Archiv der Kategorie: Review

Angele und Tony (Filmfest München)

Sozialfallkino aus der Bretagne; das Meer und das ruhige Fischerleben dort sind schön und geben was fürs Bild her. Auch die Femme déplacée, die nirgendwo hin passt, wer weiss, vielleicht am wenigsten in den Körper einer Frau, das wird aber nicht thematisiert, entspricht durchaus einem Begriff von Schönheit mit ihrem manchmal kindlich-kindischen, meist verschlossenen, oft sogar bösen Gesichtsausdruck. Sie heisst im Film Angèle, alles andere als engelhaft, sie war im Gefängnis, ihr Sohn Yohan lebt bei den Grosseltern; schwer vorstellbar, dass dieser biedere Schreiner und dessen bodenständige Frau, die Eltern/Schwiegereltern von so einer deplazierten Frau sein können. Sie ist eine Sexnudel, gibt Kontaktanzeigen auf, auch das ziemlich unwahrscheinlich in dem kleinen, übersichtlichen Fischerdorf und sucht die Typen fürs Sexdate.

Mit einer Blinddate-Fickszene, der Ficker hält sie um den Bauch hoch, drückt sie an die Wand fängt der Film an. Dann kommt das Blinddate mit Tony. Er ist ein Fischersohn, hat einen Bruder, der Ryan heisst. Der Vater der beiden ist neulich nicht vom Meer zurückgekehrt, liegt tot auf dem Meeresboden. Ryan möchte die Leiche heb en. Aus dem Blinddate mit Tony wird nicht der schnelle Fick, bei dem rundlichen, ruhigen Gemütsmenschen Tony und dieser Frau auch schwer vorstellbar. Immerhin bekommt sie einen Job bei Tonys Mutter, kann beim Fischverkauf helfen, bekommt ein Zimmer. Tony zieht dafür aufs Schiff zum Schlafen, sie integriert sich in das Alltagsleben der Familie und macht auch beim Girlandenblumenherstellen für das geplante Fischerfest mit.

Sie hat einen Bewährungshelfer und möchte das Sorgerecht für ihren Sohn und dem Helfer mit dem goldenen Ohrring erzählt sie, sie würde den Tony heiraten. Bis dahin muss es aber noch viele Bilder von Alltagssituationen aus dem Fischerdorf geben, meist im schnellatmigen Fernsehrhythmus geschnitten, vom Fischen und in der Schreinerei, Girlandenvorbereitungen fürs Fest, Theaterprobe, Fischerproteste, Besprechungen beim Bewährungshelfer und wieder Annäherungsversuche zwischen Tony und Angèle, wobei der Prozess des Verliebens nicht so richtig nachvollziehbar ist, Bergung eines Verletzten im Hafen, Fischverkauf, Kochen, und immer wieder radelt die Femme deplacée unruhig durch die dann doch nicht näher identifizierbare Ortschaft oder hat wieder einen Gerichtstermin, wird einmal beim Diebstahl von Unterwäsche erwischt.. bis dann schliesslich die Hochzeit kommt und das glückliche Bild von der Mutter im Hochzeitskleid mit dem Buben im Arm, das Meer dahinter und die Frage, ob die Krabben zwicken.

Alles in allem eher ein Kino von einer gewissen Fersnehprofessionalität, die Autorin Alix Delaporte erzählt uns sicher, dass sie von dieser Darstellerin angetan ist, aber nicht, was sie an ihr so fasziniert, das scheint mir vielleicht das Hauptmanko, dass der Film auch nicht von der Entwicklung eines Grundkonfliktes dramatische Spannung bezieht, sondern dass vielmehr die Mühe des Drehbuchschreibens absehbar ist, was könnte ich jetzt für eine Szene erfinden, was für verwahrloste Alltagsszenen um mehr von der Geschichte bekannt zu geben. Also nicht der innere Konflikt treibt die Sache weiter, sondern statt dessen der Zwang, unter dem die Autorin sich zu setzen scheint, immer neue Alltagsszenen erfinden zu müssen, statt sie aus Beobachtungen, Analyse und Reflektion heraus zu entwickeln.

Ein sicher nicht allzu bedeutender Film, aber mit gutem Einsatz und Sympathie gemacht.

Der Junge mit dem Fahrrad (Filmfest München)

Die Gebrüder Dardenne erzählen uns die Geschichte vom Jungen Cyril Catoul, dessen Vater verschuldet war und der, weil er die Miete nicht mehr bezahlen konnte, einfach verschwunden ist und der zu allem Übel auch noch das Fahrrad  des Jungen verkauft hat. Eine Mutter war nicht vorhanden. So ist also dem Jungen alles genommen. Er wird in ein Heim gesteckt. Das bekommt ihm nicht. Er weiss sich zu helfen.

Sie erzählen die Geschichte von Cyril nicht mehr ganz so subjetkiv wie fürhere Geschichten, bei denen die Kamera so nah an ihrem Proagonisten war, sie erzählen sie diesmal mit etwas mehr Distanz, modellhaft würde ich sagen ohne realistischen Wahrhaftigkeisanspruch und eben auch nicht als epischen Anrührgeschichte, sie spekulieren nicht auf das soziale Mitleid.

Sie erzählen nüchtern, was mit einem Jungen, dem alles genommen wird, passieren kann in einer Gesellschaft, die wie die unsere strukturiert ist, mit Erziehungsheimen, die ihrem Anspruch nicht genügen können.

Mit den ersten Einstellungen wird gleich die Charakterisierung von Cyril mit einem ungwöhnlichen Mittel erbracht, der Vaterverlust, resp. der Drang, diesen wett zu machen, halten Cyril ständig so auf Draht und in Bewegung, dass die Kamera grösste Mühe hat, ihn einzufangen. Es ist fast wie die Jagd nach einem Karnikel. Das zeigt schönstens, welche Kräfte ein Vaterverlust in einem Elfjährigen mobilisieren kann.

Cyril möchte mit einer Urgewalt Vater und Fahrrad zurück, da ist er nicht zu bremsen wie eine Rakete, die gezündet worden ist. Denn sonst hat er nichts. Das ist sein Einziges.So kennt er denn keine Ermüdungserscheinungen, kein Hindernis kann ihn abhalten. Er stürmt zum Haus, wo die Wohnung war. Der Portier gibt Bescheid, dass der Vater ausgezogen sei. Lässt ihn nicht ins Haus. Der Junge ist nicht verlegen. Klingelt bei einem Arzt. Er sei vom Fahrrad gefallen. Schon ist er im Lift nach oben. Ein früherer Nachbar will ihn wegscheuchen. Ein anderer kümmert sich um ihn.

Durch die Suche nach dem Fahrrad, von dem der Junge noch ehrlich glaubt, es sei geklaut worden, weil er dem Vater nicht zutraut, dass er es verkauft habe, stösst er auf eine kinderlose Inhaberin eines Frisör-Salons. Die macht er spontan zu seiner Pflegemutter. Und die akzeptiert. Das wird ihn später noch verwundern, warum sie ihn genommen habe. Da dürfte auch eine menschliche Sehnsucht mitgespielt haben.

Die Frisöse wird gespielt von Cécile de France, sie ist so glatt wie eine Friseuse nursein kann, ohne erkennbares Sehnsuchtsleben, denn Frisuren haben Perfektion und Glück zu suggerieren, da passen menschliche Sehnsüchte nicht ins Bild.

Mit Hilfe der Frisöse findet er auch den Vater. Der ist dabei ein Restaurant für seine neue Freundin zu renovieren. Von der Verschlossenheit Cyrils her, die wunderbar konsequent durchgezogen wird, würde man auf einen Brutalo von Vater schliessen, ein Junge, der so getrieben ist, muss Schreckliches erlebt haben, dachte ich mir, aber der Vater schien eher ein weicher Typ, ein musischer Mensch sogar, der einfach wirtschaftlich und menschlich  überfordert war und der den Jungen durchaus mag. Ich denke auch, den Dardenne-Brüdern geht es nicht um psychosoziale Akkuratesse.

Cyril bleibt also bei Samantha, der Frisöse. Einen etwa gleichaltrigen Fahrraddieb lässt er seine Kraft und Schnelligkeit und seinen Biss spüren. Das haben einige ältere Burschen beobachtet.

Der Diebstahl des Fahrrades wiederholt sich durch den gleichen Buben. In einem nahen Wäldchen stellt Cyril ihn. Diesmal spricht ihn einer der Älteren Jungs, die das wieder beobachtet haben an und macht ihm Komplimente für sein kämpferisches Geschick. Der Junge nennt sich Wesker und versucht das Vertrauen von Cyril zu gewinnen, die Frisöse warnt ihn vor dem Dealer. Aber er kann den Verlockungen, auch denen von einem Mann ernst genommen und gemocht zu werden, nicht wiederstehen und lässt sich auf eine kriminelle Tat vorbereiten.

Das führt zu einem Konflikt mit der Frisöse. Sie möchte nicht dass Cyril diesen schlechten Umgang pflegt, so ganz leicht wird dieses Thema, gestreift. Cyril bricht bei Samantha, die ihn schon einsperren will, aus, fühlt sich von Wesker viel mehr angezogen. Und begeht die Tat perfekt, Ausraubung eines Mannes und unerwarteter Weise kommt noch dessen Sohn hinzu, auch den schlägt er nieder. Dann hat er allerdings das Pech, das niemand was mit dem Bündel an Scheinen, die er dafür erhält, anfangen kann. Sein Vater will das nicht. So lässt er das Geld liegen.

Die Sache fliegt dann auf. Es kommt zu einer Verhandlung mit Behörden. Samantha steht zu Cyril. Sie übernimmt in Raten die Zahlung des Schadens begleichen. Cyril will sich jetzt auch mit dem Brillenträger Mourad, den Cyril für den besseren Freund hält, anfreunden. Aber dann schlägt nochmal die Vergangenheit zu; eines seiner Opfer erwischt ihn an der Tankstelle, wo er Holzkohlen für den netten Grillabend mit Samantha, Mourad und dessen Mutter holen sollte, verfolgt ihn ins Wäldchen, treibt ihn auf einen Baum. Cyril fällt runter. Das Opfer von früher und dessen Vater glauben schon, er sei tot und beraten, wie sie ihre Täterschaft, der Opferjunge hatte mit einem Stein auf Cyril auf dem Baum geschossen, vertuschen können. Aber nochmal läuft die Geschichte gut ab und die Dardenne-Brüder können einen heftigen Beethoven auf die Tonspur hauen.

Der Film entlässt einen voller Gedanken aus dem Kino, die noch lange im Hirn herumtanzen. Ich weiss nicht, ob es ein Kino gibt, das näher am Puls der Zeit ist und doch so distanziert,  von der Kinotechnik her aber wieder so nah, davon erzählen kann.

Durch das Modellhafte dürfte den Dardennes folgendes gelingen: dass man eben nicht die Individuen,  die im Filme schlecht handeln,  für böse, misslungene, missratene, unkultivierte Indivuen hält, überhaupt nicht, man sieht sie durch die Dardennsche Erzählweise viel eher als Prototypen, die man überall in seiner Umgebung definieren kann und die sie auf ihre Grundeinsamkeit befragen, die ihre Handlungen bestimmen  und sie nicht mit individuellen Marotten zu markieren versuchen.. Das dürfte das Geheimnis dieses Kinos sein. Und ich glaube, damit habe ich überhaupt nichts ausgeplaudert.

 

 

Dad – Oca (Filmfest München)

Eine Fotoelegie, wie es anfänglich scheint über eine zarte Vater-Sohn-Beziehung, von einem Vater, der seiner Familie den Rücken zugekehrt hat und dem der Sohn oft auch lästig war, der ihn aber jetzt, da der Sohn bei der Mutter lebt, offenbar regelmässig besucht und der Vater fängt an den Sohn zu lieben und zu mögen. Ein vereinnahmender Film von Vlado Skafar.

Die Bande entwickelt sich über viele Gesprächspausen, über ruhiges nur Nebeneinandersitzen beim Fischen, aber wenn der Cigaretten-Rauch des Vaters stört, dann steht der Bub, eine früher Teen, auf.

Ganz behutsam und langsam nur nähert sich die Kamera, die eine schöne Wald-See-Gegend fast pointillistisch oder wie die impressionistischen Maler aufnimmt, beobacht ihren Gegenstand erst aus gebührender Distanz, um ihr Objekt, die kostbare zu entwickelnde Vater-Sohn-Beziehung, wie ein respektvoller Dokumentarist, ja nicht aufzuschrecken oder zu verstören oder negativ zu beeinflussen.

Geräusche gibt es anfangs so gut wie keine. Man glaubt sich erst in einem Stummfilm. Bis dann ganz leise mal ein Vogel zu hören ist. Vater und Sohn sind an einem See am Fischen. Dann sitzen sie erst wortlos nebeneinander. Der Sohn ist ein wunderbarer Wuschelkopf, blond, könnte genauso gut ein Mädchen sein. Es ist Sonntag. Der Tag, wo Gott zu ruhen pflegte, der Tag für das Nachdenken, für die Besinnung auf die menschlichen Beziehungen, auf die Condition Humaine, was sie wertvoll macht, das wird dann im Abspann in dem englischen Song deutlich you never learn just to love an be loved in return.

Bis dahin vergehen wunderbare 70 Minuten. Das erste Thema über das Vater und Sohn sprechen ist das Holz. Der Vater fragt den Sohn, woran er denke, er meint, an Holz. Vater verlangt Präzisierung. Dann stört der Cigarettenrauch. Mit Themensprüngen entwickelt sich das Gespräch vom Horoskop über das Auge und das Gehirn, die bags, Beutel seien, in denen Dinge gesammelt werden und die dann weitergegeben werden, Geschichte also, ein Bild für Geschichte, dieser Faden wird später fortgeführt mit der Frage, was der Bub werden möchte, er meint Lehrer, und zwar weil die nicht gekündigt werden können und weil Geschichte ihn interessiere, worauf der Vater entgegnet, er sei wohl eher vom Geschichtslehrer angetan und das sei der Grund.

Das Vorbild. Das Ideal, wonach zu streben ist. Vorher aber haben sie sich über das Alphabet unterhalten, der Bub hat ein eigenes Alphabet erfunden, Papa meint, der eine Buchstabe sehe aus wie Titten, Bub meint, Brüste, Vater, aber nur eine.Dann sitzen sie am Feuer. Bub malt die Wangen des Vaters mit verkohltem Holz an. Wolken. Papa fängt an zu träumen.

Vater und Sohn spannen einen dünnen Faden über den Beziehungspunkt Fantasie und Träume.
Dann ist Papa zuhause am Kochen und Aufdecken. Der Sohn zeigt ihm ein Video, wie er am Elektroklavier pour Elise spielt. Papa fragt, ob das sein Zimmer sei. Man spricht kurz über die Mama. Mama hat das gefilmt.

Der Bub ist bei einem Pferd.

Das Gespräch zwischen Vater und Sohn geht in freier Natur weiter. Der Bub erzählt, wie er nach den Ferien sich gefreut habe, die Schulkameraden wieder zu sehen. Dass er auch mit solchen gesprochen habe, mit denen er sich sonst nicht unterhält. Und über Veränderungen wird geredet. Darauf erzählt der Vater von einem Kameraden, der sich sehr verändert habe.

Auf dem Feld überholt sie ein Mann in weissem Hemd. Sie unterhalten sich kurz über ihn. Der Bub geht zu ihm hin, fragt, was los sei. Der sei von seiner Freundin nicht erhört worden. Der Bub meint, der würde besser zu einem Fussballmatch gehen, weder hier zu verzweifeln.

Der Vater erzählt von einem Kameraden, der ertrunken sei; sie sind jetzt im Gras, wo ehemals ein Kanal war,. Sie liegen im Gras. Schneiden Grimassen. Nah beieinander. Innerer Monolog. Vater macht sich bewusst, dass er seinen Sohn liebt. Sie sprechen hier über den Beruf. Und auch über Angst. Der Bub hatte Angst wegen seinem Herz. Wegen einer Diagnose. Und wie die Mutter ins Spital musste. Es geht dann auch darum, seine Gefühle zu zeigen. Über Tränen, die nicht zu kontrollieren sind. Sie spielen Fake-Fussball, bis Vater erschöpft ins Gras fällt. Sie liegen nebeneinander. Atmen. Beim gegenseitigen Betrachten findet der innere Monolog statt. Der Bub erinnert sich an die Familie, wie sie nocht intakt war. An einen Vulkanstein, den der Vater von den Azoren mitgebracht hat und den der Bub aufbewahrt und darin seinen Vater sieht.

Der Film ist kommt ohne jedes künstliche Geräusche aus,nur Natur und Text. Bis eben am Schluss der englische Song von der Liebe und dann noch etwas slowenisches auf der Gitarre begleitet zum Abspann.

Es ist Montag. Aufstand von Arbeitern, denen die Entlassung droht. Eine Frau am Lautsprecher, man sieht sie nicht, sie müsse ihr Kind ernähren und könne das alles nicht finanzieren, die Schule, die Bildung. Ein kurzer Monolog eines schier zahnlosen älteren Mannes, der auch zwei Kinder ernähren muss und nicht kann,. Die Frau spricht von 750 Euro, die ihr reichen müssen und schimpft über die Spiitzenverdiener, die Millionen einstecken.

Der Vater sitzt in einem einfachen Strasssencfé mit anderen Männern, erzählt von der Arbeitslosigkeit, der drohenden, und dass er noch einen Nachtwächterjob habe. Dann erzählt er davon, wie er sich dort die Zeit vertreibt, wie er den Bäumen auf dem Areal die Namen von Päpsten gibt oder von Literaten wie Tolstoj. Und dass er in jedem Menschen, der vorbeigehe, einen potentiellen Dieb sehe.

Kasimir und Karoline (Filmfest München)

Wenn ich Stücke von Ödön von Horvath auf der Bühne gesehen habe, war ich immer beeindruckt von der Menschlichkeit der Figuren. Die waren nie nur krass bös oder krass gut. Sie strahlten dieses Typische von Ödön von Horvaths Figuren aus. Kleine Menchen mit grossen Problemen.

Wer mit dieser Erwartung in den Film von Ben von Gafenstein geht, der wird enttäuscht werden. Hier hat ein Filmteam versucht, während des laufenden Betriebes des Oktoberfestes ein auf einem Horvath-Stück beruhendes Drehbuch umzusetzen. Die Geschichte ist, kurz umrissen dir, Kasimir und Karoline lieben sich. Das zeigt die erste Szene, die eine undefinierte Bettszene ist, ein Mann und eine Frau küssen und streicheln sich und regen sich im Bett. Man weiss gleich von Anfang nicht, worum es jetzt präzise gehen wird. Als nächstes erfahren wir, dass sie in einem Wohnblock wohnen. Horvathsch kleines Milieu, denken. Das was aber die Ausgangsposition für den auf dem Oktoberfest eskalierenden Konflikt ist, dass Kasimir nämlich seinen Job und auch sein Auto verloren hat, das lässt die Dramaturgie erst später und tröpfchenweise als Info in kleinen Gespräche einfliessen. Dass Karoline auf die Wiesen will, das ist schnell klar, dass Kasimir nicht, das auch. Aber dann läuft er ihr doch nach.

In der nächsten Phase des Filmes gibt es dann durchaus Momente, wo mir ein Horvathsches Handlungsskelett erkennbar wird, so verkürzt und verbogen etwa wie die Glasknochen von Michel Petrucchiani im gleichnamigen Film, der auch auf dem Münchner Filmfest gezeigt wird, nämlich wenn die beiden sich getrennt haben, sich aber verabredet haben und in der Zwischenzeit an andere Leute geraten sind und wie sie dann doch immer wieder aneinander denken und versuchen sich zu erreichen, wie Kasimir ihr noch zehn Minuten gibt. Da taucht für mich kurz Horvathscher Geist und Spannung auf.

Dann gibt es aber das Gegenprogramm, das sind Figuren, die nun nichts gemein haben mit den Horvath-Figuren, wie ich sie gesehen habe in sorgfältigen Bühneninszenierungen. Da ist zum einen der Freund Merkel von Kasimir, der nur negativ, nur hart ist. Dann der Musikmanger, den Max Tidof spielt, auch ihm fehlt die menschliche Differenzierung, oder man könnte sagen, die Differenz zu einer Horvath-Figur. Diese Figuren tendieren dann in Richtung Knallcharge, oder wie bei Merkel der dann samt Buch auf das Niveau eines simplen Fernsehkrimis abrutscht, wie es zur Schlägerei anlässlich des Diebstahles von Navis kommt. Das ist nur noch plump und dürfte nicht mit dem Etikett Horvath hausieren.

Vielleicht haben sich die Macher dieses Filmes selbst ein Ei gelegt, indem sie unter echten Oktoberfestbedingungen drehen wollten; dadurch merkt man ihnen zwar ab und an den Spass an, der sie ansteckt, da aber auch noch die ganzen Stimmungsmitschnitte dazu kommen, die Macher ausserdem ein grosses Rhythmusproblem mit dem Bogen der Handlung haben, verschwindet, vielleicht auch wegen unsorgfältiger Figurvorbereitung, das Horvathsche Element fast gänzlich, geht im Trubel unter. Da wären Studiobedingungen vielleicht ratsamer gewesen.

Atmen (Filmfest München)

Das traumatische Erlebnis für Roman Kogler dürfte das gewesen sein, dass seine alleinerziehende und überforderte Mutter ihn eines nachts, weil er weinte, mit einem Kopfkissen zu ersticken versuchte, und wie er sich nicht mehr bewegte und sie erst glaubt er sei tot, hat sie mit Wiederbelebungsversuchen begonnen und ihn umgehend in eine Heim gegeben. Seither hat er nie mehr Kontakt zu ihr gehabt.

Mit 14 wurde er des Totschlages an Martin Stappeck zu acht Jahren Jugendknast verurteilt. Er ist verhaltensgstört und introvertiert, mithin schwer zugänglich und unberechenbar, dass es ihn an keiner Lehrstelle lange hält, weil seine plötzlichen Wutausbrüche für seine Umgebung unerträglich sind.

Es wird schnell klar, wir haben es mit einem hoffnungslosen Fall zu tun. Aber da die Hoffnung zuletzt stirbt und wir sind ausserdem in Wien mit diesem gewissen Hang zum Schmäh und Schabernack, zu Morbidität und Todj. Der Tod dürfte auf einen Todschläger eine besondere Anziehung ausüben. So bewirbt er sich beim städtischen Bestattungsdienst und wird dort tatsächlich auch auf Probe genommen.

Vor Leichen zeigt er keine Abscheu, sondern eher Faszination. Es gibt anfangs ein, zwei brenzlige Situationen, in denen zu befürchten ist, dass er die Kontrolle über sich verliert, aber sie werden gemeistert. Und wie der Bestatteralltags anfänglich geschildert wird, wenn man noch die leicht jazzige Musik dazu berücksichtigt, so entsteht schon der Eindruck, ein Wiener macht sich einen Schmäh aus der Bestatterei und dem ganzen Drum und Dran,.

Das bekommt dem Film durchaus, nimmt ihm aber auch einen gewissen Ernst, bewahrt ihn andererseits vor dem Abgleiten in den Sozialkitsch. Die Entwicklung, die Roman macht, wie aus ihm plötzlich ein braver, junger Mann durchschimmtert, das geschieht allerdings eher theroretisch, als systematisch cinematographisch durchdacht.

Der Hauptmangel für eine überzeugende Kinoqualität des Filmes scheint mir darin zu liegen, dass zuwenig auf den inneren Konflikt von Roman als treibender Kraft für die Dramaturgie geschaut worden ist.

Der Film ist sehr langsam und bedächtig. Nur alle paar Minuten streut er wieder eine neue Info rein. Bis wir überhaupt wissen, was mit dem Jugen los ist. Knast, das sehen wir schon bald. Dass er in einem Lehrbetrieb wieder nicht funktioniert, hat auch. Auch lernen wir die minutiöse Ganzkkörperkontrolle bei der Rückkehr in die Jugendstrafanstalt kennen. Über die Gespräche mit seinem Betreuer kommen ein paar Informationen rein, obwohl der doch eher gestresst scheint.

Dann die ersten Touren mit den Bestattern. Auch das wird langsam angegangen. Wie er erst nur dabei ist. Wie er dann erst mal einen Rolltisch an seinen Platz zurückstellen soll. Wie er dann das erste Mal bei einem Sarg mit anfasst. Die ersten Leichen. Aus dem Kühlfach, in der Pathologie, tote Frau im Wohnzimmer, da hilft er bereits beim Waschen und Ankleiden, das tut er sehr sensibel, dann die Leiche Christine Kogler. Das berührt ihn innerlich. Es könnte seine Mutter sein. Aber ein Anruf bei ihr, er hat die Adresse vom Helfer, bestätigt, dass es sie nicht ist. Dann der Tote beim Verkehrsunfall, eine Beinahauseinandersetzung mit einem Polizisten.

Es ist ein extensives Movie. Es gibt eine Szene früh im Film, wie er die Leichenwannen desinfiziert, da ist ein Vogel im Raum, den lässt er ins Freie fliegen, ein poetischer Moment, schöne Symboli, die sicher auch die Hoffnung der Filmemacher ausdrückt.

Dann sucht er seine Mutter auf. Er geht mit ihr Matratzen kaufen. Sie treffen bei IKEA den Bewährungshelfer mit seinem Töchterchen, er scheint auch von der Mutter des Kindes getrennt zu leben, das ist alles wunderbar durchdacht als Beispiel, ein Exemplum, ein Vorzeigefall, der hier mit filmischen Mitteln demonstriert wird.

Dann trifft er im Zug ein englischsprechendes Girlie. Die verleitet ihn zum Biertrinken. Da entsteht kurz der Eindruck, der sei doch sonst nie in einem Zug gefahren mit Getränkeservice und Abteilwagen. Dann der Alkoholtest in der Anstalt, das Wohlwollen des Wärter, der ihn nicht verpfeift am Vorabend zum Urlaub.

Ich glaube, ich weiss jetzt was mich stört an diesem Film: er will zeigen, dass auch für solche Menschen Hoffnung besteht, das entfremdet ihn aber dem Kino, dem Kinodenken, der Kinoweltsicht. Mir scheint das natürlich positiv zu bewertende Engagement für die Outcasts in dieser Gesellschaft auf Kosten der genauen Beobachtung der Menschen zu gehen. Mit der Szene, dasss er später das Grab seines Opfers aufsucht, dass er extra auf dem Amt die Grabstelle sich geben lässt, ob das nicht ein bisschen zu sozialromantisch gedacht ist?

Zwischendrin gibt es wieder immer Szenen vom Schwimmbassin der Strafanstalt. Wozu die gut sind, ist nicht klar. Eine ist sehr ymbolbeladen, wenn nicht gar gutmenschenkitschig gedacht: wie Roman auf den Boden des Bassins schwimmt und bleibt und bleibt und bleibt; die Unterwasserkamera sieht die Beine von einem halben Dutzend anderer junger Männer, irgendwann sind die wohl beunruhigt und sie lassen sich ganz ins Wasser fallen. Aber da taucht Roman schon wieder auf. Schöne Szene, aber irgendwie überhaupt nicht schlüssig. Das Haupthandicap des Filmes dürfte sein, dass er „gut gemeint“ ist. Das ist leider immer das Aus des Kinos am Film und verdonnert ihn dann ins Fernsehen.

Oder man müsste dem Buch vorwerfen, es sei zu oberflächlich und zu leichtsinnig geschrieben worden, ja, ja, das kriegen wir schon hin, wir zeigen ein paar signifikante Stationen und erst muss der Junge ein bisschen verschlossen sein, dann brauchen wir zwei drei bedrohliche Situationen, dann natürlich eine Palette von Bestattungsinstitutssituationen, das ist auch schnell gemacht, hat aber leider mit den inneren Konflikten von Roman wenig zu tun. Das Buch hat es auch unterlassen, Roman so einzuführen, dass man Empathie für ihn empfinden kann; es ist eine äusserliche Verschlossenheit, die er spielt und die alles andere als konsequent durchgehalten wird; denn so schnell wie hier, so schnell wandelt sich ein abgrundtief verletzter Mensch nie, nie, nie.

Auch ist die soziale Situation im Knast recht oberflächlich dargstellt. Im Grunde ist sie hier so, gerade auch wegen der Schwimmbassinszenen, die nicht wenige sind, als handle es sich um eine Art Hochsicherheitshotel, ohne dass die Gäste Hierarchien und Machtsysteme untereinander oder mit den Wärtern hätten. Das wirkt im Kino leider sofort lasch. Insofern ist auch die Figur, die hier entworfen wird, entsprechend unpräzise vom Buch her geschrieben, verschlossen für einen geschädigten Menschen ist eben nur der Ausdruck der tiefen inneren Verletzung, und wie die wurmt und wuselt und tut, das wäre die Voraussetzung, um einen spannenden Film zu machen.

Hier geht ein netter Schauspieler und sehr bemüht durch die verschiedenen Situationen der Rolle hindurch, lässt sich dabei ablichten und schaut in einigen Szenen sehr überzeugend aus, dann aber bald wieder nicht so; das liegt aber wie gesagt am Buch, das sich nicht um die Konflikte des Protagonisten kümmert, das glaubt es hat bereits alles kapiert, wenn es den Jungen als verschlossen beschreibt. Er wird dann zwar genügend Höflichkeitskomplimente ernten, wie gut er das mache, weil man die Bemühung und eben auch ungute Stellen sieht, aber keiner wird sagen, hej, da musst du hingehen, das ist unglaublich, ich glaube, ich habe da was übe solche gestrauchelten Menschen kapiert.

Der moralisch korrekte Bürger wird diesen Film, weil er ebenmoralisch korrekt ist, Grundaussage: die Jugendstrafanstalten taugen was, gut finden. Aber ob sie den Film freiwillig im Kino anschauen, das steht auf einem anderen Blatt.

Sennentuntschi (Filmfest München)

Was feiert hier Urständ? Ist es der Schweizer Freigeist, der unbeugsame Wille zu Eigenheit und Sich-Nichts-Sagen-Lassen, so wie Roger Corman es in Amerika praktizierte? Oder ist es gerade das sich Aufgeilen am grossen Hollywood-Blockbusterkino und der Versuch ihm mit schweizerischen Maßstäben nachzueifern? Ist es pure Lust am Kino und auch eine unglaubliche Sorglosigkeit, was die Geschichte betrifft? Hat sich dieser unbändige Kinowille, der aus diesem Film spricht, möglicherweise gelegentlich auf die falschen Dinge konzentriert oder steckt eher eine etwas unausgegorene Idee dahinter, was grosses Kino in der Schweiz leisten könne?

Eines kann mit Bestimmtheit gesagt werden: der Film ist auffällig. Aufällig vielleicht auch in der Diskrepanz, was er formal will und inhaltlich letztlich bietet: eine gewisses Kuddelmuddel an Genres und an Geschichte traut er sich dann doch zuwenig.

Die Vorlage ist eine Alpensage von zwei Sennen, die den Sommer ohne Frau auf der Alp verbringen und sich aus diesem Grund eine Puppe aus Stroh basteln zum Zwecke der sexuellen Befriedigung. Die Puppe entwickelt jedoch Eigenleben und rächt sich grauenhaft an den sie missbrauchenden Sennen. Das wäre der Stoff für eine grosse Kinogeschichte. Man denke an Brokeback Mountain, wie grandios sich Ang Lee für die Einsamkeit der beiden Cowboys interessiert hat und welchen Welterfolg er daraus gemacht hat. Das war grosses Kino.

Offenbar wollte Michael Steiner, so heisst der Regisseur, dann doch nicht eine so grosse Geschichte oder er traute ihr nicht. Mit zwei Ko-Autoren schrieb er die Sage um, nahm ihr den grössten Reiz, den der Lebendigwerdung des Tuntschi, und platzierte sie in den Niederungen katholischen Aberglaubens. Die Tuntschi ist jetzt eine Abkömmlingin eines katholischen Priesters und geistert ausserhalb der Gesellschaft als verwildertes Wesen, das von vielen als Dämon betrachtet wird, durch die Talschaft. Die Kirche setzt daraufhin ihre Teufelsaustreibmechanismen in Gang. Das ist eine ziemlich verbrauchte Geschichte. Schade. Und wird noch klamaukiger durch die Besetzungen, zum Beispiel den Senn Erwin, der ist mehr ein Grobian, ein Säufer, ein Witzereisser, ein Stammtischbruder, dem müssen schon am ersten Tag auf der Alp alle Kühe abhanden gekommen, denn es ist nie eine Kuh zu sehen. Aber Realismus wurde auch nicht angestrebt.

Steiner scheint unter grossem Kino zu verstehen: viele Darsteller, viele Komparsen, grosser Aufwand am Set, bombastische Musik (allein die Vertonung des Abspanns könnte als eigenes Konzert durchgehen, aber wir wollten doch einen Film sehen), viele Locations, viele verwickelte Handlungsstränge, drei verschiedene Zeitebenen und ein fröhlicher, sorgloser Genremix.

Auffällig im positiven Sinne ist allerdings die Kamera. Hinter ihr steht Pascal Walder und in den Momenten der schönsten Bilder, nämlich der Alpenpanoramen (da braucht das Wort grosses Kino nicht in Gänsefüsschen gesetzt werden), verdient er durchaus den Titel eines Ferdinand Hodler des Schweizer Kinos.

Kommentar: Simsalabim auf der Klamottenalm mit Einsprengseln von hektischem Trash.

Porfirio (Filmfest MÜnchen)

Für diesen Film von Alejandro Landes sollte man Festivallaune, Schaulust und viel Zeit mitbringen. Dann wird man reich belohnt.

Alejandro Landes hatte in der Zeitung von einem merkwürdigen Flugzeugentführungsversuch in Kolumbien gelesen. Ein beingelähmter Mann und inkontinent hatte auf einem Inlandflug aus einem entlegenen Teil Kolumbiens in die Hauptstadt Bogota versucht, das Flugzeug in seine Gewalt zu bringen. Er hatte zwei Handgranaten in seinen Windeln in die Kabine schmuggeln können. Damit wollte er auf seine verzweifetle Lage aufmerksam machen, denn der Staat liess ihm nicht die Unterstützung zukommen, die ihm nach Schuss-Verletzungen aus einer Polizeiwaffe zustand und die zu seiner Lähmung und Inkontinenz geführt hatten.

Was hat Alejandro Landes nun gemacht? Er hat einige Monate nach der Tat Kontakt zu Porfirio aufgenommen. Porfirio ist der Hauptakteur dieses Entführungsfalles und auch des Filmes. Wie es dem Regisseur nun gelungen ist, diesen Film zu machen, mit dem anfänglich sehr verschlossenen Porfirio, das dürfte sein Geheimnis sein. Jedenfalls hat er mit Porfirio, das ist der Hauptteil des Filmes, die Vorbereitungen zur Entführung minutiös nachgezeichnet.

Kein Geheimnis ist auch, dass er ein reines Kunst- und Schauwerk geschaffen hat. Wieder einer jener Filme, die heute offenbar am hartnäckigsten die Nahtstelle von Leben und Kunst, von Fiktion und Dokumentation suchen. Hier ist ein Mensch mit äusserster Bewegungsbehinderung in seinem vollen Leben zu sehen. Ohne Scham wird der Zuschauer Zeuge intimster Momente, die jedoch nie privatistisch-peinlich werden, selbst wenn Porfirio nackt in seinem Rollstuhl sitzt und sein Sohn ihn wäscht und ein Stück Kacke auf den Boden fällt, es ist reine Kunst, reine Erzählung. Das ist schon Kunst.

Der ganze Film kommt mir auch vor, wie eine Ballettstunde: ein langes, langes Warmup, das geht mit solcher Behinderung ganz langsam, und dann ganz am Schluss gibt’s als Höhepunkt ein paar Sprünge, oder wie hier: eine Flugzeugentführung. Vorher aber müssen geduldig alle Muskeln aufgewärmt werden. Sein Sohn Lissing ist ihm dabei behilflich. Und nicht zu vergessen, die exakte Planung und Vorbereitung der Entführung.

I Am Slave (Filmfest München)

Ein eindrücklich, rührend-anrührender Appellativfilm, der auf die moderne Form von Sklaverei mit afrikanischen Dienstmädchen speziell in London aufmerksam machen will. Allein in der britischen Hauptstadt sollen 5000 junge Afrikanerinnen ein modernes Sklavinnendasein fristen, so wie Malia, die Hauptperson dieses Filmes von Jeremy Brock (Buch), Gabriel Range (Regie), Robbie Ryan (grandiose Kamera).

Bei Unruhen in ihrem Heimatland ist Malia verschleppt und auf einer Art Sklaven-Markt in Khartoum an feine Londoner Pinkels verschachert worden. Mit denen verliess sie offenbar vollkomen legal das Land, wurde nach London gebracht. Dort nahm ihr die Lady gleich den Pass ab, mit dem Hausherrn durfte sie nicht sprechen, sowieso zu niemandem in London oder ausserhalb Kontakt aufnehmen. Sie hatte den Haushalt zu machen, dabei kam sie aus dem selbstbewussten Stamm der Nubier aus adligem Geschlecht, war dort eine Prinzessin, die auch prima Englisch gelernt hatte; aber der Schock dieses Schicksals hatte ihr erst mal die Sprache verschlagen.

Der Film berichtet eindrücklich von ihren Alpträumen und wie sie langsam Fluchtfantsien entwickelt, die sie schliesslich mit Hilfe von mitfühlenden Menschen auch umsetzen kann.

Was die Intensität dieses Dramas erhöht, ist die Bildgestaltung, die in den aufregendsten Momenten an Goya erinnert, zum Beispiel, wie sie mit ihrer Herrin in Khartoum sich in einem Geschäft befindet und durch das Fenster ihren Vater bei der Müllabfuhr arbeiten sieht, sich ihm aber nicht bemerkbar machen kann, und wie sie ruft und schreit und dabei von Sicherheitsleuten überwältigt wird.

Ein aufregendes Filmgemälde, was einen nicht kalt lassen kann.

Schlafkrankheit

Afrika ist für die Westler, genauer: für die Europäer, nach wie vor ein harter Brocken. Das belegt auch der Film von Ulrich Köhler. Und nicht nur muss der Weiße aufpassen, dass er sich am Schwarzen Kontinent nicht übernimmt, auch vor Nilfpferden sollte er sich tunlichst in Acht nehmen.

Mit diesen einleitenden Sätzen habe ich nicht nur versucht, die Quintessenz aus dem Film zu formulieren, sondern auch die mich faszinierende Haltung, die Ulrich Köhler mit seinem Afrika-Film an den Tag legt, zu treffen. Das ist mir jedoch erst im letzten Bild schlagartig bewusst geworden und hat den Film in ein für einen Afrika-Film ziemlich ungewöhnliches Licht getaucht.

Es geht darin um zwei Phasen im Leben von Ebbo Velten, einem europäischen Arzt, der gleichermaßen gut deutsch und französisch spricht, und der sich seit 20 Jahren in verschiedenen afrikanischen Ländern einem Schlafkrankheitsprojekt widmet. Seine Frau lebt zu Anfang des Filmes noch bei ihm.

Die erste dieser Phasen im Film schildert einen Besuch der Tochter, die in Deutschland studiert. Dann fliegen Mutter und Tochter zurück nach Europa. Für seine Frau gab das Leben in Afrika wenig mehr Inhalt her. Ab hier ist Ebbo Velten allein.

Die zweite Phas des Filmes setzt drei Jahre später ein. Sie handelt davon, dass eine schwarze Bettgenossin von Velten hochschwanger ist und vor einer schweren Geburt steht. Zweitens bekommt Velten Besuch eines von der WHO abgeordneten schwarzen Arztes, der Franzose ist, Dr. Nzila. Der soll einen Bericht über die Verwendung der Gelder, die seit Jahren in Dr. Veltens Schlafkrankheitsprojekt gesteckt werden, anfertigen. Damit wird dem Film ein dramaturgtisches Spannungselement beigefügt.

In der ersten Phase werden ausgiebig die Verhältnisse in Afrika geschildert, so rückständig, wie wir sie in Europa gerne sehen; das ist nicht in jedem Moment spannungserzeugend, aber es erweckt einen realistischen Eindruck, resp. bestätigt unser voreingenommenes Bild der Rückständigkeit des Kontinents.

Der Film fängt an mit einem Blick aus dem Fond eines Autos auf einer nächtliche Straße mit nach hinten sausenden Mittelstreifen und Lastern auf der Gegenfahrbahn. Eine umständliche Straßen-Sperre der Polizei unterbricht die Fahrt. Dabei ist zu erfahren, dass es die Veltens sind, die dieses Auto fahren und dass sie eben ihre Tochter vom Flughafen abgeholt haben. Dummerweise hat sie keinen Pass dabei (allerdings fragte ich mich im ersten Moment, das müssten doch die afrikaerprobten Eltern gleich bemerkt haben) es gibt also in nächtlichem Schummerlicht von Autoscheinwerfen und Polizeitaschenlampen ein längeres Hin und Her und Beratungen, was zu machen sei und wie das Problem zu lösen sei. Bestechung kommt nicht in Frage, in dieser Hinsicht ist Velten prinzipientreu. Ob er den einen Polizisten ein Stück mitnehmen könne. Kommt auch nicht in Frage. Der Arzt besteht auf seiner Neutralität: keine Uniformen, keine Waffen im Wagen. Wenn der Polizist sich aber auszöge. Kurzer Scherz, ob er nackt mitfahren möchte. Der war zu erwarten. Nein, in Zivil. In der Tasche hat er dann doch die Pistole. Auch die muss raus. Sie sei nicht geladen, behauptet er. So stellen wir uns Afrika vor. Und auch so, wie der Wächter im Haus von Dr. Velten reagiert, wie das Auto sich nähert. Nämlich gar nicht. Erst nach heftigem Pochen ans Tor kommt er schlaftrunken daher. Velten moniert in einem Ton wie Hundehalter ihn ihrem Tier gegenüber anzuwenden pflegen, wenn es nicht gleich pariert, er habe ihn zum Wachen angestellt, kein Wachen, kein Geld. Der Wächter lügt, er sei im Garten gewesen. Genau so stellen wir uns afrikanisches Personal vor. Schläfrig und verlogen. Aber Dr. Velten ist eben schon 20 Jahre in Afrika und hat seinen Modus Vivendi gefunden.

Es gibt weitere Schilderungen dieses Arztlebens, Budgetbesprechungen in der Klinik, Probleme beim Parkplatz, eine zwielichtige Gestalt möchte ihm seinen Wagen abkaufen und die taucht später unangemeldet und bei ihm zuhause auf und behauptet dem Wächter gegenüber, er habe den Wagen gekauft. Dr. Velten hört sich das aus dem Hintergrund an, wo er auch feige bleibt. Irgendwie haben wir uns Menschenfreunde – und Ärzte, die in Afrika helfen, die gehören in diese Kategorie – anders vorgestellt.

Sein Freund Gaspard möchte ihn zum Plantagenkauf überreden, das sei doch viel interessanter. Gaspard glaubt an die afrikanische Frau und umgibt sich mit jugendlichen, schwarzen Schönheiten, die garantiert keine Nutten seien. Gaspard lebt das süße Leben des Weißen in Afrika wie wir es uns in Kolonialzeiten vorgestellt haben. Das vermittelt der Darsteller Hippolyte Girardot als Gaspard überzeugend mit seinen wenigen Auftritten. Gut gecastet und gespielt. Das Kompliment kann auf die anderen Darsteller ausgedehnt werden. Die eine der jungen Damen möchte in Deutschland studieren. Inzwischen sind übrigens Mutter und Tochter von Velten bereits nach Deutschland zurückgeflogen. Seine Frau befindet sich jetzt in Wetzlar

Bis hierher würde ich von additivem Kino sprechen, was die Szenen ohne großen Handlungsfaden aneinander reiht und zwischenzeitlich den Eindruck bestärkt, aha, hier hat einer ein Thema gesucht und das will er jetzt illustrieren; ein Fehlschluss, wie sich herausstellen wird.

Drei Jahre später.
Eine Konferenz über Entwicklungshilfe. Hier spricht ein Schwarzer darüber, dass 500 Milliarden Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten Afrika gar nichts gebracht hätten, dass sich nichts geändert habe; im Gegenteil, diese Hilfe habe sich als obstacle majeur pour le developpement herausgestellt, als ein schweres Entwicklungshindernis; Handelsmöglichkeiten, die nämlich würden die Impulse geben.

Es gibt ein Medizinergespräch über ein Mittel gegen die Malaria, das Depression als Nebenwirkung habe. Hier entsteht kurz der Eindruck eines Aufklärungsfilmes.

Jetzt kommt Dr. Alex Nzila an, ein Abgeordneter der Weltgesundheitsorganisation, der prüfen soll, was mit den ganzen Geldern für das Schlafkranhkeitsprojekt von Dr. Velten geschieht. Die Recherche von Dr. Nzila gestaltet sich von Anfang an nicht leicht. Schon mit dem Fahrer, den ihm die Krankenstation geschickt hat, ist er nicht zufrieden, ja er weigert sich mit dieser Kiste 500 Kilometer über afrikanische Piste zu fahren und fordert seinen Koffer wieder raus. So kommt er vom Regen in die Traufe. Transport und Übernachtung gestalten sich abenteuerlich, zum Beispiel die Szene mit dem Nachtquartier, wo der „Portier“ ihn mit einer Taschenlampe in den stockfinsteren Wald hinausführt, sich von ihm verabschiedet mit den Worten, jetzt müsse er nur noch wenige Meter gehen in der Dunkelheit und dann sei er da. Was Dr. Nzila dann findet spottet jeder Beschreibung. Es gibt immerhin Sicherheitsschlösser vor den Holzverschlägen.

Die weitere Handlung besteht nun in der Recherche von Dr. Nzila, der an einer Stelle bemerkt, er sei schwul. Und an anderer, er sei Franzose (er wird gefragt, warum ein Schwarzer diese Inspektion durchführen soll) auch sein Vater sei schon in Frankreich geboren, aber die Vorfahren stammten aus dem Kongo. Auf seine Art eine einsame Figur in Afrika.

Zwischendrin muss Dr. Nzila, der längst kein praktizierender Arzt mehr ist, der von Dr. Velten Geschwängerten mittels Kaiserschnitt, wozu er die Anleitung übers Handy erhält, zur Geburt des Kindes verhelfen. Nachdem Dr. Velten endlich auftaucht, verabredet man sich zu einem nächtlichen Jagdausflug. Das ist der Moment, an den Humor eines Curt Goetz zu denken, bei dem Jagdausflüge eine reizvolle Funktion im zwischenmenschlichen Gemenge einnehmen und gelegentlich tödlich enden.

Ein Afrika-Film der ungewöhnlicheren Sorte.

Die Frau die singt – Incendies

Vielleicht ist das der Grund für ein paar Jahreszahlen- und Altersprobleme, dass dem Film ein Theaterstück zugrunde liegt, bei dem sowas womöglich weniger ins Gewicht fällt. Wann hat die Hauptfigur ihr erstes Kind gekriegt und dergleichen. Da aber Denis Villeneuve, Autor und Regisseur des Filmes, wie ein Spürhund an seinem Thema dranbleibt, spielt das keine große Rolle, lenkt den kalkulierenden und gerne mit Zahlen und zahlenmässigen Wahrscheinlichkeiten jonglierenden Mitteleuropäer nur in kurzen Moment ab. Der Film ist die Spurensuche einer Vergangenheit im Nahen Osten.

Jeanne und Simon Marwan, zwei junge Menschen und Zwillinge zugleich, die im französischsprachigen Kanada leben, erhalten von einem befreundeten Anwalt die letzten Verfügungen ihrer Mutter erklärt und zum Teil ausgehändigt. Er übergibt ihnen Umschläge. In denen steht aber nur, was sie zu tun hätten, es ist also wie bei einem Brettspiel, damit sie am Ende auch noch die restlichen Umschläge erhalten. Rücke in den Libanon vor. Die Mutter hat posthum eine Spur zu ihrer Geschichte, die sie zu Lebzeiten niemandem anzuvertrauen wagte, gelegt.

Damit fängt eine aufregende Geschichte an, die auch einen Teil des Libanonkrieges erhellt, von grausamen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen, von Ermordungen von wichtigen Persönlichkeiten, Folter und Vergewaltigung, nie anprangernd oder moralisierend, sondern immer als Teil eines Puzzles, das die Zwillinge schließlich auch auf die Spur ihres Vaters führt.

Für uns orientierungssüchtige Europäer wären hin und wieder Wegmarken, Jahresangaben, ob jetzt 1970, 71 oder 95 oder 2006 hilfreich, um der Geschichte noch konzentrierter folgen zu können oder auch gelegentlich Ortsangaben, die über den Namen von einem Gefängnis oder einer kleinen Ortschaft hinausgehen.

Nichtsdestotrotz erlebte ich schier atemberaubende zwei Stunden im Kino, die so viel erzählen, wie eigentlich kaum reingeht, was auch an Menschlichkeit alles möglich ist, aber eben auch an Unmenschlichkeit.

Immer wird orginal gesprochen, Französisch, Englisch oder Arabisch und auch  nicht alles untertitelt, wenn es nicht unbedingt nötig ist,  oder wenn die vielen Frauen in einem Raum sind, muss eine übersetzen von Arabisch auf Englisch.

Eine außerordentliche Geschichte, die hier den Weg auf die Leinwand gefunden hat.