Archiv der Kategorie: Review

The Lodge

Die Folgen der Scheidung der Eltern

für heranwachsende Kinder können fürchterlich sein, der reine Horror. Sie sind es für Mia (Lia McHugh) und ihren älteren Bruder Aiden (Jaeden Martell). 

Vater Richard (Richard Armitage) arbeitet bei der Zeitung. Über eine Rercherche lernt er Grace (Riley Keough) kennen. Er findet sie aufregend, trennt sich von seiner Frau Laura (Alicia Silverstone). Die Kinder sind mal bei Papa, mal bei Mama. Das kann nicht weiter gut gehen. Papa möchte die Scheidung. Das verträgt Mama schlecht. Sie opfert sich, bildlich gesprochen im Hinblick auf Thanksgiving. Hier tragen die Kinder eine Art Hüte in Form gebratener Truthähne. Symbolik genug. 

Die Kinder lehnen Grace ab. Papa möchte zur Weihnachtszeit Versöhnungs- oder Angewöhnungstage in einem Lodge verbringen. Vorher entdecken die Kinder im Internet den wahren Hintergrund von Grace. Sie halten sie für eine Psychopathin. 

Der Zuschauer ist damit auch informiert. Der wahre Horror läuft im Kopf ab. Aber auch in dem einsamen, zugeschneiten Lodge, wo der Papa seine neue Frau mit den beiden Kindern allein gelassen hat, weil er zurück in die Stadt zu seinem Job musste. Derweil passiert in dem Haus in den Bergen das Maximum an Horror mit einem Minimum an Blut. 

Die Filmemacher Veronika Franz und Severin Fiala (Ich seh, ich seh)(die Originalidee stammt von Sergio Casci) haben eine subtile Herangehensweise. Erst stellen sie Horrorräume pur vor, die finden sie in einem kindsgroßen Puppenhaus, das erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem späteren Lodge aufweist. Darin sind Puppen; sie spiegeln die Personen in der Familie. 

Franz und Fiala haben sich für eine konsequente Herangehensweise mit einer quasi „objektiven“ Kamera entschieden: die Kamera steht vor allem in einer Position, die derjenigen entspricht, wenn bei einer Schuhschachtel eine Seitenwand entfernt ist; überwiegend. So entsteht generell schon ein Bild von der Bedrohlichkeit der Räume. Diese Grundstimmung wird auch permanent untermalt von einem subtilen Gefahrensound. Die Macher beweisen damit ein feines Horrorhändchen. 

Von solchen Filmen soll selbstverständlich nicht allzuviel verraten werden. Es gibt noch einen Hund. Und bei Scheidungen gibt es einen Kollateralschaden für die Kinder, und der ist wirklich horribel: dass sie sich schuldig fühlen. Insofern ein Horrorthriller nah an der Realität von durch Scheidung psychisch geschädigter Kinder. 

Intrige

Dreyfus-Affäre.

Über diese Affäre, die Frankreich vor etwa 120 jahren erschütterte, gibt es bereits jede Menge Filme und Bücher. 

Diesen fügt Roman Polanski mit der Verfilmung des Buches von Robert Harris, mit dem er auch das Drehbuch geschrieben hat, ein weiteres Meisterwerk hinzu. Wobei, zugegeben, auch dieses konnte mir nicht alle Zusammenhänge endgültig klar machen. 

Die Hauptfigur in dem großartigen Sittengemälde ist der Offizier Georges Picquart, ein aufrechter Franzose, eine faszinierende Männerbesetzung so ganz ohne Eitelkeit oder modernistische Manierismen. 

Picquart soll in die Intrige gegen Alfred Dreyfus (Louis Garrel) eingesetzt werden, der, auch weil er Jude ist, für die Opferfigur herhalten muss. 

Die Geschichte springt zwischen 1895 und 1899 hin und her. Dreyfus wird verurteilt und auf die Teufelsinsel verbannt. Picquart wird zum Chef der Spionageabteilung ernannt. 

Polanski lässt sich Zeit, ausgiebig die Zustände zu schildern und wie Picquart in der Abteilung aufräumt. Er schildert mit Wonne und großen Bildern, wie Picquart in einer Kirche Dokumente von einer Putzfrau aus der deutschen Botschaft übernimmt, die sie zerrissen in Papierkörben gefunden hat. 

Polanski schildert detailreich, wie in einem Büro der Spionageabteilung diese Dokumente wieder zusammengesetzt (und allenfalls gefälscht) werden. Er fährt ein großes Personal an Staats- und Juristereifiguren auf und aus Schriftexperten, die alle ihr Süppchen mitkochen in der Affäre und ihren Grund haben, für oder gegen Dreyfus zu sein und Picquart gestattet er auch noch eine Liebesaffäre. 

Es ist so eine Mischung aus gewaltigem Historienschinken, exezellenter Ausstattung und Schauspielerführung und immer wieder blitzen die Ränke der Staatsräson auf sowie latenter Antisemitismus, die Gewissenskonflikte des ehrbaren Staatsdieners und eben des defätistischen. Der Bildergenuss ist hier sicher größer aber nicht so brutal den Staat demaskierend wie Official Secrets es tut.. 

Enkel für Anfänger

Die Asche von Gerhards Hund

muss herhalten für einen die Stroy initiierenden Gag dieses Filmes von Wolfgang Groos nach dem Drehbuch von Robert Löhr. 

Es ist die Asche des Hundes von Gerhard (Heiner Lauterbach) als einem der drei den Film prägenden Figuren. Er wird eingeführt als traurernder Hinterbliebener erst seines Mannes und jetzt seines Hundes. Dessen Asche führt er in einer rundlichen Blechdose (für Konfekt oder Tabak) spazieren. Er begegnet Karin (Maren Kroyman), der zweiten hervorgehobenen Figur dieser deutschen Komödie. 

Karin ist kinderlos verheiratet mit Günther Maria Halmer; da versteht es sich qua Casting, dass sie Sehnsucht nach Neuseeland hat, während ihm Bad Salzuflen genügt. Sie ist auf dem Weg zu einer Agentur, die Enkel an unterbeschäftigte, von Sinnleere gequälte Senioren vermittelt. Während der Beratung wartet Gerhard draußen. 

Durch den Zusammenstoß mit einem Jungen passiert ein Hundeurnenmissgeschick, die Asche liegt zerstreut sich auf der Straße. Die beiden kümmern sich darum. Das wird von der Agentur aus beobachtet. 

So werden Geschichten angebahnt, die Gemüt und Interesse der Zusschauer bannen, ihn zu Gedanken anregen. 

Als explosives Bündel unkonventioneller Seniorenenergie vervollständigt Barbara Sukowa als Philippa das Senioren-Startrio. Sie lebt alternativ in einer Wohnwagensiedlung, sie hat keine Kinder, kümmert sich als Erzieherin um omalose Enkel. Sie fasziniert mit ihrer unbändigen, mit Rastaelementen durchsetzten Haartracht und der erfrischend, leicht klirrenden, schmalzigen Lache. Den Kindern bringt Philippa lieber das Klauen und Dreckeln statt drögen Benimm bei. 

Der Versuch, den Film, zumindest die personelle Grundkonstellation nachzuerzählen, macht deutlich, dass das Buch gut durchdacht ist, es orientiert sich an realen Lebensproblematiken, erzählt diese gerne auf der Ebene des Witzes und der Vorbereitung zur Pointe, weniger auf derjenigen schwarzen Humors, wobei, wie Philippa sich an ihre Leihenkelin ranwanzt, resp. an deren Elternhaus schon herrlich ist, umso mehr als diese beiden pfiffig ausgesuchten, blutjungen Eltern wie aus dem Elternberatungsbuch in ihrer Überkorrektheit schon an sich eine geradezu kuriose Gegenwelt gegen die von Philippa abgeben. So sind Konflikte absehbar.

Auch wie Gerhard als Probeopa dem Jungen ein Eis kauft und das von Passanten falsch verstanden wird inklusive Polizeiaktion, das sind Konstellationen, die keine Zweideutigkeit auslassen. 

Das Publikum in der Voraufführung für „Family und Friends“ im großartigen Arri Lounge Kino in München, einem aufregenden, neuen Saal in München, amüsierte sich köstlich, mag der Film auch momentweise mit Rhythmus oder Tempo kleinere Probleme haben, sowie eine Schlagseite in Richtung Fernsehen, an Substanz fehlt es ihm sicher nicht, dafür garantieren schon die drei Senioren-Cracks. 

Das freiwillige Jahr

Deutsches Leben: eine gewisse Hilflosigkeit. 

Ulrich Köhler (In My Room, Schlafkrankheit), der mit Henner Winckler auch das Drehbuch geschrieben hat, schaut dieses Mal noch genauer hin auf das deutsche Leben. 

Dabei konstatiert er „eine gewisse Hilflosigkeit“. Das Zitat blendet er geschickt aus einem laufenden Fernseher in einer frühen Szene ein; es kann programmatisch gelesen werden. Dabei offenbart er – vielleicht unfreiwillig – auch „eine gewisse Hilflosigkeit“ der deutschen Filmkultur, die auch hier mit konsequenter Abwesenheit von Charme und Humor glänzt. 

Es gibt einen trockenen Witz, der passiert, wenn der Vater der Hauptfigur, Urs (Sebastian Rudolf), von zwei Männern zusammengeschlagen wird, weil die glauben, er wolle eine Frau vergewaltigen. Nachdem sich der Irrtum geklärt hat (er wollte lediglich die Tochter bändigen), bedankt er sich für deren Zivilcourage. 

Köhler erzählt, und das ist schon mal ungewöhnlich für einen deutschen Film, eine Begebenheit aus dem deutschen Alltag, wie sie überall im Lande passieren könnte. 

Die Tochter von Urs, das ist die Hauptfigur Jette (Maj-Britt Klenke), soll für ihr Freiwilliges Jahr in Costa Rica zum Flughafen gebracht werden. Es ist ihr anzusehen, dass sie das mit gemischten Gefühlen tut, weil gerade die Liebe zu Mario (Thomas Schubert) am Aufflammen ist. 

Die Abfahrt von zuhause und der Weg zum Flughafen gestalten sich holprig, auch weil Urs selbst in einer gewissen Lebens- und Liebeskrise zu stecken scheint; ein häufiges Phänomen bei Eltern, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Er hat Geheimnisse mit seiner Sprechstundenhilfe Nicole (Katrin Röver); also er ist auch nicht so ganz auf dem Damm. 

Auf dem Weg zum Flughafen will er noch nach seinem Bruder Falke (Stefan Stern) schauen. Dieses kleine Extempore auf der Fahrt zum Flughafen bringt die Reisepläne von Jette vollends durcheinander und stellt ihr ganzes Vorhaben in Frage; bietet aber just den Stoff für die filmische Erzählung. 

Köhler erzählt die Abfolge der Ereignisse und deren Einfluss auf den Fortgang der Handlung, die in einer Verhinderung des Abfluges mündet, konsequent und spannend. Immer möchte man wissen wie es weitergeht und immer kommen menschliche Hindernisse dazwischen, fällen die Protagonisten Entscheidungen aus dem Bauch heraus, die man jedenfalls keine langweilige Lebensplanung nennen kann. In Krisensituationen, da werden Menschen interessant, wie sie reagieren, wie sie handeln und werfen insegesamt einen erhellenden Blick auf die Kultur in einem Lande – und nebenbei, wie hier, auch auf die Filmkultur und deren unerfüllte Sehnsucht nach dem „echten“ Leben. 

Butenland

Gebrochene Kühe

Die Protagonisten dieser Dokumentation von Marc Pierschel sind Jan Gerdes und Karin Mück. Sie betreiben den Hof Butenland. Der ist eine gemeinnützige Stiftung. Diese lebt von Spenden. Der Zweck ist es, „gebrochenen“ Tieren, vor allem Kühen, ein natürliches Leben ohne den Stress der industriellen Landwirtschaft zu ermöglichen; vielleicht könnte auch der Begriff „Gnadenhof“ den Zweck beschreiben. 

Die konzentriert-instruktive und gleichzeitig beachtlich schöne Fotografie zeigt ganz gut, wie Kühe, die nicht gefesselt sind, die ihr ursprüngliches Leben in einer Herde (diese hat auf Butenland einen Umfang von um die 40 Tieren) und ohne Reproduktions- und Milchleistungszwang leben können, aussehen: mit wunderbarem Fell und ganz sauber sind sie, im Gegensatz zu einer Kuh, die man bei ihrer Anlieferung in den Hof zu Gesicht bekommt, verdreckt vom eigenen Kot im hinteren Teil, Becken und Beine. 

Jan Gerdes und Krin Mück erzählen die Geschichte ihres Hofes direkt in die Kamera. Diese Erzählung wird unterfüttert von Archivmaterial, Bildern, Videos, Zeitungsausschnitten, News. 

Es war nicht unbedingt abzusehen, dass die beiden hier landen und unterm Strich glücklich sein würden. Jan hat den Hof geerbt, wollte im Gegensatz zum Vater auf Bio umstellen, aber das scheint ihn überfordert zu haben. 

Karin Mück kommt aus der Szene radikaler Tierschützer, die in den 80er Jahren mit beachtlichem Medienecho Aktionen gegen Tierversuche unternommen haben. Das ging so weit, es kommen auch andere Tierschützer aus der Zeit zu Wort, dass die Gruppe beim Versuch, einen Neubau, der für Tierversuchzwecke geplant war (Borstel), noch vor der Inbetriebnahme massiv beschädigen wollten. Dabei wurden sie erwischt, die Bundesanwaltschaft übernahm den Fall, behandelte die Leute wie Terroristen. Beim Prozess – und nach Isolationshaft – konnten sie allerdings mit ihrer idealistischen Überzeugung den Richter mild stimmen. 

Gegen die Bilder vom Butenhof gibt es immer wieder Inserts aus der industriellen Landwirtschaft, von einer Leistungsshow mit Hochleistungskühen. Es stellt sich die Frage, wieso der Mensch glaubt, Kuhmilch sei für ihn ein nützliches Nahrungsmittel. 

21 Bridges

Fetter Ballermann Manhattan

In Manhattan gibt es viele Waffen, viele Polizisten und viele Ganoven. Man stelle sich vor, es gebe keinen Ausweg mehr aus diesem Distrikt, alle 21 Brücken seien geschlossen – und selbstverständlich, auch wenn es realistisch schwer vorstellbar ist – ebenfalls die Tunnels, Luft- und Seewege, alle Schotten dicht, so dass es kein Entkommen mehr von der Insel im Hudson River gibt, tja was dann? 

Dann wird noch viel mehr als sonst in amerikanischen Thrillern rumgeballert. Bis die beiden Bösewichte Michael (Stephan James) und Ray (Taylor Kitsch) erledigt sind. Hinter ihnen her ist die ganze Polizei von New York. Voran der Detective Andre Davis (Chadwick Boseman) und in seinem Windschatten die Drogenfahnderin Frankie Burns (Sienna Miller). 

Da es hier aber nicht nur zwei gegen zwei geht, sondern faktisch einer gegen die ganze Drogenmafia und die korrupte Polizei dazu, müssen entsprechend viele Pistolenmagazine leergeschossen werden. Insofern ein Ballermann-Film.

Aber auch ein Film mit Botschaft. Das zeigt die erste Szene, die etwa 20 Jahre früher spielt. Hier wird mit soviel Pathos wie kaum Platz auf der Leinwand hat, der Vater von Andre beerdigt. Er war Cop mit Leib und Seele und wurde erschossen. Das ist die fette Message der Szene, dass es nicht gut ist, Polizisten zu erschießen. Fett ist auch die geschminkte Tränenbahn über die eine Wange von Bub Andre, der neben seiner Mutter der Abdankungsszene beiwohnt. 

„Fett aufgetragen“ ist auch ein Begriff, der ganz gut zu diesem Film von Brian Kirk nach dem Drehbuch von Adam Mervis und Matthew Michael Carnahan passt. Das gilt nicht nur für das gesprochene Wort, dass immer laut, plakativ, gut verständlich beinah geschrien wird, Nuancen nicht vorgesehen, so wenig wie bei der Charakterisierung der Figuren. 

Fett aufgetragen passt zur Moral der ersten Szene, wie schlimm es doch sei, einen Cop zu erschießen. Dem ist auch nicht zu widersprechen, obwohl Andre als Polizist in den ersten Jahren eine hübsche Anzahl von „Kills“ vorzuweisen hat, was eine Art Verhör bei der Einführung des erwachsenen Andre als Cop in den Film zeigt.

Fett aufgetragen ist vor allem die Musik, die aufdreht und uns die Ohren zudröhnt, als ginge es um die Eroberung Roms und Jerichos zugleich, allein schon, wenn einige Polizeifahrzeuge mit Blaulicht auf eine Kreuzung zu fahren.

Fett aufgetragen ist die Musik in fast jeder Szene, als wolle sie die Inhaltsleere und Brüchigkeit in der Logik und der Entwicklung der Geschichte einfach wegdrücken. 

Den Rest an Fett liefert die überwiegend schummrige Beleuchtung mit ihren vielen Spiegelungen in Wasserlachen, mit Dämpfen und Lichtreflexen sowie Schlaglichtern in der häufigen Dunkelheit, als ob es darum ginge, ein Betroffenheitskino zu machen. Um die vielen erschossenen Polizisten tut es einem allerdings dann doch nicht so leid, weil sie ja alle durch und durch korrupt waren. Womit sich ein Widerspruch zur Eingangsszene auftut. 

Ein Nachsatz: Der Film NEW YORK – DIE WELT ZU DEINEN FÜSSEN, der am 12. März ins Kino kommen soll, der zählt 35 Brücken!


Bayern erleben: Rettung aus Bergnot – Die Bergwacht (BR, Montag, 3. Februar 2020, 22.00 Uhr)

Typisch oberflächliche TV-Verzopf-Doku von Jürgen Eichinger und BR-Redakteur Peter Giesecke. 

Beliebige Rumhupferei zwischen den Allgäuer Alpen, dem Bayerischen Wald, der Rhön, Ruhpolding, Bad Tölz. 

Bergwachtler bei Übungen, Rettung eines Paragliders aus einem Baum, Suche eines Verletzten, Abseilen von Rettern. Ein nachgestellter Wanderunfall. Thema Biker. Ausbildungszentrum. 

Die moderne Ausrüstung, die Ausbildung. Statements von Bergwachtlern und dazwischen geschnitten eine Archivfilm von anno dunnemals in Schwarz-Weiß. 

Dabei wäre das Thema spannend und aktuell: das Ehrenamt. Bergwachtler sind Ehrenamtler, die viel Zeit und auch Geld in ihre Ausbildung stecken. Es dauert Jahre bis die siebenteilige Ausbildung beendet ist. Dabei wird die Arbeit undankbarer und stressiger durch den modernen Freizeittourismus, die Dankbarkeit der Geretteten kleiner. 

Was hält die Leute trotzdem bei der ehrenamtlichen Tätigkeit? Ansätze zu Antworten sind eingestreut: die Natur, die soziale Beziehung. Aber alles bleibt vage, die Doku wirkt beliebig und seicht zusammengeschustert. Solche oberflächlichen Kamerahinhalt-Dokus rechtfertigen nicht die Verwendung von Zwangsgebührengeldern. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Drachen sollten keinen Dudelsack verschlucken.

Das kann gewisse Winde mit unangenehmen Geräuschen verstärken. Aber es gibt Rettung. Dr. John Dolittel (Robert Downey Jr.), der Arzt, der mit den Tieren sprechen konnte, er spricht auch Drachisch und kann das feuerspeiende Ungeheuer so weit beruhigen, dass er den Eingriff wagen kann in seinen Darm. Da kommt nachher nicht nur ein Dudelsack heraus. 

Warum Dr. Dolittle in diese Drachenhöhle gerät, das ist die Folge einer langen Geschichte und eines Mordsversuches an der britischen Königin, einer Hofintrige in diesem Film von Stephen Gaghan. 

Eigentlich hat der verwegen und verlottert ausschauende Arzt überhaupt keine Lust mehr zu praktizieren, nachdem ihm seine Frau gestorben ist. Sein Anwesen „Manor Dolittle“ ist zugewachsen wie das Schloss von Dornröschen. Eine Botin der britischen Königin weckt ihn aus dem Schlummer und reaktiviert das Genie, das sich somit auf eine abenteuerlich-verwegene Reise einlässt mit einer Begleitequipe aus Papagei, Strauß (wie ein Daumier-Satire-Bild, er mit Zylinder auf diesem Vogel reitend) und Eisbär. Ihm schließt sich noch ein Eichhörnchen an und weiteres, auch sehr kleines Getier.

Um die Königin zu heilen, gibt es nur ein Gegenmittel vom Eibenbaum, der ist auf einer entlegenen Insel zu finden, auf der weitere Gefahren lauern, was die tollsten Abenteuer der gegen den Kamm der Korrektheit gebürsteten Gruppe auslöst mit Segelschiff und Gefangenschaft, mit bösem Tiger und Gegenspieler Dr. Blair (Michael Sheen), der umgekehrt proportional zu seinem korrekten Äußeren unkorrekt ist. Und mit King Rassouli (Antonio Banderas) bekommt Dolittle es auch noch zu tun. 

Dr. Dolittles ungebetener Schüler Tommy Stubbins (Harry Collett) schließt sich dem Abenteuerrteam an, er, der Schießhemmung hatte bei der Entenjagd und stattdessen ein Eichhörnchen traf. 

Es ist das Prinzip solcher Schräg-Komödien, wie ein Elefant im Porzellanladen in der Boutique der Korrektheit rumzubatzen, das wird konsequenterweise beim Auftritt im Buckhingham Palast besonders wirksam und sicher unterhaltsamer und schräger als der aktuelle Familienzwist im Hause Windsor mit einer Schwiegertochter, die sich mit einer Rolle in der zweiten Reihe nicht zufrieden geben kann; ein knalliges Sujet, das hier problemlos hinzuzufügen wäre, Tier muss noch gefunden werden. 

Und wer sich mit Tintenfisch Leona, der stillen Beobachterin in den Gemächern der Queen, unterhalten möchte, der muss den Kopf ins Aquarium stecken; für Dolittle eine Selbstverständlichkeit – für Hofschranzen nicht; die deshalb die Info auch nicht mitbekommen. Ein deutsches Känguruh ist gottseidank nicht dabei; das würde vor Schreck tot umfallen, wenn es sähe, was sich mit Tieren für Klabauter-Unfug auf der Leinwand anrichten lässt. 

Oscar Shorts 2020

über OSCAR SHORTS 2020

Abwechslung für den Kinogänger

In ausgewählten Kinos werden ab heute die dieses Jahr für den Oscar nominierten Kurzfilme in zwei Kategorien gezeigt, fiktionale und Animationsfilme. 

Fiktion

Um schwesterliche Nähe geht es in EINE SCHWESTER von Delphine Gerard. Eine nächtliche Autofahrt und ein Telephonat mit der Notrufzentrale werfen einen surrealen Blick auf disparate menschliche Verhältnisse. Flucht schafft besondere Nähe bei Meryam Joobeurs Film BRUDERSCHAFT. Nebst einem markanten Cast wird auch das Thema IS virulent. 

Aus nachbarschaftlicher Nähe zieht Marshall Curry in DAS FENSTER DER NACHBARN beinah so viel Spannung wie Hitchock in seinem „Fenster zum Hof“, wobei es doch um viele banalere Dinge bei einem Paar und einer Familie geht. Knast schafft besondere Nähe unter den Mädels im Frauenknast in Guatemala. Brian Buckley nutzt in SARIA einen realen Ausbruchsversuch in Guatemala von 2017 um zu zeigen, wie aufregend er so eine Geschichte erzählen kann, ohne das zarte Pflänzchen Liebe zu übersehen. 

Beim fünften und letzten Kurzfilmoscarkandidaten FUSSBALLCLUB NEFTA von Yves Piat darf herzhaft gelacht werden über eine Gaunerkomödie, die im Grenzgebiet von Tunesien und Algerien angesiedelt ist und in der ein Esel gerne „Adel“ hört. 

Animation

An der Oberfläche des Kopfes, bei den Haaren, bei einem Wust von Haaren eines kleinen Mädchens, bleiben die Regisseure Matthew A Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith nach dem Drehbuch von Matthew A. Cherry hängen und schauen in HAIR LOVE, was sich damit so animieren lässt, nicht ohne Niedlichkeitsfaktor. In bester tschechischer Puppenanimationstradition mit hochkünstlerischen Figuren (Pappmaché oder Ähnliches) in poetisch einfachen Interieurs lässt Daria Kashcheeva in DAUGHTER ein Mädchen Metamorphosen durchleben (der Vogel, der ins Fenster fliegt) und Erfahrungen mit dem Alleinsein, dem Tod, dem Verlassenwerden machen. 

Siqui Song erinnert in SISTER an Chinas Einkindpolitik von 1980 – 2015 und erfindet sich mit seiner amerikanisch-chinesischen Stoffpuppenanimation die vier Jahre jüngere Schwester selber, die er nie hatte – aber sie hätten sich wohl auch viel gestritten. 

Mit den Auswüchsen einer Ehe als absurd-groteskem Puppenbühnentheater MEMORABLE bewirbt Bruno Collet aus Frankreich sich um den Kurzfilm-Oscar; ob das Gremium genügend Fantasie zum Schätzen eines solchen Animationsjuwels hat? 

Rosana Sullivan zeichnet in KITBULL die Rühr-Geschichte von einem kleinen schwarzen Kätzchen und einem weißen, furchterregenden Pitbull, die sich anfangs in einem menschlichen Hinterhof gar nicht grün sind. 

Ein verwachsener Rücken und rote Haare sind Handicap und Antrieb zugleich für HENRIETTA BULKOWSKI; Rachel Johnson lässt sie als bezaubernd animierte Puppe ein verwegenes Ziel in malerischer Müllhalde fassen und eine andere einsame Seele finden. 

Carol Freeman schmeichelt dem Auge mit der aquarellhaften Meeres-Abenteuer-Animation THE BIRD AND THE WHALE, die von einem Wal und einem goldenen Vogel in einem Käfig erzählt. 

Zum Abschluss unterhalten Loris Cavalie, Camille Jalabert, Oscar Malet und Léo Brunel in HORS PISTE mit einer quietschbunten, nichtsdestotrotz schwarzhumorigen Skirettungs-Actionanimation, die erheblich am Sicherheitsdenken nagt. Die Zugabe stammt von Illogic mit der tierweltanimierten Opernchorparodie MAESTRO. 

Die Kunst der Nächstenliebe – Les Bonnes Intentions

Der Integrationsfilm als Soziodram oder Soziokomödie ist in Frankreich zu so etwas wie einem eigenen und höchst erfolgreichen Genre geworden. Allein innert einem Jahr sind bis zu uns gekommen:

Das Wunder von Marseille, hier geht es um einen indischen Flüchtlingsjungen, der in Frankreich bleiben darf, weil er ein Schachgenie ist.

In Alles außer gewöhnlich geht es um von der Sozialbürokratie nicht vorgesehene Außenseiter.

Die Wütenden – Les Misérables behandelt das Integrationsproblem im sozialpolitischen Wildwuchs der Pariser Banlieu.

In Monsieur Claude 2 geht es um ethnisch-religiöse Toleranz im familiären Bereich.

Und Der Glanz der Unsichtbaren erzählt von einer Selbsthilfeaktion von Frauen ohne Obdach.

Gilles Legrand, der überwiegend als Produzent tätig ist (zB der wunderbare Sebastian und die Feuerretter), und der mit Léonorie Confino auch das Drehbuch geschrieben hat, erfindet um Agnès Jaoui als Isabelle herum ein fröhliche Mischung an Zuwanderern, die in Paris alle Französisch lernen und arbeiten wollen. Jaoui ist die beherzt-gestresste Lehrerin im Mittelpunkt.

Um zu Arbeiten ist es gut, wenn man Auto fahren kann. Also wird der zentrale Handlungsstrang der, dass die bunte Gesellschaft gemeinsam für die Fahrprüfung büffelt. Es wirkt so ein Bisschen sehr erfunden, wenn auch nicht unsympathisch, wie Isabelle erst nach mehreren Zusammenstößen zum Fahrlehrer Attila (Alban Ivanov) findet, der selber wiederum eine abenteuerliche Biographie behauptet: als Kind eines Botschafters schon mit 5 Jahren in Paris aufgewachsen zu sein. 

Agnès Jaoui ist der zentrale Wirbelpunkt. Die engagierte Person, die alles für ihre Schützlinge tut, in der Schule aber Probleme bekommt mit einer neuen Lehrerin, der Deutschen Elke (Claire Sermonne), die ihr gegenüber den Vorteil hat, dass sie preussisch pünktlich ist – und dazu eine Enkelin von Himmler, weshalb sie sich Hammler nennt. 

Das zeigt wie Legrand als Autor tickt: er neigt zu einer gewissen überspitzten Charakterisierung des Vorurteilswesens, was wohl als satirische Intention interpretiert werden kann. 

Das Vorurteilswesen selbst wird anfangs auch explizit diskutiert und was der Unterschied zwischen Vorurteil und Klischee sei, zB dass die Schweizer Schockolade essen, die Rumäninnen Nutten seien, aber bei den Juden, die es aufs Geld abgsehen hätten, da würde es schwierig, da müssen Autor und Darsteller passen. 

Eine weitere Erfindung des Drehbuches und insofern auch mehr eine theoretische Angelegenheit ist die Ehe von Isabelle mit Ajdin, einem Bosnier (Tim Seyfi), der gerade so lang in Franreich gewesen sein muss, dass er dem Buchstaben nach perfekt Französisch spricht, es aber so sauber tut als ein Bemühen um Akzentvermeidung, dass offensichtlich wird, dass er jegliche Herkunftscouleur verstecken will, was der Sprachproduktion eine unfreiwillige Note an Steife und Sterilität verleiht; andererseits aber den praktischen Beweis erbringt, dass diese Ehe lediglich aus Gründen von Aufenthaltspapieren geschlossen worden ist. 

Auf all die Ungereimtheien in ihrem Umfeld, die ja nur menschlich sind, reagiert Jaoui souverän mit ihrer längst zur Kunst entwickelten Mundgeräuschmaschinerie aus Konsonanten- und Anlauten-Salat, wenn sie etwas sagen will, als ob sie das Unrunde runden wolle. 

Der französische Titel heißt trefflich: Les bonnes Intentions: die guten Absichten; das ist doch schon was.