Archiv der Kategorie: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

3 Frauen 1 Auto (BR, Crossmediale Serie, Montag, 27. September 2021, 00 Uhr)

Hin- und Rückfahrt, Hin- und Rückfahrt, Titel, Titel, Titel

Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes

Das Bundesverfassungsgericht hat die Erhöhung des Rundfunkzwangsbeitrages, wenn ich das richtig verstanden habe, mit dem schlagenden Argument begründet: es müsse seine Unabhängigkeit auf jeden Fall gewahrt bleiben. Deshalb müssen wir jetzt noch mehr bezahlen, deshalb wird die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes noch unfairer zu Lasten der einkommensschwachen Haushalte erhoben, um den über 8-Milliarden-Kuchen zusammenzubringen.

Ein Stück davon schneiden sich hier (kapitalistische) Kabarettistinnen ab in der Regie von Güzin Kar nach dem Drehbuch von Thomas Lienenlüke und Bern Maile. Diese Kabarettistinnen dürften sich in jenen Einkommensklassen bewegen, die sich relativ besehen kaum an der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes beteiligen. Umso flotter schneiden sie sich hier ein Stück von diesem Kuchen ab, indem sie schwache Texte der Drehbuchautoren in endloser Monotonie einen Satz nach dem anderen abliefern. Schön auswendig gelernt. Dabei werden sie in einem Auto in ewig gleicher Sitzordnung abgefilmt. Das Auto ist mit Kameras verwanzt. Es fährt verrückte Strecken, die einen schwindlig werden lassen: in der Sicht voraus sind die Pappeln der Leopoldstraße und das Siegestor zu sehen, während gleichzeitig in der Sicht nach hinten garantiert keine Pappeln zu sehen sind.

Bei der Ödheit von Inszenierung und Text faszinieren sowieso die Spiegelungen auf der Windschutzscheibe am meisten; da kann man sich ein herausforderndes Rätsel daraus machen, wo das Auto gerade ist, was da alles an einem vorbeizieht, während die Damen innen sich am Gebührenkuchen satt schnabulieren.

Der Rundfunk soll unabhängig sein. Das interpretiert Redakteur Elmar Jaeger so: unabhängig von Geist, Witz, Esprit, Temperament, Pfiff, Tempo, von politischer Bissigkeit, unabhängig von freiem Denken, unabhängig von genauer Beobachtung.

Unabhängig von Logik und Story heißt, von den Maoris über das Sauerkraut, den Führerschein und Staubsauger zu plappern. Heißt: unabhängig von jedwedem Qualitätsanspruch mit Sätzen wie „Inner Boazn do wird man unter zwei Promille überhaupt nicht ernst genommen“ oder „Aber in Garching mehet i nicht mal tod übern Gartenzaun hängen.“ bis zum sexistischen „Nenne mir einen einzelnen alten Mann ohne Hintergedanken.“ Blüten geistiger Unabhängigkeit. Das Bundesverfssungsgericht dürfte begeistert sein von so grenzenloser Unabhängigkeit.

Zwischen dem immer wieder arrogant auftrumpfenden Titelverhau tut eine Frau so, als ob sie autofahre. Laue Kabarettistinnen-Sauce ohne Händchen inszeniert. Und bevor eine Pointe kommt, lustigt sich schon der Abspann mit den fett geschriebenen Namen – man darf ja die PR fürs private Geschäft nicht vergessen.

Unabhängigkeit allenfalls misinterpretiert als ein abhängiges Schielen auf Quote. Und aus der Staatskanzlei, da dürfte doch etwas kecker berichtet werden. Aber das ist so mau wie abgestandene Suppe ohne Salz. Harmlos-Hausfrauen-Kabarett kapitalistischer Frauen ohne Würze. Kurz: Unabhängigkeit interpretiert als die Unabhängigkeit zum geistigen Schwachstrom. Unabhängig, das heißt inzwischen wohl auch: auf allen Kanälen dieselbe ungenießbare, laue Sauce, crossmedial. Unabhängigkeit, die die Abhängigkeit moderner Frauen demonstriert.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Je suis Karl

Nicken Sie mal,

diesen Satz wäre man versucht an diesen hochsubventionierten deutschen Themenfilm von Christian Schwochow nach dem Drehbuch von Thomas Wendrich zu stellen in Anlehnung an die berühmte Geschichte vom chinesischen Henkerwettbewerb; der dritte Teilnehmer führt seinen Schlag mit dem Schwert so präzis, dass der Kopf des zu Henkenden oben bleibt; darauf der Richter zum Gehenkten: „Nicken Sie mal“.

Es ist ja alles da, was es für einen Film braucht, Story, Darsteller, Buch, Regie, Kamera, alle Gewerke bestimmt von lauter Fachleuten besetzt, die wahrscheinlich Mitglied der Massenveranstaltung „Deutsche Filmakademie e.V (Köthener Str. 44 in 10963 Berlin)“ sind – und trotzdem stellt sich stefe die Eingangsfrage.

Keine Frage dagegen ist, dass das Thema ein hochaktuelles ist, dass es rechte Netzwerke gibt, die nichts Gutes im Schilde führen und vor keiner Schandtat zurückschrecken, Beispiel Reichtagsbrand, in der Geschichte wimmelt es davon.

Und auch in Deutschland gibt es Dauerschlagzeilen, Netzwerke bei der Armee, bei der KSK, bei der Polizei und ein hessischer Politiker ist vor dieser trüben Gemengelage auch schon erschossen worden. Ein brisantes Thema. Ein hochaktuelles Thema. Und ein schwieriges Thema dazu, weil vieles der Geheimhaltung unterliegt, weil getäuscht und geblufft wird.

Extrem sichtbar wird diese Schwierigkeit hier im Drehbuch von Thomas Wendrich, das sicher mehr den Ansprüchen des Fernsehens als denen des Kinos gerecht wird. Er sollte sich mal die letzten beiden Filme von Francois Ozon anschauen, wie ein Themenfilm mit leichter Hand spannend und eindrücklich gemacht werden kann (Sommer 85, Gelobt sei Gott).

Aber wir sind in Deutschland, um ein hohes Budget für einen Film zusammenzubekommen ist die Zustimmung von jeder Menge Gremien, Fernsehredakteuren und Filmförderern nötig. Und da fängt das Elend des gremienkompatiblen Filmes an, es wird ein Film des kleinsten gemeinsamen Nenners, des kleinsten gemeinsamen Geschmackes, es reden schließlich Leute unterschiedlichster Intelligenz, unterschiedlichster Erfahrungen, unterschiedlicher Bildungsniveaus, unterschiedlichster Meinungen mit.

So kommt ein gremienkompatibles Ensemble zusammen mit den Stars Milan Peschel als Opfer, ein exzellenter Chargenschauspieler, aber nie und nimmer Protagonist für so einen schwierigen Film, Jannis Niewöhner als rechter Drahtzieher, zweifellos ein Protagonisten-Typ, aber lange noch nicht für große Kinorollen jenseits des Soap-Genres und Luna Wedler, als robuster rundlich-weiblicher Typ breit einsetzbar, nur muss auch sie eine Opferrolle spielen und leiden und heulen und schnaufen, tief schnaufen wie ab und an Niewöhner auch, eine Grundentscheidung in jeder darstellenden Kunst, ob die Darsteller leiden sollen oder brechtisch die Zuschauer zu Empfindungen gebracht werden sollen.

Schwochow hat sich für den Antibrechtansatz entschieden, der vielleicht näher beim Journalistik-Modus der Bildzeitung liegt; das zeigen diverse Betroffenheitsszenen, direkt nach der Explosion und auch die später folgenden Spiele mit der toten Amsel, die Peschel irgendwie plausibel darstellen soll; was unrealistisch rüberkommt, direkt nach der Explosion beispielsweise; nichts gegen den Einsatz fingerzeigschwerer Symbolik; aber Bedröppelung auch mit den langen Einstellungen über das Blumen- und Kerzenmeer am Tatort, die Betroffenheit der Bevölkerung, das wirkt doch sehr, hm, reaktionär oder so.

Dabei hat die Dramaturgie sträflich vergesssen, uns die Protagonisten nahezubringen. Hier verweise ich einmal mehr, weil gerade kürzlich im Kino, auf Der Spion, wie hier die Geschichte anhand der Hauptfigur eingeführt wird. Diese Hauptfigur ist dann wie der Stab, mittels dessen der Professor die Studenten an der Wandtafel an der Nase rumführt.

Die Vorstellung der Figuren wird fernsehbillig belanglos gemacht, halt mit irgendwas, Peschel nimmt ein Paket hochkompliziert entgegen (es wird die Bombe sein), Wedler sitzt in Paris im Café und Niewöhner kommt quasi ex nihilo auf Wedler zu, die bereits Opfer ist (au, das hat sie dann auch noch mit allen Emotionen spielen müssen, diese Wut auf den Tod der Mutter, die Arme).

Jetzt haben wir also schon drei Figuren, für die wir uns im Grunde genommen gar nicht interessieren, weil sie durch nichts mit uns „connected“ worden sind. Das ist ein Storytelling, dem, wenm man es mit dem Hausbau vergleichen würde, das Fundament fehlt.

Das hat zur Folge, dass Szenen schnell lächerlich wirken. Weil sie bodenlos nur also solche behauptet dastehen, weil die Darsteller wieder Gefühle mimen müssen, Ängste, Furcht, beim Anschlag in Paris während der Veranstaltung von Frau Viola sowieso.

Fazit: dieser Film wird nie und nimmer auf die Eingangsfrage nicken können. „Ich hab ein Paket mit unbekanntem Inhalt angenommen“, könnte man auch sagen statt, ich habe einen Film gesehen.

Ebenfalls im Bedröppelimpetus: die ausgewalzte Szene, in der Peschel und Wedler in einem leeren Saal, man denkt an die Leichenhallen nach Massakern, in den Trümmern geborgene Gegenstände liegen, die sie identifizieren sollen, ach und der Geruch von Mama in der Kleidung, sehr unrealistisch, wenn Gegenstände in Trümmern liegen. Hier vermählt sich der Film mit dem klebrigen Aktenzeichen-XY-TV-Realismus.

Und wenn die rechten Randale überall losgehen, dann legt Schwuchow empathisch Frohmusik drüber.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Alles ist gut (BR, Montag, 13. September 2021, 23.35 Uhr)

Diesen Film sollte anschauen, wer sich für exemplarische Defizite in der deutschen Drehbuchkultur interessiert und sich bittschön nicht wundern, dass die Autorin und Regisseurin Drehbuch an einer Filmhochschule unterrichtet – und das vermutlich ordentlich bezahlt.

Der BR geniert sich für dieses von ihm mitproduzierte Produkt dermaßen, dass er es in nachtfinsterer Schlafenszeit zu Wochenanfang versendet, damit möglichst keiner hinschaut.

Dabei handelt es sich um ein wichtiges, relevantes und aktuelles Thema, MeToo, das die bestmögliche Sendezeit bräuchte -oder glaubt der BR, dieses Thema betreffe nur Nachteulen? Siehe die Review von stefe.

Verlorene Seelen – Die Kinder des IS (BR, Mittwoch, 8. September 2021, 22.45 Uhr)

55 Minuten Horror-Sensations-Footage

Misshandlungen, Heckenschützen, Leichen, brennende Ölquellen, Qualm, Ruinen, Kinder, die aussehen wie alte Männer, Geständnisse, Horrorberichte, was Kinder alles haben mitansehen müssen, Schießereien, ein Zehnjähriger, der sich als Märtyrer in zwei Teile sprengt, Tote auf Straßen, unkenntlich gemachte Zeugen und Opfer, IS-Propagandafilm, Flüchtlingselend, Schläferzellen, Selbstmordattentat zwischen Panzern, Gerangel um Essenspakete, Triumph bei Eroberung Mossuls, kranke, verkrüppelte Menschen, Isolation im IS-Lager, nur noch Kinder, Frauen, Witwen, die mies von den IS-Leute behandelt werden, Horror aus Kindermund, Mord- und Rachegedanken Zehnjähriger.

Ideologien können nur mit Ideologien bekämpft werden, heißt es.

Als öffentlich-rechtlicher Sender, der gerade vom Bundesverfassungsgericht die Unabhängigkeit attestiert bekommen hat im Rahmen der Klage zur Durchsetzung der Zwangsgebührenerhöhung, könnte der BR diese Unabhängigkeit nutzen, um zu so einem Horror-Footage-Streifen Umgebungsarbeit zu leisten.

Man könnte fragen, wie es überhaupt zu diesem IS-Staat kam und was das mit dem Irak-Krieg zu tun hat. Und wie es zum Irak-Krieg kam. Und da muss die Frage schnell nach Deutschland zurückgeführt werden; eine vornehme Aufgabe für einen unbedingt unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Da müsste der BR auf den Film CURVEBALL (der morgen ins Kino kommt) verweisen und darauf, dass bis jetzt wohl noch keiner der darin namentlich erwähnten Politiker öffentlich Widerspruch gegen den Film erhoben habe. Die Spur führt bis ins höchste Amt des Landes.

Die weltöffentliche Begründung für den Start des Irakkrieges durch die Amis beruhte auf einem Beweis auf einem Blatt Papier, das der damalige US-Außenminister Powell vor der UNO-Vollversammlung präsentierte und damit den Eintritt in den Krieg rechtfertigte. Das Papier war vom deutschen Geheimdienst beschafft worden. Zu dem Zeitpunkt wussten aber der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der deutsche Außenminister Fischer, der in der UN-Vollversammlung anwesend war, sowie Kanzleramtsschef Frank Walter Steinmeier bereits, dass der Beweis ein Fake war von einem Iraker, der in Deutschland Asyl suchte.

Alle drei Herren schwiegen zu der TV-wirksamen Begründung für den Irakkrieg, obwohl sie es besser wussten. Hätte einer von ihnen den Mut gehabt, die Amis vor der UN-Vollversammlung davon in Kenntnis zu setzen, wäre der Irak-Krieg womöglich nicht begonnen worden mit all den grauenhaften Folgen bis hin zum IS, wie hier in vielen Gräuelvarianten gezeigt und erzählt.

Konkret an die zuständigen Redakteure des unabhängigen BR, Frau Sonja Scheider, Herr Matthias Leybrand und Herr Carlos Gerstenbauer: woran liegt es, dass es zu so einer kleinen Umgebungsarbeit, die demokratisch sinn- und wertvoll wäre bei einem vollkommen unabhängigen Sender nicht kommt, warum nur à la Bildzeitung die Sensation fett bringen? Meine Damen und meine Herren, Sie sind unabhängig, das hat der Bundesverfassungsgericht unmissverständlich festgestellt und deshalb der Erhöhung des Zwangsbeitrages zugestimmt. Nutzen Sie diese Unabhängigkeit demokratieselbstkritisch! Nutzen Sie sie, denn das ist die vornehmste Aufgabe Ihres Arbeitgebers und damit von Ihnen!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Polizeiruf 110: Bis Mitternacht (ARD, Sonntag, 5. September 2021, 20.15 Uhr)

Selbsttäuschung und Systemversagen.

Die Geschichte um diesen Polizeiruf herum ist garantiert lustiger, komischer, absurder oder vielleicht auch nur seldwylahafter als der Polizeiruf selbst. Es ist eine Geschichte von Abhängigkeit, Selbsttäuschung und Selbstvorgemache.

Vorab: das sei jedem Filmfeuilletonchef einer großen Tageszeitung unbenommen, in der Freizeit gegen gutes Zwangsgebührengeld ein Drehbuch für einen Tatort oder einen Polizeiruf des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes zu schreiben.

ABER: es gibt Abhängigkeiten. Der Autor dieses BR-Polizeirufes in der Regie von Dominik Graf ist Tobias Kniebe, seines Zeichens Chef des Filmfeuilletons der SZ. Den Zeitungen geht es nicht gut. Die SZ hängt am Tropf des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes, welcher täglich Annoncen bei ihr schaltet. Andererseits ist die SZ nach wie vor eine wichtige überregionale Tageszeitung. Sie kann durchaus zur Meinungsbildung beitragen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dagegen kämpft auf seine Art mit Überlebens- und Imageproblemen: trotz über 9 Milliarden-Budget und trotz lädierten Rufes muss er auch noch sparen – und kann es nur auf Kosten der Qualität. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit ist nicht das beste. Dieses wiederum macht es für die Politik zusehends schwieriger, Erhöhungen der Haushaltszwangsgebühr durchzusetzen. Wenn also die SZ günstig über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk berichtet, so nützt es dessen Ansehen, kann es einer der Punkte sein, die der Politik Erhöhungen der Zwangsgebühr leichter machen. Es ist in diesem besonderen Fall nicht zu erwarten, dass die SZ kritisch über den hier zu besprechenden Polizeiruf schreibt (sie findet ihn vorbehaltlos spannend auf der Medienseite der Wochenendausgabe). Man will ja einen eigenen Mitarbeiter nicht in einer anderen Funktion desavouieren.

Die SZ hat vorgebaut. Schon vor Wochen durfte der renommierte Fritz Göttler im Porträt auf Seite vier der SZ Dominik Graf ein Kränzchen winden, als sei dieser in etwa der größte lebende Regisseur Deutschlands; Göttler erledigte die heikle Aufgabe souverän aus dem Handgelenk. Und Grafs Boutiquenarbeit FABIAN – ODER DER GANG VOR DIE HUNDE wurde beim Kinostart gar fett als Meisterwerk des Kinos apostrophiert. Wobei Graf bestimmte Qualitäten als Regisseur nicht abzusprechen sind, der gute Geschmack, die Vorliebe für das Giallohafte, das ausgereift Kunstgewerbliche, auch die pflegliche Behandlung der Schauspieler.

Das ist jedoch auch der Punkt, wo das Seldwylahafte greift: also wie toll die verantwortlichen Redakteure Claudia Simionescu und Tobias Schulze es gefunden haben werden, dass Tobias Kniebe, der als Zeitungsmensch für sie eminente Bedeutung hat, wenn er, resp. seine Zeitung, ihre Arbeit loben, dass der jetzt für den von dessen Zeitung in den Himmel gehobenen Regisseur Dominik Graf ein Drehbuch schreibt; das dürfte zu einer Selbsttäuschung im Sinne einer Begeisterung führen, die nicht unbedingt durch Fakten gedeckt ist.

Kniebe hatte als Grundlage für sein Drehbuch „Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden“ von Josef Willing. In dem Fall geht es um ein einziges Verhör eines zweimal des Mordes Verdächtigten (Thomas Schubert). Das ist mutig, sich für ein Verhör als Tatortgeschichte zu entscheiden; denn das kann hier sicher nicht so gebracht werden, wie Romuald Karmakar vor 25 Jahren Götz George den Totmacher hat spielen lassen.

So geht es jedenfalls nicht. Deswegen hat Dominik Graf auch fleissig und gewohnt gediegen in typischer Fernsehschnappatmung nicht nur im Verhörraum und dem dazu gehörenden Überwachungsraum gedreht, sondern auch zu Außenlocations und Rückblenden gegriffen.

Der Verdächtige ist ein überdrehtes, intellektuelles Schwatzmaul, fühlt sich den Interviewern überlegen. So eine Figur hat den Nachteil, dass dadurch Geschwätzigkeit statt Handlung dominieren. Den Zuschauer mit Geschwätz bei der Stange zu halten, dürfte nicht unbedingt leicht sein.

Es gibt die eine kleine Geschichte innerhalb des Verhörs, die trägt, ist übersichtlich und gut nachvollziehbar, die Szene mit dem Kriminalbeamten, der tätlich gegen den Verdächtigen vorgeht und die Folgen davon. Das ist eine der Sequenzen, in der weder erklärt, noch erörtert, noch eine Handlung erzählt wird, ist eine der Sequenzen, die einen kinematographisch schlüssigen Drive haben. Was vom übrigen Polizeiruf hier wenig behauptet werden kann.

Der Film beginnt mit einem Jubelbilderbogen auf die Isar und das Menschenglück in München. Frauenstimme mit Glücksvergleich, die auch mal so begehrt und strahlend sein möchte. Anmachthema wie im Studentenfilm. Domingrafgeschmackssicher. Graf perfektioniert das Kunstgewerbliche, montiert schneller, eleganter, kühner. Ellenlang wird das Anrecht auf individuelles Glück phrasenreich erklärt. In einem Kino, das an die Kraft der Bilder glaubt, könnte man diesen Info-Gehalt in 30 Sekunden zeigen und ganz ohne Statements.

Es gibt mehr Einwände, überflüssige Szenen, die keinesfalls hilfreich sind, tiefer in die Psyche des vermuteten Täters heineinzuschauen.

Es ergibt wenig Plausibilität, dass gezeigt wird, wie ein Exkommissar (Michael Roll) extra per Helikopter eingeflogen hier landet. Diese Bilderstrecke ist biederer Durchschnitt und trägt weder zur Charakterisierung der Figur noch zum Inhalt des Filmes bei und noch weniger zur Beleuchtung des Tatverdächtigen; sie wirkt wie Zeit schinden in einem dünnen Drehbuch. Wobei vom Drehbuch her klar ist, was für ein Typ das sein könnte (Kniebe dürfte einige Filme mit solchen Figuren gesehen haben); gegenüber dieser filmgeschichtlich fundierten Rollenidee scheint Michael Roll eine Fehlbesetzung, er wirkt für die Texte, die er sagt, nicht souverän genug.

Ähnlich ergeht es mir mit Verena Altenberg, der Kommissarin. Wenn ich zurückdenke an die flirrenden Szenen zwischen ihr und Ilse Neubauer in Frau Schrödingers Katze. Jetzt wirkt sie angestrengt, wenn sie die verünftelnden Drehbuchtexte abliefert, besonders mit Michael Roll, da spielt sie wie gegen eine Wand. Aber die Casterin An Dorthe Braker wird der Produktion vorgegaukelt haben, es handle sich um die best mögliche Besetzung im Subventionstümpel; es ist nicht zu erwarten, dass es einen Wettbewerb um die Rolle gegeben hat; somit ist die Gunstvermutung nicht neutralisiert.

Es gibt einen ziemlich platten und vor allem wenig nachvollziehbaren „Einfall“ des Drehbuches. Mitten in der nächtlichen Verhandlung stört durchdringender Bohrlärm das Verhör. Ein durchgeknallter Hausmeister? Das zu klären gehen Minuten TV-Zeit drauf, die außer allgemeingültigen Banalitäten (dass Lärm stören kann) grad gar nichts zum Sachverhalt des Verhörs beitragen, nichts zu einem allfälligen Täterverständnis. Auch hier wird Sendezeit ohne Gegenwert vertan; Zeit, die der Genauigkeit der Analyse des Falles abhanden kommt.

Wie wär es, Romuald Karmakar einen Tatort drehen zu lassen?

Drehbuch: eine Aneinanderreihung wenig belastbarer Werweißereien. Es wird nur darüber geredet, nur erzählt und von Dominik Graf nett und abwechslungsreich illustriert. Schwerfälliger Diskurs der Kommissare über Fortführung der Befragung. Diese wirkt erfunden. ein unharmonischer Cast, ein hackeliger Cast.

Ein Drehbuch, das seine eigene Idee brillant findet, den pensionierten Kommissar zurückzuholen. Sprachlich kein Münchner Cachet. Und dann die Standardfrage in der darniederliegenden deutschen Drehbuchkultur: „Was ist hier los?“, die einen zuverlässigen Hinweis auf ein notleidendes Drehbuch liefert.

Wobei auch Tobias Kniebe, so ist zu vermuten, sich bezüglich seines Einkommens weit unterproportional an der Finanzierung des demokratischen Gemeinschaftswerkes öffentlich-rechtlicher Rundfunk beteiligt, absolut legal dank der Haushaltzwangsgebühr.

„Wir brauchen jetzt alle an Bord“. „Absolut“. „Keine Frage“. … abgedroschene Füll-Sätze. „Wir brauchen jetzt hier vollen Einsatz!“ – eine Phrase, die weder eine Figur charakterisiert noch Münchner Kolorit in den Film bringt noch für Handlung oder Spannung förderlich ist.

Raumumzug mit zu viel Floskel-Text, langatmig, zu brav runtergespult.

Witzlos der Dialog zwischen Eyckhoff und Murnau, so überernst, so eindimensional. Hier sprüht gar nix, wenn man daran denkt, wie die Szene zwischen ihr und Ilse Neubauer gefunkelt hat.

Künstlerisch angedachte Mehrtonmusik.
Wenn schon ein Schuh aus der Medikamentensuche gemacht wird, dann bittschön richtig schräg. So ist das nur öd.

„Aber der Versuch war trotzdem wichtig“.

Einmal mehr beweist dieser Film, dass Drehbuchschreiben kein Spaziergang ist. Nach einer Stunde hat man das Gefühl, es waren gefühlte drei.

„Ergreif doch die Chance, ergreife sie jetzt, jetzt“. Das sind Sätze, die passen nicht zu Verena Altenberger, sie fasziniert dadurch, dass sie eben nicht der vernünftelnde Normalo ist. Zu ihrem zupackend-pragmatischen Typ passen Bauchgefühl, Herz, gesunder Menschenverstand und nicht Vernünftelei.

Der 12-Uhr-Schlag ist der Punkt, der zehn Minuten vor Schluss noch eine Hektik auslösen soll im Polizeiruf, dann rasen gerne alle los, tatütata. Stattdessen kommt hier eine nicht allzu überzeugende Lösung des Falles. Es sei dem Polizeiruf-Team unbenommen, zu feiern. Sie haben in einer knapp bemessenen Drehzeit 90 Minuten bewegtes Bild zustande gebracht, das am Sonntagabend über die Bildschirme flimmert.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Lügen haben kurze Beine – Fourmi

Ameise

nennen seine Freunde ihn, Théo (der ausstrahlungsstarke Maleaume Paquin), weil er so kurze Beine hat, aber es wird sich zeigen, dass noch andere Eigenschaften der Ameise eine Rolle spielen werden. Ameise heißt der französische Originaltitel dieses Filmes von Julien Rappeneau nach dem Comic von Artur Laperla und Mario Torrecillas. 

Der Junge ist ein Fußballtalent und das mit den kurzen Beinen wird eine mehrfache Bedeutung erhalten, so wie im deutschen Titel angegeben, aber mit den Lügen hat es eine Bewandtnis, die wiederum mit den kurzen Beinen von Théo zu tun hat, so dass er eine einzige Lüge in die Welt setzt, welche nicht nur ständig befestigt und bestätigt werden muss, sondern die auch zeigt, welche Kraft der Illusion innewohnt. 

Kinderfilm ist ein zu einschränkendes Prädikat; es meint lediglich, dass die Hauptfiguren in dem Film Kinder sind, dass die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt wird. 

Rappeneau nimmt die Kinder ernst. Er legt ein präzises Soziodram um ein Scheidungskind vor, das sich als Mediator zwischen den Eltern sieht, das viel mehr Verantwortung zu übernehmen sich verpflichtet fühlt, als ein Kind zu schultern imstande ist. 

Dabei passiert die kleine Lüge, um dem Vater Laurent (Francois Damiensa) einen Gefallen zu tun. Vater ist Alkoholiker, eine abgestürzte Figur ohne Job und ohne Sorgerecht. Mutter Chloé (Ludivine Sagnier) ist mit einem anderen abgehauen. Ein Talent-Scout von Arsenal beobachtet ein Training. Es gibt eine Besprechung. Vater steht am Spielfeldrand, bekommt nicht recht mit, was besprochen wird. Théo bekommt eine Visitenkarte überreicht. 

Wie Théo zum Vater zurückkommt, fragt dieser, ob Arsenal ihn nehme. Es braucht nur Bruchteile einer Sekunde bis zur Lüge, die hier ein einfaches „Ja“ ist. Die Wirkung auf den Vater ist enorm. Die Lüge selbst entwickelt ungeahnte Dynamik. 

Théo muss seinen durchgeknallten Internetnerd und Schulfreund einspannen, um die Lüge aufrecht zu erhalten. Das ist nur eine der wunderbaren Qualitäten dieses Filmes, dass er seine Figuren liebt, dass er ein Faible für Schräges hat; auch der neue Trainer-Assistent ist skurril, der ist eigentlich Konditor und bringt den jungen Fußballern zur Belohnung Himbeerkuchen mit. 

Eine andere Stärke ist der Ernst der Inszenierung, die das Hauptmerk auf das gravierende Problem eines Scheidungskindes legt, das mit den Problemen eines Sorgerechtsstreites befasst ist. Eine Inszenierung, die nie eine Konzession an ein vermeintlich kindliches Publikum macht, nie nach der Gunst der Zuschauer giert. Diesem aber nach dem spannenden Fachvortrag einen dramaturgischen Beerenkuchen serviert mit einem Happy-End, was mehr mit Filmkunst als mit dem Leben zu tun haben dürfte. 

Das zeigt der Film auch: zur Wirksamkeit der Lüge gehört die Leichtgläubigkeit derer, denen sie aufgetischt wird. Es wäre zu schön, wenn von dem Verein einer es bis Arsenal schaffte (oder, es wäre zu schön, wenn es in Deutschland einen Global Player wie Wire Card gäbe, oder es wäre zu schön, wenn Deutschland Afghanistan demokratisieren könnte). Wenn aber Lügen Gutes tun? 

Kommentar zu den Reviews vom 15. Juli 2021

Es rumort beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nach einer Anzahl von Autoren haben sich jetzt auch Regisseure über die Arbeitsbedingungen und die Eingriffe in die künstlerischen Rechte und Freiheiten beschwert und inzwischen auch noch Journalisten über den Umbau von Sendeplätzen. Das wundert nicht angesichts des Sparzwanges der Anstalten. Es sind dies Reaktionen in einer komplexen und komplizierten Gemengelage. Die hängt auch mit der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes über die Haushaltszwangsgebühr zusammen, einer Finanzierung zu Lasten einkommensschwacher Haushalte und ein Umverteilungsfaktor; denn die Reichen entziehen sich im Vergleich zu ihrer Finanzkraft praktisch einer Beteiligung an der Finanzierung des 9-Milliarden-Gemeinschaftswerkes öffentlich rechtlicher Rundfunk. Dies wiederum ist einer unter anderen Punkten für das schlechte Ansehen dieser urdemokratisch gedachten Institution. Das schlechte Ansehen wiederum macht es der Politik schwer, Zwangsgebührenerhöhungen durchzusetzen. Der letzte Versuch ist vorerst gescheitert, weil bereits ein Bundesland sich der Zustimmung zur Erhöhung verweigerte. Zum schlechten Ansehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes trägt weiter bei, dass die Kostenstruktur der Anstalten so beschaffen ist, das selbst bei einer Zwangsgebührenerhöhung die Sender noch mehr sparen müssen, also noch mehr Wiederholungen senden bei gleichzeitiger Kostensenkung in der Produktion, zum Beispiel weniger Drehtage für gleich viel Sendezeit. Das wiederum führt zu immer mehr Frust bei den Kreativen. Den letzten beißen die Hunde. 

So dreht sich die Kosten- und Frustspirale weiter, denn einerseits gibt’s die Tarifvorgaben und chronischen Lohn-Erhöhungen innerhalb der Rundfunkanstalten, hinzu kommen gigantische Pensionslasten aus fahrlässigen Versprechungen. Die Probleme türmen sich; nichts wird sich in nächster Zeit beruhigen. Das Thema könnte bei manchen sogar die Wahlentscheidung beeinflussen. 

Höchste Zeit also, das Modell öffentlich-rechtlicher Rundfunk, seine Grundaufgaben, seine Finanzierung gründlich zu diskutieren; allenfalls die Auslagerung der Pensionskosten sowie die Auslagerung sämtlicher Sendungen, die nicht dem demokratischen Grundauftrag dienen. Sonderbarerweise streicht der Rundfunk immer mehr kulturelle Sendungen, verschiebt sie in die „Todeszone“ – und entfernt sich damit immer mehr von seinem Grundauftrag. Zu schweigen vom verheerenden Einfluss auf das Kino, das ohne Koproduktion mit öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten kaum finanzierbar ist; welche einen vereinheitlichenden Einfluss und Bevormundung ausüben.

Die Zeit zu dieser Grundsatzdiskussion drängt, denn je mehr sich die Lage zuspitzt, desto vernehmlicher werden die Stimmen, die eine gänzliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern und desto mehr geben die Verteidiger dieser urdemokratisch gedachten Institution die Diskussionshoheit aus der Hand.

Nichtsdestotrotz: auf geht’s ins Kino, es ist spannend und vielfältig!

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PATRICK

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Dank Corona ist auch dieser Hoffnungsstreifen deutlich gealtert. 

Gefährliche Sportwetten (ARD, Montag, 14. Juni 2021, 23.05 Uhr)

Das interessiert niemanden.

Thema Sportwetten, Glücksspiel und Spielsucht. 

Das interessiert niemanden, wird sich auch die ARD gesagt haben, und verbannt den Mixed-Pickles-Beitrag von Ulrich Hagmann und Sebastan Krause unter Betreuung durch BR-Zwangsgebührentreuhänderin Birgit Engel gegen Mitternacht. 

Just nicht dahin, wo auch jene Leute fernschauen, die hier angesprochen werden sollen: all die Sportinteressierten, die wettsüchtig sind, all die Politiker, die sich mit der Wettsucht beschäftigen oder die ein Geschäft damit machen, all die Sportler, die damit werben; womöglich auch die ARD? 

Das jedenfalls wird aus der Wischiwaschi-Dokumentation mit Statement-Wust ersichtlich, im Grunde interessiert sich niemand ernsthaft dafür, gegen das Geschäft mit der Wettsucht etwas zu unternehmen; es wird zwar ein Gesetz beschlossen, es gibt Einzelkämpfer, es wird auch viel verboten, aber bewirken tut es nichts; weil offenbar, auch das suggeriert dieser Beitrag, zu viele sind, die damit glänzende Geschäfte machen; auch prominente Fußballer, erwähnt werden Stefan Effenberg, Oliver Kahn, Lothar Matthäus, die Bayernspieler. 

Wobei Stefan Effenberg noch die Dreistigkeit besitzt, für das Interview die Mütze mit dem Branding seines Sponsors schleichwerbenderweise aufzusetzen; just eines der getadelten Unternehmen; mehr Veräppelung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dessen Zwangsgebührenzahler geht nicht. 

Die Zuständigen bei der ARD, wenn sie das Problem wirklich berühren sollte, hätten durchaus die Möglichkeit, dem Thema Prominenz zu verleihen. Statt es ins nächtliche Dunkel zu verwurschteln könnten sie es doch flankierend oder in den Pausen von Direktübertragungen von Sportereignissen zur Hauptsendezeit ins Programm nehmen; und dann bittschön mit einem verständlicheren Beitrag. 

Dass sie das nicht tun, zeigt, wie vollkommen egal ihnen das Thema ist, dass es ihnen auf keinen Fall auf den Nägeln brennt, dass sie es offenbar für ein nicht weiter behandelnswertes Sujet halten, obwohl es heißt, dass es hier um 13 Milliarden Verluste für Bundesbürger pro Jahr geht, das ist mehr als anderthalbmal so viel, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht. 

Aber für so wichtig halten die ARD und ihr übermäßig bezahlter Spitzenmann Tom Buhrow das Thema wohl nicht, so ein bißchen Sucht, von der offenbar auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk profitiert, wollen wir doch nicht so laut behandeln; wozu sollen wir uns womöglich in Schwierigkeiten mit Sponsoren etc. etc. bringen? 

Lieber bringen wir zur Beruhigung unseres eh schläfrigen Gewissens einen Beitrag für lau, den sowieso niemand interessiert. Dem Buchstaben, aber nicht der Sache gedient. 

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers! 

Alltagsdroge Crystal Meth (BR, Montag, 11. Januar 2021, 22.50 Uhr)

Rumhupfdoku.

Ein bißchen Beifang aus einem niederländischen Hafen, etwas Autobahn aus Deutschland, Beifang aus Nürnberg, von der tschechischen Grenze, Nahaufnahmen von Händen (Erinnerung an Albrecht Dürer, da Nürnberg in dieser konzeptlosen Doku von Annika Hoch, Christian Gramstadt und Danko Handrick eine gewisse Rolle spielt?) und da ein Statement von einem Kripo-Menschen und dort ein Statement von einem holländischen Drogenfahnder, der die Gefahr des Einmarsches mexikanischer Drogenkartelle an die Wand malt, und dort ein Statement von einer Frau, die auf einer Suchtklinik für Mütter arbeitet, und ein Statement von einem Helfer aus Passau und Bla und Bla und dies und das und dort eine kleine Info, wie leicht Chrystal Meth herzustellen sei und dass die Holländer den Tschechen den Rang ablaufen und Chemiker, die aus dem Abwasser einer Stadt auf den Crystal-Verbrauch schließen können (falls denn die Süchtigen ihr Wasser nicht irgendwo im Park oder im Wald lassen) und wieder Beifang von Autobahn und Beifang von Hausdach und Beifang von Passau und ein kleiner Seitenhieb auf die Politik, die sich vor allem für Hasch interessiere, und eine Selbsthilfegruppe an einem langen Tisch mit Selbsthilfe-Branding-T-Shirts und Kuddel und Muddel und ein Psychiater sagt was; eine Doku, die garantiert nicht preiswürdig ist, die eher neugierig auf das Rauschmittel macht als davon abhält, eine Planlos-Doku mit Reisebudget und einer Kamera, die nicht berauscht, aber ebensowenig berauschend ist, und Dunkelziffern spielen eine Rolle und Zeugen, die nicht erkannt werden wollen, und Spekulationen und nirgend ein stringenter Doku-Story-Faden, eine Allerweltsdoku, eine Rumhupf-Doku, eine Schwatz-Doku, die ihren Platz in der Gesellschaft noch finden muss, vielleicht in einer Doku-Selbsthilfegruppe für desorientierte Dokumentaristen, eine Doku, die der Behauptung, Chrystal- Meth sei kein Top-Thema, fettgedruckt recht gibt, und die mit Zahlen, die wie aus der Luft gegriffen wirken, um sich wirft, eine Doku, die auch mal abschweift auf einen schönen Eisenbrückenbogen, eine Doku, die nicht klar machen kann, warum sie mit Zwangsgebührengeldern finanziert werden muss.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.