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Max und die wilde 7

Im Gruftibus

fängt diese muntere Generationen- und Detektivgeschichte von Lisa-Marie Dickreiter und Winfried Oelsner (auch Regie) an. Es ist ein Shuttlebus, der zwischen dem luxuriösen Altenheim, das in einer hoch über der Stadt sich erhebenden Burg untergebracht ist, und dem Städtchen zu seinen Füßen verkehrt. 

In diesem Bus wird der Generationenkonflikt, vielleicht eher der heute schwelende und erst in Zukunft gesellschaftlich sich härter artikulierende Generationenkonflikt krass überspitzt und direkt gezeichnet. 

Max (Jona Eisenblätter) ist eben mit seiner herzlichen Mutter (Alwara Höfels) in der Burg eingezogen, denn sie ist Altenpflegerin. Es ist seine erste Fahrt zur Schule, kurz vor den Ferien. Er hat sich mit seinem Fahrrad in den mit Alten und Rollatoren vollgestopften Bus gezwängt. Der Chor der Alten lässt nichts aus, ihn zu belehren und zu beschimpfen, eine schräg krasse Szene, ein hochpegeliger Einstieg in den Film. 

In der Schule wird Max auch nicht gerade freundlich empfangen. Eine Bubengang frotzelt ihn wegen seiner Fahrt im Gruftibus und seinem Zuhause auf der Burg. Es setzt gleich eine Fahrradverfolgungsjagd über die steilen Straßen des Städtchens. Hilfe kommt vom älteren Raphael (Alvar Julian Götze). Er ist der Sohn der strengen Oberschwester Cordula (Nina Petri) und beschützt den Jungen. 

Der Erstkontakt zu der Wilden 7 – auch das eine essentielle Überraschung, dass das keine Kinderbande ist – findet beim Strampeln mit dem Fahrrad zur Burg hinauf statt. Ihn holt lässig die ebenfalls auf der Burg lebende Schauspielerin Vera Hasselberg (Uschi Glas) ein, sie thront auf einem mit Batterieunterstützung betriebenen Dreirad. 

Vera ist Mitglied der Altengruppe, die im Speisesaal an Tisch 7 sitzt, daher der Name. Zur Gruppe gehören noch der Exfußballtrainer Horst (Thomas Thieme) und der sprachgenaue Wissenschaftler Kilian (Günther Maria Halmer), der im Keller streng geheime Schwarzpulverexperimente macht. 

Da zeitgleich im Schloss bereits zwei Einbrüche in die Zimmer von Bewohnern passiert und dabei Wertsachen verschwunden sind, ergibt sich die Ausgangslage für eine Detektivstory, in der die quicklebendigen Gruftis mit dem ernsten (und dadurch faszinierenden) Buben zusammenspannen, um dem Täter eine Falle zu stellen und ihn zu überführen, denn die Polizei mit Kommissar Moser (Martin Leutgeb), die ist naturgemäß überfordert mit den nicht wenigen, möglichen Tatverdächtigen. 

Ferner spielt noch zur Erhöhung des Kitzels eine Giftspinne mit sowie, zur Erhöhung der Ahnung von Liebe, das entzückende Mädchen Laura (Stella Brückner).

Der Film ist ganz nebenbei eine liebevolle Hommage an Uschi Glas, die aus ihrer ellenlangen Filmliste einige Titel in den Text eingebaut bekommt sowie Pokale, Standfotos und Plakate, und wie sie Yoga-Übungen auf einem Bein im schrillen Outfit macht, das ist ein bestechendes Symbol für „Fitness im Alter“. Wie die Alten überhaupt dem Buben manch einen Ratschlag aus ihren langen Leben mit auf den Weg geben im Hinblick auf Beherrschung, Coolness und sich Respekt verschaffen. 


Tryggd – The Deposit

Die kurzen Beine des schnellen Humanismus

Unser Mitleid und unsere Hilfsbereitschaft sind schnell, ja großspurig, wenn wir menschlichem Elend und Unglück begegnen und noch schneller und großzügiger sind sie bei Gisella (Elma Lisa Gunnarsdóttir). 

Gisella ist Lokaljournalisten in Island, lebt allein, ihr Lover Andrés (Sveinn Ólafur Gunnarsson) hat sich immer noch nicht scheiden lassen und sie hat ihm ihr ganzes Geld zum Investieren in eine sichere Anlage überlassen. 

Giesella lebt allein in ihrem großzügig, fast wie ein Museum für bürgerlich-isländische Wohnkultur eingerichteten Haus in einer frappanten Ästhetik der Ordentlichkeit. Und sie hat Schulden. In dieser Situation schmeißt sie auch noch ihren Journalistinnenjob hin, weil sie des Textverdrehens durch den Redakteur überdrüssig ist. Gleichzeitig beobachtet sie täglich einen Flaschensammler, der die leeren Flaschen, die sie in einem Plastikbeutel neben dem Gartentor deponiert, abholt. 

Der Herausgeber oder Redakteur eines Konkurrenzblattes macht ihr den Vorschlag, einen Text über Migranten – es gibt auch viele Illegale in Island – zu schreiben. Sie fängt die Recherche damit an, dass sie ihrem Flaschensammler folgt. In dessen schäbiger, ausbeuterischer Unterkunft lernt sie Abeba (Enid Mbabazi) mit Tochter Luna (Claire Harpa Kristinsdóttir) und Maria (Raffaella Brizuela Sigurdardóttir) kennen. Ihr schneller Humanismusimpuls ist der: diese armen Geschöpfe dürfen so nicht hausen. Sie stellt den zwei Frauen mit dem Mädchen Hals über Kopf ihr Haus als gleichberechtigten Mitbewohnerinnen zur Verfügung. 

In bedächtigen Schritten entwickelt Drehbuchautorin und Regisseurin Ásthildur Kjartansdóttir – nach dem Roman von Audur Jónsdóttir – die Rückentwicklung des vorgeblichen Humanismus und der vorgeblich grenzenlosen Toleranz zurück zu einem recht spießigen Zusammenleben nach Regeln im Sinne der Hausbesitzerin und Logisgeberin; ein schmerzlich enthüllender Prozess, der gleichzeitig auf die prinzipiellen Schwierigkeiten von Integration unterschiedlichster Lebensentwürfe, Lebenserfahrungen und -hintergründe und Lebenserwartungen hinweist und der daran erinnert, wie euphorisch 2015 die Flüchtlinge in Deutschland empfangen wurden und wie diese Euphorie einer deutlichen Ernüchterung bei gleichzeitig überhitzter Emotionalität der unschönsten Form gewichen ist. 

SEIN – gesund, bewusst, lebendig

Nicht die Schulmedizin.

In diesem Film lässt Bernhard Koch, der mit Käte Schaeffer auch das Drehbuch geschrieben hat, eine ganze Menge Vertreter von Institutionen, Forschern und auch Patienten zu Wort kommen, die sich mit Heilmethoden außerhalb der Schulmedizin beschäftigen, die sich von Kursen und in Kliniken Heilung oder zumindest Linderung von Krebs, Arthrose, Rheuma, Hautkrankheiten, Fettleibigkeit versprechen. 

Es sind dies Heilmethoden, die generell eine geistige Fundierung aufweisen, oft in der Nähe von Buddhismus und Yoga. Der Tenor ist der, dass Körper und Seele eine Einheit sind; dass Krankheit Ausdruck eines Ungleichgewichtes der beiden Komponenten ist; auch dass der moderne Mensch mit Hektik und Stress unserer Zivisation überfordert sei, dass er nicht mehr dazu kommt, auf seinen Körper, auf seine Seele zu hören. Auch dass er noch für Zeiten der Not und des Nahrungsmangels programmiert sei und also mit dem Überfluss unserer Konsumwelt überfordert. 

Es sind Personen und Institutionen vornehmlich am Alpenrand in der Schweiz, in Bayern, aber auch nördlicher am Main oder in Berlin, die Koch zu Wort kommen lässt. Es gibt die Yogalehrerin, die aus dem Ungleichgewicht heraus auf Yoga gestoßen ist, und sich hat zur Lehrerin ausbilden lassen. Es gibt die Französischlehrerin, bei der Krebes diagnostiziert wurde, und die an einem Heilrudern teilnnimmt. Es gibt Institutionen, die mit Sport gegen Krankheit angehen. 

Es gibt den Kräuterleher, die Klangtherapeutin. Es kommen Mediziner zu Wort, die ganzheitlich denken, die in Begriffen von Achtsamkeit sprechen, die Behandlungen weit über die Schulmedizin hinaus bevorzugen; es wird angesprochen, dass der Mensch mit seinem Geist durchaus Einfluss nehmen kann auf die unbewussten Teile und Vorgänge seines Körpers; dass Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden sind; auch das Thema der Überernährung wird angesprochen. 

Für Hilfesuchende werden somit eine ganze Anzahl von Institutionen, Methoden und Lehrern vorgestellt. Es kommen vor: Yogalehrer, Buchautoren, Ärzte, der Leiter einer Schule für Heilkräuter, Ernährungswissenschaftler, Fastenberater, ein Jesuitenpater und Zenmeister, der Koch einer Fastenklinik, ein Kunsttherapeut, eine Klangschalentherapeutin.

Zwischen die Interviews schneidet Koch Impressionen aus der Natur genauso wie Straßenimpressionen aus Städten. 

„Das ganze Sein ist keine Ansammlung von allem. Es ist unmöglich eine ganze Existenz in Teile zu zerlegen.“ Shunryu Suzuki.

Pandemie

Mann, Frau, Kind,

das ist die zentrale Lebens- und Überlebenszelle der Menschen. 

Um eine solche Zelle herum baut Drehbuchautor und Regisseur Sung-Su Kim seinen koreanischen Katastrophenfilm um den Ausbruch eines neuartigen Virus. Den Film hat er 2013 gedreht; er ist aber durch die Corona-Geschichte hochaktuell geworden, hochunterhaltsam würde ich hinzufügen, weil die Pandemie hier viel lebendiger und genüsslicher ist als deren dröger und langweilige Verlauf in Deutschland. Es geht ja auch um Dramatik und Unterhaltung, Katastrophenunterhaltung. 

Das Kind ist ein mega filmentzückendes Mädchen der Sonderklasse, Mirre (Min-Ah Park). Und wenn man so ein Mädchen nicht ab und an sich selber überlassen täte, würde sich die Katastrophe auch nicht so dramatisch entwickeln. 

Mirres Mutter ist die Ärztin und Seuchenspezialistin Kim In-hye (Soo Ae). Sie ist offenbar alleinerziehend, so dass das Drehbuch sich entscheidet, sie mit dem Rettungssanitäter Jigu (Hyuk Jang) zusammenzubringen. 

Das geschieht in einer dramatischen Rettungsszene. Die Ärztin ist mir ihrem Wagen in einen Schacht gestürzt. In einer spektakulären Rettungsaktion kommt sie so dem attraktiven Mann nahe. Das ist die zentrale menschliche Geschichte, um welche herum sich eine irre Katstrophe in dem Vorort Bundang 15 Kilometer von Seoul entfernt entwickelt. 

Aus einem Container mit geschmuggelten Menschen entweicht der einzig Überlebende. Er ist Seuchenträger. In bester Katastrophenfilmmanier entwickelt Sung-Su Kim den Weg der ersten Ansteckungen, wie das Bewusstsein für die Katastrophe, erst bei den Ärzten, dann bei der Politik, langsam wächst. 

Angenehm im Gegensatz zu amerikanischen Katastrophenfilmen ist auch, dass hier Faustrecht noch Faustrecht ist und die Anwendung von Waffen recht eingegrenzt eingesetzt wird (dafür umso dramatischer, vor allem beim fulminanten Höhepunkt kurz vor Schluss). 

Sonst wird schnell gerangelt, auch in Situationen, in denen Patienten an Schläuchen hängen oder auf Intensivstationen sich befinden. Und weil das Kind immer mal aus guten Gründen irgendwo allein zurückbleibt, weil es aber auch außerordentlich clever ist, gibt es mitten im Pandemie-Chaos waghalsige und abenteuerliche Suchaktionen nach ihm. 

Schließlich wird Mirre sogar zum Hoffnungsträger für das Antikörperproblem – und muss wie eine Stecknadel im Heuhaufen im explodierenden Chaos, in der rasant sich ausbreitenden Regellosigkeit und anderen Scheusslichkeiten gesucht werden. 

Gegen das, was sich Sung-Su Kim hier einfallen lässt, geht es bei uns – bis jetzt jedenfalls – recht gesittet zu und her. Und die deutsche Synchro ist ganz passabel. Schöner Dialog am Anfang: Muss ich die Maske wirklich tragen? – Das ist überhaupt nicht mein Style. 

Irresistible

Präsidentschafts-Wahlkampf in Amerika 2016. Die Wahlkampfzentrale in Washington sieht in den Umfragen Defizite in den ländlichen Gebieten der Swing-Staaten, also der Staaten, die den Ausschlag geben können; eine Eigenheit im amerikanischen Wahlsystem. 

Das nutzt Jon Stewart für eine ausgetüftelte Wahlkampfsatire mit überraschendem Ausgang. Wahlkampfmanager Gary Zimmer (Steve Carell) in Washington entdeckt im Internet einen Clip, der einen Ausschnitt aus einer Bürgerversammlung des Kaffs Deerlake zeigt. 

Das Video: Bürgermeister Brown (Brent Sexton) hat die Diskussion um Investitionen im Ort bereits abgeschlossen. Da marschiert zu spät der Bürger und Bauer Jack Hastings (Chris Cooper) in den Saal, stracks aufs Mikro zu und lässt sich nicht abhalten, seine Meinung des gesunden Menschenverstandes zu äußern. Vergeblich, die Diskussion ist beendet. 

Nicht vergeblich für die Wahlkampfmanager der Demokraten in Washington. Sie bekommen den Clip zu sehen, Gary Zimmer ist elektrisiert, wenn sie diesen amerikanischen Helden und Kriegsveteranen für sich gewinnen könnten, dürften sich die Chancen spürbar verbessern; denn im Kern ist die Aussage von Hastings, Prototyop der uramerikanischen Weißen, der aber für Immigranten spricht, quasi autonom amerikanische Freiheit denkt, diese Aussage ist im Kern demokratisch. 

Das versucht Zimmer nun Hastings beizubringen. Der Film nutzt seine Ankunft im ländlichen Amerika, um das Provinzielle gegen das Hauptstädtische auszuspielen. Zimmer reist im Privatjet an; aber die Bruchbude, in der er unterkommt, was Besseres gibt es hier im Hinterland wohl nicht, spottet jeder Beschreibung. 

Die Charakteisierung der Landfiguren ist liebevoll, nie zynisch, sie sind rundliche Menschen, auf Du und Du. Schon bei Zimmers erstem Spaziergang im Ort wird er überall freundlich und mit Namen gegrüßt. Es hat sich rumgesprochen, dass einer aus Washington da ist. 

Die erste Begegnung mit Hastings verläuft wenig hoffnungsvoll. Aber da ist seine attraktive Tochter Diana (Mackenzie Davis); die im Moment der ersten Begegnung ihren ausgestreckten Arm gerade im After eine Kuhe stecken hat …. 

Jon Stewart entwickelt im schnellem Sit-Com-Tempo die Wege zur Wahl, das dialektische Hin und Her mit dem Wahlkampfteam von Bürgermeister Brown, die einiges Geld zur Verfügung zu haben scheint. Das Hastings-Team muss verstärkt werden, Geldquellen erschlossen, Hastings fliegt kurz nach Washington um Sponsoren zu überzeugen, eine schon fast tragikomisch-reale Szene. 

Durch seine satirische TV-Nachrichtensendung ist Drehbuchautor und Regisseur Jon Stewart mit allen Wasser des amerikanischen Wahlkampfes gestählt, Energie und Wissen, was er spannend und gezielt in seinen Film einbringt. 

Dreiviertelblut – Weltraumtouristen

Ohrwürmer – bayerisch-existentialistisch

Rosi, wie Marcus H. Rosenmüller liebevoll von bewundernden Fans genannt wird, scheint mit diesem Schwarz-Weiß-Heimatfilm, den er mit Johannes Kaltenhauser gemacht hat, nach dem etwas angestrengten Trautmann – Geliebter Feind seine ursprüngliche Freude am Kino wiedergefunden zu haben. 

Rosi ist wieder ganz bei sich (das Bayerische ist sein Element, das haben schon seine „Beste“ – Zeit – Gegend – Chance-Filme gezeigt), wenn er die Musiker Gerd Baumann und Sebastian Horn und ihre Band in einem vereinnahmenden Schwarz-Weiß-Film porträtiert, der das Zeugs zum feinen Sonntags-Frühschoppen-Film beispielsweise im Sendlinger Tor Kino hat. 

Baumann ist der vielseitige Sänger, Musiker und Komponist, Horn ist der philosophische Kopf und Gesangsperformer, Feld-, Wald-, Wiesen-, Natur- und Weltallphilosophie, der dafür sorgt, dass keine rührseligen Klischee- und Kitschtexte aus seinem Munde kommen, dass das Weltall, die Zeit, die Bewegung, die Geschwindigkeit – und ergo die schneckenhafte Langsamkeit – Eingang in die Songtexte finden. 

Herzstück des Filmes sind zwei Konzerte dieser Band zusammen mit den Münchner Symphonikern unter Olivier Tardy im Prinzregententheater und im Circus Krone. Das ist eine imposante Kombination aus klassischer Musik und modernem Bardentum im bayerischen Dialekt, das beim Konzert auf expressive Lightshow nicht verzichtet. Das Publikum wird verführt von einem enormen Ohrwurmsound. 

Unterbrochen werden die Konzertausschnitte von Impressionen von der Tournee (Absackerauftritt in der Hotelhalle), der bayerischen Landschaft, einem Marterl für eine Zigeunerin, der Natur, von Straßen und Ortschaften und auch von Schnipseln mit Brauchtum, aber auch von der Arbeit des Komponisten als Lehrendem an der Musiakademie sowie der Arbeit hinter den Kulissen von Band und Protagonisten. 

Zwischendrin stehen Baumann und Horn dem Regisseur Red und Antwort und es gibt eine kleine, inszenierte Szene in einer verrotteten Waldhütte, in der der Texter Eingebung sucht und wo in einer herrlichen Rakete wie der Mann vom Mond der Komponist durchfroren landet. 

Das Raumzeitgefüge und die moderne Band-Orchester-Musik. Ein schöner Werbefilm, eine Hommage an eine bayerische Ohrenschmalz-Band mit kreativer Gegenposition gegen die oft zitierte „Mia-san-Mia“-Mentalität. Das macht frei, denn wer mit dem Teufel tanzt, der braucht keine Schuhe („wanss mitm Teufel tanzst, brauchst keine Schua“).

Body Cam

Von düster zu Horror zu schauderhaft

L A. ist in diesem intensiven Film von Richmond Riedel nach dem Drehbuch von Malik Vitthal düster, regnerisch, kein Tag und es wimmelt auch nicht in der Stadt. Die Straßen sind vor allem leer, wenige Menschen, Polizeistreifen und dann leere Räume. 

Der Film, der wie eine beschwörerische Verarbeitung zum Tod von George Floyd wirkt, wie ein Reinigungsritual mit spiritistischen Anflügen, dreht sich um zwei Hauptfiguren. 

Das positive Zentrum ist die Streifenpolizistin Renee (Mary J. Bilge). Sie ist der Prototyp einer aufrechten, humanistischen, ja geradezu biederen Polizistin, die an Gerechtigkeit und Recht glaubt. Sie ist mit einem fürsorglichen Ehemann verheiratet; die beiden haben einen aufgeweckten Jungen, von dem sie ab und an ein Video zugeschickt bekommt. 

Um Renee herum dreht die Nacht über Amerika und über L. A. ihre Schlingen, versucht die Polizei ihre Korruption zu vertuschen. Renee hat einen verständigen Chef, den Sergeant Kesper (David Zayas). Sie geht auf Streife mit dem jungen Danny (Nat Wolff). 

Vitthal zeichnet diese Figuren mit einer nahen Menschlichkeit aus, mit menschlicher Wärme. Es sind keine gedankenlose Haudraufs oder Losballercops. Sie alle sind mit Body-Cams ausgerüstet. 

Überhaupt läuft ein Großteil der Polizeiarbeit über Laptops und Handys, auch die Auswertung der Bodycams. 

Die andere zentrale Figur ist bald schon tot. Es ist ein 14-jähriger schwarzer Junge, ein Musterbeispiel an sozialem Engagement. Er wird das Opfer eines Polizeieinsatzes. Der ist per Body Cam auf Video aufgezeichnet. Darum herum drehen sich wiederum Vertuschungsaktivitäten und des Jungen Mutter Taneesha (Anika Noni Rose) wird zu einer unberechenbaren, hintergründigen Dunkelfigur. 

Bei ihren einsamen Streifenfahrten stoßen Renee und Danny auf ermordete Polizisten, auf schauderhaft zugerichtete Leichen; auch in der Pathologie. Und Renee versucht, sich einen Reim aus allem zu machen, bis zur brutalen Lösung der dunklen, düsteren Vorgänge am Ende der Nacht. 

Der Film bannt durch seinen menschlichen Realismus, mit dem er anfängt, wie er die Polizeitruppe als honorig und human zeichnet; offenbart dann schauderliche Bluttaten oder ist gar dabei und bedient sich salopp übersinnlicher Elemente, die möglicherweise Revenge-Fantasien entsprungen sind. Er verliert nie die Bodenhaftung – das macht den Film so dicht, so spannend, auch wenn er zwischendrin mal in der billigeren Horrorkiste wühlt, wenn aus einer Schublade plötzlich ein Schwarm von Kakerlaken strömt. 

So nähert sich der Film auch immer wieder dem Genre des Psychothrillers – in den Momenten, in denen es um die Einsicht in die Geisteswelt von Renee geht; sie würde echt mal ein paar Tage Entspannung verdienen. Können Bilder und solche von BodyCams lügen?

Cody – Wie ein Hund die Welt verändert

HUNDELEBEN von 1998: ein mongolischer Hund; wenn er tot ist, wird er ein Mensch..(Die Geschichte des Streuners Baasar zeigt gleichzeitig ein Bild der heutigen mongolischen Gesellschaft, voller Kraft und Härte, voller Mythen und Poesie.)

Hunde sind unsere Verbindung zum Paradies“

diesen Satz von Milan Kundera stellt Martin Skalsky seinem Bericht über seine Erlebnisse mit Cody voran. 

Dieses Paradies schildert er in wie mit Photoshop bearbeiteten, leicht designhaft wirkenden Bildern, die alleweil an die Wand gehängt werden können, immer mit etwas aufregenderem Licht als der Alltag es normalerweise bietet. 

Der Hund als Aufheller des Alltags, das wäre dann die bildnerische Botschaft. Skalsky ist auch der Protagonist. Er ist Filmkomponist, wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter, die noch ein Säugling ist, auf dem Lande in der Schweiz. 

Den Hund Cody hat Skalsky seit drei Jahren. Er hätte nie damit gerechnet, sich für einen Hund zu entscheiden; es scheint ja nicht so, dass seinem Leben, er ist ein aufgeweckter, wie es scheint optimistischer Typ zu sein, etwas gefehlt hätte.

Aber dann hat Cody ihn gefunden. Und Skalksy hat angefangen, filmisch darüber nachzudenken, warum ihm der Hund so zusagt, diese Empathie verblüfft ihn. Er versucht der Geschichte des Hundes auf die Spur zu kommen. Die führt zurück nach Rumnänien. Dort gab es zum einen viele Straßenköter und 2013 ein Gesetz, das es erlaubte, diese einzufangen und zu töten. Dafür gab es sogar eine Prämie. Dagegen wehrte sich die Hundeaktivistin Kristina. Sie will mehreren Tausend Straßenkötern das Leben gerettet haben. Sie hat eine Farm für solche Hunde aufgebaut. Sie versucht, so viele der Tiere wie möglich zur Adoption freigeben zu können. 

Skalksy erfährt von ihr auch, dass Cody drei Jahre lang mit Blanche, einer weißen Hündin auf der Straße zusammengelebt habe. Skalsky erzählt oft direkt in die Kamera. Man sieht ihn zu Hause mit Frau und Kind, in den Bergen oder zuhause mit dem Hund spazieren. 

Der Film entwickelt insofern auch eine Story, als Skalsky versucht, die ehemalige Gefährtin von Cody aufzuspüren. Die ist jetzt in London. Das ist die Cliffhanger-Frage, was wäre, wenn die beiden Hunde sich wiedersehen würden? 

Immer wieder wird Hundephilosphisches dazwischen gestreut von einem Hundephilosphen, einer Buchautorin und es gibt einen Ausflug nach Costa Rica zur Hundeauffangstation „Zaguetes“, die sich um eine Herde von Streunern kümmert. 

In Zeiten von Corona und deren nur langsam gelockerten Hygienevorschriften dürfte das Hundethema besonders aktuell sein; jedenfalls war zu lesen, dass in dieser Zeit die Nachfrage nach Hunden enorm gestiegen sein. 

Der Film reiht sich ein in eine ganze Anzahl jüngerer Filme, die sich mit Streunern befassen wie Bob der Streuner (sehr anrührend) oder Space Dogs (ziemlich verrückt) oder Underdog (Mensch-Hund-Romanze mit Meuten von Straßenhunden) oder wie Enzo (mit Perspektivwechsel) oder Die Rüden (Hunde als Menschentraner) oder der deutsche Standardhund, der Schäfer in der Romantikversion von Lassie

Weltreise mit Buddha

In Corona-Zeiten ist man froh um jede Flugreise, die man nicht machen muss, aus bekannten Ansteckungsgründen. 

Und: glücklich, wer als Dokumentarist noch vor Corona die Welt kreuz und quer bereist und beflogen und dies mit einem Leitthema verbunden hat wie Jesco Puluj, der mehr über den Buddhismus erfahren wollte. 

Puluj fängt mit der sokratischen Erkenntnis an, dass er eigentlich nichts über den Buddhismus wisse und diese Frage wird die Leitidee für seine touristische Reise rund um die Welt, sie führt ihn nach Thailand, Indien, China, Nepal, in die Mongolei, nach Südafrika, Japan, Botswana und nach Irland. 

Er fächert in leichter Handschrift und als Ichdarsteller und – erzähler ein buntes Bild des weltweiten Buddhimus auf vom buddhistischen Eremiten Julien aus Kanada in Thailand, der später über seinen Internetblog eine gewisse Berühmtheit erfährt (und findet, das habe schon Vorteile, was auf gewisse Einschränkungen davor schließen lässt) über die japanischen Buddhisten, die nicht nur eine Bar betreiben sondern auch als Comedy-Band auftreten (das gibt es bei christlichen Pastoren auch; und man sieht ihnen an, dass sie nicht unempfänglich für solchen Erfolg sind), zu den Ursprüngen des Buddhismus in Nepal und dann über Klöster in China, der Mongolei und Ableger der modernen Hightech-Buddhisten aus China (die Comics zeichnen und einen Buddharoboter entwickeln) und welche in Afrika die wenig buddhistischen Expansionsgelüste Chinas mit der Lehre von der Gelassenheit, der Friedfertigkeit und der inneren Ausgeglichenheit flankieren bis zu einer Art Buddhaschule, in der Hunderte von Menschen einen Buddhismus auf Zeit ausprobieren können, ein Buddhismus, der seine Haupttätigkeit in täglichem, häufigem Singen sieht. 

So europäisch ist unser Filmemeacher, dass er doch immer wieder zur Erkenntnis kommt, dass sein innerer Buddha wohl noch nicht reif genug sei, dass es ihn immer weiterdrängt, noch mehr über den Buddhismus zu lernen, noch andere Länder zu bereisen auf dieser Suche. 

Für mich war die eindrücklichste Geschichte die von Julien mit seiner Katze, die plötzlich vegan wurde und seiner Meinung nach ganz sicher eine Reinkarnation war – und wie er von Gefühlen übermannt wird (Frage, ob das wiederum so buddhistisch sei), wie er dem Filmemacher von deren Tod erzählt, was anrührend klar macht, dass auch ein Buddhist nur ein Mensch ist. 

The King of Staten Island

Hier wird mit harter amerikanischer Beziehungsmünze gearbeitet. Man ist ja nicht im schicken Brooklyn, sondern auf Staten Island. Das ist inhaltlich und von der Lebensqualität näher bei New Jersey. Da bietet ein 24-jähriger Rumhänger und Tunichtgut, Scott (Pete Davidson), mit seinen Kumpels, die auch dem „Gras“ zugewandt sind, einem Buben (Luke David Blumm) ein Tattoo an und beginnt nach dessen Einwilligung auch gleich mit dem Stechen. Über einen jämmerlichen Strich kommt er nicht hinaus, da läuft der Bub, der sich wichtig Harold nennt und nicht Harry gerufen werden will, davon. 

Dieser armselige Tatto-Strich ist die Basis, auf der Judd Apatow, der mit Pete Davidson und Dave Sirus auch das Drehbuch geschrieben hat, seine Geschichte aufbaut. Der Strich führt zum Zusammenprall an der Haustür von Sotts Mutter Margie (Marisa Tomei) mit Harolds Vater Ray (Bill Burr), der geladen ist wie irgendwas und empört über den Strich. 

Klar, dass das komödiantisch so inszeniert ist, dass aus der Begegnung der beiden Menschen mehr wird. Denn Ray ist getrennt von seiner Frau und Margie ist Witwe, seit ihr Mann bei 9/11 als Feuerwehrmann starb. 

Für Scott ist es nicht leicht, als Sohn eines Helden und ohne Vater aufzuwachsen. Aber es würde nicht zu der rasant in der Art einer Sitcom inszenierten Geschichte passen, wenn hier psychologisiert würde. 

Es gilt die bare Münze der Erzählung, der Bericht, der auf dem Leben von Pete Davidson beruht, schonungslos den Fakten ins Auge zu schauen und sie allenfalls verkürzt und verknappt und mit Auspolsterungen ergänzt auf den Nenner zu bringen, denn die komödiantische Filmerzählung hat andere Gesetze als das Leben. 

Kein Wunder also, dass Scott das Hotel Mamma liebt. Sie ist Krankenschwester und seine kleiner Schwester Claire (Maude Apatow) ist eben von zu Hause auggezogen, um ins College zu wechseln; ein feierlicher Abschied mit Party, bei dem Scott einen Anzug tragen soll. 

Scott jobbt gelegentlich als Tellerabräumer in einer Systemgastronomie. 

Das einzige, was glänzt auf Staten Island, sind die Feuerwehrautos und wie der Zufall es will, ist auch Ray bei der Feuerwehr. Diese wird sich noch als der Ort erweisen, in dem Männer sich menschlich näher kommen, Hort der Humanität, was sich auf die Entwicklung des Menschen, auf seinen Reifeprozess positiv auswirkt und den Boden für einen runden Schluss legt. 

So wie die Feuerwehrmänner sich bedingungslos ihrem Job hingeben, geben sich die Schauspieler bei Judd Apatow ihrem Projekt hin und machen daraus ein trittsicheres Kinostück, das die Menschlichkeit nie aus dem Auge verliert und ihr jede Menge kinoerzählenswerter Irrungen und Wirrungen erlaubt.