Archiv der Kategorie: Review

Master Cheng in Pohjanjoki

FONGTONG.

Kinoverzauberung pur vom Finnen Mika Kaurismäki, der mit Sami Keksi-Vähälä auch das Drehbuch geschrieben hat. 

Klar, Kochfilme, Essensfilme, kulinarische Filme haben ähnliche Rezepte und Weisheiten: die Liebe geht durch den Magen, Essen und Kochen verbindet die Menschen, öffnet die Menschen. Wer ständig neue Erzähl-Rezepte braucht, der ist hier falsch. 

Hier wird das bewährte Storyprinzip individuell finnisch-chinesisch so fein zubereitet wie ein exzellenter Käsekuchen oder eine Schwarzwälder-Kirschtorte in der jeweils stadtbekannten Confiserie – ohne auf die kalorienstarke Zutat „willst Du mich heiraten?“ zu verzichten. 

Wie von einem anderen Stern landet Cheng (Pak Hon Chu) mit seinem Sohn Niu Niu (Lucas Hsuan) im Imbiss von Sirkka (Anna-Maija Toukko) irgendwo im waldreichen Finnland. Er bringt nebst etwas Englisch nur das Wort „Fongtong“ hervor. 

Und auch hier ist sofort klar, dass diese drei Menschen für einander ausersehen sind. Aber das ist wie bei einem exzellenten Kuchenstück, von dem man die Zutaten kennt: man genießt es nur noch mehr, gerade weil man das schon im Hinterkopf hat und man freut sich, wie Kaurismäki sich aus der vorerst unlösbaren Situation, die die Exposition wunderschön und Schritt für Schritt nachvollziehbar entwickelt, hinausdröselt. 

Und klar, Master Check hat was mit Küche zu tun, das zeigt ein Blick in seinen Koffer und auf das Küchenmesser darin und ebenfalls klar, die Küche von Sirkka ist so bescheiden wie wenig appettitlich, Würste, Kartoffelpüree und Krautsalat, und das jeden Tag und ihre Stammkunden, allen voran der wohlbeleibte Romppainen (Kari Väänänen) und Vilppula (Vesa-Matti Loiri), der weiße, „heterosexuelle“ Finne, wie er sich nennt, sind durch solche Ernährung und einige andere Dinge gesundheitlich nicht auf dem Gipfel; sie haben ihre Pillenrituale. 

In diese ausweglose Ausgangslage lässt der Schnurrenerzähler Kaurismäki eine chinesische Reisegesellschaft hineinplatzen: die wollen, angewidert von dem abgestandenen Angebot, schon wieder gehen. Da greift Cheng ein und bietet an, chinesische Nudeln zuzubereiten und, das ist das Schöne am Kino, so etwas lässt sich ganz schnell und leicht erzählen und dann sind alle zufrieden und Sirkka hat plötzlich so viel Geld in der Kasse wie nie. 

Ein hübsche und auch dekorative Nebengeschichte bietet der vielleicht zehn- oder elfjährige Sohn von Cheng. Der ist anfangs von nichts begeistert, einsam hockt er hinter seinem Handy und spielt. Dann wird er, das ist auch fotografisch eine Delikatesse, einen Coming-of-Age-Ausbruch in die finnischen Wälder unternehmen. 

Kaurismäki erzählt das und den Fortgang der Geschichte als großer filmischer Könner und während der Vorführung habe ich mir überlegt, wie behindert das wäre, so einen Film zuhause am Rechner anzuschauen. 

Es ist ein Film, der seine volle Wirkung nur im Kino entfalten kann; Entführung in eine andere Welt, die aber auch nur eine urmenschliche Welt ist, von Menschen, die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnen; Abheben und im Kinosessel bleiben; das macht schwerelos, das ist eines der großen Geheimnisse des Kinos und dürfte für den passionierten Kinogänger eine eben so heilende Wirkung auf die coronageschädigte Seele haben wie Chengs Fischsuppe aus Barsch aus dem heimischen See auf die maladen Finnen und Finninnen (hilft auch einmal im Monat). 

Es gibt eine Kino-Welt jenseits der Internetstreams, eine Verzauberung, wie sie nur das Kino bieten kann!

Auf der Couch in Tunis – Un divan a Tunis

Dr. Freud in Tunis.

Er tritt leibhaftig auf in dieser charmant-lebenspraktischen Komödie von Manele Labidi, der Dr. Sigmund Freud aus Wien. Er nimmt auf einer Fahrt durch ein Wüstenrandgebiet in Tunis die mit einer Panne gestrandete Protagonistin und Psychoanalytikerin Selma (Gofshifteh Farahani) mit.

Wobei im Kino wie immer Vorsicht geboten ist, wenn es um die Unterscheidung von Traum, Wunschtraum und Wirklichkeit geht; da es so wunderschön Wünsche als Realität darstellen kann, genau so wie eine Psychoanalytikerin Dinge aus unergründlichen Tiefen auf die Leinwand schaufelt. 

Aber Manele Labidi geht es nicht darum. Sie nutzt den Vorwand dieser Berufswahl für die Hauptdarstellerin, um das nachrevolutionäre Tunis auf die Couch zu bringen. Es geht um einen Erstbefund. Der ist so, dass dringend weitere Sitzungen notwendig wären, um diesem Tunesien auf die Sprünge zu helfen. 

Narrativ läuft es so ab: Selma war schon nach Paris ausgewandert, hat sich dorten ausgebildet und eine Praxis eröffnet. Nur waren allein ihrer Straße gegen ein Dutzend Psychoanalytiker tätig – was wiederum ein treffliches Licht auf das heutige Frankreich wirft. Während in der arabischen Gesellschaft Tunesiens die „Shrinks“ noch nicht so verbreitet sind. Vom Andrang her aber, den Selma schon nach der ersten Werbeaktion im Frisörsalon von Baya (Feryel Chammari) erlebt, ist das Land reif für die Psychoanalyse. 

Selma glaubt, ihr Land zu kennen, dass nämlich alles so chaotisch und ruckelig sei, wie der alte Peugeot-Kastenwagen, den sie sich als erstes andrehen lässt, und dass man da einfach so eine Praxis eröffnen kann, da die Bürokratie eh schlampert und korrupt ist – auch das wird sich noch erweisen. 

Nicht gerechnet hat Selma mit den Staatsorganen, mit der Polizei, genauer mit dem offenbar einzigen Polizisten in Tunesien, mit Najim (Majd Mastoura – Hedis Hochzeit). Der will sie bei einer Verkehrskontrolle nicht nur einen blasen lassen, wegen eines Patienten von ihr, einem Bäcker der sich im falschen Geschlecht fühlt, kommt er ihr auf die Schliche mit der illegalen Praxis. Das setzt den dramaturgischen Hauptfaden in Gang, wie kann sie sich durchlavieren zwischen Bürokratie und Illegalität; aber der attraktive junge Mann löst auch Wünsche in ihr aus. 

Als Nebenstrang hat sie es noch mit ihrer jüngeren Schwester Olfa zu tun, der eindrücklichen Aisha Ben Miled, die ständig auf dem Abflug von zuhause ist und es doch nicht recht schafft. 

Der Film bringt auf unterhaltsame und köstliche Art ein Stück tunesisches Leben charmant und empathieheischend auf die Leinwand, einem Land, was als Filmland nicht die vorderste Priorität unseres Kinointeresses ist, das aber beweist, dass es ich lohnt hinzuschauen; dass der Maghreb nicht schläft, auch wenn hier nicht täglich darüber berichtet wird, weil grad keine Bomben hochgehen oder Revolutionen initiiert werden. 

Kommentar zu den Reviews vom 23. Juli 2020

Coronazeiten sind Horrorzeiten. Wenn der Mensch an der Schöpfung rumpfuscht (Schönheits-OP), wenn der Mensch in den USA jahrhundertelang andere Menschen wegen der Hautfarbe unterdrückt, wenn der Mensch aus Gier im Golf von Mexiko die Vielfalt des Meeres brutal ausfischt, wenn der Westen in die heile Welt der Mongolei einbricht, nun ja, in Berlin sind 30-jährige noch nicht so nah an solchen Scheusslichkeiten dran und mit sich selber beschäftigt, während ein österreichisches Musikgenie am Mangel an Anerkennung durch die Zeitgenossen litt, in New York soll eine Totenwache kathartisch wirken, in Russland wächst der Glaube dank Dämonen und in Georgien gibt es vorsichtige Versuche, das Thema Schwulität als ein Menschenrecht anzusprechen. 

YUMMI

Billige Schönheits-OP auf dem Balkan mit unerwünschten Nebenwirkungen.

WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD‘ S ON FIRE?

Der unbewältigte Schwarz-Weiß-Konflikt in den USA in schönstem Kino-Schwarz-Weiß. 

SEA OF SHADOWS

Umweltthriller.

SCHWARZE MILCH

Ist die Mongolei für den modernen Westler mehr als nur ein Pop-Up für den Lifestyle?

DREISSIG

Der dreißigste Geburtstag treibt junge Berliner und Berlinerinnen um. 

ANTON BRUCKNER – DAS VERKANNTE GENIE

Darüber berichten Menschen, die von Berufs wegen mit dem Komponisten befasst sind. 

THE VIGIL – DIE TOTENWACHE

Horror im wohligen Rahmen der jüdischen Orthodoxie. 

SWORD OF GOD – IM NAMEN DES HERRN

Russisch bedeutungsvoll ist der Kampf des Gläubigen gegen das Böse. 

ALS WIR TANZTEN

In Georgien ein Skandal, diese Liebe zweier Tänzer. 

Yummi

Das Virus, das Virus. 

Die Körbchen. Die Körbchen.

Die kleine Anfangssequenz in der Pathologie stellt gleich klar, in welches Genre wir uns begeben werden, nicht in dasjenige des Realismus, sondern in dasjenige, in welchem Leichen noch Finger bewegen, und wenn sie dann aus Pathologen-Schreck in die Kühltruhe zurückgeschoben werden, bricht dort plötzlich Feuer aus und ein Zombi versucht den Pathologen zu greifen. 

Lars Damoiseaux, der mit Eveline Hagenbeek auch das Drehbuch geschrieben hat, unterhält mit einer für den Horrofreund aparten Mischung aus SchönheitsOP-, Virus- und Zombifilm. 

Der Appetizer ist immer die Vorstellung der Protagonisten. Das sind Alison (Maaike Neuville) mit den großen Körbchen, ihr Mann Michael (Bart Hollanders), der unter Hämophobie leidet und deshalb das Medizinstudium abgebrochen hat, und die Mutter Sylvia (Annick Christiaens). 

Die drei fahren in einem älteren Auto in Richtung eines Balkanlandes. Denn Schönheits-OPs in der Klinik von Dr. K. (Eric Godon) sind dort günstiger. Alison leidet unter zu großen Körbchen und möchte diese verkleinern. Ein Szene auf der Autobahn zeigt, weshalb sie darunter leidet: diese regen die Fantasie von Männer unverschämt an; ein Bus voller Jungs, der an der Seite auffährt, kommt aus dem Johlen nicht mehr heraus. 

Bis hierher ist schon klar, dass es sich um ein besonderes Genre handeln dürfte, alles ist überspitzt gezeichnet, oder auch überschönt; die Belgier erlauben sich die Freiheit der maßvollen Übertreibung. 

Die Klinik schockiert mit ihrem verwahrlosten Äußeren. Das lässt sich durch die günstigen Preise erklären. Immer mehr aber werden die Dinge, die sich in der Klinik abspielen, unerklärlicher. Sauberkeit und Sterilität scheinen Fremdwörter zu sein; die Sprache ist auch kaum zu verstehen; wobei zu erwähnen ist, dass für das Horrorgenre deutsche Nachsynchronisationen generell hervorragend passen; da sie aus ihrer Natur heraus dem Horror verwandt sind. 

Schnell ist der Moment erreicht, an welchem die Grenze zur realen Realität überschritten wird und für einen Moment scheint es, dass jetzt nur noch Trash um des Trashs Willen gezeigt wird, Zombies um der Zombies willen, Blut um des Blutes willen; aber schon wird der Nachcorona-Zeitgenosse hellwach, denn jetzt kommt das Virus ins Spiel und gibt der Story neuen Drive für eine Hit-and-Run-Geschichte mit einer bunten Palette, einem Potpourri an Horrorscheusslichkeiten und abgesäbelten Gliedmaßen (als „Strafe für das Rumpfuschen des Menschen in der Schöpfung“ – oder einfach, weil es Schicksal ist, wie ein Opfer auf den Rücken tätowiert hat) sowie einem Heiratsantrag in der Kanalisation. So blutig und gnadenlos ist das, dass der Zeitgenosse sich fast mit Corona versöhnen möchte und sich nicht wundert, dass das Leben nicht so läuft, wie gewünscht. 

What you gonna do when the World’s on fire?

Sollte es, was zu erwarten ist, einen Film über Georg Llloyd geben, den Afroamerikaner der durch einen weißen Polizisten mittels gnadenlosem Zusammendrücken der Atemwege in 8 Minuten 46 Sekunden anno 2020 zu Tode gekommen ist, was eine Welle an Demonstrationen gegen Rassimsu weltweit ausgelöst hat, sollte es diesen Film geben, so könnte diese vorliegende, bestechende Schwarz-Weiß Fotographie-Meditation von 2018 von Roberto Minervini als Prequel genommen werden. 

Ein Stimmungsbild aus einer schwarzen Community im Süden der USA ohne namentlichen Standort. Spielzeit ist Sommer 2017. Die Protagonisten sind die expressive Judy, blondiert, riesige Ohrringreifen, sie hat eine Bar betrieben und hat ihre Mutter bei sich, die uralt wirkt und nach einem bitteren Leben aussieht. 

Der Film ist eine Art Selbstdarstellungsdoku. Die Infos kommen über arrangierte Gespräche zwischen den verschiedenen Protagonisten. Gerahmt wird der Film von einer Gruppe von Indios, die eruptive Tänze und Songs in prächtigen Kostümen für den Mardi Gras vorbereiten und aufführen; was schon mal die Region um New Orleans nahelegt. Das ist ein wiederkehrendes Motiv, die Arbeit an den Kostümen, das Aufnähen der Glasperlenketten. Und dabei Gespräche, die die generationenlange Ungerechtigkeit den Indios gegenüber erinnern. 

Zu den Porträtierten gehört auch eine militante Gruppe neue Black-Panther. Die ziehen uniformähnlich angezogen durch die Straßen des namenlosen Ortes; sie skandieren Texte, die Gerechtigkeit fordern, die an den Tod von Alton Sterling erinnern und an viele andere, die starben, weil sie schwarz sind. Gleichzeitig engagiert sich die Gruppe The New Black Panther Party For Selfdefense für Obdachlose, bringt ihnen Essenspakete und Wasser. 

Es gibt Gespräche zwischen Ronaldo, der etwa 14 ist, und seinem kleineren Bruder Titus. Sie streifen in Niemandsland umher, philosphieren am Flussufer, setzen sich auf Bahnschienen, bevor der Zug kommt. Ihre Mutter unterhält sich mit ihnen. Sie will ihnen schwarzes Verhalten beibringen, warnt sie davor, in kriminelle Karrieren abzugleiten. 

Judy erzählt im Gespräch mit einer anderen Frau von ihrer Frauwerdung, von Crack und einem Sugar Daddy, den sie ausgenommen hat. 

Es ist ein Stimmngsbild in verführerisch schönem Schwarz-Weiß, das an 400 Jahre Unterdrückung und Sklaverei der Schwarzen gemahnt und dass die Gleichheit der Menschen in der hochentwickelten USA immer noch nicht da ist, es fällt der Begriff des „African Holocaust“; aber es wird auch vorgerechnet, dass die Erziehung von Kindern billiger wäre als deren Unterbringung im Knast. Es ist gleichzeitig ein Blackploitation-Movie, das es trotz Schönheit der Bilder gerade noch schafft, an der Romantisierung des Elendes vorbeizuschrammen. George Lloyd spätestens verschafft dem Film eindringliche Brisanz und Aktualität. 

The Vigil – Die Totenwache

Schomer/Litvak/Mazzik

Ein Schomer ist ein Mann, der die Totenwache hält, eine jüdische Tradition. Es sollte ein Verwandter oder ein Freund des Verstorbenen sein; falls so jemand nicht verfügbar ist, kann es auch jemand Fremdes machen gegen Geld. 

Litvak ist der Familienname des Verstorbenen. Er hat nur seine Witwe (Lynn Cohen) und niemanden, der die Totenwache halten könnte.

Mazzik sind jüdische Geister, die sich schon zwischen den Schöpfungstagen in die Menschheitsgeschichte eingeschleust haben. 

Die Hauptfigur in diesem Film von Keith Thomas ist der junge Mann Yakov (Dave Davis) aus dem orthodox-jüdischen Viertel, das im Film Menashe vorgestellt worden ist (der Rebe Shulem wird von Menashe Lustig gespielt, der dort die Hauptfigur war). 

Yakov leidet unter dem Trauma, dass er seinen kleinen Bruder nicht gegen einen antisemitschen Angriff in den Straßen New Yorks verteidigen konnte. Deshalb versucht er, die posttraumatischen Störungen mit Medikamenten und dem Besuch eine Therapie-Gruppe zu bekämpfen. Von der jüdisch-orthodoxen Gemeinde hat er sich losgesagt. Deshalb hat er auch Geldprobleme und er leidet darunter, dass er Frauen gegenüber Hemmungen hat. 

Rabbi Shulem will Yakov für die Gemeinde zurückgewinnen und stalkt ihn. Eines abends macht er ihm den Vorschlag, für Litvak den Schomer zu spielen, denn jemand anders seit kurzfristig abgesprungen – vielleicht auch nur ein Trick. 

Der Rabbi ahnt wohl, dass in so einer Nacht die Geister los sein können, dass so eine Nacht kathartisch wirken kann. Das wird sie denn auch, leider nicht in dem Sinne, dass Yakov reumütig zur Gemeinde zurückkehren möchte. 

Keith Thomas inszeniert diese Geschichte in schönster Konvention des Horrorgenres und mit einer umfangenden Musik. Er setzt bekannte Horroreffekte geschmeidig, sehr ordentlich ein. Es ist eine sämige Geschichte. Zu den üblichen Horrorelementen vom Knackgeräusch über vorüberhuschende Schatten, dem Auftritt der dementen Witwe bis hin zu Bewegungen unter dem Leichentuch oder die kleine Ratte über den Boden fügt Thomas noch speziell jüdische Elemente ein, das ist die Info über den Mazzik, die Yakov wie im Traum erhält, die werden als Parasiten geschildert, Dämonen, die alle geistigen Dimensionen zerfressen. 

Der Holocaust gehört auch dazu (in der Geschichte von Litvak). 

Eine solchermaßen durchseuchte Nacht führt zu einer Katharsis. Auch das schildert Keith Thomas schulbuchmäßig ordentlich und gut lesbar, immer im Rahmen des Konventionellen, das er bestens beherrscht. 

Und nicht zu vergessen: Sarah (Malky Goldman) tritt ins Leben von Yakov. 

Der Film scheint geprägt von diesem wohlig Familiären, was das Orthodox-Jüdische auszeichnet, dieses, dass jeder jeden ständig beeinflussen möchte, dass die Gemeinschaft eine kaum zu lösende Fessel ist – und dem Kino indes etwas Fesselndes beschert. 

Sea of Shadows

Vaquitas und Totoabas

sind höchst gefährdete Fischarten im Golf von Mexiko; die Schwimmblasen der Totoabas gelten den Chinesen als Delikatesse und als Heilmittel. Der Bedarf ist enorm. Das Fangen der Fische verboten. Das führt wegen der hohen Gewinne zu illegalem Fang, zu Korruption, all die mafiösen Begleiterscheinungen. Insofern ist verständlich, dass diese Schwimmblasen auch „Kokain des Meeres“ genannt werden. 

Im Gefolge der illegalen Jagd nach den Totoabas leidet auch der Vaquita, der kleinste und kaum erforschte Wal. 

Richard Lakani berichtet in seiner thrillerhaft aufbereiteten Dokumentation über den Kampf zwischen Mafia und Tierschützern und irgendwo dazwischen lahmt die Staatsmacht. 

Alles, was für einen spannenden Thriller nötig ist, kommt darin vor: abenteuerlustige, idealistische Naturschützer, brave Fischer, die unter der Raubfischerei leiden, böse Fischer, die für den Chapo in San Felipe arbeiten, Verfolgungsjagden auf See, Drohnenaufklärung, Einkreisen von Walen zu Rettungszwecken, ein scheiterndes Rettungsprogramm, ein mutiger Recherchejournalist begleitet von einem Vertreter der Earth League International, Videoaufzeichnung, wie der Mafiaboss eine Polizisten erschießt, Medienberichte, ein wankelmütiger Admiral, Polizeieinsatz am falschen Ort, Ortung von Wildfischern, Aussagen unkenntlich gemachter Zeugen, verdeckte Ermittlungen, Jeeps und mexikanische Sandpisten, verdächtig ruhige Fischerdörfer, Marine- und Helikoptereinsatz, Randale der Fischer, Drohnenabschuss, immobile Strafverfolgungsbehörden. 

Den dramatischen Thriller unterlegt Lakani mit flauschig süffiger Musik und mit der Erkenntnis, dass die Bedrohung dieser zwei Fischarten lediglich ein Symbol für die Bedrohung des Planeten durch den Menschen sei; dass es also im Interesse der Zukunft der Menschen sei, sich für den Erhalt der Artenvielfalt des Planeten einzusetzen und gegen kriminelle Machenschaften, denen es nur ums Geld geht, egal welcher Schaden entsteht, vorzugehen. Der Film ist ein National Geographic Documentary

Schwarze Milch

Eine Mongolin schlachtet keine Schafe

Die Mongolei ist eines der Sehnsuchtsländer der Deutschen. 2003 gab es sogar einen Kinoerfolg mit dem märchenhaften Mongolei-Film von der „Geschichte vom weinenden Kamel“, einem Dokumentarfilm, teils unter widrigen Bedingungen gedreht, aber die Träne des Kamels, die kam punktgenau in dieser Mongolei, wie wir sie uns vorstellen: Jurten, Steppe, Kamele, Pferde, Einheit von Mensch und Natur. 

Gerade vor 14 Tagen kam hier ins Kino der französische Film Eine größere Welt, in der eine Französin ihr Heil in der Mongolei findet. 

Uisenma Borchu, die schon mit Schau mich nicht so angezeigt hat, dass ihr Blick weit über die Klischees des Culture Clash hinausgeht, sieht das etwas anders. In ihrer fiktionalen Geschichte (nur das Schlachten eines Schafes und die von einer Wolfsherde totgebissenen Schafe seien dokumentarische Einsprengsel) spielt sie Wessi, eine Mongolin, die in Deutschland mit einem bleichgesichtigen, eifersüchtigen Deutschen (Franz Rogowski) zugange ist, und die sich überwindet, in die Mongolei zurückzureisen, um ihre Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol) zu treffen, zu der sie jahrelang keinen Kontakt hatte. 

Wessi selbst ist eingedeutscht. So wirken die ersten Bilder in der Mongolei knallhart als westlicher Blick, als ob ein globalisierter Wohlstandsmensch Pop-Up-Spezialitäten zur Verfeinerung seines Lebensstiles sucht. 

Oft sieht man Wessi versonnen im Bild, im x.ten Stock eines Luxushotels mit Blick über die mongolische Hauptstadt oder in einer Jurte, gar mitten in der Familie, die der Vater zusammenruft, weil die verlorene Tochter aus dem Westen da ist– dieser Gegensatz ist in einem Mongoleifilm unverzichtbar, die Metropole Ulan Bator gegen die Nomadenwelt in der Steppe. 

Die Mongolei, die sie vorfindet, ist nicht so intakt, wie Wessi-Filme das gerne hätten. Die Schwester ist mit einem Trunkenbold verheiratet, der oft nicht nach Hause kommt, so dass die Schwangere allein in ihrer Jurte hockt.

In einer Nachbarjurte wohnt ein Single, ein Einzelgänger, was in Mongoleifilmen auch eher selten ist, Terbish (Terbish Demberei). Wessi kürt ihn für sich als Objekt fürn Sextourismus. Die Familie kann sich sowas nicht vorstellen, der Vater glaubt, es gehe Wessi um eine ernsthafte Beziehung und warnt davor, dabei sieht sie nur den gut gebauten Mann.

Wie die zwei Schwestern eine Nacht allein in der Jurte verbringen, kommt es zu einer ungemütlichen Begegnung mit einem tätowierten Eindringling (Bayarsalkhan Renchinjugder); hier spielt die titelgebende Geschichte von der schwarzen Milch eine allerdings nur wenig hilfreiche Rolle. 

Zum Teil bewegt sich Wessi wie ein Elefant im Porzellanladen, taucht bei einer Zeremonie auf, die nur Männern vorbehalten ist und wie der Mann ihrer Schwester nicht da ist, meint sie unkompliziert, dann schlachte sie eben das Schaf; ein Tabubruch bei den Nomaden. 

Der typische Mongoleifreund kommt trotzdem auf seine Kosten, es fehlen nicht die Pferde, die Weite, die pausbäckigen Gesichter von rundlichen Kindern und Müttern, die Enge und Gemütlichkeit und Einfachheit der Jurte, die Stutenmilch, Szenen, die in Coronazeiten so gar nicht gedreht werden dürften. 

Leif in Concert: Vol. 2

Ein Film mit Freunden.

Corona verleiht diesem Film „mit Freunden“ von Christian Klandt eine möglicherweise historische Dimension. 

Befreit vom Stressfaktor „Subvention“ winden Klandt und seine Freunde ein Kränzchen der Kleinkunst im Keller, Brutstätten von Musikern, Startuppers, Sängern, Tänzern; aber genau solche Räume, sind auch die Brutstätten des Virus geworden. Sie sind die am härtesten getroffenen Opfer der Corona-Politik der Regierung; es sind vor allem Soloselbständige, die zwar, wenn sie in der Künstlersozialkasse sind, einen Ersatz bekommen haben für drei Monate, je nach Bundesland. Sie sind es aber auch, die durch die rigorosen Anticoronamaßnahmen am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen worden sind; und die Zukunft ist unklar. Wie soll Stimmung aufkommen in einer Kellerkneipe, wenn die Leute die Abstandsregeln einhalten sollen – und ständig die Hygienepolizei droht? 

Luise Heyer spielt die Bargöttin Lene. Sie kündigt am Schluss den Stargast Leif aus Dänemark an. Sie ist polyglott, wie man sich eine Deutsche nur wünschen kann, sie parliert auf Farsi, Herbräisch, Dänisch, Italienisch, Französisch und Russisch. 

Regisseur Christian Klandt schätzt jeden in seinem Ensemble. Er macht sich einen Gag draus, in den Titeln als größte Namen, denjenigen des Praktikanten zu erwähnen. Er selbst taucht bescheiden im Abspann auf. 

Eine Teamarbeit mit entfesselten Darstellern, die alle ganz genau ihren Typ spielen, Typ verstanden als Mensch, der das tut, was er zu tun müssen glaubt, der die Zeitenläufte erstaunt, irritiert oder humorvoll schmitzig betrachtet; so dass einer mit viel Disziplin versucht, das Rauchen zu beginnen, während die andere Veganerin ist, aber die Nase voll hat von Gemüse und nur noch Fleisch essen kann. 

Es ist eine Welt, die weise Sprüche liebt wie „Leben ist das, was manch einer versäumt, während er sich vor dem Tod fürchtet.“ „Man sollte sich Geld nur von einem Pessimisten leihen – er erwartet es nicht zurück.“ „Man sollte grundsätzlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Realität vor allem ein Missverständnis ist.“ „Würden sich Dinge durch Schweigen verkaufen, die Stille unter den Menschen wäre unerträglich.“. 

Tilo Prückner, der überraschenderweise kürzlich verstorben ist, spielt mit als einer der Freunde, den Promiwirt Günther, eine seiner letzten Rollen. Es gibt Widrigkeiten zwischen den Türstehern, die in einer berührenden Szene sich versöhnen, ja sich küssen. Es spielen weiter mit als Klatschfeuilletonist Mirko Tom Lass, es gibt Startupper One-Hit-Wonder Martin, den Schlafgast, den Weinmann, den Biermann, die 45°-Yogalehererin, einen singenden Saug-Roboter, eine Choreografin, einen Römischen Klempner, eine Zigarettenfrau, allen gehört ein Sträußlein gewunden für ihre wunderbare Präsenz.

Der Film spielt an einem Tag in dieser Keller-Jazz-Kneipe oder Bar, die familiär eingerichtet ist und bis zuletzt ist nicht klar, ob das angekündigte Konzert überhaupt stattfinden wird. 

Als Gäste werden selbstverständlich begrüßt die Oma, die tagsüber eigentlich nur reinkam mit ihrem Enkel, weil sie mal musste. So ein Film erlaubt sich, das Thema des Pippi-Gehens im Film zu besprechen; deshalb ist vielleicht das gewisse Örtchen auch eine halbe Bibliothek und es wird diskutiert, welche Literatur für den Stuhlgang förderlich sei.

Tagsüber wird das Lokal Künstlern und Künstlergruppen zum Üben zur Verfügung gestellt. Im Moment sieht es allerdings großwetterpolitisch nicht darnach auch, dass ein Künstlersubstrat wie eine solche Lokalität bald wieder zum hier gewürdigten Humanmodus zurückfinden kann; und ob es die Künstler dann alle als Künstler noch gibt, sollten Abstandgebot und Hygienebürokratievorschriften mal wird verschwinden, das steht in den Sternen. 

Wim Wenders, Desperado

Da hinten ist das, wo wir hinwollen

Drehen als Abenteuer verstanden, als offene Geschichte. Wer am Anfang eines Drehbuches genau weiß, wie die Geschichte ausgeht, der ist sicher kein Wim Wenders. So drehen die vielleicht in Hollywood, so drehte Wim Wenders vor allem in seinen Anfangszeiten nicht. Es gab erst mal gar kein Drehbuch, so wie im Film „3 amerikanische LP’s“, da fährt er in München los in einer Ente in Richtung Norden und lässt amerikanische Musik aus seiner riesigen Sammlung von Rockn-Roll-Schallplatten dazu spielen. 

Dieser kurze Musikfilm kommt allerdings nicht vor in diesem wundervollen Geburtstagskränzchen, das Eric Fiedler dem deutschen Regisseur von Weltrang, Wim Wenders, zum 75. Geburtstag flicht. 

Aber der Film ist angefüllt mit Ausschnitten aus vielen von Wenders bekannten Filmen, mit sympathischen Talking Heads, die mit ihm gearbeitet haben und mit einer kleinen Geburtstagsreise mit dem älteren Herrn an viele seiner früheren Dreh- und Wohnorte, teils in immer noch existierende Räume, innen wie außen, in welchen er heute noch Details von Szenen nachspielt, chapeau! 

Wenders ist ein typischer Vertreter des „auteurs“ im Kino, der das Buch selbst schreibt, falls überhaupt, der, wie hier mehrfach erzählt wird, manchmal selbst die Schauspieler absichtsvoll im Dunkeln gelassen hat, der unter Regie verstand, den Eindruck zu erwecken, er wisse, was er wolle. Damit ist er recht gut gefahren. 

Bis Wenders so gut war und Hollywood ihn entdeckte. Der Produzent Francis Ford Coppola war gerade dabei, ein neues Studio aufzubauen und suchte Talente. Selbst war Coppola gerade mit der abenteuerlichen Produktion von „Apokalypse Now“ absorbiert, so dass er gar nicht mitgekriegt hat, was Wenders mit dem Auftragsprojekt „Hammett“ trieb und dass Wenders damalige Frau, eine Schauspielerin, dabei war, aus ihrem Eintagesauftritt eine Hauptrolle zu entwickeln. 

Die Story von Hammett ist die voluminösteste und verrückteste Anekdote in diesem Film, die Wenders erst deutlich vor Augen führte, was der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Kino ist; also eine wichtige Wegmarke in seiner Entwicklung als Regisseur, die er mit dem Film „Der Stand der Dinge“ verarbeitet hat. 

Da sich aber auch das europäische Kino weiterentwickelt, auch planmäßiger arbeitet, so erzählt es seine Frau, machen ihm die Spielfilme inzwischen zusehends nervlich zu schaffen, während er bei den Dokumentationen derlei Probleme nicht hat.

Es ist berauschend, Szenen vom Dreh zu Pina zu sehen, wie das ganze Kamerateam mit Steadycam mitten in den Tanzchoreographien mit- und herumtanzt. Das Salz der Erde über den Fotografen Sebastiao Salgado ist sicher einer der eindrücklichsten Filme, die es über einen Fotografen gibt. 

Wim Wenders ist keiner der Regisseure, der ständig kämpfen musste, vieles ist ihm geschenkt worden wie er sagt, und er weiß das zu schätzen und findet seinen Beruf nach wie vor ein Glück. Dieses gibt er weiterhin und hoffentlich noch lange an die Zuschauer weiter.