Archiv der Kategorie: Review

Kalle Kosmonaut

„Wenn er sich nicht am Schlüpfer reißt“,

dann dürfte die Sozialprognose für den Protagonisten dieser Langzeitdokumentation von Tine Kugler und Günther Kurth nichts Gutes verheißen.

Es geht um Kalle, der über zehn Jahre immer wieder begleitet, befragt, beobachtet wird.

Mit zehn Jahren das erste Mal. Mit 20 hat er bereits über zwei Jahre Knast hinter sich, hat eine Frau und ein Kind, einen Job und er macht Rap. Er wächts in Berlin da auf, wo große Sonnenblumen auf die Megawohnblöcke gemalt sind und um die herum es auch Natur gibt, die der Kamera idyllische Bilder entlockt. Aber die Sozialprognose.

Man muss zurückgehen zur Wende. Die Großeltern haben in der DDR ein ordentliches Leben geführt, konnten sich Urlaub leisten und ein Bier, haben eine Arbeit gehabt, ein Auto. Auf die Wende folgt der Absturz, Jobverlust, Alkohol („alles schief gelaufen“). Da dürften sie in ihrem Milieu nicht negativ aufgefallen sein.

So kämpft auch die Mutter von Kalle, ihre Ehe ist kaputt. Mit vielleicht neun Jahren hat Kalle den Vater zum letzten Mal gesehen, der hat sich nicht mehr gemeldet; Kalle fehlt die Vaterfigur. So scheint der Einstieg in die kriminelle Laufbahn vorprogrammiert „die Leiter bis ganz nach unten“. Es folgt was folgen muss: Knast („Ich bin nur noch kalt“).

Der Film wirft kein gutes Licht auf den Strafvollzug in Deutschland. An einer Stelle schildert Kalle, was er alles unternommen hat, um aus der Zelle rauszukommen, um der Langeweile zu entkommen. Wie er seine Strafe abgesessen hat, steht er ohne Geld und dafür mit einem Berg Schulden da.

Das Dokuteam spielt einerseits Mäuschen, ist also in den engen Wohnverhältnissen dabei, tut aber so, als sei es nicht vorhanden. Das scheint mir immer etwas problematisch, weil auf so engem Raum ein einziger zusätzlicher Mensch die Situation spürbar verändert. Das Dokuteam befragt aber auch hörbar und mit spürbarer Anwesenheit den Protagonisten.

Die Wahl eines geeigneten Protagonisten kann über die Qualität einer Dokumentation entscheiden. Tine Kugler und Günther Kurth haben entweder ein feines Näschen mit dem Entscheid für Kalle gehabt oder zumindest Glück. Er ist ein Mensch, der keine Scheu vor der Kamera hat, sich aber offenbar auch nicht anders verhält, wenn keine Kamera da ist. Er ist ein Mensch, der nachdenkt und – natürlich auch durch die Dokumentation – lernt, sich auszudrücken, in Sprache zu gießen, was ihn beschäftigt. Das wird sich später in den Rap-Texten zeigen. Zudem ist der Film mit bestechenden Animationen angereichert, die die Atmosphäre, in der Kalle lebt, überzeugend erfassen.

Die Drei ??? – Erbe des Drachen

Jungsgerecht

Für Buben im pfiffigen Alter mit detektivischen Fähigkeiten. Das sind Bob (Levi Brandl), Peter (Nevio Wendt) und Justus (Julius Weckauf). Sie dürfen beim Dreh auf einem Schloss in Transsylvanien im Department des Vaters von Peter (der durchgehend englisch, also Piiter, ausgesprochen wird) mitmachen, da geht es um Requisiten, eine Drohne als Fledermaus mit blinkenden roten Augen oder Rauch in Weiß oder Grün.

Es soll ein Praktikum für die drei Buben sein und sie davon abhalten, mit ihren Detektivspielen die Welt durcheinanderzubringen. Das ist brav und fromm gedacht vom Vater. Aber so ein Schloss beherbergt nun einmal Geheimnisse und manche davon drängen ans Tageslicht oder machen nachts einen unüberhörbaren Lärm.

Nichts kann die Nachwuchsdetektive abhalten, wie sie Anhaltspunkte für solche Geheimnisse identifizieren, diesen nachzugehen. Bald stellen sie fest, dass sie nicht die einzigen sind, die hinter einem vermutlichen Schatz, einem Rubin, her sind, was die Angelegenheit nur noch hersaufordernder macht, genau so wie die Information, dass im Schloss der Bruder der aktuellen Schlossherrin Codrina (Gudrun Landgrebe) vor Jahrzehnten spurlos verschwunden sei.

Tim Dünschede, der mit Anil Kizilbuga auch das Drehbuch nach der Geschichte von André Marx spannend und jungsgerecht geschrieben hat, inszeniert so, dass der Handlung gut zu folgen ist, wenn auch momentweise Dialoge und ein Teil der Besetzung etwas hausbacken wirken; das jedenfalls dürften dem entflammten Zielpublikum in etwa im Alter der drei Protagonisten allerdings herzlich egal sein. Man muss den Spuren folgen und dranbleiben! Merke: mit Latein allein kommt man in Rumänien auch nicht weiter.

The Son

Kühner Ritt

entlang der Bruch- und Konfliktlinien um einen suizidgefährdeten Teen mit einer sitzengelassenenen Mutter und einem geschäftlich erfolgreichen Vater, der sich junges Fleisch geschnappt und dem Sohn ein Stiefbrüderchen beschert hat.

Es dürfte sich um ein besonders brisantes gesellschaftliches Thema handeln, das vermutlich auch aus Gründen der Prävention nicht an die große Glocke gehängt wird.

Nicholas (Zen McGrath) ist 17, lebt bei seiner vom Vater verlassenen Mutter Kate (Laura Dern). Sie fällt aus allen Wolken, wie sie erfährt, dass er zwar pünktlich morgens aus dem Haus geht, aber offenbar die Schule schwänzt. Nicholas möchte zu seinem Vater Peter (Hugh Jackman) ziehen. Er leidet ernorm darunter, wie die Mutter darunter leidet, dass der Vater sie verlassen hat.

Der Vater, der ein erfolgreicher Finanzmanager in New York ist, der ist auch immer tadelllos gekleidet und frisiert, perfekt in den Umgangsformen, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen, lässt sich überreden, dass Nicholas zu ihm und seiner neuen Frau Beth (Vanessa Kirby) zieht. Es fruchtet nichts. Nicholas geht auch nicht in die neue Schule, er stromert in der Stadt herum. Er wirkt verstockt. Aus ihm ist nicht herauszubekommen, was los ist mit ihm.

Florian Zeller (The Father), der mit Christopher Hampton auch das Drehbuch geschrieben hat, folgt minutiös der Gewalt des ungelösten und auch nicht näher benennbaren Konfliktes von Nicholas. Es scheint sich um eine pubertäre Depression zu handeln. Besonders schmerzlich, auch für den Zuschauer, wie Nicholas von niemandem mehr erreicht werden kann. Da kann sich der Vater noch so bemühen oder die Mutter, der Psychologe. Nicholas fügt sich Verletzungen zu, will sich den Schmerz, der in ihm herrscht, bewusst machen.

Rückblenden erzählen von einer sorglosen Kindheit mit Vater und Mutter und einem Motorboot in einer eigenen Meeresbucht, wo der Junge schwimmen lernen und damit Vertrauen zu sich fassen soll.

Der Film verzichtet auf jegliche Schuldzuweisung, aber auch auf jegliches Rezept zur Lösung des Problems; er wagt kühn die Besichtigung der Entwicklungen; wirft noch einen Blick in die Opa-Generation, Anthony Hopkins als der Vater von Peter, der diesen an Reichtum und Prestige offenbar deutlich übertrifft. Allein durch die Bildauflösungen ist in jedem Moment klar, wo die aktuelle Bruchlinie liegt, die meist nur scheinbar und sicher nicht mit einer langfristigen Lösung gekittet werden kann. Diese Ungelöstheit führt zum nächsten Problem. Es scheint aber auch so, dass Menschen Fehler machen, die sie nicht wiedergutmachen können; sie können nichts rückwirkend verbessern. Da gibt es keine Entschuldigung.

Sniper – The White Raven (DVD)

Vom Pazifisten zum Scharfschützen

Mykola (Pavlo Aldoshyn) ist der Held dieses ukrainischen Filmes von Marian Bushan, der mit Mykola Voronin auch das Drehbuch geschrieben hat.

Es ist ein Kriegsfilm, denn die Ukraine ist im Krieg, und somit ist der Film eo ipso ein Propagandafilm, denn der Held wird vom Pazifisten zum heldischen Scharfschützen.

Es ist die Zeit um 2014 des Überfalls von Russland auf die Krim, die Zeit des Maidan. Es ist der Anfang eines Kriegs, der nie aufgehört hat trotz allen politischen Appeasements von westlicher Seite und der seit dem 24. Februar 2022 eine neue, im Europa der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg nie gesehene Eskalationsstufe erreicht hat mit dem Überfall auf den Rest der Ukraine durch Russland.

Hier ist der Westen notgedrungenermaßen Partei, denn demokratische Länder können so einen klaren und offensichtlichen Verstoß gegen das Völkerrecht inklusive der damit einhergehenden Kriegsverbrechen nicht dulden. Hier gibt es nichts herumzulavieren; hier geht es um eine Auseinandersetzung der Systeme, hier Demokratie, da Diktatur.

Mykola ist ein romantischer junger Mann, Physiklehrer und überzeugter Pazifist und Ökologe. Mit seiner Frau Nastya (Maryna Koshkina) hat er sich auf einem Stück Land autark gemacht mit eigener Stromversorgung. Sie freuen sich auf ihr erstes gemeinsames Kind.

Ein Trupp russischer Soldaten überquert die Grenze, entfernt die Abzeichen, die sie als Russen identifizieren, dringt bei dem Paar ein, wundert sich über das Zeichen des weißen Raben, das aus Steinen vor dem Haus auf dem Boden gelegt wurde; sie töten Nastya. Sie hatte vorher einen Engel aus Holz geschnitzt. Den rettet Mykola aus dem brennenden Haus. Der Vorfall wird für Mykola zur Motivation, sich dem ukrainischen Militär anzuschließen. Es ist nicht politische Überzeugung, es geht um persönliche Rache.

Der Film schildert diesen Werdegang, die Ausbildung von Mykola zum Scharfschützen, die anfänglichen Vorbehalte des Militärs und wie er sich durchsetzt und auf gefährliche Einsätze geschickt wird. Diese werden ausführlich geschildert, zu zeigen, wie gut die Ukrainer darin sind, den Feind bestens getarnt anzuschleichen und dann einen Brückenkopf zurückzuerobern oder eine Industrieanlage.

Entfernt erinnert der Schauspieler Pavlo Aldoshyn an das Erscheinungsbild des ukrainischen Präsidenten Selensky. Zum Krieg gehören nun mal Kriegshelden, Kriegsmythen, Kriegsheldengeschichten.

Karlsplatz (BR, Donnerstag, 19. Januar 2023, 22.00 Uhr)

Rosi Mittermeier ist gestorben. In der Studiokulisse dieser Fernsehsendung ist eine Werbung für Rosi Mittermeier und Christian Neureuther, die PR-Profis, integriert und eine ebensolche für Hansi Hinterseer. Zu dem Zeitpunkt, an welchem stefe die Sendung in der BR-Presslounge sehen konnte hatte Rosi Mittermeier noch gelebt. Normalerweise hätte stefe dieses Productplacement bemängelt. Jetzt aber ist er gespannt darauf, wie der BR damit umgeht; ob er im Nachhinein eine schwarze Trauerschlaufe unter die Werbetafel per Computeranimation hineinzeichnet? Oder ob er die Namen rausretuschiert hat? Oder ob das gar keinem aufgefallen ist und erst die Zuschauer sich melden werden?

So ein Fernsehformat ist von Anfang als PR-Veranstaltung für die Teilnehmer, alles sogenannte ‚Namen‘ in der TV-Branche, geplant. Einer der Gäste lässt einblenden, dass er gerade auf Tour ist. Und die zwei anderen Gäste sind auch auf ihre bekannten Namen angewiesen, ebenso die Moderatorin.

Das ist ärgerlich für den Zwangsgebührenzahler. Immerhin kann er hier ablesen, wer wieder alles an den Töpfen der Zwangsgebührengelder nascht, ohne akzeptablen Gegenwert zu liefern (dazu weiter unten), es sind dies die Autoren Jaqueline Floßmann, Christian Lex, Christoph Wind, Dominik Bauer, Teresa Reichl, ferner eine Firma Superfilm.

Für die ungeschickte Studioregie steht ein Julian Weber. Aber das ist auch schwierig in einer Sendung, in der die Protagonisten ständig aufstehen und zum Sportplatz rübergehen, Liegestütze machen und dann wieder zurückgehen müssen und dann wieder eine Art Brille aufsetzen und dann wieder eine Art Sportjacke drüberziehen und dann wieder same procedure aufstehen und rübergehen, Liegestütze, aufstehen und zurückgehen: ein Kuddelmuddel nicht gerade fernsehergiebig; es bräuchte Regiepfiff, daraus etwas zu machen.

Dafür, dass Zwangsgebührengelder so wenig ertragreich eingesetzt werden, oder eben vor allem für persönliche PR, stehen die Redakteure Lorenz Urban, Anja Lenhart, Nikola Rudolf unter Leitung von Pamela Wershofen.

Die Sendung behauptet, ein Treffpunkt für Talk und Tumult zu sein; nein, sie ist lediglich ein PR-Vehikel für die von der Redaktion Begünstigten, die Eingeladenen – und sogar für Nicht-Eingeladene, siehe den ersten Absatz oben. Sowieso kommt beides nicht so richtig vor, weder Tumult noch Talk, Tumult wär ja geil, aber nur Durcheinander reicht dafür nicht aus und Talk wäre auch nicht schlecht, wenn denn ein Thema vertieft und vielseitig beleuchtet würde; nirgendwo steht geschrieben, dass Talk nur dämlicher Smalltalk sein soll.

Die Redebeiträge sind dank verschiedener Autoren und verschiedener Protagonisten von höchst unterschiedlichem Niveau. Wobei die Herren unter den Protagonisten mit ihrer Humorlosigkeit und mangelnden Wortgewandtheit den plauderbegabten Damen weit hinterherhinken. Mit Liegestützen ist dieses Defizit nicht wettzumachen.

Wozu die Musik im Hintergrund engagiert ist, dürften sich beim Anschauen selbst die Redakteure gefragt haben, da könnte man auch eine billige Konserve einspielen, ohne dass das unreife Format Schaden litte und aus welchem Ladenhüter-Fundus, die ihr Publikum requiriert haben, ist eine weitere offene Frage.

Das Thematische, nämlich Sport, Kinder, Sportförderung bleibt fragmentarisch, bringt nicht eine geistige Anregung zum Thema hervor. Was immer funktioniert, sogar hier mühsam, sind Gesellschafts- und Ratespiele, die schlingern hier am Rand der Peinlichkeit.

Am Charmantesten sind noch die Erzählungen der Kabarettistin Martina Schwarzmann über den Fußball in ihrer Jugendzeit. So etwas könnte man als Anknüpfung für eine Sendung einsetzen. Aber nichts davon, der Anstoß verpufft im allzu Beliebigen des Geschwätzes.

Wenn die Akteure wenigstens das Lied am Schluss sorgfältig eingeübt und performed hätten, so hätten sie etwas gutmachen können, denn wir wissen, der letzte Eindruck kann der prägende sein (siehe Babylon). Haben sie aber nicht, haben, so scheint es, wohl nicht mal schludrig eine Probe gemacht. Da sollten die sich mal anschauen, wie Profis das machen in Amsterdam wenn die Englisch sprechenden Weltstars als Trio ein französisches Lied singen. Da fällt einem nur noch das Wort Größenwahn und Arroganz im deutschen TV ein. Denn Geld haben die Beteiligten trotzdem ohne Abstrich genommen für den schwachen Auftritt.

Shotgun Wedding – Ein knallhartes Team

Jennifer Lopez erfüllt sich einen Traum

und der Zuschauer darf zahlenderweise daran teilhaben.

Jennifer Lopez ist berühmt, ein Weltstar, das bedeutet Macht, Projekte an Land zu ziehen, die sie selber mitproduziert und in denen Traumrollen für sie drin sind.

Das ist hier die Rolle von Darcy Rivera. Sie will im Mahal Resort auf einer Insel der Philippinen Tom Fowler (Josh Duhamel) heiraten. Alles ist bereit, der Perfektionismus der Bräutigams sorgt für eine kleine Unstimmigkeit am Vorabend des großen Ereignisses; er will eine Deko aus Ananas fertigstellen, sie liegt attraktiv auf dem Bett, Jennifer Lopez zeigt ihre perfekten körperlichen Vorzüge lasziv auf die Matratze drapiert.

Per Helikopter landet ungeingeladen ihr Ex Sean Hawkins (Lenny Kravitz) auf der Insel. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel.

Jennifer Lopez dürfte an dem Drehbuch von Mark Hammer (Pitch Perfect) gefallen haben, dass ein Hochzeitsfilm nur lustig ist, wenn einiges schief geht und hier schon lange vor dem Jawort. Sie will kein Arthouse-Kino machen. Ihr gefällt offenbar ein Kino, wenn ständig was los ist, wenn Dinge durcheinander geraten, wenn eine Braut bald schon nur noch im zerschlissenen und verkokelten Voile der Unterwäsche ihre Hochzeitskleides auf der Tropeninsel zugange ist.

Eine Gruppe mit malerischen, ethnohaften Drahtmasken vermummter Piraten stürmt die Hochzeit. Da geht die Action ab. Die feine Hochzeitsgesellschaft muss im Pool ausharren. Das Hochzeitspaar ist irgendwo in der Anlage. Es stellt sich heraus, dass wohl ein Insider, einer der Gäste, hinter dem Überfall steckt. Der Vater von Darcy (Cheech Marin) muss sehr reich sein und soll um einige Milionen erleichtert werden.

Was sich an dieser skizzierten Handlung liest wie das Script zu einem B-Movie ist auch genau das. Mehr will Jennifer Lopez gar nicht. Es soll sich was vom Spaß, den die Akteure in der Regie von Jason Moore gehabt haben, auf den Zuschauer übertragen. Und wenn es nur der Spaß daran ist, sich vorzustellen, wie Jennifer Lopez sich ihre Traumrolle vorstellt und dass sie das ungelogen auch verwirklicht.

Tara

„Die Tara ist ein kleiner Fluss am Stadtrand vo Taranto, einer vor 3000 Jahren gegründeten Stadt am Mittelmeer. Der Name leitet sich von Taras, dem mythischen Sohn Poseidons, dem Gott des Meeres ab.“

Der Film von Volker Sattel und Francesca Bertin kreist um die Italianità. Er begibt sich in die Untiefen des Flüsschen Tara, schwimmt mit im Gras an dessen Boden, an all dem Aufgeschwämmten im Wasser, ist unter der Jugend, die ins Bächlein springt, fährt entlang der Industriegebiete, die den Bach in Richtung Meer säumen und findet auch mal Found-Footage.

Der Film ist eine wundervolle Sommerdoku, ist mittendrin auf kleinen Flecken niedergetrampelten und zu Stroh verdorrten Schilfes, auf dem die Menschen aller Generationen in Badekleidung sich dichtgedrängt tummeln.

Der Film hält inne auf einer Brücke schon weit in der Ebene und guckt runter auf einen Fluss, der von den Algen schier verdrängt wird. Zwei Wissenschaftler untersuchen die Wasserqualität, nein, trinken kann man dieses Wasser schon lange nicht mehr, aber darin baden ist kein Problem.

Der Film findet eine Stelle des Flusses, dem Heilkräfte zugesprochen werden wegen einer unteriridischen Schwefelquelle, auch dieser gewinnt er filmische Qualitäten ab und wer sich mit Schlamm einreibt, kann von Heilerfolgen sprechen; es ist alles offen in der Natur, ein Seil über den Fluss, an dem sich die Menschen entlang hangeln.

Der Film hört sich die Geschichte vom Esel an, der zu Mussolinis Zeiten als krank aufgegeben worden war und sich an dieser Heilstelle des Flusses bestens erholte. Der Film verschließt seine Augen auch nicht vor dem gewalttätigen industriellen Umbau der uralten Gegend.

Der Film zeichnet ein vielfältiges Bild von Italianità in einem Paradiesgarten der Erde und wie die Menschen einerseits über Jahrhunderte Tradition aufgebaut, das Wasser gemanagt haben, andererseits heutig hochindustriell noch brutaler vorgehen inklusive der sozialen Folgen, während sie gleichzeitig den Dingen ihren Lauf lassen und nicht alles organisiert und mit Vorschriften geregelt und zugrunde gerichtet werden muss, wie die wilden und populären Badestellen zeigen.

Die Leukaspiede-Schlucht von der Stahlindsutrie einverleibt. Irreparable Vernarbung der Schlucht durch die Deponie. Jetzt gibt es immerhin Leute, die nach den Verantwortlichen verlangen, die Deponie zu sanieren, bevor bei einer extremen Wetterlage die Gifte ihren freien Lauf nehmen.

Der Film entdeckt die filmisch faszinierende Seite des Infernos eines Stahlwerkes: ILVA in Taranto.

Und der Film stromert durch einen bombastischen Friedhof. Nach diesem öffnet sich der Film zur Stadt Taranto, auf der ersten Silbe betont, wie eben auch der Fluss Tara.

Seaside Special

A Love Letter from Europa
oder eine Liebeserklärung an Britannien

Das britische Cromer in Norfolk liegt näher an Amsterdam als an London. Dort ragt eine Pier ins Meer hinaus, die sich nach Europa streckt. Auf dieser Pier ist das Variété-Theater, dem diese hingebungsvolle, liebenswürdig die bösen Klippen des Brexit umschiffende Hommage von Jens Meurer gilt.

Das „Seaside Special“ gibt es schon 40 Jahre lang. Es ist einer Rarität und spielt jetzt noch eine Saison von drei Monaten mit zwei Vorstellungen täglich.

Der Film ist eine Hommage an das Revue-Theater und seine Künstler (Moderatoren, Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen und ein Magier), die im Schweiße ihres Angesichts und mit saisonalen Verträgen ihr Leben verdienen als Soloselbständige (ein Begriff, der bei uns dank der Pandemie ins Scheinwerferlicht der Politik geraten ist).

Eine Saison lang begleitet der Dokumentarist das Ensemble von den Proben bis zur Dernière. Es ist die Zeit des sich abzeichnenden Brexits, der Wahl von Boris Johnson zum Premier, der droht, den Brexit allenfalls auch ohne Vertrag durchzuziehen mit den bekannten Folgen.

Dieses politische Thema begleitet den Film in kleinen Bemerkungen da und dort und aus dieser Position und aus jener, aber es bleibt randständig, eher wie ein Dekor, ein skurriler Dekor zu einem kleinen Variété-Theater, durch dessen Boden man die Wellen des Gewässers zwischen Festlandeuropa und dem ausscheidenden Britannien sehen und spüren kann.

Unangefochten vom Brexit bleibt es in Betrieb; allerdings wird nach dem Ende des Drehs Covid kommen und auch dieses Theater vorerst leer stehen lassen. Es ist ein wunderbarer Mikrokosmos vielleicht Britanniens oder Europas? Es gibt Jokes in der Show, aber die sind nie agitatorisch. Und es gibt einen Blick in die Wahllokale bei den Neuwahlen.

Schlachthäuser der Moderne

Vedia, Saldungaray, Carhue, Guamini, Laprida, Balcarce, Azul, Coronel Pringels,

so heißen Ortschaften im Umkreis von etwa 800 Kilometern um Buenos Aires, in denen Heinz Emigholz fündig wurde auf der Suche nach Bauten des Architekten Francisco Salamone.

Hier errichtete dieser in den Jahren 1937 – bis 1939 staatliche Repräsentationsgebäude, Friedhöfe, Schlachthöfe in einer sonderbaren Architektur, die an umgekehrte Hängeregistraturen erinnert, der etwas Schraubstockhaftes, etwas Zackig-Machtdemonstrationshaftes innewohnt, eine Monumentalarchitektur, wie schon Mussolini sie für seine Bahnhöfe und Postämter liebte, in der Fachsprache eine Mischung aus Art Deko, symbolistischem Funktionalismus und italienischem Futurismus.

Es sind keine einladenden Gebäude. Es ist faschistische Architektur. Es ist eine Architektur, die dazu ausersehen scheint, eines Tages zu zerfallen und als Ruine noch eine Weile die Landschaft zu dekorieren bis zum endgültigen Zerfall. Das erinnert an das Projekt Over Your Cities Grass will grow von Anselm Kiefer. Auf diesen Querverweis kommt man bei Betrachtung von malerisch zerfallenden Exemplaren dieser Archtikturbaudenkmäler.

Anfangs legt Emingholz einen Wust an theoretischen Erörterungen auf die Tonspur, den mag rezipieren, wer es gewohnt ist, solche Texte quasi freihändig zu absorbieren.

Unter den Bildern läuft erst argentinischer Alltag, gesichtslose Straßen, Hundehütten. Der Blick auf Argentinien und den Faschismus wird vertieft mit einer Sprecherperformance in Epiquen einer argentinischen Stadt, die im Salzwasser abgetaucht ist, jetzt wieder teilweise an die Oberfläche kommt.

Ein argentinischer Autor hat eine Story über einen exilierten deutschen KZ-Kommandanten geschrieben, eine vom Dichter erfundene Kunstfigur, so intellektuell wie unbelehrbar, mit Beinverlust und kastriert und dem Hinweis auf die List der historischen Vernunft; eines Typen, der kurz vor seiner Hinrichtung noch die Melodie des sich selbst aufopfernden Pflichtbewusstseins singt.

Nach einem Sprung nach Bolivien zu Werken von
Freddy Mamani Silvestre wendet sich der Film überraschend dem heutigen Stadtschloss von Berlin zu. Der Zuschauerblick ist inzwischen geschärft auf faschistische Elemente in der Architektur und entdeckt sie, wenn auch minimiert, reduziert, lautstark in den Neubauteilen oder bei den Wandsockeln von Skulpturen; eine Architektur, die den von Bauhaus gesetzten Normen spottet.

Der Film unter redaktioneller Betreuung von Rolf Bergmann nutzt den hierbei eingesetzten Rückblick auf den letzten deutschen Kaiser, den angeordneten Völkermord unter den Hereros und die Begeisterung für den aufkommenden Faschismus für einen Haken an des Kaisers Nachfahren, die noch heute die Chuzpe haben, Restitutionsforderungen zu stellen.

Babylon – Rausch der Ekstase

Volle Kinopulle voran

Aus vollen Kinorohren schießt sich Damien Chazelle (La La Land, Aufbruch zum Mond, Whiplash) auf ein Stück Hollywoodgeschichte ein, die Zeit des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm.

Das Zeitstück hat schon The Artist brillant behandelt und brillant nimmt es sich Chazelle nun vor. Ihn interessieren weniger Glanz und Ruhm des Filmgeschäftes, sondern sein Absturz, seine verkommenen Innereien.

Es ist also nicht ein Kino, was sensibel den Gefühlen eines Menschen, den Gefühlen eines Menschen für einen anderen Menschen folgt, sondern mit sich selber und seiner Kehrseite beschäftigt ist, wie toll Kino sein kann, wie grandios zum Schildern auch seine Negativseite.

Es ist also weder Thriller noch Drama, weder Comedy noch Romantic Comedy. Es ist gewissermaßen ein Fachfilm, am deutlichsten in der ausführlichen Szene des Drehs einer der ersten Tonaufnahmen mit all ihren Pannen und Fallen, das ist unterhaltsames Museum.

Es gibt einen Führer durch diese Besichtigung Hollywoods, das ist der Schauspieler Diego Calva, der groß-wunderäugig den Mexikaner Manny Torres spielt und wie die Mutter zum Kind zum Kino kommt. Er soll für eine exzessiv-dekadente Party in der Steinburg von Trutz- und Protzvilla des Produzenten Jack Conrad (Brad Pitt) als Überraschung einen Elefanten vorbeibringen; auf der Party laden Schneeberge zum Schniffen ein. Mit der Elefantentransportszene erheitert der Film gleich zu Begin das Zuschauergemüt.

Torres bleibt beim Film hängen. Kurz nach ihm trifft die voll von sich überzeugte, attraktiv rot und leicht gekleidete Nellie (Margot Robbie) gleich mit einem Crash am Partyort ein. Beide stehen vor der Tür, das schweißt zusammen, ausreichend für einen dreistündigen Film.

Schauspielerisch sind Pitt, Robbie, Calva das eminente Protagonisten-Trio. Sie werden ergänzt durch eine Riege prima gecasteter, eingkleideter, geschminkter und exquisit charakterisierter Sidekicks von J. C. Currais als mit einem Elephanten auf der Ladefläche überfordertem LKW-Fahrer über Olivia Wilde als Gattin Ina von Jack Conrad zu Jean Smart als exzentrischer Filmkritikerin Elinor und last not least Jovan Adepo als Trompeter Sydney Palmer, dem ein grauenhafter, dem Rassismus geschuldeter Schminkfall zugemutet wird, das Diktat Hollywoods, dem die Schwarzen offenbar nicht schwarz genug sein können.

Es geht wüst zu und her auf den Partys, sämtliche Kinogewerke rühren mit großer Kelle an.

Conrad und Nellie sind zwei Musterbeispiele für den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm. Conrad ist bereits erfolgreich, schon runtergekommen, dreht Kostümfilme und erlebt ein Desaster sondergleichen bei der Premiere einer Liebesszene in seinem ersten Tonfilm. Nellie dagegen springt mit nichts außer der Überzeugung, ein Star zu sein, unverbildet in einen Dreh ein und aus dem Glauben wird Realität.

Das Stummfilm-Setting mit mehreren Paralleldrehs in der Wüste fasziniert durch den unglaublichen Radau, der überall herrscht.

Der Film schreibt sich über ein paar Jahre von 1926 bis 1932 fort, in denen macht Torres Karriere als Produzent und je länger der Film dauert, desto mehr schleicht sich das Melo-Genre ein und treibt das Dreistundenwerk dank der mächtig orchestrierten Musik von Justin Hurwitz, der dem Sound von damals eine Zusatzprise pfiffigen Peps verleiht, auf ein kinorauschhaftes, schwindelerrgendes Ende zu.

I knew Proust. And me Bauhaus. Und wem das zu wenig ist, der darf die Klapperschlange in der Wüste herausfordern.