Archiv für die Kategorie: “Review”

Acid in die Augen.

Das Leben greifen wollen und zur Erkenntnis kommen, dass das Sterben außergewöhnlich sei, eine Schlussfolgerung, die einem nur nach dem enthemmtesten Exzess einfallen kann, nach einer Spielfilmlänge Erfahrung, dass das Leben eine kollektive Unmöglichkeit sei.

Das Kollektiv, das Gaspar Noé (Love) in seinem neuen Film meint, ist eine Tanzgruppe.

Er schickt einen kaum wahrnehmbaren Tod im Eis voraus, der vielleicht verschwommensten aller möglichen Existenzwahrnehmungen an deren Rändern. Nach dem Tod folgt der Abspann. Dabei ist der Film noch ganz jung.

Könnte Studentenulklogik sein, genau so wie die Idee, die Titel mitten in den Film reinzuschneiden – spielt bei einer Lebensphilosophie, die sich vor Leben betrinken möchte, die sich Acid in die Augen träufeln möchte, keine Rolle.

Das Kollektiv, der Exzess, der Rausch, die Körper, das fasziniert Noé mit Naturgewalt und so lässt er sie über die Leinwand wie mit dem Hozhammer donnern, dem Zuschauer eine einzige Ekstase einbläuend.

Kino als Ersatz für ein Rauscherlebnis, zuschauen, wie andere sich immer mehr in den Extremzustand versetzen, bis sie nicht mehr können, bis sie nur noch wie Todesbilder ihrer selbst am Boden, in Ecken und in Kammern liegen.

Vorne im Film werden die Mitglieder der Tanzcompagnie vorgestellt und auch befragt. Die Fragen zielen dahin, wie weit sie gehen würden, wie extrem sie ihren Einsatz sehen. Dabei bleiben manche Dinge offen.

Es folgt eine lange, ungeschnittene Sequenz einer umwerfenden Gruppentanzchoreographie. Dabei stellte sich mir gleich die Frage, wenn Noé diese Sequenz so lange macht, wie will er daraus wieder herauskommen?

Ein Mischmittel, sicher auch ein symbolisches für Sinnlichkeit und Rauschhaftigkeit orgiastischen Lebens, dürfte die Sangria sein, zu der immer wieder gerne gegriffen wird.

Das ist ein Kino, das nicht eine Geschichte erzählen will mit einer Moral, ein Kino eher, das nach dem Leben greifen möchte mit der bitteren Erkenntnis, dass es, dass die Ekstase nicht zu greifen ist, dass die Sinnlichkeit nicht festzuhalten, nicht festzunageln ist – oder dass sie stirbt dabei. Deshalb wohl der Todeswunsch. Eine Idee die gerne auch im Zusammenhang mit unsterblicher Liebe konnotiert wird.

Kinostart ist am Nikolaustag – ein klein wenig vergiftet ist diese Schockonikolaus schon.

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Ein Fanartikel,

speziell für Frauen, die Astrid-Lindgren-Bücher verschlungen haben, für die der Name Astrid Lindgren mit tiefen Gefühlen und mit Bewunderung aufgeladen ist. Ihnen bietet dieser Film von Pernille Fischer Christensen, die mit Kim Fuqz Aakeson auch das Drehbuch geschrieben hat, eine Homestory wie in bunten Klatschblättern (in skandinavisch gedeckten Farben) aus einigen Jahren aus dem Leben dieser Erfolgsautorin. Daraus wird den Leserinnen klar, dass hinter dem Erfolg der Geschichten ein schwieriges Schicksal als Mutter gestanden hat.

Es gibt eine minimale Rahmenhandlung. Eher wie ein Schemen ist die 82-jährige Schriftstellerin in ihrem Arbeitszimmer zu sehen, wie sie begeisterte und zugewandte Geburtstagspost von Kindern öffnet und genau studiert. Säckeweise stehen noch Briefe herum.

Die Nachbebilderung fängt mit Astrid als 15jähriger (Alba August), frühreifer Göre an. Sie wächst in streng kirchlichem Milieu auf.

Einen Hinweis auf ihre lebendige Fantasie gibt eine Szene in der Kirche. Der Pfarrer predigt ellenlang über Sodom und Gomorrha. Astrid verdreht derweil die Worte und spricht – auch noch lange nach dem Gottesdienst – von Soda und Guten Morgen (in der deutschen Untertitelung wird für Soda „Limonade“ eingesetzt).

Astrid gilt als aufgeweckt und wird vom lokalen Zeitungsredakteur gefragt, ob sie in der Redaktion mithelfen wolle. Sie ist begeistert. Nicht nur vom Job. Sie fängt eine Affäre mit dem nicht besonders attraktiven, ruhigen, deutlich älteren Mann an.

Insofern ist dieser Film ein Affären-Film, der Gefühlsaufruhr in den Zuschauerinnen auslösen soll, der aber auch gut enden wird. Denn die Affäre ist außerehelich und mit einem Kind der unmündigen, unverheirateten Mutter gesegnet.

Der Bub wird in Dänemark zu einer Pflegemutter gegegeben. Astrid ist inzwischen Sekretärin beim Schwedischen Automobilclub. Dort gibt es bei einem feierlichen Anlass die Bemerkung eines gewissen Jungbürokraten Lindgren, da sei ihr Report doch lustiger, ein weiterer Frühhinweis auf ihre Begabung. Den Herrn wird sie später heiraten. Aber das ist erst nach Ende des Filmes.

Im Film ist sie weiterhin vor allem eine Mutter, die insofern überfordert ist, als sie ihr Kind nicht bei sich haben und es aus Finanzgründen auch nur selten in Dänemark besuchen kann.

Inzwischen sagt der Bub zur Pflegemutter Mama. Er hat dort ein gleichaltriges Brüderchen. Astrid kämpft um ihren Buben. Sie versucht, ihn mit dem Erfinden von Geschichten für sich zu vereinnahmen, dabei schmiegt er sich in ihrem Bett an sie. Dabei dürften sich Biographie und Rührgeschichte kurzzeitig überlappen.

Eine Wohlfühlklangwolke unterstützt die Indikation, dass es sich bei diesem Biopic um eine rührende Verehrungs- und Affärengeschichte handelt.

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Zombie-Enthusiasten.

Britisch. Frisch. Unbekümmert.

Das Coming-of-Age in Zombie- und Weihnachtspapier gepackt als ansprechendes Filmmusical. Coming-of-Age, das ist für Anna (Ella Hunt) der Ausbruch von Zuhause, sie möchte nach Australien. Das bedeutet Trennung von ihrem Vater Tony (Mark Benton). Der ist Pedell an ihrer Schule. Der Direktions-Nachrücker und Repräsentant verstaubten Bildungsbürokratismus‘, eine Karikatur von Figur, ist Savea (Paul Kaye). Der lässt den Klassendünkel am Pedell aus.

Coming-of-Age heißt für Ana auch erste, enttäuschte Liebe, sitzengelassen vom führerhaften Nick (Ben Wiggins) und zarte Liebesbanden zu John (Malcolm Cumming). Coming-of-Age heißt auch schon dem Abschied von der Jugend in die Augen schauen. Wer diese hinter sich hat, landet in der Welt der Zombies, eine Sicht, die nicht ohne Weiteres abgelehnt werden sollte.

Die Zombies spielen die Darsteller unter der Regie von John McPhall und nach dem Drehbuch von Alan McDonald und Ryan McHenry mit dem Enthusiasmus, den das Laienspiel immer schon der Profiroutine voraus hatte.

So kreieren die Macher, auch mit dem übrigen exzellenten, unverbrauchten Cast, just diese Provinzatmosphäre, die die Aussicht auf das Erwachsensein so deprimierend macht. Und dass hier nicht mit einem Hollywood-Ende zu rechnen ist. Denn der Abschied von der Jugend heißt hier, zum Zombie werden.

Das zelebrieren die Filmemacher ausgiebig: die Zombie-Invasion in dem kleinen Ort Little Heaven, die vom Weihnachtsfest an der Schule mit herrlichen Gigs der Schüler ausgeht, diese beherrscht mit vielen originell erfundenen Situationen den letzten Drittel des Filmes, dessen Spannungsakku dadurch etwas überstrapaziert wird.

Dagegen halten die prima performten Songs und die peppigen Choreographien, besonders jene im Schulraum, aber auch das Duett von Anna und John auf dem Friedhof und andere Regieeinfälle, wie der Turnschuh, der Mrs Hinzmann (Janet Lawson) zu Boden gehen lässt oder die Spielplatzschaukel, mittels welcher ein Zombie außer Gefecht gesetzt wird oder die umgedrehte, aufblasbare Gummiwanne als Deckung vor den Zombies.

Die Einfälle haben die Spontaneität von ebensolchen Einfällen, wie Schüler sie auf dem Pausenplatz aushecken. Für Savage sind Zombies ein Zeichen der Zivilisation am Abgrund, für die jungen Leute heißt es, man müssen den Zombies den Kopf zerschmettern, eben das tun sie ausgiebig und effektvoll, gerne auch mit einem gebogenen, weiß-rot gekringelten Stab, den es in klein auch aus Zucker und zum Lutschen gibt.

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Ein deutscher Themenfilm

zum Thema Konsum und wie viel braucht der Mensch.

Drehbuch und Regie stammen von Florian David Fitz. Wäre er doch noch einmal oder zweimal übers Drehbuch gegangen oder hätte es einem kritischen Geist vorgelegt. Wie viel mehr wäre zu gewinnen gewesen, sind doch er (als Paul) und sein Mitprotagonist Matthias Schweighöfer (als Toni) nicht nur begabt, sondern durchaus auch attraktiv auf der Leinwand.

Die beiden Stars geben sich mit billig zufrieden: dem überwiegend angepeilten weiblichen Publikum machen sie schon vom Filmplakat herab Nacktavancen. Und im Film noch mehr. Dabei halten sie – da kommt ihre Kaffeekränzchenmoral zum Tragen – immer ihre Hände vors Gemächt. Das erinnert an Nudistenzeitschriften in der alten Bundesepublik: da waren über die Geschlechtsteile in den Auslagen gerne die Preisetiketts geklebt. Damals nannte man das Schund. Sind solche Maröttchen ein Hinweis auf ein Revival des 50er-Jahre-Käseglocken-Kinos? Jungstars à la recherche du temps de l‘ Oma?

Auch Fitzchens Drehbuchrezept ist bescheiden zu nennen. Hauptsächlich scheint er unter Drehbuchschreiben zu verstehen: Witze aneinanderreihen , die in verschiedene Szenen aufgelöst werden (die eigenen Penisse als notorische Witzmagnete).

Ein dünner Plot wird anskizziert. Paul und Toni betreiben ein Start-up. Sie haben die App „Anna“ entwickelt. Sie schließen eine Wettbewerb (das wird nicht sauber nachvollziehbar eingeführt), wer es 100 Tage aushalte mit nichts am ersten Tag, also: leerer Raum, nichts anzuziehen und nichts zu essen. Jeden Tag darf nur ein Ding, ein Gegenstand dazukommen. 100 Dinge also bis zum hundertsten Tag.

Richtig ausgetüftelt wurde die Idee nicht. Immerhin machen sie dankenswerter Weise bald schon Sprünge, vergessen das Zählen, das fällt ihnen bei Tag 99 wieder ein.

Fitz merkt, dass 100 Tage lang Witze erfinden, nicht tragfähig ist, so mixt er denn, je länger und müder der Film wird, noch einige Melo-Stellen darunter, ein paar Schnipsel vorgeblich ernsthafter Gespräche (über das Glück oder das Loch in der Seele und über das Hase/Igel-Prinzip in der Freundschaft), es muss etwas fürs Gemüt in den Witzchenfilm.

Das macht er so locker, als ob er das aus einer Tube Mayonnaise ohne weitere Gedanken ins Drehbuch drückt. Und schon ist wieder ein Film fertig, den über Deutschland hinaus kaum jemanden interessieren dürfte, weil er am Elementaren des Kinos, dem Drehbuch oder der Geschichte, die erzählt werden soll, notleidend ist.

Die Macher setzen auf falsche Energien: mordsviel Energie investieren sie in hart-zackig-schnelle Schnitte von grellen Situationen und in den Ehrgeiz, Schnellsprechvirtuosität zu entwickeln, sie produzieren selbstbewusst die Energie aus ihrem schauspielerischen Karrierehoch, statt diese und das Temperament in den Charakter und den sich daraus entwickelnden Konflikten zu suchen, die eine schlüssige und weit über den Sprachraum hinaus auf Interesse stoßende Geschichte ergeben könnten.

Für die Witzchenteile wirken die beiden Protagonisten inzwischen deutlich zu alt. Bei der krankhaft kettenrauchenden Hannelore Elsner, die Pauls Mutter spielt (als ob sie diejenige von Rudolph Mooshammer wäre), gibt es pausenlos Anschlussprobleme mit der Länge der Zigarettenkippen, was, wenn die Geschichte gut wäre, nicht weiter ins Gewicht fallen täte.

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In freundlichem Lichte.

Kein radikal-fundamentaler Einblick in die Welt des Tanzes, aber für Aficionados zeigt dieser Film plastisch die Schattierungen, Hell- und Dunkelseiten des Tanzglanzes.

Es geht um das Abschiednehmen von Karrieren, die den physiologischen Grenzen der Tänzer und Tänzerinnen geschuldet sind; kein Mensch kann ein Leben lang Hochleistungssport treiben. Ein solcher ist der Tanz. Er verlangt radikale Hingabe, lässt kaum Zeit, sich Gedanken über das Darnach zu machen. Mit 40 spätestens kommt generell der Zeitpunkt des Abschiedes.

Florian und Jörg Richter haben sich in ihrem tanzfreundlichen Essay (Redaktion ORF: Karin Veitl, Redaktion BR: Armin Kratzert), einige noch aktive oder ehemalige Spitzentänzer vor allem der Wiener und der Münchner Staatsoper vorgeknöpft.

Vom jungen Talent, das seine Jugendenergie zu 100 Prozent in den Tanz investiert bis zum ehemaligen Spitzentänzer, der eine Ballettschule gegründet hat, ein anderer arbeitet längst als Physiotherapeut für Tänzer.

Dazwischen ein aktiver Tänzer, der bereits Choreographien entwickelt und sich so eine Karriere nach dem aktiven Tanz absichert oder eine Tänzerin, die nebenher noch Abitur gemacht hat und inzwischen Senioranalystin bei einer alternativen Investmentfirma ist. Oder eine der wenigen Glücklichen, die eine staatliche Pension erhält.

Einen Tänzer begleiten sie bei seinem letzten aktiven Auftritt. Der weiß noch nicht, was morgen sein wird. Er ist zuversichtlich, in den Nebengefilden von Tanz und Theater Beschäftigung zu finden und seine Erfahrung einzubringen.

Themen wie Tanz und Hochleistungssport, Tanz und Radikalität, Tanz und Familie, Tanz und Arbeitsbedingungen, Tanz und Verletzungsgefahr, Tanz und Schmerz kommen in den Porträts zur Sprache.

In mildem Lichte werden Einblicke in einige Tänzer- und Tänzerinnenschicksale gegeben. So schlimme Sachen wie in Bolschoi-Babylon werden nicht gezeigt. Es gäbe sicher auch tristere Stories zu erzählen, von ehemaligen Tänzern, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie wenig Begabten Ballettunterricht erteilen oder die als Sozialfälle enden. Im trüben November sind solche Geschichten, die garantiert zu finden wären, eher weniger gefragt.

Zwischendrin gibt es Ausschnitte aus modernen und klassischen Tanzchoreographien und Hinter-den-Kulissen-Impressionen.

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Bis hin zum Asia Trash

Spoiler, aber da der Tatort eben gesendet worden ist, geschenkt. Am Schluss erledigt das asiatische Kindermädchen mit Pfeil und Bogen einen der Täter. Sie tut das so selbstverständlich, als sei sie darin ein Profi. Deshalb wird aus dem Tatort sogleich billiger Bogenhausener-Asia Trash. Dieser wird noch getoppt dadurch, dass ein kleines Mädchen die Täterin kurz darauf mit dem Schirm aus dem Fenster kickt. Bogenhausener Kleinmädchen-Trash.

Derweil läuft ein Text von Mord durch Machete. Und wie im bald ins Kino kommenden „Mary Poppins‘ Rückkehr“ entschwebt der schwarze Schirm hinweg. Dabei hat dieser Tatort von Sven Bohse nach dem Drehbuch von Michael Comtesse und Michael Proehl vielversprechend angefangen.

Einstimmung in ruhiger Erzählart mit einer Kamera, die immer in leichter, unaufdringlicher Bewegung ist, gerne zoomt, verlangsamt, wie so ein Kopf, der, um ein besseres Bild zu bekommen, sich leicht hin- oder her oder um das Objekt herum bewegt.

Dies trägt dazu bei, dass Inszenierung und Schnitt gegen die übliche TV-Ashmatik arbeiten, in Ruhe einige Elemente der Geschichte exponieren, die neugierig macht, in der auch die beiden Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) in privatistisch-verhaltener Manier sich dem Thema annähern dürfen.

Es geht um Kindsmissbrauch; das erklärt vielleicht der anfangs narrative Weichzeichner, der später Trash-Elementen weicht.

Wobei der Fall – oder die Fälle – dann doch wieder viel zu kompliziert und zu konstruiert wirken. Es ist eben nicht nur ein Täter, Hasko (Leonard Carow), sondern er hat einen Mitverschworenen, Louis (Jannik Schümann).

Das Täter-Vorgehen wirkt höchst ausgeklügelt und gleichzeitig ebenso erfunden, allein durch die große Anzahl von 20 in Österreich gekauften Puppen, die in Deutschland verboten sind und die per ferngesteuertem Mikrofon mit den Kindern sprechen können und vom Täter, resp. von den Tätern an Kinder verschenkt werden.

Dieser Vorgang wird über sieben Ecken verwickelt eingeführt, man muss es einfach glauben, nachzuvollziehen ist es nicht. Das ist ein handwerkliches Manko. Und dass es gleich um 20 Fällle geht, verstärkt den Mankofaktor erheblich. Sowie, dass auch noch eine alte Schauspielerin als Strohfrau für die käufliche Beschaffung eingeführt wird. Das macht die Sache schnell unübersichtlich, insbesondere weil diese Frau gleich zu Beginn tot ist. Wag dich aus der Deckung, hilfreicher Gedanke, ich seh dich nicht.

Mit der Zeit ermüdet auch das kinematographische Vorgehen dieser Kamera, die kaum Stillstand kennt, die in möglicherweise scheinheilig intendierter Distanz um die scheußlichen Taten einen Tanz aufführt.

Es wiederholen sich zu häufig das Spiel mit der Puppe, mit den Plätzchen, die Anleitungen an die Kinder aus dem zum Studio umgebauten Minibus. Immer nur fragmentarisch.

Selbst das ist den Machern noch nicht genug. Es wird ausführlich Raum – und doch nicht plausibel genug – für eine Selbsthilfegruppe von Männern, die Opfer von Kindsmissbrauch geworden sind, gegeben, dann für eine Familiengeschichte in einem reichen Münchner Stadtteil inklusive Amore des verwöhnten Sohnes mit asiatischem Au-Pair-Mädchen – aber auch wider nicht präzise genug, um der Angelegenheit Glaubwürdigkeit zu verleihen, noch weniger, um sie als dramaturgisch treibendes Element einzusetzen.

Weniger wäre mehr gewesen: ein einziger Fall Schritt für Schritt nachvollziehbar erzählen und auch genügend Raum lassen für die empirisch eher ungewöhnliche, psychische Konstellation, dass ein Opfer zum Rächer wird auch in Fällen, die ihn persönlich gar nicht betreffen. Dass diese Verglaubwürdigungen nicht passieren, ist ein elementarer Mangel an diesem Tatort. So wundert es nicht, dass er sich zum Ende mit absurdem Trash behilft – damit die restlichen anderthalb Stunden in Frage stellt – und ebenso das damit verbrannte Zwangsgebührengeld.

Was haben sich die Zwangsgebührentreuhänder Stephanie Heckner und Cornelius Conrad vom BR dabei gedacht? Sind sie vielleicht unterbezahlt (oder gar überfordert?) und können ihren Job nur beschränkt erfüllen?

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Dickens-Destillat.

Dem Reiz des Marionettentheaters ist auch im Kino nicht zu wiederstehen. Das hat die Augsburger Puppenkiste schon vor einem Jahr mit Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel bewiesen. Der Film wurde damals nur an einigen Wochenenden vor Weihnachten im Kino gezeigt.

So auch wieder heuer mit der Weihnachtsgeschichte von Dickens. Die ist ganz rational auf die Moral zusammengedampft. Erst sieht man den alten Scrooge in seinem Geldzählbüro. Er hat nur Geld im Kopf und immer mehr Geld. Von frohem Fest will er nichts hören. Er will die Familie Smith bis auf den letzten Cent betreiben.

In einem kleinen Nebenraum arbeitet sein Assistent Cratchit. Er möchte ein gutes Wort für die Smiths einlegen; aber er stößt auf ein kaltes Herz. Cratchit friert und niest und hustet, denn sein Chef ist zu geizig, um anständig zu heizen; die Scheiben sind mit Eisblumen verziert. Heizen kostet ja nur. Es kommen Spendensammler vorbei. Die werden abgewiesen. Ein Hund ist ebenso unerwünscht. Immerhin bekommt Cratchit einen freien Tag zu Weihnachten.

Dann hat Scrooge einen kathartischen Traum. Der wird in allen Situationen inszeniert. Es ist ein Spaziergang durch London mit dem Weihnachtsgeist. Dieser Weg, der auch über den Friedhof führt, öffnet Scrooge die Augen für seine Herzlosigkeit. So dass am Ende ein fröhliches Fest steigt mit überbordend vielen Geschenken inklusive Rollstuhl für den Sohn von Cratchit.

Vielleicht will sich die Dickens-Atmosphäre nicht so ganz herstellen, weil Judith Garnder, die Bearbeitung und Inszenierung verantwortet, den prioritären Wert auf die inhaltliche Herausarbeitung der Dickens-Message gelegt hat (was ja ein hoher Wert ist) und nicht primär auf die atmosphärischen Imitation einer Britishness, die auf Deutsch eh schwer zu erreichen wäre (das leistet zur Zeit der britische Film Charles Dickens – Der Mann, der Weihnachten erfand). In diesem Sinne dürfte auch die Sprachregie interpretiert werden. Und wenn wir das richtig verstanden haben, können wir uns für nächstes Jahr bereits auf eine Piratengeschichte freuen, denn der zum gütigen Opa verwandelte Scrooge schenkt dem Buben von Cratchit Piraten – mit denen soll er spielen. Da freuen wir uns heute schon drauf.

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Dünner Schutz.

Sie brauchen nur ein Beil und Feuer. Und den Amazonas. Sie, das sind Pakyi und Timandua, die beiden letzten im Dschungel Überlebenden des Piripkura-Stammes.

Aber auf den Amazonas ist der Rest der Rindfleisch-vertilgenden Menschheit scharf. Und die Holzindustrie dazu. Brandrodungen. Freimachen des Landes für die Rinderzucht, für den Sojaanbau. Das nimmt Pakyi und Timandua den Lebensraum. Sie haben Massacker an ihrem Stamm überlebt. Eine Verwandte, Rita, lebt in der Panorama-Siedlung Rondonia.

Immerhin gibt es ein Gesetz in Brasilien, das Amazonas-Teile so lange unter Schutz stellt, wie Indigene dort nachzuweisen sind (falls der neue Präsident das nicht wegräumt). Ein dünner Schutz für den Regenwald, der offenbar nicht schnell genug vernichtet werden kann, unserem Teak-Möbel- und Rindfleisch-Hunger sei dank.

Jair Cando ist 1989 bei einer Funai-Expedition auf die beiden Amazonas-Ureinwohner gestoßen. Auf Grund der Gesetzeslage muss das Landnutzungsverbot alle zwei Jahre erneuert werden. Das ist nicht nur ein bürokratischer Aufwand, das geht nur, wenn die Existenz der beiden Ureinwohner in dem Gebiet nachgewiesen wird.

Dazu macht sich Jair immer wieder mit kleinen Expeditionen auf den Weg, die letzten 5 Tage müssen sie zu Fuß durch den Dschungel gehen, um Lebenszeichen von den Beiden zu finden und womöglich sie selbst. Das gelingt nicht immer.

Auf zwei solcher Expeditionen nimmt Jaire die Dokumentarfilmer Mariana Oliva, Renata Terra und Bruno Jorge mit. Der Film ist die Montage dieses Materials. Er ist somit eine gründlichere Variante, die auch tiefer hineindringt, von An den Rändern der Welt.

An so einem dünnen Faden hängt der Schutz des Amazonas. Können Sie mir bittschön sagen, wo das nächste Steak-House ist?

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Ein Film, dem man mit einem ganzen Strauß von Kategorien versehen könnte:

Präventiv-Movie, Road-Movie, Migrations-Movie, Indien-Europa-Movie, Fantasy-Movie, Liebesfilm, Kinotraumfilm, Emanzipationsfilm, Ikea-Werbefilm, Menschenrechtsfilm, Biopic und und und.

Die Ausgangslage ist die Überlegung, dass alle Menschen gleich geboren sind und alle gleiche Chancen haben sollen; dass aber vom ersten Moment an nach der Geburt die Verhältnisse anfangen, sich zu unterscheiden in privilegiertere und weniger privilegierte; so weit der Input eines Menschenrechtsfilmes.

Der Film ist aber auch ein Biopic von Aja (Dhanush), so weit er sein Leben erzählt. Das tut er in der Rahmenhandlung. Hier will er drei Jugendlichen, die eben zu vier Jahren Knast verdonnert worden sind, seine unglaubliche Geschichte erzählen, das macht er im Sinne eines Präventivfilmes mit der Moral, lieber lernen und zur Schule gehen als in den Knast, auch im Sinne eines Aufmunterungsfilmes.

Er erzählt von seinem Leben als Kind auf der Straße, der nicht weiß wer sein Vater ist (könnte so weit auch ein Waisenknabenfilm sein) und der von Paris träumt. Das hat er schnell kapiert, dass er dafür Geld braucht. Mit Freunden spielt er auf der Straße Fakir und Magier. Mit der Zeit wird das Nebengeschäft, nämlich die Taschendiebstähle während der Vorführungen, deutlich einträglicher.

Nach dem Tod seiner Mutter will er aussteigen (also auch ein Aussteigerfilm) und nach Paris fliegen. Das tut er mit einem gefälschten Pass, einem gefälschten 100-Euro-Schein und der Asche seiner Mutter, die in Paris begraben werden wollte.

Seine Träume von Paris wurden von einem Ikea-Katalog (die Firma heißt im Film aber anders) angestachelt. So geht er in Paris als erstes in dieses Möbelhaus, das wird sehr breit gezeigt, also auch ein Ikea-Werbefilm.

Hier lernt er Marie (Erin Moriarty) kennen, daraus wird der Anteil Liebesfilm.

Und da deren Mitbewohnerin Rose (Sarah-Jeanne Labrosse) vom Lesbentum träumt, ist es selbstverständlich auch ein LGBT-Movie.

Durch unglückliche Umstände gerät Aja allerdings wieder en route und hat es auf dem Weg nach England mit illegalen Migranten zu tun, womit auch der Anspruch eines Migrationsfilmes erfüllt wird. Dieses Thema wird ihn noch über Spanien, Rom, Libyen verfolgen.

In Rom trifft er auf die Schauspielerin Nelly (Bérénice Bejo), die in ihm den Autoren entdeckt, womit auch das Genre Hollywood-Traum-Movie bedient wäre.

Und da Aja ständig unterwegs ist, ist es selbstverständlich auch ein Road-Movie, wobei einige Fortbewegungsmittel auch dem Fantasy-Genre zugerechnet werden dürften.

Schließlichen kommen Tänze und Singen vor, womit auch vom Musical-Film was abgeschnitten worden wäre.

Ken Scott (Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft) hat diese charmante Mixtur an Inhalten und Arten nach dem Drehbuch von Luc Bossi, Jon Goldman + 3 nach dem Roman von Romain Puértolas wie eine Buchillustration schön der Reihe nach verfilmt, mit den Zwischenschnitten nach Indien und Rückblenden auf Ajas Kindheit.

In der Erzählung selbst nennt Aja seine Geschichte außerdem: eine Tragödie.

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Eine mitreißende Doku über den exzentrischen britischen Modedesigner Alexander McQueen.

Peter Ettedgui hat nicht nur das Buch geschrieben, sondern als Koregisseur von Ian Bonhôte mitgewirkt.

Die Dokumentaristen hatten umfängliches Material direkt von McQueen, der sich 2010 mit 41 Jahren das Leben nahm und damit die Achterbahn seines Lebens beendet hat.

Sie haben den Film nach Tonbandaufnahmen, in denen McQueen über sich selbst spricht, in Kapitel eingeteilt. Sie gehen chronologisch vor und entwickeln aus einem cleveren Zusammenschnitt von Bildern verschiedenster Herkunft einen Sog, wie dieses Leben ihn selbst vorgegeben hat.

Es gibt private Videoaufnahmen, öffentliche Archivaufnahmen und dazu viele Statements von Mitarbeitern, Models, Mitarbeitern, Verwandten, Mutter, Bruder, Lebenspartnern und, ganz wichtig, von der exzentrischen Isabella Blow, die wesentlich an der Formung seiner Kunstfigur als Modedesigner beteiligt war, zumindest feedbackend und fördernd.

McQueen stammt aus dem Londoner East-End, einer einfachen Gegend. Hungern mussten er und seine Geschwister nicht. Aus irgend einem Grund entschied er sich für eine Schneiderlehre. Der Beruf faszinierte ihn sofort. Er war Feuer und Flamme. Vor allem hatte er ein besonderes Talent dafür, war schnell und konnte Aufgaben lösen, an denen andere scheiterten.

Er war wissbegierig, wollte alles über das Handwerk lernen. Seine raketenhafte Karriere wird nachgezeichnet über Rom, London, Paris. Bis er die eigenen Shows veranstaltet für sein Label in London und für Givenchy in Paris.

Es waren dann 14 Kollektionen pro Jahr. Zu viel – Alkohol, Tabletten und auch noch HIV haben ihn gesundheitlich mitgenommen, führten zu Depressionen.

Und immer schwebte die dunkle Seite mit, Missbrauch in der Kindheit. Für ihn ist Mode persönlicher Ausdruck von Leidenschaft, verbunden mit Vorbildern aus der Malerei und der Mythologie. Schmerzhafte und dunkle Elemente schwingen essentiell mit. So schafft er Aufmerksamkeit. Die Showausschnitte sind die Höhepunkte dieser elektrisierenden Dokumentation.

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