Archiv für die Kategorie: “Review”

Ehebruch ist unmoralisch.

Der dies sagt, ist Senator Gary Hart (Hugh Jackman). Der ihn begeht, das ist auch Senator Gary Hart. Härter noch, er begeht ihn im Countdown der letzten vier Wochen vor der (aussichtsreichen) Wahl zum Präsidentschaftskandidaten. Die Medien bekommen Wind von der Affäre, legen sich auf die Lauer, sammeln Indizien, Fotos, wie er sie vor seinem Haus verabschiedet, grillen den Kandidaten.

Der Kandidat, offiziell seit Jahrzehnten vorbildlich verheiratet, ein Kind, zieht zurück, verabschiedet sich von seinem Wahlkampfteam.

Jason Reitman schildert diesen Vorfall wie in einer fiktionalen Dokumentation; das Drehbuch stammt von Jay Carson, Jason Reitman und Matt Bai nach dessen Buchvorlage.

Der Film gewährt einen exklusiven Blick in die Innereien und Mechanismen des Wahlkampfes, innerhalb des Teams des Senators, bei öffentlichen Auftritten und des ihn begleitenden – und wegen der Privataffäre enorm anschwellenden – Medieninteresses. Am Schluss tut einem das Team, das sich für den Kandidaten so reinhängt, fast leid. Mit ihm selbst hat man kein Mitleid.

Oder will der Film durch seine sachliche Distanz, die mit einem News-Stenogramm zu vergleichen ist, und in schnellen Szenenabfolgen behaupten, so eine Affäre sei doch nicht so wichtig, denn der Senator gilt als eine politische Hoffnung?

Dass der Film so eine Haltung nicht klar bezieht, verleiht ihm zwar den Charakter einer sachlichen Doku, eines informellen Einblickes in die gewaltigen Apparate, die sich um so einen Vorwahlkampf herum bilden und gewinnt durch ein hervorragendes Casting all der Typen, die um so ein Alphatier herumwuseln und diskutieren, was als Nächstes zu tun sei – allerdings gerne auch in amerikanischem Nuschelsprech – eine realistische Glaubwürdigkeit.

Geführte Tour in die intimsten Räume eines amerikanischen Wahlkampfes. Andererseits bleibt das Interesse durch diese, seine zwar exzellente Machart distanziert. Und wenn einer schon ein hohler Moralprediger ist, so soll er sich wenigstens beim Übertreten der eigenen Moral nicht erwischen lassen.

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Nahrhaft human.
Zum Tanzen geprügelt.

Das Leben des Weltstar-Tänzers Carlos Acosta, vom Vater gefühlvoll Yuli genannt, er sei ein Krieger, ist so voll von Widersprüchen, Energie, Talent, kubanischer Lebensweise und mit 350 Jahren Sklaverei im Gepäck, dass der Stoff bei Bearbeitung durch das exzellentes Team zu einem großartigen Kinofilm führt, der das anspruchsvolle Münchner Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten City-Kino (genau: im Atelier) letzten Montag zwei Stunden zu bannen vermochte.

Das Team hinter diesem Film steht auf drei wuchtigen Säulen. Gleich mehrfach im Zentrum ist der kubanische Tänzer, der gar nicht Tänzer werden wollte, Carlos Acosta, Yuli.

Yuli spielt einige Szenen selbst mit als Tänzer und als Choreograph. Aber er hat auch ein Buch geschrieben über seinen Lebensweg. Dieses wiederum hat der erstklassige schottische Autor Paul Laverty (das war ein komplizierter Weg vom englischen Drehbuch zu einer spanischen Übersetzung bis zu einer kubanisch sprechbaren Version, wie die Regisseurin am Montag erzählte), dem immer die Humanität, die Gerechtigkeit, die Menschlichkeit im Vordergrund steht, wie er mit Filmen wie Ich Daniel Blake, Jimmys Hall oder Looking for Eric bewiesen hat.

Die Hauptarbeit und den Finish verpasst der tiefen Geschichte die Regisseurin Icíar Bollaín. Sie hat in Deutschland bereits mit Und dann der Regen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der neugierig auf ihre weiteren Filme macht.

Icíar Bollaín enttäuscht nicht mit Yuli. Sie ist auch Schauspielerin, arbeitet exzellent mit den Darstellern, hat mit den jungen Buben Yuli einen Castinglücksfall erlebt und trägt das südamerikanische Temperament, das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung in den Film.

Sie hat bei der Präsentation am Montag in München ausgesprochen das harmonische, qualitativ extraordinäre und exzellente Team erwähnt und ein Sonderkränzchen der kubanischen Crew gewunden. Aber auch die Musik (Alberto Iglesias) und die Kamera (Alex Catalán) verdienen fette Komplimente (allein wie schwierig es ist, mit Steadycam Tanzchoreographien nah aufzunehmen, da werde der Kameramann selbst zum Tänzer).

Es ist das Geheimnis dieses Filmes, dass das Ganze zählt. So übersteigt er weit das Genre des Ballettfilms. Er erzählt – auch in Form von Tanzchoreographien – von den Abgründen des Lebens von dessen schier unerträglichen Widersprüchen und reflektiert zudem das Verhältnis von dokuentarischer zu künstlerischer Wahrheit.

Hinzu kommmen Auszüge aus den Balletten „Romeo und Julia“ oder „Gisellle“. Carlos Acosta (als junger Tänzer: Kevyin Martinez) war der erste schwarze Romeo im Royal Ballet in London.

Nach einem Knöchelbruch wollte er aufgeben. Ihn zieht es in seine zwiespältige Heimat – die Kubaner schimpfen über Stromausfällle und die mangelnde Versorgung, er kann das nur schwer nachvollziehen, auch nicht den überall präsenten Wunsch zum Abhauen.

Den Bezug zu seinen Wurzeln, zu Kuba hat er nie verloren. Das Verhältnis zu seinem Vater Pedro (Santiago Alfonso), das bringt der Film als eine der Hauptstorylines klar zur Geltung, war schwierig, zwiespältig. Der Vater hat das Talent im Sohn gesehen. Er hat ihn zur Ballettausbildung geprügelt, hat ihm geraten, wie er gegen die Schwuchtelvorwürfe der Schulkameraden reagieren soll. Diese Szenen spiegeln sich erinnerungshaft wider in Tanzchoreographien.

Inzwischen ist Costa nach Kuba zurückgekehrt. Er will sich einbringen. Er will ein nie vollendetes, unter Catro groß geplantes Kulturzentrum aus dem Ruinenschlaf wecken. Auch dafür engagiert sich der Film.

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Klassik und Drohnenflug.

Ob der Drohnenflug der Kamera, der immer wieder prächtige schottische Panoramen eröffnet, dazu angetan ist, Sinnbild für eine erhöhte Sicht der Filmemacher auf das klassische Königinnendram zu zeigen, wage ich zu bezweifeln.

Die Filmemacher, das sind Josie Rourke als Regisseurin und Beau Willimon als Drehbuchautor, der den Roman von John Guy zur Vorlage hatte. Sie verteidigen das Grundthema, das der Staatsraison – dass Elisabeth (Margot Robbie), die Königin von England, Mary Stuart (Saoirse Ronan), die Königin von Schottland, auf dem Schafott töten lässt.

Elisabeth findet es zwar traurig, den einzigen Menschen zu töten, der noch verwandt ist mit ihr und der weiß, was es bedeutet, Königin zu sein. Aber das Töten muss sein, aus Gründen der Staatsraison.

Die Staatsraison im Film von Josie Rourke ist eine gute, denn sie hat zur Folge, das ist im Abspann zu lesen, dass dadurch aus zwei Königreichen mit zwei Königinnen ein einziges Königreich mit einer einzigen Krone wird. Wer das allerdings als These gegen den Brexit lesen will (eine EU unter einer Regierung), dürfte überinterpretativ reagieren.

Das ist mein erstes Problem mit diesem Film, dass er die Staatsraison bewertet, dass er sie als weise darstellt. Dagegen dürfte es die Stärke von Schillers „Maria Stuart“ sein, dass er die Staatsraison zur Diskussion stellt, sie aber keinesfalls verteidigt, dass er eher erschüttert ist, was sie so mit sich bringt.

Kleiner Exkurs zur Staatsraison: Staatsraison ist beispielsweise das Votum der SPD für ein Mietgesetz, das den Mieter zwingt, egal ob arm, ob reich, bei Sanierung der Wohnung das Kapital des Vermieters mit 8 Prozent Zinsen zu bedienen. Das in Zeiten der Nullzinspolitik der Zentralbanken, in Zeiten der Ausblutung der Sparer, des Krebsganges des DAX: 8 Prozent Zinsen! Wo gibt es das noch außer bei Halunkens. Aber die SPD macht das zum Gesetz. Passt so gar nicht zur SPD. Aber es ist Staatsraison, denn durch die Zustimmung zu diesem Gesetz konnte sich die SPD vorerst an der Macht halten, bleibt die Regierung in Deutschland stabil. Ungerechtigkeit walten lassen, um der Stabilität willen und um an der Macht zu bleiben. Das ist Staatsraison.

Diese Sicht auf den Begriff Staatsraison kommt im Film von Jose Rourke nicht vor. Er kritisiert die Staatsraison nicht. Sie kostet Opfer und scheint im übrigen sakrosankt.

Mein zweites Problem ist die Charakterisierung der beiden Königinnen. Rourke wird sich was gedacht haben dabei, dass sie beide rothaarig, vom Casting her eher als protestantische Typen, von der Ausstattung her streng elisabethanisch zeichnet. Und bleich dazu. Zum Verwechseln ähnlich.

Allerdings ergibt sich daraus – speziell in Sequenzen des schnellen Wechsels zwischen Schottland und England – immer wieder ein Perzeptions-, ein Unterscheidungsproblem für die Nicht-Recogniser im Publikum. Auch lässt sich empirisch kaum nachvollziehen, wenn Elisabeth bei der Begegnung mit Mary (das Spiel zwischen den Vorhängen; „Wie hat es so weit kommen können?“) sagt, dass die Katholikin die Schöne, die Sinnliche sein soll. Vielleicht deshalb wird drastisch am Haarausfall von Elisabeth gearbeitet und eine knallrote Perücke drüber gestülpt.

Die katholische Lebenslust wird in manchen Szenen geschildert, nicht als besonders sinnlich, mehr sinnbildlich, wenn Mary Sex mit ihrem Henry hat (Luke Hobson, der gern mit ausgestrecktem Zeigefinger gestikuliert): anal oder Cunnilingus – ungleich Deckhengst. Das muss für das Sittenbild, das der Film zeichnen will, reichen.

Dass Elisabeth beim Todesurteil wie ein weißer Clown geschminkt und mit knallroter Perücke versehen ist; schwer nachvollziehbar. Auch hier wird sich Rourke was gedacht haben, hat aber vergessen, es mitzuteilen.

Die pinzettenhafte deutsche Nachsynchronisierung passt ganz gut zu der inhaltlichen Sterilität des Filmes. Wie denn auch die literarische Qualität des Textes weit entfernt ist von der klassischen Sprachkompetenz eines Schiller oder eines Shakespeare.

Schließlich verlustiert sich der Film noch beim Genderthema. Elisabeth, die auf Liebe, Familie und Nachwuchs verzichtet, fühlt sich wie ein Mann – der Staatsraison geschuldet. Bei Mary spielt es keine Rolle, dass im Ehebett nebst Gatten sich noch der künstlermähnige David Rizzio (Ismael Cruz Cordova) tummelt, von dem auch der Ehemann entzündet ist. Dadurch wird jedoch Rizzio selbst Opfer der Staatsraison. Und die ist, wie der Film am Schluss meint, gut und weise.

Ein gesundheitliches Extempore leistet sich der Film mit Elisabeth, lässt sie von den Pocken anstecken. Das gibt viel Arbeit für die Maskenbildner, vor allem für die Continuity der Heilung (recht gut hinbekommen haben die das) – deswegen am Schluss die Maske des weißen Clowns?

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Am Pietismus gerüttelt.

Auf schwäbisch-pietistischem Boden kann aufregendes Arthouse gedeihen, das in waghalsiger Balance den Widerspruch zwischen ordentlichem, bürgerlichem Beruf und erotischem Bedürfnis aufwirbelt.

Johann (Clemens Schick) ist ein Schreinermeister und mit der Reparatur des Kirchengebälks zugange, seine Tochter Maria (Maria Dragus) ist eine begabte Orgelspielerin, sie hat die Zusage für das Konservatorium erhalten; ihre Schwester Hannah (Anna Bachmann) übernimmt den sinnlicheren, den Luderpart, sie ist die Jüngere, was nicht heißt, die Brävere, sie ist die offenere, die Dinge anspricht und dann taucht in dem mutterlosen Haushalt Valentin (Enno Trebs) auf, ein Zimmermann auf der Walz; von ihm sind ganz strenge Moralmaßstäbe zu hören; was die sinnliche Spannung zwischen ihm und der strengeren Orgelspielerin Maria erhöht.

Dass es um die Dualität im Menschen geht, die zwischen bürgerlich-sittlichem Broterwerbs- und Gotteslobtagesablauf und den Sehnsüchten der Sinnlichkeit herrscht, zeigt Felix Hassenfratz, der hier von den koproduzierenden Redakteurinnen Stefanie Gross vom SWR und Andrea Hanke WDR bestimmt alle künstlerischen Freiheiten zugesagt bekommen hat, schon in der Reihenfolge der ersten beiden Szenen: zuerst sind zwei junge Frauen mit Toilettendingen beschäftigt, ganz genau ist nicht zu sehen, welche Intimitäten sie treiben, könnte mit Drogen oder Selbstverletzungen zu tun haben; auf jeden Fall mit ungestillter Sinnlichkeit.

In der nächsten Szene spielt Maria auf einer Orgel einer Jury vor, welcher das wird später im Film klar und auch lange nachdem sie die Antwort des Konservatoriums verbrannt hat, wobei auch in diesem Moment unklar ist, was sie verbrennt, da muss der Zuschauer rückwärts kombinieren.

Die Balance und Dialektik zwischen Ordentlichkeit und sinnlichem Begehr, die hält Hassenfratz aufregend aufrecht durch die weiteren Szenen und leuchtet nach und nach tiefer in die Abgründe hinter den braven Fassaden.

Wobei er eine Diskretion an den Tag legt, die künstlerisch großartig rüber kommt und einen Teil der Qualität des Filmes ausmacht, die aber das Dechiffrieren erschwert, sei es beim Verstehen des Schwäbischen, wenn es sehr leise wird oder in einer durch eine Lücke in einer Lattenwand beobachteten Szene, wobei nicht ganz klar ist, was die Frau dahinter, von der man nur die Beine sieht, mit einer Nadel da fummelt oder wenn die beiden Schwestern in der Natur eine Aussprache über gewisse Dinge haben, dann wirft die eine einen kleinen Gegenstand weg, der für mich nicht identifizierbar war.

Der Film hat etwas von einer Laborsituation, die einige Menschen, die durch Schicksal oder Familie sich nahe kommen, nach ihrem öffentlichen und privaten Handeln genau erforscht – und Dinge an den Tag fördert, die dort lieber verschwiegen bleiben, auch wenn es bei einem Gottesdienst einen Ansatz zu schwäbischem Mut gibt; was aber, wenn Hannah dort ihre Erkenntnisse hinausgeposaunt hätte – geglaubt hätte ihr doch niemand, weil das das schöne und ins Schwäbische passende, pietistische Weltbild in seinen Grundfesten erschüttern würde.

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Aufwachsen in einer Familie mit einem behinderten Geschwisterchen, das bleibt nicht ohne Folgen für die Brüder und Schwestern. Sie stehen im Schatten, müssen Verantwortung übernehmen, lernen gar Gebärdensprache oder müssen sich mit frühem Tod auseinandersetzen und werden womöglich in der Öffentlichkeit blöd angemacht.

Frauke Lodders hat sich ein Thema vorgenommen, was kaum im Rampenlicht steht, stehen es doch seine Protagonisten, zumindest in ihren Familien, auch nicht; manche mögen das deshalb auch gar nicht besonders.

Die Dokumentaristin hat sich bei vier Familien mit einem behinderten Kind, wobei dieses in einem Fall bereits gestorben ist, wie ein Fisch in den Strom des Lebens dieser Familien hineinbegeben, hat sich integriert, so dass selbst ein behindertes Mädchen, das anfangs noch gebannt von der Kamera war und unentwegt hineingestarrt hat, diese zu vergessen scheint.

Außerdem hat sie Protagonisten gefunden, die reflektiert über diese, ihre Situation sprechen können; vermutlich hilft auch gerade dieses Aufwachsen mit einem Behinderten zu stärkerem Bewusstsein und auch zu mehr Toleranz im Leben, wie es an einer Stelle angedeutet wird.

Es kommen nicht nur Geschwister zu Wort, teils reden auch die Eltern über die Situation.

Untertitel: Leben mit behinderten und lebensverkürzt erkrankten Geschwistern. Der Sonderfall ist der ältere Bruder, der bereits verheiratet ist und selber ein Kind hat. Er und seine Frau und Bekannte feiern jedes Jahr auf einem Kinderfriedhof den frühen Tod des Schwesterchens. Andererseits genießt er die Ungebundenheit und plant größere Reisen mit einem Campingbus, denn jetzt muss er nicht mehr damit rechnen, jederzeit einen Anruf über den sich verschlechternden Zustand des Schwesterchens erhalten zu können.

In trendiger Verzopfmanier schneidet die Dokumentaristin, das dürfte dem Fernsehen geschuldet sein, die filmischen Notizen aus den jeweiligen Familienleben mit Aussagen der Geschwister und Eltern ineinander.

Auf den enormen Leinwand-Showwert Behinderter verzichtet sie ganz; denn es geht eben nicht um die Behinderten.

In den Aufnahmen aus den Familien kommen vor: Rumtollen im Bett, spielen, umziehen, Zähneputzen, kochen, essen, Iactatio Capitis im Bett, Malstifte, zeichnen, Grillen im Garten, den Bruder stören, Sport, Familienfeste wie Fastenbrechen oder Konfirmation, Totengedenkfest, Kinderspielplatz, Busausbau, Pferdehof, Autolackierevent, Studentenparty, Open-Flair-Festival, Kinderhospiz.

Die Themen in den Interviews sind vielfältig: direkte Gespräche in die Kamera über Geburt, die Schwierigkeiten, den Einfluss auf Geschwister, über den Schlaf (oder dessen Abwesenheit); Verantwortung der Geschwister, neue Gewichtung in der Familie, Probleme mit Nachtschwester, über die verschiedenen Krankheiten, über den Umgangston mit den Behinderten, Vernachlässigung der gesunden Geschwister durch Aufmerksamkeit auf Behinderte oder Kranke, über Gott, die Kirche und die Welt.

Über Reaktionen aus der Umgebung, über die Veränderung in der Beziehung, Unterstützung durch die Familie, allenfalls Verlust von Freunden, Reisepläne, Sterben, Urlaubspläne, dass Behinderung als solche kein Thema sei, eher das Üben von Gebärdensprache, Beleidigung, über Häme, die man abkriegt, wenn man ein behindertes Geschwisterchen hat, den positiven Einfluss auf die Geschwister, über Urlaub im Hotel und Reaktion der Umwelt, über die Bindung der Behinderten zu ihrer Familie, die sie versteht, weil die sie besser kennen und verstehen, über Wertschätzung, dessen was man hat.

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Dramaturgischer Mäander.

Eine merkwürdige, dramaturgische Figur hat sich Philipp Hirsch, der mit Thomas Böltken das Drehbuch geschrieben hat, für seinen Erstlingsfilm ausgedacht.

Er fängt philosophie- und sozialrevolutionärstechnisch gesehen auf der Ebene eines Hans Weingartner an (303, Die Summe meiner einzelnen Teile). Er macht das in Form der Illustrierung eines Monologes seines ersten Protagonisten Glocke (Matti Schmidt-Schaller). Die Welt ist kacke, die Falschen sind am Drücker, aber die Welt gehört doch Dir, Du bist Deines Glückes Schmied, die Welt ist am Arsch.

Glocke war bislang ein Mensch passiver Erkenntnis, er war kein Handelnder, das möchte er ändern (er hat auch noch keinen Sex gehabt). Er fackelt einen 400′ 000 Euro teuren SUV ab (was sich für so viel Geld alles machen ließe – und wie es zusammengekommen ist!).

Sein Handeln wächst ihm über den Kopf, denn er wird erwischt dabei, legt sich mit der Polizei an, ein Video davon wird zum Internet-Hit, das bekommt er nicht mit. Er will nur noch weg, raus.

Es folgt der Teil des Filmes, in welchem Glocke nur noch einer von fünf Protagonisten ist. Er begibt sich mit Judit (Milena Tscharntke), Elias (Tom Gronau), Steffi (Matilda Merkel) und Paule (Enno Trebs), lauter junge, aufstrebende Schauspieler-Talente, die schon ein bis zwei Dutzend Credits bei IMDb aufzuweisen haben, alle mit roten Zipflemützen und Überlebenspaket ausgerüstet, auf den Weg zu einem gewissen Friedrich, den sie über das Internet kennengelernt haben.

Friedrich lebt abgeschieden in bergiger Natur in einer Hütte. Den Weg finden sie über geheimnisvolle Hinweise. Diese Sequenz des Filmes könnte der spannende Beginn eines kompetenten Horrorfilmes sein – der er dann so nicht wird.

Die Kids sind durchgehend, außer die Action verlangt anderes, makellos auf reine Jugendlichkeit geschminkt, auf attraktiv und erotisch. Hirsch filmt sie oft in inneren Monolog versunken, das macht Figuren interessant und erzählt mehr über sie, als wenn sie pausenlos quasseln müssen. Das treibt er so weit, dass das Thema Schweigeglübde aufkommt (man kann es interpretieren als die Stille vor dem Sturm – des Lebens).

Der Film ist bis jetzt konfliktfrei abgelaufen, etwas vorbereitend oder etwas illustrierend. Nach einigen Tagen der Wanderung entwickelt sich eine Auseinandersetzung, denn die Jugendlichen kommen einer Täuschung, auf die sie reingefallen sind, auf die Spur. Das verändert das bisherige Jungendfreizeit-Camping-Lagerfeuer-Seeidylle-Gefühl. Es kommt zu Kämpfen und Balgereien, zu einem Strafakt.

Hirsch bemüht dazu das christlich-religiöse Symbol des Heiligen Sebastian, der von Pfeilen durchbohrt an ein Kreuz gebunden ist. Hirsch verändert das Motiv allerdings, statt mit Pfeilen durchlöchert ist der Körper des wie ein Märtyrer Bestraften über und über mit Bienen bedeckt.

Parallel zu diesen Handlungen wird Jugendromantik im Freien nostalgisch zelebriert und der Regisseur bemüht einen Tick zu oft das Käfer/Insektenmotiv, das wirkt dick aufgetragen, so kraft- und machtlos ist die Jugend nicht.

Zum guten Ende bleibt die unausgesprochene Frage im Raum stehen, ob der Weg oder das Ziel das Ziel sei. Die Tonspur untermalt diskret die intendierten Atmosphären.

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Zweite Chancen.

Dieser Starvehikelfilm für Jennifer Lopez lässt diese die frohe Botschaft verbreiten, dass jeder eine zweite Chance habe und dass man nur sich selber treu bleiben müsse.

Gleich dreifach lässt Regisseur Peter Segal Jennifer Loopez nach dem Drehbuch von Justin Zackham und Elaine Goldsmith-Thomas diese Message belegen: die zweite Chance im Beruf, die zweite Chance mit der zur Adoption freigegebenen Tochter Zoe (Vanessa Hudgens) und die zweite Chance mit dem Freund Trey (Milo Ventimiglia), der sie heiraten will.

Den vierten Beleg für die zweite Chance verschweigt das Drehbuch; aber das Gesicht von Jennifer Lopez, der hier der Rollenname Maya verpasst wird, was weiter nichts zur Sache tut noch ihre Schauspielkunst befördert, ist ihr Gesicht: immer makellos in der Kamera; von einer unnatürlichen Harmonie wie nur Gesichtschirurgen sie formen können; ohne diese Zuarbeit der säbelnden Kunst scheint es für Schauspielerinnen kaum eine zweite Chance in Hollywood zu geben. Dass das zu einer gewissen unpersönlichen Sterilität und Austauschbarkeit führt, scheint niemanden zu kümmern.

Die Drehbuchautoren haben sich mit ihren drei Belegen für die These von der zweiten Chance zu viel vorgenommen. Macht nichts, man kann ja Märchen erfinden, sonst wären wir nicht Hollywood. Ich möchte nicht behaupten zu wagen, dass es sich hier um ein gut erfundenes Märchen handelt.

Maya möchte in der Firma, in der sie als Verkäuferin arbeitet, aufsteigen. Aber ein Bewerber von außen, der mit Studienabschlüssen auftrumpfen kann, gleichzeitig praxisfern ist, macht das Rennen. Diese Exposition des Filmes ist gut amerikanischer Standard, hat Hand und Fuß, referiert auf eine schreiende Ungerechtigkeit, dass Personalchefs nur auf die Diplome und nicht auf die Erfahrung (und den Menschen) schauen. Das könnte spannend werden, wie sie endlich einen Chef findet, der anders denkt.

Es folgt die Einladung zur Bewerbung in einem anderen großen Unternehmen. Hier stellt sich heraus, dass die Gründe doppelt falsch sind. Erstens hat ihr Neffe sie mit einer falschen Bio ausgestattet und zweitens ist auch diese nicht ausschlaggebend, sondern eine ganz andere, familiäre Angelegenheit von vor 16 Jahren.

Mit Gewalt wird so dem Film die Spannung genommen, da das Ursprungsthema, das der unfairen Kandidatenauswahl, abgwürgt wird und zum Thema „Kind zur Adoption freigeben“ mutiert. Das führt zu einem märchenhaften Aufstieg in der Firma, der unglaubwürdig ist.

Es folgt das nächste Thema. Maya soll im Wettbewerb mit Beharrkräften am Haus innert drei Monaten eine Hautcreme entwickeln, die rein biologisch ist und nicht hintendrauf einen Rattenschwanz an chemischen Zutaten erwähnen muss. Ein Ding der Unmöglichkeit. Aber auch das schafft unsere Repräsentantin der zweiten Chance, denn sie hat das Glück, dass sie die nicht im wahren Leben suchen muss, sondern in Hollywood, was sich noch für keine Erfindung zu schön war.

Irgendwie wurmt noch die Sache mit ihrem Freund daher und auf verschlungenen Glückspfaden geht’s auch da wie aus dem Zauberhut noch auf die bedeutende Frage zu, die sie egal wie sie lautet, mit Ja beantworten wird.

Eine engagierte Szene: die mit den explodierenden Tauben von PETA.

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Jedem Teenie-Jahrgang seinen Pferdefilm.

Pubertätstechnisch kann der Umgang mit Pferden und das Reiten für heranwachsende Menschen im Übergang vom Mädchen zur Frau von großer Hilfe sein. Und da das auch mental-kulturell verarbeitet werden will, führt das zu einer regelmäßig erneuerten Nachfrage nach Pferdefilmen.

Das Plotprinzip ist in etwa immer dasselbe: ein schwieriges Pferd (Cagliostro) muss von einem Mädchen, hier ist es Lou (Lela Holtwick), unter Überwindung seiner Angst gefügig gemacht werden mit Methoden des Flüsterns und der Zuneigung und nicht mit Gewalt.

Dieser Komplex ist eingebettet in eine wirtschaftliche Krisensituation des einen Hofes (die Jansens), auf dem die Protagonistin den Sommer verbringt oder wohnt. Es droht der böse Nachbar Mallinckroth (Heiner Lauterbach), der wirtschaftlich besser dasteht, das schwächere Gestüt in den Ruin zu treiben.

Dann müssen noch ein paar hübsche Jungs her, die das Herz der Protagonistin höher schlagen lassen und die in einem Wettstreit um sie stehen, hier sind es Matz (Rafael Gareisen) und Leon (Moritz Bäckerling) aus der Stadt. Auf beiden Höfen gibt es weitere, unterstützende Figuren.

Da Pferdefilme in fast jährlichem Rhythmus auf den Markt kommen – und sie werden wie auch hier ordentlich und konventionell erzählt, im Gegensatz zu vielen deutschen Themenfilmen – geben sie ganz unwillkürlich etwas über den Zeitgeist preis.

Vor kurzem noch war der Gegensatz zwischen den beiden Gestüten krass, lebenslustig arm der eine, hochnäsig bis protzig reich der andere. Die bösen Figuren wurden bis zu Klischees stilisiert und die Guten auch oder es gab auch skurrile Nebenfiguren.

Hier bei Sharon von Wietersheim, die nicht nur als Regisseurin und Drehbuchautoren agiert, sondern auch als Produzentin, kehrt eine wohltuende Nüchternheit ein. Dadurch geht Schwärmerisches und Romantisches verloren. Das wird wiederum kompensiert mit gelegentlichen Aufhellern und Weichmachern in den Gesichtern der jugendlichen Darsteller; das geht bis zum modelhaten Auftritt von Lou, perfekt geschminkt, frisiert und gestylt wie für den Laufsteg. Immer dabei sind schöne Pferdeaufnahmen; Kameradrohnen können laufende Pferde noch schöner begleiten. Und das Pferd als Kunst aus rostigem Eisen am Meer findet seinen monumental-symbolischen Eingang in den Film.

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Subjektives aus der alten Bundesrepublik.

Jahrgang 1919, eingesetzt im 2. Weltkrieg in Leutnantposition, taucht der schöne Leo Wagner aus Günzburg in der aus den Trümmern des Nazireiches sich erhebenden Bonner Repulik auf.

Leo ist ein exzellenter Netzwerker, auch im Zwielichtigen, parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Fraktion (1963 – 1975), nahe an Strauß, mit diesem Mitbegründer der CSU. Ein Lebemann, der tagsüber Politik und nachher Nachtleben macht und in diskreten Bars wie dem „Chez nous“ Tausende von Mark liegen lässt. Während die hübsche Gattin in Günzburg Wohnung und Kinder hütet.

Geldschulden häufen sich. Dadurch Verführbarkeit durch Geldquellen jeglicher Art. 1972 fehlen beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt zwei Stimmen aus der CDU/CSU-Fraktion.

In diesem Film wird der Beweis erbracht, dass 50′ 000 Stasi-Mark den schönen Leo zur Stimmenthaltung verführten. Das ward lange nicht vermutet und dann bestritten. Jetzt finden die Recherchen von Benedikt Schwarzer den Beweis in den Stasi-Unterlagen.

Benedikt Schwarzer ist der Filmemacher und war bis zu Beginn der Arbeit am Film auch offiziell ein leiblicher Enkel des schönen Leo. Seine Mutter Ruth war die Tochter. Allerdings ergeben sich im Laufe der Nachforschungen Erkenntnisse, die diese Gewissheiten in Frage stellen und dem Film einen Drall geben ganz schön weg vom vorgeblichen Protagonisten, dem in fernen Bonn agierenden und längst verstorbenen Politiker des Wirtschaftswunders Deutschland.

Immerhin bietet sich so die Gelegenheit, interessantes Archivmaterial aus jener Zeit in den Film zu verweben, wobei meist ungewiss bleibt, wo es genau herkommt, ob privat gemacht oder ob als Feature fürs Fernsehen, zB wenn Leo mit zwei Leuten ewige lang in einem Auto fährt.

Verwunderlich ist immerhin, wie schon so kurz nach dem Krieg korruptes Politikerverhalten offenbar ganz normal war. Es kam dann mit deutlicher Verspätung zwar endlich zum Skandal um den schönen Leo und irgendwann hat er auch seine Ämter verloren, dann verschwindet er im Dunkeln, er sei mit seiner Geliebten irgendwohin gezogen. Auch über seinen familiären Background, seine Bildung ist im Film nichts zu erfahren. Und – noch erstaunlicher – obwohl das alles Jahrzehnte her ist, wollen nicht alle Zeugen, die der Filmemacher ausfindig macht, erkennbar im Film erscheinen, wenn sie erzählen. Wirken da Gespinste und Seilschaften fort?

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Capernaum heißt das Lager, in welchem der Protagonist Zain (Zain al Rafeea) aufwächst in diesem Film von Nadine Labaki unter Drehbuchmitwirkung von Jihad Hojelly, Michelle Keserwany und Khaled Mozzanar.

Die Unerträglichkeit seiner Lebensumstände, die eine legitime Existenz sowie anständige Bildung und Erziehung ausschließen, veranlassen Zain dazu, seine Eltern vor Gericht dafür zu verklagen, dass sie ihn in diese chaotische Welt hinein gesetzt haben.

Das ist ein dramaturgischer Kunstgriff der Filmemacherin, durch den der Bub Sätze sagt, die er so garantiert nicht sagen würde, die es aber gleichzeitig ermöglichen, ein präzises Abbild der Lebensumstände in einem Flüchtlingslager in Beirut filmisch zu zeigen.

Zains Zuhause ist eine Hütte, in der seine Eltern und jede Menge Geschwister aller Altersstufen dicht gedrängt hausen und schlafen; das Kleinste im Krabbelalter wird mit einer Kette am Fuß vom Davonkrabbeln abgehalten.

Sie verdienen sich ein Geld mit der Herstellung eines besonderen Tomatensaftes. Schwester Sara erlebt gerade ihre erste Blutung und der kleiner Zain unterstützt sie dabei, das zu verheimlichen und zu vertuschen, denn sobald sie geschlechtsreif ist, soll sie verheiratet werden.

Die Sache geht ungut aus. Zain findet ein neues Zuhause bei der ebenfalls illegalen Äthiopierin Rahil (Yordanos Shiferaw), die den Säugling Yonas hat, den sie verstecken muss. Wenn sie als Toilettenfrau arbeitet, bunkert sie ihn in einem Toilettenabteil, von dem sie den Kunden gegenüber behauptet, es sei defekt. Oder sie arbeitet in einem Lebensmittelbetrieb, kann aber schauen, wo ihr Geld bleibt, da auch der Chef weiß, dass sie nicht klagen kann, weil sie illegal ist.

Sie spart sich Geld, in der Hoffnung gefälschte Papier kaufen zu können. Und Zain spielt das Kindermädchen für den Säugling, versucht diesen zu füttern. Das ist die eher niedliche Phase des Filmes.

Wie Rahil nicht mehr zurückkehrt von der Arbeit, weil sei bei einer Razzia auffliegt und im Gefängnis landet, kümmert sich Zain wie ein kleiner Tramp um Yonas; da geht Armut in malerische Poesie über, wenn er den Kleinen in einem großen Topf, den er auf einem Brett mit Rädern befestigt hat und drum herum allerlei Töpfe, die er verkaufen will, loszieht durchs Lager.

Der Film ist semidokumentarisch insofern, als Labaki die Darsteller bei einem Streetcasting im Lager gefunden und dort auch gedreht hat und somit einen schockierenden Einblick in dieses Lagerleben gibt.

Wenn Zain im Jugendknast Rouieh ist, dann endlich öffnet sich der Blick aus den engen Gassen auf Beirut und das Mittelmeer und dann kommt die Erinnerung an die Dokumentation Taste of Cement.

Der Film will auf diese Lebensbedingungen aufmerksam machen und dass jeder Mensch ein Recht auf ein anständiges Leben hat.

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