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Shane Crock of Gold – A few Rounds with Shane MacGowan

Mit 60 schon halbgelähmt im Rollstuhl, aber hellwach; die Folge eines exzessiven Lebens, das Stoff für eine über zweistündige, explosive Footage- und Interviewdoku hergibt, die einen wahren Leinwandrausch erzeugt, angereichert mit eigens hergestellten, brillanten Animationen und dazu noch einem Abriss der irischen Befreiungsgeschichte. 

Die Erzählbasis sind neuere Interviews oder auch eine Kneipenbegegnung mit Johnny Depp, einem Freund des berühmten irischen Songwriters und Sängers, und der den Film auch produziert hat. 

Das Narrativ, das mit diesem Footage-Feuerwerk entsteht, ist chronologisch, doppelt chronologisch, zum einen die irische Befreigunsgeschichte beginnend vor über 100 Jahren, dann individualchronologisch, beginnend mit den Eltern des Sängers Shane McGowan. Der Vater ein begnadeter Mathematiker, das ist möglicherweise grinsend gemeint, der sich auf Wetten spezialisiert hat, Mutter in den 50er Jahren in Irland ein Topmodel. Aber Irland war arm, wenig Verdienstmöglichkeiten, wie der Bub etwa Jahre alt ist, zieht die Familie nach London, ein herber Bruch für den Buben. 

Die Familie will in London zum Mittelstand aufsteigen. Bier zu trinken beginnt Shane im zarten Alter von 6 Jahren in Irland. 

In London lernt er mehrere Schulen kennen, nie lange. Dann stößt er auf die Literatur. Seine Begabung wird bemerkt. Doch die feine englische Schule ist nicht sein Ding. Iren wurden in London gemobbt. Auf die harte Tour, keine Angst vor körperliche Auseinandersetzung. Heranwachsen mit Alkohol, Drogen bis zum psychiatrischen Klinik (auch seine Schwester ist eine Interviewpartnerin, die davon erzählt). Paranoia mit 16 in London, keine Schule fertig, Jobs, Drogen, Paddys klatschen und zurück zur irischen Musik, aber den Traditionalisten in den Arsch treten. Sein Genie: der Äther ist voller Melodien, man muss sie sich nur greifen. 

In der Klinik in einem Einzelzimmer findet er eine Gitarre vor. Er schreibt und spielt. Der Weg von da zur ersten Band ist kurz. Ein treibendes Motiv ist Irland, das Irische, die irische Befreiungsbewegung. 

In wenigen Jahren vom Erfolg überrollt. Welttournee, fast jeden Abend Auftritt, Zerstörung der sozialen Netze, das Ziel der Musik aus den Augen verloren, nur noch Geld und Drogen. Es scheint so eine typische Punk-Karriere zu sein und er entschuldigt sich dafür, sich verloren zu haben, beim Rock gelandet zu sein. 

Julien Temple macht diesen schier endlosen Lebenshunger, der sich in der Drogensucht zeigt und der oft in der Nähe des Todeshungers angesiedelt scheint, durch eine dichte Footag-Montage nacherlebbar. Das Verstörende an dem Film ist die tiefe Zwiespältigkeit sowohl des Irland- als auch des Shane-Bildes: einerseits der kompromisslose Kampf für Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Drogen, was den Menschen schließlich als Ruine zurücklässt. 

Immerhin, am Schluss wird der Film zum Hochzeitsfilm – das kann manche Gegensätze kitten. Vielleicht erklärt dieser Zwiespalt, resp. die Verzweiflung an der Aussichtslosigket zur Versöhnung der Gegensätze, warum das häufigste Wort, das Shane als Kind gehört hat, „Fuck“ war und überhaupt das Fluchen, was im Rückblick auf die blutige Befreiungsgeschichte der Iren wiederum nicht von der Hand zu weisen ist. 

Lebenslinien: Sushila und ihre drei Mütter (BR, Montag, 22. Februar 2021, 22.00 Uhr)

Toilette am Ende des Ganges,

der Satz gewinnt in diesen gründlich verunglückten Lebenslinien von Constanze Hegebusch immerhin Bauerntheater-Pointenqualität, denn er ist doppeldeutig, weist auf die Herkunft der Protagonistin aus Indien hin; wenn der deutsche Genitiv zum indischen Nominativ und damit zum berühmten Fluss wird. 

Diese Lebenslinien sind doppelt verunglückt. 

Zum einen durch den dramaturgischen Aufbau, der alles, was wichtig ist, also das Elementare, das Thema, vergeheimnisst, nämlich, dass die Protagonistin Schauspielerin ist und in BR-Produktionen mitspielt, mithin, dass diese Lebenslinien eine von den PR-Maßnahmen des Senders sind; 

aber auch durch das Storytelling, das immer nur labert und labert und labert und erklärt, das die Schauspielerin zu viel über sich selbst reden lässt (das sollten Schauspieler prinzipiell lieber bleiben lassen; außer sie erzählen Anekdoten) –

und zum anderen durch die Regie; der Regisseurin scheint das Händchen für den Umgang mit den Darstellern zu fehlen, diese wirken so, als ob sie nach Anleitung spielten (so ein fantatisches Regiehändchen haben wir zuletzt in den Lebenslinien: Einsatz in den Bergen gesehen). 

Das ist schade für die Protagonistin, die spannendere Lebenslinien verdient hätte, denn ihr Leben ist durchaus erzählenswert; es geht dabei auch um Rassismus, ein Thema, was nur fußnotenhaft gestreift wird und insofern für einen öffentlich-rechtlichen Sender, dessen Grundauftrag die Demokratie ist, verfehlt behandelt wird. 

Geboren wurde Sushila in Kalkutta. Ihre Mutter war sterbenskrank und kommt mit dem 2-jährigen Mädchen in die Sterbeklinik von Mutter Theresa. Wie die Mutter stirbt, kümmern sich die Schwestern um eine Adoption des Kindes. 

Mit drei Jahren kommt das Mädchen zu Adoptiveltern ins Allgäu, hat von einem Tag auf den anderen ein älteres Schwesterchen und steht fortan unter dem ständigem Druck, die Adoption der Eltern als geglückt zu beweisen. 

Constanze Hegebusch schildert das so dröge, als ob sie eine Akte von hinten her studiert, so dass man sich ständig fragt, muss ich das jetzt auch noch wissen, dass der Adoptivvater ein Betrüger war, dass die Protagonistin eine ausgeleierte Ehe hinter sich hat und in der aktuellen Ehe mit zwei Buben glücklich ist. 

Die Indienreise auf Zwangsgebührenzahlers Kosten hätte die Regisseurin sich sparen können, das Footage von dort ist nicht ergiebiger, als wenn sie dieses sich mit einer Skype-Schaltung beschafft hätte. 

Hat BR-Redakteurin und Zwangsgebührentreuhänderin Christiane von Hahn das Skript nicht gründlich gelesen oder war es ein Gefälligkeitsauftrag? 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Klang der Verführung (VoD)

Japan Too.

Diesen wunderbaren Film von Isao Yukisada auf den simplifizierenden Nenner à la Me Too auf japanisch zu bringen, wäre allerdings zu kurz gegriffen. 

Der Herr Regisseur, wie der Protagonist genannt wird, Herr Furuya (Itsuji Itao), ist zwar ein immergeiler Mann, von Frauen mit gut gebauten Brüsten kann er die Hände kaum lassen und wenn keine Frau in der Nähe ist, dann muss die Nachbarin als Projektionsfläche für erotische Träumereien herhalten. Aber auch das ist zu kurz gegriffen. 

Herr Furuya macht genau das, was auch dieser Film selbst ist: kleine Filme, solche mit wenig Geld, dafür aber mit hohem Anspruch. Herr Furuya dreht gerade wieder so einen kleinen, anspruchsvollen Film. Er selbst hat finanzielle Probleme, wohnt in einem bescheidenen Häuschen, seine Frau liegt im Koma im Spital wegen eines dubiosen Autounfalles, bei dem Herr Furuya sich das Bein verletzt hat; deshalb hinkt er. 

Furuya ist aber auch eine cineastische Größe, die Studenten verehren ihn, es gibt eine Retro in einem Programmkino. In diese gerät er hinein in diesem Film über das Kino (selbstverständlich auch eine Liebeserklärung an dieses!), der sich über genau eine Arbeitswoche des Regisseurs erstreckt und in der er nie zuhause übernachtet. 

Die Dinge entwickeln vom ersten Tag an Eigendynamik. Die Hauptdarstellerin kündigt, aber der Herr Regisseur ist gerade mit einer anderen zugange. Furuya ist ein kaputter Typ, dem man kaum zutrauen würde, sensible Filme über das Thema Liebe gedreht zu haben. Das erscheint als einer der Grundwidersprüche des Kinos, dass die, die die schönsten, haltbarsten und eindrücklichsten Filme machen, selber ganz schön kaputt sind, siehe Fassbinder (Enfant Terrible von Oskar Röhler). 

Der Dreh ist abgebrochen, der Künstler frustriert, überdies spielt das reale Leben in Form von Geldforderungen in das träumerische Filmleben hinein, was den Regisseur umtreibt, denn das Spital droht, seine Frau rauszuschmeißen, wenn die Rechnung nicht beglichen wird. Diese Forderung setzt genügend Action für Dienstag bis Samstag in Gang, die in immer wieder grotesk und auch grotesk-erotische Szenen mündet mit pikanten Praktiken aber auch mit einer weiteren liebevollen Hommage ans Kino bei der Moderation zur Retro und dem Frage- und Antwortespiel mit dem Publkum. Hier sitzen nicht irgendwelche Leute, außerdem trägt Furuya das T-Shirt eines jungen Zuschauers. Wie es dazu kam, das könnte eine simple ‚Liebhaber muss fliehen‘-Story werden, ist aber von Isao Yukisada auch so hintersinnig wie gleichzeitig plump inszeniert, dass es nur schon wieder schön ist, wie nah doch das abgehobene Cineasten-Kino dem Leben immer wieder kommt, wenn es seine eigenen Ansprüche auf T-Shirt oder Frau anmeldet. 

Dawn of the Felines – Sündiges Tokio (VoD)

Japanische Sexarbeiterinnen.

Gediegener Soft-Porno aus dem Land des Lächelns von Kazuya Shiraishi. 

„Young Wifes Paradise“ heißt die Agentur, die Dreh- und Angelpunkt ist für die fragmentarischen Proträts junger Prostituierter in Tokio. Der Boss ist ein wenig sensibler Niedriginstinkt-Typ, der sein Geld verdienen will. Die Frauen sitzen oft in den Räumen der Agentur und warten auf Angebote. Ein junger Mitarbeiter fährt sie zu den Kunden. Der gibt auch ein Beispiel dafür, wie Regisseur Kazuya Shiraishi nicht nur ein plumpes Nuttenbild zeichnen will, sondern Interesse am Menschen zu erkennen gibt; der junge Fahrer fragt die Frauen, ob sie beispielsweise einen Orgasmus haben oder was an manchen Kunden so eklig sei. 

Auch die Kunden, die hier genauer vorgestellt werden, sind alles andere als Stereotypen. Da ist der reiche Internetnerd, der seit 10 Jahren die Wohnung nicht verlassen hat und Postings im Internet platziert. Ein anderer ist ein älterer Herr, seit einem Jahr Witwer und mit dem Sex hat er Probleme. Der dritte ist ein Comedian, nicht berühmt, aber für käuflichen Sex reicht es. Er selbst tritt in einem Club auf, in dem gepflegte Sado-Maso-Shows stattfinden, womit auch diese Variante Eingang in den Film findet. 

Storydrive entsteht aus verschiedenen Vorfällen: der Agenturchef behandelt seinen Mitarbeiter brutal, worauf der geheime Videos im Internet veröffentlicht; zusätzliche Probleme für die Agentur entstehen durch das Eingreifen des Computer-Nerds. 

Die menschliche Komponente greift immer wieder in das Geschehen ein, denn wenn ein Kunde eine Frau mehrfach bestellt, entstehen gezwungenermaßen Verbindungen und Hoffnungen, die über das Geschäftliche hinausweisen. Das Element der menschlichen Einsamkeit arbeitet da relativ autonom und schafft Konflikte. 

Es gibt auch Einblicke in das Privatleben der jungen Frauen, eine hat ein Kind, einen Buben, der betreut werden muss und eine andere ist mit einem attraktiven jungen Mann verheiratet. 

Ein Porno so sanft wie Kirschblüten. 

The Red House (VoD)

Kollateralschaden einer Greenpeace-Aktion

oder: die Ivi in Ostgrönland im Clinch zwischen jahrhundertealter Jagdtradition und modernem Tierschutz, zwischen Subvention und Alkohol. 

Francesco Catarinolo stellt seinem Film die Info über die Ivi voran, dass ihre Tradition die Jagd war und die Folge einer Greenpeace-Kampagne der Zusammenbruch des Marktes für Robbenfelle. Dass Dänemark die Ivi nicht verhungern lassen konnte und sie deshalb subventionierte, gleichzeitig sie ihrer Lebensgrundlage beraubend. Das führte zu Alkoholismus und Suiziden. 

Catarinolo zeichnet wie in einer hingebungsvollen Reportage eine Momentaufnahme dieser grönländischen Gemeinschaft, die heute in geduckten Holzhäusern wohnt. 

Der zentrale Protagonist ist Robert Peroni, der sowohl deutsch als auch italienisch und die Sprache der Einheimischen spricht. Er ist als jugendlicher Abenteurer mit zwei Freunden nach einer Grönlanddurchquerung bei den Ivi gelandet. 

Peroni hat das titelgebende rote Haus gekauft und für die Jugend geöffnet, es zu einem Café und zu einem Hotel ausgebaut für einen exklusiven, nachhaltigen Tourismus, der den Einheimischen Beschäftigung gibt. 

Ein transsexueller Jugendlicher hat eine Selbsthilfegruppe mit Rollenspielen gegründet gegen die Verzweiflung der Jugend, den Alkohol. Auch das Thema Missbrauch in der Familie, das hier zur Kultur gehöre, wird zusehends angesprochen; das dürfte ein weiterer Grund für die vielen Selbstmorde sein. 

Der Film ist in prächtigen Kinobildern gedreht, der Landschaftsfan kommt bestens auf seine Kosten. Der Dokumentarist beobachtet auch Tobias, einen Ivi, der jetzt bei einer Behörde einen festen Posten hat und der nur noch hobbymäßig der Robbenjagd frönt oder wir sehen Peroni, wie er einer kleinen Touristengruppe den Gebrauch des Gewehres erklärt, denn einsam sich in die Eislandschaft hinauszubegeben, sei riskant. Bei der Begegnung mit Eisbären empfiehlt er, wenn nur noch 15 Meter Distanz sei, erst einen Warnschuss abzugeben, und falls der Eisbär sich nicht von dannen macht, dann mit richtiger Munition – und nicht in die Luft gezielt – abzudrücken. Es gibt Schlittenhunde zu sehen, Fischen durchs Eisloch oder Robbenjagd mit dem Kajak. 

Covid führt zu einer phobischen Situation, wie Peroni es nennt, er muss das Hotel schließen, Gäste sitzen für weitere Wochen fest, die Jugend kann nicht mehr in die Sporthalle. 

Für das Gesamtbild der Ortschaft wäre es hilfreich, noch ein paar Angaben zu erhalten, wie viele Einwohner hier leben, ob das Gemeinschaftsleben so dörflich ist, wie geschildert und ob der Anteil Transsexueller an der Bevölkerung so überdurchschnittlich hoch ist, wie es scheint.

Jesus shows you the Way to the Highway

Dieser Film von Miguel Llansó ist eine spanisch-estisch-äthiopisch-rumänische Koproduktion. Bei IMDb wird er unter den Genres Action/Comedy/Sci-Fi und Thriller geführt. Hinzufügen könnte man Parodie, Agentenparodie, Fantasy als auch Sci-Fi-Eklektizismus oder man könnte ihn auch als Referenzfilm bezeichnen, der sich der Elemente verschiedener Genres bedient und auf Zitate nicht verzichtet. Die Umrahmung ist videogamehaft. Die Story hat sich mir nicht so ganz erschlossen. Deshalb erlaube ich mir ausnahmesweise den Text der PR-Agentur als Zitat anzuführen, nach Copy-Paste-Verfahren übernommen: 

„Ein neuer afrofuturistischer Sci-Fi Film! Ein What the F*ck-Thriller! Ein letzter Schlag gegen die globale Korruption! Ein unterirdischer James Bond! Die CIA-Agenten Palmer und Gagano kümmern sich um den Schutz eines Computerprogramms, das eine futuristische Großstadt steuert. Special Agent DT Gagano träumt davon, die CIA zu verlassen, um ein Geschäft mit seiner Frau Malin zu eröffnen. In der Nacht, in der er seinen Rücktrittsbrief verfasst, greift ein seltsamer Cybervirus das Betriebssystem der CIA an. Er legt seine Pläne erst einmal auf Eis. Gagano und sein Partner werden das System infiltrieren, um das Virus namens „Sowjetunion“ auszurotten. Die Dinge verlaufen jedoch nicht wie geplant, denn das Virus ist viel komplexer als erwartet und mit den dunkelsten Machtsphären verbunden. Es beginnt, in die reale Welt einzugreifen und obskure und komplexe politische Verschwörungen zu entwickeln. Gagano ist gefangen in der virtuellen Realität und muss einen Weg gegen das Böse finden. Er entdeckt, dass er ums Überleben kämpfen muss und nichts ist wie es scheint. Unglaublich!“ 

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass den Film sympathisch macht, dass er mit wenigen und bescheidenen Mitteln versucht, das Typische sowohl der Kalt-Kriegs-Situation und auch holographischer als auch früherer Computerüberwachungswelten herzustellen; charmant liebhaberhaft. 

Music

I am happy.

Die das im améliezauberhaften Film von Sia und Dallas Clayton (Drehbuch beide, Regie: Sia) sagt, ist eine KI-, eine Roboter-, eine Automatenstimme. Sia interpretiert das auf zwei konträr-expressive Weisen durch das Schwesternpaar Music (Maddie Ziegler) und Zu (Kate Hudson). Beide heben sich ab vom bürgerlich geregelten Lebens- und Bewegungsablauf.

Music, die Hauptfigur, ist hypersibel, hat meist Kopfhörer auf, die Welt um sie setzt sie in ihrer heiß gelaufenen und verspielten Fantasie sofort in fantastisch-abstrakte Choreographien um, sie verdreht die Augen, hat eine rege Gesichtsmimik und ist nicht ansprechbar auf die Regeln des bürgerlichen Rationalismus. 

Zu dagegen kennt diese Regeln sehr wohl und anerkennt sie durch Missachtung, was sich in Haarschnitt, gezielt schauspielerischer Expressivität, aber auch in ihrem Lebenslauf zeigt, Außenseiter, alkoholabhängig, keine gepflegten sozialen Beziehungen, kein gut angesehenes Milieu. Zu ihrer Oma Millie (Mary Kay Place) hat sie keinen Kontakt, obwohl doch ihre Schwester Music bei ihr wohnt. 

Es ist ein puppenstubenhaftes Glück, was der Film beschreibt mit feststehenden Figuren, die immer wieder auftauchen, der Nachbar George (Hector Elizondo), eine Fernsehkindersendung spielt eine Rolle, der Frisör, der dicke, chinesische Adoptivsohn, Nachbar Ebo (Leslie Odom Jr.). Zu dem wird sich eine Beziehung entwickeln; es muss ja nicht alles hoffnunglos sein. 

Ebo ist Boxlehrer, hat sich um Oma und Music gekümmert, jetzt erst recht nach dem Tod von Oma. Er ist auch stellenweise der Erklärer, auch von Music, von der Behandlung ihrer epileptischen Anfälle oder dass sie eben just eine geregelte Welt mit vertrauten Figuren brauche, Fixpunkte in einer an sich chaotischen Welt, wie sie auch in ihrem Kopf stattfindet. 

Dadurch taucht auch Zu wieder auf. Aber sie ist nicht auf Trauer disponiert. Sie sucht nach Geld in der Wohnung, findet Drogen. Die verhökert sie. Aber sie ist seit einiger Zeit trocken. Das ist so ein Stück Heilsgeschichte, was mit ihr passiert, sie biegt auf die Linie „wahren“ Glücks ein, sie sucht einen Job, was nicht leicht ist.

Immer wieder driftet der Film über die Fantasie von Music ins Musikvideocliphafte mit Tanzgruppen in Fantasiekostümen in bunten Fantasieräumen.

Die Musik selbst ist in der Nähe der leichten Muse anzusiedeln. Es ist eine bunt-diverse Welt, die vor unseren Augen ihre Auffassung von Glück aus den Körpern explodieren lässt nach dem Motto „Jeder Tag ist ein Ferientag“. 

The 800 (VoD)

Chinesischer Kriegsfilm,

industrieller Aufwandfilm von Hu Guan mit allem, was das heutige Kino an Effekten, Technik, Computeranimation hergibt, zweieinhalb Stunden lang, 20 Minuten Anspann bis zum Titel und doch so gemacht, dass ein gewisser Spaß am Filmischen erkennbar ist: wenn Leute angeschossen oder erschossen werden, so spritzt deutlich nachanimiertes Blut über die Leinwand als roter Effekt wie Sergej Eisenstein im Panzerkreuze Potemkin die Flagge der Aufständischen im Schwarz-Weiß-Film rot koloriert hat. 

Der Film wird erzählt als modernes Medienspektakel und beruft sich auf eine historische Begebenheit. 800 tapfere Soldaten, die Helden des Filmes, verteidigen 1937 in Shanghai eine Lagerhalle standhaft mehrere Tage lang gegen japanische Angriffe. 

Dieser reale Krieg wird vom gegenüberliegenden Ufer aus beobachtet, wo ein Leben herrscht, wie in den Roaring Twentieth in Berlin mit Varieté „Victory Bar“, dekadent bis dorthinaus, vor allem die Chefin, die ungerührt in ihrem Salon über dem Etablissement ihren weißen Pfau füttert, während nur wenig Hundert Meter entfernt in Sichtweite die Kriegsschlachterei vor sich geht, die Mann-zu-Mann-Kämpfe. 

Schnell sammeln sich die internationalen Medien in diesem mondänen Stadtteil und machen die überschaubare Kriegsbühne des Lagerhauses zum Spektakel. 

Eine Brücke verbindet die beiden Extreme, sie steht unter Dauerbeschuss von Heckenschützen, ist also nur unter höchster Lebensgefahr passierbar. 

Im Lagerhaus findet sich eine Mischung aus tapferen Soldaten und Deserteuren bis hin zu einer komischen Langhaarfigur, der noch nie geschossen haben will, während am anderen Ufer Tingeltangel und chinesische Folklore sich ausbreiten, chinesisches Theater, eine Sängerin singt Arien aus ihrem Fenster. 

Zum dramatischen Höhpunkt wird das patriotische Thema des Fahnenhissens nach drei Tagen. Wenn die Verteidiger und Kriegshelden jetzt die chinesische Fahne auf dem Lagerhaus hissen würden, dann wäre das eine Provokation für die Japaner und sie würden massiv angreifen; andererseits sollen die Chinesen Zeit schinden für Verhandlungen. 

In der kuriosen Mischung der Verteidiger in der Halle erwacht der Patriotismus und der Ehrgeiz, die eine entscheidende Schlacht zu schlagen, damit die Gräuel des Krieges beendet werden können; das ist immer die Philosophie. 

Die Japaner sind für die filmische Actionausbeute insofern nett, als sie mit ihren Flugzeug das Lagerhausdach nur beschießen statt eine Bombe zu werfen; aber die wäre auch zu gefährlich, wegen eines Tankes mit hochexplosivem Gas. Für den Film selber ist das auf jeden Fall detailergiebiger und schön symbolisch ist der Kampf um die Flagge. Diese Vorgänge werden auch aus der beschaulichen Ruhe eines Zeppelins beobachtet. 

Kämpfermotto: „Wenn ich zu Staub zerfalle, werdet Ihr mich lächeln sehen“. 

Die Schlange – Killer vs. Killer (DVD-Mediabook)

Vermintes Gelände.

Hier stellt man besser keine Fragen, das Gelände in dem kleinen Ort zwischen Toulouse und der spanischen Grenze ist total vermint. So stellt es uns Eric Valette, der mit DOA auch das Drehbuch geschrieben hat, atemlos vor. 

Auf einem Hof lebt Omar (Cédric Ido) mit seiner Frau Stéphanie (Erika Sainte) und dem prächtigen Töchterchen Zoé (Victoir De Block). Omar bedarf des besonderen Schutzes durch die örtliche Polizei wegen des latenten Rassismus. 

Auf Omars Hof flüchtet sich der eine der titelgebenden Killer: Tomer Sisley, er ist der menschlichere, der für eine Geiselnahme auch noch eine Entschädigung zahlt. 

20 Kilometer von dem Hof entfernt befindet sich das nächste Minenfeld: hier gab es eine Schießerei, drei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichen. Das ist eine Folge der Globalisierungsbestrebungen der kolumbianischen Drogen-Mafia. Die kann sich so etwas nicht bieten lassen. Sie schickt den anderen titelgebenden Killer: Terence Yin. 

Yin wird eine deutsch-chinesische Herkunft zugeschrieben, er bewegt sich wie ein Roboter und erweckt mit dem maskenhaften Gesicht den Eindruck einer Tötmaschine; wobei, wenn er einmal lächelt, die Partie um seinen Mund an das mephistophelische Lächeln eine Gustav Gründgens erinnert. 

Dieser zweite Killer wiederum wird Tötungen der grausameren Art vornehmen, Übertötungen, die dazu führen, dass dem Film eine FSK-Freigabe ab 18 bescheinigt wird. 

Auch das Dorf selber ist ein Minenfeld. Und Baptiste (Guillaume Destrem) hat seine eigenen Gründe, sich mit dem Gewehr bewaffnet in seinem Haus zu verstecken. 

Eric Valette konstruiert eine dicht Ausgangslage, so dass jeder Schritt seiner Figuren, es gibt noch die Dorfpolizei, die Dorfkneipe, weiteres Drogenpersonal und Gäste aus Kolumbien, wie der Tritt auf eine Mine sein könnte, überall lauert Gefahr, überall heißt es: Vorsicht; bei allem Suspense bleibt Zeit, einen Blick auf menschliche Hintergründe zu werfen, ob da vielleicht schon Gewalt in der Familie war oder was die Killer für unrühmliche Vorleben haben, ohne dass die schnelle Eleganz und das Tempo des Thrillers darunter leiden würden; der Thrillerfaden ist so dicht und präzise gesponnen, dass ich für 100 Minuten Corona total vergessen habe. Also: Thriller als einsamer Ablenker! 

Herren (ARD, Mittwoch, 10. Februar 2021, 20.15 Uhr)

Schwarze Berliner.

Dieser Film von Dirk Kummer nach dem Drehbuch von Stefanie Kremser unter den Auspizien der Zwangsgebührentreuhänderinnen Claudia Simionescu (BR) und Monika Lobkowicz (BR/Arte) will zeigen, dass deutsche Bürger mit schwarzer Hautfarbe und Migrationshintergrund aus Kuba und Brasilien am deutschen Fernsehen ein genauso dröges Leben führen wie andere dröge deutsche Familien in anderen drögen deutschen TV-Filmen. 

Dem Zuschauer soll klumpfüßig erklärt werden, dass Schwarze ganz normale Menschen sind, was gleichzeitig schon wieder eine subtile Art von Rassismus ist, wenn man das Selbstverständliche so auswalzt und als nicht selbstverständlich darstellt. 

Dazu muss eine Geschichte möglichst realtitäsnah zurechtgebogen werden, dass es knirscht und knarzt und die Schauspieler nicht zu beneiden sind um die Dialoge, die sie zu sprechen und die Figuren, die sie zu spielen haben, wie es halt so ist bei Erfindungen, die sich für extrem originell halten. 

Die Kerntruppe sind drei „Denkmalschützer“, wie sie sich nennen. Auf den Denkmälern, die sie schützen, was nichts anderes bedeutet, als sie zu reinigen und sauber zu halten, steht immer groß „Herren“ drüber. Es sind dies historische, denkmalgeschützte Urinale, die es offenbar überall in Berlin gibt. 

Herzstück der Truppe ist Reynaldo (Komi Mizrajim Togbonou) mit dem breiten Grinsen. Sein Assistent ist Jason (Nyamandi Adrian). Zu ihnen stößt, weil er dringend einen Job braucht, Ezequiel (Tyron Ricketts), der so etwas wie die Hauptfigur im Film ist. Er hat eine Schule für den brasilianischen Kampfsport Capoeira aufgebaut. Aber als Nachfolger für den Chef wurde er ausgebootet. 

Unter Denkmalschutz hat Ezequiel sich etwas anderes vorgestellt. Er beugt sich des Geldes wegen den ausbeuterischen Bedingungen von Reynaldo. Ezequiels Frau Marta (Dalila Abdallah) arbeitet als Nachtschwester in einem Spital. Der gemeinsame Sohn Stevie (Pablo Grant) hat Abitur gemacht und soll, voll Klischee, nach Wunsch des Vaters studieren; Sohn möchte lieber eine Lehre machen. Dieser Konflikt wird ohne Fundament skizziert, weil es sich gut macht in so einem belehrenden und erklärenden Fernsehfilm. 

Es gibt viele Berliner Nachtaufnahmen, schöne historische Urinale, Zwischenfälle mit Schwulen und Rassisten, die Autorin arbeitet das Pflichtprogramm für einen Fernsehfilm ab, was weisungsgebundene Redakteurinnen absegnen müssen, weil es politisch so korrekt ist, dass es stiebt und staubt, im Sinne von „Wichtig ist, dass Du ’n neuen Job findest, sonst kommen wir nicht über die Runden“, das sind Banalsätze, die austauschbar und risikolos in jeden deutschen Themenfilm eingebaut werden können, ohne dass sich die Autoren tiefer mit ihren Figuren beschäftigen müssen, ohne zu befürchten, sich die Finger zu verbrennen. 

Unterlegt wird die fade Mampfe mit unerträglicher Glücksmusik, es sei ja alles so leicht und wenn die schlecht inszenierte Gruppenschlägerei ansteht, dann wird ein französisches Chanson drübergelegt. 

Vielleicht haben sich die Macher ja was gedacht dabei, konnten es aber nicht plausibel rüberbringen. Als lustig sein sollendes Etikett grinst zu Beginn ein schwarzer Gartenzwerg, womit die Macher uns wohl sagen wollen, auch Schwarze können kleine deutsche Spießer sein. 

Die Midlife-Crisis von Ezequiel sollte vielleicht das Thema sein: dann könnte es spannend werden. Vielleicht wäre ja ein tauglicher Film draus zu machen gewesen, wenn diese ernsthaft in den Mittelpunkt gestellt worden wäre. Aber dafür hätte sich die Autorin intensiv mit seinem Charakter und seiner Geschichte beschäftigen müssen, hätte plausibel erklären müssen, wieso er Capoeira-Meister ist, wieso er nach Deutschland gekommen ist, wieso etc. etc. und wie er aufgrund seines Charakters diese Krise löst und selbstverständlich, wie weit auch der Rassismus hineinspielt. Aber das wäre knüppelharte Arbeit und, es plausibel zu besetzen und zu inszenieren, ebenso; sehr wohl möglich, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht bereit ist, so viel Geld bloß wegen des alltäglichen Rassimus‘ in die Hand zu nehmen; so dass einem die Figuren nahe gehen würden.

Dieser Film ist eine gut gemeinte, aber vergebliche Bemühung in Toleranz und gegen Rassismus. Aber der Zuschauer möchte in einem Spielfilm nicht belehrt werden, was ihm hier passiert, sondern er möchte mitfühlen, was ihm hier vorenthalten wird. Insofern erfüllt der Film just das zentrale Anliegen des öffentlichen-rechtlichen Rundfunkes, ein Instrument der Demokratie zu sein, nicht und das Zwangsgebührengeld ist futsch. 

Rote Karte des Zwangsgebührengszahlers!