Archiv der Kategorie: Review

Kommentar zu den Reviews vom 9. Juli 2026

Wenige Neustarts im Kino, laut allscreens zehn Stück, und noch weniger Reviews heute, da wäre Platz gewesen für den neuen Film von Uwe Boll, (First Shift, Max Schmeling) „Citizen Vigilante“, doch das hat nicht sollen sein, da ist die FSK davor, die traut uns den schlicht nicht zu, die befürchtet, wie könnten zu Selbstjustiz und Gewalt gegen Migranten angestiftet werden. Verwunderlich, wenn man bedenkt, was uns schon alles an Selbstjustizfilmen zugemutet worden ist.

Will die FSK den Bürger entmündigen? Will sie Zensur üben? Bloß, weil Boll seinem Film einen realen Fall aus Deutschland einer Massenvergewaltigung durch Migranten zugrunde legt? Bloss weil Elon Musk den Film mag, weil die Rechten den Film mögen? Das ist die Krux eines jeden Verbotes: es macht attraktiv und kreiert Aufmerksamkeit.

Über den Film können wir nichts sagen, da er keine FSK-Freigabe hat und also keinen Verleih und keinen Kinostart und also keine Pressevorführung. Insofern kann nur spekuliert werden vorm Hintergrund von Selbstjustiz- und Bollfilmen, die wir gesehen haben, dass dieser Entscheid der FSK vermutlich töricht ist wie Anton, ja direkt ein exemplarischer Rohrkrepierer, da just diejenigen, die der Meinung sind, in der deutschen Öffentlichkeit würden solche Verbrechen bewusst nur beiläufig kommuniziert, gar totgeschwiegen, sich in ihrer Meinung durch so ein Verbot bestätigt fühlen werden und dadurch erst recht wütend werden; denn sie erfahren von dem Verbot und sie erfahren die Gründe, das bleibt nicht geheim; sie werden es politische Zensur nennen; so besehen kein kluges Vorgehen der FSK, die offenbar glaubt, sie handle im Geheimen und keiner merke es.

Nicht verboten und neu im Kino ist ein Film aus Tunesien, der behutsam und respektvoll ein diffiziles Familienthema behandelt, eine knallig erzählte Geschichte einer Frau, die sich in einer monopolistischen Männerwelt als Wissenschaftlerin durchboxt, ein Porträtfächer über fünf Frauen aus aller Welt, die an einem entscheidenden Moment eines menschlichen Lebens unentbehrlich sind, ein Film aus Deutschland, der ein hübsches Bild aus einem Ausschnitt der Gesellschaft abgibt, ein Ami-Süßwarenprodukt und einen PR-Film mit einem nicht unsympathischen Protagonisten. Auf DVD gibt es eine tragisch-traurig-schöne Liebesgeschichte von zwei Männern.

Kino

MIT LEISER STIMME
Worüber man in Tunesien nicht, oder nur hinter vorgehaltener Hand spricht.

VIRGINIA WOOLF’S NIGHT AND DAY
Die Story der Emanzipation bei allem Kasperltheater glasklar herausgearbeitet

WISE WOMEN
Geburtshelferinnen aus aller Welt mit Leidenschaft

ETWAS GANZ BESONDERES
Bunter Fleckerlteppich aus unserer Gegenwart genäht.

VAIANA
Süß wie Haribo, exotisch mit Baströckchen, mystische Coming-of-Age-Reise

SIMON MESSNER – AUS DEM SCHATTEN
Für den Protagonisten eine traumhafte PR – und die ist sein Geschäftsmodell.

DVD
THE HISTORY OF SOUND
Wenn Liebe über die Liebe zu den Tönen geht.

Vaiana

Baströckchen-Haribo-Kino,

so süß, so bunt, so ethnologisch-romantisch, so südseewunschtraumhaft, so schnuckelig-musical- und disneyhaft, dass jede früherer Langnese-Eiscremewerbung erblasste dagegen, ist diese Realverfilmung des Animationsstoffes (Vaiana und Vaiana 2) von Thomas Kail nach dem Drehbuch von Jared Bush, Dana Ledoux Miller und Ron Clements.

Mit zwei an Schönheit nicht zu übertreffenden Protagonisten, mit Catherine Laga’aia als Moana und Dwayne Johnson als Maui, dem Halbgott. Dieser wird zum stabilisierenden Antagonisten von Moana auf ihrer als Geschichte reell und bewährt funktionierenden mythischen Reise des Coming-of-Ages.

Die Tochter des Häuptlings des Stammes unternimmt diese Reise mit dem selbstgezimmerten Floß mit Segel und einem Hahn (oder Huhn) als Begleiter, welches die Studioanimateure für Routinegags einsetzen, so wie auf der Insel des Stammes das Schweinchen.

Das Ziel ist klar. Moana muss dieses Amulett-Herz wiederbeschaffen, damit der Stamm wieder gut leben kann, damit es wieder Fisch gibt im Meer.

Den Abenteuern auf so einer Reise sind keine Grenzen gesetzt. Das herausfordernste dürfte ein Vulkanmonster sein. Aber es gibt auch Stürme. Das Meer selber kennt Moana, schätzt sie und macht wie einsten bei Moses in der Bibel eine Gasse frei, oder es türmt sich wie eine Figur, eine mythische selbtverständlich, vor ihr auf.

Beibehalten hat der Film genauso die von Minons und Piratenfilmen inspirierten Kokosschalenarmee mit ihrem Schiff und ihren kriegerischen Auftritten als auch die sich bewegenden, das war in der Animationsvariante noch lustig, Tatoo-Figuren des Halbgottes, der malerisch aussieht wie ein richtiger Johnny-Weissmüller-Tarzangott. Was wünscht man sich mehr, wenn man sich nicht gedanklich überanstrengen will.

Mit leiser Stimme

Oma mit der eisernen Hand,

so wird die Oma (Salma Baccar) von Lilia (Eya Bouteraa) gennant; sie bestimmt die moralischen Maßstäbe in der vielköpfigen Familie, die in Sousse lebt. Ihre Moral orientiert sich an der Fortpflanzung der Familie. Sie hat den Finger drauf, dass die Kinder heiraten und sich vermehren.

Sohn Daly (Karim Remadi) muss wider die Neigung und wider den Willen heiraten. Keine glückliche Angelegenheit. Die Liebe zu seinem Freund Moncef (Lassaad Jamoussi) bleibt unerfüllt. Das ist vorgegriffen.

Der Film fängt mit der Landung von Lilia auf dem Flughafen von Karthago an. Sie ist Ingenieurin und lebt in Paris. Sie fährt im Mietauto eine blonde Frau, Alice (Marion Barbeau) in ein Hotel. Das ist die feine Erzählweise von Leyla Bouzid, immer Dinge offen lassen, denn es geht um wichtige Geheimnisse in ihrem Film. Auch hier wird sich erst später weisen, dass Lilia nicht eine Fahrerin ist, sondern lediglich das Auto gemietet hat und dass ihre Mitfahrerin ihre Lebensgefährtin ist.

Der Film geht behutsam um mit den lebensnötigen Geheimnissen, denn ihre Offenbarung könnte Weltbilder und den Familienfrieden stören. So werden sie sorgfältig wie in Watte und in mehrere Schichten von Alltagserzählungen verpackt und kommen nur nach und nach an den Tag.

Anlass für die Reise nach Hause ist der Tod des Onkels von Lilia. Die Schilderung orientiert sich an den sechs Tagen, die nach dem Tod folgen mit der Beerdigung und weiteren Familienzusammenkünften.

Delikat ist der Besuch für Lilia, die ihre Freundin im Hotel versteckt hält, bis diese unangemeldet und uneingeladen bei der Familie auftaucht. Das Thema der Homosexualität des Verstorbenen wird wie ein rohes Ei behandelt, weil niemand niemanden verletzen möchte. Zudem sind die Umstände seines Todes mysteriös, es gibt eine Leichenobduktion und der Junge, der ihn als letzter lebend gesehen hat, muss ins Gefängnis, denn Homosexualität ist in Tunesien strafbar, wobei die Bemerkung fällt, dass die Liebe zwischen zwei Frauen nicht ernst genommen werde.

Der Film weist, was die Herrschaft in der Familie über das Liebesleben des Nachwuchses betrifft, eine Parallelität zum Film Couscous und Geheimnisse auf, der vor einer Woche in die Kinos gekommen ist; wobei dort der Bezug Algerien ist und der Sprößling in eine Französin verliebt und die Oma eine Algerierin vorgesehen hat; selbst das bietet Konfliktstoff genug. Warum können die Menschen die Liebe der anderen nicht einfach sein lassen und sich freuen, wenn überhaupt Menschen sich lieben?

Etwas ganz Besonderes

Abbild von einem Stück Gegenwartsdeutschland

In diese Gegenwart ragt die Vergangenheit weit hinein, nicht die Nazizeit ausnahmsweise, die DDR ist es, Greiz, aber in Baudenkmälern auch viel weiter zurück bis zu Stuckdecken aus dem Barock, die glücklichweise nur mit Tuch abgehangen waren und somit unversehrt und wieder frisch zu machen sind.

Diese Gegenwart streckt sich von Greiz bis in westdeutsche Metropolen hinein, in denen Fernsehen gemacht wird, Shows, die publikumswirksam märchenhafte Karrieren in Gang zu setzen vorgeben, indem sie neue Stars suchen und machen.

Das ist der medienkritische Impetus dieses Filmes von Eva Trobisch, der wie ein Insektenauge Realität herstellt, hier aus pinzettenartig herausgezupften und wie dozierend präsentierten Alltagsstückchen aus dieser bundesdeutschen Gegenwart in bürgerlichem Milieu.

Das Märchenelement (aus dem deutschen Wald) ist vertreten in der Figur der 16-jährigen Lea (Frida Hornemann). Die klimpert und singt mit einer Freundin Liedchen. Sie ist die Tochter von Matze (Max Riemelt) und Rieke (Gina Henkel – es ist mal wieder nicht leicht, aus Filmseiten wie filmportal.de oder IMDb die Besetzung zu identifizieren).

Die Großeltern betreiben ein bombastisches (das erzählt eine Drohnenaufnahme) Waldhotel. Leas Mutter ist schwanger, aber nicht von ihrem Mann. Der hat ein Verhältnis mit einer Bedienung vom Waldhotel.

Fragmentarisch pickt der Film Szenen aus dem Leben dieser Familie heraus, es gibt noch Tante Kati (Eva Löbau) von Lea, die sich in Museumsrestauration verausgabt. Ihr Sohn Edgar ist der Zyniker in der Familie, der nicht alles mitmacht, schon gar nicht den Hype um Lea, die tatsächlich zu der Castinshow eingeladen wird.

Anfangs stellt sich Lea schüchtern an, weiß nicht so recht, was antworten auf die Frage, was sie denn ausmache, was an ihr besonders sei. Eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Der vielleicht stellvertretend die Identitätsfrage an die Menschen im heutigen Deutschland richtet.

Die Clips, die zusammenmontiert wie ein Wandteppich ein Sittenbild unserer Zeit, unserer Gesellschaft abgeben, in Ausschnitten zumindest, simulieren Realität mit oft verdächtig deutschen Drehbuchsätzen, wie, mein Paradebeispiel, „Ist noch Milch im Kühlschrank“, wobei sie nicht realitätssimulierend in der Luft hängen, sondern in konkreten Zusammenhängen gesagt werden.

Das deutet auf eine Nähe zur sogenannten Berliner Schule im deutschen Kino hin, eine Nähe zu Schanelec (Meine Frau weint) ist auch nicht abwegig.

Der Film schaut vorbei bei den Pferden der Familie, in der Schule von Lea, im Waldhotel der Oma, in Schloss und Museum und im krassen Gegensatz dazu in den Studios, in denen die Shows aufgezeichnet werden.

Es gibt kaum offene Konflikte, aber Mutter sieht die Ambitionen von Lea erst nicht gern. Andererseits fordert die Medienstrategie auch eine Einbeziehung der Eltern.

Von der Realität, für die sich der Film interessiert, zeugen Sätze wie „Lea hat mir grade ihr Lied vorgesungen“, „Habt Ihr den Haupteingang nicht gefunden?“, „Das ist was für Dich.“, „Merk Dir bitte die 136“, „Wir gehen jetzt was frühstücken“, „Das ist doch ganz bequem (?), daheim unterm Scheffel, oder?“, „Mein Leben als Niederlage, voll interessant“.

Eine Regie- und Drehbuchtechnik, die sich wohltuend bemerkbar macht: die Darsteller immer wieder in Situtionen inneren Monologes zu zeigen, in Wartemomenten. Aber auch Dinge wie Ohrlochstechen können den Film interessieren, ein automatischer Rasenmäher oder das Motiv der toten Tiere, was eingeführt wird, das ist vielleicht etwas fingerzeigdick. Ein bunter Fleckerlteppich aus unserer Gegenwart genäht.

Simon Messner – Aus dem Schatten

Gefällige Hofberichterstattung

Der Begriff passt durchaus zu den Protagonisten dieser Dokumentation von Veronika Kaserer, die mit Georg Tschurtschenthaler auch das Drehbuch geschrieben hat, logieren die doch teils im Schloss oder teils in einem Gehöft unterhalb des Schlosses, es ist die Familie, der Clan Messner, eine mediengewandte, medienerprobte Familie, dank ihres berühmten Oberhauptes Reinhold, der im Film in Archivaufnahmen vorkommt, eine Mitwirkung aber abgelehnt habe, Gründe gibt es nicht dafür im Abspann.

Es geht um den Sohn, den Sprößling Simon, dem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, ein sympathischer, wohlüberlegter Kerl mit diesen wachen Bergleraugen, die es gewohnt sind, der Gefahr ins Gesicht zu schauen. Verdrängung ist ein anderes Thema und findet woanders statt.

Das Motto für diesen freundlichen Personality-PR-Streifen wird familiär gewählt, kommt auch zur Sprache, wie es sich im Schatten eines so berühmten Vaters lebe. Offenbar ganz gut, einzig in dem Moment, in dem klar wird, dass der Sohn dieselben Risiken des Bergsteigens – aber natürlich auch dieselben Rauschgefühle und garantiert auch den geschäftlichen Erfolg – anstrebt, da sind Verstand und Gefühl des Alten offenbar nicht so zuverlässig gestrickt wie beim Bergsteigen.

Simon hat ein Handicap. Das wird sichtbar bei den ersten Aufnahmen vom Joggen. Eindeutig ist die Stellung der beiden Schultern verschieden. Das wird noch ein Thema werden, das bis in den Abspann hineinwirkt.

Neben Talking Heads aus dem Umfeld von Family und Friends ist eine Expedition zum Chumik Kangri im Himalaya der Storyfaden. Es soll eine Erstbesteigung werden. Diese steht noch aus, weil der Gipfel in einem Gebiet liegt, das bis vor kurzem für Zivilisten gesperrt war.

Wenn man diesem Film glauben möchte, so besteht die Planung darin, ein paar Bilder vom Berg anzuschauen nebst ein paar üblichen Reisevorbereitungen. Die Info darüber wird so kurz gehalten wie es vielleicht in der Regenbogenpresse üblich wäre: praktisch gar nicht, denn der ganze organisatorische und finanzielle Kram, der bestimmt dahinter steckt, wäre nicht bildergiebig.

Simon und sein Kletterpartner scheinen sich nicht besonders gut vorbereitet zu haben. Jedenfalls erschrecken sie bei den ersten Testtouren beim Anblick eines kollabierenden Gletschers. Das Thema der Klimaerwärmung hätte an der Stelle erwähnt werden können; man denkt an den Film „Salz und Wasser“, der im August ins Kino kommt, und die Art, wie dort ein kollabierender Gletscher präsentiert wird.

Man wundert sich, dass dieser Gletscher sie überrascht, dass sie das nicht vorher mit bestimmt verfügbaren Methoden, Fotos aus dem Weltall gibt es ja auch, gecheckt haben. Scheinen sie nicht gemacht zu haben und stehen dann überrascht vor einem nicht zu meisternden Hindernis.

Die Expedition selbst wird verhackstückt erzählt, immer wieder unterbrochen von Gesprächen zu Hause; ist diese Methode der dramaturgischen Beratung von Anne Fabini zu verdanken?

Im Abspann erscheint folgender Text: „Die im Film sichtbaren Sportbekleidungsmarken einzelner Protagonisten waren weder an der Finanzierung, der Produktion des Films noch an seiner inhaltlichen Gestaltung beteiligt.“ Damit will sich der Film, der teils mit Geldern des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes und dort unter Gutheißung durch die Redakteure Mirjam Dolderer (SWR), Antje Stamer (SWR) und Matthias Leybrand (BR) finanziert worden ist, absichern gegen den Vorwurf der Schleichwerbung. Ist aber irgendwie doch passiert, insofern als Protagonisten solcher Sport- und Alpinismusdokus ihr Einkommen teils als Markenbotschafter erlangen. Da zählt jede Minute Medienpräsenz, ist jede Minute bares Geld, in der so ein Werbewapperl im Kino oder im Fernsehen, gerade auch im öffentlich-rechtlichen, aufscheint. Da schlägt die Werbeintention voll durch. Das kann es nicht sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der sich durch Zwangsgebühren von allen Bürgern des Landes finanziert, Gelder in eine Sendung steckt, die letztlich dem Werbeeinkommen eines einzelnen Protagonisten förderlich ist. Dann sollen die bittschön auch blechen dafür, dass sie so eine Feature bekommen.

Als Deckmäntelchen werden, eher pseudhaft, die Frage nach dem Verhältnis zum Vater als auch die Risiko-Fragen angetippt; nicht so ernsthaft, wie der Titel es erwarten lassen könnte. Wie umgehen mit der hohen Todesrate in den Profibergsteigerkreisen? Kann ein Mann es verantworten, Frau und Kinder zuhause zu haben, und sich auf solche Abenteuer einlassen? Kann er nicht nur, muss er sogar, lautet das Fazit der im Film versammelten Männerstimmen dazu.

Auch typisch Hofberichterstattung: um Geschäftliches geht es nie in solchen PR-Berichten, wie er die Expedition finanziert, wer die Sponsoren sind; weil diese Berichte eben zur Geschäftideologie gehören.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Virginia Woolf’s Night & Day

Knittelkino

Kino wie ein Knittelvers, immer ein Tick zu dick, ein Tick daneben, so erzählt leicht und gut nachvollziehbar Tina Ghavri, nach dem Drehbuch von Justine Waddel nach Virginia Woolf die Emanzipationsgeschichte, wie sie als Frau Anfang des 20. Jahrhunderts sich in die Männerdomäne der Universität von Cambridge hineinkämpft.

So wird ein fröhliches Kasperltheater draus, in welches der Deutsche Elyas M’Barek als Ralph Denham nahtlos sich einfügt. Er ist der Lektor der Mutter (Jennifer Saunders) der Protagonistin Katharine Hilbery (Haley Bennett). Mutters Werk wächst seit Jahren, jemand rechnet vor: um 3 Seiten pro Monat und geht seiner Vollendung entgegen.

Kati guckt lieber zu den Sternen und macht ihre Berechnungen. Ein Frust für sie ist, dass einer ihrer Schlüsse bereits eine Amerikanerin publiziert hat. Aber der Erkenntnismöglichkeiten sind noch genügend.

Der Film kämpft verwegen an gegen die Gefahr des Musealen von Kostüm- und Historien-Filmen mit einer Rasanz sondergleichen, mit knapp skizzierten Szenen, mit einer Hektik der Erzählung, den armen Jörg Weißbrich dürfte das Material beim Schnitt an den Rand der Verzweiflung getrieben haben, mit Wackelkamera, mit fettem Sound ohne Rücksicht auf Inhalte.

Die Oldtimer schauen aus wie aus dem Museum und nicht wie aus dem Straßenverkehr. Immer ein Tick too much. Der Gesang des Weihnachtsliedes wird karikiert und übertrieben falsch dargestellt; ein Tick too much. Wie der Vater von Virginia das Schreiben von der Cambridge-Universität öffnet, fuchtelt er extrem übertrieben mit rum. Wie Viriginia nach der Beerdigung ihres Cousins Cyril (Misia Butler) dessen Freund kennenlernt, wird ihr von der Maske eine fette Träne auf die Wange geklatscht, einen Tick zu auffällig. Überhaupt die Maske: die Figuren sind konsequent überschminkt.

Der Kasperltheateransatz wird gleich in den ersten Szenen sichtbar: wie Viriginia aus ihrem Zimmer Sterne beobachtet, fällt ihr das Fernrohr auf das Sims unter ihrem Fenster. Ihre Streckübung, bei der sie fast aus dem Fenster fällt und dann plötzlich aus dem Elternschlafzimmer (nebst Mama die Knallcharge Timothy als Papa) zu sehen ist mit dem Kopf nach unten, das ist reinstes und herrlichstes Kasperltheater.

Dabei geht es nicht um realistische Darstellung von Figuren und historischen Vorbildern, es geht um das Erzählen einer Geschichte, und das ist diejenige, wie Virginia sich in das Männerrevier vorkämpft und sich durchsetzt; und das ist auf jeden Fall eine verrückte und erzählenswerte Geschichte.

Vom Traum, unsinkbar zu sein – Ein Heimatfilm auf dem Meer

Nida, Seefuchs, Stubnitz und Blauwal

heißen die Schiffe aus der Fischfangflotte der DDR, die sich Tom Fröhlich für seine ausstellungshaft montierte filmische Dokumentation herausgepickt hat. Die Namen haben sie teils bis heute oder bis zur Verschrottung behalten, teils wurden sie umbenannt.

Für jedes Schiff gibt es einen kurzen Infoeinschub, karteikartenhaft, teils ergänzt mit Sprecherstimme, Baujahr, Länge, für welche Fischerei gebaut, welcher Gebrauch, wie viele Mann Besatzung und wo das Schiff querte.

Archivfootage vom früheren Leben auf diesen Schiffen wird mit einem schmaleren Format als solches kenntlich gemacht. Dazu gibt es gesprochene „Erinnerungen“, das sind erhaltene Aufzeichnungen von Kapitänen.

Der Film wirft peripher einen Blick auf die industrielle Fischerei der DDR, die ging bis zur Hochseefischerei, er ist aber auch eine Hommage an das Seemansleben mit persönlichen Statements von Männern, die heute auf solchen Schiffen arbeiten. Da tönt durch, wie viel Zeit sie dort verbringen, auch der Begriff der Heimat wird vorsichtig eingebracht.

Die Geschichten der Schiffe sind teils abenteuerlich, besonders nach dem Ende der DDR. Die Stubnitz wurde von einem Künstlerkollektiv zum Kulturort im Hafen von Rostock umfunktioniert. Die Nida war bis 2023 unter anderen Flaggen in der Hochseefischerei tätig. Die wechselhafteste Story gibt es vom Seefuchs zu erzählen. Den haben Privatleute nach dem Ende der DDR als Hobby betrieben, dann ging er an eine Organisation, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer rettete und gelangte anschließend in die Hände von Schmugglern; diese wurden von der spanischen Guardia Civil in der Meerenge von Gibraltar mit Unmengen Hasch aufgebracht. Seither dümpelt sie im Hafen von Huelva.

Den kleinsten Part nimmt der Blauwal ein. Der wurde von seinem Kapitän nach dem Ende der DDR privat weitergeführt, bis zu seinem Ende in der Verschrottung, bei der der Film zugegen ist, und so noch einen Blick auf das Ausschlachten von Schiffen wirft. Gerahmt wird diese skurrile Schiffsausstellung vom ehemaligen Betriebschor des VEB Fischfang Rostock, der bis heute Konzerte gebe.

Die Camino Therapie – Finde Deinen Weg

Wandern statt Knast!

Das ist die Message dieses Filmes von Yann Samuell.

Als Grundlage für sein Drehbuch hat ihm das Buch von Bernard Ollivier von 2015 gedient. Darin berichtet Ollivier über die Wanderungen von 14 jungen Menschen, die er begleitet hat. Dies im Rahmen einer Organisation, die solche Wanderungen für die bessere Lösung hält als Jugendknast.

Die These wird im Abspann mit Zahlen belegt. Die Rückfallquote von Straftätern nach einer Wanderung betrage etwa 20 Prozent, jene nach Knast um die 60 Prozent.

Die Wanderungen dürften den Staat also im doppelten Sinne deutlich billiger kommen; einerseits dürften die finanziellen Aufwendungen deutlich unter jenen eines Knastaufenthaltes liegen und wegen der geringeren Rückfallquote bleiben der Gesellschaft nicht nur mehr Straftaten und Gerichtsverfahren erspart, sondern auch enorme Gefängniskosten. Warum die Politik auf so simple Rechnungen nicht reagiert, bleibt deren Geheimnis.

Yann Samuell hat das Buch von Bernard Ollivier frei bearbeitet, hat die Erlebnisberichte der Jugendlichen auf einen Fall mit einer Begleiterin eingedampft.

Adam (Julien Le Berre), Vater unbekannt, Mutter will nichts von ihm wissen, steht vor der Wahl, Knast oder Wandern. Über die Organisation, der Paul (Eric Métayer) vorsteht, kommt der Kontakt zu Fred (Alexandra Lamy) zustande. Sie ist von ihrer Lehrerstelle suspendiert, weil sie, das einzige Mal in 15 Jahren wohlverstanden, einer Schülerin eine Ohrfeige verpasst hatte. Sie hat auch familiäre Probleme; mit ihrem Mann (Cyril Guei), der hat sie verlassen hat, und mit ihrer Tochter, die nach Kanada zum Studieren abhaut. Eine pikante Problemkonstellation macht sich auf den Weg nach Santiago de Compostela.

Das ist aus unzähligen Filmen über den Pilgerweg bekannt, dass er eine heilende Wirkung auf die Menschen hat und so ist zu erwarten, dass auch diese Geschichte gut ausgehen wird, sonst wäre es ja um den Werbeeffekt für diesen Resozialisierungsmodus geschehen.

Es ist ein Pilgerweg mit pittoresken Bildern von malerischen Städtchen mit überwiegend Steinhäusern, es ist ein Pilgerweg, über dem die Drohne unermüdlich schwebt. Es ist ein Pilgerweg mit roadmovie-gerechten, anekotisch begründeten Zwischenfällen, auch Auseinandersetzungen, nebst den üblichen Blasen an den Füßen.

Es ist ein Pilgerweg, der auch eine Liebesgeschichte in petto hat, diejenige von Adam zu Estella (Maelle Vidou). Sie mit einem gesunden Bein und einem mit einer Prothese bis übers Knie, geht den Weg nach einem Abbruch zum zweiten Mal. Und es gibt in einem Kloster eine schöne musikalische Rap-Einlage von Adam, zu welchem die Mönche das Ave-Maria intonieren.

The Piano Tuner

Freispruch durch den Maestro

Nicht aber durch den Rezensenten. So sieht das Strafsystem in diesem Film von Daniel Roher, der mit Robert Ramsey auch das durch und durch konstruiert wirkende Drehbuch geschrieben hat, aus: wer schweren Diebstahl begeht, also Tresorknackerei, der kann von einem Musikmaestro (das muss Jean Reno sein), freigesprochen werden, wenn er ein Stück aus der Knackerei wieder beibringen kann. Dieses Stück schafft das Link von der musikalischen Hochkultur zum Holocaust.

Der verwendeten, filmerfolgreichen Elemente sind mehr in dieser fiktionalen Story. Das verkannte Genie, das verhinderte Talent, das ist Niki (Leo Woodall). Er hat das absolute Gehör und hätte die Begabung für einen Weltklassepianisten. Er läuft ständig mit Kopfhörern und darunter noch was im Ohr herum. Sein Onkel Henry (Dustin Hoffman) ist schwerhörig. Die beiden sind Klavierstimmer. Sie arbeiten als Team. Sie werden auch mal mit dem Plummer verwechselt, was eine Assoziation zu einer ganz anderen Art von Filmen auslöst.

Niki ist die Empathie- und Mitleidsfigur. Er spielt das wunderbar, fast als reiner Knabe noch könnte er durchgehen, so viel Naivität. Wie sie am Konservatorium den Flügel stimmen, müssen sie Ruthie (Havana Rose Liu) von ihrem Platz verscheuchen; eine Bemerkung ergibt die nächste und Ruthie weiß Bescheid, dass sie mehr als nur einen Klavierstimmer vor sich hat.

Niki leidet unter Hyperakusis. Er kann laute Töne nicht ertragen. Das schlachtet der Film leidlich aus mit Sirenen, Hunden, Jets.

Bei einem sehr reichen Klienten kommt Niki mit Uri (Lior Raz), einem Security, in Kontakt. Das Konstrukt für die folgende Zusammenarbeit der beiden ist wie folgt und mit einem komplizierten Vorbau: Henry hat sein Hörgerät im Tresor eingeschlossen, hat aber die Kombination vergessen. Daraufhin macht sich Niki im Internet schlau über das Knacken von Tresoren, was ihm dank seines absoluten Gehörs leicht fällt. Dann muss er in einer reichen Villa nachts den Flügel stimmen, weil tagsüber zu viel Lärm war. Plötzlich stört ihn Lärm von einer oberen Etage. Niki stößt dazu, wie Uri und zwei seiner Kumpels versuchen, mit einem Pressluftbohrer den Tresor zu knacken. Er stellt sich naiv, ohne Rechtsempfinden, dumm, und will wissen, wie lange das noch dauere, damit er mit dem Stimmen fortfahren kann. Wirkt konstruiert.

Niki macht den Vorschlag, wozu mit Gewalt, wenn es anders auch ginge. Er bietet sich hilfsbereit als Tresorknacker an. Er wird entschädigt dafür.

Gleichzeitig macht der Film das nächste Faß auf, was nötig ist, damit Niki das Angebot einer Zusammenarbeit mit Uri nicht ablehnen kann. Dazu wird Dustin Hoffman ins Krankenhaus eingeliefert. Das kostet in Amerika viel Geld. Das hat die Familie nicht. Darauf weist Dustins Frau Marla (Tova Feldshuh) hin.

Es macht Klick bei Niki. Und flugs ist er ein profesioneller Tresorknacker, nachdem Uri ihm auch noch erklärt hat, dass diese Art Beute bei den Reichen kaum auffalle. Gewissensreinwaschung. Dann ist da noch der Holocaust, die Vorfahren, auch beim kriminellen Uri gibt es welche, und rare Erinnerungstücke, die später den Nexus zum Maestro herstellen werden, mei, wie das alles konstruiert ist.

Der Film bedient sich filmtechnisch bei den Routinevorgängen wie dem Knacken der Tresore des Mittels des schnellen Aneinanderreihens von Einzelbildern aus einer Sequenz, nennen wir es eine Flip- oder Flipfloperzählung. Synthetic Cinema-Art. Übrigens: Das Es ist verstimmt.

Eine stürmische Affäre

„Der hundertste unnötige Liebesschinken“,

so referiert der Film von Ludovica Rampolid, möglicherweise selbstironisch gemeint, auf seinen Stellenwert, um ihn sogleich konterkarierend zu zementieren mit dem Nachsatz „denn, gibt es letztendlich was Wichtigeres?“.

Es ist eine Seitensprunggeschichte, komplizierter, als sie sich von der Exposition her gibt. Aber darauf einzugehen, käme einer Spoilerei gleich. Die Geschichte wird unter sieben Kapiteln subsumiert, diese zu zitieren, verrät nicht allzu viel: Alkohol als Selbsthilfemittel / Das aufregende Leben / Die dreier Regel / Mitten im Sturm (Symbol dafür das Sturmbild im Hotelzimmer) / Das Herz verehrt (getrenntes Begräbnis für Organe und Knochen von Päpsten) / Dinge, die sehr falsch sind / Zerstöre alles / Scheinbarer Wind.

Das zweitletzte Kapitel meint den Scherbenhaufen, den die Protagonisten in ihren Beziehungen anrichten und das letzte Kapitel relativiert den Sturm, der vorher angesprochen worden ist, indem er, was auch schon hunderte von Liebesschinken zuvor vorgemacht haben, hemdsärmelig die Scherben wieder zu einem glücklichen Ende zusammenkittet.

Rocco (Adriano Giannini) ist Seismograph. Dieser Beruf scheint willkürlich gewählt; irgendwelche besonderen seismographischen Fähigkeiten seinerseits zum Feststellen von Brüchen in menschlichen Beziehungen spielen keine Rolle. Er ist sei 19 Jahren mit Cecilia (Valeria Golino) verheiratet. Die Ehe ist, wie in hunderten von anderen Liebesschinken auch, längst Gewohnheit.

Unique selling point für diesen Liebesschinken dürfte sein, dass Rocco jeweils am Freitag Abend einem ungewöhnlichen Sport huldigt: dem Schachboxen. Mit blutiger Nase nimmt er noch einen Drink in einer Bar (Betty Pedrazzi als Barkeeperin). Dort sitzt eine auffällig auf makellos geschminkte, frisierte und gestylte Frau. Sie ist betrunken. Und wer schon hunderte von Liebesschinken gesehen hat, der weiß, jetzt bandelt sich eine Affäre an.

Lea ist, jetzt werden die Schienen für die Verkomplizierung gelegt, mit dem Fernsehschauspieler Andrea (Andrea Carpenzano) zusammen. Sie vermutet, dass er eine Affäre hat. Sie ist nicht entzückt, bei einem Teamscreening seines neuen Krimis zu sehen, wie er auf der Leinwand eine andere Frau küsst. Andrea und Lea haben ein Kind.

Die Frau von Rocco, Cecilia, ist Psychiatrin. Bei ihr ist die ungewöhnliche Eigenschaft, dass sie Hobbyschützin ist. Auch diese Kombination dürfte in den hunderten, wenn nicht tausenden von unnötigen Liebesschinken eher ungewöhnlich sein.

Die Verkomplizierung verkompliziert sich, indem Lea, die sich jetzt Alba nennt, als Patientin bei Cecilia sich meldet. Es ist vielleicht einer dieser Liebsschinken, die nicht gerade strotzen vor Charme und die deutsche Synchro verstärkt diesen Eindruck noch.

Es gibt einen Moment, in welchem sich die Seitensprunglagen zuspitzen, in denen der Film musikalisch zu verstehen gibt, dass er auf Operettenlustigkeit anspielt. Wichtiger aber scheint ihm das Ästhetische, besonders bei der Protagonistin. Auch sonst sieht alles gepflegt und sauber aus, fast etwas zu geleckt und vielleicht etwas zu sehr tv-haft.

Inhaltlich wird auf die positive Seite von Seitensprung und Verrat hingewiesen mit der Bemerkung, dass ohne Judas Jesus nicht seine Leidens- und damit Heilsgeschichte erfahren hätte. Das hört sich sophistisch an, würde sich aber mit dem Eindruck vom Bemühen um Gelecktheit decken.