Archiv der Kategorie: Review

Vogelfrei. Ein Leben als fliegende Nomaden

Es mit 50 nochmal wissen wollen.

Andreas Zmuda hat schon 20 Jahre lang in der Karibik gelebt; seine Flugerfahrung beschränkt sich auf ein fliegendes Schlauchboot. Wie er Doreen Kröber kennenlernt, entwickelt sich die Ideen einer Weltumfliegung in einem Leichtflugzeug für zwei Personen, einem Flugzeug ohne Kabine. Das dürfte für den Film zum unique selling Point werden. 

Und ein ebensolcher im Genre der Reise- und Abenteuerfilme dürfte sein, dass Zmuda zum Zeitpunkt der Reiseidee bereits 50 ist und bereit, mit seiner Partnerin, alles hinter sich zu lassen, das selbst zusammengebaute Flugzeug nach Amerika zu verschiffen und in Florida die mehrjährige Flugreise zu beginnen; es ist 2012. 

Der Film umfasst die Reise von Florida quer über die Staaten in Richtung Pazifik und dann in etwa die Konturen von Lateinamerika abfliegend, Panama bis Patagonien und auf der Atlantikseite teils ellenlang über den Amazonas in Richtung Karibik. 

Allein in der Karibik halten sie sich über anderthalb Jahre lang auf, nicht nur freiwillig; die Bürokratie, das Wetter, aber auch die Lebensfreude tun ihr übriges. Hier gibt es Aufnahmen des größten Faschings lateinamerikanischer Prägung. 

Der Flug selber ist aus verschiedenen Perspektiven gefilmt, eine im Gestänge oder am Apparatenteil angebrachte GoPro, selbst geführte Kamera; es gibt aber auch Aufnahmen von Außenstehenden, wenn sie etwa supergewagt auf einem kleinen Küstenstreifen starten, der abends zuvor noch von der Flut zugedeckt war. 

Zu sehen sind nicht nur faszinierende „von oben“-Aufnahmen, jede Menge Start- und Landebahnen, große internationale bis halb schon versandete Pisten, originelle Abfertigungshallen, Papierkrieg noch und nöcher, wobei die beiden Filmemacher und Abenteurer uns da zwar einen Einblick geben, uns aber vor der Mühsal desselben verschonen. 

Es fallen touristische Augenblicke ab, Mumien in Kältewüste, ein Bananen-Marathon, Voodoo-Ritual, Fasching, Kunstgewerbe, Edelsteinminen, Goldwäsche am Fluss, Umrundung von Zuckerhut und Jesusstatue in Rio oder der Freiheitssstatue in New York. Die Kommentare der beiden sind frisch und herzlich. 

Der längste Flug ist atemberaubend, 500 Kilometer über den Amazonas. Das Problem bei der Fliegerei ist, dass sie nie in Wolken geraten dürfen, weil sie dann die Orientierung sofort verlieren. Und wenn das Benzin allmählich zu Ende geht und immer noch kein Loch in der Wolkendecke sichtbar ist, dann wird*s brenzlig. 

Es ist ein Abheb-Kino im Sinne eines angenehmen Eskapismus, besonders wenn man ein Jahr Corona hinter sich hat. Es paaren sich bei Zmuda in ungewohnter Weise deutscher Perfektionismus (wenn nicht jedes Schräubchen kontrolliert ist…) einerseits und unbändiger Abenteurgeist andererseits, ein kaum zu stillender Lebens- und Erlebnishunger. 

Stowaway

Artisten in der Weltallkuppel

Dieser Film von Joe Penna, der mit Ryan Morrison auch das Drehbuch geschrieben hat, könnte sehr wohl von Gravity inspiriert sein; Menschen allein in den Weiten des Weltraumes; hier sind es zwei Männer und zwei Frauen im Weltraum, auf einer Station, die den Mars umkreist. 

Hautnah lässt Joe Penna die Anfahrt von Commander Marina Barnett (Toni Collette), Zoe Levenson (Anna Kendrick) und David Kim (Daniel Dae Kim) Anfahrt und Andockmanöver erleben. Er zeichnet Menschen mit Gefühlen, es holpert und ruckelt, kein gutes Omen für den auf zwei Jahre geplanten Aufenthalt, bei denen David biologische Experimente machen will. 

Momentweise sieht es aus, als ob die drei Menschen in einer Waschmaschine durchgeschüttelt werden. Wie sie schließlich landen, erinnert das daran, wenn Passagiere einen Flug heil überstanden haben. Glück und Erleichterung stellen sich ein. 

Auch die nächsten Schritte sind prima auf irdisches Alltagsleben übertragbar, wie eine Gruppe Menschen die einige Tage oder ein Wochenende auf einer Hütte verbringen will, werden erst die Räume inspiziert und bezogen. 

Ein Frühstücksszene erinnert gar an die Gemütlichkeit und Behaglichkeit in einem engen Campingwagen. Dazu passt kurz darauf ein Talk über Jazz zwischen David und Michael während der Arbeiten an den Bioexperimenten. In diesem Zusammenhang wird die Frage virulent, ob die Arbeit eines ganzen Forscherlebens allenfalls sich in nichts auflösen würde.

Es passiert eine Überraschung, die von den Partizipanten nicht so überrascht aufgenommen wird; sie finden eine blinden Passagier in der ansonsten unbewohnten Station. Das ist merkwürdig. Es ist Michael Adams (Shamier Anderson), der lieber zurück will. 

Die Mission läuft nicht wie geplant, auch wenn der blaue Planet ständig am Fenster vorbeikreist. Ein kritischer Schaden, der nicht ohne weiteres zu beheben ist, wird die Frage nach der Triage stellen. Der Sauerstoff reicht nur noch für 3, David hat einen Lösungsvorschlag. Es wird sich zeigen, ob alle sich damit zufrieden geben. Oder gibt es noch eine Möglichkeit, das Thema zu umgehen? 

Dieser Versuch wird der artistische, der kitzlige Teil des Filmes, der, bei dem nur der Trommelwirbel im Zirkuszelt fehlt, wenn der Artist hoch oben in der Kuppel auf einem dünnen Seil tanzt und allenfalls abzustürzen droht. Und rundum das Weltall. 

Der Musikscore ist anspruchsvoll beschäftigt; als aktiver Mitstreiter stellt er raffiniert auf der Tonspur das die Akteure umrundende Weltall her mit seinen Abgründen, Ungewisenheiten, Unendlichkeiten und Gefährlichkeiten. 

Die Beziehungen unter den Menschen interessieren Joe Penna nicht am dringlichsten, ihn fasziniert mehr die Idee der heiklen Aufgabe im weiten Weltall an langen Stangen an Ziele zu gelangen und schwierige Probleme zu lösen. 

Nicht Dein Mädchen – Un confine incerto

Richi 

nennt sich im pädophilen Internet-Blog Barbie-Cue und lässt in Filmen sein „Spätzchen“ spielen, ein nymphenhaftes 5-jähriges Mädchen.

Richi (Moise Curia) ist in seinem Wohnwagen unterwegs, handelt mit Blumensamen. Richi ist ein sinnlicher, lebens- und sicher auch liebeshungriger junger Mann, der an dem Mädchen seinen Narren gefressen hat wie andere an einem Hund oder an einem Spielzeug. Richie hat auch etwas Clowneskes; das wird durch seine oft bunt gefleckten Klamotten angedeutet. Es gibt Szenen, wie er mit dem Mädchen wild und überschwenglich tanzt oder wie sie Spaß im Pool haben. 

Es entsteht nicht der Eindruck, dass das Mädchen besonders leide; eine Eigenschaft: es spricht Ladinisch und Deutsch.

Der Film spielt teils in Südtirol und gibt von seinen Landschaftsbildern her eine prächtige Werbung für diesen deutschsprachigen Zipfel Italiens ab, der besonders aktiv sich der Filmindustrie als Drehort anbietet. 

Die Reise im Campingwagen von Südtirol in den Schwarzwald und dann durch Rumänien ist der Road-Movie-Teil des Filmes. Immer wieder parken Richi und sein Spätzchen an verlassenen Ecken, sie spielt für ihn; er filmt; sie scheint es gern zu tun; diese traurigen Blicke in die Kamera oder er lässt sie verführerisch posieren. 

Was Richi nicht weiß, dass einer seiner Fans von der Kriminalpolizei in Rom ist, ein fingierter Chatpartner, der immer neue Filme verlangt. Richi flippt aus, wenn die Filme gefallen und ihm neue Geschenke versprochen werden.

Richi scheint Geldprobleme zu haben und lässt sich darauf ihn, sein „Spätzchen“ in Rumänien zu verleihen, für, was angedeutet wird, üblere Filme, in denen auch Drogen eine Rolle spielen, andere Kinder in erbärmlichem Zustand sind. 

Isabella Dandri, die mit Guiseppe M. Gaudina auch das Drehbuch geschrieben hat, behandelt dieses delikate und schwierige Thema, indem sie sowohl Täter als auch Opfer und der Justiz eine filmisch-epische Gleichbehandlung zukommen lässt; die erlaubt, einen differenzierten Blick auf alle Beteiligten zu werfen und zu sehen, dass es nie nur Schwarz und Weiß gibt, dass solche Dinge überall vorkommen können und dass sie immer einen Grund haben; dass es sich nie um rein willkürliche, böse Akte handelt – dabei behält sie stets das Thriller-Element ihrer Story im Auge, so dass die Geschichte nicht ganz so steinig und bedrohlich wird, wie die ersten Bilder einer langen Fahrt durch eine felsige Schlucht erwarten lassen könnten. 

Der italienische Titel lautet „Un Confine incerto“, was bedeutet, eine unsichere Grenze. Isabella Sandri wandelt traumhaft sicher in diesem dünnen Grenzbereich. Wobei der deutsche Titel wiederum die ganze Tragweite und das ganze Risiko der Geschichte nicht mal im Ansatz andeuten kann. 

Die Regisseurin mustert die Gesichter immer wieder, in jedem könnte mehr als nur eine Aussage zu dem Thema stecken. 

Five Senses of Eros (DVD, VoD)

Liebesfilme

Neulich meinte eine Kollegin, es gebe keine Liebesfilme mehr; dabei geht’s im Kino immer und immer wieder um die Liebe. Vielleicht meinte die Kollegin nur einen beschränkten Ausschnitt aus dem Segment der Liebesfilme. Wobei die Spanne der Behandlung des Themas breit und differenziert ist und Sex viel öfter und inzwischen viel direkter gezeigt wird, vielleicht als Gegenbewegung zu einer sich andererseits ausbreitenden Prüderie, wenn im deutschen Kino ein Mann und eine Frau in Unterhose, Slip und BH im Bett liegen. 

Nicht so in Korea in diesem Episodenfilm von 2009 von mehreren exzellenten Regisseuren, die ein Spektrum von Varianten von Liebesannäherungen, Liebesbegegnungen, Liebeshemmungen, Liebesverlust auch Liebesakten anregend und mit einem ansehnlichen Ensemble untersuchen.

Das ewige Spiel mit der Liebe in verschiedenen Episoden durchdekliniert. Das Zögern, das Träumen, die richtige Wahl, das Nicht-Genießen-Können in der Gegenwart, erst nach dem Tod, die Kunst und die Liebe in der darstellenden Kunst, Film und Pornographie und liebenswerte satirische Einblicke in einen Pronodreh mit über 170 Klappen für einen Schrei, die Schule und die Liebe, die Schülerin und der Lehrer, Liebe und Rache, wer ist der richtige, wie jemanden ansprechen, bin ich noch attraktiv für meinen Partner, Diskrepanz zwischen Ausdenken und Realität, Überschreiten der Schwelle von der Vorstellung zum Ansprechen oder zur Berührung , was heißt „ich liebe dich“?. Was ist Liebe, was ist der Liebesakt? Kunst?

Schade, dass solche Filme hier nicht ins Kino kommen; aber jetzt immerhin ab sofort auf DVD und im Stream.

Im einen Film geht es ums Anbandeln auf Koreanisch. Immer im dümmsten Moment, im Stau. Erotik ist zuerst eine geistige Angelegenheit. Der Film infiltriert sich in die mentalen Erotikhirnganglien seiner Protagonisten, ein Mann, eine Frau. Sie lernen sich bei einer Zugfahrt kennen. Er hat Hemmungen ist ungeschickt. Aber mit einer Kuratorin kann die Liebe mit einem Fremden zum Kunstwerk und zum überraschenden Ereignis werden.

Wie mache ich mich begehrenswert für meinen Mann, fragt die Frau in einem anderen der Kurzfilme. Ist sie wirklich erst als Abwesende, gar als Tote attraktiv? Sie versteckt sich im Schrank, wenn er nach Hause kommt, um ihre Begehrtheit zu erhöhen. Sie fragt ihn, wie er sie für sexy hält. Sie ist enttäuscht, wenn er die Suche nach ihr aufgibt, wenn er keinen Sex haben will, weil der Doktor es doch verboten habe. Sie fährt für vier Tag ins Spital. Die Rätsel der Liebe, Lügen, Diskrepanz zwischen dem, was mann haben kann und dem, was nicht. Liebe und Tod. Geruchserinnerung. Schmerz, Sehnsucht nach dem Vergangenen, was nicht mehr da ist. Ist die Liebe auf Dauer festzuzurren oder ist sie nicht viel mehr vergänglich, nur momentan?

Liebe und Horror in einem weiteren Film. Ein weiblicher Pornostar mit Allüren beim Dreh. Die junge Nachwuchsdarstellerin wirkt nicht begabt. Der Regisseur verklemmt. Merkwürdige Figur. Hier wird kalt gekocht, was heiß konsumiert werden soll. Sex verbunden mit trashigen Horror-und Angstvorstellungen in Verbindung mit ästhetisch schönem Sex. Der Film selbst wiederum als Mittel zur mentalen Stimulierung. 

Liebe auch als Film im Film als Vorstellung, als Imagination mit Zutaten wie bleichen Gesichtern und Klappen, Blitz und Donner, weicher Ohrfeige, Geschrei, ungeplantes Gelächter, Leichen, die sich bewegen und wieder Liebe und Tod; ein amüsant selbstironischer Seitenblick auf das Thema. Und dann noch das Verhältnis der Diva zur Nachwuchsdarstellerin; fesselnd.

In einem weiteren Film wird der Anfang zum Ende und das Ende zum Anfang einer Ménage á Trois, wovon die zwei weiblichen Teile am Ufer sitzend mit der Asche vom dritten Teil, dem Mann, beschäftigt sind. Liebe ist Trial and Decision (statt: Error), fast wie richtig nach Karl Popper. 

Hilfe, ich habe meine Freunde geschrumpft

Vom Großwerden.

Dass sich Größenverhältnisse beim Heranwachsen ändern, ist sicher ein Grundthema, inwiefern die Schrumpf-Filme, dieses ist der dritte, sicher einen Punkt der frühen Teenie-Jugend treffen. Wenn ich einmal groß bin. 

Umso schlimmer, wenn es umgekehrt läuft, wie hier im Film von Granz Henman nach dem Drehbuch von Gerrit Hermans. In den Vorfilmen waren es zuerst ein Lehrer, dann die Eltern, jetzt trifft es die Jugendclique selber. Eine Clique, die doch gerade dabei ist, die Erwachsenengröße zu erreichen. Emrah Ertem hat einen wundervollen Cast an Jungschauspielern zusammengestellt um Felix (Oskar Keymer) herum, die genau das präsentieren, dieses groß geworden sein, aber noch voller Hoffnungen, dieses jugendliche Selbstbewusstsein, endlich auf einer Ebene mit den Erwachsenen zu sein, aber ihnen doch haushoch überlegen sich fühlen. 

Auch der Erwachsenen-Cast lässt sich nicht lumpen. Axel Stein als Vater von Felix, als ob er der Jugend zeigen möchte, was wahrer Optimismus und Lebensfreude sind und der in letzter Sekunde mit auf die Klassenfahrt geht als Stütze von der wundervollen Anja Kling als Frau Dr. Schmitt-Gössenwein. 

Die Fahrt geht an den Geburtsort des Patrons der Schule, Otto Walkes als Otto Leonhard, vornehmlich im Büstenmodus. Hausmeister Michalsky (Johannes Zeiler), der gerad auch noch etwas liebesanfällig in Bezug auf die Schulleiterin ist, soll die Schule hüten. Aber die als Hulda Stechbarth herzlich knallchargierende Andrea Sawatzki möchte vom Rollstuhl aus endlich den Schulleiter beerben. 

Der Konflikt führt zur folgenreichen Zauberei, die ihm Leonhard beigebracht hat, mittels welcher Felix seine Clique klein macht. Die fällt in die Hände von Stechbarth. Es bedarf mehrer Glücks- und Einfälle, um die Sache endlich wieder ins Lot und in die richtigen Größenverhältnisse zurückzubringen. 

Jetzt im Nachhein fällt mir auf, dass dieses Element, dass das Kleinwerden für eben groß gewordenen doch eine andere Tragik halt als diejenige von längst Großen vor den Augen der Kleinen, wenn sie klein werden, hier nicht weiter berücksichtigt worden ist. Das Vergnügen des Zielpublikums dürfte das wohl kaum mindern. Der Film hat eine Eigenschaft, die im deutschen Kino dünn gesät ist: Charme. 

Atomkraft for ever

Doppelt so teuer wie die Deutsche Einheit,

kleiner Seitenhieb eines französischen Atomwissenschaftlers bei einer Konferenz junger französischer Atomingenieure, der Ausstieg aus der Atomkraft komme Deutschland doppelt so teuer zu stehen wie die deutsche Einheit. Das sind Größenordnungen. 

Oder: selbst wenn es die Menschheit in einer Million Jahre noch geben sollte, wird sie mit den Abfällen der Reaktorindustrie befasst sein. 

In einem kinematographisch faszinierenden, überlegten Tour d‘ Horizon betrachtet Carsten Rau verschiedene Positionen im Zusammenhang mit der Kernenergie – ohne auch nur ansatzweise in diesen typischen TV-Asthmatizismus zu verfallen oder in die elendigliche TV-Verzopferei von Storysträngen . 

Rau fängt an mit einem Einblick in den Rückbau des Kernkraftwerkes Greifswald, das noch in der DDR gebaut wurde: ein Jahrzehnteprojekt. Aus dem Archiv preist ein entzückender DDR-Propagandafilm die moderne Errungenschaft. 

Die BRD ließ sich auch nicht lumpen; hier preist Caroline Reiber den Bau des Kernkraftwerkes Grundremmingen als fortschrittlich und modern. Auch dieses ist dabei, abgestellt zu werden. Hier kommen der Bürgermeister und Nachbarn zu Wort. Wie sie sich an die zwei dampfenden Kühltürme gewöhnt haben, wie sie sich nie unsicher gefühlt hätten, wie es die Gemeinde zum Prosperieren gebracht habe und wie sie jetzt wehmütig auf den einen Kühlturm schauen, der bereits nicht mehr dampft. 

Enthusiasmiert schildert in Frankreich ein junger Atomingenieur den Mechanismus der Kettenreaktion, wie dadurch aus einem Minimum an Ursprungsmaterial ein Maximum an Energie gewonnen werden kann. Es scheint diese Faszination den Menschen nicht loszulassen, ohngeachtet der Gefahren.

Kleiner Exkurs zum Menschen und seinem Wissen um Gefahren, nicht im Film: Man kennt es von fruchtbaren Vulkanböden: die Menschen bauen Siedlungen auf diesem Boden, obwohl sie wissen, dass der Vulkan eines Tages wieder ausbrechen kann. Und so scheint es mit den Kernkraftwerken zu sein. 

Rau lässt sich an den einzelnen Positionen genügend Zeit, damit man sich ein Bild machen kann: vom Rückbau, der auf Jahrzehnte angelegt ist, von einem Forschungszentrum, das abgebrannte Stäbe analysiert, von Besichtigunstouren in Greifswald, vom Thema Endlagerung und in dem Zusammenhang Gorleben als Zwischenlager oder in der Zentrale der Netzführung Amprion, aber es gibt auch einen Seitenblick auf ein Kohlekraftwerk, das für den Notfall fit bleiben muss. 

Die Wahl der Protagonisten ist kinofreundlich. Zwischendrin gibt es kurze Infotexte, einerseits zum allgemeinen Energiebedarf, zur Anzahl von Kraftwerken, zur Zeit, die es dauert, bis die Abfälle wirklich keine Gefahr mehr sind, auch das Thema, dass Deutschland durch den schnellen Atomausstieg kopflos in die Energiezukunft zu stolpern scheint, bis jetzt mit mehr Glück als Verstand. 

Wünschen wir dem Film, dass die Kinos wieder offen sind zu seinem geplanten Start, er verdient es, im Kino gezeigt zu werden – garantiert keine hingepfuschte Fernsehware. Und in Greifswald geben gemütliche Pater Noster den Rückbaurhyhtmus vor. 

Tatort: Wo ist Mike? (ARD, Sonntag, 16. Mai 2021, 20.15 Uhr)

Hafenstadt Nürnberg.

Ein interessanter Aspekt, Nürnberg als Hafenstadt zu zeigen, denkt man, ach so, aber dann ist es gar nicht Nürnberg, es ist Amsterdam. Es hat wenig Plausibilität, dass der junge Mann, der anscheinend auf der Flucht ist, spontan auf der Flucht, ohne jedes Reisegepäck, so mir nichts dir nichts grade noch – bildlich schlecht erzählt – auf einen, irgendeinen, Bus aufspringt und dann schon vom Airport NURN abhebt. So viel hat man aus den wenig verständlichen Dialogen bisher, noch eine junge Frau und ein Kind, verstanden, dass er wohl gesucht werde. Also auch bemerkenswerte Sprechermängel beim Cast. 

Es ist das Elend beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der zu Lasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird (die Reichen halten sich, relativ gesehen, so gut wie raus aus der Finanzierung des 9-Milliarden-Topfes), dass es kaum Wettbewerb gibt, wenn Projekte, Filme, Tatorte gemacht werden. Die Vergabe von generell gut dotierten Posten wie Drehbuch, Regie, Casting, Darsteller ist eine einzige Gunstbezeugung durch die Zwangsgebührentreuhänder, hier durch Stephanie Heckner in letzter Instanz, wenn ich die Hierarchie richtig verstehe. Die hat gerade neulich im Zusammenhang mit dem Doppeltatort mit einem anderen Sender zugegeben, dass wenn jemand einen ihrer Meinung nach schönen Tatort macht, dieser oder diese wieder einen drehen „darf“ (Über 30 Jahre Batic und Leitmayr). 

Das ist übel, übel. Und auch dieser Tatort von Andreas Kleinert nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich ist ein Beweis für die Untauglichkeit dieses an Patronage erinnernden Systems. Andreas Kleinert wurde anfangs als Filmemacher gehypt. Heute beweist er mit diesem Frankentatort, wie das Fernsehen Talente in den Keller befördert und ihnen unterstellen lässt, sie würden vielleicht lieber Zombie-Filme machen, statt sich ernsthaft mit den Menschen zu beschäftigen, ein Abbild unserer Lebenswelt zu schaffen. Das funktioniert schon vom Cast her nicht (wenn wenigstens Chemie wäre zwischen dem jungen Liebespaar!). Noch weniger vom wie mit dem Brecheisen gegen jede Lebenserfahrung zurechtgebogenen Drehbuch und einer konfusen Erzählweise, in der schon kurz vor Halbzeit das bisschen Spannung in sich zusammensackt, wie die Titelfrage beantwortet ist. 

Die am liebsten hämmernd musikalische Untermalung auf der Tonspur verstärkt den Konfuseinddruck. 

Nach der Hafenstadt Nürnberg als Amsterdam hupft der Film ins Privateste der Kommissarin (Dagmar Manzel), die ist wirklich hübsch im Gesicht, besonders von nah und wenn sie die Bettdecke umgehängt schulterfrei ein Treppenhaus runter schreitet, das ist große Operndiva aber dann wird es laientheaterhaft, dialogisch wie inszenatorisch (bezahlt werden wollen sie aber alle als Profis!): sie sitzt an einem Tisch und ein Mann kommt dazu und sagt nach der Begrüßung. „Leider habe ich gestern Abend versäumt, Sie nach Ihren Frühstücksgewohnheiten zu fragen, deshalb habe ich mir erlaubt, quasi vorsorglich dreierlei Eier zu machen, Rührei, Spiegel und Ei im Glas“ (immerhin kann man diese Sätze zitieren, da sie wenigstens verständlich gesprochen sind). Sie: „Ich will alles“. Er: „Oh“. (Gedanke im Kopf des Zuschauers: so eine draufgängerische Kommissarin; öffentlich-rechtlicher Infantilhumor). Dann will sie dem Herren das Du anbieten in der verknorzten Szene. Ja gerne, meint er und kniet – in welcher beschissenen Filmwelt befinden wir uns hier eigentlich? – kniet ritterhaft vor ihr nieder. Paula, sagt sie, ich bin Rolf, meint er, und sie geben sich die Hand – sorry, solch überkommene Geschlechterrollenbilder (es fehlt jeglicher Hinweis darauf, dass sie ironisch gemeint seien) würden nicht mal bei einem Bewerbungsfilm für eine Filmhochschule angenommen. 

Es folgen Handkuss und Schmusekuss. Dann löst sie sich, fängt wieder an zu essen und fragt, sag mal, was ist eigentlich mit – den Raben los, die krächzen die ganze Nacht. Ah, die Raben, die stehen unter einem besonderen Schutz, meint der knieende Gentleman, während sie ihr Eierdreierlei-Frühstück unterbricht, so was von schülerhaft erfunden alles, und die Raben hätten keinerlei natürlichen Feinde, fährt er fort, das wissen die (Essen im Film, das können die Asiaten, aber doch nicht die Deutschen). Die beiden Akteure lächeln einvernehmlich. Er fährt, nicht mehr so gut verständlich, fort, und feiern, ha ha, geht in beidseitigem Gekichere unter. Jetzt wendet sich die Kommissarin wieder den Dreierlei-Eierspeisen zu, während er unverändert meint, er habe sich daran gewöhnt. Sie schnappt sich ein Gäbelchen und er fügt hinzu: und heute Nacht habe ich sowieso nur Deinem Atem gelauscht. Sie unterbricht wieder das Eieressen und fragt ihm zugewandt, hab ich geschnarcht? Er macht ein paar hohe Piepstöne, die kurz in ein Schnarchen und dann wieder in Gelächter übergehen, das mit einem Routinekuss abgebrochen wird. – 

Schnitt nach Amsterdam. Das muss man sich mal vorstellen, da knapsen sich Menschen in bescheidenen Verhältnissen alle drei Monate über 50 Euro für die Zwangsgebühr ab und dann erhalten sie solch ungenießbaren Mampf serviert und noch dazu ohne Ahnung vom Menschen. 

Wobei der Anschluss zur Vorszene, was die Kleidung von Paula betrifft, nicht stimmen kann, jetzt trägt sie ein Oberteil, vorher nicht, sie war schulterfrei unter der umgehängten Bettdecke. Also auch handwerklich unsauber. 

In Amsterdam folgt daraufhin die bei deutschen Filmhochschülern übliche und unentbehrliche Discoszene, so fantasielos wie alle anderen auch und vom Storytelling her ohne Belang. 

Nach fast zehn Minuten erzählerischen Leerlaufs wird endlich in Bamberch ein Kind vermisst. Bis dahin dürften schon viele Zuschauer weggezappt haben oder eingedöst sein. 

Nun will der Film mit einem extravagant-futuristischen Einfamilienhausklotz punkten und das Videogamethema kommt zum Einsatz. Entsprechend zombiehaft und entfremdet agieren die Menschen darin (dicker moralischer Zeigefinger, so sind diese Menschen heute!) – und ist doch nur schlechtes Schreitheater und dabei noch fett das Impfthema aufs Auge gedrückt (und damit noch einen Punkt bei der Redakteurin geholt). Noch kurioser, dass der Herr Fischer (Andreas Leopold Schadt), der hier wie ein Marsmensch lebt, einer der wenigen mit einem fränkischen Farbtupfer ist – gerade so ein Kuriosum müsste in einem Drehbuch das mehr als nur gaghaft sein will, erklärt werden, denn wenn das nicht begründet wird, wenn also offenbar nach der Devise gehandelt wird, beliebig, also gedankenlos, auf die eine oder andere Figur im Polizeiruf aus Nürnberg einen fränkischen Farbtupfer zu verstreuen, so lässt das in diesem Falle explizit die Interpretation zu (nach dem Pars-pro-toto-Denken), dass der BR die Meinung vertritt, Franken seien exzentrische Spinner – eine doch einigermaßen befremdliche Idiom-Politik eines Senders, dessen DNA selbst einen beachtlichen fränkischen Anteil enthält. 

Inzwischen, nach doch schon 20 Minuten, erfahren wir, wie der Junge heißt, der nach Amsterdam geflogen und inzwischen nackt auf einem Platz in Nürnberg von der Polizei (statt Sanität; die hätte extra gekostet) erstversorgt worden ist: Titus (Simon Frühwirth). 

Und gleich erfahren wir noch einen Namen, den des Lovers der Kommissarin, der heißt Glawogger (Sylvester Groth) und taucht in einer Polizeikartei auf, weil Schüler ihm sexuall inadäquates Verhalten vorgeworfen haben (Anlass für eine kleine Diskussion darüber; vermeintlicher Aufklärungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen) . Dabei setzt lustigerweise der Kokomissar (Fabian Hinrichs) in diesem Film andauernd eine Kindsmördermiene auf; als ob er dem Zuschauer das Filmthema kommunizieren wolle. Schwaches Drehbuch kann man nur sagen, schwaches Drehbuch. 

Es werden weitere Themen in das Konglomerat reingeimpft: psychotische Störung, verrückte Mutter, Psychodoktor, Horrorkeller, Gewalt in der Ehe, Klappschrank, Angst vorm Vater, Vaterlosigkeit, Vaterersatz, Belästigungslüge: effiziente Selbstmordmethode mit Drahtseil und Auto (man darf gespannt sein, ob die bald schon Nachahmer findet). 

Die Dirigentin (DVD)

Man wird doch wohl noch träumen dürfen,

dass es doch eine Gerechtigkeit gibt auf der Welt, dass Vorurteile überwindbar sind, dass als Bastard geboren zu sein, nicht Hoffnungslosigkeit bedeutet, dass eine ungewöhnliche Künstlerbegabung eine Chance hat, auch wenn sie sich diese hart erkämpfen muss, dass eine hochtalentierte Frau auch Dirigentin werden kann. 

Heute gibt es Dirigentinnen (am 15 Juni wird eine Frau bei BR Klassik Monte Verdi dirigieren). Der Film von Maria Peters spielt in der Zeit der großen Wirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts in den spätern 20er und frühen 30er Jahren. 

Das Märchen dieser Geschichte wird nur noch märchenhafter dadurch, dass es „nach einer wahren Geschichte“ erzählt ist, nach der Geschichte von Antonia Brico (Christianne de Bruijn), einem adoptierten Kind, das in New York in einfachen Verhältnissen aufwächst und das mit 5 Jahren zum ersten Mal eine Orgel hört und sofort fasziniert ist, dass sie die Musik seither nicht mehr losgelassen hat, ja dass sie zu ungewöhnlichen, geradezu dreisten Mitteln greift, um der Musik nahe zu kommen. 

Die Spannweite zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen hartem Kampf und Rührpotential gibt Peters gleich in den ersten Szenen vor. Antonia, die hier noch Willy heißt, arbeitet als Platzanweiserin in einem Konzertsaal, der bei uns mindestens zu einem Staatstheater gehören würde. Hier verkehrt die feine Gesellschaft von New York. 

Die Platzanweiserinnen dürfen allerdings den Vorstellungen und den Konzerten nicht beiwohnen. Antonia ist kaum aus dem Saal zu kriegen, so hängen ihre Augen am Dirigentenpult. Gleich schon findet deshalb in der Herrentoilette die Begegnung mit einer wichtigen Figur im Film, mit Frank Thomsen (Benjamin Wainwright), statt. Denn hier übt Antonia das Dirigieren. 

Frank tritt in den Raum, sie lässt den Dirigentenstab fallen, übt sich in Ausreden. Auch hier ist klar, dass daraus eine Geschichte wird, eine Liebesgeschichte, allerdings mit allen den Hindernissen, die sowohl der Klassenunterschied als auch das Thema der Vereinbarkeit von Dirigentinnenkarriere und Ehe mit sich bringen. 

Wie sorgfältig kalkuliert der Film ist, zeigen zwei Details. Der auf der Herrentoilette fallen gelassene Dirigentstab wird später im Film zu einer Echoszene führen. Genauso verhält es sich mit der Info, dass Antonias Adoptivvater Straßenkehrer sei, diese dient nicht nur dazu, zu begründen, warum sie in ihrer einfachen Wohnung ein Klavier hat, auf welchem sie üben kann (der Tonraum ist wegen der Nachbarn mit Lappen ausgefüttert), sondern wird auch spät im Film noch ein kleines signifikantes Echo haben. 

Die eingangs erwähnten Ziele des Filmes werden durch eine zielstrebige Erzählökonomie erreicht. Peters lässt sich genügend Zeit für die Exposition von Figuren und Konflikten, für unnötige Details wird keine Zeit verschwendet und wenn dramatische Entwicklungen in Gang gekommen und absehbar sind, dann reicht es oft, Zwischenstationen mit kaum mehr als Flasheindrücken anzuskizzieren, schnell vorbeiziehen zu lassen, so gleichzeitig dem Märchen und der Publikumsaufmerksamkeit dienend, was umso leichter fällt, als ein exzellent ausgewählter und regielich prima betreuter Cast die Geschichte vor unseren Augen ablaufen lässt. So wird ganz leicht auch eine Me-Too-Episode eingebaut. Auch auf erheiternde Momente wird nicht verzichtet, wie die problematische Diskussion mit einer Nonne zeigt, die sich in einer Schweigephase befindet.

Gleiche Chancen scheint es also zu geben, allerdings gibt eine Info im Abspann zu bedenken, dass Kritikerlisten mit den besten 20 oder 50 Dirigenten aller Zeiten nicht eine Frau enthalten würden, wobei nicht erwähnt wird, wieviele von den Votanten Männer und wieviele davon Frauen waren. 

Cosmic Sin – Invasion im All (DVD – Heimkinopremiere)

Charme des Unaufwändigen

Bruce Willis holt den riesigen Weltraum auf die menschliche Dimension zurück. Er spielt James Ford, der Pension und miliärischen Rang verloren hat und in einer Kneipe rumhängt. 

Hat früher mal das Fort im Wilden Westen die Grenze der von den Menschen beherrschten Zivilisation markiert, die Grenze zum Abenteuer, zur Auseinandersetzung mit unbekannten Gefahren, so sind es jetzt Vorposten im All, tausende von Lichtjahren entfernte Kolonien, die in naher Zukunft (2031) gegründet werden und 2519 einen Angriff von Aliens erleben. 

Für diesen Vorfall muss Ford reaktiviert werden; seine Bedingung: seinen Rang zurück und die Pension. Die so kleine, niedliche Q-Bombe muss mit: philosphische Betrachtung dazu: so klein und so gefährlich. 

Eine solide gecastete Truppe von Männern und Frauen wird Ford zur Seite gestellt: Typenmotto: Menschen wie du und ich. Die haben nun ein schwieriges Problem zu lösen, teils über Überlegungen und Gespräche, teils mit der Feuerwaffe. Ihre Gegner schauen sternenkriegsabenteuerlich aus, teils menschlich-trashig. Da müssen sie durch. 

Der Einsatz heißt „Cosmic Sin“. Wobei das mit der Sünde zur Interpretation freigegeben ist. Lebenssinnthemen wir Freundschaft, Tod werden gestreift, Krieg, einen Krieg beenden oder einen anfangen – are we still alive? Is this real? 

Regisseur Edward Drake, der mit Corey Large auch das Drehbuch geschrieben hat, setzt auf die Nähe zu den Menschen und ihr Verhältnis zueinander und er will gar nicht erst den Eindruck erwecken, es handle sich um einen Megablockbuster. 

Drake weiß, dass, um die Illusion von Weltraum und Distanz zu erwecken, ein kurzer Zwischentext reicht, der bekannt gibt, wieviele tausend Lichtjahre seine Protagonisten in den letzten Sekunden durchmessen haben. Er weiß, welchen Charme die erkennbare Einfachheit der Mittelwahl für eine Sci-Fi-Weltraumabenteuer-Geschichte haben kann. 

Zusätzlich setzt er gern auf eine Rot-Blau-Chromatographie, auf abstrakte Räume wie in den Raumschifffilmen, aber eben vielmehr nur angedeutet, auf eine Art Dauerneonlicht. Letztlich will der Mensch auch in solch abenteuerlichen Filmen etwas über den Menschen erfahren und keinen naturwissenschaftlichen Ausflug unternehmen. 

Die Tonspur endet mit einem Country-Song, der nochmal die menschliche Nähe von Film, Protagonisten und Publikum verdeutlicht, wie ein Abend am Lagerfeuer und da kann man sich Storys erzählen und ausmalen und dazu philosophisch gründeln. 

Ein Vorfall auf einer Außenstation zu Beginn: hier verschwindet nach einer Kussszene ein Mann mit dem glücklichen Namen Felix. 

Verplant – Wie zwei Typen versuchen, mit dem Rad nach Vietnam zu fahren

Kilometer schrubben,

ein Reiseselfie.

Otti (Tobias John)und Keule (Matthias Schneemann) fahren mit dem Rad in etwas über 8 Monaten von Heiligenstatt auf dem Kontinentalweg über Türkei, Iran, China nach Vietnam und filmen sich dabei. Sie wollen als Herausforderung die über 10′ 000 Kilometer mit ihren Beinmuskeln bewältigen. 

Es ist ein Abenteuer, das das Leben eben nicht so beschreibt: Kind, Schule, Ausbildung, Beruf und Familie, Rente. Es ist, wie Otti am Ende feststellt, Professionalisierung eines Lebensstiles, den sie so nie wieder werden brauchen, allenfalls mit dem Rad mal zum Bäcker, wenn sie in Deutschland zurück sind. 

Ein Lebensstil, der aus Kilometer fressen, essen, schlafen, Pannenbeheben, aufstehen, Drahtesel und Kilometerfressen besteht. Dabei zieht die ständig wechselnde Landschaft wie eine Kulisse durchs Bild. 

Das Filmische am Projekt wird unterstützt von Waldemar Schleicher. Der filmt die Vorbereitungen und begleitet das Duo die ersten Tausend Kilometer, bringt ihnen in Kirgisistan neues Fahrradequipment und fährt mit ihnen in Vietnam die letzten tausend Kilometer. 

Den Wok, den Keule die ganze Zeit mit sich schleppt, den brauchen sie erst in Vietnam. Wie sie überhaupt die Erfahrung machen, dass viel Gepäck gar nicht nötig ist, dass manches von unterwegs nach Hause zuürckgeschickt werden kann. 

Die Idee zur Reise entwickelte sich aus einer Coming-of-Age Radtour mit vier Freunden durch Europa. Auch diese, es gibt Reminiszenzen daraus zu sehen, gingen sie ohne viel Vorbereitung an. 

Das Subjektive an dieser Reise nimmt den Zuschauer gefangen. Die Freundlichkeit der Leute in Iran oder in Vietnam, eisig verschneite Berge und Minusgrade in Turkmenistan, wo es doch ratsamer ist, auch mal ne Taxe zu nehmen, wenn es bei dieser Kälte auf über Pässe von 4000 Metern geht. 

In den Film sind einfache Zeichnungen integriert, offenbar nach der Erinnerung, speziell die Polizei in China, weil dort nicht überall gefilmt werden darf. Mit Zeichnungen lassen sich Urheberrechtsprobleme elegant lösen. 

Zeitweilig trägt Keule eine Mütze mit ner Werbung für eine Uhrenmarke; das kommt etwas schräg rüber. Es tauchen die Probleme mit den Visa für China und Turkmenistan auf. Der Eindruck von den Ländern, den Menschen, den politischen Situationen ist ein flüchtig touristischer; ist doch der Radfahrer als solcher erst mal isoliert auf seinem Drahtesel. 

Trotzdem gibgt es nette Begegnungen, temporäre Begleiter und Mitfahrer aber auch kulinarische Einblicke. In Vietnam sprechen die beiden Protagonisten hemmungslos dem Alkohol zu. Eine der ersten Pannen die passiert, und solche werden aus der Distanz zu Anekdoten, ist diejenige, dass die beiden ein Navi hatten, das auf „Wandern“ und nicht auf „Rafahren“ programmiert war, mit den entsprechenden Wegen.

Durch die Subjektivität der Selfie-Methode kann der Zuschauer mental-emphatisch die riesige Kraftanstrengung nachvollziehen; das hat eine reinigende Wirkung, macht andere Dinge vergessen und stefe hat in der Nacht nach dem Sichten besonders lang und ohne Unterbrechung geschlafen.