Leinwandstar wider Willen
Hier rückt einer ins Zentrum des Interesses eines Filmes, dem das so gar nicht recht zu sein scheint; dessen andere Seele ihm zu raten scheint, es zuzulassen, um der Sache willen.
Diese Sache ist das Kino, dem er sich seit Jahrzehnten mit Leib und Seele und wohl auch mit Geschäftssinn verschrieben hat in multipler Funktion als Produzent, Regisseur, Filmverleiher und Kinobetreiber.
Goggo Gensch hätte seinen Film also gut und gern mit „Stefan Paul“ oder „Der große Stefan Paul“ oder „Der Multikinomensch Stefan Paul“ oder ähnlich betiteln, einen schlagkräftigen, sensationsheischerischen Titel nehmen können. Aber nein, da war wohl der Protagonist davor, ist er ist doch gleichzeitig der Verleiher des Filmes.
Sichtbar werden und gleichzeitig unsichtbar bleiben. Darum vielleicht auch der sperrige Titel des Filmes; um nicht nach Verkaufsschlagerambition zu riechen. Darum vielleicht auch das ganz biedere Talking-Heads/Archivfootage-Format des Filmes, um ja nicht aufzufallen, um ja keinen unnötigen Rabbatz um die Person zu machen.
Dabei sind diese Aussagen und die Filmausschnitte spannend und anregend. Es geht nicht nur um die Geschichte der Programmkinos in der Bundesrepublik der letzten 50-Jahre, in der der Protagonist ein wesentlicher und inspirierender Akteur war, es geht vor allem um die Zukunft und die Wichtigkeit dieser Institutionen.
Es geht um kulturelle Vielfalt gegen jede Art von monopolistischer Einheitskultur. Es geht um Substrate für die Kreativität der nächsten Generationen. Es geht um Orte, wo die Menschen Anregung holen können, wo sie konzentriert ohne diese Wisch-und-Weg der Handys einen Film einsaugen, aufnehmen können. Es geht um Orte der Begegnung, des Austausches.
Man kann sogar weitergehen, es geht um elementare Fermente in einer Demokratie, wenn das so im Film auch nicht gesagt wird, weshalb aber diese Körnchen des Plualismus so wichtig sind, ihre Freiheit in der Programmgestaltung. Wenn das auch heute nicht mehr diese Art Aufreger sind, wie in den Gründungszeiten als das amerikanische Independent-Kino noch Kultstatus hat, als ein Bob Marley Kultstatus hatte, als es das Underground-Kino gab, als es einen Film über Bob Marley gab (hier war der Protagonist ein wesentlicher Vermittler für Deutschland).
Auch wenn die Bildweltkultur heute eine ganz andere ist mit den Social Media und den Smartphones, wo jeder seine Bilderstrecke schießen und verbreiten kann, scheinen die Programmkinos, von arthouse-Kinos ist hier nie die Rede, zur Zeit keine allzu großen Identitätsprobleme zu haben; sie scheinen ihre Rolle in der Internetwelt vorerst gefunden zu haben. Bestimmt auch dank eines Wirkmenschen wie Stefan Paul.
Der Anlass für diesen Film ist das Ende des Kinos Arsenal in Tübingen. Das musste nach 50 Jahren schließen, weil der Gebäudekomplex abgerissen wird und weil die Stadt Tübingen, was sie in Betracht gezogen hat, mit potenteren Käufern nicht mithalten konnte. Das ist der wehmütige Teil der Doku, der über die letzten Tage diese weit über Tübingen hinaus berühmten Kinos berichtet.
Das Fazit des Filmes, das man aus ihm ziehen kann, aber ist, es gibt eine Zukunft für die Programmkinos, die hat schon begonnen und die sieht nicht düster aus; größtes Problem scheint das zu sein, wie beim Arsenal, wenn die Kinos zur Miete sind und die Häuser verkauft oder abgerissen oder renoviert werden. Da geht so einem Kino dann schnell mal die finanzielle Luft aus, erst recht, wenn es nur einen Saal zu bespielen hat. Allerdings wäre es auch interessant, etwas mehr über den Arsenal-Verleih zu erfahren, über das Geschäftliche; da wird im Film diskret darüber hinweggegangen.
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