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Im Westen Nichts Neues

Krieg aus der Sicht des Kanonenfutters

Bei aller Abneigung gegen Kriegsfilme und gegen Streamingdienste, das haben die ganz gut hingekriegt mit dieser Verfilmung nach Erich Maria Remarque. Drehbuch: Lesley Paterson, Ian Stokell und Eward Berger, der auch die Regie besorgt hat (Jack), auch mit einer guten Schauspielerauswahl.

Der Krieg kommt nicht gut weg und der Film lässt einem dank einer klugen Entscheidung für eine wohldosierte Mischung aus Ruhe und Schlachtfeldgeschehen Zeit genug, darüber nachzudenken, darüber, was gerade in der Ukraine passiert, wo der Begriff Kanonenfutter traurige Aktualität gewinnt.

Der Entscheid war wohl auch der, den Protagonisten nicht gleich einzuführen, erst mal quasidokumentarisch generelles Kriegsgeschehen auf die Leinwand zu collagieren, von Kämpfen über die Versorgung Verwundeter, die Entsorgung der Toten, bis zur Wiederverwertung der Klamotten.

Allerdings wirkt die Kriegsbegeisterung der jungen Männer in einer deutschen Kleinstadt aufgesetzt, als diese erst im dritten Kriegsjahr eingezogen werden. Und sie wirkt auch insofern inszeniert, als darauf verzichtet wird, die Motivation beispielsweise des Protagonisten Paul (Feli Kammerer) deutlich zu machen. Es ist ein Gruppengefühl und der Protagonist ist einer aus der Gruppe, wird auch gar nicht besonders hervorgehoben.

Genau das dürfte es aber sein, was den Film so erträglich macht, vermutlich durchaus im Sinne von Remarque, dass der Protagonist eher peripher oder ephemer eingesetzt wird, so die Falle der Heldentumsgeschichte elegant umgehend.

Dann gibt’s wieder Landschaft, Nebel, leeres Kriegsfeld, ein Gehöft, zwei Soldaten, die versuchen ein Federvieh zu stehlen. Und dann gibt’s natürlich, weil die dominierten in diesem furchtbaren ersten Weltkrieg, die Kanonenfuttergeschichten, Kampf Mann gegen Mann, ganz deutlich die Aktion, die Hälfte der metallenen Erkennungsmarke eines jeden Soldaten abzubrechen und einzusammeln für die spätere Statistik der Militärbürokratie.

Vielleicht ist das gerade das für einen Kriegsfilm Wohltuende, dass nicht der große Bogen einer Geschichte gesucht wird, dass das Drehbuch unverhoffte Sprünge macht, dass der Film mehr eine Aneinanderreihung signifikanter Situationen und Impressionen ist, in denen immer wieder der Protagonist auftaucht, sie aber nicht dominiert.

Smile – Siehst Du es auch?

Übertragung

Gibt es psychische Erkrankungen, die durch ein Lächeln übertragen werden können? Gibt es psychische Erkrankungen, gegen deren Übertragung selbst der Psychiater machtlos ist?

Mit solcher Fragestellung konfrontiert Parker Finn, Regisseur und Autor dieses edlen Horrorfilmes, seine Protagonistin Rose Cotter (Sosie Bacon), Psychiatrin, die eine schauderhafte Erfahrung in der Sprechstunde der Klinik mit einer Patientin macht. Ein Lächeln ist der zentrale Anker dabei.

Zuhause ist Roses Ehemann Treor (Jessie T. Usher) besorgt, er merkt, etwas stimmt mit Rose nicht. Etwas ist in ihr hängen geblieben. Sie tut sich aber schwer, es zu formulieren.

Was mit Rose passiert ist, das wird der Film im weiteren Verlauf darlegen.

Parker Finn exponiert seinen Film mit aller Raffinesse des Horrorgenres. Er setzt die Kamera als aktive Akteurin ein, sie macht Alltagsräume durch das Spielen mit Perspektiven zu Horrorräumen; die Kamera geht bis zum Umdrehen der Sicht auf die Dinge.

Zur Erhöhung der Horrorstimmung arbeitet der Regisseur auch sehr geschickt und wohldosiert mit der Tonspur genau so wie mit ganz leisen Momenten, die von Schockelementen unterbrochen werden; er gönnt seiner Protagonistin immer wieder inneren Dialog.

Die Story gerät allerdings nach der brillanten Exposition schnell auf das rumpelige Gleis einer Geisterbahn, was ihrer Schönheit aber keinen Abbruch tut.

Liebe, D-Mark und Tod – Ask, Mark ve Ölüm

Griff in eine Schatzkiste,

in eine Schatzkiste, die seit wir im geteilten und dann wiedervereinten Deutschland leben, offen neben uns lag, die wir nicht beachtet haben und ebenso wenig unsere Medien der weißen Männer und der weißen Gesellschaft, die der Kultur der Einwanderer die kalte Schulter zeigten und generell immer noch zeigen.

Gebraucht wurden im aufstrebenden Industrieland Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen, Menschen, die ihre Lieben in der Türkei zurückgelassen haben, die in der Freizeit nur Arbeitskollegen hatten, die aber Lebensgefühl hatten, die nicht nur Arbeitsmaschinen sein wollten, wie die wilden Proteste in den 80ern zeigten,

Menschen die Gefühle haben und ausdrücken wollen, die Musik brauchen, die ihre Situation besingt, die Trennung von den Verwandten, die Einsamkeit, die Ausbeutung, die Desillusionierung, das Heimweh.

Andere Immigranten machen die Musik, entwickeln Labels, füllen Säle, werden zu Megastars – und die deutsche Gesellschaft bemerkt nichts davon; auch nicht von der Gazino-Kultur, Brettel-Bühnen für Immigranten könnte man vielleicht sagen.

Jetzt besteht die Chance in diesem Film von Cem Kaya, der mit Mehmet Akif Büyükatalay auch das Drehbuch geschrieben hat, einiges nachzuholen, zu entdecken und zu bestaunen. Was da alles an uns vorbeigegegangen ist bis hin zum Türk Rap!

Der Film ist vor allem ein Archiv-Footage-Film nebst einigen Talking Heads, heute noch lebende Stars aus dem Archiv-Footage.

Der Film wirft auch ein starkes Schlaglicht auf die Geschichte der Immigration, beschäftigt sich mit den Arbeitsbedingungen, dem Familiennachzug, den Protesten gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung, der Ausländerfeindlichkeit und den Brandanschlägen, die in den 80ern mit der Wirtschaftkrise, der Rezession begannen über die Tradition exzessiver Hochzeiten und Disco-Folk und Rap als Heilmittel bis hin zu einer Kulturannäherung.

Im Abspann wird jeder Menge Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender, die produzierten, gedankt.

Wir könnten genauso gut tot sein

Der Aplomb dieses Filmes ist der des intellektuell-künstlerischen Anspruchs, vielleicht auch jener des Staatstheaters.

Vermieden wird, immerhin konsequent, die Natürlichkeit, also auch der TV-Realismus, was doch schon was ist.

Es gibt auch ein Thema abzulesen, oder eine Inhaltsangabe in wenigen Worten: Episoden im Leben des Sicherheitschefs Anna (Ioana Jacob) eines Wohnblocks, der sich wie eine gated Community nach außen abschirmt. Zwei Dinge charakterisieren sie. Sie ist selbst die Voyeurin, die für einen Einbrecher gehandelt wird, wovon sie nachher wirkungsvoll ablenkt. Und sie hat eine Tochter, die sich im Bad einschließt; kommunziert wird durch eine Öffnung im unteren Teil der Badezimmertür: das gibt der Regisseurin Natalia Sinelnikova Anlass, die Darsteller in verschiedene Verrenkungen (und vermutlich auch die Kamera) zu dirigieren.

Das ist, wenn man so will, der äußert dünne Storyfaden einer Geschichte, die man eher als Episoden im Leben einer Concierge (was die Franzosen dann doch viel weniger kopfig können) bezeichnen müsste.

Ein durchgehendes Thema ist die Sicherheit. Und da es – so eine Weisheit jenseits dieses Filmes – im Leben sowieso keine Sicherheit gibt, reicht das Sicherheitsbedürfnis der Bewohnergruppen für eine ganze Anzahl quasi gewollter, gesetzter Dialoge.

Der Film setzt das Thema häufiger, normaler Nachbarschaftsgeschichten auf eine kulturell hohe Ebene, zum Beispiel auch mit der musikalischen Untermalung aus dem Hochkultursegment und da jeder Satz mit der Bedeutung eines Bühnensatzes gesprochen wird.

Hinzu kommen Auftritte des Chors, wie schon das griechische Theater es liebte, wenn alle Nachbarn die Concierge, pardon, die Sicherheitsbeamtin, bedrängen, da stehn sie da wie der Opernchor im Nationaltheater. Erhebung des Alltags in den Stand einer Lateinischen Messse. Wem auch immer das was bringen mag.

Der Film schildert die Menschen in dieser gated Community (eine hübsche Location) als Gefangene ihres eigenen Sicherheitsdenkens. Es geht nicht um Befreiung oder um Emanzipation. Es geht nicht um eine Entwicklung, es geht um die Schilderung einer Stagnation ohne Dramatik. Das Menschenbild in diesem Film ist sein deprimierender Kontent, noch deprimierender, dass er so zelebriert wird. Auch die Themen Schuld und Scham werden angesprochen – so wie eine erzreaktionäre Kirche es tun würde, welche sich direkt davon ernährt.

Tausend Zeilen

Falls Hermann Florin, der Drehbuchautor dieses Filmes in der Regie von Michael Herbig, mit Medienthrillern Erfolg haben möchte, so sollte er vor dem Schreiben sich vielleicht doch mit dem Genre etwas näher beschäftigen, sollte einige Filme studieren, besonders amerikanische, die darin schon erfolgreich waren. Zum Beispiel Spotlight, in welchem es um freien Journalismus geht.

Hier im Film ist das Thema nicht weit entfernt, es geht um Lügenjournalismus, um Erfindungsjournalismus, der mit brillant geschriebenen Geschichten blendet, ohne sich um die Fakten zu kümmern.

Vorbild ist der Fall des Journalisten Class Relotius, der den Spiegel übertölpelte und jede Menge Journalistenpreise einheimste.

Das ist Thrillerstoff. Wird aber hier als solcher verhauen. Der Film kann sich nicht für einen Protagonisten entscheiden. Einerseits ist das blasse Relotius-Double Lars Bogenius (Jonas Nay) eine Hauptfigur, eine andere ist der Journalist, der ihm auf die Spur kommt, Elyas M’Barek als mexikanisch anmutender Romero, der sich bestens für den Italo-Westsern empfiehlt. Ihm wird per Drehbuch eine ziemlich unglaubwürdige und vor allem in keiner Weise interessierende Familiengeschichte angehängt, Mutter (Marie Burchard) mit 4 Töchterchen; erfundenes Familienleben.

Es ist typisch deutsches Fernsehen, was glaubt, immer alles erklären und kommentieren zu müssen; weil es Menschen erfindet, statt sie zu studieren.

So spielt M’Barek (der kommt als einer der wenigen nebst seinem Fotografen Michael Ostroswki in einer insgesamt merkwürdig zusammengeschusterten Castriege überzeugend rüber) eine Szene. In der nächsten Szene schüttelt der Relotius-Darsteller den Kopf über just diese vorangegangene Szene, kommentiert also eine Filmszene, die er gar nicht gesehen haben kann.

Es gibt Erklärungen direkt zu den Zuschauern.

Zur Schwäche des Filmes zählt, dass die Spiegelredakteure als einseitig eitel und, ja, letztlich dumm gespielt werden. So kann keine Spannung erzeugt werden. Es gibt wiederum Szenen, die erklären, warum Romero nicht aufgibt, das ist eine Erzählung von einem Opa in widrigen finanziellen Verhältnissen, der des Geldgewinnes wegen sich einem aussichtslosen Ringkampf stellt. Das sind Erklärungen, die wahre Spannungskiller sind und die keiner braucht.

Nein, es ist kein preisverdächtiges Produkt, was das deutsche Subventionskino in seiner Flickschusterei uns hier präsentiert. Relotius muss definitiv der bessere Geschichtenerzähler gewesen sein. Auch die Regie von Michael Herbig lässt ein Kinoherz nicht unbedingt höher schlagen. Das Genre ist ganz offensichtlich nicht sein Ding.

Ein weiteres Problerm ist der Titel: über Journalistenkreise hinaus dürfte er wenig erzählen. Der Titel meint einen bestimmten Textumfang.

Rex Gildo – Der letzte Tanz

Mit leichter Muse

und nicht mit der schweren eines Ulrich Seidl in Rimini über einen abgehalfterten Schlagersänger lässt Rosa von Praunheim, der mit Nico Woche auch das Drehbuch geschrieben hat, das Leben des Schlagersängers Rex Gildo „frei und nach wahren Begebenheiten“ Revue passieren in einem leicht angerichteten Mix aus Archiv-Footage und Originalaufnahmen, aus Gesprächen mit Stars von damals wie Conny Froboess, Vera Tschechowa, Gitte, Costa Cordalis, Cindy oder mit Gildos Biographin.

Es war die leichte Muse, die in den miefig-piefigen 50er Jahren besonders gefragt war, Schlager mit Texten über Glück und Liebe vorgetragen von hübschen Menschen.

Zwischen Archivfootage und aktuelle Interviews schneidet Rosa von Praunheim theatrales Reenactment, was er als solches offenlegt. Im Theatralen drückt der Regisseur gut auf die Tube.

Für den jungen Rex Gildo hat er einen extrem hübschen und auch begabten jungen Mann gefunden: Kilian Berger. Sein Förderer und Entdecker und Lover und deutlich älter kommt im Archivfootage original vor und im Reenactment hat Rosa von Praunheim ihn mit Ben Becker besetzt, der jetzt nicht unbedingt den Charakteristika „eher distinguiert, Ehrfurcht gebietend“, Jagdflieger soll er gewesen sein, entspricht, der mehr aus der Form geraten ist. Die Charakterisierung dieses Förderers oder auch der drei alten Frauen, die immer noch Fans von Rex Gildo sind und keinesfalls seine Schwulität wahr haben wollen, wirkt in ihrer Übertriebenheit belustigend im Sinne der leichten Muse.

Es tut der leichten Muse keinen Abbruch, so wie Rosa von Praunheim diese Liebes- und Geschäftsgeschichte erzählt. Und ganz nebenbei die Geschichte der Schwulenbewegung nicht nur in der Bundesrepublik, der Kampf für die Abschaffung von Paragraph 175 und kurzer Rückblick auch auf „Nicht der Homosexuelle ist pervers…“ von ihm selber.

Der Zwang, in der heilen Schlagerwelt eine Ehe vorzutäuschen. Dazu gab sich die Cousine her. Die Ménage à Trois in einem bayerischen Dorf, bei der sich offenbar keiner was gedacht hat, schon gar nicht die Haushälterin, oder sie hat es, comme il faut, für sich behalten.

Der zweite Teil des Filmes mit Kai Schumann als Rex Gildo ist der traurige Teil, der Teil des Verlustes von Jugend und Schönheit, das Tingeln in Möbelhäusern, der Verlust des Haltes durch den Tod seines Freundes Fred Miekley, Alkohol- und Tablettenkonsum, Skandale.

Die Schlager, sie dürften wohl bleiben: Speedy Gonzales, Fiesta Mexicana (Hossa!), Marie, der letzte Tanz ist nur für Dich … hunderttausende und Abermillionen Aufrufe bei Youtube und immer wieder hochgeladen.

Die Schule der magischen Tiere 2

Mayonnaisenkino

Es gibt Gerichte, die sind populär, Currywurst mit Pommes oder Kebab mit allem, aber der Gourmet rümpft die Nase.

So ist es auch im Kino, es gibt Filme, die sind erfolgreich, aber die Kritik bekommt Magenbeschwerden. So war und ist es mit Die Schule der magischen Tiere und so verhält es sich mit der Fortsetzung in der Regie von Sven Unterwaldt Jr. nach dem Drehbuch von Alexander Dydyna und Viola Schmidt.

Es geht um die Teenie-Phase des Coming-of-Age vor dem ersten Kuss.

Die Kids sind schon hochgeschossen wie Erwachsene, haben aber noch den Kinderspeck im Gesicht. Sie stehn vor dem ernsthafteren Teil der Heranwachsens, dem charakterlichen Teil. Dabei scheint Magie ein wirkungsvolles Hilfsmittel zu sein, wie schon Harry Potter glaubhaft machte. Als Begleiter soll jeder Teen ein Tier erhalten: Fuchs, Schildkröte, Pinguin, Chamäleon (Kaspar aus Madagaskar) sind es; diese werden von bekannten Schauspielern gesprochen. Sie erstarren zu Stofftieren, wenn gewisse Erwachsene sich ihnen nähern.

Die jungen Menschen sind aus Schulzwang Autoritäten wie Lehrern, Schuldirektoren und Schulabwarten ausgesetzt. Den Selbstwusstseinszwiespalt können sie mit magischen Tieren oder mit unerlaubten Streichen kompensieren.

Außer, dass zwei der jungen Darsteller ihr magisches Tier erhalten, ist der grob skizzierte Zielpunkt des Filmes eine Schultheateraufführung. Wie ein bunter Abend eines solchen Institutes für Verwandte und zugewandet Orte nimmt sich der Film auch aus, der in einer dicken Glücks-Hormon-Musik-Sauce ertränkt wird.

Es geht darum, das schwache Stück des Direktors zu umgehen, das von der Schulgründung handeln soll und offenbar eine Geschichtsklitterung darstellt. Es gibt die üblichen Querelen und Intrigen und nachts bohrt jemand Löcher in den Schlosshof, wodurch eine Prise Kriminalstory auf die Allerwelts-Pizza gepackt wird.

Es gibt die arroganten Zicken um die Hochnäsige, die alles besser weiß, sich für die Beste hält und nicht mal ihre Handtasche selber tragen mag; als Typus ein häufig bemühtes Coming-of-Age-Klischee in solchen Filmen. Es gibt die beste Freundin und einen hübschen Jungen, den alle begehren. Zwischen welchen wird es zum ersten flüchtigen Kuss kommen? Wird hier nicht verraten. Verraten sei, dass, wenn es nach diesem Film ginge, das Leben dieser jungen Leute eine einzige Party zu sein scheint.

Der Bauer und der Bobo

Ein Casus

Eine Kuh trampelt in Krakau in der Steiermark eine Frau tot, die mit Hund und Kind auf einer Kuhweid zugange ist. Die Kuh hat den Hund gemeint. Ein Gericht verurteilt den Bauern zu Schadenersatzzahlung. Ein Bobo aus Wien befürwortet in der kecken Zeitschrift Falter das Urteil.

Jetzt bekommt es der Bobo, Florian Klenk, mit dem betroffenen Bauern, Christian Bachler, zu tun. Der ist Internetaktivist für das Bauerntum und lädt den Bob, also den schnöseligen, ahnungslosen Stadtmenschen, aufs Land ein, eine Woche lang einen Blick hinter die Kulissen des Bauertums zu werfen. Daraus ist ein Buch entstanden und Kurt Langbein hat es zu diesem Dokumentarfilm, der einer hochspannenden Reportage gleichkommt, weiterentwickelt.

Florian Zenk nimmt die Herausforderung an und wird einen Menschen kennenlernen, zu dem der Begriff Wutbauer nur eine Teilwahrheit ausdrückt. Den hat er bekommen, weil er die Wut der Bauern über gesellschaftliche Benachteiligung lautstark und mit prägnanten Worten in die Internetwelt hinausjagt. Auch seine T-Shirts sind voll mit Slogans: Muviehstar, AckerDemiker mit Niveau.

Mit Humor wird sich der Bauer seine Prominenz am Ende der Geschichte als K-Promi kennzeichnen.

Aber Bachler ist mehr: er ist ein Kopf, ein Forschender, ein Gedankenmacher. Er kehrt zurück zu einer Landwirtschaft, wie sie tausende von Jahren in der Berggegend funktioniert hat, holt Yaks hinzu, die wenig Arbeit machen, keine Ställe brauchen und vor der Verbuschung schützen und somit Landschaftspflege betreiben; er pflegt das Alpenschwein, das langsamer wächst, aber vorn Pflug ist, hinten Düngerstreuer; er kehrt zur Artenvielfalt zurück, kehrt der Monokultur den Rücken zu, klimaresiliente Grasbewirtschaftung.

Der Film gibt einen faszinierenden Einblick frei dafür, wie der Mensch der Natur möglichst ohne sein Zutun mehr Blühen und Gedeihen entlockt. Auch das Vermarktungspbroblem versucht der Bauer selber zu lösen mit Internetaktivität.

Die Bank spielt einen bösen Part, sie will den Hof wegen Überschuldung viel zu günstig versteigern (da ist eine Bemerkung zu hören, dass es auch um Interesse an Jagdrechten gehe). Die ferne EU will mit teils absurden Vorschriften eingreifen mit starren Definitionen, was ein Wald und was eine Weide sei.

Illustriert wird die Reportage mit einem Gegenbesuch in Wien, da ist der Prater für den Wutbauern spannender als die Redaktionsräume, es gibt eine kleine, sensationelle Glücksgeschichte und es gibt wenige, wohldosierte Folkloreeinsprengsel und die Überraschung über die Herkunft des Reporters.

Da kommt noch was

Reife Heldinnen des Alltags

könnte die Schublade heißen, in die dieser Film von Mareille Klein (Dinky Sinky – hier traute sie sich noch was) gesteckt werden könnte.

Ein Produkt der Zusammenarbeit mit Fernsehredaktionen. Da werden für verdiente Schauspieler und Schauspielerinnen (Dagmar Manzel: Ein großes Versprechen; Corinna Harfouch: Alles in bester Ordnung, Bjarne Mädel: Geliefert oder Rainer Bock in Atlas), die nie richtige Filmstars waren, Stoffe mit Glanzrollen für sie entwickelt, die die Darsteller nicht absagen können.

Wenn diese subventionsnamhaften Akteure den Letter of Intent unterschrieben haben, dann läuft die Finanzierung über Fernsehredaktionen und Filmförderer wie von ganz allein.

Man könnte das als das Götz-George-Syndrom bezeichnen. Der war immerhin als Schimansky bereits ein TV-Superstar, litt aber darunter, dass er die Rolle nicht für ernsthafte Kunst hielt, die er doch brennend gerne machen wollte. Filmemacher, die das wusssten, unterbreiteten ihm schlauerweise Drehbücher mit ernsten Rollen (dabei hat immerhin der Totmacher von Romuald Karmakar für eine gewisse Furore gesorgt); George fühlt sich geschmeichelt, kann nicht ablehnen und die Produktionsmaschinerie kann angekurbelt werden. Hinter den Kulissen aber wurde davon gesprochen, dass George in solchen Filmen generell Leinwandgift gewesen sei.

In diesem Film von Marseille Klein ist nun also Ulrike Willenbacher die Begünstigte, die Beglückte. So scheint es sich hier mit Ulrike Willenbacher als Helga zu verhalten. Helgas Alltag charakterisiert der Film eingangs in einer langen Einstellung: ein Bonsai auf einem Fenstersims (alles gestutzt), viel braun gekachelte Küchenwand (Sinnbild für hygienische Sterilität, die aber Unsauberkeit durch die dunkle Farbe nur schwer erkennbar macht), eine Kaffemaschine, Kaffekultur-Teilnehmerin.

Als nächstes will Helga eine Spinne von der Wohnzimmerdecke neben der Fenstertür vorsichtig mit einem Glas einfangen und wohl entfernen. Dafür muss sie sich auf eine Bockleiter stellen und verursacht einen Unfall, den selbst ein großer Magier so wohl kaum hinbekommen würde: sie verliert das Gleichgewicht und statt sich zu krümmen im Fall, stellt sie sich bolzengerade aufrecht und fällt senkrecht, wie manche Springer vom 5 Meter-Brett, durch ein Holzgitter, was offenbar einen für ein Wohnzimmer ungewöhnlich tiefen Schacht von schätzungsweise mindestens einem Meter schützend abdeckt – das ist so haarsträubend unglaubwürdig wie der Sturz des Selbstmordkandidaten aufs Gleis in Von oben nach unten.

Da steckt sie nun in misslicher Lage wie ein ungespitzt eingeschlagener Pfahl einer Kuhweide. Und kommt nicht mehr raus. Sie muss was am Lendenwirbel haben oder gar am Rückgrat. So verbringt sie eine Nacht, kann weder mit Schreien noch Klopfen Hilfe holen und muss warten bis die Putzhilfe kommt (bei IMDb diese einzutragen, ist der Produktion nicht in den Sinn gekommen. Kulturchauvinismus?).

Da kann endlich die Sanität gerufen werden. Deren Rollen werden stimmlich realisiert, den Rest kann sich der Zuschauer zu Schwarzbild denken, ist billiger; die Sender müssen sparen. Da die Putzhilfe in den Urlaub fährt, schickt sie Richard (Zbigniew Zamachowski) als Ersatz. Dieser spricht nur polnisch und ganz wenig Englisch, während Helga nicht mal des Englischen mächtig ist – auch das passt überhaupt nicht zu ihrer Wohnung und Erscheinung. Nach der unglaubwürdigen Ausgangslage mit dem Sturz wird diese durch diese Konstellation keinesfalls besser.

Der Putzmann und die gefallene Frau verbringen durch die Putzerei notgedrungen Zeit miteinander und notgedrungen melden sich die Triebe. Da wären wir jetzt nicht unbedingt draufgekommen, so wenig wie weitere Chargen in dem Film, die Tochter und die Skat-Freundinnen der Protagonistin. Wenn sie ihr wennigsten die Titelrolle gegönnt hätten: Helga, und da es den Titel bestimmt schon gibt aus der Softsexzeit, könnte ergänzend hinzugefügt werden, Helga, die Reife (oder: Helga, die Gefallene).

Peter von Kant

Fassbinder – verehrer, versteher, -erklärer, -dramatisierer oder -bezwinger?

Was macht Francois Ozon, der ausgehend von Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ das Lesbische zum Schwulen umgeschrieben hat?

Im Fassbinderfilm gelangt Margit Carstensen als die Modegeschäftsfrau Petra von Kant zur Erkenntnis, dass sie ihre Geliebte Karin nur besitzen wollte.

Bei Ozon gelangt der als tuntig angelegte Rainer Werner Fassbinder Peter von Kant (Denis Ménochet) zur Erkenntnis, dass er seinen Geliebten Amir (Khalil Ben Gharbia) nur besitzen wollte.

Die bitteren Tränen aus dem deutschen Titel hat Ozon in seinem Titel nicht übernommen. Umsomehr dürfen die Schauspieler bei ihm am Schluss weinen, wenn noch Peter von Kants Mutter, Hanna Schygulla, zu Besuch kommt.

Hier scheint es, als drehe Ozon Fassbinder durch den Melowolf. Voher war der Eindruck mehr der eine gepflegten Lecture, einer akademischen Abhandlung, statt wie bei Fassbinder, werden die Gefühle und die Emotionsentwicklungen zwischen den Figuren nicht analytisch scharf beobachtet und – mit dieser ganz sperrig-trockenen Sprachregie – filmisch plausibel gemacht. Hier wird alles nur im Dialog mehr erläutert. Der hauptsächliche Drehort ist eine Wohnung in Köln anno 1972. Peter von Kant hält sich als Bediensteten und eine Art Haussklave, Karl (Stefan Crepon). Auch bei ihm wird er im Zuge der Läuterung erkennen, dass er ihn ungerecht behandelt hat; aber diese Reue bringt ihm wenig.

Hat also Ozon Fassbinder bezwungen? Hat er ihm eine würdige Hommage hingelegt? Oder versucht er gar, ihn aufs Melodramatische, aufs Tuntige zu reduzieren? Oder den tieferen Fassbinder, den Seelengründler, auf akademische Erklär-Dialoge zu reduzieren? Rein inszenatorisch allerdings, kann er verglichen mit Petra von Kant Fassbinder mit diesem Werk von 85 Minuten nicht das Wasser reichen; oder versucht er gar, Fassbinder zu bezwingen, indem er ihn als bemitleidenswertes, despotisches Würmchen zeichnet? Oder: Will Ozon klar machen, dass er nicht der besserer Fassbinder ist?