Archiv für die Kategorie: “Pressefreiheit”

Der Verband der deutschen Filmkritik e.V. (VDFK) hat zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen, hinter der auch ich voll und ganz stehe.

Im Lauf der letzten Jahre hat sich das „Herding“ der Journalisten in Klassen eingebürgert, was zur Folge hat, dass die eine (höhere) Klasse einen Film wesentlich früher vor dem Start sehen kann als die andere (niedrigere) Klasse. Dies ist in meinen Augen nicht zielführend und sorgt gerade unter den Freien für Probleme, da die Konkurrenten aus höheren Klassen früher liefern können.

Nun ist auch noch hinzugekommen, dass wir nahezu jeden Film auf deutsch angucken sollen. Das ist zwar die Version, die dann in den Kinos gespielt werden wird, aber das Original ist nunmal die meist englische Fassung. Einem Kunstfachmann hält man ja auch nicht den Druck eines Gemäldes zur Beurteilung hin, sondern lässt ihn das Original begutachten, wie es auch von dessen Schöpfer intendiert war.

Nun hat der VDFK einen offenen Brief an die Filmverleiher geschrieben, dem ich mich nur anschließen kann. Filmkritiker (auch Nicht-Mitglieder des VDFK, soweit ich weiß) können bei der Unterschriftenaktion mitmachen, indem sie sich bei buero[at]vdfk.de melden.

Hier der Brief, hier als PDF zum Download:

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Offener Brief an die Filmverleiher in Deutschland

Wahlfreiheit bei den Sprachfassungen – im Zweifel OmU

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir beobachten mit großer Sorge, dass bei den Pressevorführungen Ihrer Filme immer öfter nur noch die deutsch synchronisierte Fassung angeboten wird. Wir kennen die Argumente, die hierfür vorgebracht werden: Kritiker würden diese fordern, um die Filme in der gleichen Version wie das Publikum zu sehen, Nicht-Muttersprachlern entgingen Feinheiten der (oft dialektgeprägten) Originalversion, Kinderfilme sollten zusammen mit Kindern erlebt werden, Abendvorführungen zusammen mit Begleitungen, die der Fremdsprache weniger mächtig seien.

In unseren Reihen gibt es durchaus Kollegen, die sich die Option wünschen, einen Film synchronisiert sehen zu können. Keiner aber fordert, dass Sie lediglich die deutsche Fassung zeigen: Selbst diejenigen, die sich am stärksten dem Serviceaspekt verschrieben fühlen, also der Beurteilung der Produkte, wie sie später im Kino und im TV zur Verfügung stehen, sind sich dessen bewusst, dass nur ein vergleichender Blick auf Original und Synchronversion diese Beurteilung erlaubt.

Wir wissen, dass nicht nur wir, sondern auch die Filmemacher, deren Werke Sie ins Programm aufnehmen, sich wünschen, dass Kritiker ihre Arbeit im Original zu sehen bekommen. Deswegen plädieren wir dafür, jeden Film mindestens einmal in der großen Runde im Original zu zeigen, das heißt in OV oder OmU für englischsprachige Werke und in OmU für alle anderen. Auch hierfür kennen Sie bereits die Argumente, wir wollen sie aber gerne mit allem Nachdruck nochmals vorbringen:

  • Wir fühlen uns als Kritiker stets auch dem Werk verpflichtet, wie es von dessen Urhebern intendiert wurde, samt Stimmen der Schauspieler und Atmosphären der aufgezeichneten Orte.
  • Viele Kritiker schreiben auch für Fachmedien, die sich an Zuschauer richten, die sich für die Originalfassungen entscheiden, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.
  • Viele Kritiken, gerade im Internet, werden nicht nur zum Kinostart, sondern auch zur DVD-Veröffentlichung konsultiert, wo die Wahlfreiheit der Sprachfassung komplett dem Zuschauer obliegt.
  • Dank neuer Technologie stehen wir vor einer seit langem einmaligen Chance in Deutschland, wieder mehr Kinos die Option zu OmU-Vorführungen zu lassen, weil jetzt nicht mehr wenige OmU-Kopien durch einschlägige Kinos in Großstädten belegt sind. Mit mehreren Fassungen ausgestattete DCPs könnten Aktionen wie die „OmU-Preview“ oder den „OmU-Dienstag“ ermöglichen.
  • Mit der aktuell jüngeren Generation an Kritikern wächst auch eine jüngere Generation an Zuschauern heran, die etwa dank DVDs und Internet sehr viel stärker mit Fremdsprachen und der Verbreitung von Untertiteln sozialisiert wurde.
  • Nicht zuletzt wissen wir, dass es sich immer positiv auf die Rezeption auswirken wird, wenn alle Kritiker die Option erhalten, die Fassung zu sehen, die ihrer Arbeitssituation und ihren Gewohnheiten entspricht.

Uns ist selbstverständlich bewusst, dass es sich bei der Abwägung zwischen den Sprachfassungen immer auch um eine pragmatische Frage handelt. Wir möchten Sie daher im Rahmen Ihrer Möglichkeiten dazu auffordern, immer zwei Fassungen bei den Pressevorführungen der großen Runde zu zeigen. Sollte dies einmal nicht möglich sein, so wählen Sie bitte den Kompromiss der OmU. Hier treffen wir uns in der Mitte – zwischen den Verfechtern beider Seiten. Darauf können wir Kritiker uns einigen. Bitte schließen Sie sich uns an.

VDFK + Unterschriftenaktion

Vorstand des VDFK – Verband der deutschen Filmkritik

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Til Schweiger, der ja seit einiger Zeit als Regisseur selbst recht erfolgreich Filme macht, stellt seine Filme vor dem Filmstart seit Keinohrhasen nicht mehr der Presse. Da es bisher immer üblich war, Filme der Presse zu zeigen, damit die darüber berichten kann, wirft dieses Verhalten Fragen auf.

Einerseits muss die Presse sich fragen, welche Art Berichterstattung Filmkritik überhaupt ist. Sicher, Kulturkritik muss sein dürfen, aber theoretisch kann man einen Film ja auch besprechen, wenn er schon läuft. So, wie ein Theaterstück auch meist erst nach der Premiere in der Zeitung steht. Filmkritik ist auch sicher nicht so sehr von öffentlichem Interesse wie politische Nachrichten. Da hat die altgediente Pressevorstellung eher organisatorischen Charakter, damit man nicht am Donnerstag alle neuen Filme sehen muss, um sie am Freitag oder Samstag in der Zeitung zu haben. Doch: Besteht ein Recht darauf?

Andererseits ist es ja schon immer im Sinne der Filmfirmen gewesen, dass die Presse positiv über die neuesten Filme berichtet. Das nennt sich PR und ist im Endeffekt kostenlose Werbung, redaktionell abgesegnet. Wenn da nicht diese Pressefreiheit wäre, die es erlaubt, einen Film auch in der Luft zu zerreißen. Was wiederum den Filmfirmen nicht so gefallen mag, was ja irgendwo auch verständlich ist.

Nun kommt also ein Regisseur daher, der einfach beschließt, seine Werke nicht mehr der Presse zu zeigen. Wie geht man um mit so einer Situation? Habe ich als Journalist, der eine Filmkritik schreiben will, ein Recht darauf, einen Film vor dem Start zu sehen? Darf man mir Einlass verwehren zu einer Veranstaltung, die nachweislich stattfindet, wo man mich aber nicht dabeihaben will? (Das passiert übrigens jeder Menge Kollegen total oft, die Journalisten werden gerne von Seiten der Film-PR-Agenturen bisweilen willkürlich in Gruppen sortiert und getrennt zu verschiedenen Terminen eingeladen – manche früher, manche später – was irre Probleme macht, wenn man in Konkurrenz zueinander steht und anbieten können will oder für Kunden arbeitet, von denen die PR-Agentur nichts weiß)

Und schließlich: Darf man einen Film der Presse pauschal vorenthalten, bzw. nur einer ausgewählten Gruppe von Journalisten zeigen? (honi soit qui mal y pense).

Nun, ich kann diese Fragen nicht eindeutig beantworten. Sicher hätte ich gern mehr Rechte und vor allem selbstverständliche Pressevorführungen für all jene, die ernsthaft berichten wollen. Genau genommen sollte es sogar Entscheidung des Journalisten sein, ob er einen Film sehen will, und nicht die eines Filmverleihs oder einer PR-Agentur. Aber mal ehrlich: Ein Film ist doch in den meisten Fällen nur ein Produkt, das verkauft werden soll. Echte Kultur für echtes Feuilleton ist doch in den wenigsten Fällen dabei. Schwierig, so aus dem Stand eine fundierte Stellungnahme abzugeben.

Daher übergebe ich nun an den VdFk, der folgenden offenen Brief zum Thema verfasst hat und darin einige äußerst starke Argumente ins Feld schickt:

Verband der deutschen Filmkritik fordert Pressevorführung des Schweiger-Films

Dem Vorstand des Verbandes der Deutschen Filmkritik wurde von der Pressestelle des Warner Bros. Filmverleihs mitgeteilt, dass es keine Pressevorführungen zum Film „Schutzengel“ von Til Schweiger geben wird. Das hat uns überrascht, scheint der Film doch künstlerisch so gelungen, dass er von den Produzenten für die Nominierung als deutscher Kandidat für die Verleihung des Oscars für den Besten Nichtenglischsprachigen Film vorgeschlagen wurde.
Die Entscheidung hat uns andererseits nicht überrascht. Seit dem Start von „Keinohrhasen“ werden alle Filme des Regisseurs Til Schweiger der Presse nicht oder nur einem handverlesenen Kreis von Berichterstattern rechtzeitig gezeigt. Die Mehrheit der Kritiker wird hingegen ausgeschlossen, die kritische Auseinandersetzung mit dem Werk ist offenkundig nicht gewollt.
Der Verband protestiert gegen diese unfaire Benachteiligung von Journalisten und fordert den Warner Bros. Filmverleih auf, allen Journalisten die Möglichkeit zu geben, sich rechtzeitig über den Film zu informieren.
Der Verband fordert des weiteren Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, auf, derartigen Zensurbemühungen und der Behinderung der Arbeit der Presse innerhalb der anstehenden Novellierung des Filmförderungsgesetzes und durch eine Änderung der Richtlinien für die Vergabe von Mitteln des DFFF ein Ende zu setzen. Wer Steuergelder für die Produktion seines Filmes beansprucht oder Gelder aus einem Solidaritätsfonds der Filmbranche, der durch ein Bundesgesetz entsteht, sollte verpflichtet werden, seinen Film mindestens eine Woche vor Bundesstart in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, Leipzig München und Stuttgart allen interessierten Filmjournalisten zugänglich zu machen.

Wilfried Reichart
für den Vorstand des VDFK

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Nun gibt es also diese sogenannte „Enthüllungsplattform“ Wikileaks im Netz, und sie stellt sich nach und nach als Nest unbequemer Troublemaker heraus. Dieser Gründer und Chef, Julian Assange, wurde wegen mehrfacher Vergewaltigung per internationalem Haftbefehl gesucht, nun ist er also eingeknickt und hat sich am 7. Dezember in London gestellt. Währenddessen spritzt die Webseite, zwischenzeitlich mehrfach von Hackern attakiert, dann abgeschaltet und mittlerweile auf viele Spiegelserver verteilt, weiter Gift und Galle, wie eine Hydra, der man einen Kopf abgeschlagen hat (1). Es ist eine Katastrophe, die Katze ist aus dem Sack, die Büchse der Pandora geöffnet. Wo soll das nur enden, wenn nichtmal mehr Staatsgeheimnisse sicher sind?

So zumindest der Tenor des Mannes auf der Straße. Neulich haben sich ein paar Kollegen und ich nach einer Pressevorführung über Wikileaks unterhalten, deren Übereinkunft war, dass Wikileaks grundsätzlich eine gute Idee sei, aber dass die kürzliche Veröffentlichung von Botschaftsdepeschen (im Gegensatz zur Veröffentlichung von Kriegsverbrechen von vor einiger Zeit) ein dummer Fehler war, denn beleidigende Depeschen nützen nicht und schaden nur.

Doch lasst uns zuerst einmal die Ausgangssituation beleuchten: Vereinfacht gesagt teilt sich die Bevölkerung des Planeten aus rein organisatorischen Gründen schon seit immer in Gruppen auf. Diese Gruppen bestehen nicht zwangsweise aus nationalen Zugehörigkeiten, sondern sind oft genug Interessengemeinschaften. Diese mögen sich über Landesgrenzen hinweg bilden (wie Großkonzerne oder „die Oberschicht“), oder von Landesgrenzen umschlossen werden (wie z.B. die Hartz IV-Empfänger), sie können verschwindend klein sein (wie die Stammkunden einer gewissen Kneipe) oder auch riesengroß (wie die regelmäßigen Zuschauer der Tagesschau). Auf jeden Fall fällt jeder Mensch in eine Vielzahl von Interessengemeinschaften, vom Brokkoli-Verachter bis zum Linkshänder, ob er will oder nicht, und vor allem oft, ohne dass er sich dessen bewusst ist. In diesen Gruppen bringt er sich mehr oder weniger intensiv ein, das Engagement reicht von völlig passiv (Sauerstoffatmer) bis euphorisch (Grundeinkommensbefürworter). (Interessant dazu übrigens: Transnational Republic)

Nun liegt es in der Natur des Menschen, sich innerhalb der einzelnen Gruppen Konkurrenz zu machen, sich überbieten zu wollen. Die Angler wetteifern um den größten Fisch, die Sportler um die beste Zeit, die Schnäppchenjäger um das beste Angebot, die Filmjournalisten um das beste Fachwissen und die Brünftigen um die meisten Kerben am Bettpfosten. Jeder will am stärksten glänzen, obwohl das für den Forbestand der Menschheit eigentlich nicht nötig ist: Der Zweck des Angelns ist das Stillen von Hunger, beim Weglaufen fressen nur den letzten die Wölfe, kein Schnäppchenjäger muss nackt herumlaufen und so weiter. Wozu also die Anstrengung? Im Gegensatz zum Rest der Erdbewohner haben wir ein wirklich großes Gehirn, ein ausgeprägtes Bewusstsein und vor allem die Fähigkeit, die Konsequenzen unseres Tuns abzuschätzen, woraus sich in unserem Tun ein Pfad der Vernunft. Warum nutzen wir dies nicht stärker?

Inhärentes Merkmal allen Übervorteilens anderer ist das Geheimnis. Egal, welcher Gruppe man zugehört. Geheimnisse sind stets Herrschaftswissen, kriegswichtig, Chefsache und daher immer zu hüten wie der eigene Augapfel. Geheimnisverräter galten schon immer als Abschaum des Abschaums, das ist so gut wie jedem Menschen in Fleisch und Blut.

Doch mit Geheimnissen wird auch immer ein großes Geschäft gemacht. Die Coca-Cola-Formel ist so ein Geheimnis, das natürlich nicht verraten werden kann, wo kämen wir denn hin, wenn jeder Coca-Cola herstellen könnte? Bombenbauanleitungen ins Internet zu stellen ist auch so eine infame Sache, solches Wissen darf doch nicht frei verfügbar sein! Und wenn die Deutschen den Transrapid erfinden, dann hat China den nicht nachzubauen, weil, das ist fei unfair.

Auf Geheimnissen basiert der Weltfriede! Gäbe es nicht den heißen Draht zwischen Washington und Moskau (oder hieß es das rote Telefon?), wäre bestimmt schon die halbe Welt in die Luft geflogen. Diplomatische Geheimnisse sind unantastbar, denn sie sind für erfolgreiches Mauscheln und Taktieren absolut nötig. Man kann nicht den Außenminister eines befreundeten Landes einen unfähigen Deppen schimpfen und eine Woche später in irgendwelche Verhandlungen gehen und so tun, als wäre alles eitel Sonnenschein.

Natülrich geht das nicht. Geheimnisverrat ist völlig kontraproduktiv für unsere Gesellschaft. Geheimnisverrat untergräbt die Fundamente der Welt, die wir uns aufgebaut haben, und die auch wunderbar funktioniert. Verräter von Staatsgeheimnissen gehören verurteilt, weggesperrt oder gleich unauffällig beseitigt.

Nur: Stimmt das auch? Ist unsere Gesellschaft richtig so, wie sie ist? Führen wir unsere Welt auf eine gute Weise? Ist das alles okay, was wir hier veranstalten? Funktioniert alles wirklich so wunderbar?

Aha, denkt man jetzt, das ist es nicht, es gibt Verbesserungsbedarf. Verklappung von Müll in den Weltmeeren, das muss natürlich ans Licht gezerrt werden. Ebenso wie Kriegsverbrechen der USA im Irak. Oder auch perverse Abfindungen für unfähige Pleitebanker und andere schlagzeilenwürdige, leicht verständliche Stoffe. Aber was wichtige Politiker von anderen wichtigen Politikern halten, das ist natürlich Geheimsache, wenn das veröffentlicht würde, wäre das kontraproduktiv.

Nur: Wer bewacht die Wächter? Wer sollte entscheiden, was veröffentlicht werden darf und was nicht? Und in wessen Interesse? Mit welchen Folgen? Nichts geringeres als die Meinungsfreiheit steht gerade auf dem Spiel. (2, 3, 4, 5)

Wikileaks tut das einzig Richtige: Sie veröffentlichen alles. Sie zensieren nicht selbst und stellen sich daher früher oder später, gewollt oder ungewollt, auf die eine oder andere Seite. Und Junge, fliegt denen gerade all das um die Ohren. When the fit hits the shan, sozusagen. Allerdings, das muss man zugestehen, sichtet Wikileaks das eingereichte Material, sonst wäre ja alles voller UFO-Sichtungen.

Sicher kann das pauschale Veröffentlichen von allem auch falsch sein, zum Beispiel bei Identitäten von aktiven Geheimagenten. Doch wie eingangs schon erwähnt: Die Katze ist aus dem Sack, und Wikileaks ist eine Institution geworden. Das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, und selbst wenn Wikileaks dichtgemacht werden sollte (wie soll das gehen?), wird es andere Portale geben, die dasselbe bieten (6). Es geht um die Idee, und Ideen, deren Zeit gekommen ist, sind bekanntlich nicht aufzuhalten.

Die große Aufgabe für die Menschheit besteht nun darin, sich diesen neuen Gegebenheiten anzupassen. In einer Zeit, in der es möglich ist, in zwei Tagen jeden Punkt der Erde zu erreichen; in der es möglich ist, sofort und ich Echtzeit mit so gut wie jedem anderen Menschen der Welt zu kommunizieren, werden Geheimnisse Luxus werden. Und ich persönlich halte das für gut, denn es steht weit weniger Schaden als Nutzen zu erwarten.

Die Angstschürerei gegen den Geheimnisverrat läuft in allen Medien auf Hochtouren. Was, wenn medizinische Daten online einsehbar sind? Riesenpanik in der Bevölkerung. Doch mal ehrlich, wer interessiert sich schon für die Krampfadern von Oma Müller? Die Versicherung? Dann sollten wir eher mal die Gesetzgebung unter die Lupe nehmen, die es Versicherungen erlaubt, Leute aufgrund von Vorerkrankungen abzulehnen, als den Geheimnisverrat von Oma Müllers Krampfadern zu ahnden, finde ich. Die Gesellschaft muss sich den neuen Umständen anpassen, nicht die Umstände der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft, zumindest der Teil mit politischem Einfluss, möchte natürlich nichts ändern an den vielen kleinen Tricks und Kniffen, die es ihm über die Jahrhunderte ermöglichten, reich, satt und fett zu werden, während der Rest es gar nicht schaffen kann, sich aus den Kreditschulden zu buckeln. Nein, Geheimnisverrat ist richtig und wichtig, nur her mit der neuen Offenheit.

Dies ist unser aller Planet, und ich wage zu bezweifeln, dass der afghanische Ackerbauer eine Gefahr für mich darstellt, die am Hindukusch verteidigt werden muss. Könnten wir, das Volk, solche Themen direkt mit ihm und den Seinen ausbaldowern, müssten unsere Politiker nicht gegenüber seinen Politikern mit den Ärmeln rauschen und jede Menge große Gesten und noch größere Missverständnisse und Gesichts-Wahr-Aktionen starten. Das Tolle ist: Wir können. Über das Internet und wenn es sein muss, sogar über das Telefon. Fragt mich nicht, wie, aber es ist doch offensichtlich, dass es wenigstens eine bessere Lösung geben muss als schwarz-gelb. Wir müssen sie nur finden.

Ich hoffe, dass Wikileaks weiter so macht, und in zwanzig Jahren wird auch der Letzte verstanden haben, dass Geheimnisse ganz generell keine gute Grundlage für ein friedvolles Zusammenleben sind.

Nachtrag: Ach ja, und das mit der Vergewaltigung… Naja… Da gibt es auch andere Versionen. Auch sind die gesellschaftlichen Umwälzungen mittlerweile auch an der Oberfläche zu erkennen, wie dieses und dieses Beispiel zeigt. Michael Moore sieht es übrigens ähnlich.

Und so ganz unwichtig waren die Botschaftsdepeschen wohl doch nicht:

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Unsere Schweizer Kollegin Silvia Süess äußert sich in der WOZ („Die Wochenzeitung“) zu einem auch hierzulande deutlich erkennbaren Trend: Der Rückgang von Filmkritik im Zusammenhang mit dem Vormarsch von PR-Texten. Lesenswert!

Danke an AF für den Hinweis.

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Ich kann mir nicht helfen, mir gefallen die Filme von Michael Moore. Man darf zwar nie aus den Augen verlieren, dass vielleicht nicht all seine Standpunkte neutral sind und andere verschwiegen werden, aber ich glaube ihm, dass alle genannten Informationen exakt so stimmen. Aber das kann man ja als sublime Kritik an der Neutralität von Dokumentationen auffassen. Hier jedenfalls der Trailer zu Capitalism: A Love Story, auf den ich mich schon sehr freue:

(Um die HD-Qualität besser genießen zu können, den Trailer besser direkt auf YouTube angucken)

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John Cusack twittert eifrig unter seinem Nick shockozulu. Der bekannte und beliebte Schauspieler spielt außerdem in Roland Emmerichs 2012 die (oder zumindest eine) Hauptrolle.

Nun twitterte Cusack, dass Sony ihn bat, den Filmstart via Twitter zu unterstützen. Rein zwischenmenschlich sehe ich keinerlei Problem darin, dass man einen Beteiligten an einem Film bittet, positive oder gar keine Stimmung für den Film zu machen. Das ist nur natürlich. Selbst wenn es beim Dreh Schwierigkeiten gegeben haben sollte, ist es ja nur menschlich, dass man nicht wünscht, dass jemand einem nachträglich in den Pool sch.. pinkelt.

Nun ist der Filmverleih kein Kumpel und John Cusack als Hauptdarsteller kein Jedermann. Immerhin über 20.000 Follower verfolgen Cusacks Tweets, und diese dürften, da Internet-affin und sicherlich selber Blogger, Twitterer, Facebooker und Myspacer Social Networker, als begehrenswerte Multiplikatoren gelten. Dann multipliziere ich doch mal:

Ich frage mich: Ist die Bitte von Sony an Cusack, den Film zu unterstützen, moralisch verwerflich oder nicht? Einerseits gibt es keinerlei Verpflichtung für Cusack, positiv über den Film zu twittern, und natürlich ist es nur im Sinne von Sony, dass der Film einen guten Start hat. Andererseits dürfte 2012 ohnehin keine Probleme bekommen, seine Kosten wieder reinzuspielen und obendrauf noch einen hübschen Gewinn zu erwirtschaften. Wenn Cusack oder andere Beteiligte über den Film twittern wollen, dann tun sie es sicherlich auch ohne Aufforderung, positiv wie negativ.

Doch wenn ein so großes Unternehmen Cusack direkt anspricht und bittet, Werbung für den Film über seinen privaten Twitter-Kanal zu machen, dann ist das für meine Begriffe doch reichlich unverschämt. Klar muss Cusack nicht, aber dass der Verleih überhaupt gefragt hat, ist ja wohl die Höhe.

Warum ist das die Höhe? Wenn man früher in einem Geschäft bedient wurde, hieß es an der Kasse oft „Empfehlen Sie uns weiter“. Das ist ganz normal und quasi schon eine Verabschiedungsformel. Doch wenn mich dahingegen der Geschäftsführer abends privat anruft und sagt: „Ich hab nachgeforscht, Du hast Doch viele Freunde. Empfiehl denen doch bitte aktiv mein Geschäft“, dann ist das doch reichlich unverschämt, oder nicht? Analog dazu heißt das: Da John Cusack bei 2012 mitspielt, steht zu hoffen (mehr nicht), dass er vielleicht positiv über seine Erfahrungen und den Film berichtet oder lieber gar nicht, wenn seine Erfahrungen und Eindrücke negativ sind. Bis hierhin reicht der gute Ton. Wenn er aber extra aufgefordert wird (im Urlaub übrigens, momentan berichtet er aus Irland), positiv die Werbetrommel zu rühren, noch dazu in einem eher privaten Umfeld, dann ist das echt frech. Und unpassend.

Und ganz normal für die heutige Zeit, leider. So wie übrigens auch diese Linktausch-Angebote, die ich immer wieder bekomme. Da wollen Kino/Film-Blogs sich mit meinem verlinken (oder auch Billigflugvermittler, wtf?), und ich soll im Gegenzug den anderen Blog, den ich überhaupt nicht kenne, der womöglich nichtmal gut ist, und den es vielleicht noch gar nicht gibt (oder nicht mehr, wie diesen hier), empfehlen. Dass dieser Blog eine völlig andere Zielgruppe hat als allgemeine Filmblogs, ist offenbar völlig egal. Es geht irgendwelchen Marketingagenturen bei diesen Schnellstartprojekten immer nur um Klicks, Page Impressions, Pageranks und lauter anderen Businesskäse. Mir geht es darum, zu schreiben, wozu ich Bock habe, und lesen können es Menschen (Menschen!), die auch Bock dazu haben. Da brauch ich keine Traffic-Pumpe, denn wer einen Blog wie diesen sucht, wird ihn schon finden. Und diese anonymen Massen, die scheinbar nur zum Klicken da sind, um irgendein Businessmodell am Funktionieren zu halten, interessieren mich überhaupt nicht.

Bin ich schon so vergrämt, dass ich behaupte, früher war alles besser? Sind diese Traffic-Businessideen was fundiertes? Braucht man zum Leben wirklich Google? So, und jetzt runter von meinem Rasen!

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Neulich gab es eine Pressevorführung von Wolverine. Es hatte angeblich schon eine deutlich frühere gegeben, doch die war wohl nur für ausgewählte Marketing-Candy-Kollegen. Doch die Existenz dieser mysteriösen früheren PV, einer sogenannten „Pinkie“, die üblicherweise nur für Alpha-Kollegen stattfindet, ist mir nicht gesichert bekannt. Daher zurück zum eigentlichen Thema:

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Ich hätte nie gedacht, dass es auf der Seite der PR- und Marketingindustrie tatsächlich Leute gibt, denen die Problematik der missbrauchten Journalisten (ausgeschrieben „die Problematik des ständigen versuchten Missbrauchs der Journalisten als billige Multiplikatoren für die eigene Marketingkampagne“) nicht nur bekannt ist, sondern auch unangenehm aufstößt. Mehr von Frauke Weber, unbedingt lesen und weiterverfolgen.

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Als Mitglied des Journalisten(dach)verbandes DJV erhalte ich auch die Fachzeitschrift Journalist. In der Ausgabe 2/2009 beschreibt Timo Rieg in seinem Artikel Bilder nach Art des Hauses das Dilemma der Journalisten, die nur gegenüber Behörden Auskunftsrechte haben, nicht aber gegenüber Unternehmen.

Als roten Faden für seinen Artikel wählte Rieg die Arbeit der Fotografen: Meist dürfen diese nur nach dem Akzeptieren journalistisch stark einengender Verträge auf Konzerten u.ä. Veranstaltungen fotografieren, müssen sich einzelne Motive vor Veröffentlichung von den Veranstaltern schriftlich absegnen lassen und haben nicht die Möglichkeit, das Material an zusätzliche, vorab nicht genannte Kunden weiterzuverkaufen.

Dies ähnelt meines Erachtens stark der Situation von Filmkritikern: Wir müssen zwar keine Verträge unterschreiben, um Kritiken zu veröffentlichen (zumindest in den allermeisten Fällen), auch dürfen wir unsere Texte völlig frei formulieren. Doch welcher Journalist zu welchem Film geladen wird, um überhaupt darüber schreiben zu können, wird allein von Seiten des Veranstalters bestimmt.

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In Büchern, Filmen und anderen Medien werden Journalisten gern als Vierte Gewalt gesehen, unwirsche Einzelkämpfer, als Menschen, die sich in Stories verbeißen und nicht mehr loslassen, die ihre Quellen nicht preisgeben, Geheimnisse mit ins Grab nehmen, sich nicht in die Karten schauen lassen und über spitze Ellenbogen zum Kampf gegen die Konkurrenz aus den eigenen Reihen verfügen. Zwischen den Zeilen kommen Journalisten in der Fiktion meist als verschlagen, zielstrebig, gnadenlos und meist nur der guten Sache dienend rüber.

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