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White Bird

Hier versucht einer, Marc Forster (u.a. James Bond 007: Ein Quantum Trost), einem Holocaustverarbeitungsfilm, Drehbuch Mark Bomback nach dem Roman von R. J. Palacio, Power einzuflößen, ihn mit Actionfilmelementen auf Rom-Com-Hollywood-Blockbuster hochzubürsten. Das geht sich nicht so ganz aus und geht garantiert auf Kosten der Street-Credibility.

Sara Blum (Helen Mirren) ist eine weltbekannte Künstlerin und gerade gibt es in New York eine Retrospektive von ihr. Sie lebt in Frankreich, nutzt die Chance, ihren Enkel Julian (Bryce Gheisar) zu besuchen. Der hat gerade, weil er seines früheren Colleges verwiesen wurde, die Schule gewechselt und ist seit einigen Tagen an der Yates Academy.

Dieser Neubeginn erinnert, so wie er geschrieben, inszeniert und gespielt wird, an Mean Girls: Der Girls Club. Verschiedene Gruppen mühen sich um den Neuankömmling. Mit Bryce Gheisar hat der Film eine prima Besetzung gefunden, der sowohl Zweifel als auch Neugier wie Insichgekehrtheit von so einem jungen Mann trefflich rüberbringt. Er ist mit Helen Mirren, seiner Oma, für die Rahmenhandlung zuständig, die im Heute spielt, weitgehend eine Dialogszene.

Die Oma bemerkt, dass der Enkel Probleme wälzt und sieht die Zeit gekommen, Dinge aus ihrem Leben zu erzählen, die bis jetzt unter Verschluss geblieben sind.

Es ist dies ihre Vergangenheit zur Zeit der Nazibesatzung in Frankreich. Sie ist Jüdin. Dort wächst sie als zeichnerisch begabte Tochter eines wohlsituierten, gebildeten Ehepaares in Aubervilliers auf. Sara wird jetzt gespielt von Ariella Glaser, Spielalter 15; es ist 1942. Und es gibt in ihrer Schule einen Julien (Orlando Schwerdt). Der ist ein Außenseiter, weil er Polio hatte und mit Krücken gehen muss. Sein Vater arbeitet in der Fischfabrik.

Auffallend an Forsters Inszenierung ist, wie beeindruckend er den jungen Mann inszeniert, einerseits feinfühlig ist, andererseits behindert und der von den Mädchen nicht beachtet wird, auch nicht von Sara.

Das Blatt wendet sich, wie die Nazis in der französischen Provinz einmarschieren und anfangen, die Juden zu jagen und zu deportieren. Das Actionhafte daran bringt Forster temporeich montiert, auch die üblichen Nazipropagandabilder schneidet er nur ganz kurz rein, so dass nicht der geringste Verdacht das Draufreinfallens entstehen kann.

Die neue Situation schließlich verbindet Sara und Julien. Sie kann den Häschern entkommen und wird von Julien und seiner Familie in einer Scheune versteckt. Hier wird sich, da sich die Besatzung in die Länge zieht, bombastisch die Rom-Com zwischen den beiden entwickeln, eingewickelt in dickste Süßmusik und nicht verschont vor lebensbedrohlichen Situationen, denn nicht nur die Nazis sind da, es gibt auch genügend französische Kollaborateure, auch in der Altersklasse der beiden Liebenden.

High & Low – John Galliano

Fallhöhe

Die Fallhöhe im Leben des Modedesigners John Galliano ist enorm, fast nicht auszuhalten.

Aus der Familie eines strengen, ihn misshandelnden, spanischen Klempners mit einer modebewussten Britin im provinziellen Gibraltar über das Grau Londons zum Designstudium an einer Eliteschule katapultiert es den Künstler in kürzester Zeit in den Modeolymp Paris, Dior, 32 Kollektionen im Jahr, Alkohol, Drogen und nach Antisemitismus-Äußerungen im Suff ins Niemandsland von Reha und gesellschaftlicher Verachtung.

Vier Jahre später rappelt er sich wieder auf dank Menschen, die ihn immer geschätzt haben und die ihn nie und nimmer für einen Antisemiten halten würden. Sein Künstlertum und seine damit verbundene Wertschätzung und Achtung der Mitarbeiter werden von diesem Menschen zu sehr geschätzt, als dass sie es brach liegen lassen können.

Kate Moss lässt sich von ihm in dieser Wüstenzeit ihr Hochzeitskleid entwerfen. Der Verlag Condé Nast rehabilitiert ihn. Er arbeitet wieder in Paris.

Zu seinem Suchtexzessen dürfte der frühe Tod seines Mitarbeiters Steven Robinson beigetragen haben, der wie eine Brandschutzmauer um ihn ihm alles vom Hals gehalten hat, was nicht unbedingt von Galliano selbst erledigt werden musste.

Es gibt verschiedene herausragende Qualitäten in dieser Doku von Kevin Macdonald. Da sind selbstverständlich die Ausschnitte aus Galianos sensationellen Catwalks, da ist dieses extreme Gefälle im Leben des obsessiven Ausnahmekünstlers und da ist ein extra für diesen Film hergestelltes Interviews mit John Galliano, der offen, warmherzig und reflektiert über sein Leben spricht, richtig faszinierend.

Und sicher lässt einen der Film nachdenken über den Zusammenhang Alkohol, Sucht und Kontrollverlust. Wobei die Modebranche mit ihrem ungeheuren Druck dem Thema in die Arme spielt; das gibt sie auch zu.

Es erscheint jedenfalls so, dass die antisemitischen Äußerungen von John Galliano eher einem alkoholbedingten Krawallneed zuzuordnen wären; denn nichts in seinem übrigen Leben, zumindest wie es hier erzählt wird, lässt auf einen prinzipiellen Antisemitismus schließen, da ist er viel zu besessen von der Mode und den Möglichkeiten, die ihm Paris, Arnaut, Dior oder jetzt Margiela bieten.

Sieger Sein

Sich entschuldigen und Optimismus verbreiten

Dem Vielfilmschauer droht bei diesem Film von Soleen Yusef die Moral der fördernden Fernsehanstalten aufzustoßen, denn die vier öffentlich-rechtlichen Redakteure wollten bestimmt ein Wörtchen mitreden.

Insofern ist für den Vielkinoseher der Film gleich in die Ecke von Fernsehproduktionen zu stellen. Zu moralinisch stößt ihm die ständige Entschuldigerei auf, dass Menschen, die Fehler gemacht haben, sich im Nachhinein für diese entschuldigen. Aber vermutlich immunisieren sich Kids, das Zielpublikum, von Natur aus gegen dergleichen; ist also nur für die moralische Selbstversicherung der Redakteure gedacht.

Auch wird direkt und offensiv das Ausländer-Thema, das hier behandelt wird, angesprochen. Die fabelhafte Protagonistin Mona (Dileyla Agirman) gibt immer wieder erklärende Kommentare direkt in die Kamera.

Mona ist von Natur aus ein Fußballtalent. Ihre Familie ist aus der syrisch-kurdischen Region um Kamishli nach Deutschland geflüchtet. Sie scheinen schon so lange in Deutschland zu sein, dass sie dieses typisch gebrochene Deutsch sprechen – in etwa; was zwar dezidiert, nicht aber besonders realistisch rüberkommt. Mona erlebt das typische Ausländermobbing.

Der Hauptoptimist im generell exzellenten Cast, gerade auch, was die Teens betrifft, ist Herr Che (Andreas Döhler). Er glaubt an das Gute im Menschen, daran, dass Versöhnung und natürlich auch Entschuldigung möglich sind. Er kommt dahinter, dass Mona in die Frauenfußballmannschaft der Schule aufgenommen werden möchte, denn bald finden die Berliner Schülermeisterschaften statt.

Diese sind das dramaturigsche Movens der Geschichte, welche gegen Ende hin nochmal unnötig in die Länge gezogen wird mit einer Diebstahlgeschichte (verbunden mit einer Orgie an Entschuldigungen). Auch für einen temperamentvollen Jugendfilm wären 90 Minuten mehr als genug, umsomehr als hier, teils wirkt es etwas wie Anbiederung, das heutige Chaos an solchen Instituten möglichst lebensnah geschildert werden soll.

Die Konfliktlinie läuft zwischen Schulleitung einerseits, die sich ab und an am Ende der Langmut sieht, und der Mutter von Mona andererseits, die vor allem eine makellose Integration vorantreiben möchte mit ihrer Familie; also die sind beispielhafte Zuwanderer oder Flüchtlinge und integrationsbereit.

Der Film will in diesem Sinn Optimismus verbreiten und behauptet im Gegensatz zu all den ausländerfeindlichen Unken, dass Integration möglich sei, wenn es nicht am guten Willen fehle.

Dank dem überzeugenden und auch überzeugend inszenierten Cast kann es allerdings möglich sein, dass der Film den Kids, die ja so viele Filme noch gar nicht gesehen haben können, viel näher geht und sie berührt. Die Jugend fokussiert sich vermutlich ganz konzentriert auf die sie interessierenden Themen, wozu selbstverständlich auch die Hübschheit der einen oder anderen Darstellerin oder des einen oder anderen Darstellers gehören mag.

Ja, Lehrer Chen ist toll, wie Mona das erste Mal das Fußballtraining mitmachen soll und wie er sieht, dass sie nicht mal Fußballschuhe hat, ordnet er sofort ein Barfußtraining an. Öffentlich-rechtliches Drehbuchausländerdeutsch: glaubst Du bin ich dumm?

La Chimera

Hier ist die Frage,

was Alice Rohrwacher so besonders interessiert mit diesem Drehbuch und dieser Regie.

Was ist ihr besonderes Need, zum Thema Grabräuber einen Film zu machen?

Um einen Grabräuber jedenfalls dreht sich der Film. Arthur (Josh O’Connor), ein Engländer, ist auf dem Rückweg aus dem Knast an den Ort seiner Untaten. Er ist als einziger beim Ausrauben eines Etrusker-Grabes erwischt worden. Er sitzt im Zug. Der Schaffner raucht. Er träumt.

Noch ist alles offen, was für Geschichten sich in Arthurs interessantem Gesicht abspielen werden. Das einzige, was er an sich hat und zu besitzen scheint, ist ein weißer Leinen-Anzug. Ziemlich romantisch wirkt seine Wellblechbehausung am Fuße einer Burgmauer.

Der Film ist auf Seite des Grabräubers. Er scheint auch ein Faible für die Italianità zu haben; viele Männer und Frauen reden gern viel und laut und begrüßen den Rückkehrer. Die Männer sind die Kumpels von der Grabräuberbande, die nicht erwischt worden sind.

Ein weiteres romantisches Faible scheint der Film oder Frau Rohrwacher für altes, zerfallendes Gemäuer zu haben. In einem solchen haust Flora (Isabella Rossellini), eine Gesangslehrerin mit der wenig begabten Schülerin Italia (Carol Duarte), die sich die Stunden als Haushaltshilfe verdient. Was das alles mit Grabräuberei zu tun hat? Keine Ahnung.

Die Schimäre des Protagonisten scheint eine Frau namens Beniamina zu sein, über die es unterschiedliche Infos gibt; jedenfalls ist sie nicht mehr vorhanden, sie mag tot sein oder verschwunden; für sie wird ein dünner Storyfaden gesponnen.

Das Krimigenre wird noch bedient durch eine dubiose Hintergrundfigur mit Patenstatus, ein gewisser Spartaco, der Oberdrahtzieher im illegalen Handel mit den Grabschätzen. Aber er wird nicht storyzwingend eingebracht.

Ein weiteres Rätsel gibt die wie belibig auf die Tonspur eingespielte überwiegend klassische Musik, teils höfisch, auf. Keine Ahnung, was das soll.

Ein Handlungsmotiv des Protagonisten ist die Suche nach dem damals vergrabenen Schatz. Ein anderes ist die Suche nach weiteren Etruskergräbern. Arthur scheint eine besondere Spürnase zu haben. Teils sucht er – etwas ungeschickt – mit Rute.

Die Frage ist, in welcher Beziehung es sich hier um einen relevanten Film handeln könnte. Hm. Es kommt auch das Balladenelement vor. Ein Bänkelssänger singt zur Gitarre das Lied von den Grabräubern. Da denkt man kurz an Brecht, kommt aber gleich wieder davon ab. Und dann noch die Frage, was die Super-8-Aufnahmen von der Natur sollen, die immer mal wieder in den Film hineinmontiert sind. Wer hat die gemacht? Denn auf ihnen wird auch der Abspann erscheinen. Das verstärkt den Eindruck der Laienhaftigkeit.

Irdische Verse

Satirepotential von Bürokratie

Diese dürfte weltweit ähnlich ergiebig sein. Daraus schöpfen Ali Asgari und Alireza Khatami. Sie nehmen die bürokratischen Auswüchse im iranischen Gottesstaat aufs Korn.

Das Inszenierungs- und Montageprinzip ist einfach und trägt trotzdem oder gerade deshalb den Film recht unterhaltsam.

Pro Szene gibt es eine Protagonistin oder einen Protagonisten. Die Szene ist nach ihm benannt. Die Szenen werden mit fixer Kamera in einer Einstellung durchgedreht. Die Kamera befindet sich neben der Büroperson. Letztere ist nie zu sehen, allenfalls eine Hand und sonst nur als Stimme des satirischen Dialoges.

Die Protagonisten sind Bittstellende, die einen Job suchen, einen Führerschein brauchen, den Namen eines Neugeborenen eintragen lassen wollen, wegen eines vorgebliche Verkehrsvergehens zitiert werden oder gar die Finanzierung für ein Drehbuch suchen.

Jeder Zuschauer dürften spontan ähnliche Situationen aus unserer Welt in den Sinn kommen; wenn auch vor der Folie nicht des Weltbildes des Gottesstaates; da sehen lediglich die bürokratischen Grenzüberschreitungen anders aus. Bei uns dürfte kaum je ein Bürokrat verlangen, sämtliche Tatoos am Körper eines Klienten (der hat die titelgebenden irdischen Verse tätowiert) zu sehen zu bekommen oder dass der Klient Koranverse aufsagt.

Jeder deutsche Filmemacher dagegen dürfte die Situation kennen, wo potentielle Geldgeber, meist das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ein Wörtchen – und generell wohl eher nicht zugunsten der Qualität des Drehbuches – mitreden wollen.

Der Film fängt mit einer endlos langen Einstellung einer Vedute des erwachenden Teheran an, so dass man schon an Andy Warhols „Empire“ denkt, stundenlang nur dieses eine Building filmen konnte.

Den Schluss dieser bürokratiekritischen Nummernrevue bildet ein kommentierendes Kontrabild zur Anfangseinstellung.

Ein Traum von Revolution

Bitteres Fazit

45 Jahre Somoza, 45 Jahre Ortega, eine Diktatur blutiger als die andere, das ist das bittere Fazit zur politischen Entwicklung in Nicaragua.

Dabei gab es 1979 einen weltweit beachteten und weltweit unterstützten Lichtblick, den Sturz der Somoza-Diktur und die Machtübernahme durch die Sandinisten.

In diesem rückblickenden Dokumentarfilm aus Deutschland bereichtet eine, die damals dabei gewesen ist: Petra Hoffmann. Sie war eine von 15 000 Brigadisten allein aus Deutschland, die die Sandinisten in ihrem Freiheitskampf 1979 in Nicaragua unterstützen und zum Zusammenbruch des alten Regimes beitragen.

Der Rückblick enthält spannendes Footage aus jener Zeit, Berichte aus dem Leben der Guerilleros. Da gibt es Parallelen zum Film Tanja – Tagebuch einer Guerillera, einer Deutschen, die den kolumbianischen Freiheitskampf der FARC unterstützt hat.

Ganz so undergroundig wird es hier nicht. Primär wollten die Deutschen helfen, das von Somoza ausgebeutete Land wieder aufzubauen. Es gab jede Menge Städtepartnerschaften. Und eine unerfreuliche politische Entwicklung. Reagan kommt in den USA an die Macht und fängt an, die Contras zu unterstützen, die die anfangs idealistische Ortega-Regierung boykottieren sollten; heute würde man wohl von asymmetischer Kriegsführung sprechen, wie versucht wurde, die Ökonomie zu blockieren mit Minen in Häfen, mit bewaffneten Contra-Rebellen. Die deutsche Politik unter Helmut Kohl unterstützt die Reagan-Politik. Das bringt die deutschen Idealisten in den Zwiespalt. Die Entwicklung gipfelt 1990 in der Abwahl der Sandinisten.

Hier fängt, so beschreibt es der Film, die Radikalisierung von Ortega an, den nur noch sein Machtanspruch und die Macht seiner Familie interessiert und der nur so die Möglichkeit sieht, wieder an die Macht zu kommen.

Folge davon sind ein inzwischen repressives System, das Opposition und Intelligenzia zur Flucht aus dem Land treibt. Es gibt eine denkwürdige Szene vom November 2022, die Verleihung einer Ehrendoktorschaft durch die Sorbonne an Dora Maria Téllez, die in dem Moment im dunkelsten Kerker Nicaraguas schmachtet.

Der Film ist fassungslos darüber, wie so eine Entwicklung zustande kommen konnte; will aber auch nicht wahrhaben, dass der ganze idealistische Einsatz von vor 45 Jahren womöglich völlig umsonst gewesen sein soll.

Viel Material von heute bezieht der Film auch aus Costa Rica, wohin sich ehemalige Sandinisten, die heute in Costa Rica im Kerker landen würden, geflohen sind. Fürs Gemüt gibt es berührende Gesangseinlagen, von Sängern und Sängerinnen der Revolution und der Nicaragüita.

Ein Glücksfall

Ein Jagdunfall

Spätestens wie das Jagdschlößchen vor den Toren von Paris von Koprotagonist Jean (Melvil Poupaud), er verdiene seine Geld damit, dass er Reiche noch reicher mache, er wird auch als ein Gatsby bezeichnet, erwähnt wird, darf sich zumindest der Curt-Götz-Aficionado auf den Jagdunfall freuen.

Die Sichtweise von Woody Allen auf Paarbeziehungen und Seitensprünge ist gar nicht so verschieden und ebenso menschenfreundlich und verschmitzt, wie sie in den Einaktern mit Jagdunfall von Curt Götz humorvoll ausgebreitet wird.

Die Frau, um die es geht, ist Fanny (Lou de Laâge). Sie ist mit Jean verheiratet und arbeitet in einem Auktionshaus vom Feinsten, wie überhaupt die liebenswerte Liebesgeschichte ihren vollen Reiz nur in dem feinsten und erlesensten Milieu entfalten kann.

Confiserie-Kino der Extraklasse. Es macht Woody Allen listigen Spaß, die Geschichte von der Verführung von Fanny durch Alain (Niels Schneider) zu erzählen, einem früheren Mitschüler von ihr, den sie aus New York kennt, und dem sie in Paris zufällig über den Weg läuft.

Ob sie Lust hätte, mal mit ihm mittagzuessen. Hier wird der Same für Fantasien gelegt, die bald nicht mehr zu bändigen sein werden. Es ist ja auch nicht die große Liebe, die Fanny mit Jean verbindet.

Schritt für Schritt entwickelt sich das Verhältnis, das die Seitensprunggeschichte verborgen halten muss. Denn klar wird auch, dass Jean Fanny für eine Trophae hält und kein Pardon kennt, wenn die Dinge nicht nach seinem Dirigat laufen. Es gibt Gerüchte über einen verschwundenen Geschäftspartner. Und wie Alain eines Tagges spurlos verschwindet, ist es die Mutter von Fanny, Camille (Valéry Lemercier), die zuviele Kriminalromane gelesen hat, um nicht ihrerseits bestimmte Theorien zu entwickeln.

Aus dem Liebesfall wird so ein amüsanter Kriminalfall; da juckt es auf der Tonspur zusehends die leichten Jazztasten. Und die menschenfreundliche Schnurre, die auch die menschlichen Abgründe nicht dramatisch wichtig nimmt, surrt zügig auf ihr Ende zu. Leichte Kost vor dem Hintergrund menschlicher Besitzansprüche und krankhafter Geltungssucht und Eifersucht.

Das erste Omen

Bouquinisten-Kino

Mit so einem Film ist heute nicht mehr Sensation zu machen wie vor Jahrzehnten noch. Zu übel hat sich die katholische Kirche mit ihren Missbrauchsskandalen präsentiert. Da kann das Thema der zwei Kirchen nicht mehr aufregen, dass extrem hübsche Frauen sich zur Kirche hingezogen fühlen und dann dort in die schauerlichsten Horrorgeschichten hineingeraten.

Bouquinisten-Kino meint, dass es ein Film ist, der irgendwann bei einem Bouquinisten an der Seine oder bei Ähnlichem von Schatzsuchern gefunden wird, die entzückt feststellen, schau mal da, wie ein Fan des Genres 2024 liebevoll dieses rekonstruiert, in die entsprechende Patina taucht, eine Kostbarkeit hingebungsvoll mit prima Feeling für das Genre hergestellt.

Der Geschichte wird ein wundervoller Roter Teppich ausgelegt. Sie spielt 1971. Die protestierenden Studenten in Roma, die Polizeiautos umwerfen und anzünden, sind eine Show.

Margaret, die wunderschöne Nell Tiger Free, kommt auf dem Leonardo-da-Vinci-Flughafen in Rom an. Da ist sie schon untergebracht mit dem Namen, die glanzvolle italienische Kulturgeschichte. Margret will den Schleier nehmen und den Eid ablegen. Sie wird bei Schwestern untergebracht, die ein Waisenhaus betreiben. Auch hier sind es alles wunderhübsche Mädchen in Schuluniformen, zu schweigen von der reinen Schönheit der Nonnen.

Arkasha Stevenson, die mit Keith Thomas auch das Drehbuch nach Figuren von David Seltzer geschrieben hat, geht mit großem Erzähleatem vor, setzt moderne Effekte passend zur historischen Patina, die den Film durchzieht, ein.

Mit einem Flittchen von Co-Schwester geht Margret anfänglich sogar in die Disco in einem großzügig ausgeschnittenen Glitzerkleid,fühlt sich aber nicht wohl drin.

Nach und nach bricht in die leichte, oft auf vergnügte Schwestern- und Priesterwelt die zweite Kirche ein. Der düsteren Bilder in unangenehmen Gemäuern werden mehr. Dieses Horrorgenre lebt vom Gegensatz von wunderbar leichter Welt, la farfalla deve volare, der Schmetterling soll fliegen, ist einer der Sätze, die Margaret auf Italienisch kann. Aber selbstverständlich wird er, der Schmetterling, brutal zu Boden gedrückt werden – und wie.

Arkasha Stevenson hat durchs Band überzeugende Besetzungen für die Rollen gefunden und sie ihrem Need verpflichtet. Es gibt Bilder von Margerita, da ist ihr Haar wild um ihren Kopf auf einem Bett drapiert, die erinnern an das Haupt der Medusa. Und das ist die Essenz des Genres, dass die Schönsten sich bei lebendigem Leib verbrennen, sich aus dem Fenster stürzen, dass sie Monster gebären. Es ist ein wundervoll, liebevoll gruseliges Horrormuseum, was Arkasha Stevenson hier eingerichtet hat.

Back to Black

Das Austauschbare

an einer Geschichte, das scheint Regisseurin Sam Taylor-Johnson nach dem Drehbuch von Matt Greenhalgh interessiert zu haben.

Während im Film Amy das ganz Eigene von Amy Whinehouse zum Teil in von ihr selbst gedrehten Videos besonders aus den Anfängen dokumentarisch zur Geltung kommt, arbeitet dieser fiktionale Film das Austauschbare, das Groschenelement, das Melodram heraus.

Hier scheint von Anfang an klar zu sein, dass die Sängerin Erfolg haben wird. Während sie in Amy den Gesang brauchte, um ihren Schmerz auszudrücken und Karriere sie gar nicht interessiert hat.

Die Amy hier im Spielfilm (Marisa Abela) ist eine, die die Anerkennung sucht, die dabei von Vater Mitch (Eddie Marsan) und Mutter (Lesley Manville) unterstützt wird. Viel Gewicht legt dieser Film auf die Liebesgeschichte zu Joey (Bronson Webb), erzählt sie wie eine Rührgeschichte mit ihren Aufs und Abs samt Heirat in Miami und Gefängnisbesuch und ständiger Abwehr der Paparazzis.

Was bei Amy unverblümt zum Ausdruck kommt, der Absturz der Sängerin durch Drogen und Alkohol, wird hier mehr gestreift, wird in Szenen inneren Monologes erinnert, um nicht ein allzu krasses Bild zu entwerfen.

Die Regisseurin bemüht auch das Bild vom gelben Kanarienvogel, dessen Käfig am Schluss leer ist oder das Bild vom Wolf. Sie erfindet Turtelszenen des Liebespaares und zeigt es beim Billard. Es ist ein Film, ein Künstlerbiopic, was durch die Nacherfindung oder Nachinszenierung austauschbarer Alltagssituationen in der Nähe von Celebrity-Trittbrettfahrerfilmen wie Priscilla oder beim Kafka-Film Die Herrlichkeit des Lebens anzusiedeln wäre. Ein Groschenroman erfunden nach einem berühmten Akteur oder einer berühmten Akteurin. Eine Geschichte, die Nähkästcheneinblicke in eine Promileben verspricht.

Dazu gehört auch die Tattoo-Szene oder innige Szenen mit Mama wie bei der Grammy-Verleihung oder dem Geschenk der Kette mit Brosche, aber auch ein Besuch am Grab der Mutter mit Vater. Es ist die Klatschspaltenvariante eines Biopics.

Außerdem scheint es ein budgetär beschränkter Film zu sein, der sich allzu gern auf Nah- und Innenaufnahmen kapriziert. Zum Unterschied gegenüber der harten Showrealität dürfte auch gehören, dass Amy im Original sicher nicht direkt nach dem Aufstehen schon perfekt geschminkt war und falsche Wimpern aufgeklebt hatte.

Tatort: Schau mich an (ARD, Sonntag, 7. April 2024, 20.15 Uhr)

Trüber aus dem Darknet

Dieser Tatort bringt Schauderhaftes, Trübes, Horrorhaftes aus dem Darknet ins helle Licht des 20.15-Uhr-bürgerlichen Sonntagabends. Er stellt fest, dass solch schwer erträgliches Material (von Folter bis Mord auf Video) für Kinder und Jugendliche zugänglich sei und dass sich niemand darüber aufrege.

Immerhin, so verlangt es die Sonntagsabendmoral des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, hier betreut von Zwangsgebührentreuhänder und Redakteur Cornelius Conrad, wird auch darauf hingewiesen, was das für Schweine seien, die sowas liken und wie unfassbar es sei, was die sich für einen Scheiß reinziehen; nun ja, vielleicht ist das auch etwas scheinhilig, diese Empörung muss sein, sie ist ein Tribut an die Empörungs-Culture.

Aber die Kommissare, die, wenn sie weiter so aufgelegt sind wie heute, noch die nächsten zweihundert Folgen weiterdrehen können, geben sich auch als Kümmerer und verständnisvoll der Frau von der Suchtberatung gegenüber, es müsse sicher sehr belastend sein, sich den ganzen Tag solche Dinge anzuhören.

Dieser Tatort von Christoph Stark, der für Drehbuch und Regie zeichnet, hat momentweise durchaus den Charme eines Autorenkinos, das sich von einem Grundneed und einer Grundidee treiben und faszinieren lässt und sich alle Mühe gibt, das so gut und so plausibel wie möglich auszutüfteln.

Wobei möglicherweise der dramaturgische Rollator, der für so ein Serienprodukt unerlässlich scheint, sich als hinderlich erweist. Die Anforderung, dass mindestens zwei Figuren als Täter in Frage kommen können müssen, hier sind es Lukas (Sammy Scheuritzel) und Paul (Reiser). Sich der Film dann aber plötzlich, nachdem er den einen Verdächtigen plausibel entsorgt hat, dem anderen zuwendet. Es gibt auch Hintergründe, die zu den möglichen Verbrechen führen, gestörte Kindheit, gestörte Familienverhältnisse, nur allzu geläufig.

Charme macht, und das scheint doch ein Charakteristikum des Autorenkinos zu sein, dass der Film versucht, die Realistik der Alltagssituation zu berücksichtigen, das Schimpfen über die vielen Baustellen beim schwungvollen Anfang – wobei nicht klar ist, warum die alle so rennen, da die Leiche, um die es geht, eine in einen Koffer gepackte zerstücktelte Frauenleiche, schon einige Tage den Gang der Verwesung gegangen sein dürfte; aber das ist durchaus ein Aufheller in so einer Serie; wie sie alle aus irgendeinem Alltag heraus an den Tatort in dubiosen Münchner Katakomben gerufen werden.

Oder wie sie später nach vielen Überstunden erschöpft rumhängen und sich Pizza genehmigen. Und die genau verfolgte Frage, wer sich um den Dackel kümmere. Und eh klar, die Grausamkeit wirkt mehr, wenn sie nicht direkt gezeigt wird, sondern in den Minen der Betrachter abzulesen oder von Fachleuten oder Nichtfachleuten geschildert wird. Aber ganz ohne sensationsheischerische (Quotenschielauge ik hör dir trapsen) Grausamkeitsansätze im Bild geht es dann doch nicht.