Archiv der Kategorie: Review

Kammerspiele – Jammerspiele (BR, Dienstag, 19. Januar 2021, 22.50)

Die Kränkungen der Münchner

Diese dreiviertelstündige Doku von Chiara Grabmayr und Juno Meinecke mit dem Zusatztitel: „5 Jahre Münchner Kammerspiele mit Matthias Lilienthal“ bringt nicht die distanzierte Gesamtbetrachtung dieser Intendanz, auch nicht, was gar nicht möglich wäre, einen Ausblick auf die Folgen. 

Die Dokumentation bringt Einblicke in Produktionen der letzten Lilienthal-Saison und lässt die Münchner, die auf ihn so gekränkt reagiert haben, dass sie ihm eine Vertragsverlängerung verweigerten, nicht besonders gut aussehen.

Es war natürlich nicht Tout Munich gekränkt, es waren vermutlich eher Politiker, die sich aus ihrer kulturellen Komfortzone herausgerissen fühlten, die die Notbremse gezogen haben, nachdem einige Schauspieler publikumswirksam gekündigt hatten. Wobei die Münchner ja wussten, auf was sie sich mit Lilienthal eingelassen haben; der war kein unbeschriebenes Blatt. 

Lilienthal wollte Internationalisierung einerseits und Eintrag der Freien Szene andererseits in seinen melting Pot einbringen; er konterkarierte das künstlerische Hierarchie- und Prestige-Denken. Das stieß in München anfänglich auf heftige Ablehnung. An sich ist das nichts Neues, dass neue Impulse altes Publikum verschrecken und die Erfahrung zeigt, dass die anfängliche Ablehnung bald in heiße Liebe sich verwandeln kann, so wie auch hier. Aber da war es schon zu spät. 

Vielleicht war der Einstieg (das ist in der Doku nur kurz erwähnt) auf dem falschen Fuß erfolgt. Lilienthal hatte eine Aktion, die er früher schon in Mannheim gemacht hat, als Visitenkarte gewählt: an den luxuriöstesten Plätzen hatten Künstler Notunterkünfte hingestellt, in denen der Zuschauer gegen Entgelt eine Nacht verbringen konnte. Dummerweise kamen just zu der Zeit die ersten Züge mit Flüchtlingen (2015) im Hauptbahnhof München an, Lilienthal konnte nicht mehr reagieren und die Musik spielte am Hauptbahnhof. 

Grabmayer und Meinecke berichten erst von dem gigantischen Projekt im Olympiastadion, das fantastische Diskrepanzen zwischen Kunst und Massensport, Größe und Intimität, Kleinheit und Gigantismus in Dialog bringt, ein Projekt von einem japanischen Regisseur, das neugierig macht. 

Das schaffen die Dokumentaristen mit ihren Adabei-Berichten auch bei den anderen Stücken. Sie bringen Impressionen aus der Entwicklung und von Vorstellungen von „Die Räuberinnen“, es folgt eine akkurate Re-Inszenierung von „Mittelreich“, statt mit weißen mit schwarzhäutigen Darstellern. Als besonderer Gag wird ein Blick auf die Inszenierung von „Kränkung der Menschheit“ geworfen, indem eine Darstellerin sich als SZ-Kritiker, als Lilienthal, als Jurypräsident verkleidet und Statements der Originale vorträgt. 

Es scheint, dass Lilienthal erfolgreich Verkrustungen aufgebrochen hat, die Scholle umgeackert und nur ein paar Körnchen der Ernte einfahren konnte. Jetzt sind neue Leute am Werk. Die haben es nicht mehr mit gekränkten Münchnern zu tun, die sind von Corona herausgefordert. Vielleicht wird uns eine weitere Doku in einigen Jahren darüber aufklären, was schlimmer ist. 

Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

Feuchtdeutig.

Alice (Natalia Dyer) ist wunderschön, sie kann mit ihren großen Augen so schauen: entschlossen, skeptisch, entsetzt, zerknirscht, naiv, überrascht, irritiert, sinnlich-hungrig, finster, rachsüchtig, madonnenhaft unschuldig, wütend, zaudernd, unsicher, ängstlich, lammfromm. 

Alice ist in dem Alter, in dem der Sex drängt, aber die Erfahrung noch fehlt. Sie lebt in einer Zeit, in der es bereits Handys gibt und in der Computer noch ziemliche Ungetüme sind. Aber es gibt schon Sex-Chats und auf dem Handy das Schlangenspiel. 

Alice ist in dem Alter, in dem Wörter wie Sahne, Milch, Sauerrahm, feucht, Eichenteil nie ohne Doppeldeutigkeit sind, aber Alice ist noch so naiv, dass sie nicht wissen will, was „Sahne schlagen“ oder „jemandem die Sahne schlagen“ heißt – der Zuschauer erhält diese Info gleich zu Beginn des Filmes von Karen Maine, die diesen Begriffserläuterungen noch ein Wort aus der Offenbarung von Johannes voranstellt, in welchem es um die Ungläubigen, Greulichen, Totschläger, Hurer, Zauber, Abgöttischen und Lügner geht. Der Film spielt im katholischen Milieu und könnte Aufarbeitung der eigenen Adoleszenz der Autorin sein. 

Die Jugendlichen um Pfarrer Murphy (Timothy Simons) sollen das Erbauungswochenende ‚Kirkos‘ auf dem Lande verbringen. Die vier Tage werden als Mottotage vorgestellt. 

Es ist eine gemischte Gruppe junger Erwachsener. Gegen den Sex, die Sinnlichkeit und den Hunger darnach setzt die Regisseurin und Drehbuchautorin die strenge katholische Moral, Beichten, Selbstbekenntnisse in der Gruppe, die Moral vom Sex nur in der Ehe zwischen Mann und Frau und uralte, vertrocknete Schwestern, während der Pfarrer – zurecht, wie sich herausstellen soll – nicht ganz so sauber ist, wie er tut. 

Es gibt Blicke auf behaarte Männerarme, Blicke durch einen Türspalt auf den Pfarrer vor seinem Computer oder durch ein Fenster in den Garten hinter einen Baum. Es gibt die Handygeschichte und die Strafe dafür sowie andere Intrigen. Am Schluss holen die Eltern die Kids aus dem Besinnungswochenende wieder ab. Angereist sind sie mit einem dieser wunderschönen, filmklassischen, gelben, amerikanischen Schulbusse. 

Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

Vento Seco (VoD und DVD)

Sandro Karnas 

(Leandro Faria Lelo) ist Arbeiter in einer Düngemittelfabrik irgendwo in brasilianischem Niemandsland. Er ist schwul, aber nicht geoutet, entspricht nicht den queeren Schönheitsidealen, keineswegs, er ist schon etwas älter, rundlich, alles andere als markant; aber Männer ziehen seine Augen magisch an; er führt ein verborgenes Schwulenleben, unauffällig. 

Der Film von Daniel Nolasco zeigt im Schwimmbad gleich, was sein Thema ist, was ihn fasziniert. Aber er organisiert es nicht als Film für Voyeure, sondern als Themenfilm in Form eines Porträts von Sandro. 

Nolasco beschreibt Sandros profanes, glanzloses Arbeiterleben. Die Fabrik an einer Autobahnausfahrt mit einem Kreisel vorm Parkplatz. Viele Szenen spielen dort, symbolisieren den ewigen Kreislauf der Routine, zur Arbeit kommen, dann wieder wegfahren. Das thematisitert die Kollegin Paula (Renata Carvalho) in einem Gespräch mit Sandro. 

Paula ist gewerkschaftlich engagiert, versucht die Arbeitskollegen zu aktivieren gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Sie platzt immer wieder in Sandros Abschweifungen und Träumereien, stört die Augenkreise seiner ungestillten Sehnsucht. In diesem Suchen erzeugt Sandro Empathie. 

Die Eingangsszene spielt in einem Schwimmbad; die Kamera weiß, wohin sie sich zu fokussieren hat; ein beengter Horizont, sicher, aber auch ein eindeutiger; es sind die Blicke von Sandro, besonders, wenn es nach dem Schwimmen mit lauter nackten Männern unter die Dusche geht. 

Sandros Leben wird als zwiegespalten geschildert. Es ist das Arbeiterleben, das sind Gespräche mit Kollegen, die Fahrt zum Job, das Parken des Autos aber auch Einkaufen; gerade hier kommt es immer wieder zu Begegnungen. 

Real dürften auch die diskreten Treffen mit Kollegen Ricardo (Allan Jacinto Santana) sein; es sind dies Verabredungen in einem Eukalyptus-Wald; heiße Sextreffen und ungehemmt. 

Es gibt aber auch die Traumwelt von Sandro; die ist erotisch sowohl in der filmischen Farbgebung der eindeutigen Schwulen-Szenerie und dazu musikalisch aufgepumpt; es sind die Bilder von Sado-Maso-Welten, Lack, Leder, Stiefel, Leine. Hier wird der Film hard-core, weshalb er als „nicht jugendfrei“ prädiziert ist. 

Nolasco beschreibt recht realistisch diese Gay-Zwischenwelt, die immer auch im Arbeitsalltag, zu dem ebenso eine Geburtstagsparty oder der Ausflug zu einem Festival gehören, aufblitzt, präsent ist und sich kaum zurückhalten kann. Und, bei aller Losheit der Beziehung zu Ricardo, ist Eifersucht nicht weit, Beziehungsclinch in der Nichtbeziehung – und dauernd ungestilltes Sehnen.

Alltagsdroge Crystal Meth (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.50 Uhr)

Rumhupfdoku.

Ein bißchen Beifang aus einem niederländischen Hafen, etwas Autobahn aus Deutschland, Beifang aus Nürnberg, von der tschechischen Grenze, Nahaufnahmen von Händen (Erinnerung an Albrecht Dürer, da Nürnberg in dieser konzeptlosen Doku von Annika Hoch, Christian Gramstadt und Danko Handrick eine gewisse Rolle spielt?) und da ein Statement von einem Kripo-Menschen und dort ein Statement von einem holländischen Drogenfahnder, der die Gefahr des Einmarsches mexikanischer Drogenkartelle an die Wand malt, und dort ein Statement von einer Frau, die auf einer Suchtklinik für Mütter arbeitet, und ein Statement von einem Helfer aus Passau und Bla und Bla und dies und das und dort eine kleine Info, wie leicht Chrystal Meth herzustellen sei und dass die Holländer den Tschechen den Rang ablaufen und Chemiker, die aus dem Abwasser einer Stadt auf den Crystal-Verbrauch schließen können (falls denn die Süchtigen ihr Wasser nicht irgendwo im Park oder im Wald lassen) und wieder Beifang von Autobahn und Beifang von Hausdach und Beifang von Passau und ein kleiner Seitenhieb auf die Politik, die sich vor allem für Hasch interessiere, und eine Selbsthilfegruppe an einem langen Tisch mit Selbsthilfe-Branding-T-Shirts und Kuddel und Muddel und ein Psychiater sagt was; eine Doku, die garantiert nicht preiswürdig ist, die eher neugierig auf das Rauschmittel macht als davon abhält, eine Planlos-Doku mit Reisebudget und einer Kamera, die nicht berauscht, aber ebensowenig berauschend ist, und Dunkelziffern spielen eine Rolle und Zeugen, die nicht erkannt werden wollen, und Spekulationen und nirgend ein stringenter Doku-Story-Faden, eine Allerweltsdoku, eine Rumhupf-Doku, eine Schwatz-Doku, die ihren Platz in der Gesellschaft noch finden muss, vielleicht in einer Doku-Selbsthilfegruppe für desorientierte Dokumentaristen, eine Doku, die der Behauptung, Chrystal- Meth sei kein Top-Thema, fettgedruckt recht gibt, und die mit Zahlen, die wie aus der Luft gegriffen wirken, um sich wirft, eine Doku, die auch mal abschweift auf einen schönen Eisenbrückenbogen, eine Doku, die nicht klar machen kann, warum sie mit Zwangsgebührengeldern finanziert werden muss.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. 

Lebenslinien: Einsatz in den Bergen (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.00 Uhr und ab Donnerstag, 7. Januar in der Mediathek)

Spanggangerl.

Wast Pertl, der Protagonist der Lebenslinien von Georg Antretter, war nach eigenen Worten als Junge ein Spanggangerl (hoffentlich richtig verstanden); so etwas wie ein Kaspar, ein Klassenclown. Hinter solchen steckt gerne Traurigkeit. Die liegt bei Pertl in der Kindheit auf dem elterlichen Hof begründet. 

Nachkriegszeit. Alles musste arbeiten, auch auswärts. Der kleine Pertl blieb tagelang in seinem Laufgatter sich selbst überlassen. Die alte Mutter erzählt heute noch, dass er jedoch immer munter gewesen sei. Er selbst konstatiert inzwischen Defizite, kaum Beschäftigung der Eltern mit ihm, kaum Liebkosungen, kaum Herzlichkeit. 

Bei der Bergwacht hat er mit dem Heranwachsen den menschlichen Kontakt gefunden, Heimat, das, was er vermisst hatte. Und gute Freunde. Später eine etwas ältere Krankenschwester, inzwischen seine Frau und die Mutter seiner Kinder. 

Diese Lebenslinien von Georg Antretter faszinieren durch die Persönlichkeit des Protagonisten. Das ist vielleicht das erste Geheimnis beim Format „Lebenslinien“, wenn es gelingt, eindrucksvolle Protagonisten zu finden, die nicht kamerageil sind, die aber vor der Kamera eine Natürlichkeit bewahren. 

Wie peinlich Lebenslinien sein können, wenn hauptamtliche Promis die Sendung als Werbezeit für sich als Markenbotschafter nutzen, da bleibt unübertroffen der Beitrag über Rosi Mittermaier und Christian Neureuther oder der PR-Film aus einem anderen Format (‚Kreuzer trifft‘) über Magdalena Neuner. Dass Gebührenzahler dafür zur Kasse gebeten werden, ist nicht nachvollziehbar, ja geradezu abstrus. 

Das zweite Geheimnis überzeugender „Lebenslinien“ betrifft den Dokumentaristen, den Menschen hinter der Kamera, der es schaffen muss, den oder die Porträtierte vor der Kamera glaubwürdig und persönlich erscheinen zu lassen. Auch das gelingt hier exzellent. 

Pertl ist ein bedächtiger Mensch. In dem, was er tut, ist er kreativ, lösungsorientiert, wie man das im modernen Businesssprech nennen würde. Von einem Tag auf den anderen musste er den Hof seines Vater übernehmen, ohne je gebauert zu haben. Beim Notar unterschrieb er etwas, von dem er keine Ahnung hatte, weil man das halt so macht. – Bald ist er im Tal der erste Ökolandwirt. Das wären Erfolgsmeldungen, die aber nicht als solche ausgeschlachtet, eher mit heimlichem Stolz erwähnt werden. 

Andererseits gibt es Unfälle, traumatische Erlebnisse. Der Einsturz des Eishallendaches in Bad Reichnhall. Hier wird er als Retter dazugerufen. Das verändert, traumatisiert ihn. Für ihn ist es ein gewaltiger Schritt, deshalb den Rat einer Psychologin zu suchen. Auch sie kommt hier vor. 

Antretter hat, was diese Lebenslinien noch mehr vom Durchschnitt abhebt, den Film mit einem leicht jazzigen Sound unterlegt. Das bringt diese Lebenslinien zum Schweben. Hinzu kommt der Sound ein wunderbar natürlich gewachsener Dialekt, nicht irgend so eine gecoachtes Schauspieler-Bayerisch. 

Über 30 Jahre Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort (BR, Dienstag, 29. Dezember 2020, 22.00 Uhr)

Hauspostille. 

Die zwei Kommissare Batic und Leitmayr, die sind echt ein Phänomen, nicht jetzt künstlerisch gesprochen, sondern in der viel schwierigeren Kunst, sich im Fernsehen zu halten. Und haben sich gehalten und halten sich und halten sich und wenn sie nicht gestorben sind, dann halten sie sich immer noch. 

Wenn eine Regisseurin wie Pia Strietmann einen kammerspielhaft intensiven Tatort mit den beiden macht, dann „darf“ sie im selben Jahr nochmal einen drehen, das ist BR-Redaktionssprech und das ist auch eine der wenigen Stellen, die etwas von dem offenbart, wie hier Politik gemacht wird, nämlich nicht mit Wettbewerb, sondern mit Gunsterweis, weil Frau Strietmann einen Tatort nach dem Gusto der Redakteurin gedreht hat („gefühlig“ meinte stefe) „darf“ sie gleich noch einen drehen, so die entscheidende Stephanie Heckner; das erinnert stefe an Kindergartentantengeschwurbel (wer schön brav ist, darf nochmal); grad modernes Rundfunkmanagement ist das nicht; das hat mit einem offenen Wettbewerb der Besten nichts zu tun und also nichts mit einer Qualitätsoptimierung, was mir höchst problematisch erscheint angesichts des Spardruckes beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und dass dessen Programm, wie der scheidende Intendant des BR, Ulrich Wilhelm, im Sommer zu sagen pflegte, selbst falls die Zwangsgebührenerhöhung kommen sollte, immer schlechter wird mit weniger Drehtagen und mit mehr Wiederholungen. 

Von diesen Subtilitäten des öffentlich-rechtliche Rundfunkes als einer Machtinstitution, in der weisungsgebundene Redakteure viel Macht im Ungang mit Zwangsgebührengeld haben, ist in dieser Hauspostille des BR zur Selbstbebauchpinselung des Erfolgspaares sonst kaum was zu erfahren. 

Bestenfalls noch, dass damals vor dreißig Jahren die Erfinderin in der Redaktion zwei junge fesche Männer wollte; ob da allerdings weit herum ein offenes Casting stattgefunden hat, oder ob man sich lieber auf Bekanntes verlassen hat, wird nicht erwähnt. 

Egal, die Paarung hat sich als Glücksall erwiesen, siehe oben, sie haben offenbar nie einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche verprellt, haben die Autoren offenbar – so weit geht der Mischmaschfilm von Heiko Rauber aus Statements und Tatort-Ausschnitten allerdings nicht -, zu tauglichen und quotenakzeptablen Drehbüchern inspiriert. 

Wobei die wirklich großen, filmisch großen Momente an weniger als einer Hand abzuzählen sind, Momente, die geblieben sind. Andere kommen einem, wenn man sie wieder sieht, bekannt vor, aber eben: Fernsehware im oberen Niveausegment und mehr auch nicht. 

Konzediert sei dem Tatort im Allgemeinen, durch seine verlässliche Sendeposition am Sonntagabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eine Art gesellschaftlicher Diskurs-Position einzunehmen: es wird weit, auch oft im Vorfeld, darüber berichtet, es wird sich auch oft am Arbeitsplatz darüber unterhalten, da sich die Praxis der Themenorientiertheit etabliert hat (siehe weiter unten Dominik Graf), also der Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen, was jahrzehntelang auch die Lindenstraße geleistet hat – und was ein Riesenunterschied zu den häufig gehypten Bezahl-Streaming-Diensten ist, die solches nie und nimmer leisten können.

Einen schmalen Einblick gibt es auch mit der Bemerkung von Dominik Graf, einem der Lieblingsregisseure der Redaktion, dass zu Beginn diese Kommissare noch diese selbst im Zentrum standen, während sich dann die Redaktionspolitik in Richtung Themen-Tatort entwickelt habe, also zu Filmen, die ein soziales, brennendes oder politisches Thema in den Mittelpunkt stellen. 

Diese Themenzentriertheit der Drehbücher, und da muss der geneigte Zuschauer selber weiterdenken, führte leider auch dazu, das deutsche Kino endgültig in die Bedeutungslosigkeit zu drängen, da kaum ein Kinofilm ohne Fernsehbeteiligung zustande kommt, also ohne den Einfluss von weisungsgebundenen Redakeuren, die dem Fernsehpublikum immer etwas erklären wollen, was im Kino leider fatal sich auswirkt, besonders, wenn Autoren um ein Thema herum Menschen erfinden, die eher aus Pappe als aus Fleisch und Blut und einer Individualhistorie bestehen. 

Einen weiteren Rezeptpunkt verrät die aktuelle Redakteurin von ihrem Hochhausbüro am Münchner Hauptbahnhof aus: dass die Filme immer auch etwas über München erzählen sollen. Omas Plätzchen mit anmächeligem Ortskolorit. 

Nebenbei gibt so ein Film auch bekannt, wer zu den bei der Redaktion beliebten Regisseuren und Darstellern gehört; gegenteiligenfalls, würden sie in so einer Blabla-Clip-Konglomerat-PR-Dokumentation sicher nicht aufgenommen. Es ist ein kleines, bescheidenes Eigenwerbungsfilmchen geworden, ohne tiefere oder neuere Einsichten; grad Schauspieler sollte man nicht über ihre Rollen plappern lassen.

Und noch ein Gedanke zu den zwei untödigen TV-Kommissaren: vielleicht ist es ja diese schicksalshafte Fessel der beiden und dass niemand auf die Idee käme, sie als Superschauspieler zu bezeichnen, diese Alltagsgewöhnlichkeit, dieses Fehlen jeglicher Aufsäßigkeit, was die beiden so erträglich für jegliche Redaktion macht, dieser Berufsfatalismus aus der Erkenntnis heraus, dass man es auch hätte bedeutend schlechter treffen können. 

Tatort: Animals (1991) (BR, Dienstag, 29. Dezember 2020, 20.15 Uhr)

Zwei Barockengel.

Eigentlich wollten die Macher dieses Tatortes, Max Ziehlmann und Veith von Fürstenberg als Autoren und Walter Bannert als Regisseur, das Frauenbild der 90er Jahre entwerfen, wie es im Text einmal heißt, wobei just dieses Frauenbild ziemlich hollywoodlike altbacken wirkt. 

Sicher nicht erwartet hätte der BR, dass er mit dieser Kommissarspaarung einen Dauerbrenner über 30 Jahre schaffen würde, ein schwer wegdenkbares Möbelstück aus der Serie, wobei … würden wir sie wirklich vermissen?

Gedreht wurde schon 1990, wie im Abspann zu lesen ist. Waren das noch Zeiten mit D-Mark, Monstren von Computern, immerhin schon bei der Polizei eingesetzt, es gab noch Schrottautos, auf die man auch mal stieg, um in fremdes Terrain (ein Tierversuchslabor) einzusteigen, andererseits war das Product-Placement für den BMW des Dienstwagens perfekt und offenbar für niemand ein Thema. 

Waren das noch Zeiten mit Kommissaren mit barocken Lockenköpfen und in wehenden Anzügen. Sie straucheln, purzeln schier, einen Abhang runter, werfen sich Autoschlüssel zu, naschen in fremden Pralinen-Tellern, ja sie offerieren einem alkoholabhängigen Untersuchungsgefangenen Schnaps, verhelfen einem Delinquenten zu einem Schuss oder der Porsche des Kommissars muss angeschoben werden. 

Fotos von Kontaktbögen werden bei Rotlicht im Labor entwickelt. Es scheint, dass man hier noch viel sorgloser Tatorte produziert hat, dass man noch nicht unter diesem Konkurrenzdruck von Dutzenden Mitbewerbern stand, dass der Spaß am Filmischen wichtiger war, siehe die Countdown-Szene auf dem Lande, als dass zu viel skrupulöser Wert auf Recherche und Genauigkeit gelegt wurde, die meist zu Lasten des Sehvergnügens gehen. 

Und keck engagiert ist der Film im Sinne der Tiervesuchsgegner, in dessen Milieu er spielt, mit Doku-Aufnahmen von gequälten Tieren. Damit dürfte der Tatort damals bestimmt Furore gemacht haben. Harte Kost. 

Unbefangen, sorglos; heute muss alles abgesichert werden. Zwischendrin gibt’s rein symbolhaft ein paar halbierte Orangen und ein Metzgermesser dazwischen. 

Das heimliche Traumidol der Kommiassare ist das Aquarium, auf dem steht ‚Adria‘. 

Merkwürdige Chemie zwischen diesen beiden Kommissaren, von Anfang an, hier zeigen beide noch mit demonstrativer Spelastik, dass sie spielen, inzwischen schieben sie ihren Dienst, wobei Batic das Bedürfnis nach emotionalen Ausbrüchen nach wie vor nicht unterdrücken kann; irgendwie wiegt Leitmayr dessen Dominanzgebaren auf, gleicht es aus, fängt es auf wie die schluckende Ehefrau. Es scheint auch heute noch nicht so, dass die beiden dickste Freunde sein könnten; andererseits bilden sie ein schönes Beispiel für Verträglichkeit, was sich zwischenheitlich in einem harmonischen, sich wie von selbst entwickelt habenden Pas-de-Deux ausdrückte. 

Signifikant für das Kommissarenpaar, dass ich mir persönlich partout die Namen nicht merken kann, und zwar sowohl Gesicht zu Namen, als auch Namen zu Rollennamen, das muss ich mir jedes Mal neu zurechtlegen. Vielleicht liegt in dieser merkwürdigen Nichtprägnanz eines der ganz großen Geheimnisse dieses Erfolgs-Casts. 

Farewell Amor (MUBI)

Streamingversuch

Eine Kollegin hat mir wieder von MUBI einen Link zu einem kostenlosen Screening geschickt. Das hat bei Ganze Tage zusammen schon mal wunderbar funktioniert. Das war ein sehenswerter Kurzfilm über die Mamre-Patmo-Schule der Bodelschwinghschen Anstalten. Der einzige Nachteil war, dass stefe daraufhin massiv bombardiert worden ist mit Werbemails von MUBI, das war aber auch mit einem Klick wieder abzustellen.

Diesmal gab es einen Langfilm, einen Debütfilm. Derjenige von Ekwa Msangi. Es scheint, dass die Grundlage dafür ihr Kurzfilm ähnlichen (portugiesischen) Titels war: Farewell Meu Amor. Zwei der Figuren tauchen auch hier schon auf: Walter und Linda. 

Im jetzigen Langfilm ist Walter (exzellenter Cast: Ntare Guma Mbaho Mwine) Taxifahrer in New York. Vor 17 Jahren hat er Angola nach dem Bürgerkrieg verlassen, um hier eine Existenz mit Zukunft für die Familie aufzubauen. Er konnte aber ohne Liebe nicht sein. Linda ( Nana Mensah), eine Krankenschwester gab sie ihm und er erwiderte sie. Walters Frau Esther (Zainab Jah), eine gläubige und sicher auch gutgläubige Christin, weiß davon nichts und denkt nicht im geringsten an die Möglichkeit. 

Der Film fängt damit an, dass Walters Frau und Tochter Sylvia (Jayme Lawson) im J.F.K-Airport in New York ankommen für das erträumte gute Leben. Wiedersehen nach 17 Jahren. 

Regisseurin Ekwa Msangi beherrscht die Kunst, eine erfundene Geschichte so zu erzählen, dass man glaubt, sie sei wahr, indem sie Schritt für Schritt der Handlungsentwicklung folgt und dem Zuschauer die wichtigsten Informationen bietet, ohne auf Elementares zu verzichten. Es ist zu verfolgen, wie die Lügen im Leben der verschiedenen Menschen ihren Weg gehen. Sie beschreibt das mit fast boshafter Genauigkeit. 

Sylvia soll in New York studieren. Sie hat aber Tanz im Kopf. Mutter soll das nicht mitbekommen. Mit der Begegnung mit DJ (Marcus Scribner) bahnt sich eine klassische Liebesgeschichte an und mit der Einladung „Dance Cypher“ rückt für Sylvia der Traum vom Tanzen näher. 

Es ist ein Film, wie er hier bei uns vermutlich am ehesten auf Festivals zu sehen sein dürfte, den also der Kinogänger normalerweise nicht zu Gesicht bekommt; insofern eine Besonderheit. Er hatte seine Premiere in Sundance, was eine Auszeichnung für sich ist. 

Das Problem für mich beim Screening war möglicherweise mein alter Rechner, vielleicht war er mit der Datenmenge, die MUBI in seine Filme steckt, überfordert, jedenfalls wurde die Sichtung immer ruckliger, der Film blieb immer öfter stehen; aber was ich gesehen habe, reicht durchaus für einen hervorragenden Eindruck eines sehenswerten Filmes. Vor dem Film macht die Regisseurin eine kleine Anmoderation und weist daraufhin, dass nach dem Film noch darüber diskutiert wird. 

Lebenslinien: Willy Bogner – Durch Feuer und Eis (BR, Montag, 21. Dezember 2020, 22.00 Uhr)

Der Welt ein Lächeln schenken,

das ist einer der Grundsätze von Willy Bogner, die ihn selbst als bescheiden und wenig egomanisch charakterisieren, ihn den frühen Skistar, aufregenden Sportfilmer, erfolgreichen Geschäftsmann. 

Reiner Holzemer zeigt mit diesem Film, dass durchaus ansprechende und sympathische Lebenslinien mit Promis gemacht werden können.

Bogner ist Bogner. Er meint, wichtiger im Sport sei das Verlierenlernen und nicht das Siegen. Das konnte er in seinem Leben, das von harten Schicksalsschlägen getroffen wurde, bestens anwenden; wenn dann zum Schicksalsschlag, zB Tod seines Adoptivsohnes, noch der Shitstorm der Medien dazu kommt. 

Holzemer muss nicht mit Bogner die Lebenslinien-Pflichtübungen des Besuches von früheren Wohn- und Schulhäusern absolvieren. Bogners Leben ist ab dem 18. Lebensjahr, dem Sieg beim Lauberhornrennen, geprägt von Höhepunkten, wie nur wenige sie erleben, aber genau so von Tiefpunkten, geschäftlich wie privat, dass eine dreiviertel Stunde nicht reicht, um alles anzuführen. 

Holzemer findet eine gute Mischung aus Statements von wenigen, ausgewählten Freunden und Geschäftspartnern von Bogner, aus Sensationsarchivmaterial und eigens für die Sendung aufgenommenen Interviews zum Leben dieses Sportstars, Skifilmemachers, Modemachers, Schöpfers von Musik-Sport-Mode-Filmen. 

Bogner erzählt rückblickend und immer noch gerührt und fast ungläubig, dass er wegen seiner Film-Sportbegeiterung (und wohl auch Waghalsigkeit) für James-Bond-Filme gebucht wurde für Action-Szenen, ja dass er selber sogar solchene geschrieben hat und wie bei der Premiere in New York just nach dieser Eröffnungsequenz spontan Applaus im Publikum aufbrandete, was doch ein seltenes Phänomen sei, Applaus während eines Screenings. 

Der Film zeigt auch, dass es wohl sehr am Protagonisten von Lebenslinien liegt, dass sie zur persönlichen Begegnung werden und nicht zur drögen PR-Veranstaltung verkommen.