Archiv der Kategorie: Review

Minions & Monster

Dienen und Drehen

Der Film von Pierre Coffin, der mit Brian Lynch das Drehbuch geschrieben und mit Patrick Delage die Regie geführt hat, ist ein Doppelpack. Der erste Teil handelt vom Dienen, der zweite vom Drehen (eines Hollywoodfilmes).

Im ersten Teil suchen die niedlichen gelben Knöpfe mit ihrem einen oder mit mehreren Resthaaren auf dem gelben Kopf und den blauen Arbeitshosen einen Boss, dem sie dienen können. Aus diesem Motiv wird eine Tour de Force durch die Erfolgs- und Meisterstücke Hollywoods vom Stummfilm bis zum beginnenden Tonfilm; eine Fundgrube für Zitatenrecogniser.

Die Minions lassen nichts aus. Erst dienen sie einem Zyklopen, dann einem Zauberer, der Mumie und und und, schöner und wilder hat Hollywood selten bei sich selbst gewildert und dabei ein Tempo an den Tag gelegt, dass einem Sehen und Hören vergehen kann. Kaum ein Erfolgssujet, in das sich die Miniongruppe nicht hineinschmuggelt; sich hineinklumpt.

Sie geraten unfreiwillig in einen Filmdreh hinein. Erst ist der Regisseur konsterniert, wie er aber sieht, wie die beiden fetten Produzenten, wahrlich hübsche Karikaturen des Hollywoodproduzenten ganz allgemein, hier des Fantasiestudios „Bright Brothers“, nun „bright“ wirken die beiden nicht direkt, wobei, wie es denn üblicherweise im Abspann heißen würde, eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen reiner Zufall wäre; kurz, wie der Regisseur sieht, dass die Produzenten begeistert sind, ist er es auch. Bis die Minons es vermasseln mit den brighten Produzenten. Aber die Minions haben bereits selbst ein Storyboard zu einem Monsterfilm geschrieben.

Der Film gibt einen Einblick nicht nur in einen Ausschnitt der Hollywoodgeschichte, sondern auch ins Filmemachen, in den Filmstudiobetrieb; für Kinder dürfte das verständlich sein.

Die Minions wollen also ihren eigenen Film machen, einen Monsterfilm. Dafür müssen sie ein geeignetes Monster suchen. Von ihrem Zaubererboss haben sie noch das Zauberbuch und kreieren sich so ihr Monster. Es ein niedliches grünes Ding. Das war den zwei begleitenden Kindern in der Pressevoraufführung arg zu harmlos, da das gezeichnete Monster ziemlich grauslig aussah. Das wiederum wollten wohl die realen Filmproduzenten den Kids nicht zumuten, haben sich so aber einer Rüge von einer acht- und einer zehnjährigen Nachwuchsfilmeschauerin eingehandelt. Denn auch das große, orange Monster, zu dem sich das kleine verwandelt, ist lediglich ein Slime- oder Schleimteil, das richtet zwar alles an, was im Katastrophen- oder im King-Kong-Film möglich ist, aber es zerläuft sich auch wieder. Das Böse, Monsterhafte, was die Zeichnung versprochen hat, ist es nicht.

Die deutsche Synchro ist ganz passabel, sie verzichtet auf den oft angewandten Trick mit der simplen Charaktersierung der Figuren durch plumpe Dialektfärbungen. Besonders der Filmregisseur kommt recht persönlich rüber.

Dry Leaf

Reise durch Georgien –
Kino-Preziose

Das georgische Kino scheint mit eines der wundersamst-wunderlichen Kinos zu sein, so wundersam schnörkellos-schnörkelig wie die georgische Schrift. Und speziell dasjenige von Aleksandre Koberidze: Die Zähmung der Bäume, Was wir sehen, wenn wir zum Himmel schauen (auch da gibt es Fußballinput).

Was dieses Kino alles sieht! Wo es einen überallhin mitnimmt!

Unter einem solid verarbeiteten Storyfaden: Ein Vater, Irakli (David Koberidze), Sportlehrer, sucht seine Tochter. Die ist erwachsen, 28, sie arbeitet als Sportfotografin. War schon weg von zu Hause, ist aber wieder zu den Eltern gezogen, wegen zu hoher Mietkosten. Eines Tages ist sie verschwunden. Sie hinterlässt einen Brief, der die Eltern beruhigen soll. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Polizei kann nichts machen, da die Tochter erwachsen ist und Bescheid gegeben hat. Bei dem Sportmagazin, bei dem sie beschäftigt ist, hat sie ein Projekt. Das ist noch nicht abgeschlossen. Sie wollte Provinzfußballplätze fotografieren. Der Vater verspricht sich eine Spur von seiner Tochter, wenn er diese Plätze aufsucht.

Ein Kollege seiner Tochter, der nicht im Bild erscheinen möchte, und der in das Projekt involviert ist, kann sich vage an die Orte erinnern und ist bereit, den Vater zu begleiten. Ist das nun dokumentarisch oder fake-dokumentarisch? Interessiert das überhaupt? Denn nebst den storyentwickelnden Gesprächen fällt reichlich Footage über das Leben in Georgien ab. Das wird so unaufdringlich, so beiläufig serviert, ohne Nachdruck, ohne Eitelkeit.

Es ist ein Kino, das hinschaut, sieht, das entdeckt und das es nicht für nötig hält, zu kommentieren. Es hat die Bescheidenheit, hinter die Dinge zurückzutreten, das ist vielleicht etwas, das es so attraktiv, so einmalig macht.

Bei dem Footage, was bei dieser Reise durch das entlegene Georgien entsteht, denkt man momentweise an Bela Tarr, wie der auf die Dinge geschaut hat oder in anderen Momenten wieder an die Malergruppe der Blauen Reiter, wie die die Voralpenlandschaft gesehen haben.

Wenn Irakli nächtens unterwegs ist, kann Bildmaterial anfallen, was an einen David Linch erinnert. Und beim Ende des ersten Teiles könnte ein William Turner der Maler gewesen sein.

Mitten in der schönsten Natur gibt es ein Gespräch mit zwei Jungs, die von ungewöhnlichen, zerstörerischen Wetterphänomen berichten.

An anderer Stelle reißt ein Bagger gnadenlos den Wald auf. Auch eine Prise Folklore findet sich, aber in keiner Weise Applaus heischend. Dann plötzlich die Geschichte vom eindrücklichen Lehrer Adimoz.

Georgisch Filme haben gerne etwas Individuelles ohne die Schlagseite offensichtlicher Ambitioniertheit, des originell sein Wollens. Vielleicht die hervorragendste Qualität: das Sein sein lassen. Also keine gewaltsam hergestellte und zurechtgebogene Kino-Realität.

Die Kamera sieht sich primär als Betrachterin.

Der leere Sitz neben dem Fahrer: Arbeit für die Imagination.

Die Musik von Giorgi Koberidze mit einer mitvibrierenden Vivacité, wie in kommunizierenden Röhren zum Bild.

Verwunderung darüber, warum diesen Fim vermutlich nur sehr wenige Menschen sehen wollen, dabei geht von ihm eine Verzauberung sondergleichen aus, entführt einen verführerisch geheimnisvoll in so eine andere Welt als die unsere, von der man sagen kann, unser Leben wäre ärmer, wenn es das nicht gesehen hätte.

Den Menschen scheint überhaupt nicht klar zu sein, was ihnen entgeht, wenn sie so einen Film nicht schauen. Nie würde ich zu sagen wagen, ihn zu sehen sei ein Must, darin läge ein dem Stoff und der Haltung des Filmes unangemessener Zwang, aber, ihn zu sehen, ist ein seltener Luxus.

Es ist verwunderlich, dass sich die Leute nicht schlagen um Plätze in so einem Film, wie sie sich um Warteplätze für die neue Swatch balgen; dabei ist so ein Fim ein viel größere, exklusivere Rarität – aber sicher kein Modeartikel, kein kapitalistisch propagandiertes Gadget oder angeberisches Marketingprodukt.

Als Beispiel für sich selbst überlassene Kreatur stehen Straßenköter, zu denen der Protagonist ein fürsorgliches Verhältnis pflegt.

Dreistunden-Georgienreise der Extraklasse, dazu in planloser Planmäßigkeit. Die Kamera, die ist so ein Tausendsassa mit ihrem hochbegabt-malerischen Auge (dann wieder mit Tableaus, als ob ein Impressionist sie arrangiert hätte), das es schafft, keinerlei ablenkende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so versteht sie es, mit den einzigartigen Bildern zu fesseln; am manipulativsten wirkt noch das einmal ganz offensichtlich ins Bild gerückte titelgebende trockene Blatt, ein Blattfächer, der auf den Boden gelegt wurde, und den die Kamera nach einer langsamen Bewegung wie zufällig im Bild stehen lässt.

Drei Stunden so zu verbringen ist: Lebensqualität.

Supergirl

Rettung eines Köters

Dieser Film von Craig Gillespie nach dem Drehbuch von Ana Nogueira nach Charakteren von Jerry Siegel und Joe Shuster betreibt einen gigantischen Aufwand zur Rettung eines Köters.

Es ist ein Hund, wie das Kino ihn gerne einsetzt, um Zuschauersympathien zu gewinnen. Der Glaube macht selig. Es ist ein Hollywoodhund, ein DC-Universum-Hund, es ist Krypto und der ist weder Straßenköter noch Pinscher, wie mir deuchte, sondern, wie die KI mir verrät, generell an einem eleganten Labrador Retriever orientiert. Aber da er eh ein außeriridischer Hund sei, sei es schwierig mit der Identifizierung mit irdischen Hunderassen.

Krypto ist der Hund von einer der Protagonistinnen, einem oder dem Supergirl (Milly Alcock). Die hängt in Kneipen rum, konsumiert Alkohol, scheint in einer Lebenskrise zu sein und chattet ab und an mit dem Superman (David Corenswet), der offenbar ihr Freund ist.

In diese ziel- und aussichtslose Welt platzt der Räuber Krem (Matthias Schoenaerts) hinein, setzt Schlägereien und Kämpfe in Gang, im Laufe derer der Hund einen vergifteten Pfeil abbekommt, der innert drei Tagen tödliche Wirkung erzielt.

Es gibt ein Gegengift, das trägt der Bandit in einem kleinen, eisernen Gefäß am Hals. Krem ist die schillerndste Figur in diesem Tierrettungsfilm, einmal durch die abenteuerlich genagelte Maske, dann durch den Schauspieler Schoenaerts mit seinen feurig-wilden Blicken und der weltverachtend-überlegenen Lache (dass ihm die noch vergehen wird, ist Eigenart des Genres).

Der Vorfall schreckt Supergirl in ihrer Lethargie auf, macht ihr Beine und mehr, um den Bösewicht zu finden und ihm das Gegengift abzunehmen, um Hundy zu retten. Sie ist nicht allein. Da kommen wir zu einem dramaturgischen Klumpfuß des Drehbuches von Anna Nogueira. Denn da ist noch Ruthye (Eva Ridley), die sich geren mit langem, komplizierten Namen vorstellt. Sie ist auch hinter Krem her. Der hat ihre Familie, die in ländlicher Abgeschiedenheit und Frieden gelebt hat, ausgelöscht. Geblieben ist ihr das vom Vater eigenhändig geschmiedete Schwert; das sie auf dem Rücken trägt.

Ruthy will Rache üben. Sie ist auch ein Supergirl, auf ihre Art. Und beiden schaut man gerne zu. So haben wir jetzt zwei wunderbare Darstellerinnen, die als Supergirls durchgehen, die beide hinter demselben Bösewicht her sind, aber mit unterschiedlichen Motivationen und mit unterschiedlichen Zielen. Für den Film dürfte sich das nicht gut ausgehen; das wirkt so, als sei der Film auf zwei unterschiedlichen Füßen und mit Schuhen verschiedener Machart unterwegs. Er rumpelt dramaturgisch gewaltig.

Die Bildwelten und Kämpfe, die Welt der Planeten und Raumschrottschiffe und überhaupt das DC-Universum kommen souverän und routiniert in Szene gesetzt daher.

Resurrection

Chinesische Kinoliebhaberei

Was sind Fantasmer? Ein Fantasmer ist die symbolische Leitfigur durch diesen Auferstehungsfilm von Bi Gan, den Begriff vom Titel abgeleitet. Es dürfte um das Weiterleben von Menschen, Ideen, Fantasien gehen, um Dauer und Unauslöschlichkeit, um Seelenwanderung, auch die bietet sich an, als solche könnten vielleicht die verschiedenen kleinen Geschichten, die den Film füllen, angesehen werden mit je neuen Verkörperungen des anfänglich in den Film eingeführten Fantasmers.

Eine Fotografin (mit der Identifizierung von Rollen-Namen komme ich ganz schön in die Bredouille, das müsste Shu Qui sein) entdeckt den Fantasmer. Sie ist eine Fotografin, wie sie ein Kinoliebhaber nicht schöner schildern kann in einer Labyrinthwelt voller Bilder, Spiegel, Durchlässen.

Die Fotografin entdeckt ihren Fantasmer in einem Film. Es sind furios der Stummfilmzeit nachempfundene, rekonstruierte Bildwelten in Farbe und im schmalen Format. Es ist eine Durchlässigkeit der Bilder und Illusionen; eine Befragung der Bilder nach ihrem Realitätsgehalt, nach ihrer Wahrheit, epigonal aber schön.

Die Begegnung des Fantasmers und der Fotografin erinnert an „Die Schöne und das Biest“. Sie ist eine makellose Schönheit und elegant dazu, während der Fantasmer ein unansehnlicher, verkrüppelter Mann ist. Aber auch diesen Eindruck wird der Film am Ende – Achtung Spoiler – als Täuschung offenlegen. Darin zeigt sich auch der Erkläransatz des Filmes.

Täuschung spielt in einer der Geschichten einer Rolle. Ein Kleinkrimineller, der am Bahnhof rumlungert, sucht ein begabtes Kind, um mit Kartenspielertricks an Geld zu kommen. Vorher gab es ausgiebigen Austausch in einer Tempelruine zwischen einem Mönch und einer weiteren Symbolfigur, dem Mann der Bitterkeit, der in einem Zahn des Mönchs versteckt war.

All diese Figuren, Fantasmer, Mönche, Taschenspieler, später ein Schlagersänger, könnte man als nicht tiefer in das chinesische Denken Eingeweihter als Erzählung einer Seelenwanderung interpretieren.

Die Geschichten fesseln verschieden, gewinnen kurze Momente der Spannnung und verlieren sich wieder. Gegen Ende bündelt der Film die Ansätze vom Anfang, lässt das Kino, die Filmvorführung – als Erinnerung an sich selber – real werden und wieder zerbröseln, und packt noch – Urkino – eine Liebesgeschichte samt Boot drauf – Erklärung mit dem Holzhammer. Manche brauchen das vielleicht.

Es ist ein Film, anzusiedeln im beachtlichen Feld von epigonalen, kinematographischen Liebeserklärungen und Hommages an das Kino als eines ephemeren Bewusstseins- und Seinszustandes; illustrierend dazu wird das Musikinstrument Theremin eingeführt.

Donkey Days

Wo liegt der Wurm begraben in dieser Frauenfamilie?

Die zentrale Story im Film von Rosanne Pel scheint die von der Familie zu sein, die gemeinsam an einen entlegenen Ort reist und es nicht aushält miteinander. Eine Figur bleibt zurück, während die anderen zum Einkaufen fahren. In Frankreich spielt das. Sie bringen keine französische Spezialitäten mit, sondern nur gesundes Futter. Die zurückgebliebe Person ist düpiert, wusste nichts davon, dass die Familie einen Diät-Urlaub geplant hat. Geht zu Fuß los in die endlose Weite. Wird mit Blasen an den Füßen mit dem Auto eingeholt.

Gewicht mehr auf der Beziehungsalltäglichkeit als darauf, dass es eine gleichgeschlechtliche Beziehung ist. Regieintention bei den Dialogen scheint die Improvisation zu sein; ähnliches gilt für die Kamera, die spontaneistisch reagiert, was momentweise wie zerfahren wirkt.

Die Szenen geben sich fragmentarisch wie Ausschnitte aus einem Familienleben, bei dem die Routinen dominieren und überhaupt nicht das, dass das zentrale Paar zwei Frauen sind, Lehrerin und Noe (kann man davon leben?). Die verkehren bei der Mutter der einen – sie scheint bei Pflegeltern aufgewachsen zu sein – und zum Paar kommt noch Schwester Charlotte (represents writing talents) dazu, die im Leben zu stehen scheint wie ein Grashalm im Wind.

Fein verpackter roter Rosenkohl als Weihnachtsgeschenk von Mama. Mutter spendet monatlich Euro 100 für Esel Eddie auf einer ungarischen Eselsfarm. Damit wäre der Titel erklärt.

Die Haltung des Filmes scheint eher kapitulierend oder fatalistisch zu sein; er versucht weder die Ursachen für das Eselstum in der Familie noch irgendwelche Mittel zu suchen, das zu ändern. Beschreibung von Familie als einer naturgegebenen Katastrophe, als eines Zwangszusammenhanges von Menschen, die nicht zusammenpassen.

Der Film hält lukullische Intermezzi aus der Lesbenszene vor, Themen-Event-Party (auch gemischt), Performance (mit Rotfilter) oder wildes Tanzen (nach Mutters Todesfeier). Ein Krach entwickelt sich zwischen den Schwestern Anna und Charlotte wegen der Planung des 85. Geburtstages der Mutter.

Der Film bewegt sich konsequent entlang der Kräusellinie der Tagesoberflächlichkeit. Die Figuren haben keine Geschichte und keine Ziele; es interessiert nur ihre Befindlichkeit.

Symbolisch für die Ansicht von Familie kann der Essensbatz gesehen werden, den die Damen in einem feinen Lokal anrichten. Wirkt künstlerisch-malerisch.

Vielleicht könnte man das auch ein Flash-Kino nennen, ein Kino, das aus lauter flashigen Momentaufnahmen besteht, aus kurzen Aufblenden in einem zusammenzubastelnden, zu vermutenden Gesamtzusammenhang.

Auch um zwei Schwestern geht es in Sentimental Value – in einer anderen Kinodimension.

Power Ballad – Der Song meines Lebens

Kleinkunst und Großkunst

Kleine und große Kunst scheinen elementar zusammenzuhängen; keine kann ohne die andere, so ist zu vermuten.

Anrührend ist es immer, wenn die große Kunst, Hollywoodstars, der kleinen Kunst ein Kränzchen winden oder der Provinz und ihrer Hingabe an die Kunst, wie zuletzt in Song Sung Blue.

Hier im Film von John Carney, der mit Peter McDonald auch das Drehbuch geschrieben hat, ist Rick (Paul Rudd) der Musiker und Songwriter, der weit unter seinem künstlerischen Niveau in einer Hochzeitsband spielt.

Rick ist in Irland der Liebe wegen hängen geblieben. Bandmitglied Sandy (Drehbuchautor Peter McDonald) wird zum gegebenen Zeitpunkt in L.A. das irische Powerelement einbringen.

Bei einem Gig in einem Schloss wünscht sich die Braut, dass einer der Gäste mit der Band ein Lied singt. Es ist der amerikanische Popstar Danny Wilson (Nick Jonas). Aus dem Auftritt wird spontan ein Duett mit Rick. Die beiden haben Spaß.

Nach der Show begegnen sie sich, Danny lädt Rick zu sich in sein Zimmer ein auf einen Drink. Der Unterschied der Unterkünfte ist eklatant. Vorher war man dabei, wie die Band ihr Logis in einem Schuppen neben dem Schloss bezogen hat, ein kühler Raum wie der Geräteraum einer Turnhalle mit Doppelstockbetten und einer kann auf einer Matratze am Boden schlafen.

Danny hingegen bewohnt eines der Gästezimmer im Schloss. Eine Suite ist das, geräumig wie ein Saal und kostbar eingerichtet. Die beiden improvisieren zusammen zu einem Song von Rick. Bei der Abfahrt der Hochzeitsband am nächsten Tag erhält Rick eine kostbare Gitarre von Danny geschenkt.

Der Film schildert die Lebensverhältnisse von Rick mit Frau und Kind. Ein halbes Jahr später zündet Danny im Internet seine nächste Karrierstufe mit just dem Song, an dem er mit Rick zusammen gearbeitet hat und kreiert damit im Internet hunderte von Millionen von Aufrufen. Er geht damit auf die „Evolve World Tour“.

Danny gilt in Musikfachkreisen als ein Leichtgewicht, da er aus einer synthetisch entwickelten Boy-Band stammt; so einen Song wie den von Rick hätte ihm niemand zugetraut. Da er den Urheber des Songs nicht nennt, diesen also auch nicht am finanziellen Erfolg des Liedes beteiligt, räumt der Film im folgenden viel Zeit der Auseinandersetzung um den schnöden Mammon ein mit all den unerfreulichen, teils abenteurlich amüsanten Implikationen.

Als eine mögliche Variante im Umgang mit Geld fährt der Film einen Straßenmusiker in Dublin auf. Rick beobachtet einmal, wie böse Jungs ihm das Geld, was die Passanten gespendet hatten, klauen und weglaufen. Rick ist fassungslos, dass der Musiker keine Anstalten macht, es sich wieder zu beschaffen; und wie sich sein Blick mit demjenigen des Musikers trifft, zuckt der nur mit den Schultern. Mehr Schulterzucken könnte der Welt und der Kunst manchmal nicht schaden.

Couscous und Geheimnisse

Familienbande und Lügengespinste

Mutter Fatima (Malika Zerrouki) ist Algerierin; sie ist verwitwet und lebt in Lyon. Hier sind auch ihre drei Töchter und Sohn Mehdi (Younès Boucif). Dieser ist dabei, mit seiner Geliebten Léa (Clara Bretheau), das Restaurant Le Baratain von Bernhard (Gustave Kervern) zu übernehmen.

Fatima ist eine Mutter, wie man sie sich im Büchlein vorstellt. Sie tut alles für ihre Kinder, zu viel im europäischen Sinne, sie will auch deren Liebes- und Familienleben bestimmen, für den Sohn hat sie eine aparte Braut ausgeguckt.

Aber die Familie lebt in Frankreich, die Kinder haben andere Werte kennengelernt. Gleichzeitig wollen sie die Mutter nicht enttäuschen. Das ist ihr Konflikt, nicht nur der von Mehdi. Und was tut man nicht dem Familienfrieden zuliebe? Man lügt und täuscht, man lässt sich auf falsche Spiele ein.

Mehdi kann unmöglich seiner Mutter Lea vorstellen, er kann ihr nicht einmal von ihr erzählen. Und die Eltern von Lea wollen die Mutter von Mehdi kennenlernen.

Die Zwickmühle in der Mehdi steckt, wird immer verzwickter. So wird die Idee ausgeheckt, dass seine Bekannte Souhila (Hiam Abbass), eine attraktive Frau mit einer bunten Vergangenheit, die die Bar Mostaganem betreibt, die Mutter spielt.

Damit wird eine Rollentauschkomödie initiiert, Souhila mit blonder Perücke als arabische Mama aus Oran.

Regisseurin Amine Adjina, die mit Fabien Gorgeart auch das Drehbuch geschrieben hat, umschifft die Klippen billiger Schenkelklopfkomödien wie auch simpler Feelgoodkomödien mit feiner Ernsthaftigkeit; sie lässt den Figuren Zeit, ihr Situation zu durchdenken und zu überlegen, wie es weitergehen soll. Andererseits hat sie wunderbare Akteure im Ensemble, die der Geschichte zu einer munter-sinnlichen Realität und Wahrheit verhelfen. Dass das Essen, interkulturell als auch familiär, keine nebensächliche Rolle spielt, verspricht der Titel; aber auch hier werden die Fallstricke kulinarischer Komödien mit Bedacht umgangen.

Pick Me Girls

Ohne Männer gäbe es kein Frauenhaus,

das ist eine abgründig schön doppelbödige Pointe, die Sophie Passmann in ihrem Bühnenprogramm „Pick me Girls“ nach ihrem gleichnamigen Buch eingebaut hat.

Diese Pointe folgt im Rahmen einer Reihe von Gedanken und Beispielen dafür, dass die Welt die Männer brauche. Sie verweist dabei auf die Glühlampen am Bühnenrand, auf die Bühnentechnik, auf das Bühnenbild und wie sie ein Teil der Rückwand der hervorgehobenen Showbühne anfasst, beginnt diese bedenklich zu wackeln, auch das ist eine schöne Pointe.

Das kann sie gut, einen Gedanken anreißen und ihn dann unvollendet stehen – und wirken lassen. Das hat wie bei allen Soloperformern, Kabarettisten, Witzeerzählern, Alleinunterhaltern, Moderatoren und Conferenciers mit Massenmanipulation zu tun. Auch die beherrscht sie.

Manchmal muss man nur eine Geste machen und einfach so lange stehen lassen, bis das Publikum reagiert oder nach einer – auch vermeintlichen – Pointe so lange lächelnd ins Publikum gucken oder ratlos, bis es zu lachen oder applaudieren anfängt.

Sophie Passmann hat Charme. Ihre Sprache ist schnörkellos und gut artikuliert. Sie fängt ihr Programm mit einem fetten Erguss darüber an, dass sie als Kind dick gewesen sei. Manche Sätze trägt sie richtig eingeübt – Regie Christina Tscharyski – vor, theatralisch gesteigert. Das trägt in dem großen Theater des Berliner Ensembles, in dem die Aufzeichnung, aus der dieser Film besteht, stattgefunden hat.

Sophie Passmann ist nicht schlecht im Namedropping des eigenen Namens, aber auch andere werden erwähnt. Brecht bekommt einmal bei einem Bühnengag eine Erwähnung. Nach dem Abarbeiten des Dick-Themas, vielleicht etwas zu breit, folgt sie der Identitätsfrage.

Was für eine Frau sie sein wollte. Wie sie die Typen, als die sie sich sah, imitierte und ob das Resultat befriedigend war.

Es ist ein in vielem selbstreflexiver Text, der genaue Beobachtung von Vorgängen zum Beispiel bei einem Fotoshooting beinhaltet. Ihre lange, mentale Vorbereitungszeit und dann der kuriose Auftritt des ‚großen‘ Fotografen umwedelt von seinen Assistentinnen.

Sophie Passmann selbst nennt sich eine Champagner-Feministin, was immer das sein mag. Jedenfalls kommt sie ohne Männer nicht aus. Die Pick Me Girls, als so eines bezeichnet sie sich, die überlegen sich, wie die Männer sie gerne sehen würden. Sie endet mit der Feststellung, dass sie die Frau, die sie geworden sei, ganz spannend finde, aber dass das nicht die Frau sei, die sie sich vorgestellt habe.

Am 16. Juli kommt „Was haben wir gelacht“ ins Kino über Frauen, die sich ihre Bühnen erobert haben. Sie sind nicht die einzigen, wie dieser Film zeigt.

Obsession – Du sollst leben

Sturm und Drang 2.0

Coming of Age. Die Verwirrung der Gefühle. Die Sturm- und Drangzeit. Ich liebe Dich, ich töte Dich.

Dieser Wahnsinn der ersten Liebe oder der ersten Verliebtheit, die einen Aufruhr in einer Person auslöst, die das ganze Welt- und Identitätsgefüge der Kindheit ins Wanken bringen kann. Das ist der Stoff mit dem Curry Barker kalt seine süß-sauer-Speise anrichtet.

Sie sind Arbeitskollegen in einem Musikinstrumentenladen: Bear (Michael Johnston), Nikki (inde Navarrette), Ian (Cooper Tomlinson) und Sarah (Megan Lawless). Zwischen ihnen wird die Gefühlswelt Harakiri spielen.

Bear, der so gar kein Bären-Typ ist, spillerig, nicht unbedingt stabil, mit einem Schuss Treuherzigkeit in den Augen, glaubt, dass seine Gefühle für Nikki von dieser erwidert werden. Mit seinem Kollegen und Kumpel Ian übt er einen Anbandeltext, den Promantrag. Weil sie beim Chatten mit ihm von einer verlorenen oder zerrissenen Kette erzählt, will er ihr eine solche schenken.

In dem Tand-Shop, in welchem er so eine sucht, findet er stattdessen das merkwürdige Mitbringsel „One Wish“. Das ist ein holzartiger Gegenstand, verpackt, während man den bricht, darf man einen Wunsch äußern. Der wird in Erfüllung gehen. Man hat aber nur, eh klar und bekannt, einen Wunsch und kann den auch nicht stornieren.

Die Liebe fängt unter unguten Vorzeichen an. Wie Bear vom Anbandeltraining beschwingt nach Hause kommt, findet er seine Katze tot. Sie hat seine Tabletten erwischt. Von denen hat er einen ganzen Schrank voll. Sie ist das schlechte Omen für den Rest des Filmes.

Es geht alles schief oder dann gehen die Wünsche in Übererfüllung. Nach misslungener Anbandelei ist Nikki plötzlich in seinem Schlafzimmer in Unterwäsche, fragt ob er Sex mit ihr wolle. Unterwäschesex (faktisch, nicht expressis verbis!), wie es aktuell im amerikanischen Kino moralischer Standard ist.

Der Filmemacher arbeitet mit harten Wechseln in Tonart, mit knalligen Effekten, mit Übertreibungen und plötzlichem Schreien, mit Erstarrenlassen der Mimik, mit übertriebenem Kussmund. Es ist nicht primär eine Geschichte, es ist der immer wieder erneuerte Versuch einer Zustandsbeschreibung, der Beschreibung dieses extremen labilen Gleichgewichtes der wechselnden Gefühle, der nicht zu steuernden Gefühlsbäder, Sturm und Drang.

Ingeborg Bachamann – Jemand, der ich einmal war

Eine Kopie, einer Kopie, einer Kopie,

das möchte Ingeborg Bachmann sein, zitiert Regina Schilling in ihrem Film die Dichterin.

Das kann verschieden interpretiert werden. Im Zusammenhang mit einem anderen Zitat von Ingeborg Bachmann, wie sie sich die Wimpern tuscht, damit sie nur geradeaus schauen kann und damit ihr geholfen werden muss; dieser bewusste Auftritt; eine Interpretation, die in der Nähe eines Zitates über sie im Film gerückt werden könnte, nämlich, dass sie sehr ehrgeizig gewesen sei; eine Eigenschaft, mit der sich der Film allerdings nicht weiter beschäftigt.

Ingeborg Bachman hat die Nähe berühmter Männer gesucht oder umgekehrt. Es kommen vor Paul Celan, Hans Werner Henze, Max Frisch. Dann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben von Männern. Die weibliche Befindlichkeit spielt ein Rolle, das ist ersichtlich aus der Zitatenauswahl.

Das Doppelungsthema kann aber auch als eine leitende Regieidee gesehen werden; denn die Dokumentaristin lässt Ingeborg Bachmann von Sandra Hüller nachspielen. Oder auch doublen oder feedbacken oder reflektieren oder interpretieren.

Die Kopieidee liegt nahe, da die Verwandlung der Schauspielerin Sandra Hüller in die Dichterin gezeigt wird, das Aufsetzen der Perücke, das Einüben von Gesten. Die Ähnlichkeit gerade mit der jungen Dichterin ist verblüffend.

Allerdings scheint das Budget für den Film recht begrenzt gewesen zu sein; offenbar hat es nicht gereicht für eine zweite Perücke mit dem kürzeren Haarschnitt, der im Archivfootage mehrfach zu sehen ist.

Mit zunehmendem Fortgang des chronologischen Biopics driften Original und Kopie immer weiter auseinander; das Original ist zusehends von Medikamenten, Zigaretten und Lebenskrisen gezeichnet. Das dürfte eine inszenatorische Entscheidung sein.

Sandra Hüller ist fabelhaft, liest wunderbar die Texte, zeigt aber auch den Unterschied zwischen Sein und Spiel, wenn sie sich in der Filmzeit von einem Tag in einer eigens nachinszenierten Wohnung in Rom bewegt; vielleicht wäre sie sogar die Traumkopie von Ingeborg Bachmann gewesen.

Der Film lässt an eine Künstlerdevotionalie denken, wie es sie in München am Orlando-di-Lasso-Denkmal für Michael Jackson gibt. Hübsch und liebevoll hergerichtet; ein wunderbares Patchwork, eine geschmackvoll-gediegene Montage aus Archivfootage, Interviews, Kritiken, Nachspielszenen, animiertem Vogelschwarm und Zitaten. Dass sich Sandra Hüller am Schluss noch im On abschminken muss, ist des Überdeutlichen zuviel. Soll damit der Titel erklärt werden: es war eine Rolle von mir? Von Sandra Hüller oder von Ingeborg Bachmann?