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Die Köchin und der Präsident

Ein Film, der auf der Erfolgsschiene der Cuisine Francaise fahren will. Aber auch ein Film, der dieses wohlige Gefühl der Nähe zur Macht, der Nähe zum französischen Präsidenten im Elysée-Palast auskosten möchte.

Der Stoff wäre nicht schlecht. Hortense Laborie, die im Perigord in Frankreich nach der Tradition von Mutter und Großmutter kocht, wird überraschend in den Elysée beordert, um die private Küche des Präsidenten zu besorgen, nach dessen Geschmack zu kochen. Er wünscht sich eine Küche á la Grand-Mère. Diese beherrscht Hortense wie keine Zweite.

Es kommt zu Begegnungen mit dem Präsidenten, er empfiehlt ihr ein Buch, was er als Kind gelesen habe und das ein Lob auf die französische Küche darstellt, ein Buch von Anfang des letzten Jahrhunderts und Hortense fängt an, diese Küche nachzukochen. Sie verwendet immer lokale Erzeugnisse als Zutaten.

Der Film fängt allerdings in der Antarktis an. Hortense arbeitet auf der Forschungsstation Alfred Taure auf dem Crozet Archipel als Chefköchin und bereitet ihren Abschied vor. Schnell erfahren wir über ein australisches Dokumentarfilmteam, dass es sich um die ehemalige Köchin des Präsidenten handelt. Selbstverständlich fragt sich der Zuschauer nun, wie es so weit kommen konnte, denn sie selbst spricht nicht gerne über diese Zeit.

So schaut man denn eine Stunde lang zu, bis klar wird, dass es die Ränke am Hofe des Präsidenten waren, die sie rausekelten. So dauert es eine Stunde, bis die ersten Intrigen, der Kampf gegen die breiter aufgestellte Zentralküche im Elysée, anfangen zu blühen. Bis die Bürokratie mit Diätvorschriften anfängt, in die Küche von Hortense einzugreifen, ihr das Leben und das Kochen madig zu machen. Was der Neid so hervorzubringen imstande ist. Bis sie sich entschlossen hat, zu kündigen. Von sich aus.

Sicher war sie beneidet von den Hofschranzen. Sicher ist es prickelnd, wenn der Präsident zum Flughafen muss und er vorher schnell die Köchin empfängt, es sollten 5 Minuten sein und es wird eine dreiviertel Stunde, die ganze Wagenkolonne wartet, das Flugzeug muss warten, die ganze Weltpolitik muss warten – nur wegen einer Köchin und alles ist unruhig und sauer auf die Köchin. Derweil rezitiert ihr der Präsident ein Rezept in Gedichtform, man lasse aus dem Lande des Pierre Corneille eine beleibte Ente kommen.

Sie hatte allerdings in Neuseeland einen Hain entdeckt, den sie zum Trüffelhain umkrempeln will und um das Geld dafür zu verdienen, heuerte sie für ein Jahr lang auf der Forschungsstation an, wo auch immer wieder bis zu einem verabschiedenden Sketch die Köchin gelobt wird, immer wieder Szenen zu sehen sind, die illustrieren, wie beliebt sie doch war. Illustrieren ist vielleicht das richtige Wort für die Schauspielerei in diesem Film. Die Schauspieler scheinen nicht nach method-acting zu agieren. Sie illustrieren lediglich das Hierarchiespiel an so einem Hofe, sie klischieren es. Keine Sekunde halte ich es für möglich, dass die Darstellerin der Hortense je Freude am Kochen gehabt hätte oder haben könnte.

Dagegen spricht auch ihre Kostümierung, die nie praktisch ist, immer mit Ketten am Hals; und ein ständig stereotypes Lächeln fast ein festgefrorenes Grinsen wie eine Maske. Sicher ein reizvoller Gegensatz: die Kompliziertheit der Hierarchie um die politisch geballte Macht im Präsidentenpalast und dem Präsidenten, der eher wie ein lieber Opa wirkt, Vorliebe für das Einfache hegt, für die einfache Küche, für Omas Küche. Das wird hier alles präsentiert als ein Gefälligkeitsfilm, als ein Kumpanei-Film, wir, die Nicht-Mächtigen, sind alle dieser Ansicht und auf Seite der Guten in dieser Hierarchie, wozu durch die Besetzung auch der Präsident gehört, der einmal ganz kumpelhaft nachts die Köchin besucht, sich von ihr Trüffeln (kleiner filmhistorischer Scherz: die australische Dokumentaristin spricht den Begriff aus wie Truffaut) servieren lässt und Kumpanei heischend davon redet, dass der Palast ihr Böses wolle, aber ihm gehe es auch nicht anders. Die unschuldig naive Welt. Die einfache Welt gegen die hierarchisch komplizierte.

Das ist kein Kino der Wahrheit, obwohl es die Wahrheit der einfachen Küche besingt. Es besingt sie nur illustrierend mithin in anbiedernden Tönen. Ein Sympathiepunkt für Hortense soll sein, dass sie nie Chef genannt werden will. Das größte erzählerische Problem dieses Filmes scheint mir, dass wir Hortense gar nicht kennen lernen, dass die Figur gar nicht exponiert wird; sie wird aus ihrer ländlichen Behausung einfach abgeholt. Ohne Vorwarnung. Schade, dass der Regisseur Christian Vincent, der mit Etienne Comar auch das Buch geschrieben hat, es nicht für nötig hielt, uns diese Köchin in ihrem einfachen, bestimmt aber reflektierten Leben und seinen provinziellen Werten erst zu schildern, um wenigstens einen Reiz aus dem Zusammenprall von Hortenses Welt mit dem Allerheiligsten der Macht zu ziehen und die sich daraus ergebenden Konflikte in Kinospannung umzumünzen. Wir bekommen die entsprechenden Klischees sowohl der ländlichen Welt als der Welt der Politik einfach vorausgesetzt.

Film ohne Fallhöhe mit einer Hauptdarstellerin, die eigentlich ein Mädel vom Lande sein sollte, aber immer den gleichen städtischen Schauspielschulgang hat.

Beasts of the Southern Wild

Die amerikanisch-verklärt-alttestamtentarische Armuts-, Leidens- und Erlösungsgeschichte vom süßen, verwilderten Mädchen Hushpuppy, einem wahren Missionars-Traum-Wuschelkopf, das mit seinem Vater armselig-romantisch in einer verkommenen Pfahlhütte in den Sümpfen irgendwo im Mississippi-Delta in eine vom Klimawandel bedrohte Welt hineinwächst.

[siehe Filmfest]

Du hast es versprochen

Wenn die Exposition so gut wäre wie der Count-Down gut zwei Stunden später, dann könnte aus dem Film was werden, dann hätte er vielleicht Chancen auf einen ganz guten Weg. Denn die Horrorelemente, die sind prima studiert und präsentiert – es handelt sich um eine Horrorgeschichte von zwei Buddelkastenfreundinnen, die ein brutales Geheimnis verbindet und die sich als Erwachsene wieder begegnen und an den Ort jener Kindheit zurückkehren.

Alexandra Schmidt heißt die Autorin und Regisseurin. Die Horrorelemente sind alle da, unbeanstandbar, die Gegensätze von Hell und Dunkel, die Schockmomente, die Grenzgängerfantasien, die makellos-schönen drittklassigen Schauspieler und Schauspielerinnen, die Lichteffekte, die massive Musik, die dann wieder totaler Ruhe weichen kann, auch kameratechnisch glaubt man reinsten Horror vor sich zu haben.

Was diesem Horror aber fehlt, um ihn dem Zuschauer bis in die letzte Faser einfahren zu lassen, das ist der Anknüpfungspunkt zu einer realistischen Welt, zu einer Welt, die auch die des Zuschauers sein könnte, zu einer Welt mit glaubwürdig handelnden Figuren. Sonst funktioniert der Horror meiner Ansicht nach nicht; wenn man das Gefühl hat, diese zwei Damen, Hanna und Clarissa werden mit kopfgeburtigen Szenen zusammengeführt. Verwunderlich, wie schnell und ungebremst sie sich gleich wieder erkennen, schwer nachvollziehbar, weil hier nicht gesunde Skepsis, sondern schon zwei Szenen weiter das tolle Hallo ist, als ob nie was gewesen wäre zwischen beiden, als ob nicht Abgründe zwischen ihnen liegen, die sie gleichzeitig verbinden. Mit Sonnenbrillen brausen sie im offenen Cabriolet wie Teens, die das erste Mal Pferde stehlen gehen und mit Gejuchze und Gesang in Richtung Meer.

Wahrscheinlich soll diese Lustigkeit so aufgesetzt wirken wie sie wirkt, und die Regisseurin meint damit den realistischen Anknüpfungs- und Gegenpunkt zum Horror gebaut zu haben. Mir scheint das ein Missverständnis. Wenn die so aufgesetzt lustig sind, so unglaubwürdig lustig, dann kommt mir das eher vor wie ein Versuch, den latent vorhandenen Horror zu vertuschen. Denn der verbindet die beiden, ein Horror vom Feinsten. Den steckt man auch nach Jahren nicht so weg. So aber wirkt der viel billiger. Diese Lustigkeit auf der Fahrt zum Meer ist nicht das adäquate Verdrängungsgegengewicht zum später folgenden und erinnerten Horror. Genau darum würde ich sagen, ist in dieser Hinsicht der Film nicht in der Balance. Wenn die eher schweigsam wären, weil da was lastet, wenn der Dialog nicht so leicht in Gang käme, dann könnte ein Spannungsdraht aufgebaut werden, der hält. Oder die Aufgeregtheit, die verdrängende, müsste ganz anders inszeniert und gespielt sein, sozusagen als Übersprungslustigkeit. Es gab zwar anfangs den Versuch der Regie, der die Schauspielerinnen die ersten Begegnungs-Sätze quasi stottern lässt, aber das kam wie schlecht gespielt rüber und nicht wie eine augenblicks wieder bewusste und gleichzeitig verdrängte Last.

So entsteht in der Exposition leider der Eindruck, wie machen hier einen auf Kleinmädchengruselfilm, so schön die zwei spielenden weißgewandeten Mädchen, die in den Wald hinausgehen, in der Erinnerung auch wirken mögen, so professionell. Da kam mir gleich der Begriff gremienkompatibles Kopfkino in den Sinn. Von der Regie das Problem zwar theoretisch richtig erkannt; aber man darf die Psychologie bei so einem schmerzhaften, schuldbeladenen Geheimnis, was die beiden verbindet, nicht außen vor lassen und sich dabei darauf berufen, man mache Genre und orientiere sich an Tim Burton. Selbst in einem für seine Verhältnisse weniger gelungenen Film wie „Dark Shadow“ ist die Exposition von exquisiter Sorgfalt. Und nur die Exposition kann den glaubwürdigen Boden für den Horror bereiten.

Wie die beiden einstigen Freundinnen nach Jahren wieder auf einander treffen, das wirkt schon sehr erfunden. Die eine ist OP-Schwester und die andere ist nach einem Zusammenbruch die Patientin. Die Schwester könnte also der Begegnung mit diversen Ausreden noch aus dem Wege gehen. Die Begegnung wäre vermeidbar. Und wirkt so schon wie ein Herausfordern des Schicksals, wird aber nicht als solches inszeniert. Meiner Meinung nach müsste, um glaubwürdige Spannung zu erzeugen, der Zusammenprall der beiden Figuren unvermeidbar sein, womöglich gleich physisch passieren. Unausweichlich. Schicksalhaftigkeit und Horror. Der freiwillig aufgesuchte Horror, das ist die Geisterbahn. Hier aber wirkt es genau so, dass sie quasi freiwillig sich wieder begegnen, oder zumindest keinen Widerstand dagegen zeigen, so sehr scheint das gemeinsame Horrorerlebnis eingeschlafen zu sein, nein, sie beschließen auch noch, gemeinsam und lustig an die Stätte ihres gemeinsamen Grauens zurückzukehren.

Auch die Ankunft auf der Insel wäre, wenn man sie als realistischen Vorgang ernst genommen hätte, viel einfacher gewesen, denn man muss sich erst den Schlüssel besorgen. Wenn aber der Bezug des einsam in einem Wald stehenden Hauses so unglaubwürdig passiert, dann hat’s der Horror nachher umso schwerer, denn ihm fehlt die plausible Basis. Auch hier wäre eine Chance, den Zuschauer mit Plausibilität mitzunehmen, an der Stange zu halten, damit er dabei bleibt und sich erschüttern lässt, von dem was folgt.

Ich würde auch zu behaupten wagen, wenn die ersten Begegnungen mit den Inselbewohnern schon so absurd passieren, so ist zu früh zu viel Horrorpulver verschossen, bevor es überhaupt los geht. Denn der Zuschauer möchte diese Leute so kennen lernen, wie die Gäste auch. Es fehlen die praktischen Vorgänge, die den Zuschauer zwingend in die Horrorsituation mitnehmen. Leider wieder typisch deutsches Kino: das Buch, das Buch, das Buch!

Oder die aufgesetzte Fröhlichkeit der beiden Frauen beim Betrachten der Fotoalben. Absolut unrealistisch, und statt dass es Voraussetzungen für das Funktionieren von Horror schafft, eliminiert es diese. Ha, ha, ha, die sind jetzt lustig, will uns die Regisseurin wohl erzählen, aber wartets ab, liebes Publikum, das kann nicht lange so anhalten. Sorry, aber so erzeugt man meiner Meinung nach keine Spannung, so verpufft sie zum Vornherein. Denn es kann nichts in der Luft liegen zwischen den beiden ähnlich makellos geschminkten Aktricen, die wohl, hätten sie früher gelebt, für Farah Diba oder Soraya geschwärmt hätten. Und auch hier viel zu oft die Fragen: was machst du da (im Keller), was ist los – oder noch peinlicher „Guten Morgen, was ist los?“ Wer die Frage in einem Kinodrehbuch glaubt verwenden zu müssen, hat nach meiner Erfahrung die Szene nicht gründlich genug auf ihre Kinotauglichkeit hin befragt. Solche Autoren sollten den Leuten mehr auf den Mund schauen, beobachten, wie lebendig Dialog verlaufen. Und mit diesen Fragen behauptet die Autorin doch exakt, dass sie einen gewissen Realismus, leider Fernsehrealismus, intendiere.

So mutiert denn der Horror leider zum Kunstgewerbehorror, zum Horrorkunstgewerbe. Eine Geste, die ich überhaupt nicht verstanden habe, was die uns erzählen soll, wie die eine dieser beiden Protagonistinnen vom Maskenbildner einige Blutsträhnen auf das perfekte Make-Up ihre Gesichtes geschminkt hat, als Folgen einer physischen Auseinandersetzung, und wie sie also in der Folgeszene sich dieses „Blut“ aus dem Gesicht waschen will, streicht sie sich vorher in einer dezidierten und abgefilmten Szene die blutigen Haarsträhnen ganz sorgfältig hinter die Ohren – damit das perfekte Make-up oder ihr kostbares Gesicht umso besser zur Geltung kommen?

Kunstgewerblich schön gemachte Horrorwelt, die allerdings durch Verzicht auf realistisch-glaubwüridge Exposition dem Kitzel und der Plausibilität den Nerv zieht.

Huck Finn

Die Frage, die sich bei der Verfilmung dieses Klassikers von Mark Twain stellt, ist die, ob es noch zeitgemäß ist, ob es noch eine der heutigen Zeit adäquate Filmsprache ist, ein Kinderbuch mit einem Aufwandskino, einem Kino à la Staatstheater verfilmen zu wollen, was man denn können und beherrschen müsste, wenn man es überhaupt noch aus dem Schrank holt. Immerhin haben Hermine Huntgeburth, die Regisseurin und Sascha Arango, der Drehbuchautor seit dem Vorgängerfilm „Tom Sawyer“ dazu gelernt.

Die Sprachregie hat sich deutlich verbessert gegenüber „Tom Sawyer“; auch wenn es beim einen oder anderen Schauspieler wie ein Kulturschock wirkt, wenn aus einem ganz gelungenen Kostüm und einer Maske à l’américaine urplötzlich ein nicht allzu kultiviertes Deutsch, ein Deutsch ohne Feeling für die Geschichte zu Ohren kommt. Huck Finn grinst nicht mehr ganz so oft, ist öfter ernsthaft bei der Sache, als die Buben es beim Vorgängerfilm noch waren. Das Deutsch hört sich bei Leon Seidel als der Titelfigur sogar recht natürlich an.

Bei dieser Verfilmung steht zwar wie beim Vorgängerfilm vom Drehbuch her der Fortgang der Handlung im Vordergrund, aber statt viel Wert auf das Feelgood zu legen, wird hier dem Thema „Freiheit“ das größte Gewicht zugestanden. Zwei Figuren wollen sie und werden dadurch zu einer schicksalshaften Gemeinschaft verbunden. Der Sklave Jim, der bei Jacky Ido in besten Händen und damit eine der überzeugendsten Figuren des Filmes ist, er will aus der Sklaverei abhauen, während Huck vor seinem bösartigen Vater flieht, der trotz abenteuerlicher Verkleidung eine viel zu kontrollierte Figur abliefert. Heike Makatsch dagegen tritt wieder als Tante Polly auf, hat sich diesmal alles Überissene im Spiel abgeschminkt – so bleibt irgendwie nichts Besonderes mehr übrig. Während Peter Lohmeyer in seinen kurzen Auftritten als Richter Thatcher zu einer souveränen Form gefunden hat.

Gut zugelegt hat der Film vom Bildnerischen her. Rumänien hat zauberhafte Flusslandschaften, in denen die Gegend mit dem Floß mit den beiden Freiheitssuchenden zwar nicht missisippihaft, aber immerhin stromhaft aussieht. Vor allem in den ersten Sequenzen, die sehr dunkel und sehr braun gehalten wurden und in denen die Kamera auch eine Lebendigkeit weg vom staatstheaterlich Steifen versucht hat mit ganz leichten wie aufflackernden Bewegungen. So wird eindrücklicher ein Südstaaten-Feeling vermittelt, wozu auch Ausstattung und Maske das ihre beitragen. Umso härter trifft es einen, wenn plötzlich europäisch grüne Farben in einigen Szenen auftauchen; wie Fremdkörper wirken sie.

Was aber heutzutage leicht zu leisten wäre, nämlich mit unaufwändiger Kamera, mit unaufwändigen Lichtsetzungen, in intimer Arbeitsatmosphäre statt mit großem Stab: das sind Momente der Nähe, das wäre: die Entwicklung der beiden Flüchtlingsfiguren. Das sind Huck und der Sklave. Sie werden von Sklavenjägern und vom Vater gejagt. Da ist es heute möglich Atemberaubendes an Nähe, an psychologischen Vorgängen auf die Leinwand zu bringen. Darauf verzichtet Hermine Hundgeburth vollkommen. Ihre Inszenierung bleibt thesenhaft. Das gilt genau so für die zwei auftauchenden Schauspieler und gleichzeitig Landstreicher, die versuchen Misstrauen und Zwietracht zwischen Jim und Huck zu säen. Das bleibt grobgeschnitzt hinter den Möglichkeiten des heutigen Kinos zurück.

Wenn die Sklavenjäger länger im Bild sind, so wirken sie schnell wie Bühnentölpel. Das hätte es nicht gebraucht, die sind weder richtig lustig, noch komisch, noch bedrohlich, sie wirken vor allem bemüht – aus möglicherweise diffuser Absicht, ein nicht näher definiertes amerikanisches Kino zu erreichen. Statt sich ein paar deutsche öffentliche Figuren anzuschauen und vielleicht in so eine Figur einfließen zu lassen. Der Film ist schließlich für deutsches Publikum und garantiert nicht für den Weltmarkt gedacht, da ist er zu schwer deutsch, wenn auch deutlich weniger schwer und klotzig als der Vorgänger „Tom Sawyer“.

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

Kommen wir zum Punkt. Wir haben lange auf diesen Film gewartet. Wir waren erstaunt, als aus einem Film zwei wurden, und noch erstaunter, als aus zwei Filmen drei wurden. Es hieß, es würden noch Anhänge vom Herrn der Ringe mitverarbeitet, vielleicht auch noch Sagen aus dem Silmarillion.

Wer die Bücher kennt, der weiß um den Stilbruch. Der kleine Hobbit, das ist ein fantasievolles Kinderbuch, Der Herr der Ringe das sprachgewaltige Fundament aller Fantasy und Das Silmarillion Thomas Mann auf LSD.

Mit den Filmen haben wir dasselbe Dilemma wie mit den Star Wars-Trilogien: Sie wurden in nicht-chronologischer Reihenfolge gedreht, und bei Tolkien hat ein Großteil des Publikums nie eines der Bücher aufgeschlagen. Nun sind die Millionen geprägt von der Erwachsenenoptik und Dramaturgie der Ring-Trilogie, und erwarten im Prequel eine Fortsetzung. Der Gedanke einer Fortsetzung dahingegen beinhaltet bereits den Wunsch nach „mehr“, „stärker“, „gewaltiger“ und so weiter, doch ein Prequel behandelt die zartsprossigen Anfänge, aus denen das übrige Werk erst erwächst.

Und, man darf nicht vergessen, der kleine Hobbit ist ein Kinderbuch. Da geht es ähnlich zur Sache wie bei einem Märchen, die Welt ist stark vereinfacht, die bösen und guten Gegenden Mittelerdes scharf gegeneinander abgegrenzt, ebenso die Helden und ihre Antagonisten. Viele der erlebten Episoden, sei es die Geschichte mit den Trollen und der besten Zubereitungsart für Zwerge, oder die Goblins im Nebelgebirge oder auch die Sache mit den Spinnen, ließen sich allesamt als eigenständige Spielfilme verwirklichen. Daher habe ich mit der Länge des Films (166 Minuten) und der Tatsache, dass es eine Trilogie wird, kein Problem.

Auch versucht Peter Jackson gar nicht erst, den Herrn der Ringe neu zu drehen, und dies sei ihm hoch angerechnet. Die Welt ist eine völlig andere, die Ereignisse spielen 60 Jahre vor denen des Ringes. Mein Eindruck war, dass der Hobbit für ein deutlich jüngeres Publikum gestrickt ist, auf dass er wie ein Trichter alle möglichen jungen Seelen einfange und auf die Fantasy-Schiene setze. Und dies gelingt hervorragend. Wäre ich 15 Jahre alt und wüsste noch nichts von Rollenspielen (offline wie online), ich stünde in Flammen. Ich könnte den zweiten Teil der Trilogie kaum erwarten. Ich würde mir die Haare auf den Fußrücken wachsen lassen, so gut es geht, und barfuß laufen. In meinen Augen ist der Film großartig gelungen und absolut richtig inszeniert, wie es sich für die Vorlage gehört.

Natürlich hat man sich wieder Freiheiten genommen. Einer der Zwerge hat zum Beispiel die Reste einer Streitaxt im Kopf stecken, die er wohl in einer Schlacht abbekommen hat und die man sich nicht herauszuoperieren getraut hat. Sowas finde ich total affig und übertrieben, das kommt auch im Buch nicht vor. (Man belehre mich gegebenenfalls eines besseren!).

Man hat aber auch eigenwillige Kompromisse beim Inszenieren getroffen: Bei einer großen Schlacht zwischen Zwergen und Orks, erzählt in einer Rückblende, schwebt die Kamera über Schlachtgetümmel hin zu Thorin Eichenschild und wie er gegen den Ober-Ork kämpft. Das ist wunderbar, nur leider ist das Gekämpfe drumherum total lachhaft. Die Schläge mit Hämmern, Schwertern und Äxten sehen aus wie eine Stellprobe in Zeitlupe oder wie eine Art langsamer Tanz. Doch es spritzt kein Blut, auch gibt es keine markerschütternde Kollisionen zwischen Waffen und Gegnern. Es kann keine Zeitlupe sein, sondern es ist an dieser Stelle eine beschissene Inszenierung. Ich hätte mir Schlachten wie zu Beginn des Gladiator gewünscht, wo offenbar mit leicht verminderter Geschwindigkeit gedreht wurde, um die Bewegungen nachher etwas schneller aussehen zu lassen, und noch dazu mit extrem kurzer Belichtungszeit oder einer Stroboskop-Beleuchtung, so dass es keine Bewegungsunschärfe gibt, quasi als wäre man im Adrenalinrausch selbst dabei. Doch leider verfehlt Jackson hier die Möglichkeiten, die die Situation ihm geboten hätte, komplett.

Eine andere Sache ist das mit den 48 Frames pro Sekunde, der HFR, der High Frame Rate. Ein kurzer Ausflug in die Technik:

Film, also bewegtes Bild, ist ja nichts anderes als eine Reihe von Einzelbildern, die von einer Bewegung gemacht werden. Diese kleine Diaschau führt man dann mit derselben Geschwindigkeit vor, mit der sie aufgezeichnet wurde, und schon hat man die Illusion von Bewegung auf der Leinwand. Damit die Bilder des Filmstreifens beim Abspielen nicht einfach nur eine Farbschmiere ergeben, dürfen sie jedoch nur dann projiziert werden, wenn sie gerade stehen, also wenn der Filmstreifen nicht bewegt wird. Das heißt, wenn ein Bild durch das nachfolgende ersetzt wird, darf das Auge dies nicht mitbekommen, der Filmtransport muss unbemerkt bleiben.

Der Trick, mit dem man dies bewerkstelligt, heißt Sektorblende. Eine rotierende Scheibe mit Lücken, ähnlich einem Ventilator. Sie hat eine undurchsichtige und eine durchsichtige Hälfte und befindet sich im Inneren des Projektors zwischen Filmbild und Objektiv, und dreht sich unablässig um sich selber. Sobald die Lücke sich im Strahlengang befindet, wird das stehende Bild auf die Leinwand projiziert, kommt der undurchsichtige Flügel, wird das Filmbild um eine Position weitergeschoben, so dass das nächste Bild zur Projektion bereit steht, wenn die durchsichtige Seite wiederkommt. Für das menschliche Auge ist dies weitgehend unsichtbar: Zum einen werden die Filmbilder im Kino üblicherweise mit 24 Bildern pro Sekunde vorangetrieben, das heißt, das ganze Filmbild-Vorantreiben-Anhalten-Licht-durchschicken-und-wieder-Vorantreiben (also, der Filmtransport) geht recht zackig. Die Sektorblende dreht sich demnach 24 mal pro Sekunde um sich selbst (mit 1440 rpm also schneller als die Waschmaschine im Schleudergang), außerdem ist die Sektorblende bei Projektoren in Wirklichkeit nicht in halb und halb geteilt, sondern in sechstel, also ähnlich einer Pizza oder dem BMW-Logo, mit drei Lücken und drei undurchsichtigen Flügeln. Bei Filmkameras braucht sie dahingegen nur einen Flügel, wie die eingebettete Animation eindrucksvoll zeigt.

Tatsächlich wird im normalen Kino jedes Filmbild dreimal gezeigt, fällt also durch drei durchsichtige Sektoren der Sektorblende, bevor es weitertransportiert wird in einem der undurchsichtigen Sektoren der Sektorblende. Dadurch werden zwar nur 24 Bilder pro Sekunde gezeigt, aber es flimmert auf der Leinwand nicht mit 24 Hertz, sondern mit 3×24 Hertz, also 72 Hertz. Dieses schnellere Flimmern wird von den Zuschauern nicht mehr wahrgenommen, das langsame von 24 Hertz, gäbe es die Sektorblende mit nur zwei Sektoren, würde als sehr störend empfunden, ähnlich einer kaputten Neonröhre. Das bedeutet also, dass das reguläre Kino bereits mit 72 Hertz flimmert.

Mit der Entscheidung, mit 48 Bildern pro Sekunde zu filmen statt mit den üblichen 24, hat man weitreichende stilistische Konsequenzen zu beachten: Zum einen ist die maximal mögliche Belichtungszeit pro Filmbild nun eben 1/48 Sekunde und nicht mehr wie bisher 1/24. Das heißt also, die Belichtungszeit ist nur noch halb so lang, was nicht nur bedeutet, dass man viel intensiver beleuchten muss und dann wiederum die Konsequenzen des starken Beleuchtens kompensieren muss, um denselben Look zu haben wie im Herrn der Ringe, auch ist jede Bewegung wegen der geringeren Belichtungszeit auch weniger verwaschen, was sich natürlich klar darauf auswirkt, wie man den Film erlebt. Bei der Projektion dürften die 48 fps (Bilder pro Sekunde) technisch weniger ins Gewicht fallen, da die Zuschauer rien biologisch ja bereits an 72 Hertz-Flimmern gewohnt sind.

Der Effekt ist letztlich der, dass das Bild „realistischer“ aussieht. Durch die volldigitale Produktionsstrecke gibt es keinerlei Bildrauschen (das „Korn„, das früher bei den ersten Digitaleffekten sogar künstlich unterlegt wurde, damit die FX shots nicht so auffielen), die Menschen und Tiere auf der Leinwand sehen aus, als würden sie einem gegenüberstehen.

Ich persönlich hatte so einen Moment, als die Kamera über den glücklichen Ort Dale am Fuße des Berges Erebor fuhr, und eine Zeit zeigte, in der glückliche Menschen in einer florierenden Stadt lebten, bevor der Drache Smaug kam und alles kaputtbrannte. Nun, da fährt die Kamera so über die Straßen von Dale, und ich gucke mir die Leute an, als mir eine Marketenderin auffällt. Sie ist Mitte 50, hat eine dralle Figur, und trängt eine Art Haube oder Robe mit einem auffälligen blau schimmernden Kopfband. Sie war auf der Leinwand im Kino ungefähr so groß, als stünde sie in dieser Entfernung auf einer Bühne. Und sie hat mit einer Inbrunst ihr Glück über das schöne Leben in Dale gespielt, dass man ihr diese Statistenrolle überhaupt nicht abnehmen konnte. Mit einer übertriebenen Kopfbewegung und einem gönnerhaften Schwung ihres rechten Armes, als wäre sie Goldbeere und würde Blütenblätter streuen, sprang sie mir ins Bewusstseine, als die Kamera über sie hinwegfegt. Und mit einem Schlag bin ich völlig aus der Fantasiewelt gerissen. Denn zum einen ist sie mir durch die gute Technik viel mehr aufgefallen, als dramaturgisch sinnvoll war, zum anderen konnte man sehen, dass diese Statistin eben keine ausgebildete Schauspielerin war. Viel mehr wirkte sie so, als wäre sie nervös, dass der Drehtag bald zu Ende ginge, denn sie muss noch ihre Kinder von der Schule abholen oder als ob sie nicht sicher sei, ob sie ihr Auto draußen vor der Halle abgeschlossen hat. Plötzlich befand ich mich im Bauerntheater.

Dies ist meines Erachtens das Problem bei den 48 fps: Es sieht alles viel realistischer aus. Aber dafür muss nun eben akribisch auf Details geachtet werden, die sonst in der Bewegungsunschärfe versumpft wären. Und Ablenkung des Zuschauers, wenn man nicht auf diese Details achtet, ist nicht, was man haben will. (Ein ganz ähnliches Problem hat übrigens auch die Porno-Industrie mit der Einführung der HD-Technik erlebt. Da nun die Konsumenten Filme mit der rund 5-fachen Auflösung sehen konnten, war plötzlich jeder Pickel, jede Warze, jedes nicht so gründlich rasierte Härchen am Heiligtum der Hauptdarsteller in voller Pracht zu erkennen.)

Auch die Effekte sind nicht immer gut, muss ich sagen. Zum Beispiel gibt es ganz am Schluss eine Szene, in der sich die Schnauze des schlafenden Smaug unter dem angehäuften Gold der Zwerge rührt. Mir war es, als würden manche der Millionen von Goldstücken einfach im Nasenrücken des Drachens verschwinden, anstatt zur Seite abzurutschen, was schlechtes 3D-Rendering wäre. Auch gibt es in den Rückblenden sehr plumpe Schwerter zu sehen, die ein wenig den übertriebenen Waffen aus MMORPGs ähneln, aber ganz offenbar so leicht sind wie ein Brieföffner. Die Physik stimmt hier einfach nicht, und sowas stresst mich im Kino ganz generell.

Was ich persönlich toll finde, und was auch nur die Fans der Originalversion genießen können werden, sind Kleinigkeiten wie diese:

Die Stimme des Goblin-Königs unter dem Nebelgebirge ist niemand anders als Barry Humphries. Klingelt es? Wenn nicht, einfach mal an Dame Edna zurückdenken.

Bilbo Beutlin wird gespielt von Martin Freeman. Der Drache Smaug (aber auch der Necromancer, also Sauron) wird gesprochen von Benedict Cumberbatch. Wenn Bilbo in einem späteren Teil der Filmtrilogie auf Smaug treffen wird, treffen also wieder Dr. Watson und Sherlock Holmes aufeinander. Ich frage mich, ob es da eine Anspielung geben wird.

Wir haben also einen Film, der bewusst andere Erwartungen anspricht als die vorherrschenden, in dem durch seine verbesserte Technik inszenatorische Mängel viel deutlicher zu Tage treten als bisher, und dessen Effekte nicht perfekt sind, obwohl gerade diese es sein sollten. Das ist wohl, warum viele der Kollegen ihn nicht mögen.

Ich dahingegen fand ihn dennoch großartig, denn er bringt mich zurück in meine Jugendjahre, in denen ich den kleinen Hobbit erstmals gelesen hatte. Eine witzige Geschichte übrigens, denn meine Eltern hatten mich schon mehrfach auf das Buch hingewiesen, doch die Covergestaltung der dtv-junior-Ausgabe, die wir zuhause hatten, hat mich dermaßen abgestoßen, dass da nichts zu machen war:

Der hässliche tänzelnde Kobold oben im Bild irritierte mich, und dieser komische Drache mit den ungleichmäßigen Hörnern und den regenbogenfarbenen Insektenflügeln guckte dermaßen dämlich aus der Wäsche und wirkte mit seinem übermäßigen Unterkiefer und katzbuckelnd derart  bescheuert, dass ich für das Buch nicht zu begeistern war.

Offenbar war das Drachenwesen der kleine Hobbit, so dachte ich mir, und offenbar war sein Problem, dass er extrem klein ist, wie ja die Spinne vor ihm eindrucksvoll beweist. Und wahrscheinlich sollte dieser skurrile, armselige, barfüßige Zirkusclown oben ihm helfen und ihn unter seinem Zylinder verstecken. So mein Vorurteil.

Tatsächlich kam ich erst mit rund 15 oder 16 Jahren zum Hobbit, und das mitten auf der großen Kreuzung bei uns hier auf der Hauptstraße am S-Bahnhof. Ich war damals bei der Feuerwehr und war als Sicherheitswache für das Neubiberger Straßenfest eingeteilt. Ich stand also am westlichen Ende des Festgeländes mitten auf der Straße und bewachte die Absperrung. Meine Aufgabe war es, Verkehrsteilnehmern der Umleitung zuzuführen.

Da kamen zwei Mädels daher, etwas jünger, und zogen einen Handkarren mit Büchern. Da ich die Mädels kennenlernen wollte (in dem Alter lässt man ja keine Gelegenheit aus), fragte ich höflich, wo es denn hinginge mit den Büchern. Sie erzählten mir, dass es eine Ecke auf dem Straßenfest gäbe, wo man flohmarktmäßig Sachen verkaufen darf, und da wollten sie ihre alten Bücher loswerden. Ich fragte, ob ich denn auch mal durchsehen dürfe, ob mir vielleicht eines gefällt, ich kann hier ja leider nicht weg. (Außerdem wollte ich ja mit ihnen ins Gespräch kommen, vielleicht eine Telefonnummer und einen Namen abstauben und dann vielleicht irgendwann wilden hemmungslosen ersten Sex haben oder geliebt werden oder beides.) Nun, sie freuten sich über mein Interesse, und ich ging die Ansammlung von Büchern aller Art durch. Hierbei fiel mir The Hobbit in die Hände, und zwar in der hier gezeigten Taschenbuchausgabe.

Ich erinnerte mich an die Empfehlung meiner Eltern und musste die Sache mit dem Zirkusclown und dem kleinen Drachen revidieren. Dieser Drache hier gefiel mir, ganz besonders sogar die Totenschädel am Fuße des Schatzes. Der kleine Mann unten rechts viel mir zunächst nicht auf.

Für 50 Pfennig erstand ich das Buch, bedankte mich, und die Mädels zogen weiter (ich habe keine von beiden je wieder gesehen). Den restlichen Tag trug ich es in meinem Jackett der Ausgehuniform der Feuerwehr herum (so), und als ich es dann zu lesen begann, war ich sofort gefangen.

Den Herrn der Ringe hatten wir zuhause, aber ich war wieder sehr enttäuscht von dem meines Erachtens widerlichen Cover der grünen Box (Foto). Ich versuchte mehrmals, ihn zu lesen, starb aber vor Langeweile. Einmal schaffte ich es sogar, war aber nicht begeistert.

Erst später, als ich mir in Irland eine englische Version gekauft hatte (Foto), flutschte es. Zumal Irland auch eine ziemlich ideale Leseumgebung für solche Romane ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Hobbit lohnt sich.

Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld

Diesen Film müsste man sicher noch ein zweites Mal unter die Lupe nehmen, um den ersten Eindruck zu bestätigen oder auch zu verwerfen: Miguel Gomez, der Regisseur, der mit Marian Ricardo auch das Drehbuch geschrieben hat, nimmt ein Stück portugiesischer Gegenwart genauer in Augenschein, um erstaunliche Spuren längst vergangen und vergessen geglaubten Kolonialismus vorzufinden. Wobei das nur die eine Sache ist. Die andere ist eine ziemlich unglaubliche Liebesgeschichte, die vor Zeiten am Fuße des Berges Tabu sich abgespielt hat. Wobei der Begriff „Tabu“ im Titel sicher auch filmgeschichtlich ein Stück weit abgesichert ist, wenn sich der Film auch nicht als ausdrückliche Hommage an F.W. Murnaus gleichnamigen Film zu erkennen gibt.

Zuerst glaubt man sich im falschen Film. In quadratischem Leinwandformat und in ganz simpler schwarz-weiß Machart, erinnernd an frühe Ethnofilme, werden wir Zeuge einer Geschichte eines Weißen in Afrika, ein Europäer, der aus verzweifelter Liebe das Abenteuer in Afrika sucht. Das war aber kein Vorfilm im Sinne eines Vorfilmes, das war eine Kinovorführung, in der unsere erste Hauptfigur, Pilar, gespielt von Teresa Madruga, als Zuschauerin sitzt.

Bald erfahren wir über Pilar, dass sie eine sozial engagierte Frau ist, auch politisch engagiert in Schweigeminuten und Protestdemos gegen Krieg, für Frieden, gegen Ungerechtigkeit; sie ist religiös, selbst während der Schweigeminute spricht sie pausenlos improvisierte Gebete. Sie hat Verständnis für ihre extravagante, exzentrische Nachbarin, eine durchgeknallt wirkende ältere Dame, Aurora, mit einer schwarzen Haushilfe, Santa.

Aurora hat eben in einem Spielcasino ihr ganzes Geld verjubelt und kann sich nicht mal mehr die Rückfahrt nach Hause leisten. Die gütige, religiöse Pilar holt sie zusammen mit Santa ab. Über Santa gibt’s eine schöne kleine Seitengeschichte, wie sie in einer Gruppe mitmacht von Leuten, die sich helfen wollen, und wie sie jetzt ein Buch gefunden hat, das sie inspiriert und das sie gerne liest: Robinson Crusoe. Während Dona Aurora eine Spielsüchtige ist, extravagant bis dort hinaus, von behaarten Männern und Krokodilen träumt und die halbe Welt als verhext ansieht.

Und auch Pilar hat ihre kleine Liebesgeschichte laufen, mit einem Veteranen, der jetzt Maler ist. In ihrer Wohnung hängt ein Bild von ihm. Das behagt der extravaganten Nachbarin nicht, so tauscht Pilar es aus. Mit ihrem Freund nimmt sie unter anderem an einer Höhlenbesichtigung teil. Dieser Freund hat etwas gegen die Taizé-Leute (eine Anhängerin aus Polen wollte Pilar besuchen und hat sie versetzt) er meint, die Taizé-Leute stopften sich mit Puddingtörtchen voll.

Der Film ist in zwei Teile unterteilt.
Der erste spielt im heutigen Portugal und erzählt die Nachbarschaftsgeschichte von Aurora und Pilar bis zum Tode von Aurora, die noch einen letzten Wunsch hatte. Die Zwischentitel geben einzelne Tage an, beginnend mit dem 29. Dezember und sie gehen bis zum 3. Januar. Da ist Aurora schon tot. Somit Grund, in die Vergangenheit von Aurora zu tauchen, dem letzten Wunsch von Aurora nachzugehen, recht Überraschendes mit jetzt einer jüngeren Darstellerin als Aurora, zu zeigen.

Der zweite Teil ist überschrieben mit „Paradies“, Afrika. Eine traumschöne, extraprivilegierte Kolonialzeit-Jugend. Der Film wird weiterhin in diesem quadratischen Schwarz-Weiß gezeigt. Aber statt einer Unterteilung in Tage, sind jetzt einer Reihe von Folgemonaten, die sich der Film vornimmt, zeitmaßsetzend.

Aurora war eine Berühmtheit in Afrika, sie war die beste Großwildjägerin. Dieser zweite Teil wird jetzt aus der Sicht von Ventura erzählt, den Pilar, allerdings zu spät, für Aurora als letzten Wunsch ausfindig gemacht hatte. Ihn sehen wir in diesem zweiten Teil als attraktiven jungen Mann mit Schnauzer, Weltfilmkaliber, der keine Frauenkost verachtet, aber mit der verheirateten Aurora war es wohl was ganz Besonderes.

Aurora war mit einem Teefabrikanten verheiratet und bereits schwanger, wie das unbändige Verhältnis zu Ventura in Gang kam, mit wilden Poolparties und einem kleinen Krokodil, mit einer weiteren abenteuerlichen Figur, Mario, einem, dem das Priestertum nicht lag und der dafür eine Band gegründet hat, die immer wieder für schöne Einlagen sorgt.

Ganz nebenbei erfährt man von Massakern, die verübt worden seien, von einer Erhitzung der politischen Lage. Nur kann das das Liebesabenteuer zwischen Ventura und Aurora nicht bremsen. Und lässt dieses Liebesverhältnis mit fortschreitender Schwangerschaft zum immer wahnwitzigeren Alptraum werden.

Miguel Gomez inszeniert das mit trefflich-treffsicherer Hand und so, als wären es Dokumentaraufnahmen aus jener Zeit, wobei er nebst den menschlichen Abgründen das Paradiesische am kolonialistischen Afrika nicht zu kurz kommen lässt.

Ein Film, den man auch ohne Probleme an „Tagen des ethnologischen Filmes“ zeigen könnte, so wahrhaftig scheint er trotz aller Alptraumhaftigkeit. Ein Film der eine überraschende, schmerzhafte Verbindung zwischen dem Heute und dem Kolonialismus, dem vergangen geglaubten, herstellt.

Stille Seelen

So still sind diese russischen Seelen dann doch wieder nicht, wie der Titel vorgibt. Das ist vielleicht Intention und Grundwiderspruch, dieses sehr gefühlvoll und gefühlhaft inszenierten und gefilmten Filmes von Aleksei Fedorchenko.

Denn der Westen hat sozusagen eine Art Kulturfolklorebild von der russischen Seele und die Frage ist, ob der Autor und Regisseur hier dem Westen sein Bild, auch von öder Skurrilität russischer Kultur, bestätigen will, ob er mit diesem Film auf den Erfolg in westlichen Festivals schielt, denn für den normalen Kinobetrieb dürfte das Interesse nicht allzu groß werden.

Obwohl der Film auch ein als persönlicher Film daher kommt. Die Hauptfigur, Aist, ein Mann in besten Jahren, offenbar Fotograf in einer Druckerei, so lernen wir ihn bald schon kennen, ist selber Sohn eines Kauzes wie er sagt – Aist ist der Haupterzähler, oft in Voice-Over, der selbst sich als Autor sieht und in einem merkwürdigen Ritual einsten, als Aist noch ein kleiner Junge war, die Schreibmaschine, nachdem sie auf einem Schlitten dorthin verfrachtet worden ist, in einem Eisloch eines zugefrorenen Flusses versenkt hatte.

Aber bevor wir das alles erfahren hat Aist vielleicht in Vorahnung, was in diesem Film auf ihn zukommen würde, zwei Spatzen in einem Käfig gekauft. Die werden treue Begleiter auf unserem bevorstehendem Roadmovie mit Leiche durch Russland werden – und sie werden immer, vielleicht etwas zu oft, auch den französischen Film-Noir erinnern, der eiskalte Engel mit Delon, da war so ein Vogel in einem Käfig einprägsam fotografiert wie selten seither.

Aist ist gerade dabei, in der Druckerei, in der er arbeitet, Fotos von den beschäftigten Damen, Gebrauchs-Portraitfotos zu schießen, wie er zum Chef gerufen wird. Der heißt Miron und ihm ist eben die Frau gestorben. Die möchte er nun nach einem rätselhaften Ritual oder einer mystischen Sage gemäß an der Oka verbrennen und die Kultur heißt im Film die aussterbende Merja-Kultur.

Den Begriff findet man googelnder Weise nur im Zusammenhang mit diesem Film. Selbstverständlich zeigt sich Aist bereit, mitzufahren. Und da russische Seele viel Zeit hat, wird erst, fast wie eine Performance, die Leichenwaschung gezeigt, ein schön weichrunder Frauenkörper mit langem Haar, nicht unbedingt aufregende Schönheit, aber sicher anschmiegsame Molligkeit, dann wird sie geschmückt wie eine Braut, Fäden in die Schamhaare geknüpft, denn bei der Hochzeit passiert das auch und am nächsten Tag hängt der Bräutigam sie an eine Erle, also die Fäden.

Dann fahren die beiden Männer mit der toten Tanja los. Aist nimmt noch den Käfig mit den Spatzen mit. Die Erzählung schreitet gemächlich und langsam voran. Das vereinnahmt einen durchaus für solche Filme, die sich nicht überstürzen. Bei einem Stopp werden jede Menge hölzerne Axtstiele und Werkzeugstiele gekauft. Man fährt an einem Unfall vorbei, dem Polizisten braucht man nicht zu erklären, was man vorhat. Die Spatzen lassen ihn erraten, was die beiden Männer vorhaben.

Miron erklärt Aist, dass der Kosename seiner Frau gleich sei wie der für die Spatzen. Auch schön symbolisch. Er erzählt, wie er mit 40 sie als 17 jährige geheiratet hat. Wir sehen Bilder von seinem 50. Geburtstag, wie der Chor der Arbeiter ein absurdes Lied darüber singt, dass ich zum Apotheker gegangen sei und dann werden jede Menge Kräuter aufgezählt, im Lied, und dass der Sänger die zuhause gekocht habe. Miron erzählt, dass er bei der ersten Liebesnacht sie mit Wodka gewaschen habe, dass alle ihre drei Löcher wunderbar funktioniert hätten, dass sie alles mit sich habe machen lassen.

Roadmovie mit Frauenleiche und russischer Seelenfolklore.

Nach der Verbrennung und der Rückkehr, vergnügen sich Miron und Aist mit den beiden Freudenmädchen Julia und Rimma, denn die Körper der Frauen sind wie Flüsse und sie tragen das Leid weg.

Apparition

Das Schönste an diesem Film ist der Abspann. Zwischen den Titeln sind immer wieder faszinierende Bildimprovisationen ausgehend von Stromautobahnen, wie sie in Deutschland dringend gebaut werden müssen (um die Energie von den Windparks in der Nordsee in den industrialisierten Süden zu transportieren) mit elektrischen Erscheinungen, erinnernd an die fantastischen abstrakten Bildspielereien eines Walter Ruttmann.

Der Abspann ist aber nicht nur das Schönste an diesem Film. Er ist auch gleichzeitig das Traurigste. Das sind die vielen deutschen Namen vor allem in den technischen Departments dieses Horrorfilmes von Todd Lincoln. Denn alle Innenraumszenen in dem mit geistigen Energien überquellenden Geisterhaus wurden in Babelsberg gedreht.

Diese Energien stammen aus einem misslungen Versuch von Studenten, das parapsychologische Coches-Experiment von 1974 nachzustellen. Bei diesem Versuch soll mittels Transmittern aus der geistigen Energie von vier Menschen diejenige von vier Tausend werden.

Zum Traurigen in diesem Abspann gehört aber auch, dass der Deutsche Filmförderfonds (ich hoffe ich habe richtig gelesen) und die FFA Geld zugeschossen haben, zu diesem nicht unbedingt erstklassigen, amerikanischen Horrorfilm (der zwar ein interessantes Thema zur Grundlage hat).

An diesem Film kann man also wunderbar studieren, wie German Money wieder zu Stupid German Money wird, wie German Money in drittklassiges Hollywodd transmittiert wird, denn statt dass deutsches Geld in den Aufbau einer maßgeblichen deutschen Filmkultur zu stecken, die wiederum bemerkenswerte Teile der Finanzierung mit Auslandsverkäufen reinholen könnte, wird es in einen Film gesteckt, in dem junge amerikanische Schauspieler auch nichts dafür können, dass die Drehbuchbearbeitung ihnen nicht mehr Futter gegeben hat; dass sie ellenlang nur langweiliges junges Paar in einem großzügigen Haus in einer bis auf eine Nachbarsfamilie leerstehenden amerikanischen Siedlung fernbab der Menschheit in einer Wüstenei und überzogen mit Starkstromüberlandleitungen spielen müssen. Plus Einkaufen im Supermarkt und den Nachbarshund und den Nachbarn begrüssen und warten, warten, bis endlich die Horrorphänomene sich bemerkbar machen.

Sie sind Studenten, soviel wissen wir. Dafür wohnen sie sehr komfortabel. Studio Babelsberg wird dann eins nach dem anderen vorführen, mit welchen Special Effects für Horror in einem Innenraum und wie mit nicht immer vorteilhafter Beleuchtung (zum Beispiel, wenn der Junge mit dem Besen gegen das Gewächs an der Zimmerdecke kämpft) sie dienen können.

In der ersten Szene, die in Berlin gedreht wurde, trägt der Junge übrigens ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Bauhaus“. Wenn man das mit Babelsberg weiß, so denkt man unwillkürlich weiter, dass diese beiden Schauspieler nun irgendwo in Berlin in einem Hotel untergebracht sind, in einer fremden Stadt, ohne Freunde, ohne soziales Netz und dann aus dieser Einsamkeit heraus diese Horrorszenen in diesem Babelsberger Studio-Innenraum spielen müssen. So besehen tut ihre Einsamkeit direkt weh. Und verbreitet Horror. Erst recht wenn das Mädchen szenenlang im züchtigen Négligé im Horroraum herumstehen muss.

Große Erwartungen

Der Titel des Filmes verleitet zum Spiel mit dem Schüren von Erwartungen. Und die sind nicht gering. Eine Geschichte nach Charles Dickens. Erwartung: großes episches Kino. Diese Erwartung wird noch durch eine filmgeschichtliche Erinnerung ins Unermessliche gesteigert: David Lean hat den Stoff 1946 in schwarz-weiß atemberaubend verfilmt, in der deutschen Übersetzung als „Geheimnisvolle Erbschaft“ betitelt.

Da solches kaum zu toppen ist, schrauben wir unsere Erwartung lieber ein bisschen runter. Die Namen von Stars wie Helena Bonham Carter und Ralph Fiennes geben den Rahmen für eine realistische Erwartungshaltung vor. Und das ist ja auch nicht wenig. Der Regisseur, Mike Newell, ist ein Routinier mit über 80 Titeln in der IMDb, darunter „Harry Potter“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, während der Drehbuchautor mit 13 Titeln, vor allem im Fernsehen zu IMDb-Buche schlägt. Also sollte man die Erwartung „großes episches“ Kino gleich mit Einschränkungen versehen.

Die erste Szene lässt die epische Erwartung noch am Leben. Der Bub Pip, der vom Hufschmied Magwitch aufgezogen wird, rennt durch eine weite englische Marschlandschaft auf einen Friedhof zu. Aber kaum ist er am Grab seiner Eltern, ist es vorbei mit Epik. Jetzt setzt eine recht unkontrollierte Wackelkamera ein, Videokamera scheint es, die viel zu nah gleich die Szene aufnimmt, wie der Bub von einem entflohenen Schiffshäftling, der noch in Ketten ist, erpresst wird, ihm am nächsten Morgen Nahrungsmittel und eine Feile auf den Friedhof zu bringen.

Wieder kurz Epik mit dem Buben auf dem Weg durch die Marschen nach Hause. Dann gleich wieder Wackelkamerahektik beim Buben zuhause und dazu noch outriertes Spiel seiner Schwester, wie sie ihn mit Stockschlägen traktiert.

Am nächsten Morgen in der Früh bringt Pip, so wird der Bub genannt, dem Häftling das Essen und die Feile. Pip rennt wieder zurück. Noch bevor jemand den Diebstahl bemerken kann, ist schon die Polizei vor Ort, deren Uniformstoff wird das einzig herzerwärmende Rot im ganzen Film bleiben; ansonsten ein Look wie ausgebleicht des in grün-rot-blau-grau gehaltenen Films. Die museal kostümierten Gesetzesschützer suchen die Ausbrecher (es war noch ein zweiter in der Nähe). Bald wird der den Buben bedroht hat gefasst und erklärt von sich aus, er selbst habe diese Dinge im Haus des Schmiedes gestohlen. Dabei mustert er den Jungen, der schier stirbt vor Angst entdeckt zu werden, mit einen langen, sinnigen Blick.

In der Nähe wohnt in einer verwunschenen Villa ein exzentrische Alte, gespielt von Helena Bonham Carter, Miss Havisham, die sie, da sie viel zu jung ist für die Alte, mit bewundernswerten Commedia-del-Arte-Impulsen gibt. Sie hat ein kleines Töchterchen und bestellt Pip, er solle mit ihr spielen. Denn die Alte hat seit 26 Jahren das Tageslicht nicht mehr gesehen; es kann sich nur um eine Liebesgeschichte handeln.

Es erfolgt ein zeitlicher Schnitt in der Geschichte. Der Bub ist jetzt ein junger Mann und ein Anwalt aus London, der von einem mit vielen Schauspielwassern gewaschenen Routinier gespielt wird, Robbie Coltrane als Mr. Jaggers, bringt ihm die geheimnisvolle Botschaft, dass er Erbe eines großen Vermögens sei. Bedingung zur Annahme: er muss seinen Namen Pip behalten und sich in London Manieren beibringen.

Jetzt ist das immer so eine Sache in einem Film, wenn eine Figur in verschiedenen Lebensaltern von verschiedenen Darstellern verkörpert wird. Selten sind sie alle gleichwertig. Hier zum Beispiel überzeugt der junge Pip mit einer verhalten schauenden Unschuld, mit jeglicher Abwesenheit eines sichtbaren Bedürfnisses, sich irgendwie in Szene setzen zu wollen. Dem Darsteller des erwachsenen Pip nun, Jeremy Irvine, fehlt vollkommen dieses Schauen, dieses sich wie von außen in die Dinge Hineindenken des Jungen. Äußerlich ist es hier nicht so ein Problem. Schwieriger aber wird es durch diese Differenz, die Entwicklung zum playboyhaften Großstadtmenschen glaubwürdig zu machen. Verkomplizierter wird die Geschichte zusätzlich durch das Drehbuch, das die weiteren Verwicklungen diverser geheimnisvoller Beziehungen und vor allem die Lösung für den Zuschauer in wenigen Dialogsätzen kurz erklärt. Wenn man da auch nur einem Moment durch etwas abgelenkt ist, so ist es schwierig, die Zusammenhänge der Agierenden, ihre Motive, ihre Schulden, Sünden oder Guthaben, ihre Ansprüche noch zu verstehen. Nein, in dieser Dickens-Verfilmung gilt am Eingang: lass alle Erwartungen fallen. Dann kommst du vielleicht doch noch ganz angeregt auf deine Rechnung.

Die Regie führte Mike Newell nach einem Drehbuch von David Nicholls, dem die Geschichte von Charles Dickens zugrunde lag.

Lola gegen den Rest der Welt

Das uralte und immer und immer wieder aufregende Spiel zwischen den Geschlechtern, wer passt zu wem, hier ganz munter neu aufgelegt und arrangiert um die wunderbar natürliche Greta Gerwig im Rahmen von modernen, intellektuellen Life-Style-Elementen.

Greta Gerwig, die vor kurzem erst von Woody Allen durch eine Besetzung in seinem Rom-Film als Schauspielerin quasi geadelt wurde, spielt Lola, die sich gegen den Rest der Welt gestellt sieht. Da passt der Uranus hervorragend zum Themenbereich. Obwohl sie gar nicht von sich aus die Beziehung zu Luke abbricht. Die beiden stehen kurz vor der Hochzeit. Da kriegt er die Panik und wirft hin. Lola ist emotional am Boden zerstört. Sie braucht jetzt den Uranus, um mit der Situation klar zu kommen. Sie kann wieder in der Kneipe ihrer Mutter arbeiten. Die Eltern unterstützen sie sowieso. Sie ist dabei ihre Doktorarbeit zu schreiben; es soll darin um die Stille und die Ruhe in Medien und Popkultur gehen, genauer gesagt, um die Angst davor. Ausgerechnet vor der mündlichen Prüfung zu ihrer Arbeit stellt sich ihr Abtrünniger in den Weg, windelweich, jämmerlich, frustriert von seiner kopflosen Absage-Aktion.

Luke hat einen Freund, Henry, ein lockiger Vertreter der Popkultur, der in einer Band spielt und singt. Vielleicht könnte man ja mehr als nur Freunde sein. Aber da ist die Freundin Alice von Lola, die auch auf den Geschmack kommt und hinterrücks mit Henry anbandelt. Aber es gibt da auch den Architekten, der Gefängnisse entwirft, den lernt Lola in einem Fischladen kennen und lässt sich von ihm, obwohl sie gar nicht disponiert ist, zu einem Abendessen einladen. Später erschrickt sie ob seinem riesigen Pimmel (was Nick, so heißt der Gefängnisarchitekt, darauf zurückführt, dass er ein Brutkastenbaby gewesen sei). Ohne Kondom. Und sie vertraut seinen Worten, dass er gesund sei. Denn Lola hat sich nach dem Tiefpunkt uranisch fürs Leben entschieden.

An einer Stelle aber setzt sie auch Zeit für ihre Stimmung ein, indem sie darauf besteht, dass sie, weil sie deprimiert ist, auch Zeit zum Trauern haben möchte.

Trotzdem interessiert sie das Leben. Sie lässt sich überreden zu einem Theaterbesuch bei der Experimentierbühne „Progrom“. Was da zu sehen ist, das ist eine Mischung aus gruselig und dadaistisch bis Taubstummentheater; ein Stück was vorgeblich Metaphern zum Thema Genitalverstümmelung der Frau darstelle; die Kollegin die mitspielt, fragt nach der Gestaltung ihrer Rolle, sie bietet an, sie könnte beispielsweise mehr „Kongo“ einfließen lassen.

Ein Aufmunterer in einer schwierigen Situation für Lola ist der Grasspray, den Alice in Chinatown gekauft habe und in der Möse im Flugzeug geschmuggelt hat.

Die Mutter empfiehlt ihrer Tochter, doch die Eier einfrieren zu lassen, eben just aus dem Grund, weil sie jetzt in der Krise ist.
Weiterer Ratschlag an Lola: Finde Deine spirituelle Bestie und reite sie bis der Schwanz abfällt.

Das zwiespältige Verhältnis zu Luke, der einerseits gut sei aber eben auch nicht gut für Lola.

Schöne Beschreibung des unruhigen Zustandes von Lola: das Gehirn arbeitet wie ein unfähiger DJ.

Auch die Hypnose-Sitzung lässt sie nicht aus.

Zentrum des Filmes ist Gerwigs Vitalität in allen Ausfaltungen von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt; sie kann hier die ganze Gefühlsskala ausspielen und sie tut es mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Lockerheit. Schade nur, dass ihre Mitspieler nicht nach dem Gesichtspunkt ähnlicher Spielleichtigkeit und Spielfreude ausgesucht worden sind; entweder weil es sie kaum gibt oder um Greta Gerwig umso mehr leuchten zu lassen? So wird jedenfalls ihre Einsamkeit nur noch sichtbarer. Sie spielt diese einsame Seele, die nur Ruhe haben möchte (und zum Glück dauert’s bis zum nächsten Uranus 29 Jahre), so überzeugend, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass sie in ihrem Privatleben eine Liaison habe könnte.

So hat Deryl Wein, der das Buch geschrieben und die Regie geführt hat, uns einen herrlichen Greta-Gerwig Film beschert; der für die Darstellerin hoffentlich Sprungbrett zu weiteren das Gemüt erlabenden Rollen werden wird.

Aber Vorsicht mit den Frauen. Sie ist auch undurchdringlich bei allem Lachen und Lächeln, bei allem aufmerksamen Mustern ihrer Gegenüber.

Zumindest ein magazinhaft bunt gelungener Lebenshilfefilm mit einer fabelhaften Protatgonistin.