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Der Menschliche Faktor

Hochtrabender Titel: den gab es schon von Otto Preminger 1979, nach dem Drehbuch von Tom Stoppard nach dem Roman von Graham Greene mit Darstellern wie Richard Attenborough, John Gielgud, ein hochkarätiger, britischer Spionagethriller.

Eher unwahrscheinlich, dass Ronny Trocker, der hier für Buch und Regie steht, irgend einen Verweis auf den britischen Film beabsichtigt. So sei der Versuch gewagt, vom Film ausgehend den Titel zu begreifen oder zu erklären.

Die ersten Aufnahmen suggerieren Horror. Die Kamera durchstreift ein leeres, aber eingerichtetes Haus. Das ist jedenfalls ein häufig verwendetes Mittel im Horrorgenre, den Raum die Gelegenheit zu geben, sich als künftiger Horrorraum zu etablieren.

Dann weiß die Kamera auch schon, wie die Bewohner eintrudeln werden und fängt das in einer fahrigen Choreographie ein. Es ist dies die Protagonistenfamilie im Film, der Vater (Mark Waschke), die Mutter (Sabine Timoteo) und die beiden Kinder, der Bub noch kleiner, die Tochter schon erwachsen. Sie werden einträchtig in einem Bett schlafen.

Der Horror wird bald schon eingelöst mit bekannten Mitteln, Schreie, Mama hat Blut auf der Stirn und erzählt, sie habe den Kopf angestoßen, was hier bezüglich häuslicher Gewalt allerdings ein Irrläufer ist. Sie will einen Schatten gesehen haben und der Bub sogar Männer, die im Hause waren, während der Vater einkaufen war.

Zu erfahren ist auch, dass das Haus in einem französisch sprechenden Ort am Meer sich befindet und dass es das Elternhaus der Mutter ist. Sie betreibt mit dem Vater eine Werbeagentur. Der Auftrag einer politischen Partei für eine Wahlkampagne treibt Vater und Mutter auseinander. Sie ist dagegen, er sieht damit eine Chance für den weiteren Aufbau der Agentur, die wohl in Deutschland liegt.

Die Familie fährt ins Horrorhaus lediglich übers Wochenende. Mit dem suggerierten Horror ist wohl der alltägliche Horror in der Familie gemeint; man muss spekulieren. Mutter ist die Drama Queen, die verschlossen leidende Frau, die offenbar ihr Leben nicht so richtig erfüllt sieht, oft dramatische Positionen des Nachdenkens oder Leidens einnimmt. Papa ist die einfacher gestrickte Figur, ein Mann will eben spielen oder seine Werbeagentur aufbauen. Zwischentöne sind da nicht vorgesehen.

Das Horrorevent selbst zieht sich wie eine Schlaufe durch den Film, wobei nicht ganz klar ist, ob als Déjà-vu oder tatsächlich als Wiederholung; denn den Eröffnungssatz des Filmes, dass es stinke in diesem Haus, wird bei der Wiederholung ein „schon wieder“ eingefügt. Auch das ist als Bild für die Familie zu sehen, dass sie stinkig sei, dass sie Durchlüftung brauche. Die findet sich nicht so leicht. Töchterchen geht zur Disco und küsst unvermittelt einen jungen Mann, Mama raucht eine Zigarette mit einem Mann, der früher offensichtlich ein Freund war und Sohnemann begräbt in stiller Trauer seine Ratte in den Dünen und wird von der Familie vermisst. Schlusssatz des Filmes, Töchterchen fragt Brüderchen ob er ein Butterbrot möchte. Ein Famille-Noir-Film?

Der beste Film aller Zeiten – Official Competition

Großzügige Eleganz

bestimmt diesen Film von Mariano Cohn und Gastón Duprat, die mit Andrés Duprat auch das Buch geschrieben haben.

Eleganz nicht nur im Hinblick auf die geniale Architektur, in der die Handlung stattfindet: riesige Räume, die den Menschen richtiggehend ausstellen, ihn als solchen schon fast zur Kunstperformance werden lassen, es ist auch die Haltung zu dem Thema der Künstlermimosen, die besonders fiebrig wirken vor dem Hintergrund eines häufig sehr bestimmten, stoischen Tastenanschlages auf einem Klavier mit klassischen Tonfolgen auf der Tonspur.

Wobei das erste Thema ein anderes ist. Der 80 jährige Huberto Suárez (José Luis Gómez), der es als Geschäftsmann mit Pharma zu (nutzlosem) Reichtum gebracht hat, möchte etwas Bleibendes hinterlassen. Er denkt an eine gesponserte Brücke, die seinen Namen tragen wird. Aber auch daran, den besten Film aller Zeiten machen zu lassen. Er sichert sich die Rechte an einem Roman, der von zwei Brüdern handelt, die keinen Kontakt mehr zueinander haben wegen eines Unfalles.

Suárez, der Geschäftsmann, möchte von allem nur das Beste. Er selbst hat leidlich wenig Ahnung von Kunst, noch weniger von Kino. Als beste Regisseurin wird ihm Lola (Penélope Cruz) vorgeschlagen, als beste Darsteller der beiden Brüder Félix (Antonio Banderas) und Ivan (Oscar Martínez).

Der Film wendet sich den Proben in den erwähnten großzügigen, leeren Räumen zu. Die beiden Stars sind alte Kämpen. Lola, faszinierend wie Penelope Cruz sie darstellt, auch wie sie aussieht in ihrem engen Anzug und der gigantischen Frisur, Lola fordert die Stars gleich bei der ersten Leseprobe heraus; sie scheint genau zu wissen, was sie will, was sie unter darstellerischer Wahrheit versteht.

Sie stößt schnell an die Grenzen besonders von Iván, der meint, also weinen, das tue er erst dann vor der Kamera und doch nicht bei einer Leseprobe.

Der Film ist eine einzige Hommage an die Kunst, an die Schauspielerei, an das Theater und das Kino. Er kennt die Empfindlichkeiten und auch Unsicherheiten von solchen Stars und rückt ihnen genüßlich auf den Leib. Die Rivalität zwischen den beiden kocht immer wieder hoch und geht bis zur Tätlichkeit. Kampfsport müssen sie auch üben.

Nebst all der Eleganz in allen Bereichen macht auch das eine der Stärken dieses wunderbaren Filmes aus, dass er das Wissen um die Empfindlichkeiten und Eitelkeiten seiner Starts nicht brühwarm als Nähkästchenbericht sensationell verpackt; sondern wie einen Teil der Partitur behandelt.

Und wenn das einerseits alles sehr ernsthaft wirkt, so überrascht er dann auch wieder mit einer nicht unbedingt vorhersehbaren Pointe. Eine elegantere Würdigung und Wertschätzung der darstellenden Künste (in den geeigneten Räumen) kann man sich kaum vorstellen, großartig gespielt beispielsweise mit feiner künstlerischer Selbstironie wie in der Kussszene. Oder, die ‚Übung‘ mit den Trophäen der beiden Stars, da schaugste.

Vater Unser

Römisch-katholisches Doppelleben

oder am Puls der Zeit der römischen Kirche

Robert Polgar ist ein katholischer Priester in einer ländlichen ungarischen Gemeinde. Er ist beliebt, leutselig, kommunikativ, die Kirche ist voll, er treibt Sport, er singt, er kocht, er hat den Draht zur Jugend.

Was die Gemeinde nicht weiß: seit 9 Jahren ist er mit einer Frau zusammen und hat von ihr drei muntere Kinder. Mit diesen fängt diese hautnahe Dokumentation von Julianna Ugrin und Márton Vizkelety an.

Der Vater ist nicht da. Die Kinder zeichnen ihn, seine Kirche. Er ist Pfarrer, so viel ist klar. Pfarrers Kinder oder Müllers Vieh geraten selten oder nie, sagt eine Sprichtwort. Aber just nicht um solche Pfarrerskinder geht es hier. Denn offiziell existieren sie in dieser Funktion gar nicht. Daran ist der Zölibat schuld, diese widernatürliche Vorschrift für Priester, die so sehr zur Übertretung und zum Sündigen verlockt.

Diese Kinder sehen ihren Vater gerade mal 12 Stunden die Woche, denn sonst ist er rund um die Uhr für seine Gemeinde da. Doch die Gewissensqualen wrden größer, Wasser predigen und Wein trinken, das geht auf Dauer nicht.

Der Original-Titel des Filmes lautet Holy Dilemma, heiliges Dilemma. Dieses zu lösen drängt es den Pater. Die Kirche zeigt sich geschmeidig, ganz ohne Komplikationen bekommt er eine Auszeit von einem Jahr. Es ist ein Bürojob, womit er seine Familie ernähren kann. Dafür darf er sich mit ihr zeigen in der Öffentlichkeit. Das ist für alle eine Erleichterung.

Auf Dauer füllt der Bürojob den initiativen jungen Mann nicht aus. Er bewirbt sich in der Gemeinde, in der er rührend verabschiedet worden ist als sündiger Priester, für das Amt des Bürgermeisters. Die katholische Kirche mit ihren Widersprüchlichkeiten hat somit einen attraktiven Priester verloren. Aber vielleicht werden jetzt die Gemeindeversammlungen in dem kleinen Ort so gut besucht sein wie vorher die Kirche?

The Black Phone

Horror des Coming-of-Age

Amerikanische Provinz 1978, Nord-Denver. Außer, dass ab und an Kids verschwinden, passiert hier nichts. Es gibt Gewalttätigkeit in der Familie und so halten es die Kids untereinander, da muss schon mal ein Kopf blutig geschlagen werden. Die Kinder werden über den Sport ins Erwachsenenleben eingeführt („Your are almost a man“).

Ausgiebig schildert Scott Derrickson, der mit C. Robert Cargill auch das Drehbuch nach einer Kurzgeschichte von Joe Hill geschrieben hat, ein Baseballspiel. Unser Protagonist – noch vor dem Stimmbruch, schmales Gesicht, Finney (Mason Thames), spielt gegen einen anderen. Die konzentrierten Blick, das Ausholen, das Schlagen, das Abwehren, in leichter Filmsprache schildert Derrickson das.

Die etwas kleinere Schwester von Finney, Gwen (Madeleine McGraw) hat traumseherische Fähigkeiten; kann mit dem Tod der Mutter zusammenhängen oder auch mit dem Stadium der Präpubertät. Sie verblüfft die Polizei, weil sie in einem Traum Details zum Verschwinden von Bruce gesehen hat, die niemand sonst wissen kann.

Finney steht vor diesem enormen Bruch im Leben, vom Kind zum Erwachsenen, dem Verlust einer ganzen Identität, der Erschaffung einer neuen. Das kann mit den schlimmsten Horrorträumen verbunden sein. So ein Mensch ist ganz allein. Plötzlich entführt und in einen Keller gesperrt. Und doch ist er nicht allein. Es gibt ein soziales Netz der Opfer. Die meldet sich nicht per Chat. Per Telefon, was an der Kellerwand hängt, wo doch das Kabel abgerissen ist.

Scott Derrickson (Dr. Strange) erzählt in aufregend leichter Filmsprache wie das Coming-of-Age ein extrem schmerzlicher und teils auswegslos scheinender Prozess sein kann, wie aber das Wissen um Freunde, die einem sogar Tipps geben in dieser Extremsituation, hilfreich sein kann.

Es kommt selbstverständlich der bedrohliche schwarze Lieferwagen vor, schwarze Ballons, großartige Masken für den ‚Grabber‘ (Ethan Hawke). Das Coming-of-Age brillant geschildert als filmischer Alptraum.

Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel

Dokumentarfilme sind oft dann am stärksten, wenn sie nicht schwatzen, sondern dokumentieren, wenn sie ganz auf Talking Heads verzichten – und auf Erklärungen gleichfalls.

Das kann im Zweifelsfall eine Mäuschendoku sein, in der ein menschliches Biotop eine Dokumentarkamera zulässt, aber so tut, als sei sie gar nicht da oder es kann im Idealfall eine Kamera sein, die sich ganz und ohne jegliche Erklärungen in ihren faszinierenden Gegenstand hinein versenkt und ihm dadurch zu eigener Bild- und Soundwirkmächtigkeit verhilft, wie hier bei Toyoda Toshiaki.

Da es sich beim Doku-Objekt um Kunst-Performances handelt, verändert die Kamera allerdings diese kaum, ja wird durch ihre bewegliche Anwesenheit wie selbst Teil dieser und zieht damit den Zuschauer direkt in deren Bann.

Das Taiko Performing Arts Ensemble und viele andere mehr sind zu sehen bei ihren furiosen Trommel-Acts. Wobei Trommel nicht das einzige Klanginstrument ist. Manchmal genügt reines Händeklatschen einer Gruppe von Künstlern, eine breite Palette von Klang- und Rhythmusinstrumenten, es kann ein Harmonika sein, auch die menschliche Stimme wird in Vibration versetzt.

Ein Teil des Filmes sind Klangperformances in künstlichen Räumen, ein Teil findet in der wilden Natur statt. Impressionen aus dieser werden dazwischen geschnitten, die Assoziation von wilden Wassern zu kaum zu bändigemdem Trommeln bis an den Rand der Ekstase.

Es gibt Einzel-Performer mit Masken, teils widerlichen Masken, die in bizarrer Natur trommeln oder im Gegenschnitt zu einer Gruppe. Es gibt Rufe wie ins Nichts oder in die Ewigkeit hinein.

Zwei Trommler bearbeiten ihr faßgroßes Instrument von beiden Seiten vor einem wilden Wasserfall als kämpften sie ums Überleben. Trommeln gegen die Wassergewalt und das gewaltige Rauschen des Wasserfalls.

Es ist ein Film voll magisch-mythischer Bildwelt, Ritualwelt, Soundmystik, die empathisch transportiert werden. Von den hier erzeugten Tönen und Klängen könnte manch ambitionierter Kinofilm-Sounddesigner nur träumen.

Mein fremdes Land

Manuel – ein Campesino aus Karlsruhe

Der Film von Marius Brüning und Johannes Preuss ist eine doppelte Reise. Zuerst wird Manuel vorgestellt anhand von Super-8-Aufnahmen aus seiner Kindheit und Jugend. Er war der Wonnepfropfen in der Familie seiner Adoptiveltern mit drei älteren Schwestern.

Von den schwäbischen Kindern, mit denen er aufwächst, unterscheidet Manuel sich durch sein Indio-Aussehen, die dunklere Haut. Das habe aber den Ehrgeiz in ihm geweckt. Um anerkannt zu werden, musste er besser sein als die anderen.

Die zweite Reise ist die ausführlichere, auch die schwierigere. Es wird ein Road-Movie zu seiner Herkunft, die Suche nach seiner Mutter. Gibt es die überhaupt noch, ist sie ausfindig zu machen?

Die Adoptiveltern von Manuel wollten 1991 einfach noch einem Kind, das nicht in deutsche Wohlstandsverhältnisse hineingeboren wurde, ein gutes Leben ermöglichen. In Bolivien wurden sie fündig in einem Kinderheim. Wie der Zufall es will, hatten sie dort zwei Kinder zur Auswahl, sie entschieden sich für das, welches Fürsorge und Aufmerksamkeit nötiger hatte, es war der Einjährige, der inzwischen Manuel heißt.

Als Erwachsener treibt ihn zusehends die Frage nach seiner Herkunft um. Es gibt gut erhaltene Adoptionsunterlagen. Der Name der Mutter ist bekannt. Das wird der Ausgangspunkt der Suche, die durch zweisprachige Helfer unterstützt wird.

Eines Tages macht Manuel sich auf den Weg mit einem Begleiter von La Paz aus. Manuel spricht nicht ein Wort Spanisch. Bekannt ist zu dem Zeitpunkt auch, dass die Mutter eine Campesina sei, eine Frau, die auf dem Land lebt und vermutlich vom Ertrag ihres Grundstückes lebt.

Es wird eine Reise werden, die nicht nur voller eindrücklicher Bilder der kargen Gebirgslandschaft von Bolivien sein wird. Es wird eine Reise von einer großen Ortschaft zu einer kleineren und noch einer kleineren und immer weiter weg von den Städten bis zu einem einsamen Flecken Erde.

Es wird eine Reise großer Rührung werden, voller Zärtlichkeit für Menschenschicksale, die erst auseinander gerissen und dann wieder zusammengeführt werden.

Es wird eine Reise zu einem krassen Gegensatz zwischen deutscher Karlsruhe-Realität und Campesina-Realität in Bolivien werden. Es wird eine Reise werden, die die Schicksalshaftigkeit des Lebens in gefühlvoller Schwebe lässt, zu einer Begegnung zwischen Menschen, die einerseits alles gemeinsam haben und dann doch wieder kaum etwas, zwischen Menschen, deren Lebensweise kaum unterschiedlicher sein könnte an verschiedenen Ecken dieser Welt und die etwas ganz Ursprüngliches verbindet.

Und es gibt einen Blick in die raue Realität von Minenarbeitern im Erzabbau in der Nähe von Manuels Geburtsort, ein Lebensweg, der ihm möglicherweise auch hätte blühen können, ein Arbeitsleben, das früh von Krankheiten dahingerafft werden kann und das überhaupt nur dank Koka zu ertragen ist.

Elvis

Wie hinter Plastikfolie

Die Kinoschrift von Baz Luhrmann, der mit Sam Bromell und Craig Pearce auch das Drehbuch zu diesem Biopic über Elvis Presley geschrieben hat, ist furios; wie mit Dartpfeilen präzise schießt er die Bilder auf die Leinwand und das mit dem Tempo eines Trommelfeuers und arbeitet noch mit Überblendungen und Splitscreen.

Luhrmann lässt die Geschichte des Rock’n Roll Sängers aus der Sicht seines Managers Colonel Tom Parker (Tom Hanks) erzählen. Der ist auf dem absteigenden Ast, krank, verspielt sein Geld in den Casinos von Las Vegas. Aber er schaut zurück, wie er wie ein Trüffelschwein in den frühen 50ern als Zirkusimpresario in den Südstaaten, die noch vom Rassismus geprägt waren, unterwegs ist. Wie er in den kulturellen Randgebieten der Schwarzen fündig wird und den jungen Elvis Presley (Austin Butler) entdeckt, ein Weißer mit dem Habitus eines Schwarzen.

Presley ist geprägt von der Musik der Schwarzen, vom Gospelsong in Memphis. Mitreißend wie dieses Milieu geschildert wird, ist aber ein Weißer, das scheint die Voraussetzung für den Erfolg. Auffällig an Elvis ist, dass er wie die Schwarzen mit den Lenden tanzt.

Luhrmann macht ein Meisterstück daraus, wie er den rosa Anzug beim Auftritt des jungen Elvis flattern lässt, so aufregend wie ein Grünewald in der Renaissance Faltenröcke malerisch schilderte.

Parker sieht sofort, was aus dem Jungen zu machen ist und nimmt die Zügel für dessen Karriere in die Hand. Allerdings wird dieser Prozess des weiteren nicht justiziabel sondern mehr illustrativ geschildert, wobei Tom Hanks immer wieder mit seinem durchtriebenen Managerblick forschend auftritt und dazwischengrinst.

Ganz löst der Film aber das Versprechen, aus der Sicht des Managers zu erzählen, nicht ein. Es wird ein zügig erzähltes Biopic, das in wenigen Sekunden die Militärzeit in Deutschland abhakt, vor allem, um dem Manager die Chance zu geben, die Skandale, die der Sänger gleich zu Beginn ausgelöst hat, auszubügeln, indem er ihn als mustergültigen Ami, der in der Armee dient, überzeugend darstellt und promotet.

Irgendwie leben die beiden Hauptfiguren wie ein Leben nebeneinanderher. Es gibt schon mal eine Besprechung oder die Intrige, den Künstler vom Manager loszueisen. Beide Figuren bleiben undurchdringlich und dem Zuschauer wird mehr informativ ihre gegenseitige Abhängikgeit bewusst. Was den Genuss der Musik, Austin Butler singt und performt hervorragend, in keiner Weise mindert; genauso wenig wie den Spaß an der frühen Euphorie der weiblichen Fans, alle noch in wunderbaren 50er Jahren Kleidung und Frisuren.

Der Film The King – Mit Elvis durch Amerika hatte mir aber den Sänger irgendwie näher gebracht. Hier wirkt die Hommage so, als sei sie mit Plastikfolie verhängt.

Cop Secret

Island 2021
ist eigentlich ein modernes Land, in dem die Freiheit der sexuellen Orientierung selbstverständlich ist. Rein theoretisch ist dem wohl so. Aber bei Starcop Bussi (Audunn Blöndal) vom Logrelan-Polizeiposten in Reykjavik ist das noch nicht angekommen. Er lebt seit 30 Jahren in einer Hetero-Beziehung – gegen seine Gefühle. Die wahren Gefühle bleiben tief verschlossen.

Äußerlich merkt man ihm schon grad gar nichts an. Polizisten haben per definitionem keine Geheimnisse. Eine besondere Stresssituation scheint allerdings diesen Knoten zum Platzen zu bringen.

Das Logrelan-Polizeidepartment ist mit einem besonderen Kriminalfall zugange, bei dem in Banken eingebrochen, aber nichts geklaut wird. Bei der Verfolgung der Täterin in so einem Fall werden der hagere Bussi und sein rundlicher Kollege Klemenz (Sverrir Pór Sverrisson) vorgestellt. Mit einem verwegenen Sportwagen verfolgen sie die Täterin auf dem Motorrad.

Das Thema von Bussi und Klemenz während der verwegenen Verfolgungsjagd sind die Regeln, die einzuhalten Bussi nicht bereit ist.

Die Polizeistation rüstet auf. Hördur (Egill Einarsson) wird aus dem benachbarten Department herbeigezogen. Der ist noch ein anderes Kaliber an Starpolizist: Ex-Model, reich. Bussi wird seine Gefühle für ihn nicht lange hinterm Berg halten können.

Hannes Pór Halldórsson, der mit Nina Petersen und Sverrir Pór Sverrisson auch das Drehbuch geschrieben hat, geht die Story mit dieser locker isländischen Haltung an, was ihr könnt an Action-Genre und Thriller, das können wir schon lange, auch wenn wir mit kleineren Mitteln arbeiten. Die Standardsituationen beherrschen wir sowieso, wo sie dann alle – der große Gegner ist der smarte Rikki (Björn Hlynur Haraldsson), der den genialen Coup während eines Fußballspieles der Nationalmannschaft der Frauen plant – mit ausgestreckten Waffen gegenseitig auf sich zielen. Und wenn die Liebe sich geoutet hat, dann schneiden wir noch in der schnellsten Verfolgungsjagd mit den beiden am Steuer einen flüchtigen Kuss hinein. Viel Standard frisch und fröhlich gemixt, gänzlich unverbissen.

Animals

Schwul im Clan
Schwul in der Bourgoisie

Brahim (Soufiane Chilah) ist 30, schwul, lebt in der Stadt. Zum Geburtstag seiner Mutter versammelt sich die Großfamilie im Haus seiner Eltern, einem großzügigen Mehrfamilienhaus im Vorort. Es ist eine Familie mit Ursprung im Maghreb, hier integriert, zumindest vom Französisch her, was sie alle perfekt sprechen.

Vater hat einen Treuebruch begangen, indem er nach Belgien ausgewandert ist, weil er seine Frau, eine Belgierin, auf den ersten Blick liebte und ihr folgen musste; das wird er in seiner Geburtstagsrede erwähnen.

Schnell wird klar, dass Brahim nicht comme il faut ist, aber auch, dass es ein Ding der absoluten Unmöglichkeit ist, seinen Freund hier vorzustellen. Trotzdem versucht er es. Doch dieser taucht gar nicht erst auf, versetzt ihn, obwohl sie schon mehrere Jahre zusammen sind.

Ein Familienmitglied hat die beiden gesehen. Das wird zum Tuschelthema, dass Brahim auf gar keinen Fall seinen Freund hier vorstellen dürfe. Es gibt eine harte Auseiandersetzung mit dem Verwandten Mehdi (Salim Talbi).

Nabil Ben Yadir, der mit Antoine Cuypers auch das Drehbuch „nach einer wahren Begebenheit“ geschrieben hat, arbeitet in der dokuhaften Art der Gebrüder Luc und Jean-Pierre Dardenne. Er bleibt atemnlos nah dran an seinem Protagonisten, heftet sich ihm an die Fersen, begleitet ihn durch das Gewühl des Familienfestes, beobachtet jede seiner Regungen, seine Angespanntheit angesichts seines Vorhabens, den Freund vorzustellen, in die Familie einzuführen.

Da der Freund ihn am Handy wegdrückt und auch nicht auftaucht, verlässt Brahim das Familienfest, macht sich auf die Suche, stürzt sich ins Nachtleben, fragt in einem Homolokal nach, ob jemand den Freund gesehen habe.

Der Film nimmt jetzt eine brutale Wende zu einem Kino, das nicht unbedingt im Sinne Godards ist. Brahim gerät in die Fänge einer Gruppe junger, angetrunkener Männer, die sich an ihm austoben in ihrer Homophobie. Das ist eher schwer erträglich.

Im letzten Drittel macht der Film einen unerwarteten Schwenk, lässt den Protagonisten liegen und interessiert sich für den Milchbub unter den Brutalos, es ist der nächste Morgen. Luic (Gianni Guettaf) ist jetzt der Protagonist. Der Film verfolgt ihn wie vorher Brahim, wie er nach Hause kommt, eher kaputte Verhältnisse, seine Mutter ist mit einem Brutalotypen zusammen. Luic will die Blutspuren aus seinen Klamotten entfernen, zieht einen feinen Anzug an und soll bei der Hochzeit seiner Vaters mithelfen.

Tatort: Flash (ARD, Sonntag, 19. Juni 2022, 20.15 Uhr)

Unfertiges Drehbuch,

das mit keiner seiner Absichten zu fesseln vermag, zu sehr ist dieser Tatort von Andreas Kleinert, der sich immerhin um stimmungsvolle Bilder bemüht, eine reine Aneinanderreihung von zu relevanten Themen erfundenen Szenen, speziell Demenz und Reminiszenztherapie mit soziologiebezüglichen Einsprengseln – nach dem Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser.

Es gibt eine lockere Handlung, nach einem Rückblick auf 1987. Seit einem Frauenmord aus einem Club namens Flash sind 30 Jahre vergangen. Der Täter von damals wurde jetzt entlassen und hat offenbar wieder zugeschlagen.

Die beiden Kommissare machen sich schlau, sollten möglichst schnell die frei laufende Gefahr ausfindig machen; das führt über den Kontakt zum damaligen Psychiater, der den manischen Mörder untersucht hat. Allerdings hat der Demenz. Aus ihm müssen die Kommissare nun herausfinden, wo der Bunker ist, der vermutliche Zufluchtsort des gesuchten Mörders.

Es scheint dieser Tatort eine vornehmlich gemütliche Veranstaltung zur Beschäftigung von älteren Schauspielern, denen die Gunst eines Auftrittes angediehen geworden ist.

Die Dialoge dümpeln, sie sind nicht angetan, das Interesse an den Figuren zu wecken. Das Drehbuch wirkt papieren, als es Themenlast vorzugeben versucht und Figuren erfindet, die diese Themen ventilieren. Es sind Figuren ohne Geschichte, ohne Konflikte und insofern ohne Attraktivität. Und dann noch die Seniorenliebe.

Wie kann sich die ARD nur trauen, so einen unfassbar öden, teils staatstheaterlich sterilen Tatort zu senden?

Das Sounddesign tut, als gehe es um etwas Geheimnisvolles. Was ist an Demenz geheimnisvoll? Was ist an Justizirrtum geheimnisvoll? Was ist an einem durchgeknallten Psychiater geheimnisvoll?
Und in den letzten Minuten wird das Konstrukt, was vorher in keiner Weise auch nur erahnbar war, entgeheimnisst werden. Da guckt der Zuschauer in die Röhre.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!