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Sherlock Who?

Ich hatte heute das Vergnügen, die zweite PV-Runde von Sherlock Holmes besuchen zu dürfen und den Film dabei in der deutschen Fassung sehen zu können. Ich bin hin- und hergerissen. Doch dazu muss ich weiter ausholen (leichte Spoiler):

Wie es der Zufall will, habe ich vor einigen Jahren im irischen Sligo in einem Buchladen die Wordsworth Classics für mich entdeckt, ultrabillige Drucke klassischer Literatur. Ich holte mir den (fast) gesamten Sherlock Holmes, wie er auch im Strand Magazine abgedruckt worden war. Wieder zuhause, las ich ein gutes Dreivierteljahr nur Sherlock Holmes. Ich tauchte ein in das London der Jahre 1887 und folgende.

Sherlock Holmes (Sidney Paget, 1904)Der Meisterdetektiv, dessen Wesen und Methodik sich über Wochen und Monate vor meinem inneren Auge entspannte, ist nicht die Person, die ich heute im Kino gesehen habe.

Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle ist ein gemütlicher bewegungsarmer, tendenziell genußorientierter Denker, der lieber vom Ohrenbackensessel aus Fälle nur mit Hilfe der Indizien löst, als vor die Tür zu gehen (was er natürlich schon tut, aber eher gezwungenermaßen. Dies gibt sich im Lauf der Erzählungen). Er interessiert sich praktisch gar nicht für Frauen. Liebe, Sex, Heirat und Kinder sind absolut nicht seine Welt.

Dr. Watson ist sein Freund und heimlicher Beschützer, sozusagen der Schutzengel des zerberchlichen Unikums. Watson hat den Krieg gesehen und Watson weiß als einer von sehr wenigen Figuren die Genialität des Sherlock Holmes überhaupt zu erahnen und zu schätzen. (Holmes selbst empfindet sich übrigens seinem älteren Bruder Mycroft als geistig stark unterlegen.) Er bringt seine Fähigkeiten gewinnbringend ein, indem er – aus seiner Sicht verhältnismäßig leichte – Rätsel löst, die seiner Umgebung aus nicht nachvollziehbaren Gründen jedoch unlösbar erscheinen.

Sherlock Holmes von Guy Ritchie ist ein Lover und ein Fighter, sein Buddy Dr. Watson steht ihm stets zur Seite und darf ebenfalls markige Sprüche zur rechten Zeit abfeuern. Holmes‘ geistige Fähigkeiten werden im Film jedoch reduziert auf etwas überdurchschnittliches Faktenwissen, nicht unähnlich der für die Spielshow Wer wird Millionär erforderlichen Inselkenntnisse, doch fehlt mir das gehobene Verständnis der tieferen Zusammenhänge der Welt dieser Rolle in diesem Film.

Robert Downey jr. und Jude Law spielen ein großartiges Team von schlagfertigen wie -kräftigen Detektiven, doch sind dies nicht Sherlock Holmes und Dr. Watson. Käme der Film unter Vier Fäuste für eine Meerschaumpfeife in die Kinos, hätte ich keinerlei Probeme, dem Film ein 1a-Zeugnis auszustellen.

Doch hier setzten sich ein paar Autoren zusammen, zogen sich eine Geschichte aus der Nase, wie sie ebenso in der Beweismittelkette von CSI nach dem Motto „Bloß nicht denken, nur die Beweise sprechen lassen“ funktionieren könnte und die so gar nichts mit Arthur Conan Doyle zu tun hat, und schrieben Sherlock Holmes darüber. Die meisten Figuren (bis auf den Antagonisten, Lord Blackwood) wurden nach den Romanfiguren benannt, doch das ist auch schon alles. Irene Adler zum Beispiel ist in Wirklichkeit (also in der Vorlage) keine Meisterdiebin wie im Film, sondern eine Kundin, die selbst auch nicht auf den Kopf gefallen ist und so sogar Holmes‘ Aufmerksamkeit kurzzeitig erregt.

Ich verstehe natürlich, dass das heutige Mainstreampublikum mehr Action braucht als Pfeife rauchende Männer, die in einem Kaminzimmer diskutieren, wie dieses oder jenes Verbrechen denn nun begangen worden sein könnte. Aber wieso dann ausgerechnet das ultimative Vorbild jedes Kriminalers, der je gelebt, namentlich für eine Action-Detektivromanze herhalten muss, ist mir schleierhaft.

Eine komplette Generation von Menschen wird nun heranwachsen mit der Überzeugung, dass Sherlock Holmes ein krasser Fighter war, der heftige Verschwörungen mit coolen Sprüchen in ationlastigen Szenarien auf die letzte Millisekunde aufdeckt und dabei natürlich auch noch die Chicks klarmacht. Wenn auch nur einer dieser Menschen wegen des Films eines der Bücher in die Hand nimmt, wird er, ganz subjektiv, völlig neue Dimensionen der Langeweile für sich entdecken können.

Doch genau darin liegt der Reiz des „echten“ Sherlock Holmes: Dass man trotz telegrafiertem Hilferuf eben nicht mehr noch am selben Tag auf das Landgut des Absenders fahren kann, weil eben keine Züge mehr gehen, und stattdessen ins Theater. Dass die Dinge ein wenig langsamer laufen im 19. Jahrhundert als heute. Dass man dramaturgisch mit den damaligen Gegebenheiten zu arbeiten hatte und als Autor eben – Spoiler – keine Weltungergangsmaschine, den Taser oder die Funktechnologie aus dem Hut zaubern konnte.

Sherlock Holmes wurde schon öfter verfilmt, und nie wurde meines Wissens ernsthaft an den Fundamenten der Charaktere gerüttelt. Diesmal schon. Diesmal wurde ein guter Name dazu verwendet, mehr Kohle mit einem völlig artfremden Produkt zu machen, und das auf Kosten der Integrität des Kernthemas, eben des besagten ehernen, ehrenwerten, verdienten Fundaments, auf Kosten von Weltliteratur. Dieser Sherlock Holmes ist wie eine Neuauflage von Columbo, in der der werte Inspektor nebenher noch als Quarterback spielt. Es passt einfach nicht zusammen.

Wer eine Sherlock Holmes-Adaption sehen will, die den Mainstreamgeschmack trifft, aber dennoch die Position des Originals in der Weltliteratur wertschätzt, dem sei Without a Clue, zu deutsch Genie und Schnauze, schwer ans Herz gelegt:

… und natürlich Columbo. Dieser Cartoon hier passt aber auch ganz gut zur Diskrepanz zwischen Literatur und Ritchie-Film. (Leichte Anpassungen des Textes folgen noch, denn ich bin noch nicht ganz glücklich mit meiner Wortwahl)

Friendship!

Retroorientiertes Roadmovie zweier junger Männer aus der DDR, die sich kurz nach dem Mauerfall mit viel zu wenig Geld nach Amerika und dort speziell San Francisco, aufmachen, weil Veit, Friedrich Mücke, der Freund von Tom, Matthias Schweighöfer, dort nämlich seinen Vater finden will, der ihm immer am Geburtstag eine Postkarte schickt; das gesteht er dem Freund aber erst, wie sie schon in Amerika sind.

Es fängt mit einem kleinen von Voice-Over kommentierten Potpourri an Bildern von „Liebeswürdigkeiten“ der DDR an, das hört mit dem Satz „FRIENDSHIP!“ der Englischlehrerin auf. Damit ist man wunderbar gerüstet für: Amerika.

Die ersten Sequenzen der Ankunft in Amerika baden reichlich und reichlich oberflächlich dazu die DDR-Unbeholfenheit aus. In aller Naivität sagen sie bei der Einreise auf die doch sehr abgelutschte Frage des Beamten, aha Nazis, nein, nein, sie seien Kommunisten, worauf sie natürlich gleich bis auf die Unterwäsche entblösst an der Wand stehen. Man muss was tun für die weiblichen Fans.

Dann haben sie nicht genügend Kohle für ein Ticket nach San Francisco. Das Geld reicht gerade bis New Jersey. Tom findet das lässig. Aber Veit natürlich nicht, weil er ja seinen Vater finden will, und das muss er jetzt dem Tom erklären.

Das findet dieser dann kurz doof, trübt aber die eher zufällig wirkende Freundschaft der beiden nicht,– hier muss der Soziologe nachfragen: ist dies ein Abbild unserer heutigen Jugend, denn es geht doch nicht um ein Museumsstück, und vor allem, ein Abbild der damaligen Jugend ist es erst recht nicht. Die soziologische Antwort wäre, dann ist aber die heutige Jugend unglaublich retro, oder die Filmemacher sehen sie so.

Im weiteren Verlauf der Tramp-Reise, die immerhin ein Ziel und ein Datum hat, nämlich wann jeweils die Postkarte in San Francisco wo eingeworfen wird, spült der filmische Zufall den beiden ein paar lustige Begebenheiten zu, zum Beispiel die Motoradfahrer, dann den Typen, der einen Bruder in San Francisco hat, für den er einen protzigen amerikanischen Wagen überführen soll. Ein Roadmovie braucht Vehikel.

Es gibt sowas wie eine Bunte-Abend-Nummer mit der Polizei, wie die beiden halbnackt Auto fahren und dem Schweighöfer auch die Flagge noch runterfällt und sie die Nacht auf dem Revier verbringen.

Dann hat der Wagen die Krise, die Reparatur kostet, sie machen dank dem Mädchen deutschen Ursprungs, das sie kennen gelernt haben, einen Filmabend, DDR-Underground-Movie nennen sie die Dokumentation. Tags darauf schenken sie dem Bürgermeister ein Stück gefakte Mauer. Daraufhin setzt ein Nachfrageboom nach diesen Mauerstücken ein und sie finanzieren damit den Rest der Reise.

So geht das locker-flocky dahin, aber die DDR-Witze erschöpfen sich irgendwann, irgendwann kommt beim Zuschauer Reisemüdigkeit auf. So geschickt gebaut wie GOOD BYE LENIN ist dieses Stückchen DDR-Verarbeitung dann doch nicht.

Das erste Ende ist fast melodramatisch, irgendwie unpassend ernst, wie der Tom dann Veits Vater entdeckt, weil die Dramaturgie unverständlicherweise den Veit hat Pizza holen geschickt, und Tom hört dass .. nun ja, das darf hier nicht verraten werden, was es mit diesem Vater auf sich hat, aber der Zuschauer wundert sich, aha, dazu das Ganze?

Irgendwie ein leeres Gefühl, was zurückbleibt. Der Veit-Darsteller erinnert an Tom Selleck, nähert sich diesem Format, während Schweighöfer doch sehr deutscher Offizier bleibt. Immerhin, uprising Movie-Stars könnten sie sein, wenn denn in nächster Zeit auch die guten Drehbücher für sie geschrieben würden.

Roadmovie von Konfirmand zu Konfirmand.

Nanga Parbat

Biederes Erklärkino mit viel heißer Studioluft, was sich scheut, den Konflikt der beiden Messner-Brüder als Momentum zur Erzeugung von Kinospannung einzusetzen (oder dies schlicht nicht kann), einen Palü unter der Messlatte, die Arnold Fanck schon vor Jahrzehnten für Bergfilme gelegt hatte. Hinterherhink-Movie.

Nord

Die Kunst des filmischen Geschichten-Erzählens besteht vielleicht auch darin, dem Zuschauer das Gefühl zu geben, man hätte noch vieles parat in der Märchenkiste, dass es sich bei diesen verrückten menschlichen Begegungen im dünn besiedelten Hohen Norden nur um wenige Müsterchen handle, wie eine fixe Idee gepaart mit Depression und in Wechselwirkung mit „Spirit“ = Schnaps zu einer faszinierenden Autonomie des Handelns und zum unausweichlichen Zusammenprall einsamer Individuen in menschenleeren Schneegegenden führen kann. – Wie der bärige, apathische Jomar erfährt, dass er in einem weit entfernten Tal ein Kind habe, gehen Snowmobil und „Spirit“ mit ihm durch.

13 Semester

Auf der Oberfläche des Anekdotischen, auf der sich der Film hauptsächlich bewegt, ist er durchs Band nett zu nennen.

Ein Sammelsurium an studentischen Situationen, und das auch noch in Kapitel gegliedert. 1. Semester, 2. Semester….wenn man jetzt beim 8. Semester denken würde, oh, das ist aber schnell gegangen, dann könnte von einer spannenden Unterhaltung die Rede sein, wenn man aber wie her denkt, oh je, erst 8 Semester, wie lange dauert dieses Studium noch, dann kann davon ausgegangen werden, dass die erzählten Situationen nicht allzu spritzig ineinander verwoben sind und vorgetragen werden: von der Zimmersuche über Disco und Anbandeln über die Seminarsituationen, Nebenjobs und Australienaufenthalt (dieser wird angenehm werbesicher in schneller Standfotoabfolge dargeboten), Streben oder Studium verlottern lassen, Amouren oder peinliche Situationen, Mensa oder Badewanne voller Geschirr… jeder kennt das und viele können damit was anfangen.

Trotzdem dürfte das für eine grosse Reichweite des Filmes zu wenig sein. Ob sich die Studenten wirklich darin erkennen und dann ablachen? Das bleibt eher zu bezweifeln. Zumindest für jemanden, der das Studium doch anders in Erinnerung hat, die Studenten ernster oder dann richtig ausflippig, viel grotesker in den Situationen, wo sie rumhängen, viel verbissener, wenn sie streben, viel erwachsener wenn sie untereinander sind.

Ernster im Sinne, man ist gross geworden, hat den grössten Wissensstand des Lebens hinter sich (Zeitpunkt Abitur), hat den Ernst des Lebens vor sich, man wird elitär einsteigen. Dazu gibt es verschiedene ausgeprägte Haltungen, die mehr erzählen als nur brav studieren oder jobben oder Studium verlottern lassen. Dem müsste auf den Grund gegangen werden.

Es gibt Studenten, die haben eben das erste Mal noch nicht hinter sich. Andere sind längst in festen Beziehungen, aber so stereotyp wie hier die Liebesgeschichten abgehandelt werden, so sind sie bestimmt nie und nimmer. So gefühllos kann keiner sein.

Kindische Gespräche wie über den BH im Waschsalon, das ist papierenes Drehbuch ohne jede Lebensrelevanz. Hier wird das Theater zum Kindertheater wie noch an vielen anderen Stellen. Der Film ein Schulmädchenreport? „Die steht auf Dich“, „Ich will nicht, dass die auf mich steht“.

Oder dann gibt es eine sonderbare Szene, wie im Boulevardtheater, wie plötzlich alle halbnackt im Flur einer WG auftauchen, um einen ungegebetenen Gast zu begrüssen.

Auch der Professor wirkt irgendwie unglaubwürdig und direkt aus dem Horrorfilm scheint der Tankstellenbesitzer entsprungen zu sein. Wäre ja ulkig, wenn der Film sich die Horrorperspektive des Studiums zu eigen gemacht hätte. Hat er aber auch nicht.

Nach siebzig Minuten die erste spannende Situation, wie der Max Riemelt völlig am Ende beim erfolgreichen Kollegen Unterschlupf sucht und dieser ihn warnt vorm Zimmernachbarn „mit David würde ich vorsichtig sein“… nur dieser taucht dann nie auf…

Eine schöne Szene, die beiden Freunde im Gespräch in einer Art Messehalle, in der Fußball spielende Roboter präsentiert werden, da schimmert ein Moment Glaubwürdigkeit durch, bei den Reflektionen über das Studium und das Leben… nur ward davor leider nichts davon vermittelt.

Von einem gewissen Unterhaltungswert ist die Marketing-Idee mit der Seifentube und dem Schneeballsystem. Aber das hat mit des Essenz des Studierens nun wirklich nichts zu tun. Um die geht es in diesem Film wohl auch nicht. Aber worum dann, wenn man sich schon brüstet, die erste Studenten-Filmkomödie Deutschlands zu sein?

Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika

Der Entscheid, dieses Biopic über Albert Schweitzer genau so und nicht anders zu machen und zu besetzen, kann versuchsweise gedeutet werden.

Ein Film über einen Weltstar der 50er Jahre soll bittschön aussehen wie ein Kino der 50er Jahre, also „altmodisch“. Man fragt sich, wieso. Es soll kein Kino werden, wie Soderbergh es am Biopic des Che Guevara glasklar vorgeführt hat.

Der Entscheid für die fast ununterbrochen schwere Musiksauce über den Szenen soll wohl einer für die Fühligkeit des Zuschauers sein.

Der Entscheid, die beiden Alberts, den Albert Schweitzer sowie dessen Freund Albert Einstein mit perückten Drittklasskomikern zu besetzen, die in manchen Momenten aussehen wie die Muppets, besonders Einstein in der Schwarzweiss-Fernsehsendung über Hiroshima, die in einem 50er Jahre-Interieur über den Bildschirm flattert, soll die Figuren wohl publikumsnah und lustig machen. Schweitzer wird dadurch als ein Medienstar nachgespielt; mit dem Need zur Figur Schweitzer, damit wird der Zuschauer nicht behelligt.

Schweitzers Theorie über den Respekt zur Natur wird nicht in Gestik und Haltung des Protagonisten zum Ausdruck gebracht, sondern als Zitate oder Lehrsätze, als Phrasendrescherei, soll ihr dadurch wohl die Schärfe nehmen.

Gestik und Haltung dieses Albert Schweitzers sind die eine Medien-VIPs. Wenn er beispielsweise auf der Kanzel in der neogotischen Kirche in New York die Hände demonstrativ bei gleichzeitigem Kopfnicken zusammenfaltet, dankbar den aufbrandenen Applaus und die Standing Ovation entgegennehmend. Oder wie er mit einem weissem Taschentuch den Eingeborenen zuwinkt, wenn er auf dem Flussboot Estelle wieder in Lambarene ankommt. Schon die Einführungsszene mit dem Pelikan ist sehr theatralisch, schon hier gibt uns der Protagonist zu verstehen, dass es ihn interessiert, die Berühmtheit zu spielen und nicht den Grund dafür uns zu verraten.

Entscheid der Macher für Nachbebilderung von biographischen oder vielleicht auch kolportierten Situationen. Das Problem, den zweiten Socken zu finden. Ein heute besonders im Fernsehen gerne verwandtes (und doch eher billiges) Verfahren (siehe zum Beispiel Sissi).

Noch so ein Starbeispiel, wenn er nach der Rückkehr aus New York farbige Freiheitsstatuen aus gebranntem Zucker an die Kinder zum Schlecken verteilt. Der gute Weisse und die kleinen Negerlein.

Es gibt aber nicht nur den Guten, es gibt auch die Bösen in diesem Film. Sie sind eindeutig böse. Besonders Herr Figgis, der vorgibt, ein Gönner zu sein, und in Wahrheit ein Spion ist. Entscheid der Macher für einfaches Weltbild. Damit vielleicht auch Analphabeten den Film verstehen.

Hinsichtlich dieses Figgis und seiner Hintermänner, die Schweitzer von seinem Urwaldspital entfernt wissen wollen, spricht er einen hochaktuellen Satz aus und das in einem normalen Gespräch, „sie bilden sich Gefahren ein und schaffen dadurch reale Gefahren“. Das ist ein Hinweis auf die aktuelle Terroristen-Hysterie. Ob das den Machern bewusst war?

Jedenfalls erscheint Schweitzer durch diese Entscheide der Produzenten auf der Ebene der unbewussten Wahrnehmung, der emotionalen Wahrnehmung gerade als der Scharlatan, als den sie ihn nicht dargestellt wissen wollten. Dieses Ziel scheinen sie nicht erreicht zu haben. Ob das Publikum mit soviel grundlegender Unklarheit leben kann? Höchst fragwürdig.

Nachbemerkung: es wird einem schon beim Vorspann schier schlecht, wenn man liest, wie ungefähr sämtliche deutschen Filmfördergremien in diesem Topf mitrühren, dass Degeto die Finger drin hat mit dem Herrn Jurgan, der bestimmt wieder eine schöne Helikopterreise an den Drehort auf Gebühren-Kosten gemacht hat. Aber die ersten Bilder, der Flug über Afrika, über den Fluss im leichten Nebel, mit dem Flugmotorengeräusch, das auch noch Zikaden hörbar lässt, na ja, versöhnen nicht gerade, die machen einen halt bereits auf den Mischmasch-Charakter dieses Biopics aufmerksam.

Lila, Lila

Das Halblustige ist zum Feedbacken das Unlustigste. Auf Papier auf dem Redaktionstisch mögen sich manche der Witzchen noch amüsant lesen, im Kino sind sie es nicht.

Ein weiterer deutscher Film, bei dem es einem weder weh noch leid tut, wenn ein Protagonist, obwohl man ihn länger hat agieren sehen, zu Tode kommt, hier mittels Fenstersturz. Es handelt sich um Henry Hübchen, der einen kleinen Erpresser spielt, weil er dahinter gekommen ist, dass Daniel Brühl mit einem gestohlenen Roman (von einem Kumpel von Hübchen, darum wusste der Bescheid) Furore und Karriere gemacht hat.

Alain Gsponer macht, was er immer macht: Er will die Oberflächlichkeit der deutschen Kulturwelt parodieren und kritisieren, aber er tut es mit denselben Mitteln der Oberflächlichkeit, vielleicht ja nur ein Denkfehler, vielleicht auch Unfähigkeit, dadurch fällt nicht mehr ab als ein paar Witzchen, dafür Kinogeld zu bezahlen dürfte das Publikum nicht einfältig genug sein.

Der Plot wäre wunderbar, die Geschichte könnte sehr anrührend sein und gleichzeitg viel schärfer die Oberflächlichkeit des Kultur-, hier präziser des Literaturbetriebes,  unter die Lupe nehmen.

Daniel Brühl ist Kellner in einem In-Café im Stil der 50er Jahre, findet durch Zufall das Roman-Manuskript, seine Freundin bringt es im guten Glauben, er sei der Autor, an einen Verleger, und der falsche Autor startet durch. Zwar stottert er beim Lesen, kann Rendezvous nicht richtig aussprechen, aber all das ist so übertrieben inszeniert, dass nicht ein Moment, ausser am kitschigen Schluss vielleicht, Empathie für ihn aufkommt.

Er wird durch den Literaturbetrieb geschleust und eines Tages hat er den kleinen Erpresser am Hals, der über die Hintergründe dieser Geschichte Bescheid weiss. Könnte spannend, umwerfend und komisch sein, wenn man die Figuren ernst nehmen würde. Oder wenn man mit wirklich scharfem, schwarzem Humor die Sache brilliant durchschauen und auf die Spitze treiben würde.

Beides ist aber Gsponers Sache nicht.

Wie er den Erfolg inszeniert, zum Beispiel Lesung an der Volksbühne oder Fan-Gekreisch nach der Lesung oder den Rummel an der Frankfurter Buchmesse, das lässt immer vermuten, er leide darunter, dass er das nicht schaffe, er leide darunter ,dass er diesen Erfolg zu erlangen nicht im Stande ist.

Fürs Kino bei weitem nicht gut genug. Da hätte der Konflikt zwischen Hübchen und Brühl viel präziser und fundierter herausgearbeitet werden müssen, vor allem hätte man gerne was über das Need der Figuren erfahren, also schon vom Drehbuch her. Darüber schweigt es sich aus, die Figuren bleiben eindimensional, zwar auf nettem handwerklichem Niveau, also langweilig und klischeehaft.

Der Flop an der Kinokasse dürfte programmiert sein. Ein richtiges Ärgernis, wenn man sieht, wer diese Produktion bescheidenen Geistes wieder alles gefördert hat: DFF-Deutscher Filmförderfonds, Medienboard Berlin-Brandenburg, Mitteldeutsche Medienförderung, FFA-Filmförderungsanstalt.

Séraphine

Ein schöner Film für die dunklen Tage. Von der Magd zur gefeierten Künstlerin. Allein wie Yolande Moreau als Séraphine, verdiente César-Gewinnerin, einem atemberaubenden Staatsakt gleich einen dickstämmigen Baum erklimmt und selig (ihr Künstlertum) schaut und träumt, ist den Eintritt schon wert. Den César fürs Drehbuch würden wir dem Film allerdings absprechen, denn es bleibt zu ausmalend auf Séraphine, vernachlässigt auf Kosten der Langzeitwirkung des Filmes den Kunsthändler Tukur, der eher als ein müder Buchhalter denn als eine getriebene und treibende Kunstspürnase daherkommt.