Archiv der Kategorie: Review

The Tourist

Ein Steuerfahndungskrimi, bei dem Angelina Jolie zur Schöne-Frau-dank-Make-up/Frisur/Schmuck-Bild-der-Frau-Ikone stilisiert wird, was wenig Spiel fürs Spiel lässt. Frau Jolie soll in der altbekannten Venedig-Kulisse als Köder dienen.

Die Grundhaltung des Erzählens ist prinzipiell humorfrei; um darüber hinwegzutäuschen werden die Szenen mit netten kleinen bis kindlichen Jokes und Gags angereichert in der offensichtlichen Absicht, Publikumslacher zu erzeugen. Anbiederung. Sehnsucht nach Anerkennung.

Was erzählt wird, wird allerdings sehr präzise behauptet (weshalb man den Film auch genüsslich zerpflücken kann).

Da sich das Buch nicht für einen klaren Erzählstandpunkt entscheiden konnte, sind immer wieder Erklärszenen nötig, wodurch es zu gravierenden Tempo- und Rhythmusproblemen kommt und der Mangel an tieferer Bedeutung eklatant wird; der musikalische Übertünchversuch kann da nichts beschönigen.

Auffällig fett dagegen führt der Name des „Directors“ den Abspann leinwandfüllend an, was uns wohl weis machen soll, hier habe es einer zu was gebracht – nun ja, wenn er das braucht; dem Publikum dürfte solche Aussage reichlich egal sein.

Ein Mann von Welt

Wenn man den nordischen lakonischen Film mit seinem schrägen Humor als eigene Gattung bezeichnen möchte, so wurde diese hier zur Perfektion getrieben. Wobei Perfektion immer auch Sterilität und Eitelkeit bedeuten kann. Dieser Film dient offenbar mehr dem Dienst an der Gattung als einer eigenen Aussage. Scheint insofern nicht mehr dazu gemacht, den Zuschauer direkt mit einer aufregenden Message von der Leinwand herab anzuspringen.

Man kennt sie mit der Zeit, die lakonischen nordischen Typen, die immer viel dumpfer wirken als sie in Wahrheit sind, die mehr Mann von Welt sind als man ihnen geben würde, denn vom Benimm und vom Äußerlichen her behaupten sie ungefähr das Gegenteil.

Unser Protagonist Ulrik kommt direkt aus dem Gefängnis und haust dann in Fortführung des Gefängnislebens in einem Kellerloch, das mehr einer Gefängniszelle ähnelt als einem Untermietzimmer. Und so stoisch er seine 12 Jahre abgesessen haben dürfte, so stoisch erledigt er die Aufgaben in der freien Wildbahn, tut, was die Natur einem Mann Frauen gegenüber gebietet, ohne Ansehen der Person, steckt ungerührt im Dilemma zwischen Reintegration in Beruf und Wiederherstellung seiner Familie und den halbseidenen Forderungen seiner halbseidenen Exfreunde.

Was ist dieser nordische Mann von Welt nun? Ist er gar ein Mann ohne Eigenschaften oder doch eher nur ein teilnahmslos Teilnehmender oder ein teilnehmend Teilnahmsloser?

Nowhere Boy

Was Sam Taylor-Wood erzählt, das erzählt sie intensiv, gefühlvoll, hingebungsvoll und in schönen Bildern. Sie führt auch die Schauspieler gut.

Aber was erzählt sie uns? Sie erzählt die Geschichte vom Teen John Lennon.

Und wie erzählt sie diese? Als die Geschichte eines Jungen, wie es wohl viel andere auch gab, der in nicht ganz geregelten Familienverhältnissen aufwuchs, nämlich bei der strengen Schwester seiner Mutter, denn die Mutter selbst führte ein eher lockeres Leben. Eines Jungen, der als Teen eine Gitarre ersteht, wie viele andere Teens auch. Dann wird die Geschichte von der Gründung der Band beschrieben als einer Band wie sicher viele andere auch mit Rauchen und Saufen und ersten Auftritten. Und weil dann der Mann seiner Tante, bei der er aufwächst stirbt, gerät John emotional etwas aus dem Gleichgewicht, wie viele andere Jungs in vergleichbaren Situationen auch.

Sam Taylor-Wood erzählt die Geschichte als eine ziemlich austauschbare Geschichte eines britischen Jungen im Liverpool der späten 50er des letzten Jahrhunderts.

Sie erzählt die Geschichte ganz unspektakulär als eine Geschichte, in der nichts auf die späteren Erfolge der Beatles hindeutet.

Sie erzählt die Geschichte bis zum Abflug der Beatles nach Hamburg. Dort lernten sie Klaus Voormann kennen, aber das wäre der nächste Film, das wird hier nicht mehr erzählt. Vielleicht muss man auf den Film „Klaus Voormann – The Sideman“ warten, den Kick-Film auf ihrer Website ankündigt, um das zu erfahren, was die Beatles und John Lennon so speziell machte.

Was will ich mehr

Silvio Soldini zeichnet mitten ins pralle Leben überbordender Italianità und Vivacità die Seitensprungegeschichte einer bieder verheirateten Sekretärin, gespielt von Alba Rohrwacher, mit einem verheirateten Beau (was man von ihrem Mann nicht sagen könnte); dass aber jedesmal wenn das Handy klingelt, dieses erst mühsam rausgekramt werden muss, ist dann doch des Realismo etwas zu viel.

Ich sehe den Mann deiner Träume

Woody Allen schleckmäulert den Mief bürgerlicher Ehen mit bürgerlichen Stars auf die Leinwand und deodoriert das Ganze mit Lavendel, very distinguished for a very distinguished public, was gewohnt ist, noch den uninspiriertesten Festvortrag mit Würde über sich ergehen zu lassen.

Home for Christmas

Kino als pastorale Adventsandacht mit berührend menschlichen Geschichten vom Arzt, der vom Weihnachtsmahl weg zu einer Geburt mit Flüchtlingshintergrund gerufen wird, vom jungen Muslim und der jungen Muslima, die keine Weihnachten kennen und lieber Sterne gucken, von einer ehebrecherischen Amour fou am Weihnachtsabend, von der Christbaumverkäuferin und dem Penner, den sie plötzlich erkennt, vom alten Simon, dessen Frau bettlägrig ist und der beim Bügeln Nasenbluten kriegt und schließlich vom nicht ganz unbekannten Toten im Zug. Die Geschichten werden festlich untermalt von gelegentlich etwas schwer in den Saiten hängender Streichermusik.

House of Boys

In der Form eines klassischen Dramas in drei Akten mit Prolog und Epilog werden Aufblühen und Zerfall eines kurzen, jungen Schwulenlebens im Amsterdam von 1985 erzählt, in welches ohne Vorwarnung das Aids-Virus hereinbricht.

22 Bullets

Dieser Film erfindet das Kino nicht neu. Aber er genießt es. Frankreich muss ja den Wein auch nicht neu erfinden. Es versteht sich auf beides, einen exzellenten Wein zu keltern und ein spannendes Kino zu machen, im vorliegenden Fall: Drama oder Action-Kino. Gewusst wie!

Warum können die Deutschen das nicht? Klar, Marseille und die Provençe mögen filmisch mehr hergeben als Kassel, Leipzig oder das Sauerland. Und Französisch mag die süffigere Sprache sein als Deutsch (Tobias Kniebe hat kürzlich in der SZ auf den verheerenden Einfluss des sogenannten hannoveraner Hochdeutsch auf das deutsche Kino hingewiesen). Aber das kann doch nicht der alleinige Grund sein.

Warum gibt es in Deutschland keinen Jean Reno, keinen Gérard Depardieu, keinen Kad Merad? Warum gibt es in Deutschland keinen Schauspieler, der mühelos einen Film trägt, so wie Jean Reno hier die 22 Kugeln zwar mit einem Schlachtfeld von Körper, wie er meint, aber immer noch energievoll durchsteht (und am Schluss als rollendes Stacheldrahtknäuel sich und seinen in Geiselhaft genommenen Buben rettet)?

Warum gibt es in Deutschland solche Schauspieler nicht? Es geht ja nicht nur um das Action-Genre und die Schauspieler. Warum herrscht in Deutschland filmisch die reine Tristesse gegenüber Frankreich?

Wir haben einen Moritz Bleibtreu, unstreitig eines der größeren Talente seiner Generation. In der PR wird er sogar als einer der „bedeutendsten“ Schauspieler des aktuellen Kinos apostrophiert. Nur, wie will ein Schauspieler bedeutend werden, wenn er keine bedeutenden Rollen zu spielen bekommt? Wie will er bedeutend werden, wenn man gelähmt zusehen muss, wie er von Rolle zu Rolle uninteressanter wird, weil es offenbar keine Rollen gibt, die ihn richtig fordern und ihn sich weiter entwickeln lassen oder weil er Rollen annimmt wie in Goethe!, wo ihm schlicht der klassische Theaterbackground fehlt und der Regisseur offenbar nicht die Kompetenz hat, ihn dahin zu führen, wo die Rolle brilliant würde.

Man könnte jede Menge weiterer Namen nennen, wenn es sich denn lohnen würde, sie sich zu merken, die mit ein oder zwei Filmen auf sich aufmerksam gemacht haben und die gut anzusehen waren darin und wie sich dann eine gnadenlose Melkmaschinerie in Gang setzt und sie alles spielen (müssen?), was ihnen greifbar wird und sie dadurch rasend schnell zu einem künstlerischen Entwicklungsstillstand kommen (sind es geld- und machtgierige Agenten, die sie dazu drängen, oder sind es überforderte Caster, sich den Erfolg mit Namen zu leicht hochrechnende Produzenten, fernsehsichtverengte TV-Redakteure oder gutmeinende  Filmförderer?). Bei der nachrückenden Generation ist ein Beispiel Hannah Herzsprung, die mit 4 Minuten im Kino so verheißungsvoll aufgefallen ist, die aber schon bei Habermann praktisch  jeden Reiz verloren hat. Wie hat Devid Striesow nachgelassen. Wie verbraucht ist Christian Ulmen inzwischen. Was ist mit Axel Prahl, Armin Rohde?

Trifft der Eindruck zu, dass die deutschen Stars im Fernsehgeld ertränkt werden und dann im Kino – überspitzt gesagt – wie aufgedunsene Wasserleichen wirken, was das deutsche Kino nicht unbedingt attraktiv macht? Oder sind es doch immer wieder die Bücher, die so gar nicht schauspielerfreundlich geschrieben sind?

Woran liegt es, dass bei all dem Förder- und Fernsehgeld, bei all dem technischen Aufwand, der betrieben wird, das deutsche Kino immer kümmerlicher und nichtssagender wird?

Das sind die Fragen, die ich mir gestellt habe, wie ich aus 22 Bullets herauskam und mich wunderte, in welcher Welt ich mich denn realiter befinde. Und behaupte keiner, 22 Bullets sei ein nichtssagender Film, kämpft doch der Agent im Ruhestand Jean Reno wie ein wilder Stier gegen seine ihn einholende Vergangenheit und für seinen Jungen.

Bon Appétit

Wer hat denn dieses internationale Allerweltsmenü angerichtet?

Haben die verschiedenen Köche, sprich Produzenten und Koproduzenten, aus Spanien, der Schweiz und Deutschland überhaupt das Rezept qua Drehbuch gelesen? Ist ihnen nicht aufgefallen, wie fad das Menü nach einem solchen Rezept werden muss? Wie diese Liebesgeschichte zwischen dem spanischen Koch mit der Frau seines deutschen Küchenchefs in Zürich im Feinschmeckerlokal Wackerle aus dem Mustopf kommt?

Ist diesen Köchen nicht aufgefallen, dass es dieses Gericht, also den Filmtitel, laut IMDb schon beinah ein halbes Dutzend mal gibt?

Ist diesen Produzenten-Köchen aus aller Herren Länder nicht aufgefallen, dass es sich bei dem Rezept um ein Drehbuch handelt, das nicht in der Lage ist, eine spannende Handlung zu erzeugen und darum immer alles in Dialogen erklären muss (daher der oft belehrende Sprechduktus besonders der deutschen Schauspieler)?

Vielleicht hatten diese Produzenten-Köche ja nur die Idee gelesen und nicht das Rezept, und sind dann schier ausgeflippt, einen Film zu machen (der noch die Behäbigkeit des Schweizer Fernsehens zu unterbieten versucht) mit “Stars“ aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien, mit Locations in Zürich, Bilbao, München. Gegen diese Internationalität ist kein Kraut gewachsen. Und dann die Mixtur aus Liebes- und Kochgeschichte, das muss doch von sich aus ein Renner werden. Darum sind spannende Charaktere, die die Handlung vorantreiben, vollkommen überflüssig. Darum reicht es vollkommen aus, einen x-beliebigen Starmix zu casten, egal ob die harmonieren miteinander oder nicht, denn das Rezept ist ja sooo genial, haben sich die Koch-Produzenten wohl gedacht. Dass sie mehr gedacht haben, ist schwer vorstellbar.

Und damit nicht auffällt, wie fad dieser Internationalismus-Brei schmeckt, wird eine fette Sauce an Musik drüber gelegt, damit dem Feinschmecker seine Geschmacksnerven abgetötet werden und er kein vernünftiges Feedback geben können soll.

Die für diesen Mampf verantwortlichen Produzenten-Köche sind laut Film-Website: Pedro Uriol, Frank Lehmann, Marc Hansell, Jens Meurer, Judy Tossell, Lukas Hobi, Reto Schaerli, Sonia Raule, Benat Ibarbia, Pilar Benito. Retouren und Reklamationen bitte umgehend an diese Herrschaften.

Bödälä – Dance the Rhythm

Eine schöne Sache ist es, dieses In-den-Boden-Hineintanzen, das auch in afrikanischen Tänzen zu finden ist, aber diese Doku darüber folgt den Gesetzen des Fernsehens, alle paar Minuten einen Eyecatcher oder einen Cliffhanger egal zu welchem Preis einzuschieben, sei das nun Miss Hemberg, eine Kuh, oder ein spektakulärer Sturz bei einem Tanzwettbewerb in Dublin oder der Drill, mit dem eine Tanzlehrerin ihre Schülerin an den Rand der Kräfte treibt, oder Steppübungen auf dem Heuboden. Wer vieles bringt, wird sich die Dokumentaristin gedacht haben, wird vielen etwas bringen, aber so richtig auf den Grund des In-den-Boden-Hineintanzens ist sie nicht gekommen.