innig lauschend – denn kurz zuvor hatte er von ihr den ersten Kuss erhalten. Emotionsdurcheinander der Sonderklasse.
Serbien ist groß. Belgrad ist groß. Zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es immer Gesang, „mein Herz gehört nicht länger mir, meine Jugend gab ich Dir“ und Variationen dazu, die werden von den Serben gesungen, die das Land am Laufen halten: Hotelpersonal, Straßenkehrer oder -markierer, Stewardessen, Müllabfuhr. Denn Belgrad hat sein Herz wieder geöffnet. Es hat 11,5 Prozent mehr Touristen. Das sind Werbetexte, die anfangs der Kapitel aus dem Off gesprochen werden.
Julie Gayet, die die Silvie spielt ist eine besonders ausdrucksstarke Darstellerin.
Im zweiten Kapitel stößt Anita Mancic als Domina Melita auf Jean-Marc Barr als Brian, der sich als amerikanischer Diplomat ausgibt, aber nur der Koch in der Botschaft ist; unversöhnliche Gegensätze: sie möchte um alles in der Welt ein Visum für die USA, er möchte um nichts in der Welt in jenes Land zurückkehren.
Im dritten Kapitel bringt das Verhängnis des Schicksals Nada Sargin als Jagoda aus Kroatien mit Baki Davrak als Orhan, ein in Deutschland naturalisierter Türke und Geschäftsmann, zusammen; sie wird ihn in einer echt serbischen Spelunke verführen, zum Ehebruch verführen; aufwachen wird er in ihrem Zimmer jedoch bemuttert von der Oma mit einem Säugling im Arm.
Im Epilog wird uns schließlich der Gefangenenchor mit der Fortsetzung und dem Refrain des Lobliedes auf Belgrad beglücken. Denn der EU-Beitritt eines so erfolgreich aufstrebenden Serbiens kann nicht fern sein.
Dieser filmisch unterhaltsame Kurztrip in ein cineastisch so ergiebiges und aufblühendes Land: ein heftiger Schub Kinonahrung.