Archiv der Kategorie: Review

Beerland

In dieser nicht ganz todernsten Dokumentation macht sich der Amerikaner Matt Sweetwood quer durch Deutschlands Geographie und die Geschichte auf die Suche nach der Bierkultur. Wo es ihm gefällt, verweilt er, wo nicht, fasst er sich kürzer. Die Neugier wurde geweckt durch einen Besuch seiner Eltern.

Das Fazit seiner Reise: Bier schafft ein Vertrauen zu den Menschen, so dass sie intimste Details auszutauschen beginnen. Eine Szene an der Ostsee im Watt illustriert das. Zwei Paar Schuhe Schuhe flankieren die tiefstehende Kamera. In die Ferne gehen der Filmemacher und sein Biervertrauter. Und jetzt kommt sie, die intimste Frage, die man sonst nie stellen würde: welche Schuhgröße hast Du? Soviel zur Intimität, die Bier herzustellen in der Lage ist.

Matt bringt viele kulturunterschiedsrelevante Plaudereien. Denn in Amerika ist Bier erst ab 21 erlaubt, zumindest in Mississippi, wo er her kommt. Der Jugendliche, der Bier trinken will, macht sich dort strafbar.

Schon Tacitus, das erfährt Matt, hat sich über die Bierkultur der Germanen gewundert und sei zum Schluss gekommen, dass die Germanen am ehesten mit Bier zu besiegen seien.

Schwer zu lernen für Matt war, dass man beim Anstoßen sich in die Augen schauen muss. Am Ende wird er selbst in Wildeshausen in die Bier- und Schützengilde aufgenommen. Ein großer, kostümierter Tag in der Ortschaft. Es sind aber auch Pazifisten in der Gilde, die nach dem zweiten Weltkrieg gegründet worden ist, weil die Deutschen nicht mehr bewaffnet sein durften.

Es gibt Trouvaillen zu entdecken. Herr Buch im Fränkischen, der sein Leben lang Dioramen malte und Zinnfiguren herstellt, die einen Bezug zu Herstellung und Genuss von Bier haben. Die unzähligen Arten von Bier. Selbstbrauer. Ein Bierweg mit einer Karte zum Stempelsammeln an jeder Station. Das Thema Stammtisch und Karneval in Köln, da muss er lernen „Kammellen“ und „Sträußchen“ zu rufen. Oder das Oktoberfest, wo Matts Mutter sich zum ersten Mal im Leben vollkommen bedeutungslos vorkommt.

Bierkultur in Zinn. Oder das Rennen mit motorisierten Bierkisten. Der Bierkrieg in Dorfen, der jetzt als Theater aufgeführt wird. Bamberg, die Stadt mit der größten Brauereidichte der Welt, eine Brauerei auf 151 Einwohner. Der Brauereistern, ein Vorgänger des Judensterns.

Aufgelockert wird der Bericht durch animierte alte und neue Bierwerbung. Hopfenernte, Hopfenkönige, nebst Spargel- und Kartoffelkönigen. Wandervögel, die den Bierweg machen; überhaupt beeindruckt Matt das Singen im Zusammenhang mit dem Trinken, das allüberall vorkommt.

Eine wichtige Erkenntnis ganz nebenbei: Linde, was heute eine Weltfirma und führend in Kältetechnik ist, verdanke ihre Gründung Carl von Lindes Erfindung des Kühlschranks, um das Eis, was für den Brauprozess nötig ist, nicht mehr von unendlich weit her antransportieren zu müssen.

Ein Film, der zumindest jedem Biermuseum in Deutschland als Dauerschlaufe gut anstehen würde.

The Broken Circle

Ein merkwürdiger Kinomix aus Country-Sänger-Ballade und Kindertumorfilm, der vermutlich nicht so schnell Nachahmer finden dürfte, denn die beiden Elemente vertragen sich nur teilweise gut; als erschwerende Grundzutat kommt allerdings hinzu, dass der Film die Adaption eines monologlastigen Theaterstückes von Johan Heldenberg ist.

Genau dieser Moment im Film, wo unser Held Didier, ein Prachtsbild von sinnlichem, hengsthaftem, robustem Mann und auch Banjo-Spieler in einer Country-Band zugleich, zum großen Monolog über genetische Analysen von Kindern, Früherkennung und gegen die Schwangerschaftspolitik der katholischen Kirche anhebt, und das mitten in einem Konzert der erfolgreichen Band, da wirkt das vollkommen neben der Kappe, was es einerseits auch sein soll, aber auch als totaler Fremdkörper nicht nur im Konzert, sondern auch im Film.

Es gibt eine ähnliche Situation, wie sich das Paar, Didier und Elise wie auf dem Theater streiten. Anlass ist jedes Mal der unverdaute Tod ihres Kindes, das an Krebs gestorben ist, denn die Chemotherapie ist noch nicht so weit. Und der Wissenschaft sind bezüglich Experimenten die Hände gefesselt. Auch wegen der Kirche, daher der Ausbruch von Didier.

Dabei wurde unser Traumpaar so berührend, so sinnlich, so kinematographisch ergreifend geschildert. Wie er sie kennenlernt in ihrem Tattoo-Geschäft. Wie sie gleich preisgibt, welches Tattoo an welchen Liebhaber erinnert. Dass sie aber auch Namen wieder überschreiben könne.

Es funkt zwischen den beiden auf den ersten Blick. Er wohnt romantisch auf dem Land neben einem nicht mehr ganz intakten Haus in einem Wohnwagen. Er erzählt ihr, warum er ausgerechnet Banjo spielt. Bald schon singt sie in der Band als Lead-Sängerin. Auf ihrem Karriereweg kleiden sich die Musiker und die Sängerin eines Tages ganz in Weiß und füllen später im Film schon gewaltig große Hallen.

Das heftige, kaum zu bändigende Liebesleben von Didier und Elise zeitigt schnell Folgen. Ein Kind ist unterwegs. Maybell. Er ist nicht begeistert davon. Spielt trotzdem bald den kümmernden Vater und baut für die zu erwartende Familie das Haus aus und sogar eine Veranda. Die auf den ersten Blick Elise nicht gefällt. Er korrigiert sich und meint, das sei eben eine Terranda. Glück mit dem Kind.

Allerdings fliegen schwarze Vögel, Krähen oder Raben, immer wieder in die Scheibe. Nach einigen Jahren wird das Kind krank. Muss in den Spital. Kann nach Hause. Der Zustand verschlechtert sich wieder.

Nach etwa einer Filmstunde ist Maybell tot. Ein harter Schlag. Das macht Felix van Groeningen, der mit Carl Joos auch das Drehbuch geschrieben hat, so hart, dass man sich wirklich fragt, wie will er den Film, der bis jetzt schon diesen Mix aus Aktualität und Rückblende eingesetzt hat, noch aus seinem Country-Groove herauslotsen.

Aber der Geist des Zuschauers arbeitet mit. Wie würden solche Gemütsmenschen, als welcher vor allem Didier vorgestellt worden ist, mit so einem Todesfall, der ein Loch nicht nur in die Beziehung von Didier und Elise, sondern auch in den Film reißt, umgehen? Denn soviel ist klar und das stellen sie auch fest, weiter wie bisher, weiter mit lustig kann es nicht gehen. Statt nun aber eine konsequente Lösung zu suchen (die vermutlich über den Weg einer gründlicheren Analyse der Charaktere führen müsste) kapriziert sich der Filmemacher auf theatralisch und zu laut und zu künstlich vorgetragene Texte aus dem Theaterstück. Vermeidet so zwar die Kippe zum Melodram, es hätte ein wunderschönes werden können, aber kann mit diesem oben erwähnten Mix auch nicht recht befriedigen. Was vielleicht auch eine Konsequenz davon ist, dass Groeningen sich bei seiner Drehbuchbearbeitung nicht eindeutig für einen Protagonisten entscheiden konnte.

Side Effects

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ – oder Herrn Soderbergh.

Wobei Steven Soderbergh, der hier ein ausgezeichnet recherchiertes Drehbuch von Scott Z. Burns verfilmt, nun gewiss keinen Gesundheits-Ratgeber-Film macht. Es sei denn, man weitet den Begriff Gesundheit ins Seelische aus, ins Humane, was ist der Mensch, was macht ihn gesund. Gibt es wirklich so hintertriebene Menschen, die dabei noch so hübsch und unschuldig opferhaft ausschauen wie Rooney Mara als Emily Taylor, die als weibliche Hauptdarstellerin den Film trägt?

„Side Effects“ sind Nebenwirkungen. Es sind die Nebenwirkungen von Medikamenten gemeint, von Psychopharmaka, beispielsweise von „Ablixia“, und zwar Nebenwirkungen, darum interessiert sich Soderbergh für das Thema, von denen wir braven Bürger und eventuell nur halbausgebufften Kinoprofis nicht zu träumen wagten.

Auch wenn der Film erst mal aussieht, als wolle er eine von Soderberghs kleinen Fingerübungen werden, der sich des Themas Psychopharmaka annimmt, wie ein Mensch mit Depressionen seine Umgebung in Schwierigkeiten bringen kann, sogar den behandelnden Arzt, hier Jude Law als Dr. Jonathan Banks, der wiederum auf seine Weise die den Film tragende Hauptdarstellerin trägt. Ein Kunstwerk wie ein Paartanz.

Allerdings wäre es wiederum zu wenig für Soderbergh, nur diese Depression zu schildern. Sie wird begründet als Folge der Finanzkrise. Der Mann von Emily, oft nur M. genannt, war im Zuge der Börsenkrise im Knast gelandet, hat Job und Vermögen und Ansehen eingebüßt. Das ist Emily nicht gut bekommen. Sie ist in eine Depression verfallen.

Sie hatte allerdings vorher schon solche Probleme. Ihr damaliger Arzt war Dr. Victoria Siebert, eine recht taffe Frau und Psychiatrin gespielt mit maskenhaft-abweisendem Gesicht (und gerne auch Sonnenbrille davor) von Catherine Zeta-Jones. Da könnte ein Clinch zwischen zwei Psychiatern in der Luft liegen. Aber auch das wäre noch zu wenig für Soderbergh.

In dieses raffinierte Gespinst aus Depression, Börsenverwicklungen, Nebeneffekten von Psychopharmaka, einer Liebe, die durch einen Karriereknick des Mannes und sein Entlassung aus der Haft auf die Probe gestellt wird (der Mann von Emily musste wegen Insiderhandels einsitzen und wird anfangs des Filmes aus dem Knast entlassen), Hickhack zwischen Psychiatern und auch noch einem Mordfall, über den hier nichts weiter ausgeplaudert werden soll, kommen hinzu die Praktiken der Pharmazeutischen Industrie, die für eine „Pharma-Studie“ für einen Arzt gut und gerne 50’000 Dollar springen lässt. In all dem stochert Soderbergh nun vergnüglich mit pointierter Bildsetzung herum, als ob es ihn immer wieder von neuem selbst verwundere, wozu doch Menschen alles fähig sind.

Diese Stocherei in so einem verwickelten menschlichen Gespinst aus Misstrauen, Abhängigkeiten und Falschheiten wird von Soderbergh mit ganz leichtem, souveränem cineastischen Pinselstrich auf die Leinwand gebracht. Eine der Nebenwirkungen, die hier eine Rolle spielen, ist übrigens das Schlafwandeln. Soderbergh jedenfalls entwirft solche typischen „Zwischendurch-Filme“ mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Location: Ward Island Forensic Psychiatric Clinic. Gramercy Hospital Depression Facility.
Was ist NGRI? National Geophysic Research Institute.

Ein kleiner signifikanter schöner Effekt, eine weitere Nebenwirkung: wie John in einer Bar einen Schluck aus seinem Glas nimmt, spiegelt sich ganz kurz als merkwürdiger roter Punkt auf der Glasunterseite Rot von einem Hintergrundlicht. Ein kleiner Effekt. Ein Nebenbei-Effekt im Side-Effect. Oder wie der rote Punkt bei einer Vernissage: gekauft!

Scary Movie 5

Vorgekautes für feierabendmüde Werktätige.

Jody und Dan haben zu viele neue und neuere Horrorfilme geschaut. Die haben nun ihr Leben durcheinandergebracht. Ihr Leben in einem Setting und mit Szenen, die bestimmt wurden durch den Scary-Movie-Franchise-Humor. Mit dem wollten Hollywood-Produzenten vor allem eines: Geld verdienen.

Es läuft natürlich umgekehrt. Hollywood-Produzenten wollten mit wenig Aufwand viel Geld verdienen. Sie dachten sich, wenn die Leute wissen, was sie zu sehen kriegen, dann gehen sie auch ins Kino. Dann strengt das Kino nicht so sehr an und die Zuschauer wissen, dass sie lachen sollen. Und wenn wir behaupten, wir parodieren die neuesten und neuen Horrostreifen, so werden die Leute das auch pflichtschuldigst lustig finden, selbst wenn diese „Parodien“ nur schlecht nachgemachte Szenenauszüge sind und wenn der Humor vor allem damit Qualität zu erlangen sucht, dass er immer noch das Niveau unter der Gürtellinie, das von Eiern und Schwänzen bedient und vielleicht mal einen brennenden Säugling zeigt, ein Level, ohne Hemmschwelle, somit also auch für Rollstuhlfahrer und Rollatorschieber leicht zugänglich. Das nennt man industriellen Franchise-Humor.

Der könnte durchaus in einer Art synthetischen Fabrik entstanden sein, wie bei „Genetic Primate Research“, wo Dan arbeitet. Er arbeitet allerdings mit Menschen-Affen, die im Film ausbrechen müssen, weil sie es im Vorbildfilm schon getan haben.

Jody dagegen ist Tänzerin, will Primaballerina werden. Hier liefert „Black Swan“ das Muster, das hier grob vereinfacht und grob vergröbert als Parodie verkauft wird. Wobei der Hickhack unter Tänzerinnen berühmt und bekannt ist. Und hier noch am ehesten einem Parodieanspruch gerecht wird: die Tänzerin als dünner Strich. Auch die kunstvollen Gespenster aus „Mama“ sind nur müder Abklatsch, bestenfalls für Halloweenparty-Screenings geeignet. Immerhin.

Dieser industrielle Franchise-Humor wird in großaufgemotzte Filmschrift gestanzt, so dass der Betrachter sich vor einem Denkmal oder einer knalligen Plakatwand fühlen darf. Das wie in goldenen Lettern im übertragenem Sinne ein Gefühl von Erhabenheit der Kunst ohne jeden zwingenden Zusammenhang zu Inhalt und Qualität vermittelt.

Da allerdings das Franchise-Industrie-Humor-Prinzip sich schon nach kaum einer Stunde erschöpft, so füllen die Macher den Abspann ellenlang auf mit Drehpannen, die leider inzwischen auch nicht mehr so lustig sind, wenn Schauspieler den Text nicht finden, die falsche Seite in einem Buch aufschlagen, ein Rollo sich nicht problemlos runterfahren lässt oder wenn eine Kollegin vor privatem Lachen die Szene killt.

Es wird ein Film parodiert, den man hier noch gar nicht sehen konnte und der „Evil Dead“ heißt. Die Superkunst als Parodie auf noch Unbekanntes. Vielleicht ein erhellendes Moment zur Machart. Und zur Erläuterung des Begriffes Franchise.

Was Franchise-Humor offenbar nicht bietet (er bietet dem konditionierten Betrachter zwar das vordeklinierte Gefühl, ablachen zu dürfen über Bekanntes), was er aber nicht bietet, das ist Parodie im Sinne eines Röntgenblickes, zum Beispiel die tiefere Message einer Sache herauszuarbeiten oder den Klumpfuß zu diagnostizieren und sichtbar zu machen, die Hilflosigkeit in einem Großgetue, die Schwäche eines Bluffs.

Wer allerdings den Köder, den die Produzenten und eine Menge von Drehbuchautoren und der Regisseur Malcolm D. Lee dem Publikum vorwerfen, nämlich jüngste Horrorfilme in schlecht imitierte Versatzstücke zermampft und ein junges Paar einige Nächte lang damit quälend, schluckt, wird bekommen, was er erwartet, darf sich wohlkonditioniert amüsieren und zu den kalkulierten Zeitpunkten lachen. Das ist vielleicht so etwas wie seelische Gruppengymnastik. Was ja nicht verboten ist. Aber was geistig auch nicht unbedingt erhellend oder vertiefend ist. Was eher mit Litanei zu tun hat. Mit Zudröhnen von neu verwurstetem Bekanntem.

Und wer das alles nicht kapiert, dem bleibt noch das Zauberwort „Gort Clatu Barada Niktu“, das hilft bestimmt weiter.

Richard Deacon – In Between

Dokumentarfilmen leicht gemacht, wird sich Claudia Schmid gedacht haben: man suche sich einen namhaften Künstler aus, der womöglich in Köln ein Atelier hat, erst recht wenn er Brite ist und egal, ob er filmogen ist oder nicht, gehe zum WDR und anderen fördernden Institutionen, die werden schon nicht nein sagen können.

Dann mache man ein langes Toninterview mit dem Künstler. Hier darf er pausenlos reden über sich und seine Geschichte und seine Herkunft und seine Materialen und sein Verhältnis zur Kunst, über Kreativität, über den Käse und dass das Loch ein Teil des Käses sei, sein Interesse am leeren Raum, über Struktur, über die Grenze von Architektur und Plastik und dass er Disharmonie mag. Da er englisch spricht, lege man die Stimme eines routinierten Fernseh- oder Funksprechers drüber, egal, wie empfindlich solch abgebrühte Routine den Kinogenuss mindert.

Dann besuche man den Künstler ab und an mit der Kamera in seinem Atelier oder in einem Ausstellungsraum, beobachte ihn, wie er seine Modelle an seinem Schreibtisch versonnen anschaut, wie er beim Aufbau von seinen abstrakten Großfiguren mit Hand anlegt, gönne sich auch die eine oder andere Reise nach England zu Subunternehmern, kleinen spezialisierten Werkstätten, die seinen Materialien den richtigen Drall geben oder nach Singapur, wo eine Luxusmarke ein schwebendes Objekt für die heiligen Verkaufshallen geordert hat; man halte auch da beim Aufbau der hängenden Skulptur immer mal drauf mit der Kamera. Chronologie spielt keine Rolle, detaillierte, nachvollziehbare Schilderung der Vorgänge ebenso wenig; man schieße noch ein paar Bilder nach der Eröffnung, wie die Skulptur schon beinah wie eine abgegriffene, verloren an der Decke hängende Handtasche des Labels wirkt, aber schlendernde Blondinen als Kundinnen lenken angenehm davon ab.

Tja, dann müssen wir diesen Bild- und Tonfang noch in „irgend“ eine Reihenfolge nach nicht weiter eruierbaren Kriterien zusammenschneiden. Bei den Besuchen mit der Kamera beim Künstler verkable man diesen mit einem Mikroport, damit der Zuschauer wenigstens genau hören kann, wie schwer er bei seiner Arbeit atmet und damit einen Eindruck bekommt, wie anstrengend diese Arbeit mit Materialien ist. Und schon ist unsere Dokumentation über den Künstler Richard Deacon fertig.

Was als kleines, Einblick gebendes Lichtlein vielleicht bleibt: das ist in seiner Kindheitsschilderung aus Sri Lanka die Geschichte von einem Magier, einem Schlangenbeschwörer mit einer Kobra, der eine Erbse auf die Erde gelegt hat, etwas Erde drüber, dann ein Tuch über alles. Nach dem Beschwören kommt drunter ein kleiner Baum zum Vorschein. (Sein Vater war bei der Armee, er war Pilot, darum musste die Familie immer umherziehen.).

Jäger des Augenblicks

Österreichische Dokumentation eines professionellen Bergsteigerunternehmens von Christian Lonk, Philipp Manderla und Malte Röper, alle Regie und Philipp Manderla, Autor und Produzent.

Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert haben es auf den Mount Roraima im Grenzgebiet von Guyana, Venezuela und Brasilien abgesehen. Das Bergsteigerwesen ist inzwischen ein Leistungs- und Wettbewerbssport mit ganz genauen Vorschriften und Regeln, das lehrt uns der Film und das Presseheft. Unsere drei Protagonisten wollen den Mount Roraima nach der „Rotpunktbewegung“ besteigen. Deren Gründer war der Mitkletterer Kurt Albert. Es muss heißen „war“, denn der verstarb zwei Wochen bevor der zweite Anlauf zu dieser neuen Route im Freiklettern genommen wurde.

Der erste Anlauf musste nach einer Fussverletzung und schwierigen Wetterbedingungen abgebrochen werden. Der lädierte Stefan Glowacz ließ sich aus Vernunftsgründen und gegen die Regeln der Rotpunktbewegung mit dem Kamerateam und -equipment im Helikopter in die bewohnten Gegenden zurückfliegen.

Eine Rotpunktbegehung bedeutet, dass eine Seillänge, die vorher ausgesteckt worden sein kann, „ohne Sturz, Ausruhen im Seil oder Hochziehen am Haken in einem Zug durchstiegen werden muss“. Wer sich um solche Dinge kümmert, spürt, dass er Fachpublikum sein müsste, um den Film adäquat zu honorieren.

Die Aufnahmen vom beiden Aufstiegen, die sind atemberaubend. Begleitkletterer mit Kamera oder die Kamera auf dem Kletterhelm oder vom umkreisenden Helikopter aus.

Der Mount Roraima ist ein Tafelberg mitten im Amazonasgebiet, mehrere hundert Meter fast senkrecht bis überschüssig abfallend. Ein Wasserfall mitten aus der Wand sprüht je nach Windlage gewaltige Gischt über die halbe Wand. Im unteren Teil ist sie glitschig und moosig. Das alles hautnah mitzuerleben, hm, ja, verlangt dem eingefleischten Städter Respekt ab.

Das Leidige an dieser professionellen Extremkletterei ist allerdings, dass sie auf Sponsoren angewiesen ist. So knallen mitten in der schönsten Natur die plattesten Markennamen auf den Sportlerkleidungen auf die Leinwand. Man wähnt sich momentweise in einer Werbeveranstaltung.

Ständig wird die Tour auch unterbrochen mit Rück- und Seitenblenden. Hinweis auf einen Film von Werner Herzog von 1991 “Cerro Torre: Schrei aus Stein“, in welchem eine Sport-Talk-Show stattfindet. Rausspringen aus der Expedition, aus dem Abenteuer Steilwand in eine peinliche Sporttalkshow, in der es um Niederlagen geht. Bla, Bla. Schade. Oder ein Interview ab Tonband mit der Frau eines der Kletterer zu Expeditionsbildern. Oder wieder Besprechungen und Vorbereitungen zuhause. Oder historische Einblendungen von den ersten Klettermeisterschaften in den 80ern. Alles wild gemixt. So wild wie der Aufstieg.

Filmspannend und filmschön, wenn Stefan mitten in der senkrechten Wand von einem Biwak aus die nächsten Meter, die er klettern soll, absucht, mustert und mit den Händen seine Griffe wie mit einer Pantomime memoriert. Solche Szenen können Film einmalig machen. Leider sind davon nicht allzu viele hier vorhanden. Somit eher ein Film fürs Fachpublikum, das sich vor lauter Werbung wie auf einer Fachmesse vorkommen darf. Auch die Musik ist nicht dazu angetan, eine Abenteuergeschichte zu illustrieren, sie erinnert eher an das Gedudele in geschäftigen Messehallen.

Endstation Seeshaupt (DVD)

Ein Film mit Nachhall. Ein Roadmovie, das einen auf eine doppelt nachdenklich machende Reise mitnimmt. Auf eine Reise in die letzten Tage des zweiten Weltkrieges. Gleichzeitig auch auf eine Reise durch das Heute der Strecke jenes Gefangenentransportes mit 3600 Zwangsarbeitern in 70 Waggons von Mühldorf, Niederbayern, in Richtung Oberbayern.

Das dürfte einer der Punkte sein, der diesen Film über die Masse der Filme der Gedenkindustrie hinaushebt, dass er eine erschütternde Nähe zwischen dem Heute und der grauenhaften Geschichte schafft.

Ein weiterer Punkt dürfte die Wahl der beiden Protagonisten sein, Überlebende dieses Todeszuges. Als Hauptfigur Louis Sneh, der aus Ungarn stammt. Der in Ungarn gefangen genommen, dann nach Auschwitz und von dort nach Mühldorf verbracht wurde. Dort sollten Zwangsarbeiter eine unterirdische Flugzeugfabrik errichten (12 Stunden am Tag 50 Kg schwere Zementsäcke über eine gefährlich Rampe schleppen; manch einer, der ausglitt und abstürzte, versank und endete im Beton).

Überlebt hat der damals 17-jährige Louis Sneh, weil er angegeben hatte, er sei Elektriker, wobei er aus einem Dorf kam, in dem es nur Öllampen gab. Das erzählt er heute fast verschmitzt, fast belustigt. Für seine Erzählungen gilt überhaupt, was auch der andere Überlebende, der als Zeitzeuge prominent gewordene Max Mannheimer zur Maxime hat, nie jammernd die Geschichte vortragen, nie anklagend, damit gewinnt man keine Zuhörer, sondern sachlich und auch mal mit einer Pointe gewürzt. So findet Mannheimer in Schulen großen Anklang bei den jungen Generationen, die den Holocaust nur noch vom Hören-Sagen oder gar nicht kennen.

Walter Steffen, der Autor und Regisseur dieses Filmes, lässt diesen Todeszug Revue passieren, indem er den Großteil der Erzählungen von Sneh in einer fahrenden Regionalbahn aufnimmt. Die Strecke des Todeszuges mit der heutigen Eisenbahn befahren mit den Geschichten, die da passiert sind vor Zeiten, das setzt Aktivität im Kopf des Zuschauers in Gang, lässt ihn teilhaben.

Sneh erzählt seine furchtbare Geschichte ruhig, sachlich obwohl ihn die Alpträume nicht loslassen. Obwohl er Medikamente zum Einschlafen braucht. Denn dieser Todeszug war grauenhaft. Tagelang waren die Häftlinge in den Waggons eingepfercht. Ohne zu Essen oder zu Trinken zu bekommen.

Einmal hieß es schon, Bayern sei befreit. Da stürmten die abgemagerten, halbverhungerten Menschen aus den Waggons, suchten nach Ess- und Trinkbaren. Dann kam der Rückschlag. Dem sei doch nicht so. Sie flohen wieder in die Waggons, denn da fühlten sie sich sicher. Aber es wurde auch geschossen auf sie. So passierte es dann nochmal ganz kurz bevor die Amerikaner kamen. Das ist die Vergangenheitsspur, die im Film nebst den Erzählungen mit historischen Fotos und Filmen illustriert wird.

Auf der Heute-Spur dieses Schienenweges interessiert sich der Filmemacher dafür, wie präsent der Todeszug in den durchfahrenen Gemeinden oder wo der Zug auch anhielt und dann in Seeshaupt, wo die Befreiung kam, heute noch ist.

In Markt Schwaben gab es Schülerinitiativen, die gesammeltes Material in einer Ausstellung ins öffentliche Bewusstsein rückten. In Sendling gab es eine Aktion mit präparierten Koffern, die an die Koffer der Juden, die deportiert wurden, erinnerten und es gibt im Gegensatz zum öffentlichen München in Sendling auf privatem Grund auch Stolpersteine. In Poing gab es einen Skulpturenwettbewerb. In Eurasburg-Beuersberg ein Mahnmal. Die Erinnerungsinitiative in Bernried hat einen Baum von jener Sorte KZ3 gepflanzt, die der Pfarrer Corbinian Eigner in Dachau gezüchtet hat.

Es kommen viele Zeitzeugen zu Wort, die als Kinder die Ankunft des Transportes oder gar das Ausschwärmen der Gefangenen auf der Suche nach Nahrung und Kleidern erlebt haben.

Weil Sneh jedes Jahr zum Befreiungstag aus Amerika nach Seeshaupt gekommen ist und den Tag als Tag seiner Wiedergeburt feierte, wobei er unendlich viele Dias vom kleinen Bahnhof geschossen hat, so kam er eines Tages mit Einwohnern in Kontakt, die sich für diese Geschichte interessierten. Das führte dazu, dass zur Einweihung des lange umstrittenen Denkmals in Seeshaupt zum 50. Jahrestag der Befreiung 47 Überlebende des Zuges zu diesem Festakt eingeladen werden konnten. Eine Art schmerzlinderndes Happy End dieser schändlichen Geschichte, die einen Hauch Skepsis über das heute blühende Bayern legend erzählt wird.

Ein letzter Sommer (DVD)

Der letzte Sommer von Siv Monopoli, einem rüstigen Greis und Pater familias, dessen Frau bereits dement ist. Trotz Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebes (Pancras) garantiert kein Tumorfilm, sondern ein beschwingter Film, erfrischend wie ein leichter Sommerregen, über eine bürgerlich-amerikanische Ostküsten-Familie, die überhaupt nicht im Lot ist.

Die Familie wird als einigermaßen beziehungsunfähig präsentiert. Nur der Alte findet, er sei glücklich gewesen, ihn hat sein Glück interessiert, seine Firma, die ihm einen gehobenen Lebensstandard erlaubte, das erzählt das großzügige Haus, das er mit seiner Frau in Connecticut bewohnt.

Seine beiden Söhne sind Benny und Carmine. Carmine ist Bürgermeister hier in Madison. Er und sein Bruder Benny sind seit Jahren verkracht. Benny ist geschieden. Er hat Rosita um sich, eine vor allem geile Lateinamerikanerin. Die auch den an den Familiensitz zurückkehrenden Sohn von Benny und Anna, Josh, anmacht.

Später wird auch Joshs Bruder Seth aus Kalifornien anreisen. Er wiederum hat kaum Kontakt zu Opa, seiner Mutter und seinem Bruder. Er betrachtet das Leben an der Ostküste als heillos veraltet, altmodisch.

Bald wird klar, dass Opa Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Das wird der Anlass dafür, dass die Familie sich am Familiensitz sammelt, dass es zu vielen Gesprächen zwischen Familienmitgliedern kommt, die sich sonst nicht unbedingt unterhalten. Dass natürlich auch die Frage der Erbschaft, wer das Geschäft von Opa weiterführt, aufkommt. Und der sich benachteiligt fühlende Benny, der bei aller Todes- und Erbschaftsthematik noch ein Blind-Date mit einer Internetbekanntschaft anleiert, versucht in einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Vater eigennützig Änderungen im Testament vorzunehmen. Eigentlich eine böse Tat.

Das Grandiose an diesem Film ist, dass er seine Leichtigkeit wohl daraus bezieht, dass er vom Genre her sich der Methode einer Sitcom bedient, wonach auch die Besetzung ausgewählt scheint, wie erfrischend er über den Bildschirm, hm, fegt ist ein zu heftiges Wort, tröpfelt ist ein zu müdes Wort, plätschert zu energielos, vielleicht munter sprudelt, oder präziser: leicht zu ernten ist wie reife Früchte von einem Baum, denn so ein Baum ist das Titelbild auf der DVD, dessen Originaltitel „Harvest“, also Ernte, heißt. Geleistet hat das Mc Meyers, der sowohl Buch als auch Regie zu verantworten hat. Er zaubert diese Familiengeschichte unaufdringlich, ohne Verwendung von Klischees, ohne jeden Zeigefinger auf die Leinwand; keiner ist richtig böse, aber auch keiner richtig brav, es muss nicht zu einem zähnefletschenden Count-Down kommen; denn auch keiner ist perfekt in dieser Familie mit dem wunderschönen Stammbaum, auf den immer wieder Tafeln mit neuen Namen angenagelt werden.

Auch der Opa wird überhaupt nicht überzeichnet, obwohl er mit großer Lust kurz vor dem Ableben noch eine Fahrradtour in sein Städtchen Madison, ein Rückschau seines Lebens unternimmt, so dass Josh glaubt, ein Gespenst zu sehen. Josh macht gerade ein Päuschen mit einem Kumpel beim Anstreicherjob, zu dem ihm seine Mutter geraten hatte.

Es wird ein fröhlicher Abschied von Opa. Die Familie sieht das auf sich zu kommen. Sie nimmt es gefasst auf. Ist aber trotzdem nicht unbetroffen. Opa wollte kurz vorher noch mit allen ein Glas Wein trinken. Und Josh erfüllt ihm den letzten Wunsch, indem er für die Oma vor dem Haus ein herrliches Feuerwerk wie für den Unabhängigkeitstag veranstaltet.

Einen leichteren Film über das Leben und den Tod ist schwer vorstellbar. Zwischendrin ist Tina, die Freundin von Josh aufgetaucht. Indirekt hat sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie auf seinen Freund ein Auge geworfen hat. Josh macht das traurig, bestätigt ihn aber darin, dass er, wie seine ganze Familie, nicht beziehungsfähig sei.

Sommerleichte Sommeratmosphäre, hin und wieder, wie ein Stück Würze, eine alte Geschichte angedeutet erzählt von Opa. Vielleicht macht gerade die methodische Nähe zur Sitcom und das Gegensätzliche des dafür viel zu ernsten Themas die Besonderheit dieses Filmes aus, diese ungewöhnlich undramatische Leichtigkeit über ein meist doch als dramatisch empfundenes Ereignis, den Tod eines Menschen, ganz zu schweigen vom Krebs.

Auch Opas Leben war überhaupt nicht vorbildlich oder ideal, über ihn ist zu hören, dass er sein halbes Leben in seiner Wut auf seinen Vater vergeudet habe; das hat er in seinem Rückblick einfach ausgeblendet.

Eine in sich stimmige, runde Angelegenheit ist dieser Film voller Understatement. Vor dem Hintergrund einer gut beobachtenden, den Menschen in seiner Begrenztheit sein lassenden aber ihn mögenden Attitüde. Ein Film um ein dramatisches Ereignis wie den Tod, in dem kein lautes Wort gesprochen, wird, nicht gerangelt, nicht geschlägert, nicht geschossen, nicht getötet wird, keine Autos oder Häuser angezündet, keine Regale aus Wut leer geräumt werden. Dieses Wenige, dieses Reduzierte ist geradezu knallig und explosiv viel.

Savage Love (DVD)

Olaf Ittenbach, der bayerische Splatterfilmer, lässt sich diesmal inspirieren durch Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ und ertränkt sein Objekt einmal mehr in Hektolitern von Kunstblut.

Zwei junge Männer, eher halbseiden zu nennen, Lukas und Mark, wollen zu einer sündigen Party aufs Land fahren. Mit einem Oldtimer mit Dachauer-Nummernschild fahren sie durch die bayerische Gegend. In der Party-Location, einer umfunktionierten Tenne, wird den Herren allerlei angeboten. In einer von einer reizenden Dame angebotenen Wundertüte sind die verschiedensten Pillen für Trips. Jeder der beiden abenteuerlustigen Männer bekommt ein einzelnes Zimmer. Darin finden sich Klamotten und Utensilien aus Lack und Leder.

Die Sado-Maso-Spiele nehmen ihren Lauf. Merkwürdigerweise sind noch andere Männer mit Namen von Jüngern Jesu dabei: Jakob, Josef, Johannes, Paul. Selbst bei Mehmet, dem Schwaben, ist der Vorname mit denen der Jünger in Verbindung zu bringen.

Selbstverständlich gibt es zu dieser Party eine Vorgeschichte. Tief im Mittelalter haben Ritter genau an der Stelle der Party-Tenne in Selbstjustiz eine Frau gekreuzigt. Wollten sie kreuzigen. Aber die Dame mit den weit aufgespritzten Lippen entwickelte nie zu erwartende Kräfte und ihre Stimme verwandelte sich in die eines Monsters. Es gibt eine Erzählung, dass sie für diese Untat 666 Männer mit heiligen Namen töten würde. Über 600 hätte das grässliche Schicksal schon ereilt.

In der Nähe zu dieser Location sind übrigens Camper, die den Abend bei einem Lagerfeuer genießen, bis sie unerwartet aus dem See auftauchend unschönen Besuch bekommen.

Die Sado-Maso-Party endet nicht ganz so, wie der Anfang des Filmes es möglicherweise vermuten lässt. Lukas beispielsweise haben wir kennengelernt, wie er allein in seinem Zimmer, nur mit Suspensorium bekleidet, asiatische Kampfübungen macht, aber auch mit der Pistole übt, fantastisch gefilmt, sein wehendes Haar, sein schwitzender Körper; während wir Mark ein Comicheft vor sich bei einer selbstbefriedigenden Tätigkeit kennenlernen.

Die beiden haben ein paar Kilometer vor sich auf dem Weg zur Party. Mit Hieronymus Bosch hat Ittenbach allerdings die Messlatte für seinen Splatterfilm recht hoch gelegt. Die Differenz kompensiert Ittenbach mit Hektolitern von Kunstblut (Blümchensekt dazwischen) und Tonnen von Menschenfleisch. In diesen Zutaten schwelgt Ittenbach wollüstig und ohne Gewissensbisse. Wobei er von einer Kontinuität des Bösen über die Jahrhunderte ausgeht, immer auf Schwachstellen der Vatikanischen Bibliothek in den Evangelien spähend, die mit der Hure Babylon befasst sind und hoffend, er könne sie mit einem Weihwasserkreis ums Haus der Party-Location von diesem abwehren. Um dem Grauen etwas entgegenzusetzen, darf einer der Akteure am Handy mit seinem Purzel telefonieren und von Apfelmus und Pfannkuchen mit wenig Zimt reden; was sich doch angenehm abhebt vom Chili con Carne, was bei dem Fest serviert wurde.
Bringt vielleicht das feuerspeiende Propeller-Fantasiegefährt die Rettung?

Inbred (DVD)

Das Horrorgenre versucht, so ist zu vermuten, nichts anderes als die Grenzen der Menschlichkeit, des Humanismus, des Menschenmöglichen auszuloten, die Grenze, wo der Mensch aufhört Mensch zu sein, wo der Mensch zum Tier wird, das Horrorgenre sucht tierisch das Ende des Humanismus. Wobei ein Tier allerdings niemals einem anderen Tier mit einer Kettensäge – um des reinen Lustgewinnes willen? – Gliedmaßen absägen täte. Das Horrorgenre sucht eine Negativdefinition von Humanismus.

„Inbred“ meint Inzucht, Inzüchtler. Hoch im Norden britischer Landschaft hat sich ein Clan degenerierter Figuren zusammengefunden. Sein Zentrum ist die düstere Kneipe „Dirty Hole“ mit dem Chef Jim. Er scheint der einzige noch zu strategischem Denken fähige Kopf der Degenerate zu sein, indem er überhaupt in der Lage ist, eine Kneip zu betreiben.

In diese Gegend verschlägt es nun für ein Wochenende die Sozialarbeiter Jeff und Kate, die mit 4 Schützlingen, drei Burschen und einer jungen Frau, ein soziales Wochenende auf dem Land verbringen wollen. Stärkung und Erfahrung von Gruppengefühl. Was Gruppe für den Einzelnen bedeutet, das Zusammenstehen und etwas verändern. Sie suchen den Humanismus, wenn auch nicht expressis verbis.

Allerdings werden sich die Dinge anders entwickeln als erwartet, schlimmer noch, als selbst ein abgebrühter Horrorfan erwarten würde. Deshalb auch die FSK-Freigabe ab 18.

Auf der Hinfahrt gucken die Burschen im Fond des Vans als einführende Szene ein Gewaltvideo. Das ist deutlich und eindeutig, wie Mr. Willis seiner Angebeteten an einem feinen Tisch in einem verwahrlosten Hinterhof mit einem Holzhacker im Hintergrund eine Limo anbietet, wie der Holzhacker bedrohlich sein Beil schwingend auch eine Limo fordert. Wie der Galan ihn abweist, kommt das Beil ohne jeden Umweg zur Sache.

Alex Chandon, der mit Paul Shrimpton auch das Drehbuch geschrieben hat, geht seine Story raffinierter an. Er nimmt sich genügend Zeit für die Fahrt in die einsame Gegend. Merkwürdig ist schon, dass der Weiler „Trust“ nicht auf dem Navi zu finden ist (Vertrauen ist gut, Navi wäre besser). Jeff sammelt die Handys ein.

Am Abend des Anreisetages geht die Gruppe ins Pub „Dirty Hole“, um was zu trinken; die degenerierten Figuren bilden die Kulisse. Einmal schleppen zwei Degenerierte einen schweren Sack (sieht beängstigend nach menschlichem Körper aus) in den Wirtsraum. Der Wirt raunzt sie an, sie sollten das Teil doch ins Hinterzimmer bringen. Aber die Gäste beschwichtigt er, seine Söhne seien ganz harmlos, sie würden nur etwas schlimm ausschauen.

Die Gruppe geht zu Fuss nach Hause. Am anderen Tag ist ein Ausflug angesagt. Erst werden orangene Alarmjacken verteilt. Dann marschiert die Gruppe los. Merkwürdige Gestalten zeigen sich auf hohen Felsen. Bei einer Ansammlung leerer Eisenbahnwaggons hält die Gruppe inne. Jeff meint, sie seien hier, um kostbare Altmetalle zu suchen. Es gelte, Rohstoffe zu finden, um sie zu verhökern. Das ist vielleicht ein britischer Scherz.

Erst können die Jungs nach Herzen ihrer Demolierlust in den ausrangierten Waggons frönen. Schwarzer Rauch bei einem Gehöft in der Nähe zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie eilen hin. Eine neben dem Feuer festgebundene Ziege tut ihnen leid; sie binden sie los. Die Ziege nutzt ihre neu gewonnene Freiheit. Sie rennt direkt in ein vorbeibrausendes Auto. Das führt zum ersten feindseligen Kontakt mit Inzüchtlern und setzt eine Mechanik des Grauens ins Gang, die in schauderhaften und von der Form her höchst zivilisierten Show-Acts ihren dramatischen Höhepunkt findet – und zu einer gewissen Verlustquote unter den Wochenendausflüglern führen wird, soviel darf hier verraten werden. Zelebrierte Verkommenheit zu gepflegter Musik mit Country-Einschlag. Die Inbreds werden als eine wilde Horde bewaffnet mit Mistgabeln und Zupfinstrumenten aus dem Bild gehen.