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Alpha

Fortissime Coming of Age

Heranwachsen in aller Härte, in der Zeit des aufkommenden und grassierenden Virus, im Immigrantenmilieu in einer gesichtslosen Vorstadt von Paris, ohne Vater aber mit einem drogensüchtigen Onkel.

Julia Ducournau schenkt sich und dem Zuschauer nichts, wie sie schon in Titane gezeigt hat. Sie schaut auf das Leben und zeichnet es in aller Härte nach. Die Schonungslosigkeit im Filmemachen gilt bei ihr für alle Gewerke, die Maske kennt keine Grenzen im Überzeichnen von Krankheit, Wunden und Tattoo-Stichen, die Musik orientiert sich am Fortissimo, kommt aus allen Bereichen, die Schauspieler spielen laut und deutlich, die Milieuzeichnung ist gnadenlos und heftig.

Die Gesamtwirkung lässt erahnen, welche Umwälzungen in einem weiblichen Menschen die Pubertät, der Weg vom Mädchen zur Frau bedeutet, wie heftig das sein kann, wie erbarmungslos Tod und erste Liebe in unmittelbarer Nähe sein können.

Alpha (Melissa Boros) ist dreizehn mit Rückblenden in die frühere Kindheit. Mutter (Golfshifteh Farahani) ist eine soziale Aufsteigerin, sie ist Ärztin geworden. Die Oma spricht kein Französich; sie erzählt immer vom Roten Wind.

Der Bruder Amin (Tahar Rahim) der Mutter ist schwer drogensüchtig, sehnt sich nach dem finalen Schuss. Er kommt im Zimmer seiner Schwester Alpha unter. Alpha wird vorgestellt, wie sie sich bei einer Party den Buchstaben A in lateinischer Schrift auf den Oberarm stechen lässt in nicht unbedingt hygienischer verantwortlicher Manier. Mutter gerät in Panik, ob sie sich nicht infiziert habe.

Manche Szenen spielen im Krankenhaus, Untersuchung von Alpha, aber auch Bilder von übel aussehenden Infizierten. Auf den Rücken von Amin gibt es Blicke, fast wie eine Ekelkunstinstallation sieht der aus, wie die Ärztin da rummfummelt und es staubt. Auch aus dem Mund von Amin kommt weißer Rauch. Mit Kunst eins auf die Realität draufgepackt, um sie drastischer darzustellen, Szenen aus dem Alltag der jungen Frau.

Blut spielt eine beängstigende Rolle, es gibt Schulszenen, Szenen im Schwimmbad, da verliert Alpha Blut aus ihrer nicht geheilten Wunde, das Wasser färbt sich rot, alle fliehen kreischend aus dem Schwimmbecken; beim Ballspiel färbt der Ball sich rot. Er wird umgehend ohne Hautkontakt entsorgt. Es gibt, Balsam, Szenen von Zutraulichkeit, von Zärtlichkeit und ein junger Mann ist auch noch im Spiel. Dass sich bei einer Rachenuntersuchung ein Close-Up der Mundschleimhäute anbietet, ist selbstverständlich.

A Missing Part

Harte Regeln

Das Vaterrecht für einen Gaijn in Japan, also einen Mann ausländischer Herkunft, ist brutal hart; der Vater scheint überhaupt keine Rechte zu haben, wenn die japanische Mutter es nicht will.

So ergeht es Jérôme (der fabelhafte Romain Duris). Er hatte eine Tochter gezeugt, Lily (die ebenso fabelhafte Mei Cirne-Masuki). Sie ist jetzt fünfzehn, geht aufs Gymnasium und hat seit der Trennung der Eltern vor neun Jahren den Vater nicht mehr gesehen. Er will aber keine Scheidung. Er ist Franzose, hat als Koch gearbeitet, er spricht passabel japanisch, dann hat er auf Taxifahrer umgesattelt, damit er tagsüber seine Tochter suchen kann. Er sehnt sich nach seinem Kind, er vermisst den Kontakt zu ihm; er wäre wohl ein modellhaft liebender Vater.

Der Film von Guillaume Senez, der mit Jean Denizot auch das Drehbuch geschrieben hat, kommt ohne Japantümelei oder Japanschwärmerei aus, wie eine Doris Dörrie sie gerne in in ihren Japan-Filmen zelebriert hat. Er konzentriert sich auf seine Hauptfigur, die den Film spielend trägt und gibt nebenbei ganz selbstverständlich einen Einblick in die japanische Gesellschaft.

Jérôme ist in einer Selbsthilfe-Gruppe für Männer, die ähnliche Probleme mit den Kindern haben. Das sind offenbar gar nicht so wenige.

Es ist ein Themenfilm, der exemplarisch und hervorragend an einem Fall ein wichtiges japanisches, gesellschaftliches Problem filmisch höchst genießbar und spannend aufbereitet. Dazu nutzt er auch geschickt den Sound, der immer wieder thrillerhafte Momente einbringt.

Wie Jérôme für einen Kollegen bei dessen Tour einspringt, muss er ein Mädchen, mit einem gebrochenen Knöchel zur Schule fahren. Er ist fasziniert von ihr. Auf seinem Arm hat er den Namen seiner Tochter Lily eintätowiert. Darauf macht der Film geschickt beim Besuch einer Badeanstalt aufmerksam. Er entdeckt, dass das Mädchen vermutlich seine Tochter ist und wie elektrisiert fäng er an, sie zu beobachten.

Nicht nur, dass Jérôme einen Verstoß gegen die Arbeitsregeln riskiert, er bittet seinen Kollegen Shibuya Yu (Shinnosuke Abe), ihm einen Teil seiner Tour zu überlassen, nämlich jenen, bei dem er Lily zur Schule bringen und dort wieder abholen muss.

Die Oma von Lily (Shungiku Uchida) kommt dahinter, dadurch entdeckt Lily, wer ihr Chauffeur ist, während Jérôme eigentlich schon seine Abreise aus Japan plant. Er wiederum steht seinem Vater in Frankreich im Wort wegen dem Hausverkauf. So spitzt sich die Geschichte zu, dass plötzlich ein gänzlich unjapanischer Freiheitsbegriff relevant wird und zu einem abenteuerlichen Ausflug mit enormen Konsequenzen führt; denn auch Lily hat durch den französischen Vater ein ungelöstes Identitätsproblem, sie fühlt sich so halb-halb.

Der Film ist ein schönes Beispiel dafür, wie man ein konkretes Thema, dasjenige eines absurden Gesetzes in Japan bei Trennung, faszinierend universell erzählen kann. Und herrlich, dass Jérôme als Hausgenossen ein Äffchen hält. Das irritiert, wie sie bei ihm unterkommt, Jessica (Judith Chemla).

Kontrovers – Die Story; Mein Großvater – der Nazi – Schuld und Schweigen in der eigenen Familie (BR, Mittwoch, 1. April 2026, 21.15 Uhr)

Reißerisch

ist die grafische Umrandung der schwarz-weiß Fotos des Opas mit einer Art rostrotem Gitter, das an den Ecken die Ansätze eines Hakenkreuzes insinuiert. Da weiß man, der war ein Böser.

Rein gar nichts ist kontrovers an dieser Sendung, die sich mit just diesem Eigenschaftswort schmückt, rein gar nichts. Gut und Böse sind klar aufgeteilt. Der Enkel ist der Gute, der mit demselben Ernst, mit dem sein Opa Nazi war, eine Aufarbeitung angehen möchte.

Reißerisch ist der Film auch mit den Aufmarsch- und Führerpropagandabildern, die er telquel übernimmt. Wie man das klüger, schlauer, dezidiert distanzierender handhaben kann, zeigt der „Film Friendly Fire – Erich Fried“, der am 30. April ins Kino kommt. Auch die Präsentation der Nazi-Devotionalien des Opas passiert andächtig, als ob sie etwas Kostbares wären.

Grade ertragreich ist auch das gebrochene Schweigen in der eigenen Familie nicht; denn da nichts gesagt worden ist, ist nichts weitergegeben worden. Über den Opa ist, außer, dass er ein ernster Mann gewesen sei, nicht viel mehr zu erfahren, als dass er bei der SS in aktiver Funktion tätig war. Auch ist der Titel der Sendung irreführend, da es praktisch nur um die Reichsprogromnacht geht. Der Titelzusatz mit „Schuld und Schweigen in der eigenen Familie“ wirkt angeberisch, da das nicht weiter behandelt wird außer der Feststellung, dass das kein Thema gewesen sei.

Der Film konzentriert sich auf die Reichsprogromnacht und da habe der Opa an vorderster Stelle mit gebrandschatzt. Was er sonst noch bei der SS getrieben hat, bleibt im Dunkeln. Kein Wunder, dass dessen Tochter unter einem Transgenerationentrauma litt, das sie wiederum an den Protagonisten dieses TV-Features von Christian Stücken und in beschämender redaktioneller Verantwortung und Leitung von Birgit Kappel weitergegeben hat. Deshalb gibt es ein anskizziertes Gespräch mit einem Psychologen.

Die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München (wenn der Film nach München wechselt, wird mit Schrift der Name eingeblendet und ein roter Pfeil weist daraufhin, für alle, die es von den Bildern her nicht merken) geht auf den Auslöser für die Reichsprogromnacht ein: das Attentat des polnischen Juden Grynspan auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris.

Vielleicht ist der Film lediglich als vorsorgliche Werbung für das Buch gedacht, das der Protagonist am Schreiben sei. Es scheint darin um seinen Herkunftsort Rheine zu gehen und wie die wie das übrige Deutschland den Wahnsinn mitgemacht haben. So entfährt denn dem Protagonisten auch und mal ein „Wahnsinn, verrückt, wirklich verrückt!“. Und dann werden noch ein paar Stolpersteine aufpoliert.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Kings of Scam – Wer klickt, verliert. Folge 1: Sie haben Post (Das Erste, Mittwoch, 1. April 2026, 22.50 Uhr)

Internetlangfinger

Untrennbar mit dem Besitzdenken scheint das Diebstahlsdenken verbunden zu sein. Da das Internet eine relativ junge Kulturtechnik ist, haben es hier Diebe besonders leicht, speziell, wenn es um Kreditkarten und deren Daten geht. Da lassen sich Menschen reinlegen, die nicht unbedingt auf den Enkeltrick reinfallen würden.

Man ist in Hektik, erwartet ein Paket, bekommt eine SMS mit der Mitteilung über einen erfolglosen Zustellversuch und soll mal schnell ein paar Daten preisgeben, damit das gelingen kann. Und schwups kann der schlaue Datenfischer irgendwo auf der Welt mit der Kreditkartennummer shoppen gehen.

Das Rechercheteam aus Julia Schweinberger, Lena Walbrunn, Alexander Nabert, Arne Meyer-Fünffinger und Sammy Khamis, redaktionell betreut von Verena Nierle, Pia Dangelmayer und Maximilian Zierer, hat sich dieses leidigen Themas aufklärerisch angenommen und präsentiert seine Erkenntnisse als spannendes Infotainment.

Dem Rechercheteam des BR ist ein größeres Datenkonvulut, das detailliert hundertausendfachen Smishing-Betrug dokumentiert, in die Hände gefallen. Sie haben Kontakt zu ethischen Profihackern und einem Datenjournalisten aus Norwegen aufgenommen und sie kommen selber einem von sich sehr eingenommenen Datenlangfinger auf die Spur, weil der seinen Life-Style und seine Beute stolz im Darcula-Chat präsentiert.

Schöner Cliffhanger am Schluss dieser ersten Folge: einer vom Team macht sich auf den Weg, um den Datendieb von Bangkok eventuell persönlich ausfindig zu machen.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

They Will Kill You

Fun For Fans

und Reichenbashing dazu, ähnlich wie in den Ready or Not Filmen (Nummer zwei folgt demnächst).

Die Armen sind dazu da, den Reichen geopfert zu werden, die Reichen machen sich einen Spaß daraus, die Armen auszuquetschen, auszupressen, zu malträtieren.

Eine Geschichte gibt es auch im Film von Kirill Sokolov, der mit Alex Litvak ebenfalls das Drehbuch geschrieben hat.

Asia Reeves steht im hartnäckigsten Dauerfilmregen mit ihrer kleinen Schwester Isabelle. Sie sind arm. In einem Geschäft lassen sie was mitlaufen. Sie werden gestellt. Es kommt zu einer Schießerei mit einem Toten.

Asia (Zazie Beetz) landet im Knast. Ihre kleine Schwester verschwindet aus ihrem Leben. Nach der Entlassung aus dem Knast, 10 Jahre später, klopft Asia am merkwürdig nach Horrorfilm erbauten Haus „Virgil“ an. Sie wird von einer strengen Dame empfangen. Nach kurzem Wortgeplänkel und Klärung des Themas mit dem Identitätsausweis wird die durchnässte Frau eingelassen.

Der Horrormeisterfilmer schließt die Tür hinter ihr mit mehreren Großaufnahmen von martialischen Riegeln, die vorgeschoben werden. Hier kommt man nicht so schnell wieder raus.

Das Gebäude stellt sich als ein Horror-Labyrinth-Gebäude mit klassisch stilisierten Korridoren, Zimmerfluchten heraus. Es gibt Massen von exakt gleich uniformierten weiblichen Bediensteten. Die Hausbewohner, das sind die Reichen, sind ebenso uniform in eine Art wasserabweisenden, überdimensionale Teermäntel gehüllt. Sie tragen Masken, Kapuzen.

Es ist eine von willensstarker Designhand durchgestylte Welt, in der sich Asia findet. Sie bekommt ein Zimmer zugewiesen, großzügig mit Kochecke, Badewanne, Schränken, weit überdimensional und überluxuriös für eine Angestellte, die sich strenger Disziplin zu unterziehen hat.

Wie Asia aus dem Bad tritt, das dichten Dampf entwickelt hat, sieht sie auf einer Scheibe von unsichtbarer Hand geschrieben den Satz, der den Titel des Filmes bildet, sie werden dich töten.

Keine Zeit zur Besinnung, nach kurzen Horrorträumen tritt das Grauen in der Formation der Reichen mit allerlei Tötabsichten in ihr Leben. Sie aber weiß sich, das ist tricky, zu wehren. Reiche scheinen mehrere Leben zu haben. Sie können auch mit dem abgehauenen Kopf unterm Arm oder mit dem mit dem Säbel entfernten Fuß und Unterschenkel im Arm weiterleben.

Der Horror geht genussvoll ab, er schwelgt in Blutfontänen, in einem herausgerissenen Auge, das sich selbständig macht, in Kämpfen mit Schwert und anderen Gegenständen, Bodyhorror pur und die Protagonistin kommt immer wieder davon, weil sonst ja der Film zu früh aus wär.

Asia wird ihre kleine Schwester, perfekt angepasst ans Ausbeutersystem, finden und versuchen, sie zur Flucht zu überreden.

Damit hat der Film sein Horrorpulver längst nicht verschlossen. Er wartet mit einem weiteren, satten, delektierlich und dekorativ präsentierten Horrmenü auf, das den Horrorfan sicher erfreuen, gar begeistern dürfte. Horreur pour l‘ horreur.

Horst Schlämmer sucht das Glück

In der Schlämmerecke

Die bundesdeutsche Schäm-, oh pardon, Schlämmerecke, wo ist die? Die ist in Grevenbroich. Hape Kerkeling als Horst Schlämmer ist dort Lokalreporter und hält mit dieser Figur und auch mit der Art, Kino zu machen, den Deutschen ihren Provinzialismus vor.

Es ist ein Welthorizont, der weiß, dass Dresden in Thüringen liegt und dass dort die unglücklichsten Menschen des Landes Leben. Schlämmer will sich nach der Corona-Epidemie auf die Suche nach dem Glück machen und das mit einem Film dokumentieren.

Horsts Stammkneipe Wilddieb hat dicht gemacht. Horst schließt, das ist doch immerhin ein dramaturgisches Momentum, was einen Spannungsbogen eröffnen kann, eine Wette. Wenn es ihm gelingt, den Horst-Schlämmer-Film zu machen, dann muss die Kneipe wiedereröffnen.

Der Lokalreporter mit den sperrigen Zähnen, der wilden Mähne begibt sich mit seiner unsichtbaren Assistentin, diese mit der Kamera bewaffnet, auf Glückssuche durch das Land.

Zur kulturellen Einordnung des Protagonisten wird eine Fernsehserie beigezogen, die im Sinne des 50er-Jahre Heimatfilmes und operettenhaft ländliche Idylle propagiert. Er ist Fan davon. Die Protagonistin ist eine liebliche Blondine namens Gaby Wampel (Tahnee Schaffarczyk). Die Serie zu schauen, macht Horst Schlämmer glücklich.

Der Film von Sven Unterwaldt Jr. nach dem Drehbuch von Claudius Läging erzählt das alles so, als sitze er selber zu hundert Prozent in der Schlämmer-Ecke, als reiche sein Horizont nicht einen Mü weiter. Es wird voll die 50-Jahre-Käseglocke über das Werk gestülpt.

Die heutige Zeit wird Miniportiönchen verabreicht. Corona ist vorbei, Lach-Yoga in Bad Lobenstein kommt vor und andere Patienten-Beschäftigungen. Die DB bekommt ihr Fett ab und die Schaffnerin Frau Schlonzbach (Kerstin Thielemann) betreibt privat einen S/M-Club. Markus Söder darf zeigen, dass er als Schauspieler buena figura macht.

Der Film präsentiert die Provinzialität so gekonnt, dass man, wenn man ihn exemplarisch für das moderne, deutsche Kino nehmen wollte, dieses als absolut rückständig glaubwürdig dargestellt sähe. Ein Kino aus einer Zeit, als eine ganze Generation gerade versuchte, die Gräuel der Nazizeit zu verdrängen. Doch unsere Zeit ist auch nicht schlecht bedient mit grauenhaften, vom Zaun gerissenen, massenmörderischen Konflikten. Vielleicht liegt darin die Sehnsucht nach ein wenig ablenkendem Operettenglück begründet und nach geistiger Anregung durch Witze wie, die Deutsche Post leere gelbe Mülltonnen oder die Deutsche Bahn sei pünktlich: Fahrgäste rasten aus.

Gerade heute kommt ein Film über einen echten Lokalreporter ins Kino, im Film Ich war ein Zeuge. Da kann man wunderbar die Differenz zwischen der Schlämmer-Figur und einem echten Vertreter der Berufsgattung beobachten.

Pillion

Sensibler Blick in die Bikerwelt

Der Film von Harry Lighton nach dem Roman „Box Hill“ von Adam Mars-Jones berichtet von einer devoten, respektive herrischen Liebe im Bikermilieu (BDMS). Er folgt der Liebessehnsucht und dem Liebesbedürfnis von Colin (Harry Melling). Dieser lebt in einer englischen Kleinstadt im engen Zuhause von Vater Pete (Douglas Hodge) und der dominierenden Mutter Peggy (Lesley Sharp), die ihm, wenn ich das richtig verstanden habe, ein Blind Date mit dem Biker Ray (Alexander Skarsgard) vermittelt und die genau wissen will, wie es abgelaufen ist.

Vorgestellt wird Colin als Sänger eines Männerquartetts, das bei Geselligkeiten auftritt und so wunderbar Lieder singt wie die Comedian Harmonists. Er hat lange schwarze Haare und wirkt weich. Ray ist ihm gegenüber ein harter Kerl.

Vom ersten Moment an ist klar, wer den Ton angibt. Ray befiehlt Colin, ihm zu folgen. Er lotst ihn in eine verlassene Ecke eines Gewerbegebietes. Er darf, muss ihm einen blasen. Trifft man sich wieder?

Wie ein Protokoll oder eine Einführung in diese Welt schildert der Film die Entwicklung der Beziehung und des Rollenspiels. Es kann einem kalt über den Rücken laufen: kein Kuscheln, Stiefel lecken, einkaufen, kochen, auf dem Fußboden schlafen, kein Küssen.

Das einzige, zum dem Ray eine liebevolle Beziehung zu haben scheint, ist sein Motorrad. Colin zieht in die Wohnung von Ray; seine Haare werden geschoren; er läuft mit Schürze rum; nichts ist in der Wohnung, was auf eine persönliche Einrichtung schließen lässt, kalt und nüchtern wirkt sie, nichts Liebevolles. Und so ist auch die Beziehung.

Colin ist es erst zufrieden. Doch die Sehnsucht nach mehr wird stärker. Ob sie mit dem Rollenspiel nicht mal eine Pause machen können? Ob er nicht mal ins Bett zu Ray steigen darf? Gar küssen? Die Eltern wollen ihn kennenlernen. Die Einladung gerät zum Fiasko. Dass Colin den Aufstand riskiert, einen freien Tag erbittet, stellt die Beziehung auf eine harte Probe. Die Härte dieser Beziehung wird mit einer eher weichen Musik auf der Tonspur gegengewichtet.

Ein ähnliche Geschichte erzählt Lurker.

Mit Hasan in Gaza

Guerilla-Shooting

Dies ist Guerilla-Filming pur, so wie Richard Linklater in Nouvelle Vague sich dafür begeistert.

Found Footage ist es dazu, was Kamal Alijafari uns präsentiert. Es ist eine klandestine Reise durch das Gaza von 2001, wie es gegenüber heute direkt paradiesisch wirkt und es war damals schon katastrophal. Viel davon findet in einem Taxi statt. Da denkt man an Taxi Teheran. Auch in Gaza finden viele Fahrten in Sevice-Taxis statt. Da steigen die Leute ein und aus, wie es für sie passt. Wenn sie einsteigen, stecken sie dem Fahrer eine Münze zu. Es sind geräumige Mercedes-Limousinen.

Da Journalisten nach wie vor der Zugang zum Gazastreifen verboten oder nur sehr beschränkt möglich ist, muss man froh sein, um jede Lebensäußerung, die aus dem Gebiet kommt. Wir haben die Freiheit der Information. Die ist wichtig. Und so werden Filme, die mit Gaza zu tun haben umso wichtiger. Zuletzt Once Upon A Time In Gaza, dann Die Stimme von Hind Rajab, Ein Haus in Jerusalem, Im Schatten des Zitronenbaumes, die beiden letzteren zum Thema der Palästinenser.

Hier im Film kommen kleine Mädchen vor. So muss man sich Hind Rajab vorstellen. Im Film versucht Hasan einen Freund zu finden, den er in seiner Zeit im Gefängnis kennengelernt hat. Er hat aber keine Adresse. Das ist der Anlass, durch Gaza zu fahren.

Immer wieder sieht man die Siedlungen, Kontrollpunkte, leere Läden, aber auch notdürftige Märkte oder sogar eine schön eingerichtete Wohnung mit liebevollem Kinderzimmer (oh, Hind Rajab!) und Salons. Aber auch Trümmer eines eben erst von Israel zerstörten Wohnhauses werden aufgesucht.

In der Wohnung von Hasan wird der Filmer beim nächtlichen Blick aus der Terrasse vertröstet, er brauche keine Angst haben, die Granaten und Mörser, die zu hören seien, würden nicht bis hierher gelangen; außerdem sei es in dieser Nacht relativ ruhig, da gerade viele Beerdigungen stattfänden.

Die Hypothek, die über diesem Film schwebt, ist das Wissen, dass all dies Leben, es gibt sogar ein wenig Strandleben am Meer, inzwischen in einem massenmörderischen, blindwütigen Racheakt zerstört und vernichtet worden ist. Gesänge aus einer untergegangenen Zeit.

Es gibt eine Szene, in der ein Palästinenser nicht gefilmt werden möchte, weil er in Israel arbeitet. Der wird vertröstet, das sei ein rein privater Film, oder er würde erst viel, viel später an eine Öffentlichkeit gelangen. Jetzt ist es ein Vierteljahrhundert später.

Kokuho: Meister des Kabuki

Das Kino als Bühne

Eine Kabuki-Bühne hier im Film von Sang-il Lee nach dem Drehbuch von Satoko Okudera nach dem Roman von Shuichi Yoshida sieht aus wie eine breite Kinoleinwand. So vermittelt der Film den Eindruck, der Zuschauer könne in die Leinweinand einsteigen und endlich erfahren, was dahinter alles los ist.

Und das ist einiges. Da geht es nicht nur um Kunst, da geht es um menschliche Beziehungen, Rivalitäten und Freundschaften, um die Onnagata, Männer als Frauendarsteller, das Blut und das Erbe, um Familie und sogar die Yakuzas spielen hinein, um japanische Tradition und um einen Künstler als lebendigem nationalem Schatz oder auch Denkmal.

Kikuo (Soya Kurokawa) ist Sproß einer Yakuza-Gang. Anlässlich einer Familienfeier tritt er als Onnagata auf. Im Publikum sitzt als Gast ein bekannter Kabuki-Dasteller, Hanjiro (hier ist es schwierig, aus IMBd und Wikipedia den Namen des Darstellers zu identifizieren). Er ist begeistert vom Talent von Kikuko.

Aus der Geburtstagsfeier wird ein Yakuza-Massaker. Kikuko überlebt als einziger seiner Familie und wird von Hanjiro mit zu seiner Familie genommen. Er will ihm eine Ausbildung zum Kabuki-Schauspieler ermöglichen.

Hier wird eine den Film bestimmende Konkurrenz zum Sohn von Hanjiro initiiert. Es wird eine überraschende Freundschaft von zwei konkurrierenden Männern, die eine Zeitlang als Han-Duo Erfolge feiern. Als Erwachsene werden die beiden gespielt von Ryo Yoshizawa (Kikuo) und Ryusei Yokohama (Shunsuke).

Das wird ein Dauerthema im Film: der Widerspruch zwischen der unzweifelhaften, ja hervorragenden Begabung von Kikuo und der mäßigeren, der sie aber im Blut habe, von Shunsuke.

Es gibt Einblicke in die Ausbildung der beiden. Der Vater ist sehr streng, körperliche Züchtigung ist nicht ausgeschlossen; dabei geht es um weibliche Grazie; aber die – und auch die hohe Stimme – will erlernt sein von den Darstellern.

Der Film ist nah dran vor Auftritten bei der Aufregung, der Anspannung, den Ängsten. Er bringt ausführlich bekannte Nummern aus der Kabuki-Tradition, „Die zwei Löwen“, eine mit einem Reiher, „Zwei Geistermädchen“ oder die Sequenz mit dem Selbstmord der Liebenden.

Der Lebensweg, die Aufs und Abs des Aufstiegs von Kokuho werden verfolgt, begleitet vom Davonlaufen von Shunsuke, wie sein Vater den Namen an Kokuho übergeben will bei einer hochformalen, gesellschaftlichen Feierlichkeit.

Die beiden Männer gründen Familien, es gibt Skandale, die Vergangenheit von Kokuho holt ihn ein. Er zahlt für seine Karriere einen hohen Preis. Aber er lässt sich nicht abbringen, als ob er es im Blut habe.

Die Schatzsuche im Blaumeisental

Sich die Welt zusammenreimen

Das versucht der Mensch wohl vom ersten Moment an. Er versucht, aus Teilen ein Ganzes zusammenzusetzen, Zusammenhänge herzustellen und zu verstehen.

Zusammengesetzt sind ebenfalls die Animationsfiguren in diesem Film von Antoine Lanciaux, der mit Pierre-Luc-Granjon auch das Drehbuch geschrieben hat. Die Menschen, Tiere, Landschaften, Autos, Häuser sind aus einfachen, flächigen Teilen zusammengefügt. Manche sind geometrisch, andere organischer, immer in einer Farbgebung. Das bringt eine herrliche Ruhe und Übersichtlichkeit und doch Lebendigkeit in das Leinwandgeschehen. Es behauptet keinen wie auch immer intendierten Realismus.

Die Geschichte selber bedarf auch der Zusammensetzung. Lucie ist zehn Jahre alt. Sie lebt bei ihrem Vater in der Stadt. Sie kann lesen, schreiben, mit Handys umgehen und kommt auch schon mit Computerrecherche zurecht. Sie wird in dem Film einiges zum Zusammenreimen bekommen.

Lucy verreist im Zug zu ihrer Mutter nach Bectoile auf dem Land. Diese arbeitet dort als Archäologin in einer Burgruine. Sie kommt aus der Gegend. Sie hat in einer 1998 abgebrannten Mühle gelebt. Diese ist heute nicht bewohnt, steht leer. Das Tor ist mit einer Kette abgeschlossen. Mutter bleibt ungewöhnlich schweigsam zu dem Thema. Sie hat wenig Zeit für Lucie wegen den archäologischen Aktivitäten.

So kann sich Lucie liebevoll um ein angefahrenes Dachsjunges kümmern und kann genügend Zeit mit dem Dorfbuben Yann verbringen. Dieser darf schon Traktorfahren, ist überhaupt geschickt auch im Reparieren von Fahrzugen aller Art.

Zwei Blaumeisen sind das Leitmotiv und die Verführer für den Forschungsdrang der Kinder; denn die Gegend birgt Geheimnisse und da ist auch noch der sonderbare Alte, der als verrückt gilt. Was hat das alles mit Lucie und ihrer Mutter zu tun? Alte Zeitungen, die im Computer einzusehen sind, Bücher und eine Bibliothek mit einer Ausstellung ergeben einen Hinweis nach dem anderen.

Der Film begleitet wie eine realistische Erzählung Lucie bei dieser Reise aufs Land – und in die eigene Geschichte. Wie die Ereignisse kulminieren und ein schweres Unwetter dazukommt, erlaubt der Film sich einen Schwenk ins Abenteuergenre.