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Frei von Schmerz – Die Verbindung von Körper und Geist nach Dr. Sarno (DVD, Stream)

Der Rücken ist meistens nicht kaputt

Dr. Sarno ist Schulmediziner mit einer bemerkenswerten Differenz zu seinem Fach, wenn es um chronische Schmerzen geht, speziell Rückenschmerzen. Dr. Sarno denkt weit über die Schulmedizin hinaus, die gerne rumoperiert und mit Fachausdrücken den Grund im Organischen sieht, da kommt bei ihm der Lateiner zum Tragen, der vom Zusammenhang zwischen gesundem Geist und gesundem Körper ausgeht oder auch Sherlock Holmes „Nichts ist trügerischer als eine offenkundige Tatsache“. 

Es handelt sich dabei dezidiert nicht um alternative Medizin; es geht um eine Kritik an der Schulmedizin, die unter Diagnosedefiziten leide. 

Auch bei Billy Wilder findet Sarno seine Weisheit, wenn es im dritten Akt Probleme gebe, so sei deren Ursprung im ersten Akt zu suchen, sprich, bei Erwachsenen mit chronischen Schmerzen hilft der Blick zurück in die Kindheit. 

Dr. Sarno hat ein Buch, mehrere Bücher, über diesen Zusammenhang zwischen Kopf, Körper und Individualgeschichte geschrieben, wobei speziell unterdrückte Wut und auch Stress eine Rolle spielen. Der Doktor hat auch Vorträge gehalten. 

Diese Langzeitdoku von Michael Glinsky, Suki Hawley und David Beilingson über Dr. Sarno und seine Heilmethode ist nun mehreres in einem: sie ist Zeugnis und Heilungsbericht des Filmemachers Michael Glinsky, der wie sein Zwillingsbruder und auch sein Vater extrem unter Rückenschmerzen gelitten hat, mithin tagelang nur gekrümmt auf dem Boden liegend verbrachte; insofern ist der Film ein Selbstploitiation-Movie, das vor der Preisgabe intimer Familienszenen nicht zurückschreckt. 

Der Film ist Infofilm als auch Hommage an Dr. Sarno, Porträt eines uneitlen, unkonventionell denkenden Mediziners, der sich im Hinblick auf chronische Schmerzen auf Carl Gustav Jung beruft. 

Dann ist es aber auch ein direkter PR-Film für die Bücher von Dr. Sarno; der Film will, das ist seine explizite Ansage, Dr. Sarno bekannter machen. Als flankierende Verkaufsmaßnahme werden prominente Showmenschen interviewt und ein Washingtoner Senator kann als führendes Mitglied einer Anhörung zu dem Thema eigene Heilserlebnisse nach der Lektüre des Dr. Sarno-Buches anführen. 

Bedauerlich ist, dass Dr. Sarnos Ansatz von der Schuldmedizin nicht ernst genommen wird. Das erinnert an der Landarzt, der in seiner Praxis schnell zur Erkenntnis kommt, dass bei vielen Patienten das Gespräch wichtiger ist und der, bloß um glaubwürdig zu bleiben, ein Placebo verschreibt, weil der Glaube schon die halbe Heilung ist. Für viele Ärzte scheint der Ansatz von Dr. Sarno offenbar bereits zu kompliziert, zu schwierig.

Vor 60 Jahren: Eine Epoche vor Gericht (ARD-alpha, Freitag, 9. April 2021, 21.15 Uhr)

Journalismus 1961

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht aktuell im Kreuzfeuer der Kritik nicht nur wegen der Zwangsgebühr, die unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte erhoben wird, er steht auch in der Kritik wegen Qualitätsabfall, wegen zu vieler Wiederholungen, von einigen Seiten wird er gar als Lügenfunk bezeichnet (das wäre wohl anno 1961 kaum vorstellbar gewesen); er steht in der Kritik wegen zu komplizierter und ineffizienter Strukturen, er steht in der Kritik wegen exorbitanter Pensionsverpflichtungen und der Sprecher der ARD Anstalten, der WDR-Mann Tom Buhrow, fällt vor allem durch ein Gehalt höher als das der Bundeskanzlerin auf und dass er es nicht schafft, im Land Gehör und Vertrauen für die Sache des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herzustellen. 

Jetzt tut der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Griff tief in sein Archiv und erinnert an eine Zeit, als solche Angriffe und Kritik an ihm nicht vorstellbar gewesen sind. 

1961 gab es kein Internet, die Journalisten waren noch echte Berichterstatter von Ereignissen rund um die Welt; einer Welt nicht wie heute, in der jeder an seinem PC oder auf seinem Smartphone oder was auch immer längst die Bilder von Katastrophen oder Demos senden oder empfangen kann, bevor der öffentlich-rechtliche Rundfunk überhaupt darüber berichtet. 

Damals waren die Journalisten von Zeitungen, Funk und Fernsehen die einzigen mit größerer Öffentlichkeit. Die Berichterstattung aus Jerusalem über den Prozess gegen den SS-Mann Adolf Eichmann war eine logistische Herausforderung für den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, denn in Israel selbst gab es noch gar kein Fernsehen zu der Zeit; zum Prozess wurde lediglich eine Art Public Viewing veranstaltet.

Im Gerichtssaal selbst hatte eine amerikanische Fernsehgesellschaft das Monopol auf die Bilder; es war ein Non-Profit-Geschäft. Aufgezeichnet wurde mit einem Magnetverfahren, was nicht kompatibel mit dem deutschen System war, so dass die Bilder für Deutschland erst in London umkopiert werden mussten – mit deutlichen Qualitäts- und Zeitverlusten. Um keine Unruhe im Gerichtssaal aufkommen zu lassen, waren nur wenige Kameras an festen Positionen platziert. 

Der deutsche Moderator entschuldigt sich ausdrücklich für die technischen Probleme, auch mit der Begründung des Ehrgeizes, ein Zeitdokument zu erstellen, das nicht nach drei Tagen schon wieder veraltet sei. Das Behelfsstudio im Kings Hotel in Jerusalem sei leider nur mangelhaft gegen Straßengeräusche abgedichtet. Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, wie Studiogäste ungeniert rauchen. Die Moderation erklärt, dass die meisten deutschen Stimmen von Simultandolmetschern stammen. Ob dieses Zeitdokument seither oft angeschaut worden ist?

Faszinierend ist auch, dass Journalisten als Berufskleidung fürs Fernsehen Anzug mit Hemd, Krawatte und sogar Manschettenknöpfen für passend hielten. 

Eichmann selbst wohnt dem Prozess in einem kugelsicheren Glaskabäuschen bei in Anzug, weißem Hemd, Krawatte, perfekt wie der Buchhalter vom Dienst. Er sieht sich als einen gewissenhaften Menschen, als einen unbedeutenden Bürokraten. Der Ausrottungsbeschluss war für ihn nur ein Stück Papier, dessen Inhalt es auszuführen galt, er hatte die Leitung für die gesamte jüdische „Auswanderung“.

Hochspannend ist Eichmanns innerer Monolog bei Schilderungen von Zeugen; man sieht diesen pedantischen Buchhalter des Todes förmlich den Vergleich ziehen zwischen seiner Anleitung vom Schreibtisch aus und dem, was laut Schilderungen real passiert sein muss; manchmal scheint man eine Unzufriedenheit zu entdecken, manchmal ein süffisantes Lächeln, gar Strahlen, wenn er das Gefühl hat, dass genau nach seinen Anweisungen gehandelt worden ist, da glaubt man in seinen Augen Zufriedenheit, Stolz, Triumph ablesen zu können. Er ist das perfekte Bild für das Bluthandwerk vom Schreibtisch aus, für die Banalität des Bösen, wie Hannah Arendt es nannte. 

Interessant ist auch die Figur des Verteidigers, der seine Sache ernst nimmt, damit ein fairer Prozess daraus wird, ein rechtsstaatlicher im Gegensatz zu den Verfahren der NS-Justiz; er beantragt sogar, Entlastungszeugen aus Deutschland oder Österreich einzuladen und ihnen freies Geleit zu garantieren; was teilweise auch gelingt und einen bemerkenswerten Seitenblick auf den Angeklagten eröffnet, der anfangs Auswanderung noch nicht im Vernichtungssinne verstanden habe; der aber in kurzer Zeit eine brutale Wandlung durchgemacht haben muss vom Menschenretter zum Spediteur des Todes. 

Jede Folge berichtet über eine halbe Verhandlungswoche, die Deutschen laden deutsche Journalisten in ihr Studio ein, aber auch israelische Gäste, sie sehen sich in Jerusalem um, sie befragen Korrespondenten aus aller Welt. Und sie haben zwei Sonderkorrespondenten vor Ort. Mit Axel Schildts „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ im Hinterkopf fragt man sich unwillkürlich, wie denn diese deutschen Medienleute selbst die Nazi-Zeit wohl überbrückt haben. Da könnte die ARD nachlegen, allenfalls sogar Aufarbeitung betreiben und wenn sie schon dabei ist, dann wäre auch interessant zu erfahren, wie in der DDR über den Prozess berichtet worden ist.

Der westdeutschen Öffentlichkeit wurde durch die Berichterstattung über den Eichmann-Prozess das Ausmaß und die unmenschliche Grausamkeit der Nazivernichtungsmaschinerie das erste Mal so drastisch vor Augen geführt, speziell mit Augenzeugenberichten, bei denen selbst die Simultandolmetscher emotional gerührt mitgehen. 

In unseren dämlichen Corona-Zeiten kommt dieser dreistündige Archiv-Fund wie gerufen. Er wirft einen prägnanten Blick nicht nur auf die Medienvergangenheit, er spricht direkt die brandaktuelle Problematik an, wie die Welt mit Potentaten, Antidemokraten, Diktatoren umgehen soll und die Frage, ob sie etwas dazugelernt hat? Immerhin können inzwischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit allüberall geahndet werden (in Jerusalem musste damals juristisch trickreich nachjustiert werden). Verabscheuungswürdige Gräuel passieren weiter in China, Syrien, Myanmar und und und und gerade deswegen darf diese ganze Tötungsmaschinerie nie vergessen werden. Auch nicht, dass Menschen wie ich und du zu solchen Dingen fähig sind. 

Hier wird die Erinnerung von einem historischen Prozess ins Gedächtnis gerufen, der damals weltweit Aufsehen erregt hat; er war ein Weltmedienereignis. Die Erinnerung daran muss dazu dienen, jegliche Art von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus immer wieder laut anzuprangern, nicht darüber hinwegzusehen, bei Handelsbeziehungen mitzuberücksichtigen, auf höchster politischer Ebene offen anzusprechen; da scheint es, hat die neuere deutsche Politik viel zu oft Kreide gefressen, wenn es darum ging, Autos zu verkaufen oder U-Boote oder Kraftwerksturbinen. 

Das würde bedeuten, nicht aus der Geschichte gelernt zu haben. Aus der Geschichte gelernt haben heißt doch, sensibilisiert sein für die Missachtung von Menschenrechten, ohne gleich als Weltmoralpolizist aufzutreten. Es ist zwar richtig, das ist eine gute Maxime der deutschen Außenpolitik, im Dialog zu bleiben. Aber es ist genau so wichtig, Verbrecher gegen die Menschenrechte nicht mit militärischen Ehren zu empfangen oder sich von solchen pompös einladen und für Propaganda missbrauchen zu lassen (wie gerade diese Woche die EU-Spitze in Ankara); Arbeitsebene genügt. Im Moment hat Corona zwar die politische Reisetätigkeit etwas in den Hintergrund treten lassen, aber den Spitzen, ob Verbrecher oder nicht, schweben bestimmt jede Menge Nachholbegegnungen vor – und damit ergibt sich Gelegenheit, die entsprechenden Dinge offen anzusprechen. 

Contamination (DVD)

Seuchenhit aus Südkorea

Also ob sie Corona vohergesehen hätten, wie schon bei Pandemie, und unserer aktuellen Situation einen gar nicht so verzerrten Spiegel vorhalten. 

Diesmal geht es allerdings nicht um ein infektiöses Virus, sondern um einen Rosshaarwurm, gruselig, gruselig, der – Vorsicht Verschwörungstheoretikter – möglicherweise einem Labor entsprungen ist und sich seuchenartig ausbreitet, ja, über sauberes Wasser und die Menschen vor ihrem letzten Stündchen zu zombiehaften Bewegungen veranlasst. 

Der Film ist ein kühner Thriller um menschliche Forschungs-, Experimentier- und Pharmalaborhybris und um Börsenzockerei (erinnert an Gamestop), gleichzeitig aber auch ein Familienfilm inklusive Quarantäneschock. Denn für die Familie lebt der Mensch, in ihr findet er Erschöpfung wie Glück. 

Heyok ist einer der beiden Protagonisten, ein Familienvater, seine Frau kümmert sich um die beiden Töchterchen; er hat seinen Job als Professor in der Pharmaindustrie verloren wegen Geldspekulationen; hält seine Familie mit einem erschöpfenden Job als Diener einer gut situierten Familie über Wasser, undankbar, kräftezehrend, erniedrigend. 

Bruder Pil von Heyok, der auch in Börsengeschäfte verwickelt ist, ist Polizist. Die Brüder sind nicht gut aufeinander zu sprechen, aber die spektakuläre Epidemie bringt sie zusammen im Rahmen der Aufklärung der Ursachen, die ein verrücktes Gespinst aus Forscherdrang und Geldgier offenbart. 

Die Bilder wirken wie eine krass-krawallige aber adäquate Illustration zu den Hickhack-Vorgängen in Deutschland um Tests und Impfstoff; nur geht es hier um ein Vermizid und nicht um Vakzine. 

Szenen meiner Ehe (VoD)

Ehrlichkeit und Talk.

Sie fordert von ihm Ehrlichkeit, er tut vieles von ihr als Talk ab. Es dürfte sich dabei um Grundparameter handeln, an denen sich zeigt, ob eine Ehe funktioniert oder nicht. 

Oder die Frage, wie viel Ehrlichkeit in einer Beziehung möglich ist oder ob Talk kitten kann.

Der Titel referiert gewiss nicht zufällig auf Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“. Hier filettiert der Schwede eine Ehe und andere Beziehungen als Regisseur und Autor, der außen vorbleibt. 

Katrin Schlösser geht mit ihrem Film einen Schritt weiter, sie versucht ihrer eigenen Ehe mit Lukas Lessing, so offen wie möglich auf den Zahn zu fühlen. Wobei es sicher ein Glücksfall ist, dass ihr Ehemann ein Raisonnierer ist, absolut kein Poser, ein Intellektueller, der nicht nur die Welt, sondern auch sich und sein Leben immer wieder in Frage stellt, bei dem Text faktisch gleich Literaturproduktion ist. Er war bereit, dieses Selbstexperiment mitzumachen. 

Und womöglich ist er offener, als ihr lieb ist; das wird spürbar, wenn er vorschlägt, neue Sexualpraktiken auszuprobieren, mit der Begründung, dass sich Rituale eingeschlichen haben, und dass immer sie sich den Samen holt.

Was die Formblatt-Informationen über die beiden Protagonisten betrifft, ist der Film ein Stück Rätsel; immer wieder werden einzelne Informationen eingestreut, dass sie eine Wohnung in Berlin haben, ein Landhaus im Burgenland, einen Hund, dass Bücher eine große Rolle spielen, dass er ein Textarbeiter ist. 

Wundervoll die Szene, wie er im Bett liegt mit Lähmungserscheinungen am Bein, weil seine Frau für ihn Lektorin gespielt hat; das kann man psychosomatisch nennen, so wach ist sein Bewusstsein. 

Der Film ist auch ein Dokument über den Lifestyle eines Paar in einer arrivierten, intellektuell-künstlerischen Elite. Sie ist Professorin an einer Filmschule und für ihr Selbstbewusstsein ist es von Belang, dass sie wirtschaftlich nicht von ihm abhängig ist. 

Ihre gemeinsame Liebesgeschichte ist komplex: es war eine Zeitlang eine doppelte Seitensprunggeschichte, die das Problem Abtreibung schmerzlich in den Film bringt. Dann war zehn Jahre Pause und wie sie sich wieder begegnet sind, das schildert Frau Schlösser in der Eingangssequenz, das ist wirklich verrückt, wie magnetisch, wie sie einfach so aus Intuition heraus auf einem üblichen Weg ganz gegen die Gewohnheit zwei Abweichungen gemacht habe und genau da wieder auf ihn getroffen sei und er ihr gleich mit einem Heiratsantrag reagiert hat. Mehr Magnetismus dürfte kaum gehen.

Ein wichtiges Thema und gleichzeitig Test in der Beziehung wird das Thema Pflege der Mütter; das führt soweit, dass beide ihre mobilitätseingeschränkten Mütter in ihr Landhaus aufnehmen. Vorher allerdings gibt es eine ernsthafte Beziehungsdiskussion, die grundsätzliche Probleme einer Ehe auf ein allgemeines Niveau hebt; so dass man sich als Zuschauer fragt, geht Selbstverwirklichung eines Menschen überhaupt ohne andere zu beschädigen. 

Dieses Bewusstsein ist einer der wichtigen Blicke, die der Film auf das Beziehungsthema wirft. Immerhin, sie lernen den Paartanz und der strebt die vollendete Harmonie zwischen zwei Menschen an. 

Lukas würde bei allen Auseinandersetzungen nicht daran denken, sich von ihr trennen zu wollen, auch wenn ihm ihre Art zu kochen stets fremd bleiben wird, obwohl es ihm schmeckt. Während er ihren Wunsch, wenigstens am Familientisch (mit Müttern und Schwiegermüttern) den kleinen Weltfrieden herzustellen, als Talk empfindet. Wobei auch bei dieser Selbstdoku zu fragen wäre, wie weit das Bewusstsein des Dokumentiertens und Dokumentiertwerdens sich verändernd auf die Beziehung auswirkt, ob sie sich auf das Experiment der Pflege der Mütter fernab von ihre beruflichen Wirkungskreis Berlin auch eingelassen hätte, wenn das nicht dokumentiert worden wäre? 

Picture a Scientist – Frauen der Wissenschaft

Me Too in der Naturwissenschaft

sieht etwas anders aus als im Show-Business, es ist subtiler, direkt sexuelle Übergriffe sind eher selten, aber sie sind die Spitze eines enormen Berges der Diskriminierung der Frau im Bereich der Naturwissenschaften. 

Der Film kommt aus den USA und Canada. Dort heißen die Naturwissenschaften STEM (Science, Technology, Engineering, Math). Die Diskrimierung aufgrund des Geschlechtes beginnt in dieser immer noch von Männern dominierten Domäne mit schlichtem Nichtbeachten, Ignorieren und geht über abfällige Bemerkungen bis hin zu beleidigenden Frauenbegriffen, Behandlung, als ob sie Müll wären, unzüchtige E-Mails oder prinzipiell die Zuteilung von weniger Laborraum oder gar der naiven Frage, ob sie zur Hausmeisteri gehöre, bis zum Madigmachen einer wissenschaftlichen Karriere oder dem Fehlen von Kinderbetreuung an den Unis. 

Die strukturelle und chronische Diskriminierung der Frau zeigte sich in einem Bewerbungsexperiment: eine Frau bewirbt sich mit den exakt gleichen Qualifikationen einmal als Frau, einmal als Mann. Die Reaktionen sind ernüchternd in der Ungleichbewertung und der Bevorzugung der männlichen Variante. 

Ian Cheney und Sharon Shattuck, die mit Human Nature schon komplizierte Wissenschaft leinwandreif verständlich und bestens genießbar zubereitet haben, porträtieren mit drei hervorragenden Protagonistinnen drei Forscherinnen aus dem amerikanischen Wissenschaftsbetrieb, die sich dieser Diskriminierung ausgesetzt gesehen haben und sie sich nicht haben bieten lassen, die dagegen gekämpft hatten. Wobei eine davon heute meint, wie viel Zeit sie durch diese unnötigen Konflikte verloren habe, die sie lieber für die Forschung eingesetzt hätte.

Am skandalösesten ist der Fall des Antarktisforschers, nach dem sogar ein Gletscher benannt war, der bei den Expeditionen ins Ewige Eis, wo die Forscher auf engem Raum monatelang zusammenleben, eine junge Mitarbeiterin psychisch, mit abschätzigen Bemerkungen und mit Stalken, wenn sie zur Toilette musste, so drangsalisiert hat, dass sie bis heute Folgeschäden davonträgt. 

Mitte der Nneunziger Jahre hatte eine junge Naturwissenschaftlerin am MIT in Boston die diskriminierenden Erfahrungen dazu benutzt, mit anderen Frauen einen ausführlichen Report anzufertigen und die Universitätsleitung damit zu konfrontieren, durchaus mit Erfolg, aber unendlich zeitraubend.

Bei einer Forscherin und Wissenschaftsmoderatorin kommt hinzu, dass sie Afroamerikanerin ist, was zu zusätzlichen Diskriminierungen führt. 

Cheney und Shattuck haben wieder einen spannende Wissenschaftsfilm montiert aus den Interviews mit den Forscherinnen, die die Position der Gedemütigten längst hinter sich gelassen haben und selbstsicher und hochintelligent das Thema verhandeln können, auch ohne jede Schuldzuweisung. Dazwischen schneiden die Filmemacher immer wieder für die Kinoleinwand bestens geeignete Bilder aus Forschungslabors, aus der Antarktis, von Feldforschung an der Küste Kaliforniens, aus diversen Uni-Campus und -Labors. Dazwischen eingefügt sind jede Menge Tabellen, die Aufschluss geben über die Verteilung der Geschlechter bei den unterschiedlichsten Positionen an den Universitäten. 

Zur Sprache kommt das Problem, dass ein Aufbegehren gegen eine geschlechtsbedingte Herabsetzung einer Person, eines Studenten meist nicht ratsam sei, weil der Prof in der stärkeren Position ist und über die weitere Karriere seiner Schützlinge entscheidet, ob sie Forschungsaufträge erhalten, ob ihre Arbeiten gut bewertet werden, etc. hier ist eine Parallele zum Weinstein-Syndrom zu sehen. 

Aber auch: in den Naturwissenschaften läuft Me Too nicht so spektakulär ab wie im Filmbusiness, aber subtiler, so dass sogar ein Forscher, der in der Arktis dabei war und der nicht zu dem Missachtern und Diskriminierern gehört, das überhaupt nicht mitgekriegt haben will und heute selbst fassungslos ist darüber. Deshalb spricht eine Forscherin auch von „unsichtbarer Diskriminierung“, jemanden als minderwertig behandeln (können Wissenschafts-Asse das echt nötig haben, fragt man sich). Die Frage bleibt, warum tun sich die Menschen mit dem Geschlechterunterschied so schwer? Ist vielleicht Geschlechtlichkeit an sich schon ein Defizit und somit Grund für ein Minderwertigkeitsgefühl, das kompensiert werden will – und offenbar stärker bei den Männern?

Was mir nicht ganz behagt: dieser berühmte Forscher, der auch verdammt gut aussieht, gewinnend und der doch die Frauen so mies behandelt und dann auch verurteilt worden ist; er hat hier im Film keinerlei Chance auf Verteidigung. Es wäre zumindest auch ein Biopic wert, zu erfahren, woher kommt es, dass ein gut aussehender, beruflich erfolgreicher Mann, sich so mies zu Frauen verhält. Das muss ja einen Grund haben. Ist er vielleicht als Kind von Frauen schlecht behandelt worden?

Und es ist natürlich keineswegs so, dass Männer nur Frauen diskriminieren, sie tun es auch unter ihresgleichen, um unliebsame Konkurrenten nicht hochkommen zu lassen beispielsweise.

Elisa und das vergessene Weihnachtsfest

Vergessliche Welt.

Was ist eine Welt ohne Gedächtnis? Die kann ziemlich absurde Züge annehmen. Das wäre eine fundamental existenzielle Frage, die nach der menschlichen Identität, nach dem Sinn des Lebens. 

So weit treibt es der entzückende, norwegische Kinderfilm von Andrea Ackerbom nach dem Drehbuch von John Kare Raake nach einer Geschichte von Alf Proysen natürlich nicht. Er benutzt das als Ausgangslage für eine skurril-absurde Weihnachtsgschichte, in der es um das Feiern von Weihnachten, um den Weihnachtsmann, den Weihnachtsbaum und um Geschenke geht. 

Ausgangspunkt ist ein Adventskalender. Er kommt durch eine Ratte ins Spiel. Sie ist in dem bewussten Ort mit dem Gedächtnisverlust das einzige Wesen mit Erinnerungsfähigkeit. Und sie macht ihre Herrin, das ist Mädchen Elise, die nicht recht weiß, ob sie 8 oder 9 oder zehn Jahre alt ist, darauf aufmerksam, dass Weihnachten ist, indem sie einen schönen, vergessenen Adventskalender in Form eines kleinen Holzhauses mit 24 Fenstern ins Spiel bringt. 

Aber Elise weiß, da sie auch vom Wurm der Vergesslichkeit heimgesucht ist, nicht mehr, was das ist, Weihnachten. Wie auch. Ihr Vater betreibt den Hauswarenhandel „Isenkram“; er verkauft so gut wie nichts, da die Kunden immer vergesssen, was sie kaufen wollten. Im Nachbarhaus fällt Harald immer aus dem Fenster, weil er vergessen hat, dass er keinen Balkon hat. Zum Glück liegt vorm Haus ein Schneehaufen. Aber das hat er auch vergessen. Verkehrte Welt, die sich immer neu konstruieren muss.

Wie traurig, wenn man nicht mehr weiß, was der 24. Dezember bedeutet. Immerhin wird Elise neugierig und möchte wissen, was es mit diesem Datum auf sich hat. Das führt zu einer Abenteuerreise, in welcher das Mädchen verbotener Weise am Steuer eines kleinen Autos ins Nachbardorf fährt. Dort ist das Gedächtnis intakt und der Schreiner, der den Adventskalender gemacht hat, ein netter Mann, hilft der Vergesslichkeit von Elise und der ihrer Dorfmitbewohner auf die Sprünge. 

So eine absurde Welt ist sicher geeignet für Kinder, die gerade ein paar elementare Zusammenhänge der Welt begriffen haben und sich amüsieren dürften, wenn die drunter und drüber gewirbelt werden. 

Die Inszenierung ist marionettenhaft, das Bühnenbild nicht überladen mit dem Charme von Kinderzeichnungen und die Einführung in die Geschichte passiert ebenfalls im Stil der Marionettenbühne, es sind gezeichnete Figuren, die durch eine Kulissenwelt gezogen oder geführt werden. 

Die deutsche Synchronisation ist passabel, zwar nicht ganz nach meinem Gusto, ein bisschen mehr Charme und Weihnachtsmanntimbre hätte sie vertragen. Mit etwa 70 Minuten ist der Film angenehm kurz und kurzweilig dazu. Und mit dem Thema des Gedächtnisverlustes gibt er einen Hinweis, wie wir vielleicht Corona-Weihnachten – oder inzwischen: Corona-Ostern – verschmerzen könnten. 

Silver Skates (neueste Meldung: der Film hat am Sonntag, den 11. April um 20.30 Uhr Premiere im Sommernachts Autokino in Tübingen, deutschlandweit einzige Lockdownpremiere!)

Kaltes Feuer 

spielt in diesem Film von Michael Lockshin nach dem Drehbuch von Roman Kantor eine doppelte Rolle. 

Bei der Verkündung einer arrangierten Hochzeit zwischen der adeligen Tochter Alice (Sonya Priss) aus der feinsten Petersburger Gesellschaft um 1900 mit dem Grafen Arkadiy (Kirill Zaytseve) benutzt es ein französischer Magier als Beweis dafür, dass die beiden für einander gemacht sind, indem er die Hände ins Feuer legt, ohne sie dabei zu verbrennen. Die Braut aber legt den faulen Zauber offen, denn sie studiert heimlich Chemie, sie weiß, welche Verbindungen es braucht, damit so ein Feuer entsteht und sie schafft so den Skandal in ihrer Umgebung, die ihr verbietet, Chemie in Paris zu studieren. Hier gibt es eine Erinnerung an den Film über Madame Curie.

Der Film ist klassenkämpferisch, er spielt zwischen der aussaugenden Zarengesellschaft und dem ausgebeuteten Proletariat – und das malerisch, schwelgerisch, episch, opulent wie opulent sein kann in der Art eines üppigen Genusskinos, das sich von den Reizen von Ausstattung und Kleidung der jeweiligen Gesellschaftsschicht verführen lässt. 

Das winterliche Petersburg zur vorletzten Jahrhundertwende wird mit allen Mitteln, die das moderne Kino kennt, kinoattraktiv revitalisiert. 

Auf der Seite der Ausgebeuteten steht Matvey (Fedor Fedotov). Er ist der Sohn eines lungenkranken Laternenanzünders; es ist die Zeit, der beginnenden Elektrifizierung. Er ist, was heute in Coronazeiten gefragt ist, Austräger von Essen und zwar mit Schlittschuhen, ein Skater mit dem Essenpaket auf dem Rücken. 

Matvey verliert seinen Job wegen einer Straßenblockade für die feine Familie, mit der er schicksalshaft noch in Kontakt kommen wird, er wird die Variante von Mann sein, bei dem die Liebe zu Alice und vice versa zu heißem Feuer sich entwickeln wird, zuständig für das Romantic-Comedy-Element. 

Das Schlittschuhlaufen wird hier nicht nur für spektakuläre Verfolgunsjagden sorgen, es ist die Qualität, die Matvey auch zu einem neuen Job verhelfen wird und zu all den Verwicklungen, durch welche er plötzlich mitten in der feinen Gesellschaft landen wird und Alice begegnet. 

Kompaktes Storytelling: der für Alice ausersehene Bräutigam ist ausgerechnet bei der Kriminalpolizei, die sich um die schlittschuhlaufende Taschendiebesbande kümmern soll, die Matvey aufnimmt. 

Bei der Taschendieberei und ihren elaborierten Diebestechniken fällt einem „Pickpocket“ von Robert Bresson ein, der hier mitschwingt, wenn auch swingender, bunter und nicht ganz so streng, mehr mit dem Spaß an der Action. 

Es ist die alte Geschichte vom Klassenkampf, von der marxschen Erkenntnis der Ausbeutung durch das Kapital und dass das Proletariat sich das, was die Reichen geklaut haben, auch wieder zurückholen darf mit einer elementaren Berechtigung, die nichts mit Diebstahl zu tun hat. 

Es ist ein Film, der auf das heutige Russland direkt übertragbar ist, wenn man sich die Bilder von Putins Protzpalast vergegenwärtigt. 

Leicht verdauliches Genusskino, spannend und mit Showelementen durchsetzt plus Action, eine Augenweide, ein Film, der unbedingt in Kino gehört.

Billie

Doppelt genäht

Diese Dokumentation von James Erskine über die sensationelle US-Jazzsängerin Billie Holiday ist quasi doppelt genäht aus lauter Archivmaterial. 

Die kleinere Naht betrifft die Journalistin und Holiday-Biographin Linda Lipnack Kuehl und die breitere Naht, das ist die Story von Billie Holiday, die schon mit 13 auf den Strich ging und bald schon andere Mädchen laufen hatte, mit 14 nach New York kam und bald darauf als Sängerin entdeckt wurde und schnell schon mit Louis Armstrong auftrat oder Count Basie, die Klasse halt. 

Es ist eine Geschichte, wie sie so oft vorkommt, Kind aus ärmstem Milieu mit einem besonderen Talent steigt auf in den Showbusiness-Himmel und verkraftet das nur mit Drogen, die zu einem frühen Tod führen. Billie Holiday ist gerade mal 44 Jahre alt geworden, in den letzten Aufnahmen sieht sie gezeichnet aus. 

Verdienstvoll an diesem Biopic ist der weitgehende Verzicht auf Talking Heads, statt dessen setzt es auf Talking Voices und legt darunter Archivmaterial vor allem von Auftritten der Sängerin; lässt die Titel auch lange spielen, so dass nicht viel zu einem Konzert der Sängerin fehlt. 

Manchmal läuft die Musik auch weiter im Hintergrund, wenn Stimmen zu ihr und ihrem Leben zu hören sind. Und ebenso verdienstvoll ist der Verzicht darauf, heute noch neues Statement-Material nachgedreht und in den Film montiert zu haben. 

An einigen Stellen führt es allerdings zu einer Verwirrung, wenn plötzlich Texte und Fagen zur Biographin zu hören sind oder Bilder von ihr zu sehen. Über sie ist zu erfahren, dass sie jahrelang Material für eine Biographie gesammelt habe, Interviews geführt und Material recherchiert hat; wobei der Klatsch nicht ausbleiben kann, besonders die vielfältigen Gefängnisaufenthalte, das zügellose Sexleben, der Drogenkonsum, Ehe mit andauernder Gewalt; also die Dinge, die Profibiographien manchmal sogar erfinden, wie der Film über Montgomery Clift gezeigt hat, der einen zur Vorsicht im Umgang mit solchen Biographien mahnt.

Nichtsdestotrotz ergibt sich ein lebendiges Bild von Kraft und einmaliger Stimme der Sängerin, die ihre Stimme dazu benutzte, um von ihrem Leben, von ihrem Unglück zu erzählen („konnte ihre Seele nur singend ausdrücken“). 

Auf den Linda-Lipnack-Teil hätte ich gut verzichten können, da fällt der Unterschied zwischen einem Star, für den keine Leinwand zu groß ist, und einer Biographin besonders auf; beinah unangenehm, wenn die Schwester der Journalistin am Ende privatistisch Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Tod der Autorin andeutet. Die Musikaufnahmen mit Billie Holiday, das sind die Jazz-Blues-Swing-Kleinodien dieses Filmes; am eindrücklichsten „Strange Fruit“, der von der Diskriminierung der Schwarzen handelt. 

Geschichte ist Zukunft – Marketing und Propaganda (ARD-alpha, Dienstag, 6. April 2021, 21.45 Uhr)

Hitler geht immer

und besonders gut in diesem Bilderwust zum kopflastigen Titel, der sich letztlich mit Propaganda beschäftigt und orientierungslos im Riesenmeer von schnell montierten Texten, Bildern und Statements herumschippert. 

Wobei das Ungleichgewicht verblüffend ist: gegen den großen Anteil von Hitlerwerbung werden keine Antibilder aus KZs gesetzt, nur an einer Stelle wird erwähnt, dass Hitler mit seiner Propaganda den Holocaust begründet hat; der Film selbst bekommt so eine übel propagandistische Schlagseite. 

Eine Historikerin, die nicht genug bekommen kann von den süßen Nazipropagandafilmchen, zitiert auch Goebbels und seine Propagandatheorie, dass Lüge dazu gehöre. 

Ausgangspunkt der Mischmascharbeit ist das Thema Impfen. Insofern aktuell, obwohl der Film von 2020 stammt. Fallen wir auf Propaganda rein, wenn wir gewarnt werden vorm Impfen? Dann zentriert der Bilderbrei um die Nazizeit und geht weiter, immer reden auch Experten und man ist Gast bei einer Marketingagentur, die Wasser verkaufen will, dann geht’s zu den modernen Social- Media-Plattitüden und zu einer Influencerin.

Ein TV-Schnellgericht mit x-beliebigen Zutaten. Immerhin heißt es an einer Stelle, es wäre gut, ein Bewusstsein über Werbung und Propaganda zu haben, um nicht von ihr geneppt zu werden. Beweise bleibt das Machwerk schuldig. An wen wendet es sich? Die Leute, die ein Bewusstsein von Propaganda und Werbung haben, erfahren nichts Neues und die Direktkonsumenten der allüberall über uns herfallenden Werbung, die dürften so etwas eher nicht schauen. 

Die ARD hätte Kosten und Energie lieber dazu verwendet, in ihrem Programm Propaganda und Schleichwerbung näher zu betrachten und Beispiele aufzudecken. Zum Beispiel die Sendereihe Lebenslinien sich vornehmen und genau zu unterscheiden, wo es lediglich um PR für Prominente geht und wo wirklich Lebensgeschichten vermittelt werden, die Wahrheit haben und nicht den Schleichzweck, die Protagonisten in ihrer geldwerten Bekanntheit noch bekannter werden zu lassen, ohne das als Werbung kenntlich zu machen, was laut diesem Filmchen Propaganda ist, damit sie die mit ihrem Namen verbundenen Geschäfte (beispielsweise ‚Markenbotschafter*in‘) noch lukrativer betreiben können. 

Es scheint bei der Sendung vor allem darum gegangen zu sein, aus einem bestimmten ARD-Geldtopf einen Happen zu erhaschen; und wer einen pompösen Titel einreicht, hat den redaktionellen Geldhahn schon halb geöffnet, hat dem öffentlich-rechtlichen Zwangsgebührentreuhänder schon den Kopf verwirbelt, werden sich die Macher Emanuel Förster, Sonja Herzl und Stefanie Daubek gedacht haben. Und recht (und Geld) haben sie bekommen. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lebenslinien: Markus Wasmeier – Nach dem Rennen (BR, Montag, 5. April 2021, 22.00 Uhr)

Lüftlmalerei und Riesenslalom.

Schmerzpunkt dieser Lebenslinien von Monika Manoutschehri ist der Besuch von Rosi Mittermeier und Christian Neureuther, diesen eitlen Selbstvermarktern, die ihre Lebenslinien schamlos für Eigen-PR diskreditiert haben. Die müssten für jeden Auftritt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezahlen, weil es sich um eine reine Investition in ihren PR-Wert handelt. Es ist nicht einzusehen, dass für solche Investitionen der Zwangsgebührenzahler aufkommen muss, der Gewinn aber von den Promis privat eingesteckt wird; da liegt viel Einnahmepotential bei den unter Sparzwang stehenden Öffentlich-Rechtlichen. 

Umso positiver sticht Markus Wasmeier hervor. Wasmeier nimmt man seine Heimatverbundenheit ab, nicht nur wegen dem Dialekt, sondern wegen seinem Einsatz für das Museumsdorf, das er idealistisch aufgebaut hat.

Der ehemalige Skirennfahrer und Olympiamedaillengewinner stammt aus Handwerkerverhältnissen, hat selber als Maler angefangen. Sein Vater war Lüftlmaler und in der Fantasie spinnt die Verbindung von Riesenlalom und Lüftlmalerei wunderbare Kapriolen. 

Wer hier bei filmjournalisten.de schon mal reingeschaut hat, dürfte die Skepsis von stefe Promi-Lebenslinien gegenüber bekannt sein, grad weil sie, wie eingangs oben erwähnt, oft korrumpiert werden zu reiner Personality-Show mit PR-Effekt. Der Erhalt von Monumenten, von Häusern der bäuerlichen Kultur im Alpenland Bayern gehört sicher nicht zu der Kategorie. 

Es gibt eine Szene im Film, wie Wasmeier mit seiner Gitti über deren Krebserkrankung spricht und sie am Seeufer stehen, da kommt das Alpenpanorama im Hintergrund rüber wie ein Gemälde von Ferdinand Hodler. Auch so ein Bild, ob zufällig oder nicht, kann zum Qualitätsmerkmal einer Dokumentation werden. 

Angenehm ist, dass die Skikarriere mit ihren Erfolgen und Misserfolgen wie nebensächlich abgehandelt wird. Zentrum des Lebens von Wasmeier ist Schliersee, die Bodenhaftung braucht er und wie Jutta Speidel es schon getan hat mit ihrem Horizont-Projekt, stellt er das Interesse für sein Museumsdorf in den Mittelpunkt, bei dem die ganze Familie mit den drei Söhnen mit anpackt, auch sie sind alle offenbar handwerklich nicht nur interessiert, sondern auch begabt. Und auch der Vater von Markus Wasmeier tut mit.