Archiv der Kategorie: Review

Le Refuge (Filmfest München)

Die Sehnsucht nach Nähe, Wärme, Schönheit, Schmerz, Glück, Reichtum, Natur und Meer, das sind Ursehnsüchte des Kinos. Francois Ozon kennt sie genau, ergeht sich in ihnen und bedient sie und mixt sie aus dem Effeff. Als Vorwand dient ihm eine Narrative, die den Ansprüchen des Groschenromans genügt. Für cineastische Importance fehlt der Stachel. In der Drogerie am ehesten unter Wellness-Lotions zu platzieren.

The Portuguese Nun (Filmfest München)

Der Film will  eine  Hommage an Manuel de Oliveira sein. Oliveira hatte immer ein Thema, die Hommage hat leider keines, das ist der schmerzlichste Unterschied. Bei Oliveira kommt die Reduktion als Stilisierung rüber. Green interpretiert diese Stilisierung als steife, vornehmlich alltagsbelanghafte, gelegentlich liebesthematische Dialoge, mit ausdrucksloser Mimik und aufgerissenen Augen bedeutungsheischend vorgetragen. Am erbaulichsten sind die Fadoeinlagen. Der Rest ist Füllmaterial aus unendlichen live-webcam-ähnlichen Schleifen über Lissabon.

Perpetuum Mobile (Filmfest MÜnchen)

Langsamkeit (und Einsamkeit?) können in 90 Minuten ganz schön viel erzählen über einen erwachsenen Sohn, der bei seiner Mutter lebt, über eine Oma, die sich als Waisenkind sieht, über ein Ehepaar, das sich nach langen Jahren trennen will, über einen Untermieter, der vor die Tür gesetzt wird, über kleine Lügen und Betrügereien allerorten, schliesslich über eine illegale Beerdigung im Bergwald und im Hintergrund sind Kuhglocken und Muh.

Slovenian Girl – Slovenka (Filmfest München)

Auch das kann Eindruck machen: eine Hauptfigur, Sasha mit dem Doppelleben einer Studentin und einer über Zeitungsannoncen selbst anschaffenden Freizeitprostituierten, die eine unglückliche Figur ist, die meist schlecht aussieht mit Rändern unter den Augen und als ob sie Drogen genommen hätte, die in einen Krimi hinein gerät, wie er eher fürs Fernsehen gemacht scheint, kurz, die das Leben alles andere als professionell meistert. Ene Geschichte aus Ljubljana.

Elenors Geheimnis – KERITY la maison des contes (Filmfest München)

Animation aus Frankreich, die sich zügig zu einem beinah dadaistisch-kubistischen Höhepunkt in einer Dachkammer voller Bücher hochschraubt, der uns die Macht, die Magie der Buchstaben, der Bücher und der Geschichten augenfällig illustriert, um diese dann mit einer nicht allzu ungewöhnlichen, aber doch ordentlichen Abenteuergeschichte vor der Verramschung durch den Trödler zu erretten.

White Night – Byakuya (Filmfest München)

Diese Weisse Nacht auf einer roten Brücke in Lyon ist zwar ein Liebesexperiment des Regisseurs und Autors mit einem Paar, was nicht zusammengehört, bezieht sich aber explizit weder auf die Weissen Nächte von Dostojewski noch auf deren Verfilmung durch Luchino Visconti mit Maria Schell und Marcello Mastroianni von 1957; explizit erwähnt wird die Weisse Nacht nur als die von Schweden und Norwegen, bei der man nicht weiss, wann schlafen und die eben nicht kalt sei, wie der Tag und der Ort der Handlung in diesem winterlichen Lyon, in welchem gerade eine Demonstration gegen den kriegerischen Überfall Israels auf Palästina stattgefunden hat. Wer den Dostojewski und den Visconti im Hinterkopf hat, der mag schnell enttäuscht sein, hat andererseits einen wunderbaren Vergleich zur Hand, mit welchem er möglicherweise einen anregenden Zugang zu diesem eher forschenden und improvisierenden Film eines Japaners finden wird. Nachsatz: dem Thomas Willmann, so war bei artechock zu lesen, hat der Soundtrack, den ich eher für die penetrante Geräuschkulisse von Lyon hielt, das Vergnügen offenbar ziemlich vermasselt.

Tetro (Filmfest München)

Großmeister Coppola treibt die Frage um, wieviel Genie eine gewisse Parzelle, nämlich die der Familie, ertrage; es ist die Frage, wieviel Platz oben auf dem Affenfelsen ist, oder auch, was die Falter und die Motten an der Glühbirne fasziniert. Da die Antwort eher unergiebig ist und Coppola das Thema außerdem in lehrbuchhaftem Schwarz/Weiß mit allen möglichen verspielten Spiegel- und Blinkeffekten gedreht hat, da auch eingefügte Farbsequenzen aus der Opernwelt die 127 Minuten nicht voll machen, muss noch eine Inzestgeschichte her und auch das Gastspiel einer freien Truppe aus Buenos Aires mit einer schrillen Faustaufführung bei den Patagonienfestspielen, welche vom Prototyp einer mächtigen Kritikerin präsidial geleitet werden.

Me Too – Wer will schon normal sein? (Filmfest München)

Alles dreht sich ums Down Syndrom, welches der Hauptdarsteller, im Film Daniel genannt, auch hat. Der Film dürfte eine Insider-Veranstaltung oder eine für Gutmenschen bleiben mit dem Charme und der Verbindlichkeit eines privaten Homemovies, welches mit kindlicher Freude vor allem die Möglichkeit der Kamera zum Nah-Rangehen nutzt, in den Kühlschrank, auf ein Graffiti, auf den Teller, und das vom Fernsehen gelernt hat, dass keine Szene zu lang sein darf und es schick findet, wenn die Kamera noch dazu ständig in Bewegung ist, sich auch von schönen Licht- oder Verschwemmungseffekten verführen lässt. So tut sich immerhin und immer was auf der Leinwand. Nur tut sich keine Geschichte, denn die Aussage, dass auch ein Mensch mit Down-Syndrom nur ein Mensch sei, ist nicht abendfüllend.

Little Baby Jesus of Flandr (Filmfest München)

Bildschöner Versuch einer flämisch-malerischen Fortschreibung der Ikonographie der Weihnachtsgeschichte in drei Anläufen, wobei einer surrealer und verlorener anmutet als der andere und storymässig zum Scheitern verurteilt ist. Die Darsteller sind Behinderte, die auch Tramps oder Obdachlose, arme Schlucker halt sind. Dieses cineastische Triptichon wendet sich explizit gegen eine allfällige Vereinnahmung durch die Kirche, denn auch der Klerus unterscheidet sich von den armen Schluckern nur durch sein Kostüm, heisst es an einer Stelle.

American Boy (Filmfest München)

An diesem vor 30 Jahren unangekündigt in einem Hotelzimmer stundenlang gedrehten Interview fasziniert einerseits, wie persönliche Erlebnisse frisch von der Leber erzählt einen einmaligen Input zum Kino leisten können; fast mehr noch fasziniert aber der Schnellsprecher Scorsese selbst, im perfekten weissen Hemd und mit voller Che-Frisur, wie er mit Argusaugen gierig jede Geste, jeden Satz von Steve Prince aufsaugt, dabei diskret die Kamera dirigierend und gleichzeitg minutiös die vorher aufgeschriebene Geschichte, die er vor sich hat, kontrolliert und penibel darauf achtet, dass Prince nicht eine Story auslässt. Diesen Film sollten sich insbesondere deutsche Filmstudenten anschauen, die allzu gerne dem Missverständnis unterliegen, Filmemachen habe primär was mit dröger Seminararbeit zu tun.