Archiv der Kategorie: Review

Das ganze Leben liegt vor Dir

Ein pfiffiger, intelligenter, schneller Film mit einer ausstudierten Philosophin als temperament- und herzvoller Hauptfigur, die die Welt der Call-Center durch die Heidegger-Brille zwar nicht verändert, aber sie praktisch-pragmatisch neu interpretiert und sich zunutze macht – dürfte auch im Lande der Dichter und Denker auf vergnügte Gegenliebe stossen.

Die 4. Revolution

Prima Agitprop-Streifen für die bessere Energie, der vor allem eines klar macht (was die übrigen Medien aus Gründen der Abhängigkeit nie so deutlich auszusprechen wagen), dass es in erster Linie unser innerer Schweinehund und vielleicht naive, dumpfe Gutgläubigkeit ist, wenn wir uns weiter von der milliardengewinnschweren Ölindustrie schröpfen und abhängig halten lassen wollen. Hier kann Kino politisch wichtig werden.

Ein Prophet

Das Gefängnis als Reinraum zur brillianten Analyse und überhöhten Zeichnung der Entwicklung von Machtverhältnissen als Machtverhältnisse auf dem unbeschriebenen Blatt des Gesichtes des Häftlings Malik, der im Gefängnis zum „Propheten“ mutiert, denn die Spur seiner Handlungen skizziert einen Menschen dem Bildung wie opportunistische Anpasserei nur zum Aufbau der eigenen Macht dienen.

Jerry Cotton

Eine Thriller-Inszenierung, die dem Gag und dem Möchte-Gern-Lustig die Priorität vor dem Thrill einräumt und die den Gag gar nicht erst zur allfälligen Erhöhung des Thrills qua Suspense sondern lediglich als Selbstzweck einsetzt.

Zeit also, sich ein paar grundsätzliche Gedanken zur Besetzung zu machen. Denn damit fing alles an. Bei einem Fotoshooting für einen anderen Film, so berichtet der Produzent Christian Becker, habe Christian Tramitz, der hier Jerry Cotton spielt, einen Anzug tragen müssen und dieses Bild, Tramitz im Anzug, habe ihn, Becker, auf die Idee der Jerry Cotton-Verfilmung gebracht.

Und tatsächlich. Auf Fotos und Standbildern und wenn Tramitz im Film einen Moment lang ruhig hält, strahlt er unbestreitbar internationales Thriller-Flair aus. Kaum aber bewegt er sich im Film oder spricht er, so ist das ganze Bild dahin. Das war vielleicht etwas leichtsinnig oder am falschen Ort gespart, da nicht erst ein paar Probeaufnahmen zu machen und vielleicht doch noch sich nach anderen Schauspielern umzusehen.

Und Tramitz hat noch einen Partner: Christian Ulmen, der in Gottes seligem deutschen Kinogarten eine wunderbare Quasseltante sein kann, doch hier funktioniert das nicht, denn das Zusammenspiel zwischen den beiden Kollegen harzt irgendwie – woran das auch immer liegen mag. Da hätten ein paar Probeaufnahmen in verschiedenen Darsteller-Kombinationen möglicherweise einiges verhüten können.

Kommt der übrige Cast, der von den Namen her mit zum Feinsten gehört, was Deutschland aufzubieten hat – oder zumindest vom Teuersten. Vergleichen wir mit einem Gourmet-Restaurant: Sternedarsteller. Was die aber grossteils hier bieten, die Bemühung, aus der Berufsroutine auszubrechen, lustig zu sein, ein anderer zu sein, das gelingt den meisten eher weniger als mehr und wenn, dann einer ein schauderhaftes Schwäbisch rabaukt, was so gar nicht köstlich, so gar nicht liebenswürdig ist – Schwäbisch ohne die Essenz des Schwäbischen herausgearbeitet zu haben, dieses Niedlich-Freundliche, was mit der gewissen Prise selbstverständlicher Schlauheit gewürzt ist – , so würde man, um den Vergleich mit dem Sternerestaurant weiterzuführen, von einem ziemlich versalzenen Essen sprechen müssen, was der Gast normalerweise entrüstet zurückgehen lässt.

Es wird nicht ganz klar, ob die Darsteller bei Vertragsunterzeichnung darüber informiert waren, dass in dieser Inszenierung der Primat des Thrills radikal hinter den Primat des Gags und des Special-Effects zurückzutreten habe.

Möglich, dass ein comedygewohntes Publikum sich darin vergnügen kann.

Aber vielleicht wäre es ein belebender Impuls für den Film gewesen, sich vorher im Lande umzusehen, was es noch für Darsteller gibt und für die es eine einmalige Chance gewesen wär, vielleich wäre dann wirklich Komik zustande gekommen. Wenn man dem Cotton schon den Thrill austreiben will. Das ist hier zweifellos gelungen. Aber das Statt-des-Thrills – eher nicht.

Immerhin kam ein erstklassiges Demoband zustande, wie trefflich sich in Deutschland New York drehen lässt, wenn einer denn die Bürgersteigkanten nicht allzu genau mustert.

Agora – Die Säulen des Himmels

Ein Tsunami an Bildern, den Alejandro Amenabar von der Leinwand in den Kinosaal schüttet und dabei leichthändig eine Geschichte erzählt von Eros und wissenschaftlicher Lehre aus dem innersten Weisheitskern von Alexandria, aus der berühmten Bibliothek mit der „bekennenden“ Atheistin Hypatia als geistiger Wirkkraft, aber die Glaubenskämpfe, die Religionen in ihrem Wahn und Absolutismus zerstören das, bis Schafe, Esel und Ochsen die berühmte Bibliothek bevölkern.

Henri 4

Der rote Erzählfaden, an dem sich der Zuschauer orientieren könnte, bricht ständig ab. Irgendwann im Film heißt es mit eingeblendeter Schrift „2 Monate später“ und einmal „6 Monate später“; ein Meister, wer dann noch sagen kann, wann das genau ist und wo.

Es fängt schon mit der Merkwürdigkeit an, dass der erwachsene Henri 4 (der dann am Ende auch noch ermordet wird!) voice-over über sich als jungen Knaben, der gerade im Bild am Spielen ist, spricht, er wollte ein stinknormaler Junge sein und für ein Geldstück auch sich auf den Boden legen dürfen, und dann einem Mädchen, das breitbeinig über ihn schreitet, unter den Rock schauen, und meint dazu, er habe eine glückliche Kindheit gehabt. Aber er war halt der Prinz von Navarra.

Was das mit dem Thema, wegen dem Jo Baier den Film angeblich machen „musste“, nämlich “Humanismus in einer inhumanen Zeit“, zu tun hat, bleibt unergründlich.

Während der ersten Minuten denkt man noch, ja, das könnte wenigstens für den Grimmepreis reichen, VHS-Kino, deutsches Subventionskino, was viel erklärt und illustriert. Aber selbst davon wird man nach einiger Zeit abrücken.

Wer hier unsere versammelten sogenannten Subventionsstars die Texte bellen hört (die Rede ist hier vom deutschen Cast-Anteil), wenn dieser Standard-Katalog-Cast ohne jede Überraschung in ständigen Close-Ups Szenen spielen muss, denen ganz offenbar der thematische Unterbau fehlt, so fragt man sich, was das mit dem Thema “Humanismus in einer inhumanen Zeit“ zu tun hat.

Wenn Henri 4 in Paris einreitet, dann werden noch schnell in einer leeren Gasse zwei Schweine vor den Herannahenden gerettet: Humanismus in einer inhumanen Zeit. Wenn Marie de Medici, die er später heiraten soll, während ihrer Reise in der Sänfte über die verschneiten Alpen in ein Schneefeld zum Pinkeln sich begibt: Humanismus in einer inhumanen Zeit. Wenn Henri 4 seine erste Frau von hinten nimmt: Humanismus in einer inhumanen Zeit.

Wenn überhaupt jede Schlacht auf dem gleichen Schlachtfeld geschlagen wird, wenn Bewegungen draussen alle durch das gleiche Kornfeld oder an den gleichen schroffen Felsen vorbei führen, wenn jedes Heereslager in der gleichen Kieshalde aufgebaut ist, wenn nur schwer ein Zusammenhang zwischen den Szenen herzustellen ist und man nie weiss, wo im Film man sich befindet, dann sieht man sowohl den Humnismus in einer inhumanen Zeit als auch die 19 Millionen Euro, die das Werk gekostet haben soll, sich in Luft auflösen.

Fernsehkino. Oder nicht einmal das. Es gibt praktisch nur Nahaufnahmen und keine Szenen für emotionale Überhänger (den Trick beherrscht immerhin Frau Dörrie), ist auch gar nicht nötig, denn es gibt keine Konflikte in den Szenen. Aber Bemerkungen, wie die seiner Braut anlässlich der Hochzeit, die aus Konfessionsgründen vor dem Kirchenportal stattfinden muss, es sei „so heiß“. Humanismus in einer inhumanen Zeit.

Dann kommen immer wieder Musikszenen, Filmmusik von Zimmer zum Überdruss, die aus jedwedem beliebigen anderen Streifen stammen könnten, genau so wie viele Hof- und Fickszenen.

Der Protagonist vermag wenig zu überzeugen. Das Buch gibt ihm kein Futter. Oft ist er grob zu Frauen und Bediensteten. Humanismus in inhumaner Zeit.

Die Kamera ist steif und unbeweglich, vielleicht erstarrt vor dem Budget. Ebenso die meisten Szenen; die Schauspieler bedienen die Kostüme und den unnatürlichen (aber nicht etwa auf das Thema hin frisierten) Dialog, zum Beispiel bei der ersten Begegnung mit der Medici-Braut in Paris. Ergibt alles weder Augenschmaus noch Hörvergnügen noch Erotik.

Die Katastrophe fängt mit dem Drehbuchgebastel an, nimmt ihren weiteren Verlauf damit, dass keiner von den Produzenten und Geldgebern das anscheinend bemerkt hat, setzt sich fort über einen Cast, der vermutlich wider bessere Erkenntnis zugesagt hat und dürfte in ein Desaster an der Kinokasse münden.

Verständnis für die Schmähungen in Berlin.

Hier kommt Lola

Zielgruppenfreundliche Verfilmung eines Kinderbuches für Mädchen, von der Geschichte her eher schnell, schnell nach dem Thema „Suche nach einer Freundin“ lose zu Faden geschlagen und insofern eher mäßig kinospannungsfreundlich und von voraussichtlich beschränkter Haltbarkeit, zudem mit einem nicht überbordend inspirierenden Erwachsenen-Cast bestückt.

Crazy Heart

Dann doch eine eher rührselige, sentimentale und amerikanische Geschichte. Vom alkoholsüchtigen Countrysänger über die Liebe zu einer jungen Lokaljournalistin zum Entzug und schliesslich einer erfolgreichen Spätkarriere als Songwriter. Alles viel zu schön, um wahr zu sein. Aber schön, amerikanisch schön, denn das Handwerk haben sie drauf und das Träumen noch nicht aufgegeben.

Unsere Ozeane

Bildüberfischung der Weltmeere. Cluzaud und Perrin wollen alles zeigen, von der Urechse bis zum Raketenstart, von der Ansicht aus dem Weltall bis zur Mikroaufnahme eines Regentropfens, sie möchten die Harmonie des wundersam prächtigen Fressens und Gefressenwerdens einfangen und erhalten. Und weil sie selbst ihrer Bilderflut aus über 50 sensationellen Drehorten welt- und allweit nicht mehr Herr werden, tritt Perrin höchstselbst mit Sohn (oder ist es der Enkel?) in einem Museum für ausgestorbene Arten auf und lässt moralische Appelle vom Stapel. Reizvoller wäre da Nicolas Cage im parallel anlaufenden Bad-Lieutenant-Remake von Werner Herzog den schönen Satz: „the fish have dreams“ sagen zu hören.

The Book of Eli

Amerikanischer Filmstar stilisiert sich zum Heilsbringer, der der Menschheit das Wort durch Wüste und Chaos rettet. Starker Tobak. Wer diesen Irrationalismus unterstützen und ihn glauben will, darf seinen Obulus an der Kinokasse entrichten.