Archiv für die Kategorie: “Review”

Zupacken.

Ihr Vater wollte einen Sohn. So hat Jutta Speidel das Zupacken gelernt. So hat sie auch im Umgang mit Männern sich durchgesetzt. Keiner ihrer Gatten wollte nach München. Die Beziehungen sind wieder auseinandergegangen. Eine Freundin meint, dass Männer Angst vor iherer Stärke haben.

Und so wie Jutta Speidel bei der Entwicklung einer ihrer größten Erfolgsrollen am Fernsehen, der Schwester Lotte in Um Himmels Willen, von Anfang an mitgewirkt hat, so dürfte sie die Chance zu einem Lebenslinien-Porträt vom ersten Gespräch an genutzt zu haben, um das Format ohen Federlesens ihrem wichtigsten Projekt Horizont e.V. unterzuordnen. In Andi Niessner hat sie für diese Lebenslinien einen angenehmen Strohmann gefunden, der seinen Namen für Buch und Regie gegeben hat.

(Wie es bei Um Himmels Willen nicht mehr nach ihren Ideen ging, die Serie immer mehr von der Nonnen- zur Bürgermeisterserie sich wandelte, ist sie ausgestiegen).

Der Film trägt, besonders, wenn man mit dem Gesülze und PR-Getue anderer Folgen des Formats vergleicht, ganz klar die Handschrift von Jutta Speidel. Die sonst eher peinlichen Routinen aus dem Format, den Besuch bei alten Wirkungs-, Schul- und Wohnstätten, hakt sie kurz und schmerzlos ab. Immer wieder geht es um Horizont. Ein Projekt, das sie von sich aus gestemmt hat, das anfangs ein Ding der Unmöglichkeit schien.

Auch als Künstlerin managt sie sich selbst. So sind durch ihr Zutun – ein bisschen was über ihre schilldernde Karriere erfährt man auch – mit von den spannendsten Lebenslinien eines Promis geworden, die ihr soziales Projekt uneitel in den Mittelpunkt stellen. Das Format hat sie in ihrem Sinne verformt. So wie sie schon eine ihrer ersten Komparsenrollen nutzte, um gesehen, bemerkt und entdeckt zu werden, so nutzt sie dieses Lebenslinien für ihr soziales Engagement.

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Düsteres Mallorca.

Hütet Euch vor Mallorca, will uns dieser Film von Sven Taddicken (12 Meter ohne Kopf, Gleissendes Glück) erzählen, dort ist es zappeduster und junge Paare werden von zahmen, jungen Burschen aus Deutschland in ihren Ferienwohnungen überfallen und die Frau vergewaltigt.

Wie Sven Taddicken letzteres erzählt, da fangen schon meine heftigen Schmerzen mit diesem Film an. Seine beiden Protagonisten Malte und Liv (Maximilian Brückner und Luise Heyer) lieben sich am finsteren, zerklüfteten Strand von Mallorca. Sie sollen laut Titel dieses „schönste Paar“ sein, was im Kino gleichbedeutend sein dürfte mit dem Begriff „Traumpaar“.

Erste Magenschmerzen stellen sich ein: die beiden ein Kinotraumpaar? Für diesen Anspruch hat die Casterin Simone Baer so ziemlich daneben gelangt: Maximilian Brückner ist zu bodenständig und Luise Heyer zu maskenhaft undurchlässig; im Hinblick auf den Begriff „Traumpaar“ eine eher kuriose Zusammenstellung, zu schweigen von der nicht vorhandenen Chemie.

Trotz fast Lichtlosigkeit auf der Leinwand werden sie bei ihrem Liebesspiel am Meer von drei grünen Jungs beobachtet. Die wissen offenbar auch, wo die beiden einquartiert sind, und dringen vor deren Rückehr in die Wohnung ein.

Das Paar kehrt heim, die gänsebrüstigen Jüngelchen stehen da, ziemlich hilflos, aber die beiden Protagonisten müssen Ernstfall spielen und (deutsche Drehbuchkrankheit!) fragen, was los sei.

Die Reaktion von Maximilian Brückner ist vollkommen unlogisch, er der Bodenständige (später wird man noch erfahren, dass er boxt), er könnte die Bürschen mit drei Handkantenschlägen erledigen; aber wie eine Memme rückt er sofort Geld und Handys heraus. Das ist nicht nachvollziehbar. Das ist ein kapitaler Besetzungsfehler, dem Brückner solche Bürschen gegenüber zu stellen. Die Jungs werden von Taddicken auch gar nicht erst als gefährlich inszeniert. Obwohl, das könnte das Kino alleweil schaffen, Harmlose als brandgefährlich erscheinen zu lassen; wenn wer oder was die Möglichkeit hat, dann das Kino. Aber Sven Taddicken hat diese Möglichkeit nicht genutzt.

Später wird sich herausstellen, warum die Szene offenbar weder Fernsehredakteure, noch Casterin noch irgendwen sonst ernsthaft interessiert hat. Weil es sich nämlich um einen fernsehsubventionierten, deutschen Themenfilm handelt. Darin soll das Thema Rache behandelt werden. So kann die Exposition ruhig papieren bleiben. Es geht ja nur darum, dem Zuschauer bekannt zu geben, dass auf Mallorca eine Vergewaltigung einer verheirateten Lehrerin passiert ist und dass sie und ihr Mann, der dabei zusehen musste und der auch Lehrer ist, es nicht für nötig halten, weder um Hilfe zu schreien noch die Polizei zu holen. Sie sind sozusagen sofort einverstanden, dass an ihnen ein Verbrechen begangen wird. Für diese überflüssig lange Info wird gleich zu Beginn die Glaubwürdigkeit des Filmes aufs Spiel gesetzt und mit voller Energie verloren.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nimmt das Lehrerehepaar psychiatrische Hilfe in Anspruch. Malte überwindet das Problem schnell, Liv braucht ein paar Sitzungen mehr. Sie vergibt dem (unbekannten) Übeltäter, hat daraufhin sogar einen süßen Traum vom bleichen Bürschchen. Vielleicht hat ihr die Vergewaltigung ja sogar gefallen, so harmlos wie die Jungs dargestellt werden.

All diesen Vorlauf braucht der Film allerdings, um überhaupt zu seinem Thema zu kommen: Vergeben oder rächen?

Denn Malte läuft Sascha in seiner Stadt wieder über den Weg. Jetzt wird er zum Selbstjustizler oder er wird zumindest auf diese Schiene gesetzt. Er verfolgt den Täter, findet heraus wie und wo er wohnt. Er dringt in dessen Wohnung ein. Klar, Wohnungen von Bösewichten schauen desolat aus, das vermittelt der Film seinem avisierten Fernsehpublikum. Und dass Malte die Tür eintritt, hat weiter keine Folgen. Das kann man in Deutschland einfach so machen, wenn keiner da ist.

Von dieser ersten Wiederbegegnung von Täter und Opfer an dominiert im Film das Bedröppelte. Sie spielen es ja nicht schlecht, diese Gefühlszustände. Nur fragt man sich, wozu? So bieder wie das Paar besetzt und charakterisiert ist, so unwahrscheinlich ist seine Handlungsweise. So schafft es das Fernsehen über das Kino, selbst einen talentierten Darsteller wie Maximilian Brückner, als nicht nachvollziehbar in seine Schranken zu weisen.

Taddicken hätte vielleicht vorher die norwegische Selbstjustizgeschichte Einer nach dem anderen studieren sollen
(die aktuell als Hard Powder als amerikanisches Remake im Kino läuft). Wie die ursprüngliche Tat, die den Hass und die Rachegelüste im Biedermann auslöst, gar nicht erst gezeigt wird, wie keine kostbare Filmzeit mit unnötigen Schilderungen vergeudet wird, wie nicht einmal die Frage, was denn hier los sei, vorkommt. Das ist aber hier passiert. Weshalb das Rachethema unschlüssig in der Luft hängen bleibt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Spaßgesellschaft. (Nationales Thema)

Es geht um ein nationales Thema. Aber der Film von Jan Bonny, der mit Jan Eichberg auch das Drehbuch geschrieben hat, ist keiner von diesen typischen, vielfältig geförderten deutschen Themenfilmen. Er passt nicht in die Kategorie ‚Subventions- und Förderprodukt‘.

Im Gegensatz zu anderen Filmen zum NSU wie Der NSU-Komplex, 6 Jahre 7 Monate und 16 Tage – die Morde der NSU, Fatih Akins Aus dem Nichts und Der Kuaför aus der Keupstrasse versucht Bonny sich in die Welt der Täter zu versetzen, in das Innenleben der Gruppe. Darüber konnte der mehrjährige Gerichts-Prozess in München wenig in Erfahrung bringen, zwei der Täter waren tot und die überlebende Frau hat sich praktisch nicht geäußert.

Insofern ist der Film eine Spekulation, eine Fantasie, die sich nicht um political Correctness oder Bedröppelung schert und die Freiheit des Kinos ausreizt. Mit dem Thema beschäftigen muss sich das Land auch weiterhin. Dies ist ein Beitrag dazu.

Tommi (Thomas Schubert), Becky (Ricarda Seifried) und Maik (Jean-Luc Bubert) sind in den Untergrund abgetaucht. Sie wohnen in einer minimal eingerichteten Mietskasernenwohnung, Matratzen auf dem Boden und ein paar Sitzgelegenheiten, Küche zwar eingerichtet, Kühlschrank kaum mit Inhalt.

Sie wollen im Grunde genommen nur ein bisschen Spaß haben. Sie ficken, sie schreien sich an (mit der Zeit wirkt sich das Untergrundleben auf so eine kleine Gruppe nervend aus, Knatsch, Schreiereien, Wohnung abfackeln), sie üben im Wald das Schießen, sie gehen in Kneipen oder auf einen provinziellen Maskenball, saufen, grölen, tanzen.

Tommy ist eine Gefahr für die Gruppe insofern, als er verführbar ist, sowohl am Süßwarenregal im Supermarkt als auch von anderen Menschen und ein Gitarrenklimperer ist er noch dazu. Wie es zwischen ihm und Becka mit dem Sex nicht mehr so flott funktioniert, spricht er andere Frauen – und auch Jungs – an. Er holt sich aber auch Abfuhren. Später entwickelt er heftige Gefühle zu Maik, einem Energiebündel, für den es offenbar nicht so eine Rolle spielt, ob er mit Beka fickt oder mit Tommy.

Die Schauspieler hängen sich rein, gehen an ihre Grenzen. Ein exzellenter Cast (Susanne Ritter). Sie trauen sich ins Extrem weit über den subventionierten Film hinaus.

Märchen in Deutschland sind schlechte Märchen. Das Sommermärchen war ein Fußballmärchen und seine Grundlage war Bestechung. Dieses Wintermärchen vereinigt Menschen, die zwar von Regeln reden, die sie hätten, aber sie kennen keine Grenzen; ab und an erschießen sie Menschen. Die Gruppe gerät in die Krise. Es gibt wüste Auseinandersetzungen. Das verdichtet sich zu einem intensiven Kino, das auf jede Belehrung, auf Erzieherisches, Besserwisserisches oder Aufklärerisches verzichtet. Es fantasiert sich einen Teil deutscher Gegenwartswelt zusammen. Und dürfte mit dem Motto der Spaßgesellschaft weit mehr als nur den Nerv des Rechtsterrorismus getroffen haben.

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Der Mensch und sein Double.

Von Antonin Arthaud gibt es den Begriff „Das Theater und sein Double“; von ihm stammt auch die Idee des Theaters der Grausamkeit.

Grausam geht es auch zu in Jordan Peeles zweitem Film nach seinem aufsehenerregenden Erstling Get Out. Schon dies war ein herber Horrorfilm.

Jetzt packt Peele noch ein paar Scheite drauf. Von Einzelfällen geht er jetzt auf fundamental Menschliches. Die fundamentale Dualität.

Die Basisinfo, die er anfangs liefert, ist die über eine der längsten Menschenketten (Solidarität der Menschen) in den USA und ebenfalls darüber, dass die USA unterhöhlt seien mit Gängen von U-Bahn-Bauten, Kanalisation und anderem, von dem nicht recht klar ist, wofür es gebaut wurde. Eine die USA umspannende Unterwelt.

Den Hauptreiz für seinen Horrorfilm bezieht Peele daraus, dass er die Geschichte von Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) sorgfältig erdet. Und damit enorme Glaubwürdigkeit und daraus Spannung erzeugt.

Er fängt vor 30 Jahren in Santa Cruz, Kalifornien an. Das liegt an einer Bay, ist aber auch nicht weit vom Meer entfernt, eine Differenzierung, die noch wichtig wird.

Mit irrer Lust an Kameraperspektiven und überraschenden Blickwinkeln, die immer eine Idee von der Langweilenormalität sich unterscheiden, schildert er den Familienausflug von Adelaide als kleinem Mädchen. Es verläuft sich auf dem Rummelplatz, gerät in ein Spiegellabyrinth, ist vielleicht eine Viertelstunde von der Familie entfernt. Hat ein einschneidendes Erlebnis.

30 Jahre später ist sie verheiratet mit Gabe Wilson (Winston Duke), hat die beiden entzückenden Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und den kleineren Jason (Evan Alex). Ein ganz normale Familie, die auf dem Weg in den Urlaub ist.

Nur dass die Mutter ein posttraumatisches Syndrom zu verarbeiten hat. Dieses wird geweckt schon mit der Nennung des Urlaubsortes Santa Cruz. Hier treffen sie am Strand die befreundete Familie Tyler mit Josh (Tim Heidecker), Kitty (Cali Sheldon), die zwei heranwachsende Mädchen haben. Wie geerdet Peele die Familien vorstellt zeigt ein kleiner Smalltalk im Liegestuhl der beiden Frauen, denn Kitty sieht noch exakt aus wie im letzten Jahr, triumphierend erzählt sie, dass ein klitzekleiner Schnitt in die Wange das möglich gemacht habe. Amerikanischer Alltag.

Wie bei schönstem Wetter erste kleine Wölkchen den Umschwung anzeigen, so gibt es erste, kleine, alarmierende Ereignisse. Der Bub Jason entfernt sich von den Müttern in ihren Liegestühlen, er behauptet, Pipi machen zu müssen. Aber er hat eine die Mutter erschütternde Begegnung; sie wird erst später über eine Zeichnung davon erfahren.

Wie gut geerdet Peele seine Geschichte einfädelt, zeigt ein kleiner Dialog im Familienauto: Jason benutzt den Begriff „Anus“, statt zu fluchen. Da wäre dem Vater doch lieber, er würde fluchen, obwohl das bei Tylers nicht gern gesehen ist.

In der ersten Nacht in Santa Cruz folgt der Umschwung, tauchen die Doubles auf, alle in roten Kleidern, bedrohen die Originale – oder die Marionetten? Die Kämpfe werden hart und zäh, nie aber unübersichtlich. Sie weiten sich aus.

Auch die Tylers werden von Doubles heimgesucht. Diese stechen am liebsten mit Scheren auf die Originale ein. Und sie weiten sich weiter aus und aus, ergreifen die ganze Welt. Und immer noch eine Volte und noch eine. Ein Repetitiv-Alptraum, der nicht zu stoppen ist. Wobei Familie Wilson zwischendrin genüsslich Killer-Bilanz zieht.

Peele gehen die Bilder und Umschwünge nicht aus, immer bleibt es spannend, nachdem kurz bei den Tylers der Eindruck entstand, die Chose würde sich verselbständigen. Aber diese Wendungen und Fluchten und Kämpfe und Echos aus der Vergangenheit, die braucht so ein Film, damit er das wird, was er geworden ist: herausragend aus den tiefen – archaischen? – Tiefen der Duplizität des Menschen erzählend. Und von den Versuchen des Menschen, gegen die Einsamkeit ein Wir-Gefühl zu entwickeln, ein Solidaritätsgefühl bis hin zum Menschenkettengefühl über die Hügel.

Einmal kommt auch der Begriff „umbrae“ für die Monster vor: die Schattenwelt. Auch das geht weit in menschliche Mythologien zurück, die Schattenmonster. Oder wenn der Mensch dem eigenen Monster begegnet.

Was Peele nicht daran hindert, „Good Vibrations“ von den Beach Boys aufzulegen. Es fibriert zwischen Mensch und Schatten. Oder die Differenz zwischen Bildung und Missbildung. Das Material, aus dem Geschichten werden, ist in diesem Falle recht untergründig.

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Tom Selleck spielt Matthew Quigley, einen berühmten Scharfschützen. Er ist ein Mann, der keine Berater braucht (wie heutzutage die Intendanten der ARD, wenn sie den demokratischen Grundauftrag den Beitragszahlern erläutern wollen). Mit seinen glasklaren Augen sieht er selbst, was Sache ist und entscheidet seine Handlungen.

Quigley wird für einen lukrativen Auftag nach Australien gebucht. Er soll für den Großgrundbesitzer Elliott Marston (Alan Rickman – in der exzellenten deutschen Version von Hans-Peter Hallwachs gesprochen) Dingos jagen.

Nach kurzer Vorstellung kommt Quigley in Australien an in diesem Film von 1990 von Simon Wincer nach dem Drehbuch von John Hill. Schon beim Gedrängel beim Verlassen des Schiffes zeigt Quigley, dass er sich durchsetzt, dass er Rüpelhaftigkeit nicht duldet und eingreift. Auf dem Kai bekommt er es mit der verrückten Crazy Cora (Laura San Giacomo) zu tun, die sich ihm an die Brust wirft und ihn für Roy hält. Dies ist der Anfang einer nicht unverrückten Liebesgeschichte und wird durch den Film hindurchgehen, immer auch mit der nötigen Portion Humor versehen.

Seine Scharfschützenkünste präsentiert Quigley gleich nach Ankunft auf der Farm auf Marstons Verlangen. Die sind stupend. Sein Gewehr ist eine Spezialanfertigung.

Die Exposition der Geschichte und der Figuren endet damit, dass Quigley klar wird, dass sein Job nicht die Jagd auf Dingos sein soll, sondern diejenige auf Aborigines und Deserteure der (operettenhaften) Regierungsarmee. Auch hier braucht er keinen Berater, um zu entscheiden, dass er das nicht mitmacht.

Das lässt sich der herrschsüchtige Marston nicht gefallen. Es folgt der Tiefpunkt für den Helden. Er wird in der Weite Australiens gefesselt ausgesetzt mit kaum Überlebenschance. Ebenfalls gefesselt neben ihm: Crazy Cora.

So entwickeln sich einerseits Drama, andererseits Liebesgechichte und dazu auch noch ein Erzählfaden mit den Aborigines in erzählökonomisch hervorragender Art und vor allem ist klar, Quigley will sich nur zurechtbuddeln, er ist nicht der Rächertyp oder gar ein Selbstjustizler, resp. seine Nerven müssen lange strapaziert werden, bis er sich entscheidet, Marston auf seinem Landsitz herauszufordern und für den finalen Countdown zu sorgen, wobei er auch hier nicht wild jeden erschießt, der ihm in die Quere kommt.

Der Film ist eine wunderbar doppelte Reise in die Vergangenheit: in die Siedlerzeit in Australien und in der Kinogeschichte immerhin 30 Jahre zurück in eine großartige Panavisions-Welt.

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Aus den Innereien der Nusra.

Kulturschock. Grenzüberschreitung.

Zwei Jahre lang konnte Talal Derki mit seinem Kameramm Kahtan Hasson beim Clan-Chef Abu Osama der Nusra-Brigaden im salafistischen Nordwesten Syriens filmen. Sie haben sich als Kriegsreporter ausgegeben.

Herausgekommen ist ein Bild, das sprachlos macht.

Eine Welt, in der es zwar nach einem Bombenangriff kokelnde Bücher gibt, in der sich alles nur um den Propheten und das ihm wunschgemäße Leben, um die Ungläubigen, den grandiosen Erfolg von 9/11, das Bauen von Bomben, das Entschärfen von Minen, das Abschießen von Feinden aus dem Hinterhalt, das Militärcamp für Kinder und das Märtyrertum dreht.

Frauen kommen im Film kaum vor. Sie durften vermutlich auch nicht gefilmt werden. Sie sind Wesen niedrigerer Klasse. Die Buben werfen mit Steinen nach den Mädchen und vertreiben sie. Eine reine Männer- und Bubengesellschaft. Die Buben altern früh.

Der Protagonist ist Abu Osama, der mit zwei Frauen eine eigene kleine Armee an Buben gezeugt hat. Diese bekommt man zu Gesicht und noch vor der Pubertät werden sie ins Militärcamp geschickt. Abu Osama bedauert es, dass der eine Sohn noch nicht stark genug ist und stattdessen in die Schule geht, wo es immerhin noch anderes als nur Korantexte zu lesen gibt. Aber schon bei seinem Jüngsten, der gerade mal zwei Jahre alt ist, fängt er mit der religiösen Indoktrination an. Abu Osama hat seine Kinder nach den Helden des Terrors genannt.

Man möchte lieber nicht wissen, was mit den Gefangenen aus den Regierungstruppen passiert, die einmal zu sehen sind und in einem Hof zusammengetrieben werden und Gott laut loben müssen. Es ist zu vermuten, dass Derki, um den Film halbwegs erträglich zu machen, nicht alles zeigt, was er zu sehen bekommen hat. Es kursieren im Internet eh schon genügend Gräueltaten. Es geht hier um Kriege, die nicht zu gewinnen sind.

Guter Rat ist teuer, wenn es ihn überhaupt gibt. Irgendwoher müssen aber die Waffen, die Handys, die Munition kommen.

Schwer nachvollziehbare Horizontverengungen bei fanatischer Feindbildpflege.

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Das Unsystematische

ist es, was diesen Nachtflug über Norddeutschland von Marcus Fischötter durchaus sympathisch macht. Sicher ähneln sich nächtliche Drohnenflüge über schön beleuchtete Fachwerkstädtchen. Aber bevor es langweilig wird, fällt Fischötter wieder was anderes ein.

Es gibt ja auch noch Industrieanlagen, Häfen, Schleusen, Fußballplätze, Straßen, Schlösser und Parks, beleuchtete Fontänen und Wasserspiele, nächtliche Lichtertraditionen vom Lampionumzug bis zum Feuerwerk.

Ab und an landet der fliegende (oder Drohnen fliegen lassende) Dokumentarist, unterhält sich mit Leuten, die nachts zu tun haben. Der Krabbenfischer in der Nordsee macht nächtens den besseren Fang. Auf Sylt versuchen Arbeiter dem Sandschwund am Strand zu begegnen. Es gibt die Fotografin, die auf Fotojagd nach faszinierenden Lichteffekten der nachtleuchtenden Wolken in 85 Kilometern Höhe ist.

Fischötters Dokumentation unterscheidet sich angenehm von anderen, die auf Rekordjagd gehen. Er scheint fasziniert von den Lichter-Phänomen, den Lichtersymphonien, die sich nachts aus der Luft ergeben. Diese Faszination lässt den Film persönlich wirken.

Trotzdem liefert er genügend touristisch-inofarmativen Input. Lässt sich begeistern von einem nächtlichen Schwertransport für Airbus, von einer Lichtdesignerin, die selbst wiederum das Dunkel nicht weniger faszinierend findet als das Licht, von Forschern, die das Dunkel suchen und die Lichtverschmutzung messen, von einem Insektenforscher, der mit einem UV-beleuchteten Zelt Tiere anlockt, aber auch von Wetterphänomenen, von Kreuzfahrtschiffen, von Pyrotechnikern, von einem Autohof, von einem wissenschaftlichen Laserstrahl, der 90 Kilometer in die Atmosphäre reicht, genau so von dem, was eine Autostadt wie Wolfsburg an nächtlichem Licht ausstrahlt.

Es ist immer auch Eskapismus bei so einem Perspektivenwechsel, der zum Träumen verführt. Aber es kann auch um den Schutz der Natur gehen, wenn mit einem Octokopter Wiesen vor dem Mähen mit Wärmelichtkameras ehrenamtlich abgesucht werden, damit keine Rehkitze, Igel oder dergleichen durch die Mähmaschine in Stück zerschnetzelt werden (die Idee sollte in Bayern in Zusammenhang mit der Initiative zur Rettung der Artenvielfalt ventiliert werden!).

Ein unaufgeregter nächtlicher Spazierung durch die Luft über dem Norden Deutschlands, abseits der Hektik des Alltags, aber oft durchaus geschäftig. Kino mit Reise- und Entspannungseffekt.

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Für die Freunde des Kinos als einer Kunstinstallation mit der Idee eines Gesamtkunstwerkes, einer theatral-musikalisch-bildnerischen Performance, hier einer abstrakt-visionären Filettierung des Themas lesbische Liebe, transatlantisch: deutsch-chilenisch angereichert mit Katholizismus-Bashing.

Luz (Luana Velis) ist Taxifahrerin in Chile. Sie hat die Deformationen und Qualen einer katholischen Mädchenschule hinter sich. Sie hat eine Erlebnis mit einer Frau. Ist es passiert? Ist es Vorstellung? Ein Unfall, Feuer?

Die Frau ist Nora (Julia Riedler). Sie erzählt uns die Geschichte. Sie fängt in einer abstrakt-neonkahlen Bar mit weißgetünchten Mauern mit der Erzählung an. Nachdem sie Dr. Rossini (Jan Bluthardt) angesprochen hat, ob er Arzt sei. Psychiater. Sie könne Rat gebrauchen, ihre Freundin sei gerade aus dem fahrenden Taxi gesprungen. (Die Dialoge sind vor lauter Musik und Sound auf der Tonspur am und unterm untersten Rande der Verständlichkeit). Am Fernseher über der Bar läuft spanisches Programm.

Luz eröffnet den Film. Sie betritt eine deutsche Polizeistation (an der Wand der Bezirksplan der Polizei), gesehen aus einer statuarischen Horroroptik, die dem Foyer ein bedrohliches Eigenleben gibt. Die Kamera verhält sich minutenlang absolut ruhig. Ein Polizist ist an der Rezeption – beschäftigt – mit sich. Der Raum sieht mehr aus wie das Foyer eines Hotels oder eines Institutes, eines Krankenhaus, einer eleganten Firma, allenfalls eines feineren Amtes, einer kulturellen Räumlichkeit.

Luz kommt rein, alles langsam, reduzierte Bewegungen, sie bleibt lange stehen vor dem Rezeptionisten. Geht zum Getränkeautomat, kramt das Geld aus dem Rückteil der Hose, holt eine Flasche aus dem Automaten, vorsichtig langsam – die Musik erzählt Aufregendes – , geht zurück, stellt sich vor den Rezeptionisten und fragt ihn, „Willst du so dein Leben verbringen?“. Er winkt nur mit der Hand ab. Sie spricht Spanisch. Der Beamte guckt auf, sagt etwas wie „Ja“ und sie schreit ihn auf Spanisch an nochmal mit demselben Satz.

Der Film von Tilman Singer, der beim Internetscreener als nicht jugendfrei bezeichnet ist, bringt die Liebesgeschichte zwischen Luz und Nora in Beziehung zur Koordinate katholische Kirche. Sie wirkt wie eine Blasphemie oder Religionslästerung 4.0. Der Satz „Dein Wille geschehe im Schritt eines Großvaters“ kommt mehrfach vor, auch dass der „Vater unser“, also Gott gemeint, ein Wichser sei. Trotzdem bleiben die Sätze wie abstrakt. Singer inszeniert reduziert, stilisiert, nonrealistisch.

Die Räume sind Sterilräume, Abstrakträume, Bühnenräume, Galerieräume: Hörsaal, Theatersaal, Vortragsaal, aber auch Foyer, Bar und selbst das Mädcheninternat. Karge Ausstattungen, um dem Thema den Vortritt zu lassen.

So kunstvoll-experimentell mit dem Bild umgegangen wird, so kunstvoll-experimentell erzählt die Tonspur von Simon Waskow ihre eigen Geschichte, oder die Geschichte auf ihre eigene Art, kreist auf ihre Art um das Thema: Liebe, Frauenliebe, Kirche und stupide Arbeit im öffentlichen Dienst.

Luz ist der spanische Begriff für Licht, Strom, Spannweite, Lichtjahr oder Glühwürmchen, Schein.

Oder auch: Anmache 4.0, Gotteslästerung 4.0, Kirchenmissbrauch 4.0, Religionslästerung 4.0, Kirchenlästerung 4.0.

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Für Fans des mechanischen Raumflugs und des alten Nokia oder eine moderne Variante der Suche nach dem Heiligen Gral.

Der Studentenulk (stefe) Iron Sky von Timo Vuorensola und einem Team an Drehbuchautoren mausert sich in dieser zweiten Ausgabe zum prallen Genre, das sich von der Musik von Laibach, die eine Stimmung verbreitet, die den Spaß, den die Macher bei der Herstellung des Filmes umtrieb – insofern haben sie das Element des Studentulkes gottseidank noch nicht abgelegt – noch erhöht, auch für den Zuschauer.

2018 haben die Menschen die Erde nuklear ruiniert, dass sie nicht mehr bewohnbar war. Ein Raumschiff konnte sich noch retten und suchte Zuflucht auf der Rückseite des Mondes (den die Chinesen dieses Jahr als erste angeflogen haben; ob sie das gefunden haben, was die Filmemacher wussten? Jedenfalls haben sie nichts darüber berichtet).

Im Raumschiff, das auf dem Mond landet, sind Obi (Lara Rossi), sie ist die Ich-Erzählerin, und Sasha (Vladimir Burlakov) die führenden Figuren. Sie finden jene Nazimannschaft vor, die sich dorthin zurückgezogen hat; aber auch eine weitere Überlebensgemeinschaft.

Allerdings deuten auf dem Mond die zunehmenden Erdbeben darauf hin, dass hier keine lange Bleibe sein wird. Aber es gibt die Info, dass es auf der Erde das Element Vril gibt, das nicht nur das Weiterleben ermöglicht, es wird anhand von einem Muster der eindrückliche Beweis erbracht, dass es auch dazu nützlich ist, einen abgehauenen Finger wieder nachwachsen zu lassen. Ist allso kostbarer als Gold.

So macht sich unser Raumschiff, eine herrliche Schrottmaschine mit Volvo-Motoren etc., auf den Weg zur Erde.

Selbst das Flüchtlingsmotiv, die Herberge ist voll, kommt vor.

Die Fasziantion der Ausstattung des Raumschiffes erinnert an die Begeisterung für Materialen aus dem Alltag an die Raumpatrouille Orion.

Es gibt die Religion des Jobismus auf dem Mond. Und durch das fest verschlossene und mit „Sauerkraut“ überschriebene Kellerabteil ist zu den alten Nazis zu gelangen.

Im anderen Teil ist das geschlossene System des Jobsismsus, alles in Weiß. Die haben eine Gebetsapp. Aber auch deren Führer Donald (Tom Green) will auf den Ausflug zur Erde mit, genau so wie Malcom (Kit Dale) und es gibt grausame Exkommunikationen. Udo Kier als Wolfgang Kortzfleisch und gleichzeitig als Hitler.

So macht sich eine absurd bunte Gesellschaft in einem lottrigen Raumfahrzeug auf zu einer Abenteurerreise zum Mittelpunkt der Erde. Es wirkt wie eine aus der Zeit gefallene Truppe. Auf der Erde trifft sie erst auf eine Abendmahlsszene mit Widergängern von Caligula, Mark Zuckerberg, von Hitler, von Margaret Thatcher, von Dschihadisten und Kreuzzüglern, Vladimir Putin, Mao Zedong.

Ein mitreißende Kinoreise und Genre pur, wonach sich doch gerade das deutsche Kino immer so sehnt.

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Der Perfektionismus und das Spiel mit dem Tod.

975 Meter fast senkrechte Felswand am El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Seil zu durchklettern, bedeutet, vier Stunden lang keinen einzigen Fehler machen, keinen Fehlgriff mit den Fingerkuppen, keinen Fehltritt mit den Zehenspitzen oder dem eng an den Felsen angedrückten Schuhrücken. Ein solcher Fehler bedeutet den sicheren Tod.

Ein Film über so eine ehrgeizige, lebensgefährliche Klettertour ist ein Kitzel auf Leben und Tod.

Typisch für solche Extrembergsteigerfilme ist auch die lange Reihe von Namen, derer in „loving memory“ gedacht wird.

Die Tour selber nimmt in diesem Film von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin nur den letzten, kurzen Teil des Filmes ein.

Die Zeit der Vorbereitung zieht sich dagegen in die Länge. Da redet der Protagonist Alex Honnold fast pausenlos direkt in die Kamera oder kommentiert andere Aufnahmen, macht Turnübungen in seinem Wohnwagen, kocht Gemüse oder zeigt sich mit Freundin. Quassel, Quassel, quasselt vor Schülern.

Hier fehlt im Gegensatz zu Durch die Wand die Geschichte. So dürfte der Film lediglich für Leute, die selber solche Kletterei betreiben oder die selbst die Wand durchklettern wollen, von Interesse sein (und irgend so eine Preisjury in Amerika fand den Film auch auszeichnenswert; das ist für mich nicht nachvollziehbar).

Vor dem Hintergrund der lateinischen Weisheit, dass „errare humanum est“, dass also Fehler machen menschlich sei, dürfte es sich hierbei um eine ziemlich unmenschliche Kunst handeln, erhebt sie in den Bereich des Unmenschlichen. Dass sie doch sehr menschlich ist, zeigt die hohe Todesrate, auf die auch eingegangen wird.

Andererseits ist es wie mit den Gladiatoren, Stierkämpfern, Auto- oder Skirennfahrern: wer dem Tod entrinnt, der wird ein Held. Die Massen wollen Helden, die stärker sind als der Tod. Das mag für einen wie Honold, der sich selbst in der Typologie nahe beim Asperger sieht, der in der Jugend mit keinem reden wollte ziemlich reizvoll sein. Und es ist ein Riesengeschäft, wozu auch dieser Film gehört.

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