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Rendezvous in Belgrad

Ein krasses, schwarz- bis verzweiflungshumoriges Loblied in 4 Kapiteln und einem Epilog auf die unausweichliche Katastrophe, auf Belgrad und Serbien.

Besungen wird, wie das Land jetzt am Erblühen ist, wie die Touristen nach Serbien und Belgrad strömen, die Investoren, wie es sich öffnet gegen Europa, wie der Beitritt zur EU nahe ist, wie Straßen- und Verkehrsverbindungen neu entstehen (bereits 22 km neue Straße gebaut!), wie das Land allüberall Anerkennung gewinnt, wie es zu einem Magneten der Zukunft wird.

In den Bildern gezeigt wird eine krasse Gegenwelt: korrupt und verlogen. Das schönste Bild zu diesem Zustand ist vielleicht die Entblätterung von den Lügen in Kapitel vier, dem Hochzeitspaar, dem dichtenden Mato und der so ehrlichen Djurdja, die ihn den Kroaten nur heiratet, weil er ein Dichter ist (im Lied wird er als Schwerenöter verspottet), wie sie, nachdem der Tross von Hochzeitsautos auf freiem Felde angehalten hat zwengs Hochzeitsfoto und Mato kurz vor dem Klicken des Fotoapparates seiner Braut einen Seitensprung beichtet, wie sich eine Verfolgungsjagd in Gang setzt unter Benutzung von Polizeifunk und Polizeiautolautsprecher – über die kann man auch Liebesgedichte sprechen!- und wie die beiden sich im vergilbenden Maisfeld wiederfinden und so nebeneinander sitzen und sich alle Lügen gestehen, alles Vorgemache, so bleibt von den beiden Figuren gerade noch so viel Glanz und Glaubwürdigkeit übrig wie von Belgrad und Serbien nach diesem Film. Hier wirkt es geradezu tragikomisch.

Tragikomisch ist schon das erste Kapitel. Stefan, Marko Janketic, ein unschuldig aussehender etwas bäuerlich wirkender Junge, soll am Flughafen eine bekannte Sängerin, Silvie Taiti, Julie Gayet, zu einem Konzert abholen. Aber mitten in der Fahrt steigt sie auf einer mehrspurigen Straße aus, stellt sich auf den begrünten Mittelstreifen und kann nur alles aus ihren Lungen rausschreien angesichts von Belgrad. Bis sie nach Stunden und total alkoholisiert endlich zu dem Konzertsaal gebracht werden kann, das ist schon eine Schinderei und der ärmste Stefan, dem wird auch noch mit Rausschmiss aus dem Job gedroht und im Saal warten Politiker, merkwürdigerweise das wichtigste Argument dafür, dass das Konzert unbedingt stattfinden muss. Silvie betritt die Bühne erst, nachdem sie Stefan das Versprechen abgerungen hat, dass er während ihres gesamten Auftrittes neben ihr stehen bleibe. Das ist tragikomisch wie Silvie einerseits grandios zur Gitarre singt, so subtil, so leidenschaftlich, so erhaben und groß zugleich, und wie der junge Fahrer neben ihr steht, gleichzeitig peinlich berührt durch die unkorrekte Situation wie innig lauschend – denn kurz zuvor hatte er von ihr den ersten Kuss erhalten. Emotionsdurcheinander der Sonderklasse.

Serbien ist groß. Belgrad ist groß. Zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es immer Gesang, „mein Herz gehört nicht länger mir, meine Jugend gab ich Dir“ und Variationen dazu, die werden von den Serben gesungen, die das Land am Laufen halten: Hotelpersonal, Straßenkehrer oder -markierer, Stewardessen, Müllabfuhr. Denn Belgrad hat sein Herz wieder geöffnet. Es hat 11,5 Prozent mehr Touristen. Das sind Werbetexte, die anfangs der Kapitel aus dem Off gesprochen werden.

Julie Gayet, die die Silvie spielt ist eine besonders ausdrucksstarke Darstellerin.

Im zweiten Kapitel stößt Anita Mancic als Domina Melita auf Jean-Marc Barr als Brian, der sich als amerikanischer Diplomat ausgibt, aber nur der Koch in der Botschaft ist; unversöhnliche Gegensätze: sie möchte um alles in der Welt ein Visum für die USA, er möchte um nichts in der Welt in jenes Land zurückkehren.

Im dritten Kapitel bringt das Verhängnis des Schicksals Nada Sargin als Jagoda aus Kroatien mit Baki Davrak als Orhan, ein in Deutschland naturalisierter Türke und Geschäftsmann, zusammen; sie wird ihn in einer echt serbischen Spelunke verführen, zum Ehebruch verführen; aufwachen wird er in ihrem Zimmer jedoch bemuttert von der Oma mit einem Säugling im Arm.

Im Epilog wird uns schließlich der Gefangenenchor mit der Fortsetzung und dem Refrain des Lobliedes auf Belgrad beglücken. Denn der EU-Beitritt eines so erfolgreich aufstrebenden Serbiens kann nicht fern sein.

Dieser filmisch unterhaltsame Kurztrip in ein cineastisch so ergiebiges und aufblühendes Land: ein heftiger Schub Kinonahrung.

Thor – Ein hammermäßiges Abenteuer

Die Polarnacht, in der Oska Jonasson, Gunnar Karlsson, Toby Genkel diesen Film nach einem Buch von Fridrik Erlingsson ausgedacht haben, muss tief und lang und alkoholerfüllt gewesen sein. So schrammt jedenfalls die Ästhetik der Figuren, der Ausstattung und der nordischen Derbheit der Aktionen zielsicher und stets am guten Geschmack vorbei. Insofern wundert es, dass der FBW diesen Film, der unnötigerweise und überflüssigerweise in 3D verkauft wird, das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen hat; vielleicht weil Deutschland an diesem ansonsten isländisch-irländischen Film beteiligt gewesen ist und sowieso, weil dieses Prädikat eine käufliche Sache ist? Struwwelpeter würde dieses Prädikat ja gewiss auch nie erhalten haben.

Solche Prädikate machen Kinderfilme suspekt. Allerdings trifft zu, dass der Film garantiert keine Zeigefingerpädagogik betreibt, und sollte ihm solche untergekommen sein, so wäre es seiner Ansicht nach bestimmt ein nicht zu verzeihender Fauxpas.

Die Story, die ist ok, beruft sich auf alten Sagenschatz. Thor ist der von König Odin vernachlässigte Sohn. Muss in einer wie in kitschigen Kleinkinderbüchern mit Zwergen, Geranien und Fachwerkhäuschen ausgestatteten Schmiede arbeiten. Ihm fliegt der Zauberhammer zu, der unbesiegbar macht.

Der König, der lieber isst als regiert und sein Land in Schwung hält, der wird auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Auch seine einstige Geliebte, Hel, eine Art Hexe der Kälte, die mit einem Fingerschnippen Menschen in Eisblöcke einfrieren kann – und nur menschliche Regungen wie Tränen können diesen Aggregats-Zustand rückgängig machen – ist hinter diesem Hammer her. Geschaffen hat den Hammer ein kleiner Wicht, der auf keinen Fall Zwerg oder dicker Elf genannt werden möchte.

Die Unterwelt wird bewacht von unförmigen Riesen, die sich zum Spaß ihre Fürze anzünden. Der Hammer selbst hat mit seinem männchenhaft belebten Stil auch ein Eigen- und gegebenenfalls ein Ratgeberleben, wenn er sich nicht fälschlicherweise in der kalten Hand von Hel befindet. Der Rest sind Machtkämpfe um diesen Hammer und eine Versöhnung der Königsfamilie dürfte sicher auch ein Ziel sein.

Die Figuren erinnern an abgeschmackten Trödlerladen- oder Souvenirkitsch aus der Sagenkiste. Nichts an Stilen passt zusammen. Konsequenz der Vermeidung guten Geschmackes. Das soll vermutlich gegen den Strom gebürstete Eigenständigkeit künstlerischer Leistungen artikulieren helfen. Irgendwas müssen sich die Macher und ihrer Förderer dabei gedacht haben. Für welches Kindes- oder Erwachsenenalter dieser Film nun speziell ansprechend sein soll, das ist mir durch seine Konsequenz des über die geschmacklichen Stränge Schlagens schleierhaft.

Lediglich der Plot, der ist so konventionell wie seriös durchgehalten. In gewissem Sinne ein ordentliche Märchen, basierend auf nordischer Sagenwelt verpackt in einer Figurenwelt, die sich kunsthistorischer Betrachtungsweise und Analyse entziehen dürfte. Nicht angepasst. Wir machen was wir wollen. Wir lassen uns nicht drein reden. Das ist doch schon wieder echt sympathisch. Und nach 85 kurzweilig-derben Minuten hat man sich irgendwie gewöhnt daran. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, auch in Geschmacksdingen.

Aber ich könnte nicht behaupten, dass das meinen Blick auf die Welt nach Verlassen des Kinos auch nur um eine minime Schneekristalldrehung verändert hätte. Ich hatte eher das Gefühl, in einen skurrilen Second- und Third-Hand-Trödlerladen abgetaucht zu sein. Die deutsche Synchronisation versucht gar nicht erst, das Geschmacksniveau zu überbieten, passt sich diesem untertänigst an, was für sie auch kein besonderes Problem gewesen sein dürfte.

Ein Film für Rollatorkämpferinnen und solche, die es werden wollen, denn dem Alter gehört die Zukunft, das lernen wir hieraus.

Im Schleudergang, Folge: Papstbesuch (TV, BR)

Da schau her! Da verirrt man sich ins Fernsehen und ist ganz überrascht, genau das zu finden, was beim Deutschen Kino praktisch generell fehlt, gar verloren gegangen zu sein scheint: ein spannender Charakter als Hauptfigur, Gisela Schneeberger als Christa Bachmeier, und eine Figurenkonstellation um sie herum, in der Konflikte direkt programmiert sind. Das Drehbuch stammt von Peter Bradatsch (Café Meineid, München 7). Die Regie führte Paul Harather (Indien).

Trotzdem. Keine leichte Sache, ein TV-ergiebiges, spannendes Münchner Biotop glaubwürdig aus dem Boden zu stampfen. Aber die Struktur der Serie ermöglicht es, diesem Ziel von Folge zu Folge näher zu kommen. Egal, ob es beim Einstieg noch ruckelt und zuckelt. Die Serienfiguren sollen allmählich Vertraute der Zuschauer werden. Und erstmal kennen diese sie und auch sie sich noch nicht. So darf es ruhig etwas distanziert losgehen. Kaltstart gewissermaßen. Allein die Besetzung der Hauptfigur mit Gisela Schneeberger als Christa Bachmeier, vorerst kaltherzige Betreiberin einer Wäscherei, mit Ambitionen zu Netzwerken seriöser Geschäftsfrauen ausgestattet und in Liebesdingen nicht gerade glanzvoll montagsversorgt, garantiert für charmant-schnippische Kontinuität. Sie wird sehr schnell als Charakter erkennbar.

Christa bezeichnet ihre Mitarbeiterin Gitti, Maria Peschek, als ihre beste Freundin; es wird aber schnell klar, dass das heißt: beste Freundin, wenn sie jemanden zum Zuhören oder Dampf ablassen braucht.

Zum kräftig männlich-bayerischen Mitarbeiter Michi, Stephan Zinner, scheint die Beziehung rein geschäftlicher Art zu sein; ihn als Objekt für Liebesfantasien in Betracht zu ziehen, dürfte für sie nicht realistisch sein; er liefert die Wäsche an die Kundinnen aus und bietet ihnen dazu, weil sein Lohn so bescheiden sei, die Thaimassage Mambomambo an („Hildegard von Bingen“, der fette Komödienwink mit dem Nudelholz). Was die ambitionierten Pläne seiner Chefin durchaus durcheinander bringen kann. Hier geht es um einen Papstbesuch. Dieser Michi ist eher ein Gebrauchsgegenstand für die Chefin. Eine Arbeitsmaschine, die nicht immer rund läuft.

Ihre amourösen Ambitionen lebt Christa jeweils montags im Hotel Gockel mit ihrem Lover Freddy aus – oder auch nicht. Gerd Anthoff spielt ihn mit nonchalant eingesetzten komödiantischen bis dezidiert „schmieren“komödiantischen Mitteln. Er ist Betreiber eines Frisörsalons, der schon Jahre von seiner Frau Gabi geschieden ist und doch nicht von ihr loskommt und sich heute noch nicht traut, zu seiner Liebe Christa öffentlich zu stehen; er hat seine Liebe Not mit dem Altern.

Mit der vorzeitigen Rückkehr der Tochter Sieglinde aus der Psychiatrie wird das Privatleben von Christa zur Unzeit zusätzlich vermint.

Was es mit der Figur Max auf sich hat, wird in der ersten Folge noch nicht recht erkennbar. Der Hausgenosse steht in feinem Morgenmantel etwas ungeschickt in der Gegend herum und findet, das sei hier ein Irrenhaus, was im ersten Moment etwas irritierend wirkt, weil so viel Irrenhaus wars dann doch nicht in dieser ersten Folge von „Im Schleudergang“.

Diese Serie dürfte gutes Entwicklungspotential haben; je mehr den Charakteren auf den Grund gegangen wird. Dass das auch genutzt wird, dürfte bei den zwei Hauptgewichten dieser gewinnend angefangenen Serie, Autor Peter Bradatsch und Darstellerin Gisela Schneeberger, garantiert sein.

Zimmer 205

Mit minimalen Trasheinschlägen versehene, fernsehgeschäftig illustrierte Erklärung zu einer seltenen, von Freud diagnostizierten Krankheit.

Fernsehgeschäftig heißt, auf ein tragendes Fundament für eine Kinospannung verzichten. Immer erst im Nachhinein erklären, dass und warum etwas passiert ist. Nie begleitet der Zuschauer die Protagonistin, ein Erstsemester-Studentin, sehenden Auges ins Unglück, in das sie offenbar wegen ihrer Krankheit, von der man auch erst nach und nach erfährt, hineinläuft. Das mindert das Zuschauervergnügen enorm.

Sie wird als ganz normale Studentin eingeführt, die von ihrem Vater begleitet ins Studentenwohnheim zieht. Wir wissen nicht, wo in aller Welt wir uns befinden. Sie trägt einen mannshohen Lampenschirm altmodischer Machart, der so direkt keine Rolle mehr spielen wird, und ein kleines Kistchen, der Vater einen etwas voluminöseren Karton. Jedenfalls viel weniger Zeugs, als wir bald schon in ihrer Bude vorfinden.

Was wir weiter lernen, dass ältere Semester männlichen Geschlechts nichts anderes zu tun haben, als die Erstsemester weiblichen Geschlechts anzubaggern, ihnen Ecstasy zu verabreichen und sie gleich vögeln zu wollen. Zwischenstufen wie Hemmungen und Zierereien unbekannt.

Die heutige Generation kommt zu Sache. Bis es so weit ist, dass unsere Protagonistin mitten im Gevögeltwerden einen Zitteranfall mit Angstträumen bekommt, haben wir noch folgende Infos erhalten: dass ihre Vormieterin urplötzlich verschwunden sei und das Zimmer seit einem Jahr leer stehe, dass man das Mädchen aber manchmal noch schreien oder weinen höre und dass unsere Protagonistin Tabletten braucht. Wer sich aber nicht auskennt, kann auf keine besondere Krankheit schließen von den vielen Tablettenpackungen, die sie in ihrem Badeschränkchen verstaut hat. Und dass ihr Ziel ist, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Was wir zwar zur Kenntnis nehmen können, was aber nicht besonders reizvoll ist, da wir praktisch keine Info zu ihrem Vorleben haben.

Erst viel später werden wir erfahren, dass ihre Mutter sich umgebracht hat und dass sie sie entdeckt hat und dass dieser Selbstmord wohl so kalkuliert war, dass die Tochter sie entdecke. Darum wohl studiert sie auch Psychologie. Dort erfahren wir vom Professor mehr über die besondere Krankheit, die zu illustrieren sich dieser Film von Rainer Matsutani (Regie) und Eckhard Vollmar (Drehbuch) vorgenommen hat.

Da die Erzählung immer hinter der Spannung her hinkt, dank nicht kinoökonomischer Infozuteilung, wirken frühe Szenen zum Beispiel in der Waschküche wie Szenen aus einem Spukfilm. „Der Spuk in der Waschküche“ könnte der Film momentweise betitelt werden.

Im Zusammenhang mit dieser Krankheit gerät die Studentin Katrin Nadolny, so heißt sie, bald schon in das Spannungsfeld des ungelösten Traumas ihrer Vormieterin und der Kommilitonen und Kommilitoninnen, die mit dieser Anika zugange gewesen sind und so einiges zu verbergen haben. Aber auch das erfährt der Zuschauer immer erst im Nachhinein, wenn es schon nicht mehr interessiert.

Auf Nebensächlichkeiten wurde viel Sorgfalt verwendet. Wie Katrin, die nicht Kati genannt werden möchte, einmal aus der Klinik kommt, wo eine Nachbarin aus dem Studentenwohnheim arbeitet, wird gerade ein Notfall mit großem Getöse eingeliefert, Vorsicht, Notfall, hören wir, der Patient wollte einen Baum beschneiden und sei von der Leiter gefallen.

Vielleicht hätte sich aber der Drehbuchautor doch mal lieber auf den Hauptkonflikt der Hauptperson konzentriert. Das wäre ein spannend durchaus zu inszenierendes und zu spielendes Handicap, eine Studentin, die von zuhause in das freie wilde Studentenleben entlassen wird und ist noch dazu ein gefährdetes Wesen. Aber wenn wir darüber nichts wissen, bleiben wir auf dem Informationsstand von Nebendarstellern. Tja, da ist ein Mann vom Baum gefallen. Möglicherweise hat der Regisseur mangels substanzieller Masse im Drehbuch den Text dazu inszeniert. So wie er Discoszenen ellenlang auswalzt, die nun weder Geschichte noch Thema vorwärts bringen.

Für so eine uninspirierte Geschichte ist ein uninspirierter Cast die passende Antwort.

Ausdrücke: Psychofotze 205, Arschloch von, Campusschlampe,

Krankheit: Vermutlich eine für den Film erdachte Phantasiekrankheit, die dem Professor Freud zugeschrieben wird.
Über diese Krankheit erfahren wir auch erst nach einigen Leichen, dass es eine Angelegenheit von Leben und Tod sei. Es handle sich dabei um ein übernatürliches, traumatisches Erlebnis. Aber sie wird dramaturgisch nicht als Suchgrösse X eingeführt, die den Zuschauer auf einen spannenden Weg mitnehmen könnte.

Der Kauf eines absolut geschmacklosen, altbackenen, roten Wollpullovers durch die Hauptdarstellerin wird hier so dargestellt: sie steht vor dem Schaufenster und schaut den Pullover an, unschlüssig, ihn zu kaufen oder nicht. Ein Bus fährt zwischen ihr und dem Zuschauer vorbei. Wie er vorbei ist, steht sie im roten Pullover da, mit dem Rücken zum Schaufenster. Damit will Matsutani vermutlich die Fähigkeit von geschmeidiger Regieeleganz andeuten. Uns hilft dies gar nichts, wenn das Buch hinten und vorne hinkt.

Der Polizist jedenfalls hat Mitleid mit unserem bemitleidenswerten Geschöpf, das mit dieser seltenen Krankheit behaftet ist, er ist sich nicht sicher, ob er sie in den Arm nehmen oder einsperren soll.

Ganz weit hinten im Film erfahren wir vom Vater Genaueres über den Tod der Mutter. Diese Info an den Anfang gesetzt hätte vielleicht Spannung erzeugen können, Fantasiearbeit des Zuschauers. So wirkt es, als beschaffe man sich aus einer Datei noch Infos für eine Krankenakte. Sorry, wir befinden uns hier im Kino und nicht in der Aktenablage eines Büros.

Wieder einer dieser vielen Deutschen Filme, wo man sich ernsthaft fragt, wie jemand auf die Idee kommen kann, solch glatte Fernsehware ohne eine funktionierende Dramaturgie ins Kino zu bringen und ob die ernsthaft mit nennenswerten Besucherzahlen rechnen.

Ganz weit hinten im Film, wo man ihn sich längst zu Ende gewünscht hat, gibts immerhin eine kleine nette Trashphase. In einer lauschigen Location, einer Art aufgelassenen Fabrik mit Brennöfen und Kaminen, sieht super aus, hier wo Katrin auf Anika und den Countdown trifft und die Polizisten-Kohorten die das Areal bevölkern, machen das immerhin in showergiebigen rhythmischen Schritten. Da kam kurz eine Idee von Inspiration auf.

Schon bei der vorhergehenden Beerdigungsszene hat durch eine inszenierte, merkwürdige Unruhe der Trauergäste ein Hauch von Regiebegeisterung aufgeleuchtet.

Dieses Drehbuch hätte einen KinoTüV, wenn es denn einen solchen gäbe, wegen gravierender dramaturgischer Mängel jedenfalls nie passiert.

Dieses Unkino haben laut Presseheft gefördert: Medienboard Berlin Brandenburg (Geschäftsführerin Kirsten Niehuus), Mitteldeutsche Medienförderung (MDM, Aufsichtsratsvorsitzender Peter Zimmermann), Filmförderanstalt (FFA, Vorstand Peter Dinges), Deutscher Filmförderfonds (DFFF, Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann).

Beautiful Creatures

In hemmungslosem Parlando breitet Richard LaGravenese die purbertären Turbulenzen von Ethan hinsichtlich Lena als Frau oder Witch auf der Leinwand aus. Wühlkistenvorlage dafür ist der Roman von Kami Garcia und Margaret Stohl. Nach einem halben Jahr ist der Gefühls- und Fantasmenaufruhr vorbei, weicht einer üblichen Anmache in der Bibliothek.

Da in so einem engen, kleinkarierten Ort wie Caitlin, South Carolina, die Fesseln der Pubertät zu sprengen schwer ist, muss die Fantasie eines jungen Mannes von guter College-Bildung schier durchdrehen, muss in wilden alptraumhaften Bildwerken die Mitstudentin, die bald auf dem College auftauchen wird, schon vorweg träumen. Der Bilderfundus des jungen Mannes dürfte seine Hauptinspiration in der Buchwerken der örtlichen Bibliothek gefunden haben. Entsprechend dunkel ist er.

Ethan ist ein rechter Zappelphilipp und Grimassenschneider. Auch Bukowsky hilft nicht viel. Ist vielleicht eine kleine Rettungsboje in der Ortschaft, deren wichtigstes Ereignis eine Schlacht im Civil War 1864 war, einer Ortschaft, deren jährliches Hauptereignis jeweils am 21. Dezember, dem Jahrestag dieser Schlacht deren Reenactment ist.

Im übrigen muss Richard LaGravenese, der auch das Drehbuch geschrieben hat, noch einiges lernen, falls er es als Regisseur zum Meister bringen will. Die Schauspieler vielleicht nicht zu sehr forcieren in ihren gelegentlichen Tiraden, die allzu gerne in feuilletonistischer Schwatzhaftigkeit dilettieren. Das setzt selbst Jeremy Irons zu, der den reichen Onkel der begehrten Lena spielt. Er ist der reichste in der ganzen Ortschaft und wie die Gemeindeversammlung gerade leichtfertig zu Gericht gehen will über die verwirrende Neuzuzüglerin, lässt er heraushängen, was hier alles den Bach runtergehen könnte, wenn er diesen oder jenen Betrieb schließen würde oder schlimmer noch, wenn er Caitlin ein Drogenrehabilitationszentrum oder ein Motel oder gar ein Asylheim stiften würde. Das wirkt. Das wäre Gift für die Provinzler. Die Familie heißt übrigens Ravenwood.

Die Kirche ist dominant, beherrschend und verhext und verpönt alles, was ihr nicht passt. Es sind schlimme Kräfte, die sich im jungen Mann rühren. Das passt der örtlichen Gesellschaft nicht. Man möchte in dieser kleinen Stadt nicht in einer Jane-Austen-Novel seine Pubertät überwinden. Den Verweis bringt Lena.

Vielleicht ist die Ortschaft einfach zu klein, um die wirren Gedanken zwischen Eros und Literatur, zwischen Freiheit und Sehnsucht nach Selbsterfüllung, zügeln zu können. Und die heraufziehende Hexerei. Im amerikanischen Original wird ausdrücklich von „Caster“ gesprochen. Aus der Bibliothek ist zu hören, dass Ideen heilig seien. Die ist gut bestückt mit Werken zum Civil War. Aber die Bibliothekarin, die peripher auch in die Liebeswirren des jungen Ethan eingreift, behauptet, sie sammle Poesie.

Die Zusammenstellung von Bildern, Szenen, Texten, die diese Gefühlsverwirrung des jungen Mannes bebildern sollen, wirkt gelegentlich etwas zufällig, beliebig, ein rechter Geschichtsfaden will sich nicht leicht einstellen. Vielleicht konnte sich der Macher nicht entscheiden, gründlich vom Roman aufs Drehbuch mit Reduktion und Bündelung zu arbeiten. Liess sich vielmehr von der Fülle von Bildern, die die Romanvorlage vermutlich enthält, verleiten, möglichst viel zu übernehmen, auf die Gefahr der Überfrachtung hin. Manchmal wirkt die Freude am Fischzug aus dem Roman fast kindisch. Oder der Film als leicht verrückte, bunte Eintagsfliege. Spaß am Gespensterleben in mystischen Ruinenversatzstücken.

Irgendwann nach langem, langem Firlefanz fällt dem Film doch ein, sich vielleicht darum zu kümmern, diesen Fluch, der die Liebe von Ethan zu Lena verunmöglicht, zu brechen. Dazu muss das Mädel aber seine Gefühle kontrollieren. Das ist nicht leicht, bei einer Angelegenheit, die von Gefühlen gesteuert ist, bei der Liebe nämlich.

Vielleicht geht’s mit diesem Film so, wie mit dem Zauberbuch im Film, dieses, so behauptet die Bibliothekarin nämlich, wähle aus, wer es lese. Zauber auch, diesmal von seiner Angebeteten, dass sie ihn im Regen stehen lassen kann, also dass es bei trockenem Wetter nur über ihm regnet und er sie bittet, would you stop raining on me. Das meint er, nachdem er Menschsein als Sich-Beschissen-Fühlen definiert hat.

Zum Meisterwerk müsste auch der Schnitt präziser ausfallen, die Szenen früher geschnitten werden oder später angefangen. Die Teigmusik gegen Ende deutet an, dass es dem Autor und Regisseur sehr schwer fiel, aufzuhören. Er hätte wohl noch unendlich viele Bonmots und kleine Witzchen, nicht mal immer geistlos, aus dem Roman unter dem Vorwand weiterer Szenen in den Film einfügen können.

Spießige amerikanischen Kleinstadt. Man kann 
hier nur zu dumm sein, sie zu verlassen oder man ist hier
 festgewachsen. Eine andere Variante gibt es nicht. Immerhin läuft im Kino „Interception“ mit Leonardo di Caprio.

Ein neues Mädchen kommt in die Schule. Provinziell wie der Geist im Ort ist, wird sie schnell als Hexe bezeichnet. Es ist Lena. Sie wohnt in einem schwer zugänglichen Haus. Für Ethan ist es ein Abenteuer, nur schon durch das Tor zu gelangen. Äußerlich ein Ruinenhaus, innerlich von großzügiger, mondäner, städtischer Eleganz – ein Fantasiegebäude.

Es geht um Liebe, Zerstörung, Tod, Bindungen zu den Eltern und zu den Freunden, Vertrauen und Verrat, Gefühle, die alle einen jungen Menschen wild durcheinanderwirbeln. Anders zu sein, das ist spannend, das ist aufregend, das behauptet Lena von sich. Aber sie darf ihn nicht lieben. Tabu der Liebe, schier unerträglich, wenn der Körper erwachsen wird.

Es gibt gar keine Liebe, sagt eine mondän kostümierte Mutterfigur beim Countdown in klassischem Ruinensetting in der Auseinandersetzung mit ihrer Tochter. Das ist nur Biologie. Wie schrecklich, einen Menschen zu gebären, der auch eine Frau ist. Verhexung der Frauen. Der Traum von der Dichterei.

Fluch und Verzauberung, Liebe, Tod, Schutz. Eine in mystischen Fantasien gefangene Welt. Und eine Predigt darüber, dass man Opfer, die man bringen muss, nicht als Verlust sehen soll, sondern als Gewinn.

Dead Man Down

Oft scheint es, als könnten die Amerikaner nicht genug kriegen von Filmen, in denen bis zum Exzess rumgeballert wird, in Action, Thriller oder wie hier in einem New Yorker Film, der von einer Gang handelt, die einer unerklärlichen Bedrohung ausgesetzt ist. Aber wenn ein Genre zu sehr strapaziert wird, kann es zum Überdruss führen und zu Langeweile. Und wenn es noch so schön gemacht ist.

So wird hier versucht, in das oft krude amerikanisch-kinematographische Gangsterkriegswesen durch Beizug europäischer Kräfte Tiefe und Differenzierung hineinzubringen, es mit europäischem Input aufzufrischen. Dafür steht beim Stab in erster Linie der Regisseur, Niels Arden Oplev, der mit „Verblendung“ einen Welterfolg gelandet hat. Die Besetzung hat den irischen Schauspieler Colin Farrell mit der männlichen Hauptrolle des Victor betraut. Diese Figur stammt aus Ungarn.

Victor wohnt in einem Hochhaus am Rande von New York. In einem Nachbarhaus in Luftlinie auf gleicher Höhe wohnt Beatrice, Noomi Rapace, die auch Europäerin ist, längst ein Weltstar; sie wohnt mit ihrer Mutter Isabelle Huppert zusammen, noch ein europäischer Weltstar, die hier allerdings mehr für die (Liebes)-Tupper-Ware zuständig ist als für die Action.

Nicht nur die Luftlinie verbindet Victor und Beatrice. Er hatte seine Frau und sein Kind bei einer Schießerei verloren. Er ist auf dem Rachetrip. Gleichzeitig ist er einer der loyalsten Gangmitglieder von Alphonse, dem Boss. Auch Beatrice hat eine ungerächte, nicht aufgearbeitete Vergangenheit; ihr Gesicht wurde bei einem Unfall brutal entstellt, eine Gesichtshälfte ist mit Narben übersät.

Zwischen Beatrice und Victor entspinnt sich nun, initiiert durch Winken über die Luftlinie und durch einen Stups, den die Mutter der Tochter gibt, mehr als nur ein Techtelmechtel; denn auch ihre Vergangenheiten sind verbunden miteinander.

Das recht verzwickte Buch hat J. H. Wyman geschrieben. Was noch verraten werden darf, es gibt viele Tote in diesem Film. Der erste wird in einem Kühlschrank tiefgefroren bei Alphonse angeliefert. Denn es gibt eine rivalisierende Gang, das sind die Albaner.

Den Schlüssel zum Countdown liefert ein kleiner, bildhübsch gegenüber der Skyline von New York an einem Abhang liegender Friedhof, in dem es eine ungarische Abteilung gibt. Europäischer Input? Falls er als solcher herauskristallisierbar ist, nicht nur die Feinnervigkeit und gelegentliche Gedankenversonnenheit von Colin Farrell tragen dazu bei (außerdem hat er noch eine Nase im Gesicht und nicht den handwerklichen Ausweis eines Schönheitschirurgen).

Niels Arden Oplev nimmt sich Zeit für den inneren Monolog der Figuren, was im Kino ein Geschenk sein kann; auch vom Buch her wird unnachgiebig die Frage gestellt, ob denn ein Mensch, ein verletzter Mensch – und sowohl Victor als auch Beatrice sind durch ihr Unglücke tief verletzte Menschen – durch Rache zum Glück kommen kann. Wohl eher nicht. Ob es denn eine Hoffnung gibt, das Unglück zu vergessen.

Der Puzzlekiller, so könnte man den gesuchten Übeltäter nennen; jedes Mal, wenn er wieder ein Mitglied der Gang von Alphonse gekillt hat, bekommt Alphonse mit nicht identifizierbarem Absender einen Ausschnitt mit dem Gesicht des Toten aus einem Foto zugesandt, auf dem die Gang als Ganzes zu sehen ist. Solche dramaturgischen Versatzstücke, die den Thriller vorwärtsbringen und spannend halten, sind aber hier nicht dick aufgetragen, sie werden beiläufig immer wieder gezeigt, um die sinnliche Stimmung, ja fast die einer skandinavisch angehauchten Schwermut, die über diesem New York und diesem Gangsterkrieg liegt, nicht zu verderben.

Wie wohltuend Liebe in einer so verrotteten, düsteren, mörderischen Stadt ist, wird dadurch recht plausibel. Eingehüllt ist diese Stimmung in einen großzügigen, variablen Musikschwall. Wobei zu fragen wäre, ob Colin Farrells Skeptizismus im Ausdruck bereits zur Allüre geworden ist. Vielleicht ein bisschen, und falls ja, kommt sie immer noch gut. Was den Film auch in ein recht sympathisches Licht rückt, ist die Bemerkung vom Mitkämpfer und Freund von Victor, von Darcy, Dominic Cooper, auch er ein eher feiner Typ, kongenial zu Farrell, der diesen auch in der Verbrecherjagd unterstützt, wenn er sagt, er komme sich vor wie Colombo oder zumindest nette kinematographische Referenz.

Kleiner Dialogausschnitt aus dem Liebesdialog. Victor erhält Plätzchen, die die Mutter von Beatrice gebacken haben soll (in einer Tupperware-Box – die er auch wieder brav retourniert, was Isabelle Huppert doch überrascht, das würden die wenigsten tun), „ich packe es zwischen den Senf und den Plastiksprengstoff“. Gegen Ende einmal stehen die Männer Victor und Darcy patschnass im Regen. Ein schönes Bild.

Der unglaubliche Burt Wonderstone

Wenn Künstler zu lange den gleichen Schuh fahren, so kann es zur Katastrophe, zur Krise, zum Rausschmiss aus dem Showtempel kommen. Ein bisschen scheint das zur Zeit auch das Problem von Hollywood zu sein. Das mit seinem Filmen so gar nichts Neues wagt. Das über ein geöltes Handwerk verfügt, vielleicht zu geölt, vielleicht ausgeleiert. Das vor lauter Geschäftsinteressen nicht mehr weiß, was es eigentlich erzählen will.

Vielleicht sogar die Inhalte Resultat rein marktwirtschaftlichen Kalküls. Magier hatten wir lange nicht. Magier in der Krise noch überhaupt nicht. Las Vegas ist mal wieder fällig. Mit allem Pipapo.

Eingeführt wird die Geschichte hoch professionell geölt, auch originell, auch sentimental verständlich. Burt allein zuhause. Er hat Geburtstag. Vielleicht zehn Jahre. Nur ein unpersönliches Schreiben von seiner Mutter liegt auf dem Tisch, wie er sein Essen zubereiten und was er noch dazu kaufen müsse. Armer Junge allein. Und ein Geschenk. Ein kleiner magischer Lehrkasten, Geheimnisse der Magie ausgeplaudert von einem berühmten Magier.

Burt teilt seine Geheimnisse mit Anthony, einem weiteren Wundertypen von Jungen, beide noch lange vor dem Stimmbruch mit hellen engelhaften Stimmen. Sie vertiefen sich in die Zauberei. Schnitt. Sie sind jetzt erwachsen. Sie schwören sich unverbrüchliches Zusammenbleiben als Magier.

10 Jahre später. Die beiden sind Starmagier in Las Vegas. Die Nummern sind die üblichen, bewährten, altbekannten. Bis vielleicht auf die Nummer mit dem Henker, dem Gehenkten. Aber Routine schleicht sich ein. Hinter den Kulissen knisterts, der eine regt sich über den Schweiss des anderen auf. Eine gewisse Nervosität breitet sich aus. Die Show brummt reduziert. Ausverkauft, das war einmal.

Das ist die Stunde des Jim Carrey als langhaariger Steve Gray. Der geht mit der Zeit. Macht seine Show nur noch fürs Internet. Dreht auf Plätzen und Straßen vor den Palazzi von Las Vegas. Vermutlich ohne Drehgenehmigung. Er hat sensationelle Nummern drauf. Scheint vor Selbstverstümmelungen nicht zurückzuschrecken.

In einer Nummer, die wir im TV zu sehen bekommen, hält er tagelang den Urin an, bis der Eindruck entsteht, sein Körper sei voll mit Urin; sensationell, ekelerregend. Live mit bekommen wir, wie ein Schaulustiger ihm so richtig eine schmieren soll. Gray geht zu Boden. Wie er wieder hochkommt hat er eine geschwollene Wange. Die schneidet er auf. Daraus zieht er eine Spielkarte, die vorher markiert worden war. Schmerzhafte Magie. Bahnbrechend. Weit über die üblichen Befreiungs- und Säbel-durch-Spind-mit-Personen-drin-Stichen hinausweisend, das Publikum elektrisierend, schockierend, frappierend, verführend.

Die etablierten Magier werden vom Direktor zur Rede gestellt. Die Eintritts-Zahlen sprechen keine gute Sprache. Es müssen Neuerungen her. Die Wonderstones sind, hm, kreativ. Ihre Antwort auf den zotteligen Gray ist die „Hot-Box“, ein Gehäuse nur aus durchsichtigem Plastik mit runden Luftlöchern drin. Hier stellen sich die beiden rein – jetzt war gerade zu lesen Tilda Swinton hätte so eine Performance am MoMa in New York gemacht. Die Box wird nun an einem Kran auf einem Platz in Las Vegas in die Höhe gezogen und schaukelt, baumelt dort zum Amüsement, der Verwunderung, der Neugier des Publikums. Die beiden Magier müssen nur aushalten.

Die Nummer in der Hotbox läuft aus dem Ruder. Anthony verliert die Nerven. Er tobt. Er bricht die Seitenwand der Box heraus. Er fällt auf den Platz. Vorher noch gab es die berühmte Nummer des Sich-Festhaltens, sich festhalten an der Hose des Hängenden, die Hose runter, dann fallen die Akteure auf den Platz. Vertraute Nummern aus der Slap-Stick-Zeit. Gut gemacht, aber so gar nicht neu.

Nach dem Abtransport durch die Sanitäter verschwindet Anthony fürs erste aus dem Film. Damit fängt die Dramaturgie an zu mäandern. Burt bleibt mit der Assistentin Nicole allein zurück. Ein Künstleraltersresidenz kommt ins Spiel und auch Grey, während Anthony plötzlich am TV als Magier für hungernde Kinder in Ostasien auftaucht. Hier hat der Film dann für einige Minuten mit mir das gemacht, was die beiden Magier nach Abschluss der Mäanderdramaturgie als Höhepunkt -Zaubernummer innovativ erfinden, nämlich das Wegzaubern des Publikums. Was hier aber als ziemlich Kartoffelackernummer erkenntlich wird. Vielleicht ein recht sinniges Bild für Hollywood? Für die Bewerbung des Films in Deutschland wurde Bully Herbig mit zwei Auftritten betraut.
Mal schauen, wie Hollywood mit solchem Wegzauber-Film das Publikum herbeizaubern will.

Ein freudiges Ereignis

Dieser Film erklärt aus sich heraus, warum er gemacht worden ist. Die Hauptperson, die wunderbare Louise Bourgoin als Barbara, setzt sich am Ende an den Computer und fängt an, einen Roman zu schreiben mit dem Titel „un événement heureux“ (ein glückliches Ereignis), der als Vorlage zu diesem Film dient. Das ist die Moral und die Entwicklung, die die Studentin der Philosophie durchmacht, die ein Liebesleben beansprucht nebst Kant, Hegel, Descartes, Heidegger, Husserl und Wittgenstein, über den sie ihre Abschlussarbeit an der Uni am Schreiben ist: dass sie sich von der grauen Theorie der Philosophie den Ungereimtheiten der Lebenspraxis zuwendet.

Fast wie eine Dokumentation präsentieren Rémi Bezancon und Vanessa Portal das sich Verlieben, die heiße Liebe, das Schwängern, die Schwangerschaft, die Geburt, das Stillen und die Veränderung in der Partnerschaft von Barbara und Nicolas, Pio Marmai. Mit dem Hauptaugenmerk auf jenen Elementen, die dem allzu gerne diesem Begriff des „freudigen Ereignisses“ innwohnend Süßlichen und dem Kitschigen entgegenwirken.

Das Spiel der Hauptakteure Barbara und Nicolas überzeugt durch seltene Harmonie, durch profunde Glaubwürdigkeit gerade auch in delikaten Szenen. Während das Buch, dem ein Roman von Eliette Abecassis zugrunde liegt, gelegentlich dem Hang zum prinzipiellen Negativblick anheim zu fallen scheint. Die Titelfigur dieses Filmes, also das freudige Ereignis, das ist Lea. Und das ist das Prinzip dieses Filmes, dass Lea vom Moment der Zeugung an, auf alles andere als auf ein freudiges Ereignis hinzudeuten scheint. Das Disharmonische wird aber voller Harmonie von Regie und Akteuren traumsicher erzählt.

Insofern hängt diesem Film etwas Biographisches an. Was wunderschön gespielt wird. Was aber vom Storytelling her als Futter nur die alleralltäglichsten Situationen um Anbandeln, Verliebtheit, Liebe, Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft hergibt. Eigentlich eine nonspezifisch-thematische Geschichte. Mehr eine These zur Mutterschaft denn eine ungewöhnliche Story.

Nicolas arbeitet in einer Videothek. Barbara ist hochgeistig mit Wittgenstein zugange und will darüber ihre Doktorarbeit schreiben. Wobei ich als kleine Minderung anmerken würde, dass die Schauspielerin offenbar mehr Interesse an der Darstellung von Schwangerschaft und Mutterschaft, denn an der einer hochkomplizierten philosophischen Person hat, da muss oft schon die Brille und einige Bücher unter den Babysachen als Hinweis ausreichen, Heidegger und Kant, Descartes. Wenn sie diesen Teil der Rolle gründlicher recherchiert hätte, wäre der Gegensatz zwischen erstem und zweitem Teil des Filmes krasser ausgefallen.

So bleibt der erste Teil hübsch fiktional, das erste Liebesgeplänkel über Filmtitel aus der Videothek, ein unterhaltsamer und cinéphiler Einfall („In the Mood for Love“, „Fessle mich und Fick mich“, „La grande Passion“, „Un Homme et une Femme“). Nico arbeitet dort und interpretiert ihre Auswahl auf seine Weise und als Aufforderung zu Aktion. Heiße Liebe und der Wunsch nach dem Kind bleiben nicht aus. Es folgt die Feststellung der Schwangerschaft, die Reaktionen sind prima subtil und nicht wie oft erwartbar hammerhaft klischeehaft gespielt. Die Geburt.

Dann steht die Welt der neuen Familie Kopf. So ein Baby hält die Eltern auf Trab. Lenkt mit Urgewalt von Wittgenstein ab. Bringt die Liebesbeziehung, die bislang unverhohlener Lust gedient hat, durcheinander. Wobei auch da sicher mehr Komik drin gelegen hätte, zu untersuchen, wie eine Philosophin mit der Lust umgeht.

Jetzt geht die Filmemacherin näher an ihre Protagonisten ran, arbeitet mit Handkamera, die sich ihren Weg im Familienchaos bahnen muss. Wenn die Schauspielerin dem Baby das erste Mal die Brust gibt und man sieht, es nuckelt daran, dann kommen einem Zweifel, wie weit man noch Zuschauer einer fiktionalen Geschichte ist oder ob man eine Dokumentation vor sich hat. Denn schon vorher hat die unglaubliche Intimität von Beziehung und deren Zeigen im Film die Frage aufgeworfen, wie weit es sich noch um einen reinen Spielfilm handeln könne. Von dem Moment ab kommt man dem Film nicht mehr aus. Da wirkt er ganz persönlich und einmalig und übersteigt dabei deutlich den Rahmen des üblich Fiktionalen.

Louise Bourgoin und Pio Marmai spielen dieses Paar grandios. Das wäre ohne die entsprechende Schauspielerführung von Rémi Besancon nicht denkbar – und auch nicht ohne die auch sicher persönliche Buchvorlage von Eliette Abecassis.

Ganz nebenbei macht Besancon noch etwas Werbung für einen anderen Film, einen entzückenden Zeichentrickfilm, den sie gemacht hat: die Giraffe Zarafa, die kommt im Kinderprogramm am Fernsehen.

Schon die Schwangerschaft ist nicht leicht. Der Ultraschall. Das Wissenwollen, welchen Geschlechtes das Kind sei. Die Atemübungen mit den anderen Schwangeren. Wie die Ernährung des Babys funktioniert. Ob es gut sei, wenn die Mama während der Schwangerschaft Ejakulat schluckt. Dann die Geburt. Die Veränderungen an der Vagina. Das Stillen. Der Stillclub. Tragetücher. Die Schlaflosigkeit. Das Nervende. Mit der Doktorarbeit nicht mehr zurecht kommen. Der größte Feind des Babies, die Schwiegermütter oder die Mütter der Mütter. Lust des Papas auszugehen mit dem Kumpan. Kein Sex. Wobei das junge Familienglück hier ganz und gar nicht rosig und süßlich gezeichnet wird, trotz eines Relaxurlaubs im Club Atlantico. Die Kompliziertheit von Kinderwägen. Es wird vor allem auf die Stresssituationen wert gelegt.

Bis schließlich die Mutter auszieht. Offenbar macht es ihr nicht zu viel aus, ihr Baby beim Vater zu lassen. Es gibt noch andere Männer. Der Arzt, der sie über die Vagina berät. Der Doktorvater, der ist aber abweisend. Es sind sowieso alles ähnliche Typen. Thematisch vielleicht auch interessant, dass sie das Kind im Bauch als Alien empfindet. Vielleicht eher ein Lehrfilm über ein kompliziertes Verhältnis zu Schwangerschaft und Mutterschaft, der aber unterhaltsam gestaltet und schön gespielt ist.
Und im Restaurant „l’étoile manquante“ (der fehlende Stern) kann man sich ja vielleicht wieder versöhnen.

Die Jagd

Thomas Vinterberg, der mit Tobias Lindholm auch das Buch geschrieben hat, führt uns hier minutiös die Entstehung und Verbreitung eines bösartigen Gerüchtes, das das Leben eines gutmütigen Mannes für immer beschädigen und verändern wird, vor.

Und dass die Gesellschaft in ihrer Brutalität und ihren schonungslosen Mechanismen, der unbändigen Gier nach Feindbildern, nichts lernt, nichts lernen wird. Was bedeutet, dass man darauf nur immer wieder aufmerksam machen kann und muss.

Mads Mikkelsen spielt diesen integren, bescheidenen, unaufdringlichen, allseits beliebten Mann, der Lucas heißt. Er lebt von seiner Frau getrennt. Seinen 14 jährigen Buben darf er alle zwei Wochen sehen. Er hat eine Arbeit als Kindergärtner gefunden. Sein Hund heißt Fanny und sein bester Freund Theo. Der wiederum ist Vater von Klara, die hat aber auch noch einen älteren, bereits pubertierenden Bruder, der gerne im Internet Pornos anschaut. Davon kriegt Klara das Bild eines erigierten männlichen Gliedes mit und sie hört, wie der Bruder und sein Kumpel vom Schwanz sprechen.

Klara geht zu Lucas in den Kindergarten. Ihre familiären Verhältnisse scheinen nicht ideal. Einmal findet Lukas Klara nach dem Kindergarten vor dem Supermarkt und bringt sie nach Hause. Klara ist verliebt in Lucas. In knappen Szenen breitet Winterberg diese Backgroundinfo vor uns auch. Auch wie Lucas mit den Kindern im Kindergarten rumtollt, wie eine neue Kollegin ihn anbaggert (bald erfolgreich übrigens), auch wie Klara sich in ihn verliebt und ihm bei einer Tollerei einen Kuss auf die Lippen drückt, wie sie ihm anonym ein Herz schenkt. Er aber weist sie aus Gründen der pädagogischen Verantwortung in ihre Schranken. Rät ihr, das Herz doch jemand anderem zu schenken, der Mutter zum Beispiel. Sie fühlt sich dadurch verletzt, gekränkt.

Auch an der harten Männergesellschaft der Ortschaft nimmt Lucas teil, sei es beim Schwimmen in kaltem Wasser, sei es bei der traditionellen Jagd. Der Patenonkel von seinem Sohn heißt Bruun, ein offensichtlich sehr vermögender Mann, der mit seiner Familie ein schlossähnliches Gebäude bewohnt. Hier trifft sich die Jagdgesellschaft. Das alles erfahren wir in der ersten Viertelstunde.

Dann kommt der erste Hammer. Weil Klara sich von Lucas zurückgesetzt fühlt, erzählt sie Grethe, der Chefin vom Kindergarten, Lucas hätte ihr den Pipimann gezeigt, der in den Himmel geragt sei. Ausgezeichnet spielt Susse Wold die erste, ungläubige Reaktion von Grethe. Wie sie spontan antwortet, Klara habe eine heiße Fantasie. Wie sie den Gedanken abwehrt.

Nun geht Vinterberg ganz genau dem Samen des Bösen, der hiermit gepflanzt ist, nach. Zeigt, wie der Verdacht, der ein ungeheurer ist, wobei Lucas so gar keinen Anhaltspunkt dazu gibt, wächst und wächst. Wie Grethe einen Fachmann hinzuzieht, der von Klara das alles nochmal hören will. Der ihr die Worte in den Mund legt. Wobei Klara hier schon ganz widersprüchlich reagiert. Mal nickt sie mit dem Kopf, mal schüttelt sie ihn, mal kann sie sich nicht erinnern und hat alles vergessen.

Oder die Übersprungshandlung von Grethe, wie sie nachdem das Gerücht in die Welt gesetzt worden ist, Lucas ausweicht, der sie zur Rede stellen will, wie sie sich auf das Gelände des Kindergartens begibt, um Spielzeug einzusammeln (wann haben wir zuletzt in einem deutschen Film eine Übersprungshandlung als menschliche Reaktion gesehen?).

Die Lawine an Feindbildern und Vorverurteilungen ist bald nicht mehr aufzuhalten. Lucas wird festgenommen. Jetzt hat er nur noch den Patenonkel seine Sohnes auf seiner Seite.

Endlich gibt es jedoch einen Beweis zu seiner Entlastung und Entlassung. Alle Kinder, die plötzlich von ihm missbraucht worden sein wollen in seinem Keller, schildern genau in übereinstimmenden Details diesen Raum. Wie die Polizei das kontrollieren will, muss sie feststellen, ein Keller existiert in dem Haus von Lucas gar nicht.

Der Versuch der Rückkehr in die Normalität beweist, dass so ein Gerücht, was einem einmal angeheftet worden ist, kaum mehr loszukriegen ist.

Dieser Film besticht durch sein ganz genaues Hinsehen auf nur allzu menschliche, offenbar latent vorhandene Mechanismen und wie sie mit einem einzigen Satz eines Kindes machtvoll und kaum mehr zu bremsen aus heiterem Himmel sich in Gang setzen können und ihren verhängnisvollen Lauf nehmen. Und wie einer, der einmal Opfer solcher Verdächtigungen war, diesen Makel wohl kaum mehr abstreifen kann.

Die große Qualität dieses Filmes ist die, dass Vinterberg nicht einzelne Menschen als Böse charakterisiert. Es sind alles Menschen, wie sie in jeder Jagdgesellschaft, in jeder Dorfgemeinschaft, in jeder Saufgemeinschaft vorkommen. Keiner ist richtig böse. Die meisten sind anständig und bewältigen ihr Leben ohne allzu großes Nachdenken. Aber es scheint da einen leicht mobilisierbaren Mechanismus zu geben, den Feindbildmechanismus, der offenbar einer unwiderstehlichen Sehnsucht nach einem Kampf mit dem Bösen entspringt, der die Menschen zu brutal unmenschlichen Taten verleiten kann – wider jeden Verstand, wider jede Logik, wider jede Erfahrung.

Überzeugend dargestellt, wie ein allseits beliebter Mensch von einem Tag auf den anderen mit einem Image des Unmenschen behaftet und gemobbt wird, das bringt Vinterberg faszinierend und eindrücklich auf die Leinwand. Es geht hier um einen in einer sich für anständig haltenden Gesellschaft latent vorhandenen und offenbar leicht abrufbaren Irrationalismus. Nichts anderes, als was der Film über Hannah Arendt auch gezeigt hat. Dort sogar im intellektuellen Milieu angesiedelt. Oder aktuell das miese Mobbing von Katja Riemann, weil sie von einem unbedarften, schlecht vorbereiteten Showmaster ohne Rücksicht auf ihre Befindlichkeit förmlich überfahren wurde. Aber auch dieses scheint nur eine erbärmliche Jagdgesellschaft zu sein. Der Film spielt, bis auf ein kurzes Nachspiel ein Jahr später, ab November über die Adventszeit (ja, ja, da warten die Christen auf die Ankunft des unschuldigen Knäbleins) bis zu „Juleaften“, Weihnachten.

Es geht um einen nonaggressiven, friedlichen Menschen, der sich schlecht wehren kann, erst recht nicht gegen Vorverurteilungen, die leicht in Lynchjustiz ausarten können.

Mitternachtskinder

Salman Rushdie der britisch-indische Dichter besingt in diesem dichten, vielschichtigen Epos als die Erzählerfigur Saleem sich als den arm geborenen, durch Babytausch reich aufgewachsenen urindischen Visionär, dessen wahrer Reichtum aber seine Visionen von Indien und von einem gerechten Leben sind. Die Regie in diesem verzwickten sowohl indisch-fühligen als auch indisch-klarsichtigen Werk hat Deepa Mehta geführt. Das Drehbuch hat Salman Rushdie geschrieben und er spricht auch das Voice-Over zu seiner ersten Alter-Ego-Figur, Saleem Sinai.

Der Visionär als telepathiebegabter Autist von den Fährnissen von Schicksal und Krieg, von Liebe und Gerechtigkeitssinn umgetrieben, mal reich, mal zerlumpt. Immer aber die Mitternachtskinder im Kopf, immer in Auseinandersetzung mit ihnen; das sind in seiner Vorstellung jene über 1000 Kinder, die am 15. August 1947, Clock null Uhr null in Indien das Licht der Welt erblickt haben, just in dem Moment, als die bisherige britische Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlassen wurde.

Rational-revolutionär-mystisch und am Schluss doch pragmatisch, behaglich zufrieden. Zwischen Fabulieren und die geschichtlichen Entwicklungen besorgt miteinbeziehend. Sein wichtigstes Mitternachtskind, was ihm immer wieder erscheint ist der reich geborene, arm beim Musiker aufgewachsene (die Mutter verstarb im Kindbett) Shiva (der Name des Gottes der Zerstörung). Parvati ist einige Sekunden nach Mitternacht geboren, dadurch mehr Hexe und mit gewaltigen Kräften ausgestattet: sie kann in einem leeren Korb spielend leicht einen ganzen Menschen, den sie vorher unsichtbar gemacht hat, über eine Grenze schmuggeln und die Zöllner können sich ein Loch in den Korb starren.

Die Mitternachtskinder sind in diesem patriotisch-politischen Traum von einem besseren Indien die Visionäre, die Stimmen hören können, es sind aber auch die Einsamen, bis autistisch Einsamen; es sind die Alter Egos des Dichters, die ihn durch sein Klagelied führen an wichtige politischen Stationen Indiens ab der Unabhängigkeit mit einem Vorspiel 30 Jahre von diesem Tag zurück. Denn jede Geschichte wurzelt in einer anderen Geschichte.

Tief im Kolonialismus, 1917, fängt der Film an in Kaschmir. Das war noch Teil Indiens damals. Der Großvater von Saleem ist ein englischer Arzt. Er sieht sich mit den indischen Sitten konfrontiert und hat eine überaus große Nase. Er heißt Dr. Aziz. Er wird zu einem Provinzherrscher gerufen und soll dessen erwachsene Tochter untersuchen. Ein filmisch dankbar-undankbarer Vorgang, indem nämlich zwei Angestellte ein großes Tuch vor die Tochter halten mit nur einem kleinen Durchblick. Vor den hält die Tochter den zu untersuchenden Körperteil. Und durch dieses Loch soll der Arzt die vorgeblich schmerzenden Körperteile anschauen, abtasten, untersuchen. Nach mehreren solchen Visiten läuft die Fantasie des ledigen Doktor Aziz schon heiß mit der Person hinter dem Tuch. Endlich hat sie auch mal Kopfweh…

Die Heirat ist nur noch eine Frage von wenigen Filmschnitten. Thats the juicy part of the story, heißt es an einer Stelle. Und es stört wenig, dass die Schauspieler relativ „dezidiert“ spielen.

Dieser Ehe ist eine Tochter entsprungen. Diese Tochter wiederum zieht, volljährig, mit ihrem Mann 1947 nach Bombay. Dort kaufen sie die Villa von Mr. Methwold. Dieser ist der letzte Vertreter Englands vor der Unabhängigkeit. Dies alles jetzt sehr verkürzt zusammengezogen unter Verzicht auf die ausladenden Schilderungen des Lebens in der Kolonialzeit in Agra, auch von aufkommenden Unruhen, der Forderung nach Gerechtigkeit und Ausgleich zwischen Reich und Arm.

In der Villa in Bombay spielt immer ein Paar von leicht abgerissenen Musikern, „Wee Willi Winkie“ mit dem Akkordeon gegen einen Obulus. Das Schicksal oder das raffinierte Kalkül des Autors will es, dass just um Mitternacht im Moment der Unabhängigkeit sowohl die Herrin des Hauses als auch die Frau des Musikers in derselben Klinik ein Kind gebären. Und dass die Hebamme Mary ein bisschen ein politisch denkender Mensch ist dank ihrem Freund, einem Revolutionär, der ihren bescheidenen Geist mit den richtigen Ideen füttert. Etwas juckt Mary in dem Moment wie sie die beiden frischgeborenen Mitternachtskinder allein vor sich hat, die Namensbändchen der beiden auszutauschen. Ein politischer Akt. Aus Arm mach Reich. Aus Reich mach Arm.

Der Arme soll reich, der Reiche arm aufwachsen. Spiel mit der Gerechtigkeit. Lohn oder Hohn des Schicksals. Spiel mit dem Schicksal. Dieses Geheimnis wird Mary noch Jahrzehnte lang für sich behalten. Aber es treibt sie um. Kurz nach der Geburt bewirbt sie sich als Kindermädchen bei den Reichen. So kann sie die Entwicklung der beiden vertauschten Kinder beobachten. Denn die Musiker mit ihrem Kind sind auf die Spenden der Reichen angewiesen, sind in ihrer Nähe.

Bei einem Unfall stellen die Ärzte fest, dass der Bub der Reichen eine Blutgruppe hat, die nicht von seinen vorgeblich leiblichen Eltern stammen kann. So wird er nach Rawalpindi in Pakistan zu Verwandten verschickt. Zu reichen Verwandten versteht sich. Zu Tante Emerald. Der Bub ist zehn Jahre alt. Das ist 1957. Er wird Zeuge eines Staatsstreiches, in dessen Gefolge Kaschmir sich als islamische Republik Pakistan von Indien abspaltet. Die Folge sind kriegerische Auseinandersetzungen. 1964 trifft er seine vermeintlichen Eltern wieder in Karachi. Durch eine Verletzung verbringt er 6 Jahre im Koma.

1971 finden wir ihn in Ost-Pakistan, Kriegsfeld, das ist jetzt Bangladesh. Da zieht man besser etwas Landesübliches an. Der Onkel, General Zufira, hat eine Niederlage erlitten. Es sind, das ist das Traurige, Kriege unter Freunden. Das bedauert der Dichter. Rückkehr nach Indien in einem leeren Korb als Unsichtbarer.

Pressezensur und Notstand in Indien. Dagegen wird eine schöne Hochzeitszeremonie gesetzt. Das ist am 12. Juni 1975. Die Farben werden jetzt sehr direktes Rot und Grün und gefühlsheiß. Indira Gandhi verlor die Wahlen. Damit konnten von den 1000 Mitternachtskindern die 420, die noch lebten, wieder in die Sonne und in die Freiheit blinzeln.

Shiva aber hat den Krieg verlottert, zerlumpt nur überlebt, sein Haar ist lang wie das auf Jesus-Bildern. Und wie es eine gute Geschichte will, kommen die Figuren auch wieder zusammen. Der Sachverhalt wird aufgeklärt.

Des Dichters Wort zum Schluss ist in einer Stimmung zwischen traurig und hoffnungsvoll. Auch wenn die großen Träume weit davon entfernt sind, erfüllt worden zu sein, dass das Leben weit weniger rühmlich war, aber dass er es überstanden hat. Dass es acts of love gegeben habe. Und dafür hat der Zuschauer zum Schluss eine schöne Musiknummer verdient.