Archiv der Kategorie: Review

Violent Night

Mit dem Holzhammer

soll hier Weihnachten zertrümmert, das Blut zum Spritzen, der Gag zum Platzen, das Kino zu Fetzen gehauen werden. Und: Holzhammer möchte lustig sein.

Regie mit der Holzhammermethode nach Tommy Wirkola (Hänsel & Gretel: Hexenjäger), ein Drehbuch soll es auch gegeben haben von Pat Casey und Josh Miller.

Immerhin nach 40 Minuten gibts einen Splatter- oder Trash-Gag mit einem elektrischen Weihnachtsstern, der ins Auge geht. Später tröpfelt noch der eine oder andere nach und der richtige Holzhammer kommt in Schwingung. Immerhin: ehrliches Handwerk – die Kampf-Szenen scheinen sie nicht mit Computertricks gedreht zu haben.

Eine Rühr- und Familiengeschichte muss auch reingehämmert werden, um ja nicht den Spaß am Zertrümmern so richtig und damit auch richtig schräg ausleben zu können; als Trümmerbremse.

Der Plot ist dünn wie Bohnenstroh. Ein Scheusal von einer Superreichen, eines ihrer ersten Wort lautet: Cocksucker, soll um ihr Geld erleichtert werden am Weihnachtsabend, der zum Holzhammer-Abend wird. Ihre Privatarmee und ihre Securityleute haben sich gegen sie verschworen. Ihr Sohn kommt mit Gattin und Töchterchen, ihre Tochter mit Gatten und Sohn.

Doch der Weihnachtsmann funkt dem Attentat dazwischen. Zuallererst wird er in einer Kneipe mit Schlürfen, Rülpsen und später mit Kotzen vorgestellt wird, was als ein Hinweis auf das beabsichtigte Niveau des Filmes gelesen werden kann, das ist noch in Bristol GB. Später kacken die Rentiere vom Gespann vorm Weihnachtsschlitten; da sind wir vielleicht schon in Greenwich Connecticut.

Auch der Cast scheint nach der Holzhammermethode zusammengeprügelt worden zu sein. Ist eh egal, solange die Menschen dumm sind, spielt es keine Rolle, und solange Security-Leute Operettenuniformen tragen. Ein Bisschen blöd ist halt, dass der Safe schon leer geräumt ist mit den 300 Millionen, aber da ist die Logik längst zetrümmert in diesem Leinwandverhau. Es werden mit dem Holzhammer lauter Sinnlosigkeiten zusammengehauen.

Ein Gag wirkt unerwartet aktuell: das kleine Mädchen (wie kann sich so ein sympathisches Ding in so einen Holzhammerfilm verirren!) hat den Boden offensichtlich mit Kleber als Falle für die Verfolger vorbereitet. Da fallen einem die modernen Straßen- und Kunstwerkkleber ein.

Mistletoe Ranch – Wo das Herz wohnt

Lost & Found
Herzerwärmend aus einem Guss

Über eine wahrhaftige Liebe, die Umwege braucht und auch das Zutun von anderen Menschen und Umständen, um sich zu einer perfekten Weihnachtsgeschichte aus Down Under zu runden.

Weihnachten, also die Weihnachtsfeier weit über die Familie hinaus, ist das Ereignis, das die Tremblays von der Misletoe Ranch zusammenbringt, aber auch auseinanderdividiert, nachdem die Mutter von Aimée (Mercy Cornwall) gestorben ist.

James Hunt (Jordi Webber) und Aimée waren sich da gerade in gefühliger Annäherung zugeeignet, das Herz im Baumstamm. Dann starb die Mutter. Aimée geht in die große Stadt, arbeitet bei einem erfolgreichen Fotografen als Assistentin. Animiert dazu hatte sie die Fotografin Ivy (Andrea Moor), die sie aber nie persönlichkennengelernt hat und die ein Foto von ihrer Mutter gemacht hatte.

Im Atelier verkauft sich Aimée weit unter Wert. Sie fotografiert wie eine Meisterin, wenn der Boss nicht da ist; das ist oft der Fall. Wird aber nur als Assistentin geführt. Hier stellt der Film von Rhiannon Banneberg nach dem Drehbuch von Claire J. Harris sie bei der Arbeit vor. Alles verabschiedet sich in den Weihnachtsurlaub. Sie fährt nach langer Zeit wieder nach Mistletoe Ranch.

Die Erzählung geht sanft und behutsam vor; nichts Knalliges wird reingedrückt; die Menschen sind immer ganz bei sich und ihrer Situation; das erzeugt eine gepflegte, menschenrespektierende Atmosphäre von hoher Gelassenheit und Ruhe, ja Festtäglichkeit und Würde; das Dunkle ist zwar da; aber es bekommt keinen prominenten Auftritt.

Der Film zeigt die Rückkehr in die von Aimée geerbte Ranch. Vieles ist geändert. Die Möbel sind abgedeckt. James ist immer noch da. Die erste Begegnung ist kühl. Aber die unterirdischen Strömungen der Gefühle machen sich bemerkbar.

James hat ein Mädchen, Juniper (Molly Belle Wright), die schon hübsch singt und später einen Weihnachtsengel spielt. Aimée will die Tradition der Weihnachtsfeste wieder aufnehmen. Es gibt auch eine Mutter des Mädchens, aber die ist Schauspielerin und Liebe zu James gibt es grad gar nicht.

In beiläufigen Begegnungen bahnt sich das unterschwellige Thema seinen Weg an die Oberfläche. Der alte Charlie (Charles Allen) ist ein diskreter Strippenzieher; er agiert im Sinne der verstorbenen Mutter. Die verlorene Liebe kommt immer mehr an den Tag, die wahrhafte Liebe, die unterdrückte Liebe, die teils vergessene und verdrängte Liebe.

Die Themen sind weich gebettet in schöne Bilder und in ebenso weiche, einfühlsame Musik gehüllt, die Menschen sind schön, Aimée strahlt eine seltene Reinheit aus; und auch James zeigt, dass er seine Reinheit nicht verloren hat. Die stimmige Vorasussetzung für eine großartige weihnachtliche Liebesgeschichte.

Medusa

Brasilien, seine Politik, seine Religion, seine Sexualität
Brasilianische Welten

Da der Mensch ein geschlechtliches Wesen ist, ist er der ewigen Versuchung durch diese ausgesetzt und seit jeher versucht er wiederum gegen diese Versuchung anzukämpfen, versucht die Geschlechtlichkeit in eine gute und eine schlechte, in eine duale Welt aufzuteilen, hie gut, da böse.

Das Thema wird gerne auch von der Kirche okkupiert, besonders in einem Land wie Brasilien, wo die Evangelikalen, christliche Freikirchen, großen Zulauf und auch politischen Einfluss haben.

Anita Rocha da Silveira schweift nun in diesem Themenbereich mit typisch brasilianischer Ikonographie herum, wandelt zwischen den Welten von Sünde und Reinheit, lässt ihre Proatogonistin Mariana (Mari Oliveira) in telenovelasouveräner Handschrift durch diese Realitäten Brasiliens wandeln, durch diese Gegensätze von Karfreitag und Karneval, von Schlange und Schlampe, durch dieses moralische Schlachtfeld, in dem der Prediger letztlich von der von ihm gegeißelten Sünde lebt, der Ordem deus e progreso, die heiligen Wächter, attraktive, junge starke Männer; militant, sexy.

Lässt Frauen zusammenkommen, die nachts mit Masken durch die düsteren Straßen ziehen auf der Suche nach Schlampen, die sie verhauen können und dann vielleicht auch retten. Lässt sie die Geschichte von Melissa erzählen, der promiskutivsten Frau der Welt. Lässt sie berichten von einem Chaos, das durch das Aufeinandertreffen von gefallenen Frauen mit Engeln entstehe, die Giganten und dass Noah inmitten dieses Chaos sei.

Der Messias sei real, heißt es für die vielen hübschen Frauen, die sich schön machen, um die Botschaft im Internet zu verkündigen und sich über die Likes freuen. Diese Botschaft kann auch in einem Song verarbeitet und verbreitet werden. Die wissen um den richtigen Pfad, sind aber immer auch geschlechtlich und also nicht gefeit gegen die entsprechenden Versuchungen.

Es gibt eine Schönheitsklinik mit interessanten Geschichten und eine Pflegeabteilung mit nicht minder interessanten Geschichten über die Koma-Patienten. Unsere Protagonistin bekommt Einblick in beides und ein Krankenpfleger ist auch nur ein Mann.

Die Frauengruppe postet ihre Selfies in ihrem Videoblog „The Call of Michele“. Auf der Schule soll Clarissa auf ein besseres Leben vorbereitet werden.

Der Film wirkt wie eine schlafwandlerische Improvisation durch seine Themen, gerne im Zwielicht, gerne mit deutlichen Farbfiltern rot, grün, blau, ab und an mit visueller Horrortendenz; dann aber auch wieder mit dem biederstmöglichen Heiratsantrag oder exzessivem Tanz, um Besessenheit, Geist, Verbrennung, unheilige Gedanken, glühende Fantasie junger Frauen. Die Regisseurin verstrampelt sich etwas in ihrem Gegenstand.

Der Film suhlt sich, ergeht sich in in Brasilien nicht ungewöhnlichen Topoi zur Beschreibung dieses ewigen menschlichen Zwiespaltes des Menschen durch seine Natur als geschlechtliches Wesen.

Mehr denn je – Plus que jamais

IPF

Lungenfibrose ist eine heimtückische und nicht kurierbare, tödliche Krankheit, falls nicht ein Spender für eine Organtransplantation gefunden werden kann.

Emily Atef (3 Tage in Quiberon, Töte mich) hat die Krankheit jetzt mit Ko-Autor Lars Hubrich (Auerhaus, Tschick) zum Thema ihres neuesten Filmes gemacht und die Hauptrolle der von Lungenfibrose befallenen Hélène mit Vicky Krieps besetzt, die einen sofort an Elisabeth in Corsage erinnert, auch eine Frau in beengten Verhältnissen, auch das ein Film von einer Frau, der sich mit der Befindlichkeit der Frau beschäftigt.

Hélène lebt in Paris mit Matthieu (Gaspard Ulliel) zusammen, der, das beobachtet Emily Atef ganz genau, sich sofort zum Kümmerer verpflichtet fühlt, was Hélène nicht passt. Es ist das Thema, was über dem ganzen Film lastet, wie weit will ein Mensch eine solch irreversible Krankheit den anderen Menschen gegenüber ausstellen, sie dadurch gar mit dem Problem der Sterblichkeit belasten oder wie weit möchte so ein Mensch mit dieser Krankheit allein bleiben, um nicht den unbeholfenen Interessenbekundungen ausgesetzt zu sein.

Das wird sehr deutlich in den ersten Szenen, die wie alle Szenen in Paris kameratechnisch eng gehalten sind. Matthieu will seine Freundin überreden, zu einer Einladung unter Freunden mitzukommen. Sie sträubt sich dagegen, gibt aber nach und es wird kein easy Spaziergang.

Hélène hat plötzlich den Wunsch, nach Norwegen zu fahren. Sie hat einen Kontakt übers Internet. Sie ist keinesfalls begeistert von der Idee einer Transplantation. Sie verspricht sich Linderung von Fjorden, Wasser, Luft, Natur. Es ist nicht einfach, Matthieu davon zu überzeugen, dass sie allein fahren möchte.

In Norwegen kommt Hélène in einer einfachen Fischerhütte von Mr. Bent (Bjorn Floberg) unter. Mit der Ankunft in Norwegen kommt auch das Vermissen des geliebten Mannes ins Spiel. Aber es gibt ja das Internet, die Mobiltelephonie, SMS – wenn denn die Verbindungen funktionieren.

Ab Norwegen laviert der Film trotz des enormen Flows dank der Schnittmeister Hans-Jörg Weißbrich und Sandie Bompar etwas unentschieden zwischen dem Verhältnis zum Vermieter und dem Verhältnis zum in Paris verbliebenen Partner, schlängelt sich wie ein Fjord in zerklüftetem Gebiet in Richtung eines versöhnlichen Endes, nachdem Mr. Bent noch kurz niedergestreckt werden musste wegen einer doch etwas aus dem Ärmel geschüttelten Rivalität, die Matthieu zu Bent empfindet. Der Film ist Gaspard gewidmet, Gaspard Ulliel, der anfangs dieses Jahres nach einem Skiunfall gestorben ist.

Geisterschiffe – Der wahre Preis für unseren Fisch

Im Trüben fischen

Die Fischereiindustrie in Thailand macht einen 9-Milliarden-Umsatz, dürfte also volkswirtschaftlich bedeutsam sein, weshalb der Premierminister bei einem Besuch der Organisation LPN von Patima lieber vage bleibt, dass Missstände selbstverständlich beseitigt gehören und die Menschen anständig bezahlt werden müssen. Allerdings bleibt auf hoher See einiges im Trüben und sicherlich auch schwer kontrollierbar.

Der Film von Shannon Service und Jeffrey Waldron beschreibt die Ausgangslage so, dass durch die industrielle Fischerei die reichen Fischbestände in Ufernähe ausgedünnt werden, dass die Schiffe immer weiter aufs Meer hinausfahren müssen und so die Arbeiter immer länger von zuhause wegbleiben, weshalb immer weniger Arbeiter sich für solche Schiffe finden lassen.

So schnappt sich die Industrie, wie in einem Fall nachgestellt wird, Männer, verbringt sie auf ihre Hochseeschiffe, wo sie oft wie Sklaven ohne Bezahlung gehalten werden. Land sehen sie nie. Das Sklavenschiff sieht offenbar jahrelang kein Land, weil es von einem sogenannten Mutterschiff versorgt wird, das auch den Fang entgegennimmt.

Um diese Männer, die wie Sklaven gehalten werden, geht es. Wie es Männer dann trotzdem schaffen, vom Schiff abzuhauen, bleibt im Dunkeln. Es sammeln sich welche aus Indonesien auf Burma, heiraten da, bleiben für die Angehörigen zuhause verschollen.

Um solche Fälle kümmert sich die Organisation von Patima, die deshalb sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden sei. Sie schaffen es tatsächlich in einem Fall, dass ein Sklavenopfer eine Entschädigung von den im Dunkeln bleibenden Schiffseignern erhält.

In einem anderen Fall gelingt es ihnen, einen Zeugen im burmesischen Dschungel ausfindig zu machen, der einem weiteren Opfer zu einer Entschädigung verhilft. Es ist also in gewisser Weise ein Real-life-Abenteuerfilm, die Fahrt mit der Gruppe um Patima von Indonesien nach Burma, auf Dschungelinseln, um da dünnen Spuren zu folgen aber auch Ablehnung zu erleben. Und da sie fündig werden, wird es zu Rührszenen kommen.

Filmlandschaftlich ist die Gegend reizvoll und auch das zweistöckige Boot, mit dem die kleine Abenteuerergesellschaft, auch mit Drohnen bewehrt, in dem Inselgebiet rumschippert. Leider gibt es beim Fisch im Supermarkt noch keine Zertifizierung, dass für den Fang keine Menschen als Sklaven gehalten worden seien.

Vandana Shiva – Ein Leben für die Erde

When money is your master, then conscience is no longer your guide.

Eine blitzgscheite Frau, hochgebildet, Forscherinnentyp, die die Dinge und ihre Ursachen verstehen will, ihr Idol ist Albert Einstein, ihr Background die Natur. Wie sie nach ihrem Studium aus Kanada nach Indien zurückkehrt, hat sich diese verändert, eine Holzmafia hat die Bäume gefällt, die Natur verändert. Das löst eine Frauenbewegungen aus. Sie umarmen Bäume (Women of Chipko). Eine symbolische Handlung.

Als nächstes verwüstet der Abbau von Bodenschätzen die Natur. Es entsteht ein Wasserproblem. Immer versucht Vandana Shiva die Zusammenhänge zu verstehen, Lösungen zu finden. Auch im familiären Bereich. Es geht um das Sorgerecht für ihr Kind. Das stand damals gemäß Gesetz dem Vater zu, egal, ob Alkoholiker oder was auch immer. Sie zieht bis vors oberste Gericht, ein riskantes Unternehmen (1985). Das führt zu einer Gesetzesänderung.

Von der Forscherin wird Vandana Shiva so immer mehr zur Aktivistin. Die Bhopal-Katastrophe, die zerstörerische Wucht der chemischen Industrie auf die Natur, auf die Landwirtschaft. Sie wird zum Inbegriff des Bösen für die industrielle Landwirtschaft, weil sie ihr vorwirft, systematisch die Böden und die Natur zu zerstören.

So schafft man sich gewaltige Feinde, die ihr Geschäftsmodell in Gefahr sehen. Sie hat die „Green Revolution“ als gar nicht grün entlarvt (sie führt zur Wüstenbildung). Sie gründet Samensammlungen. Sie kämpft für eine kleinteilige, nachhaltige, vielfältige Landwirtschaft. Sie wird immer mehr zur internationalen Aktivistin. Sie argumentiert umwerfend entwaffnend. Anfangs sträubt sie sich dagegen, Bücher zu schreiben. Aber wie sie es tut, wird sie noch viel bekannter.

Camilla Becket und James Becket, die mit Anthony Ellison auch das Buch geschrieben haben, stellen Vandana Shiva teils in popkulturähnlichem Bildermix vor. Gehen aber dann die verschiedenen Entwicklungstufen und entscheidenden Punkte in ihrer Aktivistenkarriere durch, mit Archivmaterial von ihren Auftritten, von Katastrophen, von Denunziationen; Schwester und Sohn und auch ihre Verlegerin zählen zu den Talking Heads.

Es ist ein süffig konsumierbares Portrait entstanden zu einem immer wichtiger werdenden Thema in Zeiten immer extremerer Wetterlagen. Siehe auch Ben Verhaag Und es geht doch – Agrarwende jetzt! über die Schwäbisch Haller Erzeugergemeinschaft.

Sonne

Die Kunst der Doublage des Lebens,

ist hochgeschätzt beim Produzenten des Filmes, bei Ulrich Seidl. Um diese Verdoppelung, diese Glauwürdigkeit zu erzielen setzt Regisseurin Kurdwin Ayub, die auch das Drehbuch geschrieben hat, alle Mittel ein. Sie infiltriert sich gewissermaßen in das Leben einer kurdischen Familie in Wien, Vater, Mutter, Sohn, Tochter; auf engstem Raum findet das Familienleben statt.

Die Tochter, die älter ist als der Bruder, trägt Kopftuch, konsequent, auch zu Hause. Sie hat Freundinnen, Schulkameradinnen. Sie albern rum, hängen rum. Sie nehmen ein Video auf. Das geht viral. Vater sieht es, ist begeistert. Mutter sieht es, ist entsetzt.

Das hört sich jetzt so nach ordentlicher Geschichte an.

Kurdwin Ayub lässt sich ganz hinein in den Flow des Lebens dieser Familie, dieser jungen Frauen, Stream of Life, der ein Mix ist aus Reallife und dessen Porträtierung auf Video im Internet. Diese Stellen sind auf der Leinwand ganz schmal, so schmal wie der Screen eines Handys im übertragenen Sinne. Es gibt viele davon.

Es gibt Probleme mit dem jüngeren Bruder. Vater geht gerne auf Hochzeiten, nimmt Frau und Kinder mit. Charakteristisch für die Lebens-Doublage ist auch eine ungezügelte Handkamera, die ständig in Bewegung ist, Angst vor der Ruhe hat. Das Kopftuchthema wird gar nicht erst vertieft. Erst zeigt die Protagonistin, dass sie es immer trägt und für normal hält – kein Wort darüber, dass es eiskalt die Unterordnung der Frau unter die Herrschaft des Mannes bedeutet. Und von einem Tag auf den anderen lässt sie das Kopftuch weg, wie die Eltern in die Heimat reisen. Als ob es bloß ein neckisches Accessoire gewesen wär; bedeutungslos.

Der kleine Nick erzählt vom Glück

Der kleine Nick und seine beiden Väter

Der von einer Armada von Computerspezialisten angerichtete, kunstvolle Film von Amandine Fredon und Benjamin Massoubre nach dem Drehbuch von Michel Fessler, Anne Goscinny und René Goscinny, erzählt die Entstehungsgeschichte der Zeichenfigur des kleinen Nick.

Filme über den kleinen Nick und seine Erlebnisse zuhause, mit seinen Freunden und in der Schule gibt es bereits: Der kleine Nick auf Schatzsuche oder Der kleine Nick.

Hier im Film wird als Animation berichtet, wie der Zeichner Jean-Jacques Sempé und der Autor René Goscinny sich kennelernen und die Figur des kleinen Nick erschaffen.

Erst macht Sempé eine Zeichnung und Goscinny ersinnt die Texte dazu. Hier ist die Zeichenfigur Nick oft im Gespräch mit seinem Schöpfer, dann ist er wieder zuhause bei Mama und Papa, sie freuen sich auf einen Fernseher.

Der Film fängt 1955 an und Nick ist später begeistert, dass er auch seine Schöpfer im Fernsehen sehen kann; dass er im Kleinbürgermilieu angesiedet wird.

Der Film geht von Sempé-Zeichnungen aus und bearbeitet diese, lässt sie zu laufenden Bildern werden und erzählt auf diese Art kleine Begebenheiten aus dem Leben von Nick, wie er Freunde findet, wie sie ins Schullager fahren, wie sie dort fischen.

Der Film kann gesehen werden als eine würdige Hommage an zwei ungewöhnlich kreative Künstler, die durch die Zusammenarbeit auch zu Freunden geworden sind. Goscinny ist bereits 1977 gestorben, während Sempé dieses Jahr im August verschieden ist. Der Film kann in gewissem Sinne auch eine Bildungslücke schließen, für Leute, die nichts über die Hintergründe des charmanten Buben, der als kleiner Nick berühmt wurde, wussten.

Clody Mountain

Chinesische Katastrophe,

wäre ein Fehlhinweis zu diesem Film von June Lee. Stimmig wäre einzig, dass der Film aus China kommt und ein Katastrophenfilm ist, als Film aber überhaupt keine Katastrophe.

Beim Katastrophenfilm spielt die Herkunft keine allzu große Rolle. Die Natur fordert mit Variationen ihrer Gewalt die Menschlein heraus. Sie rennen und zappeln, sie geben sich wagemutig, waghalsig, halsbrecherisch in Lebensgefahr, um der Katastrophe zu entrinnen, entwickeln sich zu Helden, ja zu Mehrfachhelden, bis professionelle menschliche Katastrophenhilfe, hoffentlich rechtzeitig, kommt, Hilfskräfte gelangen zum Einsatz, es können Dispute entstehen zwischen Funktionären und den Helfern vor Ort, es geht um die Analyse der Katastrophe, auch mal ein Streit um die eventuelle Vorhersehbarkeit.

Zum Katastrophenfilm gehören nachvollziehbare Einzelschicksale. Hier ist es zentral eine Vater-Sohn-Beziehung, die einen Härtetest durchmachen muss. Opferbereitschaft spielt eine Rolle, das eigene Leben zur Rettung anderer riskieren.

Hauptdarsteller aber ist die Natur mit ihren Gewalten, die keine Rücksicht auf Menschen kennen. Hier im chinesischen Exempel eines gelungenen Katastrophenfilmes geht es um den Tunnelbau für eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke, ein politisch ambitioniertes Projekt, auch vom Zeitplan her. Verzögerungen sind inakzeptabel.

Was aber, wenn der Berg sich plötzlich bewegt und zwar so, dass jede beobachtende Vorhersage ins Leere geht. Wenn der Berg plötzlich ein unergründliches Eigenleben entwickelt, nicht nur mit Rissen, Steinschlag, sondern auch mit Wasserdurchbrüchen und der Gefährdung für eine Großstadt in der Nähe? Dann spielt der chinesische Katastrophenfilm gekonnt auf der Klaviatur des Genres, physikalische Logik hin oder her, zeigt dem Zuschauer in atemberaubendem Tempo verschiedene Schauplätze rund um das Geschehen, Gruppen verschiedener Akteure, Betroffener und Helfer.

Kinder in Gefahr sind dabei filmisch besonders dankbar, erst recht, wenn sie in der Not anfangen zu singen. Das chinesische Kino zeigt, dass es sein Katastrophenhandwerk beherrscht, durch und durch und mit Suspens und macht ganz nebenbei noch Werbung für das Hochgeschwindigkeits-Zugsystem im Lande, dessen Ausbau durch die Katastrophe kurzzeitig gefährdet scheint. Zwei Kinostunden in atemberaubendem Schnellzugstempo. Bei der Bekämpfung einer solchen Naturkatastrophe spielt vielleicht das politische System weniger eine Rolle als beim Kampf gegen ein kleines, dreckiges, mieses-fieses Virus.

Call Jane

Belastetes Thema al dente zubereitet

Schwangerschaftsabbruch ist ein Thema, bei dem dessen Gegner kein Pardon kennen; es ist ein Thema, über das mit den Gegnern gar nicht erst diskutiert werden kann. Insofern dürfte es ein Film über das Thema nicht leicht haben, besonders wenn er die Abtreibung befürwortet.

Phyllis Nagy hat für ihre Regie eine Geschichte nach dem Drehbuch von Hayley Schore und Roshan Sethi gefunden, die im Amerika von 1968 spielt, als dort Abtreibung illegal war. Dank exzellentem Filmhandwerk inklusive sachdienlicher Kamera und Szenenauflösung, wie Schnitt, nebst erstklassiger Besetzung gelingt es der Regisseurin einen packenden Film zu machen, der dem schweren Thema die Schwere nimmt.

Es ist die Geschichte von Joy (Elizabeth Banks), einer gut bürgerlichen Frau in uninspirierter Ehe mit Will (Chris Messina) verheiratet. Sie haben Töchterchen Charlotte, die gerade zur Frau wird. Ungewollt wird Joy nochmal schwanger. Die Schwangerschaft birgt Risiken; allerdings nicht von der Art, dass ein autorisiertes Expertengremium der Ansicht wäre, eine legale Abtreibung erlauben zu dürfen.

Die Frau ist auf sich gestellt mit dem möglichen Unheil in ihrem Bauch. Eine verzweifelte Situation, der auf legalem und offiziellem Wege nicht zu begegnen ist. So locken Zettel an Laternenmasten mit der Aufforderung „Call Jane“ und einer Telefonnummer. Eine Nummer, bei der Anrufende, das sind verzweifelte Schwangere, immer das erste Mal aufhängen. Das zweite Mal setzt es eine abenteuerliche Reise in Gang, die in einem Hinterhof bei einer Gruppe von Frauen um Virigna (Sigourney Weaver) endet, die gegen horrendes Geld Abtreibungen unter thrillerhaften Vorsichtsmaßnahmen vornehmen.

Der Arzt Dean (Cory Michael Smith) ist allerdings alles andere als Vertrauen erweckend, wirkt wie eine Figur aus einem Spukfilm. Für Joy ist mit der vorgenommenen Abtreibung nicht Schluss. Für sie fängt es erst richtig an mit überraschenden Entwicklungen, die sie vor ihrer Tochter und ihrem Gatten kaum mehr verheimlichen kann, Entwicklungen, die changieren zwischen Thriller und Schelmenroman.

Dem Film kommt insofern besondere Aktualität zu, als die Diskussion über Abtreibung nicht abreißt, als die liberale Gesetzgebung von 1973 jüngst vor dem Obersten Gericht der USA einen herben Rückschlag erlitten und somit die Diskussion erneut angefacht hat. Warum soll eine Frau das nicht selber entscheiden dürfen?