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Nawi – Dear Future Me

Intelligenz

Mit Intelligenz kann der Mensch viel erreichen, kann vielleicht die Welt zu einer besseren machen, kann Träume haben und realisieren, kann hindernde Umstände bewältigen – und doch nicht alles.

Die 14-jährige Nawi (Michelle Lemuya Ikeny) ist ein hochintelligentes Mädchen. Die Intelligenz dürfte sie von ihrer Mutter Rosemary (Michelle Tiren) haben. Eher weniger vom Vater Eree (Benson Ochungo Obiero). Der herrscht wie ein Patriarch über seine Familie in der rückständigen Gegend Turkana in Kenia.

Man lebt in Hütten. Die sind einfach eingerichtet. Ein Fahrrad im Dorf ist der absolute Luxus. Die Frauen müssen das Wasser aus vertrocknenden Löchern holen und in Kanistern ins Dorf tragen. Sie müssen kochen und Kinder gebären.

Rosemary ist nur eine von Erees Frauen. Immerhin gibt es eine Schule in der Nähe. Die besucht Nawi und ihr Bruder Joel (Joel Liwan).

Der Film von Vallentine Chelluget, Apuu Moruine und Kevin Schmutzler, der auch das Drehbuch geschrieben hat mit Tobias Schmutzler und Milcah Cherotich nach einer Story, die sich auf wahre Begebenheiten beruft, verfolgt zwei Handlungsstränge.

Nawi ist in der Schule die allerbeste mit einer brillanten Abschlussprüfung, so dass sogar das Fernsehen darüber berichtet. Ihr Traum ist es, die Dorfwelt hinter sich zu lassen und nach Nairobi ans Gymnasium zu wechseln, zu studieren und einen akademischen Beruf auszuüben. Sie schreibt ihre Träume in ein Tagebuch, das ihre Lehrerin Madame Christine (Nyokabi Macharia) ihr geschenkt hat.

Madame Christine ist gleichzeitig Kinderschutzbeauftragte. In der Gegend sind Kinderbräute noch Tradition, obwohl inzwischen gesetzlich verboten. Das ist der andere Storystrang, der mit den Bildungsträumen von Nawi in Konflikt gerät. Ihr Vater hat Schulden. Der reiche Shadrack (Ben Teke) möchte das Mädchen heiraten und wäre bereit, einen stolzen Preis dafür zu bezahlen, 200 Ziegen. Nawi sträubt sich dagegen.

Wie Nawi diesen Konflikt mit ihrer Intellgienz und auch Schlauheit angeht und teils abenteuerlich löst, was sie aber auch für einen Preis dafür bezahlt, erzählt der Film als spannende Geschichte, der jegliche Afrikatümelei und Drittwelt-Nichtsoganz-ernstzunehmende Attitüde fehlt. Einzig die Musik suhlt sich gelegentlich zu sehr in einem wenig differenzierten Feelgoodmood.

Lebenslinien: Cissé, der Kult-Taxifahrer (BR, Montag, 2. März 2026, 22.00 Uhr)

Gegen die im Land und in der Politik grassierende Fremdenfeindlichkeit.

Und dann wars doch nur Eigenwerbung –
Maskottchen

Wer mit der Fußballwelt kaum was zu tun hat und auch kein besonderes Interesse, der wird anfänglich angetriggert von diesen Lebenslinien von Constanze Hegetusch (siehe auch Lebenslinien über Constanze Lindner) und Jan Wiecken unter redaktioneller Obhut von Johanna Teichmann.

Oh, das könnte ein Beitrag werden gegen die im Lande und in der Politik grassierende Fremdenfeindlichkeit. Dazu ein Porotagonist, der mit seiner Energie und Lebensbejahung so eine Sendung ganz von alleine trägt.

Dann entpuppt sich das Feature jedoch lediglich als Eigenwerbung fürn BR, dazu noch in den ausgefahrenen Gleisen des Lebenslinienformates mit den üblichen Besuchen bei früheren Wohnungen und die Krankheits(Schlaganfall)- und Liebes(gescheitert)geschichten, die wie lebenslaufnotorisch abgehandelt werden.

Er ist gewinnend, er ist ein sympathieerweckendes Mannsbuild, spricht bayerischeres Bayerisch als mancher hier Aufgewachsener oder Zuagroaster. Er hat diesen typisch bayerisch zwidrigen Humor (der leider im Fernsehen kaum mehr zu finden ist, siehe Watzmann ermittelt).

Er ist ein speziell sprachbegabter und sprachinteressierter Einwanderer; der sich mehr für den bayerischen Dialekt begeistert und sich in ihn vertieft als so mancher, der hier aufwächst oder als so mancher Binnenwanderer. Der BR rühmt sich, ihn für seine Sportshow als Maskottchen für den FC-Bayern entdeckt zu haben.

Dafür nehmen die Lebenslinien in Kauf, dass sie selbst bei illegalen Praktiken wie Verkauf von afrikanischem Schmuck auf dem Land oder Passfälschung ein Auge zudrücken, sie im Nachhinein allenfalls mit schalkhaftem Auge positiv darstellen.

Man lernt aber auch aus diesem Lebenslinien-Beitrag, dass Sprache für die Integration ein sine qua non Momentum darstellt.

Einmal mehr gibt der BR an, diese Sendung sei nach ökologischen Standards produziert zu haben, inklusive Flüge nach Dakkar, dortigen Autofahrten (bestimmten nach höchst ökologischen Standards) und auch alle Fahrten in Deutschland mit Elektrofahrzeugen; oder was genau heißt das? Ein Greenwashing-Versuch?

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Epic: Elvis Presley in Concert

Devotionalie

Die Haltung zum Objekt seines Interesses von Baz Luhrmann in seiner Doku-Collage zu Elvis Presley erinnert an jene der Michael-Jackson-Fans mit ihrer Umwidmung des Orlando-di-Lasso-Denkmals in der Grünanlage vorm Hotel Bayerischer Hof in München: liebevoll zugeneigt.

Es ist ein Verehrungsmovie, das dem Objekt seiner Verehrung gerecht werden will, das durchaus versucht, zwei Seiten seines Stars zu zeigen.

In Audioaufnahmen von Interviews, die über das Bildmaterial gelegt werden oder auch Originalinterviewclips, schildert der Film, dass bei Elvis eine Differenz zwischen menschlichem Wesen und dem Image bestehe, aber auch dass er unabhängig seinen Weg geht, seine Musik macht, die geprägt ist von Gospel, Folk und Blues. Er braucht das Publikum; nur Filme drehen oder Studioaufnahmen, das reicht ihm nicht. Auch gibt er Auskunft darüber, wie es mit der unmenschlichen Anstrengung, dem Kraftakt steht, den sein Leben als Künstler verlangt.

Der Film setzt einen Schwerpunkt auf die Zeit der Shows in Las Vegas, über 1000 Vorstellungen in den Jahren 1969 bis 1977; und er bringt Aufnahmen aus der übrigen Karrierenzeit und auch von Presley als GI, teils in Schwarz-Weiß.

Im ersten Moment gibt es einen kurzen Flashback zum Film The Testament of Anne Lee, der Quäkerführerin, auch ein Musik-Film: die Shaker machen Bewegungen, ekstatische, die Schnittmengen mit jenen von Elvis Presley haben.

Faszinierend sind seine Glitzerkostüme, die fetten Klunker; neckisch vor allem die breiten Gürtel mit knie- bis beinlangen Fransen; die wirken wie Fragmente eines Baströckchens, verleihen der Gegend etwas Feminines.

Er selbst hat eine unglaubliche Präsenz auf der Leinwand, nach wie vor, auch heute noch. Er kommt als episches Phänomen rüber, eine einmalige Begabung, eine einmalige Stimme.

Es ist nicht direkt ein Konzertfilm. Es gibt Nummern, die länger gespielt werden; geschickt unterschneidet Baz Luhrmann einen Song mit verschiedenen Auftritten und Proben.

Der Filmemacher zündet mit seiner Clip-Collage ein Elvis-Feuerwerk. Allerdings geht der Film dann, speziell in der Las-Vegas-Phase ziemlich geradeaus. Für den nicht Elvis-Fan wirkt die Dosis etwas stark.

Sein Künstlercredo: jede Vorstellung muss so sein, als sei es die erste, als singe er jeden Song zum ersten Mal. Routine wird hier in keinem Moment sichtbar. Man kann also in dem Film auch etwas über Showprofessionalität erfahren.

Auch das enthält uns Baz Luhrmann nicht vor: der müde, abgerackerte Elvis nach einer Show; das ausgelaugte Gesicht, die die paar Kilos spüren lässt, die er während einer Show verliert.

Father Mother Sister Brother

Schnöde, familiäre Bruchlinien

Entlang solcher fächert Jim Jarmusch in drei Episoden gediegen nostalgisch seine Materialismuskritik auf.

Alles hängt am Materiellen. Alles bricht am Materiellen. Das Materielle bestimmt das Leben von Familien und zerstört es. Materiell kann auch ein Flugunfall sein. Immer ist das Materielle eines der wichtigen Dialogelemente.

Ob der Papa (Tom Waits) eine Rolex trägt, er meint, es sei eine chinesische Fälschung; später ist die Tochter (Mayim Bialik) überzeugt, dass es eine richtige sei. Der Papa lässt sich wirtschaftlich vom Sohn Jeff (Adam Driver) finanziell über Wasser halten. Dieser schiebt ständig Kohle nach. Er hat im Beruf eine Beförderung erlebt.

Mutter (Charlotte Rampling) lädt einmal pro Jahr ihre zwei Töchter Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) zum Tee. Wichtig ist das Porzellan, die aufgeräumte Wohnung. Der materiell überzeugende Blumenstrauß steht sichtverdeckend auf dem Tisch. Daraus macht Jim Jarmusch ein Vexierspiel.

Lilith behauptet, sie habe einen Lexus, lässt sich aber von ihrer Lebenspartnerin als Uber-Fahrerin chauffieren. Materielastig auch das Rot in den Kleidungen der drei Damen und eine ad hoc Diskussion wert.

Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) sind damit beschäftigt, die materielle Hinterlassenschaft ihrer tödlich verunfallten Eltern wegzuschaffen. Billy hat das Zeugs bereits in einer Garage untergestellt. Die beiden besichtigen die großzügige, leere Wohnung. Die Vermieterin, Madame Gautier (Francoise Lebrun), drückt ein Auge zu und gibt zu verstehen, dass vor Beschlagnahmung der Dinge wegen fehlender Mietzahlung, sie Billy erlaubt habe, dieses Materielle wegzuschaffen.

Materiall bedingt auch der Trick mit dem Bussenzettel, der beim Parken vorbeugend unter die Autoscheibe geklemmt wird. Sanft ist in dieser Episode der Postcovidhinweis.

Die drei Episoden spielen in drei verschiedenen Ländern. Die Vater-Episode (die mit Tom Waits) spielt in den USA. Die Mutter-Episode (die mit Charlotte Rempling) in Dublin und die Kinderepisode mit den Zwillingen Billy und Skye in Paris.

Hier mag wiederum das Materielle eine Rolle spielen, weil Film Geld braucht und man mehr Geld zusammenbringt, wenn in verschiedenen Ländern gedreht wird.

Nostalgisch wirkt der Film auch wegen seinem Faible für Skater. In jeder Episode kommen sie vor. Die Kamera ist fasziniert, schaltet auf Zeitlupe. Nostalgisch mag auch die Behandlung von Kulturmaterialen anmuten, die Behandlung und das Zitieren von Büchern, das Abspielen einer Kassette.

Gediegen wirkt der Film, weil Jim Jarmusch sich die feinsten Schauspieler aussucht und pfleglich mit ihnen umgeht. Verträumt (nostalgisch?) mag der Film noch sein mit den verschwimmenden Farb- und Formzwischenimpressionen.

Es sind gänzlich andere menschliche Verhältnisse, die dominierend durch das Materielle geprägt sind im Gegensatz beispielsweise zum skandinavischen Sentimental Value, in dem Transgenerationen-Traumata auf den Familienmitgliedern lasten. Durch die Betonung des Materiellen und dessen genaue Beschreibung, beispielsweise der Geschenke, die Jeffe seinem Vater mitbringt oder die Freude an dessen Drehschaukelstuhl mit Blick zum See, entsteht der Eindruck einer leicht schrägen (vielleicht unbewussten?) Satireschlagseite.

Die kleine Welt des Jim Jarmusch als liebevolles Abbild einer Spießerwelt.

Friedas Fall

Als die Männer noch die Herren der Schöpfung waren.

Dieses spannend erzählte Justizdrama beruft sich auf eine wahre Begebenheit.

Die Frage ist nicht, wer der Täter ist bei einem Kindsmord 1904 in einem Wäldchen bei St. Gallen in der Schweiz. Die Frage ist, wie geht die Gesellschaft damit um, dass eine Frau ihr eigenes Kind tötet.

Zum selben Thema gab es jüngst den viel beachteten französischen Film Saint Omer.

Auch der Film von Maria Brandle, die beim Drehbuch von Michèle Minelli und Ko-Autor Robert Buchschwenter mitgearbeitet hat, kann sich sehen lassen. Er besticht, beginnend mit dem Drehbuch, durch die immense Sorgfalt, mit der die Geschichte herausgearbeitet wurde.

Nach der Entdeckung der Knabenleiche stößt die Polizei schnell auf dessen Mutter, Frieda Keller (Julia Buchmann). Sie gibt die Tötung sogleich zu, kommt in Untersuchungshaft. Sie stammt selbst aus schwierigen Familienverhältnissen. Sie ist alleinstehend, ledig, arbeitet als Schneiderin, leidet unter häufigem Kopfweh (dagegen nimmt sie Weidenrinde) und lebt im Haushalt ihrer Schwester Bertha (Lilian Amuat). Dafür zahlt sie gutes Kostgeld.

Frieda schuldet dem Heim Geld, in welchem sie ihren Buben untergebracht hat. Das Heim schmeißt den Buben raus. Da sie ihn vor ihrer Umgebung versteckt hält, weiß sie nicht mehr ein noch aus.

Stefan Merki als Staatsanwalt Walter Gmür ist der Hauptrepräsentant für das damalige erzreaktionäre Weltbild der Männer; vielleicht etwas schwer zu spielen, da uns diese Haltung doch ziemlich platt vorkommt; er fordert ohne weitere Untersuchung die Todesstrafe und verbindet den erwarteten Prozess mit seiner Kandidatur für den Großrat.

Gmürs Frau Erna (Rachel Braunschweig) ist herzlicher, fortschrittlicher, mitfühlend, humaner. Sie besucht die Täterin im Gefängnis, ja sie lässt sogar den Anwalt Arnold Janggen (Maximilian Simonischek) heimlich zu ihm; ein Recht, was ihr Mann dem Anwalt verweigert.

Dadurch, dass Janggen Frieda dazu bringen kann, ihr Leben aufzuschreiben und Details dank dem Prozess an die Öffentlichkeit geraten, wird diese aufgewühlt, sie fordert die Abschaffung der Todesstrafe. Auch das Thema des „schandhaften Fräuleins“ sickert in das Bewusstsein der Menschen ein, dass nicht immer nur die Geschwängerte die Schuld dafür trägt.

Night Stage

Die Welt ist eine Bühne

Sie legt Dinge offen, gleichzeitig versteckt sie welche. Die Nacht-Bühne, so wie der Titel dieses Fimes von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher auf deutsch übersetzt heißt, ist eine zwielichtige, ist ein Cruising Park in Porto Alegre in Brasilien.

Hier lieben sich nachts in aller Öffentlichkeit die Männer. Zwei davon stehen auch sonst in der Öffentlichkeit. Matias (Gabriel Faryas) ist Schauspieler; er kommt aus einer entlegenen Provinz. Er ist gerade in einem Theaterengagement und lebt mit Rafael (Cirillo Luna) zusammen; noch nicht lange. Sie proben ein körperbetontes Stück mit der Gruppe Tremor. Der Name dürfte nicht nur im Hinblick auf die Theaterarbeit gemeint sein; er dürfte auch einen Hinweis auf den Inhalt des Filmes geben.

Über eine App lernt Matias Fabio (Henrique Barreira) kennen. Der kandidiert gerade für die Bürgermeisterwahl. Sein öffentliches Image ist das eines Heteros. Umso spannender findet er riskante, nächtliche Liebesszenen mit Matias; vielleicht auch eine Art Tremor.

In Porto Alegre soll eine neue Fernsehserie gedreht werden. Für die Hauptrolle wird ein unverbrauchtes Gesicht gesucht. Rafael ist von der Casterin Pamela (Kaya Rodrigues) für die engere Wahl ausgesucht worden. Ein Kampf mit allen Mitteln entbrennt um diese Rolle zwischen Matias, der sie auch möchte, und Rafael.

Im Theaterstück haben die beiden Geliebten die Schlussszene. Einer muss nach einer Zitterpartie von Gerangel den anderen von einem schmalen Sims in den Abgrund stoßen. Wer es tut, ist offen. Der oben bleibt, wird den eindringlichen Schlussmonolog sprechen.

In einer Vorstellung sitzt die Filmregisseurin Sofia Alcantara (Gabriela Grecco) im Publikum. Matias wittert seine Chance, nutzt sie und schnappt die Rolle seinem Freund weg. Er muss einen Vertrag unterschreiben, der genau vorschreibt, was er über sein Privatleben veröffentlichen darf und welches Image er zu pflegen hat: das eines Heteros.

So manövriert sich der Film geschickt in eine Lage mit dramatischem Konfliktpotential, was er, auch mit Hilfe von Camillo (Ivo Müller), dem Assistenten von Fabio, zu befrieden versucht. Der Film steht auf erotische Farbgebung.

Marty Supreme

Verstaubt und anpasserisch

Nach der Pressevorführung in München waren die Kritiker, so weit vernehmbar, unisono begeistert von dem Film von Josh Safdie, der mit Ronald Bronstein auch das Drehbuch geschrieben hat, mit Thimothée Chalamet in der Hauptrolle des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Mauser.

Stefe wird hier darlegen, weshalb er anderer Meinung ist und womit das zusammenhängt.

Ok, stefe mag eine gewisse Allergie gegen Tischtennis-Filme haben (Ping Pong Paradise). Das ist es aber nicht. Es war eine fette Zeile in den Anfangscredits, die ihn auf diese etwas andere Perspektive lotste: Timothée Chalamet steht da groß als einer der Produzenten des Filmes.

Produzenten bestimmen mit, so die Annahme von stefe, und wenn ein Weltstar von Schauspieler, der Thimothée Chalamet inzwischen ist, sich auch als Produzent einbringt, so wird es ihm darum gehen, für sich eine besonders gute Rolle zu erhaschen, womöglich eine, in der er sich anders präsentiert als bisher oder mit einer Rolle, mit welcher er endlich sich einen Oscar verdienen kann. Dieser Verdacht hat sich im Laufe des Nachdenkens über den Film massiv erhärtet.

Der Star hat sich für Josh Safdie als Regisseur entschieden. Der arbeitet wie in Good Time. Damit outet sich Chalamet für stefe als – fast wäre er versucht zu sagen: exzentrische DramaQueen, als einer der das Drama und das Dramatische liebt, der das Gefühl hat, die Musik muss immer auf dem lautesten Level spielen, damit die Bedeutsamkeit von Szenen – und damit jene des Actors – auch richtig zur Geltung kommt. Als möchte er in alle Welt hinausschreien, Leute, merkt ihr nicht, was für ein toller Hecht, was für ein unersetzlicher Schauspieler ich bin! (Ganz scheint dem nicht so zu sein; gerade diese Rolle scheint doch recht austauschbar gestaltet).

Nicht nur das, es ist ein Starkino der abgestandenen Sorte: kein Schauspieler, ja auch keine Schauspielerin, darf an Schönheit, an Attraktivität dem Star irgendwas wegnehmen. Als Bruder (oder Cousin?) Dion (Luke Manley) muss ein ganz Dicker her, als ein Buddy einer mit einer extrem auffälligen Nase.

Auch Konkurrent Kletzki (Géza Röhrig) ist ein Typ, der Marty in keiner Weise die Show stehlen könnte, schon gar nicht der japanische Herausforderer Koto Endo (Koto Kawaguchi). Und auch Rachel (Odessa A’zion) ist für den auf jungen, smarten Hirsch drapierten Protagonisten – und wie knuddelig er erst mit Brille ausschaut! – kein Blickstehler und auch nicht sein Onkel, ein aus der Form gegangener Typ.

Mauser ist ein begabter Tischtennis-Spieler und vor allem ein absolut von sich selbst überzeugter Typ. Er steckt meist in finanziellen Schwierigkeiten und verspricht jedem, er würde Geld zurückzahlen, sobald er in London die Tischtennis-WM gewonnen habe. Nach London zu fliegen kostet Geld. Er arbeitet als Schuhverkäufer für seinen Onkel.

Im Zuge des Zwanges zur Geldbeschaffung betätigt er sich als Kleinkrimineller. Davon wimmelt das amerikanische Kino, ist keine Neuerfindung. Mauser ist dreist im Anbaggern von Leuten. Auch das ist ziemlich abgelutscht. Er macht sich an die Gattin eines Stiftfabrikanten ran, logiert sich in einer Luxussuite ein. Ach, das ist alles so abgestanden, so wie es hier mit Schielen auf den Applaus der Oscar-Jury vorgetragen wird.

Der Film widmet viel Zeit den kleinkriminellen Aktivitäten in New York, mit denen Mauser den Flug zur Meisterschaft in Tokio finanzieren will. Ein weiterer Strang ist Rachel und ihre Schwangerschaft. Mauser behauptet steif und fest, er hätte rechtzeitig einen Rückzieher gemacht, er könne nicht der Vater sein.

Ein weiteres Element ist das Judentum. Auch dieses wird in hollywoodgängiger Manier eingesetzt.

Der nächste Strang ist die Beziehung zum Stiftfabrikanten und ein Deal mit diesem über einen getürkten Werbeauftritt in Tokio gegen den Weltmeister.

Vielleicht wollen hier ein paar Leute auf Nummer sicher gehen und nur Kinoelemente verwenden, die schon mal erfolgreich waren. Am Schluss, wie eine Verbeugung vor der Oscar-Jury, darf Chalamet noch einen rührend tränenreichen Vati-Auftritt hinlegen; wenn das nicht der entscheidende Kick für die Oscar-Jury ist, dann wissen wir auch nicht mehr, wo Rom steht. Mit sowas ist allerdings kein Neuland zu gewinnen und ein heutiges Publikum, was sich direkt angesprochen fühlen möchte, erst recht nicht. Vielleicht reichts aber für einen Oscar als Staubfänger.

Ein fast perfekter Antrag

Ein Würzburgfilm

Würzburg kommt gut in diesem Film von Marc Rothemund nach dem Drehbuch von Richard Kropf.

Besonders die Uni hat es den Filmemachern angetan, architektonisch gewürzt mit der Story über den Architekten, der irrtümlich die Pläne für ein Parkhaus eingereicht habe – das schlachtet die Kamera von Ahmet Tan weidlich aus.

Hier hat Iris Berben als Alice eine zeitlich befristete Professur für Kunstgeschichte inne. Aber nicht nur Würzburg und die Uni und Iris Berben kommen gut. Heiner Lauterbach brilliert in seiner Rolle als streitsüchtiger, penetranter Klugscheißer, Perfektionist und Internet-Wertungen-Verteiler Walter Adler, ehemaliger Ingenieur mit Hund. Er brilliert schauspielerisch so sehr, dass das Drehbuch wie nicht so ganz mithalten kann. Obwohl selbst dieses sehr ordentlich, allerdings etwas zu vernünftelnd, geschrieben ist; immerhin verzichtet es auf die häufig zu erlebenden TV-Realität simulierenden Sätze, wie, ob noch Milch im Kühlschrank sei, obwohl weder die Milch noch der Kühlschrank eine Rolle in der Geschichte spielen.

Man schaut gerne zu, auch dem übrigen, prima ausgewählten und eingesetzten Ensemble, das ist schon was in einem deutschen Film. Auch den Chor, also die Komparsen, hat Regisseur Marc Rothemund im Griff, nie störend, nie ablenkend, immer aber pulsierendes Leben simulierend.

Die Geschichte, eine Liebesgeschichte mit Komödieneinschlag, ist vielleicht etwas gradlinig. Sie wird kurz mit der Vorgeschichte vor 40 Jahren eingeführt. Walter Adler als junger Mann (Julius Forster) macht Alice als junger Frau (Raffaela Kraus) mit einer in Studenfilmen beliebten Kettenreaktionsinstallation, die aus dem Ruder läuft, einen Heiratsantrag. Abgelehnt. Die beiden verlieren sich aus den Augen.

Im Würzburg von heute laufen sie sich über den Weg. Walters Liebe flammt erneut auf. Er setzt alles daran, mit der abweisenden Alice in Kontakt zu kommen. Dafür schreibt er sich an der Uni als Gasthörer in Kunstgeschichte ein. Das schafft schöne Momente der Generationenbegegnung, speziell mit Zero (Jonathan Perleth).

Walter macht eine Exkursion nach Wien mit, soll dort vor dem Gemälde Olympia von Manet einen zehnminütigen, freien Vortrag halten. Dieser Geschichtsfaden gibt genügend Raum für Bemerkungen zu Kunst, zum Genderthema, zu Kunstbetrachtung und -beschreibung, zum Verhältnis Mann, Frau und auch zum Impressionismus in der Malerei.

Wenn man allerdings einen Film wie Sentimental Value zum Vergleich beizieht, gilt es festzustellen, dass dort das Menschenbild ein deutlich differenziertes, komplexeres und, ja, auch humaneres ist; es sind Menschen, die eine Geschichte haben, denen Transgenerationentraumata zu schaffen machen: nichts davon in diesem deutschen Film: diese Menschen haben keine Geschichte, haben nichts Verdrängtes; für sie stellt sich nur die Frage, ob sie einen bestimmten Menschen haben können oder nicht; ziemlich platt; es sind Menschen, die in einer geschichtslosen Situation leben; denen mithin das Elementarste zum Menschlichen fehlt; denn seine Geschichte macht einen Menschen aus und nicht, ob er etwas haben kann oder nicht.

So bleiben die Figuren letztlich im Geschlechterspiel ge- und befangen; sie wirken im Vergleich zum skandinaivschen Film eindimensional, werden zu Bannerträgern von zeitaktuellen Sätzen über Geschlechterwelt, Liebe und Egoismus. Die Musik versucht mit einem Griff in die Feelgoodkiste darüber hinwegzubluffen.

Twenty One Pilots: More Than We Ever Imagined

Außergewöhnliche, künstlerische Freundschaft

Der Film von Mark C. Eshleman ist in erster Linie ein Konzertfilm, wie sie zur Zeit gehäuft auf die Kinoleinwände drängen. Er ragt unter diesen hervor. Vielleicht nicht nur, weil der Regisseur die Band und ihre Konzerte offenbar lange und gut kennt, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Konstellation von zwei Musikkünstlern, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der eine, Josh Dun, der ist ein Typ wie ein Bodybuilder, muskulös, Drummer, hat den Schalk in den Augen. Er ginge gut als Personenschützer von Tyler Joseph durch. Der ist der Sänger, der Protagonist des Duos, wohl auch das Mastermind. Seine Musik scheint Millionen zu bewegen.

Das Stadion in Mexiko („Vivir es increible“) jedenfalls kann all seine Songs mitsingen. Wie Twenty One Pilots auf ihrer Welttournee hier Station machen, wird die Dokumentation aufgenommen.

Es sind interaktive Konzerte, teils singt nur das Stadion; Tyler dirigiert, Tyler gibt vor. Er ist einerseits ein Sänger, der auch leise, besinnliche Töne zulassen kann, zarte direkt, der andererseits ein lässiger, geschickter Massenmanipulator ist. Er ist mit seinem federnden Gang, seinen jugendlichen Bewegungen ein Blickfang; einmal steht er mausbeinallein hoch auf einem Dach.

Der Film lässt die beiden vor dem Konzert in den leeren Rängen sitzen, über ihre Anfänge nachdenken, erstaunt feststellen, dass ein Traum wahrgeworden ist. Solche Backgroundclips bringt der Film in Schwarz-Weiß, in distinguiertem Schwarz-Weiß und mit exquisit ausgewählten Bildausschnitten. Auch Fahrten in Limousinen, Garderobeaufnahmen.

Im Konzert legen die beiden teils große Strecken zurück durchs Publikum. Sie treten auch mitten in der Menge auf; einmal steht Josh sogar auf einem Podest, das die Zuschauer mit ihren ausgestreckten Armen in die Höhe heben. Ein ander Mal darf ein Mädchen aus dem Publikum zu Tyler auf die Hebe-Bühne und ein Lied anstimmen. Es vergeht ungläubig schier vor Glück.

Gigantisch ist inzwischen, was solche Shows an Licht-, Sound- und Feuereffekten herstellen und teils auf meterhohen Bildschirmen projizieren; das ist alleweil was für das Auge. Das Publikum wird mit ihren Handys Teil der Lichtshow, es soll bei bestimmten Worten die Lichter in die Höhe strecken; wie bei einem Kanon, wird es dazu in Gruppen eingeteilt. Da gibt es eine Schnittmenge zu den Fischer Chören, die auch Massenereignisse waren. Das sind solche Konzerte immer und es ist konsequente Massenmanipulation. Das wollen die Besucher, eintauchen in den Fancorpus, Teil davon sein, etwas von ihren Idolen erhaschen.

Musikalisch ist das Duo auch für den Laien und Nicht-Aficionado erkennbar differenziert zugange, ganz im Gegenteil zur koreanischen Boygroup Stray Kids. Das Klavier auf der Bühne erinnert unmissverständlich an Zeiten, als das Duo noch in Clubs und Kellern aufgetreten sind; außer, dass jetzt unten ein Bündel an Kabeln rausschaut.

Scarlet

Fantasievoll fantastische Behandlung des Rachethemas

Es ist faszinierend zu sehen, wie unbefangen eklektisch Mamoru Hosoda, der mit Todd Haberkorn auch das Drehbuch geschrieben hat, bei kulturellen Topoi vor allem abendländischer Provenienz sich bedient, um in einer bestechend schönen Animation das Thema der Rache zu behandeln und dabei noch eine Liebesgeschichte einzubauen und das grundsätzliche Thema, was es heiße, ein Mensch zu sein, zu ventilieren.

Ausgangspunkt ist der Hamlet von Shakespeare, wird aber Amleth geschrieben, man ist so frei. Und Hamlet selbst ist hier der rechtmäßige König von Dänemark, residiert, korrekt, in Helsingör. Er wird aber von seinem Bruder Claudius des Verrates bezichtigt, getötet und der Usurpator besteigt den Thron.

Inhaltlich verkörpert die Hamletfigur die Tochter von Amleth, Scarlet. Ein Name, der wieder einen vollkommen anderen Assoziationsbereich abdeckt. Sie ist die Heldin. Sie will Rache üben am Tod ihres Vaters. Dumm nur, dass sie bereits der Welt der Lebend-Toten angehört, wer immer auch will, darf hierbei an Zombie-Zwischenreiche denken.

Scarlet landet im Bereich der Welten von Dantes „Göttlicher Komödie“. Hier heißen sie nicht Paradies, Purgatorio und Inferno. Das Paradies wird in der deutschen Untertitelung als „nimmerendendes Land“ bezeichnet. Scarlet landet in der Zwischenwelt, die dem Purgatorio, unserem Fegefeuer, entspricht. Hier trifft sie auf einen Sanitäter, mit dem sie die endlosen Weiten dieser Zwischenwelt durchstreift auf der Suche nach ihrem Vater und immer getrieben vom Rachegedanken.

Scarlet hat Kämpfe gegen Banditen zu bestehen und gegen die Hofschranzen von Helsingör, Ritterkämpfe, Schwertkämpfe und Mann gegen Frau. Sie trifft auf Karawanen, findet Gastfreundschaft in einer Oase. Sie kommt an Ruinenlandschaften vorbei, die an Ruinen aus dem Altertum erinnern, inspiriert möglicherweise von Orten wie Baalbek und Palmyra.

Die christlichen Themen von Vergebung, Reue und Versöhnung finden Eingang in die Geschichte. Traumhaft steigt Scarlet die Himmelsleiter hinan. Es ist ein Film, der sich wundert darüber, warum die Menschen nicht in Frieden leben können, warum sie immer wieder Kriege führen. Es ist ein Film, der von einer Einheit der Dinge ausgeht, von einem Tiegel, in dem die Zeit verschmelzt, der nicht versteht, warum der Hass bei manchen Menschen so groß sein kann, dass er bis in den Tod fortwirkt. Stattdessen sollten die Menschen doch von der Liebe erzählen, wie der Abspannssong meint.