Archiv der Kategorie: Review

Everything will Change (Preview am 22. Mai zum internationalen Tag der Artenvielfalt)

Rettung des Planeten als Sci-Fi-Fantasy

in der Art einer gänzlich unverbiesterten, bunt fröhlichen Wissenschaft.

Der Film fängt in einer apokalyptisch-dystopischen Zukunft um etwa 2050 an. Von der Artenvielfalt ist nicht viel übrig geblieben. Die Menschen sind zu halben Robotern mutiert. Aber drei davon, das fabelhafte Trio: Ben (Noah Saavedra), Cherry (Jessamine-Bliss Bell) und Fini (Paul G. Raymond), sind junge Menschen wie vielleicht die Jugend der 70er war: wach, sorglos.

Das Trio stößt auf eine Märchenerzählerin mit einem dicken Buch über das vergessene Königreich. Diese wird als Voice-Over durch den Film und durch die Erdgeschichte bis hin zum Anthropozän führen. Sie wird die drei jungen Menschen zu einem Schloss bringen, in dem es ein Archiv gibt mit Dingen, von denen sie nie gehört haben, denn sie leben in einer Zeit, in der eine Giraffe eine Überwachungssoftware ist. Dass es mal so ein Tier gegeben haben soll, ist neu für sie.

Der Film von Marten Persiel, der mit Aisha Prigann auch das Drehbuch geschrieben hat, verwendet den Trick mit dem Blick in die Zukunft dazu, um seinen Protagonisten die Chance einer Zeitreise zu geben und sie mit einer Mission zu betrauen; denn nur wer weiß, wie Entwicklungen fehl laufen, kann noch rechtzeitig Weichenstellungen vornehmen.

Der Film ist gespickt mit Archivmaterial aus dem unerschöpflichen Pool der Artenvielfalt, mit kurzen, nie verbissenen Statements von kompetenten Forschern und mit den herrlichen Spielszenen des anfangs ahnungslosen Trios, das unserer Heutezeit verkünden wird, dass es womöglich noch nicht zu spät sei, dass der Mensch noch eine Eingriffsmöglichkeit habe, um der Ausradierung von sich selbst durch Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage – es ist die Vielfalt von Mensch, Pflanze und Tier auf dem Planeten – zuvorzukommen.

Fuchs im Bau

Schuld

Der Film von Arman T. Riahi, inspiriert von den Erfahrungen des Gefängnislehrers Wolfgang Riebniger behandelt ein großes gesellschaftliches Thema, nicht nur Schuld, sondern auch Bestrafung; wie der Staat mit der Schuld von Menschen umgeht, das Thema des Wegsperrens von Menschen, in Sonderheit von Jugendlichen.

Im Hintergrund, ohne jetzt zu viel zu spoilern, spielt auch Schuld eine Rolle, die ein Mensch fühlt, ohne dass er sich strafbar gemacht hat, sozusagen nicht justizable Schuld, die einen Menschen noch viel mehr umtreiben kann.

Dass den Lehrer Hannes Fuchs (Aleksandar Petrovic) etwas umtreibt, wird in jeder Sekunde seines Auftrittes klar, dass er eine tiefere Motivation hat, als Gefängnislehrer arbeiten zu wollen, dass er einen Grund hat, in seiner Band, in der er als Drummer arbeitet, seit zwei Jahren nicht mehr mitzuspielen.

Und es ist ihm in jeder Sekunde anzusehen, dass er mit der Arbeit im Gefängnis eine Schuld abarbeiten möchte. Aber so einfach ist das nicht. Es ist bemerkenswert, dass in dem Jugendknast eine Kunstklasse existiert. Sie wird geführt von Elisabeth Berger (Maria Hofstätter). Auch sie muss eine besondere Motivation haben, mit den jugendlichen Straftätern arbeiten zu wollen.

Der Ton ist rau, die Sprache direkt und nicht immer salonfähig. Es ist eine super ausgewählte Gruppe von Jugendlichen, die mit ihrer Jugendlichkeit, mit ihrer Wut, ihrem Zwiespalt als Außenseiter und Gefangene und dem Jugendpower, andererseits der zu erwartenden Aussichtslosigkeit nach der Entlassung aus dem Gefängnis ein enormes Kraftzentrum bilden.

Um dieses herum fällt auch auf, wie hervorragend der Cast der erwachsenen Schauspieler, die sich dem aussetzen müssen, ausgewählt ist. Zu diesem gehört Sibil Kekilli, die die staatliche Seite vertritt, Anica Dobra als Leyla; es sind die Darsteller der Gefängnischargen, die ihre eigenen Machtspiele von Law und Order spielen möchten und höchst misstrauisch der Kunstklasse gegenüber sind.

Fuchs wird sich speziell um ein muslimisches Mädchen kümmern, um Samira (Luna Jordan). Die hat ihren Vater ins Koma geprügelt. Dass das nicht ohne Grund geschehen ist, dürfte klar sein; es ist wohl nicht abwegig von einem vorausgegangenen innerfamiliären Übergriff auszugehen.

Den sensiblen Zugang, den Fuchs zu Samira sucht, erträgt sie schlecht; an ihr wird das Thema Suizid-Versuch virulent; ein Thema, was offenbar Fuchs speziell persönlich angeht und schmerzt und dass auch hier sein Einsatz schief zu gehen droht.

Subtil beoachtet ist auch das Verhältnis von Berger zu Fuchs, die erst gar nicht begeistert ist, dass er ihr zur Seite gestellt wird und wie die Entwicklungen die beiden aber doch näher zueinander rückt. Dazu trägt eine ziemlich absurde gefängnispädagogische Aktion bei: sie schlagen in der Wohnung von Berger eine Tür samt Rahmen aus der Wand, schleppen diese ins Gefängnis und wollen ihre Schützlinge auf den Tag der Freiheit vorbereiten, indem sie durch den Türrahmen gehen und sich das Gefühl der Freiheit schon mal vorstellen. Kunstunterricht im Knast: ein Versuch immerhin, zu Vermenschlichung des Strafwesens zumindest für jugendliche Straftäter.

Jonas Deichmann – Das Limit bin nur ich

Gewerbliches Abenteuer

Mich würde mal eine Doku interessieren, die alles um solche Extremsport-Dokus dokumentiert: zuerst die Suche nach Geldgebern und Sponsoren, die Diskussionen, welches Pickerl wann und wo zu zeigen ist; die Verträge; alles was im Hintergrund an Vorbereitungen läuft, auch die Medienarbeit genau so wie die Arbeit des engagierten Doku-Teams.

Hier im Film von Markus Weinberg, der in Buch, Regie und Konzept von Steffi Rostoski unterstützt wurde, sehen wir mehr das Marketing-Produkt des Extremsportlers Jonas Deichmann, der sich den Wahnsinn eines Triathlons rund um die Welt vorgenommen hat – als Broterwerb einerseits, andererseits aber, und das ist wohl auch die Botschaft, sich lebendig zu fühlen, die richtige Einstellung zu schier unmöglichen Herausforderungen zu entwickeln.

Es ist also ein Job, eingebettet in ein weites Netz von Unterstützung, andererseits ist es ein einsamer Job, so einsam, dass das Umrundungs-Hilfsgerät Fahrrad schon mal als ‚Ehefrau‘ tituliert wird.

Mit dem Fahrrad geht die Weltumrundung in München los. Das Schwimmpensum dieses Welttriathlons absolivert der Protagonist die Adria entlang hinunter nach Dubrovnik. Mit dem Fahrrad geht’s weiter über die Türkei, mit einer coronabedingten Pause und Umweg über Rumänien und die Ukraine nach Russland, quer durch bis Wladiwostok.

Dann muss er coronabedingt doch zum Flieger greifen, um quer durch Mexiko die Marathonstrecke mit einem eigens hergerichteten Anhängerwägelchen zu laufen, dann mit dem Flieger nach Portugal und mit dem Fahrrad über Frankreich zurück nach München. Dort erwartet ihn ein deutlich größerer Medienpulk als bei der Abreise. In Mexiko wird er richtiggehend zum Medienstart, überall begleiten ihn Läufer oder empfangen ihn die Leute mit Banderolen und Rufen.

Teils hat Deichmann ein Kamerabegleitteam dabei, das auch ab und an Drohnen einsetzt, teils dokumentiert er sich selber mit der GoPro oder dem Handy; es gibt Medienfootage aus Mexiko und die Dokumentaristen haben auch bei Jonas‘ Eltern vorbeigeschaut, die sein Tun wohlwollend unterstützen.

Jonas‘ Motivation dürfte in der innerfamilären Konstellation begründet sein, er als der kleinere, asthmatische Bruder, der immer dem größeren hinterherstrebte und mit dem Abenteurerberuf seinen Lebenstraum gefunden haben dürfte. Er macht es den Zuschauern nicht schwer mit seinen kurzen, knappen, informativen Statements in die Kamera oder in den Social Media. Er ist ein gewinnender Typ mit Optimismus und der Devise, dass sich immer eine Lösung findet und dass man nur seine Träume verfolgen soll. Insofern ist es zumindest eine angenehme Ablenkung, ihm beim Geldverdienen zuzuschauen. Mit seinen 34 Jahren ist er überzeugt, die besten Jahre noch vor sich zu haben.

One of These Days

Dran bleiben!

Leben auf Parkplätzen. Im Gegensatz zu seinem Film Houston verzichtet der Filmemacher Bastian Günther diesmal auf Vergeheimnisserei und Kamera-Spiegel-Spiele. Die einzigen Tricks, die er sich in dieser Hinsicht – und sparsam – erlaubt, sind einige Reiß-und Stopschwenks, um den Genius Loci seines Filmes einzufangen: Streusiedlungen in Texas, Straßen und Parkplätze dominieren.

Wieder interessiert Bastian Günther etwas aus dem Geschäftsleben. In Houston war er fasziniert vom Thema des Headhunters. Jetzt wendet er sich der weitausladenden amerikanischen Provinz und dem Autohandel zu.

Der Film beruhe auf einer wahren Geschichte. Das Autohouse Bourdeaux’s Auto & Truck veranstaltet jährlich einen Wettbewerb, bei dem es einen fetten Truck zu gewinnen gibt. Ein Wettbewerb vor seinem Showroom auf dem weiten Parkplatz. Hier steht der zu gewinnende Truck. Die ausgelosten etwa 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen kämpfen um den Gewinn des Trucks. Die Wettbewerbsaufgabe besteht darin, so lange wie möglich an diesem Auto zu stehen und dabei immer mindestens eine Hand draufzuhalten. Man darf auch nicht auf die Knie gehen oder sich anlehnen. Es gibt regelmäßige Pinkelpausen und alle paar Stunden eine etwas längere Pause zum Essen. Es ist ein Werbeevent, der momentweise zum Volksfest sich auswächst, das Fernsehen berichtet darüber, ein Event, das vor allem ein Riesenspaß sein soll.

So wie die Teilnehmer am Auto bleiben, so bleibt Bastian Günther am Event. Die Hauptfigur ist Kyle (Joe Cole). Er ist jung verheiratet mit Maria (Callie Hernandez), sie haben den kleinen Sohn James. Kyle jobbt da und dort, in einem Drive-In-Restaurant. Er kennt die Moderatorin Joan (Carrie Preston), die den Wettbewerb vermarktet.

Kyle wird für die Wettbewerbsteilnahme ausgelost. Er möchte unbedingt den Truck gewinnen, ja er muss, denn die Lage zu Hause ist prekär.

In quasi-dokumentarischer Art verfolgt der Film nun den Wettbewerb, die Ratschläge an die Teilnehmer, die werbeträchtigen, gelben T-Shirts mit dem Handabdruck, das ganze Feld der prima gecasteten Teilnehmer, die einen kommen mehr zur Geltung, andere bleiben peripher; es gibt wunderliche Eigenschaften. Eine liest zeitweilig die Bibel, ein anderer hat sich sogar raffiniert gegen den Harndrang abgesichert.

Das Kunststück im Film ist es, das Verrinnen der Zeit zu schildern, nicht nur durch den Ablauf von Tag und Nacht – es wird mit einer Wettbewerbsdauer von um die 40 Stunden gerechnet – sondern auch die wachsende Ermüdung der Teilnehmer bis zum Ausscheiden der ersten Kandidaten, das gelingt dem Filmemacher hervorragend.

Es kommt zu Phasen der Ruhe, des Schweigens, der heiteren Gespräche, ja der Lachorgie, es bricht Hysterie aus, es geht bei manchen an die Grenze der Halluzinationen. Mal sind mehr Zuschauer da, mal weniger, immer die Jury. Auch bei Joan gibt es Einblicke in ihr nicht rundes Privatleben; aber sie ist Profi, immer freundlich.

Der Wettbewerb endet allerdings vorzeitig dramatisch; und der Film wendet sich dann nochmal dem Einzelschicksal von Kyle zu.

Es ist ein kommentarloser Bericht aus der Geschäftigkeit und auch denTräumen, der amerikanischen Provinz. In Texas spricht man verächtlich über Florida, besonders über Tallahassee. Ein besonderes deutsches Kinostück aus Amerika.

Einer dieser Tage oder: so ist das Leben.

Stasikomödie

Wahnsinnig liebenswürdig

Fast sieht es so aus, als wolle Leander Haußmann mit diesem Film seinen Großeltern (oder anderen lieben Verwandten vor ihm in der Ahnenreihe) beweisen, dass er ein anständiger und vorzeigbarer Nachfahre geworden ist; als wolle er ins Schnurrenfach wechseln.

Haußmann glänzt tatsächlich mit einem Top-Ensemble, das bei ihm in besten Händen ist. Indem er das Werk eine Komödie nennt, gibt er auch zu verstehen, dass die DDR-Zeiten ferne Zeiten sind, die von der Leinwand herab nicht dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen müssen. Und dass es da nicht nur Jugendkultur gegeben hat, sondern auch einen jungen Regisseur namens Leander Haußmann, der mit einer aufsehenerregenden Schiller-Inszenierung auf sich aufmerksam gemacht hat; es gibt Schnipsel davon am Fernsehen zu sehen – worin auch sein berühmter Vater auftritt.

In der DDR gab es Zellen westlicher Jugendkultur, Künstler, Autoren, Schauspieler, denen Drogen so wenig fremd waren wie die Kultur der Beat-Generation.

Haußmann nimmt für sich in Anspruch, dass ein Stasi-Boss sich durch jene Schiller-Inszenierung hat für eine Geburtstagsfeier in klassischen Kostümen wie bei Hofe inspirieren lassen inklusive Auftritt des ‚kleinen Trompeters*. In diesen grotesken Szene schwelgt der Regisseur förmlich.

Nicht weniger grotesk ist der Plot, der in eine Rahmenhandlung in unserer Zeit eingebettet ist.

Ludger Fuchs (David Kross) ist heute ein bekannter Autor, der seine Anfänge in der DDR gehabt hat. Diese Anfänge beschreibt der Film. Es ist eine Verwicklung von Stasi-Tölpelei, literarischem Talent und Zwangsverpflichtung eines jungen Mannes zur Stasi.

Ludger soll mit drei weiteren Stasi-Dumpfbacken das Milieu der westlich orientierten Intellektuellen (Jack Kerouac ist gerade zu Gast) auskundschaften. Er tappt mit seinen drei Kollegen dabei nicht nur in jedes erdenkliche Fettnäpfchen, nein, Ludger tappt auch in die Liebesfalle, und, noch schräger, er entdeckt sein literarisches Talent.

Es ist also ein tauglicher Komödienplot, der den Menschen dort abholt, wo er in Widersprüche gerät, wo seine Erwartungen konterkariert werden (wenn Ludger bei der Stasi in den Keller zitiert wird). Bewährter Komödiantenslapstick wird reingepackt, wozu die Stasi reichlich Nährboden bietet.

Es ist bestimmt einer der gelungeneren Haußmannfilme, der eine durch und durch heimelig-familiäre Atmosphäre verströmt und durchdrungen ist weniger von DDR- als mehr von Jugendnostalgie. Und dass er ein Filmfan ist belegt Haußmann mit Verweisen auf „Jules und Jim“ oder auf Tarantino.

Jim Allison – Pionier, Krebsforscher, Nobelpreisträger

Ein gemütlicher Mexikaner,

ein Mundharmonikaspieler, ein Sturschädel, als Jugendlicher ein ‚Troublemaker‘, ein Kreativer, ein besessener Forscher, ein Nobelpreisträger, ein Familienvater ist Jim Allison. Sein Forscherkredo ist die Skepsis scheinbar plausiblen Thesen gegenüber und vor allem diese per Experiment zu prüfen bis zum Killerexperiment.

Nicht mit dem Offensichtlichen zufrieden sein, auch wenn die ganze Forscherwelt jubelt. Und wenn Allison eine Hypothese hat, dann lässt er nicht locker bis zum Beweis. Das kann mitunter frustrierend sein; und selbst wenn der Beweis gelingt und ein daraufhin entwickeltes Medikament bei Patientin Sharon den Krebs zum Verschwinden bringt, dann fängt die Mühsal, eine Pharmaproduktion zu finden, die es bis zur Zulassung bringt, erst an. Das kann zehrende Jahre kosten. Jahre, unter denen die Familie leidet, bis seine Frau sich von ihm trennt. Was solls, wenn man eh Tag und Nacht mit einer Forscherin zusammen ist, die auch nichts anderes im Kopf hat…

Bill Haney porträtiert diese bemerkenswerte Persönlichkeit, deren Forscherleben der medikamentösen Bekämpfung des Krebses gilt, am Leitfaden der Chronologie. Der Junge wächst in einem Arzthaushalt auf, Mutter stirbt an Krebs, wie der Bub elf Jahre alt ist. Ihn interessiert die Biologie und die Kreationisten, die Einfluss wollen, sollten sich besser nicht mit ihm anlegen. Er will aber nicht nur verbissener Wissenschaftler sein, er liebt Partys und Country-Musik, spielt selber mit.

Allisons wissenschaftliches Interesse fokussiert sich immer mehr auf die Frage, wie kann das Immunsystem dazu gebracht werden, Krebszellen zu bekämpfen, eine Immuntherapie zu entwickeln. Dafür gibts den Nobelpreis.

Seine Professorenkarriere führt ihn erst nach Berkley, dann nach New York, anschließend zurück nach Texas. Es ist ein Film, sicher interessanter für den Wissenschaftsinteressierten, mit vielen Grafiken über das Funktionieren von T-Rezeptoren und Autoimmunerkrankungen und weniger für den Klatschinteressierten. Dabei wird der Wissenschaftsstoff immer wieder aufgelockert durch Allison Mundharmonikaspiel.

Polizeiruf 110: Das Licht, das die Toten sehen (ARD, Sonntag, 15. Mai 2022, 20.20 Uhr)

Postmortaler Tierfrass,

könnte auch diesem Polizeiruf passiert sein, dem möglicherweise die Story zum Opfer gefallen ist und nicht nur der Frauenleiche, um die sich der Kriminalfall dreht.

Dieser Polizeiruf wirkt irgendwie nicht sendefertig. Eher ist er eine Ansammlung von Probematerial der Drehbuchautoren Sebastian Brauneis und Roderick Warich und von Regisseur Filippos Tsitos. Was noch fehlt, das wäre eine Geschichte. Es sind Impressionen aus den Milieus der Polizei und junger Bewohner einer anonymen Satellitenstadt, irgendeiner Jugendkultur und Eiskunstlauf, Drogen, Musik, Videos, Videospiele – und, münchnerisch: eine Brauerei und außerdem eine Geisterfrau.

Der Film wirkt wie eine Spielerei mit Fotoshop beliebiger Close-Ups aus den erwähnten Milieus, aufgenommen mit fahriger Kamera und nervös zusammengeschnitten.

Ein Flickenteppich aus Versatzstücken von Krimiszenen, ein nicht nachvollziehbares Teenie-Verhältnis, eine Frau, die wegen einer entlaufenen Tochter kirre ist und wie ein Gespenst durch den Bildverhau geistert, verkorkste Close-Up-Strategie, die konträr zum Storytelling arbeitet,

Der Film ist so nicht ready for airing. Da ist zwar schon ein Verbrechen konstruiert. Was dann irgendwie 10 Minuten vor Schluss aufgedröselt wird; was aber im Hinblick auf das Gesehene und die Figuren kaum Plausibilität hat. Storytelling wäre, es so zu erzählen, dass der Zuschauer dran bleibt und sich anhand der Story durch menschliche Abgründe führen lässt, die zu dem Verbrechen geführt haben. Das ist hier nicht der Fall. Da werden in den letzten zehn Minuten die Dinge erklärt, die eigentlich der Film vorher hätte erzählen sollen, richtig filmisch erzählen, mit der Figurcharakterisierung und den daraus resultierenden Konflikten. Hier gibt es nur Detailaneinanderreihung von Photoshopbildern, die Stimmung erzeugen sollen, aber kaum was über Motive, Beweggründe, Needs der Figuren verraten.
Unfertige Arbeit von Bavaria Fiction.

Die BR-Redaktion hätte das Teil besser zurückgegeben – oder so nicht in Auftrag gegeben.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

We Are All Detroit

Alles ist eitel,

mit diesem Zitat des Barockdichters Andreas Gryphius, das sich mit der Vergänglichkeit, dem Zerfall und dem Werden beschäftigt, überschreiben Ulike Franke und Michael Loeken ihre vergleichende Paralleldokumentation über Detroit und Bochum.

Einwohner dieser von der Vergänglichkeit der Autoindustrie stark betroffenen Städte bekommen ein Papier mit Gryphius-Zitaten in die Hand gedrückt und lesen daraus für die Kamera und den Zuschauer vor. Ein sympathischer Einstieg in den 2-Stundenfilm, der klarmacht, dass es sich bei dieser Betrachtung keinesfalls um ein leicht bemühbares Lamento handelt, wie es gerne der Tenor von Medienberichten ist, wenn in München beispielsweise wieder ein Traditionsgeschäft schließt und wieder eines.

Wandel ist das Zeichen des Lebens. Und neues Leben blüht aus den Ruinen, das wird der Film zeigen. Diese Haltung erinnert an den Film Over Your Cities Grass will Grow, in welchem der Künstler das Thema zum eigenen Kunstwerk, das wieder verschwinden wird, macht.

Detroit galt nach dem Zusammenbruch von Teilen der amerikanischen Autoindustrie jahrelang als Modell für eine dystopische Stadt schlechthin (die Ryan Gosling für Lost River nutzte).

Die Stadt hat in der Zeit einen Drittel ihrer Einwohner verloren. Meilenweit sind nur verlassene Häuser und Fabriken zu sehen. Die Wende scheint gekommen. Obwohl einer der Protagonisten, der Inhaber in der dritten Generation eines Werkzeugladens, gerade dabei ist, sein Geschäft aufzugeben, obwohl die vierte Generation schon in den Startlöchern steht. Aber um seinen Laden herum entsteht Neues, ein Unternehmer näht in seinem kleinen Betriebe die besten Jeans, ein französisches Restaurant hat eröffnet, auf dem Markt in der Nähe bietet ein Paar Blumen, Gemüse, Früchte aus seinem eigenen Anbau auf einem revitalisierten Grundstück an. Gleichzeitig bietet ein Reiseführer Touren durch das immer noch leerstehende, riesige Packard-Gelände an, das ein peruanischer Investor für einen lachhaften Preis gekauft habe, auf dem sich aber gar nichts tut.

In Bochum gibt es Parallelen, aber auch Unterschiede. Ein Amerikaner staunt, wie schnell die Stadt aktiv geworden ist, das Gelände der geschlossenen Opelfabrik wieder zu beleben mit der Initiative 51.7. Aber statt Innovation anzuziehen wird erst ein regionales Verteilzentrum für DHL errichtet. Das ist nicht unbedingt das, was ein Städteplaner sich wünscht, das kann in zehn Jahren auch schon wieder vorbei sein. Immerhin bringt es Arbeitsplätze, wovon allerdings eine ganz Reihe mittelfristig wegrationalisiert werden dürfte.

Besonders lebendig wird dieses Stück Industriegeschichte, wenn ehemalige Arbeiter (oder auch eine ehemaliger Cadillac-Ingenieur) aus den Fabriken die leestehenden Hallen oder was nach deren Abriss davon übrig geblieben ist vor sich sehen, in Erzählungen aus ihrem Arbeitsleben berichten, wie sie durch die Arbeit in der Autofabrik ein gutes Leben hatten, sich Familie, Häuschen und Auto leisten konnten oder Imbissbetreiber schwärmen von ihren Glanzzeiten.

Die gute Auswahl der Protagonisten sowie eine klare, unsentimentale Fotographie tragen mit zur Qualität dieser mit dem Fernsehen koproduzierten Dokumentation bei.

Meine schrecklich verwöhnte Familie – Pourris Gâtés

Monaco

ist eine Brutstätte für das Verwöhnen, das heißt auch Versauen, von Kindern.

Monaco, das kleine Fürstentum zwischen Riviera und Côte d‘ Azur, ist zugebaut mit Wohnkästen der scheußlichsten Art, darin aber brütet der Reichtum seinen verwöhnten Nachwuchs aus.

So schildert es Nicolas Cuche, der mit Laurent Turner auch das Drehbuch geschrieben hat, anfangs seines Filmes. Es ist zum Übelkeit kriegen wie die Kinder des – wie er sich selber mal nennt – Polaken (Gérard Jugnot), sorg- und gewissenslos mit der Kohle des Vaters rumschmeißen. Vielleicht wurde er so nachsichtig, weil die Mutter schon länger tot ist; vielleicht hat er sich einfach zu sehr für seine Firma interessiert, gehobener Stil mit Fahrern und Beratern und einem Ausblick über das Mittelmeer hoch über den Wohnetagen Monacos.

Tochter Stelle (Camille Lou) ist ein oberverwöhntes Ding, die Dienerschaft und Personal von Läden und Schönheitssalons von oben herab dreckig behandelt und sich von einem Latino-Lover aus Argentinien (Tom Leeb) den Hof und den Schmu machen lässt. Ihm ist meilenweit anzusehen, dass er mit Hochzeit nicht sie, sondern ihr Erbe meint.

Der übergewichtige Phhilippe (Victor Artus Solaro) schwadroniert ständig von absolut bescheuerten Geschäftsprojekten, akutell die vom Typen, der für einen die Schuhe einträgt.

Alexandre (Louka Meliava) ist vor allem auf Frauen aus, wobei ihn das Geschlecht mehr als das Alter interessiert.

Aus heiterem Himmel sind die Konten der Kinder plötzlich gesperrt, die Firma des Alten ist pleite, vor einer Hausdurchsuchungsaktion der Polizei kann sich der Vater mit den Kindern nur durch eine Hintertür und mittels Autohiking retten und sich in die Nähe von Marseille absetzen, wo das krasse Gegenteil von Luxus auf die Vier wartet.

Es gibt keine Handys und kein Geld mehr.

Mehr sollte man gar nicht verraten von dieser charmanten und wunderbar gebauten moralischen Komödie, die beinah auch, zum Entsetzen des Vaters, zum Hochzeitsfilm zu werden droht und die zeigt, dass im Ernstfall im Menschen noch ganz andere Fähigkeiten schlummern, als der erste Eindruck – und die wirtschaftlichen Verhältnisse – oft vermuten lassen und dass geschenkter Reichtum allein nicht glücklich macht, sondern verderblich für den Charakter ist.

Heinrich Vogeler – Maloer Genosse Märtyrer

Mit enormem Fleiß

hat Marie Noelle Material gesichtet und gesammelt in über zwei Dutzend Archiven, hat ein Dutzend Fachleute interviewt, hat Reenactment-Szenen geschrieben und inszeniert und hat das alles bearbeitet und collagenhaft montiert, möglicherweise inspiriert von den futuristischen Komplexbildern aus der russischen Phase ihres Protagonisten Heinrich Vogeler und darüber einen meist nervösen Sound gelegt.

Zu Wort kommen Urenkelinnen von Heinrich Vogeler, eine Psychiatrin, Kunsthistoriker, Künstler, ein Filmkritiker, Journalisten.

Es gibt viel vom malerischen Werk Voglers zu sehen, dem Märchenprinzen des Jugendstils, wie er genannt wurde. Die fiktionalen Szenen wurden in dem Hof gedreht, den Vogeler aus dem Erbteil seines Vaters in der Näher der Künstlerkolonie Worpswrede erhielt.

Zu erfahren ist, dass er ein sehr erfolgreicher Künstler war, besonders wie er nach Paris ging. Zu hören ist, dass wohl eine starke Mutterbindung da war, die ihm möglicherweise das Liebesleben erschwerte. Aus erster Ehe hatte er drei Töchter, aus einer zweiten Beziehung einen Sohn.

Es kommen andere Künstler vor, Rilke, Rodin, Gabriele Münter.

Der Film folgt der Chronologie von Worpswede über Paris, die Teilnahme am ersten Weltkrieg, die Erkenntnis der Kriegslügen, die Herstellung von Texten darüber, die Bezichtigung des Hochverrates, die Zeit in Moskau, die Zeit in der Irrenanstalt.

Die Frage ist, ob diese Collagenmethode, teils mit Bearbeitungszwang, der Sache dienlich ist, ein Porträt dieses Künstler zu erstellen oder ob es eher hinderlich ist.

Ein schwer zu bewältigendes Problem ist es immer, wenn originales Footage an die Seite von Reenactments gestellt wird. So hat die Regisseurin äußerlich große Ähnlichkeiten zwischen Original und heutigen Darstellern geschafft; andererseits wirken die Reenactmentszenen blutleer.

Angereichert werden sie mit merkwürdig theatralen Vorgängen, in der die Darsteller von heute eine menschengroße Fotografie des von ihnen darzustellenden Künstlers in Händen halten oder sich hinter diesen verstecken und dann mit eigentümlichen Verrenkungen sich an die Stelle des Fotos positionieren und die Fotografie zerknüllen. Dahiner steckt wohl der Erklärimpetus, dass es sich hier um die entsprechenden Darsteller handelt, eine nicht sonderlich erhellende Aktion. Wobei mir scheint, dass hinter all dieser Bildbearbeiterei und Collagiererei das Need des Künstlers Vogeler verborgen bleibt; es kommt nur illustrativ zitiert zum Vorschein oder es kann rückwirkend aufgrund seiner Handlungen darauf geschlossen werden.

Es scheint, dass Noelle mit ihrem Bilderbearbeitungszwang den Vogeler mehr versteckt, als dass sie ihn offenlegt.