Archiv der Kategorie: Review

Was uns hält

Malacqua

heißt der Regen im sonnenverwöhnten Neapel, schlechtes Wasser, denn wenn es in Neapel regnet, dann zum Steinerweichen, dann kommt der Film schmerzhaft nah dem Roman, den das Leben schreibt, genauer Daniele Luchitti (Anni Felici – Barfuß durchs Leben, Mein Bruder ist ein Einzelkind), der nicht nur die Regie führt, sondern mit Francesco Piccolo und Domenico Starnone auch das Drehbuch schrieb zu dieser Familien-, speziell Ehegeschichte von Vanda (Alba Rohrwacher/Laura Morante) und Aldo (Luigi Lo Cascio/Silvio Orlando) über mehrere Jahrzehnte.

Die beiden sind im Künstler-Intellektuellenmilieu tätig. Er ist Radiosprecher und muss für die Arbeit nach Rom fahren. Sie ist wohl Lehrerin. Der Film schildert dieses liebevolle Familienleben. Papa ist ein exzellenter Geschichtenvorleser und das Drehbuch referiert auf diese und jene Literatur. Die Kinder hören Papa auch gerne im Radio. Er ist Moderator einer Morgensendung.

Völlig unvermittelt gesteht Aldo seiner Frau einen Seitensprung, sagt aber nicht mit wem. Er denkt sich nicht viel dabei. Bei seiner Frau kommt das gar nicht gut an. Sie meint, wenn er nicht verliebt sei, warum er das überhaupt gestehe, und wenn er verliebt sei, dann müsse er die Konsequenzen ziehen. Da er ehrlichweise nicht sagen kann, dass er nicht verliebt sei, schmeißt Vanda ihn raus. Sie fährt mit ihren Kindern nach Rom, um ihnen die Geliebte zu zeigen und tatsächlich ist es, wie vermutet, die Kollegin Lidia (Linda Caridi), mit der er schmusend das Rundfunkgebäude verlässt. Vanda macht den beiden eine Szene.

Der Film arbeitet mit ab und an unverhofften Zeitsprüngen. Es gibt eine Phase, da sind die Kinder ein paar Jahre älter, das Mädchen mitten in der Pubertät, der Bub grad davor. Vanda weiß, dass ihre Kinder den Vater brauchen.

Es gibt auch eine Szene, in der amtlich über das Sorgerecht diskutiert wird.

Und plötzlich ist das Ehepaar wieder beisammen, aber echt gealtert. Es kommen unangenehme Dinge dieser Beziehung an den Tag.

Während einer Urlaubsabwesenheit passen die inzwischen längst erwachsenen Kinder Anna (Giovanna Mezzogiorno) und Sandor (Adriano Giannini) auf die Katze auf. In dieser Zeit passiert ein Einbruch in die Wohnung und lässt vor allem Aldo irritiert nach Fotos suchen, die möglicherweise gestohlen worden sind, oder, was ihn mehr schreckt, die Vanda entdecken könnte. Sie könnten einiges verraten über sein Verhältnis zu Lidia. Sie sind auch gut versteckt in einer Art magischen Schränkleins.

Ein anderes, lebendigeres Requisit in diesem Haushalt ist die Katze Labes. Es behauptet, das bedeute ‚La Bestia‘. Wer aber ein Wörterbuch zur Rate zieht, kommt auf andere Bedeutungen. Auch die Schnürsenkel und eine gewisse Tanzmusik sind Elemente, an denen sich diese Familiengeschichte haptisch macht.

The Bikeriders

Bikerromantik pur

Bikernostalgie pur. Und selbstverständlich wird der Kultfilm Easy Rider erwähnt mit einem eigenen, kuriosen Hinweis. Ein Mitglied des hier porträtierten Motorraclubs „Vandals“ darf als Antwort auf die Frage, was aus den Leuten geworden ist, mit seinem Motorrad malerisch sich vor einem Kino posieren, um die Leute zum Besuch von „Easy Rider“ zu animieren.

Es geht im Film von Jeff Nichols um das Porträt des genannten Motorradclubs und nicht um das Schwärmen von den Freiheiten des durch die Lande Düsens. Hier bleibt man ortstreu. Hier bleibt man vereinstreu. Es kommen die Spießigkeit und die strengen Regeln eines solchen Clubs nur verhalten zur Geltung.

Es scheint, als ob es Jeff Nichols vor allem darum ging, so genau wie möglich die Bilder aus dem Bildband nachzustellen.

Es gibt zwei lose Handlungsfäden. Im einen interviewt der Fotograf Danny Lyon (Mike Faist) die Protagonistin Kathy (Jodie Comer). Es ist der Fotograf, dessen Bildband über die Gang Jeff Nichols als Drehbuchvorlage gedient hat.

Der andere Handlungsfaden konzentriert sich auf die Liebesgeschichte zwischen Kathy und Benny (Austin Butler). Sie kommen zusammen, weil er anders ist als die anderen, kühner, sorgloser, unbekümmerter, waghalsiger.

Um diese Liebesgeschichte herum, die ohne eine einzige Liebesszene auskommt, fädelt der Film die Geschichte der Vandals auf. Ihr Gründer ist Johnny (Tom Hardy). Es geht darum, zusammen abzuhängen, zusammen im Pulk rumzufahren mit den Motorrädern.

Und es geht um unbedingte Loyalität. Das zeigt ein schönes Beispiel. Da der Club Schule macht und immer mehr sich anschließen wollen, meldet sich eines Tages ein junger Schnösel mit einem kleinen Club, die aus Schrottteilen Motorräder zusammenbauen. Dass er bereit wär, seine Freunde zu verlassen, nur um von den Vandals aufgenommen zu werden, bekommt ihm nicht gut.

Der Film lässt die üble Entwicklung der Clubs zu Gangs nicht aus. In den frühren 70ern entsteht ein Generationenkonflikt, die Alten gegen die Jungen, die kiffen, die Vietnam erleben und die in der Kriminalität ein Geschäftsmodell sehen.

Im Abspann sind Originalfotos von Danny Lyon zu sehen. Ok, die erzählen auf ihre Art eine leicht verschiedene Geschichte.

Im Film dominiert das Need des genauen Nachstellens, während die Vorbilder von den Fotos von einem existenziellen Bedürfnis getrieben scheinen und von einer fundamentalen Begeisterung für Motorräder wie für das Zusammensein in der Gruppe. Das ist es, was dem Film den Touch von Romantik und Nostalgie verpasst. In dieser Hinsicht braucht er sich nicht zu verstecken.

Sting

Diese Gören

mit dem Faible für das Magische, das Übersinnliche, den Horror, diese präpubertären Gören, ob sie die Magie und diese Kräfte gepachtet haben oder ob sie nicht viel mehr ein Gespür, eine Affinität dafür haben. Letzteres scheint doch eher der Fall zu sein. Denn das Übersinnliche, das Horrorhafte kommt meist woanders her.

So auch bei Charlotte (Alyla Browne). Sie lebt in Brooklyn, es ist eisiger Winter mit viel Schnee, in einem mehrstöckigen Haus mit ihrem Stiefvater Ethan (Ryan Corr), Mama Heather (Penelope Mitchell), Tante Gunter (Roby Nevin) und der strickenden Oma Helga (Noni Hazlehurst). Stiefvater ist tagsüber Hausmeister, nachts zeichnet er für einen Comic-Verlag. Mama ist auch in der Kreativwirtschaft. Dann ist da im Haus der Bio-Forscher Erik (Danny Kim) und die Trinkerin Maria (Silvia Colloca). Charlotte hat einen kleinen Bruder, der noch ein Baby ist. Schließlich ist da noch der Kammerjäger Frank (Jermaine Fowler). Ein Personal, was nicht unbedingt den Tag überleben wird.

Handelt es sich doch beim Film des Australiers Kiah Roache-Turner um einen lässig-fröhlichen Horror, der vielleicht lediglich illustriert, wie das Coming-of-Age eines Mädchens ein idyllisches Familienleben umrühren und durcheinander bringen kann.

Es ist eisiger Winter. In Brooklyn liegt dick Schnee. Ein Asteroid schlägt in das Haus ein. Er hinterlässt in einem Fenster ein Loch, etwas größer als das durch eine Gewehrkugel. Aus der Asteroiden-Kugel entsteigt die Spinne, die instinktiv ihren Weg zu Charlotte und bei dieser Mitgefühl findet. Sie nennt sie Sting.

Schon ist der Horror im Haus, findet gut behütet von der Göre seinen Weg zur Entwicklung, findet die gut begehbaren Lüftungsschächte, durch die Menschen verschwinden können oder durch die auch eine Göre pirschen kann.

Die Ausstattung der Wohnungen des Hauses ist puppenstubenhaft und daran und am Horror orientieren sich auch Kamera und Beleuchtung, orientieren sich so australisch-unbefangen bis lauschig diese schauderhaften Vorgänge im Haus, die, je mehr Nahrung die Spinne findet, desto rustikaler werden.

Hardore Never Dies

Der rechte Weg

Zwei Brüder aus einfacheren Verhältnissen, Michael (Joes Brauers) und Danny (Jim Deddes) vertreten verschiedene Lebensmodelle.

Der jüngere Michael, er soll 17 sein, wird behauptet, ist der seriöse, ernsthafte. Er arbeitet tagsüber in einer Tomatenplantage als Erntehelfer. Er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium vor. Sein Traum: als Pianist auf Kreuzfahrtschiffen um die Welt segeln, zwei drei Stunden arbeiten am Tag und sonst ein schönes Leben haben.

Sein deutlich älterer Bruder vertritt die Philosophie, dass es wohl kein Leben sei, nur zu arbeiten, ficken und fressen, um dann zwei Wochen im Jahr lang im Urlaub ausspannen zu können. Er hat sich eine Glatze rasieren lassen, vertickt Drogen und hat ewig Schulden.

Die Schulden sind der Motor für Dannys Handeln. Er lebt mit seiner Freundin Pri (Rosa Stil) zusammen. Er versucht den Geldeintreibern aus dem Weg zu gehen. Er wird von diesen mit wüsten Drohungen gejagt.

Der Hauptkonflikt in dem Film von Jim Taihuttu, der mit Amira Duynhouwer und Victor D. Ponten auch das Drehbuch geschrieben hat, ist derjenige, dass der ältere Bruder in seiner Not versucht, den jüngeren in seine Geschäfte hineinzuziehen, ihn vom braven, soliden Weg abzubringen. Die Eltern bringt das zum Verzweifeln. Sie scheinen rechtschaffen zu sein.

Es gibt noch eine Prise geistigen Inputs in den Film. Einer der Prüfer beim Konservatoriums-Vorspiel empfiehlt Michael, bei Nietzsche nachzuschauen, was er über Beethoven gesagt habe. Dieser geistige Input aber bleibt Episode; es wird nicht auf einzelne Gedankengänge eingegangen.

Michael droht vom rechten Weg abzukommen, gleitet immer mehr in die mit Power-Musik akkustisch ausgestattete Unterwelt von Party, Disco und Drogen, er wird unzuverlässig im Job.

Nachdem sich die Unterweltereignisse dramatisch steigern, bleibt die Frage, ob er es zu seinem Vorspiel noch schafft.

Ein neues Leben

„Your children are not your children. They are the son and daughters of Life’s longing for itself…“
Gibran Khalil Gibran. The Prophet.

Gutmenschen

sind nicht unbedingt gute Menschen. Aus der tunesischen Revolution ist ja auch nichts geworden.

Gutmenschen sind eher Menschen, die ganz schön was zu versteken haben, ohne es sich anmerken zu lassen.

Gadeha (Yassin Tormsi) lebt mit seiner Mutter und seinem kleinen Schwesterchen in Tunesien am Meer. Vater ist nicht vorhanden, soll aber bald wieder zurückkommen. Gadeha vermisst die Vaterfigur. Er tobt mit seinen ebenfalls halbwüchsigen Freunden am Strand herum, erleidet einen Unfall und kommt ins Krankenhaus. Er braucht eine Operation. Die kann er aber nur erhalten, wenn seine Mutter die auch bezahlt. Mit was denn?

Da meldet sich ein netter Herr, er übernehme das. Gutmenschen eben, die ganz human und mitmenschlich handeln. Und nicht nur das. Der Fischhändler und seine Frau nehmen die halbvollständige Familie bei sich auf, haben extra ein kleines Haus für sie eingerichtet.

Gadeha ist ein für sein Alter bereits sehr ernsthafter junger Mann voller Zweifel. Er ist von der OP genesen. Bei seinen Erkundungen im neuen Heim findet er eine dicke Rolle mit Geldscheinen.

Dann kommt der Sohn Oussama (Ahmed Zakaria Chiboub) des Fischhändlers aus der Klinik zurück. Er braucht noch einen Rollstuhl. Die beiden junge Männer freunden sich an. Oussama bringt Gadeah das Bogenschießen bei.

Anis Lassoued, der mit Chea Ben Chaabene auch das Drehbuch geschrieben hat, arbeitet mit erzählerischen Tricks, damit er erst das Gutmenschenleben schildern kann. Das plätschert dahin, nur die kritischen Blicke von Gadeha lassen anderes vermuten, aber ihm geht es mehr um seinen Vater.

Es ist ein ruhiges Familienleben. Es gibt eine Oma, die den beiden Jungs Goldkettchen schenkt, einmal taucht das vorherige Leben der weniger bürgerlichen Jungs und früherer Freunde von Gadeah bei ihm auf. Das wird von den Gastgebern, von der Ersatzfamilie, nicht gut aufgenommen.

Es ist Idylle pur. Allein Mutter blickt so finster, dass sie nicht so ganz in diese nette Welt passt. Der Fischkutter des Fischers wird gezeigt. Es gibt ein Familienfest. Die Jungs springen in den Pool. Oder sie sitzen auf einer Bank am Strand und nehmen auf ihren Handys Videos mit hübschen Frauen und deren Wellenbewegungen auf.

Dann passiert der Bruch. Der zeigt, dass dieses vermeintliche Gutmenschentum so ziemlich alles andere ist. Das führt zu einer hochdramatischen Entwicklung, zu harten, existenziellen Auseinandersetzungen.

Wermutstropfen in dieser verführerisch schön erzählten Geschichte ist die deutsche Synchronisation, die ist, um es freundlich zu sagen, nicht berauschend, die bedürfte dringend eines Klinikaufenthaltes.

Bezzel & Schwarz – Die Grenzgänger: Die Isar (BR, Sonntag, 16. Juni 2024, 15.15 Uhr)

Thematisch mäandrierende Heimatkunde –
glimpflich vom Hochwasser verschont

Dieses BR-gemütlich-Format, das die zwei Promischauspieler Sebastian Bezzel und Simon Schwarz in einem Wohnmobil durch Bayern gondeln lässt, mäandriert thematisch zwischen Heimatkunde und Kleingewerbewerbeportal.

Aus den Angaben im Abspann ist nicht klar ersichtlich, wer für die Themenauswahl, die Auswahl der Protagonisten also, verantwortlich ist. Ob das hier Anne Bürger ist? Jedenfalls ist diese Reise der Isar entlang deutlich interessanter als die vorherige, die sich den Lech vorgenommen hatte. Regie führt beide Mal TV-tauglich Ekki Wetzel.

Diese Isar-Reise scheint bei aller Betulichkeit deutlich prickelnder. Die stellt mehr das Wasser ins Zentrum, das Wasser als Quelle, ok, mit einer Sennerin in der Nähe, da wird nicht näher darauf eingegangen. Aber kurz vor München orientieren sie sich über Wasser als Kraft, Wasser, das in einem Kraftwerk zu Strom umgewandelt wird. Das ist sicher von hohem öffentlichem Interesse. Akut wäre das Thema Hochwasser und Überschwemmung und wie dieser vorzubeugen, ratsam gewesen.

Bei Landshut bleibt es beim Thema, diesmal sind es Ehrenamtliche von der Wasserwacht; Thema Ehrenamt, also auch die Wassserrettung.

Wenn das Format sich in dieser Richtung etwas wacher aufstellen würde, was öffentliches Interesse betrifft, so würde das ihm durchaus keinen Zacken aus der Krone nehmen und man würde sich nicht dauernd fragen, was die beiden Schauspieler bewegt, diesen Job zu machen, außer, weil sie dafür aus den Zwangsgebühren bezahlt werden.

Sinnig ist sicher, dass die beiden Wohnmobilreisenden am Ende einer jeden Folge das Gesehene und Erlebte Revue passieren lassen.

Alles steht Kopf 2

Unterhaltsam bunter Versuch, Erkenntnistheorie zu illustrieren

Was sind die Maximen unseres Handelns? Durch welche Parameter kommen sie zustande?

Über solchen Fragen hat schon sehr erfolgreich Alles steht Kopf gebrütet, die verschiedenen Zentren im Hirn und ihr Einfluss auf die Handlungen. Nicht, dass das unbedingt zu Erkenntnisgewinnen geführt hätte, aber eine fröhliche Beschäftigung mit diesen Vorgängen und Dingen und anregend dazu war es allemal.

Nicht anders verhält es sich mit diesem zweiten Blick ins menschliche Hirn, diesmal in der Regie von Kelsey Mann nach dem Drehbuch von Dave Holstein und erneut Mege LeFauve.

Jetzt geht es um die 13jährige, vor der Pubertät stehende Riley, die gut behütet in ihrer Familie Andersen lebt. In der Kommandozentrale im Hirn allerdings löst ihre Situtation einen Alarm nach dem anderen und auch Explosionen aus. Sie hält die Emotionszentren von Lust, Trauer, Ärger, Angst, Ekel, Furcht, Neid, Langeweile oder Scham voll auf Trab.

Besonders mit der Situation im realen Leben von Riley als neuem Mitglied der Bay Area High School und dort im Team der Mädchen-Eishockey-Mannschaft gibt es mehr als zu tun in den Kommandozentralen

Auch in diesem Film spiegelt das Hirn wiederum die Menschenwelt, die es abbildet und manipuliert; innerhalb der Leitungsteams menschelt es genau so. Sie beobachten ihr Manipulationsobjekt und erschrecken gelegentlich ob der Folgen ihres Zutuns. Das wiederum führt zu urmenschlichen Konflikten im Hauptquartier. Dabei kann der Zuschauer lustvoll reflektieren, wie denn bei ihm wohl sogenannt „rationale“ Entscheidungen zustande kommen, die ab und an wirken wie höhere Gewalt.

Sleep with Your Eyes Open – Dormi de Olhos abertos

Exilierte Gestrandete

Eine Japsin ist sie nicht, wofür sie in Brasilien, in Recife, gerne gehalten wird, Kai (Liao Kai Ro). Sie ist eine Taiwanesin, die in Argentinien lebt, also etwas Spanisch spricht. Sie bleibt in Recife hängen, weil ein Freund sie versetzt. Sie stromert durch das Chinesen-Viertel.

Kai lernt den Regenschirmhändler Fu Ang (Wang Shin-Hong) kennen und verliert ihn aus den Augen. Er ist auch ein unglücklicher Mensch, kein Mensch kauft in Recife Regenschirme, auch wenn es dort regnet. Viel mehr Geschick beweist er auch nicht mit seinem nächsten Artikel, den er am Strand verkaufen will, aufblasbare Schwimmringe. Niemand braucht die, weil es am Strand Haie gebe. So viel zu Fu Ang.

Aber bis die zwei Gestrandeten richtig schön am Sandstrand sitzen und erkennen, dass das Leben allein nicht unbdingt traumhaft sei, führt Nele Wohlatz (Futuro Perfecto), die mit Pío Longo auch das Drehbuch geschrieben hat, in einer Art Experiment den Zuschauer ein in die abgesonderte Community von Exilchinesen in Recife, die sich als Händler hier etabliert haben.

Der kleine Clan lebt im 18. Stock eines Luxus-Hochhauses, bei der „Tante“, einer erfolgreichen und reichen Geschäftsfrau; arm seien nur die chinesischen Arbeiter. Aber auch sie hat nicht nur ein glückliches Händchen gehabt. Sie hat in China Souvenir-Postkarten aus Recife drucken lassen, die keine Käufer finden. Dafür schreibt Xiao Xin (Chen Xiao Xin), eine junge Frau, anrührende Postkarten über das Leben im Exil. Eine auffällige Figur ist der blondierte Leo (Nahuel Pérez Biscayart). Der schafft den Absprung nach Sao Paolo.

Der Film ist selbst fast wie eine Postkartensammlung. Einzelne Details und Szene aus dem Leben dieser demütigen Protagonisten werden herausgepickt und anekdotenhaft inszeniert ohne pseudorealistisches Brimborium drum herum.

Nele Wohlatz filettiert sozusagen das von ihr betrachtete Leben auf wesentliche Merkmale hin, die die Beschreibung einer gewissen Heimatlosigkeit liefern. Denn immer wieder kommt zur Sprache, dass die Exilchinesen China, wenn sie wieder hinführen, kaum mehr erkennen würden oder es stellt sich die Frage, ob sie durch den Aufenthalt in dieser anderen Welt und die unterschiedliche Ernährung anders riechen.

Eine wunderschöne, direkt anmutige Bildersammlung zum Thema Fremdsein. Am Arm hat Kai ein Tattoo „Made in China“; so spielt der Konflikt Nationalchina-Taiwan ganz subtil auch noch mit.

Niemals allein, immer zusammen

Ein Jahr unter Freunden

Sie verbindet, dass sie sehr jung sind mit einem wachen Bewusstsein für die Unwuchten in der Gesellschaft, mit einem sensiblen Gespür für Gerechtigkeit und mit Visionen für eine bessere Gesellschaft.

Es sind Aktivisten in Berlin, die sich anfangs des Filmes von Joana Georgi zum Yasmin-Tee treffen. Gastgeberin ist eine Frau, die bereits Mutter ist und die besondere, politisch relevante Polittörtchen herstellt, beispielsweise solche, die an den Terrorakt von Offenbach erinnern.

Die Regisseurin hat einen persönlichen Zugang zu ihren Protagonist*innen (ausnahmsweise mal so geschrieben, da im Film auch konsequent so gesprochen wird; diese Generation scheint die Gendersprache verinnerlicht zu haben). Und sie versteckt die Dokumentarsituation nicht.

Ab und an sind die Batteriebehältnisse für die Mikroports zu sehen oder es guckt auch mal wer fordernd in die Kamera.

Es tut sich was in der Aktivisten-Szene in Berlin. Die Dokumentaristin hat ihren Film nach den Monaten eingeteilt, immer sind Demos oder Streiks.

Was ihre Aktivisten verbindet, ist der Wunsch nach mehr Schlagkraft, also nach einer größeren Organisation, eventuell einer Partei. Die Themen sind breit gefächert, von den Klimaschützern über die Miet- und Migrationsproblematik bis hin zu den Pflegeberufen.

Dem lokalen Leben am nächsten sind zwei linke Politiker(*innen), die in Berlin im Parlament sind und die politische Arbeit in Neukölln betreiben. Sie sind auch engagiert in der Enteignungsinitiative. Und just die zeigt, dass politischer Aktivismus nicht umsonst sein muss. Denn die Initiative ist angenommen worden und zwingt die Stadtpolitik im Interesse der Mieter und nicht der Kapitalisten zu handeln. Näheres über diese Initiative ist im Kinofilm Sold City Teil 2 Enteignung statt Miete für Rendite zu erfahren, der gerade letzte Woche ins Kino gekommen ist.

Nach einem Jahr wird Bilanz gezogen: sie ist einerseits ernüchternd, denn getan hat sich nichts, andererseits positiv: immerhin ist eine Expertenkommission zum Befund gekommen, dass die Initiative rechtens sei.

Die Protagonisten sind zu sehen bei inszenierten Gesprächen über ihre Situation, ihre Perspektiven, beim Picknicken am See, beim Fotoshooting, bei Vorbereitungen zu Demos, bei Podiumsgesprächen, bei Demos und Streiks. Es ist ein sehr persönlicher Film unter Freunden, der ein Schlaglicht auf die Aktivistenszene in Berlin wirft.

Vergleichbarer Film: Bis hierhin und wie weiter?

Fossil

Ein Querkopf

40 Jahre ist alles gut gegangen. Michael (Markus Hering) hat bei einer Tagebaufirma gearbeitet. Hat ein Haus gebaut, Mira (Ruth Reinecke) geheiratet, hat Töchterchen Anja (Victoria Schulz) groß gezogen. Und jetzt soll der Tagebau eingestellt werden. Nicht nur das, seine Tochter Anja ist aktiv beim Ökocamp, das den Tagebau sofort stoppen will. Außerdem hat ein Kollege sich eben an einem Baum aufgehängt.

Das scheint für den guten Michael alles zuviel zu sein. Er fängt an, wie ein Querkopf zu handeln. Er betreibt Sabotage, kettet sich an, er will verhindern, dass der Mega-Schaufelradbagger, eine der bestimmt größten Maschinen der Welt überhaupt, gesprengt wird.

Henning Beckhoff, der mit Bastian Köpf auch das Drehbuch geschrieben hat, unter ZDF-redaktioneller Betreuung durch Christian Cloos, hat für die Beschäftigung mit diesem brisanten Öko-Thema sich seine eigene Perspektive gesucht. Denn Filme, die über die Aktivisten-Seite berichten, gibt es genug (Die rote Linien – Widerstand im Hambacher Forst, Bis hierhin und wei weiter?, Vergiss Meyn nicht).

Für Michael ist das alles zuviel. Durch seine Aktionen treibt er sich selber immer weiter ins Abseits.

Es ist ein Film, der schön als ein Fall konstruiert ist, speziell die Innenaufnahmen sehen aus, als ob sie in einem perfekt vorbereiteten Setting stattfinden.

Der Filmemacher lässt sich Zeit, hat sich die Dialoge wohl überlegt und für eine Filmkamera ist so ein Riesengerät wie der Schaufelradbagger ein Geschenk und auch das freie Gelände drum herum.

Es ist ein Film, der zeigen will, dass auch auf der Seite der Umweltvernichter Menschen sind, die um ihre Jobs bangen, Menschen, die nicht unbedingt damit zurechtkommen, dass sie nach Jahrzehnten sich möglicherweise neu erfinden müssen. Das ist ein Thema, dessen sich dokumentarisch der Film Vom Ende eines Zeitalters angenommen hat. Hier wundern sich ein Jahr nach der Schließung der Zeche die ehemaligen Kumpels, wie sie es so lange unter Tage ausgehalten hätten. Der Film von Henning Beckhoff geht nicht ganz so weit, dem reicht ein Enkelkind, um das Menschliche im Querkopf wieder wach werden zu lassen.