Archiv für die Kategorie: “Review”

Einst hat die chemische Intelligenz Amerikas (Agent Orange) halb Vietnam vernichtet, jetzt schlägt Vietnam mit KI, künstlicher Intelligenz, zurück. Denn dort werden die lernenden und sprechenden Puppen, die Buddies, von der amerikanischen Kaslan Corporation hergestellt.

Ein frustrierter Arbeiter allerdings möchte seinem Arbeitgeber eins auswischen, er entfernt aus einer für den Export bestimmten Puppe die Sicherungsapparatur, sie wird jetzt grenzenlos und ohne jede Kindersicherung lernfähig. Das wird Folgen haben.

Der Film von Lars Klevberg nach dem Drehbuch von Tyler Burton Smith nach den Charakteren von Don Manchini schwenkt jetzt in die USA, in die Provinz, einen ZED-Supermarkt, ein Wohnhochhaus für sozial Randständige. Hier wohnt die Supermarktverkäuferin Karen (Aubrey Plaza) mit ihrem Buben Andy (Gabriel Baterman).

Im Supermarkt bekommt Karen es mit einem verärgerten Kunden zu tun, der so eine Buddy-Puppe zurückgibt. Sie hat die geniale Idee, diese als verfrühtes Geburtstagsgeschenk ihrem Buben zu schenken. Es ist die bestimmte Puppe.

Den Buben schickt Karen gerne vors Haus, öder Platz, zum (Video)Spielen, wenn sie mit ihrem Liebhaber Henry (Tim Matheson) zugange ist. Auf demselben Flur wohnt Detective Mike (Brian Tyree Henry) mit seiner Frau.

Andy hat eine Gruppe von Freunden. Seine Puppe nennt er Chucky. Sie ist charakterisiert als übliches Puppengesicht, allderings ist die schiefe Mundlinie bemerkenswert und nicht direkt vertrauenerweckend, während der naive Ringelpullover kindliche Harmlosigkeit ausstrahlt.

Es gibt in den Kellerräumen noch den dubiosen Hausmeister Gabe (Trent Redekop), der sich dort ein merkwürdiges Labor eingerichtet hat, der den durch den Schacht geworfenen Müll durchsucht und das Haus mit vielen Kameras überwacht.

Alle diese Figuren sind als pralles, saftiges Leben geschildert, mit aus der Horrorperspektive leicht überhöhter Vitalität. Das wiederum verleiht der Geschichte Glaubwürdigkeit genau so wie die uns immer mehr tangierende Idee vom Netz der Dinge, wie alles miteinander verbunden sei. Denn auch das wird Chucky bald kapieren.

Wie Chucky lernt und selbständig wird und daraus resultierend gefährliche Eigeninitiativen entwickelt, das schildert Klevberg realistisch step by step und nicht ohne funky Fun an den ersten Unheilen, die Chucky anrichtet und wie die Kinder diese zu vertuschen suchen.

Nach und nach allerdings scheint Chuckys Selbstständigkeit so weit zu gehen, dass jegliche Regie von außerhalb die Zügel entgleiten und die Katastrophen Eigenleben bis zur Selbstermattung entwickeln. Da wird es Zeit, dass der Vertrauen erregende Werbemann von Kaslan Corporation die nächste Generation Buddies bewirbt.

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Wem kann man da noch trauen?

Um den Glauben ans Vertrauen in den Menschen mittels Agenten-Killer-Thriller zu erschüttern, greift Luc Besson in diesem seinem Film auf das Beispiel der russischen Matrjoschka zurück. Bei jedem Öffnen kommt eine neue – identische, aber kleinere – Matrjoschka zum Vorschein, oder wie das Schälen der Zwiebel. Zu einem Kern wird Bessson nicht vorstoßen.

Seine Titelheldin Anna (Sasha Luss) wird eingeführt als Verkäuferin von Matrjoschkas auf einem Markt in Moskau 5 Jahre nach der ersten Szene. Diese berichtet smart geschnitten und von einer draufgängerischen Kamera festgehalten von der Enttarnung eines amerikanischen Agentenringes in Moskau anno 1985, also noch in der Zeit des Kalten Krieges.

5 Jahre später ist die Mauer gefallen, aber das scheint auf den Film wenig Einfluss zu haben. Fortan springt Besson zwischen 85 und 90 hin und her. Er erzählt, wie diese Matrjoschka-Verkäuferin, russisch-blasée, von einem westlichen Talent-Scout als Model entdeckt und nach Paris engagiert wird.

Dort schafft sie es schnell, sich aus der Masse der Models abzuheben. Lustvoll schildert Besson, wie schäbig die und in welcher Massierung in einer Mietwohnung untergebracht sind.

Mit ihrem verschlossenen Gesicht und den blauen Augen ist Anna ein Augenfang. Aber Besson fängt an aufzublättern. Sie ist auch Agentin. Auch hier passt das verschlossene Gesicht. Das ist eine anregende Überblendung vom Model zur Agentin, beide undurchdringlich, wie auch gerne Schauspielerinnen – oder eben die Matrjoschkas. Deckungsgleiche Schnittmengen verschiedener Berufe.

Mit seinem Hin- und Herspringen in der Geschichte enthüllt Besson immer wieder oder erklärt etwas, das beim ersten Schauen der Szene noch nicht klar war. Dass immer wieder der andere oder die andere etwas wusste, was man so nicht gedacht hätte, dass der Spionagezirkel fast überall reinschauen kann, eine Art Totalüberwachung, die aber genauerer Analyse selten standhält, warum es da und dort doch Überwachungslücken gibt und der eine das weiß, die andere nicht.

Jedenfalls ist die Modelkarriere nur eine Alibiübung, damit Anna in Paris im Auftrag der nicht weniger undurchdringlichen Olga (Helen Mirren schön russisch) dies und das zu erledigen hat, Agentinnen- und Killerjobs. Da entwickelt sie Fähigkeiten, an denen sich Besson nicht satt sehen kann; dabei ufern die Kämpfe aus. Und noch einen umbringen und noch einen.

Die ganze Übung erweckt zunehmend den Eindruck eines Selbstzweckes, eines Selbstbeweises, dass Besson das Agentengenre immer noch aus dem Effeff beherrsche.

Alle Agenten und Models sind sowieso nur Nutten, der Zweck heiligt die Mittel, sind bereit für heißen Sex, wenn er sich bietet. So zieht sich der Film irgendwann in die Länge, und noch eine Schicht und noch eine Erkenntnis – und keinen Kern. Zur Aufhübschung werden ab und an literarische Zitate eingestreut, Tschechow und so. Es darf auch Lenin sein.

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Welpenschutz?

Zwei ausbildende Institute aus Deutschland (Hochschule für Fernsehen und Film München und Münchner Filmwerkstatt) und die Constellation Factory, Paris, entlassen den Zweitfilm von Johanna Paula Maier, die mit Peter v. Jung auch das Drehbuch geschrieben hat, in die freie Wildbahn des wild umkämpften und gerade super kriselnden Kinomarktes. Da es sich um einen Zweitfilm handelt, ist wohl Welpenschutz nicht mehr angebracht.

Die Filmemacherin schickt ihre Protagonistin Anna (Jana Klein) auf eine Reise durch ein dystopisches Paris, dem jeder Charme ausgetrieben wurde.

Anna scheint identitätslos zu sein. Wo immer sie hinkommt, wird sie als alte Bekannte begrüßt, aber Hanna genannt. Ihre Korrektur nützt nichts. Sie wehrt sich auch nicht entschieden dagegen. Mystery-Movie?

Zuerst landet Anna in einem Hotel, alles sei ihr geklaut worden. Im Zimmer wickelt sie sich ein Badetuch um und eines in Damenmanier um den Kopf. Vom Hotel erhält sie notdürftige Kleidung.

Paris ist menschenleer. Anna wird von einem Paar an einem Brunnen erwartet und begrüßt. Die Szene wirkt abstrakt oder erinnert an das absurde Theater, wie bei Ionesco in der Kahlen Sängerin ein Ehepaar sich in einem Zug kennenlernt und nach und nach herausfindet, dass sie ja verheiratet sind. So weit aber treibt es Johanna Paula Maier nicht, sie beschreibt lediglich eine Austauschbarkeit von einer Anna mit einer Hanna. Insofern bleiben die Beziehungen verbindungslos. Das vorgeführte Menschentum wirkt abstrakt, erfunden.

Anna springt wie ein Spielball und zufällig von Menschen zu anderen Menschen, erlebt andauernd, dass man sie zu kennen glaubt und wie aus der Lostrommel erfindet die Autorin Rollen für sie: von der guten Bekannten, der erwarteten Freundin, dem Betthupferl für eine Nacht, der Mutter, der Tochter, dem Kindermädchen, der Vertrauten und ebenfalls wie aus der Lostrommel lässt die Autorin Themen anskizzieren: Kind und Computer, Kind und Fernsehen, Auschwitz, Verhältnis Deutschland / Frankreich, über Liebe und „Erkennen“, Kommunikationslosigkeit der Menschen, das Alleinsein, Bar und Angst, Angst vor dem Crash, Weinen in der Schule, der chinesische Kaiser und der schiefe Himmel, Watteau (Einschiffung nach Kythera), Debussy, Heulsuse in der Schule, Abwasch machen, Philsophie: woanders ist es immer besser, über Veränderungen, Europa-Philosophie, „eine normale Frau“, Bar und Einsamkeit der Menschen, Scheißjob und mies bezahlt, Angst der Menschen, Kontrolle durch Ex, Schule und Erziehung, Fahrerflucht, Betteln, Atomunfall, die Männer, Freiheit, Lust im Alter, Endzeitvisionen, protestantische Erziehung und schlechtes Gewissen, Identitätsproblem, manipulierendes Prophezeien, Schmerzen und Angst, schlechte Information der Öffentlichkeit …

… als wolle die Filmemacherin das ganze Leben, die ganze Welt abhandeln und moralisch in ihre Schranken weisen – als ob der Kinomarkt auf so einen unübersichtlichen Szenen- und Themenmix gewartet hätte.

Ach ja, und der Brand des „Café Monde et„ an der Place de la République spielt immer wieder eine Rolle.

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Ungehinderte Lust,

ungehindert bis zum Wahrmachen des Satzes: ich liebe Dich, ich töte Dich.

Ungehindert auch, der Film spielt 1979, da die Lust noch nicht von der Angst vor AIDS in Schranken gewiesen wird. Pornographie und Liebesszenen hier im Film von Yann Gonzalez, der mit Cristiano Mangione auch das Drehbuch geschrieben hat, ganz ohne das Knacken von Gummiverpackungen.

Reinste, herrlichste Gay-Filmerei. Ich liebe dich, ich töte dich, die atomare Kernszene des Filmes kommt erst spät ins Spiel, aber ihre Wirkung greift schnell in die Handlung ein. Diese erzählt von der Gay-Pornoproduzentin Anne (Vanessa Paradis), die selbst in einer kriselnden Liebesbeziehung zu ihrer Cutterin Lois (Kate Moran) steht.

Yann Gonzalez beweist ein starke Handschrift darin, Super-8-Aufnahmen von Gay-Pornodrehs mit der übrigen Spielhandlung zu verknüpfen, ein Kino der Unmittelbarkeit, das vor allem gemäldehaft wirkt, als ob er sich nicht satt sehen kann an den Bildern, alle mit gleicher Hingabe und Konsequenz ins Bild gesetzt. Dazu eine Prise Edgar-Allan-Poe-Schauder-Spaß.

Junge sinnliche Männer, die sich lieben, sich küssen, ficken, zu zweit und zu Dritt. Bald schon legt sich ein Schatten über die Produktion. Eines der Models wird ermordet von einem Mann mit schwarzer Ledermaske. Auch dieses Bildmaterial wird mit ungehinderter Sehlust bereitgestellt.

Es folgt ein zweiter Mord. Ein dritter. Die Polizei gibt sich ahnungslos. Die Produzentin fängt schnell an, Realität und Pornofilmträume miteinander zu verquicken, Umdeutung einer Verhörszene. Und zwischendrin wird Federico Garcia Lorca zitiert.

Das Casting betreibt Anne als Street-Casting auf Baustellen, da wo gearbeitet wird, da finden sich die attraktivsten Männer.

Je mehr Morde es gibt, – alles in purer Genrelust erzählt – desto mehr beeinflussen sie die Produktion. Das neue Projekt heißt „Homocide“. Die Story ist dem realen Leben nachempfunden. Kino als Spiegel der Realität, der grausamen Realität.

Die Krähe, die ab und an auftaucht, die kann vielleicht im Nachhinein als Vorbote der Sexpest AIDS interpretiert werden. Dazwischen bildiche Auflockerung mit Schwarz-Weiß-Umkehrbild, Improvisationen, Visionen. Und wann haben wir zuletzt einen Film gesehen, in dem gepresste Pflanzen vorkommen?

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Ein gallig-diskret-satirisch-ironischer Blick auf Wohlstandsschweizers lakonische Alltagsbewältigung im Spannungsfeld von Handy-, Internet- und Krankenkassen-Tarifvergleichen, Terrorbedrohung, Demenz und Enkeltrickbetrug.

Als Prolog gibt’s ein Gespräch zwischen einer Schweizerin und zwei Zuwanderern aus dem arabischen Raum. Die Frau erzählt den beiden Männer die Geschichte eines Enkeltrickbetruges – Visitenkarte für die Schweiz. Sie befinden sich am Rande eines fließenden Gewässer. Mehr Schweiz gibt er vorerst nicht zu sehen. Das ist ungewöhnlich genug.

Die Hauptstory von Cyril Schäublin (Buch und Regie) handelt in Szenen lose um einen Enkelinnentrickbetrug. Schäublin betrachtet seine Schweiz und seine Schweizer in exakt der ruhig- unaufgeregten Art, wie die von ihm betrachteten Schweizer selbst ihr Leben erledigen, sich einen Wust von endlosen Zahlen (Pin- und Kontonummern, Geburtsjahr und Telefonnummern, Sicherheitscodes und Kontostand, Policennummern, Handy- und Krankenkassentarife und das Erbe) und Personenkontrollen wegen erhöhter Terrorgefahr stoisch durchstehen.

Kameramann Silvan Hillmann erhöht diesen Effekt noch mit Bildern, die so tun, als interessiere sie lediglich der graphische Rahmen, der immer durch markante Linien und Flächen prägnante Eigenheit im Sinne der Angepasstheit gewinnt.

Es ist ein Film ohne Heldentum, ohne Drama, ohne Romantik, eine Schweiz aus Sauberkeit, Design und Gediegenheit. Eine Schweiz ohne Patriotismus, obwohl an einer Stelle ein Handwerker durchs Bild läuft mit einer zusammengerollten Schweizer Fahne, die er montieren solle. Montierbarer Patriotismus.

Die Schweizer heißen: Vögeli, Fischli, Oberli, Binggeli, Türli, Sigrist, Demiri, Rüegg und Giiger oder Kräntzlin. Eine Krankenkasse heißt Dezentra, eine Versicherung Aquilana, eine Bank USBS oder Heinrich Briner Banking Group, ein Handyanbieter „Everywhere Schweiz“. Als Adresse geben wir am besten den Blaumeisliweg an. Man sieht: eine Schweiz voller individueller Identität.

Schäublin hat einen hervorragenden Cast zusammengestellt. Es sind Schauspieler drunter aber auch Laien. Ein Unterschied ist kaum zu bemerken; er arbeitet fantastisch mit ihnen, so dass der Film auch prima als Fake-Doku durchgehen könnte, denn ohne Fake kein Enkelinnentrick. Das ist so gut gemacht, dass selbst die massive Audi-Werbung überhaupt nicht stört, sondern selbst als satirisch rüberkommt.

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Versuch einer Rekonstruktion

dieser brasilianisch-israelischen Koproduktion von Jorge Gurvich. In Israel lebt ein geschiedenes Paar.

Sie, Tali, ist mit einem Hotelmanager liiert. Er, Roberto, ist Brasilianer und zahlt keinen Unterhalt für den 10-jährigen Sohn Itay. Sein Vater hat Herzprobleme. Es ist das Jahr 2014. Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien steht an. Vater Roberto ist Fußballfan. Der Bub nicht. Der Opa, Mr. Spivak, ist Fußballfan und träumt davon, beim Endspiel, in dem unbedingt Brasilien dabei sein muss, im Stadion Maracana dabei zu sein. Mutter reist mit ihrem Chef und Lover in der Businessclass nach Brasilien. Sie logieren in einem Hotel der Kette.

Der Vater soll den Sohn für eine längere Zeit hüten. Der Bub interessiert sich nur für Viedospiele. Der Opa hat einen Termin im Krankenhaus. Stattdessen fliegt er, ohne dass die Widerstand leisten, mit Sohn und Enkel in Economy nach Brasilien. Alle Hotels sind ausgebucht. Zufällig treffen sie an der Copacabana die Mutter mit ihrem Hotelmanager, die sich gerade küssen. Da das 3-Generationen-Männer-Trio kein Hotelzimmer findet, mieten sie einen VW-Camper und starten zu einem Roadmovie durch Brasilien. Dabei kommt zu Tage, dass der Vater eigentlich ein guter Koch ist, das aber verdrängt hat.

Einmal finanziert der Opa dem Sohn und dem Enkel eine Eintrittskarte für ein WM-Spiel. Aber die wird dem Buben sofort geklaut. Für das Endspiel, in dem tatsächlich Brasilien (gegen Deutschland) steht, besorgt sich Opa eine sündteure Karte, allein, egoistisch, aber mit dem Gang in Richtung Tribünen, macht sein Herz nicht mehr mit. Sohn und Enkel rennen ihm ohne Karten nach und werden nicht reingelassen. Just hinter ihnen steht die Mutter mit Lover, der Englisch spricht. Sie schenken ihre beiden Karten dem Papa und dem Sohn. Das sind irre Drehbuchzufälle, die zeigen, dass das alles nicht allzu durchdacht geschrieben worden ist. Denn vorher war das soziale Gefälle zwischen Frau mit Lover und dem Männertrio beschrieben. Dass die jetzt alle in dieser Reihe vorm Einlass stehen ist nur eine von vielen Unerklärlichkeiten. Ach ja, und in Rio schleppt Opa Sohn und Enkel auf den Friedhof, spricht mit einem Verstorbenen. Die Gerne-Zupfmusik hat ab und an Hustenanfälle.

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Abnabelung

ist – nach dem Coming-of-Age, der Übergang vom Kind zum Erwachsenen – ein oft ernstes, existenzielles Thema für viele Mütter, wenn ihre Kinder flügge werden, wenn sie aus dem Haus gehen.

Lisa Azuelos (Dalida, LOL) hat sich des Themas in unverschämt leichter, primär auf der Ebene schneller Alltagskonversation spielender Weise und mit einem Schuss komödiantischer Überzeichnung angenommen.

Héloise (Sandrine Kiberlain) steht vor diesem Problem. Ihre Lieblingstochter Jade (Thais Alessandrin), die jüngste, möchte in Kanada studieren, die Zulassung für die Uni hat sie schon, ihr fehlt nur noch das Abi.

Héloise betreibt ein Restaurant, ist geschieden, die Trennung hat vor einigen Jahren stattgefunden. Sohn Théo (Victor Belmondo) arbeitet im Restaurant mit und Schwester Lola (Camille Claris) spielt eine Nebenrolle.

Mutter ist nun im Zwiespalt, dem Töchterchen durchs Abitur zu verhelfen oder es auf ein Scheitern ankommen zu lassen, um die Trennung zu verhindern. Aber auch Jades eben entdeckte Liebe zu Louis (Michael Lumière), dem Freund von Theo, könnte ein Hinderungsgrund sein.

Mit Rückblenden in frühere Phasen der Familie macht Lisa Azuelos deutlich, was Héloise zu verlieren hat, dass offenbar auch Familie ein Glück auf Zeit ist und nicht für die Ewigkeit gemacht.

Auf der Leinwand ist immer turbulentes Leben zu sehen, das macht die Angelegenheit so natürlich und so prima genießbar. Denn die Geschichte läuft durch die Alltagsprobleme, dass der Vater keinen Unterhalt zahlt, dass die Gesundheitspolizei im Restaurant nicht alles in Ordnung findet oder dass die Polizei Héloise beim zu schnellen Fahren erwischt; um Ausreden, hier typisch weibliche, ist sie nicht verlegen. Disco, Techno und „Razing“, was immer das ist, spielen ebenso eine Rolle, Freundinnen (die sich über Tinder auslassen) und Freunde der Protagonisten, der Vater von Héloise. Ein spitzer Querverweis zu Godard hat auch noch Platz. Zur Lösung des Loslösungs-Problems hat Azuelos ein wunderschön sportliches Bild gefunden.

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Heimatverbundene Illustrierung eines Einstein-Satzes.

Seinem mit geschicktem Dorf- und Gemeindmarketing gespickten, heimatverbundenen Dokumentarfilm setzt Walter Steffen das Einstein-Zitat voraus: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“.

Die Interpretation bleibt auf den engen Fokus der Geisterwelten in der Alpenregion eingeschränkt. Innerhalb derer wird dann Einstein nochmals zitiert, dass das Sichtbare vielleicht ein Prozent ausmache.

Die alpenländische Geisterwelt macht Steffen sichtbar direkt mit Alpenaufnahmen mit Nebeln, häufig aus Drohnensicht und unterlegt mit melancholisch-sehnsüchtiger Musik.

Das Nichtsichtbare an den Geistern kommt aus berufenem Munde. Zwischen all die heimatverbundenen Alpenbilder schneidet Steffen magazinhaft bunt Statements von Gästerführerinnen, Hirten im Ruhestand, Geschichtenerzählern, Autoren, Pfarrern, Ärzten, Nachtwächtern, Unternehmern, Laien-Schauspielern und vielen anderen, die hauptsächlich oder in Schnittmengen mit dem Geisterwesen in Berührung kommen, die sich mit dem Unsichtbaren oder dem, was im Winter, wenn die Menschen nicht oben sind, um die Gipfel sich tut („Die Berge sind überalll heilig, die gehören immer schon den anderen“. – „Die Geister altern nicht, sie sind auf der anderen Seite der Zeit, aber sie sind da, wir machen sie oft sichtbar“).

Steffen lässt Geschichten (über Lazarus Gitschner), Legenden (des Heiligen Magnus) und Sagen (vom Riesen im Karwendel-Gebirge) erzählen, über die „Beten“, das „Quellen füttern“, über wilde Frauen, heilsames Steinöl, Raunächte und Sonnenwendzeremonien, blättert in Büchern, schaut Handkizzen oder Kirchengemälde an und erlaubt sich computermögliche Spielereien mit den Figuren.

Die Haltung des Filmemachers ist nicht wissenschaftlich oder systematisch, sie entsteht eher aus dem Staunen über die Vielfalt an Geistererscheinungen und Phänomenen von Wilden Frauen bis hin zum heilenden Gesteinsöl. Schön klingen die alpenländischen Dialekte.

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Nach der Natur / Nicht nach der Natur.

Zweifellos sind die Computeranimationen der Dschungeltiere von Löwen über Hyänen bis Elefanten, Zebras, Erdmännchen und Fluggetier „nach der Natur“, täuschend echt. Andererseits wirken sie auch nicht nach der Natur, im Unterschied zu diesen scheinen sie algorithmengesteuert.

Nach der menschlichen Kultur hingegen ist die Story hieb- und stichfest gebaut, die vom klassischen Königsmord, der Usurpatorgeschichte. Der Bruder bringt den König um und glaubt, sich des legitimen Erben, Simba, entledigt zu haben. Aber wie einsten Moses überlebt hat, tut es auch dieser. Er hängt in einer Art befriedeten Kalmen herum nach einem bestimmten Dschungelmotto, wirft alle Machtansprüche von sich, bis er vom Wüten des Usurpators erfährt, der sein Reich ruiniert. Der legitime Thronfolger lässt sich an seine Plicht erinnern. Er findet seine Liebe Nala wieder, auf dass er das Königreich lange und glücklich regiere, es ist dies ein Reich der Tiere, ein Fabelreich.

Der Stoff wird klassisch vorbereitet, shakespearisch hört sich das in der Originalversion dieses Filmes von Jon Favreau nach dem Drehbuch von Jeff Nathanson, Brenda Chapman + 3 an. Dies ist das eine.

Das andere ist die Verpackung oder die Art, wie das erzählt wird, wie das für das Publikum attraktiv gemacht werden soll. Damit habe ich so meine Mühe, es ist eine Mixed-Pickles-Veranstaltung und Anbiederei daraus geworden, die mindestens drei vermutetete Publikumsgeschmäcker ansprechen soll.

Es ist der Pathosbedarf, der gedeckt wird mit massivem Einsatz der musikalischen und farblichen Mittel mit Erhöhungs- und Erlösungsmusik (zB Szene der Weihe des frisch geborenen Königsnachfolgers, die Bekanntgabe), es ist der Schnuckelig-Bedarf, der vor allem mit stofftierähnlichem, niedlichem Löwennachwuchs gefüttert werden soll und es ist der Flachs-, der Joke- oder der Ablachbedarf, an den fortdauernd gedacht wird, Scherze um der Scherze willen, Hofnarrengetier, um dem Drama Popkornqualitäten zu verleihen und dann auch noch der Musicalbedarf mit dazwischen gestreuten Songs. Wodurch die Präsentation des klassischen Dramas eine gewisse Unverbindlichkeit und Zeitgeistigkeit ausstrahlen dürfte.

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Ein flankierender Film zu Apollo 11, der derzeit in den Kinos läuft und aus reinem Archivmaterial den Hype dieses ersten bemannten Mondfluges spannend wiedergibt.

In diesem Fernsehbeitrag von Elias von Salomon geht es um einen Wissenschaftler, der maßgeblich, von der medizinischen Seite her, dafür verantwortlich ist, dass der Mensch den Raumflug überhaupt überleben kann mit Raumanzug, Druckkammern.

Es war der Wissenschaftler Hubertus Strughold, ein Forscher, der schon in Weimar und in der Nazizeit ein Spitzenforscher war und die KZs für Menschenversuche nutzte für erste Unterdruckversuche.

Nach Kriegsende suchte die USA händeringend brillante Forscher in Deutschland, um wissenschaftliche Kapazitäten in den eigenen Dienst zu stellen und Deutschland ihrer zu berauben. Talentscout war Leo Alexander. Durch seinen Auftrag kam er diesen Menschenversuchen auf die Spur. Es handelte sich um ein ganzes Netz von Wissenschaftlern in direktem Auftrag von Himmler (erst die Entedeckung von dessen Privatarchiv erschloss die ganze Tragweite der Versuche).

Leo Alexander trug dazu bei, dass einige dieser Ärzte in Nürnberg verurteilt wurden. Aber Strughold blieb außen vor, er war zu unentbehrlich für die USA im Raumfahrtswettbewerb mit Russland auf dem Weg zum Mond,. Schon 1945 wurde Strughold in die USA geholt und war in San Antonio ein wichtiger Kopf in den Vorbereitungen, die 1969 zum ersten bemannten Mondflug führten; er wurde zum „Vater der Weltraummedizin“. Von seiner Nazivergangenheit wollte damals keiner was wissen; diese wurde erst viel später in den USA aufgearbeitet, ein nach ihm benannter Preis aufgelöst, sein Eintrag in der Hall of Fame der Raumfahrt getilgt. Ein eindrückliche Dokumentation, die einen bitteren Schatten auf die Mondflugeuphorie wirft.

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