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Fatima – Ein kurzes Leben (Zum Welttag gegen Kinderarbeit)

Fatima – eine Recherche

und ein Nach-Ruf, das wäre die zutreffendere Titelung; der Beisatz zu Fatima „ein kurzes Leben“ suggeriert Betroffenheit, lässt Bedröppeltheit befürchten. Trifft nicht zu. Betroffenheit mag der Auslöser für Hakim El-Hachoumi gewesen sein, den Film mit Andrei Schwartz zu machen. 

Der Fall, dem Hachoumi nachspürt, war ein Skandal in Marokko. Ein 17-jähriges Hausmädchen, Fatima, das in einem simplen Polizistenhaushalt gefangen gehalten, gefoltert, möglicherweise auch missbraucht worden und so mit schlimmsten Wundmalen und Verbrennungen zu Tode gekommen ist. 

Nach-Ruf insofern, als der Filmemacher Fatima persönlich anspricht, obwohl er sie nicht kennt und ihr zu verstehen gibt, dass ihr Tod hoffentlich nicht vergeblich gewesen sei. Eigentlich ihr zu verstehen gibt, dass sie für uns noch lebt und in uns etwas auslöst, was der Film ja auch tut. 

Es ist ein typisches Armutsthema. Mädchen aus armen Familien werden verkauft oder wie hier „vermietet“. Sie werden weggeben zu besser gestellten Familien, verdingen sich als Hausmädchen. Ihr Lohn wird an ihre Familie geschickt. Die gesetzlichen Regelungen in Marokko sind gelinde gesagt verbesserungswürdig. 

Fatimas Familie, das sind Bauern in einem Dorf im Atlas in Marokko. Die Familie, zu der sie kommt, ist eine Polizistenfamilie mit zwei Kindern, die in einem besseren Wohnblock in Agadir am Meer wohnt. Fatima ist 14, wie sie weggeben wird, mit 17 ist sie tot. 

Der Fall hat in Marokko Aufsehen erregt, zu Demonstrationen geführt und eine Diskussion ausgelöst. 

Fatimas Familie ist kinderreich und arm; das Thema Verhütung scheint hier nicht bekannt zu sein („wie die Karnikel“, sagt ein Mädchen selbst). Das Dorf leidet unter Trockenheit. Hakim El Hachoumi schildert mit feinem Kinohändchen das Dorfleben, nutzt auch die Landschaft, in der man Bibelilme drehen könnte. 

El Hachoumi spricht mit der Familie, sucht Menschnrechtsanwälte in einer Stadt auf dem Weg nach Agadir auf, geht auf den Friedhof mit dem Grab von Fatima. Er schildert die Geschichte luzide wie einen Kriminalfall, bei dem die Frage zunächst offen bleibt, wer der oder die Täter waren, ob sie gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden, was an den Tag kommt und was nicht. 

Somit gibt der Film auch einen Einblick in Marokkos Zivilgesellschaft. Die sind ja keine Hinterwäldler, selbst im Dorf gründen sie eine Kooperative, um die Mädchen in einer Bäckerei zu beschäftigen, damit sie nicht mehr als Hausmädchen verkauft werden müssen. 

In dem Zusammenhang kann auf Filme vom DOK.fest München verwiesen werden: zum Thema Trockenheit und Bildung School of Hope, zum Thema Rechte der Frau in Marokko Suspended Wifes.

Hier gehts zum Film.

Fabian oder der Gang vor die Hunde (Berlinale Summer Special)

Vielleicht 

muss/darf man sich das so vorstellen: irgendwer möchte aus irgend einem Grund (von sich aus gibt der Film das nicht preis) Fabian von Erich Kästner erneut verfilmen. Das ist schon 1980 passiert, da hat Wolf Gremm die Regie geführt und zusammen mit Hans Borgelt und Annette Regnier auch das Drehbuch nach Fabian von Erich Kästner geschrieben.

Jetzt hat sich Dominik Graf den Stoff vorgenommen und mit Constantin Lieb ein Drehbuch dazu geschrieben. Hier setzt die Spekulation ein, wie die das wohl gemacht haben. Der Film lässt vermuten, dass die beiden sich das Buch vorgenommen haben, es durchgegangen sind und sich dann überlegt haben, wie man einzelne Szenen draus machen könne. 

Was herausgekommen ist, scheint mir brave, nicht mal richtig solide, ja uninspirierte Ab-Blatt- Illustrierung und Inzenierung der Story zu sein mit Hinzuerfindungen von Sätzen, von denen ich mir kaum vorstellen mag, dass sie bei Erich Kästner vorkommen. 

Bei der Abgabe eines Mantels an einer Garderobe heißt es dazu, der Henkel sei kaputt. Das signalisiert zwar schön ein vertrautes Verhältnis und dass der kleine Defekt wohl während der Mantelaufbewahrung diskret behoben werden dürfte. Hat Kästner sich um solche Details gekümmert? An einer anderen Stelle kommt ein Transvestit, der ein Arzt ist, in einem Etablissement zu einer verletzten Person und sagt den abgedroschenen TV-Drehbuchsatz: „was ist denn passiert?“; kaum vorstellbar, dass Kästner so einen Satz so geschrieben hat. Es sind dies Sätze aus dem Gossip-Fundus deutscher TV-Realitätssimulationen.

Drehbuch schreiben heißt hier wohl, am Küchentisch – vielleicht auch in einer Datsche auf dem Lande – hocken und sich was aus den Fingern saugen, was allgemeinplätzig zu einer bestimmten Situation passt. 

Diese zentrale Schwäche des Drehbuchs, das maximal für eine Literaturillustrierung genommen werden kann, übertüncht Dominik Graf allerdings elegant-ästhetisch und superablenkend mit filkunsthandwerklicher Raffinesse. 

Graf kann sich nicht genügend an Details der sorgfältigen Ausstattung verjuxen, gerne auch zu lang und doppelt zum Beispiel an einem mechanischen Klavier in einem Lokal oder an einem Grammophon in einem herrschaftlichen Auto; Grafs Begeisterung für Nostalgisches nimmt viel zu viel Raum ein; ist zu laut und zu breitbeinig. 

Sein Protagonist Tom Schillig in der Titelrolle des Jakob Fabian muss gleich zweimal den Kehlkopf in Großaufnahme hochziehen, wie er dem Dreh seiner vermeintlichen Freundin Cornelia (Saskia Rosendahl) im Studio zuschaut (gibt es den Begriff ‚Schnittökonomie‘?). 

Es gibt andere Auswalzungen, die wie bemüht auf Originalität wirken oder schlicht auf Verzweiflung mangels „Einfällen“ schließen lassen. Wie Fabian Berlin hinter sich lässt und wieder zuhause bei seinen Eltern ist, versucht er einen Telefonkontakt zu Cornelia herzustellen. Das Telefon befindet sich im Flur. Wie er telefoniert rennen ständig Vater und Mutter wie in einer Tür-auf-Tür-zu-Klappkomödie im Boulevardtheater vor ihm hin und her. Ohne substantiellen Eintrag in die Geschichte – oder soll das eine spezielle Interpretation des Elternhauses werden, das dem Charakter von Fabian eine bestimmte Farbe verleihen soll? 

Da der Film an dieser Stelle schon über zwei Stunden lang ist, hätte Graf diese wenig aussagekräftige Szene auch knapper fassen oder gleich streichen dürfen. 

Ein Wort zur Sprachregie. Diese scheint mehr eine Nichtregie zu sein oder gar die Anweisung, möglichst schlampig zu sprechen; so kommt es, dass zwar viel Kästner-Originaltext gesprochen wird, aber sehr oft kaum oder nur schwer verständlich ist und dann arbeitet auch die laute Ausstattung und die oft ziellose Kamera noch dagegen. 

Allerdings schafft ein Schauspieler wie Albrecht Schuch als Jakobs Freund Stephan Labude es, bestens verständlich zu sein, obwohl er vermutlich mit demselben Direktton aufgenommen worden ist wie die anderen Darsteller auch. So ein Unterschied wird in einer Literaturverfilmung zum eklatanten Makel. 

Manchmal wünschte man sich, Schuch hätte die Hauptrolle gespielt; denn Tom Schilling ist gerade kein Sprechvirtuose, wobei es seiner Rolle nicht schlecht anstehen würde, eine gewisse Bewusstheit in der sprachlichen Äußerung zu haben. 

Merkwürdig – oder nicht nachvollziehbar – ist auch die Auswahl der Sprecherstimme für den Voice-Over-Erzähler: diese Stimme hört sich werbeversaut an. 

Hinzu kommt das Problem des Drehbuches, dass es nur auf Illustrierung ab Blatt angelegt ist, so dass man immer den Eindruck hat, Schilling spiele das nur vor. 

Noch erschwerender kommt Grafs Faible fürs filmhandwerkliche Kuntgewerbe hinzu, das sich vor alles andere schiebt. Nicht genug, er erlaubt sich noch eine Rahmenhandlung ins Heute, schwer nachzuvollziehen, die lange One-Take-Eingangsszene durch U-Bahn-Gänge ist gleich ein Killer und die soll wohl legitimieren, dass 1931 vor einem Haus bereits goldene Stolpersteine liegen, die ja erst in den letzten Jahren als Gedenken an den Holocaust Verbreitung gefunden haben. In München sind diese Steine umstritten und auf öffentlichem Grund verboten. Jeder einzelne dieser Steine erinnert an ein namentliches Opfer. Graf übernimmt offenbar die Position der Münchner und zeigt, wie Schuhe achtlos auf diesen Namen herumtrampeln (anno 1931!), was von den Gegnern der Steine als Argument angeführt wird. 

Zum Kunsthandwerklichen gehört auch der Musikeinsatz, der gerne, wenn Außen- und Nebengeräusche möglich sind, knallig überzeichnet zu dick gerät; vermutlich Ausdruck jener Hilflosigkeit Grafs dem Kästner-Roman gegenüber, die er damit zu übertönen versucht. 

Von der Fabianfigur und ihrer Intentation ablenkend sind auch Kamera- und Splitscreenspielereien, sowie Montage und Verfremdung auch von zeitgenössischem Archivmaterial. 

Zum Geschnäcklerisch-Kunstgewerblichen gehört auch die Entscheidung für das Bildformat, was an Super-8-Filme erinnert, was also suggerieren solle, es handle sich um ein Liebhaberprojekt; womit der Macher sich wie für massive Unzulänglichkeiten entschuldigt, für Kameragefuchtel und dergleichen. 

Schlechte Erzählökonomie wegen dieser Kunstgewerbe-Begeisterung für Grammophons, Plakate, mechanisches Klavier oder auch Schilderung im Eheanbahnungsinstitut. 

Hinzu kommt eine konventionelle, wenig Überraschungen bereithaltende deutsche Subventions-Standardbesetzung. 

Nebenan (Berlinale Summer Special)

Freie Bühne Brühl

Das ist es, was das Aroma, den Geschmack dieses Filmes ausmacht, dass er den Charme einer Theateraufführung an einer freien Bühne verbreitet, durchaus sympathiegewinnend. 

Diese Bühne hat auch Glück. Sie wird betrieben von einem Weltstar, der gleich die Hauptrolle selber spielt, Daniel Brühl als Daniel, der sich als gewichtigen und eindrücklichen Antagonisten Peter Kurth also Bruno ins Boot, besser in die Kneipe „Zur Brust“ geholt hat.

Und Brühl hat Glück, dass er den bekannten Erfolgsautor und Schnellschreiber Daniel Kehlmann ins Team holen konnte. Dieser hat es sich insofern leicht gemacht, als er sein bewährtes Schema aus „Heilig Abend“ (Verhör mit Terrorhintergrund) umvariiert zu einem Ossi/Wessi-Thema; wobei charmant ist, dass „Heilig Abend“, anders als in anderen großen Kulturcities, die Erstaufführung in Berlin auch auf einer freien Bühne und mit dem Ausnahmeschauspieler Michael Jamak als Antagonisten erlebt hat – kurz vor Corona-Ausbruch. 

Beide Stücke wiederum referieren, und das wird hier explizit angesprochen, auf das Stasi-Drama von 2002, Das Leben der Anderen (obwohl diese laut IMDb erst 2006 herauskam). Hier dringt ein Mensch, ein Stasi-Spitzel, in das Leben eines Autors ein. Auch in „Heilig Abend“ weiß der Verhörer scheinbar alles über die Befragte. 

In Daniels Freier Bühne Brühl ist es der Nachbar, der mehr mitbekommen dürfte über den bekannten Schauspieler Daniel als vermutlich das Internet. Das stellt sich im Laufe der Gespräche heraus. 

Ein Schwachpunkt bei den Kehlmannstücken ist, dass er im Erfinden eines sehr tauglichen Grundplots unbestreitbar Fähigkeiten hat (auch wenn der Hinweis auf das Stasi-Drama belegt, dass er auch gut im Abkupfern sein kann), dass es ihm aber offensichtlich zu viel Mühe macht, die Texte wieder und wieder abzuklopfen, den Charakteren auf den Grund zu gehen; so bleibt es bei einer oberflächlichen Themenbearbeitung. 

Der Film fängt in dem Luxusloft von Daniel an. Dieser muss dringend los, ein Casting in London. Da Brühl als Regisseur den Anfängerfehler macht, seine Darlings nicht zu killen, wie ein altbewährtes Künstlerprinzip rät, fängt alles viel zu langsam, viel zu deutlich an, es wirkt, als sei Brühl voll selbstverliebt in sein Spiel und die Aufnahmen davon. 

Dabei geht es lediglich um die Information, dass er ein international gefragter Schauspieler ist, der sich ein Kindermächen leisten kann und selbstverständlich von einer Limousine mit Fahrer abgeholt wird. Das Aufzeigen seiner Bekanntheit wird mehrfach wiederholt mit Erkanntwerden sowie Autogramm- und Selfiewünschen (was dann einmal noch als kleiner Witz mit breitem Anlauf konterkariert wird). 

So sehr ich angetan bin von Daniel Brühl als internationalem Schauspielerstar, so wenig ist in seiner Inszenierung von internationalem Kinoflair, der entsprechenden Leichtigkeit zu spüren; filmisch einfallslos und betulich kommt die Geschichte daher. 

Statt zum Flughafen zu fahren, bleibt Daniel in der Stammkneipe nebenan hängen. Wobei auch hier der Knackpunkt, warum er das macht, warum er den Limousinenfahrer wieder wegschickt, nicht klar genug herauskommt; denn er sollte ja den Flieger nach London kriegen. Dieser kleine Spannungsmacher fällt bald flach, man stellt sich darauf ein, dass hier ein Kammerspiel in einer Kneipe ablaufen wird, dass es um die beiden Hauptfiguren geht, dass der Star einen nicht unbedingt erwünschten Spiegel vorgehalten bekommt. 

Der Zuschauer selber sollte also tunlichst den Switch machen, zwischen Weltkino und freier Theaterbühne. Dann werden in seinem Kopf ganz angenehm heutige Themen durchgewedelt und einige Nähkästcheneinblicke in das Leben eines Stars gibt es auch, der sich bestimmt einen Spaß draus macht, einen ganzen – angenehm kurzen – Film lang, nur ein Kostüm zu tragen. Die Themen, die reinspielen sind Gentrifizierung, das DDR-Erbe, das immer noch virulent ist, das rücksichtslose Leben von Hipstern und selbstverständlich die problematische Beziehungsgeschichte – und dann noch, was der Titel als zentral beschreibt: das Nachbarschaftsthema. 

Stop Zemlia (Berlinale Summer Special)

Blinde Kuh Spiel

Coming-of-Age in der Ukraine. 

Das hört sich deutlich prosaischer an als es der Film von Kateryna Gornostai ist; denn es handelt sich nicht um reinen Ukraine-Realismus mit der furchtbaren politisch-kriegerischen Situation; diese findet nicht mal Erwähnung. 

Realismus gerade mal in der Vorstadt-Plattenbau-Location. Hier fiebert eine Schulklasse etwa 17-Jähriger der Abschlussprüfung entgegen. In den Unterrichtsstunden geht es um Glukose und den Hormonhaushalt, Stress, Thermoregulation, im Sport um eine Art Federball. Dabei kann der Film sich urplötzlich vom Realismus verabschieden und in Träumereien seiner Protagonistinnen und Protagonisten abdriften, in den verlangsamten Flug eines Federballes. 

Der Film ist mit Symobliken des Flüggewerdens gut bestückt, der damit verbundenen Unsicherheit, ja geradezu Tapsigkeit desjenigen, der blind bis zehn zählt und dann ruft „Stop Zemlia“ und blind die Leute aus der Clique sucht und berühren muss. 

Ein Federball ist etwas anderes als ein gegründeter Hausstand. Es ist die Phase im Leben, die nicht minder aufregend ist, als der Musik-Score das andeutet, es ist die Phase der Loslösung von zuhause, Zeit von Blutsbrüderschaft, Rauchen, Alk, Parties, einem Stelzenengelchen und Herzchen für die Partnerlotterie, auch die Phase, in der die Eltern loslassen müssen, die Phase, wo man bei Freunden schläft und nicht nach Hause kommt und dabei die Eltern in Panik versetzt, die offenbar diesen Übergangszustand längst vergessen haben und sich schwer damit tun, dass ihre hübschen Kinder wild mit den Flügeln schlagen und den Abflug proben. 

Realismus durch eine prima Auswahl glaubwürdiger Darsteller sowohl der Teens als auch der Eltern- und Lehrergeneration. Realismus auch, als die zentralen Geschichten in den ganzen Wirbel des Coming-of-Age einer Clique, einer Schulklasse wie selbstverständlich eingebettet sind und auch die Nebenfiguren in Momenten eigene Kontur gewinnen. Dadurch erhalten die Hauptgeschichten eine faszinierend beiläufige Selbstverständlichkeit und nicht dieses fette, thematische Aufs-Auge-Drücken, wie das deutsche Kino es liebt. 

Das Quartett um Masha (Maria Fedorchenko), Yana (Yana Isaeienko), Senia (Arsenii Markov) und Sasha (Oleksandr Ivanov) wird von Kateryna Gornostai besonders genau betrachtet. 

Einerseits bilden Masha, Yana und Senia eine Art Trio Infernale. Sie schlafen in einem Bett dicht aneinandergekuschelt ganz ohne Sex. Noch ist unklar, ob daraus eine Zweierpaarung wird – und wenn ja, welche. Die Eltern von Masha sind verständnisvoll, halten es für keinen Beinbruch, sollte sie schulisch nicht reüssieren. Sasha ist der best aussehende von den Jungs, der männlich markant entschlossenen Gesichtes; er lebt mit einer Mutter zusammen, die alles für ihn tun und organisieren will. 

Sasha muss herhalten für das Symbol der Blindheit seiner Altersklasse; das wird konkret am Problem seiner Sehkraft und einmal sagt Senia ihm auch, er sei blind. Wobei das sicher nicht nur exklusiv für ihn gilt. 

Der Realismus wird relativert durch Interviews der Darsteller vor einer hellbeigen Leinwand. Dabei wird noch eine andere Eigenart der Stilisierung, vielleicht fast Idealisierung, im Film sichtbar: die Teens sind generell besonders hell mit jugendlichem Teint geschminkt und werden auch so in eine gewisse Künstlichkeit versetzt wie auch durch die Interviews, wofür sie noch hübscher gestylt werden und bei denen sie aus ihrem Seelen- und Gefühlsleben erzählen, von ihren Unsicherheiten, ihrem Selbstfindungsprozess, von ihren Wünschen, Sehnsüchten, Träumen, Ängsten, Depressionen, von Idee und Wunsch nach einer erwachsenen Beziehung. 

Durch diese Mischung aus Realistischem und Stilisiertem gewinnt der Film, der ebenso durch die exzellente Regie besticht, eine prima Dichte. Und der immer mit einem Schutzhelm (eine Wollmütze) bedeckte, langhaarig-schlacksige Senia ist offenbar nicht ukrainischer Muttersprache, bei ihm klingt ein politisch unheilvoller Background an. 

Do you think the snow in the sea is salty?“

Bad Luck Banging or Looney Porn (Berlinale Summer Special)

Emi 

ist die Hauptfigur in diesem neuen Film von Radu Jude (Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen, Scarred Hearts, Vernarbte Herzen). 

Emi (Katia Pascariu) ist Lehrerin in Bukarest. Sie ist beliebt, ihre Schüler schaffen überdurchschnittliche Resultate, sie scheint eine begnadete und wissende Pädagogin zu sein. Emi ist ein ganz normaler Mensch, eine ganz normale Frau, auch sexuell. Sie treibt lust- und fantasievollen Sex mit ihrem Freund Eugen (Stefan Steel). So wie viele Leute, so wie die Freiheiten heute sind. 

Was vielleicht nicht alle machen, ist, den Sex auch zu filmen; so unüblich aber dürfte das auch nicht sein. Dumm nur, aber sonst hätte es diesen Hammerfilm aus Rumänien nie gegeben, jemand hat das 3-minütige Hard-Core-Sexvideo ins Internet gestellt, auf eine Seite, die nur für Erwachsene ist. 

Da das Internet aber unter Inkontinenz leidet, dauert es nicht lange, bis das Video, mit dem der Film knallig eröffnet wird, schnelle Verbreitung in den Schülern zugänglichen sozialen Medien findet.

Eine explosive Ausgangssituation, die Radu Jude hier erfindet, um in einem Triptichon-Film ein schillerndes Licht auf das heutige Rumänien inklusive seiner Geschichte (Ingredienzien tauchen aus seinem Vorgängerfilm „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren die Geschichte eingehen“ auf, vom Judenmassacker in Odessa, das Rumänen begangen haben, über die bis heute anhaltende Verehrung von General Antonescu und den geistigen Input von Isaak Babel bis Hannah Arendt).

Triptichon. Im ersten Teil wird die Ausgangslage geschildert. Emi ist hektisch in Bukarest unterwegs. Diesen Teil könnte man einen Rumania-Realismo nennen; das Stadtleben von Bukarest pulsiert. Jude bleibt auf Bildern der Stadt hängen, filmt Nicht-Inszeniertes, streift Wahlplakate, Werbung, Kinoaushänge (La Strada als verwandtschaftlichen Gruß an den italienischen Neorealismo) oder die Nacktstatuen hoch oben auf der Fassade des Bukarest Kinos, der Seifenblasen-Künstler vor dem Kinoaushang, Autoverkehr, Passanten und inszenierte Szenen in Läden, Apotheken, Supermärkten, Buchhandlungen, Cafés. Die sind mit pointierten Texten zum heutigen Leben und Denken in Rumänien gewürzt. 

Der zweite Teil ist ein essayistischer Film mit der Haltung eines skeptischen Philosophen, der sich nur wundern kann über das, was die Geschichte, die Menschheitsgeschichte, die Kulturgeschichte an Spuren hinterlässt vom Grauen, zu dem der Mensch fähig ist, zur Medusa-Geschichte, der Haltung der Kirche unter den aberwitzigsten Regimes. 

Es ist ein Kaleidoskop das nach Begriffen arbeitet wie Kirche, Mathematik, Heimat und zu jedem Begriff eine filmische Anekdote bietet, ein filmisches Apercu, einen Aphorismus, ein Archivstück, zynisch-satirische Witze, ein Bonmot, einen weisen Spruch, die die Vielfalt und moralische Skrupellosigkeit so vieler menschlicher und politischer Handlungen illustrieren; ein skeptisches Sammelsurium. 

Im dritten Teil kommt es zur früh angekündigten Elternversammlung an der Schule. Die wird zum Diskussionsstück, wobei auch hier wie im übrigen Film unter aktuellen Corona-Bedingungen gearbeitet wird, die ab und an thematisiert werden, wenn es sich ergibt. 

Hier wird Moralität verhandelt mit starken Argumenten und oft auch so, als ob eine Lehrerin kein Privatleben und keinen Sex haben dürfte und auch die Verantwortung der Eltern dafür, was den Kindern im Internet anzuschauen erlaubt oder nicht erlaubt sein soll. 

Auf sein Gesamtthema weist Radu Jude im Titelzusatz „Skizze zu einem Heimatfilm“ hin: auf die Grundfragen des menschlichen Seins ausgerichtet und dazu gehört die Heimat, da, wo ein Mensch sich zuhause fühlt, frei und nicht unterdrückt, oder auch: was alles an furchtbaren Flecken auf einer Heimat liegen können. 

Eine Szene, bei der nicht ganz klar ist, ob sie inszeniert oder gerade passiert ist: Emi kommt von hinten und soll einen Überweg über die Straße in Richtung Kamera gehen. Da fährt ein absurdes, schwarzes SUV-Gefährt vor, hält mitten auf dem Fußgängerstreifen, so ein Auto mit extrem hoch gelagerter Fahrkabine und Riesenpneus wie bei einem Traktor; ihr entsteigt ein dürres Männlein, das unsicher auf seinen Beiden steht und wackelig die hohen Tritte zur Straße runterklettert; schräges Symbol menschlicher Paradoxie. 

Die Welt wird eine andere sein (Berlinale Summer Special)

Alles für den Mann.

Das deutsche Kino und die Weltpolitik. 

Hat der Film Curveball wie mit einem Blitzlicht Dinge erhellt, die bislang im Dunkeln lagen und damit punktgenau auf eine der Figuren gezielt, die aus Feigheit den Irakkrieg nur für die Deutschen, nicht aber für die Amis verhindert hatten, den amtierenden Bundespräsidenten (der aus seiner Erkenntnis heraus mit seinem Politkumpan Schröder durch den Verzicht Deutschlands auf Teilnahme am Irakkrieg in Deutschland die nächste Bundestagswahl gewinnen konnte), so sucht Anne Zohra Berrached, die mit Stefanie Misrahi auch das Drehbuch geschrieben hat, die deutsche Verquickung mit dem Afghanistankrieg aus der Sicht einer Frau, die alles mit sich machen lässt, zu erzählen. Hier pirscht sich das deutsche Kino gewissermaßen über die Hintertreppe an die Weltpolitik heran. 

Es ist eine Annäherung an einen der Haupttäter von 9/11. Das wird aber erst am Schluss klar, darf aber sicher nicht als journalistisches Geheimnis oder als Spoiler begriffen werden; es ist zu erwarten, dass das in die Synopsen und Ankündigungen über den Film Eingang finden wird, ist es doch ein besonderes Verkaufsargument, denn sonst müsste die Fazit-Zeile lauten: über eine Frau, die alles mit sich machen lässt, um sich ihren Mann (den Schwanz), zu bewahren. Moderner Heimchen-Typ, auch wenn sie studiert. 

Berrached und ihr Team gehen ihre Geschichte filmisch leger an im Studentenmilieu in Hamburg. Das müsste nach der Schlussinformation und da der Film als Zwischenkapitel die Jahre der Beziehung des zentralen Liebespaares zählt, in etwa 1995 sein. 

So unverkrampft ist das deutsche Kino selten bei Studentenfeten, die Kamera tut gerade so, als sei sie selbst aktiver Teilnehmer mit all der Unruhe und Neugier und vielleicht auch Getriebenheit der studentischen Jugend. 

Hier lernen sich Asli (Canan Kir) und Saeed (Roger Azar) kennen und bald schon lieben; sie scheinen keine Hemmungen vor Sex zu haben und treiben es selbstverständlich. 

Asli stammt aus einer türkischen Einwandererfamilie, die so modern ist, dass die Frauen zuhause kein Kopftuch tragen, also nicht wie die sonst üblichen deutschen TV-Vorurteilstürken. Asli studiert Medizin. Der Film vergnügt sich dabei, wie die Studenten an künstlichen Körpern die Leichensektion üben. 

Von Saeed werden wir erfahren, dass er aus einer libanesischen High-Society-Familie stammt, modern moderat muslimischer Hintergrund, und dass er auf Wunsch der Eltern in Hamburg Zahnmedizin studieren soll, er aber liebe Pilot werden möchte (das wird man im Nachhinein vielleicht erstaunlich finden, dass er das damals schon wollte). 

Hier lohnt sich eine Zwischenbemerkung zur Besetzung der beiden Protagonisten: Saeed wirkt anfangs mit seinen langen Haaren und dem Bartbewuchs im Gesicht und einer gewissen Leichtigkeit und Oberflächichkeit wie ein höchst labiler Mensch. Manchmal kann es sich auszahlen, einen Film ohne jede Vorinformation anzuschauen. Bei ihm habe ich mich spontan interessiert, was aus dem wohl werden würde, und dass sich etwas tun würde, das war spürbar, weil für eine Romanze mit Heimchen am Herd schien er mir nicht geschaffen. 

Während seine spätere Frau Asli schon früh die Heimchen-am-Herd-Attitüde und die Wehrlosigkeit einer verliebten Frau an den Tag legt, auch das kommt überzeugend. 

Die Familie von Asli ist so stockkonservativ, dass Asli ihre Freundschaft zu Saeed der Mutter gegenüber verheimlicht. 

Die Entwicklung der Geschichte wird in einer Art Klatschjournalismus erzählt, so vielleicht wie die Bildzeitung, die sich auf alles Schlagzeilenhafte stürzt, sich nicht aber mit den Gelenken von Geschichten beschäftigt, wodurch auch keinerlei Verständnis zu schaffen ist; allenfalls Urteile und Vorurteile zementiert werden.

Für den Zuschauer wirkt es manchmal so, als sei die Story eine Molluske, ein Körper ohne Skelett, was ihm Nachfragebedarf beschert. Kapitelüberschriften könnten sein: Asli verschweigt ihre Liebe zu Saeed ihrer Mutter, Saeed wird Islamist, Saeed zwingt Asli, ihn heimlich muslimisch zu heiraten, Saeed schwört seine Frau auf absoluten Gehorsam ein, Saeed schickt Asli zu seiner Familie nach Beiruth und verschwindet für einige Zeit mit unbekanntem Aufenthalt, Asli hält sich an ihr Schweigeversprechen, Asli scheint auf den Strich zu gehen, Saeed kommt verändert zurück, Saeed will in den USA Pilot werden, Asli darf Saeed in den USA besuchen. 

Das Warum für diese Handlungen, die möglichen inneren Konflikte, die zu solchen Entscheidungen führen, die werden nicht gezeigt. Das bedeutet Verzicht auf ein wesentliches Spannungselement. Dadurch wird der Zuschauer in die Position des Boulevardblattlesers versetzt, dem Zusammenhänge und bewusste menschliche Entscheidungen vorenthalten werden, der Film ist dann immer gerade verreist, wenn man so will, wenn ein Knackpunkt ansteht, der Film kommt für den neugierigen Zuschauer sozusagen immer zur Unzeit auf Zwischenlandung in der Geschichte, er schildert die Umstände, wie sie nach Entscheidungen und Veränderungen sind. Ein krasser Gegensatz zu Bresson beispielsweise, den ich so in Erinnerung habe, dass gerne eine Tür aufgeht, eine Figur in einen Raum eintritt, dann wird etwas besprochen, verhandelt, entschieden, geklärt und dann verlässt jemand den Raum; die Türe als Scharnier für eine Geschichte. Was dessen Filme so spannend macht. Dieser Film hier verpasst sozusagen das Bresson-Moment (man könnte dafür viele andere renommierte Filmemacher anführen). 

Courage – Demokratiebewegungen in Belarus (Berlinale Summer Special)

Alles wird beim Alten bleiben, 

sie werden die Schrauben nur noch fester anziehen.

Seit 1994 führt Lukaschenko in Belarus in sechster Amtszeit die Präsidentengeschäfte, genauer gesagt, das Geschäft des skrupellosen Tyrannen, der kein schlechtes Gewissen entwickelt, wenn er Menschen entführt und auf die Seite schafft, wie zuletzt zynisch bewiesen mit dem Abfangen eines Flugzeuges, das sein Land überflog und der Entnahme eins kritischen Bloggers. 

Nach den Wahlen im August letzten Jahres kam es zu Massenprotesten, die aber offenbar genau die Wirkung haben, wie das Titelzitat, das im Film ausgesprochen wird. 

Aliaksei Paluyan bringt hier einen hautnahen Frontreport aus dem Milieu der Kritiker und Protestierer. Zentral hat er sich die Gruppe des Freien Theaters Belarus vorgenommen, die kritische Stücke auf die Bühne bringt, an den Demonstrationen teilnimmt und ständig selber befürchten muss, festgenommen zu werden. Diese Gefahr dürfte durch diesen Film nicht geringer werden.

Es versteht sich von selbst in einem tyrannischen System, dass solche demokratisch und frei denkenden Schauspieler auf einer Liste mit Namen stehen, die vom Drehgeschäft ausgeschlossen sind. 

Der Regisseur der Theatergruppe lebt im Exil in London und führt über einen Internetvideodienst die Regiegespräche. Vor allem bei einem Schauspielerehepaar mit einem kleinen Kind ist der Dokumentarist auch ganz privat dabei. Gerade wenn man Familie hat, braucht es besondere Courage, an Demonstrationen teilzunehmen oder erst recht, ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, was direkt die Entführungen und das Verschwindenlassen von Menschen durch das Lukaschenko-Regime anprangert. 

Es gibt Gespräche mit Schauspielern oder mit Bekannten. Es ist ein Thema, gerade bei den nicht mehr ganz Jungen, ob sie an den Demos teilnehmen sollen oder nicht. Es herrscht Angst vor den Folgen. Die dürfte Lukaschenko mit seinem Kidnapping-Coup nochmal verstärkt haben. 

Hochemotional kommt das Footage von den Demos rüber, diese riesigen, friedlichen Massen, die Menschenmengen, die der Polizei gegenüberstehen, die ihnen Blumen überreichen, sie umarmen, sie zur Rede stellen, ihr Heimatgewissen befragen oder auch martialische Aufmärsche der Polizei mit Wasserwerfern. 

Menschen warten vor dem Gefängnis auf Entlassene und hören gebannt einer Rednerin zu, die eine Liste mit den Namen von Gefangenen vorliest; hier bietet auch ein Rechtsbeistand seine Hilfe an. 

Besonders eindrücklich ist es, wenn eine große Menge von Demonstranten einfach schweigt: eine lastende – höchst beredte – Stille. 

Es gibt auch einen saukomischen Ausschnitt aus einer Theaterproduktion von 2015 zu sehen, drei Männer, Musiker, stehen auf der Bühne, mit einem Zwangslächeln, als ob ihnen mit Wäscheklammern die Lachmuskeln nach hinten gespannt worden wären. So ein Lachen ohne Pointe, das sich irgendwann im Publikum, wenn man es denn hält, entladen muss. Das sind so Symboliken. Aber heute seien selbst die nicht mehr möglich. Der alternde Diktator habe die Stellschrauben nochmal massiv angezogen. 

OMON, das lernen wir auch, ist der Name für die schlecht beleumdete Polizei. Wenn einer der Protagonisten eine Wespe in der Küche fängt, sagt er, er spiele OMON; aber die Gefangene entlässt er behutsam in die Freiheit. 

Anmaßung (Berlinale Summer Special)

Eine Anmaßung 

wäre es, zu behaupten, man kenne die ganze Wahrheit über einen Menschen und warum er zum Mörder geworden ist. Wir können immer nur Ansichten und Ausschnitte dieser Wahrheit erfahren, das meint ein Psychiater, der sich mit verurteilten Mördern beschäftigt. Sie nennen ihn Dr. Feelgood, schreiben aber im Abspann, dass die Namen geändert worden sind, vor allem der des Protagonisten, den sie Stefan nennen. 

Sie, das sind die Dokumentaristen Chris Wright und Stefan Kolbe, die versuchen unter annähernd wissenschaftlichen Laborbedingungen der Wahrheit ihres Protagonisten nahe zu kommen, indem sie auch den Rahmen ihre Filmes klar abstecken, was beinhaltet, dass das Grundproblem einer solchen Dokumentation, die Beziehung, die sich zwischen Protagonisten und Filmern entwickelt, thematisiert wird, denn diese wiederum beeinflusst durchaus die Geschichte; hier sind Parallelen zum DOK.fest-Film René zu sehen. 

Es wird offengelegt, dass Stefan für seine Mitwirkung eine Gage erhält, dass er zögerlich nur sich bereit erklärte, dass er keine Nahaufnahmen von seinem Gesicht haben möchte, dass zu einem späteren Zeitpunkt sich die Dreharbeiten erleichternd auf seine Gefangenschaft auswirken, indem ihm Freigänge und Ausflüge bewilligt werden. 

Ein weiteres Mittel zur Verfremdung ist der Einsatz einer Puppe, die von zwei professionellen Puppenspielerinnen nach dem Gesicht des Protagonisten angefertigt und dann zu Texten aus Gesprächen bewegt wird. 

Die dokumentarische Situation verdoppelt sich anfangs, indem sowohl das Dokuteam in Spiegeln zu sehen ist, dann die Puppenspielerinnen in einem studiohaften Raum und hinter Glas in einem weiteren Raum der Protagonist, eine Situation, die auch so deutlich macht, wie fragil das Thema des Filmes ist, wie behutsam und möglichst vorurteilsfrei sie sich ihrem Protagonisten und dessen Schuld nähern wollen. 

Die Dokumentaristen legen auch offen, wie sie ihren Protagonisten das erste Mal gesehen haben, dass er den Lauf um einen See nur wegen des Teams gemacht habe, weil mit zwei Polizisten als Aufsehern im Schlepp mache das keinen Sinn. Hierbei sind wesentliche biographisch Elemente ders Protagonisten zu erfahren. 

Es ist kein Film über Stefan, es ist ein Film darüber, wie wir uns ein Bild über Stefan machen.

Es ist vielleicht nicht ganz die verkorkste Jugend, aber sie ist mit Krankheit und daraus folgend mit Ausgrenzung versehen, mit Bettnässen noch im Schulurlaub und drastisch-brutaler Behandlung durch die Mitschüler. Es kommen Defekte von Geruchs- und Geschmackssinn hinzu, Zeiten, in denen er kaum spricht. 

Stefan, der nicht Stefan heißt, wird als eine Persönlichkeit mit autistischer Tendenz geschildert. Dem kommen Fabrikjobs in der Herstellung von Chemiefasern entgegen. Aus der ehemaligen DDR nach Oberbayern. Hier Anschluss zu Menschen, eine einerseits glückliche Zeit und genau daraus nimmt das Unglück seinen Lauf. 

Der Strafverlauf selber kommt insofern gut weg, als er wie eine große Bemühung des Staates zur Persönlichkeitsreparatur mit Programmen wie der verhaltenstherapeutischen Massnahme Männlichkeit und Identität, wie Motivation, Selbstmanagementprogramm, Zukunft des Ich, das Päckchen Geschichte, das einer mitträgt und das symbolisch als Garneinwicklung dargestellt wird, Anleitung zur Reflexion des eigenen Verhaltens und dass der Psychotherapeut versucht, die Straftat als Teil der gesamten Biographie zu sehen. 

Ein Film, der anregt, doch mal wieder grundsätzlich über den Strafvollzug nachzudenken, der generell zu sehr dazu tendiert, die Menschen wegzusperren. Und überhaupt schwebt mit die Frage, wie Menschen überhaupt über andere Menschen richten dürfen. 

Lebenslinien: Der Anwalt der Tiere (BR, Montag, 7. Juni, 22.00 Uhr)

Sturkopf

ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort für den Protagonisten Friedrich. Er ist ein hochfokussierter, hochkonzentrierter, ja fanatischer Jäger von Tierquälern, vor allem professioneller Tierquäler mit profitorientierter Massentierhaltung. 

Friedrich kann perfekt erklären, warum er so ist, wie er ist, frühe Mobbingerlebnisse wegen seiner roten Haare haben zu seiner nicht menschenorientierten Haltung geführt. Diesen Schmerz möchte er nicht Tieren zugefügt wissen. Er kann hervorragend sich selbst analysieren, kann seinen Weg beschreiben mit stechend auf seinen Interviewpartner gerichtetem Blick. Das ist filmisch nicht attraktiv – und somit auch wenig hilfreich für sein Ziel des Tierschutzes. 

Für so eine für Smalltalk wenig geignete Figur wie Friedrich zeigt sich das in die Jahre gekommene Lebenslinienformat als nicht besonders ergiebig. Hier bringt es keine weiteren Einsichten zur Person, wenn er mit einem Schulfreund das alte Schulhaus begeht und derlei Dinge mehr. Allenfalls die Begegnung mit dem Fossiliensammler. Aber in so einem Fall sollten sich die die Zuständigen, Kim Koch als Regisseurin und Sonja Hachenberger als verantwortliche Redakteurin, flexibler zeigen.

Bei so einem Protagonisten wäre doch ein Studiointerview, das eh schon ergiebig genug ist – was soll man ihm beim Pilzesammeln mit seiner Mutter im Wald zeigen? – sinnvoller. Dabei könnten mit großen Rückprojektionen die Dinge gezeigt werden, denen er hinterherjagt. Klar, es sind brutale Bilder, die hier wie verschämt dazu gehören; soll man die Zuschauer davor verschonen, zu erfahren, wie ihr Billigfleisch zustande kommt? Wenn man schon einen Jäger zeigen will, so bittschön auch das Gejagte – ohne dieses ist er nichts. 

Eine solche Lösung wäre sicher auch im Sinne des Kampfes gegen Tierquälerei, gegen Massentierhaltung und somit für ein besseres Leben. So aber, in den abgeschliffenen Bahnen des Formats, kann weder eine Faszination durch ihn noch für sein Tun aufkommen; diese Lebenslinien bleiben abweisend. 

Wobei bereits der Titel irreführend ist: Friedrich ist kein Anwalt, er ist ein Jäger von Tierquälern, insofern setzt er sich für die Tiere ein. Vor allem macht der Titel die Sendung unattraktiver; Jäger des verlorenen Tierwohls würde vielleicht aufregender klingen.

Memoir of a Murderer (DVD, VoD)

Wenn Mord Poesie ist, dann ist Kindsbetreuung Prosa.“ 

Der Satz stammt nicht von Nietzsche, der wird auch an einer Stelle in diesem südkoreanischen Film von 2017 zitiert, er stammt vom Protagonisten, dem Tierarzt Byung-su (Seol Kyung-gu). 

Bis vor 17 Jahren war Byung-su ein Serienmörder. Er hat eigens ein Grundstück gekauft und darauf ein Bambuswäldchen angelegt, um darin die Leichen seiner Opfer zu vergraben. Ein Autounfall vor 17 Jahren hat bei ihm einen Gehirnschaden verursacht mit Gedächtnisverlust in der Folge. 

Eines der Probleme von Byung-su ist, dass das physiologische Gedächtnis nicht verloren gegangen ist; wenn er ein mögliches Opfer sieht, fangen bei ihm Zuckungen im Gesicht an und die Hände wärmen sich auf für den Würgegriff. Das ist für sein Leben ein gewisses Risiko, da seine Tochter Eun-hee (Seol-Hyun Kim) inzwischen eine wunderhübsche junge Frau im besten Alter ist und wenn er sich nicht daran erinnert, dass sie seine Tochter ist … sie wohnt auch noch bei ihm. 

Das ist nur einer der Reize dieses Filmes von Shin-yon Won nach dem Drehbuch von Jo-yun Hwang nach dem Roman von Young-ha Kim, dass in der geschilderten Ausgangssituation schon ständig Gefahr lauert, ein weiterer Reiz ist, dass Byung-su einen Poesie-Kurs besucht. Hier sind viele ansprechende Frauen; die himmeln jedoch scharenweise den Referenten an. 

In diesem Poesie-Kurs wird eine gefährliche Harmonie zwischen Kunst und Bluttat beschworen, zwischen einer Realität von Byung-su und dem schönen Text über seine schlimmen Taten. Und hier kommt der Hinweis mit dem eingangs zitierten Satz, dass Familie und Mord wohl eine intime Beziehung haben, dass Familie lebensgefährlich sein kann (die meisten Morde passieren bekanntermaßen in familiären Verbindungen). 

Die Angelegenheit wird komplexer durch den Faktor, dass in diesem kleinen, fast dörflich überschaubaren Umfeld, in dem die Geschichte spielt, ein zweiter Serienmörder auftaucht, Takei (Nam-gil Kim), ein äußerst gewinnend-sympathischer junger Polizist, dessen Charme insbesondere junge Frauen leicht erliegen können. Eine Autokarambolage macht ihn mit dem Veterinär bekannt – beide spüren augenblicks ihre Seelen- und Täterverwandtschaft. Aber der junge Polizist lernt auch Eun-hee kennen.

Vierte Hauptperson ist der Polizist An Byeong-man (Dal-su Oh), der bodenständig mit all dem Mörderwahnsinn um sich herum und mit der Demenz des Veterinärs, der immer noch arbeiten darf, klar kommen soll. 

Die Demenz spielt den Choker im Mörder-Game. Denn wo keine Erinnerung ist, da tritt die Spekulation an ihre Stelle. Dafür bietet das Kino einen idealen Ort, um Dinge zu erinnern, vorzuspielen, zu vermuten, vorzutäuschen mit einer tüchtigen Realitätsbehauptung, die wahr sein kann oder unwahr, nur gedacht, nur geträumt, allenfalls angstgeträumt. 

Die enge Figuren- und Problemkonstellation führt zu einer Vielzahl möglicher Verbrechen in einem reizvollen Mix aus Thriller mit Realismo-Einsprengseln samt einer Prise Trash und spekulativer Fiktion. Egal: vergessen wir nicht: es gibt gute Mörder und schlechte Mörder. Gute Mörder, wie Byung-su sich sieht, die schaffen menschlichen Müll weg, meint er, das sei eine reinigende Passion – wenn da nicht diese Vergesslichkeit wäre.