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The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit (Stream)

Romantische Dystopie

so romantisch, so dystopisch, so herzerwärmend menschlich und das Drama am Schluss wird leicht gemacht mit einem Chanson „Gute Reise“.

Der Film von Romain Quirot könnte direkt aus den 70ern stammen, aus dem New Hollywood oder dem italienischen Giallo-Feld. Aber die Kommunikations- und Überwachungstechnik ist hochmodern und funktioniert zudem in einer Welt, in der Paris und der Eiffelturm in Trümmern liegen.

Die Fernkommunikation passiert per Holograumm. Die Überwachung ist raffiniert und allgegenwärtig. Noch in der entlegensten, filmgroßartigen Wüste tauchen mit Kameras bewehrte mechanische Spinnen auf und rollen sich zur Flucht zu Bällen zusammen.

Drohnen so groß wie ein Tennisball tauchen aus dem Nichts auf und beängstigen die Flüchtigen. Es sind dies das unfreiwillige Road-Movie-Team Paul (Hugo Becker) und die kindlich-wunderäugige Elma (Lya Oussaidit-Lessert).

Elma hat in einem einfachen Kiosk von verblichenem Charme in der Wüste gearbeitet. Der untergetauchte Hugo erscheint auf seiner Flucht bei ihr und möchte den Treibstoff Lumina nachbestellen für seine alte, räderlose Schrottkarre, die er in Paris im Schwarz- und Untergrundhandel erworben hat.

Zur der Zeit wird Paul längst über die Medien gesucht. Er ist der einzige Astronaut, der die Erde vor dem roten Mond beschützen, diesen unschädlich machen kann. Denn die Menschen, Thema Ausbeutung der Natur, haben auf dem roten Mond das kostbare Lumina abgebaut. Der rote Mond droht auf die Erde zu stürzen.

Paul ist der einzige, der dessen Schutzschirm durchdringen und somit die Erde retten kann. Aber er schleicht sich davon, drückt sich vor der Verantwortung.

Die Geschichte hat einen familiären Hintergrund. Dieser wird in Schwarz-Weiß-Vergangenheit erzählt. Paul hat einen Bruder, Elliott (als Erwachsener Paul Hamy), der sich immer zurückgesetzt gefühlt hat. Der mit einer natürlichen Autorität ausgestattete Jean Reno ist der Vater. Von seinem Kontrollzentrum aus versucht er, Paul mit Hilfe des ihm auf die Fersen geschickten Elliott zu finden.

Das Zusammenspiel von berührenden menschlichen Begegnungen einerseits, der romantisch gemalten dystopischen Zerfallswelt mit intakter Drahtlos-Kommunikation und den immer wieder drübergelegten leichten Chansons andererseits machen Magie und Zauber dieses Filmes aus. Er spielt „in naher Zukunft“ und es gibt ein „da draußen“ und eine Mauer sowie marsfliegerhaft ausgerüstete Kontrollfiguren.

Dune

mobility auf Sand

oder der Film zu IAA in München, aber hier geht es um Mobilität auf Sand. Es gibt Treibsand, der kann einen verschlingen, das ergibt grandiose Kinowirbelbilder, die aussehen, wie fleischfressende Pflanzen, wenn sich ihr Schlund schließt, oder es gibt Trommelsand, auf dem kann man rennen; das ist so reizvoll wie das Rennen auf einer Brücke, die hinter einem einstürzt, beliebtes und erfolgreiches Kinobild; hier türmt sich hinter den zwei flüchtenden Protagonisten Paul (Timothée Chalamet) und seiner Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) der Sand als unheilverheißendes Gewölbe auf und bewegt sich bedrohlich näher.

Zum Thema mobility gibt es das Stichwort Spice. Das ist für die Einheimischen Fremen von Arrakis, die es anbauen, eine Droge aus psychoaktiver Chemie, für Kolonialmächte ein Antriebselement für Raumfahrzeuge; entfernt vielleicht vergleichbar mit der Seltenheit Seltener Erden, hinter der die Industriestaaten her sind.

Es gibt schlechte Kolonialmächte, das sind die Harkonnen. Diese werden im Film von Denis Villeneuve, der mit John Spaihts auch das Drehbuch geschrieben hat, von den Atreiden abgelöst und versprechen den Indigenen einen fairen Abbau.

Aber auch gute Kolonialisten bekommen ihre bösen Probleme, denn vermutlich kann es gute Kolonialisten gar nicht geben; das erinnert einen an die Bundeswehr in Afghanistan oder jetzt in Mali. Das sind so Vergleiche, die mir beim Anschauen des Filmes gekommen sind; Heutebezüge zu Beutezügen.

Faszinierend sind auch die Thopter. Die sind eine Art Helikopter, die wie mit Insektenflügeln angetrieben werden. Eine schöner SciFi-Effekt.

Warum mich der Film trotz großem Aufwand an Bühnenbild, Computeranimation, renommierten Darstellern und fallweise schwerer Filmmusik kalt gelassen hat? Es ist zum einen das Theater. Das ist ein Pomptheater, ein Staatstheater, ein Machttheater mit viel Stehparty, Aufzügen, von Villeneuve sorgsam inszeniert. Er setzt auf die Macht der Langsamkeit.

Vielleicht lastet auch zu viel Verantwortung für das zweieinhalb Stunden lange Stück auf den schmalen Schultern und dem schmalen Gesicht des positiven Helden Paul, dem Thronfolger im Hause der Atreiden. Im Vergleich zu ihm ist alles Drum und Dran monumental, was es an Protokoll, an Statuarik, auch des Bühnenbildes gibt, das oft ans alte Ägypten erinnert, an Pyramiden, an klassische große Oper; und dann ist der junge Held nicht mal ein Romeo, sondern mit einer abstrakten Aufgabe, einer Machtaufgabe betraut. Und ist so gar kein Herkules oder Muskelprotz oder Schlägerheld oder politischer Ränkeheld.

Und wie soll dabei Thimothée Chalamet das dem Film vorangestellte Motte „Träume sind Botschaften aus der Tiefe“ plausibel machen? Und das bei dieser rituell langsamen Erzählweise in staatstragend, imperialer Ikonographie? Trotzdem: die Vorstellung von Wüstenwürmern, die ist gruselig; die schwitzende Wüstenmaus richtig süß gegen Klopfer und Desertpower rundum.

Madison – Ungebremste Girlpower

Schönes Tirol

Tirol kommt gut weg in diesem Film von Kim Strobel, die mit Milan Dor auch das Drehbuch geschrieben hat.

Die freundlich grünen Täler und Wiesen, die Berge, der Sommer, der klingende Tiroler Dialekt, Fun für die Kids bei gut präparierten Bike-Strecken. Eine Gegend, in der sich menschliche Konflikte prima besprechen und in Minne auflösen lassen.

Madison (Felice Ahrens) ist erst elf. Ihr Vater Timo (Florian Lukas) ist ein bekannter Radrennfahrer und drillt und trainiert sein Töchterchen ehrgeizig bis überehrgeizig, ohne Rücksicht auf den Menschen im Töchterchen zu nehmen. Papa will Pokale sehen, will dass Madison als Jüngste in die Nationalmannschaft kommt. Eine Fehleinschätzung, bei der auch sein Einfluss nichts nützt; denn im Trainingscamp der Mädels, wo Papa sie reingebracht hat, funktioniert Madison nicht richtig. Sie bricht ab und fährt zu ihrer Mutter Katharina (Maxi Warwel), die den Sommer bei ihrem neuen Freund Andi (Valentin Schreyer) auf einem Bergbauernhof im schönen Tirol verbringt.

Hier freundet sich Madison mit Vicky (Emilia Warenski) an, eine Freundschaft, die noch einiges aushalten muss, die aber Madison neue Welten eröffnet, ihr klar macht, dass es lange nicht nur Radrennfahren gibt auf der Welt, sondern auch fröhliche Tiroler Knaben und dass man mit zwei Rädern nicht nur auf flachen Bahnen, sondern genau so gut auf waghalsigen Mountainbike-Strecken ins Tal rasen kann. Und dass es keiner Hexerei bedarf, auf den Hexen-Kogel hochzusteigen.

Es ist ein Film, der unprätentiös die Geschichte als eine Sommergeschichdte des Heranwachsens erzählt und sich dessen Unbeschwertheit zu eigen macht.

Je suis Karl

Nicken Sie mal,

diesen Satz wäre man versucht an diesen hochsubventionierten deutschen Themenfilm von Christian Schwochow nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich zu stellen in Anlehnung an die berühmte Geschichte vom chinesischen Henkerwettbewerb; der dritte Teilnehmer führt seinen Schlag mit dem Schwert so präzis, dass der Kopf des zu Henkenden oben bleibt; darauf der Richter zum Gehenkten: „Nicken Sie mal“.

Es ist ja alles da, was es für einen Film braucht, Story, Darsteller, Buch, Regie, Kamera, alle Gewerke bestimmt von lauter Fachleuten besetzt, die wahrscheinlich Mitglied der Massenveranstaltung „Deutsche Filmakademie e.V (Köthener Str. 44 in 10963 Berlin)“ sind – und trotzdem stellt sich stefe die Eingangsfrage.

Keine Frage dagegen ist, dass das Thema ein hochaktuelles ist, dass es rechte Netzwerke gibt, die nichts Gutes im Schilde führen und vor keiner Schandtat zurückschrecken, Beispiel Reichtagsbrand, in der Geschichte wimmelt es davon.

Und auch in Deutschland gibt es Dauerschlagzeilen, Netzwerke bei der Armee, bei der KSK, bei der Polizei und ein hessischer Politiker ist vor dieser trüben Gemengelage auch schon erschossen worden. Ein brisantes Thema. Ein hochaktuelles Thema. Und ein schwieriges Thema dazu, weil vieles der Geheimhaltung unterliegt, weil getäuscht und geblufft wird.

Extrem sichtbar wird diese Schwierigkeit hier im Drehbuch von Thomas Wendrich, das sicher mehr den Ansprüchen des Fernsehens als denen des Kinos gerecht wird. Er sollte sich mal die letzten beiden Filme von Francois Ozon anschauen, wie ein Themenfilm mit leichter Hand spannend und eindrücklich gemacht werden kann (Sommer 85, Gelobt sei Gott).

Aber wir sind in Deutschland, um ein hohes Budget für einen Film zusammenzubekommen ist die Zustimmung von jeder Menge Gremien, Fernsehredakteuren und Filmförderern nötig. Und da fängt das Elend des gremienkompatiblen Filmes an, es wird ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners, des kleinsten gemeinsamen Geschmackes, es reden schließlich Leute unterschiedlichster Intelligenz, unterschiedlichster Erfahrungen, unterschiedlicher Bildungsniveaus, unterschiedlichster Meinungen mit.

So kommt ein gremienkompatibles Ensemble zusammen mit den Stars Milan Peschel als Opfer, ein exzellenter Chargenschauspieler, aber nie und nimmer Protagonist für so einen schwierigen Film, Jannis Niewöhner als rechter Drahtzieher, zweifellos ein Protagonisten-Typ, aber lange noch nicht für große Kinorollen jenseits des Soap-Genres und Luna Wedler, als robuster rundlich-weiblicher Typ breit einsetzbar, nur muss auch sie eine Opferrolle spielen und leiden und heulen und schnaufen, tief schnaufen wie ab und an Niewöhner auch, eine Grundentscheidung in jeder darstellenden Kunst, ob die Darsteller leiden sollen oder brechtisch die Zuschauer zu Empfindungen gebracht werden sollen.

Schwochow hat sich für den Antibrechtansatz entschieden, der vielleicht näher beim Journalistik-Modus der Bildzeitung liegt; das zeigen diverse Betroffenheitsszenen, direkt nach der Explosion und auch die später folgenden Spiele mit der toten Amsel, die Peschel irgendwie plausibel darstellen soll; was unrealistisch rüberkommt, direkt nach der Explosion beispielsweise; nichts gegen den Einsatz fingerzeigschwerer Symbolik; aber Bedröppelung auch mit den langen Einstellungen über das Blumen- und Kerzenmeer am Tatort, die Betroffenheit der Bevölkerung, das wirkt doch sehr, hm, reaktionär oder so.

Dabei hat die Dramaturgie sträflich vergesssen, uns die Protagonisten nahezubringen. Hier verweise ich einmal mehr, weil gerade kürzlich im Kino, auf Der Spion, wie hier die Geschichte anhand der Hauptfigur eingeführt wird. Diese Hauptfigur ist dann wie der Stab, mittels dessen der Professor die Studenten an der Wandtafel an der Nase rumführt.

Die Vorstellung der Figuren wird fernsehbillig belanglos gemacht, halt mit irgendwas, Peschel nimmt ein Paket hochkompliziert entgegen (es wird die Bombe sein), Wedler sitzt in Paris im Café und Niewöhner kommt quasi ex nihilo auf Wedler zu, die bereits Opfer ist (au, das hat sie dann auch noch mit allen Emotionen spielen müssen, diese Wut auf den Tod der Mutter, die Arme).

Jetzt haben wir also schon drei Figuren, für die wir uns im Grunde genommen gar nicht interessieren, weil sie durch nichts mit uns „connected“ worden sind. Das ist ein Storytelling, dem, wenm man es mit dem Hausbau vergleichen würde, das Fundament fehlt.

Das hat zur Folge, dass Szenen schnell lächerlich wirken. Weil sie bodenlos nur also solche behauptet dastehen, weil die Darsteller wieder Gefühle mimen müssen, Ängste, Furcht, beim Anschlag in Paris während der Veranstaltung von Frau Viola sowieso.

Fazit: dieser Film wird nie und nimmer auf die Eingangsfrage nicken können. „Ich hab ein Paket mit unbekanntem Inhalt angenommen“, könnte man auch sagen statt, ich habe einen Film gesehen.

Ebenfalls im Bedröppelimpetus: die ausgewalzte Szene, in der Peschel und Wedler in einem leeren Saal, man denkt an die Leichenhallen nach Massakern, in den Trümmern geborgene Gegenstände liegen, die sie identifizieren sollen, ach und der Geruch von Mama in der Kleidung, sehr unrealistisch, wenn Gegenstände in Trümmern liegen. Hier vermählt sich der Film mit dem klebrigen Aktenzeichen-XY-TV-Realismus.

Und wenn die rechten Randale überall losgehen, dann legt Schwuchow empathisch Frohmusik drüber.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Herr Bachmann und seine Klasse

Aus dem Dunkeln ans Licht,

das ist Bildung, das ist der Weg zur Menschwerdung, der Weg zur Menschenwürde.

Im Dunkeln fängt der Film von Maria Speth an. Schon die erste Erwartung wird konterkariert. Man weiß ja, dass es sich um einen Dokumentarfilm über einen Lehrer mit dem Familiennamen Bachmann handelt. Man weiß, dass der Film über drei Stunden lang ist – und nach dem Film weiß man, dass diese drei Stunden schneller vorbei sind als die fernsehgängigen 90 Minuten so manch hochsubventionierten, hochgelobten deutschen Themenfilmes.

Der Film fängt nicht an mit der Vorstellung der Georg Büchner Schule im hessischen Stadtallendorf, der Klasse 6 b und des Protagonisten. Der Film beginnt in der Dunkelheit. In der Dunkelheit eines Wintermorgens. Im ungemütlichen Straßenverkehr. Wer da alles schon unterwegs ist. Irgendwann ist es der Schulbus. Der entleert seinen Inhalt. Die Schüler strömen ruhig ins Klassenzimmer.

Die Stimme des Lehrer ist aus dem Off zu hören, es habe noch jemand geredet; das müsse jetzt wiederholt werden, alle noch mal raus. Bildung, die mit einem Rausschmiss anfängt. Und erst wie der zweite Versuch gelingt, kommt Herr Bachmann mit seiner Mütze und seinem Bart ins Bild; er sitzt lässig an einem überquellenden Pult.

Der Zuschauer sind bis dahin bereits zwei seiner hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten vermittel worden: Geduld und Konsequenz. Damit fesselt er seine bunt gemischte Klasse und nimmt jeden mit. Sie sind in dem Alter, in dem sich bald entscheiden wird, Realschule oder Gymnasium. Sie kommen aus aller Herren Länder aus der Türkei, aus Russland, aus Bulgarien oder Kasachstan.

Maja Speth erfüllt wichtige Grundkriterien für eine gute Dokumentation: mit Herrn Bachmann hat sie einen erstklassigen Protagonisten gefunden, einen Lehrer, der seine letzte Klasse vor der Rente führt, der ein erfahrener, passionierter Pädagoge ist, der die Sprache seiner Schüler spricht, der vor Wörtern wie Scheiße oder am-Arsch-lecken nicht zurückschreckt, wobei letzteres sogar eine Übersetzung aus dem mittelhochdeutschen Eulenspiegel ist; aber er braucht keine Schnörkel, er ist gefestigt in seiner Methode, ihn kann eine Kamera im Schulraum nicht irritieren.

Wobei das zweite Kriterium für eine gute Dokumenation zum Tragen kommt, dass eine Dokumentaristin das Vertrauen ihrer Protagonisten gewinnt und sich unauffällig machen kann.

Das dritte ist der Glücksfaktor, besonders bei einer Dokumenatition über den Zeitraum von etwa einem Jahr gedreht, dass es eine spannende Story wird, wobei hier speziell der großartige Schnitt zu erwähnen ist, der immer wieder für Überraschung sorgt; aber auch der Glücksgriff, so wie bei Herrn Bachmanns Mathematik-Unterricht, wenn er die Wahrscheinlichkeitsrechnung mit einem Sack voll kleiner Kugeln und eine davon ist markiert, verständlich machen will, der Glücksgriff ist hier das Schlussbild, auf das die Geschichte hinausläuft, von dem aber weder die Filmemacher noch der Zuschauer vorerst ahnen konnte und kann, was es sein wird, auf das er sich aber freut und dann vermutlich noch überraschter sein dürfte, dass es genau das wird.

Zu viel soll gar nicht verraten werden aus den Schulstunden, den Besprechungen mit Eltern, den Besprechungen unter den Lehrern, den Stunden mit anderen Lehrern, der ganz speziellen Geschichte von Stadtallendorf, die sich teils wie eine nicht unbedingt angenehme Folie über das Heute schiebt, von der Klassenfahrt, vom Kunstunterricht.

Erwähnenswert ist, dass Herr Bachmann über eine Kunst verfügt, die immer völkerverbindend ist, gerade wenn Sprachbarrieren da sind: die Musik, die er auch mit seinen Schülern pflegt. Und die Schüler, die gewinnt man richtig lieb, es ist, als ob man sie persönlich kennen gelernt hätte.

Garagenvolk

Kreativ-Quartier

Die einzige Kneipe, die in diesem Dokumentarfilm von Natalija Yefimkina vorkommt, heißt „Hinter dem Polarkreis“, ein grelle Neoninschrift in der Gegend von Polarlicht, ewiger Nacht oder ewigen Tages.

Die Probleme der Menschen aber sind die gleichen wie überall auf der Welt, bis auf ein paar lokal bedingte Dinge, die hier möglicherweise zu vermehrtem Wodka-Genuss verführen, die unwirtliche Lage oder aber auch die filmogene, karge Berggegend, die Häuser von Murmansk, die wie Schafe sich aneinanderdrängen und etwas erhöht darüber ein Schutthügel, eine Industriebrache, ein Areal mit jeder Menge Garagen, deren Zweck längst nicht mehr das Unterstellen von Autos ist.

Hier haben sich Kreative, wie wir modern westlich sagen würden, eingenistet. Dem einen sein Schrebergarten ist dem anderen seine Garage. Die Garagen dürften nicht anders sein als jene, in denen unsere ganze IT-Welt erfunden worden ist: Orte für Tüftler, Bastler, Künstler, Musiker, Schrottverwerter.

Das Motto eines der Garagenmenschen: „Was du auf Erden erschaffst, ist dein himmlisches Leben“. Der das sagt ist Viktor und bei Ende der Dreharbeiten liegt er auf dem Friedhof. Über Jahrzehnte lange hat er in seiner Garage gegraben, eine Aktivität, die in einer Bergbaugegend nicht unbedingt exotisch wirkt. Aber er hat allein gegraben, mit Schaufel und Eimer und nur mit einer einzigen, schwachen Glühlampe. Er hat Etagen in die Tiefe gegraben, immer noch einen geheimen Raum drunter und noch einen. Profiteur ist der Enkel, der für seine Kumpel eine lauschige Bude eingerichtet hat.

Ein eher komisches Duo sind Vitalik und Ilja, letzterer eher ein Showman, dem die Dokukamera Push gibt, der Skier sammelt und mit Vitalik, der ihm Ende des Filmes abhanden gekommen ist, als kuriose Aktion einen Schrottbus zur Garage schleppt, ausweidet und zersägt.

Pavel schnitzt Ikonen, lässt sich eine vom Popen abschwatzen für das Bergbaumuseum.

Es gibt eine Band, auch die ist Ende des Filmes aufgelöst. Die Menschen zieht es weg von hier in angenehmere Gegenden. Roman züchtet Wachteln. Eine Garage ist ein Fitness-Raum. Die Menschen mit den Garagen geben dem Leben einen Sinn, ein Ziel, sie bewahren sich davor, in Sinnlosigkeit und Alkohol abzusaufen. Auch das ist eine ziemlich allgemeingültige Weisheit, die dieser Film mit ganz speziellen Bildern und unterhaltsam illustriert.

Saw – Spiral

Korrupte Polizisten im Visier

Dies ist ein knallharter Revengefilm, der hochkonzentriert und in grausamen Bildern Rache nimmt an korrupten Polizisten. Man sollte ihn allen Polizeischülern als abschreckendes Beispiel im Unterricht zeigen. Dann würde die Welt vielleicht eine bessere werden.

Das Thema ist vielleicht in den USA, wo der Film herkommt, von größerer Relevanz als bei uns; aber auch bei uns ist die Polizei nicht heilig.

Detective Zeke Banks (Chris Rock) wird als Assistent der Nachwuchsdetektiv William (Max Minghella) zur Seite gestellt. Zeke soll lernen, nicht mehr nur Alleingänge zu machen. Er ist der Sohn des Polizeichefs (Samuel L. Jackson).

Eine Mordserie zieht sich durch den Film. Ein Symbol, was der Täter immer hinterlässt, ist eine Spirale und spiralförmig schraubt sich die Grausamkeit, wie die Opfer misshandelt werden, hoch. Es sind immer korrupte Polizisten, die einen schauderhaften Tod erleiden; der Täter liefert Zeke detaillierte Hinweise auf die Korruption und wo die Opfer zu finden sein werden.

Darren Lynn Bousman inszeniert nach dem Drehbuch von Josh Stolberg und Pete Goldfinger packend und rasant; aber auch so, dass nie die Idee von Realismus oder Pseudorealismus aufkommt.

Es sind klar Bildspiele, die genährt sind aus einer tiefen Wut auf die Korruption bei der Polizei. Die Spirale nähert sich den beiden Detectives rasant. Um den Faden zur Realität nicht ganz zu zerschneiden, gibt es bei den ersten Gesprächen zwischen Zeke und William Hinweise darauf, wie das Privatleben von Detectives unter deren Job leidet. Das untermauert im Folgenden massiv die Bilderwelt und die grausamen Fälle, die nur ein Superhirn erdacht und vorbereitet haben kann. Spiel ein Spiel mit mir.

Waren einmal Revoluzzer

DNA-Austria

In Deutschland wäre so ein Film, wie dieser von Johanna Moder, kaum denkbar, in dem sich die intellektuelle Elite so selbstironisch und unterhaltsam auf die Schippe nimmt.

Das hängt wohl mit dem sogenannten Wiener Schmäh zusammen, den man separat untersuchen müsste und vielleicht auch damit, dass in Österreich, wie in Frankreich, die Hauptstadt auch das intellektuell-künstlerische Zentrum ist, während in Deutschland die Filmproduktion sich in x Länderförderungen verästelt, jeder Landesfürst ein kleiner Hollywoodproduzent, was natürlich nicht gelingen kann, was schon in die Drehbucharbeit miteinfließt, die Texte und Themen müssen gremien- und meist auch TV-kompatibel sein, was zu massiven Witz- und Substanzverlusten führt.

In Wien ist es die mittlere Generation von Intellektuellen, von Gebildeten, die mit Weltveränderungsambitionen ins Leben gestartet sind und nach einigen Jährchen in Berufs-, Ehe- und Familienleben so manchen Abrieb erfahren haben; es wird ein 40. Geburtstag gefeiert.

Der Fall, der Weltoffenheit und Toleranz auf den Prüfstand und die inzwischen eingerichtete Komfortzone in Frage stellt, ist folgender: Helene (Julia Jentsch) ist Richterin. Sie ist mit Jakob (Manuel Rubey) zusammen, der gerade eine Ruhephase braucht, um seine kreative Schwäche zu überwinden, um wieder Songs komponieren zu können (schön, wie er seine Ideen an einer Wäscheleine aufhängt). Die beiden Töchterchen haben Jakob und Helen bei den Großeltern untergebracht.

Helen bittet den befreundeten Volker (Marcel Mohab), ein verschlossenes Couvert an jemanden in Moskau zu überbringen, da Volker dort oft geschäftlich zugange ist. Volker ist mit Tina zusammen. In Moskau kommt es zu einer höchst konspirativen Übergabe des Couverts an den abgetauchten Pavel (Tambet Tuisk).

Die Folge ist ein urchristliches Problem, was die Christenheit sich jede Weihnachten wieder erzählt: die Suche nach einer Herberge. Denn Volker hat aus eigener Initiative Pavel samt Frau Eugenia (Lena Troonina) und Kleinkind zur Ausreise aus Russland verholfen. Da Eugenia offenbar international zur Fahndung ausgeschrieben ist, haben die beiden befreundeten Paare ihr Problem mit deren Unterbringung.

Dieses Problem wird zum Lackmustest ihres ehemals propagierten Revoluzzertums, ihres Idealismus und beschert dem Film jede Menge kuriose, für den Zuschauer köstliche Situationen; wobei auch jeder sich an der eigenen Nase nehmen dürfte und sich fragen, wie würde ich reagieren, wenn plötzlich hilfesuchende Menschen vor meiner Tür stehen. Josef Hader hat einen Auftritt als Vater von Volker und Autor eines sinnstiftenden Buches.

The Painted Bird

Der Film von Vaclav Marhoul nach dem Roman von Jerzy Kosinksi erinnert stark an Komm und Sieh. Coming-of-Age-Odyssee eines verwaisten Jungen durch die Wirren eines Krieges, hier spezifiziert an einem jüdischen Schicksal.

Es ist Joska (Petr Kotlar) der kaum ein Wort spricht, von dem behauptet wird, er sei ein jüdischer Junge, der diesen Kreuzweg in die erwachsene Menschenwelt geht, der mit den abgründigsten Abgründen menschlichen/unmenschlichen Verhaltens konfrontiert wird. Der aber immer auch wieder gute Menschen trifft, die ihm helfen. Über den ganze Film spricht er kaum ein Wort. Er wird Symbol des stummen Zeugen einer Menschheit, die Zivilisation noch lernen muss, falls überhaupt. Auf dem Klavier kann Joska „Pour Elise“ spielen!

Der Film ist angelegt als Stationenweg, ist ein Schwarz-Weiß-Bilderbogen in dieser edlen Art, die zuerst die Schönheit sieht der Natur, die Idylle, auch das Pittoreske an Armut. Die Kapitel sind mit den Namen von Akteuren überschrieben MARTA, OLGA, MÜLLER, LEKH und LUDMILA, HANS, PREISTER & GARBOS, LABINA, MITKA, NIKODEMUS UND JOSKA. Bis die Menschen sich zeigen, wie sie sind, wenn sie sich wie Gott fühlen, wie Herren der Natur, stärker als die anderen, sich überlegen fühlen und glauben, mit dem anderen Menschen tun und lassen zu können, was immer sie wollen von Mord, Vergewaltigung, Plünderung, Folter.

An einer Stelle ist der Protagonist stummer Zeuge und Beiwohner eines Heckenschützen, der ihn lehrt, dass es so gehe, Auge um Auge und Zahn um Zahn. Hier soll er lernen was ein Kommunist ist und wird in eine Uniform gesteckt. Hier hat er sein sexuelles Erwachen bereits hinter sich gebracht, hier ist er bereits selber brutal geworden, erschlägt von hinterrücks einen alten Mann, raubt dessen Kleider, alles Dinge, die er selber auf seinem Weg schon beobachtet und gelernt hat.

Der Titel bezieht sich auf einen freundlichen Mann, einen Vogelhändler. Der färbt einige Federn eines seiner Vögel und lässt ihn zu einem Vogelschwarm fliegen, der ihn wegen der Farbmarkierung massakriert. Von solchem Vogelmarkieren war im Zusammenhang mit der Auswilderung des Bartgeiers in den bayerischen Alpen zu lesen. Auch diese Vögel werden in die Wildnis entlassen. Allerdings sind sie Aasfresser, vor allem Knochenfresser.

Filme, die sich an Armut, Schwarz-Weiß-Idylle, Grausamkeit und gepeinigter Jugend delektieren und das als hohe Kunst pflegen. Uneingeholtes Vorbild: KOMM UND SIEH. Die gebannt sind von den Grausamkeiten, zu denen der Mensch fähig ist – im krassen Gegensatz zu der unglaublich schönen Natur, die in Schwarz-Weiß noch bestechender wirkt, ob Sonne, Regen oder Sturm, ob Tag oder Nacht. Der Mensch, geworfen auf eine Erde, auf der es leider auch noch andere Menschen gibt. Aber es gibt auch immer wieder gute Menschen, das gehört zum Genre.

Die Menschheit hier ist krude, sieht oft aus wie ein Opernchor, ist in Lumpen und Dreck; lebt armselig in Hütten; erinnert an das Urchristentum, das sich in den Katakomben von Rom versteckt hielt; ist ein Gegenbild zur zivilisatorisch-städtischen Gesellschaft; ist abergläubisch, verfolgt Außenseiter und Andersdenkende; inosfern ist sie auch wieder nicht allzu weit von der modernen städtischen Gesellschaft, von der hochzivilisiserten IT-Gesellschaft entfernt, in der Rassimsus, Antisemitismus, Homophobie Furore machen in Form von denunziatorischen Shitstorms.

Verständlich, dass ein Fim, der sich so auf die menschlich-archaische Ebene begibt, als nicht jugendfrei gekennzeichnet ist.

So ein Film geht von genereller Traumatisierung der Menschen aus; die diese weitergibt, Erbtraumatisierung gewissermaßen.

Vielleicht könnte man auch von einer Art Wandgemälde-Kino sprechen.

Wobei die Gruppeninszenierungen, Gruppenvergewaltigungen, Gruppen-Lynch-Geschichten oft etwas Operchorhaftes haben, also auf die Kunststufe erhoben werden; was sie erträglich macht; der Symbolgehalt für die dunklen menschlichen Eigenschaften. Und im Hintergrund tobt der Krieg.

Nicht als Anklagefilm zu verstehen, viel mehr als ein Film, der fassungslos darüber ist, wozu die Menschen fähige sind: zu allem. Und das ihm Rahmen eines schauderhaften, odyssehaften, irrsinnigen Coming-of -Age beinah durch eine Enzyklopädie der Grausamkeiten und Scheusslichkeiten.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Moralisches Kino

Die Stärke des Schauspielers Matt Damon liegt darin, das zeigt dieser Film von Tom McCarthy (Win Win, Spotlight), der mit Marcus Hinchey und Thomas Bidegain auch das Drehbuch geschrieben hat, einem Film unerbittlich seinen Stempel aufzudrücken.

Dieser Stempel scheint den Traum vom einfachen, amerikanischen Bürger mit dem untrüglichen Rechtsgefühl zu symbolisieren; und wenn da was schief läuft, dann darf er selbstverständlich zur Selbstjustiz greifen.

Dieser amerikanische Traum könnte inspiriert sein von Schillers Figur des Wilhlem Tell, nicht nur, dass bei ihm die Axt im Haus den Zimmermann erspart (hier gibt es eine Handwerksbude im Keller eines Mietshauses in Marseille; also recht exotisch für einen biederen Amerikaner), sondern auch der Selbstjustizgedanke ist beim schwäbischen Dichter schon angelegt; dafür hält Tell beim Apfelschuss den zweiten Pfeil im Köcher bereit.

Die Amis treiben das weiter. Hier weist Damon gleich einen ganzen Clan aus Marseille in seine Schranken. Wohlverstanden, er, der hier einen ganz einfachen Bauarbeiter spielt. Seine Tochter Allison (Abigail Breslin) sitzt in der südfranzösischen Metropole wegen angeblichen Mordes seit 5 Jahren im Gefängnis.

Allison hat eine neue Spur und da die Offiziellen nicht kooperieren wollen, geht Damon auf eigene Faust auf Verbrecherjagd. Erst muss er den Typen Akim (Idir Azougli) finden, um eine DNA zu erhaschen. Damit könnte ein schmieriger Detektiv, der Zugang zu den Datenbanken der Polizei hat, den wahren Täter identifizieren.

Ein Drehbuch- oder Hotelzufall verschafft Bill, wie Matt Damon hier heißt, die Bekanntschaft zur Schauspielerin Virginie (Camille Cottin), die mit ihrem süßen Töchterchen Maya (Idir Azougli) allein lebt: RomCom ik hör Dir trapsen.

Die Musik versucht mit allen Mitteln und Volumina dem doch sehr beschaulichen Erzählgang, der sich offenbar mit dem Rollenideal der Biederkeit identizifiert, auf die Sprünge zu helfen. Aber Damons Erzählgaul will und will nicht in eine schnellere Gangart als den beschaulichen Trott wechseln; so passiert auch kaum Unerwartetes; man sieht die Dinge kommen; was durchaus eine Qualität ist.

Als lebensweisheitliches Einsprengsel wird der Unterschied zwischen Akzeptanz einerseits und Hoffnung andererseits als Beschreibung der Situation des Gefangenen angeführt.

Verwirrend ist die deutsche Synchro; einerseits heißt es, Bill (Matt Damon) spreche kein französisch; so wird manchmal die deutsche Synchro mit französischem Akzent gesprochen, manchmal nicht, manchmal unterhält sich Bill ganz normal mit Franzosen und im nächsten Moment heißt es wieder, er verstehe nicht oder er werde nicht verstanden.

In einer Theaterprobe von Virginie gibt ihr der Regisseur die Anweisung, sie müsse sich an den Rhythmus des Lichtes halten; Rhythmus des Lichtes, nie gehört. Zu diesem Begriff ein paar Suchmaschinen-Resultate: touchofart, pro-4, fanfiktion, nd-aktuell.