Archiv der Kategorie: Reihe

BR Queer-Film-Reihe Sommer 2026

Wieder legt der BR eine Reihe mit exzellenten und über die Community hinaus aufregenden queeren Film auf. Aber für wie unmündig hält er seine Zuschauer, dass die Filme alle in die tiefe, dunkle Nacht hinein verbannt sind, als ob etwas Anrüchiges dabei wäre? Das wäre doch mal einen Versuch wert, diese in der Hauptabendschiene zu senden. Es geht schließlich um Liebe und Toleranz – wenn das mal keine Themen für die Hauptsendezeit sind!

RODEO (18. Juni, 23.15 Uhr)
Dieser Film über eine Motorradbraut riecht nach Benzin.

LILIES NOT FOR ME (BR, 25. Juni)
Die schönste Liebe kann zerstört werden, wenn die Mitmenschen es nicht wollen, und glauben, sie mittels Testikelverpflanzung heilen zu müssen.

CLOSE TO YOU (BR, 2. Juli)
Es gibt ganz andere Qualitäten von Beziehungen als nur die über den Sex.

FIREWORKS (BR, 9. Juli)
Wenn das liebe Dorf mit einer Liebe nicht umgehen kann.

WHAT A FEELING (BR, 16. Juli)
Das delikate Thema lesbischer Liebe mit Wiener Charme und Schmäh angegangen

AUS MEINER HAUT (BR, 30. Juli)
Wie im Liebesakt Allgemeinheit und Indivdualität verschmelzen, so dass der Geschlechterunterschied keine Rolle mehr spielt.

FRAU AUS FREIHEIT (BR, 23. Juli)
Schönstes Genusskino mit menschlicher Tiefe über eine menschliche Transition

What a Feeling (BR Queer) (BR, Donnerstag, 16. Juli 2026, 23.15 Uhr)

„Ich geh jetzt meine Zeit verbringen mit Leuten, die im 21. Jahrhundert leben“.

Damit meint die Protagonistin Dr. Marie Theres Wallner (Caroline Peters), sie treffe sich mit Leuten, für die es keine Rolle spielt, ob ein Mann eine Frau oder einen Mann oder eine Frau einen Mann oder einen Mann liebt. Was eigentlich längst selbstverständlich sein sollte; Glück ist Privatsache und was geht das Intimste, das Bett, die anderen an.

Aber so selbstverständlich scheint das auch heute noch nicht zu sein. Im französisch-luxembourgischen Film Love Me Tender dreht ein Mann nach der Trennung durch, wie seine Frau ihm erzählt, sie sei jetzt mit einer Frau zusammen.

Und eigentlich ein schlechtes Zeichen für unser fortgeschrittenes 21. Jahrhundert, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich bemüßigt fühlt, extra eine Queerreihe aufzusetzen und die dann noch ganz verschämt, als ob dies etwas Anrüchiges sei, tief in der Nacht zu senden.

Der Film von Kat Rohrer behandelt das Thema mit österreichischem Charme, mit einer Komödiantik sondergleichen, wie selten in diesem Themencluster.

Caroline Peters spielt ihre Rolle des Dr. Wallner in der Art eine großen Komikerin, die von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt. Die aus allen Wolken fällt, wie ihr Mann Alexander (Heikko Deutschmann) nach einer Auszeit, nackt im Dschungel, eine weitere Auszeit braucht und auszieht.

Wallner ist Ärztin in einem Wiener Krankenhaus und fassungslos. Das wirkt sich auf ihre Arbeit aus, worauf ihr Chef Dr. Brinkmann (Joseph Lorenz), ganz Macho, sie vorläufig beurlaubt. In ihrer Verzweiflung über ihre Mannes Auszug kippt sie einen zuviel hinter die Binde und landet sturzbetrunken, nicht nur angetüdelt, in der Pussy Cat Bar. Und, wie ein Sprichwort sagt, man begegnet sich immer zweimal (es kann dann auch mehr werden), stößt sie hier auf Fa Safir (Proschat Madan).

Mit Fa hatte Wallner auf der Straße schon einen unfreundlichen Zusammenprall. Fa ist die Tochter der Patientin Samira (Nicole Ansari-Cox), einer Iranerin, die mit ihren drei Kindern nach Österreich ausgewandert ist.

Aus dem Zusammentreffen in der Bar wird eine Nacht, von der Resi, wie Theres abgekürzt genannt wird, nicht mehr genau weiß, was da war. Jedenfalls stolpert sie in die lesbische Liebeswelt vollkommen unvorbereitet, so etwas hätte sie nie gedacht, hätte sie sich nie ausmalen können, wäre ihr um nichts in der Welt auch nur in den Sinn gekommen. Und dann war es plötzlich da. Und gar nicht so übel.

Der Film arbeitet gekonnt mit Komödienstrukturen. Er jongliert mit dem Thema, dass so was verschwiegen werden müsse, versteckt, dass erst recht für die iranische Familie Lesbentum ein großes Tabu sei und auch Resi möchte es vor ihrer Tochter Anna (Allegra Tinnefel) verborgen halten.

Geschickt schraubt der Film die Verwicklungen, die sich durch den Beruf von Resi und die Krankheit der Mutter von Fa und der Liebesgeschichte ergeben, zu immer neuen Konstellationen und Konflikten hoch und kriegt dann rechtzeitig die Kurve zu einem Happy-End. Die als Eiszapfen apostrophierte Ärztin wirkt dann abgeschmolzen, befreit.

Fireworks (BR Queer) (BR, Donnerstag, 9. Juli 2026, 23.15 Uhr)

Mitten im impulsiven Leben von Sizilien

gedeiht 1980 ganz unauffällig die Liebe der beiden Jungs Nino (Gabriele Pizzurro) und Gianni (Samuele Segreto). Das fällt niemandem weiter auf. Das Leben quirlt. Die Männer hocken vor der Dorfkneipe. Der Onkel von Gianni betreibt eine kleine Mofa-Werkstatt. Vom Vater heißt es, der sei im Norden am Arbeiten.

Mutter Lina (Simona Malato), kann mit dem Buben beim Onkel unterkommen. Der schickt ihn am Abend noch ein gutes Stück weit weg, ein Moped, was ein Geburtstagsgeschenk sein soll, abliefern. Den Rückweg muss er zu Fuß antreten.

Gianni wird im Dorf verspottet als Giannuzza, sein Vornamen als weiblicher Diminutiv. Er ist der Opfertyp. Andere Jungs und Männer bedrängen ihn, schminken ihm die Lippen rot. Er wird als Schwuchtel bezeichnet. Toleranz ist nicht das charakterisierende Merkmal der Dörfler.

Giuseppe Fiorello schildert das Leben in Italien attraktiv, ausladend. Es dauert bis Gianni und Nino die erste Begegnung haben. Und dann wieder bis zur zweiten. Gianni taucht bei der Familie von Nino auf. Sein Vater hat Gesundheitsprobleme, kann aber niemanden einstellen. Er installiert Feuerwerke für Dorffeste. Nino arbeitet mit seinem Vater.

Gianni bekommt beim Onkel von Nino einen Job im Steinbruch. Hier holt Nino Gianni von der Arbeit ab mit seinem Moped. Es gibt Gerüchte über die Vergangenheit von Gianni. Er stellt sich aber als ordentlicher, zuverlässiger Arbeiter an.

Die Freundschaft zwischen ihm und Nino wächst. Unauffällig. Sie gehen schwimmen zusammen. Es gibt romantische Momente. Immer wieder schauen die Leute Fußball. Es ist 1980 und die WM und Italien haben einen guten Lauf.

Wie Gianni mit Nino die Feurwerksarbeit übernimmt, weil der Vater so krank ist, enzündet sich wie ein Feuerwerk die Liebe; ein Romanze flammt auf. Sie verstecken das nicht, oder aber: in so einem Dorf bleibt nichts geheim. Da zeigt sich die hässliche Seite einer solchen Dorfgemeinschaft. Aus der Romanze wird ein Drama, dann eine Tragödie.

Lilies Not For Me (BR Queer) (BR, Donnerstag, 25. Juni 2026, 23.15 Uhr)

Horror, der unendlicher Romantik in die Parade fährt.

Testikelverpflanzungen sind die historischen Begebenheiten, auf die sich dieser Film von Will Seefried beruft, ein Verfahren aus den 1910ern und 1920ern, das von einem später mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichneten Arzt durchgeführt wurde, um Homosexuelle von ihrer Krankheit zu heilen. Allein diese Vorstellung ist der Horror. Dieses Horrible kommt besonders zur Geltung, da der überwiegende Teil des Filmes in unendlicher Bild- und Liebesromantik schwelgt.

Im Zentrum ist die Liebe der Jünglinge Owen Jamer (Fionn O’Shea) und Philipp (Robert Aramaya). Die heiße Phase ihrer Liebe wird in weichen Farben in ebensolchem Licht geschildert.

Owen wird Schriftsteller. Mit seinem Buch „Ein untauglicher Soldat“ hat er Erfolg. Ein wichtiger Horroreinschluss im Film ist der Aufenthalt von Owen, Jahre später, in einer psychiatrischen Klinik. Krank, klar. Aber auch zum Krankwerden.

In der Klinik soll Schwester Dorothy (Erin Kellyman) den jetzt bleich gezeichneten Owen in Gesprächen an einem Esstisch in einem praktisch leeren Esssaal behandeln. Sie hat Verständnis für Owen. Sie besorgt ihm eine Schreibmaschine, die ihm entzogen wurde.

Blicke zurück schildern, wie es so weit gekommen ist. Philipp, der Medizin studierte, will sich von seiner Krankheit heilen lassen. Er hat den Eingriff genau studiert, der kann auch von Laien durchgeführt werden. Owen und Philipp versprechen sich, sich gegenseitig zu heilen. Erst führt Owen den Eingriff an Philipp durch; Szene auf das Konto der Horrorseite des Filmes.

Geübt wird das Nähen der Wunde an Orangen. Kein Problem für Owen, der auch stickt. Owen möchte dann aber nicht, dass Philipp den Eingriff an ihm vornimmt.

Die zwei Liebenden leben in einer lauschig-romantischen Bruchbude im Grünen. Eines Tages taucht dort Charles (Louis Hofmann) auf. Der ist auf der Suche nach seinem Vater. Der Zuschauer hat dazu bereits eine Info.

Da Philipp geheilt ist, entwickelt sich eine Liebe zwischen Owen und Charles. Der ist in der Stadt verheiratet und hat ein Kind. Aber er hat auch dieses Verlangen nach Männern. Er denkt nicht daran, geheilt werden zu wollen. Er gibt Owen Tipps, wo in der Stadt sich Männer treffen.

Horrorperspektiven und -bilder liefert die psychiatrische Anstalt. Gegen die setzt der Film Bilder von Meer, Natur, freien Körpern, Schönheit. Aber, dass Menschen das nicht schön finden können, das macht frösteln. Vom Text her liefert ein Gedicht über Lilien den romantischen Input.

Close to You (BR Queer) (BR, Dienstag, 1. Juli 2026, 23.15 Uhr)

In Coburg, Canada,
und in Toronto

Coburg in Kanada ist eine Kleinstadt. Hier ist Sam (Elliot Page) in bürgerlichen Verhältnissen bei Mutter Miriam (Wendy Crewson) und Vater Jim (Peter Outerbridge) mit Geschwistern aufgewachsen. Es war eine schwere Jugend in dieser Kleinstadt, weil Sam als Mädchen geboren war, sich aber als Junge fühlte.

Sam ist nach Toronto abgehauen und hat wenig Kontakt zur Familie. Es taugt ihm hier, er lebt sein Leben als Schlampe, wie er sagt. Er ist ein aparter, feingliedriger Mann, der Tiefe und Ernst ausstrahlt. Er wohnt in Toronto bei einer Freundin, wie er sagt, es ist Emily (Sook-Yin Lee). Das Verhältnis ist ein offenes, vertrautes.

Der Geburtstag seines Vaters führt Sam zurück. Im Zug trifft er Katherine (Hillary Baack). Die beiden haben sich zu Schulzeiten prima verstanden. Sie ist in Coburg geblieben, verheiratet, zwei Kinder.

Der Film spielt vor allem in Coburg und dort im Elternhaus von Sam. Er wird zu einer Rückschau auf das Leben von Sam, was er alles durchgemacht hat. Im Nachhinein zeigt sich, dass von Elternseite enorme Ängste, aber auch Verständnis da gewesen ist.

Einen dramatischen Mittelpunkt hat der Film in der Auseinandersetzung mit dem neu in die Familie aufgenommenen Schwager Paul (David Reale). Der ist überfordert mit Sam und seiner Transgeschichte. Er fährt die üblichen Klischees, Vorurteile und Provokationen auf. Er repräsentiert jene Seite der Gesellschaft, die mit dem Phänomen nicht umgehen kann.

Mit Katherine hingegen trifft sich Sam wieder. Die beiden geben ein im Kino – und wohl auch im Leben – selten zu findendes Beispiel von Vertrautheit und Verständnis, von Offenheit. Katherine wird sagen, sie habe sich damals bei ihm einfach wohlgefühlt, obwohl sie kein Liebesverhältnis hatten. Sie hat sich bei ihm aufgehoben gefühlt, sicher.

Der Film von Dominic Savage, der mit seinem Protagonisten Elliot Page auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert das verhalten, subtil, menschlich. Wie er überhaupt sein Thema diskret und zurückhaltend angeht. Fast am Rande der Erkennbarkeit zeigt er einmal die Narben der Brust-OP von Sam. Ein weicher, leicht verspielter Sound begleitet die Erzählung.

Rhinos Conquered the Middle East (Cinema Iran 2025)

Die Krise des modernen Mannes

Elias (Vahid Behrozian) ist ein ausgewachsener Mann. Er hat gutes genetisches Material. Er ist haarig, erwachsen, fortpflanzungsfähig. Er möchte frei sein, wild sein wie ein Wildpferd.

Aber etwas stimmt nicht. Elias leidet unter Verstopfung. Unter extremer Verstopfung. Er ist Schauspieler und verheiratet mit Fereshteh (Mahtab Khoshmanesh). Die Frau möchte sich scheiden lassen, weil er ihr zu haarig ist. Das ist nur eine der grotesken Szenen in diesem experimentellen Porträt eines modernen Mannes von Vahid Vakilifar.

Dass Elias in Teheran lebt, also in einer Diktatur, wird mit dem Hinweis auf das Nashorn-Stück von Ionesco abgehandelt. Das absurde Theater im Kontext mit Diktatur dürfte ein Impulsgeber für den Film gewesen sein.

Es gibt eine Beziehungsszene, abstrakt, ein Paar, beide sind mit Seilen oder Schnüren am Rücken an einem Fixpunkt festgebunden, die dehnen sich, die Darsteller können sich ein Stück wegbewegen, aber nicht weiter. Freiheit, das wäre was. Freiheit in der Beziehung des modernen Mannes. Aber die Beziehung läuft nicht.

Auch das mit den Kindern hat nicht funktioniert. Zwei Abtreibungen hat seine Frau hinter sich. Als Schauspieler leben ist schwierig. Elias verdient sich ein Geld als „Nanny“; er unterhält ein Kind, während die Mutter arbeitet. Er sitzt in einem tierischen Stoffkostüm. Aber es gibt es auch hier Probleme, er würde den Kindern Angst machen.

Bei einem Ausflug in einen Tierpark, in dem lauter übergroße, mechanische Gorillas, Löwen, Dinos sind, wird Elias von einer Frau blöd angemacht, er würde sie anstarren. Er landet mit seinem Schützling bei der Polizei. Peinliche Befragung.

Es ist nicht leicht, ein potenter, moderner, fühlender Mann zu sein. Elias arbeitet auch als Samenspender für eine Klinik. Oft lässt Vahid Vakilifar seinen bärigen Protagonisten mit dem Vollbart und dem langen Haar, ganz unähnlich sieht er einem Propheten nicht, im inneren Monlog verharren. Oder aber versuchen, seinen Darm zu entleeren. Wenn das schon mal gelingt, so muss die Kostbarkeit in einem Plastikeimer gesammelt werden. Kann für eine Kunstaktion Verwendung finden. Das Leben als moderner Mann in einer Großstadt, speziell als kultureller Mann dazu, der auch Märchen erzählen kann, ist nicht leicht; nahezu unmöglich, kann zu gravierender und zu thematisierender Verstopfung führen.

72. Filmkunstwochen München

Vom 24. Juli bis 14. August 2024 gehen die Münchner Filmkunstwochen in die 72. Runde, eine Münchner Spezialität, eine Kinoreihe, die es so als eine feine Sommerattraktivität nur in München gibt.

Dass es die Münchner Filmkunstwochen überhaupt gibt und dass es sie immer noch gibt, hängt wohl mit der Individualität der Münchner Kinobetreiber zusammen. Die Reihe geht zurück auf Münchner Kinobetreiberpersönlichkeiten von vor einem dreiviertel Jahrhundert. Da war der Kinomarkt in München noch aufgeteilt in Premierenkinos und Nachspielkinos. Die Kinos im Zentrum und die anderen weiter drum herum, die das Nachsehen hatten.

Im Zusammenhang mit der Initiative, dies zu ändern, entstanden auch die Filmkunstwochen. Dies und vieles mehr war zu erfahren bei der Pressekonferenz. Sie wurde präsentiert von Dunja Bialas, die mit Ludwig Sporrer die Filmkunstwochen organisiert.

Und auch das ist eine Spezialität, Bialas und Sporrer organisieren nur, die Filme selbst werden von den Kinobetreibern für ihre Kinos ausgewählt, das wiederum macht Exzellenz und Eigenheit dieses Kinoereignisses aus.

Bei der Pressekonferenz stellten die Betreiber selbst oder Mitarbeiter von ihnen die jeweiligen Programme und Schwerpunkte vor. Es sind profilierte Auswahlen, die die Individualität der jeweiligen Kinos wunderbar abbilden.

Zudem drängt eine junge Generation voller Elan und mit pointiertem Kinogespür in die Betreiberpositionen.

Der Trailer zu den Filmkunstwochen ist kurz und knackig. Die Reihen sind es auch. Powervoll und kinogeschichtsträchtig kehrt das Kino nach Corona zurück und will es einmal mehr wissen.

Es gibt unendlich viel nachzuholen und neu zu entdecken: es gibt eine Iffland-Ring-Reihe, eine, die sich auf synchronisierte französische und italienische Film konzentriert, Retros aus der jüngeren Filmgeschichte Tarantino, Coppola-Clan, Josef Hader, Taxi-Filme, Female Directors, Psychiatrie im Film, eine 35-mm-Film-Reihe, Film über den Stummfilmstar Valeska Gert oder eine Reihe mit Filmen der Schweizer Präsens-Film, In-the-Mood-Filme (asiatisch), Filmklassiker, es kommen Events und Lectures hinzu.

Es scheint ein stringenter Kuratierwille zu herrschen, der den früheren Gemischtwarenladen ersetzt. Davon könnte sich das Münchner Filmfest ein Stück abschneiden.

Im Anschluss an die Pressekonferenz im Leopold-Kino wurden restaurierte Tonfilm-Einakter von Karl Valentin gezeigt (ab 15. August im regulären Kinoprogramm). Da wurde klar, wieso München eine ziemlich einmalige Filmstadt ist, in der der Geist von Karl Valentin nach wie vor rumort, seinen eigenwilliges Denken ver- und entknotet wie seine Beine im Fotoatelier und der Unvergleichliches hervorgebracht hat, das man immer wieder gerne anschaut. Hier kann man nicht von Sommerloch, hier muss man von Sommerfülle sprechen.

Cinema Iran 2024

Der Mythos des Verbotenen prägt das Image des heutigen iranischen Filmes, der Mythos der Illegalität und der Verfolgung eignet dem iranischen Kino. Entweder müssen die Filmemacher sich ins Ausland absetzen, wenn sie Filme machen wollen, oder sie können es nur unter erschwerten Bedingungen tun oder sogar nur in der Illegalität, weil ihnen sonst Gefängnis droht. Der Folterknast von Evin hat in fiktionalen wie in dokumentarischen Filmen traurige Berühmtheit erlangt. Das iranische Kino ist immer die Aufmerksamkeit wert. In München werden jetzt unter dem Titel Cinema Iran 2024 eine Reihe neuerer, sehenswerte Film aus dem kinobegabten Persien vom 10. – 14. Juli gezeigt.

ACHILLES
Der Filmemacher als Orthopädietechniker und Systemsprenger

CELLULOID UNDERGROUND
Über im doppelten Sinn explosive Schätze

FÜR EIN STÜCK VOM KUCHEN
Das muss man sich schon selber holen.

SHAHID
Filmisch-essayistische Autoreflektion in den wilden Wassern eines Culture Clash

TATAMI
Gewinnen aus Egoismus oder verlieren für das System?

THE SUN WILL RISE
Wie kann ein Film Scharianonkonformes schariakonfom präsentieren? – Lysistrata in Teheran.

WINNERS
Die Oscar-Statue, der Müll und der Iran

Für ein Stück vom Kuchen (Cinema Iran 2024)

Der Kuchen der Liebe

Nicht jeder bekommt vom Kuchen der Liebe was ab. Mancher gar nichts. Oder zumindest lange nichts.

Die Witwe Mahin (Lili Farhadpour) lebt in Teheran in einem ordentlichen Haus mit kleinem Garten. Allein. Ihr Mann ist lange gestorben.

Der Taxifahrer Faramarz (Esmaeel Mehrabi) lebt auch allein. Über 30 Jahre schon. Es hat nicht sollen sein. Er konnte keine Kinder zeugen. Er lebt seine bescheidene Taxifahrerexistenz. Auf seine Art hat er keine Hoffnung mehr. Und das Leben wird immer teurer.

Mahin liebt es, Zitronenkuchen zu backen. Den würde sie allen ihren Leuten und Freunden auftischen. Sie lädt ihre Freundinnen ein. Alle sind verheiratet. Ein fröhliches Reden über Männer, das Alleinsein. Mahin fasst einen Entschluss. Das muss nicht für immer so bleiben.

In einem billigen Rentnerrestaurant lauscht sie den Gesprächen der alten Männer. Faramarz sitzt allein an einem Tisch. Er isst auswärts, weil er nicht für sich kocht. Mahin weiß jetzt seinen Namen, folgt ihm.

Maryam Moghadam und Behtash Sanaeeha erzählen diese Liebesgeschichte, die sich voller Respekt und Ahnung entspinnen wird, ganz ruhig, lakonisch fast, mit humaner Zuneigung zu ihren Figuren. Sie erzählen, wie selbstverständlich wie die beiden reifen Menschen aufeinander zugehen, wie sie zusammenkommen. Wie er sofort zustimmt, sie nach Hause zu fahren und mit ins Haus zu gehen.

Es gibt Bilder und Szenen eines stillen Einverständnisses, die geprägt sind vom aufkeimenden Glück. Hier ist nichts plump in der Anmache. Es ist die Erkenntnis, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei. Und dass er beim Zusammensein mit einem anderen ja nichts zu verlieren habe, außer dem Alleinsein.

In Mahins Wohnung ist Platz genug. Und wenn sie angezogen gemeinsam unter der Dusche sitzen, so gibt es noch trockene Kleider von ihrem Mann im Schrank.

Eine ganze Strecke verbringt der Film im kleinen Garten. Erst installiert Faramarz die elektrischen Lampen wieder, es hört auf zu regnen. Es ist reinste Idylle wie von den Malern der deutschen Romantik, grün, grün, mit sanft verteiltem Licht.

Die Kritik am Regime in Teheran wird nicht aggressiv und augenfällig vorgetragen, sie spielt mehr im Hintergrund mit als bittere Musik, als Umstand, mit dem man sich abgefunden hat. Die Kinder von Mahin sind längst im Ausland; für ältere Menschen ist es fast unmöglich, ein Visum für eine Reise zu erhalten; ein anderes Thema ist der Umgang mit den Veteranen.

Es ist ein Fim, der zeigt, wie schön und kostbar eine Liebe sein kann.

Winners (Cinema Iran 2024)

Das Kino als Botschaft
oder von den Irrwegen eines Oscars

Das iranische Kino muss allein aufgrund seiner DNA in einem kinofeindlichen Terrorstaat ständig ein Zeichen für das Kino setzen, sonst würde es sich selbst in Frage stellen. Denn Kino ist Ausdruck von Freiheit, letztlich Demokratie als Ermöglicher und Freiraumschaffer, insofern in einem despotischen Staat ein Zeichen der Revolution.

Das erfüllt dieser Film von Hassan Nazer, der mit Hamed Amami auch das Drehbuch geschrieben hat, in recht romantisierend-humorvoller Art, das Kino in der Funktion der Erträglichmachung von Armut und Elend.

Um das Kino auf den ihm zustehenden Sockel zu stellen, bedient sich Hassan Nazer eines gewagten Konstruktes. Oder eines sehr symbolträchtigen: das Kino landet auf der Müllhalde.

Hassan Nazer verdonnert seinen Protagonisten Nassser (Mohammad Amir Naji) auf eine Müllhalde. Lässt dort diesen ehemaligen Kinostar, der dem Ruhm nicht gewachsen war, Müllkinder schlecht für ihr Sammelgut bezahlen. Gibt ihm einen Mitarbeiter, der ein filmwütiger Sammler ist, an die Seite.

Als Katalysator fungiert der filmfreakige Bub Yahya (Parsa Maghami), dessen Mutter Kelims webt und vertreibt. Er schaut nachts Filme. Cinema Paradiso hat es ihm angetan. Er schaut die Filme immer und immer wieder.

Um die Elemente jetzt vollends zur Zündung zu bringen, führt der Autor und Regisseur eine Oscar-Statue in den Film ein, die in einer Taxe liegenbleibt und dann statt an den rechtmäßigen Besitzer zurückzugehen von einem untreuem Postbeamten als Trophäe ausgeliehen wird, um sie in seinem staubigen Dorf stolz herumzuzeigen.

Aber die eingewickelte Statue fällt aus der Tasche von seinem Moped und landet in den Händen des filmfreakigen Buben Yahya.

Der Film ist ein filmpolitisches Statement. Er weist explizit auf die internationale Anerkennung iranischen Kinos hin im Gegensatz zur Unterdrückung im Lande selbst. Zeichnet dieses Land auch als widersprüchlich zwischen Lehmhütten- und Staubstraßenwelt einerseits und Großstadtmoloch wie Teheran andererseits. Er verweist namentlich auf Trophäen, Filme und Filmemacher, inszeniert sie als unbekannt an der Müllhalde arbeitend, den Ruhm nicht ertragen habend; und kaum sind sie in der Großstadt, will jedermann ein Selfie mit ihnen machen. Sie machen sich Sorgen über ihre verdreckten, verstaubten Klamotten, gehen aber lachend drüber hinweg mit dem Argument, die Leute werden denken, es handle sich um Kostüm.

So trietzen sich Realität und Wirklichkeit, Sein und Schein der Kinowelt in der realen Welt eines von einem blutigen Regime gebeutelten Landes. Es ist ein humorvolles Statement, das eher den Kopf schüttelt über die Kleinkariertheit und weltfremde Verbohrtheit der Terrorherrschaft.

Hassan Nazar verbannt seine an sich berühmten Protagonisten in das staubige Provinzkaff Garmsar. Und dreimal darf man raten, wer in Teheran das Taxi fährt, mit dem Yahya unterwegs sein wird.

Mit Yahya und Leila (Helia Mohammadkhani) hat das iranische Kino einmal mehr eindrückliche Kinderdarsteller aufgeboten.