Archiv der Kategorie: Review

Plötzlich aufs Land

Unwirsche Menschen

leben in der französischen Provinz in Morvan, in Burgund, heißt es an einer Stelle in diesem mit handfestem Charme bezaubernden Film von Julie Manoukian.

Nicht nur unwirsch, schön wäre es schon, wenn die knorrigen Landbewohner wengistens die Vokale aussprechen würden, damit man sie versteht (da macht sich auch die deutsche Untertitelung einen Spaß draus). Die Bitte an den Bauern Morille (Christian Sinniger) kommt von der frisch gebackenen Forscherin Alexandra (Noémie Schmidt), die in der Gegend aufgewachsen ist, aber lange schon weg.

Jetzt ist ihr Ziel die Cornell-Universität in Kalifornien, eine der weltweit besten Forschungszentren auf ihrem Gebiet. Ein Anruf ihres Onkels Michel (Michel Jonasz) holt sie in die Provinz. Völlig unvorbereitet stellt er sie vor das Problem, dass er seinen Job als Tierarzt aufgibt, um in der Südsee sein Rentnerleben zu genießen; eine Schock-Info für alle. Auch für seinen Partner Nico (Clovis Cornillac), der allein mit der Praxis überfordert wäre. Alex muss ins kalte Wasser springen und sofort mitangreifen bei Operationen oder schweren Kälbergeburten.

Das ist ein Geschichtenrezept, was sich bewährt hat, einen Menschen mit einer ungeplanten Situation zu konfrontieren und ihm dabei zuzuschauen, wie er damit umgeht und möglicherweise aus so einer Situation heraus das Beste macht oder gar etwas Positives für sich herausholt.

Hier kommen Tiere dazu, die auf der Leinwand immer viele Besucher erfreuen mögen, es gibt niedliche Hundewelpen und als nette Symbolfigur ein wildes Füchslein, was vom Onkel verwöhnt worden ist.

Es gibt ein Auto, das nicht mehr anspringt und deshalb die Flucht zurück nach Paris verhindert. Es gibt eine Hauptstraße, die selbst zur Hauptverkehrszeit menschenleer ist, dazu schöne Landschaftsaufnahmen aus Burgund.

In der Praxis gibt es noch den schüchternen Assistenten Marco (Matthieu Sampeur). Die Konflikte werden handzahm, schonend und mit Humor erzählt. Die Musik nimmts leicht. Es ist französische Komödienkost in der besten Tradition mit fabelhaften Schauspielern; so kann man einen unfreundlichen Januartag wunderbar im Kino aushalten.

Agatha Christie und der Orient (BR, Mittwoch, 5. Januar 2021, 22.45 Uhr)

Eine Firma Bildmanufaktur GmbH hat diese ätzend langweilig, ätzend-professionelle Dokumentation von Sabine Scharnagl für den BR, Redaktion Bettina Hausler-Thomas, produziert.

Beflissenere Langeweile geht kaum. Noch öder kann ein Porträt über eine der spannendsten Krimi-Autorinnen des letzten Jahrhunderts nicht sein. Vielleicht hat die Filmemacherin gemeint, sie muss eine Facharbeit schreiben zum Thema Krimiautorin und Archäologie im Orient. Aber nicht mal dieses Thema wird als Spannungsfaden eingesetzt. Es kommt zwar vor. Es wird berichtet von der ersten Orientreise mit der Bahn. Sie war jung, eine berühmte Autorin bereits, hatte Geld.

Bei der zweiten Reise lernt Agatha Christie den deutlich jüngeren Archäologen Max Mallowan kennen. Heirat. Sie startet eine Stiftung, die ihm Grabungen im größeren Stil in Nimrod ermöglicht.

Nicht dass der Stoff langweilig wäre; es ist schon fast wieder eine Kunst, das Leben dieser Frau so dröge zu schildern. Allein die Fotos, die sie machte, die Schmalfilme, ganz frühe auch in Farben, von den Grabungsarbeiten in Irak und Syrien.

Dramatisch sind die Zerstörungen, die der IS an all den Kulturdenkmälern im Nahen Osten angerichtet hat.

Aber Sabine Scharnagel präsentiert den Stoff wie in einem verstaubten Museum, in dem noch ausgestopfte Menschen gezeigt werden, das aus lauter besucherfeindlichen Vitrinen besteht, nach irgendwas geordnet.

Dazu kommen die Talking Heads, der Tod vieler Dokus, Fachleute sondern Statements ab, aus denen der geneigte Leser allenfalls in einer einsamen Stunde einen spannenden Zusammenhang konstruieren könnte.

Vielleicht verheddert sich die Filmemacherin gerade darin, dass sie eigentlich einen Film über Archäologie oder einen Film über die grauenhaften Folgen der IS-Herrschaft machen wollte und den Namen Agathe Christie nur als Aufmacher nutzte. Das dürfte kaum zum Erfolg führen. Überforderung der Dokumentaristin in der Präsentation ihres fleißig gesammelten Materials. Hinzu kommen die einschläfernd professionellen Sprecherstimmen und außerdem feierlich einschläfernde Musik jenseits von Gut und Böse.

Dokumentarfilm von vorvorgestern, bemüht, überordentlich, zum Stillstand. Die Drohnenaufnahmen vom heutigen Irak und Syrien wären an sich spannend, betreffen einen Schmerzpunkt unserer Zeit. Hier aber kommt alles wie in Formalin eingelegt daher.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Renate Schmidt – Die Unbeirrbare (BR, Montag, 3. Januar 2022, 22.00 Uhr)

Nichts geplant,

aber vieles auf die Reihe gekriegt.
Antikarrieristin – aber Familienmensch. Das erste Kind mit 17 nicht geplant. Es musste geheiratet werden, die Familie ernährt. Job als Mutter in der Datenverarbeitung bei Quelle in Nürnberg. Ungleichbezahlung von Frauen. Logisch, dass Renate Schmidt in der Gewerkschaft landet, weil sie etwas verändern will, dass sie in der SPD landet, weil sie etwas verändern will. Und dann plötzlich Bundestagsabgeordnete in Bonn.

Der Film von Steffi Illinger setzt die Familie in den Mittelpunkt. Oft sind die Schwester oder die Tochter und die beiden Söhne zugegen, der zweite Mann an ihrer Seite, den sie Jahre nach dem Tod des Vaters ihrer Kinder heiratete. Familie geht ihr über alles. Was nicht heißt, dass sie deswegen auf die Poltik verzichtete. Es musste mit der Familie vereinbar sein.

Dieses Ungeplante, dieses nicht Berechnende, diese Offenheit und Direktheit der Ex-Politikern, sind und waren es, die ihre soviel Resonanz gebracht haben. Daran hat sich nichts geändert. Sie überstrahlt das Format Lebenslinien mit ihrer ungeschnörkelt direkten und herzlichen Art, die nicht den Verdacht aufkommen lassen könnte, dass dahinter eine Berechnung stünde.

Engagierte Bürgerin ist sie bis heute, wenn es um eine inhumane Abschiebung oder um halbherzige Berichterstattung in der SZ geht, dann meldet sie sich. Also nicht nur eine vorbildliche Politikerin, auch eine vorbildlich demokratische Bürgerin.

Man könnte diese Lebenslinien auch so bilanzieren: Renate Schmidt, Steffi Illinger und Redakteur Christian Baudissin nutzen sie, um Renate Schmidt als Familienmenschen zu porträtieren, als Votum dafür, dass Frau, Familie und Karriere sehr wohl zusammenzubringen sind; weil es für sie offenbar immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Andererseits verleitet gerade dieses demonstrative Vorführen von intakter Familie dazu, zu hinterfragen, ob die Karriere der Mutter wirklich so schadlos an der Familie vorbeigegangen ist – oder ob die Schäden nicht anders sind als wie bei anderen Karrieremenschen auch – egal ob Mann ob Frau?

Moleküle der Erinnerung – Venedig wie es niemand kennt

Für Venedig Aficionados

Texte, Geschichten, Fotos, Bildbände, Filme über Venedig sind Äon und gerne in exzellenter Fotografie und Bildern. Und nicht weniger exquisit sind die Bilder in diesem Film von Andrea Segre, der Super-8-Material seines Vaters Uldrico einbindet.

Was diesen Film heraushebt, was ihn anders macht, das ist auch nicht mal die Fotostrecke vom Lockdown-Venedig, vom leeren Markusplatz, auf dem zwei Möwen heulen, vom Großen Kanal mit nicht einer Bewegung auf dem Wasser.

Was den Film von vielen anderen Venedig-Filmen unterscheidet, ist der vielleicht geistig vertiefende, geistig pointierte Zugriff auf die Seele, das ganz Besondere dieser Stadt. Sie wird hier zum Symbol eines Dialoges zwischen einem Vater und einem Sohn, der nicht oder eben nur höchst indirekt, zum Teil just über die Bilder dieser Stadt, stattfindet.

Der Vater war hier aufgewachsen, landete in Padua wegen des Studiums. Er war Naturwissenschaftler, die Moleküle haben es ihm angetan. Und Albert Camus. Der geistige Ansatz vom Schicksal, von der Gewalt der Natur, von Ereignissen außerhalb unserer Kontrolle und dass der Mensch ihr ausgeliefert ist oder sich ihr eben anpassen muss.

In Venedig sichtbar an den Hochwassern oder auch an einer außerordentlichen Ebbe, die sich auf das vorgelagerte Santerasmo besonders auswirkt.

Diese Gewalt scheint auch zwischen Vater und Sohn zu bestehen als eine Wand des Schweigens. Als Junge hatte der Bub dem Vater einen langen Brief geschrieben, aus dem er immer wieder vorliest. Aber er hat nie eine Antwort erhalten. Auch hierfür stehen die schweigenden Veduten Venedigs in diesem Film.

Die Betrachtungen dieses Filmes zeichnen sich dadurch aus, dass sie weder historisierend noch urbanistisch, schon gar nicht touristisch oder sentimental romantisierend sind, sondern einen nie stattgefundenen Dialog zwischen einem wachen, intelligenten, sensiblen Vater und seinem in nichts nachstehenden Sohn abbilden. Das übt auf das Stadtbild eine enorme Faszination aus, mehr alles alles, was man bisher kennt: die Beschreibung einer großen, existentiellen Leere. vertraute Fremdheit? Lagunen-Beziehung?

Die Königin des Nordens

Königliches Drama –
Staatsraison contra Mutterherz

Königin Margarethe I. gilt als die Einigerin der skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden mit Fortwirkung bis heute.

Der Film von Charlotte Sieling, die mit Jesper Fink und Maya Ilsoe auch das Drehbuch geschrieben hat nach einer Idee von Lars Bredo Rahbek, spielt 1402. Er behauptet, Fiktion zu sein, die inspiriert sei von wahren Begebenheiten.

1402 ist Margarethe, von der großen Schauspielerin Trine Dyrholm als wahre Königin dargestellt, auf dem Höhepunkt ihrer Macht, sie hat die Einigung der skandinavischen Länder hinter sich. Der Frieden hat ihrem Königreich Wohlstand gebracht. An Stelle ihres verstorbenen Sohnes hat sie Erik (Morten Hee Andersen) angenommen und als ihren Nachfolger aufgebaut.

Ein Höhepunkt soll die Vermählung mit einer britischen Prinzessin sein, wodurch Britannien und Skandinavien eine strategische Allianz bilden könnten, die üblichen politischen Heirats-Spielchen.

In die Vorbereitungen dieses Staatsaktes platzt die Nachricht, Sohn Oluf sei noch am Leben und auf dem Weg zu Margarethe. Für sie entsteht somit der hochdramatische Konflikt zwischen echtem Sohn und bereits ausgerufenem König, Mutterherz kontra Staatsraison.

Charlotte Sieling und ihre Autoren verfolgen die Konflikt- und Intrigenlage genau und detailliert. Sie bleiben dicht am Faden der Handlungsentwicklung, integrieren diese in Dialogen in theaterhaften Szenen, oft Standbildern ähnlich.

Durch die hervorragende Drehbucharbeit bleibt der Erhalt der Spannung garantiert. Es ist ein schöner Kostümschinken mit den Aufzügen am Hof und landschaftlich wird das Spätmittelalter mit nicht allzu komplizierten Farb- und Nebelkorrekturen hergestellt.

Der Film stellt klar das labile Gleichgewicht eines solchen Friedens heraus und wie leicht dieses auch zu gefährden ist, wenn ein Stein herausgebrochen wird, wenn zum Beispiel Erik seine Thronambition aufgeben müsste; welche Loyalitäten gefährdet sind durch das Auftauchen des vermeintlich echten Thronerben. Und wie Margarethe hin- und hergerissen ist zwischen Mutterliebe und Machterhalt, der ja dem Erhalt des Friedens dient. Denn von außen winkt immer der böse Feind aus Preußen, dem so ein befriedetes und sich selbst genügendes Gebiet, das sogar eine Armee zusammenstellt zur Selbstverteidigung, ein Dorn im Auge ist.

1806 – Die Nürnberg Saga – Aus der Asche (BR, Mittwoch, 29. Dezember 2021, 22.00 Uhr)

Unverdrossen weiter geht es, ganz klar lokalpatriotisch; ja der Lokalpatriotismus erhebt sich wie der Adler, die Dampflokomotive, aus der Asche und sein Jubel, seine Begeisterung kennen keine Grenzen mehr mit der Eröffnung der ersten Bahnstrecke Deutschlands von Nürnberg nach Fürth.

1819 setzt der Nürnberger Kaufmann Merkel als erster Abgeordneter des bayerischen Landtages den Startpunkt für die Wiederauferstehung der Stadt aus den Ausplünderungen durch fremde Herrschaften, er erreicht beim König einen Schuldenstrich sowie Zollabbau (Themen, die bis heute nicht aus der Welt sind).

Dank diesem politischen Akt blüht die Nürnberger Kaufmannschaft und die Unternehmerschaft auf. Sie bauen die Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth, ein Weltereignis und drei grandios wie Halunken aussehende Bierbrauer (laut Originalfoto) betreiben in England Industriespionage und fangen an, Bier mit Hilfe von Dampfmaschinen zu brauen und damit Qualitätssteigerungen zu erreichen.

Dieser dritte Teil der Nürnberg Saga von Oliver Halmburger spannt den Bogen bis 1849. Industrialisierung, Maschinenbau in Nürnberg profitiert vom Bau der Eisenbahnen in ganz Deutschland und davon wiederum das industriell gebraute Nürnberger Bier. Und weil das alles so ein Erfolgschrausch ist – mit dem Kater der Verelendung des Proletariats so nebenbei erwähnt, erhält die unterhaltsame Lokalhistorienlektion noch eine Liebesgeschichte, gegen einen patriarchalisch denkenden Vater eines rheumatischen Mädchens, welche schließlich zur Unternehmenskontinuität beiträgt und den Grundstein für das heute noch bestehende Unternehmen MAN (prägt München!) legt, — auch ein Waffenfabrikant, ein Rüstungsunternehmen.

Und immer noch schmerzen die Nürnberger die Narben von den Vergehen der Bayern an ihnen.

Bei aller Euphorie gehört zum Schluss ein Weisheitssatz, dass eben Zusammenarbeit besser sei als Feindschaft und Ausbeutung. Der Münchner Lokalpatriot muss schmerzhaft feststellen, dass nicht nur der Münchner Rüstungsgigant MAN aus Nürnberg kommt, sondern dass auch die Schrannenhalle, von der ein Teil wieder neben dem Viktualienmarkt steht, aus Nürnberg kommt und auch die Großhesseloher Brücke! – Wenn das keine neuen Narben schafft.

Eine moderne Sicht auf die Dinge müsste vermutlich auch erwähnen, dass mit der Maschinenfabrik auch der Grundstein für eine Rüstungsindustrie gelegt worden ist und auch, dass mit den Fabriken der Beginn der systematischen Umweltzerstörung durch den Menschen einhergeht. Aber sowas würde dem Lokalpatrioten wieder neue Schmerzen verursachen.

1806 – Die Nürnberg Saga – Unter dem Hammer (BR, Mittwoch, 29. Dezember 2021, 21.00 Uhr)

Mit ungemindertem Enthusiasmus illustriert dieser zweite Teil der Nürnberg Saga von Oliver Halmburger unterhaltsam weiter die Stadtgeschichte.

Wie die reiche Kaufmannsstadt Begehrlichkeiten bei den umgebenden Großmächten weckte, von Frankreich, Preußen, gar Österreich, wie sie alle kamen, plünderten und wieder gingen. Arme geschundene Stadt.

1806 wurde sie von Napoleon dem bayerischen Königreich einverleibt, dem auch nichts anderes einfiel, als seine Schätze zu plündern. Was machen mit so einer Stadt voller Reichtümer, wenn man selbst schlecht bei Kasse ist. Alles kam unter den Hammer, ein Vorgang, der eine signifikante Szene abgibt, bei der gleich auch einer der Schätze, der Engelsgruß, vorgeführt werden kann.

Der Bogen spannt sich weiter von Napoleons Kontinentalsperre, die die Nürnberger Kaufleute von ihren Einfuhren abschnitt (und nur mühsam über Russland umgangen werden konnte), bis zu Napoleons desaströsem Russlandfeldzug, dem Tabakkometen und der Findigkeit der Nürnberger Kaufleute, den ersten Ideen aus England zu Fabrikbau und Dampfmaschinen und als Höhe- und Schlusspunkt bis zum ersten Nürnberger Abgeordneten im Vorläufer des bayerischen Landtages in München im Jahre 1818.

Der Philosoph Hegel heiratet in dieser Zeit eine Nürnberger Patrizier-Tochter und die Spielzeugbauer fabrizieren Zinnsoldaten. Aber auch in diesem zweiten Teil wird nicht vergessen, wie das Köngireich Bayern Nürnberg einst behandelt hat. Wir sind ja nicht nachtragend, aber erwähnen wollen wir das schon.

1806 – Die Nürnberg Saga – Vor dem Sturm (BR, Mittwoch, 29. Dezember 2021, 20.15 Uhr)

Lokalpatriotismus

Unverkennbar sind der Stolz gegenüber den Bayern und gleichzeitig die Begeisterung für dieses Fernsehformt eigenhandwerklicher, die Ortschgeschichte illustrierender Collage aus nachgestellten Szenenfragmenten in Kostümen und historischen Räumen, aus orientierenden Grafiken und einer Moderation (Kadda Gehret) quasi als Nürnberger Kindl, die an historischen Stellen (grad vorher wird vielleicht ein Pamphletdrucker da erschossen) auftaucht und durch den Film führt oder die auch Archive und kundige Fachleute aufsucht.

Ein Ineinander- und Übereinander von Historie und Heute ist das in diesem ersten von drei Teilen über die Geschichte der bedeutenden Handelsstadt Nürnberg von Oliver Halmburger, der mit Redakteur Christian Lappe nach der Idee von Tassilo Forchheimer auch das Drehbuch geschrieben hat.

Man erfährt wie der Reichtum der Nürnberger Kaufleute zu Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts zustande kam, hört von den herrschenden Patrizierfamilien, von der heraufziehenden Krise, der Konkurrenz von kleineren Kreisstädten, von einer Verschuldung der reichsfreien Stadt durch den Einmarsch der Franzosen, die Sandwich-Situation zwischen Franzosen und Bayern, die Rivalität zwischen Kaufmannschaft und Patriziertum.

Mit dem Einsatz des vollen Klanges des Nürnberger Symphonie-Orchesters auf der Tonspur verleihen die Macher ihrer Sehnsucht nach grossem Kino Ausdruck.

Bayern erleben – Frühling im Allgäu – Das Rappenalptal (BR, Montag, 27. Dezember 2021, 21.00 Uhr)

Nicht auf Augenhöhe

In diesem Bericht über das Rappenalptal im Allgäu von Carsten Frank, der mit Bettina Zettler auch das Drehbuch geschrieben hat, schlägt die Drohne schier Purzelbäume, dass einem schwindlig wird, sie sucht das überöht Schöne, das Postkartenschöne, so dass eine Begegnung auf Augenhöhe mit den Bewohnern und Bewirtern dieses engen Alpentales nicht möglich ist.

Eher hat man das Gefühl, dass die Kamera den Leuten im Wege rumsteht, wenn sie diese nicht gerade auf Drohne umkreist. Es ist eine fahrig zerfledderte Kamera, die einen Bildsalat abwirft, der nicht spannend zu montieren ist.

Über alles wird schmerzhafte Duddel-Muddel-Musik gelegt, die nicht von Verständnis für Thema und Objekt des Filmes zeugt.

Doku-Eintopf. Es ist die Billig-Doku-Methode, die die Geschichten der Protagonisten vermischt, wie die Waschmaschine die Wäsche im Schleudergang. Hinzu kommt die Billigmethode, die Leute Statements über sich abgeben zu lassen. Wie mit einem Stacheldraht um die Alpe wird das Bild-Kuddelmuddel mit einem Wischiwaschi-Sprecher-Text eingezäunt, der wenig Belastbares, wenig Informatives und viel lediglich behäbig Kommentarhaftes enthält. Schöne Dokufreiheit. Ohne Feeling, ohne Respekt für die Protagonisten. Das Fernsehteam stolpert wie ein Elephant durch den Porzellanladen durch das Objekt seines (Des?)Interesses.

Der Film müsste einen prominenten Platz im Wettbewerb um die schwächste TV-Doku einnehmen. Schnell-Schnell-Methode, die Leute schwatzen lassen, statt ihnen geduldig zuzuschauen oder den Hintergrund zu recherchieren oder Vorgänge, Zusammenhänge und Hintergründe plausibel und (be)greifbar zumachen.

Zuständig für diesen BR-Einkaufsmissgriff ist Redakteur Helge Freund unter der Redaktionsleitung von Andreas Bönte.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

The Lost Leonardo

Kunst auf dem Minenfeld von Macht, Geld und Politik

Dass Kunst bis hinauf zu den größten Meisterwerken – ziemlich leicht sogar – gefälscht werden kann, das bewies der amüsante Film Beltracchi – Die Kunst der Fälschung.

Ob der neu aufgetauchte Leonardo echt oder Imitat ist, ist nur eine der Fragen zu diesem inzwischen teuerst gehandelten Gemälde der Welt, das für sagenhafte 450 Millionen US-Dollar an den saudischen Mörderprinzen gegangen ist, der mit kritischen Stimmen auch mal kurzen Prozess macht und sie in einem seiner Konsulate zerstückeln lässt.

Wobei die Besitzfrage nicht definitiv gesichert ist. Wie der Louvre eine große Leonard-Ausstellung plant, nimmt er Kontakt zum mutmaßlichen Besitzer auf, erhält wohl das Bild auch, lässt es sogar begutachten und zweifelsfrei zum Original-Leonardo küren. Aber ausgestellt wird es dann doch nicht und die Existenz eines Kataloges mit der Geschichte der Befunde, der kurzzeitig im Louvre erhältlich war, wird inzwischen vom Louvre kategorisch bestritten.

Wenn ein berühmtes Museum schon dermaßen in die Bredouille kommt und nebst vielen anderen im Abspann genannten auch nicht bereit ist, für den Film ein Statement zur Sache abzugeben, da muss ganz schön was los gewesen sein hinter den Kulissen.

So viel kann vielleicht gespoilert werden, dass der übel beleumdete saudische Prinz so scharf auf das Bild „Salvator Mundi“ war, weil er darin eine Ähnlichkeit zu Mona Lisa zu sehen schien; und dass so ein Vergleich nichts anderes bedeutet, als dass er im Besitze eines Doppels des vielleicht berühmtesten Gemäldes der Welt ist. Und dass die Hängung im Louvre direkt gegenüber der Mona Lisa als die ultimative Krönung des Gemäldes – und somit auch seines Besitzers – bedeuten würde. Ob der Louvre dem Mordsbuben den Gefallen tut? Der Zuschauer hat bis dahin jedenfalls bereits mitbekommen, dass die Hängung eines Gemäldes in einem renommierten Museum den Wert desselben deutlich steigern kann.

Andreas Koefoed präsentiert die aufregende Geschichte dieses Gemäldes als unterhaltsam illustriertes Aktenstudium bestehend aus Statements, Berichten und Meinungen vieler an der Geschichte Beteiligter wie Aussenstehender, Kunsthistorikern, Restauratoren, Museumsleitern, Kuratoren, Kritikern, Händlern, Spürhunden, Auktionaren, Sammlern, Bankern, Kriminalisten, aus Archivmaterial verbunden mit einem Blick ins berühmt-berüchtige Zollfreilager in Genf, von dem keine Mensch weiß, Kunst im Gegenwert von wieviel Milliarden dort außerhalb der Zugriffszone des Fiskus verschwiegen gelagert wird.

Eine zentrale Rolle und warum das Gemälde so sehr der Mona Lisa ähnle, spielt die Restauratorin Dianne Modestini. Nur spricht die Branche hier von Restaurierung und nicht wie bei Beltracchi von Fälschung.

Das ist neben der Verbandelung von Kunst, Politik und Finanz (Frankreich liefert Waffen an Saudi Arabien) das zweite brisante Thema dieses Filmes, der den Zuschauer mit geschärftem, kritischerem Blick auf solche Hypevorgänge blicken lässt: ein Bild, das vor wenigen Jahren für 1175 US-Dollar ersteigert wurde und dann nach seltsamen Wegen plötzlich für 400 Millionen US-Dollar und 50 Millionen Handgeld für das Auktionshaus aufgerufen wird.