Skurriles Biotop
Der Film von Grégory Magne ist eine feine Etüde in der Betrachtung des Künstlertums im klassischen Musikermilieu als eines liebenswürdig skurillen Biotopes. Eine Milieustudie.
Ein Quartett aus lauter egomanischen Solisten klassischer Streichinstrumente soll aufgrund des Wunsches eines Mäzens zusammengebracht werden und ein Auftragswerk des Komponisten Charlie Beaumont (Frédéric Pierrot) in einer bestimmten gotischen Kirche in Frankreich zur Aufführung bringen.
Die Idee des Stifters der Foundation Carlson war, vier Instrumente von Stradivari, alle im Millionenwert, zusammenzubringen für ein Konzert. Die den Wunsch ausführen soll, ist Astrid Carlson (Valérie Donzelli), die Tochter und mit ihrem Bruder Arthur (Nicolas Bridet), die Erbin.
Valérie Donzelli spielt wunderbar diese reiche Frau, die was Gutes tun will, die ein kulturelles Glanzstück vollbringen will. Man denkt an die Tochter von Liliane Bettencourt, an Francoise-Bettencourt Meyers, und an den Film Die reichste Frau der Welt. Ständig ist sie besorgt und auf Draht, damit das Projekt, für das sechs Tage zur Verfügung stehen, auch gelingen möge.
Auf Französisch heißt der Film: Les Musiciens. Die Musiker, das ist auch das Thema. Wie so einen Zickenhaufen namhafter und gefeierter Solisten zum Teamwork zusammenbekommen?
Vorher noch muss eine Violine auf einer Auktion zur Vervollständigung des Quartetts an Instrumenten ersteigert werden.
Die vier Egomanen, das sind die Cellistin Lise Carvalho (Marie Vialle), die auf gar keinen Fall mehr mit dem blinden Violinisten Peter Nicoloescu zusammenspielen möchte. Die beiden haben eine Vergangenheit. Der Superviolinist George Massaro (Mathieu Spinosi), ein eitler Aktionist, der nur sich und nur sich und nur sich sieht und der glaubt, immer recht zu haben und den Ton angeben zu müssen. Und schließlich ist da noch die von allen scheel beäugte Quereinsteigerin und Social-Networkerin Apolline Dessartre (Emma Ravier) an der Bratsche.
Es fängt nicht gut an und das Auftragswerk des Komponisten kennt niemand. Erst wie die Gönnerin den Komponisten persönlich auffährt, da sind schon zwei oder drei Probentage vorbei, kommt Struktur in den Probenprozess.
Der Film schildert mit Sympathie für die Künstler deren Macken und Kindereien, der Spezialwünsche und den mühsamen Prozess über allerlei Hindernisse bis zur beinah zertrümmerten Stradivari-Geige des Zusammenwachsens zum echten Quartett, das so gut sei, wie der Komponist meint, weil vier Instrumente mit leichten Fehlern ein Ganzes ergeben. Er bringt den Musikern bei, sich gegenseitig zuzuhören, er bemüht das Bild vom Vogelschwarm, der als Ganzes plötzliche Wendungen vollzieht.
Es ist also kein Film, der einen Konkurrenzkampf bis auf Blut vorführt; es ist ein Film, der für Insider des Geschäftes ergiebiger sein mag als für Außenstehende. Er lebt von kleinen Beobachtungen und Sonderbarkeiten. Einmal ist zu sehen wie der Superviolinist, Kleinigkeit, seine Hose hochzieht, oder die Story zwischen ihm und der Social-Media-Kollegin, oder wie der Komponist über seine Partitur gebeugt die Zigarette vergisst, die er in der Hand hat und ein Aschenhäufchen fällt drauf.
Es ist ein Film, der den Figuren genügend Eigenleben lässt, um sie als Indivduen zu zeichnen, die aber nicht in einer bitterbösen Auseinandersetzung zueinander stehen, eher in einer gut abgefederten Konkurrenzsituation, diese dann doch professionell überspielen, zum je eigenen Nutzen.
Dann wieder ein Bild wie aus einem wilden Krimi, wenn das Quattro mit je eigenen schwarzen Limousinen im Konvoi zum Aufführungsort gefahren wird, nicht wegen der Zickenhaftigkeit der Künstler, sondern aus Sorge um die Instrumente. Oder die Whirpoolstory, sprudel, sprudel …
Skurriles Biotop Der Film von Grégory Magne ist eine feine Etüde in der Betrachtung des Künstlertums im klassischen Musikermilieu als eines liebenswürdig skurillen Biotopes. Eine Milieustudie. Ein Quartett aus lauter...