Archiv der Kategorie: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Alltagsdroge Crystal Meth (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.50 Uhr)

Rumhupfdoku.

Ein bißchen Beifang aus einem niederländischen Hafen, etwas Autobahn aus Deutschland, Beifang aus Nürnberg, von der tschechischen Grenze, Nahaufnahmen von Händen (Erinnerung an Albrecht Dürer, da Nürnberg in dieser konzeptlosen Doku von Annika Hoch, Christian Gramstadt und Danko Handrick eine gewisse Rolle spielt?) und da ein Statement von einem Kripo-Menschen und dort ein Statement von einem holländischen Drogenfahnder, der die Gefahr des Einmarsches mexikanischer Drogenkartelle an die Wand malt, und dort ein Statement von einer Frau, die auf einer Suchtklinik für Mütter arbeitet, und ein Statement von einem Helfer aus Passau und Bla und Bla und dies und das und dort eine kleine Info, wie leicht Chrystal Meth herzustellen sei und dass die Holländer den Tschechen den Rang ablaufen und Chemiker, die aus dem Abwasser einer Stadt auf den Crystal-Verbrauch schließen können (falls denn die Süchtigen ihr Wasser nicht irgendwo im Park oder im Wald lassen) und wieder Beifang von Autobahn und Beifang von Hausdach und Beifang von Passau und ein kleiner Seitenhieb auf die Politik, die sich vor allem für Hasch interessiere, und eine Selbsthilfegruppe an einem langen Tisch mit Selbsthilfe-Branding-T-Shirts und Kuddel und Muddel und ein Psychiater sagt was; eine Doku, die garantiert nicht preiswürdig ist, die eher neugierig auf das Rauschmittel macht als davon abhält, eine Planlos-Doku mit Reisebudget und einer Kamera, die nicht berauscht, aber ebensowenig berauschend ist, und Dunkelziffern spielen eine Rolle und Zeugen, die nicht erkannt werden wollen, und Spekulationen und nirgend ein stringenter Doku-Story-Faden, eine Allerweltsdoku, eine Rumhupf-Doku, eine Schwatz-Doku, die ihren Platz in der Gesellschaft noch finden muss, vielleicht in einer Doku-Selbsthilfegruppe für desorientierte Dokumentaristen, eine Doku, die der Behauptung, Chrystal- Meth sei kein Top-Thema, fettgedruckt recht gibt, und die mit Zahlen, die wie aus der Luft gegriffen wirken, um sich wirft, eine Doku, die auch mal abschweift auf einen schönen Eisenbrückenbogen, eine Doku, die nicht klar machen kann, warum sie mit Zwangsgebührengeldern finanziert werden muss.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. 

Kommentar zu den Reviews vom 24. Dezember 2020

Ohne Kino leben. Dazu zwingt einen die Politik. Aber will man auf Dauer mit Ersatzlösungen zufrieden sein? Sich daran gewöhnen? Nie und nimmer. Und doch, irgendwie geht es auch ohne Kino ganz gut. Ich muss nicht jeden Tag einen Film sehen. Jetzt eben als Sichtungslink auf dem Rechner, was sogar gewisse Vorteile hat, man kann den Film anhalten, kann ein Zitat rausschreiben, kann eine Szene nochmal schauen, ja man könnte sogar auf einem anderen Fenster bereits die ersten Eindrücke tippen; es soll sogar Kollegen geben, die auch die Vorlauftaste nutzen. Man spart sich den Weg ins Kino. Aber es bleiben einem die Gespräche mit den anderen Filmmenschen vorenthalten. Andererseits muss man keiner Presseagentur ein Statement abgeben. 

Ohne Kino leben. Es einfach ausblenden. Es vergessen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß. Kino? Ach ja, da war mal was vor Urzeiten. Was ist Kino überhaupt? Geistige Ablenkung, anregende Bilderfolgen, Zudröhnung mit Dolby-Atmos und Bilderactiongewittern? Ein Rausch oder ein Eskapismus, eine therapeutische Qual, eine Entspannung, eine Flucht, Reisen des armen Mannes oder des Corona-Quarantänlers? Kino, was ist das? Ist der Kinogänger eine spezielle Spezies, so wie der Leser, der Raucher, der Briefmarkensammler, der Kleingärtner, der Fußballfan, der Trainspotter, der Poet, der Kleinkalibersportler, der Videogamer? Ist Kino sytemrelevant? Man darf es gar nicht laut sagen, falls es einem auch ohne Kino gut geht. Wie viele Bundesbürger gehen wenigstens ein Mal im Jahr ins Kino, freiwillig und nicht etwa mit Schulzwang? 

Ohne Kino leben. Es gibt so viele andere Unterhaltungen vom Wandern, Chorsingen, Töpfern, Malen, Fotografieren, ins Caféhaus gehen, Surfen, Raften, Freeclimbing, fein Essen gehen, Ausflug im Oldtimer, Museumsbesuch, Gärtnern – und es gibt noch die Musse, falls es sie noch gibt. Bilder Revue passieren lassen. Je länger ein Leben, desto mehr Bilder. Je länger ein Kinogängerleben, desto mehr Kinobilder. Sich vorstellen in einem Kino, in dem man oft war, zu sitzen, allein, in Richtung Leinwand schauen und Bilder, die man darüber hat flimmern sehen, in Erinnerung rufen – das könnte eine zeitraubende Angelegenheit werden. Können Filme bilden? Es gibt immer wieder Versuche, Kanons herzustellen mit den wichtigsten Filmen oder auch Ende Jahr mit Have-Seen oder Should-Have-Seen-Filmen, Top-Tens. 

Ohne Kino leben. Anfang 2020 war das noch kein Thema. 

Da gab es noch Filme. Mit denen prima sich zu beschäftigen war!

JEANNE D’ARC

So fixiert wie Greta.

QUEEN & SLIM

Blind Date mit üblen Folgen.

DIE WÜTENDEN – LES MISERABLES

Banlieu-Krimi nach dem Leben.  

SORRY, WE MISSED YOU

Und Corona begünstigt diese Entwicklung noch (Paketlieferdienste).

INTRIGE

Den Begriff – und dessen Inhalt – perfektioniert.

TOMMASO UND DER TANZ DER GEISTER

Amikünstler in Rom.

FÜR SAMA

Nahostgrauen aus erster Hand.

ÜBER DIE UNENDLICHKEIT

Nordisch, philosophisch, vielsagend.

Das waren jede Menge Highlights bis kurz vor Ostern, Filme, die das Leben reicher, lustiger, tiefer und lebenswerter gemacht haben. – Es kommt einem vor, als erzähle man aus einer anderen Zeit.

Das Jahr fing also an mit vielen sehens-, beachtens- und bedenkenswerten Filmen. Dann sollte MULAN kommen. Stattdessen kam, ebenfalls aus China, Corona. Ab da gab es lange nur Konjunktiv-Programme (Corona Notprogramm), Filme die geplant waren, aber nicht mehr gezeigt werden durften. Es folgte die Lockerung mit mühseligem, hygienebürokratisch drangsaliertem Kinobesuch. Kinofreude ist etwas anderes und die Kinobetreiber mussten auch noch Hygienesheriffs spielen. In dieser trüben Zwischenphase sollte Christopher Nolans TENET alles überstrahlen; mit wachsender Distanz verblasst er schnell. 

Es folgte eine Phase des Hü und Hott, der ständigen Startankündigungen und Verschiebungen bis die von manchen Virologen lange prognostizierte zweite Coronawelle mit voller Wucht das Land überrannte und alles, was an Kinohoffnung blieb, unter sich begrub und wegriss. Verzagtheit macht sich breit in der Branche. Werden die Kinos je wieder öffnen und wenn ja, wie viele werden es sein? Lockdown, das heißt: Leben ohne Kino

Leben ohne Kino. Das ist ein Stück weit auch: leben ohne Orientierung. Mit Kinos in Betrieb ist Orientierung da. Immer donnerstags kommen die neuen Filme. Donnerstags sind die Feuilletons voll mit den Besprechungen und mit den Hinweisen. Und Donnerstag ist der Tag, an dem der Filmgeneigte nachguckt, welche Starts von der Vorwoche noch im Programm sind, nachschaut, wie lange sich ein Film im Kino hält. Das erzählt wiederum von unserer Gesellschaft, was sie beschäftigt, oder wie sie sich amüsiert, wie sie lacht, mitleidet, gar diskutiert. Diese Eigenschaft des Kinobetriebes ist einzigartig. Die kann von den Streams nicht kompensiert werden; Streams wirken von Anfang an archivarisch und beliebig. Bei Streams fehlt das ausgetüftelte Auswahl-Verfahren, das entscheidet, was überhaupt gezeigt wird, wie es beim Kino der Fall ist, von den Produzenten, den Verleihern bis zu den Kinobetreibern, die oft ihrer Spielspätte ein eigenes Gesicht geben. Die Bezahl-Streams wurden anfänglich hochgejubelt von den Feuilletons; denn es war geschäftlich-kapitalistisches Kalkül der Investoren, für den PR-Rummel Meisterregisseuren freie Hand zu geben. Das wurde goutiert. Aber es kann das gesamt-gesellschaftliche Kinostart-Donnerstag-Ritual nicht ersetzen. Dies ist einmalig. Die Schaufenster der Kinos sind Aushängeschilder, was Streams nie sein können (wer kennt das nicht: man ist in einer fremden Stadt und ein Orientierungspunkt ist es, das oder einige Kinos anzusteuern und zu schauen, was dort gezeigt wird; das wird das Bild der Stadt mitprägen; Kinos können eine einzigartige Visitenkarte einer Stadt sein – undenkbar bei Streams. Leben ohne Kino heißt auch, auf einen Leuchtturm und Fixpunkt gesellschaftlichen Bewusstseins, gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu verzichten. 

Leben ohne Kino. Das bedeutet für die Disney-Studios, wir können das, wir bringen alle Produkte gleich als überall empfänglichen Stream, wir verzichten auf die Leuchtturmfunktion des Kinos resp. wir haben das nicht nötig. 

Leben ohne Kino. Das bedeutet, den Kinoschreiber erreichen immer weniger Meldungen über Filme, über Filmstarts: es gibt immer weniger zu berichten im Kommentar zu den Reviews der Woche, hier in der Woche vom 17. bis 24. Dezember 2020. 

DVD

ANTEBELLUM

Generationentraumata.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

Bunuel-Reinkarnation?

VoD

VITALINA VARELA

Eine Originalpersönlichkeit, eine fiktive Geschichte im heutigen Portugal und wie Horror wabert dunkel über allem der Kolonialismus. 

SAG DU ES MIR

Ein kaum beachteter Sturz von einer Brücke, Perspektiven und Personen, die ihn einzukreisen versuchen.

TV

LEBENSLINIEN: WILLY BOGNER – DURCH FEUER UND EIS

Ein Leben voll extremer Höhe- und Tiefpunkte. 

Kommentar

WIE PROF. KIRCHHOF IN MAGDEBURG IN STRAUCHELN KAM ODER DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK UND DIE SPRENGKRAFT VON 86 CENT

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist dysfunktional geworden; sein Finanzierungsmodell geht unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte; arme Ossis müssen reiche Wessi-Pensionäre noch reicher machen – von Gesetzes wegen. 

Wie Prof. Kirchhof in Magdeburg ins Straucheln kam oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Sprengkraft von 86 Cent.

Stefe ist ein Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes (im Folgenden: ÖRR) als einem unabdingbaren und unabhängigen Ferment für eine lebendige Demokratie. Der soll Entwicklungen verhindern, wie sie zur Nazi-Diktatur geführt haben, Entwicklungen also, die die Demokratie gefährden, die zu antidemokratischem Populismus, Rassimus und Extremismus führen. 

Es schmerzt, wenn der ÖRR diese Funktion nicht mehr erfüllt, wenn Parteien in Deutschland Fuß fassen, die vom Populismus genährt werden und deren Ziele nicht mehr die Demokratie sind. Solche Entwicklungen sind im Gange. Der ÖRR konnte sie nicht verhindern; er ist dysfunktional geworden. 

Es wäre die vornehmste Aufgabe eines unabhängigen ÖRR, all die Menschen mitzunehmen und anzusprechen, die offenbar unter den herrrschenden Verhältnissen leiden, die sich nicht ernst genommen fühlen, ausgegrenzt und untergebuttert und deshalb anfällig sind für Populismus, Rassismus, Extremismus, vielleicht auch für Verschwörungstheorien. Trotz eines über 9-Milliarden-Budgets gelingt das dem ÖRR nicht. 

In Sachsen-Anhalt hat es sich gezeigt, dass dem ÖRR auch ein Teil des etabliert politischen Supports wegbröselt. Es geht um die Erhöhung der Rundfunkzwangsgebühr um 86 Cent pro Haushalt und pro Monat auf dann immerhin 18.36 Euro ab 2021. Das ist vor dem Hintergrund eines bevorstehenden wirtschaftlichen Einbruches zu sehen, wie es ihn lange nicht gegeben hat. Dieser Erhöhung hätte der Landtag von Sachsen-Anhalt zustimmen müssen. Hat er nicht. Damit kann die Erhöhung (also der neue Rundfunkvertrag) nicht in Kraft treten. Es müssen alle Länderparlamente einstimmig dafür sein. 

Die Einstimmigkeit ist eine demokratische Vorsichtsmaßnahme. Sie soll garantieren, dass eine breite Mehrheit im Lande, und eben auch eine föderale Mehrheit, hinter dem ÖRR steht. Wenn dem nicht mehr so ist, so ist das ein Alarmsignal. Wer dafür das Einstimmigkeitsprinzip schilt, der hat es nicht verstanden. Niemand soll sich vom ÖRR missachtet fühlen. 

Wer jetzt einfach über das Prinzip der Einstimmigkeit schimpft, der macht es sich zu einfach. Es ist hier ein direkt ablesbares Symptom für die Dysfunktionalität des ÖRR, ein Hinweis auf beachtliche Risse oder Defizite in dessen öffentlicher Anerkennung. Das sollte zu denken geben. Wer also über das Abstimmungsresultat schimpft, der zementiert den Riss eher, als dass er zu dessen Kittung beiträgt. 

Wenn so ein Pfeiler der Demokratie wie der ÖRR dysfunktional wird, so muss er dringend repariert werden. Das wird eine schwierige Operation bei einem so großen, so komplexen, so teuren Unternehmen. Voraussetzung, diese Operation überhaupt anzugehen, ist die Analyse der Dysfunktionalität (oder der Auswüchse, der Fehlentwicklungen beim ÖRR). Die Politik aber verspürt wenig Lust dazu. Lieber wird argumentiert, Corona habe doch gezeigt durch die erhöhten Einschaltquoten bei den Nachrichten und Corona-Info-Sendungen, wie wichtig der ÖRR sei. Ob diese Qualität 9 Milliarden teuer sein muss? Das wäre gewiss mit deutlich weniger zu leisten. 

Um zu verstehen, wie es zu dieser Dysfunktinalität kommen konnte, muss man in die Geschichte des ÖRR zurückschauen. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet mit dem dezidierten Ziel, die Demokratie lebendig zu erhalten, sie gegen Extremismus, Faschismus zu immunisieren, damit nie wieder so etwas wie die Nazidiktatur entstehen kann. 

Die erste Generation der Rundfunkmacher hatte das präsent und hat wohl einen teils sehr aufregenden Rundfunk, sowohl Radio als auch Fernsehen, gemacht. Es gab keine private Konkurrenz. Mit dem aufkommenden Wohlstand und auch mit den technischen Entwicklungen stiegen die Ansprüche. Der ÖRR wurde teurer. Die Finanzierung ging über den Besitz von Geräten. Wer Empfangsgeräte besaß, Radio, TV-Apparat, der musst entsprechend bezahlen. Durch die schnelle Verbreitung der Geräte stiegen auch die Einnahmen des ÖRR sprunghaft an. Geldhaufen machen begehrlich.

Den Einzug des Geldes besorgte die GEZ; durch ihr oft ruppiges Auftreten Schwarzsehern gegenüber war sie nicht besonders gut beleumdet, ein ständiges Ärgernis.

In den 80ern kam zum ÖRR die private Konkurrenz. Diese versuchte Mitarbeiter vom ÖRR abzuwerben. Der wollte sie halten mit traumhaften Pensionsversprechungen. Diese Mitarbeiter sind heute in Pension, sie verdienen zum Teil mehr als je zur aktiven Zeit. Diese Renten belasten den ÖRR heute so stark, dass sie ihn richtiggehend einschnüren. Es handelt sich um Verpflichtungen des ÖRR im Bereich von Hunderten von Millionen Euro. Bezahlt werden müssen sie aus Gebührengeldern. 

Gleichzeitig zur Expansion der Privaten versuchte der ÖRR der Konkurrenz mit dem Ausbau seiner Programme zu begegnen. Das verschlang immer mehr Geld. Ständig bettelte der ÖRR um Gebührenerhöhungen, um seinen steigenden Bedarf zu decken. Gegen die Unersättlichkeit des Rundfunkes wurde als demokratisch regulierende Instanz die KEF erfunden, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfes des ÖRR. Diese soll den ÖRR in seinen Geldgelüsten bändigen, das dürfte die politische Idee hinter diesem Organ sein. 

Denn je höher der Finanzbedarf des ÖRR wurde und je mehr sich seine Programme denen der privaten Konkurrenz anglichen, desto mehr wurde öffentlich gemosert, wenn wieder eine Erhöhung anstand. Die Politik hatte wenig Lust zu diesen Auseinandersetzungen; denn sie selbst sieht sich durchaus in Abhängigkeit vom ÖRR, insofern, als er für die Politiker eine wichtige Plattform, eine nicht zu unterschätzende öffentliche Bühne bietet. 

Wie die Politik es leid war und weil sie sich nicht ständig mit dem Geldhunger des ÖRR und der aggressiven GEZ anlegen wollte, beauftragte sie vor einigen Jahren einen gewissen Professor Paul Kirchhof, ein wasserdichtes Modell zur Finanzierung des ÖRR zu entwickeln, das der Politik den stets wiederkehrenden Ärger endlich vom Hals hält. Aus dem vermutlich nicht billigen Gutachten des Professors resultiert die heute gültige Haushaltszwangsgebühr, die seit einigen Jahren als Fixbetrag pro Wohnung erhoben wird. Damit hoffte die Politik, endlich die Probleme mit der Finanzierung des ÖRR dauerhaft gelöst zu haben. Sie hat sich getäuscht, spätestens seit Anfang Dezember dieses Jahres ist das Thema – und brennender als zuvor – wieder auf dem Tisch, Stichwort Magdeburg.

Das Problem bei der Finanzierung nach Professor Kirchhof ist, dass sie demokratisch unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte geht. Diese Haushaltszwangsgebühr wirkt für solche Haushalte wie eine Strafsteuer. Sie müssen proportional zu ihrem Haushaltseinkommen, wenn man in Steuerkategorien denkt, einen viel höheren Steuersatz bezahlen als ein einkommensstarker Haushalt. Diese Ungerechtigkeit wird mit jeder Erhöhung der Zwangsgebühr größer. Es geht immerhin um einen Geldhaufen von über 9 Milliarden. Wir sprechen hier nicht von Peanuts.

Das hat zur Folge, dass ein Haushalt mit wenigen Hundert Euro Haushaltsgeld (arm über der HartzIV-Grenze und also nicht beitragsbefreit) zu den bisherigen 17.50 jetzt nochmal 86 Cent absparen muss; womöglich um einem fetten Rundfunkpensionär noch mehr Kohle unterzuschieben; eine eindeutig undemokratische Umverteilung von Gesetzes wegen – und das in einem vorgeblich demokratischen Staat. Als Folge der Corona-Krise wird die Zahl der Haushalte mit geringem und weiter sinkendem Einkommen deutlich zunehmen. Es wird also für noch mehr Haushalte ein Problem, die Rundfunkzwangsgebühr aufzubringen, um unter anderem die fetten Rundfunkpensionäre zu finanzieren. Das erkläre man mal einem Menschen mit Gerechtigkeitsgefühl und aus einem solchen Haushalt. 

Satirisch zusammengefasst: In Magdeburg gerät Professor Kirchhof ins Straucheln. (Eine Folge des Kirchhof-ÖRR-Finanzierungsmodells ist, dass jetzt einkommensschwache Osthaushalte gezwungen sind, noch mehr Geld zur Finanzierung der üppig versorgten ÖRR-Pensionäre beizutragen; die in ihrer überwiegenden Mehrzahl Westler sein dürften). 

In einer Demokratie müssen Ungerechtigkeiten benannt und behandelt werden. Sonst bilden sich, nennen wir es mal so: Eiterbeulen. Bildlich gesprochen ist in Sachsen-Anhalt eine Eiterbeule aufgebrochen. Statt auf den Eiter zu schimpfen, sollten Politik und verantwortlich sich fühlende Medien dringend damit beginnen, die Ursache dieser „Krankheit“ zu ermitteln, der ihr zugrunde liegenden Ungerechtigkeit auf den Zahn zu fühlen, sowohl, was die Finanzierung des ÖRR betrifft als auch, was grade im Osten gerne vorgebracht wird, hinsichtlich der Berücksichtigung des östlichen Lebensgefühles. 

Der ÖRR bedarf dringend der Rundumerneuerung. Das eine ist die Finanzierung und zwar auf eine demokratisch faire Art, die nicht die Reichen maximal entlastet; dies wird viel zu wenig thematisiert. Andererseits muss eine Lösung für das Pensionenproblem gefunden werden. Hinzu kommen als Drittes all die häufig vorgebrachten Kritikpunkte wie die exorbitanten Gehälter der Intendanten, das hohe Durchschnittsalter der Zuschauer, zu viel bürokratische Verkrustung, zu viele Landesanstalten, zu viel Pfründentum (also auch so schöne Posten wie Rundfunkräte), das Problem mit den Subunternehmen, Hunderte von Millionen für Sportübertragungen zur Finanzierung von Sportmillionären, zu viele Talkshows, Sendungen zur Finanzierung von Showmillionären, zu viele Wiederholungen, zu wenig Eigenständigkeit, zu viel Orientierung an Quote und an der privaten Konkurrenz. 

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist dysfunktional, behäbig geworden und immer fordernder bei gleichzeitiger Reduktion der Leistung (weniger Drehtage, mehr Wiederholungen, wie der scheidende BR-Intendant Ulrich Wilhelm drohend zu sagen pflegte). Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bedarf dringend der gründlichen Erneuerung sowohl was die Definition von Schutz und Lebendighaltung von Demokratie in der modernen Social-Media- und Medienlandschaft bedeutet (da gibt es durchaus Ansätze) als auch was eine faire Finanzierung betrifft, die nicht die einkommensschwachen Haushalte überproportional belastet. Diesmal sollte sich die Politik nicht vor der Aufgabe drücken; das könnte doch ganz gut in einem Aufwasch mit den dräuenden wirtschaftlich-sozialen Problemen in der Nachcorona-Ära passieren.