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Tatort: Schau mich an (ARD, Sonntag, 7. April 2024, 20.15 Uhr)

Trüber aus dem Darknet

Dieser Tatort bringt Schauderhaftes, Trübes, Horrorhaftes aus dem Darknet ins helle Licht des 20.15-Uhr-bürgerlichen Sonntagabends. Er stellt fest, dass solch schwer erträgliches Material (von Folter bis Mord auf Video) für Kinder und Jugendliche zugänglich sei und dass sich niemand darüber aufrege.

Immerhin, so verlangt es die Sonntagsabendmoral des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, hier betreut von Zwangsgebührentreuhänder und Redakteur Cornelius Conrad, wird auch darauf hingewiesen, was das für Schweine seien, die sowas liken und wie unfassbar es sei, was die sich für einen Scheiß reinziehen; nun ja, vielleicht ist das auch etwas scheinhilig, diese Empörung muss sein, sie ist ein Tribut an die Empörungs-Culture.

Aber die Kommissare, die, wenn sie weiter so aufgelegt sind wie heute, noch die nächsten zweihundert Folgen weiterdrehen können, geben sich auch als Kümmerer und verständnisvoll der Frau von der Suchtberatung gegenüber, es müsse sicher sehr belastend sein, sich den ganzen Tag solche Dinge anzuhören.

Dieser Tatort von Christoph Stark, der für Drehbuch und Regie zeichnet, hat momentweise durchaus den Charme eines Autorenkinos, das sich von einem Grundneed und einer Grundidee treiben und faszinieren lässt und sich alle Mühe gibt, das so gut und so plausibel wie möglich auszutüfteln.

Wobei möglicherweise der dramaturgische Rollator, der für so ein Serienprodukt unerlässlich scheint, sich als hinderlich erweist. Die Anforderung, dass mindestens zwei Figuren als Täter in Frage kommen können müssen, hier sind es Lukas (Sammy Scheuritzel) und Paul (Reiser). Sich der Film dann aber plötzlich, nachdem er den einen Verdächtigen plausibel entsorgt hat, dem anderen zuwendet. Es gibt auch Hintergründe, die zu den möglichen Verbrechen führen, gestörte Kindheit, gestörte Familienverhältnisse, nur allzu geläufig.

Charme macht, und das scheint doch ein Charakteristikum des Autorenkinos zu sein, dass der Film versucht, die Realistik der Alltagssituation zu berücksichtigen, das Schimpfen über die vielen Baustellen beim schwungvollen Anfang – wobei nicht klar ist, warum die alle so rennen, da die Leiche, um die es geht, eine in einen Koffer gepackte zerstücktelte Frauenleiche, schon einige Tage den Gang der Verwesung gegangen sein dürfte; aber das ist durchaus ein Aufheller in so einer Serie; wie sie alle aus irgendeinem Alltag heraus an den Tatort in dubiosen Münchner Katakomben gerufen werden.

Oder wie sie später nach vielen Überstunden erschöpft rumhängen und sich Pizza genehmigen. Und die genau verfolgte Frage, wer sich um den Dackel kümmere. Und eh klar, die Grausamkeit wirkt mehr, wenn sie nicht direkt gezeigt wird, sondern in den Minen der Betrachter abzulesen oder von Fachleuten oder Nichtfachleuten geschildert wird. Aber ganz ohne sensationsheischerische (Quotenschielauge ik hör dir trapsen) Grausamkeitsansätze im Bild geht es dann doch nicht.

Godzilla x Kong: Das neue Imperium

Baltimore

Wie ein Monster kickt ein Containerschiff gegen einen Pfeiler und bringt die 2,5 Kilometer lange, vierspurige „Francis Scott Key“-Brücke in wenigen Minuten zum Einsturz und durchtrennt damit eine wirtschaftliche Lebensader nicht nur von Balitmore und Maryland, sondern auch der USA. Das ist gerade gut eine Woche her.

Ähnlich geht es in den King Kong und Godzilla-Filmen zu. Monster bringen mit einem Streich Hochhäuser, Pyramiden, Kolosseen, Berge zum Einsturz. Vielleicht ist das der Kick an Realitätscheck, der diesem neuen Film von Adam Wingard nach dem Drehbuch von Terry Rossio, Simon Barrett, Jeremy Slater in den USA zu einem furiosen und von niemandem in diesem Ausmaß erwarteten Kinostart verholfen hat.

Denn Baltimore beweist, dass solche Katastrophen, wie der Film sie im Übermaß und bis zum Erbrechen zelebriert, möglich sind, real sein können und nicht nur die absurde Fantasie erhitzter Filmmenschen sind.

Der Mensch will die Katastrophen, die ihm zustoßen können, reflektieren. Film ist ein Mittel dazu, das Katastrophenfilmgenre das geeignete Gefäß. Das garantiert auch dieser Film.

Einerseits gibt es lauter Vertrautes. Eine forsche Abenteuertruppe, die sich auf einen Recherchetrip begibt, weil von der von ihr beobachteten Welt Alarmsignale kommen. Abgestandener kann eine solche Truppe nicht dargestellt werden und vollends gekillt wird sie durch die Continutiy der Kostüme, an denen nicht ein Fitzelchen Abrieb festzustellen ist.

Zentrale Figur ist die Forscherin Ilene Andres (Rebecca Hall). Sie wird begleitet vom Blogger Bernie Hayes (Brian Tyree Henry), von Trapper (Dan Stevens), dem Filmabenteurer par excellence, und von der indigenen und gleichzeitig gehörlosen Iwi (Fala Chen). Die Unterhaltung vor allem mit Ilene laufen über prima einstudierte Gebärdensprache. Und es ist absehbar, dass Iwi noch nützlich werden wird.

Als weiteres, absolut abgelutschtes Element gibt es den kleinen Kong. Zwischen ihm und dem großen Kong laufen die beliebten, Empathie weckenden Mimiken und Laute ab.

Weiteres, billig geklautes Element ist die Freeze-Technik. Dürfte kalkuliert reingenommen worden sein, weil ja Die Eiskönigin von Disney so ein Riesenerfolg war.

Ferner kriegen sich die Animationstechniker kaum ein vor lauter Kämpfen zwischen Godzilla und Kong.

Mehr als der Film beschäftigt mich allerdings die Frage, warum ein Massenpublikum bereit ist, dafür Geld auszugeben, um zwei Stunden lang, ja was denn? Abgelenkt werden von einem öden Alltag mit entabenteuerten Routinemienen rund um sich (schau mal in der U-Bahn)? Sich drastisch vor Augen führen lassen, wie Überlebenskämpfe aussehen, übertrieben und überhöht aussehen, die sie selbst auf subtilere Weise täglich zu spüren zu bekommen glauben?

Andererseits wird auch üblichster, also vertrauter, Alltag gezeigt: das Ziehen eines Zahnes von Kong (Trapper spielt Zahnfee), das Bandagieren eines gebrochenen Armes von Kong, Kong duscht sich unter einem Wasserfall, nachdem er sich mit dem grünen Blut eines zerrissenen Tieres bekleckert hat.

Oder ist es die Faszination Darwinismus gepaart mit einem Schuss Humanität? Oder gar, dass die Einsatztruppe sich als planetare Gardener aufführen?

Omen

Voll auf Kollision

steuert Drehbuchautor und Regisseur Baloji in seinem Film die Kulturen, die Hautfarben, die Religionen, die Geschlechter; worin Menschen sich unterscheiden und nur schwer mit umgehen können.

Es ist ein aufregender Aufriss der Familie Musoso aus dem Kongo. Vater ist Minenarbeiter. Mutter Mujila (Yves-Marina Gnahoua) hat das Sagen, auch in Bezug auf Vodoo, alte afrikanische Gebräuche und Familienleben.

Drei Töchter, die kuschen, bleiben brav zuhause. Der älteste Sohn Koffi (Marc Zing) ist nach Belgien ausgewandert, hat sich dort verliebt in Alice (Lucie Debay); sie erwartet Zwillinge von ihm. Die beiden schickt der Regisseur nun zum Familienteil im Kongo, um die Aussteuer zu bezahlen und die Schwiegertochter, die hochschwanger ist, vorzustellen.

Der Empfang fällt frostig aus. Dass Koffi unter Nasenbluten leidet und einige Tropfen davon auf einen wenige Tage alten Säugling aus der Familie fallen, ist eine Katastrophe. Für den Zuschauer fällt ein malerischer Exorzismus ab, heidnisch-katholisch-afrikanisch. Wie überhaupt Baloji nicht sparsam umgeht mit dem, was Afrika an Bildstärke abwirft, sei es von Kostümen und Gebräuchen, sei es von Minen- und Wüstenlandschaften oder auch die illegalen Wrestling-Veranstaltungen im Niemandsland mit einer Gruppe Jugendlicher, die alle in rosa Mädchenkostümen auftreten.

Einer davon ist der kleinere Bruder aus der Musoso-Familie, Paco (Maarcel Otete Kabeya). Ihm widmet der Film ein eigenes Kapitel, wie auch seiner Schwester Tshala (Eliane Umuhre). Die wieder hat einen schweren Stand in der Familie und will auswandern – allerdings nicht nach Europa, sondern nach Südafrika oder in ein anderes afrikanisches Land – weil sie einen deutlich jüngeren Freund hat. Der ist Lastwagenfahrer und holt sich unterwegs Geschlechtskrankheiten. Auch da sind Rituale gefragt; die moderne, westliche Medizin ist suspekt.

Bei aller Ausdrucksstärke, bei aller Emotion, bei aller Buntheit und Verwegenheit der Bilder: die Probleme unter den Menschen sind übertragbar auf ziemlich jede Kultur, jeden Kontinent, jede Zivilisation; dabei verhilft Lokalkolorit dem Film zu eigener Farbe; es können berufliche Klageweiber sein, die Trauerhäuser besuchen, oder Kaffewerber, die von Tür zu Tür gehen. So eingesetzt bewahren sie den Film davor, reine Black- oder Afrikaploitation zu werden; erheben ihn auf den Level eines Themenfilms fürs Weltkino.

Morgen ist auch noch ein Tag

Sprechen können, ohne den Mund zu öffnen

Irgendwann nervt es fast, dass Delia (Paola Cortellesi) den Mund nicht aufmacht. Gemeint ist der übertragene, der erweiterte Sinn, sich für seine Belange einzusetzen, sich zu wehren, sich nicht alles bieten zu lassen.

Es ist die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in Rom. Die Amis sind Besatzungsmacht. Delia lebt mit ihrem ruppigen, gewalttätigen Mann Ivano (Valerio Mastrandrea) und den drei Kindern in einer ärmliche Kellerwohnung. Ivano übt eine brutale Herrschaft über seine Familie, vor allem über Delia aus. Sie arbeitet in verschiedenen Jobs. Sie setzt bettlägrigen Herrschaften Injektionen, sie arbeitet als Wäscherin, sie jobbt in einem Schirmladen und ihre Familie versorgt sie auch noch.

Immerhin ist Delia so schlau, sich ein Teil der mühsam verdienten Lira vor ihrem Mann zu verheimlich und zu verstecken. Geld ist ein Stück Macht. Das Thema, was schwer über dem Film schwebt, ist die Frage, ob sie es schafft, sich zu wehren, sich zum emanzipieren, sich von ihrem Brutalo-Mann loszureißen. Die Frage diskutiert sie auch mit anderen Frauen.

Das Thema wird aktuell, wie sie dem Jugendfreund Nino (Vinicio Marchioni) begegnet. Der war schon immer verliebt in sie – sicher: bewährte Filmstory-Konstellation. Ergibt sich hier vielleicht eine Chance? Er will in den Norden Italiens ziehen, weil es dort leichter ist, Arbeit zu finden.

Das Thema der richtigen Liebe wird auch akut, wie Tochter Marcella (Romana Magiora Vergano) mit Giulio (Francesco Centorame) aus besseren Verhältnissen auf ihrem Liebesradar auftaucht. Eine Ehe wäre wirtschaftlich opportun.

Paola Cortellesi, die mit Furio Andreotti und Giulia Calenda auch das Drehbuh geschrieben hat, inszeniert diese, hm, fast wäre man versucht Farce oder Satire zu sagen, als ob sie diese Geschichte liebevoll, mit enormem Fleiss und so perfekt wie möglich in ihrer eigenen Puppenstube arrangieren möchte.

Für die Satire-Ecke spricht auch, dass die Regisseurin mehr als einmal Lieder wie Bänkelsongs über Szenen legt, die das Thema behandeln. Satirischen Input verrät auch die Szene sehr spät im Film, wenn sich die Damen aus einem bestimmten Grund den Lippenstift wegputzen sollen.

Auch die Schlagseite Klamotte lässt die Regisseurin zu, es gefällt ihr, den Tod des Schwiegervaters von Delia, von Ottorino (Giorgio Colangeli) auf diese Art zu behandeln mit der gewissen Italianitá, die sich in ungezügeltem Trauerexpressionismus niederschlägt.

Der Film wirkt wie hochkonzentriertes Kunstgewerbe, als eine Bebilderung, als eine Illustration zum Grundthema der Frauenrechte und erst ganz am Schluss, auch das passt in die Schublade Satire, wird der Film verraten, was genau der Anlass war, ihn zu drehen.

Als Beruf von Ivan wird Grabräuber angegeben. Schon der zweit italienische Film in kurzer Zeit, den dieses Sujet kitzelt nach „La Chimera“ von Alice Rohrwacher – der kommt nächste Woche ins Kino.

Monkey Man

Schauspielers Traum

Einmal Action-Held sein, einmal Revenge-Held sein, einmal Kinoheld sein, der ein traumatisches Kindheitserlebnis mit den Mitteln großen Kinos, Bollywood-Kinos, verarbeitet.

Manche Schauspieler können sich den Wunsch erfüllen, wenn sie nämlich berühmt und wohl auch nicht mehr arm, Weltstars sind. So einer ist Dev Patel. Der hat sich jetzt mit Paul Angunawela und John Collee seine Kinotraumrolle auf den Leib geschrieben und er hat auch die Regie übernommen.

Daraus ist dichtes Kino geworden, schnell, ja rasant geschnitten und viel Material mit aufgeregter Wackelkamera aufgenommen, speziell in den Kampfszenen.

Die Rachegeschichte siedelt in einem Fantasiestaat namens Yatana. Die Machteliten sind korrupt, haben eine Krone als Symbol; sie saugen das Volk aus. Die Mutter des Protagonisten ist eines ihrer Opfer. Monkey Man wird als Knabe Zeuge, wie sie getötet wird. So etwas sitzt tief, so etwas motiviert. Er kämpft sich durch als Boxer mit der Gesichtsmaske des Monkey-Man.

Ein Taschendiebstahl weist ihm den Weg in die Machtzentrale. Statt eines Dankes in Geldform will er im hotelänlichen Betrieb angeheuert werden. Er steigt schnell auf, das ist so ein hurtig hinskizzierter Strang vom Tellerwäscher immerhin zum Kellner in den innersten Zirkel der Macht, wo er bald zuschlagen kann. Geht schief, der Film ist noch zu kurz zu dem Zeitpunkt. Monkey Man flüchtet in einen Tempel zu einer Transperson, erholt sicht, trainiert und ist bereit für den finalen Countdown.

Es scheint, dass Dev Patel einen Bericht abgibt, was ihm an von ihm konsumierten Filmen so gefallen hat; denn die meisten Topoi kommen einem x-fach bekannt vor, auch wenn sie gut gemacht sind. Es dominiert der Eindruck narzisstischer Selbstdarstellung des Schauspielers über der doch sehr erfunden wirkenden Story, aber im Format großen, aufwändigen Kinos mit prima Gespür für Tempo und Timing. Patel selbst ist vom Typ her kein Actiondarsteller trotz seines Needs fürs Kino als Ort der Verteidigung von Gerechtigkeit.

4

Immaculate

Nonnenblut

wird fließen, literweise, über Nonnenbäuche, Nonnenextremitäten, Nonnengesichter, Nonnengewänder.

Dabei fängt der Film von Michael Mohan nach dem Drehbuch von Andrew Lobel (was die sich wohl dabei gedacht haben?) mit wunderschönen, reinen Bildern an.

Cecilia (Sydney Sweeney), eine Frau von außerordentlicher Reinheit und Schönheit, kommt in Rom bei den internationalen Ankünften an aus Amerika. Dort hatte sie ein Grenzerlebnis unter Eis, das sie zu Gott und zum Orden bekehrte. Sie möchte in ein Kloster in Rom eintreten.

Sie hat es sich wohl überlegt und lässt sich von kritischen Bemerkungen anderer Nonnen nicht irritieren. Auch nicht von einem besonders attraktiven Pfarrer (Álvaro Morte). Aber der hat seine Gründe, sich der Enthaltsamkeit zu verschreiben.

Die Bilderwelt ist schön und ergiebig. Altes Gemäuer, Lichtspiele, Schatten. Dazwischen flashhaft Bilder aus der Horrorabteilung, als Alptraum von Cecilia oder als Angstbilder.

Die Geistlichkeit möchte genau Bescheid wissen über ein allfälliges früheres Geschlechtsleben der Novizin. Es gibt in dem Kloster eine merkwürdige, hochtechnisierte Forschungsabteilung und der attraktive Pastor erzählt, er sei eigentlich Naturwissenschaftler.

Im Kloster passiert ein Wunder. Die Untersuchung der Nonne ergibt eine Schwangerschaft und das ganz ohne Geschlechtsverkehr. Für das Kloster vermutlich eine geldwerte Angelegenheit; aber das muss sich der Zuschauer selbser zusammenreimen.

Die Geschichte mit dem Labor wird erst mehr als Dekor behandelt, denn groß als eigenes Thema. Der Film bleibt bei der Nonne, der Schwangerschaft, die irdgendwann nicht mehr so glücklich verläuft und von der Requisitenabteilung die Beschaffung von genügend Bühnenblut verlangt.

Warum Lobel und Mohan diesen Film gemacht haben, erklärt sich aus dem Film heraus eher nicht. Eine gewisse Liebe sowohl zu den schönen als auch zu den Horrorbildern muss vorhanden sein. Aber vielleicht wäre auch ein Mangel an plausiblem Erzählhandwerk diagnostizierbar; vielleicht leiden die Macher an einer gewissen Interessenunentschiedenheit, was sie dem Zuschauer vermitteln wollen; denn so richtig zu faszinieren vermag der Streifen nicht.

Ich Capitano

Einmal Europa einfach bitte!

Im Gegensatz zu Agnieszka Holland, die den Europäern mit The Green Border deren verkorkste Grenzpolitik wutentbrannt vor den Latz knall, hat sich Matteo Garrone (Das Märchen der Märchen), der mit Massimo Ceccherini und Massimo Gaudioso auch das Drehbuch geschrieben hat, für das Mittel großen Erzählkinos verbunden mit einer Heldengeschichte entschieden.

Diese ist mehr als das, es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Road-Movie der ernsthafteren Art, eine Abenteuergeschichte ebenso, eine Buddy-Geschichte dazu mit zwei großartien Protagonisten Sedyou Sarr als Seydou und Moustapha Fall als Moussa.

Die beiden 16-jährigen leben in Dakar, Senegal. Sie träumen davon, nach Europa auszuwandern und dort als Sänger Erfolg zu haben. Ihr künstlerischer Ansatz ist schon mal nicht schlecht, aus Texten, die in ihrer Umgebung passieren, Songtexte zu machen, wie die Mutter ihre Sorgen um sie ausdrückt und sie mögen doch bittschön anrufen und ans Handy gehen.

Die beiden Freunde jobben wie verrückt, um das Geld für die illegale Reise auf die Seite zu schaffen. Sie ziehen Erkundigungen ein, lassen sich von Negativstories nicht abhalten, versuchen ihr Vorhaben vor den Müttern geheim zu halten. Sie lassen sich von einem Geisterbeschwörer segnen und bitten auf dem Friedhof um die Gunst ihrer Ahnen.

Jetzt sind sowohl die beiden Protagonisten als auch die Zuschauer genügend vorbereitet für die gefährliche Reise von Senegal über Niger, die Sahara in Richtung Libyen und von dort hoffentlich mit dem Schiff nach Italien.

Andrea lässt sich scheiden

Nah am Leben,

das bedeutet in diesem Film von Josef Hader, der mit Florian Kloibhofer und Hans Schmid das Drehbuch geschrieben hat, und der in Östereich in der Nähe von St. Pölten spielt, selbstverständlich Österreichisch gesprochen wird.

Nah am Leben, das heißt, dass es sich um eine übersichtliche Gemengelage handelt und man dafür besser und genauer hinschauen kann. Nah am Leben kann aber vorerst, wie die Eingangsszene zeigt, auch bedeuten, dass zwei Polizisten, Andrea (Birgit Minichmayr) und Georg (Thomas Schubert) lange an einem Stück Landstraße hinter eine Kuppel stehen und darauf warten, Autofahrer mit Geschwindigkeitsüberschreitung zu erwischen. Da bleibt viel Zeit für Gespräch.

Nah am Leben ist das Thema, der Kollege will seinen runden Geburtstag feiern und diskutiert mit der Kollegin, wie teuer das werden wird und das kommt darauf an, wieviel getrunken wird und da kommt so einiges zusammen. Aber ein runder Geburtstag wird auch nur alle zehn Jahre gefeiert.

Der Film springt dann zur Geburtstagsfeier. Der Zuschauer erfährt mehr, dass Andrea in Scheidung lebt, dass sie mit ihrem Mann Andy (Thomas Stipsits) bei dessen Mutter wohnen. Dass das wohl ein unbefriedigender Zustand ist.

Nah am Leben in der Provinz, selbst in St. Pölten wird es nicht unübersichtlicher. Andrea lässt sich dorthin versetzen und beschleunigt diesen Vorgang. Aber auch dort scheint es nur diese Dienstwohnung direkt am Bahnhof zu geben und den neuen Chef, der ihr ganz klar Avancen macht.

Josef Hader selbst spielt mit, einen alten Lehrer, der vielleicht gar nicht mehr autofahren sollte und der bereitwillig die Schuld für einen Toten auf der Landstraße, den er gar nicht ursächlich überfahren hat, auf sich nimmt. Auch er ist eine einsame Provinzfigur.

Nah am Leben heißt vielleicht, dass der Autor und Filmemacher etwas sucht, was die Menschen womöglich auch suchen, Glück, Zufriedenheit, Erfüllung, die sie aber bei weitem nicht finden können, nicht in der Provinz finden können, weil sie womöglich alle eine Schuld mit sich rumtragen, weil sie Menschen sind, die Fehler machen, ja schauderhafte Fehler machen und dann damit rumlaufen und damit leben müssen.

Nah am Leben heißt, dass hier ein Leben gezeichnet wird, das sich in keinster Weise irgendwo anbiedern zu müssen glaubt, das in keinster Weise das Gefühl hat, es möchte irgendwie begehrt und geliebt sein.

Josef Hader entdeckt in seinen Figuren ein Leben, das sich womöglich gar nicht vorstellen kann, dass es ein anderes Leben auch gibt; dass der Mensch Gestaltungsspielraum habe; und wenn, dann muss er, wie Andrea in St. Pölten, gewaltige Konzessionen dafür machen.

Sicher, es könnte sein, dass Josef Hader auch in einem Stadtteil einer Großstadt ein ähnliches Leben finden könnte; aber auf dem Land findet es sich vielleicht in Reinkultur, findet es sich ungestört vom Lärm der City.

Es ist allerdings auch ein Leben, das immer ganz nah an der Korruption steht. Man kennt sich. Und man möchte sich nicht auf die Füße treten. Also, die Verführung zur Korruption, die ist immer greifbar nah. Für solche Betrachtung des Menschen scheint die Benutzung des Dialektes unerlässlich und gar ein prägnantes Scheinwerferlicht auf diesen gar nicht so ungewöhnlichen Daseinszustand zu werfen.

Chantal im Märchenland

Im Märchen lernen

Chantal (Jella Haase) und Zeynep (Gizem Emre) sind beste Freundinnen, Bitches, sind weder ehrlich noch gut zu einander, sie wollen Influencerinnen werden, das neue Gesicht für irgendein weibliches Konsumprodukt, sie sind auch Konkurrentinnen.

Sie leben in Sozialwohnungen, sind wenig gebildet, Chantal ist so ein richtiger Trampel. Sie sind zu alt für den Kinderhort und nicht weit genug für ein selbständiges Leben. Sie träumen davon, Social Media Queens zu werden. Sind faktisch asoziale Gören.

Von einem magischen Spiegel werden die beiden Protagonistinnen in ein Märchenland gesaugt und sind von da ab Prinzessinen und werden von Autor und Regisseur Bora Dagtekin durch einen rasanten Fleischwolf von Märchenparodien und Märchenpotpourri gedreht.

Die beiden Frauen haben ein Zeitfenster, nach welchem sie wieder in ihre Welt zurückfinden können. Bis dahin geht es turbulent zu und her mit Personal und Situationen aus jeder Menge bekannter Märchen von Dornröschen bis Aladin und die Wunderlampe.

Aladin (Mido Kotaini) wird dabei etwas mehr Platz eingeräumt und es ist nicht ganz klar, ob die Wunderlampe bloß ein Kochtopf ist und ob der Teppich, an dem Aladain am Weben ist, später auch fliegen kann; sicher ist nur, dass hier Ansätze zu einer märchenhaften Liebesgeschichte sich bemerkbar machen.

Zwischen den beiden Frauen liegt belastend tatsächlich ein unschöner Konflikt, indem die eine der anderen eine wichtige Nachricht vorenthält. Wird sich aber klären. Dazwischen spielt die moderne Social Media Welt ständig in die Märchenwelt hinein. Und der begehrenswerte Prinz in Ritterrüstung, Bosco (Max von der Groeben) steht erstaunlich wenig auf Frauen, ist erstaunlich wenig daran interessiert, diese „aufzureißen“. Aber nobody ist perfect und es gibt noch andere Dinge auf der Welt. Auch da ist diese Märchenwelt, die sich auf 1696 von Dornröschen zurückdatiert, erstaunlich modern und verlangt nach Tolerenz; während der notorische Menschenwunsch nach dem Jungbrunnen in ein Desaster mündet.

Gut möglich, dass dieser Gewaltsritt durch eine angezählte Märchenwelt zumindest bei der Jugend und mit viel Popcorn – das im Film vorhanden Procut-Placement lässt definitiv auf die Jugend als Zielgruppe schließen – bestens ankommt im Sinne eines Eskapismus von einer realen Welt, die uns nur noch mit den scheußlichsten Nachrichten aus der Ukraine und aus Gaza dauerversorgt. Dabei taumeln die Märchenbilder wiederum erstaunlich nah an Grundproblemen wie Freundschaft und Toleranz entlang.

Opus – Ryuichi Sakamoto

Kino zum Hören

Klar, dieser Film von Neo Sora ist eindeutig eine Dokumentation.

Er dokumentiert, wie der 2023 verstorbene Komponist und Pianist Ryuichi Sakamoto in schönster Schwarz/Weiß- Studioatmosphäre mit Schlaglichtfotografie auf einem Yamaha-Flügel eine Eigenkomposition spielt.

Der ewig intellektuell-hungrige info- und statementsüchtige Filmfresser kommt hier sicher nicht direkt und sofort auf seine Rechnung, keine Zwischentitel, keine Interviews, keine Schlüssellochperspektive, keine Anekdoten, keine Archivaufnahmen, keine Konzermitschnitte mit begeisterten Zuschauern.

Harte Kost für den erwähnten Filmfreak. Er muss sich einlassen auf eine Musik, die unaufhaltsam dahinplätschert, ganz weich angeschlagen, eher Moll denn Dur, eher nachdenklich denn lebensfreudig. Er muss sich visuell begnügen mit dem weiß-strähnigen Haar des Komponisten über dem Gesicht mit der starken, dunkelrandigen Brille. Oder über einen gebeugten Kopf, über Hände, die über die Stirn streichen, dann wieder weiße Tasten, eine gespreizte Hand, die wie an Fäden gezogen sich über die Tasten bewegt.

Keine nacherzählbare Story, kein Plot, kein zu analysierender oder zu berichtender Twist. Nur ein weit nach oben sich reckender Flügeldeckel, Mikros, eine Lampe, ein Pianist. Er murmelt auch mal was vor sich hin. Ein Konzert in Echtzeit.

Man kann sich beim Schauen dieses Filmes auch einer Träumerei von möglichen Filmen hingeben, zu denen diese Musik hervorragend und diskret passen würde, Filme, die achtsam und differenziert Menschenschicksale betrachten, die von einer Lakonie des Glückes erzählen; vielleicht auch von Unwiederbringbarkeit, von der additiven Leistung von Dauer.