Archiv der Kategorie: Review

Der Boandlkramer und die ewige Liebe

Barocke Lüftlmalerei

durchdrungen von Liebe zu Bayern (und dessen Schauspielern!) und zum Kino, ist dieser letzte Film von Joseph Vilsmaier nach einer Idee von Michael Bully Herbig. 

Herbig hatte schon 2008 in Joseph Vilsmaiers Verfilmung von „Die Geschichte vom Brandner Kasper“ den Boandlkramer gespielt. Offenbar hat er sich verliebt in diese Rolle und hat nun zusammen mit Marcus H. Rosenmüller und Ulrich Limmer ein Drehbuch über diese bayerisch-populäre Figur des Todes geschrieben, die er selber nochmal spielt. 

Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, spielt Herbig die Rolle ohne jede Entwicklung noch genau so, näher am Kindertheater als an Carl Valentin oder an einer expressionistischen Figur wie eines Conrad Veidt. 

Die Geschichte ist schon weich genug. Der Tod hat Erbarmen mit einem Jungen, den er dem Jenseits zuführen soll. Das Gefährt mit den Särgen drauf ist eine filmmalerische Angelegenheit, vor allem im waldlosen Gebirge; das Sujet wird ausgiebig durch den Film gefahren. 

Das Mitleid mit dem Jungen und dass der Tod ihn verschont, bringt diesen in die Bredouille, denn an der Himmelspforte wird das Fehlen einer Anlieferung bemerkt. So stupst es den Tod in den Teil des Filmes, der zum Hochzeitsfilm zum (ungefähr der dritte deutsche Hochzeitsfilm in kürzester Zeit nach Hello Again und Es ist zu Deinem Besten). 

Gefi (Hannah Herzsprung) soll heiraten, weil ihr wirklicher Geliebter noch nicht aus dem Krieg zurück ist. Der Film spielt in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, das gibt schöne Autos ab oder man kann einen Konrad Adenauer am jungen deutschen Fernsehen zeigen. 

So entscheidet Gefi sich für die zweite Wahl. Der verschonte Bub Max ist das Kind des noch nicht heimgekehrten Vaters und von Gefi.

Bully herbig kämpft mit Gefühlen bei einer Figur, die ihren Reiz aus ihrer Unbestechlichkeit beziehen soll und daraus, dass es eine abstrakte Figur, eine Symbolfigur ist. Ja, er soll etwas über Gefühle lernen, soll lernen, wie man sich für eine Frau attraktiv macht. Ein mitfühlender, ein mitleidiger Tod.

Der Tod und Gefühle, das geht ganz furchtbar schief, genau so wie der Versuch, Dick und Doof nachzuspielen. Das ist sicher unglücklich, vorher einen Originalausschnitt der beiden und ausgerechnet wie sie tanzen, in den Film zu schneiden; das macht die künstlerisch substantielle Differenz umso schmerzlicher. 

Dass der Tod mit einem Aussprachefehler kämpft, dass er ständig zu grimassieren versucht, große Augen macht: Kasperltheater (wobei das als philosophischer Hinweis gelesen werden kann, als eine Interpretation). Aber dieses Todes Need scheint einzig zu sein, unbedingt unterhaltsam sein zu wollen. 

Vilsmaier hat vor der Kamera eine gute Corona bayerischer Schauspieler versammelt, aber sie haben vom dünnen Drehbuch her kein Futter, sie haben zwar Routine genug, dadurch nicht nackt dazustehen, aber mehr ist auch nicht. 

Man kann den Film als Vermächtnis von Vilsmeier lesen, wie er das Kino und die Schauspieler und das Bayerische liebt – aber das Drehbuch kann dem keinen vernünftigen Boden geben. So bleibt es eine schöne, leere, leinwandschmeichelnde leere Hülle; bestenfalls eine barocke Lüftlmalerei als Liebeserklärung an das Bayerische und an das Kino.

Clara und der magische Drache

Freiheit der Fantasie

oder: Hängematte statt Couch

Wann gibt es schon einen Animationsfilm aus der Ukraine und noch dazu von internationalem Niveau und außerdem mit einer prima deutschen Synchro? 

Oleksandr Klymenko, der mit Sergiy Graber auch das Drehbuch geschrieben hat, hat das zustande gebracht und sicher riesigen Spaß gehabt, die Möglichkeiten von Slapstick und vergnüglichen Unterhaltsamkeiten, die seine Abenteuergeschichte bietet, weidlich auszunutzen. 

Clara ist ein wunderbares Animationspüppchen, jung, hübsch und weiß noch nicht allzuviel über sich selber, aber es wird sich zeigen, dass sie nicht nur über enorme akrobatische Fähigkeiten sondern auch über karateähnliche Kampftalente verfügt – und mehr. 

Clara lebt in einer kleinkinderbuchidyllischen Mühle mit Zwerg Alfred zusammen, der sieht ein bisschen aus wie ein Gartenzwerg, aber nicht schwarzwaldkitschig. Hier haust auch der Waschbär, der sich als ausgebildeter Psychoanalytiker à la Dr. Freud sieht und am liebsten die Zeit in einer Hängematte verbringt. Ferner leben hier drei Äffchen, die sind zuständig für die Abteilung fröhlicher Klamauk, höherer Blödsinn, Bananenalbereien und Gefährlicheres wie Anzünden des Hauses. 

Ein kleiner magischer Drache, der eigentlich hätte aus der Welt geschafft werden sollen vom bösen Magier, der auf einem zuckerhutspitzen Berg wohnt, hat wie Moses zwar nicht im Weidekörbchen, aber in ein Tuch gewickelt überlebt, wird vom Fluss angeschwemmt (mit Kollateralschaden am Wasserrad). 

Clara entdeckt den kleinen, süßen Drachen, der noch gar nicht fliegen kann, und will ihn in Begleitung von Alfred und dem faulen Waschbären zu seinem Heimatnest bringen. Auf dem Weg dahin gibt es andauernd Hindernisse, die – obwohl es doch fast alles Tiere sind – keinesfalls tierisch ernst bewältigt werden, sondern in einer Art mit vielen Einfällen und ab und an spielen auch kleinere Tierchen mit oder sie spielen einem Streich, so dass die Story quietschbunt slapstickhaft vergnügt über die Leinwand tollt und immer klare Schwarzschnitte, wenn bei einem Erzählstrang wieder ein Twist erreicht ist.

Der Geyer des Magiers soll der Spur der kleinen Drachen folgen; das wird bei Regen köstliche Bilder abgeben, wie er zu Fuß durch den aufgeweichten Boden schlurft und jammert. 

Und wie es sich für ein Märchen geziemt, werden am Ende die Guten über die Bösen siegen. 

Lebenslinien: „Die Isarnixe“ (BR, Montag, 26. Oktober 2020, 22.00 Uhr)

Die Probleme wegschwimmen,

meint die Protagonistin Marie-Louise Jordan, die seit Jahrzehnten regelmäßig schwimmen geht; dies sei nicht nur gegen die Kilos gut. 

Interessant und beachtenswert sind die Lebenslinien (und damit sind sie auch bekannt geworden), wenn sie nicht korrumpiert sind mit Promi- und Schleichwerbung, die letztlich nur dem Geschäft der Protagonisten dienen sollen; sondern wenn sie von Menschen berichten, die gerade nicht in den Schlagzeilen sind, die eben nicht prominent sind, die nicht hinter dem Medienauftritt hinterherhecheln. Und die doch faszinieren. 

Diese Lebenslinien von Marie Wiegern (Redaktion Christina von Hahn) sind zusätzlich zur Schwimmerinnengeschichte auch eine Urmünchner-Geschichte. Marie-Louise ist in München geboren, in Haidhausen und hat hier und in der Au den Großteil ihres Lebens verbracht; es folgte der Alterssitz in Neuperlach. 

Es ist ein Ohrwurm, Marie-Louises Münchnerisch zu hören, eine Rarität, in München geboren, in München sprechen und denken gelernt, in München das Leben verbracht, verliebt, geliebt, ein Sohn; aber auch Schicksalsschläge. 

Als Mädchen hat Marie-Louise den Krieg erlebt, in der Nachbarschaft in Haidhausen das erste Haus, was von einer Fliegerbombe getroffen wurde und wie das Leben aber weiterging. Verschickung aufs Land, doch das Heimweh zur Familie war größer. 

Protagonisten von solchen Sendungen sind immer bemerkenswert, wenn sie auch gelernt haben, zu denken, ihre Leben zu reflektieren; sie habe das ihrem Mann zu verdanken, ebenfalls Münchner, der aber noch vor dem Ruhestand verstarb. 

Der Kontakt zu dieser Persönlichkeit könnte über den Sohn entstanden sein, der beim Fernsehen Cutter ist. Denn solche Menschen bewerben sich garantiert nicht von sich aus bei so einem Fernsehformat. Eine gewisse Prominenz hatte Marie-Louise Jordann allerdings zeitweilig erlangt: mit ihrer Synchronschwimmergruppe, mit der sie sogar weit gereist ist und in der sie heute noch aktiv ist. Zum Abschluss des Filmes bei einer Vorführung in einem Münchner Bad erntet sie großen Applaus, den man ihr von Herzen gönnt.

Bohnenstange

Russische Dröhnung

Russische Kunst, Filmkunst, kann menschliche Seele schildern in allen Facetten, sie drehen und wenden und mit anderen Seelen zusammenbringen, kann auf existentiell Menschliches sich fokussieren und dieses wie hier im Film von Kantemir Balagov, der mit Alksandr Terkhov auch das Drehbuch geschrieben hat, diese vielschichtige Ansicht stilisiert in einer Ausstattung, die sich mehrheitlich auf warmherziges Rot-Grün verlässt, wie auf einem gediegenen Tablett servieren.

Das ist kein Film, in welchem Themen besprochen werden, wo am Frühstückstisch wie im deutschen Themenfilm die Frage gestellt werden muss, ob noch Porridge da sei, hier wird lustlos im Frühstückbrei gerührt und Salz ist nicht dabei. Dieser Blick auf die menschliche Seele und ihre Urbedürfnisse, der lässt sich Zeit, dehnt sich, wird aber nie langweilig, bleibt aufregend von Szene zu Szene, obwohl das Narrative ein dünner Faden bleibt und sich eher wie aus einer Dämmerung herauskristallisiert.

Die menschlichen Urbedürfnisse sind Heilen von Wunden, Verarbeiten des Verlusts eines Kindes, den Ersatz der Kinder, Ersatzmutter auch, dem Tod ins Auge sehen, ihm gar nachhelfen, wenn das Leben nichts mehr bietet, Liebe spüren, lernen, erfahren, oder auch nur geldwert praktizieren aus Überlebensgründen im Krieg.

Ein Spital nach dem Krieg in Leningrad. Iya (Viktoria Miroshnichenko) ist die faszinierende Hauptfigur. Sie wird die Bohnenstange genannt. Sie ist ein bis zwei Köpfe größer als alle anderen um sie herum. Aber diese Übergröße der Frau wird nicht weiter thematisiert, das ist das Reizvolle, es verdeutlicht aber die Proportion der Geschichten unter den Menschen, so als ob sie diskret überzeichnet werden im Sinne der besseren Erkennbarkeit.

Iya, was aus dem Griechischen stamme und „Veilchen“ bedeute, arbeitet im Spital. Sie kümmert sich um Stepan. Sie sorgt sich um den kleinen Bruder ihrer Mitsoldatin im Krieg Masha (Vasilisa Perelygina). Aber auch hier wird ein Verlust zu beklagen sein. Das schafft schmerzhafte Verbindungen und schlechtes Gewissen, Schuldgefühle und Verpflichtungen.

So hängen auch andere Menschen miteinander zusammen, unter anderem der Chefarzt oder der junge, sinnliche Stepan (Konstantin Balakirev) dessen Überlebenschancen gering sind.

Wo Kinder verloren sind, müssen wieder Kinder her. Das Leben muss weiter gehen. Frauen sind dafür da. Aber wie, wenn sie unfruchtbar sind wie Masha?

Masha kehrt auch aus dem Krieg zurück, fängt im Spital an. Die beiden Freundinnen gehen in Leningrad spazieren. Zwei grüne Bengels machen sie an. Sasha (Igor Shirokov) wird uns im Film noch begleiten, vor allem Masha, auf die er steht und die ihm das erste Liebesabenteuer im Fond eines Autos ermöglicht.

Auf der Tonspur mischt sich immer wieder ein sägendes Geräusch ein, nicht Zahnarzt, aber als ob Metall zersägt wird, interpretierbar zu den bildlichen Vorgängen auf der Leinwand, was da vor sich geht und wie glatt.

Im letzten Teil tritt eine kleine Wende ein, die die Möglichkeit des Hochzeitsfilmes andeutet, da wird es kurz herrschaftlich wie abweisend und der Film lässt offen, ob am Ende die Frauen triumphieren.

Kajillionaire

Shabby Cinema

Alles ist schäbig im Kino von Miranda July, auch das Kino kommt im trostlosen Schäbig-Look daher: vor allem Garagen, Kreuzungen, gesichtslos, freudlos, in drögester TV-Manier, keine Kamerafantasie, keine Kamerafreude, so wenig Aufwand für die Kamera wie möglich, keine reizenden Lichter setzen, die Kamera hinstellen, so dass die generell zwei oder drei Figuren oder später auch vier im Bild Platz haben, so halbnah wie möglich, das wars. 

Und schäbig bis schlabbrig sind sie gekleidet, die drei Hauptfiguren, nur ja keine Reize zeigen, Töchterchen Old Dollo (Evan Rachel Wood), durfte nicht sofort nach der Geburt der Mama zur Brust kriechen und das die Eltern nie herzen oder Schatz oder Liebling nennen (ein Auswuchs der 68-er antiautoritären Erziehung), schon die Steckenhaare und die entsprechende Mine zeigen den Rakidalverzicht auf Sinnlichkeit, Mama Theresa (Debra Winger) gerade keine Mutter Theresa und Papa (Robert Jenkins), der die kleine gesellschaftliche Außenseiter- und Diebesbande im eisernen Griff hat. 

Und schäbig wohnen sie in einem Abstellraum für Büromöbel, der Teil einer Fabrik ist. Einmal täglich dringt Schaum, der aussieht wie Zuckerwatte, durch die Ritzen einer Wand und die Familie muss diesen mit Eimern entsorgen, ein Pflichttermin im Mietverhältnis. 

Mietschulden haben sie obendrein. Um aber dem Vermieter zu entgehen, müssen sie akrobatische Übungen an einer Wand vorbeimachen auf dem Weg zu ihrer Wohnung. 

Eine Einkommensquelle dieser Shabby-Familiy ist sehr detailliert geschildert. Old Dollo ist dafür zuständig, das Postfach, das sie offenbar gemietet haben, aufzusuchen. Dafür sind wieder elastische Körperbewegungen nötig, um unter den Überwachungskameras hindurchzukommen (nur ja keine Brillanz bei solchen Übungen). Nach dem Öffnen des Faches wirft die Täterin einen Blick in den Verteilraum und wenn die Zuständige gerade nicht hinschaut, gibt es den Griff durch das Postfach und das Ertasten von Post in den benachbarten Fächern. 

Im Film wird eine kitzlige, übergroße Ausbeute gezeigt, ein langes, dickes, gelbes Couvert. Der Inhalt ist medioker, unter anderem eine Krawatte und besonders wertvoll ist sie nicht. Auch der Rest reicht nie und nimmer, um die über 1500 Dollar Mietschulden aufzubringen. Da müssen andere Geldquellen her. 

Versuche an Geld zu gelangen füllen den Rest des Filmes, immer skurril, immer sehr erfunden. Eine junge Frau, Melanie (Gina Rodriguez), ursprünglich Opfer, bleibt bei der Familie hängen. Sie ist die sinnliche Gegenthese gegen die Schäbigkeit, macht aber mit. Einmal ist das Opfer ein Sterbender, auch das bringt einen Hauch Leben in die Schäbigkeit. Beim Nacherzählen fällt auf, dass sich das sicher ganz abgefahren, satirisch, skurril anhört, macht auch Spaß, die Beschreibung; aber beim Schauen selber kam mir der Film zu kopfig, überdeutlich und viel zu wenig sinnlich vor, kam mir vor wie ein vertrockneter Früchtekuchen. Sehr gut gemacht, sehr gut gedacht, sehr akademisch, aber zu lebensfeindlich, zu verkopft auf die Leinwand gebracht, eine vertrocknete Gaunerkomödie, in der die Protagonisten verkorkst die Liebe suchen. 

Mein Liebhaber, der Esel & Ich – antoinette dans les Cévennes

Die ganz, ganz leichte Komödie.

Die skizziert Caroline Vignal mit dieser Geschichte auf die Leinwand, spitzfedrig, nur keine ernsthaften, gewichtigen Probleme, nur kein Stirnrunzeln, was die Menschen mit der Liebe machen, das kann man sowieso nicht ernst nehmen, das ist zum Schießen, wie nah das an der Eselhaftigkeit liegt, fast grenzt diese Komödie an Blödelei, aber eben nicht ganz.

Überspitzt stattet Vignal ihre Hauptdarstellerin Antoinette (Larue Calamy) nicht nur mit dem merkwürdigen Nachnamen ‚Lapouge‘ aus, was so weich und unkonturiert sich anhört, ganz im Gegensatz zum Vornamen Antoinette, sie charakterisiert sie auch noch als die Frau, die alles übersteigert weglacht, als amüsiere sie sich über ihr eigenes existentielles Wuseln, speziell demjenigen in Liebesdingen. 

Antoinette lebt solo, ist Lehrerin, hat aber ein Seitensprungverhältnis mit ihrem Kollegen Vladimir (Benjamin Lavernhe), einem zwar männlichen Typen, aber so ganz und gar nicht der Erotoseitenspringer. 

Antoinette und Vladimir planen einen gemeinsamen 5-Tages-Urlaub zu Beginn der Sommerferien. Vladimirs Frau Eléonore (Olivia Côte) ändert unverhofft ihre Pläne und will mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Töchterchen eine Eselswanderung in den Cevennen  unternehmen. 

Antoinette will sich das nicht bieten lassen. Sie begibt sich ebenfalls auf den Eselstrip. Erst kämpft sie sich allein mit Esel über einige Etappen. Die Begegnung mit Esel Hans und seinen Begleitern Vladimir, Eléonore und dem Töchterchen kann nicht ausbleiben. 

Vignal aber lässt die Begegnungen kurz und angedeutet sein. Ausgerechnet Vladimirs Frau möchte, dass sie die nächste Etappe gemeinsam gehen. Nachts begegnen sich Antoinette und Vladimir. Ein kurzes, heimliches Vergnügen. Seine Frau hat längst alles durchschaut. 

Wie Antoinette die Vorwürfe von Eléonore einfach weggringst, da gehört eine gehörige Portion Naivität dazu; mir scheint, die Regisseurin amüsiert sich über diesen Typ von Frau, den sie hier gerade nicht als Püppchen zeichnet, eben auch irgendwie untypisch. 

Wobei immer diese Hilflosigkeit einer Frau allein mitschwebt, wie sich am nächsten Übernachtungsort, wo Antointette wieder getrennt ist von der Familie, gleich mit mehreren Kerls anbandelt, aber wie bei Teflon bleibt keiner an ihr kleben. 

Die Pointe des Filmes ist karikaturhaft-eselig und einige herzenstiefe Eselschsschreie gibt es auch, IA Iah I, Aah! 

Hier geht es nicht um Offenbarung, hier geht es um leichtes Amüsement, auch über den Satz LIEBE GIBT ES WIRKLICH. Nebenei erzählt der Film auch vom sich einstellenden Gemeinschaftserlebnis einer solchen Wanderung, die Geschichte von Antoinette eilt ihr auf dem Eselsweg voraus. 

The Beach House – Am Strand hört dich niemand schreien

Blüte und Zerfall.

Ein Symbol für das Thema seines Filmes baut Jeffrey A. Brown in diesen hinein. Zum Thema Schönheit liegt auf einem Tisch eine unfertiges Puzzle. Erkennbar ist der Kopf aus „Die Geburt des Venus“ von Sandro Botticelli, dieses Gesicht mit den blonden Strähnen. 

Die Puzzlesteine drum herum liegen verstreut. Die Venus ragt aus einer Muschel aus dem Meer empor. Brown interessiert sich aber nicht nur für die Entstehung von Schönheit, er denkt ihre Vergänglichkeit mit in seinem leisen Mystery-Horror-Film und mir scheint, als habe er dabei ein zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht. 

Randall (Noah Le Gros) und Emily (Liana Liberator), zwei bildhübsche junge Menschen, wollen ein paar Tage im Ferienhaus der Eltern von Randall verbringen. Dieses liegt in einer Streusiedlung von Ferienhäusern in den Dünen am Ozean (gedreht worden ist in North Truo, Massachusettes). 

Das junge Paar möchte in der Abgeschiedenheit Beziehungsdinge klären. Die Ferienhäuser drum herum stehen leer, es ist Vorsaison. 

Die Bilderwelt des Filmes wird eingeführt mit der Betrachtung von Unterwasserwelten, von deren Strukturen, die zur Assoziation mit dem Begriff Fragilität führen. 

Bald stellt das Paar fest, dass sie nicht die einzigen Besucher in dem Haus sind. Ein Kommunikationsproblem mit Randalls Eltern hat dazu geführt, dass ein befreundetes Ehepaar von diesen ebenfalls ein paar Tage in der Einsamkeit verbringen möchte. Es sind dies Mitch (Jake Weber) und Jane (Maryann Nagel). 

Die Gespräche der beiden Paar gehen vom Studieninteresse von Emily aus, die von der Chemie her in Richtung Astrobiologie geht und die Frage ist, wie dabei aus Chemie Biologie werde. Es schwingt das Diaphragmatische des Seins und dessen zerbrechlichen Grundlagen mit. 

Stutzig macht Emily der enorme Tablettencocktail, den Jane offenbar zu sich nehmen muss. Aber keine Angst, es wird kein Tumorfilm; es wird astreiner und malerisch schöner Horror, der die Vergänglichkeit und den Zerfall zelebriert. 

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Weiße Nigger

Weiße Nigger nennt ein osteuropäischer Wanderarbeiter sich und seinesgleichen, die hier im reichen, kapitalistischen Deutschland über Subunternehmen beispielsweise in der Fleisch- (und immer wieder Skandal)fabrik Tönnies in Westfalen zu Bedingungen arbeiten, die nicht den hier gültigen arbeitsrechtlichen Standards entsprechen (ein Sprecher der Fabrik auf einem Podium: einen rechtsfreien Raum habe er nicht gesehen). Weiße Sklavenarbeit. Dies ist ein Beispiel für ausbeuterischen Kapitalismus. 

Yulia Lokshina von der HFF München hat zu diesem Thema einen anregenden Bilderbogen zusammengestellt; eine Annäherung an die üblen Mechanismen des Kapitalismus, anzusiedeln vielleicht in der Umgebung der Filme von Carmen Losmann (Work Hard, Play Hard, Oeconomia). Das optische Leitmotiv in der Eingangssequenz sind Schweine, die versuchen einen an einer Kette befestigten Apfel zu fressen, was aber nicht gelingt. Dazu ein Text, der über den Tod eines Arbeiters an einer Maschine berichtet. Das stimmt auf harte Kost ein. 

Das Bild mit den Schweinen verweist auf einen weiteren kapitalismuskritischen Film: Porcile von Pasolini. 

Der Zugang von Yulia Lokshina besteht in der Beobachtung der Theaterarbeit eines Pfarrers mit einer Jugendgruppe am Brecht-Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, hinweisend auf Tönnies. 

Um die Fabrik Tönnies herum beobachtet Lokshina die Arbeit von Mitgliedern des Integrationsrates, von Deutschlehrern, einer Sozialarbeiterin. So kommen einzelne Wanderarbeiter zu Wort. Es gibt Einblicke in die Wohnverhältnisse einer Camping-Siedlung (mit Papageien und Schildkröte). Dort muss die Dokumentaristin allerdings sich anhören, dass es lohnenswert wäre, in der Fabrik selber oder in jenen Wohnblocks zu filmen, wo zum Teil über 20 Namen am Türschild einer einzigen Wohnung zu finden sind; der Lette fügt hinzu, dass ihr das nicht gelingen dürfte. Mal schauen, ob sie sich vom Stachel der Undercover-Investigation löken lässt. 

Im hinteren Teil des Films nimmt die Sensationsgeschichte von Mihaela vermehrt Raum ein, einer Frau und Mutter, die ihr drittes Kind aus Verzweiflung an einem Sonntagmorgen in einer Rohbaugarage zur Welt gebracht und anschließend in einem Park ausgesetzt hat. Im Kontext des Filmes wird klar, dass die gerichtlich verurteilte Frau zuerst Opfer der Ausbeutung und als Folge davon zur Täterin wurde. 

Die Bildimpressionen entstammen einer schön fokussierten Kamera. 

Yakari

Entscheidend für einen Kinderfilm dürfte sein, dass die Geschichte klar und nachvollziehbar erzählt wird; was zur Synapsenbildung des sich entwickelnden Hirns entscheidend ist. Dieses Kriterium an einen Kinderifilm erfüllt diese Animation von Xavier Giacometti und Toby Genkel nach den Comics von Derib & Job vollumfänglich. 

Die zentrale Figur ist der 8-jährige Indianerjunge Yakari. Er träumt von Adlerflug und von großen Taten, davon, ein Held zu werden. Und heldisch ist die Schlusspose auf dem Pferd ‚Kleiner Donner‘ mit hocherhobenen Vorderbeinen, den Kopf gen Himmel, auf einem Felsvorsprung stehend, Kühnheit und heldische Emphase gleichzeitg bedeutend, darunter der Abgrund. 

Ein Junge, der solche Träume wahr macht, ist etwas ganz Besonderes. Das will Yakari sein. Die Identitätsbildung dieser Besonderheit betreibt er mit den Abenteuern, die ihn vom wilden Hengst Kleiner Donner träumen und diesen später auch domestizieren lassen. 

Das ist die Geschichte im Film. Sie fängt damit an, dass die Bisons vor einem mächtigen Sturm wegdonnern. Die Indianer verstehen das als Alarmsignal. Auch sie müssen mit ihren Zelten umziehen. Dazu brauchen sie wilde Hengste. Einer davon ist ‚Kleiner Donner‘. Der aber entkommt mit einem kühnen Sprung dem Kessel. 

Yakari spürt die Berufung, den Ruf. Er setzt sich auf die Fährte des Ponys, wie manche sagen. Ihn begleitet anfangs noch Knickohr, sein Hund. Ein Zufall will es, dass er den Hengst aus einer misslichen Lage, eingeklemmt zwischen Felsen, befreien kann. Er wird dafür nicht nur mit dem Symbol des Heldentums, einer Adlerfeder entlohnt, sondern auch mit der Gabe, mit den Tieren in ihrer Sprache kommunzieren zu können. 

Diese Gabe setzt Yakari ein, um sich mit ‚Kleiner Donner‘ anzufreunden. Die Abenteuerreise und die Gefahren, die sie gemeinsam bestehen, kittet die beiden zusammen, macht sie stark, auch eine wichtige Lektion fürs Leben. 

So weit zum befriedigenden Storytelling des Filmes; wobei er speziell für kleinere Kinder geeignet sein dürfte. 

Das andere ist das Stilistische. Das mag Geschmacksache sein. Aber es ist auch das, was entscheidend zur Geschmacks- und Sprachbildung der Kinder beitragen könnte. Hier allerdings sehe ich mich eher einer hochentwickelten (was das Zeichnerische, die Tricks, die Montage, die musikalische Untermalung betrifft) Technik, denn einer persönlichen Handschrift gegenüber. Das betrifft auch die deutsche Nachsynchronisierung, die jeglichen Charme vermissen lässt, die statt auf Persönlichkeit mehr aufs Chargieren wie im Kasperltheater (immerhin passend zur Holzschnittartigkeit der Figurenzeichnung) setzt. Es ist ein stilistischer Mix, ein Gemischtwarenladen auf hohem Niveau. Wie es in solchen Fällen heißt: wenn es nichts nützt, so dürfte es kaum schaden; nicht weise, aber immerhin vernünftelnd; dazu passen Slapstickszenen wie im Indianerdorf; hier laufen die Leute ständig ineinander. Produkt einer hochentwickelten Industrie. 

Winterreise

Ein komplexes Unterfangen

Anno 1995 hat Martin Goldsmith in Tuscon Arizona seinen Vater George, der als Günther geboren worden war, über seine Vergangenheit befragt. 

George wurde in Deutschland geboren, war ausgebildeter Flötist, spielte lange in Nazideutschland im Orchester des Jüdischen Kulturbundes, einer von Göbbels aus Gründen der Kontrolle initiierten Organisation. Dort lernte Günther seine Frau kennen. 

1941 sind die Goldsmiths nach Amerika ausgewandert. Mutter Rosemarie spielt wieder in einem Orchester. Während der Vater 35 Jahre lang als Möbelverkäufer seine Familie ernährt– und diesen Beruf hasst. 

Anders Ostergaard und Erzsébel Rácz haben diesen Stoff ausgehend vom Interview verfilmt. Das Drehbuch hat Ostergaard zusammen mit Martin Goldsmith, dem Sohn von George, verfasst. Die Rolle seines Vaters spielt Bruno Ganz. Es dürfte eine seiner letzten Filmrollen gewesen sein. Dieses Wissen lenkt den Blick auf die Figur, wie krank ist er schon, in manchen Szenen ziemlich, in anderen sieht er recht fit aus, manchmal schnauft er schwerer, manchmal weniger; aber seine urschauspielerische, naive Spielfreude ist keine Sekunde erlahmt. 

George kümmert sich in seinem Garten in Tuscon um die Kakteen, die gelegentlich auch als Symbole der Einsamkeit eines Vertriebenen herhalten müssen. 

Ostergaard und Rácz bewältigen die Kompexität ihres Unterfangens mit unterschiedlichen filmischen Mitteln, die manchmal wie mühsame Klauberei in der Suche nach Erinnerungen wirken, die deutlich machen, wie schwer es ist für George, diese Zeit überhaupt wieder hervorzuholen. Bei vielen Dingen, zB die Bar Mitzwa im Jahre 1926, will er sich erst gar nicht erinnern, dann gibt er nach, es werde wohl so gewesen sein. 

Die Regisseure stecken Fleiss und Arbeit in die Zusammenstellung ihres Montagematerials. Das sind die Aufnahmen aus dem Haus von George, sind die Interviews. Sein Sohn Martin stellt die Fragen immer aus dem Off. Zur Bebilderung dient teils aktuell nachgedrehtes Material zB aus Oldenburg, wo die Familie Goldsmith herkommt, hinzugefügt wird vielseitiges Archivfootage.

Es gibt Szenen, die eine Mischung aus Reenactment sind, in denen der junge Günther von einem jungen Schauspieler nachgespielt wird, die Szenerie aber wird Fotos aus Archiven entnommen. Manchmal lenkt solche Arbeit auch ab, man fragt sich, wie ist das zustande gekommen, ist das jetzt ein Double? 

Es gibt Stummfilmszenen in Schwarz/Weiß, die nachträglich vertont worden sind. Es gibt Archivfootage, zeitgenössisches aber auch von der Familie Goldsmith. Es ist ein Mix aus Bildertricks und dazwischen immer wieder die aride Landschaft Arizonas, die symbolhaften Kakteen und nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter, um den Titel, der auf Schuberts Winterreise verweist, bildhaft zu erläutern. So komplex und collagenhaft diese Bilderarbeit ist, so wirkt sie aber auch hingebungsvoll und persönlich und macht den Film zu einem Unikat in der Masse der Nazizeitverarbeitungsfilme.