Ein Tatort hat gemäß seiner Konstruktion 90 Minuten Zeit, anhand eines Kriminalfalles mit seriell feststehenden Ermittlern ein aktuelles soziales Problem Deutschlands, also der Region der Gebührenzahler, spannend und unterhaltsam zu präsentieren, wenn ich das Format richtig interpretiere. Da zählt jede Minute.
Dieser Tatort von Max Färberböck und Danny Rosness nach dem Drehbuch von Max Färberböck und Catharina Schuchmann unter redaktioneller Verantwortung von Claudia Luzius verplämpert die ersten 5 Minuten: ein Hammer, ein im Dunkeln von Unbekannt in nicht identifizierbarer Gegend geschleppter Leichensack, ein Kommissar (Fabian Hinrichs) nackt – zu sehen ist der Oberkörper – unter der Dusche, ein Schrei des Komissars aus dem Off, er scheint gestürzt zu sein, ein Anruf, er eilt das Treppenhaus hinunter, zwischendrin Nürnberg-Ausblick, im Treppenhaus gibt ein fetter Nachbar das fränkische Couleur vor, der den Kommissar wegen des Schreis zusammenscheißt.
Vorm Haus erwartet den Kommissar eine Tatortschauspielerin in ihrer Rolle, der Fall sei dringend, weshalb er in seiner Freizeit einspringen müsse. Dann Wald, ein Loch, eine Menge Komparsen tun so als ob sie täten, Diskussion über das tiefe Loch, weshalb dort gebuddelt wird und der Kommissar darf zur Nürnberger Stadtgeschichte beitragen, indem er darauf hinweist, dass aus diesen Steinen Nürnberg erbaut worden sei. Dazu Dunkelbilder, die Düsterstimmung erzeugen.
Der Zuschauer selbst bleibt im Dunklen. Warum soll er sich für eine solche Waldleiche, bei der nicht mal das Geschlecht bestimmbar ist, interessieren? Bis jetzt kein Hinweis zum Thema, das brisante soziale Thema, das zur Rechtfertigung der Tatortproduktion essentiell ist.
Fazit nach 5 Minuten: Zeitverschwendung, Gebührengeldverschwendung. Man hätte in der Zeit doch Interessantes erzählen können, sei es aus dem Milieu, sei es über die Denkweise im Täterumkreis, sei es über das wirtschaftlich-politische Umfeld, das möglicherweise die Tat, den Mord erklärbar macht.
Stattdessen wird der Schrei des Kommissars erklärt, so könnte der Titel der Folge auch lauten. Ein Chiropraktiker oder Arzt erklärt ihm, er habe einen AC-Gelenksprung. Folgerichtig wird im Kommissariat bei einer Aufklärungsrunde zum Leichenfund– auch da stehen wieder jede Menge Komparsen rum wie bestellt und nicht abgeholt – sein Gesundheitszustand thematisiert, ob er arbeitsfähig sei oder nicht. Das ist natürlich von Interesse für Deutschland.
Aha, der Tatort will vielleicht das Gesundheitssystem des Landes unter die Lupe nehmen, auf Risse und Schwachstellen hin untersuchen oder gar in diesem Bereich den Mörder finden? Wäre doch mal was. In diesen zweiten fünf Minuten wundert man sich, wieso der Dr. Kaiser (Stefan Merki) zweimal täglich informiert werden möchte, bei einer doch zwei Jahre alten, unbekannten Leiche. In dieser Runde wird auch Wanda (Eli Wasserscheid) namentlich erwähnt.
Es könnte aber auch sein, dass dieser Tatort sich mit Personalproblemen der Polizei beschäftigen möchte, denn es gibt Lücken im Besetzungstableau. Bei Minute 8.22 will der lahmende Film Fahrt aufnehmen mit plötzlichem Telefonklingeln, „Ja, Ja“, schwungvoller Musik, sich bewegender Kamera und dem Statement von Felix Voss, er bleibe am Ball.
Kostet alles Fernsehzeit, die Minute wohl ein paar mal zehntausend Euro Gebührengeld, das sollte man vielleicht nicht vergessen und deshalb etwas bedachter damit umgehen.
Ein Herr Manfred Kramer (wer die Besetzungsliste vor sich hat, weiß, dass das der Sigi Zimmerschied sein wird, der, als er noch nicht so gefragt war beim Fernsehen, mal eine ganz bösen Film über öffentlich-rechtliche Fernsehredakteure gemacht hat, ‚Schartl‘) wird jetzt als irrlichternde Personalie eingeführt und gleich angerufen. Seine Rolle wird nicht so recht klar und trägt zur Story nichts bei, wäre verzichtbar; viel Geld zu sparen.
Bis Minute zehn wissen wir immerhin, wer das Opfer ist, ein damals 37-jähriger Mann, der polizeilich bis auf eine Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr nie aufgefallen ist, dessen Mutter sich über 70 Mal nach dessen Verschwinden gemeldet hat.
Der Zuschauer tappt nach zehn Minuten weiter im Dunkeln, was uns dieser Tatort erzählen will, in welches gesellschaftliche Milieu er uns hineinführen, welches gesellschaftliche Milieu er uns näherbringen und eröffnen will.
Da nützt auch die plötzlich intensivierte, also aufgeregtere – unbegründet – Ermittlungsaktivität wenig. Man kann davon ausgehen, dass ein Drehbuch, das so anfängt und den Zuschauer so in der Luft hängen lässt, nichts taugt und also nicht wert ist, verfilmt zu werden. Aber vielleicht hält es Überraschungen bereit.
Zwischen Minuten 10 und 15 wird das anvisierte Milieu etwas präzisiert: kirchliches Milieu, eine Vikarin, Frau Schönfeld, taucht in den Akten auf. Die Befindlichkeit des Kommissars spielt weiter eine wichtige Rolle, „Also ein- und aussteigen, das schaff ich noch allein“ und stöhnt vernehmlich „das kann nicht wahr sein“.
In der folgenden, fürs Philosophische vorgemerkten Autofahrt, darf Sigi Zimmerschied alias Manfred Kramer, no difference, zum Besten geben, dass kurz vor dem Ruhestand zu sein, sei, wie Schwimmen ohne Wasser (haben die Autoren vielleicht aus einem Handbuch der gefälligen Füllsätzen). Sigi Zimmerschied hüstelt auf die Anweisung des Kommissars, dass man aus Rücksicht auf die Bewohner nie direkt vor dem Haus parken soll. So richtig klar wird seine Rolle nicht.
Dann macht der Kommissar mit dem behinderten Aussteigen aus dem Auto, wie man in Darstellerkreisen zu sagen pflegt, ein großes Fass auf und der Zuschauer erinnert sich, er soll ja eine verletzte Schulter spielen. Aber was ist nun das sozial relevante Thema dieses Tatorts? Auch der Tatort gibt sich einen Ruck und erinnert daran, dass er ja ein Krimi sei und lässt den Kommissar, ganz allein merkwürdiger Weise, aber wir sind ja hier nicht beim Dokumentarfilm, die Villa von Frau Schönfeld aufsuchen.
Die Garage ist offen, darin ein Wagen mit Nürnberger Nummer, die Haustür ist nur angelehnt und jetzt, Minute 15, betritt der Kommissar die Villa, ruft immer wieder seinen oder den Namen der Hausbesitzerin. Keine Regung.
Nach 15 Minuten ist somit eine neue, austauschbare, Spannungsfeder angezogen. Es sieht ganz darnach aus, als ob er gleich eine Leiche finden wird oder eine schwer verletzte Person. Vielleicht ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk jetzt nach einer Viertelstunde, da müssen schon Hunderttausende von Produktionsgeld ausgegeben worden sein, gnädig genug, dem Zuschauer endlich bekanntzugeben, worum es sich diesmal handelt.
15 von 90 Minuten, das ist immerhin ein Sechstel der Sendezeit. Ok, schauen wir weiter, gleich werden wir’s wissen. Die Musik deutet für den, dem es noch nicht schwant, Dräuendes an. Einen Menschen ganz allein ein offenbar leerstehendes Haus erkunden zu lassen, ist nun billigst verfügbares Mittel des Horrorgenres; wirkt wie aus Selbstzweck und mangels Stoffideen an den Haaren herbeigezogen. Das dauert über zweieinhalb Minuten bis er schließlich in einer Dunkelkammer gewesen ist, Fotos gesehen hat, da könnten Motive von sozialem Gewicht gewesen sein, gerade so erkennbar, und wie er aus der Dunkelkammer zurück die Treppe hochsteigt, steht die Hausherrin wie ein Gespenst vor ihm. Sind wir jetzt aus dem Krimi in das Gespenstergenre gewechselt?
Im Dialog mit der Frau wird das Kümmerelement in den Krimi eingeführt „Ihren Beruf möchte ich nicht so gerne haben“. Und dann die typische Frauenfrage „Wird man mit so etwas irgendwann mal glücklich?“.
Bis Minute 20 hat sich das Melodram in den TV-Krimi in einem vertraulichen Gespräch zwischen Kommissar und der Vikarin, die immer noch um ihren toten Sohn trauert, eingeschlichen; er versucht, zur Enttäuschten Vertrauen aufzubauen und verrät dem Zuschauer, was die Bilder im Keller darstellen: totales Elend (richtig, die Bilder hätten von Sebastiao Salgado stammen können). Aha, vielleicht nähert sich der Tatort jetzt seinem Thema: der Armut, dem Elend und von Menschen, die sich damit beschäftigen, sich auflehnen gegen Ungerechtigkeit auf der Welt, gegen Ausbeutung.
Fabian Hinrichs, nicht mehr eingebremst durch Counterpart und Persönlichkeit von Dagmar Manzel, kennt keine Grenzen mehr im schieren Zerfließen freundlichen Bettelns um Verständnis.
Bis zur ersten halben Stunde geht es weiter mit dem Spiel von Betroffenheit bei Aussagen von Zeugen, auch die Betroffenheit des Kommissars („Ich hab das alles gespürt“), als Kommentar zum Suizid der Mutter, die der Zuschauer zwischenzeitlich von der Decke hat hängen sehen.
Mit den gefundenen Fotos will der Film versuchen, das Interesse für den Ermordeten zu erwecken. War er ein Verklemmter, gar ein Triebtäter, ein Voyeur? Will der Film Verständnis für solche Menschen wecken, die kein Sexualleben haben, das gesellschaftlich akzeptiert ist? Will der Film Verständnis für stille Wasser wecken, für Intimitätsräuber, Triebtäter?
Gegen die Hälfte der Zeit kommt ein neuer Handlungsstrang hinzu, ein Paar, bei dem die Frau blind ist, er hat eine Verbrechervisage. Die wollen in Urlaub fahren, aber wegen Streiks wird der Flug verschoben. Parallel wird das Thema Blindheit bei den Ermittlern artikuliert. Also was jetzt?
Nach etwa einer Stunde löst der Film selber den Fall in Rückblenden. Was er nun wirklich schildern wollte oder was, wie man beim Märchen zu erwarten pflegt, die Moral der Geschichte ist, kann er bis zum Ende nicht klarmachen. Das Besetzungsgunstgewerbe dürfte auch hier wieder wettbewerbslos und nicht wettbwerbsoffen geblüht und zum Brei beigesteuert haben. Der Count-Down zieht sich, weil es nur noch darum zu gehen scheint, wenn man schon nichts zu erzählen hat, die 90 Minuten vollzubekommen.
Und am Schluss sind wir noch immer nicht schlau geworden, welche unserer Gehirnzellen dieser Tatort aktivieren wollte.
Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieser gigantische, öffentlich-rechtliche Rundfunk sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.
Ein Tatort hat gemäß seiner Konstruktion 90 Minuten Zeit, anhand eines Kriminalfalles mit seriell feststehenden Ermittlern ein aktuelles soziales Problem Deutschlands, also der Region der Gebührenzahler, spannend und unterhaltsam zu...