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Der Verband der deutschen Filmkritik e.V. (VDFK) hat zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen, hinter der auch ich voll und ganz stehe.

Im Lauf der letzten Jahre hat sich das „Herding“ der Journalisten in Klassen eingebürgert, was zur Folge hat, dass die eine (höhere) Klasse einen Film wesentlich früher vor dem Start sehen kann als die andere (niedrigere) Klasse. Dies ist in meinen Augen nicht zielführend und sorgt gerade unter den Freien für Probleme, da die Konkurrenten aus höheren Klassen früher liefern können.

Nun ist auch noch hinzugekommen, dass wir nahezu jeden Film auf deutsch angucken sollen. Das ist zwar die Version, die dann in den Kinos gespielt werden wird, aber das Original ist nunmal die meist englische Fassung. Einem Kunstfachmann hält man ja auch nicht den Druck eines Gemäldes zur Beurteilung hin, sondern lässt ihn das Original begutachten, wie es auch von dessen Schöpfer intendiert war.

Nun hat der VDFK einen offenen Brief an die Filmverleiher geschrieben, dem ich mich nur anschließen kann. Filmkritiker (auch Nicht-Mitglieder des VDFK, soweit ich weiß) können bei der Unterschriftenaktion mitmachen, indem sie sich bei buero[at]vdfk.de melden.

Hier der Brief, hier als PDF zum Download:

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Offener Brief an die Filmverleiher in Deutschland

Wahlfreiheit bei den Sprachfassungen – im Zweifel OmU

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir beobachten mit großer Sorge, dass bei den Pressevorführungen Ihrer Filme immer öfter nur noch die deutsch synchronisierte Fassung angeboten wird. Wir kennen die Argumente, die hierfür vorgebracht werden: Kritiker würden diese fordern, um die Filme in der gleichen Version wie das Publikum zu sehen, Nicht-Muttersprachlern entgingen Feinheiten der (oft dialektgeprägten) Originalversion, Kinderfilme sollten zusammen mit Kindern erlebt werden, Abendvorführungen zusammen mit Begleitungen, die der Fremdsprache weniger mächtig seien.

In unseren Reihen gibt es durchaus Kollegen, die sich die Option wünschen, einen Film synchronisiert sehen zu können. Keiner aber fordert, dass Sie lediglich die deutsche Fassung zeigen: Selbst diejenigen, die sich am stärksten dem Serviceaspekt verschrieben fühlen, also der Beurteilung der Produkte, wie sie später im Kino und im TV zur Verfügung stehen, sind sich dessen bewusst, dass nur ein vergleichender Blick auf Original und Synchronversion diese Beurteilung erlaubt.

Wir wissen, dass nicht nur wir, sondern auch die Filmemacher, deren Werke Sie ins Programm aufnehmen, sich wünschen, dass Kritiker ihre Arbeit im Original zu sehen bekommen. Deswegen plädieren wir dafür, jeden Film mindestens einmal in der großen Runde im Original zu zeigen, das heißt in OV oder OmU für englischsprachige Werke und in OmU für alle anderen. Auch hierfür kennen Sie bereits die Argumente, wir wollen sie aber gerne mit allem Nachdruck nochmals vorbringen:

  • Wir fühlen uns als Kritiker stets auch dem Werk verpflichtet, wie es von dessen Urhebern intendiert wurde, samt Stimmen der Schauspieler und Atmosphären der aufgezeichneten Orte.
  • Viele Kritiker schreiben auch für Fachmedien, die sich an Zuschauer richten, die sich für die Originalfassungen entscheiden, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.
  • Viele Kritiken, gerade im Internet, werden nicht nur zum Kinostart, sondern auch zur DVD-Veröffentlichung konsultiert, wo die Wahlfreiheit der Sprachfassung komplett dem Zuschauer obliegt.
  • Dank neuer Technologie stehen wir vor einer seit langem einmaligen Chance in Deutschland, wieder mehr Kinos die Option zu OmU-Vorführungen zu lassen, weil jetzt nicht mehr wenige OmU-Kopien durch einschlägige Kinos in Großstädten belegt sind. Mit mehreren Fassungen ausgestattete DCPs könnten Aktionen wie die „OmU-Preview“ oder den „OmU-Dienstag“ ermöglichen.
  • Mit der aktuell jüngeren Generation an Kritikern wächst auch eine jüngere Generation an Zuschauern heran, die etwa dank DVDs und Internet sehr viel stärker mit Fremdsprachen und der Verbreitung von Untertiteln sozialisiert wurde.
  • Nicht zuletzt wissen wir, dass es sich immer positiv auf die Rezeption auswirken wird, wenn alle Kritiker die Option erhalten, die Fassung zu sehen, die ihrer Arbeitssituation und ihren Gewohnheiten entspricht.

Uns ist selbstverständlich bewusst, dass es sich bei der Abwägung zwischen den Sprachfassungen immer auch um eine pragmatische Frage handelt. Wir möchten Sie daher im Rahmen Ihrer Möglichkeiten dazu auffordern, immer zwei Fassungen bei den Pressevorführungen der großen Runde zu zeigen. Sollte dies einmal nicht möglich sein, so wählen Sie bitte den Kompromiss der OmU. Hier treffen wir uns in der Mitte – zwischen den Verfechtern beider Seiten. Darauf können wir Kritiker uns einigen. Bitte schließen Sie sich uns an.

VDFK + Unterschriftenaktion

Vorstand des VDFK – Verband der deutschen Filmkritik

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Til Schweiger, der ja seit einiger Zeit als Regisseur selbst recht erfolgreich Filme macht, stellt seine Filme vor dem Filmstart seit Keinohrhasen nicht mehr der Presse. Da es bisher immer üblich war, Filme der Presse zu zeigen, damit die darüber berichten kann, wirft dieses Verhalten Fragen auf.

Einerseits muss die Presse sich fragen, welche Art Berichterstattung Filmkritik überhaupt ist. Sicher, Kulturkritik muss sein dürfen, aber theoretisch kann man einen Film ja auch besprechen, wenn er schon läuft. So, wie ein Theaterstück auch meist erst nach der Premiere in der Zeitung steht. Filmkritik ist auch sicher nicht so sehr von öffentlichem Interesse wie politische Nachrichten. Da hat die altgediente Pressevorstellung eher organisatorischen Charakter, damit man nicht am Donnerstag alle neuen Filme sehen muss, um sie am Freitag oder Samstag in der Zeitung zu haben. Doch: Besteht ein Recht darauf?

Andererseits ist es ja schon immer im Sinne der Filmfirmen gewesen, dass die Presse positiv über die neuesten Filme berichtet. Das nennt sich PR und ist im Endeffekt kostenlose Werbung, redaktionell abgesegnet. Wenn da nicht diese Pressefreiheit wäre, die es erlaubt, einen Film auch in der Luft zu zerreißen. Was wiederum den Filmfirmen nicht so gefallen mag, was ja irgendwo auch verständlich ist.

Nun kommt also ein Regisseur daher, der einfach beschließt, seine Werke nicht mehr der Presse zu zeigen. Wie geht man um mit so einer Situation? Habe ich als Journalist, der eine Filmkritik schreiben will, ein Recht darauf, einen Film vor dem Start zu sehen? Darf man mir Einlass verwehren zu einer Veranstaltung, die nachweislich stattfindet, wo man mich aber nicht dabeihaben will? (Das passiert übrigens jeder Menge Kollegen total oft, die Journalisten werden gerne von Seiten der Film-PR-Agenturen bisweilen willkürlich in Gruppen sortiert und getrennt zu verschiedenen Terminen eingeladen – manche früher, manche später – was irre Probleme macht, wenn man in Konkurrenz zueinander steht und anbieten können will oder für Kunden arbeitet, von denen die PR-Agentur nichts weiß)

Und schließlich: Darf man einen Film der Presse pauschal vorenthalten, bzw. nur einer ausgewählten Gruppe von Journalisten zeigen? (honi soit qui mal y pense).

Nun, ich kann diese Fragen nicht eindeutig beantworten. Sicher hätte ich gern mehr Rechte und vor allem selbstverständliche Pressevorführungen für all jene, die ernsthaft berichten wollen. Genau genommen sollte es sogar Entscheidung des Journalisten sein, ob er einen Film sehen will, und nicht die eines Filmverleihs oder einer PR-Agentur. Aber mal ehrlich: Ein Film ist doch in den meisten Fällen nur ein Produkt, das verkauft werden soll. Echte Kultur für echtes Feuilleton ist doch in den wenigsten Fällen dabei. Schwierig, so aus dem Stand eine fundierte Stellungnahme abzugeben.

Daher übergebe ich nun an den VdFk, der folgenden offenen Brief zum Thema verfasst hat und darin einige äußerst starke Argumente ins Feld schickt:

Verband der deutschen Filmkritik fordert Pressevorführung des Schweiger-Films

Dem Vorstand des Verbandes der Deutschen Filmkritik wurde von der Pressestelle des Warner Bros. Filmverleihs mitgeteilt, dass es keine Pressevorführungen zum Film „Schutzengel“ von Til Schweiger geben wird. Das hat uns überrascht, scheint der Film doch künstlerisch so gelungen, dass er von den Produzenten für die Nominierung als deutscher Kandidat für die Verleihung des Oscars für den Besten Nichtenglischsprachigen Film vorgeschlagen wurde.
Die Entscheidung hat uns andererseits nicht überrascht. Seit dem Start von „Keinohrhasen“ werden alle Filme des Regisseurs Til Schweiger der Presse nicht oder nur einem handverlesenen Kreis von Berichterstattern rechtzeitig gezeigt. Die Mehrheit der Kritiker wird hingegen ausgeschlossen, die kritische Auseinandersetzung mit dem Werk ist offenkundig nicht gewollt.
Der Verband protestiert gegen diese unfaire Benachteiligung von Journalisten und fordert den Warner Bros. Filmverleih auf, allen Journalisten die Möglichkeit zu geben, sich rechtzeitig über den Film zu informieren.
Der Verband fordert des weiteren Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, auf, derartigen Zensurbemühungen und der Behinderung der Arbeit der Presse innerhalb der anstehenden Novellierung des Filmförderungsgesetzes und durch eine Änderung der Richtlinien für die Vergabe von Mitteln des DFFF ein Ende zu setzen. Wer Steuergelder für die Produktion seines Filmes beansprucht oder Gelder aus einem Solidaritätsfonds der Filmbranche, der durch ein Bundesgesetz entsteht, sollte verpflichtet werden, seinen Film mindestens eine Woche vor Bundesstart in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, Leipzig München und Stuttgart allen interessierten Filmjournalisten zugänglich zu machen.

Wilfried Reichart
für den Vorstand des VDFK

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Der „porneografische“ Spielfilm Hotel Desire, über den ich ja schon berichtete, ist finanziert. Innerhalb der Frist fanden sich genug Investoren, um die nötigen € 170.000 aufzubringen. Das komplette Drehbuch ist nun auch online einzusehen. Allerdings hat Anna Maria Mühe ihre Teilnahme abgesagt, so die Pressemeldung vom 19. August:

HOTEL DESIRE – Crowdfunding Experiment finanziert!

19. August 2011 – Noch vor Ablauf der offiziellen Frist von 80 Tagen haben die Filmemacher von HOTEL DESIRE die Finanzierung über ihre Crowdfunding-Plattform www.hotel-desire.com schließen können. Die Website zum Film wurde knapp 500.000 Mal aufgerufen. Tausende Privatpersonen unterstützten mit kleinen und mittelgroßen Summen das Projekt. Zusätzlich halfen Investoren, die angestrebte Summe von insgesamt 170.000 Euro zu erreichen. Die für Ende August geplanten Dreharbeiten in Berlin können damit in Kürze beginnen. Gedreht wird unter anderem in der Präsidentensuite des 5-Sterne Hotels „The Regent Berlin“.

Sergej Moya, Autor und Regisseur: „Ich freue mich sehr, nun endlich die Geschichte von HOTEL DESIRE erzählen zu dürfen. Trotz des großen Erfolgs bei der Finanzierung bleibt uns ein kleiner Wermutstropfen nicht erspart: Anna Maria Mühe ist nun leider zeitlich so sehr in eine andere Produktion eingebunden, dass es ihr leider nicht möglich ist, an unserem Projekt mitzuwirken. 60 Drehtage für „Deckname Luna“ gegen einen einzigen Tag bei HOTEL DESIRE – da mussten wir zwangsläufig den Kürzeren ziehen. Mit Palina Rojinski – demnächst an der Seite von Florian David Fitz in „Jesus loves me“ zu sehen – haben wir aber bereits eine ideale Nachfolgerin für die Rolle der Julia gefunden.“

HOTEL DESIRE ist ein 45minütiger Spielfilm, in dem dramaturgisch sensibel und filmisch direkt das erregende Zusammenspiel von Sehnsucht, Lust, Begehren, Intimität, Sexualität, Sinnlichkeit und Spontanität erzählt werden soll – ohne Weichzeichner und ohne Rücksicht auf visuelle Vorschriften und Konventionen. Regisseur und Autor ist Sergej Moya. In den Hauptrollen spielen Saralisa Volm und Clemens Schick, außerdem Palina Rojinski, Herbert Knaup, Frederick Lau, Trystan Pütter und Jan-Gregor Kremp.

Sascha Schwingel, Produzent teamWorx: „Ich möchte mich, auch im Namen meiner Koproduzenten Julia Moya und Christopher Zwickler, von ganzem Herzen bei allen Investoren und Unterstützern bedanken. Nur durch ihre Hilfe war es möglich, zum ersten Mal in Deutschland ein Filmprojekt ausschließlich über das Internet zu finanzieren.“

HOTEL DESIRE wird zunächst auf Videoload, dem Video on Demand-Portal der Deutschen Telekom, zu sehen sein. Den DVD-Vertrieb übernimmt Capelight Pictures.

HOTEL DESIRE ist eine Produktion der teamWorx und Von Fiessbach Film. Produzenten sind Julia Moya und Christopher Zwickler (Von Fiessbach Film) und Sascha Schwingel (teamWorx).

Mir bleibt nur, gespannt abzuwaren, ob der Film die selbstgesteckten hohen Erwartungen erfüllen wird.

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Der 24-jährige Schauspieler Sergej Moya arbeitet derzeit an seinem Spielfilmdebut. Hotel Desire soll es heißen und ein „porNEOgrafischer Spielfilm“ sein. In einer Pressemeldung wurde jüngst darauf eingegangen, dass der Film eine „selbstbewusste Herangehensweise“ an den Erotikfilm hat, durch den pornografischen Film inspiriert ist, aber selbst kein Porno ist. Der Einfachheit halber hier der Text der Pressemeldung:

Pressemitteilung

STARTSCHUSS FÜR HOTEL DESIRE!
Ein porNEOgraphischer Spielfilm und eine ungewöhnliche Finanzierung!

Regisseur und Autor Sergej Moya, mit Saralisa Volm und Clemens Schick in den Hauptrollen, außerdem Anna Maria Mühe, Herbert Knaup, Frederick Lau, Carlo Ljubek, Trystan Pütter und Jan-Gregor Kremp

Sexualität als Ausdruck menschlicher Lebensfreude: Regisseur und Drehbuchautor Sergej Moya möchte mit HOTEL DESIRE einen erotischen Film inszenieren, der sich in seiner selbstbewussten Herangehensweise durch das Genre des pornographischen Films inspirieren lässt, jedoch kein Porno ist.

Vielmehr ist HOTEL DESIRE ein porNEOgraphischer Film, in dem dramaturgisch sensibel und filmisch direkt das erregende Zusammenspiel von Sehnsucht, Lust, Begehren, Intimität, Sexualität, Sinnlichkeit und Spontanität erzählt werden soll – ohne Weichzeichner und ohne Rücksicht auf visuelle Vorschriften und Konventionen. In den Hauptrollen spielen Saralisa Volm (u.a. „Finale“, R.: Klaus Lemke) und Clemens Schick (u.a. „Largo Winch II“, R.: Jérôme Salle).

HOTEL DESIRE ist ein Spielfilm, der durch sogenanntes Crowdfunding, also durch die Zuwendung vieler einzelner Förderer, finanziert werden soll. Für die Produktion benötigen die Filmemacher 170.000 Euro.

Am 6. Juni 2011 startet die Online-Finanzierungsplattform mit Interviews der Macher, Darsteller, FAQs, ersten aussagekräftigen Fotos und der bereits produzierten Titelsequenz des Films. Mit einem erotischen Drehbuch und einem erstklassigen Schauspielensemble wenden sie sich nun gezielt an alle Filmliebhaber, Kulturinteressierten und Mäzene:

WWW.HOTEL-DESIRE.COM

Jede Person, die das Projekt unterstützt, wird – falls gewünscht – namentlich auf der Startseite der Homepage erwähnt und erhält – je nach Spendenhöhe- ein exklusives Dankeschön der Filmemacher. Mit steigendem Spendenstand erhalten die Förderer des Projekts einen immer tieferen Einblick in das Drehbuch von HOTEL DESIRE. Ist das Experiment erfolgreich, beginnen im August die Dreharbeiten zum Projekt. Sollte das ambitionierte Vorhaben aber nicht gelingen, kommt das bis dahin gespendete Geld im Rahmen des First Steps Award 2011 anderen aufstrebenden Filmemachern und ihren Projekten zugute.

HOTEL DESIRE ist eine Produktion der Von Fiessbach Film und teamWorx. Produzenten sind Julia Lischinski und Christopher Zwickler (Von Fiessbach Film) sowie Sascha Schwingel (teamWorx).

Nun, grundsätzlich bin ich kreativen Finanzierungsmethoden und exotischen Filmprojekten gegenüber sehr aufgeschlossen. Gerade kürzlich habe ich sogar zu genau diesem Thema gebloggt.

Aber in diesem Fall bin ich skeptisch. Denn „Sexualität als Ausdruck der Lebensfreude“ und ein „Film, in dem dramaturgisch sensibel und filmisch direkt das erregende Zusammenspiel von Sehnsucht, Lust, Begehren, Inimität, Sexualität, Sinnlichkeit und Spontanität erzählt werden soll“ lassen bei mir die Alarmglocken schrillen.

Wo liegt hier bitte die Grenze zum Porno? Was ist am besagten „erregenden Zusammenspiel“ von diversen Faktoren noch Schauspielkunst? Was wurde im „normalen“ Kino noch nicht gezeigt, das Erotik, aber kein Porno ist? Ist The Dreamers noch Erotik oder schon Pornografie? Wie sieht es mit 9 Songs aus? Ist nicht Black Swan schon schwerst erotisch, streckenweise? Was gibt es hier bitte noch an Grenze auszuloten?

Besonders stark irritiert mich die Bezeichnung „porneographisch“, die sich ganz offenbar zusammensetzt aus „pornographisch“ und „neu“. Es gibt kein Filmgenre, das mengenmäßig einen größeren Output hat als die Pornographie. Dabei ist das Handlungsprinzip des Pornos noch deutlich kruder als die paar „basic plots„, auf die man Literatur, Film und Dramaturgie nach verschiedenen Modellen eindampfen kann: Das Harte wird in das Weiche gesteckt und fertig. Ich frage mich ganz ehrlich, was es da noch zu entdecken oder zu zeigen gibt.

Ich fürchte, es gibt bei solchen Projekten im Grunde nur neue Körper zu sehen, sämtliche restlichen Reize dürften schonmal verfilmt worden sein (und das besser). Trifft diese Annahme zu, dann wird dieser Film nur eine aufwendige Show werden, in der die Förderer mit ihrem Geld die Kopulation zwischen Saralisa Volm und Clemens Schick auf die Leinwand bringen werden. Und das wahrscheinlich mit vollem Einblick in einfahrende Geschlechtsteile, das ist dann total porneografisch, erotisch und so gesellschaftsfähig.

Sicher, Sex ist eine feine Sache (wenn man ihn denn mal hat), Lebensfreude pur und so weiter, und das Argument, dass man ihn deswegen auch in allen Details auf der Leinwand zeigen kann, haben schon andere benutzt.

Andererseits gibt es auch ganz andere Gefühle, die ähnlich große Erleichterung und Freude erzeugen, die man aber gewöhnlich nicht auf der Leinwand zeigt. Dazu gehört der zünftige Morgenschiss, das Entleeren der übervollen Blase nach einer langen Autofahrt oder auch nur die erste Maß des Jahres im Biergarten, wenn die Sonne erstmals nach einem kalten Winter so richtig knallt. Diese wundervollen Momente, deren befreiende Glückseligkeit man sogar alleine erleben kann, werden im Kino natürlich nicht thematisiert, denn sie sind bisweilen nicht gesellschaftsfähig und meist auch nicht dramatisch genug. Das gute Essen nach langem Hunger ist dahingegen schon öfter gezeigt worden; das Ausdrücken eines nervigen Mitessers, landläufig ebenfalls als höchst befriedigend anerkannt, habe ich persönlich nur bei Osmosis Jones mitbekommen, und dort war das auch eine eher satirische Szene. Rauchen oder andere Drogen sind auch so eine Sache, doch hier nimmt die gesundheitsfürsorgliche wie politisch korrekte Umschiffung des Themas mittlerweile einen stärkeren Einfluss denn je; das Thema ist derzeit verpönt und kommt eher selten vor.

Was ich zu sagen versuche: Ich halte die gesamte „Sex als gesellschaftliches Lebenselixier“-Argumentation für eine faule Ausrede, einfach nur mal wieder offen Sex auf der Leinwand zu zeigen und das Ganze als Kunst zu verkaufen. Eine Schauspielerin wird sich gegen Geld vor der Kamera schlicht und einfach ficken lassen und so das größte Vertrauen, das eine Frau einem Mann schenken kann, damit geradezu inflationär ausverkaufen; und mit ihm ihre Integrität für alle Zeiten. Wahrscheinlich wird sie souverän weit über diesen Argumenten stehen, denn sie wird sich die Angelegenheit gut überlegt haben; und Leute, die jemandes Integrität durch Sex vor der Kamera gefährdet sehen, sind verhältnismäßig dünn gesät. Ich frage mich jedoch, ob sich die Schauspielerin wirklich darüber im Klaren ist, dass es ab dem Erscheinen des Films kein Zurück mehr geben wird, und dass jeder Mensch des Planeten ab diesem Moment bis in alle Ewigkeit in der Lage sein wird, bis zu ihrem Geschlechtsteil in Aktion vorzuspulen. Selbst ihre eigenen Kinder, Enkel und Urenkel werden diese porneografische Makro-Szene zu Gesicht bekommen; wer will und nicht ganz unfähig ist, kann sie sich sogar als animated gif abspeichern und zum Beispiel als Profilbild bei Facebook nutzen oder einfach nur als Standbild, womöglich als Bildschirmhintergrund.

Also, ich würde das nicht wollen. Egal, wie beneidenswert schön mein Körper wäre und wie solide mein Selbstbewusstsein. Genausowenig, wie ich die anderen oben genannten erleichternden Erlebnisse auf der Leinwand wiedersehen möchte, möchte ich auch die Details des menschlichen Liebeslebens nicht auf der Leinwand sehen. Zum einen, weil es bei „echten“ Dingen nichts mehr zu schauspielern gibt, zumindest nichts für den Zuschauer in diesem Moment relevantes, es also keine eigentliche Leistung mehr darstellt; zum anderen, weil es einfach Grenzen gibt, was man öffentlich zeigen sollte und was nicht. Können, sicher. Aber sollen? Und diese Grenzen haben sich nicht so stark verändert, wie die von Jahr zu Jahr immer kürzer und enger geschnittene Sommermode der Frauen oft vermuten lässt.

Nun besteht immer noch die Möglichkeit, dass Sergej Moya es schafft, filmische Wege zu gehen, die tatsächlich noch niemand vor ihm gegangen ist und die Kritiker wie ich sich vorab nicht einmal vorstellen können. Diese Chance besteht, und daher kann ich auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit orakeln, dass das Projekt danebengehen wird. Ich werde also einfach abwarten, ob das Crowdfunding zustande kommt (ich persönlich werde nichts geben), und in einigen Monaten die Pressevorführung besuchen und mir selbst ein Bild machen. Ich werde dann auf diesen Artikel zurückverlinken und entweder schreiben, dass ich leider Recht hatte, oder ich werde klein beigeben müssen und Herrn Moya den dann verdienten Respekt zollen. Wir werden sehen.

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Sehr praktisch: Journalisten wurden gefragt, was PR-Agenturen verbessern können, um möglichst effektiv zu sein. Hier die Ergebnisse, mit denen ich sehr übereinstimme. Was fehlt Euch noch?

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Journalisten müssen die Nase vorn haben, wenn es um die Berichterstattung geht. Der Vorsprung vor der Konkurrenz ist nicht nur bei politischen Themen täglich entscheidend, die Exklusivität ist sogar die ureigenste Triebfeder des Journalismus. Schauspielerisch sehr schön, wenn auch ein wenig überspitzt, wird diese Notwendigkeit, stets der erste mit einer Nachricht zu sein, und die dazugehörige Anspannung in der Redaktion übrigens in den Spider-Man-Filmen von J.K. Simmons als Chefredakteur des fiktionalen Daily Bugle auf den Punkt gebracht.

Nun ist das Feuilleton zugegebenermaßen eher der zahnlose kleine Bruder des (gemeinhin als „echten Journalismus“ empfundenen) Enthüllungsjournalismus und muss, zumindest auch im Filmjournalismus, mittlerweile als Produktberichterstattung bezeichnet werden. Firmen stellen der Presse weitgehend freiwillig ihre Produkte vor, in der Hoffnung, dass die Presse euphorisch über das neue Meisterwerk berichtet. Nun sind leider nicht alle Filme gut, und natürlich sind negative Kritiken selbstverständlich erlaubt.

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Kommende Woche Am 29. April startet I love you Phillip Morris in den Kinos, eine sehenswerte schwule Romanze mit Gefängnisausbruch und Verkleidungsspiel. Ich habe zu dem Film auch eine Kritik verfasst, und fand den Film ganz großartig.

Nun freundete sich jüngst ein gewisser Phillip Morris mit mir auf Facebook an. Tatsächlich handelt es sich offenbar um den Account zum Film, sozusagen „getarnt“ als Person und nicht, wie für solche Fälle üblich, angelegt als Facebook-Seite. Der Unterschied besteht darin: Mit der Person Phillip Morris kann man sich anfreunden, bei einer Facebook-Seite (wie zum Beispiel der zu Engel mit schmutzigen Flügeln) kann man nur Fan werden.

Was also bezweckt der Verleih (Alamode) mit dieser Aktion? Ich finde es nämlich nicht uninteressant, einen personifizierten Facebook-Account für einen Film (oder ein anderes Produkt) anzulegen, und jemanden hinzusetzen, der die „Freunde“ zu Fans und Multiplikatoren. Das ist wie Corporate Blogging, nur zielgerichteter, da man die Freundschaften überblicken kann und nötigenfalls sogar streckenweise kontrollieren. Corporate Facebooking also.

Noch ist nicht viel los mit Phillip Morris. Er hat zur Zeit 31 Freunde, die bei oberflächlicher Betrachtung überwiegend „was mit Medien“ zu tun haben scheinen (natürlich kann man das bei allen so interpretieren, die einen Facebook-Account haben). Phillips Wall zeugt bis jetzt nur von einigen hochgeladenen Fotos und dem Hinweis auf einen Trailer bei YouTube.

Noch ist Zeit bis April, und es könnte interessant werden, was Alamode für ein Marketingkonzept mit Phillip Morris durchzieht. Ich bleibe mit ihm befreundet, mal sehen, was noch kommt!

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Ab heute finden sich in den Werbeblöcken vor Kinofilmen eigenwillige Kurzfilme, eingebettet zwischen die Werbespots. Es handelt sich hierbei um das Kunstprojekt Choreographic Captures, bei dem Filmemacher 60-Sekunden-Clips zum Thema Choreographie im Film einreichen konnten. Die fünf Gewinnerfilme haben es in die Kinos geschafft, die restlichen der rund hundert eingereichten Werke sind zusammen mit Kinos und Terminen auf der o.a. Webseite zu sehen. Hier erfährt man auch mehr über den Wettbewerb, der dem Projekt zugrundelag.

Als besonders erfrischend habe ich übrigens die Pressearbeit zu diesem Projekt empfunden: Dragova Publicity aus München schien (völlig zu Recht) zu ahnen, dass kein Journalist extra zu einem Screening von fünf Minuten Gesamtlänge anreisen würde, also wurde die Pressevorführung genauso spontan angesetzt, wie das Projekt auch die normalen Kinozuschauer im Saal anspringen soll. Nach dem Ende einer anderen Vorführung wurden wir nichtsahnende Filmkritiker von einem sehr sympathischen Team abgefangen und in einen anderen Saal entführt, wo man uns die Captures vorspielte und uns mit dem Projekt vertraut machte. Ein Journalisten-Kidnapping also, aber sehr gesittet und zu jeder Sekunde freiwillig. Mutig, spontan, erfrischend und dadurch besonders einprägsam und gelungen, mal was ganz anderes in Sachen Pressearbeit.

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Passend zu diesem Artikel über den Rückgang des echten Filmjournalismus zeigt sich die Parallele im Musikjournalismus, wo es nicht anders zugeht als bei uns. PR-Profis (meist selbst sogar ehemalige Journalisten) liefern meist druckfähige Formulierungen, und der (meist, wenn frei) unterbezahlte Journalist/Redakteur/Redaktion/Medium spart sich das Anecken und die Arbeit und schreibt, was die PR-Firma diktiert. Willkommen im Zeitalter des werbegesteuerten Journalismus!

Danke für den Link, AF.

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Unsere Schweizer Kollegin Silvia Süess äußert sich in der WOZ („Die Wochenzeitung“) zu einem auch hierzulande deutlich erkennbaren Trend: Der Rückgang von Filmkritik im Zusammenhang mit dem Vormarsch von PR-Texten. Lesenswert!

Danke an AF für den Hinweis.

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