Archiv der Kategorie: Review

That Evening Sun (Filmfest München)

Hier meint es einer ernst mit dem Thema, dass alte Leute nicht gegen ihren Willen und nur der Bequemlichkeit der Jungen halber ins Altenheim bugsiert gehören. Wenn dieser Alte dann noch ein knorriger Amerikaner ist, der den Drang nach Selbstjustiz mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlt, so ist bei seinem Ausbruch aus dem Altenheim und der Rückkehr ins inzwischen vom egoistischen Sohn fremdvermietete Haus für jede Menge Zündstoff gesorgt.

Je suis heureux que ma mère soit vivante (Filmfest München)

Wie es in der Literatur das Sachbuch gibt, so könnte man bei diesem Film von einem Sachfilm sprechen, der sachlich versucht, ein Thema ordentlich auszubreiten, zu behandeln und zu beleuchten. Es geht um Adoption. Ein Junge, Thomas, der noch einen jüngeren Bruder hat, wird mit diesem von einer überforderten, alleinerziehenden Mutter zur Adoption frei gegeben. Wie er halbwüchsig ist möchte er endlich wissen, wer seine leibliche Mutter ist, macht sie ausfindig und entwickelt ein problematisches Verhältnis zu ihr, das mit einer unkontrollierten Handlung und vor Gericht endet. Der Preis für diese Sachlichkeit ist allerdings der, dass es schwer fällt, Empathie für die Figuren zu entwickeln, denn die Dialoge sind nach Gesichtspunkten der Sachlichkeit geschrieben. Die Figuren agieren zugunsten des Themas und nicht um unsere Sympathie zu gewinnen. Doch der „Fall“ beschäftigt einen über den Kinosaal hinaus – vielleicht, weil so vieles offen bleibt.

Amelia

Abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen, dann, irgendwann, abstürzen. Verschollen auf Nimmerwiedersehen. Doch die deutsche Synchronstimme lispelt munter weiter in der Ich-Person.

Anknüpfen mit seinem Interesse möchte man da, wo Amelia, dargestellt von Hilary Swank, erzählt, dass ihr Vater Alkoholiker war. Hier flasht in Relation ihrer Worte zu ihrem Gesicht abgrundtiefe Spannung. Von da aus liesse sich vielleicht der (dramaturgische) Bogen spannen, eine Begründung finden für den unzähmbaren Pioniergeist.

Stattdesssen I: ein Mädchen steht in einem Kornfeld, träumerisch versonnen einem Propellerflugzeug nachschauend – das haben schon viele Mädchen getan, kaum je ist daraus eine Flugpionierin geworden.

Stattdessen II: abfliegen, landen, abfliegen, landen, abfliegen, landen. Dazwischen Meer von oben, Berge von oben, Savanne von oben, Giraffen von oben, Wolken, Wolken und Menschen, die das landende Flugzeuge begrüssen, einige Takes von Richard Gere, der immer noch fotogen ist, und dann wieder Abflüge. Eine Erdumrundung dreht sich gezwungenermassen im Kreis.

Für einen Film über eine bemerkenswerte Frauengestalt ist es leider undankbar, wenn diese nullkommaplötzlich aus dem Äther und damit aus der Weltgeschichte verschwindet. Dieses Handicap wird nicht dadurch aufgewogen, dass von Anfang an immer wieder auf diesen letzten Flug vorausgeblendet wird.

Biopic begriffen als schlichtes, nachzeichnendes Kinderbilderbuch. Für die gebildete Klientel zu wenig: für die Massen kaum attraktiv genug. Die Möglichkeiten des Kinos nur an der vermeintlich leicht handhabbaren Äusserlichkeit und Oberfläche genutzt.

Mammoth

Die Globalisierung durch die Vergrösserung des Kinos gesehen, oder: so schön kann Globalisierungskritik sein.

Die Globalisierung ist ein Mammut, auf englisch Mammoth. Da steckt auch die moth, die Motte drin. Auch die Melone am Obststand hört sich an wie Mammoth, Interpretation offen.

Die Globalisierung spiegelt sich im Kleinen, im Detail. Einmal ist es ein 3000 Euro teurer Kugelschreiber, den die thailändische Gespielin unseres Protagonisten aus Not praktisch für nichts verscherbelt.

Nicht der Suspense zählt hier, es sind präzise einzelne Punkturen im grossen globalen Zusammenhang, die den Reiz dieses immer ungewöhnlichen, immer hochfahrenden Gemäldes ausmachen.

Es geht nicht um realistische Rollendarstellung. Die punktgenaue Besetzung ist unwichtig. Dem Protagonisten würde man so den erfolgreichen Geschäftsmann, der im Business-Jet um die Welt düst, nicht abnehmen. Egal. Wichtig ist der Zusammenhang. Dass seine Frau auch arbeitet, als Unfallchirurgin, für sie reicht aus, dass sie bildhübsch ist und dass sie wie ihr Mann quicklebendig spielt. Wichtig ist hier, dass die beiden ein philippinisches Kindermädchen beschäftigen müssen, so vom Ungleichgewicht der globalisierten Welt, in der sie ein Rad mitdrehen, profitierend.

Das Kindermädchen wiederum braucht den Job, um ihre Familie in den Philippinen zu ernähren.

Ein Bub des Kindermädchens gerät derweil in kindsmissbrauchende Ausländerkreise, die so das Wohlstandsgefälle ausbeuten.

Der Geschäftsmann leistet sich in Thailand eine Gespielin. Auch diese macht das nur wegen ihrem eigenen Kind.

Die Frau des Geschäftsmannes versucht in der Unfallchirurgie einem schwerverletzen, fremden Jungen zu helfen.

Der Traum wäre doch der, wie es der Film am Ende zeigt, dass die Familie, will heissen: jede Familie – ohne Kindermädchen – glücklich vereint wäre, wie die Heilige Familie von Raffaelo Santi, ganz ohne die perversen Folgen der Globalisierung und überdrehter Geschäftsaktivitäten.

My Name is Khan

Für den selbstgerechten, mit dem amerikanischen Kino sozialisierten, christlichen Europäer dürfte an diesem Film, der nicht ein Film über das Asperger-Syndrom ist, sondern dieses als Vehikel für ein Werben für Toleranz und eine vorurteilsfreie Welt einsetzt, das überraschendste sein, dass es ein Inder ist, der diese Message mit großer Leichtigkeit fast wie ein Mural Painting schnell und noch dazu musikalisch-indisch beschwingt amerikanischer als die Amerikaner selbst hinpinselt und vor allem, dass die Botschaft von einem Muslim und nicht von einem Christen stammt.

The Messenger

Ein Film für all jene, die noch an die Mär von der Notwendigkeit von Krieg und von „Gefallenen“ glauben. Ein Film, der sich nicht traut, den zynischen Gesamtzusammenhang von skrupelloser Machtpolitik einerseits und der fahrlässigen Inkaufnahme frühzeitiger individueller Tode andererseits konsequent klargeistig aufleuchten zu lassen, sondern der im Glitsch menschentümelnder Anrührigkeiten ausrutscht.

Diamantenhochzeit

Was wollen uns die Macher dieses Werkes erzählen? Was wollen sie uns mit auf den Weg geben?

Dass es Humor sei, wenn man trotzdem lacht, deutscher … Humor nämlich?

Dass es das selbstverständlichste von der Welt sei, wenn der Sohn ausgeflippter Eltern, Mutter mit Ostasientrip, Vater verwahrloster Tüftler, und weil das noch nicht einträglich genug ist, noch dazu mit illegalen Diamantenlieferungen beschäftigt, dass der Sohn aus solchem Hause nämlich das reinste Milchbubisöhnchen wie aus bestem bürgerlichem Milieu sei und wie gemacht für die Werbung von Zahnpasta und Deo und mit der langweiligen Stimme eines Versicherungsvertreters? Ich meine, wer das glaubt, der wird möglicherweise einen Zugang zum Humor dieses Filmes finden.

Mein Eindruck war allerdings eher der, dass es meinem Humor ähnlich erging, wie jenen beiden Hochzeitsfiguren auf der Hochzeitstorte, die ständig umkippten und die die Mutter  ständig aufzustellen versuchte, running Gag, der wohl den Film erklären sollte.

10 Minuten vor Schluss, da habe ich dann doch gelacht. Da kam ein Gag, der was mit Verhaltenspsychologie oder mit Verhaltsenforschung zu tun haben könnte (vorher waren die Gags vor allem von der Art, dass die Figuren recht blöd sind und ungefähr kaputt machen, was kaputt zu machen ist, dusselig halt, angefangen mit dem Autospiegel, was man hierzulande unter Slapstick versteht). Wie nämlich die schwäbischen Schwiegereltern der Braut, biedere Geschäftsleute, die nicht mal schwäbisch sprechen, den Gauner im Kofferraum ihres Autos entdecken und wie sie darauf reagieren. Da dachte ich, aha, da schraubt sich screwballmässig was hoch.

Es folgt dann noch ein kurzes Zombiemoment, wenn das Obergauner- und schwule Liebespaar, der Dicke und der schon halbwegs erschossene Schwerenöter, dieser mit Torte im Gesicht, seinen Fettsack unfreiwillig erschiesst.

Die Frage ist, ob es sich dafür lohnt, vorher über eine Stunde lang einem Film zuzuschauen, der es mit grosser Gründlichkeit vermeidet, die gewiss konfliktträchtige Ausgangs-Familien-Situation wie oben geschildert erst mal ernst zu nehmen und nämlich glaubwürdig darzustellen (falls das überhaupt möglich ist und es sich nicht einfach um ein Studentenulkprodukt handelt) und diese dadurch gezielt zum Aufbau einer Kinospannung zu nutzen. Statt dessen wird sie billig dazu verwendet, sie unlustig, unoriginell und oberflächlich auszuschlachten.

Tandoori Love

Was war das jetzt? War es der bieder/unbiedere Versuch eine „postmoderne Naivität“ zu postulieren unter gleichzeitiger Wahrung helvetischer Weltoffenheit und eines ebensolchen Internationalismus in den Schranken der Folklore?

Ist es vielleicht der bewusste oder unbewusste Versuch, ein grummelndes Unbehagen am Filmproduktionsland Schweiz zu artikulieren?

Ist es der Versuch zu zeigen, was man alles könnte, wenn man denn nur richtig könnte?

Man könnte ein tolles Ballett indisch verkleidet im Supermarkt inszenieren, weil wir ja gehört haben, dass es in Indien Musikfilme gibt.

Man könnte indische Gerichte werbewirksam ins Bild setzen, auch wenn es sich um die Berner Wirtschaft zum Hirschen handelt.

Man könnte mit Stefanie Glaser aus den Herbstzeitlosen einen oberverrückten Auto-Stunt mit massiv überhöhter Geschwindigkeit bei der Anfahrt zum Hirschen hinlegen und sie anschliessend mit ihrem Stock auf dem Unfallopfer herumstochern lassen.

Man könnte versuchen, die Darstellerin einer Schweizerin auf Schweizer Dialekt nachzusynchronisieren.

Man könnte versuchen, eine Zollszene zu inszenieren, nur um zu erzählen, dass indische Filmproduzenten mit nichts als Filmrollen und Bargeld in ihren Koffern um die Welt düsen.

Man könnte eine Messerstecherei in der Küche des Hirschen inszenieren, weil der indische Produzent den verliebten indischen Koch zurück haben will.

Kurz, man könnte dies und das und jenes, und Liebesgeschichte sowieso, wenn man denn könnte und wenn es darum ginge, zu erzählen, dass Film ausschauen kann wie ein überladener Souvernirladen mit einem kunterbunten Angebot an Bildern zum Thema „indische Filmcrew bringt Liebes- und Kochverhältnisse in Berner Wirtschaft zum Hirschen durcheinander“ … wenn man denn so richtig könnte.

Vertraute Fremde – Quartier Lointain

Der Ton macht die Musik, und wie der Schaffner den Protagonisten dieses filmischen Annäherungsversuches an ein Künstlertum mit einem „Monsieur“, dem man das Grinsen in den Mundwinkeln und das leichte Amüsement in der Stimme nur minimalsurrealistisch zudeuten darf, anmacherisch anspricht, dürfte der Schlüssel zu dieser nicht ganz Eins-zu-Eins zu nehmenden Rückbesinnung eines erfolgreichen Comic-Zeichners auf seine Ursprünge sein.