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King’s Land

Vom schweren Stand guter Überlegungen

berichtet dieser Film von Nikolaj Arcel, der mit Anders Thomas Jensen und Ida Jessen auch das Drehbuch geschrieben hat, von einem Bastard, so der dänische Originaltitel, von Ludvig Kahlen, der es vom sozialen Außenseiter und nicht anerkannten Sohn eines Adeligen dank klaren Kopfes bis zum Hauptmann gebracht hat.

Mads Mikkelsen spielt diese Protagonistenfigur primär mit einem stoischen Winnetoulächeln, möglichst unbewegt im Gesicht, aber gerne mit dem Blick des klaren Verstandes in die Ferne. Er ist Karrieremensch und möchte weiteren sozialen Aufstieg. Das ist nicht leicht in einem Land, in dem der Kuchen längst verteilt ist und brutaler Klassenunterschied herrscht, auch wie die Adeligen mit dem Pöbel umgehen, mit der Armut. Folter ist nicht ungewöhnlich.

In einer Sache aber sieht Kahlen seine Chance. Seit Jahren schon, so verkünden es die Titel im Anspann, will der dänische König die Jütteheide kolonialisieren und fruchtbar machen. Alle Versuche waren bislang zum Scheiteren verurteilt. Durch die Teilnahme am Krieg ist Kahlen zumindest in Deutschland rumgekommen. Reisen bildet. Er sieht für sich die Lösung für eine Urbarmachung der Heide.

Kahlen ist auch bestens über die rechtliche Situation informiert. Wer dort eine Ansiedlung mit Anbau schafft, dem gehört das Land.

Hier fangen die Probleme für den Neusiedler an. Denn die Welt besteht nicht nur aus guten Menschen. In einem überdimensionierten Schloss direkt neben der Jütteheide lebt der verwöhnte Adelige Frederik De Schinkel (Simon Bennebjerg), wobei er das „De“ jedes Mal betont, wenn einer es weglässt. Er ist ein Gutsherr nach Tyrannenart („Das Leben ist Chaos“). Und hier passt dieser Film ganz gut in unsere Zeit, in der die Nachrichten voll sind von blutigen Despoten, kriegslüsternen Tyrannen und Demokratieverächtern. Schinkel beansprucht das Land für sich, ohne die Bedingungen zu erfüllen.

Schinkel ist höchst misstrauisch dem Emporkömmling von Hauptmann gegenüber. Hier setzt ein ungleicher, unfairer Kampf ein, Fiesheit gegen hellen Menschenverstand, Rechtsbrecher gegen Rechtsnutzer.

Keine große Kinogeschichte mit einem Helden ohne Frauen. Ann Barbara (Amanda Collin) ist als Magd von Schinkel vergewaltigt worden. Sie ist mit ihrem Mann geflohen. Sie finden Beschäftigung beim Außenseiter Kahlen. Schinkel beseitigt ihren Mann und Kahlen, lässt sich auf eine Beziehung ein.

Gleichzeitig ist der Liebesfunke bei einem Empfang auf dem Schloss von Schinkel zu dessen Cousine Helene Edel (Kristine Kujath Thorp) gesprungen. Schöne, filmische Konfliktlage, die ihr Teil zum Fortgang der Geschichte beiträgt.

Fehlt zur Idylle noch das Zigeunermädchen Animai Mus (Melina Hagberg), die zudem das Thema diskriminierte Minderheit vertritt. Die Erzählweise ist eingangs nüchtern nordisch und lässt momentweise an Carl Theodor Dreyer denken, wandelt sich im Fortgang aber mehr dem Ölschinkenhaften zu. Und weiß jemand, was Ludvig Kahlen anpflanzen wollte? – Der Film spielt zwischen 1755 und 1763.

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger: Der Lech (BR, Montag, 3. Juni 2024, 20.15 Uhr)

Lasst wohlbeleibte Männer

um uns sein, das hat schon Shakespeare positiv bewertet und so tun es die Fernsehredakteure Matthias Wolf, Ingmar Grundmann und Iris Messow-Ludwig und schicken Sebastian Bezzel und Simon Schwarz wieder mit einem Wohnmobil durch ein Stück Bayern.

Zwischen müde und Gemütlichkeit schaukeln sich die zwei von Füssen lechabwärts, nachdem sie dem Fluss endlich mit dem Feldstecher entdeckt haben. Unsichtbar dabei und dirigierend ist Ekki Wetzel, der für Buch und Regie zeichnet.

Nach einer kleinen Paddelbootsfahrt landen sie bei einem Pionier des Foilsurfens, der brav sein Werbesprüchlein runterspult. Nicht unbedingt ein Sport für nicht mehr ganz schlanke und agile Senioren, wie die Stürze ins Wasser zeigen, das mag Kinder erheitern und das Seniorenpublikum des BR ebenso.

Ein Zielpublikumsfilm, für die Leute, die dem Sender die Treue halten, ein Sandmännchen vor dem Schlafengehen. Bei solchen Sendungen, die immer die Gefahr des Korrumpiertwerdens laufen, wie schon Gernstl gezeigt hat, die aber für die Sender durch das Roadmovie-Element eine sichere Bank scheinen, dürfte der große Knackpunkt die Auswahl der Sujets sein; denn der Sender weiß sehr wohl Bescheid über die offenbar immer noch vorhandene Werbewirksamkeit des Fernsehens.

Also dürfen die aufgesuchten Firmen und Unternehmer nicht direkt kommerziell sein, wenn es um ein kulturelles Geschäft geht, dann scheint es in Ordnung, wie bei der Harfenistin und Musiktherapeutin aus Landsberg und wenn es sich um Gemeinnützigkeit handelt, wie bei den beiden Damen aus Prittriching mit dem Ponyhof für Klienten mit körperlichen und geistigen Behinderungem, dann gibt’s eh keine Bedenken von wegen Wettbewerbsvorteil.

Und dann ist eh die 3/4-Stunden Sendung voll, da reichts gerade noch für eine kurze Rekapitulation der beiden leicht irritiert wirkenden Protagonisten. Der Beifang an Lechbildern war ja wirklich schön.

Be My Slave 3 (DVD)

Parallelwelten

Dieser dritte Teil der Be-My-Slave-Filme schließt direkt an den zweiten Teil an; er nimmt die Schlussszene am Bahnübergang wieder auf. Miguro ist mit seiner schwangerne Frau unterwegs. Auf der andere Seite der Schranke steht, neu eingeführt, die nicht besonders elegante Frau mit Brille, ein Hascherl mit wenig weiblichem Selbstbewusstsein, allenfalls mit Ahnungen. Ihr Blick bleibt an Miguro hängen. Und seiner vice versa.

Hier im dritten Film nehmen die bürgerlichen Welten wieder mehr Raum ein, die parallel zu Miguros Sado-Sex-Welt laufen: zuhause seine schwangere Frau; hier gibt’s keinen Kaffee, keine Zigaretten mehr.

Noch mehr Platz nimmt der Verlag und die Sache mit dem neuen Cover für die Modezeitschrift ein, die Gespräche mit den Kollegen, die Suche nach neuen Models, das Shooting, bei dem sich Miguro daneben benimmt. In seiner Freizeit teibt er sich in einer Sado-Maso-Bar mit Kellerraum rum.

Der Sex wird härter, ordinärer, perveser, routinierter und auch das Reden in der Bar darüber. Da passt die etwas scheue Frau mit Brille gut rein. Miguro wird ihr neuer Lehrmeister. Aber er hat, im Gegensatz zu den Lehrmeistern in den Vorgängerfilmen, wenig Geheimnis. Alles ist abgefuckt. Die Suche nach mehr, nach der Masochismus-Erfahrung beginnt; denn auch, dass er die Brillenfrau zu Sex mit ihrem Ex zwingt, befriedigt offenbar nicht. Dieser Ex, ebenfalls mit Brille, ist der Typ dumpfen Abspritzers: er muss zum Abspritzen kommen und dann kann er schlafen. Es fehlt ihm das Feeling für mehr, für anderes, dafür, über sich hinauszuwachsen.

Als köstliche Figur zwischen den verschiedenen Welten, zwischen denen sich Miguro ruchlos hin- und her bewegt, fungiert der immer gut aufgelegte Taxifahrer, der seinen Pappenheimer bestens kennt. Die Namen von Darstellern, Regie, Autor sind im Abspann nur auf japanisch aufgeführt.

Be My Slave 2 (DVD)

Druck rausnehmen,

das ist womöglich nur die oberflächlich-vordergründige Begründung für den Seitensprung, des jungen Angestellten, der in einem Großraumbüro eines Verlages arbeitet, um sich auf eine Affäre mit der Frau eines wichtigen Kunden, Akino, einzulassen. Denn er steht kurz vor der Heirat mit Nozom. Der Pfarrer hat schon gemahnt, sie müssten zwischen Gut und der Herrschaft des Teufels unterscheiden.

Auch hier, wie schon im ersten Be My Slave – Film, treibt Leichtsinn und männliches Übergehabe den jungen Angstellten dazu, mit der Frau zu flirten. Und führt ihn auf die Minenfelder abenteuerlichen Geschlechtslebens, das Grenzen austesten will; der Zwang zur steten Erhöhung der Dosierung.

Und wie im ersten Film, scheint das alles nicht ganz freiwillig und aus eigener Entscheidung zu passieren. Es gibt auch hier den Lehrmeister, den Manipulator im Hintergrund. Das ist der Kunde selber, der Ehemann von Akino, der sich bald rührt und nicht etwa verlangt, die Affäre zu beenden, sondern sie zu vertiefen, seiner Frau die Lüste und Freuden des Sklavendaseins beizubringen und ihm darüber minutiös und mit Videoaufnahmen Bericht zu erstatten.

Schon sitzt der sexuelle Freigeist in der Falle. Seine Braut spürt die innere Entfremdung. Gleichzeitig behandelt sie als Zahnärztin den Manipulator. Diese Meister bleiben, zumindest aus diesen ersten beiden Filmen zu schließen, die geheimnisvollen Figuren im Hintergrund. Sind sie vielleicht Symbole für das ES in der Konstitution menschlicher Triebhaftigkeit?

Immerhin kann der Weg der Grenzerfahrung zu einer Läuterung führen – nebst all der Lust für die Augen an makellos nackter Haut und gepflegtem Edelsex, der elegant auf die Lächerlichkeiten von Nah- und Großaufnahmen der entsprechenden Teile verzichtet.

Zu geistigen Erhöhung des Kitzels wird ein Buch über das wilde Sexleben einer Kaiserin Theodora in wilden Vorzeiten ins Spiel gebracht. Der Herausgeber oder Autor ist wer? Ja, genau, der große Manipulator im Hintergrund.

Der Film stammt aus Japan aus dem Jahr 2018 und die Regie führte Hideo Jojo.

Be My Slave – uncut director’s cut (DVD)

Die edlen Fesseln der Liebe

I (Hiroaki Mayama) ist ein Hirsch, sehr jugendlich, sehr potent, sehr von sich eingenommen; ein Frauenverführer, der noch eine jede kriegt. Ein Sexheld mit einem neuen Job als einer von vielen in einem Großraumbüro in einem Verlagshaus.

Selbstverständlich ist I bildhübsch mit einem gertenschlanken, fotogenen Körper, handelt es sich doch beim Film von Tôru Kamei nach dem Drehbuch von Takehiko Minato nach dem skandalträchtigen BDSM-Roman von Shu Satami um einen Edelporno. Da passen keine verschrumpelten Körper rein, das ist keine Ulrich-Seidl-Verfilmung.

Hier geht es um Sex. Und Sex ist ein Grundbedürfnis des Menschen und damit ein Grundrecht. Mit dem Grundrecht verbunden ist die künstlerische Auseinandersetzung damit, die Abbildung. Sexdarstellungen sind bis weit zurück bei der Menschheit bekannt. Da kommt das Kino nicht drumherum.

Das Spektrum ist breit, vom reinen Sexfilm über den Softporno bis hin zum knarzenden Beziehungsproblemfilm. Das dürfte im Zusammenhang mit dem Thema einer der häufigsten Konflikte sein: der zwischen ungezügeltem Sex und den Fesseln einer Beziehung, deren Komplikationen – die dann allzu gerne sich als sexfeindlich erweist.

Im neuen Job jedenfalls baggert I sofort Kana (Mitsu Dan) an – das ist gegen die Etikette. Er glaubt, wie immer, leichtes Spiel zu haben. Sie aber gibt ihm einen Korb, sagt ihm, er würde wohl Frauen immer so anmachen, das gehe aber bei ihr nicht.

Zwei Tage später erhält er von ihr eine SMS, ob er Sex mit ihr wolle. Er schluckt den Köder. Er gerät mit der Frau, die behauptet, nur einmal die Woche ihren Mann in Osaka zu sehen, in etwas hinein, was sich der Junge nie und nimmer hätte vorstellen können.

I gerät in die Sado-Maso-Welt hinein, die sein bisheriges Welt- und Liebesbild nachhaltig erschüttert. Es taucht die Figur des Lehrmeisters (Misaki Saijô) auf, dem er sich ausgeliefert sieht und der den Liebesesstrudel, in dem er zu versinken droht, knallhart manipuliert. Unser Held steht nicht mehr so heldisch und leichtsinnig da; aber ob er etwas über das Wesen der Liebe kapiert?

A Killer’s Memory – Knox goes away

Sauber aufräumen wollen

John Knoxens Karriere als Killer war makellos. Der gebildete und literarische informierte Mann, der nicht zufällig den Zusatznamen ‚Aristoteles‘ zwichen Vor- und Familiennamen platziert, legte eine einwandfreie Killerkarriere hin; nie hat er ein Härchen, nie einen Fingerabdruck, nie hat er eine identifizierbare Spur hinterlassen.

Es gab einmal nur einen Zwischenfall mit einem Taxifahrer. Er ist auch ökonomisch umsichtig umgegangen, hat wertvolle Gemälde, Diamanten und Bargeld gesammelt und vorsichtig versteckt.

Allerdings hat der berufliche Perfektionismus seinen Preis: längst ist er getrennt von seiner Frau. Von seinem Sohn Miles (James Marsden) hat er Jahre nichts gehört; er weiß nicht mal, dass er eine bildhübsche Enkelin hat, Cheryl (Lela Loren).

Die Einsamkeit des Killers. Lediglich einmal die Woche trifft er die Russin Ludmilla (Sasha Neboga), die ihm gegen die Verspannung hilft.

Die Diagnose Creutzfeldt-Jakob lässt ihn ans Aufhören denken und das möchte er genau so clean und sauber machen, wie er sein Leben erledigt hat – und wie auch der Film in seiner Ausstattung, in seinem Storyboard nach dem Drehbuch von Gregory Poirier und in der Regie von Michael Keaton daherkommt. In dieser Krankheit liegt sein Problem.

Der Film nutzt die Krankheitssymptome, die sich schnell häufen, Creutzfeldt-Jakob sei eine aggressivere Form von Alzheimer, erklärt ihm der Doktor, um diese verschwimmenden Bewusstseinszustände zu schildern in Form von Unschärfen, Aussetzern, plötzlichen Blacks und mit Gedächtnisproblemen, gegen die ein Notizblock helfen soll.

Für seinen Auftraggeber Xavier Crane (Al Pacino) will er noch einen letzten Job erledigen. Der geht schief, da tötet er seinen Kumpel Thomas (Ray McKinnon). Er möchte dies wenigstens sauber erledigt haben, ohne auf sich hinzuweisen, die Spuren perfekt vertuschen.

Zudem meldet sich sein Sohn bei ihm, der den Schwängerer seiner Tochter umgebracht hat. Das ergibt Belastungen für die schwindende Präsenz und die nachlassende geistige Kraft von John Knox.

Michael Kain spielt das fabelhaft und hat eine für sein Alter enorme auch physische Präsenz, agil auf Einbrechertour in fremde Wohnungen und beim Bearbeiten von Spuren. Allerdings hat er in der Kriminalkommissarin Emily Ikari (Suzy Nakamura) eine ernst zu nehmende Gegenspielerin, die sich dank klaren Verstandes nicht so leicht einen Bären aufbinden lässt in diesem cleanen Thrillerschmankerl.

May December

Worüber man nicht sprechen kann,

darüber muss man schweigen, mag zwar Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus geschrieben haben, aber das soll mich nicht daran hindern, einen Film darüber zu machen, hat sich vielleicht wiederum Natalie Portmann als Produzentin gedacht und somit die Haltung vorgegeben für den Film in der Regie von Todd Haynes (Carol) nach dem Drehbuch von Samy Burch und Alex Mechanik, in dem sie eine der Hauptrollen spielt.

Unsagbares sozusagen mit Erzählhemmung umzirkeln. Wenn es um Unsagbares geht, muss Liebe nicht fern sein. Die Liebe von Gracie (Julianne Moore), irgendwie eine prominente Person, vor 30 Jahren zum damals blutjungen, zu jungen, Joe (Charles Melton); eine nicht erlaubte Liebe und Mann und Kinder von Gracie konnten schauen, wo sie blieben.

Der Film spielt im Heute. Die Kinder aus der rätselhaften Liebe sind grade flügge, so wie das schön und fett in den Film montierte Raupensymbol des Monarchfalters.

Um beim Un- oder Nichtsagbaren zu bleiben, verwendet der Film einen weiteren Trick zur Einzirkelung. Eine Filmproduktion will einen Film über Gracie und diese Geschichte drehen. Die bekannte Schauspielerin Elizabeth (Natalie Protaman) soll die Rolle der ebenfalls bekannten Gracie spielen.

Im Zug feldforschender Rollenarbeit sucht Elizabeth den Kontakt zur Familie von Gracie, die in Wohlstandsverhältnissen mit Seeanstoß auf einer Insel lebt. Elizabeth verbringt viel Zeit mit der Familie, ist eingeladen bei Festen, unterhält sich mit Elizabeth, mit Joe, mit dem Ex-Mann. Sie ist neugierig, wie es heute bei denen steht, obwohl der Film die Zeit vor 30 Jahren behandelt.

So richtig, scheint mir, will der Film aber nicht mit der Sprache herausrücken, will das Geheimnis dieser Liebe nicht preisgeben. Als beispielhaft dafür mag die Szene gelten, in der Gracie den Kühlschrank öffnet, der Zuschauer sieht allerdings nicht in den Kühlschrank hinein, ihm versperrt die geöffnete Tür den Blick und darüber montiert der Film nun eine massive Ankündigungsmusik, auf die folgt aber: nichts.

The End We Start From

Bürgerliche Sehnsucht nach dem Romantisch-Morbiden,

scheint mir das dominierende Need in diesem Film von Mahalia Belo nach dem Drehbuch von Alice Birch nach dem Buch von Megan Hunter.

Die Bildersehnsucht scheint stärker als jedes Bedürfnis nach Storytelling. Diese Message ist grad anfangs besonders stark. Was die Kamera da für Spiele treibt, sie tut teils so, als sei sie Spion, sie versucht mitten im Geschehen sich unsichtbar zu machen, sie scheint angefixt von Bildern, die man als solche in jeder bürgerlichen Wohnstube dekorativ aufhängen könnte.

Das erste Sujet ist eine hochschwangere Frau (Jodie Comer). Sie ist die Protagonistin. Der Film bringt gleichzeitig katastrophale Überschwemmungen in England, wo er spielt, ins Bild. Das Wasser läuft unter den Türschwellen herein. Diese Bilder haben durchaus etwas Vertrautes. Man fühlt sich nicht fremd. Sie haben etwas Anheimelndes – einerseits.

Aber dann die Katastrophe. Es kommt auch der Erzeuger dazu, R (Joel Fry). Ein Mann für jedes Porträt, was eine Art idealer Männlichkeit darzustellen hat. Der Weg zur Entbindung ist mit Hindernissen gepflastert. Überall Stau auf den Straßen. Aber auch das wird nicht mit Story-, sondern vielmehr mit Bilderdrive, was gibt was her, erzählt.

Die Geburt selbst illustriert der Film wiederum mit Katastrophenbildern. Ist ja auch eine Art Katastrophe. Die Familie bleibt vorerst zusammen, kommt im Haus des Erzeugers unter. Aber die Katatrophe geht weiter. Die Kamera von Suzie Lavelle darf sich weiter an feinen Sujets suhlen. Es gibt ja so viel Fotogenes, nicht nur mit Babies, nicht nur mit Katastrophen, da ist auch die Gegend Englands bei Regen, das viele Grün, die Landschaft, das Meer.

Ergiebig ist auch das Topos „Mutter allein mit Kind“. Die Katastrophe treibt sie zur Flucht. Jetzt ist sie allein unterwegs. Wie malerisch, Mama mit dem blonden Botticelli-Haar (wird auch noch schön drapiert werden später). Das müsste DR (Ramanique Ahluwal) sein. Notlager, Bilder, die an die biblische Geschichte erinnern.

Es stößt eine zweite Mutter mit Kind umgebunden dazu. Zwei Frauen mit Babies allein unterwegs. Welche Bilderstrecke! Aber auch das ist noch nicht vollständig ausgebeutet. Die Flucht geht übers Meer. Auf eine Insel. In eine Kommune.

Die Kamera kriegt sich kaum mehr ein, sie muss Orgasmus über Orgasmus bekommen haben ob dem Reichtum an Bildern, der sich ihr bietet. Man kann dem Film gar nicht böse sein. Er gibt einem Rätsel auf. Wie kann er so faszinieren, obwohl er uns das, was er erzählen will, irgendwie vorzuenthalten scheint. Vielleicht ist alles nur ein Stattdessen? Auch Atmosphärisches kann fesseln, das zeigt der Film auf jeden Fall.

Straight Outta Giasing – Die Geschichte vom Giesinger Bräu

Anders als die andern

Es anders machen als die anderen, das ist die Maxime des Zuagroasten Münchners und Giesinger Bierbrauers Steffen Marx. Wenn andere Brauereien ihr Bier in Halbliterflaschen anbieten, so füllt er es in 0,3-Liter-Flaschen ab. Und da kann er schon mal auf einer Million leerer Einheiten sitzen bleiben. Das stellt der Münchner Jungbrauer lakonisch bis salopp fest. Denn er hat Größeres im Sinn, er will Münchner Geschichte schreiben. Ein Stück weit dürfte ihm das bereits gelungen sein.

Nach Hunderten von Jahren ist er der erste neue Münchner Bierbrauer mit seinem Giesinger Bräu, der in München und mit aus der Tiefe geholtem Münchner Wasser ein Bier braut, das sich Münchner Bier nennen darf. Der Clou dabei, damit ist das Recht verbunden, sich für ein Festzelt auf dem Oktoberfest zu bewerben.

Der Film von Raphael Lauer ist das Nebenprodukt einer Fernsehdokumentation, ein Überschussprodukt und ist ein Werbefilm für den Unternehmer und sein Gebräu. Aber was macht einen Werbefilm attraktiv? Dass er eine spannende Geschichte zu erzählen hat. Und die Geschichte von Giesing Bräu ist phänomenal, von der Garagenbierbrauerei in Untergiesing zur topindustriellen Brauerei mit Abfüllanlage in Moosach. Da hat einer und sein Brauer Simon in einem, wie es immer heißt, stagnierenden bis schrumpfenden Markt, wohl eine Marktlücke entdeckt und diese auch geschickt vermarktend genutzt.

Der Unternehmer und Bierbrauer Steffen Marx ist ein unterhaltsamer und humorvoller Erzähler seiner Geschichte. Die enthusiasmusgetriebene Regie von Raphael Lauer pointiert sie mit Drohnenaufnahmen, die für ein ungewöhnliches Münchenbild sorgen, mit Archivmaterial, mit nett aufgespießten Fotoclips, mit der Befragung von Finanziers, Sponsoren, Mitarbeitern und last not least seiner wohl nicht zu unterschätzenden Gattin. Im Hinblick auf das Motto „think global, drink local“ dürfte der Bierzähler in den Film integriert sein (wie auch eine 15-minütige Pause mit rückwärtslaufendem Zähler – zum Biereinschenken; die „Giesinger Pinkelpause“). Ein Film, der sicher sein Gewicht im Lokalen sieht; Moses Wolff spinnt als kommentierender Erzähler den Faden der Geschichte fort.

So wurde denn die Premiere des Filmes im Grünwälder Stadion für über 2500 Fans, ja richtig, es ist ein Film für Family and Friends, ein lokales Ereignis. Das Wetterleuchten hinter den dunklen Wolken am Giesinger Horizont ließ vermuten, dass der Loisl im Himmel vor lauter Begeisterung ein Feuerwerk zündete. Und wie das Licht auf der auf dem Rasen aufgeblasenen Megaleinwand aus ist, sieht man hoch darüber einen zunehmenden Mond stoisch vertieft auf das Stadion und Giesing runterblicken.

Sieben Sekunden

Sportfilm und Product Placement

Wie der Fliegenfänger mitten in der guten alten Bauernstube so zieht der Sportfilm die Sponsorenwapperl magisch an.

Das ist aufgefallen bei den Lebenslinien zu Christian Neureuther und Rosi Mittermeier.

Aber so viele Wapperl in einem einzigen Sportfilm, wie hier bei Martina de Lorenzo, das dürfte selbst weltmeisterverdächtig sein. Überall drängen sie sich, auf den Jacken, auf den Hemden, auf den Mützen, auf den Skiern, auf den Banden, ja einmal scheint sogar eine Mütze extra so ins Bild gerückt, damit man das Wapperl sehen kann und bei einem Hausbesuch stehen zwei Weinflaschen wie nicht zufällig auf einem nicht weiter gedeckten Esstisch.

Vielleicht hat das mit der Idee des Filmes zu tun. Er will mithelfen, das Skfliegen als Frauensportart zu etablieren. Einmal gibt es explizit ein Statement, das von der wachsenden Bekanntheit und dem damit verbundenen Wachsen des Geschäftes (nicht mit diesen Worten) spricht. Das hätte man ruhig weiter reflektieren können, auch den Einfluss der Sponsoren.

Die Sponsoren jedenfalls können zufrieden sein. Denn die Protagonistinnen, allen voran Eva und Katharin, sind sympathische, gewinnende junge Frauen, deren Traum es ist, einmal im Leben mehr als zweihundert Meter von einer Schanze zu fliegen. Das wären in etwa die titelgebenden sieben Sekunden, um die es geht.

Immerhin haben sie Frauenskifluggeschichte geschrieben, indem sie bei den ersten 15 Athletinnen dabei sind, die in Norwegen hochoffiziell am ersten Skiflugwettbewerb für Frauen überhaupt teilnehmen dürfen. Bis es so weit ist, das zeigen Rückblicke, muss einiges passieren.

Es gibt Vorbehalte gegen Frauen in dieser Sportart. Es gibt einen Fachmann, der ernsthaft behauptet, die Verletzungsgefahr bei Frauen sei größer als bei Männern. Als ob die nicht so oder so groß genug sei, auch bei den Männern. Und – davon erfährt man aber wenig im Film – vermutlich stellte sich vor allem verknöchertes Sportfunktionärstum dagegen.

Der Film will das Schöne an der Sportart promoten, legt süße Glücksmusik drüber und verlässt die Enge des Fokusses der Akteurinnen gerne, um mit Drohnenflügen postkartenschöne Bilder der Gegenden, in denen sich Schanzen befinden, zu liefern.