Fortissime Coming of Age
Heranwachsen in aller Härte, in der Zeit des aufkommenden und grassierenden Virus, im Immigrantenmilieu in einer gesichtslosen Vorstadt von Paris, ohne Vater aber mit einem drogensüchtigen Onkel.
Julia Ducournau schenkt sich und dem Zuschauer nichts, wie sie schon in Titane gezeigt hat. Sie schaut auf das Leben und zeichnet es in aller Härte nach. Die Schonungslosigkeit im Filmemachen gilt bei ihr für alle Gewerke, die Maske kennt keine Grenzen im Überzeichnen von Krankheit, Wunden und Tattoo-Stichen, die Musik orientiert sich am Fortissimo, kommt aus allen Bereichen, die Schauspieler spielen laut und deutlich, die Milieuzeichnung ist gnadenlos und heftig.
Die Gesamtwirkung lässt erahnen, welche Umwälzungen in einem weiblichen Menschen die Pubertät, der Weg vom Mädchen zur Frau bedeutet, wie heftig das sein kann, wie erbarmungslos Tod und erste Liebe in unmittelbarer Nähe sein können.
Alpha (Melissa Boros) ist dreizehn mit Rückblenden in die frühere Kindheit. Mutter (Golfshifteh Farahani) ist eine soziale Aufsteigerin, sie ist Ärztin geworden. Die Oma spricht kein Französich; sie erzählt immer vom Roten Wind.
Der Bruder Amin (Tahar Rahim) der Mutter ist schwer drogensüchtig, sehnt sich nach dem finalen Schuss. Er kommt im Zimmer seiner Schwester Alpha unter. Alpha wird vorgestellt, wie sie sich bei einer Party den Buchstaben A in lateinischer Schrift auf den Oberarm stechen lässt in nicht unbedingt hygienischer verantwortlicher Manier. Mutter gerät in Panik, ob sie sich nicht infiziert habe.
Manche Szenen spielen im Krankenhaus, Untersuchung von Alpha, aber auch Bilder von übel aussehenden Infizierten. Auf den Rücken von Amin gibt es Blicke, fast wie eine Ekelkunstinstallation sieht der aus, wie die Ärztin da rummfummelt und es staubt. Auch aus dem Mund von Amin kommt weißer Rauch. Mit Kunst eins auf die Realität draufgepackt, um sie drastischer darzustellen, Szenen aus dem Alltag der jungen Frau.
Blut spielt eine beängstigende Rolle, es gibt Schulszenen, Szenen im Schwimmbad, da verliert Alpha Blut aus ihrer nicht geheilten Wunde, das Wasser färbt sich rot, alle fliehen kreischend aus dem Schwimmbecken; beim Ballspiel färbt der Ball sich rot. Er wird umgehend ohne Hautkontakt entsorgt. Es gibt, Balsam, Szenen von Zutraulichkeit, von Zärtlichkeit und ein junger Mann ist auch noch im Spiel. Dass sich bei einer Rachenuntersuchung ein Close-Up der Mundschleimhäute anbietet, ist selbstverständlich.