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Another Reality (in Autokinos)

Vom Wesen des Kanaken.

Dieses kommt dem Kino entgegen. Ganz oben am Sternenhimmel stehen Robert de Niro und – mehr noch, wie einer der Protagonisten meint – Al Pacino. Und auch sie, die Protagonisten, spielen eine andere Realität vor, sie sind keine Gangster, wird hinzugefügt. 

Es ist diese doppelte, andere Realität, die den Film von Noel Deernesch und Olli Waldhauer unter Drehbuchmitarbeit von Jörg Offer und Tanja Georgieva Waldhauer, fasziniert, die des Kinos als solchen, worauf auch die Kamera ihr besonderes Augenmerk wirft. 

Denn Kanakentum ist ja nicht einfach Ausländertum; das zeigt schon der Vergleich mit den Chinesen, auch die studieren hier, betreiben Geschäfte, nie aber sind sie so ein Bildfang wie die Einwanderer aus dem Mittelmeerraum, aus dem Nahen Osten, nie generieren sie so viel Aufmerksamkeit, nicht nur im Kino. 

Hier sind es mitteljunge Männer aus Palästina, aus dem Libanon, die den Dokumentaristen Red und Anwort stehen und die, siehe die amerikanischen Vorbilder, sehr wohl ein Gefühl für Leinwand und Leinwandpräsenz haben und die mit ihren perfekten Frisuren, mit der Bräune ihrer Haut, mit dem trainierten Muskeln, dem Schmuck, der Kleidung und den Sonnenbrillen einiges hergeben. Und ihre Geschichten auch. 

Sicher, es müssen geläuterte Gangster sein in einem Film, der weitherum von deutschen Filmförderern und Fernsehsendern aus Deutschland und der Schweiz finanziert wird. Und sie sind auch geläutert. Die Protagonisten wollen seriös ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie wollen „halal“ werden, das „Street-Ding“ hinter sich lassen. Sie wollen taff sein, um respektiert zu werden. 

Das geht allerdings bei ihren Ansprüchen an Wohnung und Auto nicht mit einem regelmäßigen 8-Stundenjob und mit 1200 oder 1300 Euro im Monat. Sie machen sich selbstständig. Sie haben im Knast gelernt, sich nicht mehr erwischen zu lassen. 

Der eine betreibt einen Kiosk, der andere eine Autovermietung und der dritte ist auf erfolgreichem Weg zum Rapper. Dieser nimmt seine Jungs, seine Brüder, seinen Clan mit. Er fühlt sich verantwortlich für die. Im Kiosk kommt die Steuerfahndung einem Geldkoffer mit sehr viel Bargeld auf die Spur. Der Betreiber kann es sich nicht richtig erklären. 

Sie haben, das erzählen sie, Karrieren hinter sich, die im Knast endeten. Immer wenn sie „Stress“ hatten, kam es zu Tätlichkeiten. Aber sie wissen um die Filmwirksamkeit solcher Erzählungen, sie wissen um die Filmwirksamkeit der Unterwelt und lassen den Zuschauer einen kleinen Blick rein werfen, auch darin, dass sie eben so viele Verwandte haben, so viele Cousins, Nichten, Onkel, Mütter. Auch ihre Sprache ist eine Bereicherung fürs deutsche Kino: das Kanaken-Deutsch ist weicher, musikalischer als das so oft anzutreffende, sterile Synchron- und TV-Deutsch. 

Der Film dürfte sich in den Autokinos, in denen er jetzt startet, Respekt verschaffen; hier dürfte er gut aufgehoben sein – als Coronakiller! 

Der Geburtstag

Der gestresste Mann. 

Carlos Andrés Morelli nimmt in seinem Film eine menschliche Eigenschaft auf die Schippe: diejenige des Gestresstseins. 

Der diese Eigenschaft vorführt und all die kuriosen, komischen bis absurden Ketten-Reaktionen, die diese Eigenart nach sich zieht, ist der in Trennung lebende Familienvater Matthias (Mark Waschke). 

Voll im Stress soll Matthias seinen Sohn Lukas (Kasimir Brause) von der Schule abholen und zu dessen Geburtstagsfeier bei seiner Ex Katharina (Anna Brüggemann) bringen. 

Dass es dem Regisseur und Drehbuchautor um pointierte Überzeichnung in Richtung eines Comics geht, schildert er schon mit dieser Geburtstagsfeier, die in heftigen Regen fällt. Was besonders schön wirkt, da der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, welches sich hervorragend nicht nur für Schlaglichtbeleuchtung, Dämpfe, Wolken und massiven Regen eignet, sondern auch für das Beleuchten von schrillen Situationen, die mit dem Horror und der Groteske liebäugeln. 

Auch die Zeichnung der Menschen als Figuren innerhalb eines Spieles oder einer Mechanik, die die Eigenschaft des Gestresstseins verstärkt und deren Folgen grotesker erscheinen lässt, wird damit unterstützt. 

Und wenn der Regen eine verhängnisvolle Kette von Umständen nicht gerade befördert, so ist die hervorragende Eigenschaft des Protagonisten dabei dynamikgebend; die Eigenschaft, die verhindert, dass er sich um seinen Sohn kümmern kann oder um dessen kaputtes Spielzeug-Polizeiauto. Die Eigenschaft, die macht, dass er kein Geschenk für den Sohn hat und die ihn dauernd falsche Versprechungen machen lässt. 

Weitere Katastrophen kündigen sich an, wie Leticia (Mélanie Fouché) vergisst, ihren Sohn Julius (Finnlay Berger) abzuholen. 

Matthias steht zudem unterm Stress, dass seine neue Freundin Anna (Anne Ratte-Polle) Schauspielerin ist und an diesem Abend Premiere hat, bei der er unbedingt anwesend sein soll als seelische Unterstützung. 

Stattdessen muss er nun diesen Julius nach Hause bringen, wobei niemand so recht weiß, wo der überhaupt wohnt. Das führt zu einer Nacht, in welcher der gestresste Mann nicht nur sein Jackett und seinen Geldbeutel verliert; der Stress und seine Folgen machen ihn regelrecht zum Gebeutelten, der mit einem fremden Buben nach Katzen sucht und ihn in eine Wohnung eindringen lässt, in der er nichts zu suchen hat. 

Morelli aber meint es gut mit seinem Protagonisten; er gibt ihm die Chance, über den Traum vom kleinen Elefanten im Zoo, der so schnell wachse, dass man ihn besser heute als morgen besuche, zu sich und zur Besinnung und dadurch auch zu seinem Sohn zu kommen. Da unterscheidet er sich dann doch von jenen Komödien Molières, die ebenfalls menschliche Eigenschaften spottend auf die Schippe nehmen wie Geiz (Der Geizige), Hypochondrie (Der eingebildete Kranke), Heuchelei (Tartuffe). 

Kabul Kinderheim

Veränderung.

Der politische Kern dieser wunderschön anekdotischen Nacherzählung nach dem Tagebuch von Anwar Hashimi, der selbst den Waisenhausvater spielt, kommt leise, unerwartet und brutal: Der Übergang von der Hadschibullah-Regierung zum religiösen Mudschahedin-Staat. An der Waisenhaus-Schule sind überall plötzlich nur noch Kopftuchfrauen tätig. Stärker könnte dieses Machtsymbol der islamischen Unterdrückung der Frau nicht gezeichnet werden. (Wie möglicherweise auf leisen Sohlen Corona unsere Gesellschaft verändert?). 

Die Kids im Zentrum des Tagesbuches und damit von Drehbuch und Inszenierung von Shahrabanoo Sadat sind 14, 15, 16 Jahre alt. Sie sind Waisen und Halbwaisen als Folge der sowjetischen Besatzung. 

Quadrat (Quadratollah Qadiri) lernen wir als erstes kennen. Er ist ein Straßenjunge. Schlägt sich durch mit dem Verkauf von Schlüsselanhängern oder mit überteuerten Kinokarten – Kino war damals, 1989, eine begehrte Sache; es gibt auch einen Blick in eine Filmvorstellung, ein Actionfilm mit Songeinlagen in Bollywood-Manier (über afghanisches Kino siehe Meister der Träume – Le Prince de Nothingwood).

So hält es auch Shahrbanoo Sadat, er unterbricht den Film ab und an, um in einem Song die Träume von Quadrat zu visualisieren, dieser sieht sich darin als Liebes- oder Kampfheld, letzteres als Karatekämpfer gegen die Mudschahedin. 

Quadrat wird von der Polizei aufgegriffen und ins Kinderheim bugsiert. Mit Fayaz (Ahmad Fayaz Osmani) und dessen jüngerem Onkel Masihullah (Masihullah Feraji) wird er befragt, erhält Pyjama, Bettwäsche und alle drei werden auf Zimmer verteilt. 

Es sind Zimmer mit mehreren Doppelstockbetten. Ehsan (Ehsanullah Kharoti) spielt sich als Boss der Kids auf, nimmt jüngeren Heiminsaßen Wertsachen ab, wenn sie etwas geschenkt bekommen. 

Die Jungs spielen Fußball, erhalten Schulunterricht, werden nach Russland zum Pionierlager eingeladen, besuchen das Lenin-Mausoleum in Moskau. In Afghanistan lernen sie Russisch, sammeln Patronenhülsen und schlachten sie aus. 

Einmal erleben die Kids, wie ein sowjetischer Panzer einen Abhang hinunterstürzt. Andererseits träumen die Jungs von ihrern Lehrerinnen. Einer, der in Moskau gegen einen Schachcomputer spielt und gewinnt, wird von Ehsan zum Schachkampf aufgefordert. Auch das ergibt eine der vielen eindrücklichen Szenen, wie die ganzen Waisenheim-Jungs dicht gedrängt um die beiden Schachspieler hochkonzentriert der Partie folgen. Wie die Regie nicht nur eine gute Auswahl an Darstellern getroffen hat, sondern auch hervorragend mit ihnen arbeitet, nie werden sie süßlich oder bemitleidenswert, immer sind sie ernsthaft mit der Bewältigung ihrer Probleme befasst. 

Enfant Terrible

Kino für Sachbearbeiter.

Oskar Röhler und sein Drehbuchautor Klaus Richter haben viel Fleiss und Einsatz und sicher auch die Absicht von Genauigkeit in dieses Biopic über Rainer Werner Fassbinder gesteckt und Oliver Masucci spielt sich einen Wolf, zieht über zwei Stunden eine enorme, bewunderungswürdige Fassbinder-Show ab und sieht in einzelnen Momenten dem Regiewunder des Jungen Deutschen Filmes verblüffend ähnlich. 

Aber Masucci ist nicht Fassbinder. Er hat nicht diesen Liebeshunger, der RWF so unwiderstehlich und auch unausstehlich machte. Er bleibt ein kopiegenaues Abziehbild, wozu auch Ausstattung und Maske das ihre beitragen. Aber Oliver Masucci muss zur Zeit im deutschen subventionierten Film alles spielen, was irgend geht, auch den berühmten, bissigen Theaterkritiker Alfred Kerr in Als Hitler das rosa Kaninchen stahl auch hier eine talentierte Fehlbesetzung. 

Das ist vielleicht mit ein Grund, warum dieser Film mehr über den Zustand des subventionierten deutschen Kinos aus den 2020ern erzählt als über Rainer Werner Fassbinder. Denn dieses aktuelle, subventionsüberdüngte, TV-redaktionsabhängige Kino ist nicht nur prüde (Fassbinder trägt noch in der größten Kokssause ordentlich eine Unterhose genau so wie sein Liebhaber), es erinnert an das erstarrte Hollywoodstudio-System, gegen welches sich ungefähr zur Fassbinder-Zeit das New Hollywood-Kino auflehnte; umso erfrischender wirkt dagegen Berlin Alexanderplatz von der Machart her.

Bei Röhler baggert sich die Geschichte statisch in nervtötendem Trott ohne Rhythmus, ohne Talent (Hansjörg Weißbrich ist um seinen Cutter-Job nicht zu beneiden) durch das Fassbinderleben, in einer Querelle-Klammer: mit einem Zitat von Jeanne Moreau zu Querelle, seinem letzten Film, fängt es an und Querelle war dann dieser letzte Film und bald darnach darf Masucci den Herztod dank Drogen mimen. 

Manche Figuren sind ins Grimassenhafte überzeichnet. Röhler doziert dieses Leben mehr lehrhaft als dass er dahinter zu schauen versuchte. 

Wer mit RWF und seinen Film befasst ist, der kann hier Beschäftigung finden darin, welche Filme vorkommen, welche Leute, was historisch korrekt ist und was vielleicht auch nicht; Aufgaben für einen eher beschränkten Kreis von Leuten. 

Es ist kein mitreißender Film. Es ist ein sehr, sehr ordentlicher Film geworden. Der Trott ist sogar so bleischwer und schwerblütig – und dabei gründlich bedacht gedacht, dass ich immer darauf gewartet habe, dass der Film in eine andere Ebene springt, auf der sich zB heutige Betrachter über dieses gezeigte Leben unterhalten, die versuchen, den RWF ins Heute zu holen. Findet nicht statt. 

Der Film scheint produziert für einen vorzeitigen Eingang ins Museum des hochsubventionierten deutschen Kinos der beginnenden 2020er und seiner Anomalien dank Mitwirkung des Fernsehens. Vielleicht sucht das deutsche Kino hier seine verlorene Seele – und findet sie nicht. Da helfen auch die vielen theatralen Ausbrüche der Darsteller und die damit verbundene Lautstärke nichts. 

Wer wir sind und wer wir waren – Hope Gap

Im falschen Zug

So fing vor 29 Jahren die Ehe von Grace (Annette Bening) und Edward (Bill Nigh) an. Jetzt ist deren Sohn Jamie (Josh O‘ Connor) ausgezogen von zuhause. Behaglich hat sich das Ehepaar in einem Häuschen an der britischen Kanalküste eingerichtet. Bald schon zeigt Regisseur und Drehbuchautor William Nicholson, wie außerordentlich Unbehagliches sich da eingenistet hat. 

Grace arbeitet zuhause an einer Gedichtanthologie, Edward unterrichtet Geschichte; einprägsam erzählt er seinen Studenten, wie im Weltkrieg verletzte Soldaten auf Karren geladen wurden, die dann extra schnell über holprige Strassen gefahren wurden, wodurch einige der Verwundeten in den Straßengraben fielen und da man nur vorwärts geschaut habe, waren das quasi nur Materialverluste.

Wenn Edward nach Hause kommt, spielt sich ein Ritual ab. Grace hat noch einen erkalteten halben Tee neben sich stehen, Award kümmert sich darum, tischt die Tasse ab und bereitet ihr einen neuen. Derweil löchert sie ihn pausenlos mit Fragen, ob es ihm gut gehe, ob er glücklich sei. Von ihm kommen nur wortkarg mürrische Antworten. 

Kennengelernt hatten sie sich auf einem Bahnsteig, auf welchem Edward Bill-Nighy-mäßig weltverloren dastand. Er ließ sich widerstandslos in ihr Weltbild einbauen, und ist deshalb in den falschen Zug gestiegen. Diesen Waschlappen von Mann spielt Nighy überzeugend. 

Und ist es doch nicht. Bei der Besprechung mit der Mutter eines Schülers erlebt und erfährt er anderes und beschließt die Trennung. Die muss nun Grace, unterstützt von ihrem ebenfalls beziehungslosen Sohn, ausbaden. 

Grandios spielt Annette Benning den Kampf dieser Frau, deren umgekehrte norasche Puppenstube von einem Moment auf den anderen um die Hauptfigur, um die die Liebe ihres Lebens seit 29 Jahren kreiste, verzichten muss. Ihr Liebes- , genauer: Ehebegriff ist religiös fundiert: dass eine Trennung nicht möglich sei. 

William Nicholson schildert diesen Kampf der plötzlich allein gelassenen Frau wie einen Thriller mit allen psychologischen Raffinessen, auch mit dem komischen Einsprengsel, dass Grace sich als erstes einen Hund zutut und diesen Eward nennt oder mit dem ernsthaften Verweis auf tiefe Poesie. Und aus der Literatur die Erkenntnis: es gibt immer Menschen, die diesen vermeintlich einmaligen Schicksalsschlag schon durchgemacht und auch überlebt haben. 

Gipsy Queen

Underdog-Sport.

Boxen ist ein Underdog-Sport. Nicht nur für Männer. Wer hart eingesteckt hat im Leben, der kann bei diesem Sport hart austeilen; wer tiefe Verletzungen erlitten hat im Leben, der hat eine Motivation, die zum Nichtaufgeben, zum Siegen reicht. 

Die solches erlebt und erlitten hat in diesem neuen Film von Hüseyin Tabak (der mit Das Pferd auf dem Balkon in bester Erinnerung geblieben ist), heißt Ali (Alina Serban). 

Ali ist Roma. Von ihrem ehrgeizigen Vater wurde sie zu Jugendboxweltmeisterin getrimmt – und nicht für die Ehe. Folge davon sind zwei uneheliche Kinder; wirklich süßer Cast Goldjunge Mateo (Aslan Yilmaz Tabak) und nicht weniger Goldmächen Esmeralda (Sarah Caramo Valiejos). 

Beim zweiten Kind reicht es dem Vater. Er verstößt die Tochter brutal. Sie muss sich in Hamburg selbst durchschlagen. Wohnung findet sie nur dank der Schauspielanfängerin Mary (Irina Kurbanova), bei der sie mit den Kindern unterkommen kann. 

Ali geht auf den Arbeiterstrich. Für 5 Euro die Stunde findet sie einen Job. Der wirkt insofern hochaktuell, als sich die Arbeiter vorher einen Mundschutz überziehen müssen für die Abbrucharbeiten, bei denen Ali ihren Mann stellt. 

Oder sie arbeitet als Putzkraft im Boxclub „Die Ritze“. Chef ist der großartige Tobias Moretti inklusive Hamburch-Diktion als Tanne. Neben ihm beeindruckt Catrin Striebeck als Thekenkraft Gloria. 

Im Boxclub bahnt sich allmählich das Märchen an, das für solche Fälle die Gemüter berührt, das aus dem Film ein Kämpferinnen- und Gefühlskino erster Güte macht. 

Im Drehbuch, das auch von Hüseyin Tabak stammt, sind die nötigen Hindernisse und Twists vorgesehen, die die hilflose Frau schier abstürzen und immer am Rande des Ruins agieren lassen. Aber der Zuschauer kann beruhigt sein, kann sich auf ihr Kämpferinnenblut verlassen. 

Am Ende des Vorspanns friert das Bild ein, das anschließend in ansprechende Zeichnungen übergeht. 

Der Film punktet mit einer prima Auswahl an exzellent spielenden Darstellern, mit einer leicht nachvollziehbaren Story und einer stimmigen Milieuschilderung. 

Gipsy Queen wurde Ali schon vom Vater genannt, auch das natürlich eine brutale Erniedrigung in der falschen Erhöhung; dabei will sie doch nur eine ehrbare Frau sein; das ist vielleicht etwas zu sozialromantisch in der Konstruktion ihrer Figur. 

Anton Bruckner – Das verkannte Genie

Anton Bruckner

Er war seiner Lebtag Lehrer. Immer auch in St. Florian bei Linz. Er litt unter mangelnder Anerkennung. Deshalb bedeutet ihm der Ehrendoktor aus Wien so viel, mehr noch als die Anerkennung durch den Kaiser. Er schrieb Musik für die großen, klassischen Orchester. 

Pech hatte er mit Frauen. Geprägt wurde er durch die kirchliche Liturgie, den Barock. Aber er blieb eigentständig gegenüber den berühmten Komponisten. Hatte eine Affinität zu Wagner. Seine Sinfonien sind sehr einfach aufgebaut, aber durch diese einfache Grundstruktur sind sie ausbaufähig zu enormer Wucht. 

Sicher, man könnte sich auch bei Wikipedia  informieren. Aber Reiner E. Moritz baut seine einführende Dokumentation recht didaktisch auf wie eine anderthalbstündige Lektion zu Bruckner. Er fängt musiktouristisch an, indem er sich einer Reise der amerikanischen Brucknergesellschaft anschließt. So ergibt sich Bildbeifang an Büsten, Gedenktafeln und Kirchen, an Bildern aus der reizvollen Gegend um Linz. Die Sängerknaben von St. Florian, bei denen Bruckner gesungen hat. 

Moritz geht der Reihenfolge der Biographie nach, verzichtet auf Klatsch, aber seine Interviewpartner wissen Anekdotisches. Es sind Menschen, die beruflich mit Bruckner zu tun haben: Wissenschaftler, Archivare, Museumsleiter, Organisten, Chorleiter, Dirigenten. 

Die analytischsten Aussagen kommen vom Dirigenten Kent Nagano. Musikpraktisch dominiert zusehends Valery Gergiev, der sich zu Bruckner äußert und in einer fantastischen Barockkirche mehrere Sinfonien von Bruckner dirigiert, woraus viel zu hören ist, während die Kamera sich an den Malereien und der Ausstattung der Kirche labt. 

Orchestermusikern und Chorsängern kann bei der Arbeit zugeschaut werden – und der Nachcoronamensch wundert sich, wie das mit der Ausübung dieser Berufe, die so intensive Nähe zum Mitmenschen fordert, weitergehen soll, falls solche nur noch mit Masken erlaubt sein wird. Zwischendrin liest der Schauspieler Cornelius Obonya, mäßig präpariert, aus zeitgenössischen Musikkritiken vor. 

Lebenslinien: Für uns zählt jeder Atemzug (R, Montag, 18. Mai 2020, 22.00 Uhr)

Eine ganz normale Familie

Manuela stammt aus einem Dorf in Niederbayern. Rundum glückliche Jugend. Keine Brüche. Michel stammt aus Persien, studiert in Deutschland. Sie lernen sich beim Tanz kennen. Liebe, Heirat, Kinder, einige Jahre bis zur Revolution in Persien. Dann zurück nach Deutschland. Zwei Kinder. Hausbau. Guter Job für Michel als Ingenieur in der Computerbranche. Bilderbuchhafte Lebensläufe. 

Bis zum Tag, an dem Manuela „den Hebel umstellte“, als sie vom Arzt die Diagnose ALS für ihren Mann Michel vernahm verbunden mit der Perspektive eines Lebens, das nur noch drei Jahre dauern würde. Das ist jetzt auch schon über zehn Jahre her. 

Jasmin Cilesiz Linhart (Redaktion Sonja Hachenberger) berichtet von dieser Familie, lässt sie selber erzählen, in Erinnerungen kramen und natürlich ist die Erkrankung ihres Mannes das zentrale Thema. 

Heute braucht er rund um die Uhr einen Pfleger, er kann sich nur noch mit den Augen bemerkbar machen, wird künstlich beatmet und künstlich ernährt; arbeitet jedoch noch von zuhause aus, hält den Kontakt zu seinen Kollegen, bei denen er beliebt ist. 

Die Kinder haben sie ins Internat gesteckt. Manuela hat an einem bestimmten Punkt, als es darum ging, auf Maschinen zu verzichten, sich für das Leben ihres Mannes entschieden; wodurch sie noch einige gemeinsame Jahre dem Schicksal abzwicken konnten; eine Selbstverständlichkeit für Manuela; es ist Liebe, wenn sie auch den Begriff so nicht benutzen würde; Kraft gibt ihr auch die Religion. 

Was diese Lebenslinien hochaktuell macht, ist die Coronakrise, die über Nacht das Selbst- und Lebensverständnis einer ganzen Luxusgesellschaft in Frage gestellt hat. Insofern ist es ein optimistischer Film; Krisen sind da, um daran zu reifen, um sich daran weiterzuentwickeln. 

Stillstehen

Über intelligente Obstruktionsrenitenz

Was will man mit einem Menschen, genauer: einer Menschin, machen, die einfach sich nicht integrieren lässt, die schnell zu einem Weihnachtsmann, der sie im Supermarkt anrempelt, ins Auto steigt, fickt und anschließend das Auto vergnügt und scheinbar grundlos abfackelt. 

Die statt Tschüss oder Danke oder Aufwiedersehen zu sagen, das Auto abfackelt, das ist Julie (Natalia Belitski), die anschließend widerstandslos sich in den „Zoo“, wie der Direktor Herrmann (Martin Wuttke) meint, ins „Ensemble“ einliefern lässt, also in die Psychiatrie. 

Was tun mit einem Menschen, der so sein Unglück ausstellt, nämlich das gestörte Mutterverhältnis, und sich nicht helfen lässt, kein Interesse an einer Besserung hat und die einen Pfleger nach dem anderen verschleißt, weil sie hocintelligent ist und die Überlegungen der Pfleger und Therapeuten kennt und durchschaut und entsprechend aushebelt? 

Julies Therapeutin Agnes (Luisa-Céline Gaffron) ist da anders, sie hat mehr Geduld, mehr Interesse. Selbst ist sie zwar auch eine miserable Mutter. Ihr eigenes Kind spricht nicht mit ihr, mit allen anderen Menschen schon. Das ist im Film von Elisa Mishto eine kleine Nebenhandlung. 

Der Hauptstrang ist das Thema der Systemsprengerin Julie. Sie verjubelt ihr Erbe. Da ist ein schönes Haus dabei. Wenn sie ein Haus anzündet, dann soll ihr Vermögensberater Herr Schmidt (Matthias Bundschuh) das regeln. Julie zeigt sich in Gelddingen ahnungslos. 

Julies Tick sind die gelben Gummihandschuhe. Diese setzt sie ganz bewusst ein, um sich die Freiheit des Ticks zu sichern, denn wenn die Leute glauben, das sei ein Tick, dann lassen sie sie in Ruhe. 

Elisa Mishto inszeniert ihr Thema mit unbändiger Kinolust. Jedes Bild ist eine Wonne. Die Musik antörnend. Und die Schauspieler bringt sie dazu, so zu spielen, dass man nicht mehr auf die Idee kommt, sie könnten auch anders. Das fällt überaus positiv auf bei Jürgen Vogel. Der spielt eine Charge, einen Reinigungsunternehmer, bei dem Julie sich bewerben soll, da sie ja kein Geld mehr hat. Endlich mal ein Vogel ohne diese anbiedernde Bauchschauspielerei, die die meisten Regisseure ihn machen lassen: und also ordentlich interessant! 

Wobei Julie auch ihn bewusst austrickst und sich als nicht anstellbar gibt, um anschließend zu Agnes zu äußern, das habe doch Spaß gemacht. 

Allerdings kommt das Buch, das auch Elisa Mishto geschrieben hat, im Laufe des Filmes ins Schlingern. Vor der letzten Konsequenz der intelligenten Obstruktion schreckt die Filmemacherin zurück und biegt den Stoff auf Rundung. Gekünstelt wirkt das anhand der eingestreuten Theorie- oder Grundlagenschnipsel, die von der Ameise, dem Stillstand, dem Vater, der zuviel Bewegung und dem Herzinfarkt ausgehen, wie Julie dank dem dicken Rainer (Giuseppe Battiston), der nicht reden könne, doch plötzlich die Befreiung aus dem selbstgebastelten Gefängnis wagt und zur korrigierten Moral findet. 

May, die dritte Frau

Hochromantischer Bilderbogen

Jedes Bild könnte ein romantisches Gemälde sein im sanften Weichzeichner Vietnams. 

Ash Mayfair führt ihren Film über May (Nguyen Phuong Tra My) ein wie einen gehobenen Erotikfilm. Es dreht sich alles nur um das eine. Sowieso in Seidenplantagenbesitzers Verhältnissen, der bereits zwei Frauen und mehrere Kinder hat und jetzt wird ihm die blutjunge May zugeführt, über deren Hintergrund wir nichts erfahren, nur dass sie selbstverständlich schicksalsergeben und unwissend ist. 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse beim Großgrundbesitzer, der Film spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert, sind herrschaftlich mit Personal und einer Nähe zum Buddhismus. Es gibt, obwohl die Verhältnisse nicht städtisch, sondern tropisch dschungelhaft landwirtschaftlich sind, höfisches Zeremoniell. Die Nacht der Entjungferung ist formal geregelt. 

Ash Mayfair erzählt wie in einem erlesenen Erotikfilm. Es dreht sich ja eh nur alles um das eine und wer das Geld hat, das ist ein Mann, der befiehlt und als Nachkomme ist ein Junge mehr wert als ein Mädchen, insofern soll die Frau, auch wenn es die dritte ist, sich bemühen, einen Jungen zur Welt zu bringen. 

Lange wird in dem Film überhaupt kein Wort gesprochen, was diesen Erotikfilm-Eindruck noch verstärkt. Das erste Mal geht es um Wirtschaftliches. Ein Kalb wurde geboren und es wird diskutiert, ob man es verkaufen soll und was mit dem Geld zu machen sei. 

Dann wird wieder lange nicht gesprochen. Wie in so einem feudalen Anwesen auch kaum gearbeitet wird, eventuell Wäsche aufgehängt, mehr zu Dekor-Zwecken oder die Kamera interessiert sich für ein Detail der Seidenherstellung aus den Kokons, auch das mehr aus fotografisch-symbolischem Interesse. 

Die Frauen des Herrschers nähern sich einander an, sie tauschen Tipps aus. Nach und nach bekommt das Gemälde der perfekt organisierten Menschlichkeit und formal integrierten Liebe Risse. 

Immer mehr nimmt sich Symbolik ihren Platz. Wobei die Bilder romantisch bleiben, selbst eine erhängte Frau wirkt poetisch mitten im Dschungel. Es gibt das Totenschiff und die Kamera entdeckt Furchen, Unebenheiten am Gewölbe des unterirdischen Flusses, des Hades. 

Oder ein Schmetterling setzt sich auf das Augenlid eine jungen Frau im Sarg. Allmählich seziert Ash Mayfair diese scheinbar perfekte Welt als ganz und gar nicht tragbar für viele, die da mitmachen, die da gezwungen werden, mitzumachen, die da hineingeboren und früh verheiratet werden. Die Liebe sucht sich bei aller formalen Strenge und Herrschaftlichkeit ihren Weg in diesem atemberaubend schönen, vietnamesischen Bilderbogen.