Archiv der Kategorie: Review

Nightlife

Viel Herzlichkeit

steckt in diesem Film von Simon Verhoeven. 

Allein, was die beiden Protagonisten an Beherztheit großzügig von der Leinwand herab verteilen, Elyas M‘ Barek als Milo und Frederick Lau als Renzo. Die beiden sind Barmixer in einer Disco. Sie möchten „seriös“ werden und einen eigenen Laden aufmachen. Das Haupthindernis dazu wird der Bankangestellte Heiko (Leon Ullrich mit hingebungsvoll extrovertierter Beamtenkomik). 

Viel Herzlichkeit aber auch vom Buch von Simon Verhoeven her. Er stellt dem zentralen jungen Nachtleben, der perfektionierten Tinder-Anbandel-Oberflächlichkeit, den Ball der einsamen Herzen gegenüber und das ganz ohne Überheblichkeit und ohne Zynismus. Hier wird gegen Ende hin auch eine der anrührendsten Szenen des Filmes stattfinden. Das ist der Ort, welcher für eine gewisse Altersausgewogenheit im wunderbaren Ensemble sorgt und damit den Film vorm Absturz in jugendhaften Radau bewahrt. 

Die Geschichte ist solide gestrickt mit ordentlichen, teils ausgelutschten Fallstricken. Dann kämpfen halt die Schauspieler umso mehr, als ob sie auf Treibsand agieren; das sind die Momente, die eine Schlagseite ins Schmieren-Klamotten- oder Kindertheaterhafte haben, wenn die Koks- und Russenmafia-Story anrollt mit der vielen händischen Action. Auch diese ist durchaus ein Beweis für die überbordende Herzlichkeit, die auf Computeranimation ganz gut verzichten kann. 

Zentral im Geschehen wird schnell auch Sunny (Palina Rojinski), der eine eigene Lebenswendung zugeschrieben wird, sie soll am nächsten Tag einen beruflichen Wechsel vornehmen und von Berlin nach Atlanta fliegen. Und so will es das Gesetz der Komödie, dass sie kurz vor knapp noch Milo kennenlernt. Wie das geht ist immerhin komödienhaft, wenn auch nicht allzu zwingend durchdacht, die etwas krampfig zurechtgebogenen Gags mit den Augenklappen. Auch das ist mehr ein Sinnbild für herzliche Zuneigung des Autors und Regisseurs zu seinem Stoff. 

Wirklich schwarzer, abgrundtiefe Humor greift an der Stelle, wo die Bankangestellte Petra (Milena Dreißig) beim spießigen Spieleabend eine schmerzhaft-blutige Begegnung mit der Russenmafia hat; da erblüht die Komödie zu voller Größe. 

Dem Münchner läuft selbstverständlich das Wasser im Munde zusammen, wenn die Nachtlebenmenschen in Berlin sich schnell vom Verkaufswagen am Straßenrand eine Currywurst mit Pommes besorgen. 

Sonic the Hedgehog

Sonic ist ein blau gefärbter Igel, der mehr wie ein Hase aussieht, aber da er animiert ist und ab und an als Spuren blaue Stacheln hinterlässt, so nehmen wir ihm den Igel ab, das alte Prinzip von der Kunstbehauptung, die ja nur Voraussetzung dafür ist, eine Geschichte zu erzählen, in der Dinge passieren, von denen wir uns nie hätten träumen lassen oder von denen wir alle schon mal geträumt haben, schnell wie der Blitz quer durch Amerika an die Westküste rasen, kurz in den Pazifik tauchen und mit einem Fisch auf dem Kopf und etwas Tang darüber, wieder zurück, schneller als der Versand eines Mails geht. Dann muss sich der Igel nur noch ausschütteln und er hat wieder ein luftiges Stachelfell, so plüschig wie Badezimmer-Frottee-Sachen. 

Der animierte Sonic spannt hier mit dem Sheriff Tom Wachowski (James Marsdon, von dem man sich nicht vorstellen kann, dasss er einer Fliege etwas zuleide täte) zusammen; denn hinter Sonic ist Dr. Ivo Robotnik (Jim Carrey) her: ihn interessiert die unendliche Energie, die Sonic mobilisieren kann: ein Effekt, der supergeeignet ist für einen Film, der mit solchen Elementen wie Blitzen und Drohnen begeistert spielt: computeranimiert visualisierte Energie. 

Das tut der Film von Jeff Fowler nach dem Drehbuch von Patrick Casey und Josh Miller auch ausgiebig. Vorlage sei ein ehedem erfolgreiches Videospiel, das zudem für viele standardisierte Gags gut sein dürfte. 

Die Kids in der Pressevorführung waren anfangs eher zurückhaltend, habe sich aber zusehends erwärmt für die Action, die recht verrückt und waghalsig wird, egal, ob innovativ oder eher nicht, ob besonders inspiriert oder eher nicht. Während die deutsche Synchro deutlich zu wünschen übrig lässt; sie ist nicht gerade ein Vergnügen (sowohl Übersetzung, Besetzung als auch Darstellung). 

Eine Handlung, die sicher jedem Zuschauer aus der Seele spricht, und die wir bestimmt noch öfter in Filmen sehen werden: das Einfangen oder zu Boden bringen von Drohnen, die so lästig sind wie Insekten. 

Spuren – Die Opfer der NSU

Ein anderes Gedenken.

Top-Position in der deutschen Gedenk- und Erinnerungskultur nimmt, angesichts der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen zu Recht, der Holocaust ein. Allerdings ist dieses Gedenken inzwischen auf dem Wege der ritualisierten Erstarrung in Politprominenz-Auftritten mit andauernd neuen „historischen“ Reden, während im Lande der Antisemitismus neu auflebt; da stimmt etwas nicht. 

Das Erinnern an die NSU-Morde ist noch ein junges Gedenkpflänzchen. Aysun Bademsoy beschreibt das in ihrer Dokumentation behut- und einfühlsam. Es ist noch weitgehend ein Gedenken im kleineren Kreis, im privaten Kreis. Die Ausnahme im Film ist ein Bild in Dortmunds Fußballstadion, in welchem des ermordeten Mitbürgers Mehmet Kubasik gedacht wird. 

Ganz leise pflegt der ehemalige Mitarbeiter von Enver Simsek am Ort der Ermordung die Erinnerung in dem Wälchen um den Blumenstand am Straßenrand herum. Er hat einen kleinen, als solchen nicht identifizierbaren Hain gepflanzt. 

Bademsoy befragt Hinterbliebene, Kinder, Brüder, Witwen. Sie schildern ganz unaufgeregt, was sie nach der Ermordung ihrer Männer, Väter, Brüder zusätzlich erlitten und durchgemacht hatten durch die Behörden, die beharrlich von einer Döner-Mafia ausgegangen sind und verzweifelt nach nicht auffindbaren Belegen geforscht haben. Das immerhin hat der über 5 Jahre dauernde NSU-Prozess in München geklärt, dass die Hinterbliebenen keinerlei Schuld trifft. 

Oft wird in der Öffentlichkeit bedauert, dass bei so schlimmen Verbrechen wie den NSU-Morden oder auch bei Terrorakten, Amokläufen immer nur von den Tätern die Rede ist, von ihren veworrenen Ideologien – bad things sell better! – . Dieser Film, der primär fürs Fernsehen gemacht sein dürfte und dort sicher als als ein Qualitätsfilm gelten wird, kümmert sich um die Hinterbliebenen der Opfer, lässt sie zu Wort kommen, schildert, wie es auch für sie ein Leben nach den Morden gibt, wenn diese es auch in andere Bahnen lenkten. 

Looking at the Stars

Strahlende Ballerina.

Geyza ist eine der Protagonistinnen in dieser Dokumenation von Alexandre Peralta über eine Blinden-Ballett-Schule in Sao Paulo. 

Geyza hat vielleicht am meisten die Anweisung verinnerlicht, sie sollen zu den Sternen hinaufschauen und dabei das unwiderstehliche Strahlen entwickelt, was klassische Balletttänzerinnen so unwiderstehlich macht. 

Diese fernsehgerechte Dokumentation widmet sich einfühlsam dem Tanzen und Leben der blinden Tänzerinnen Geyza, Fernanda, Sandra, Thalia. 

Es gibt Einblicke ins Privatleben, Kindheitsbilder, Informationen darüber, wie es zur Blindheit kam.

Viel Zeit verbringt der Film auf der Ballettschule, die einmalig in ihrer Art ist, das unverzichtbare Training, das auf eine Aufführung hinarbeitet, eine neue Choreographie. Es tanzen auch sehende mit, besonders Männer für den Paartanz. Und die älteren Tänzerinnen unterrichten auch den Nachwuchs. 

Geyza verliebt sich, heiratet, bekommt ein Kind, noch bevor sie ihren Sohn Lucas abgestillt hat, steht sie wieder auf der Bühne. Tanzen tut sie seit 17 Jahren, ihren Mann kennt sie seit 7 Jahren, sagt sie an einer Stelle, womit die Prioritäten klar wären. 

Teenager Thalia macht einen College-Zwischenabschluss und schreibt nebenher mit dem Computer einen Roman, fühlte sich an der Schule aber zeitweilig als Nichtsehende ausgeschlossen. 

Das Kino ist ein Medium des Sehens, das Ballett in gewisser Weise auch, die Tänzer sehen gerade bei Gruppenauftritten, immer, wie weit die anderen mit ihren Bewgeungen sind. Umso erstaunlicher und eindrücklicher ist das Thema blinden Tanzes und blinder Tänzer und Tänzerinnen und macht den sogenannte Sehenden den Wert des Augenlichts bewusst, und für wie selbstverständlich wir es nehmen. 

Tommaso und der Tanz der Geister

Italienaufenthalt,

Romaufenthalt. Ja, ein Romfilm ist es auch noch, was Abel Ferrara uns zeigt und höchst atomsphärisch von Kameramann Peter Zeitlinger immer so aufnehmen lässt, als sei es wirklich das Auge desjenigen, der nur vorübergehend in citta ist, der alles aufsaugen will, der den Moment der ewigen Stadt erfassen will. 

Ein Willem-Defoe-Film ist es dazu. Grad hat man ihn noch frisch in Erinnerung aus Der Leuchtturm. Im ersten Take, bei dem er durch den Innenhof eines römischen Wohnblocks geht – dazu schallt Pavarotti aus einem Fenster – huscht einem kurz durch den Kopf, Dafoe, ach den kennen wir jetzt in und auswendig, dieses markante Gesicht. Aber schon bei der Italienischlehrerin ist er voll und ganz der Künstler, der in Italien Ruhe sucht, Inspiration und wie sich später herausstellt auch Heilung von seinen früheren Exzessen. 

Tommaso lebt bürgerlich mit einer Frau aus der Ukraine und der kleinen Tochter Deedee (die Darstellerin heißt Anna Ferrara) in wilder Ehe. Er versucht zu schreiben, schreibt an einem Drehbuch, hebt ab in Traumwelten, wobei er offenbar nicht immer unterscheiden kann, was Traum, was Realität ist. 

Tommaso kann bei einer Therapiegruppen ellenlang aus seinem früheren versauten Leben berichten – er ist sechs Jahre trocken; er bekommt es nicht aus seinem Kopf, der Mann ist immer auf der Suche nach der idealen Frau, zB als Nacktbedienung in einer Bar. 

Tommaso gibt Schauspielkurse, macht Yoga. Er hat Angstträume, wenn er von hoch oben im Mietshaus auf die enge Römergasse runterschaut und Nikki mit dem Töchterchen kommen sieht, die Angst, sie könnte vors Auto laufen. Oder die Angst, es könnte den beiden was zustoßen, wenn Nikki mit dem Töchterchen in der Metro statt mit der Taxe fahren will. 

Tommaso kann sich schnell auch in der Rolle des zu Unrecht verhafteten, desjenigen, der doch nur die Wahrheit wollte, hineinträumen oder gar – reine Künstlerseele – sich als Märtyrer wie Christus neben anderen Gekreuzigten als Kunstaktion vorm Römer Bahnhof angenagelt sehen und dann noch vorwurfsvoll in die großartige Kamera blicken. 

Der alte Schlawiner dringt immer wieder durch in Tommaso. Wenn er nach der Therapiegruppe die Blondine noch nach Hause begleiten will durch die römischen Gassen. Ach, das liegt so in der Luft; aber auch für die Kamera ist sie unberührbar entrückt hinter der Windschutzscheibe eines Motorrades. 

Der Film schildert glaubwürdig pralles, römisches Leben und stellt die Frage nach dem Künstlertum, nach dem Künstlersein darin. Einmal wird das Thema von Partnerschaft und Geiselnahme durch Partnerschaft angesprochen. So dürfte es zumindest der Künstler verstehen. 

Überraschend gelöst wird auch die Szene mit dem Penner, der nachts besoffen auf der Straße grölt. Tommaso bekommt Angst um den Schlaf von Deedee, schreit erst vom Balkon aus zurück, andere Nachbarn mischen sich ein; der Penner hört nicht auf; Tommaso geht aggressionsgeladen auf die Straße runter. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, die nicht nach Klischee verläuft. Io sono chi sono. Jesus oder Künstler und ganz im Gegensatz dazu, kleiner Privatier in spießig organisierter Familie. 

La Gomera

La Gomera ist die Perle der Kanarischen Inseln. Die Singapur Garden Rhapsody ist ein Juwel im Fernen Osten. Dazwischen liegt Rumänien. Das ist ein Sumpf aus Korruption. Luxus zieht Korruption an. Geld macht das Leben schön, Geld ist eine Verführung und der Haifisch, der im Film von Corneliu Porumbolu (Der Schatz) die Zähne zeigt, der ist von Brecht und immer noch gültig wie Einsprengsel aus Westernfilmen es belegen. 

Porumbolu baut ein intelligentes, amüsantes Puzzle für Zocker und Mafiosi und natürlich für Kulturintellektuelle, die ihren Spaß haben dürften.

Die Kapitelung zeigt: Porumbolu stellt lediglich die personae dramatis in ihren Handlungen vor. Die Kapitelüberschriften sind die Namen der Figuren auf unifarbenem Hintergrund. Es sind die Personen, die in einem raffinierten Spiel an den Millionen, die aus einer Matratzenfabrik verschwunden sind, interessiert oder hinterher sind. 

Das ist vielleicht der besondere Reiz am Film von Porumbolu, dass er auch so ein simples Geldversteck wie eine Matratze lustig einführt. Oder das Motel „La Opera“, das ist vor allem voll mit Matratzen, in jedem Zimmer eine oder zwei. 

An der Rezeption ist ein merkwürdiger Mann, der viel zu intellektuell ausschaut und ständig Opernarien auf Plattenspieler laufen lässt. Er gehört allerdings nicht zu den mit eigenem Kapitelnamen versehenen Protagonisten. Diese sind Gilda (Catrinel Marlon), eine sehr erotische, sehr schöne, geheimnisvolle Frau, Kiko (Antonio Buil) arbeitet mit Gilda zusammen auf Gomera; er bringt dem Protagonisten die Vogelpfeifsprache bei – ein reizvoller Einfall der Kommunikation, wird auch genügend breitgetreten, in Zeiten von Apps und Twitter. 

Zsolt (Sabin Tambrea) ist der Mann, der weiß, wo die Millionen sind und also für alle interessant und besonders wertvoll; Mama (Julieta Szony) ist die Mutter des Protagonisten, den sie für schwul hält und seine Aktivitäten nicht so richtig versteht, aber sie kommt hinter ein Geldversteck und petzt; Paco (Agusti Villarongia) ist ein weiterer Drahtzieher in dem Spiel um die Millionen und schließlich Cristi (Vlad Ivanov) ist ein Inspektor von der Kripo, der mit stoischem Gesicht mitten im Spiel versucht, sein Ding zu drehen und zum Spiegelbild für eine verspiegelte und überwachte Welt wird, in der keiner weiß, wem trauen, und ist doch auch nur ein Mensch, über dessen intimsten Wünsche wir leider nichts erfahren, vielleicht mehr Spielball. 

Vieles in diesem Katz- und Mausspiel läuft klassisch perfekt inszeniert ab und wer weiß, vielleicht war es auch nur ein geschickter Werbefilm für die Rhapsody-Show in Singapur. 

Ein Trick dieses Spieles mit den Bildern und den Köpfen der Zuschauer ist auch der: dass jede einzelne Szene so selbstverständlich und verdächtig klar ist, dass keine Zweifel aufkommen können, auch sind Wände in Innenräumen möglichst einfarbig bemalt, unnötige Requisiten stehen nirgends rum, den Spielkartencharakter noch betonend. 

Die Pfeifsprache, das ist El Silbo und sei von Juances auf der Insel Gomera eingeführt worden. 

Bombshell – Das Ende des Schweigens

Macht, Sex und Karriere.

Früher hieß es Besetzungscouch, heute heißt es Me-too. 

Extrem themenfokussiert, wie schon in Trumbo wagt sich Jay Roach nach dem Drehbuch von Charles Randolph an das Reenactment, angereichert mit erfundenen Szenen und Archivmaterial aus den News, eines exponierten und doch bei uns weniger bekannten Falles, dem Sturz des früheren, schier allmächtigen Fox-Chefs Roger Allies (John Lithgow) mitten im Trump-Wahlkampf über seine diskret etablierte und von einer Mauer des Schweigens umgebene Methode von Sexwünschen an seine Mitarbeiterinnen, speziell, wenn sie Karriere machen wollten. 

Bannend schildert Roach die Stimmung bei dem Sender und am Beispiel der Influencerin Kayla Pospisil (Margot Robbie), wie sie seinem Begehren ausgesetzt ist, das geht nicht mit brachialer Gewalt, sorgfältig führt er das Gespräch dahin. 

Es fängt damit an, dass er ihre Beine sehen will und überhaupt sollen sie sich mit kurzen Röcken kleiden.

Wie aber Gretchen Carlson (Nicole Kidman) nicht mehr bei Fox arbeiten will, entscheidet sie sich, Roger persönlich zu verklagen. 

Schritt für Schritt schildern Roach und Randolph diesen nicht leichten Weg zu den Anwälten und wie bald schon die Starmoderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron) in Ungnade fällt, beginnt sie, da die Klage bereits öffentlich ist, selber sich kundig zu machen bei ihren Kolleginnen, denn auch ihr war dieser Karriereweg durchaus vertraut. 

Nach und nach trauen sich die Frauen, zu sprechen. Es dürfte Absicht der Filmemacher sein, die Frauen so zu stylen, bei den Protagonistinnen bis in die Nachahmung der Gesichtszüge der Real-Life-Vorbilder, wie Roger sie gerne gesehen hätte, dass eine gewisse Gleichschaltung von Schönheit und Sterilität die Folge ist; was für die Offenlegung des verflixten Machtmechanismus, der zum Machtmissbrauch führt, sogar förderlich ist. 

Mit der deutschen Nachsynchronisierung gelingt das erst im Laufe des Filmes, wenn er so richtig Fahrt aufnimmt, während sie am Anfang in ihrer Gleichförmigkeit eher einschläfernd wirkt. 

Die drei Protagonistinnen liefern starke Performances durch allen Maskelwirbel hindurch, was den Gegensatz, dazu, dass sie vor Roger in die Knie gehen mussten, noch krasser macht in diesem eindrücklichen Themenfilm. 

Lebenslinien: Lohmeyer & Manz – Und täglich grüsst der Widerspruch (BR, Montag, 10. Februar 2020, 22.00 Uhr)

Künstlerehepaar.

Jedenfalls nicht Erotik hält die beiden zusammen; aber das ist in einer Ehe, die Jahrzehnte gehalten hat, vielleicht nicht mehr das Vordringlichste. 

Genau da hätte Elisabeth Mayer unter der Redaktion von Christian Baudissain mehr nachbohren können, was denn die beiden Schauspieler Gerd Lohmeyer und Monika Manz zusammenhält; auch dem Zusatz im Titel zuliebe „und täglich grüßt der Widerspruch“; davon ist außer bei einer Theaterprobe grad gar nichts zu spüren. Da bemühen sich die beiden Protagonisten zu beflissen um gefällige Selbstdarstellung. Da bleiben die Informationen doch sehr bruchstückhaft, ok, es war die Tochter, was dazu geführt hat, dass die Ehe nicht längst auseinandergebrochen ist. 

Andererseits ergibt sich ein Blick ins Nähkästchen von Schauspielern, die keine sogenannten Promis oder Zugstars sind, die sich in Daily Soaps wie „Dahoam ist Dahoam“ oder in Kinderserien verdingen müssen, um überleben zu können; dabei scheint es, dass Redakteur Christian Baudissain diese Lebenslinie just als PR-Gag für die bayerische Daily-Soap gedacht hat. 

Sympathisch an den beiden Künstlern ist, dass sie nicht mit Name-Dropping aufschneiden, mit wem sie schon alles gespielt oder gedreht hätten. Andererseits fällt auf, was wir schon lange vermuteten, dass sich solche Künstlerleben eben doch vor allem um eines drehen: um sich selbst.

Also etwas mehr nachhaken, nachbohren statt den Protagonisten einen roten Teppich auszurollen für anbiedernde Selbstdarstellung, das hätte schon sein dürfen, so bleibt die Sendung doch arg kaffeeklatschhaft. 

Frosch im Schnabel

Armut ist der Skandal. 

Auch ein Deutschlandbild. 

Dieser Film von Stefan Hillebrand in Zusammenarbeit mit Ana R. Fernandes und Torsten Truscheit ist ein Verstärker, ein Multiplikator der massiven Kritik, die Pfarrerin Ilka Sobottke in der Vesperkirch in Mannheim mit ihrem sozialen Engagement an der Sozialpolitik der Bundesregierung übt, indirekt auch an der Steuerpolitik der Bundesregierung, die die Reichen bevorzugt. Somit auch herbe, Kritik an den langjährigen Regierungsparteien SPD, CDU, CSU, die es mit ihren GroKos in diesem Lande haben so weit kommen lassen. 

Die engagierte Pfarrerin organisiert seit 1998 jedes Jahr im Januar bis Anfang Februar während vier Wochen jeden Tag ein Gratismittagessen für Bedürftige in der Vesperkirche. Darüber berichtet Stefan Hillebrand in seinem Film; vor der Kirche werden er und sein Team auch begrüsst. 

Manche zahlen einen Euro für das Mittagessen, manche sogar mehr, für viele ist ein Euro kaum aufzubringen. So nutzt die Pfarrerin den ungenutzten Kirchenraum mit einem Heer von freiwilligen Helfern für diese Mittagsmahlzeiten und der Ansturm ist enorm. 

Die Pfarrerin möchte damit nicht nur einen Ort der Begegnung für häufig einsame Menschen bereitstellen, sondern auch einen niederschwelligen Zugang zu weiteren Hilfsangeboten bieten, der Dokumentarist bevorzugt hierbei filmergiebige Sujets wie der Gratisfrisörbesuch mit bildhübschen Frisösen oder das Chorsingen inklusive vorausgehender Gymnastikübungen mit einer entzückenden Nachwuchsmusikerin, die die Begegnung mit diesen Menschen vom Rande der Gesellschaft für horizonterweiternd hält. 

Zwischen die Szenen von den Mittagessen, den Vorbereitungen, den Gesprächen, die sich ergeben, der Kleiderausgabe sind immer wieder Predigtausschnitte zu hören; unüberhörbar deutlich spricht die Pfarrerin über Armut, die Würde des Menschen vorm Hintergrund des Evangeliums. Und es wundert nicht, dass sie auf Widerspruch stößt von erfolgreichen Leistungsträgern. 

Der Zuschauer bekommt Einblick in die Leben vieler, auch vieler reflektierter Menschen, Einsamen, Armen, Gestrandeten, Geflüchteten, HartzIVlern, Leute mit kleinen Renten, notorischen Bettlern, einem Punk (Ex-Waldorfschüler), einem Mann, der sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt hat, einem jungen Mann, dem mit drei Jahren der erste Joint verabreicht worden ist und der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Tochter zu sehen, Single-Männern, die von einer Frau träumen, Kranken, Roma aus Rumänien, die mit Arbeitsversprechen gekommen sind, einer Künstlerin, Menschen die lange nicht alle selbstverschuldet am Rand der Gesellschaft leben.

Dies ist politisches Kino insofern, als es einen Teil bundesrepublikanischer Realität respektvoll und genau betrachtet, eine Lebenswelt, die nicht so ganz zum eleganten Berliner Politbetrieb und dessen floskelhaftem Sozialsprech passt. 

Ihr seid das Salz der Erde, Ihr seid das Licht der Welt. 

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Das ist die Bilderwelt des Jahrmarktes, schräg, schrill, allem Normalen abhold, durchgeknallt, übertrieben, großspurig gezeichnet, überzeichnet so wie die Protagonistin Harley Quinn (Margot Robbie) mit ihrer exzentrischen Bekeidung, der heftigen Schminke, der aufsässigen Frisur und der Mimik, die in etwa das Gegenteil von Diskretion bedeutet. 

Und so ist Quinns Verhalten in Gotham-City, denn als von Roman Sionis Begünstigte genießt sie Immunität, das heisst, sie kann tun was sie will, es hat keine negativen Konsequenzen, sie kann einen Tanklastwagen klauen und in eine Chemiefabrik rasen lassen, es passiert ihr nichts – und wir bekommen ein feines Feuerwerk. 

Quinn ist keine Kirchenmaus, sie ist jemand, der sich in die Mitte stellt, laut ist, der gesehen und wahrgenommen werden will und schon gar nicht beherrscht werden kann. Und wenn sie ein Sandwich vertilgt, so ist das eine leinwandfüllende Aktion. Extravaganz ist ihr Programm in diesem Film von Cathy Yan nach dem Drehbuch von Christina Hudson.

Klar, es gibt eine Geschichte, grob gesagt, aber das ist wirklich der dünnste Vorwand für diese malerisch-graffitihafte Bildwelt, die sich um aufregende Frauen dreht: es geht um einen Diamanten, hinter dem der Herrscher von Gotham City her ist und eine ganze Menge starker, schlägernder Frauen, das ist der Stoff, der die Bilder füllt, jede eine Persönlichkeit für sich, die Huntress (Mary Elizabeth Winstead), Black Canary (Jurnee Smoillett-Bell), die Polizistin Montoya (Rosie Perez), die Taschendiebin Cassandra (Ella Jay Basco): sie sind alle plötzlich mit Roman Sionis (Ewan McGregor) konfrontiert und liefern den Anlass für eine farbenbunte, hübsche, energievolle Actionbilderwelt mit einem endlosen Countdown und enorm viel händischer Action. 

Schönes Wort, schöne Beschreibung für ein Gesicht, es sei die Folge von „cosmetic vandalism“. Und das T-Shirt einer der Protagonistinnen erzählt: „I shaved my balls for this“.