Archiv für die Kategorie: “Review”

Tic-Tac, Tic-Tac, der vorherige Film von Eli Ropth hieß Knock-Knock Jetzt geben die Uhren den Rhyhtmus des Geheimnisses vor.

Das Drehbuch zu diesem charmanten Kinderspukfilm hat Eric Kripke nach dem Roman von John Bellairs geschrieben. Eltern und Pädagogen müssen entscheiden, ab welchem Alter die Hexereikünste von Jonathan Barnavelt (Jack Black) und seiner Nachbarin Florence Zimmerman (Cate Blanchett) den Kindern zuzumuten sind. Wobei Florence nicht in der richtigen inneren Stimmung für Zaubereien ist. Man muss schon im Stande der Magie sein, damit diese funktioniert.

Besonders geeignet dafür sind wissensaffine Kinder wie Lewis (Own Vaccaro), der an Büchern, besonders Lexika und Zahlen mehr interessiert ist als an Ballspielen. Das sieht man ihm sofort an: Hemd und Fliege und eine Art Taucherbrille, dazu ein Jackett, alles nicht geeignet fürs Herumtollen. Obwohl er sich mitTarby (Sunny Suljic) anfreundet.

Lewis ist neu in New Zebelee in Michigan. Der Film spielt 1955. Lewis‘ Eltern sind gestorben, deshalb wird er von seinem Onkel aufgenommen. Der war früher Magier, Zauberer, Hexenmeister hatte eine eigene Show mit Isaac (Kyle MacLachlan).

Das Haus von Onkel Jonathan ist geeignet für allerlei überbordende Spukfantasien. Es ist voll mit Uhren mit viel Eigenleben und mit einem ebensolchen Sessel, mit den vielfältigsten Geräuschen, mit Bildern, die sich selbst verändern, mit einer Armee von mechanischen Puppen und einem Schrank, der tabu ist und auf gar keinen Fall geöffnet werden darf.

Um bei Tarby Eindruck zu schinden, öffnet Lewis den Schrank. Und weckt so Geister, die nicht mehr – oder zumindest nicht leicht, sondern nach einiger Filmzeit und unter Erleiden von gefährlichen Situationen erst wieder loszuwerden sind.

Die alte Villa von Jonathan wird bewacht von ausgehöhlten Kürbissen. Die geben auch zu verstehen, in welche Jahreszeit und in welchen Bereich von Ernsthaftigkeit und Tiefe der Film gehört: in jenen von Halloween.

Die deutsche Synchro ist angenehm zurückhaltend. Die Gebrüder Grimm kommen hier aus dem Schwarzwald. Das macht in Michigan nun wirklich keine große Differenz.

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Optimistische Wohlfühldoku aus dem Transitionsdorf Ungersheim im Elsass mit viel blauem Himmel, Sonnenschein und Fröhlichmusik und jeder Menge Anregungen, wie vielleicht doch etwas zur Rettung des Planeten vor dem von Menschen verursachten Klimawandel getan werden kann, auf dem Recht auf einen sauberen Planeten und auf Biodiversität zu bestehen und Lösungen zu finden, für das Ende des Erdöls.

Der Film von Marie-Monique Robin, der eine spannende und informative Reportage ist, hält es für möglich, dass das Beispiel Schule macht. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Die treibende Kraft hinter dieser Umwandlung (Transition) des Dorfes ist Bürgermeister Jean-Claude Mensch. Er ist hier aufgewachsen, noch in den Bergbau hineingewachsen, hat dort 35 Jahre gearbeitet bis zur Stillegung der Mine.

Mensch war immer ein politisch denkender Kopf. Schon in der Mine war er aktiv für die Gewerkschaften. Jetzt als Bürgermeister der paradiesischen Gemeinde Ungersheim (ca. 2000 Einwohner) versucht er das Machbare. Alles auf Freiwilligkeit.

Es gibt eine Charta mit 21 Aktionen für das 21. Jahrhundert. Daran wird gearbeitet. Es gibt jede Menge Initiativen vom Bau eines Öko-Weilers, bis zur Neuanpflanzung von alten Getreidearten, die kein Umpflügen des Bodens brauchen, Grannen-Getreide gegen Wildschweine, Permakultur, es gibt die Initiative Trefle Rouge, ein Integrationsprojekt mit ökologischem Landbau, es gibt Initiativen zur Förderung von Solaranlagen, zum Bau von Passiv-Häusern, es gibt das Transistionsfest und auch eine lokale Währung, den Radi. Der existiert schon seit ein paar Jahren, hat sich zwar bewährt aber auch nur einen kleinen Umfang angenommen, um Wirtschaftsleistung im Ort zu behalten.

Es gibt immer noch großflächig industriellen Maisanbau. Aber seit der Transition kommen auch Wildtiere zurück wegen weniger Gift auf den Feldern.

Die Dokumentaristin ist überall dabei, bei Versammlungen, in Kooperativen, beim Kochen, beim Hausbau, bei der Ernte, beim Pflügen, bei der Anlieferung eines neuen Pferdes, bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. Und die zivilisierte, industrialisierte Welt mit Autos und Verbrennungsmotoren läuft weiter. Aber die Transition gibt vielen Dorfbewohnern ein neues Gemeinschaftsgefühl.

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Früh übt sich!

Eine wunderbar unaufdringlich ungekünstelte Dokumentation, die die Idee der Kinderparlamente anhand von drei Dörfern in Indien – Chatti, Patti und Pondicherry – mit geschmeidiger Kamera und erstklassigen Voice-Over-Stimmen (genau so unaufdringlich) präsentiert und portiert.

Im Kleinen muss beginnen, was im Großen und schließlich weltweit gelingen und blühen soll: Demokratie und Bildung. Das ist eine der Forderungen der Kinderparlamente an die UN, dass 6 Prozent des Bruttosozialproduktes eines Landes für Bildung und 3 Prozent für die Gesundheit der Kinder, 6 + 3 = 9, ausgegeben werden soll.

Die Realisierung der Idee dieser Kinderparlamente fängt im Kleinen an, in der Nachbarschaft, in der Schule, im Dorf und so weiter.

Der Film von Anna Kersting zeigt Sitzungen der Kinderparlamente, stellt die verschiedenen Ministerinnen und Minister vor. Sie tagen einmal wöchentlich auf Teppichen, die sie unter einem Baum auslegen. Die Atmosphäre ist konzentriert und diszipliniert, sie sitzen im Kreis oder im Geviert.

Es sind naheliegende Themen, die behandelt werden, es geht hier nicht zuerst um das große Ziel des Weltfriedens oder gegen Rassimus oder gegen Krieg. Es geht um die praktische Entwicklung eines demokratischen Miteinanders als auch um die Chancegleichheit. Dass jeder zur Schule geht. Bei Schwänzern gibt es Hausbesuche von Mitgliedern des Kinderparlamentes. Sie versuchen die Ursachen herauszufinden. Meist aber verstecken sich die Schwänzer.

Die drei Dörfer sind in einer gesegneten Gegend, aber wirtschaftlich offenbar wenig erfolgreich. Von vielen Kindern arbeiten die Eltern weit weg in Indien oder gar in Dubai. Die zurückgebliebenen Männer vertun ihr Geld im Alkohol-Shop. Das ist ein gewaltiges Problem. Denn zuhause wüten die Väter, sie schlagen die Mütter, hindern die Kinder am Lernen, treiben gar Mütter und Töchter in den Selbstmord. Ein ernsthaftes Thema, dessen sich das Kinderparlament annimmt.

Einmal starten sie eine Petition, wollen 1000 Unterschriften sammeln für die Schließung der Alkohol-Shops. Dann erarbeiten sie ein Theaterstück mit Szenen aus dem Leben von Schülern. Die Proben und die Aufführung entbehren nicht der amüsanten Dreingaben und Tanz sowieso.

Ein anderes Problem ist der Müll, der überall rumliegt. Sie machen eine Demonstration dagegen und in einem Ort haben sie erreicht, dass eine Frau einmal wöchentlich den Müll einsammelt. Auch bei den nicht funktionierenden Straßenlaternen waren sie erfolgreich, die sind repariert worden.

Ein hochintelligentes, blindes Mädchen setzt die Aufnahme in eine Schule durch mit dem Argument der Inklusion. Sie darf mit einer Delegation der indischen Kinderparlamente mit zur UN in New York zum 25. Jahrestag der Ausrufung der Kinderrechte.

Ein Film, der im Kino bestens zu schauen ist, kurzweilig, nie will er Moral predigen, nie versüßlicht oder verniedlicht er die Kinder. Sie werden ernst genommen und nehmen die parlamentarischen Möglichkeiten wahr. Trotzdem bleibt noch Zeit fürs Rumtoben oder für den Sprung in ein erfrischendes Wasserloch.

Nelson Mandela: Wir können unseren Kindern eine bessere Zukunft schaffen, indem wir ihnen erlauben, für sich selbst zu sprechen.

Die deutsche Version ist in exzellentem Voice-Over, diskret, aber verständlich, wie Simultandolmetscher.

Zur Website des Films.

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Ein wichtiger Film,

der auf jeden Fall in Bayern einschlagen dürfte mit dem großartigen Johannes Zeiler als Protagonist Landrat Hans Schuierer von Schwandorf, der ungewollt zum Helden für die Demokratie wird.

Wie es dazu kam, das schildert dieser Film von Oliver Haffner (Ein Geschenk der Götter), der mit Gernot Krää auch das Drehbuch verfasst hat.

Haffner geht sehr genau, sehr skrupulös und anfangs sehr bedächtig vor, um die Entwicklung des beliebten Landrates zur Symbolfigur für den Widerstand gegen das Projekt der Atomwiederaufbereitunsanlage WAA und gleichzeitig zum Hassobjekt der bayerischen Staatsregierung nachzuzeichnen.

Dabei wird klar, dass es sich, da es um Demokratie und um den Schutz der Menschen vor unalkulierbar risikobehafteten Technologien geht, um einen großen und universellen Kinostoff handelt.

Hier wird er regional behandelt und es bekommt dem Film gut, dass der überwiegende Teil der Darsteller bayerisch spricht (nicht so wie im Frankentatort, wo das Fränkische das Exotische bleibt).

Haffner fängt 1981 mit einer Bürgerversammlung an, die klar macht, wieso die Idee eines industriellen Großprojektes hier auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Es ist noch die Zeit des Kalten Krieges (das findet allerdings im Film keinerlei Erwähnung). Schwandorf liegt im Zonenrandgebiet, ist strukturschwach und von Abwanderung bedroht. Der Landrat verspricht den Anwesenden, alles in seiner Macht stehende zu tun, um dem zu begegnen.

Dann streckt die bayerische Staatsregierung die Fühler aus wegen des Baus der WAA. Wobei sowohl Staatsregierung als auch das Drehbuch mit dem Mittel der Vergeheimnissung arbeiten, so dass das Erzähltempo noch langsamer wirkt, was zu Lasten konkerter Vorgänge und Handlungsauslöser geht.

Dass die Gegend behaglich ist, das zeigen Landschaftsaufnahmen oder der Blick der „roten Radler“, ältere Herren mit dem Bürgermeister voran, die in roten Trikots eine Anhöhe hinanstrampeln, um hinunterzuschauen.

Bald taucht Fabian Hinrichs als Karlheinz Billinger auf als Vertreter von DWK, der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen. Er berichtet von der Risikolosigkeit des Unternehmens. Warum aber ein hundert Meter hoher Kamin nötig sei, um die Abluft mit radioaktiven Restbestandteilen zu verteilen, das kann er nicht beantworten.

Es folgt Sigi Zimmerschied, der seinen bayerischen Minister doch recht kabarettistisch anlegt und von der Gefahrlosigkeit der Wiederaufarbeitung schwärmt. Wie denn auch bauerntheaterhafte Elemente Einzug finden. Auch in der Dialogbearbeitung mit Scherzen, die aus dem Umfeld des Komödienstadls entstammen könnten. Wenn Schuierer sich von seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Bössenecker (Peter Jordan) trennen muss, weil der versetzt wird, kommentiert er das mit, gerade jetzt, wo er sich an ihn gewöhnt habe.

Oder sich Sache mit dem Schnaps, den Bössenecker ihm kredeznt, das sind typische Bauerntheaterelemente geenau so wie die Weißwurstwitze – überall und beliebig verwendbar.

Wie Schuierer anfängt, zum Thema sich kundig zu machen, weil er stutzig wird, zB wegen dem Kamin, wird er immer skeptischer, weigert sich schließlich, die nötige Unterschrift unter das Bauvorhaben zu setzen. Worauf die bayerische Staatsregierung flugs das entsprechende Gesetz ändert – es gelte übrigens heute noch, ist im Abspann zu lesen.

Das war der Anlass für den Seitenwechsel. Als Bürger schließt er sich dem Protest an. Der nimmt zeitweilig enorme Ausmaße an, weil die in München das überhaupt nicht kapieren, weil die völlig abgehoben leben, vergreifen sie sich massiv in den polizeilichen Mitteln – noch ganz ohne das neue PAG des aktuellen Ministerpräsidenten. Das führt zu unschönen Gewaltszenen, zur Ausweitung des Protestes, der sich zur nationalen Aktion ausweitet. In diesem Zusammenhang wird Originaldokumaterial in den Film eingespeist.

Dass er prima mit den Schauspielern arbeitet, hat Haffner schon in seinem Vorgängerfilm „Ein Geschenk der Götter“ gezeigt. Nach dem gemächlichen Anfang entwickelt der Film einen Sog entsprechend der Ereignisse und dann sind die zwei Stunden plötzlich um. Noch kein Meisterwerk, aber ernst zu nehmende Filmemacherei.

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Leergeballert.

Ein Mann betritt schwerbewaffnet eine Insel mit einem Jugendcamp. Ohne Vorwarnung fängt er an, gezielt auf die Jugendlichen zu schießen. Innert 72 Minuten tötet er 77 Jugendliche und hinterlässt viele Schwerverletzte und Traumatisierte.

Was sich wie das Drehbuch zu einem schlechten Film liest, ist am 22. Juli 2011 in Norwegen Realität geworden.

Der Täter (im Film hat er, und das dient mit der Entmythologisierung, keinen Namen) hatte zuvor zur Ablenkung in Oslo eine Bombe gezündet. Seine Taten hat er mit einem Wust an rechtsextremem Gedankengut begründet. Inzwischen sitzt er im Gefängnis.

Ob ein Stück Leben, was wie schlechtes Kno aussieht, zu verfilmen sinnvoll ist, haben Erik Poppe (Regie) und Anna Bache-Wiig und Siv Rajendram Eliassen (Drehbuch) positiv beantwortet. Sie haben sich für ein Realtime-Reenactment aus der Sicht des Opfers Kaja (Andrea Berntzen) und mit künstlerischen Freiheiten entschieden.

Nach kurzer Intro mit Archivmaterial zum Anschlag in Oslo schwenkt der Film und die Dokustyle-Handkamera sofort ins Jugendcamp zu Katja. Sie und ein paar Figuren um sie herum werden mit Alltagsgeplänkel kurz anskizziert. Schon fallen die ersten Schüsse. Ein Sound, der den Rest des Filmes, ergänzt mit Handgranatenlärm, in unregelmäßigen Abständen durchzieht.

Die Darsteller werden zu pausenlosem Hyperventilieren angehalten. Der Zuschauer wird in die Lage der katastrophalen Uninformiertheit der Opfer mit hineingezogen. Er soll ein Nah-Opfererlebnis vermittelt bekommen. Wie sie rennen, wie sie kauern, wie sie flüstern, weinen, zu telefonieren versuchen, sich um Verletzte kümmern; einmal taucht die schablonenhafte Gestalt des Schützen oben auf einem Felsen auf. Er ballert bis die Magazine leer sind.

Der Film bleibt konsequent nah dran an Katja, verstärkt so den Bedröppelungsfaktor aufs Publikum, das er damit vor den Gefahren des Rechtsextremismus warnen und aufrütteln möchte.

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Dem Polizisten Bock haben die Protagonisten dieses entzückenden Filmes von Christian Lo nach dem erstklassigen Drehbuch von Arild Tryggestad den letzten Arbeitstag nach 40 unfall- und fehlerfreien Polizistenjahren gehörig vermasselt.

Und das ist nur eine von vielen prägnanten und bestens unterhaltsamen Episoden, die den Weg der Nachwuchs-Band „Los Bando Immortale“ auf ihrem Weg zum Musikwettbewerb in Tromsö im Norden von Norwegen schmücken und so sehenswert machen.

Die Band, das ist Grim (Tage Johansen Hogness), der von der unerreichbaren Linda (Amalie Nerum) träumt – die Kids sind in noch unversautem Teeniealter – und Aksel (Jakob Dyrud), wobei es mit seinem Gesang nicht zum Besten steht; allein das ist eine Kunst, ungekonnt schlechten Gesang im Film erträglich, ja vergnüglich zu inszenieren und Aksel singt so inniglich falsch, wobei selbst eine Meryl Streep sich als Florence Foster Jenkins schwer tat – hier hätte sie was lernen können.

Eine Episode, die an Charme und verwegener Görenfrechheit nichts zu wünschen übrig lässst, ist die Suche nach einem Bassisten. Gefunden wird stattdessen eine Cellistin, Thilda (Tiril Marie Hoistad Berger) und auch ihr Cellokasten wird sich im Laufe dieses Roadmovies zum Musikruhm als nützlich erweisen.

Nützlich ist auch Martin (Jonas Hoff Oftebro). Er wäre ein talentierter Sänger, ist älter als die anderen, siebzehn, hat also noch keinen Führerschein, übt aber Autorennen mit seinem Vater, einem Garagenbetreiber.

Auch das mit der Lotsenassistenz für Rennfahrer wird im Film noch fruchtbar zum Tragen kommen wie selbstverständlich und mit stupenden Nebenwirkungen. In der Garage wird auch der gelbgestrichene Jesus-Van des missionarischen Roger gepflegt. Auch der wird sich als sehr nützlich erweisen.

Wie überhaupt die Komponenten, die das Vergnügen des Filmes ausmachen, ihm sein einzigartiges Cachet verleihen (nebst der herausragenden Schauspielerführung, die immer den führenden und denkenden, auch listigen Menschen im Darsteller fordert). Sie sind immer plausibel, sie sind möglich nach der Lebenserfahrung oder vielleicht leicht überhöht, das darf sich so eine fundamental menschliche Komödie leisten, wie die bekiffte Braut Anne (Ine F. Jansen), die wegen einer Panne droht, zu spät zur Hochzeit zu kommen und die dadurch – beiläufig – sich entwickelnden Komplikationen oder das Ideal von Grim, der Altrockstar „the Hammer“ (Hans-Erik Dyvik Husby) und sein Berufszynismus.

Ein Film, der über das Seh- und Unterhaltungsvergnügen hinaus – und auch die norwegische und zwischendrin die schwedische Landschaft werden leichthändig und meisterlich eingefügt – auch Begeisterung für das Kino wecken kann (ein wichtiges Kriterium!).

Und wir lernen, was es mit der Ortschaft Pyramiden auf sich hat! Grobheit hat schon gar keinen Platz, statt zu fluchen heißt es: Safran-Herbarium, oder: Halt die Klappe, Bärlauch!

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Chilly Gonzales ist musikalischer Künstler und Rapper. Er wurde in Kanada geboren, kam mit einer Tournee um 2000 nach Berlin, war begeistert von der Szene, hat hier den Rap entdeckt und lebt zur Zeit dieses Biopics von Philipp Jedicke in Köln.

Seine Motivation, Künstler zu sein, dürfte mit männlichen Bezugspersonen in seiner Familie zusammenhängen. Sein Vater war ein Selfmademan und höchst erfolgreicher Bauunternehmer in Kanada.

Sein Bruder ist Karrieremusiker geworden und musste, so meint Chilly, der bürgerlich Jason Beck heißt, die entsprechenden Kompromisse eingehen, was er nicht mag und weswegen er wirtschaftlich nicht so erfolgreich ist.

Wobei man diesen Film durchaus auch als Marketing-Instrument verstehen kann. Er wühlt wild in viel privatem Archivmaterial. Je jünger biobepicte Künstler werden, desto wohlfeiler gibt es jede Menge Bild- und Videomaterial, und davon hier genug.

Gerne schaut Chilly forschend – in allen Altern – in die Kamera. Er braucht die Kunst zur Selbstbstätigung. Er sieht sich als Marke. Er braucht die Aufmerksamkeit, Hauptsache auffallen, das teilt er mit dem Künstler Julian Schnabel, über den es neulich einen ähnlichen Film gegeben hat; Künstler, die vor allem sich selbst in Szene setzen.

Das versteht Gonzales auch vortrefflich und wirft sich beim Konzert mit den Wiener Philharmonikern in die Menge (Publikumsurfen), deren schwachen Arme ihn kaum stemmen können, armes Konzertpublikum, aber es bekommt so eine Abwechslung in der Berechenbarkeit der Klassik.

Die Differenz tritt gerade im Zusammenspiel mit diesen klassischen Musikern deutlich zutage; Chilly kann improvisieren, mitreißenden Rap, die Orchestermusiker gucken irritiert bis entzückt, spielen brav ihren Schuh runter und der Gast schmeißt sich auf den Flügel oder eben über die Zuschauer.

Später entdecken wir ihn, wie er zuhause versucht am Klavier klassische Partituren zu üben. Klingt uns allen wohlvertraut, wie es aus vielen Nachbarswohnungen zu hören ist.

Kunst durch Inszenierung und Grenzüberschreitung – um der Inszenierung und Grenzüberschreitung willen; arbeitet gegen Routine und anödende Regeln; ist nicht immer nach meinem Geschmack und wenn es dann noch mit üblichen Dokustatements zwischengeschnitten wird, kommt jedenfalls kein glanzvoller Dokumentarfilm raus. Immerhin ironisiert Chilly seine Labelpolitik, indem er sagt, er habe keine Lust, sein Leben lang Chilly Gonzo zu sein. So veranstaltet er ein Casting für Doubles von ihm. Was die Qualität eines netten Gags kaum überschreitet.

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Wie christlich kann ein Dementer sein?
Oder: über groteske Folgen der Ökonomie.

Pflege ist ein chronisches Dauerthema unserer kranken, hochzivilisierten, hochtechnisierten Gesellschaft (mit Pflegerobotern!), davon, dass Angehörige ihre Kranken nicht pflegen können, vom Mangel an und Überforderung des Pflegepesonals, von Missständen in Pflegeheimen, von immer teurer werdenden Pflegekosten.

Einen exotischen Beitrag zu diesem brennenden Thema liefert nun Madeleine Dallmeyer über einen Outsourcingversuch des Pflegeproblems von Dementen. Sie hat sich im Projekt Baan Kamlangchay in Thailand umgesehen.

Der Schweizer Martin Woodtli hat hier mit seiner thailändischen Frau Nid Areewan eine über das Dorf verteilte Pflegeeinerichtung aufgebaut. Der Anlass dafür war das Problem mit seiner dementen Mutter. Jetzt betreut er – gegen gutes Geld, über das nicht geredet wird – 12 bis14 Demenzkranke aus Europa.

Die Protagonisten im Film kommen aus der Schweiz: Kurt, Geri, Martin, Margrit und Ruth. Sie leben bei Familien über das Dorf verstreut. Für jeden Patienten gibt es drei Pfleger/innen, so dass immer jemand da ist. Das Pflegepersonal muss seine Arbeitszeit mit der Stechuhr im Büro dokumentieren. Von seinem Büro aus kann Woodtli alle Patienten an Bildschirmen überwachen.

Madeleine Dallmeyer hat nicht undercover gearbeitet, quasi um Skandalösem auf die Spur zu kommen. Aber sie widersteht mit der offenen Berichterstattung durchaus der Verführung eines reinen Werbefilmes für die private Institution, die offenbar niemandem Rechenschaft schuldig ist, was allerdings auch nicht thematisiert wird.

Klar, dass sich die Pfleger, wenn sie wissen, dass sie gefilmt werden, besondere Mühe mit den Patienten geben. Es gibt aber auch kleinere Stresssituationen, beim Aufstehen, beim Verladen des Rollstuhls in den Transporter oder wenn die Füße ins Wasser des Schwimmbades getaucht werden sollen.

Dallmeyer streift auch die Problematik der Familien der Kranken. Die können nur selten nach Thailand kommen und ihre engen Angehörigen besuchen. Die Frau von Kurt ist sich nicht sicher, ob die Besuche eine gute Wirkung haben. Ob es nicht besser sei, da Kurt eh alles vergisst, gar nicht mehr vorbeizuschauen.

Der offenbar geschäftstüchtige Woodtli eröffnet auch einen Laden im Dorf, einen Coop nach Schweizer Vorbild. Die Dokumentaristin macht dazu einen kurzen Besuch beim bestehenden Lebensmittelgeschäft. Ganz begeistert scheint die Inhaberin nicht, aber sie werde ihren Schnaps trotzdem weiter verkaufen, meint sie.

Der Bürgermeister kommt zu Wort, kündigt über die Lautsprecher, die überall im Dorf hängen, an, dass sie ein bunt gemischtes Dorf seien und dass ein Teil der Mitbürger bald ein großes Fest feiern werde: Weihnachten.

Weitere Dorfbewohner hat die Dokumentaristin nicht befragt. Oder vielleicht wollte sich niemand äußern.

Für das Weihnachtsfest schlägt die thailändische Frau an Woodtlis Seite vor, ein Countryfestival zu veranstalten. In diesem Fall setzt sie sich durch mit ihrem Vorschlag. Colt und Cowboyhut statt Kerzen und Weihnachtsbaum.

Grotesk ist auch, dass eine Pflegerin ihre ganze Hingabe einem europäischen Demenzkranken widmet. Mit dem Geld (wobei eine Lohnerhöhung wünschenswert wäre), das sie dabei verdient, unterstützt sie ihre eigenen Kinder (17 und 3), die so weit entfernt bei den Großeltern wohnen, dass sie sie nur ein- bis zweimal im Jahr besuchen kann. Während sie zu ihrem Patienten ein Verhältnis wie zu einem Vater entwickelt.

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Thomas Schmauser spielt den Rudolph Moshammer mit soviel Würde und Grandezza, dass der ganze Kitsch an Drehbuch und übriger Darstellung und der vor Ehrfurcht erstarrte Dilettantismus um ihn herum aufgewogen werden. Aber so war das wohl schon in seinem Laden und in seinem Leben: alles um ihn herum nur Hofstaat und Staffage (bis auf die kleine Evi). Insofern 1:1 stimmig im Hinblick auf die Realität.

Alexander Adolph hat Szenen aus dem Leben des Münchners mit dem großen Herzen nacherfunden und lose aneinandergereiht; sie versuchen dessen Geschäftssinn herauszustellen, fahren ab und an nachts mit ihm und dem Rolls durch dunkle Straßen, lassen ihn die Geradeheraus-Evi (Lena Urzendowsky) anstellen (weil die Schlange von Kosmetikerin sie vor Kunde Moshammer denunziert hatte), versuchen das Verhältnis zu seiner Mutter darzustellen und wollen nachzeichnen, wie Moshammer mit Hilfe seines Geldgebers an den Geldadel als Kunden herangekommen sein soll und wie die Presse seine Hilfsbereitschaft den Odachlosen gegenüber ausschlachten will.

Hannelore Elsner gibt die Mutter primadonnenhaft süffisant; sie stochert in ihrem Rollentext wie in einem Fischfilet, das ihr nicht richtig schmeckt und changiert zwischen Grande Dramödin (das Degeto-Lächeln), Laientheater (der ausgestreckte Zeigefinger), Wachsfigurenkabinett (die Aufmachung) und Schauspielschule (Spannungsableitung über Armzucken links, wenn Evi aus dem Raum soll, sowie Hand aufs Herz und tiefer Atmer vor Deckenverteilung an Obdachlose).

Sunny Melles wirkt als Schweizerin seltsam angespannt und Hanns Zischler läuft als ihr Mann in der Tonirolle neben ihr her und versucht einen auf Fränkisch zu machen.

Der Hochadel ist – wie alle anderen auch – von Regie und Drehbuch im Stich gelassen worden. Dudu und Funi oder Fuzzi können sich so reich wie sie laut Drehbuch sein sollen, auch nicht so recht vorstellen, die farbenblinden Grafen von Anzenberg.

Teils gleicht der Film einer – nicht immer ganz passenden – Videostrecke zu klassischer Musik.
Und die Pressefritzen sind mehr zugeneigt denn neugierig.

Mit diesem Film will die versammelte Schwarmintelligenz der öffentlich-rechtlichen Redakteure Claudia Simionescu, Claudia Grässel, Klaus Lintschinger, Corinna Liedke und Henrike Viergge ihr Bildungsniveau unter Beweis stellen und damit zur öffentlich-rechtlichen Geschmacksbildung beitragen.

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Keine noch so durchschnittliche Fernsehware kann Glanz und Faszinosum des Rudolph Moshammer beeinträchtigen.

Auch nicht diese „Lebenslinien-Ausschlacht“-Lebenslinien von Stefanie Illinger unter der redaktionellen Obhut von Christian Baudissin.

Es sollte möglichst wenig Kosten. Spardruck wegen immer schwerer zu legitimierender Zwangsgebühren führt zu diesem lieblosen Kuddelmuddel und Zusammengestöpsele aus einer Lebenslinien-Produktion des BR von 2001, aus Archivmaterialien und aus Statementabsonderungen von Menschen, die mit ihm zu tun hatten oder von solchen – und das scheint der Hauptzweck dieser Sendung: Werbung für ein weiteres BR-Produkt -, die in einem BR-Film Moshammer und sein Ambiente darstellen.

Wobei diese Ausschnitte aus dem hiermit beworbenen TV-Spiefilm eher Stirnrunzeln verursachen, wenn man sieht, was für ein groteskes Paar dieser Modezar mit seiner zwei Köpfe kleineren Mutter doch war und dann wird diese mit einem gremienkompatiblen Subventionsstar besetzt, da möchte man sich gleich in den Haaren raufen. Szenenausschnitte, die vermuten lassen, dass der Filmmoshammer auf ein TV-Durchschnittsformat geschrumpft wurde (der TV-Film kommt dann doch anders, siehe Review vom nächsten Mittwochabend).

Immerhin kommt in den Originalzitaten das unendlich große Herz von Moshammer zum Ausdruck. Und vor allem die dunkle Motivationsseite, eine mindestens, für seinen Ehrgeiz nach Prunk und Berühmtheit, der Niedergang zuhause von feinen Verhältnissen zu weniger feinen bis zu den Alkoholexzessen des Vaters und dem heimlichen Auszug von Rudolph und seiner Mutter aus der Wohnung; denn die Polizei konnte nichts machen.

Hier macht es sich der BR ziemlich einfach, ein Moshammer wäre mit solcher Zusammenschusterei nie und nimmer zufrieden zustellen, er, der Perfektionist.

Das macht der Film immerhin klar: die Marke fehlt in München. Aber vielleicht ist das auch symptomatisch, dass München inzwischen einen Wachstumsschub hinlegt, der alle hergebrachte Identität zu sprengen droht. Denn irgendwie war dieser selbsternannte Modezar auch rührend provinziell. Und ebenso provinziell das Naserümpfen einer gewissen Münchner Society. Aber das große Herz, das kann Moshammer keiner absprechen; da könnten sich alle ein Stück abschneiden davon – und es bliebe noch genügend übrig.

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