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Lebenslinien: Ricky Harris – Überlebenslustig (BR, Montag, 19. Januar 2026, 22.00 Uhr)

Wonnepfropfen

Rarität bei den Lebenslinien: ein Protagonist, Ricky Harris, für den Publikum und nicht Promitum Lebenselixir ist.

Ein Lebenslinienteam ist für ihn genau so Publikum wie die Schüler, mit denen er ein Geschicklichkeitsspiel macht, das Teamwork lehrt. Dabei wird einem ganz nebenbei eines der verstaubten Elemente des Lebenslinien-Formates bewusst, dass die Dokumentaristen in altmodischer Manier sich unsichtbar machen, so tun, als wären sie gar nicht existent; so hinterwäldlerisch dürfte selbst das Lebenslinien-Publikum nicht sein, als dass man ihm diese relativierende Ebene vorenthalten müsste.

Wenn wir schon dabei sind, auch die redaktionellen Voice-Over-Texte wirken einschläfernd, die von den ewig gleichen Stimmen gesprochen werden und dem Kontent einen unangebracht gleichmacherischen Stempel verleihen.

Wenn wir schon dabei sind, der BR müsste sich selbstkritisch befragen, wieso er dem fabelhaften Entertainer, der kein Karrierist ist und dem man nicht zutrauen würde, sich bei Fernsehredaktionen einzuschmeicheln, einzuschleimen, keine Chance gegeben hatte, nachdem sein kurzer Ruhm bei einem Shopping-Kanal und dann bei Sat1 vergangen war und er händeringend Bewerbungen überhallhin verschickt hatte.

Immerhin ist es der BR-Redaktion unter Rachel Roudyani hoch anzurechnen, dass sie Kim Koch als Regisseur und Autor diese Lebenslinien über einen ehemaligen Protagonisten eines Privatsenders ermöglicht oder ihn damit beauftragt hat; das wäre ja auch mal interessant, einen Einblick in das Zustandekommen von so einer Folge zu erhalten. Prozeduren und Vorgänge offenzulegen, wäre für einen zeitgemäßen Journalismus garantiert kein Makel, schon gar nicht, wenn er für einen öffentlich-rechtlichen Sender tätig ist.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

28 Years Later: The Bone Temple

Ein Oratorium des abendländisch-christlichen Sadismus

„Mein Gott, mein Gott“ oder auch „Vater“, „warum hast Du mich verlassen“. Das kann vielleicht als die zentrale Aussage dieses Filmes von Alex Garland nach dem Drehbuch von Nia Da Costa gelesen werden. Kann, muss nicht.

Die christlich-sadistische Ikonographie liefert einen wesentlichen Bestandteil zu den Horrorbildern. Auch der Zombie-Fundus ist wichtiger Zulieferant zur packenden Kinobilderwelt.

Dr. Kelson (Ralph Fiennes) mit viel nackter, mit Jod eingesprühter Haut lebt in seinem Knochentempel in den Highlands, dem Ossuarium. Das ist ein kunstvoll installierter Wald aus meterhohen Knochenkunstwerken, Knochenstelen.

Kelson schießt Infizierte ab, er zerlegt sie, nimmt sie aus, häutet sie, kocht die Knochen aus; das dürfte über die christlich-abendländische Ikonographie hinausgehen. Bei einem Zombie zögert er. Es ist der nackte Riese Samson (Chi Lewis-Parry). Lange Haare hat dieser auch. Hier entwickelt sich eine zarte Zuneigung. Das wird den Reiz des Tötens und damit des Heimholens in die Heimstätte des Knochentempels erhöhen.

Außerhalb des abesperrten Bezirkes des Zombiereservates hat sich die wilde Truppe der Streuner um Jimmy Crystal (Robert Rhodes) bei einer Bauernfamilie selbst eingeladen. Die Jimmys sind eine Gang von Pubertären und Jimmy Jimmy ist auf der Suche nach seinem Vater; bittschön nicht mit dem Satan verwechseln.

Reizvoll oder vielleicht auch strange oder pikant wird die Angelegenheit dadruch, dass Dr. Kelson nicht nur ein exzellentes Englisch spricht, sondern lateinische Floskeln in seine Rede einfließen lässt.

Auf der Musikspur finden sich Dinge zwischen Ethno-Jam und Oratoriumsmusik. Die Innenausstattung der Schutzraumes von Dr. Kelson, Fotos, erzählen von einem früheren, bürgerlichen Leben. Ohne so einen Nexus würde die Geschichte doch recht ankerlos im Bilderfantasieraum schwadronieren. Wobei es mir nicht reicht, daraus irgend eine geistige Anregung zu holen.

Vielleicht muss man stark katholisch geprägt sein, um eine inspirierende Beziehung zu dem Film herstellen zu können. Oder vielleicht muss man sich das nachgeschobene Kapitel, das in einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet, genau anschauen, um an Intrepretationshilfen zu gelangen. Was hat ein Ossuarium mit dem Marshallplan zu tun? Bei diesem ging es darum, dem besiegten Gegner auf die Beine zu helfen, damit man wieder Geschäfte mit ihm machen kann – oder um ihn umso liebevoller auf die Heimkehr vorzubereiten?

Madame Kika

Im sozialen Stress

So zeigt der Film von Alexe Poukine, die mit Thomas Van Zuylen auch das Drehbuch geschrieben hat, Kika (Manon Clavel), alles andere als eine Madame, wie im Titel angegeben.

Kika ist eine zupackende junge Frau, unkompliziert. Sie lebt seit 16 Jahren mit ihrem Freund zusammen. Mit ihm hat sie die Tochter Louison (Suzanne Elbaz). Sie arbeitet in einem sozialen Beruf, hat es mit lauter sozialen Miseren zu tun. Im Feierabendstress will sie, eine Hand am Handy, die andere am Fahrrad ihrer Tochter, bei einem Fahrradladen eine Reparatur machen lassen. Aus lauter Stress und Ungeschick sperrt sie sich mit dem Betreiber des Ladens, David (Makita Samba), in seinen Geschäftsräumen ein.

Als überraschende Info kommt bei einen Gespräch heraus, dass sie für ganz spezielle Kunden gebrauchte Unterhosen verkauft. Der plötzliche Tod ihres Lebenspartners lässt sie selbst zum Sozialfall werden. Job weg, Wohnung weg, Geld weg. Schwanger ist sie obendrein.

Kika hält sich nicht lange mit Trauer auf. Erst kann sie mit Louison bei ihren Eltern unterkommen. Der Wunsch eines ihrer Unterhosen-Kunden nach mehr eröffnet ihr den Weg in Welten, in denen es um das Aushalten und Zufügen von Schmerz geht, in der sie ganz neue Erfahrungen macht und wo aus Kika „Madame Kika“ wird.

The Housemaid – Wenn sie wüsste

Muttergestörtes Söhnchen

Andrew (Brandon Sklenar) ist der perfekte, schöne, erfolgreiche Mann, verdammt gut aussehend, verständnisvoll, immer freundlich, immer ein Lächeln auf den Lippen. Er wohnt mit seiner nicht minder gut aussehenden Blondine von Frau, Nina (Amanda Seyfried), in einem protzigen Villenanwesen in New York.

An Personal gibt es noch den grimmig dreinschauenden, wortkargen Gärtner Enzo (Michele Morrone). Erstaunlich wenig für so viele Zimmer und so viel Umschwung.

Da ist auch noch das siebenjährige Töchterchen Cece (im Amerikanischen ausgesprochen hört es sich wie Sissi an). Die schaut finster, kein Wunder, sie nimmt Ballettstunden, deshalb ist ihr Haar wohl auch streng gekämmt. Fast so streng wie das ihrer Oma, der Mutter von Andrew, Evelyn (Elizabeth Perkins), die immer weiß, was für ihren Sohn gut ist und die sein Lächeln mag, es ihm vielleicht antrainiert hat.

Die Familie sucht ein neues Kindermädchen. Millie (Sydney Sweeney) meldet sich. Von ihr erfährt der Zuschauer, dass sie keine Wohnung und kein Geld hat, dass sie in ihrem schäbigen Kleinwagen lebt.

Der souverän zusammengestellte Film von Paul Feig nach dem Drehbuch von Rebecca Sonnenshine, die den Roman von Freida McFadden bearbeitet hat, ist einer von der Sorte, bei dem man unweigerlich spoilert, wenn man ihn beschreiben möchte.

Der Film selbst sieht sich bei IMDb als Thriller, von mir aus gesehen nicht ganz treffend, die Kategorien Horror oder gar Psychohorror wären zutreffender. Man könnte ihn als das Porträt eines Psychopathen bezeichnen, allein all das spoilert zu viel.

Der deutsche Titelzusatz „Wenn sie wüsste“ verrät immerhin, dass offenbar der faszinierende, männliche Glanz nur Fassade ist, der Eindruck des gutmütigen Trottels, den er zeitweilig abgibt, möglicherweise nur vorgetäuscht, und aus einer gewissen Filmerfahrung heraus könnte hochgerechnet werden, dass es dahinter ziemlich duster aussieht.

Lange Zeit wirkt der Film wie ein Bericht nach Aktenlage, nüchtern, jedoch spannend aufgedröselt. Man glaubt erst alles zu wissen. Bis man dann mehr erfährt.

Es ist ein Thriller über menschliche Verdrängung, Abhängigkeit, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Ein Film auch über menschliches Kalkül. Ein Fim aber auch, das macht ihn so quasi klinisch, der in keiner Weise psychologisiert, sondern in all seinem Horror faktenbasiert sich gibt; er täuscht mit den Mitteln des filmischen Kammerspiels noch dazu anfänglich ein anderes Genre vor. Und nur nach und nach gibt auch die Kamera zu verstehen, dass sie weiß, dass wir in einem puren Horrorfilm gelandet sind. In den Sexszenen ist der Film nicht ganz so prüde wie der amerikanische Mainstream inzwischen, hier entledigen sich die Mimen schon mal eines Teils der Unterwäsche oder sogar aller.

Smalltowngirl

Dieser Schmerz

Ein doppelt delikates Thema nimmt sich Hille Norden für ihren Film vor: Minderjährigkeit und Sex und Sex und Gewalt.

Nore (Dana Herfurth) ist Nymphomanin (im Film selber wird der Begriff nicht verwendet). Und das schon seit lange vor der Volljährigkeit. Eine ihrer ersten Fragen lautet, die eigentliche Frage sei, sie wird in einer Kneipe mit mehreren Rumhängemännern gestellt, wer sie als nächstes ficke.

Wer so etwas als ‚eigentliche Frage‘ in den Raum stellt, gibt dezidiert einen gewissen Level an Oberflächlichkeit vor. Jonna (Luna Jordan) beobachtet wie fixiert Nore. Sie wird sich keck zwischen sie und einen Mann hocken und sie auf ihre lesbische Seite hin anmachen. Daraus wird eine Freundschaft, in der viel über das Ficken geredet wird und Nore etwas ihre Vergangenheit lüftet.

Als pubertierendes, männergeiles Mädchen wird Nore gespielt von Vera Fay.

Es ist der Film einer gequälten Seele, ein Film zum Sichten und Ablegen. Es ist ein Film, der mehr auffällt durch seine expressive Kamera – sie könnte sich an der Malerei eines Goya orientiert haben und sie setzt die Räume klar als Kulisse ein.

Der Sound ist ein alarmistischer Sound; es spielen eine Menge austauschbarer Männer mit; diese Austauschbarkeit ist dem Drehbuch zu verdanken.

Es ist ein Film, wo man neugierig wäre, wie er ausgeschaut hätte, wenn nicht jede Menge dramaturgischer Berater und dazu noch die ZDF-Redaktion vom Kleinen Fernsehspiel ihre Finger im Spiel gehabt hätten. Vielleicht wäre dann wirklich ein kleiner, wilder, schmerzhafter, wüster Film draus geworden, eines der erinnernswerten guilty pleasures des Kinojahres, das die Geschichte der vielen Narben, die die Maskenabteilung mit beachtlichem Einsatz auf nackte Körperteile geschminkt hat, aufregend erzählt.

Möglicherweise also legt der Film Zeugnis ab vom Mittelmaß einer Menge von Beratern. Ohne diese wäre vielleicht ein Film draus geworden, bei dem nicht nach jeder schmerzhaften Szene gefühlt eine Kuschel- und Streichelszene kommen muss. Vielleicht wäre ein Film draus geworden, der wie Edward Munchs Schrei in die Welt hinausbrüllt von der Unfähigkeit der Menschen im Umgang mit Liebe und Sex. So aber dürfte niemand mit dem Resultat recht glücklich sein.

Extrawurst

Exzellentes Theaterstück

Das Theaterstück „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob war ein Hit auf den deutschen Bühnen. Es sorgte landauf, landab für ausverkaufte Häuser.

Verständlich ist der Wunsch, aus so einem Erfolg auch einen Film zu machen. So kommen in Deutschland fast zwangsläufig Fernseheinflüsse dazu; im Abspann findet sich Degeto und finden sich Fernsehredakteure und Script-Beratung.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass auch nur irgendjemand sich die Frage gestellt hat, wie das Stück filmisch zu einem Drehbuch verarbeitet werden kann, das dem Film dann jene filmischen Qualitäten verleiht, die ihn zu einem entsprechend großen Erfolg im Kino machen könnten. Diese Frage scheint hier niemand gestellt zu haben.

Die Fragestellung schien eher die gewesen zu sein, wie lässt sich mit Einfällen das dialogdominierte Stück visuell aufmotzen. Es bieten sich Ballspukmaschinen auf dem Tennisplatz an. Oder ein Gag mit einem „Betreten Verboten“- Schild an einem See, ein Spiel mit Hosenträgern, eine Treppenliftaction von Hape Kerkeling als Vereinsvorsitzendem Heribert, gar eine Ischias-Geschichte für ihn oder Pillen- und Rollstuhlaction für die wunderbare Gaby Dohm als Mutter von Matthias.

Für das Drehbuch stehen auch hier die beiden Autoren; der Torso ihres Stückes scheint gewahrt.

Im Theater in der Komödie im Bayerischen Hof war es ein furioser Abend in der Inszenierung von Michael von Au. Der hat eine pointierte Sprach- und Dialogregie geführt. Davon scheint Rosenmüller relativ unbeleckt.

Im Theater fängt das Stück mit einem staubtrockenen Schlusspunkt an. Ende der Hauptversammlung des Tennisvereins von Langenheide. Im Theater haben die das so desillusionierend gebracht, dass man dachte, jetzt könne man gleich nach Hause gehen.

Im Kino hat Marcus H. Rosenmüller versucht, das so bunt und lebendig wie möglich zu gestalten. So fehlt schon mal das Sprungbrett mit der klitzeleinen Zusatzfrage des zweiten Vorsitzenden des Vereins Matthias (Friedrich Mücke, der brillanteste unter den Darstellern) wegen dem Grill.

Die atemberaubende Mechanik des Theaters, eine Art Jojo-Effekt, die fehlt im Film. Im Theater glaubt man immer wieder, so jetzt ist das Thema erledigt und dann lässt eine Zusatzfrage das zentrale Thema, das ist jenes der Integration, wird hochschießen.

Im Kino geht es sozusagen linear zu und her. Auch wird im Theater von Anfang an deutlich, dass Melanie (Anja Knauer) und Erol (Fahri Yardim) das Traumdoppel des Vereins sind und die sportliche Stütze schlechthin. Umso spannender wird das Thema mit dem Grill. Die Forderung, für das Vereinsfest einen zweiten Grill anzuschaffen, damit Erol mit türkischen Hintergrund eine Halal-Bratwurst grillen und genießen kann.

Wenn das Theaterstück auf der Bühne ein Hochkonzentrat ist, so wirkt der Film wie eine Schorle.

Extrem mühsam ist die Witzgeschichte mit der schweren Geburt eines nicht besonders orginellen Ausländerwitzes. Die Besetzung im Kino mit Hape Kerkeling kommt nicht an Gerd Wittman im Bayerischen Hof heran, wobei das hier nicht um die Evaluierung von Schauspielerqualitäten geht, sondern um das Typecasting; da müssen sich die entscheidenden Redakteure, denen es vielleicht primär um einen bekannten Namen ging, oder die Castingabteilung an der Nase nehmen.

Greenland 2

Eine Heilsgeschichte

Die Welt liegt im Chaos. Das passt ganz gut zum beginnenden neuen Jahr sowie zum beginnenden zweiten Viertel des ersten Jahrhunderts des dritten Jahrtausends, das mit einem kriminellen Husarenstreich statt mit konstruktiver Politik begonnen hat. Man entführt so eben mal über Nacht das Oberhaupt eines anderen Staates, nimmt es gefangen und stellt es, immerhin das, vor ein Gericht. Ein Stück Restzivilisation scheint noch vorhanden.

Das ist sie auch in der Katastrophenwelt von Greenland 2. Trotzdem ist das Reduit aus Greenland, wohin sich unsere Protagonistenfamilie zurückgezogen hat, nicht mehr zu halten. Tektonische Verschiebungen, Einschläge aus dem All schaffen eine dystopische Welt, in der die Menschen nur noch auf der Flucht sind, um ihr Leben rennen.

So müssen sich Allison (Morena Baccarin) und John Garrity (Gerard Butler) mit Sohn Nathan (Roman Griffin Davis) wieder auf den Weg machen. Die Familie ist leicht angegriffen. John hüstelt und Nathan braucht nach wie vor sein Insulin.

Souverän inszeniert Ric Roman Waugh nach dem Drehbuch von Mitchell LaFortune und Christ Sparling diesen immer extrem knappen, extrem an einem seidenen Faden hängenden Überlebenskampf, die Flucht, diese Migration.

Es ist eine Aneinanderreihung von kitzligen und lebensgefährlichen Situationen in einer Welt, in der man sich wundert, dass es doch da und dort noch Überreste/Oasen eines zivilen, zivilisatorischen Lebens gibt und ebenso darüber, dass sich doch immer wieder Treibstoff für Fortbewegungsgerät aller Art finden lässt trotz unterbrochener Lieferketten, trotz überschwemmtem Liverpool, trotz schier unüberwindliche Klüfte und auch die Insulinversorgung stößt schnell an die Grenzen logischer Nachvollziehbarkeit.

Ziel der schwierigen Flucht ist der Clarke Einschlagskrater im Süden Frankreichs. Wer dahin will, muss sich abenteuerlich durch ein Land durchschlagen, in dem es nebst Militär auch noch Rebellen gibt.

Kein Katastrophenfilm ohne Hoffnung. Früh im Film wird erinnert an jenen Einschlag aus dem Weltall, der die Dinosaurier ausgelöscht haben soll, der aber zu einer umso stärkeren Blüte der übrigen Natur beigetragen hat. So möchte man sich vielleicht das Gelobte Land vorstellen.

Und auch menschlich bleibt Hoffnung. Auf dem Weg durch Frankreich drückt der Gutmensch und Franzose Laurent (William Abadie) der dreiköpfigen Familie seine hübsche Tochter auf, der Nathan unter einem Leintuch, den Sternenhimmel erklärt.

Schwesterherz

Ein hypothetischer Fall

Zumindest wirkt der Film von Sarah Miro Fischer, die mit Agnes Maagaard Petersen auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht so, als ob er auf „einer wahren Geschichte“ beruhe. Solches wird bei den Titeln oder den Credits nicht vermerkt.

Es scheint viel mehr darum gegangen zu sein, dass die Filmemacherin für ihren Film zum Abschluss des Filmstudiums einen Stoff gesucht hat. Sie scheint eine doppelte Entscheidung getroffen zu haben, einerseits das Thema Vergewaltigung. Andererseits das Geschwisterthema. Ein Doppelthema, damit macht man es sich nicht leicht, erst recht nicht als Beginner.

Der Film fängt dramaturgisch nach einem bewährten Rezept an. Rose (Marie Bloching) hat Zoff gehabt mit ihrer Freundin; sie steht auf der Straße. Sie bittet um Unterkunft bei ihrem Bruder Samuel (Anton Weil). Ihren Job hat sie in einer Arztpraxis. Nach einer Party landet Samuel mit Linda (Proschat Madani) bei sich im Bett. Schwesterchen hört vom Sofa, wo sie übernachtet, nicht präzise identifizierbare Geräusche.

Das ist ein Mittel, was der Film immer wieder versucht, nie zu genau zu sein, auf keinen Fall erklärend, lieber Dinge in der Schwebe und im Ungewissen lassend; das ist oft nicht ohne Reiz. So entstehen gerade anfangs schöne Situationen mit kaum Dialog, mit seienden Darstellern, dass die Idee aufkommt, der Film könnte ein ziemlich gutes Porträt der Jugend von abgeben.

Andererseits muss er aber sein Thema abarbeiten. Und da er das als Thema portiert und nicht als Familiengeschichte, vergisst er eine Charakterisierung dieser Familie (es spielt auch die Mutter mit) vorzunehmen, ihre Charaktere zu untersuchen und diese als dramaturgische Triebkraft einzusetzen und für Konflikte zu nutzen.

Das wird einem schmerzlich bewusst in dem Moment, später im Film, wenn das Haus der Mutter angeschnitten ins Bild kommt, das in einer Aufnahme an das Haus der Familie Borg aus Sentimental Value erinnert, einem skandinavischen Meisterwerk. Dort geht es auch um Geschwister. Aber über der Familie lastet ein Trauma; Familie und Haus haben eine Geschichte. Hier nichts Vergleichbares.

Die Familie wirkt konstruiert, um eine Geschwisterliebe, irgend eine, eine jederzeit austauschbare, auf die Probe zu stellen. Linda hat bei der Polizei Anzeige gegen Samuel wegen Vergewaltigung gestellt. Rose wird als Zeugin vorgeladen. Sie schützt ihren Bruder und spielt diejenige, die nichts mitbekommen hat. Das erzählt der Film mit gebremster Deutlichkeit.

Bei Rose löst das einen mehr skizzierten als dramatisch inszenierten – für den Zuschauer also eher: wenig spannenden – Konflikt aus: Wahrheit sagen oder nicht. Es tauchen plötzlich auch diese typisch deutschen Drehbuchsätze auf wie: „Ich wollte eine Quiche machen, aber es gab keinen Spinat“; die Antwort lautet lapidar „Gibt noch Mangold“. Oder „Wir gehen an den See, kommst Du mit“, „Vielleicht komm ich später nach“, aber weder Quiche noch See haben irgend eine erzählerische oder thematische Bedeutung.

Es gibt kinematographisches Talent zu sehen in diesem Film, vom Casting, den Schauspielern über die Kamera zum Schnitt und den weiteren Gewerken, nur scheint der Film nicht recht zu wissen, was er uns nun so dringlich erzählen möchte. Das ist tragisch.

Samuels Gewalttat kommt aus heiterem Himmel; kein Charakterzug von ihm, kein Hinweis aus der Familiengeschichte. Eine Ad-hoc-Vergewaltigung, damit sie drin ist, armer Samuel. Und warum rasiert er sich die Haare, warum weint er bitterlich? Damit er das auch noch zeigen kann? Das hat wenig Logik. Der Film traut sich aus dem geschützten Hochschulbiotop in den wilden Konkurrenzkampf auf den Leinwänden. Hier dürfte er es schwer haben, Belobigungen durch die Professoren helfen da nicht unbedingt.

The Bad Boy and Me 2

Dieses ewige Ding mit der Liebe,

dieses ewige Ding mit der Paarung, das zieht sich durch die Filmgeschichte und wird wohl nie aufhören, erzählt zu werden, weil es immer wieder die Frage ist, wer ist der Richtige, wer ist die Richtige, wer mit wem.

Das kann auf unterschiedlichste Weise erzählt werden, hochkomplex oder einfach, mit komplizierten Charakteren oder mehr mit prototypischer Jugend wie hier im Film von Justin Wu nach dem Drehbuch von Crystal Ferreiro nach Charakteren von Tay Marleys „The QB Bad Boy and Me“.

Sie könnten die perfekten Standards abgeben für ihre Generation: Drayton (Noah Beck) und Dalls (Siena Agudong). Beide sind makellos gut aussehend, beide auf trendigen Wegen. Er ist Quaterback bei der Football-Mannschaft, sie macht eine Tanzausbildung. Sie sind geprägt vom Elternhaus. Er sieht athletisch aus, eher groß gewachsen, das typische Frauenbild dazu ist etwas kleiner, rundlicher, fast ein Püppchen, wenn da nicht auch Charakter aus den Augen blitzen würde.

Sie lieben sich wie heute politisch korrekt im amerikanischen Film in Unterwäsche, expliziter Sex wird weiträumig umgangen.

Er hat Kumpels und Freunde, sie Freundinnen. So ein Film baut Hürden und Krisen ein. Sie gerät in finanzielle Engpässe, sucht einen Job. Skyler (Charlie Giellespie) engagiert sie in seinem Café. Er ist auch Musiker. So bekommt sie die Chance, in seinem Musikvideo mitzumachen.

Drayton dagegen verletzt sich bei einem Spiel. Sein Knie muss kuriert werden. Er zeigt wenig Geduld. Es setzt ernste Worte, damit er den Heilungsprozess nicht durch Forcieren verzögert, gar verhindert.

Eine Beziehungskrise zwischen Drayton und Dallas wächst sich zur Trennung aus, weil er ihren Tanzauftritt nicht besucht hat. Er sei ja so mit dem Sport beschäftigt. Sie antwortet, sie sei es mit dem Tanz. Es deuten sich andere Paarungskombinationen an, auch gibt es Kupplungsversuche im Freundes- und Verwandtenkreis. Erst die Idee der Trennung macht den Liebenden den Wert ihrer Beziehung bewusst. Es stehen zudem in diesem Alter ausbildungs- und karrierebedingte Ortswechsel an.

Rental Family

Vorspielerei

Die Idee hat Charme. Um seine Einsamkeit und sein Alleinsein zu kaschieren, mietet man Mitmenschen. Das geht in Tokio leicht. Hier gibt es die Agentur „Rental Family“. Sie besteht aus dem Casting Director (Shinji Ozeki) und seinen Mitarbeitern.

Bei einem verpatzten Mietauftritt als Trauergast wird Phillipp Vanderploeg (Brendan Fraser) von der Agentur entdeckt. Sie verspricht ihm spannendere Rollen in Japan, als immer nur den bösen Amerikaner zu spielen.

Brendan Fraser kann hier als willkommener Fremdkörper sein Rollennaturell, das so gar nicht dem negativen Klischeeamerikaner entspricht, bequem entfalten: ein Typ, der schwerenöterisch durchs Leben geht, der gerne mal strauchelt, immer freundlich lächelt, dem eigentlich nichts was und niemand anhaben kann.

Seine zwei wichtigsten Mietrollen in diesem Film von Hikari, die mit Kameramann Stephan Blahut auch das Drehbuch geschrieben hat, sind die eines Vaters für ein vaterloses Kind und jene eines Journalisten, der einem greisen Schauspieler Wichtigkeit vorspielen soll.

Von der Grundidee her erinnert der Film an Pfau – Bin ich echt?. Von der Ernsthaftigkeit, wie Komödie gespielt werden soll, weniger an einen Billy Wilder, mehr an ein Fernsehformat wie „Pleiten, Pech und Pannen“.

Die Regisseurin bedient sich locker bei typisch japanischen Klischees, dem Fujiama, den Kirschblüten und, es scheint, als mache sie sich lustig über die zeremoniellen Begrüßungsrituale.

Originalität will die Regisseurin beweisen mit dem erfundenen Filmtitel „Ronan von Hiroshima“. Oder sie amüsiert sich über Werbespots am Beispiel von Philipp Vanderploeg in einem übertriebenen Zahnpastaclip. Kindermund darf auch nicht fehlen, das Mädchen mit dem gemieteten Vater wundert sich, warum die Erwachsenen so viel lügen, worauf der Mietvater meint, das sei eben einfacher, was sich mehr dahingeschwatzt als nach reflektierter Antwort anhört.