Archiv der Kategorie: Review

Lebenslinien: Die Oma und ihr Omnibus (BR, Montag, 14. September 2026, 22.00 Uhr)

Schildkröte Greta

ist vielleicht das schönste Symbol für die Protganistin Helga Stuckenberger, Busunternehmerin in Niederbayern, die zwar noch keine 100 Jahre alt ist wie ihre Schildkröte, die schon ihre Mutter hatte, die aber mit 85 noch Schulbusse fährt oder inklusive Busreisen anbietet, also für Rollstühle geeignet, Pilgerreisen oder auch Hochseefischereireisen nach Skandinavien; die offenbar wie geschützt unter einem Panzer ihre Seele heil durch ein Leben gepflastert mit heftigen Widrigkeiten gebracht hat.

Keine Bange, dieser Lebenslinienbeitrag von Birgit Eckelt unter den redaktionellen Auspizien von Christina von Hahn ist weit entfernt vom leicht entstehenden Ruch billiger PR-Attitüde dieser Art von Lebenslinien (Zuletzt die Triathlon-Geschichte). Dieser Beitrag wird überstrahlt von der Persönlichkeit der Protagonistin; da fällt das inzwischen etwas sklerotische Gerüst des Formats gar nicht so auf. Allein wie sie in schönstem, gewordenem Niederbayerisch erzählt.

Und mehr noch: welche hochaktuellen Themenkomplexe ihr Leben bietet. Sie ist zur Hälfte Immigrantenkind, das Ur-Thema-Mutter-Tochter-Konflikt kommt in aller Härte, das Thema der Frau in Berufen, die lange Zeit Männern vorbehalten waren, die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft, Themen Pflege und Demenz, die Entscheidung über passive Sterbehilfe, der Umgang mit einem nicht selbst verschuldeten tödlichen Verkehrsunfall und dann auch noch der Verlust eines Kindes, alles wird abgedeckt. Sie ist ein Mensch, der zuerst versucht, die Dinge selbst zu erledigen, mit sich selbst zu klären. So werden die Lebenslinien zu einer kostbaren Begegnung mit einer Bayerin, die man so wohl nie kennengelernt hätte.
Eine Perle unter den Lebenslinien.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Ein Krimi aus Passau: Verlorene Seelen (Das Erste, Donnerstag, 10. September 2026, 20.15 Uhr)

Titelgeier/Titelgier

Das ist widerlich, die Eitelkeit der Beteiligten, die alle in die Titel drängen; es dauert fast sechs Minuten, bis endlich der Regisseur kommt. Das ist extrem kleinkariert, so ein bescheuerter Zirkus der Wichtigtuerei, des Aufplusterns. Den Normalzuschauer interessieren diese Namen einen Dreck, bis auf die Protagonisten, allenfalls der Regisseur noch. Aber wer kennt schon einen Daniel Rübesam oder den Autor Michael Vershinin; Vershinin: tv-versierter Autor.

Prinzipiell ist Fernsehen, speziell wenn es in Niederbayern spielt, besonders gewöhnungsbedürftig, wenn man grade vorher die neueste Folge der Eberhofer-Krimis geschaut hat, die auch in Niederbayern spielt. Wie ganz anders da Lokalkolorit und Mentalität beobachtet und umgesetzt werden. Ok, es ist unfair, die beiden miteinander zu vergleichen; ist auch zu schmerzlich. Gerade am Schauspieler Ostrowski fällt das besonders auf; nicht dass wir ihn und seine Partnerin Marie Leuenberger nicht schätzten, aber im Eberhoferkirmi spielt er eine Klasse bessser. Wie ungelenk Passau gegen Niederkaltenkirchen abstinkt. Das hängt mit Drehbuch, Rollenentwicklung und Regie zusammen. Daran kann man sich auch klar machen, wie bedeutungslos all die Namen, die hier im Fernsehen sich eitel im Vorspann drängeln und auf die Füße treten, im Vergleich zu Autor und Regie sind. Sie haben da nichts zu suchen. Man sieht auch, wie unwichtig die Caster sind; hier ist es beide Male dieselbe Dame. Und Filme und Schauspielerleistung sind so unterschiedlich. Hier wirkt alles hausbacken, das Ensemble inhomogen. Wer dafür grade stehen will, der darf in den Vorspann.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte höhere Ansprüche stellen und sich nicht als Sandkasten für unausgereifte Talente verstehen oder dann mit Formaten wie dem kleinen Fernsehspiel, ZDF. Die sollten mit wenig Geld erst lernen, Geschichten zu erzählen und dann erst größere öffentlich-rechtliche Budgets an die Hand bekommen.

Deprimierend ist, wie schnell man sich an so ein bescheidenes Niveau an Performance und Inszenierung gewöhnt. Da reicht das Routinestorywritinglevel eines Vershinin immerhin aus, dass man dranbleibt.

Man wundert sich, wie der Regisseur zu diesem bestimmt ordentlich bezahlten Auftrag gekommen ist. Gab es eine Ausschreibung? Hat er sich gegen qualifizierte Bewerber durchgesetzt? Mich als Zwangsgebührenzahler ärgert es, dass ich für solch mediokre Leistung zur Kasse gebeten werde. Die Leute sollen sich ihre Sporen woanders verdienen. Wie ist der Regisseur zu seinem Job gekommen? Das würde ich gerne mal wissen! Ein Regisseur, der die Schauspieler so allein lässt, sie sich so schlecht verkaufen lässt. Kann er gut mit den Redakteuren, hier sind es Claudia Luzius vom BR und Kathrin Kirchen von ARD Degeto? Die Situation ist unbefriedigend, dass solche Produkte keine bessere Qualität haben, gerade so über die Runden gerettet vom Netz des Drehbuches. So sind das auf jeden Fall Produktionen, die die Öffentlich-Rechtlichen ohne irgend einen Verlust an Renomme, ohne eine Verletzung ihres Grundauftrages problemlos streichen können. Gerade noch der Charme der beiden Hauptdarsteller als Trostpflästerchen.

Was außerdem zur Erträglichmachung positiv beiträgt ist der Sound aus Elektro und Unterwasser.

Ein Krimi, der mit einem ungelösten Mordfall aufhört. Vielleicht ist das ja der nächste Fall. Aber der Zuschauer weiß schon Bescheid. Und leid tut es ihm auch nicht um das Opfer.

Rote Karte des Zwangsgbührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Nur ein kleines bisschen Glück

„Deserteur ist eine Art der Kriegsführung“

und die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges.

Jean Chevalin (Benoît Poelvoorde) wird in den Krieg eingezogen, wie die Nazis in Frankreich einmarschiert sind. Die französischen Soldaten sind schlecht ernährt, erschöpft. Bei einem Gewaltmarsch lässt Jean sich scheintot zu Boden fallen. Einen mit einem Pferdefuhrwerk vorbeifahrenden Bauern, der die vermeintliche Leiche plündern will, überwältigt er und zuckelt gemütlich nach Hause. Dort ist seine Frau Paulette (Audrey Lamy) nur halb glücklich, denn Desertieren ist strafbar. Zur Familie gehört noch der Bub Marcel (Louis Lagorce Douce-Doussière).

In der Gegend herrscht eine Gemengelage aus Gestapo und Résistance. Papa Chevalin möchte sich mit seiner Familie verdünnisieren. Die Gelegenheit bietet sich, wie er vor den Deutschen in ein Kino flüchtet. Dort wird er von Sam (Pascal Elbé, der auch Autor und Regisseur dieser Kriegsfarce ist) angesprochen. Dieser hält Jean für einen Schleuser und bezahlt ihn schon mal fürstlich. Jean ist fit genug, einen Treffpunkt zu verabreden. Kaum ist Sam weg, setzt sich ein Typ, ähnlich gekleidet wie Jean, Baskenmütze, Mantel, vor diesen. Das ist der Schleuser, dem er weitere Informationen entzieht.

Mutig ist Jean nicht, eher ein Opportunist, dann wiederum schlau. Aus diesem wenigen, was er an Wissen über die Weltlage hat, bastelt er sich eine Fluchtmöglichkeit als verfolgter Jude zusammen. Er und seine Familie sind Katholiken. Denn es gibt Gerüchte. In der Kneipe hat Jean noch von einem Passfälscher erfahren.

So wird aus den französisch-christlichen Chevalins die polnisch-jüdische Familie Chevalovitch. Der Bub muss den neuen Familiennamen und seinen Vornamen Jakob pauken.

So hat der Filmemacher Pascal Elbé eine Ausgangssituation gezimmert, die dem Charakter von Jean ständige neue Wendungen und neue Erfindungen abverlangt, ständig muss er sich anpassen, ständig bringt er sich wieder in verzwickte Lagen, muss Fabrikarbeiter spielen genau so wie Widerständler und eine Munitionsfabrik in die Luft sprengen.

Dass in seinem neuen Ausweis Zahnarzt steht, wird seine Wirkung entfalten. Gezwungenermaßen läuft er Sam, den er so übel betrogen hat, wieder über den Weg. Es wird eine Gefährtenschaft im Sinne einer funktionierenden Symbiose. Aber im Zweifelsfalle denkt Jean zuerst an sich.

Jean ist jene Art von Charakter, dem man bei aller Schlechtigkeit dank seinem Durchwursteln und an sich nichts Böses wollen, mit einer gewissen Sympathie angereichert mit Skepsis begegnet, und man weiß bei so einer Filmfigur, dass es für sie gut enden wird, vielleicht nicht in dem von ihr erträumten Sinne, aber Ende gut, alles gut. Jean laviert sich durch mit Dussel, opportunistischem Riecher und einem bisschen Naivität und dem Air des unbescholtenen Bürgers.

Practical Magic 2: Zauberhafte Schwestern

Schönheit, Hexentum, Hochzeit

Mit der weiblichen Schönheit ist es heutzutage keine Hexerei mehr, allenfalls eine Frage des Geldes und von Schönheitschirurgen, inzwischen bestimmt assistiert von KI (die das Design für die idealen Gesichtslinien für die Hollywoodnorm liefert).

Sich sein Gesicht nach Maßstäben anderer, vermutlich überwiegend Männern, nachformen zu lassen, halte ich nicht unbedingt für ein Zeichen weiblicher Emanzipation. Aber das ist eine Meinung, um die soll es hier nicht gehen, sondern um den Film von Susanne Bier nach dem Drehbuch von Akiva Goldsman und Georgia Pritchett nach dem Roman von Alice Hoffman, quintessenziell einem Hochzeitsfilm, denn die Frauen wollen unter die Haube.

Das ist mit Komplikationen verbunden, wenn sie Frauen eines Stammes sind, der Owens, der vom Fluch der Hexerei gezeichnet ist. Vor Generationen wurden sie noch als Hexen verbrannt. An diese erinnert eine Inschrift. Die beiden Schwestern Sally (Sandra Bullock) und Gillian Owens (Nicole Kidman) leben in Boston und sind von der Hexerei betroffen.

Sallys zwei Tanten sind Frances (Stockard Channing) und Jet (Dianne Wiest). Sie sind gut für Geburtstags- und Todesfeiern.

Die dramaturgische Hauptantriebskraft aber sind die beiden Töchter von Sally, Kylie (Joey King) und Antonia (Maisie Williams). Sie sollen nichts erfahren vom Fluch, damit die Liebe zwischen Kylie und Gideon (Xolo Mariduena) gedeihen kann. Denkste. So ist das mit Geheimnissen. Sie bahnen sich ihren Weg, gibt es doch die Raben als Mittler zwischen beiden Welten und die unüberhörbaren Klopfkäfer.

Der Fluch rührt sich, Gideon landet auf einer Autohaube und anschließend im Koma im Krankenhaus. Kylie kommt hinter das Geheimnis und will den Fluch lösen, um den Weg für ihre Liebe freizuschaufeln. Das Buch, welches das Mittel dafür ist, lässt sich nicht öffnen, bleibt versiegelt. Hilfe könnte aus einer Ruine in Thornfield kommen, dem Sitz der Ahnen der Familie. Dazu muss Kylie nach London düsen.

Mutter mit Schwester hinterher. Die haben als Mittelsmann in London den Professor Ian Wright (Lee Pace). Derweil ist Kylie schon mit dem Ruinenhüter Thomas Lockoland (Solly McLeod) zugange und in höchster Gefahr.

Susanne Bier inszeniert mit nicht zu bremsender Lust an neckischer Schwesternliebe, dazu gehört Hose runterziehen. Sie inszeniert mit dem unbändigen Willen zu Lebendigkeit und Lebensnähe. Bei den Dialogen quatschen oft alle gleichzeitig, auch die Texte tun so, als ob sie grad spontan entstünden.

Wenn zwei Schwestern ein Baumstamm in die Quere kommt, überquert die eine das Hindernis übersteigend, die andere unten durchkriechend. Wenn zwei Schwestern aus dem Bett sollen, so kugelt die eine linksherum, die andere rechtsherum. Bettszenen mit züchtigem Unterwäschesex gibt es auch.

Die Männer, die mitspielen, sind so beschaffen, dass es keinerlei Hexerei bedarf, sie zu erobern.

Es ist ein fleischlich-präsentes Kino, molto vivace aufgedonnert mit weiblicher Nervosität, das genüsslich auf einer Daunenklangwolke einherschwebt und technische Effekt auf dem Stand der Zeit mit links einsetzt.

Bad Apples

Systemsprenger

Danny (Eddie Waller) ist ein Systemsprenger, frühe Pubertät. Er stört den Unterricht bei Maria (Saoirse Ronan) massiv. An ordentlichen Schulunterricht ist nicht zu denken. Als sozialkritischen Hintergrund weist der Film auf seinen Vater, der als Paketauslieferer arbeitet und brutal ausgebeutet wird; der hat nie Zeit für seinen außer Rand und Band geratenen Sohn; eine Mutter ist offenbar nicht vorhanden.

Eine Ausgangssituation, wie man sie von einem Ken Loach aus Sorry, we missed you kennt, der das Thema der Paketlieferdienste und die sozialen Folgen mit heiligem Ernst als eindrückliches Soziodram angeht.

Jonatan Etzler hat sich nach dem Drehbuch von Jess O‘ Kane und Rasmus Lindgren für die schrille Farce in der Behandlung des Themas entschieden, darauf deutet auch der schräge und gern überrissene und skandalisierende Einsatz der Musik hin.

Die Verwendung des Apfels als Symbol für das Faulige ist ein weiterer pointierter Hinweis auf die intentionale Gemengelage. Der Film fängt mit der Besichtigung einer Mostmühle an. Über endlose Förderbänder gehen die Äpfel ihren Weg zum Most. Die Schüler, Lehrer und Leute aus der Fabrik gucken fasziniert zu. Plötzlich findet sich ein Turnschuh unter den Äpfeln, so gefilmt, dass der geneigte Zuschauer unweigerlich sich vorstellt, was mit diesem Turnschuh weiter passiert und dass er zu Most gepresst werden wird, Prost! Ein Aufschrei, die Maschinen werden gestoppt.

Der nur noch einen Turnschuh hat, ist Danny. Es war Absicht. In der Schule eskaliert die Auseinandersetzung mit dem Jungen. Sie führt dazu – das wird im Sinne der Farce und nicht im Sinne eines exakt nahvollziehbaren Realismus erzählt –, dass es zu einer Rangelei zwischen Maria und Danny kommt und dann wird auch noch die Brille tragende und frühreife Pauline hineingezogen und bricht sich den Arm.

Der Film steuert gepusht von den Ereignissen auf eine Situation zu wie in Good Boy, aber aus anderen Gründen und eher zufällig landet Maria mit Danny in ihrem Haus und sperrt diesen im Keller ein.

Dannys Vater bemerkt das Verschwinden des Buben erst 24 Stunden später, so wird er gleich schon mal verdächtigt. Unterdessen kann sich Maria mit dem Jungen anfreunden, ihm elementare Schulkenntnisse beibringen; in der Schule herrscht gleichzeitig Frieden und Lernruhe.

Mit dieser Art des Verschwindens von Danny ist allen gedient, keiner hat einen Nachteil, dumm nur, dass es sich um eine Unrechtslage handelt.

Bewegung in die Sache bringt Pauline, die hinter das Geheimnis kommt, ihren eigenen Profit rausschlägt und erstaunliche erpresserische Fähigkeiten entwickelt. Nach einem skurrilen Inspektorenbesuch erhält Maria eine besondere Belobigung, da muss schon grinsen, wer den erlebt hat.

Eine Versammlung von Eltern und Lehrkräften entwickelt ungeahnte Countdown-Dynamik, wie Pauline im von Maria erpressten Kleid dort auftaucht und einen Auftritt mit dem Elektropiano durchsetzt.

Lifehack

Desktopabenteuer

Desktopkino. Statt wie beim guten alten Juwelen- oder Banktresordiebstahl, bei dem noch handfeste, physische Hindernisse überwunden werden mussten, Tunnels gegraben, raffinierte Sicherheitssysteme mit Überwachungskameras und verräterischen Infrarotstrahlen überwunden, schwere Tresortüren gesprengt werden, so gilt es jetzt vom Bürostuhl aus vorm Bildschirm von den unendlichen vielen Infos, die er parat hat, die richtigen anzuklicken, Passwörter zu finden, Systeme zu knacken. Es ist wie ein Viedospiel.

Kyle (Georgie Farmer), Alex (Yasmin Finney), Sid (Roman Hayeck-Green) und Petey (James Scholz) sind Teenager, gelangweilt. Sie sind Script-Kiddies, Computerhacker. Sie überlegen sich, was sie anstellen können. Sie sind fix drin, sich in Mail-Accounts einzuhacken, sich über die sozialen Netzwerke Infos zu beschaffen.

Die Kiddies stoßen auf den berüchtigten Multimillionär und Selfmademan Don Heard (Charlie Creed-Miles). Sie wollen ihm Cryptowährung abluchsen. Sie sind an sich ganz ordentlich brave junge Leute. Sie wissen auch, dass sie sich hier auf kriminelles Terrain begeben. Aber das Geld lockt, gerade Petey möchte an eine Elite-Uni und das kostet ein Geld, was er nicht hat.

Der erste Teil der Aktion verläuft glatt, ein relativ kleiner Bitcoin-Betrag ist schnell transferiert. Aber, es gibt ein Aber. Unentdeckt sind die Kiddies nicht geblieben. Bei ihnen meldet sich die Tochter des Bestohlenen, Lindsey (Jessica Reynolds). Die liegt im Clinch mit ihrem Vater und möchte mit dem Quartett gemeinsame Sache gegen den Vater machen.

Man sieht, Ronan Corrigan, der mit Hope Elliott Kemp auch das Buch geschrieben hat, kennt die Regeln des Genres und überträgt diese tauglich von dem physischen Bank- und Juwelenraubgenre nahtlos auf das virtuelle Areal. Die Folge davon ist Desktop-Kino pur. Der Bildschirm oder die Leinwand quillt über vor Bildschirm-infos; momentweise, wenn man den Film zuhause am Computer schaut, vermeint man gelegentlich, man sei persönlich angesprochen und ärgert sich, wenn wieder das Zeichen kommt, dass es noch dauert, dass der Computer lädt. Nicht unbedingt ein Film für solche, die noch ohne Internet aufgewachsen sind; so nett die Kiddies sind und so reell die Story ist.

Frühstück bei Audrey

Männer, die Geschichte schrieben,

das ist das Selbstbild von Rémi Allard (Vincent Macaigne), das sind die Filme, die er am Fernsehen schaut. Er ist Handelsvertreter für Kunstrasen, geht zu den Kunden, breitet einen Stück Kunstrasen vor ihnen aus und zeigt mit einem Handstaubauger, wie pflegeleicht das Produkt ist.

Schön wärs, wenn die Frauen so pflegeleicht wären. Sind sie aber nicht. Die Freundin von Rémi hat ihn verlassen. Er behilft sich mit einer Sexpuppe, mit Audrey (Zoé Marchal). Es ist ein gewagter Kunstgriff der deutschen Verleiher, den Titel vom Film mit Audrey Hepburn zu entleihen, es ist geradezu eine Irreführung.

Die Filmemacherin Sophie Beaulieu treibt ihr charmantes, launiges Spiel mit ihrer Ansicht, dass Männer zwar Geschichte machen mögen, aber dass sie im Umgang mit Frauen linkisch, unsicher, ungeschickt, überfordert, ängstlich sind. So ist Rémi. Pech für ihn, dass seine Puppe, die er vor den Kollegen zu verstecken sucht und von der er in seiner Firma als seiner Frau angibt, plötzlich Eigenleben entwickelt. Eben noch hat er geblufft, er sei mit ihr zum Gleitschirmfliegen gegangen.

Zur Verkomplizierung der Situation schlägt als Elternzeitvertretung für einen Kollegen Pati (Cécile de France) in der Firma auf. Die scheint Gefallen am Rémi zu finden. Lustvoll ergeht sich der Film in einem Zwischenspiel, wie der Chef der Firma für eine arabische Kundschaft ausgerechnet Pati und Rémi auswählt. Das erzeugt komisches Geholpere wegen der vorherigen Angeberei von wegen Englischkenntnissen und Boxnudelkampf.

Auf der Tonspur dominiert Wohlfühlmusik, auf der Leinwand die Sujets einer heilen Welt auf dem Lande in mildes Licht getaucht mit Hügeln und See, mit Häuschen und viel Holz. Einmal spricht der Film sein wohl zentrales Them auch direkt an: die Angst der Männer vor der Liebe.

The Uprising – Für die Freiheit

Königsdrama,

nein, gerade nicht, das Drama um König Richard II stammt von Shakespeare. Paul Greengrass‘ Film handelt vom selben König, fängt 1581 an, versucht jedoch eine Gesamtsituation zu schildern, was für die Rezeption im Kino immer schwierig ist.

Der Film fängt an mit dem Pflüger (Andrew Garfield). Der zieht mit seinem Ochsen und der Pfluschar einsam in leerer Gegend seine Linien. Großartige Bilder sind das, vermutlich von jenen, die in den Penzing Studios bei München hergestellt wurden.

Wie überhaupt in dieser ersten Phase des Filmes die stupende Sorgfalt von Bildgestaltung und Ausstattung inklusive Kostümen auffällt. Nichts sieht billig aus. Der Pflüger pflügt, er ist niedergeschlagen, hat Frau und zwei Kinder als Pestopfer verloren.

Der Film schwenkt nach London. Dort herrscht ein unmündiger König, ein Knabe, ein Milchgesicht, der Name des Schauspielers ist weder bei wikipedia noch bei IMDb eruierbar. Faktisch aber herrschen der Rat und seine Mutter (Katherine Westerton). Sie haben das Land im Griff. Sie beuten es aus. In ihrer Runde sind die Händler von London nicht vertreten und das wird sich noch rächen.

Das Königreich ist klamm. Keiner will mehr beisteuern. Also entscheidet sich der Rat einvernehmlich, das Volk bluten zu lassen. Da sieht man ganz kurz eine Folie ins heutige Berliner Regierungsviertel aufblitzen. Ist aber schnell vorbei.

Der Film hüpft zurück aufs Land. Das Volk soll blechen. Das lehnt sich auf. Am deutlichsten spricht der Pflugmann. In anderen Städten gibt es parallele Entwicklungen.

Manchmal arbeitet der Film mit krassen Sprüngen. Schon ist das Volk mobilisiert, verständigt sich mit Höhenfeuern und ist auf dem Weg nach London. Der König hat seine Armeen nicht verfügbar, die sind in Frankreich engagiert.

Der Film versucht sich als Berichterstatter von allen Seiten. Der Zuschauer ist selbstverständlich auf Seiten der Gerechtigkeit. Aber irgendwie bleibt er distanziert. Der Film reduziert sich zusehends auf die Beschreibung der fast mechanischen Aktionen und Reaktionen von Autoritäten, ihrer Angst um den Besitzstand und der Wut des Volkes, die kaum zu zügeln ist, das sich aber auch schnell besänftigen und letztlich betrügen lässt.

Der Film läuft auf eine Reihe ungehemmter Gemetzel zu. Alles außer Rand und Band. Der Vergleich zu Shakespeare wird immer schmerzhafter.

Kitkatclub – Kinks of Berlin

Kinky-Szene

Inhaltsverzeichnishaft mit Stroboskopeffekten sind Vor- und Abspann dieser kataloghaften Dokumentation von Philipp Fussenegger der vermutlich recht überschaubaren Kinky-Szene, die im Kitkatclub in Berlin verkehrt und dort nach strengen Regeln mit Einverständnis und inzwischen in Anwesenheit von Awareness-Teams klar definierten, sexuellen Lüsten frönt.

In kunstvollem Schwarz-Weiß würdig eines exquisiten Fotobuches werden einige Protagonisten der Szene und der Betreiber des Clubs vorgestellt. Es sind, dankbar für einen Dokumentaristen, Leute, die sich gerne präsentieren, die sich speziell kostümieren für die Partys in ihrem Lokal. Hier gibt es genügend Drogen und Alkohol. Die Vorlieben können mit Farben von Kostümteilen markiert werden.

Der Film bringt einige Vertreter und Vertreterinnen dieser Szene einem persönlich näher. Er ist bei ihnen mit dabei zuhause, kann einen Blick ins Schlafzimmer werfen, in die Küche, bei der Vorbereitung des Frühstückskaffees dabei sein, bei den Vorbereitungen zum Ausgehen.

Der Film begleitet einige seiner Protagonisten auf dem Weg zur Arbeit oder auch auf dem Weg zur Party. Da kann es im Bus oder auf der Straße schon mal zu einer Anpöbelei kommen.

Der Film ist bei Gesprächen dabei über die Szene, über das Leben, die Zukunft, Krankheit, Drogensucht, Lokalverbot. Er darf bei Pornodrehs des Clubbetreibers mitfilmen und auch beim ausufernden Partyleben im Club.

Es ist nicht unbedingt wie Pillon ein Film für ein breiteres Publikum. Er dürfte sich eher an gezielt Interessierte, gar Interessenten oder Leute aus der Szene wenden. Er berichtet von einer bestimmten Art extrem regelhaften Umganges mit dem den Menschen doch immer umtreibenden Sextrieb, den zu bändigen er allerlei kulturelle Erfindungen getätigt hat, die bekannteste vielleicht die Ehe. Die gibt erst recht Anlass zu einer Unzahl von Filmen.

Die Kinky-Variante dagegen ist primär filmergiebig, aber für den Normalbürger bestimmt auch exotisch. Und mancher regt sich darüber auf, wie eine Szene im ÖPNV zeigt, bei der zwei Mitglieder des Clubs in Szenekleidung unterwegs sind oder wie einer der Protagonisten, noch halb geschminkt, sich auf dem Heimweg befindet und von einem LKW angehupt wird.

Hirten

Der Traum von der Freiheit in den Bergen

Der Traum, unbelästigt von den Mitmenschen zu sein, von den Vorschriften der Behörden, vom Zivilisationszirkus und der Planetenzerstörung, ein Aussteigertraum, alles hinter sich lassen, allein in den Bergen mit den Schafen, die es zu hüten gilt, Hirte zu sein, dieser Aussteigertraum ist vielleicht sogar ein Zeitphänomen.

Mathyas (Félix-Antoine Duval) aus Kanada hat das so gemacht. Er hat seine Zelte in Kanda, er war dort Werbefachmann, abgebrochen. Diese Info lässt Mathyas nach seiner Ankunft in Südfrankreich in Gesprächen in den Film einfließen. Er besorgt sich Bücher über das Hirtentum, er kleidet sich mit entsprechenden Klamotten, Hut, Tasche ein, er sucht Kontakt zu Schäfern und Schafhaltern. Er hat keine Arbeitserlaubnis und seine Ersparnisse sind begrenzt. Er möchte über seine Erfahrung ein Buch schreiben.

Dieses Buch wird die Grundlage für das Drehbuch von Sophie Deraspe, die auch die Regie führt in diesem Film über eine wunderliche Individualgeschichte. Ein Behördenkontakt lässt ihn Elise (Solène Rigot) kennenlernen, die sich ihrerseits wundert über sein Ansinnen und er müsse sich von Kanada aus für eine Arbeitserlaubnis bewerben. Sie hat aber Verständnis für ihn, vielleicht spürt sie gleich mehr, und gibt ihm ihre Telefonnummer. Der Kontakt ist eingefädelt.

In den Schäferkreise stößt er anfänglich auf Skepsis, doch die Personalnot spielt ihm einen ersten Job zu.

Der Film erzählt als anekdotisch begründete Geschichte schön und spannend, wie Mathyas sich ins Metier hineinbuddelt über zum Teil abschreckende Erfahrungen wie bei einem Schäfer, dessen Behausung zurecht als Müllhalde bezeichnet wird und der grob und gewalttätig im Umgang mit den Tieren ist.

Da Mathyas beharrlich ist und seine Erfahrungen und Erlebnisse schreibend reflektiert, in seinem Tagebuch, aber auch in Briefen an Elise, erfüllt sich sein Traum vom Hirten einer eigenen Herde auf der Alp und Elise hat es ihm inzwischen nachgemacht, ihren sicheren Beamtenjob hingeschmissen, ist ihm nachgereist und begleitet ihn. Für den Job ist das ein Plus, da die Herdenbesitzerin Cécile (Guilaine Londez) Pech mit dem letzten Hirten hatte, der ertrug die Einsamkeit nicht.

Dieser Almaufenthalt mit hunderten von Schafen und einem Hund wird zu einem Abenteuer für sich, ein Sturm und der Wolf tragen das ihre dazu bei. Allein der Almauftrieb mit der riesigen Herde über Tage und durch Dörfer ist ein Ereignis. Dokuinput.