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Lebenslinien: Die Eltern der Wanderhure (BR, Montag, 28. November 2022, 22.00 Uhr)

Unglamoureuse Millionäre

Ihre Bücher erreichen Millionenauflagen und werden in andere Sprachen übersetzt, ihr Leben ist vollkommen unspektakulär, ja direkt langweilig als Topos für diese Lebenslinien von Tanja von Ungern Sternberg unter der redaktionellen Betreuung von Martina Kowalczyk und Christian Baudissin.

Iny Klocke und Elmar Wohlrat, die anfänglich unter dem Pseudonym Iny Lorentz ihre Romane veröffentlichten, verbindet einerseits das Interesse an Fantasy-Geschichten – über so einen Club haben sie sich kennengerlent – andererseits sind sie in ihrer Kindheit menschlich so verarscht worden, dass sie direkt gezwungen waren, sich in Fantasiegeschichten zu flüchten, was wohl dazu führte, dass sie diese Fantasiebegabung weit überdurchschnittlich entfalten konnten.

Das Glück der kaputten Kindheit könnte man fast sagen. Es soll also niemand die beiden über ihren Erfolg beneiden, so teuer, wie sie ihn erkauft haben. Und es hat auch gedauert, bis er sich als solcher niederschlug, bis nach x Groschenromanen endlich ein Buch veröffentlicht wurde.

Bis dahin haben sie Bürojobs gehabt und die Freizeit mit Schreiben gefüllt. Einen Makel empfinden sie, dass sie vom Feuilleton ignoriert werden. Aber wozu auch da hineindrängen? Ist es doch die Sehnsucht nach Glamour?

Die Literaturagentin, die den Mut hatte, den ersten Roman zu veröffentlichen, wundert sich jedenfalls, wie ihre beiden Erfolgsautoren sich durch den Erfolg überhaupt nicht verändert zu haben scheinen. Sie bleiben äußerlich unspannend und wenig ergiebig als Topoi einer Fernsehsendung. Sie genügen sich selbst. Sie müssen sich nichts mehr beweisen. Sie suchen nicht den Kontakt zur Promi-Welt. Am liebsten schreiben sie fulltime oder machen ab und an eine Lesung. Lieber 366 Tage im Jahr schreiben als nur 365.

Wet Sand

Eine heimliche Liebe
georgisches Drama
an einem Un-Ort am Schwarzen Meer

Das Leben, wie es plätschert und dann wieder aufwühlt

Das georgische Kino weiß immer wieder von Neuem zu überraschen; zuletzt mit Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen. Vielleicht weil der Zeitbegriff in Georgien genau so einer ist, dass genügend Zeit ist, Dinge sichtbar und geschehen zu lassen, ohne zu langweilen und so genügend Platz ist, in der Alltäglichkeit die großen Dinge einzuflechten. So ein Kino kann die ganze Unmenschlichkeit von Kleinkariertheit und spießiger Verbohrtheit (gleich Intoleranz) messerscharf freilegen, ohne dass es gleich literweise Bühnenblut vergießen muss.

Der Film von Elen Naveriania, die mit Sandro Naveriania auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt an einem Nicht-Ort am Schwarzen Meer. Zentrale Location ist das Strand-Café oder Strand-Restaurant mit Terrasse „Nasser Sand“. Es wird betrieben von Ammon (Gia Agumava). Er lebt allein, man sieht ihm an, dass er Geheimnisse und vielleicht auch Kummer hat. Aber ein Wirt ist innerhalb einer Gemeinschaft auf seine Art isoliert.

Bei Ammon gehen die Menschen (oder Unmenschen) ein und aus; er wiederum ist allein durch die Wirteposition ein Außenseiter; er hat keine Familie. Ihm hilft Fleshka (Megi Kobaladze), ein gegen das Femininideal gebürstete Frau, die garantiert nicht viel drauf gibt, sich anzupassen, das Weibchen zu spielen. Sie muss sich vom Stammtisch blöd anmachen lassen, von wegen Mann und Jungfrau. Aber sie schluckt es.

Kinder kommen aufgeregt und lachend auf das Café zu. Er sei tot, rufen sie, er sei tot. Der Tote, das ist Eliko (Tengo Javakhadze), auch ein Einzelgänger in der Gesichtslosortschaft. Er hat sich erhängt, was hier als Schande gilt und kirchlichen Abschied ausschließt.

Auch wie Eliko tot ist, haben die Stammgäste im Wet Sand kein gutes Wort für ihn übrig. Begraben will ihn keiner. Seine Enkelin aus Tbilsi taucht auf, eine Frau, die schon von ihrem burschikosen Äußeren her garantiert nicht hierher passt.

Das Drama entwickelt sich um die Beerdigung von Eliko. Dabei kommen Geheimnisse an den Tag, die die Ortschaft vorher bestimmt nicht ertragen hätte; der kirchliche Patriarch feiert am Fernsehen den Tag der Familie; dieser wurde an Stelle des Tages gegen Homophobie gesetzt.

Wie tief die Homophobie in manchen Bevölkerungsschichten an Gesichtslosorten sitzt, das kommt hier immer erschreckender an den Tag. Das Dorfgerede, der Stammtisch gehen mit einer Gewalt fast wie das Meer gegen diese Einzelgänger an, gegen die Außenseiter und Außenseiterinnen, die jede Gemeinschaft doch braucht.

Das hier gezeigte Georgien atmet die Atmosphäre von, nun ja, vielleicht nicht gerade von Zerfall, aber von Dahinbröseln, in die schrill die grässliche Fratze der Erniedrigung, des Mobbings, des Ausgrenzens einbricht.

Glass Onion: A Knives out Mystery

Der Hund frißt den Kaviar,

diese Redensart kursiert in dem Superreichen-Milieu, in welchem dieser neue Whodunnit-Film von Rian Johnson (Looper), eine Mystery-Ergänzung von Knives Out, spielt, auf einer griechischen Luxus-Privat-Insel, ein Film mit personeller Luxusausstattung, angeführt von Daniel Craig als Privatdetektiv Benoit Blanc, irgendwie vierschrötig und irgendwie mit noch mehr Stil, nicht nur, wenn er tagelang in seiner Badewanne ausharrt – bis die merkwürdige Einladung auch ihn erreicht.

Eingeladen sind vom Alpha-Gründer Miles Bron (Edward Norton) gut ein halbes Dutzend Menschen, die von ihm finanziell abhängig, auf ihn angewiesen sind, die aber alle auf ihre Art ein Problem mit ihm haben.

Erst schildert der Film lustvoll und mit Splitscreen, wie die Einladung, eine höchst rätselhafte Box bei den Gästen ankommt; auch wird klar, dass es sich um eine Freundesclique handelt, die sich schon lange kennt, lange vor der Gründung von Alpha. Sie werden Disruptors genannt, was das Karrierprinzip meint, dass einer Grenzen hinter sich lasse, vielleicht auch zu interpretieren, bereit sei, über Leichen zu gehen.

Bei der Ankunft der illustren Runde fallen Sätze, die möglicherweise bedeutsam werden können. Es gibt eine Besichtigung des riesigen Anwesens mit dem Höhepunkt der Glas-Zwiebel, die wie eine Kuppel gläsern über allem thront; sie ist das Nervenzentrum von Alpha, hier wird auch der Superenergiestoff Klear aufbewahrt und andere Geheimnisse.

Die Zwiebel symbolisiert aber auch die vielen Schalen, die um das zu lösende Verbrechen, mindestens ein Mord, von Blanc zu entfernen sind, bis der wahre Kern in von Agatha Christie bestbekannter Manier zum Vorschein kommt.

Bis es so weit ist, dauert es über zwei Stunden, eine Zeit, in der zwar nicht der Hund den Kaviar gefressen, aber möglicherweise Covid etwas viel Zwischenraum geschaffen hat, was der Leichtigkeit und dem Tempo abträglich ist; aber wie es in diesem Luxusmilieu ist, was solls, kein großer Schaden, wenn der Hund den Kaviar vertilgt oder wenn Covid zur Dehnung von Zwischenräumen sorgt. In der Pressevorführung wurde jedenfalls viel gelacht, es sind genügend Pointen eingebaut und technische und andere Überrschungen, die bekanntlich nicht gespoilert werden sollen.

Guillermo del Toro’s Pinocchio

Zwischen zwei Kiefern-Zapfen

– perfekten – öffnet Guillermo del Toro (Nightmare Alley, Crimson Peak, The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) den Blick auf das massive Geschichtenerzähl- und Bebilderungsarsenal Hollywoods und füttert damit nicht nur den biblischen Walfisch.

Gleichzeitig zeigt Guillermo del Toro auch, wie frei Hollywood mit Stoffen umgeht und diese nach seiner Norm zurechtmodelt.

Die Genese der Holzfigur mit der Nase, die beim Lügen wächst, wird hier in eine traurig-rührende Familiengeschichte eingebettet. Gepetto, der Holzschnitzer, hat seinen Sohn Carlo verloren. Auf dessen Grab pflanzt er eine Kiefer aus jenem Kieferzapfen, den Carlo ihm gebracht hat. Wie der Baum groß ist, fällt Gepetto diesen, ein harter Akt, und schnitzt daraus die Holzfigur.

Im Holz der Kiefer hat sich die Erzählerfigur Sebastian J. Grille eingenistet, ein vagabundierender Romancier, je nach Ansicht ist er eine Grille oder eine Kakerlake, egal, auf ihn kann auch ein großer Holzhammer fallen, er wird nur etwas dünner dadurch.

Die Geschichte wird in der Zeit des Zweiten Weltkrieges angesiedelt. Ein Bombenabwurf im Sinne des Erleichterung von Ballast trifft Carlo in der Kirche, tötet diesen und beschädigt auch die Christusfigur, die Gepetto gerade installiert hat.

Später, wie Pinocchio beim Zirkus mitreist, um die Schulden seines Vaters zu begleichen, kommt Mussolini vor und will eine Extravorstellung. Den Auftritt benutzt Pinocchio, den Führer lächerlich zu machen. Nicht gut für Pinocchio. Aber er hat hier erstaunlicherweise wie eine Katze mehrere Leben und wenn er stirbt, landet er in einer Gruft, hollywoollike selbstverständlich, und kann, wenn die Sanduhr abgelaufen ist, wieder zurückkehren ins Leben.

Eine schräge Figur ist der junge Kerzendocht mit seiner Dochtfrisur, das sagt schon alles über ihn, er ist der Nachwuchs des Faschistenoffiziers Podesta. Und wer Nightmare Alley gesehen hat, der weiß, wie ausladend Guillermo del Toro einen Zirkus zu schildern versteht.

Nelly & Nadine

Große Liebesgeschichte

Im KZ in Ravensbrück haben sie sich kennengelernt. Im KZ haben sie sich lieben gelernt. Ihre Liebe hat sie das KZ überleben lassen. Ihre Liebe hat sie sich wiederfinden lassen nach Kriegsende. Sie hat sie ein gemeinsames Leben in Caracas führen lassen. Ein Leben, das weder nach außen propagiert noch versteckt wurde, eine Liebe so selbstverständlich wie Liebe vielleicht nur sein kann, die keine Beweisdarstellungen nach außen braucht.

Dieser Liebe ist Magnus Gertten auf die Spur gekommen. In einem Filmprojekt hat er versucht, den Gesichtern eines Dokumentarfilmes von Frauen, die aus dem KZ befreit und nach Schweden gebracht worden waren, eine Geschichte zu geben.

Da steht eindrücklich Nadine, chinesischen Ursprungs, eine Diplomatentochter mit einer aufregenden Vorkriegsgeschichte. Sie verkehrte in Paris in dem berühmten Salon von Natalie Barney, war ihre Fahrerin, Angestellte und Geliebte – eine der Trouvaillen in diesem wunderbar sensiblen Film, der sein Zentrum auf einem Bauernhof in Nordfrankreich hat.

Hier lebt die Enkelin Sylvie von Nadine. Sie hatte als Kind Oma in Caracas besucht. Auf dem Dachboden finden sich Schachteln und Filmrollen aus der Hinterlassenschaft der Oma. Diese geht sie mit dem Dokumentarfilmer durch, eröffnet einen Blick auf zwei extreme Frauenschicksale des 20. Jahrhunderts.

Die Oma war eine international tätige Opernsängerin. Aber auch Spionin gegen die Nazis, was sie ins KZ brachte. Genau so überraschend und berührend wie die Liebesgeschichte im Zentrum des Filmes sind die Reaktionen der Enkelin, wie sie das Archivmaterial das erste Mal in die Hände nimmt, wie sie das von den beiden Frauen redigierte und mit Maschine abgetippte KZ-Tagebuch ihrer Oma liest, wie sie die Filme aus Caracas sieht, sie, die sich für ein Leben auf dem Bauernhof gegen das Leben mit einem Philosophen in Paris entschieden hat.

Das Archivmaterial eröffnet ihr Welten, die für sie weit weg sind, wenn überhaupt bisher vorstellbar. Es gibt offenbar so selbstverständliche wie komplexere Lebensweisen. Das ist nur eine zusätzliche Kontrasttiefe in diesen an extremen Kontrasten so reichen Leben, die hier archivarisch und mit wenigen neu befragten Zeugen, evoziert werden.

Zeiten des Umbruchs – Armageddon Time

Segensreiche weiße Eliten

und das trumpsche Gift, wobei dieses symbolisch für die Auswüchse der weißen Eliten steht.

Der Fim spielt in den USA 1980 kurz vor der Wahl von Ronald Reagan zum amerikanischen Präsidenten. Ein Zeitpunkt, zu dem ein atomarer Konflikt der Weltmächte so brandaktuell war wie heute und einen Präsidenten Trump hat es inzwischen auch gegeben.

Hier steht einer von Trumps Vorfahren einem elitären, weißen Bildungsinstitut vor. Die Schüler und Schülerinnen tragen streng Uniform und werden abgeschottet von der Realität New Yorks als Anwärter auf künftige Spitzenjobs in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik ausgebildet.

Wie lastend, bedrückend, beengend, wie eng begrenzt solch weißes Elitedenken ist, zeigt James Gray (Die versunkene Stadat Z, Ad Astra – Zu den Sternen) anhand der Schulbubenfreunschaft zwischen Paul Graff (Banks Repeta) und Johnny Davis (Jaylin Webb).

Auf ihre Art sind beide Außenseiter in der öffentlichen Schule. Das verbindet die beiden, das zieht sie gegenseitig an. Zum Problem wird es werden, weil Johnny Afroamerikaner ist und dazu noch aus einfachen Verhältnissen kommt, auch finanziell nicht allzu begüterten.

Paul ist der jüngste Sproß, er hat noch einen älteren Bruder Ted, einer Einwandererfamilie – der Holocausthintergrund wird höchst diskret angedeutet.

Der Vater leidet darunter, dass er lediglich Klempner ist, was sich später im Hinblick auf den Sohn und im korrupten Sinne als höchst hilfreich erweisen wird. Paul ist ein phantasievoller Mensch, ein Träumer, er möchte Künstler und reich werden. Insofern passt er nicht an die Volksschule und Träume hat auch Johnny, Träume von Raumfahrt.

Weil es Probleme mit Paul an der Schule gibt, er sei zu langsam, entscheiden die Eltern, obwohl die Mutter sogar im Elternbeirat der öffentlichen Schule sitzt, Paul an eine private Schule zu schicken, wie schon seinen älteren Bruder. Bitter dabei, er wird seinen Schulfreund Johnny nicht mehr sehen.

Diese, wie soll man sagen, Rassenwahrheit, hängt wie eine Nebelglocke über den beiden jungen Leben. Es lässt Abhaupläne heiß laufen. Aber wie bei einem Naturgesetz kann nicht gelingen, was nicht gelingen darf, keine Freiheit für den jungen Weißen, er muss sich die Maximen der Trumpschule zu eigen machen und dass dabei kaum mehr Platz für eine außerordentliche Freundschaft, wie derjenigen zu Johnny sein wird, versteht sich von selbst, das ist der Schmerz, den der Film vermittelt und der seinen Titel umso dringlicher erscheinen lässt, als es höchste Zeit für Umbruch ist, für ein Umdenken der Menschen, das das weiße Herrschaftsdenken hinter sich lässt.

Ein Lichtblik ist die Kunst, ein Besuch im Guggenheim-Museum, Bilder von Kandinsky. Vielleicht ist doch nicht alles umsonst, auch wenn gegen Ungerechtigkeit offenbar kein Mittel wächst.

Strange World

Generationen- und fantasiebunt

geht es zu in dieser Disney-Produktion von Don Hall nach dem Drehbuch von Qui Nguyen.

Der alte Jaeger Clade ist noch ein vierschrötiger, wilder Forscher, Typ Haudegen, nicht unbedingt der Rationalität, mehr dem Abenteuer zugeneigt. Im eisig-verschneiten Winter führt er eine Gruppe eskimohaft bekleideter Menschen durchs Gebirge auf der Suche nach Utopia. Die nächste Generation, die mit ihm unterwegs ist, findet mitten im Schnee eine grüne Pflanze. Der Spatz in der Hand ist dieser Generation wichtiger als die Taube auf dem Dach. Sie lässt den alten Forscher ziehen und bleibt bei der wundersamen Pflanze.

Der Film macht jetzt einen Generationensprung. Der junge Searcher Clyde ist sesshaft geworden, Farmer, lebt in einem gesegneten grünen Tal; die Frucht von Arbeit und grüner Pflanze. Eine Idylle fast wie in Alcarras real geschildert.

Der Sohn von Searcher und Teen ist in den Jungen Tiaso verliebt.

Bevor die Disney-Fabrik die Wohlfühlgeschichte mit allseitigem Glück abschließen kann, gilt es, die Welt zu retten und dabei den verschollenen Vater zu finden.

Da fährt der Film seinen ganzen Fuhrpark an Fantasiefluggeräten, die eine lange Tradition auch in der Filmgeschichte haben, bis zu Karel Zeman und wohl auch weiter zurückzuverfolgen und in der bildenden Kunst noch viel weiter bis zu Michelangelo. Diese Fluggeräte faszinieren einerseits mit ihrem museal-technischen Design, andererseits, dass sie wie High-Tech-Geräte funktionieren. Ihr Treibstoff sind die grünen Kugeln jener Wunderpflanzen, offenbar ganz ohne CO2-Ausstoß – grüne Energie, wie wir sie uns wünschen.

Diese Flugteile navigieren durch unendliche Fantasiewelten, Unterwasserquallenwelten und -riffe, durch Welten sonderbarer Pflanzen mit Eigenleben und die sich auch mal einem Fluggerät in den Weg stellen.

Nicht genug des Fantasie-Inputs, es gibt nebst den vielfältig belebten Kreaturen wie Quallen noch jene künstlichen Wesen in alarmblau, die wie ein blauer Flupp aussehen und diese Niedlichkeitstöne von sich geben.

Es sieht so aus, als wolle Disney seine Fantasiewelten toppen; vielleicht weil sie spüren, dass durch zuviel des Guten auch ein Konditionierungseffekt beim Zuschauer eintreten kann und ihm alles nur allzu bekannt – und auch glatt, was die Konflikte betrifft – vorkommt. So ein Film schafft es, nicht nur Diversität als selbstverständlich einzubauen, sondern auch das Thema Behinderung lustvoll abzuhandeln – wenn auch nur bei einem Hund, der dreibeinig ist.

Shattered – Gefährliche Affäre

Eiskaltes Püppchen
Wenn die Bäume mal nicht in den Himmel wachsen.

Eine Frau namens Sky (Lilly Krug), möchte einen reichen Mann, Chris Decker (Cameron Moaghan), bis aufs Hemd ausziehen, in dem Sinne, dass sie ihm alles wegnehmen will, sein Leben gar.

Sky hat vermutlich einige Thriller gesehen und kennt die Muster. Und weil die Muster hinlänglich bekannt sind, dürfte es nichts schaden, sie hier auszuplaudern, denn der Film von Luis Prieto nach dem Drehbuch von Daid Loughery ist so ordentlich nach dem Thriller-Schema gemacht, dass beim Schauen die Überraschungen gänzlich ausbleiben; es ist ein Thriller nicht fürs heutige Kino, gewiss aber für den DVD-Markt: hübsches Frauenfleisch, reiches Milieu, Blut, Liebe, Lügen, falsche Identitäten, Messer und andere Kampfgegenstände, moderne Haus- und Banksafetechnik mit Gesichts- und Fingerabdruckerkennung und dann noch der alte Hitchock mit dem Blick durch das Fenster – und Fernrohr, pardon, es ist nicht Hitchcock, es ist John Malkovich als Ronald, der Wohnungsvermieter der Wohnung, von der aus der reiche Chris ganz genau – wenn auch filmtechnisch gesehen über Ecken – beobachtet wird, seine Gewohnheiten, sein Personal.

Die Frau von Chris, der sein Geld mit Erfindungen bezüglich des Internets gemacht und sich mit 50 in seinen mehrkörperigen Bungalow in den Bergen von Montana zurückgezogen hat, seine Frau Jamie (Sasha Luss) will definitiv die Scheidung. Er ist also allein. Das hat Sky herausgefunden, nachdem sie sich an Lisa (Ash Santos) herangemacht hat, weil deren ebenerdige Wohnung ideal schien für die Positionierung des Fernrohrs, das gezielt zwischen Baumwipfeln freie Blickbahnen findet.

Dummerweise vergisst Sky vor ihrem Coup beim Verwischen der Spuren eben dieses Requisit, vielleicht ist sie doch nicht so intelligent wie sie gar nicht aussieht, so dass der clevere Ronald, eben Malkovich, dieses in der Wohnung entedeckt und den Coup checkt und auch sein Stück vom Kuchen abschneiden will mit einem Picasso, der später von einem Säbel durchbohrt wird, auweia, das tut weh, so ein Umgang mit großer Kunst. Die meldet sich dafür ab und an mit bekannten Melodien aus der klassischen Musik, auch hier nichts Neues.

Spätestens beim Abspann macht es Klick, denn eine der Produzentinnen ist Veronika Ferres, die hier augenscheinlich für ihre Tochter, Lilly Krug, ein Demonstrationsvehikel herstellen will und klar, John Malkovich ist ein Anknüpfungspunkt von Veronika Ferres zum internationalen Filmbusiness. Das erklärt vielleicht auch, warum der Thriller wohl nicht primär für die Geschichte des Thrillers oder für Filmpreise gedacht ist, warum er für ein heutiges Kino zu altbacken und zu brav wirkt.

Ketzerische Frage: was, wenn eine Mutter Dinge in ihr Kind hineinprojizierte, die gar nicht da sind, wenn eine Mutter ihr Kind zum Spiegel ihrer selbst machen will?

Servus Papa, See You in Hell

Coming-of-Age in berühmt-berüchtigter Großkommune

Jeanne Tremsal schildert in diesem Film von Christopher Roth, mit dem sie auch das Drehbuch geschrieben hat, ihr Coming of Age in der berühmt-berüchtigten Kommune des Otto Mühl.

Diese ist uns schon begegnet im Meine kleine Familie. Dieser Film war dokumentarisch, während der von Christopher Roth fiktional ist.

Der Familienname Mühl kommt gar nicht vor, es ist immer nur die Rede von König Otto. Dieser wird in abstoßender Manier dargestellt von Clemens Schick, ein terrorisierender Alleinherrscher, der kein Privatleben der Kommunemitglieder zulässt.

In der Kommune herrscht die totale Kontrolle. Sünder müssen in Performances vor der ganzen Gruppe sich darstellen. Die „Struktur“ bestimmt eine straffe Hierarchie und König Otto nimmt sich das Recht der ersten Nacht an heranwachsenden jungen Mädchen.

Die Icherzählerin Jeanne wird dargestellt von Janna McKinnon. Sie verliebt sich in den Franzosen Jean (Leo Altaras), der wie ein griechischer Gott aussieht. Diese Liebe öffnet Jeanne die Augen dafür, wie sich das ursprüngliche Ideal einer herrschaftslosen Gesellschaft der freien Liebe von Otto Mühl pervertiert hat.

Jeanne hatte nach dem zweiten Lebensjahr nie etwas anderes gekannt. Sie wächst getrennt von ihrer Mutter auf. Die Kommune hat Ableger in verschiedenen Städten, Frankfurt, Zürich, Amsterdam. Das Geld wird mit dem Verkauf von Versicherungspolicen verdient. Die besten Verkäufer werden vor versammelter Kommune belobigt.

Christopher Roth schildert dieses Kommunenleben in einer Art extensiven Dokumentarismus, er lässt sich ausgiebig Zeit für die Schilderung der Gruppenversammlungen im Freien vor dem Bauernhof mit der Hühnerschar im Hintergrund. Es fängt an mit einer Art Exorzismus an einer jungen Frau; oft wird Otto besungen; alles wird ständig mit einer Kamera dokumentiert. Zur zeitlichen Einordnung gibt es Newsfootage im Fernsehen; es ist die Zeit der Maueröffnung.

Poppy Field

Rumänischer Sozio-Realismus
oder
von der konfliktbefeuernden Urgewalt von Tabus und Vorurteilen

Schwulität ist trotz aller LGTBQ-Emanzipations- und Befreiungsbewegungen, trotz aller gesetzlicher Reformen bis zur Heirat für alle in vielen Staaten offenbar für viele Menschen nach wie vor etwas Bedrohliches, Unanständiges, Schmutziges, das verboten und bestraft gehört.

Das schält der Film von Eugen Jebeleanu nach dem Drehbuch von Ioana Moraru minutiös heraus am Blick in einen Tag im Leben des Bukarester Polizisten Cristi (Conrad Mericoffer). Er ist schwul, macht mindestens solche Erfahrungen. Behält die aber für sich. Denn auch bei der Polizei, also der Jandarmaria, bei der er arbeitet, dominiert das Vorurteil gegenüber Schwulen und Leseben, Tunten oder wie immer sie verächtlich genannt werden; Mitleid mit ihnen?

Fehlanzeige. Das wird Cristi im Laufe des Tages in enorme Konflikte stürzen, die er alles andere als cool bewältigt. Er bekommt Besuch von seinem französischen Freund Hadi (Radouan Leflahi). Der legt auf dem Weg von Paris nach Hamburg einen Zwischenstopp in Rumänien ein, möchte ein sexy Wochenende mit Cristi verbringen. Er ist sex- und liebshungrig.

Cristi verhält sich zögerlich; da platzt auch noch seine Schwester (Cendana Trifan) ins Tête-à-Tête der beiden hinein; sie blickt durch beim Bruder mit seinen häufig wechselnden Freundinnen und seiner aktuellen Schwulen-Phase.

Aber Cristi muss zum Dienst. Der Job bringt ihn vollends in die Bredouille; da erspart ihm das Drehbuch rein gar nichts; in der Polizei gilt er als unverdächtiger Hetero; die Kollegen wundern sich nur, wie oft er die Freundin wechselt.

Es gibt einen Einsatz in einem Kino, in dem ein Lesbenfilm gezeigt wurde. Antischwulen-Aktivisten haben die Vorstellung unterbrochen, die Bühne gestürmt mit ihren Parolen. Nicht genug der Probleme für Christi. Ein junger Mann, mit dem er ganz offensichtlich eine Beziehung unterhalten hat, ist im Publikum, spricht ihn an. Cristi verleugnet die Geschichte, tendiert zu unüberlegten Abwehrhandlungen.

Dabei kommt noch ein anderes Tabu zum Tragen: dass die Polizei nie Fehler begeht, nie Gewalt anwendet, wo nicht nötig und dass die Kollegen sich decken.

Der Film verfolgt die Konflitklinien minutiös, mit langen Reality-Einstellungen in der Masse und heftigen Diskussionen und später mit differenzierten Einzelgesprächen zwischen Cristi und seinen Kollegen, die seinen Konflikt allerdings in keiner Weise beruhigen oder gar lösen können.